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Crowdfunding-Ratgeber

Seit dieser Woche ist mein neues Buchprojekt “22 1/2 Schritte zu erfolgreichem Crowdfunding” verfügbar. Ein kleiner Crowdfunding-Ratgeber für digitale Lesegeräte – den man auf dem Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann.

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Das Buch basiert auf meinen Erfahrungen beim “Eine neue Version ist verfügbar”-Projekt sowie auf den Lehren, die ich aus dem loading-Fragebogen gezogen habe. Angereichert wird das Buch durch zahlreiche Interviews mit erfolgreichen Projekt-Startern aus Deutschland, die erzählen wie sie ihr Fundingziel erreichten.

Das Buch erscheint bei Edition Octopus, die zum Verlag Monsenstein und Vannerdat gehört. Tom Hillenbrand stellte die Verbindung nach Münster her als wir mal über Selfpublishing sprachen (Tom ist einer der Drachenväter, die auch im loading-Fragebogen vorkamen) denn dort wird auch das Angebot ruckzuckbuch.de realisiert, das Selfpublishing zu (soweit ich das beurteilen kann) für Autoren guten Konditionen bietet. Die Gespräche mit Verlagschef Johannes Monse liefen jedenfalls von Anfang an sehr gut, so dass er mir recht früh das Angebot machte, an einer Kooperation mit dem Dortmunder Dienstleister readbox teilzunehmen. Dort zeigt mir nun Steffen Meier wie eBook-Publishing auch abseits von Amazon funktioniert. Die Antwort zu dem vorliegenden Buch steht aus deren lautstark angekündigtem Lektorat übrigens immer noch aus.

Auf die Idee, ein solches Buch zu verfassen, kam ich übrigens weil sich Anfragen von Menschen häuften, die über Crowdfunding-Projekte nachdachten. In den meisten Fällen motivierte ich sie, die Ideen in die Tat umzusetzen – es fehlte aber ein Ratgeber, den ich mit meiner Motivation verbinden konnte. So bekamen einige (die ich damit jetzt halböffentlich unter Druck setzen will) das Manuskript zugeschickt. Alle anderen, die überlegen, ob sie ein Crowdfunding-Projekt starten wollen, können jetzt dieses Buch kaufen: 22 1/2 Schritte zu erfolgreichem Crowdfunding

Kontexte brechen: Wie Internet-Meme die Remixkultur demokratisieren – und jetzt auch das Fernsehen verändern

Im Rahmen der Eröffnung des Remixmuseum Anfang Mai in Berlin wurde auch das Buch “Generation Remix” vorgestellt, das Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch zusammengstellt haben. Neben Beiträgen von Cornelia Sollfranck, Till Kreutzer und Lawrence Lessig enthält “Generation Remix” auch einen Text von mir, den ich hier dokumentiere – weil das Buch jetzt auch als Print-Version erhältlich ist.

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Es gab mal eine Zeit, da wurde Fernsehen, das frech sein wollte, vor allem mit Hilfe von ahnungslosen Passanten gemacht. Moderatoren, die von der Kritik anschließend als „respektlos“ bezeichnet wurden, lauerten ihnen auf und stellten merkwürdige Fragen. Dieses Prinzip hat sich weitgehend überlebt – Fernsehen, das wirklich als frech gelten kann, bedient sich heute bei Methoden des Web, genauer gesagt: bei Internet-Memen.

Respektlosigkeit gilt dabei nicht mehr dem ahnungslosen Passanten auf der Straße, sondern dem Kontext. Mit dem zu spielen, ihn zu verändern und zu zerstören ist oberste Pflicht und Freude der Remixkultur, deren populärste und drängendste Form sich aktuell im Netz findet. Unter dem von Richard Dawkins geprägten Begriff der Meme ist eine digitale Ausprägung der Volkskunst entstanden, die den Remix demokratisiert hat. Der Biologe Dawkins übertrug schon in den 1980er Jahren die Idee der Gene auf die Welt der Ideen und Trends. Als Internet-Meme beschreibt man deshalb Inhalte, die sich schnell und wie von alleine durch das Netz bewegen. Sie werden kopiert, verändert und so schnell weitergereicht, dass man nicht mehr sagen kann, wer sie eigentlich erfunden hat. So wie der Ostfriesenwitz in der analogen Welt in immer neuen Spielarten weitererzählt wurde, finden sich heute ständig neue Meme im Netz: Bilder, Sätze oder Töne, die in neue Zusammenhänge gestellt und von den zu Nutzern gewandelten Zuschauern weitergereicht werden. Jeder kann zum Sender werden – das ist der bedeutsame Antrieb für die virale Verbreitung von Memen. Wie mächtig diese für die jüngste Form der Popkultur sind, sieht man zum Beispiel daran, dass das Fernsehen sie nun entdeckt.

In Amerika nutzen Late-Night-Talker wie Jimmy Kimmel oder Jimmy Fallon das Prinzip des kalkulierten Kontext-Bruchs und seiner viralen Verbreitung schon länger für ihre Fernsehsendungen. Kimmel sorgte zum Beispiel 2013 mit einem inszenierten Twerking-Video für sehr große Aufmerksamkeit. Der Fernsehmoderator inszenierte dabei einen Unfall einer jungen Frau, die beim aufreizenden Po-Wackeln (Twerking) sehr kunstvoll stürzt und dabei Feuer fängt. Die Bilder des vermeintlichen Missgeschicks verbreiteten sich in hoher Geschwindigkeit durchs Netz. Menschen sahen die missglückte Tanzeinlage, adaptierten sie zum Teil und teilten sie in sozialen Netzwerken. Die Filmsequenz wurde zum animierten Gif kondensiert. In diesem Retro-Format werden bewegte Bilder leicht teilbar gemacht und so auf erstaunliche Art geadelt. Als der professionell erstellte, aber zufällig wirkende Youtube-Clip die Grenze von zehn Millionen Aufrufen überschritt, löste Fernsehmoderator Kimmel auf, dass er hinter dem Tanzfilmchen steckt. Er hatte die Stuntfrau Daphne Avalon beauftragt und mit ihr gemeinsam die Weböffentlichkeit an der Nase herumgeführt – man könnte sagen gehackt.

