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Kopieren kapieren (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Der Titel dieses Beitrags ist mehr als ein schönes Wortspiel. „Kopieren kapieren“ ist die semantische Übertragung eines musikalischen Phänomens, das die Popkultur seit einigen Monaten auf erstaunliche Weise beschäftigt: Interpolation – der sich Arte hier, Deutschlandfunkkultur hier und der unbedingt empfehlenswerte Podcast „Switched on Pop“ hier gewidmet haben. (Symbolbild: Unsplash)

Dabei handelt es sich um eine besonders interessante Spielart der Kopier- und Referenzkultur. Anders als bei einem Sample, bei dem eine Sequenz eins-zu-eins aus der Original-Aufnahme kopiert wird, wird bei der Interpolation die Vorlage nachgespielt – meist mit einer kleinen Abwandlung. Zum Beispiel durch den Tausch eines Vokals direkt nach dem ersten Buchstaben: „Kopieren kapieren“ ist aber nicht nur Symbol für eine der jüngsten Spielarten der Referenzkultur, es ist auch der Imperativ der digitalen Gegenwart.

Durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie wurden erst die Daten von ihrem Träger gelöst und anschließend das vormals passive Publikum durch die Demokratisierung der Publikationsmittel zu aktiven Teilnehmer:innen an jener segmentierten Gesamtheit, die wir als Öffentlichkeit kannten. Wer sich für Kommunikation und die grundlegenden Veränderungen der strukturgewandelten Öffentlichkeit(en) interessiert, muss sich mit dem Phänomen der Kopie befassen – und zwar auf eine Art und Weise, die über klischeehafte Abwertung der vermeintlich minderwertigen Tätigkeit hinaus geht. Kopieren ist zur zentralen Kulturtechnik der Gegenwart geworden – allerdings ohne, dass der allgemeine Diskurs dazu mitgekommen wäre bzw. Einigkeit oder Wissen über die dazu notwendigen Fähigkeiten bestehen würde. Deshalb ist „Kopieren kapieren“ Angebot und Appell zugleich.

Die Forscher David und Diana Zulli beschreiben in ihrer Analyse „Extending the Internet meme: Conceptualizing technological mimesis and imitation publics on the TikTok platform“ das Kopieren als zentrale kulturelle Praxis auf der Plattform Tiktok. Diese von der chinesischen Firma Byte-Dance betriebene Plattform ist das jüngste und äußerst populäre Beispiel für die Kopierkultur der Gegenwart. Die Washington Post analysierte dieser Tage:

TikTok’s website was visited last year more often than Google. No app has grown faster past a billion users, and more than 100 million of them are in the United States, roughly a third of the country. The average American viewer watches TikTok for 80 minutes a day — more than the time spent on Facebook and Instagram, combined.

Tiktok erschafft etwas, was Zulli und Zulli „imitation publics“ nennen und der Begriff beschreibt ganz gut, welche kommunikationswissenschaftlichen und soziologischen Schlüsse ich aus der Kopierkultur des digitalen Zeitalters ziehen würde. Deshalb hier – völlig unabhängig vom aktuellen Erfolg von Tiktok und dessen geopolitischer Bewertung – die fünf Aspekte dessen, was hinter dem Hype steckt.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit der Remix- und Referenzkultur des Digitalen befasse.

Fünf grundlegenden Entwicklungen, die begründen, weshalb man kopieren kapieren sollte:

1. Ohne Aufmerksamkeit ist alles nichts

Wie sich das Verhältnis von Aufmerksamkeit zu Inhalt verändert hat, lässt sich kaum besser illustrieren als mit dem Zitat des DJ-Duos „Partyshirt“, die über peinliche Situationen das hier gesagt haben: “Everything’s cringey until it gets views” Früher ging man davon aus, dass Dinge so lange nicht cringey (peinlich) sind wie sie nicht gesehen werden. Es gehört zur besonderen Logik digitaler Öffentlichkeit(en), dass sich dieses Verhältnis heute gedreht hat – wie auch das Zusammenspiel von Inhalt zu Aufmerksamkeit. Diese hat sich nicht geändert, sie trifft aber heute auf so viel mehr Inhalt, dass sie die wichtigere, weil wertvollere Währung geworden ist. Sie ist die Voraussetzung für jegliche Form öffentlichen Erfolgs. In Abwandlung des Partyshirt-Zitats könnte man sagen: „Alles bleibt ein Tagebuch, solange es nicht gesehen wird.“

2. Der Werk wird wertvoll durchs Netzwerk

Das veröffenltichte Werk, auch das ist für werkschaffende Künstler:innen nicht ganz leicht, gewinnt seinen Wert erst durch das Netzwerk seiner Nutzung. Nicht nur die Aufmerksamkeit, auch die weitergehende Interaktion machen die Öffentlichkeit aus. Durch das Netzwerk Internet, in dem viele miteinander verbunden sind, ist der öffentliche Raum tatsächlich ein Raum geworden – nicht mehr nur eine Rampe, über die Künstler:innen, Journalist:innen und Medien ihre Inhalte abwerfen. Der öffentliche Raum basiert auf Interaktion und Wertschätzung sowie Wertschöpfung entstehen hier durch Vernetzung. Anders formuliert: der Content (über den sich Künstler:innen definieren) braucht den Kontext (der zu weiten Teilen den Plattformen überlassen wird) um Wirkung zu erzeugen.

3. Alle sind keine Zielgruppe

Wirkung ensteht nicht mehr vor einer Hauptbühne, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Digitale Öffentlichkeiten definieren sich stattdessen an einer Entwicklung, die manb „Das Ende des Durchschnitts“ nennen könnte und segmentieren Aufmerksamkeit auf viele Nebenbühnen. Wer Wirkung erzeugen will, muss sich auf Nebenbühnen konzentrieren statt eine Hauptbühne zu suchen. Aus der Welt der Massenkultur ist eine Welt der massenhaften Nischen geworden – diese zu bespielen, ist die Voraussetzung für öffentlichen Erfolg. Gerade dann wenn man „alle“ erreichen will. Damit dies gelingt, muss man mit den Zielgruppen beginnen, die man erreichen kann.

