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Love-Game: Süddeutsche Zeitung Langstrecke

In der 15ten Ausgabe des „Press Publish“-Podcast vom Nieman Lab spricht Matt Thompson vom Atlantic über ein Begriffspaar, das das Publizieren im digitalen Zeitalter sehr stark prägen wird. Medien, erzählt er etwa ab Minute 32, sollten beim Blick aufs Publikum auf den Unterschied zwischen Reach und Love achten (ich hab das mal sehr grob übersetzt):

Einerseits gibt es die reine Masse oder Reichweite und auf der anderen Seite gibt es Liebe. Beide sind bedeutsam für Medien. Ich spreche über das Verhältnis zwischen Reichweite und Liebe die ganze Zeit, fragen Sie mal meine Kollegen. Aber ich glaube, dass man als Medium beides bedienen muss: Man hat das Spiel um Reichweite und jenes um Liebe. Es geht um das große Megafon, mit dem man möglichst viele Menschen ansprechen kann. Es geht aber auch um Liebe. Kurzfristig kann man das vielleicht eher ausblenden, langfristig ist die Loyalität aber sowas wie das Ersparte auf der hohen Kante. Ein enges Verhältnis zwischen Medium und Leser aufzubauen ist eines der stärksten Prinzipien im Internet. Man kann das an zahlreichen Beispielen illustrieren – von Patreon bis Kickstarter. Ich glaube, dass das Love-Game wirklich interessant ist.

Ich teile Thompsons Einschätzung – und glaube, dass eine wichtige Herausforderung fürs Publizieren in der vernetzten Welt darin liegt, die Verbindung zwischen Kunden und Produzenten, zwischen Lesern und ihren (Lieblings-)Medien nicht zu übersehen. Wer sich einzig auf die Reichweiten-Versprechen der großen Netzwerke verlässt, wird vermutlich nicht in die Lage kommen, das zu spielen, was Thompson „Love-Game“ nennt.

Ich musste an Thompsons Analyse und seine Begrifflichkeiten denken, als ich dieser Tage die jüngste Ausgabe von Süddeutsche Zeitung Langstrecke in den Händen hielt, das Longreads-Magazin, das ein kleines Team bei der SZ Anfang des Jahres auf Startnext in den Markttest führte und das ab morgen an allen Bahnhöfe und Flughäfen des Landes am Kiosk liegt. Ein Herzensprojekt* (kann man diesen Aspekt auch als Love-Game übersetzen), das auf eine loyale Leserschaft setzt, auf eine enge Bindung – und das genau dadurch spannend wird, nicht wegen der reinen Reichweite, nicht wegen der Masse.

Was ich sagen will: Ich glaube, dass tatsächlich eine Herausforderung darin liegt, abseits der reinen Reichweite über Loyalität nachzudenken (um den Begriff Liebe hier mal zu vermeiden) und womöglich auch über die Frage wie diese mess- und greifbar wird. Der reine Klick hilft da als Kriterium jedenfalls nicht weiter…

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*weils mir wirklich am Herzen liegt: Wer die Ausgaben des Jahres 2016 bestellen will, kann das hier tun!

Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

Wenn ich erklären soll, was den Zauber von Social Media ausmacht, verwende ich gerne die kleine Tipprunde als Beispiel, in der ich seit Jahren mit tollen Kollegen Bundesliga-Endstände vorherzusagen versuchen (mit pesönlich mäßigem Erfolg). Wir tippen Fußballspiele und machen so aus dem allgemeinen Ergebnis eines Spiels ein soziales Erlebnis. Der Endstand einer Partie bekommt durch den sozialen Kontext der Tipprunde plötzlich eine besondere Bedeutung. Denn es wäre mir eigentlich egal, wenn Hoffenheim in der letzten Minute den Ausgleich in Ingolstadt erzielt – wenn ich nicht dadurch drei wichtige Punkte im Tippspiel eingebüßt hätte, weil der Treffer meinen Tipp zerstört…

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Diese besondere, persönliche Bindung an das Spiel ist durch die Vernetzung des Digitalen möglich. Sie steht für mich für das, was man Social Media nennt – Facebook, Twitter oder Instagram, die man gemeinhin mit dem Schlagwort Social Media gleich setzt, nutzen diese Vernetzungs-Möglichkeiten. Das Prinzip „Social Media“ geht aber über die Dienste hinaus, es ist das Prinzip des Netzwerkens, das Prinzip der Kontexte.

Aus dieser Perspektive drängt sich zum Beispiel die Frage auf, warum der Anbieter, auf dessen Plattform wir Woche für Woche Ergebnisse tippen, keine soziale Öffnung anbietet. Man kann lediglich in Tipprunden gegeneinander antreten, es ist allerdings nicht möglich das eigene Ergebnis in andere Kontexte zu übertragen – und z.B. auch mit Bekannten zu vergleichen, die in anderen Tipprunden tippen (oder ich habe das übersehen).

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Seit diesem Wochenende habe ich ein neues Bild, um den Zauber von Social Media zu beschreiben. Und wieder hat es mit Sport zu tun: Es ist ein Stadtlauf, der in allen Städten der Welt zur gleichen Zeit stattfindet. Die Macher nennen ihn den #Global5K, einen Lauf über fünf Kilometer, an dem angeblich über 230.000 Menschen weltweit teilnehmen – ohne dass sie sich sehen können, sich kennen oder an einem gemeinsamen greifbaren Ort sind (bei Twitter und Instagram dokumentiert) Die Distanz wird von einer App gemessen, deren Macher den Lauf veranstalten. Ein Lauf, der wie das Tippspiel über das objektive Ergebnis hinaus geht. Ein Lauf, der auf den Prinzipien von Social Media basiert und ein tolles Symbol ist für das, was ich Das Ende des Durchschnitts nenne. Denn es gibt nicht mehr die eine Start- und Ziellinie, die für alle gleich gilt. Es gibt unzählige Starts und Zieleinfläufe weltweit – verbunden sind alle Läufer durch die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung. Sie sind dadurch mess- und überwachbar, aber sie sind dadurch auch auf eine neue Weise verbunden.

Wenn man die Ambivalenz der neuen Möglichkeiten verstehen will, muss man verstehen, wie der Global5K sich von gewöhnlichen Läufen unterscheidet. Er schafft Das Ende des Durchschnitts, das die Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts bestimmte – unter diesem Arbeitstitel recherchiere ich derzeit an einem Buch, das sich mit genau damit befasst: wie die Möglichkeiten der Personalisierung unsere Gesellschaft verändert.