„Wir haben das Magische passieren lassen“, kommentierte Kimmel anschließend nicht ohne Selbstlob. Und in der Tat war ihm etwas Besonderes geglückt: Er hatte keine ahnungslosen Passanten in der Fußgängerzone in die Irre geführt, sondern mit den gängigen Mechanismen der Web-Öffentlichkeit gespielt. Das ist auch deshalb spannender, weil es das Risiko des Scheiterns in sich trägt. Es war aber erst der Anfang: Während der Winterspiele in Sotschi hackte Kimmel gemeinsam mit der US-amerikanischen Rennrodlerin Kate Hansen nicht nur das Web, sondern auch das Fernsehen selber. Hansen hatte in seinem Auftrag einen Film ins Netz gestellt, der vermeintlich ihren Hotelflur in Russland zeigt, auf dem ein freilaufender Wolf zu sehen ist. Nachdem zahlreiche Sender den Clip der Sportlerin gezeigt hatten, löste Kimmel auf: Die Szene wurde in seinem Studio mit dem dressierten Wolf Rugby gedreht. Allein der Auflösungsclip brachte es auf fast zwei Millionen Aufrufe im Netz.

Im deutschen Fernsehen adaptiert eine Sendung diese Prinzipien am besten, die Jan Böhmermann nicht durch Zufall gerne als „im zweiten deutschen Internet“ anmoderiert: Das von ihm gestaltete „Neo Magazin“ im ZDF-Spartenkanal „ZDF neo“ bedient sich kenntnis- und facettenreich der Mem- und Remixkultur. Böhmermann verwendet nicht nur oberflächlich durch einen wöchentlich wechselnden Hashtag zur Sendung die Mechanismen des Web, er hat vor allem deren Grundbedingungen verstanden: den Kontextbruch. Die beiden vermutlich populärsten Szenen der ersten Staffel des Neo-Magazins sind als direkte Referenz auf Jimmy Kimmel und als Hochamt der Remix- und Memkultur zu lesen. Zunächst versammelte Böhmermann für seine „Hymne auf die 90er“ bekannte Akteure des Jahrzehnts zu einem musikalischen und popkulturellen Remix auf vier Minuten Länge. Dabei werden nicht nur unterschiedliche Songs verbunden und vermischt, der Clip ist selber so reich an Referenzen und Adaptionen auf die Popkultur der 1990er Jahre, dass er eine eigene wissenschaftliche Untersuchung rechtfertigen würde. Noch bekannter wurde aber Böhmermanns Hack der Pro7-Sendung „TV Total“ von Stefan Raab. Hier gelang es den Machern des Neo-Magazins, eine vermeintliche Sequenz aus dem chinesischen Fernsehen in Raabs Sendung zu schmuggeln. Es handelt sich um eine Kopie des Formats „Blamieren oder Kassieren“, das in „TV Total“ von Elton moderiert wird. Die angebliche Kopie aus China moderiert ein asiatisch aussehender Mann, der von albernen Stofftieren unterstützt wird. Die erfundene Sequenz wurde im Programm von Pro7 gesendet und Raab und Elton spielten sie als „Blamielen odel kassielen“ nach. Dass Raab – der mit der Verwendung von Filmschnipseln, die er in neue Kontexte übertrug bekannt wurde – sich dabei selbst blamierte, machte den Fernseh-Hack nur noch lustiger. Böhmermann löste die Remixattacke eine Woche später in seiner Sendung auf.
Die Referenz zu Jimmy Kimmel ist klar erkennbar und sie steht für eine Tendenz, die Vertreter der reinen Lehre der Memkultur durchaus mit Sorge betrachten: Die Massenkultur des Fernsehens beugt sich mit großem Brennglas über die Remixkultur der Netznischen. Das mag entzündend wirken, kann aber zu einem Ausbrennen der ursprünglichen Ansätze führen. Zumal diese einen Teil ihrer Motivation stets auch daraus zogen, eben nicht von der Popkultur des Mainstream verstanden zu werden. Wie eine Geheimsprache wurden Formulierungen oder Begriffe zum Erkennungszeichen derjenigen, die Bescheid wissen. Das geheime Wissen um Katzenbilder oder Slang-Ausdrücke wird nun von der Massenkultur des Fernsehens aufgesogen, die lediglich die Idee von Straßenfegern des Schwarz-Weiß-Fernsehens auf die Kultur der Timelines übertragen wollen.

Dabei geht es bei der Remixkultur der Mem-Welt um viel mehr als um Reichweite. Wie in jeder Form der Populärkultur geht es um Identität, Teilhabe und Verstandenwerden. Distinktion funktioniert in dieser Form aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Wird diese überschritten, muss man neue Nischen finden, die nur den Wissenden bekannt sind. Das führt zum Beispiel dazu, dass es in dem bekannten Webboard reddit mittlerweile eine „true reddit“-Abteilung gibt. Sozusagen ein „Früher war alles besser“ des Web.