4. Der Werk ist ein Werkstoff, der bearbeitet wird

Die Idee des einen Publikums ist ebenso überholt wie die Idee des einen abgeschlossenen Werks. Digitale Produkte sind Prozesse, niemals fertig. Sie werden zu Werkstoffen, die in Form von Remix, Interpolation oder Cover weiterverarbeitet werden. Dieses RIC erweitert den Aufnahmeknopf des 20. Jahrhunderts (REC). Referenziert zu werden ist dabei kein Diebstahl am Original, sondern hilft diesem am Leben zu bleiben. In der „Switched on Pop“-Folge lernen wir, dass Rechteinhaber:innen extra Referenz- und Kopier-Angebote machen, um ihre Werke in der Öffentlichkeit zu halten.

5. Der Zauber des Unkopierbaren entsteht in der Vernetzung

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem großen Moment und einer nachhaltigen Karriere“, sagt der Musikexperte Larry Miller (Professor und Host von Musonomics) in dieser Folge des vergecast über die Zukunft der Musikindustrie. Plattformen seien gut darin, große Momente zu schaffen und singuläre Inhalte viral gehen zu lassen. Nachhaltige Karrieren hingegen sieht er bei Plattenlabels eingelöst. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist jedoch, dass für diese Karrieren eines unerlässlich ist: die Verbindung von Star und Publikum, die Vernetzung von Künstler:innen und Zuschauer:in. Dieses Verhältnis sorgt nicht nur dafür, unkopierbare Erlebnisse (z.B. auch im Metaverse) entstehen zu lassen. Diese Verbindung bildet auch die Grundlage für den ersten Punkt dieser Liste: Sie schafft Aufmerksamkeit.

Wer kopieren-kapieren.de möchte, kann auch mal in diese Bücher schauen:

Kontext ist alles: Für sein Currency-Experiment zerstört Damien Hirst seine Kunstwerke

Die Referenz vorweg.

Wenn der britische Künstler Damien Hirst im September Kunstwerke seines Projekts „The Currency“ in seiner Galerie in London zerstören wird, wird in jedem Fall ein Hauch von The KLF in der verrauchten Luft hängen. Am 23. August 1994 wurden nämlich schon mal Werte im Sinne der Kunst zerstört: Bill Drummond und Jimmy Cauty verbrannten eine Million Pfund, die Einnahmen, die sie mit ihrer Band The KLF erwirtschaftet hatten – im Rahmen einer Kunstaktion, die bis heute einmalig ist.

Hirst lehnt sich nun an die unerreichten Pop-Prankster Cauty und Drummond an, indem er sich der Kunst als Währung nähert. Vor einem Jahr hat er ein Experiment angekündigt, das mit realen Kunstwerken und deren digitalen Beipackzetteln spielt. The Currency ist ein Kunst-NFT-Test: Hirst hatte im Jahr 2016 10.000 einzigartig gepunktete Ölgemäde erstellt und diese mit NFTs verbunden. Hirst gab seinem Publikum die Möglichkeit, für je 2000 Dollar ein NFT zu jedem Kunstwerk zu erwerben. Anschließend hatten sie die Gelegenheit, dieses NFT gegen das reale Gemälde zu tauschen. Die Herausforderung: Hirst verlangt eine entweder-oder-Entscheidung.

Die Käufer:innen können also entweder das NFT behalten oder das reale Kunstwerk – denn Hirst wird das jeweilige Gegenstück im September zerstören. Heute ist die Tauschfirst abgelaufen, wie man auf der Website der Firma Henni sehen kann, für die das Projekt nebenbei auch Werbung macht:

CHOOSE YOUR CURRENCY
DECIDE BETWEEN THE DIGITAL NFT OR THE PHYSICAL ARTWORK

Each of the 10,000 unique NFTs corresponds to an original work on paper by Damien Hirst. The collector has to decide between the digital NFT or the physical artwork, but can not keep both. This exchange is a one-way process, so choose carefully.

You have until 3pm British Summer Time, 27th July 2022 to decide to keep either the digital NFT or the physical artwork. If you have not exchanged your NFT in that period, then the physical artwork will be destroyed. Similarly, if you have exchanged it in that period, the NFT will have been burned.

Vor einem Jahr hatte Hirst in diesem Interview seine Neugier beschrieben, die ihn zu dem Experiment brachte: Was wird das Publikum bevorzugen? Die NFTs oder die Gemälde?

Jetzt ist das Ergebnis da (das reale Kunstwerk hat knapp vor dem NFT gewonnen: 5,149 Gemälde zu 4,851 NFT) – und man kann daran illustrieren wie Wertzuschreibung (nicht nur) in der Kunst funktioniert: über Kontext. Dass Menschen vor die Mona Lisa im Louvre treten, liegt weniger an dem Gemälde in Paris als an der Tatsache, dass Menschen vor die Mona Lisa treten. Wertzuschreibung ist soziale Konstruktion. Ich habe das hier schon mal am Beispiel von Paolo Veronese und seiner Hochzeit von Kanaa illustriert. NFTs legen offen, was ich im Lob der Kopie beschrieben habe: Original und Kopie sind keine objektiven Kriterien, sondern Zuschreibungen und soziale Konstruktion.

Das aktuelle Hirst-Experiment illustriert darüber hinaus aber einen Aspekt, der in den Debatten um die so genannten Cancel Culture häufiger aufkommt: die Verknappung des Zugangs als Aufmerksamkeitstreiber. Bei der angeblichen Cancel Culture funktioniert dieses Prinzip über das Muster „etwas soll (vermeintlich) verboten werden und bekommt deshalb extra viel Aufmerksamkeit“, bei Hirst entsteht der Wertzuwachs genau dadurch, dass er Teile der Kunst tatsächlich zerstört.

Ich interessiere mich seit vielen Jahren fürs Kopieren als Kulturtechnik – und habe deshalb 2011 das Buch „Mashup – Lob der Kopie“ zum Thema geschrieben.

In Kategorie: DVG

Ende des Durchschnitts: Spotify „Only You“ als Symbol der Digitalisierung

Keine Ahnung, ob es wirklich keine:n Spotify-Nutzer:in da draußen gibt, die „Nur Idioten hier“ von Moritz Krämer und Francesco Wilking morgens hört. Ich jedenfalls mag den Song und höre ihn auch morgens – auf Spotify. Der Streaming-Dienst hat mich jetzt mit seinem Only-You-Feature darauf aufmerksam gemacht, dass ich damit offenbar sehr allein einzigartig bin.