Auch deshalb bin ich heute mitgelaufen.

Dazu muss man Folgendes wissen: Ich bin das, was Läufer einen Jogger nennen. Ein sporadischer Sportler, der keine neonfarbende Laufkleidung besitzt, sich aber gerne im Park bewegt. Als solcher nutze ich seit einer Weile die App, die u.a. mit Hilfe des genannten Events Menschen auf der ganzen Welt verbinden – und zu zahlenden Käufern ihres Premium-Angebots machen will. Das ist mir klar, wenn ich die Dienste der App nutze (u.a. Laufzeit, Tempo und Strecke aufzeichnen lassen). Und dennoch nutze ich sie mit großer Freude und war heute vormittag auch entsprechend enttäuscht, weil sich mein Start bei meinem ersten größeren Laufevent verzögerte: Mein Smartphone hatte GPS-Probleme, die App konnte nicht ermitteln wo ich bin – und folglich auch nicht messen wie schnell ich wo lang laufe.

Also lief ich ein wenig im Park, ohne dabei vermessen zu werden. Dann irgendwann (in der Nähe einer Straße) fand die App ein Signal und ich startete. Als ich einige Minuten später meine Geschwindigkeit kontrollieren wollte, traute ich meinen Augen nicht: ich war mit einem unfassbaren Tempo unterwegs. 17:55 Minuten hat mir die App für die fünf Kilometer bestätigt. Das macht eine Kilometer-Zeit von 3:34 Minuten. Das ist selbst für einen Jogger wie mich ziemlich gut.

Es ist aber vor allem: gelogen. Denn während ich lief, hatte die App erneut GPS-Probleme und kritzelte statt meiner tatsächlichen Laufstrecke eine merkwürdig gerade Linie ins Profil. Mir ist das klar, der App nicht. Sie hat die genannten Kilometerzeit gespeichert. Das ist schön, aber ziemlich weit von meinem tatsächlichen Tempo entfernt.

Da es mir aber nicht um die Geschwindigkeit, sondern um die Metaphorik des Laufs ging, war ich darüber nur mäßig enttäuscht. Denn die 3:34 Minuten beweisen vor allem, dass man blanken Zahlen nicht trauen darf. Ihr Kontext ist bedeutsam – der Kontext der Entstehung wie auch jener der Weiternutzung. Abstrahiert man dies von meinem kleinen Laufe heute vormittag, wird der Kontext zur zentralen Größe in unserem Umgang mit Daten und der Digitalisierung. Davon handelt das Buch, in dem ich darzulegen versuche, worin die Chancen aber auch die Trugschlüsse am digitalen Wandel liegen. Dabei wird auch der heutige Laufe eine Rolle spielen – denn zu allem Überfluss wird er nicht mal zählen. Denn als ich ihn speichern wollte, stellte ich fest, dass die Ankündigung der Macher („Laufen Sie am 6.12. fünf Kilometer“) erst ab 12 Uhr mittags galt.

Zu der Zeit war ich aber schon lange im Ziel …
(Hier gehts zum Buch)

Update: die App hat Ergebnisse veröffentlicht!

loading: Tilman Rammstedt und Morgen mehr

Bücher sind mehr als fertige, abgeschlossene Produkte. Zu jedem Buch gehört auch immer ein Entstehungsprozess, der spannend und in jedem Fall einzigartig und unkopierbar ist. In „Eine neue Version ist verfügbar“ habe ich diesen Gedanken aufgeschrieben und deshalb freue ich mich, wenn ein großer deutscher Verlag jetzt ein Buch veröffentlicht, das seinen Entstehungsprozess öffentlich macht: „Morgen mehr“ ist der neue Roman von Tilman Rammstedt – und es ist ein spannendes Crowdfunding-Projekt aus dem Hanser-Verlag.

Verlagschef Jo Lendle hat dazu den loading-Fragebogen beantwortet

Was macht ihr?
Tilman Rammstedt schreibt seinen neuen Roman – und erstmals ist es möglich, ihm täglich dabei zuzuschauen: Jeden Morgen bekommen Abonnenten zugeschickt, was am Vortag entstanden ist, zum Mitlesen oder als vom Autor eingelesenes Hörstück.

Warum macht ihr es (so)?
Es verkürzt so vergnüglich die Zeit bis zum Erscheinen des Buches. Und die täglichen Lieferungen steigern hoffentlich Neugier, Nähe & Nervosität.

Wer soll sich dafür interessieren?
Literaturfreunde. Abenteuerfreunde. Menschen, denen Daily Soaps nicht länger genügen.

Wie geht es weiter?
Am 11. Januar beginnt Tilman Rammstedt zu schreiben. Dann gnade ihm Gott. Oder uns.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Die Zeit zwischen Abo-Abschluss und Schreib-Start kann man erbaulich mit dem Lesen von Tilman Rammstedts bisherigen Büchern oder seinen Beiträgen auf Freitext verbringen.

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>>> Hier Morgen mehr als Romanabo auf Startnext kaufen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Livejournalismus: Twitch macht Atelierbesuche

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Im Interview für das Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ sagte mir der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich dieses Sätze, von denen ich nicht dachte, dass ich sie mal unter ein Foto des Streaming-Dienst Twitch schreiben würde:

„Das Privileg des Atelierbesuches ist uralt. Das haben wir natürlich bei den Salonmalern im späten 19. Jahrhundert, da gab es einzelne Stunden in der Woche, in denen das Atelier öffentlich besuchbar war, natürlich nur gegen Voranmeldung, aber immerhin. In der Zeit der Hofkünstler war es üblich, dass der Herrscher jederzeit mal reinschauen durfte. Michelangelo versuchte, dem Papst zu verbieten, dass der sich vor Ort umguckt, wie die Fortschritte in der Sixtina sind. Das war ein Machtkampf.“

Der obige Screenshot stammt von einem Atelierbesuch – bei der Malerin zLadyLuthien, die auf Twitter als ElvishAtHeart aktiv ist. Sie nutzt den Dienst, der unter Gamern bisher bekannt war, weil man hier Live-Streams von Computerspielen verfolgten konnte, um Kunst erlebbar zu machen. Seit kurzem nämlich bietet Twitch ein Ressort für Kunst und Kultur. Der Kanal heißt Creative und trägt einer Bewegung Rechnung, die Bill Moorier von Twitch so beschreibt: „A couple years ago I started to notice a new type of stream happening. Broadcasters would get tired of gaming and fire up photoshop and start sketching game related art.“

Anders ausgedrückt: Kreative Menschen vernetzten sich und ihre Kunst im Erleben durchs Internet. Es ist sozusagen ein Atelierbesuch im Digitalen, ein Beweis für die These, dass die Digitalisierung aus Produkten Prozesse macht, dass das Erlebnis dem Ergebnis ergänzt wird. All das habe ich in Eine neue Version ist verfügbar beschrieben und mit dem Begriff Livejournalismus zu fassen versucht. Nun zeigt der Erlebnisdienstleister Twitch, der im Sommer 2014 von Amazon gekauft wurde, welche konkreten Optionen sich dadurch ergeben.