Dass die Wege aber vermutlich kaum dorthin zurück führen, gilt fürs Web wie fürs TV. Die Aufgabe der Zukunft ist es vielmehr, die Demokratisierung der Remixkultur zu begleiten. Denn dadurch, dass allen gleichermaßen die Möglichkeiten zum Kontextbruch zur Verfügung stehen, befinden sie sich nun auch im Portfolio der Werbeindustrie. Diese folgt der Verlockung der Reichweite, die in der viralen Verbreitung steckt, und begibt sich damit auf spannendes Terrain. Denn außer der Chance, dass viele zu Sendern der eigenen Botschaft werden, bietet das Remix-Web für die Werbenden eben auch das Risiko des Kontrollverlusts: Wo viele zu Sendern werden, werden auch viele zu möglichen Remixern – die Botschaften rekombinieren und rekontextualisieren und Werbetreibende auch sehr ärgern können. Wenn man so will: Die Rache der Web-Passanten am frechen Fernsehen der Vergangenheit.

genremix Der Text stammt aus dem Buch “Generation Remix” von Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch (Hrsg.). Die Bezüge zur Netz-Kultur stammen aus dem Blog Phänomeme, das ich für die Süddeutsche Zeitung betreibe. Hintergründe zu der Idee Recht auf Remix und dem virtuellen Remix-Museum gibt es auf den Seiten. Im Phänomeme-Blog habe ich zudem einen Text geremixt, der sich mit der wachsenden Bedeutung der Meme befasst.

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Lesetipps: Simanowski, Riffkin, Taureck

Drei Hinweise zu spannenden Themen: die Herren Simanowski, Riffkin und Taureck beschäftigen mich gerade. Und zwar jeweils mit aktuellen Buchveröffentlichungen, die vorab für (meine) Aufmerksamkeit sorgen.

Data Love heißt das empfehlenswerte Buch von Roberto Simanowski, das ich noch nicht ganz zuende gelesen habe – das Vera Linß aber bereits besprochen hat und im Deutschlandradio Kultur empfiehlt.

Noch nicht erschienen, aber allein wegen dieses Videos äußerst spannend: das neue Werk von Jeremy Riffkin. “Die Null-Grenkosten-Gesellschaft” befasst sich mit der Frage, was eigentlich passiert, wenn die historische Ungeheuerlichkeit der Kopie in das gesamte Wirtschaftssystem einbricht. Er überträgt diese Entwicklung auf das Internet der Dinge und entwickelt die Idee einer “kollaborativen Commons”-Sphäre wie Arno Orzessek es in seiner Deutschlandradio-Besprechung nennt.

Über den Deutschlandfunk bin ich auf den Ansatz von Bernhard Taurek gestoßen: Er interpretiert die Aktivitäten der NSA als Religion:

Eine solche NSA-Religion muss jene zwei Bedingungen von Religion erfüllen, die seit der Romantik formuliert wurden. Zum einen ist es das Bewusstsein eines jeden, wenig Macht zu besitzen und letztlich von etwas viel Größerem und Mächtigeren als er selbst abzuhängen. Religion, so der Theologe Schleiermacher aus der deutschen Romantik, sei das Gefühl unbedingter Abhängigkeit des Menschen. Zum anderen ist Religion mit Vergesellschaftung verbunden. Religiöse Überzeugungen werden, wie der französische Soziologe Durkheim im 19. Jahrhundert festhielt, von Gemeinschaften geteilt, und sie verbinden die Gläubigen miteinander.

Sein Buch “Überwachungsdemokratie” erscheint im Oktober.

loading: godeepr

Wie kann sich Journalismus im digitalen Zeitalter finanzieren? Diese Frage taucht immer wieder in diesem Blog auf und beschäftigt die Branche seit langem. Ein Berliner Startup versucht sich jetzt an einer Antwort: godeepr will nach eigenen Angaben, “ein dem digitalen Medium angemessenes Geschäftsmodell für bezahlten Journalismus etablieren” – im Internet.

Armin Eichhorn von godeepr hat den loading-Fragebogen beantwortet.

deepr

Was macht Ihr?
Tiefgründigen, unabhängigen und leserfinanzierten Journalismus in digitalen Formaten. Jeder Artikel entsteht in enger Zusammenarbeit zwischen freien Autoren und unseren Designern. Die Kombination von tiefgründigem Text und bereichernden digitalen Elementen macht jeden Artikel zu einem echten Leseerlebnis. Es werden nur die Artikel tatsächlich geschrieben, für die eine ausreichende Anzahl an Lesern mindestens einen Euro bezahlt hat.

Warum macht Ihr es (so)?
Wir lieben gut recherchierte und wunderschön aufbereitete Geschichten. Die Printausgabe der National Geographic sei lobend erwähnt: Hier wird man in Themen hineingezogen, von denen man vorher nicht einmal wusste, dass sie existierten. Im digitalen Raum sind wir mit den bisherigen Angeboten der etablierten Verlage leider überhaupt nicht zufrieden. Nervige Werbung, grundhässliche Websites und eine mediokre Themenwahl vermiesen uns als Lesern viel zu häufig den Journalismus. Kein Wunder, dass so viele unserer Zeitgenossen keine (Digital-)Abos haben!
Wir kommen aus der Welt des Digitalen und der Gründerszene. Wir wollen nicht den Journalismus an sich retten – Vieles ist ja gut. Vielmehr möchten wir diejenigen, denen diese Art Qualitätsjournalismus wichtig ist, zusammenbringen. Durch die Leserfinanzierung, die einhergeht mit der Auswahl der Artikel durch die Leser, bauen wir ein solides Geschäftsmodell mit wachsender Stammleserschaft auf.

Wer soll das lesen?
Thematisch sind wir völlig offen. Da schwingt auch ein stückweit Idealismus mit: Die Themenauswahl geschieht an uns vorbei zwischen Lesern und Autoren, jedes Thema ist möglich. Es gibt bei uns weder einen Chefredakteur, der einen Artikel noch kippen kann, noch “Werbepartner” die uns finanzieren und auf extravagante Abendessen einladen. Sowohl die Themenauswahl als auch die Finanzierung kommt bei uns von den Lesern, also denjenigen, für die der Journalismus eigentlich existiert. Je mehr Artikelvorschläge hinzukommen, umso mehr Leser werden ein Thema finden, das ihnen zusagt.