Vergleichbar mit dem jährlichen Rückblick-Feature „Wrapped“ analysiert Spotify dabei die Hörgewohnheiten und entwickelt daraus individualisierte Playlists. Neu ist jedoch, dass es nicht ausschließlich um den Content, sondern vor allem auch um den Kontext geht – also nicht nur um die Frage, was ich höre, sondern wann und wie. Diese Informationen bilden die Voraussetzung für weitere Feature, die in Planung sind: Blend (aktuell in der Beta-Phase) soll es in der mobilen Nutzung ermöglichen, gemeinsame Playlists zu erstellen, die wie digitale Mixtapes funktionieren.

Kassettenmädchen und Kassettenjungs überall auf der Welt können hier erkennen, wie digitaler Fortschritt funktioniert. Daten sind von ihrem Träger gelöst (Symbolbild: unsplash) und beweglich geworden. Musik wird so zum Symbol für den Prozess, den wir Digitalisierung nennen: Kultur wird zu Software.

978-3-95757-246-2-x160xx400x-1466586213 Felix Stalder definiert diese drei Aspekte als Beweis für die Kultur der Digitalität: Gemeinschaftlichkeit, Referenzialtität und Algorithmizität. Alles drei kann man am Umgang des Streaming-Dienstes mit Musik wunderbar analysieren. Am offensichtlichsten an der Art, wie Spotify mit Meta-Daten die Musiknutzung verbessert, ist aber der Prozess, den ich „Das Ende des Durchschnitts“ nenne.

Zu Nick Hornbys Zeiten war die Idee des perfekten Mixtapes stets an eine nicht benannte Allgemeinheit adressiert: der kompilierende Pop-Nerd (bewusst nicht gegendert) fügte Lieder auf einer Kassette zusammen, die in der Mischung dann Bedeutung für andere haben sollte (ein zentraler Punkt im Erleben des eher einsamen Nerds war die Eroberung weiblicher Liebe in einer heteronormativen Beziehung). Bei den individualisierten Playlists digitaler Dienste geht es vor allem um den Bezug zu mir: „Only You“ stellt meine (vermeintliche) Einzigartigkeit heraus, die ich dann leicht teilbar anderen zeigen kann.

mashup Diese Entwicklung kann man beklagen oder zunächst mal zur Kenntnis nehmen: die Zeiten ändern sich. Darin steckt ein gesellschaftlicher und ein digitaler Aspekt. Mich interessiert hier vor allem der digitale: Am Umgang mit der Musik lässt sich sehr schön sehen, was die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie für Folgen haben kann. In meinem Buch „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ habe ich die Veränderungen für unsere Idee von allgemeiner Öffentlichkeit (das eine Mixtape) zu beschreiben versucht – und mit dem damaligen Deutschland-Chef von Spotify über die Entwicklung der Streamingplattform gesprochen. Vieles von dem, was in dem Buch als abstrakte Entwicklung besprochen wird, lässt sich an den konkreten Angeboten von Spotify jetzt erkennen.

Diesen langfristigen Trend der Digitalisierung finde ich viel spannender als die kurzfristige Bewertung von Schlaglichtern im Web. Die kulturpessimistische Klage „Nur Idioten hier“ mag ich wenn überhaupt als Song von Francesco Wilking und Moritz Krämer – übrigens nicht nur morgens.

Shruggie des Monats: NFTs und die Hochzeit von Kana

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich liebe NFTs. Ich bin regelrecht begeistert von der Idee der so genannten non-fungible token, die gerade als Hype durch die digitale Kunstwelt geistern. In der Welt der digitalen Kopie, in der dauernd Daten dupliziert werden, versprechen NFTs etwas Einzigartiges: Unkopierbarkeit!

NFTs sind nicht tauschbare Bestandteile eines so genannten Tokens, der in der Blockchain gespeichert und über Plattformen wie SuperRare, Nifty Gateway, OpenSea und Makersplace als Zuschreibung von Kunstwerken gehandelt werden kann. Sie wollen digitale Einzigartigkeit erzeugen und versprechen, Eigentum über digitale Daten zu beanspruchen. Aus diesem Anspruch kann man anders als bei physischen Gütern keine Rechte und schon gar keine Exklusivität ableiten, aber man kann die Zuschreibung in der Blockchain festhalten. Sehr vereinfacht kann man sagen: ein NFT ist der einzigartige Beipackzettel zu einem digitalen File, der unveränderbar sagt: „dieses File soll ab sofort jener Person gehören“.

Menschen sind bereit, für diesen Vorgang, sehr hohe Summen zu zahlen. Sie können dann mit Hilfe des NFT-Beipackzettels behaupten, Eigentümer eines Tweets oder eines digitalen Kunstwerks wie eines Gifs zus ein. Die digitalen Dokumente selbst bleiben davon unberührt, können also weiter kopiert und verändert werden, die NFTs sagen aber: Für diese Pixel gibt es jemanden, die/der Eigentums-Ansprüche anmelden möchte.

Zwei bedeutsame Hype-Treiber sorgen dafür, dass die digitalen Originalitäts-Zettelchen und das damit verbundene Besitzdenken gerade Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Neuheit und viel Geld! NFTs basieren erstens auf der Kryptogeld-Idee, weshalb sie für manche nicht sofort vollumfänglich verständlich aber in jedem Fall neu sind. Die digitalen Zuschreibungen sind aber zweitens selbst Bestandteil einer hypestimulierenden Zuschreibung: Es werden hohe Summen gezahlt. „69 Millionen US-Dollar“ brüllte es in den vergangenen Tagen von zahlreichen Websites. Diese Summe wurde im Auktionshaus Christies für das Kunstwerk „Everydays: The First 5000 Days“ erlöst. Der als Beeple bekannte Künstler Mike Winkelmann hatte dafür ab 1. Mai 2007 jeden Tag ein digitales Kunstwerk online gestellt und daraus ein 21.069 × 21.069 Pixel großes Werk geschaffen, dessen Beipackzettel Christies nun versteigert hat.