Cyberkrank! Der Niedergang der Kultur

Ich bin dumm, ich habe ein Interview mit Manfred Spitzer gelesen. Und schuld ist der Dienst Blendle, der mir die Spitzer-Buchwerbung aus der aktuellen Bild am Sonntag lesegerecht (für 0.25 Euro) aufbereitet hat. Also wischte ich mich auf meinem Smartphone (gefährlich!) durch das Gespräch und wurde vom Dummheitsexperten Spitzer zu Erkenntnissen wie diesen geführt: „Wischen macht dumm.“

dummHarald Staun schrieb schon 2012 über Spitzers „Digitale Demenz“ in der FAZ: „Vielleicht wäre es wirklich das Beste, wenn man kein Wort mehr darüber verlöre.“

Da Spitzer mit seinem „700 Studien“ nun wieder auf die Titelseiten biegt, scheint es wichtig, nochmal mit Staun festzuhalten: „Die Pose des Hirnforschers reicht aus, um seinen Gemeinplätzen das Gewicht wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verleihen.“ Denn es droht mit „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“ das gleiche zu passieren wie mit „Digitale Demenz“ vor ein paar Jahren. Die Gemeinplätze schleichen sich ins Partygespräch und weil sie von einem Professor stammen, werden sie ausführlich zitiert.

Ich mag sie nicht mehr hören. Daran ändert auch Spitzers „Ich habe ja nichts gegen Ausländer die Gegenwart“-Rhetorik nichts („Digitale Medien sind etwas Wunderbares, aber eben – für Erwachsene – in Maßen und nichts für Kinder und Jugendliche“). Was sich hier ausdrückt, ist ein Unwohlsein mit der Gegenwart, das keineswegs mit technologischem Fortschritt oder irgendeiner Form digitaler Geschwindigkeit zu tun hat, sondern einzig mit der Überhöhung dessen, was man kennt. Douglas Adams hat diesen Prozess schon Ende der 1990er Jahre beschrieben: „Was da, ist wenn wir auf die Welt kommen, nehmen wir als völlig normal hin. Was entsteht, bis wir etwa 30 Jahre alt werden, sehen wir als Chance und alles, was nach unserem 30 Lebensjahr entsteht, ist ein Niedergang der Kultur.“ Oder um mit Spitzer zu sprechen: ein Angriff auf unsere Gesundheit.

Und das einzige, was der Doktor mit dieser immer gleichen Rhetorik heilt, ist sein Geldbeutel. Es gibt viele Menschen, die gerne hören wollen, dass es früher besser war und dass das Neue saugefährlich ist – mit dem tollen Dreh, dass es vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu Schäden führt. Dass genau die gleichen Argumente ins Feld geführt wurden, als man nicht mehr auf Steintafeln schrieb („kann sich keiner mehr was merken bei diesen neuen flüchtigen Methoden“) und als man von Kutschen auf Züge umstieg („diese widernatürliche Beschleunigung macht alle ganz blöd im Hirn“), gilt im aktuellen Fall nicht. Denn die aktuelle Version der Gegenwart ist tatsächlich viel gefährlicher als alle anderen davor …

Sich ohne Angst und Angstmache auf die Entwicklung einzulassen, ihre Möglichkeiten und Schwierigkeiten abzuschätzen und zu gestalten, das wäre aus dieser Perspektive – mit mit Horst Seehofer gesprochen – „eine Kapitulation vor der Realität“.

Der Text von Douglas Adams ist übrigens sehr lesenswert und trägt den (nicht nur in diesem Fall) sehr passenden Titel: How to Stop Worrying and Learn to Love the Internet Man würde sich wünschen, dass sich viel mehr Menschen mal reinwischen …

loading: Aquabook

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Ein Buch zum Trinken – so lässt sich das Konzept von Aquabook zusammenfassen, das David Ziegler und Felix Durst gerade auf Kickstarter vorstellen. Ihr Buch ist in Wahrheit eine Flasche, die im Buchformat daher kommt. Weil mich Crowdfunding-Themen interessieren, ich Sympathie für Bücher habe (und noch immer über den Bierverlag nachdenke) habe ich den beiden Aquabook-Startern den loading-Fragebogen geschickt.

Was macht ihr?
Wir stellen eine individualisierbare Trinkflasche im DIN A5 Format her.

Warum macht ihr es (so)?
Weil in unserer (Arbeits)Welt vieles rechteckig ist! Notebooks, Unterlagen und iPads werden in Aktentaschen, Messengerbags oder kleinen Rucksäcken transportiert und da ist für runde Flaschen kein Platz. Dieses Problem lösen wir mit dem aquabook. Dass es dabei, im Gegensatz zu anderen Flaschen, auch noch gut aussieht und einen Nachhaltigkeitsgedanken in sich trägt, kommt als Extrapunkt „on top“.

Wer soll sich dafür interessieren?
Ganz praktischerweise Menschen, die das eben beschriebene Platzproblem haben. Aber auch diejenigen, welche Wert auf gutes Design im Alltag legen, Nachhaltigkeit nicht als Option sondern als Voraussetzung betrachten und ihren persönlichen Stil gerne in ihren Gadgets wiederfinden, sollten sich das aquabook einmal genauer ansehen.

Wie geht es weiter?
Erst einmal konzentrieren wir uns voll und ganz auf unsere Kickstarter Kampagne. Danach wird das aquabook in unserem eigenen Onlineshop aber auch offline erhältlich sein. An diversen Kooperationen und Vertriebsmöglichkeiten arbeiten wir ständig.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Leitungswasser ist das bessere Wasser und PET Flaschen (besonders Einwegflaschen) sind, wenn man einmal wirklich darüber nachdenkt, heutzutage nicht mehr tragbar.