Wie geht es weiter?
Bald wird der erste Artikel veröffentlicht! Jeder, der für ihn bezahlt hat, wird sehen, wie wir uns den Journalismus des 21. Jahrhunderts vorstellen. Gleichzeitig werden weitere Artikelvorschläge online gehen. Interessierte Journalisten und Themenexperten können uns gerne kontaktieren.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Journalismus digital aufzubereiten, das kann so viel mehr sein als eine Fotostrecke einzubinden und ein Video zu verlinken! Wollen wir die Medienbranche umkrempeln? Vielleicht.


>>> Hier geht’s zur Startseite von godeepr


Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Echter Rauch ist besser als doofes Internet

Deutschlands Außenwerbungsflächen werden gerade für eine groß angelegte Kampagne zum Lob des Echten, Wahren und Schönen genutzt. Und das findet sich – daran lassen die unterschiedlichen Motive keinen Zweifel – ausschließlich im Analogen. Es handelt sich um Anzeigen, die darauf hinweisen, dass in diesem modernen “Facebook” auch das Wort “Buch” (Facebook) steckt oder in dem englischen “Wireless” auch das verbindende deutsche “Wir” (Wireless). Ausgedrückt wird dies durch eine schöne Spielerei, die ich erst durchs Digitale (nämlich in Blogs) kennelernte: die Durchstreichung. Wortteile werden durchgestrichen, sie sind so les- und auf schnellst mögliche Art auf eine zweite Ebene übertragbar. Wenn man bei der Freundeszahl 364 die ersten zwei Ziffern streicht, wird die Botschaft schnell klar: In einer Freundschaft zählt nicht die Anzahl, sondern die Intensität.

luckie4 Alle Motive der Kampagne, die ich bisher gesehen habe, funktionieren nach diesem Muster. Ein schönes Muster. Eine handwerklich gut gemachte Kampagne. Dass ich sie hier erwähne, liegt an zwei Dingen: Zunächst halte ich Werbekampagnen grundsätzlich für einen guten Maßstab für gesellschaftliche Stimmungen. Wer etwas groß auf Plakate schreibt, muss sich sicher sein, damit nicht völlig am Zeitgeist oder dem Lebensgefühl seiner adressierten Konsumentenschar (vulgo: Zielgruppe) vorbeizureden. Zum zweiten – und das habe ich bisher unterschlagen – ist diese Kampagne allein deshalb erstaunlich, weil sie keineswegs von einem der klassischen Akteure des Online/Offline-Streits stammt: Es ist Zigarettenwerbung.

Es lohnt sich also, einen Moment innezuhalten und kurz über die Stimmung in dem Land nachzudenken, das man mit diesen Botschaften zuplakatieren kann. Es ist dies offenbar kein Land, in dem das Digitale besonders viel gilt; kein Land, in dem man große Netzwerke schätzt – weder in der persönlichen Verbindung (vier sind besser als 364) noch institutionell (Buch ist besser als Facebook). Es ist dies vielmehr ein Land, in dem man im Jahr 2014 das Fehlen einer stabilen WLAN-Verbindung als Wert herausstellen kann; ein Land, in dem man eine ganze Kampagne auf dem Gegensatz von On- und Offline aufbauen kann. Mit dem eindeutigen Lob für Offline – als Ausdruck des Guten, Wahren und Schönen.

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Das Echte ist auf diesen Plakaten nicht nur zum Teil des Absenders geworden, es ist vor allem all das, was nichts mit dem Modernen, Neuen, Digitalen zu tun hat. Das Echte soll vielmehr allein das sein, was man schon kennt, was schon früher da war, als man noch überall rauchen durfte, und überhaupt alles besser war. Den Machern der Kampagne ist es geglückt, einen Zeitgeist einzufangen und zu bedienen, der konservativ und zukunftsskeptisch ist. Und sie sind sich seiner Strahlkraft in alle Bereiche der Gesellschaft so sicher, dass sie ihn laut ins Land rausrufen. Sie erreichen damit sowohl die Zukunftsskeptiker älterer Generationen als auch die Jungen, denen eingeredet wird, es sei besser mal wieder ein gutes Buch zu lesen als auf Facebook zu sein. Ich kann nicht letztgültig entscheiden, was besser ist, aber spätestens wenn eine Zigarettenmarke sich an das Buch als Wertvermittler hängt, werde ich skeptisch.

Die Digital-Skepsis scheint in diesem Land plakattauglich zu sein. Sie ist so ausgeprägt, dass sie als Transportmittel für ganz andere Botschaften dient: Was überall mit Abschreckbildern von Raucherbeinen und Lungenkrebs bedacht wird, kann in diesem Land noch als Ausweis des Guten und Wahren gelten – wenn es mit dem Digitalen kontrastiert wird. Es sei besser mit drei Freunden am Strand zu rauchen, will das Plakat mir erklären, als mit 361 anderen auf Facebook abzuhängen. Der mir bekannte Stand der Krebsforschung kommt zu anderen Ergebnissen, aber die treten zurück gegen das Grundgefühl, das die Kampagne bedient: Irgendwie ist das Digitale doch nicht ganz geheuer.

Wenn beim nächsten Mal irgendwer gegen die smarte neue Welt anschreibt, muss man sich das in Erinnerung rufen. Das Digital-Evangelistentum, das damit bekämpft werden soll, gibt es in Deutschland nicht nur fast gar nicht, es wird vor allem überlagert von einer Stimmung, die im Digitalen etwas Unwahres, Unschönes, Unechtes erkennt. Fast muss man der Kampagne dankbar sein, dass sie dies so offen zu Tage fördert. Aber nur fast.