Dass ich NFTs liebe und sie in dieser Rubrik als Shruggie des Monats ehren will, hat aber nichts mit der durchaus spannenden Referenz- und Remix-Kunst von Beeple oder gar mit dem Hype um Blockchains und Elon Musk zu tun, sondern mit dem Prinzip der Zuschreibung: NFTs bringen auf den Punkt, was ich vor ein paar Jahren in Mashup zu beschreiben versuchte: Original und Kopie sind keine objektiven Eigenschaften, die am Werk hängen. Original und Kopie sind soziale Konstruktionen, die erst durch die Rezeption des Werks entstehen!

Das Buch, in dem ich mich mit der digitalen Kopie und ihren tiefgreifenden Konsequenzen für Kunst und Kultur befasste, heißt Mashup – Lob der Kopie und ist vor zehn Jahren bei Suhrkamp erschienen. Neben dem Hinweis auf die Relevanz der Referenz für unsere Idee von Kunst und Kultur (Lob der Kopie!) enthält das Buch vor allem eine Annährung an die Frage, was wir in der Welt der dauernden Duplizierbarkeit eigentlich noch für Original halten wollen.

Besonders anschaulich kann man dies an Paolo Veronese illustrieren, der eine Art Beeples des 16. Jahrhundert war: ein weltbekannter Künstler, der die biblische Geschichte in Szene setzte, in der Jesus Wasser zu Wein verwandelt. Die Hochzeit von Kana (die oben am Kopf der Seite zu sehen ist) ist nicht nur wegen ihre Entstehung ein interessantes Gemälde, vor allem ihre Rezeption legt erstaunliche Prozesse offen, die mich sehr an NFTs erinnern. In Mashup heißt es:

Das Besondere an dem Gemälde, das heute im Pariser Louvre hängt, ist die Form des – heute würde man sagen – Samplens und Remixens, die Veronese angewandt hat. Auf dem fast zehn Meter breiten Bild sind inmitten der Hochzeitsgesellschaft auch drei Musiker mit Streichinstrumenten zu sehen. Es wird spekuliert, dass es sich bei den Männern um Veronese selbst sowie die Maler Tizian und Tintoretto handelt. Dieser Verdacht stützt sich unter anderem auf die Tatsache, dass Veronese seinen Bruder ebenfalls auf dem Gemälde verewigt hat. Aber nicht nur der Inhalt, vor allem die Verbreitungsgeschichte der »Hochzeit von Kana« ist im Hinblick auf die Diskussion um Original und Kopie aufschlussreich: Das Gemälde wurde nämlich im Jahr 1797 von napoleonischen Truppen zusammen mit Werken von Giovanni Bellini, Tizian und anderen geraubt und nach Paris geschafft. 210 Jahre später, am 11. September 2007, feierte die Stadt Venedig im ehemaligen Benediktinerkloster San Giorgio Maggiore die Rückkehr des Bildes – allerdings in Form einer Kopie, die eine Madrider Firma aufwendig produziert hatte. Der italienische Kunstexperte Salvatore Settis stellte dabei in seiner Eröffnungsansprache die These auf, die nun nach Venedig heimgekehrte Kopie sei in Wahrheit das Original.

Selbstverständlich spricht die Kunstwelt bei dem Gemälde, das nun in Venedig gezeigt wird, nicht von einer Kopie, sondern von einem Faksimile. Das ändert aber nichts an dem Prinzip der sozialen Zuschreibung, die bei Beeples wie bei Veronese deutlich wird: Ob etwas als Original oder als Kopie angesehen wird, hat weniger mit dem Werk selbst als viel mehr mit der Wahrnehmung zu tun. NFTs legen diesen Prozess der Zuschreibung auf wunderbare Weise offen.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Meme-Kultur und das Memo-Monster aus dem Weißen Haus

Ein Mann steht im Garten des Weißen Hauses und erzählt in eine Kamera was er offenbar für eine herausragende Leistung hält: dass er fünf Begriffe in der richtigen Reihenfolge aufsagen kann. Dass ihm dies auch nach einigen Minuten noch gelingt, erfüllt ihn erkennbar mit Stolz. Die Begriffe scheinen aus der ersten Lektion eines Englischbuchs zu stammen. Sie lauten „Person, woman, man, camera, TV“. Seit dieser Woche sind sie, aber nur in dieser Reihenfolge, ins webweite Vokabular der Popkultur übergegangen. Denn der Mann, der hier mit schulkindlicher Freude wieder und wieder „Person, Frau, Mann, Kamera, Fernsehen“ sagt, bekleidet ein Amt, an dem seit Jahren der Zusatz „der wichtigste Mann der Welt“ klebt. Seit dieser Woche klebt an Donald Trump die Aufzählung aus einem kognitiven Test, mit dessen Ergebnissen sich Trump selbst so beeindruckt hat, dass er in zahlreichen Interviews davon spricht.

Innerhalb von Minuten wurde Trumps Auftritt zum Rohmaterial für die Webverarbeitungsmaschine, die seit Jahren Limor Shifmans These bestätigt: „Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“: Tiktok-Parodistin Sarah Cooper, die seit ein paar Wochen mit dem lippensynchronen Nachsprechen präsidialer Merkwürdigkeiten zum bekanntesten Internet-Star des Jahres 2020 aufsteigt, zählt konzentriert und äußert humorvoll „Person, woman, man, camera, TV“. Und der britische Musikproduzent Brett Ewels erkennt als erster: In der Aufzählung steckt in Wahrheit die Reinkarnation eines Dancesongs aus dem Jahr 2001. Damals stand ein anderer Mann im Weißen Haus und hielt sich für herausragend. Als George W. Bush amerikanischer Präsident war, veröffentlichten Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo den Song „Harder, Better, Faster, Stronger“. Brett Ewels, der unter dem Namen LouisLaRoche selbst Musik macht, fügte diesen „Daft Punk“-Track nun mit den Worten des aktuellen US-Präsidenten zu einem Mashup zusammen. Das allein ist keine Meldung mehr wert, das ist Tagesgeschäft in der memifizierten Gegenwart.

Genau dadurch eröffnet es aber den Blick auf die Frage: Was unterscheidet ein gutes Mashup eigentlich von einem mäßigen?