>>>> Hier das aquabook auf Kickstarter unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


#fbm15: Sechs Dinge, die ich auf der Buchmesse gelernt habe

In Frankfurt endet an diesem Wochenende die Buchmesse. Eine Veranstaltung, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass unfassbar viele Papierbücher in unterschiedlicher Größe und Güte in Messehallen rein- und anschließend wieder rausgeschleppt werden. Allerdings frage ich mich jedes Jahr wieder: Warum eigentlich tut man das? Kaufen kann man die Bücher an den allermeisten Ständen jedenfalls nicht. Und so habe ich eine gewisse Sympathie für die Sage, es gehe eigentlich darum, sich Bücher klauen zu lassen – als Indikator fürs Publikumsinteresse. Ich kann das nicht beurteilen, bilde mir aber ein bei meinem (Kurz-)Besuch in diesem Jahr etwas gelernt zu haben. Deshalb hier sechs Dinge, die ich auf der #fbm15 gelernt habe:

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1. Wir könn(t)en Bücher anders denken
Es ist mir in diesem Jahr so sehr wie selten zuvor aufgefallen: Buch heißt für diese Messe fast überall Papierbuch-Messe. Das sagt niemand, aber man gewinnt auf Schritt und Tritt den Eindruck. Dabei erscheint es mir durchaus geboten, die Idee Buch vielleicht auch mal anders zu denken. Der Lichtblick des Jahres war für mich in diesem Bereich Logos – das Projekt von Volker Oppmann, das genau dies wagt: Bücher anders zu denken.

2. Google Books ist Fair Use
Das ist zwar keine Erkenntnis, die in den Messehallen ausgestellt wurde, sie erreichte mich aber während der Messe. Bei Netzpolitik schreibt Leonhard Dobusch: „Im Rechtsstreit zwischen Google und der US-Autorenvereinigung Author’s Guild hat auch das Berufungsgericht entschieden, dass der Dienst Google Books von der Fair-Use-Klausel des US-Copyrights gedeckt ist.“

3. Sascha Lobo ist eine Erfindung
Die hochanerkannte und unter Digital-Experten seit langem geschätzte Autorin Carol Felt („Cybris“) hat sich den Buchkritiker Sascha Lobo ausgedacht – und der Spiegel ist darauf reingefallen.

4. Wir können in Netzwerken denken
Christiane Frohmann und Leander Wattig haben es in diesem Jahr gezeigt: Ihr Orbanism Space war eine tolle kleine Messe in der Messe. Vor der Bühne, die die beiden aufgebaut hatten und auf der kein einziges Papierbuch rumstand, trafen sich meinem Eindruck nach irgendwann im Laufe der Messe all die Leute, die Bücher anders denken wollen.

5. Wir können Bücher anders (ver)kaufen
buchhandel Ich habe mich schon vor der Buchmesse gefragt, warum Verlage nicht eigentlich selber tun, was Amazon angeblich so gut macht: Bücher verkaufen. Dann stieß ich auf das Buch Philosophie des Laufens und stellte fest: es gibt Verlage, die das sogar besser machen. Beim Mairisch-Verlag konnte ich das Buch jedenfalls versandkostenfrei bestellen und sehr einfach per Paypal bezahlen. Das klingt sehr einfach, scheint für Verlage aber sehr schwierig zu sein: vielleicht sollten Buchhändler und Verleger sich mal austauschen.

Das haben sie offenbar für die App Buchhandel.de getan, die ebenfalls auf der Messe vorgestellt wurde – und den Buchkauf leichter machen soll. Mehr zum Thema Kaufen und Versenden auch in diesem Artikel aus der SZ.

6. Es gibt einen ungenutzten Bereich (Marktlücke?) zwischen langen Texten und kurzen Büchern
Ich selber war vor allem auf der Messe um unser kleines Projekt Langstrecke vorzustellen: „Journalismus, der fast schon Literatur ist“ gehört natürlich auf die Buchmesse. Und dabei ist mir etwas aufgefallen: das Versprechen, das mit den digitalen Verbreitungswegen auch Platz für neue Formen sei, ist bisher nur halb eingelöst. Denn verlegerisch wird die Möglichkeit bisher kaum genutzt, Bücher zu machen, die kürzer sind als Papierbücher und länger als journalistische Texte. Veröffentlichungen also, die ein mittleres Format haben. Dafür sehe ich einen Bedarf – auch wenn man sie nicht im nächsten Jahr in die Frankfurter Messehalle reinschleppen kann.

Vom Produkt zum Prozess – am Beispiel Porno

Bei Fusion hat Felix Salmon eine lesenswerte Betrachtung über den Wandel der Porno-Industrie geschrieben. Lesenswert ist sie deshalb, weil nicht wenige Menschen denken, dass die Porno-Industrie (und deren Verhältnis zu Technik&Digitalisierung) so eine Art Vorbote für Kultur und Medien ist.

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Insofern sind die Feststellungen, die Salmon in dem Text mit dem Titel How MindGeek transformed the economics of porn trifft, womöglich auch für diejenigen interessant, die sich für die Zukunft von Kultur und Medien interessieren:

… es gibt mehr Pornographie als jemals zuvor
… die Art der Bezahlung hat sich grundlegend verändert zu dem, wie die Branche bisher lief
… es gibt einen “dominant distributor” namens MindGeek, der sein Geschäft damit macht, das Netzwerk bereitzustellen, in dem Aufmerksamkeit zum zentralen Wert wird.
… das führt zu einem distributions-Dilemma für klassische Inhalteproduzenten („…in many ways the only thing worse than having your porn video pirated on Pornhub is not having your porn video pirated on Pornhub“)
… die Vermarktung der Aufmerksamkeit im Netzwerk gelingt ohne dass selber Inhalte hergestellt werden.
… die Inhalte werden nicht mehr als abgeschlossene Produkte monetarisiert.
… Produkte sind im Gegenteil Aufmerksamkeits-Werbung für andere Geschäftsmodelle.
… zentral für andere Ansätze ist der direkte Kontakt zwischen Produzent und Konsument. Denn das Netz als Verbindungsmedium entfaltet genau hier seine Qualität. In der direkten Verbindung – womöglich auch in Echtzeit.

Salmon selber vergleicht MindGeek, den dominant distributor der Porno-Branche, mit Amazon und dessen Rolle für die Buchindustrie. Es geht stets darum, Netzwerke aufzubauen, Leserdaten zu aggregieren und daraus Geschäfte zu entwickeln. Diese Veränderung lässt sich von der Porno- auf andere Industrien übertragen.