Wer will das?

Es ist ein Nebensatz in einer in Klammern gestellten Zusatzbemerkung: “Wer will das?” fragt Stefan Winterbauer in seinem Meedia-Wochenrückblick, in dem er “reichlich ominöse Benefits” des vergangenen Woche gestarteten Krautreporter-Experiments beschreibt.

“Wer will das?” ist gleichzeitig der Hauptsatz der Crowdfunding-Kampagne für das werbefreie Webmagazin Krautreporter – es ist womöglich die zentrale Frage der digitalen Entwicklung schlechthin: Wer will das? fragt nach Aufmerksamkeit. Wer will das? fragt nach Öffentlichkeit und Reichweite. Wer will das? könnte sich jeder fragen, der heute Inhalte veröffentlicht – es eröffnet den Blick auf den Rezipienten, der vom Leser zum Nutzer und zum zentralen neuen Faktor in digitalen Räumen wurde. Denn Wer will das? braucht heute keine Massen-Antwort mehr, digitale Angebote können über den kleinsten gemeinsamen Nenner hinausgehen und auch mit der Antwort “ein paar Leute” funktionieren, wenn die dann mehr zahlen als der Durchschnitt – Nicholas Lovell hat das sehr lesenswert beschrieben.

Die Frage ist in dem Text, auf den ich heute über das Blog von Stefan Niggemeier verwiesen wurde, allerdings nicht so gemeint. Die Konnotation ist eher mit der “Geht’s noch?”-Frage vergleichbar, die Volker Schütz vergangene Woche auf Horizont stellte: “Bezahlen, um Texte kommentieren zu dürfen? Ja geht’s noch?” schrieb er da über Krautreporter. Wobei auch diese Frage gar nicht so falsch formuliert ist: “Geht das?” fragen die Krautreporter – weil sie auf Basis der digitalen Entwicklungen experimentieren.

Sie kommen zwar nicht ganz so zentral aus dem Herzen des Internet wie Frank Schirrmacher in seinem falsch auf der Krautreporter-Startseite verlinkten Interview behauptet, sie nehmen aber Ernst, was dem Internet zugrunde liegt: die digitale Kopie. Inhalte sind im Netz identisch duplizierbar. Inhalte nutzen sich nicht ab, sie werden nicht weniger, wenn andere sie auch lesen. Inhalte sind im Netz wie Musik, die aus dem Zimmer des Nachbarhauses klingt, wie Überschriften, die man im Vorbeigehen am Zeitungskiosk klaut mitliest oder Erfrischung, die vom Ventilator des Bürokollegen ausgeht (siehe dazu Beispiele von David Weinberger, die in einer Debatte aus dem Jahr 2010 schon stimmten) Anders formuliert: Es sind nicht die Inhalte, für die die Krautreporter bezahlt werden. Sonst hätten sie davon auch welche gezeigt. Das Modell der Krautreporter ist deshalb so spannend, weil hier Teilhabe zum Geschäftsmodell wird – wie David Denk es am Wochenende in der SZ formulierte.

“Paid Content ohne Paywall” nennt Stefan Niggemeier das – was ich allerdings für halb falsch halte. Denn Content wird hier gar nicht bezahlt. Was hier bezahlt wird, ist Kontext. Es ist das Dabeisein. Es ist etwas, was man zur Frühphase von Web 2.0 vielleicht Community genannt hat, was in der Kampagne aber noch viel zu wenig betont wird. “Ich habe”, schreibt Stefan Niggemeier,

… das gute Gefühl, mit dazu beigetragen zu haben, dass es diese Seite gibt. Das ist ein schöner und nicht zu vernachlässigender Bonus-Wert, außer den Inhalten selbst natürlich. Ich bin Teil einer Gemeinschaft.

Er schreibt das in Bezug auf Andrew Sullivans Daily Dish und es zeigt meiner Meinung nach, wo die Chance für Krautreporter liegt, das sehr hoch gesteckte Ziel doch zu erreichen: Sie müssen Stefan Winterbauers Frage ernst nehmen und beantworten: Wer will das? Bisher sieht man die Antwort nicht auf der Startseite. Dabei wäre sie wichtig. Wichtiger als die bloße Zahl (aktuell 4462), denn wie soll ein (mögliches) Krautreporter-Mitglied das Gefühl bekommen, Teil einer Gemeinschaft zu werden, wenn er und sie diese gar nicht sieht?

Wer will das? ist meiner Meinung nach die zentrale Frage für Crowdfunding-Projekte. Die Antwort kann “dieser gute Freund” lauten und mehr bewirken als klassische Testimonial-Werbung. Denn wer ein Testimonial ist, hängt in einer Welt, in der sich der Prominenz-Begriff verschiebt, vielleicht eher vom Rezipienten ab als vom Sender. Ein Facebook-Freund, eine mittelbekannte Bloggerin, ein gern gehörte Podcaster – das sind die besten Testimonials, die Krautreporter haben kann. Und das Tolle daran ist: Krautreporter muss sie gar nicht bezahlen, denn sie zahlen ja im Gegenteil Krautreporter. Man kann es nur bisher nicht sehen.

Wie Journalismus sich verändert (Mai 2014)

Nach den Beweggründen für das von ihr gegründete Techniktagebuch gefragt, antwortete Kathrin Passig unlängst:

“Zum einen vergesse ich, was ich wie gemacht habe, zum anderen vergisst man noch gründlicher und zuverlässiger, warum man die Sachen so gemacht hat”

Deshalb notiert sie gemeinsam mit 22 anderen Autorinnen und Autoren wie Technik das Leben und vor allem den Blick aufs Leben verändert. Ähnliches müsste man auch für den Journalismus sammeln, der sich kontinuierlich und in einer Art verändert, dass man nachher nicht mehr genau sagen kann, was man damals dachte: als die Krautreporter den Online-Journalismus für kaputt erklärten, als in der gleichen Woche FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem großen Interview Online-Journalismus in einem Atemzug mit Sklavenarbeit erwähnte …

Wir müssen hier gar nicht von Amazon-Lageristen sprechen. Wenn ich mir ansehe, unter welchen Bedingungen viele Online-Redakteure inzwischen arbeiten und wie sie bezahlt werden, wundere ich mich schon, wie wenig das thematisiert wird.