In der Frühphase der memetischen Gegenwartskultur galt dafür stets nur ein Kriterium: Klicks und vermeintliche Reichweite. Im Fall von Brett Ewels ist dies nur ein unzureichender Maßstab, denn nach Likes und Views ist „Harder, Woman, Faster, Camera“ eher eine seltene B-Seite in der Popkultur des Web. Doch genau wie diese Fundstücke der Plattenkultur erschließt sich auch beim präsidialen Memo-Mashup der Wert erst beim genauen Hinsehenhören: „Harder, Stronger, Faster, Louder“ selbst ist nicht nur der musikalisch schönste Ausdruck der kompetitiven „schneller, größer, weiter“-Kultur, für die Trump steht und die ihn überhaupt dazu bringt, mit einer simplen Erinnerungsaufgabe angeben zu wollen. Ausgerechnet diese Begriffe zu referenzieren, ist also mehr als eine nur versteckte Botschaft, es ist, um es mit den Worten des Memo-Monsters aus dem Weißen Haus zu sagen: „amazing“. Denn der Song ist selbst schon so oft geremixt, adaptiert und referentiert worden, dass der US-amerikanische Musikkritiker Daniel Jaekins unlängst urteilte, ihm falle kaum ein Dancetrack ein, “der vergleichbar populär und einflussreich für die moderne elektronische Musik gewesen sei.“. Man kann also sagen: Ausgerechnet mit einem solch wuchtigen Song den mächtigsten Mann der Welt auszuhebeln, ist durchaus bemerkenswert.

Erscheint im September: ein neues Sachbuch über die Muster digitaler Kommunikation.

Dass Brett Ewels seinen YouTube-Clip mit den Worten kommentierte: “I made this in 30 minutes. I’m proud of my work“ ist genau in diesem Sinn zu verstehen: als eine wundervolle referenzbeladene Antwort auf die Angeberkultur aus dem Weißen Haus.

Mehr zum Thema:
> Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: Wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern
> Boss Baby: Deepfake Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des US-Präsidenten
> Lob der Kopie: Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Zehn (digitale) Dinge, die ich in den Zehnern gelernt habe (Digitale Januar Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Eine Liste! Natürlich muss ein Text über die Erkenntnisse der Zehnerjahre dieses Format nutzen. Denn die vergangene Dekade war geprägt von den Listicles genannten Aufzählungen, die erst viel Freude – und dann Clickbait den Boden bereiteten. Diese nun folgende Liste will einen digitalen Zwischenstand (Foto: Unsplash) zusammenfassen: Zehn Dinge, die ich glaube verstanden zu haben im vergangenen Jahrzehnt – über das Internet und den digitalen Wandel. Und wie die Form ist auch der Inhalt geprägt von seiner Zeit: Denn keiner der folgenden Punkte will abschließende Wahrheit für sich beanspruchen. Die Punkte basieren im Gegenteil auf der prozesshaften Grundhaltung, am Wahrheiten zu sein, also in Bewegung und offen für Veränderung.

1. Es spielt eine Rolle, was Du tust
2. Transformation ist weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Frage
3. Das Internet (und seine Folgen) geht nicht mehr weg
4. Veränderung ist nicht nur möglich, sondern beständig
5. Wir stecken mitten in einem wuchtigen Generationenkonflikt
6. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung der Gegenwart
7. Kontext schlägt Content: Meta-Daten sind die unterschätzten Treiber des Jahrzehnts
8. Der Durchschnitt als dominantes Prinzip verliert an Bedeutung
9. Ohne digitale Kopie keine Digitalisierung
10. Das Gegenteil könnte stimmen

1. Es spielt eine Rolle, was Du tust

Die Nacht auf den 23. Juli 2016 war in München geprägt von Angst und Panik. Das lag zum einen an dem – wie wir heute wissen – rechtsradikalen Terroranschlag am Olympia-Einkaufzentrum. Es lag aber vor allem daran, dass die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung in dieser Nacht zu einem Panik-Beschleuniger wurden: Timeline der Panik heißt die #langstrecke-Rekonstruktion der Kolleg*innen, die nachzeichnet, wie Gerüchte und Halbwahrheiten sich durch die Stadt gefressen haben. Man kann eine Menge aus dieser Nacht lernen (gemeinsam mit Manuel Kostrzynski und Heiko Bielinski haben wir deshalb die Medienkompetenz-Schulung gegen-die-panik.de ins Netz gestellt), aber vor allem dies: Es spielt eine Rolle, was Du tust. Du kannst Einfluss darauf nehmen, ob Gerüchte sich verbreiten. Die Art wie du dich in Dark-Social-Gruppen verhältst, hat Folgen. Dein Beitrag ist wichtig! Der New York Times Kolumnist Farhad Manjoo hat dies so zusammengefasst: „Die Lehre der vergangenen Dekade lautet, dass unsere privaten Entscheidungen über Technologie Geschäftsmodelle und Gesellschaften verändern können. Sie spielen eine Rolle.“

Diese Erkenntnis hat deshalb Bedeutung weil sie nicht nur in digitalen Ökosystemen gilt. Greta Thunberg und die ebenfalls durchs Digitale beschleunigte Fridays-for-Future-Bewegung haben gezeigt, dass dies auch für andere Politik-Bereiche gilt. Die größte Gefahr der Zehnerjahre scheint es mir deshalb zu sein, sich Machtlosigkeit einreden zu lassen: Mag die Aufgabe auch noch so groß oder noch so komplex sein: Lass Dir nicht einreden, dass Du zu klein bist, um Dich damit zu befassen!

2. Transformation ist weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Frage

Am Anfang der Zehnerjahre dachte ich bei der digitalen Transformation ginge es vor allem um technische Fragen. Die folgenden Punkte handeln auch genau davon: wie die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ganze Branchen verändert, wie Kultur zu Software wird und wie die Öffentlichkeit sich segmentiert. Dahinter stecken tiefgreifende Transformationen, die bei weitem noch nicht abgeschlossen sind. Aber vor diesen eher technischen Aspekten steht die kulturelle Frage: Wie gehst du mit dem Neuen um? Bist du offen für Veränderung?