Fiete Stegers hat dazu unlängst den Journalismus-Forscher Jeremy Caplan zitiert, der vorhersagt: „Nur wenige große Medien werden direkten Zugang zu ihrem Publikum haben“ – eben wegen der dominent distributors.

Verfolgt man Salmons Analyse gibt es dazu wenig Alternativen – außer dem Weg, konsequent in digitalen Kategorien zu denken. Für mich heißt dies (z.B. aus „Eine neue Version ist verfügbar“ hergeleitet): es muss um diesen Wandel gehen…

Vom Dokument zum Dialog
Vom Werk zum Netzwerk
Vom Produkt zum Prozess
Vom Ergebnis zum Erlebnis
Von der Autorität zur Authentizität
Von der Standardisierung zur Segmentierung
Vom Content zum Kontext

Dieser Wandel beschäftigt mich derzeit sehr. Ich plane dazu ein neues Buch.

Interview: „Ethik des Kopierens“ in Bielefeld

In der kommenden Woche findet in Bielefeld eine spannende Konferenz zum Kopieren statt. Die Forschungsgruppe „Ethik des Kopierens“ am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) hat zu einer Fachtagung „Towards an Ethics of Copying“ (6.-9.10.2015) eingeladen. Vorab habe ich einem der Organisatoren – Dr. Eberhard Ortland – ein paar Fragen zum Thema gemailt.

Ihre Forschungsgruppe am Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld will eine Ethik des Kopierens erforschen. Wenn man sich die Debatten der vergangenen Jahre um vermeintliche Raubkopien und auch die Diskussionen um plagiierte Doktorarbeiten durchliest, könnte man sagen. Es gibt doch bereits eine ganz einfache Ethik des Kopierens: Man darf nicht kopieren! Warum reicht das nicht?
Niemand sagt: „Man darf nicht kopieren“. So eine plumpe Regel wäre unmöglich durchzuhalten. Dafür sind Kopien und Kopierhandlungen in allen möglichen Bereichen unseres Lebens einfach zu unverzichtbar. Selbst wenn es Leute gäbe, die sowas für richtig hielten, müßten die doch mindestens diesen Satz („Man darf nicht kopieren!“) immer wieder kopieren und ihren Mitmenschen vorhalten – und sie würden zu Recht dafür ausgelacht werden.
Versuche, das Kopierverhalten zu regulieren, begründen stets eine Unterscheidung zwischen legitimen, teilweise sogar gebotenen, und illegitimen Kopien: Jede Banknote zum Beispiel ist eine Kopie. Sie muß in ganz bestimmter Weise technisch ausgeführt sein, um eine akzeptable Kopie, eine echte Banknote zu sein. Kopien von Banknoten, die von ihrer Vorlage ununterscheidbar sein mögen, aber von den falschen Leuten hergestellt und in Verkehr gebracht wurden – von Leuten, die nicht dazu autorisiert sind –, sind illegitim, Falschgeld. Das Problem der sogenannten „Raubkopien“ ist nicht, daß sie Kopien sind; das sind die „Original“-Produkte ja ebenso. Das Problem ist, daß „Raubkopien“ denjenigen, die ein Monopol auf den Absatz von Kopien eines bestimmten Typs besitzen oder zu besitzen meinen, einen Teil ihres Absatzmarktes streitig machen und die Profite aus dem Verkauf dieser Kopien in andere Kassen fließen lassen als in die derjenigen, die darauf pochen, daß das Geschäft mit Kopien des betreffenden Typs nach geltendem Recht ihnen allein zustände. Das Problem der Plagiate in der Wissenschaft ist nicht, daß abgeschrieben wird, sondern daß der Abschreiber so tut, als hätte er nicht abgeschrieben. Wissenschaft könnte sich überhaupt nicht entwickeln ohne Kopien und Kopieren. Experimente müssen repliziert werden können, um die Geltung der aus den experimentellen Befunden abgeleiteten Naturgesetze zu verifizieren. Argumente müssen nachvollzogen werden können, um Einfluß auf unsere Sicht der Dinge gewinnen zu können. Die kritische Auseinandersetzung mit den Meinungen der anderen steht und fällt mit dem Zitieren der Sätze, in denen die anderen ihre Meinung artikuliert haben. Das wissenschaftliche Ethos des Kopierens verlangt, daß man ordentlich kopiert – Zitate nicht sinnwidrig manipuliert – und daß man eindeutig angibt, wo man was kopiert und wo man mit eigener Stimme zu sprechen beansprucht.
Moralische Forderungen – und teilweise auch Rechtstitel –, die sich darauf beziehen, wer was wie kopieren darf oder kopieren soll oder unter welchen Umständen Kopien illegitim seien und unterdrückt werden sollten, gab und gibt es in allen Gesellschaften, von denen wir wissen. Die Frage nach einer Ethik des Kopierens – als expliziter Reflexionsdisziplin zur Untersuchung des Rechts und der Reichweite solcher Forderungen – wird jedoch zunehmend relevant, wenn wir darauf aufmerksam werden, daß die anderen, die sich dem, was wir für richtig halten mögen, nicht unterwerfen und nicht anschließen mögen, nicht einfach nur böse, egoistisch, geizig, gemein und rücksichtslos sind, sondern ihrerseits von einer bestimmten Vorstellung von der Legitimität oder Illegitimität bestimmter Kopierhandlungen und bestimmter Forderungen nach Unterlassen bestimmter Kopierhandlungen ausgehen. Dann bemerken wir unter Umständen, daß man in diesen Fragen unterschiedlicher Auffassung sein kann. Wenn diese Auffassungen praktisch nicht zusammen bestehen können, müssen wir darüber streiten, welche Auffassung als die richtige gelten soll. Man kann natürlich versuchen, solche Auseinandersetzungen autoritär zu entscheiden, indem man zum Beispiel auf die WIPO-Verträge als international geltendes Recht pocht. Aber dann stellt sich irgendwann die Frage, warum eigentlich das geltende Recht diese offenbar strittigen Fragen so regelt, wie es sie regelt, in wessen Interesse das eigentlich ist, ob es überhaupt vernünftig und für alle Betroffenen akzeptabel ist.