… als die New York Times ihre Chefredakteurin Jill Abramson entließ und ausgerechnet Buzzfeed anschließend ein Times-internes Dokument veröffentlichte, in dem vor der Gefahr neuer konsequent digitaler Angebote wie eben Buzzfeed oder Vox gewarnt wird. Joshua Benton bezeichnete das Papier anschließend als “Key document of the media age”. Als zentrale Erkenntnis des Innovations-Reports der New York Times (den Thomas Knüwer hier auf deutsch zusammengefasst hat) wurde anschließend der Satz: Die Homepage ist tot verbreitet. Weshalb The Atlantic anschließend fragte, wo der Traffic stattdessen herkommt:

If the clicks aren’t coming from homepages, where are they coming from? Facebook, Twitter, social media, and the mix of email and chat services summed up as “dark social” (dark, because it’s hard for publishers to trace).

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Es war zu dieser Zeit Mitte Mai 2014 als ich zum ersten Mal in dem thematischen Kontext der Veränderungen bei der New York Times das Vox-Format des “StoryStream” (siehe Bild rechts) entdeckte. Es handelt sich dabei sozusagen um die konkrete Umsetzung der These, Nachrichten als Prozess nicht als Produkt zu verstehen. Vox versammelt im StoryStream Update zu laufenden Geschichten und stellt den Kontext ihres Inhalts dar – inklusive externer Aktualisierungen in Form von Tweets und Kommentaren.

Ist dir in vergleichbarer Weise aufgefallen, wie sich der Journalismus verändert? Schreib es mir gerne in die Kommentare!

loading: Die Bildung und das Netz

Das Netz verändert vieles – auch unsere Vorstellung von Wissen und Bildung. Der Autor Martin Lindner befasst sich schon länger mit dieser Veränderung und hat jetzt ein Crowdfunding-Projekt gestartet um sich dem Thema in einem Buch zu widmen. “Die Bildung und das Netz” läuft aktuell auf Startnext. Ich habe das Buch dort bereits gekauft – und Martin den loading-Fragebogen geschickt.

Was machst Du?
Derzeit: Eine Kampagne mit dem Ziel ein lang vorbereitetes Buch zu schreiben, weil das Buch, das ich gern lesen will, niemand sonst schreibt (oder jedenfalls: publiziert). Das Buch soll im Zusammenhang zeigen, was das Netz mit der Bildung macht. Nicht nur in Schulen und Universitäten, sondern überall: in Unternehmen, bei den Abgehängten, bei all denen, die auf eigene Faust lernen, weil sie es wollen oder müssen. Was geht verloren gegenüber der untergegangenen Epoche des “Bildungsbürgertums”, wie es in den 1950er Jahren und dann nochmals Ende der 1970er Jahre sich neu konstituierte? Und was wird auf der anderen Seite gewonnen? Für wen, also nicht nur für Bildungsbürger? Und wo, also nicht nur auf welchen gesellschaftlichen Feldern

Warum machst Du es (so)?
Weil ich es auf die konventionelle Art nicht geschafft habe: Ich habe ein Exposé bei einer renommierten Literaturagentur untergebracht, und die hat versucht, es den großen deutschen Verlagen anzubieten. Zwei- oder dreimal wollten die zuständigen Lektoren es gern machen, aber der Verlagsleitung schien es jeweils zu riskant: kein richtig knackiges Debattenbuch, und mich kennt auch niemand. Sie wollten, dass ich eine große, konkrete Zielgruppe adressiere, ängstliche Eltern am besten. Diese Art von Sich-die-Welt-erklären-Buch, die mir vorschwebt, gibt es hier eigentlich fast nicht. Am ehesten im angelsächsischen Raum, wie etwa die sowohl “populären” als auch seriösen Bücher von David Weinberger und Steven Johnson über das Internet und dessen Wirkung auf unsere Kultur.
Eigentlich war mir die ganze Zeit schon klar, dass Crowdfunding die konsequenteste Form sein würde, dieses Buch zu schreiben und zu produzieren, aber … naja, das Risiko ist viel höher, und ich mache das nicht aus einem abgesicherten Job heraus. Und ich dachte auch, dass die Botschaft am besten gehört würde, wenn ein großer Verlag das pusht. Aber jetzt ist es eben Crowdfunding geworden, passend zum Inhalt, und wahrscheinlich musste es eben so sein. Als Prozess ist es natürlich viel toller so, und ich hoffe, dass auch der Text davon profitieren wird.
Naja, und Bücher über Bildung … ich kann den vorauseilenden Überdruss durchaus nachvollziehen, da ist man Teil eines Chors von aufgeregten Büchern, in denen es immer 5 vor 12 ist, und Bildung wird fast immer aus sehr einseitiger Perspektive als Kampfbegriff benutzt. Ich will aber wissen, was wir wirklich meinen (oder meinen sollten), wenn wir von “Bildung” reden. Was das wirklich ist, nicht, was es aus den verschiedenen ideologischen Perspektiven heraus sein soll. Ich denke, dass gerade die Verschiebung der Perspektive, also das jetzt aus dem neuen digitalen Raum heraus zu tun, auch im Rückblick sehr interessante Erkenntnisse über das zutage fördert, was wir in den letzten 100 Jahren unter “Bildung” verstanden haben. Also seit mein Großvater, achter Sohn einer Oberpfälzer Bauernfamilie und später promovierter Lebensmittelchemiker, eingeschult wurde, vor dem Ersten Weltkrieg, in einer Zeit, in der es wahrlich “Disruption” gab.