Denn alle technische Innovation bleibt so lange wertlos, wie sie auf kulturelle Widerstände trifft. Die Verteidigungs- und Verweigerungskräfte sind dort besonders ausgeprägt, wo die Frage „Kann es (noch) besser werden?“ beständigt verneint wird. Digitales Denken zeichnet sich meiner Einschätzung nach deshalb auch weniger einzig durch das technische Verständnis als vielmehr durch die Bereitschaft zur Verständigung und zur Veränderung aus. Dazu zählt die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive des und der anderen wahrzunehmen: ¯\_(ツ)_/¯

3. Das Internet (und seine Folgen) geht nicht mehr weg

„Die Unterscheidung zwischen einer irgendwie echten analogen Welt auf der einen Seite und einer irgendwie neuen digitalen Welt auf der anderen Seite hat sich aufgelöst. Anders formuliert: Die Mitte der Gesellschaft bemerkt gerade, dass sie sich vielleicht anders mit dem Internet befassen sollte.“ Diese Sätze habe ich erst am Ende der Dekade in die SZ geschrieben – nachdem ein junger Digitalpublizist (in Medien oft noch als YouTuber beschrieben) mit einem ernorm reichweitenstarken Video gezeigt hatte, dass sich #diesejungeleute mehr für Politik interessieren als die etablierten Generationen erwartet hatten. Doch das Erstaunen war noch größer weil der Generationenkonflikt auch greifbare Ergebnisse bei der Europawahl produzierte und damit auch den Skeptiker*innen zeigte: Das Internet ist nichts, was man der Gesellschaft optional hinzufügen kann, es ist die Gesellschaft. Denn das heißt auch: Wer sich nicht für das Internet interessiert, verliert den Anschluss an die Gegenwart – und an gegenwärtige Gesellschaft.

Nicht wenige Menschen reagieren darauf mit Angst und Ablehnung. Der Economist diagnostiziert „eine Orgie der Nostalgie“, die nicht nur den Westen erfasst hat und die sich auch darin ausdrückt, dass Menschen ständig Sorgen aussprechen, statt Hoffnungen zu formulieren. Wer jedoch hoffnungsvoll auf Veränderungen blickt, kann eine Fähigkeit trainieren, die man mit Robert Musil als „Möglichkeitssinn“ beschreiben könnte.

4. Veränderung ist nicht nur möglich, sondern beständig

Die Welt verändert verbessert sich schneller als vielen es bewusst ist. Gerade darin begründet sich ja die Angst derjenigen, die spüren, dass ihr Wissen an Bedeutung verliert. Der Bildungsforscher Andreas Schleicher formuliert den Wandel so: „Kompetenz ist die wichtigste Währung des 21. Jahrhunderts. Aber es ist eine Währung mit einem hohen Grad an Inflation.“ Der Inflationsprozess verläuft für ihn so: „Ich nutze meine Kompetenzen nicht. Die Welt verändert sich. Ich kann im Grunde jeden Tag weniger.“ (zitiert nach „Das Pragmatismus-Prinzip“)

Denkt man diesen Wandel zusammen mit dem oben erwähnten Generationenkonflikt ist man mitten drin in der zentralen Herausforderung dieser (und der kommenden Dekade): Autorität muss sich neu begründen. Lebensalter alleine ist in einer Zeit, die durch lebenslanges Lernen geprägt ist, keine Autoritätsbegründung mehr. Es geht vielmehr darum, wie man beständig mit dem Neuen und Verstörenden umgeht, ohne das Lernen nun mal nicht auskommt. Auf diese Überforderung gibt es zwei Reaktionsmuster: Man kann sich auf die vermeintlich bessere Vergangenheit und dort vermutete einfache Antworten zurückziehen (Früher weiß alles besser) oder man kann versuchen, eine Fähigkeit zu erlernen, die Christoph Kucklick „Überforderungsbewältigungskompetenz“ nennt und die ich dem Shruggie zugeschrieben habe: ein gestaltendes Schulterzucken.

5. Wir stecken mitten in einem wuchtigen Generationenkonflikt

Am Beginn der Dekade war oft die Rede vom digitalen Graben, der die Gesellschaft trennt. Mittlerweile hat er sich zu einem riesigen Problem ausgewachsen – wie sich in diesem Jahr an der Klimadebatte und an der Auseinandersetzung ums Urheberrecht gezeigt hat. Der Konflikt zwischen denen, die bewahren und jenen, die gestalten wollen, also „zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.“

Ich glaube wir erleben gerade den Anfang dieser Auseinandersetzungen (mit Umweltsau und Ok Boomer) und daraus erwächst eine Herausforderung, die für das gesamte digitale Ökosystem gilt: Wir sollten weniger Recht haben müssen. Anders formuliert: Medienkompetenz ist immer auch Streitkompetenz – und damit die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive eines anderen zu betrachten.

6. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung der Gegenwart

„In einer Welt voller Informationen bedeutet diese Fülle zugleich einen Mangel an etwas anderem: eine Knappheit von dem, was Informationen verbrauchen. Was das ist, liegt auf der Hand: Informationen verbrauchen die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger. Folglich erzeugt ein Reichtum an Informationen eine Armut an Aufmerksamkeit.“ Dieses Zitat stammt aus dem Jahr 1972 vom Sozialwissenschaftler Herbert Simon. Und es beschreibt das Verhältnis von Information und Aufmerksamkeit in einem Zeitalter, in dem Publikationsmittel demokratisiert werden. Jede und jeder kann publizieren. Die spannende Frage ist heute nicht mehr, wer sich öffentlich äußert, sondern wer gehört wird. Und damit kommen wir zum ersten Punkt der Liste zurück und zu der ganz persönlichen Frage: Wem schenkst du Aufmerksamkeit?

Diese Dekade hat uns vor Augen geführt, dass in der Antwort auf diese Frage eine politische Ebene stecken kann – das gilt für den Umgang mit weltweitem Terror und für die Debatte um Ok Boomer. Wer auf diese Weise auf das Zusammenspiel von Information und Aufmerksamkeit blickt, kommt nicht umhin festzustellen:

7. Kontext schlägt Content: Meta-Daten sind die unterschätzten Treiber des Jahrzehnts

Wir haben bei der Betrachtung der digitalen Kopie in den Zehnerjahren einen Fehler gemacht. Wir haben stets auf den Inhalt geschaut und gedacht, die Kopie sei ein Raub am Original. Wir hätten vielmehr und viel früher den Blick auf das richten sollen, was beim Kopieren neu entsteht: die Metadaten. Dann hätten wir erkannt: „Die Kopie raubt nicht Content, sie produziert: Kontext!“ (zitiert nach Meta!)