Im Rahmen meiner Recherchen zum Lob der Kopie habe ich kaum Beispiele für allgemein positiv konnotierte Kopieren gefunden. Das Nachahmen hat einen denkbar schlechten Ruf. Können Sie erklären, woran das liegt?
Durch die Entwicklung der Kopiertechniken seit dem 15. Jahrhundert und vor allem in den letzten 200 Jahren – von der Druckerpresse, dem Kupferstich, der Radierung, über die Lithographie, Photographie, die modernen industriellen Fertigungstechniken bis zur digitalen Revolution – ist es immer leichter geworden, Kopien herzustellen und sich zu verschaffen. Der Wert der Kopien sinkt mit dem Aufwand, der erforderlich ist, um sie bereitzustellen. Zugleich steigt der Wert des Neuen, Differenten, nicht bloß nur das sattsam Bekannte Wiederholenden, und zwar nicht nur, weil es sich abhebt aus der Masse der Kopien, sondern vor allem auch, weil es seinerseits als Vorlage für viele, viele Kopien fungieren kann und dadurch als „Original“ interessant wird.

Und wieso wollen Sie jetzt ausgerechnet einen Bereich erforschen, der so einen schlechten Ruf hat?
Das Kopieren hat gar nicht so einen schlechten Ruf wie die ‚billigen‘ Kopien. Die Fähigkeit, Kopien herzustellen, von denen man erwarten darf, daß sie zuverlässig bestimmte Eigenschaften aufweisen, die an dem betreffenden Typ von Kopien jeweils geschätzt werden, liegt dem Erfolg der modernen industriellen Produktion zugrunde und wird weithin respektiert – selbst von denen, die manche Industrieprodukte verächtlich finden.
Aber für unser Interesse an der Erforschung der Ethik des Kopierens ist das Prestige der Kopien und des Kopierens gar nicht so entscheidend. Die Frage nach einer Ethik des Kopierens stellt sich in dem Maß, wie wir uns in Konflikte um die Legitimität oder Illegitimität von Kopierhandlungen wie von Forderungen nach der Einschränkung bestimmter Kopierhandlungen verwickelt sehen – sei es, weil wir selbst am Kopierverhalten der anderen Anstoß nehmen und bemerken, daß es uns vielleicht doch nicht ganz egal sein kann, was die mit unseren Sachen, unseren Daten, unserem Abbild anfangen, sei es, weil wir uns mit Forderungen konfrontiert sehen, deren Legitimität wir nicht ohne weiteres einzusehen bereit sind.

Welche Rolle wird in Ihrer Forschung die digitale Kopie spielen, die meiner Meinung nach eine historische Ungeheuerlichkeit ist, weil sie erstmals das identische Duplikat ermöglicht?
In der Tat stellen sich durch die Entwicklung und Verbreitung der digitalen Kopiertechniken heute Fragen, die die Ethik des Kopierens betreffen, in einem Ausmaß und in einer Dringlichkeit, die historisch beispiellos ist. Das ist der Grund, warum wir diesem Thema jetzt solche Aufmerksamkeit widmen müssen.
Dabei ist die digitale Kopie nicht ganz so beispiellos, wie die Frage suggeriert. Mehr oder weniger „identisch“ erscheinende Duplikate waren seit der Erfindung des Siegelabdrucks und des Bronzegusses bekannt, das läßt sich teilweise bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückverfolgen. Die Erfindung der Schrift markiert eine wichtige Schwelle, indem die Festlegung eines limitierten Repertoires von Schriftzeichen-Typen es erlaubte, über individuelle Variationen in der Ausführung der Inskription hinwegzusehen und Abschriften als wortidentisch oder buchstabengetreu zu akzeptieren, selbst wenn es sich nicht um Abdrücke derselben Druckplatte handelte.
Aber mit der elektronischen Datenverarbeitung und den daran hängenden Entwicklungen der digitalen Aufzeichnungs- und Wiedergabetechniken für Zahlen, Texte, Bilder, Audio-, Video- und Multimediaformate sowie zunehmend auch für dreidimensionale Gegenstände in unterschiedlichen Materialien ändert sich Entscheidendes – nicht nur quantitativ, was die Verfügbarkeit der Kopien angeht, sondern auch qualitativ, in unserem Verständnis dessen, was die Gegenstände überhaupt sind, die da kopiert werden, und was die Kopien sind im Verhältnis zu den Gegenständen, deren Kopien sie sind. Die gesellschaftlichen Reglements des mehr oder weniger exklusiven Zugriffs auf bestimmte Dinge und Informationen werden auf breiter Front in Frage gestellt und müssen neu verhandelt werden.

Eine sehr alltagsethische Frage könnte dabei sein: Darf ich meinen Freunden das Album einer Band kopieren? Oder ein eBook weiterschicken? Ist das ethisch vertretbar?
Das kommt ein bißchen darauf an, wie viele „Freunde“ Sie haben und auf welchem Kanal Sie denen die betreffenden Dateien zugänglich machen wollen. Es ist offenbar nicht dasselbe, ob es sich um einzelne Privatkopien handelt oder um größere Stückzahlen bzw. Abrufe, die unter Umständen in die Vervielfältigungs- und Verbreitungsrechte der Urheber oder ihrer Rechtsnachfolger eingreifen. Unter Umständen könnte es für die alltagsethische Bewertung auch etwas ausmachen, ob Sie davon ausgehen müssen, daß für die Urheber jeder einzelne Verkauf ihres bisher wenig verbreiteten Werkes wichtig wäre als Beitrag zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes und ihrer Fähigkeit, weiter künstlerisch tätig zu sein, oder ob sich um Kopien von bereits millionenfach verkauften Hits handelt.
Eine andere Frage ist, ob Sie es überhaupt schaffen. Denn häufig stehen dem ja technische Kopierschutzvorrichtungen entgegen, deren Umgehung nach dem WIPO-Copyright-Vertrag von 1996 und den seither erlassenen entsprechenden nationalen Gesetzen (in Deutschland durch den 2003 in das Urheberrechtsgesetz eingefügten § 95 a) verpönt ist, und zwar selbst dann, wenn das Kopieren im betreffenden Fall durch eine der gesetzlichen Schranken des Urheberrechts durchaus erlaubt wäre.