Wer soll das lesen?
Alle, die sich Gedanken über “Bildung” machen und gern verstehen würden, was gerade mit uns passiert, in diesem Epochenumbruch, der geprägt ist von Digitalisierung, Big Data, Automatisierung, Kontrolle auf der einen Seite und auf der anderen Seite von den digitalen Netz-Medien als Mittel kulturellen Ausdrucks und individueller Emanzipation.
Eigentlich glaube ich, dass das Buch sehr viele Leute ansprechen könnte. Aber erstmal gehe ich aus von denen, die ich in den letzten 10 Jahren im sozialen Web kennengelernt habe: Da sind erstaunlich viele nachdenkliche Leute in recht unterschiedlichen Altersklassen und mit recht unterschiedlichen Hintergründen. Sie sind schwer als eine klare Zielgruppe eingrenzbar und adressierbar, das ist schlecht, wenn man es Verlags-Marketingstrategen verkaufen will. Gut, das sind jetzt vielleicht 500 oder so in meinem Umfeld, aber ich vermute, dass sie nur die Spitze des Eisbergs sind. Im Netz werden dummen Marketing-Generalisierung ja überhaupt sehr schnell ad absurdum geführt. Da wird ein Chor von lauter recht eigenwilligen und oft auch verschrobenen Stimmen hörbar, den man früher nie hätte wahrnehmen können. (Obwohl es diese Leute genauso gab, glaube ich.)

Wie geht es weiter?
Mein Crowdfunding ist jetzt gerade eine Woche alt, und der Start war ermutigend. Es sind bis jetzt etwa 4000 Euro zusammen gekommen, zu gut zwei Dritteln aus Buchverkäufen im Voraus (also Subskription), vielleicht zu einem knappen Drittel aus direkter Unterstützung des Schreibprozesses, ohne dafür direkt etwas zu bekommen. Ich hoffe, ich schaffe meine Zielmarke (8000 Euro), dann kann ich anfangen zu schreiben. Tatsächlich brauche ich aber eigentlich mehr, um wirklich konzentriert sechs Monate am Stück schreiben zu können: mindestens 9000 Euro nach Abzug der Unkosten würde ich schätzen, das sind eher so etwas wie 12 000 Euro Funding-Summe. Wie es genau weitergeht, kann ich also noch nicht sagen. Ich hoffe, ich kann das Buch schreiben, möglichst gut und mit Zeit für Gespräche und Recherchen, und ich kann dann den Unterstützern auch ein vorzeigbares Produkt übergeben: als eBook, aber eben auch als Hardcover-Papierbuch, mit Umschlag. (Das bestellen die meisten.)

Was sollten mehr Leute wissen?
Dass wir mitten in einem großen Umbruch stehen, der gleichzeitig großartig und bedrohlich ist. Wir alle müssen uns darauf einstellen, uns vorbereiten, uns bilden. Für mich ist das genauso: Eine prekäre Situation, in der man sich andauernd durchschlagen und hochrappeln muss. Und zugleich ein faszinierender Aufbruch, eine schlagartige Erweiterung des Horizonts, eine starke untergründige Dynamik. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich so etwas erleben werde, nach all den Jahrzehnten des Stillstands, die bis um das Jahr 2000 mein ganzes erwachsenes Leben ausgemacht haben. (Ich war in den 1980er und 1990er Jahren an der Universität, als Student, Dozent und am Ende als habilitierter Literaturwissenschaftler, und es fühlte sich immer mehr wie eine anachronistische Sackgasse an.)

>>> Hier Martin Lindners Projekt auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:



Medium/Message – über öffentliches Schreiben

Ev Williams ist einer der Macher hinter dem Dienst Blogger gewesen und steckt auch hinter dem Erfolg von Twitter. Seit einer Weile arbeitet er nun an einem Angebot, das so eine Art Kombination aus Twitter und Blogger ist: Medium gilt als angesagte Publikationsplattform im Netz, weil sie sehr viel von dem macht, was technisch möglich ist.

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Medium setzt auf Annotationen, nutzt das Followerprinzip von Twitter und beschäftigt einen “director of content”, der im Hintergrund sehr gute Arbeit macht: Kate Lee war Literaturagentin bevor Ev Williams sie Ende 2012 zu Medium holte. Die Arbeit als “director of content” bei einem Dienst wie Medium, der ja zunächst eine Publikationsplattform und kein inhaltiches Angebot ist, zählt zu den neuen Jobs im Feld des digitalen Publizierens (ähnlich wie der Job von Evan Hansen bei Medium). Vermutlich war Kate Lee daran beteiligt, als Beststeller-Autor Walter Isaacson im Winter 2013 erste Entwürfe seines neuen Buches auch auf Medium vorab veröffentlichte und ganz sicher steckt sie hinter dem Projekt, auf das mich Martin Lindner gestern abend hinwies: The Message.

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Immerhin hat Kate Lee den Ankündigungstext für diese neue kollaborative Redaktion Zusammenarbeit auf Medium geschrieben:

We’ve gathered twelve writers and thinkers across technology, media, culture, and academia to publish together in one place—and demonstrate that the sum is greater than its parts. Think of it as a modern version of Dorothy Parker’s Algonquin Round Table, whose members, in the course of conversing on a constant basis, collaborated on creative projects.