Die Beziehung von Inhaltsdaten zueinander kann wertvoller sein als die Inhaltsdaten selber – das hat nicht zuletzt Edward Snowden mit seinen Enthüllungen der Welt vor Augen geführt. Auf dieser Beobachtung basiert aber auch der Plattform-Kapitalismus, der diese Dekade geprägt hat. Sie erklärt, warum Kontext-Anbieter mächtiger geworden sind als Inhalte-Anbieter.

8. Der Durchschnitt als dominantes Prinzip verliert an Bedeutung

Die Macht des Kontext greift auch ein Konzept an, das Chris Anderson mal als „Diktat des kleinsten gemeinsamen Nenners“ beschrieben hat: die Mainstream- oder Durchschnittskultur, die auf dem Prinzip „Ein Sender – eine Botschaft – viele Empfänger“ basiert. Diese Form der Massenkultur hat das 20. Jahrhundert geprägt. Das 21. Jahrhundert hingegen ist von einer massenhaften Nischenkultur geprägt, die eine Segmentierung der Öffentlichkeit nach sich zieht: Ich nenne es „Das Ende des Durchschnitts„, denn eben durch Metadaten können nicht nur Botschaft nach Empfänger gefiltert werden, sie werden zum Teil auch erst durch die Metadaten des Empfängers geschaffen.

Spotify zeigt mit seinem Daily Drive genannten Versuch, Musik und Wortbeiträge auf die Interessen der Hörer*innen zuzuschneiden, wie sich die Idee des „Beste Hits“-Radios in Zukunft verändern wird. Viele weitere Bereiche werden von dieser Entwicklung betroffen sein, die in den vergangenen zehn Jahren ihren Anfang nahm.

9. Ohne digitale Kopie keine Digitalisierung

Ich nenne sie die historische Ungeheuerlichkeit und sehe in der Kopie die Grundlage für das, was wir digitale Transformation nennen. Die Möglichkeit, Inhalte identisch zu duplizieren, kann nicht hoch genug bewertet (ich würde sogar sagen gelobt) werden. Sie ist die Voraussetzung für die Versionierung von Inhalten (Kultur wird zur Software) und für den wachsenden Wert von Kontext. Meine Einschätzung ist: Wer die Kopie als Funktionsprinzip verstanden hat, erhält tieferen Einblick in die digitale Gegenwart. Denn die Kopie hat sich mittlerweile weit über das Ökosystem Internet hinaus bewegt und prägt die politische Kommunikation auf erstaunliche Weise. Limor Shifman spricht von der Memefizierung der Gegenwart und öffnet damit die Tür, um sowohl die kurzlebigen Hashtag-Debatten als auch die sehr grundlegenden Debatten-Trends zu verstehen.

Dass die Möglichkeit, nahezu kostenfrei Inhalte vom Träger zu lösen und zu vervielfältigen, auch ganze Geschäftsmodelle auf den Kopf stellt, kommt noch hinzu. Die Musik- und Medienbranche hat in den vergangenen zehn Jahren hier erstaunliche Wandlungen durchlaufen – und vieles spricht dafür, dass dies in den kommenden zehn Jahren weiter gehen wird. Eine der wenigen Konstanten, die ich dabei sehe: die Kopie wird nicht verschwinden.

10. Das Gegenteil könnte stimmen

Ich finde man kann keine glaubwürdige gegenwärtige Äußerung treffen, ohne deren Gegenteil mitzubedenken. Wer am Wahrheiten ist (s.o.), ist dies selbstverständlich gewöhnt, es lohnt sich aber immer wieder daran zu erinnern, dass das Gegenteil stimmen könnte. Kurt Tucholsky wird (vermutlich falscherweise) das Zitatz zugeschrieben, Toleranz sei der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte. In diesem Sinne tolerant zu bleiben, scheint mir eine Voraussetzung für die offenen Gesellschaft (natürlich mit dem Verweis auf Popper und die Grenzen der Toleranz). Auszuhalten, dass man nicht immer nur Recht haben muss, lässt sich etwas wissenschaftlicher mit den Begriff „Ambiguitätstoleranz“ zusammenfassen. Das bedeutet auch, dass man anerkennt, dass die Gegenwart widersprüchlich ist, dass man am Anspruch stets alles richtig machen zu wollen, scheitern muss.

In diesem Sinne ist auch diese Liste zu lesen, die sich ihrer eigenen Unzulänglichkeit bewusst ist. Details zu den Punkten findet man in den Büchern, die ich in den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht habe: „Mashup – Lob der Kopie“ (2011, Suhrkamp), „Eine neue Version ist verfügbar“ (2013, metrolit), „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ (2017, Matthes&Seitz), „Das Pragmatismus-Prinzip“ (2018, Piper), „Gebrauchsanweisung für das Internet“ (2018, Piper)

Dieser Text ist Teil meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. In diesem Jahr sind in diesem Newsletter folgende Texte erschienen:
> 12 Dinge, die erfolgreiche Tiktoker tun (Dezember)
> Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (November)
> 50 Dinge, die man zum 50. Geburtstag übers Internet wissen könnte (Oktober)
> Essen ist fertig – online (September)
> Handeln vs. Sein (August)
> #internetbriefmarke (Juli)
> Es bleibt was du tust (Juni)
> Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai)
> 70 Jahre Grundgesetz (April)
> Warum die Urheberechtsdebatte schon jetzt ein Fortschritt ist (März)
> Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Februar)
> Meinungsvirus: das bessere Bild für einen Shitstorm (Januar)

Was ich nach 24 Stunden TikTok gelernt habe (es waren fast 24 Stunden)

Hugh Gallagher hatte die Idee als erster. Das war 1990. Er schloss sich in einem Hotelzimmer in New York ein und schaute sieben Tage lang den Musiksender MTV an. Sein „Experiment in Terror“-Text erschien anschließend im Rolling Stone und ist jetzt im GenX-Reader von Douglas Rushkoff versteckt. Im Web kann man ihn leider nicht mehr lesen, anders als das Experiment 24 Stunden Fox News von Issac Chotiner oder Ein Tag Bayern 3 von Andreas Bernard.

Die wichtigste Erkenntnis dieser Texte lautet: Alles, was man zu lang macht, ist schlecht (im übrigen kein ganz schlechter Beitrag zur Medienkompetenz-Smartphone-Debatte). Die zweitwichtigste Erkenntnis ist: Das Web vergisst entgegen aller Behauptungen leider doch sehr viel. Denn ich bin mir sicher, dass noch viel mehr Texte dieser Art erschienen sind, ich habe sie aber nicht mehr finden können, weil sie eben nicht archiviert sind. Das ist sehr schade, denn diese Textform eröffnet auch im Rückblick erstaunliche Perspektiven auf mediale Wirklichkeiten.