Eher im Bereich des künstlerischen Schaffens gelegen – aber nicht weniger leicht zu beantworten – ist die Frage: Wie weit darf ich mich bei den Werken anderer bedienen, um selber etwas zu schaffen?
So weit, wie Sie können. Das ist kein Problem, solange Sie sich privat daran erfreuen. Wenn Sie allerdings das, was Sie auf diese Weise zustande gebracht haben, veröffentlichen wollen – in Form einer Ausstellung, einer Aufführung, einer Buchpublikation oder auch in Form einer digitalen Abbildung, die online zugänglich gemacht wird –, kann, je nach dem, was Sie gemacht haben, die Frage aufkommen, ob Sie Kopien eines Werkes verbreiten wollen, das im wesentlichen nicht von Ihnen selbst, sondern von jemand anderem geschaffen worden ist, der nun ein exklusives Recht zur Verbreitung von Kopien des betreffenden Werkes besitzt und geltend macht, oder ob Sie eine Bearbeitung eines fremden Werkes verbreiten wollen, die ebenfalls dem Urheberrecht des Urhebers der verwendeten Vorlage oder gegebenenfalls seiner Rechtsnachfolger unterliegt, so daß die Veröffentlichung gegebenenfalls deren Einwilligung erfordert. Wenn es Ihnen gelungen ist, unter Verwendung der Vorlage etwas Eigenständiges, Neues zu schaffen, das sich zwar auf die Vorlage offenkundig bezieht, aber sich nicht darauf beschränkt, wiederzugeben, was in der Vorlage selbst schon enthalten war, sondern zu ihr Stellung nimmt, sie kommentiert, parodiert, rekontextualisiert, so daß die Vorlage „verblaßt“ gegenüber dem Interesse an dem, was Sie nun damit oder daraus gemacht haben, sollten Sie zumindest nach dem geltenden deutschen Urheberrecht auf der sicheren Seite sein – was natürlich nicht ausschließt, daß die von den Rechteinhabern der verwendeten Vorlage beauftragten Anwälte das im Zweifelsfall ganz anders sehen. Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.

Durch das Internet ist das eine Frage geworden, die fast jeden betrifft. Gerade erst haben wir gesehen, dass man vor enormen Problemen stehen kann, wenn man sich zum Beispiel an Memen beteiligt, weil man dann urheberrechtlichen Klagen ausgesetzt sein kann. Wollen Sie im Rahmen Ihrer Forschung womöglich auch Lösungsansätze für diese Dilemmata entwickeln?
Ja. Das ist schon der Anspruch der Forschungsgruppe, daß wir da Lösungen brauchen, die die gesellschaftlichen Kommunikationsprozesse nicht strangulieren.

Mich persönlich treibt zur Zeit die Frage um, ob man nicht ganz anders auf Kopien schauen müsste. Durch das identische Duplikat gibt es eigentlich keine Unterscheidung mehr zwischen Vorlage und Vervielfältigung – jedenfalls wenn man den Inhalt betrachtet. Ich glaube, man müsste deshalb aufhören, auf den Inhalt zu schauen und das in den Blick nehmen, was sich bei der digitalen Kopie tatsächlich ändert: die Metadaten. Vorlage und Vervielfältigung haben unterschiedliche Zeitstempel. Was halten Sie von diesem Ansatz?
Wir werden natürlich nicht aufhören, auf den Inhalt zu schauen, denn es ist ja in erster Linie das Interesse an den Inhalten, das die Kopien für ihre Nutzer interessant macht. Der Hinweis auf die Metadaten ist freilich wichtig. In der Tat unterscheiden sich „identische“ Kopien und ihre Vorlagen durch ihre jeweilige Position in irreversiblen Zeitverhältnissen. Es kann unter Umständen für unser Interesse an einer bestimmten Kopie und für unser Verständnis der betreffenden Kopie – und nicht zuletzt auch für den rechtlichen Status und die Verkehrsfähigkeit einer Kopie – etwas ausmachen, in welchem zeitlichen Verhältnis sie zu anderen Vorkommnissen desselben Gegenstands steht.
Das gilt natürlich nicht nur für digitale Kopien. In der philologischen Textkritik wie in der altertumswissenschaftlichen Kopienkritik sind seit dem 18. Jahrhundert Methoden entwickelt worden, wie analog überlieferte Artefakte gewissermaßen nachträglich mit Metadaten auszustatten sind, um den Gang der Überlieferung und die Position des jeweiligen Zeugen in dieser Überlieferung rekonstruieren zu können.
Es verändert meinen Blick auf die Skulptur des „Sterbenden Galliers“ im kapitolinischen Museum in Rom, von der heute in aller Welt Abgüsse bzw. Nachgüsse in Gips, Bronze, Kunststein, sowie Repliken in Marmor und anderen Materialien zu sehen sind, wenn ich erfahre, daß es sich bei dieser Figur um eine römische Marmorkopie nach einer im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verlorengegangenen hellenistischen Bronzeskulptur handelt, und daß diese römische Kopie ziemlich genau um das Jahr 50 vor unserer Zeitrechnung in Rom gefertigt worden sein muß zur Feier der Siege des römischen Feldherren und späteren Imperators Gaius Iulius Caesar über die Gallier. Die griechische Vorlage war um 225 v.u.Z. in Pergamon in Kleinasien von einem Bildhauer namens Epigonos, über den sonst nicht viel bekannt ist, geschaffen worden für den damaligen König von Pergamon zur Feier von dessen Sieg über die Galater, die in der römischen Rezeption dann eben zu „Galliern“ umgedeutet wurden. Die Kopie bekommt damit einen für uns präzise faßbaren historischen Ort und trägt ihrerseits bei zu unserem Verständnis der damaligen Situation in Rom, im Übergang von der Republik zur Diktatur. Bestimmte Eigenschaften der Kopie können sich gerade im Bezug zu diesem Entstehungszusammenhang als relevant erweisen, wie andererseits die späteren Kopien, in denen die moderne Rezeptionsgeschichte der im frühen 17. Jahrhundert in Rom ausgegrabenen antiken Plastik sich entfaltet, ebenfalls auf ihren historischen Ort und Verwendungszusammenhang zu befragen sind.