The Message ist nicht nur wegen der McLuhan-Anspielung ein äußerst interessantes Projekt. Das liegt zunächst an den Autorinnen und Autoren, die Kate Lee zur Teilnahme bewegen konnte: Mit Andy Baio, danah boyd, Craig Mod, Thinkup-Gründer Anil Dash und Zeynep Tufekci sind prominente Vertreter meines RSS-Readers dabei, die auf Medium nun etwas ausprobieren wollen, was ich als Grundbedingung des Digitalen verstehe: die Versionierung von Inhalten.


Zwölf Autorinnen und Autoren üben sich in “The Message” im öffentlichen Schreiben, sie veröffentlichen Entwürfe, annotieren diese, bearbeiten, streichen und ergänzen – für jeden sichtbar. Das kann scheitern, langweilig sein oder nur begeisterungsfähige Menschen mit viel Zeit interessieren. Darum geht es aber zunächst gar nicht, es geht darum, dass die Message-Autoren ausprobieren, was geht: Sie stehen nicht mehr nur im Beckenrand, sie springen rein.

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Das allein finde ich erstaunlich. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen sie dabei machen. Ich bin gespannt, wie der Dienst Medium sich auf Basis von The Message ändern wird. Werden bei einer solchen öffentlichen Art des Schreibens nicht Metadaten eine viel größere Rolle spielen müssen (ich muss jedes Mal sehr lange suchen bis ich überhaupt ein Datum bei einem Medium-Text finden)? Wie werden Annotationen und Kommentare filter- und strukturierbar, wenn mehr Menschen an einem solchen Experiment teilnehmen? Und vermutlich am bedeutsamsten: Wie verändert eine solche Redaktion Zusammenarbeit von Autoren unser Verständnis von Büchern, Publikationen und ganz generell: von Text?

Mein Medium-Account läuft unter @dvg, meine Begeisterung für das Projekt begründet sich in meinem Buch zum Thema.

loading: Universalcode 2

Vor drei Jahren begann Christian Jakubetz damit ein Journalismus-Lehrbuch für das digitale Zeitalter zu erstellen: Universalcode (an dem ich auch mitschrieb) erschien und erlangte gleich große Aufmerksamkeit. Jetzt plant Christian (mit dem ich persönlich bekannt bin) eine Fortsetzung: Universalcode 2 soll mittels Crowdfunding finanziert werden.

Als ich Christian den loading-Fragebogen schickte, bekam ich nicht nur seine Antworten zurück, sondern auch die Frage, ob ich bei Universalcode 2 als Autor dabei sein wolle. Ich sagte zu – genau wie der SZ-Kollege Stefan Plöchinger, Krautreporter-Gründer Sebastian Esser (hier ein Interview mit ihm lesen) und Marco Maas.

Was machst Du?
Die Fortsetzung des Buchprojekts “Universalcode”. Im ersten Teil haben wir mit insgesamt 18 Autoren ein Handbuch gemacht, wie man digitalen Journalismus aus handwerklicher Sicht macht. Das neue Projekt heißt “Universalcode2 – wie wir wurden, was wir sind”. Dort soll es um die Entwicklung der Medien aus grauen Analogzeiten bis heute gehen. Und
natürlich um die Zukunft: Wie geht es weiter und welche Chancen haben Medien und Kommunikation? Grundtenor: Wir möchten gerne Lösungen anbieten, lamentieren gilt nicht.
Zwischendrin möchte ich die Entstehung des Buchs immer wieder in meinem Blog, aber diesmal auch mit sehr vielen Videos dokumentieren. Mal schauen, vielleicht kann man die am Ende auch zu einem längeren Stück zusammenschneiden.
Zur Start-Finanzierung des Buchs gibt es jetzt ein Crowdfunding-Projekt bei “Krautreporter”.

Warum machst du es (so)?
Es gab schon beim ersten “Universalcode” ein Prinzip, das sich sehr bewährt hat: Ein Buch aus der Community für die Community. Nicht nur wegen der Finanzierung. Sondern auch inhaltlich: Ich glaube, dass der erste “Universalcode” völlig anders ausgesehen hätte, wenn wir nicht so viel Input von außen gehabt hätten. Das hat das Buch sicher besser gemacht. Ich glaube fest daran, dass das diesmal auch wieder so sein kann.
Bei der Finanzierung geht es mir vor allem darum, dass wir weitgehend autark und unabhängig von den Vorgaben eines Verlags arbeiten können. Und wer weiß, wie viel Zeit und Arbeit hinter einem solchen Projekt stecken und wie viel Geld man schon vorher investiert, der hat sicher auch eine Ahnung, dass unser Zielbetrag von 5000 Euro wirklich nicht
mehr ist als eine erste Projektbasis.
Trotz alledem: Ich kann mir keinen besseren Weg – und auch keinen anderen mehr – als diesen vorstellen, wenn es um das Verfassen solcher Bücher geht.

Wer soll das lesen?
Am besten alle, die mit Journalismus, Medien und Kommunikation zu tun haben. Ich glaube, dass es ein Buch mit dieser Ausrichtung über Medien nicht gab und vermutlich so schnell auch nicht geben wird. So. Das war jetzt das komplette Maß an Größenwahn, zu dem ich fähig bin.

Wie geht es weiter?
Erstmal den 18.4. abwarten. Dann endet das Crowdfunding-Projekt. Wenn “Universalcode2″ dort krachend scheitern sollte, dann kann man wohl davon ausgehen, dass das Interesse an diesem Buch doch nicht so groß
ist wie ich dachte. Was ja auch eine Erkenntnis ist. Falls das Crowdfunding klappt, dann geht es umgehend ans Schreiben. Ich hoffe, dass das Buch dann bis Ende 2014 fertig ist. Wer jemals ein Buch gemacht hat, weiß allerdings, dass bei solchen Terminen immer der Wunsch der Vater des Gedankens ist.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass Journalismus alles mögliche ist. Nur nicht tot.

>>>> Hier Universalcode 2 bei Krautreporter unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren: