Die Plagiatsplagiat-Diskussion

Buch, Netz, Politik, Pop | 24. Februar 2010

Gestern habe ich in der FAZ einen Text gelesen, von dem die dortige Redaktion behauptete, er stamme von Durs Grünbein – dieser Eindruck wird auch weiterhin auf der Website erweckt. Dort findet sich kein Hinweis auf das, was man heute in der FAZ lesen kann:

Der Text stammt zu neunundneunzig Prozent von Gottfried Benn.

Das sagt Durs Grünbein im Interview mit der Zeitung. Und erklärt die Intention dieses “Tests” mit Benns Original-Text so:

Mir ging es nicht um Frau Hegemann. Mir ging es um den Irrsinn einer kriterienlosen Literaturdebatte.

Ob dieser Test geglückt ist, sollen Menschen beurteilten, die sich für die Literaturdebatte interessieren. Zum Beispiel Uwe Wittstock, der laut Perlentaucher in der Welt “einen empörten Kommentar über Durs Grünbeins Hegemann-Verteidigung” verfasst hat. Die von Google und Perlentaucher verlinkte Fundstelle auf Welt-Online ist allerdings leer …

Mich beschäftigt an diesem Test eine ganz andere Frage, nämlich die, ob man als Zeitung seine Leser so verschaukeln darf. Es ist die naheliegendste Redaktions-Reaktion auf den so genannten Fall Hegemann, selber ein Plagiat zu testen. Ich glaube aber – eben weil es so naheliegend ist – dass man dem nicht nachkommen darf, weil man seine Leser damit in die Irre führt. Der Käufer der gestrigen FAZ glaubt doch, was er da gestern gelesen hat, dass es sich nämlich um “Eine Wortmeldung von Durs Grünbein” handelt. Er ist in diesem Glauben nicht nur getrogen worden, ihm wird tags drauf auch noch mitgeteilt, dass er auf diese Irreführung aus eigenem Verschulden reingefallen ist. Grünbein sagt

Der gebildete Leser wird natürlich sofort den „Sound der Väter“ herausgehört haben.

und verrät damit alle anderen indirekt, dass sie eben das nicht sind: gebildet.

Ich kann mit dieser Einschätzung leben, finde allerdings bemerkenswert, wie die FAZ so nebenbei eine weitere Annahme in Frage stellt, die bisher für die Debatte über die Zukunft von Zeitungen zentral war: Eine Zeitung, sagte man bisher, ist ein abgeschlossenes Produkt. Eine Einheit, die anders als der ständige Nachrichtenstrom des Netzes, für sich alleine funktioniert. Wer eine Zeitung kauft, kauft damit Informationen, die für sich gelten (jedenfalls zum Zeitpunkt der Drucklegung). Mit dieser Plagitatsplagiat-Debatte stellt die FAZ das in Frage. Sie sagt: Diese Zeitung versteht man nur, wenn man auch die nächste Ausgabe liest. Sie wird damit selber zum Nachrichten-Strom, der seinen wichtigsten Vorteil gegenüber dem Netz, kampflos herschenkt.

P.S.: Zu dieser Einschätzung komme ich übrigens nicht, weil ich heute in der Süddeutschen Zeitung selber einen Text zum Fall Hegemann und zum Umgang mit Mashups veröffentlicht habe (S. 14 in der gedruckten Ausgabe).

Nachtrag, 16.30 Uhr: Durch Zufall bin ich gerade auf die Leser-Reaktionen auf faz.net auf Grünbeins-Test gestoßen. Diese sind erstaunlich: Zum Benn-Text vom Montag schreibt beispielsweise Frank Miksch:

Der alte Nerd-Laden FAZ-Feuilleton machte durch den Dichter Durs „mach mir den Gottfried (Benn)“ Grünbein mit seinem ironisch getupften doppelten Rittberger die ultimative Bruchlandung.

Und Ute Gerhardt fragt

Für wie blöd halten Sie uns eigentlich, Herr Grünbein?

Noch eindeutiger sind allerdings die Leser-Meinungen unter dem heutigen Interview. Dort fragt emile cioran

Finden Sie, Herr Grünbein, finden Sie, wehrte FAZ-Redaktion, dieses Spielchen witzig, originell, geistreich? Was wollen Sie wem damit sagen? Wollen Sie uns zeigen, wie schlau und belesen Herr Grünbein ist – und Sie auch?

Benjamin Küchenhoff ergänzt

Ich war schon verwundert, denn dieser Text war nicht annähernd so klug wie das, was Durs Grünbein sonst schreibt. Jetzt bin ich beruhigt zu erfahren, dass er gar nicht von ihm stammt. Besonders gewitzt finde ich seine Idee im Übrigen nicht.

Und der Leser Wilhelm Friedrich antwortet auf die die FAZ-Frage “Warum haben Sie geklaut, Herr Grünbein?” mit diesen Worten

Das fragen Sie allen Ernstes, liebe FAZ? Ich weiß die Antwort: Weil er auch was vom großen Axelotl-Kuchen abhaben und auch mal wieder in die Zeitung will.

Frau Holle auf dem iPhone

Buch, Mac, kinder | 4. Februar 2010

Die Seite Mobile Children’s Books bringt Kinderbücher aufs iPhone. Ob und wie das funktioniert, kann man aktuell kostenfrei an der Frau-Holle-App testen:

http://www.mobilechildrensbooks.com/de/iphone-frau-holle.html

McSweeney’s: Jetzt also eine Zeitung!

Buch, Netz, Print | 9. Dezember 2009

http://www.mcsweeneys.net/SFPanoramaPR.html

Sie machen unbestreitbar tolle Sachen bei McSweeney’s und jetzt auch noch eine Zeitung: The San Francisco Panorama soll sie heißen und einmalig erscheinen.

via

Großartig: Readability im Internet

Buch, Netz, Print | 4. Dezember 2009

It completely transforms the Web experience, turning your computer into an e-book reader. I think I’m in love.

David Pogue stellt Readability vor – und eröffnet damit eine neue Form des Lesens im Internet. Großartig!

Literatur und Journalismus

Buch, Netz, Print | 1. Dezember 2009

Die Literatur ist auf einen doppelten Boden angewiesen, der Journalismus hingegen soll sich um diesen Boden überhaupt nicht bemühen, er darf ihn nicht haben.

Marcel Reich-Ranicki beantwortet in der FAS die Frage: Was ist der Unterschied zwischen Journalismus und Literatur?

Gott ist ein Berliner

Buch, Unterwegs | 25. November 2009

Toll: Ahne liest heute in Berlin, in der Yuma-Bar in Reuterstraße. Ich bin halt nicht in Berlin. Schade.

Die Kontrolle übers Denken verloren?

Buch, Netz, Print | 6. November 2009

Thierry Chervel weist im Perlentaucher auf Frank Schirrmachers neues Buch hin, das den Titel Payback trägt und – Achtung, jetzt wird es kontrovers – erklärt, Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. Natürlich sorgt ein solcher Untertitel für Aufregung: Der Herausgeber der FAZ hatte offenbar die Kontrolle über sein Denken verloren und erzählt jetzt, wie er diese zurückgewonnen hat. Denn was auf der Website des Blessing-Verlags unter dem Punkt “Info” über das Buch geschrieben wird, klingt beunruhigend:

Was wollte ich gerade tun? Wieso haben die Dinge kein Ende mehr? Was geschieht mit meinem Gehirn? Fast jeder kennt die neue Vergesslichkeit und die fast pathologische Zunahme von Konzentrationsstörungen.

Aber so schlimm scheint es nicht zu stehen, wie man in dem durchaus spannenden “Talk with Frank Schirrmacher” auf edge.org nachlesen kann, den Chervel ebenfalls verlinkt . So medizinisch gefährlich wie das Buch verkauft wird, ist dessen Inhalt offenbar gar nicht. Es geht wohl er um das, was Schirrmacher auf englisch so erklärt:

Of course, everybody knows we have a revolution, but we are now really entering the cognitive revolution of it all. In Europe, and in America too ‚Äî and it’s not by chance ‚Äî we have a crisis of all the systems that somehow are linked to either thinking or to knowledge. It’s the publishing companies, it’s the newspapers, it’s the media, it’s TV. But it’s as well the university, and the whole school system, where it is not a normal crisis of too few teachers, too many pupils, or whatever; too small universities; too big universities.

Now, it’s totally different. When you follow the discussions, there’s the question of what to teach, what to learn, and how to learn. Even for universities and schools, suddenly they are confronted with the question how can we teach? What is the brain actually taking? Or the problems which we have with attention deficit and all that, which are reflections and, of course, results, in a way, of the technical revolution?

Was nun tatsächlich in Payback steht, weiß ich nicht. Erstaunlich finde ich aber, wie es verkauft wird. Dass Schirrmacher sich zum Thema technischer Wandel in Buchform äußern würde, hatten seine Leser bereits nach seiner Rede anlässlich der Verleihung des Jacob-Grimm-Preises im Jahr 2007 angenommen. Kurz vor der Bundestagswahl in diesem Jahr hatte er dann den Aufstieg der Nerds beschrieben.

Bücher sind lächerlich

Buch, Netz, Print | 26. Oktober 2009

jetzt.de: Ist doch auch schade, wenn jemand gar keine Bücher mehr liest, oder?
Tapscott:
In 50 Jahren wird niemand mehr Bücher lesen. Bücher sind lächerlich.

jetzt.de: Sie schreiben selbst Bücher . . .
Tapscott:
. . . und es ist lächerlich! Dieses Konzept ist völlig veraltet. Es wäre viel besser, wenn sie lauter Links und Multimedia-Inhalte hätten, die ständig aktualisiert würden. Aber: Was ich sage, gilt nur für Sachbücher. Mit Romanen ist das etwas anderes.

Im jetzt.de-Interview äußert sich Don Tapscott über den Medienwandel und über Bücher.

Ein Buch, unterschiedliche Vertriebswege: With a little help

Buch, Netz, Print | 21. Oktober 2009

Here’s the pitch: the book is called With a Little Help. It’s a short story collection, and like my last two collections, it’s a book of reprints from various magazines and other places (with one exception, more about which later). Like my other collections, it will be available for free on the day it is released. And like my last collection, Overclocked, it won’t have a traditional publisher.

In Publishers Weekly kündigt Cory Doctorow an, sein neues Buchprojekt “With a little help” über unterschiedliche Wege zu vertreiten und zu finanzieren. Auch wenn nicht jeder mit Mark Shuttleworth Mittag essen gehen kann: das ist sehr spannend! Das weiß Doctorow auch selber und kündigt an:

One thing I need to mention, though: I’m seriously considering writing a book about the experiment, no matter how it turns out, selling it to a traditional publisher and adding the advance to the balance sheet.

via

Leseförderung durch Piraterie?

Buch, Netz, Politik | 13. Oktober 2009

“We are not pro-piracy ‚Äì we believe in the value of intellectual property. But if pirated content helps someone, it’s at least viable marketing position.”

theBookseller.com zitiert Brian O’Leary (Magellan Media), der heute in Frankfurt eine Studie zum Buchverkauf vorgestellt hat, die zu dem Ergebnis kommt: “Piracy may boost sales”. (via)


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