Für die Tagung, die ab 6. Oktober in Bielefeld stattfindet, haben Sie nicht zur renommierte Wissenschaftler aus dem Bereich der Kopie-Forschung eingeladen, Sie zeigen auch Kopier-Kunstwerke wie den Film „Double Happiness“, der die Geschichte der chinesischen Kopie des oberösterreichischen Hallstatt erzählt. Haben Sie selber sowas wie eine Lieblingskopie?
Die Chinesen sind schon unglaublich in ihren Kopierpraktiken, in der Aufnahme und Anverwandlung des Fremden, im Verwischen der Unterschiede zwischen echt und falsch, sein und schein. Im Frühjahr war in Dresden eine Ausstellung von Repliken aller möglichen und unmöglichen Konsumgüter, Gebrauchsgegenstände und Statussymbole aus Papier zu sehen, die in China als Brandopfer im Totenkult verwendet werden: Irre!
Faszinierend finde ich Kopien, die auf ihr Kopie-Sein reflektieren. Seit Jahren begleitet mich Roy Lichtensteins Superheldenbild „Image Duplicator“ (1963). Auch Gerhard Richters abgründige Kopie eines Fotos, das seinen „Onkel Rudi“ in der Uniform eines Wehrmachtsoffiziers zeigt (1965), gehört dazu oder auch die Stammheim-Serie „18. Oktober 1977“ (1988), in der Richter Fotos, Zeitungs- und Fernsehbilder im Medium der stark vergrößernden manuellen Kopie Bildpunkt für Bildpunkt darauf befragt, ob wir eigentlich eine Ahnung davon haben, was wir da sehen. Oder die Fotos der Puppenstuben, in denen Thomas Demand Fotos nachstellt, um sie wiederum abzufotografieren: Was passiert in diesem doppelten Kopierprozeß?
Ich schätze auch die Arbeiten von Elaine Sturtevant, etwa ihren „Fettstuhl“ nach Joseph Beuys: „Beuys Fat Chair“ (1964/92). Er ist seiner Vorlage so ähnlich – und doch in seinem Gehalt etwas ganz anderes, weil er über den Fettstuhl von Beuys ist, und über die Tragik der Epigonen, die sich damit auseinandersetzen müssen, daß auf jedem Stuhl schon ein berühmter Vorgänger sein Fett hinterlasssen hat. Auch ihr Remake des Beuys-Posters „La rivoluzione siamo noi“ (1971) ist umwerfend: wie sie einerseits den Auftritt von Beuys covert, aber sich dabei keineswegs einfach einreiht in das von Beuys proklamierte „Wir“, sondern in Konkurrenz zu ihm tritt und ihm ein anderes Wir mit revolutionären Ambitionen entgegensetzt, ein weiblich identifiziertes.
Das Internet produziert anonyme Kopien, die keinem Urheber mehr zugerechnet werden können. Zugleich ist es der Raum, in dem die Reflexion auf diese Phänomene in einer Weise vorangetrieben werden kann, die ohne diese Aggregation von Kopien keinem der Akteure, die sich daran beteiligen, möglich wäre. Neulich entdeckte ich die Examensarbeit eines amerikanischen Designstudenten, Benjamin Shaykin, über „Google Hands“ – ein blitzgescheites Arrangement von Kopien der Hände der namenlosen Arbeiter, die für Google Books unzählige Bücher eingescannt haben und über die man gelegentlich im Scrollen durch die digitale Bibliothek stolpert.

mashup
Mehr über die Ethik des Kopierens auf irights – und auf der Website des Zentrums für Interdisziplinäre Forschung. Wer sich für das Thema interessiert, kann zudem gerne mein Buch Mashup – Lob der Kopie lesen. Und hier im Blog zum Beispiel das Interview mit den Machern des Supercopy-Festivals.

Zeitfenster zum Dialog: drei Fragen zum FAZ-Lesesaal

Die Kuppel über dem Lesesaal der Nationalbibliothek des Vereinigten Königreichs in London ist sehr berühmt. Dieser Tage ist sie auf der Website der FAZ zu sehen. Sie illustriert deren im Oktober 2014 angekündigtes Projekt „Lesesaal“. Dabei handelt es sich um ein Social-Reading-Angebot, das die Zeitung aus Frankfurt gemeinsam mit Sobooks realisiert (Hintergrund zu Sobooks hier im Blog)

„Ein Versuch“ schreibt FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube in dem Text, der unter dem Foto mit der berühmtem Kuppel folgt. Als Freund des Social-Readings, persönlicher Bekannter von Sobooks-Gründer Sascha Lobo und Fan seiner Idee freue ich mich über diesen Versuch. Denn als Gastgeber im SZ-Lesesalon im vergangenen Herbst habe ich festgestellt: Es ist wie gesagt noch viel zu tun in Sachen gemeinschaftlichem Lesen und Schreiben.

lesesaal_sobooks

Ich würde mich freuen, wenn Sobooks und der FAZ-Lesesaal mithelfen könnten, dem Social-Reading und -Writing in Deutschland Auftrieb zu geben – und bin gespannt wie sich der Versuch aus Frankfurt entwickelt. Deshalb hier drei Fragen zum Start:

a) Warum schreibt Jürgen Kaube über den Versuch, dass sich in Wahrheit doch gar nichts ändern soll? „Wir, die Redakteure der Feuilletonredaktion dieser Zeitung, stellen ein Buch, das uns interessant erscheint, so vor, wie wir es immer tun, in Form einer Besprechung. Dabei geben wir eine signifikante Stichprobe aus dem Buch zum Beleg unserer Eindrücke und unseres Urteils. Die Kooperation mit den jeweiligen Verlagen erlaubt es uns, diesen längeren Textabschnitt auf unserer Website zur Verfügung zu stellen. Leser, die ihn kommentieren wollen, das ganze Buch kommentieren wollen oder in ein Gespräch untereinander über beides treten möchten, können das mittels der von Sobooks entwickelten Technologie tun. Die Kommentare werden moderiert, die Redaktion wird nach Kräften antworten, es werden Zeitfenster geöffnet zum Dialog mit den Lesern.“

b) Weshalb ist die erste Besprechung, die FAZ-Literaturredakteurin Felicitas von Lovenberg im Lesesaal anbietet, eigentlich schon fertig? Weshalb sind darunter die Kommentare deaktiviert? Weshalb findet man in Sobooks selber (Screenshot oben) nur einen Kommentar der Literaturkritikerin?

c) Und überhaupt: Warum der Lesesaal der British Library? Unter der großer Kuppel gelten strenge Regeln, nicht wenige beziehen sich auf die Ruhe, die im Lesesaal zu wahren ist: „Consider other Readers and behave in a way that does not disturb them and respects their privacy. If it is necessary to talk, please do so quietly.“

Dabei müsste es doch genau ums Gegenteil gehen: Ums Reden, Debattieren! Um den Mut, eine Diskussion anzustoßen. Ich wünsche der FAZ und uns allen etwas mehr davon!

Update: Bei Sobooks hat Sascha einen ausführlichen Blog-Eintrag zu den Hintergründen veröffentlicht.