Bei so genannten sozialen Netzwerken sind diese Selbstversuche kaum möglich, weil deren Inhalte sich stets aus dem speisen, was die Nutzer*innen sich selber zusammenstellen – durch Follower- oder Freundschaften. Twitter, Instagram oder Facebook sehen halt so aus, wie die Nutzer*in es sich zusammenstellt. Im Prinzip ist das bei Tiktok nicht ganz viel anders, aber eben doch ein bisschen. Der Dienst, der zum chinesischen Anbieter ByteDance gehört, hält den so genannten „Für Dich“-Feed bereit, der auch Inhalte ausspielt, wenn man niemandem folgt: „Der ‘Für Dich’ Feed ist ein zentraler Bestandteil der TikTok-Erfahrung aller Nutzer und „Creator“. Er basiert auf neuen Technologien und empfiehlt Videos, die für sie relevant sein könnten. Auf diese Weise können sich Nutzer von den Inhalten aller Mitglieder der TikTok-Community inspirieren lassen“, steht im TikTok-Glossar.

Ich habe in den vergangenen Tagen genau das gemacht: mich von den Inhalten aller Mitglieder der Tiktok-Community inspirieren lassen (Anlass war, dass mir ein Hustenvirus viel Zeit, aber gleichzeitig kaum Kraft bescherte, so dasss ich nicht mehr zustande brachte als Kurzclips auf Tiktok zu schauen). Dabei habe ich nichts geliket oder kommentiert, ich habe keinerlei weitere Interaktion auf der Plattform getätigt als das typische nach oben Swipen zum nächsten Clip. Doch das hat schon eine enorm magnetische Wirkung. Denn die Clips sind so kurz, dass man immer die Hoffnung hat, dass hinter dem nächsten Swipe was Lustiges, Erstaunliches, Sinnvolles kommen könnte. Am Ende aller Swipes blieben ein paar Erkenntnisse übrig, die ich hier festhalte:

1. Es gibt einen direkten Weg vom Numa-Numa-Guy zu TikTok

Mein Versuch ist selber sowas wie das Playback-Singen des Originals von Hugh Gallagher. Ich kenne das Original nicht ganz, imitiere es in Teilen für mich privat und stelle das dann online. Genauso kann man einen zentralen Anreiz an Tiktok (ja, das sind die, die vormals musical.ly hiessen) zusammenfassen – aber eben für Musik oder lustige Zitate. Diese Form des Internet-Playback-Singens hat als einer der ersten webweit Gary Brolsma äußert populär praktiziert (und zwar schon vor Youtube). In Mashup habe ich „das Bild des jungen Mannes“ gelobt, „der den Song, vor seinem Computer sitzend, lippensynchron in eine Webcam singt. Dabei rudert der robuste Brillenträger wild mit den Armen und tanzt im Sitzen. Das US-Magazin „The Believer“ schreibt über den Clip: »Das ist ein Film von jemandem, der eine wunderbare Zeit hat, der diese Freude mit jedermann teilen möchte und sich dabei überhaupt nicht darum kümmert, was andere über ihn denken könnten.« Über Gary Brolsma wurde im Februar 2005 in der New York Times berichtet, auch die BBC und zahlreiche Fernsehersender erzählten die Geschichte des nach dem Refrain des Songs benannten »Numa-Numa-Dance«. Der junge Mann aus New Jersey löste damit eine neue Mode aus: Überall auf der Welt folgten Menschen seinem Vorbild (man könnte auch sagen, sie kopierten ihn), filmten sich mit Webcams und stellten die Clips ins Internet. »Jeder wollte der Numa-Numa-Typ sein«, schreibt Douglas Wolk in The Believer. »Diese Kids verspotten den Numa-Numa-Typen nicht, sie verehren ihn. Sie sind Geeks, und sie ehren den König der Geeks. Es ist wunderbar, das anzuschauen, weil sie seine Freude wiederholen und verbreiten.« Wolk kommt zu dem Schluss: »Das alles wirkt weniger wie ein ansteckender Scherz als wie der Beginn einer neuen kulturellen Ordnung.«

Von dieser neuen kulturellen Ordnung handelt mein Lob der Kopie – und Tiktok hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Tiktok gibt Menschen die Mögichkeit, Songsequenzen oder lustige Zitate lippensynchron nachzuspielen. Und darin liegt heute noch immer der gleiche Zauber wie zu Numa-Numa-Zeiten.

2. Ich habe selten so viele Kacheltische und Schrankwände gesehen

Wer der Meinung ist, auf Instagram sei zu viel gefiltert und weichgezeichnet, der sollte sich als Gegenmittel mal länger auf Tiktok umschauen: Mir fällt kein anderes soziales Netzwerk ein, in dem ich häufiger mit deutscher Durchschnitts-Mittelzentrum-Treppenhaus-Schrankwand-Einbauküche-Realität konfroniert worden wäre als auf Tiktok (der Kollege Max Scharnigg hat dafür schon vor einer Weile den Kacheltisch zum relevantesten Einrichtungsgegenstand erklärt) Das ist vielleicht meinem „Für Dich“-Feed geschuldet und vielleicht auch nicht repräsentativ, aber doch bemerkenswert – und passt auch zu Gary Brolsma. Denn wer vor lauter Begeisterung in seinem Badezimmer etwas nachsingt, kümmert sich nicht zuerst um die Ausstattung der Nasszelle, der singt einfach. Klar, helfen dann ein paar Tiktok-Filter und ein Licht an der Kamera um einen schönen Clip zu produzieren. Im Hintergrund bleibt jedoch die Nasszelle im Bild. Und die gehört ja auch irgendwie dazu – ach komm, ich lass das jetzt so.

3. Es geht darum, Witze weiterzuerzählen

Dass bei mir irgendwie ein Anklang an RTL2 hängen blieb, mag auch an Jasmin liegen. Jasmin ist eine Teilnehmerin einer oder mehrerer RealityTV-Formate des Senders, die es mit einem verunglückten Zitat zu echter Berühmtheit in Tiktok geschafft hat. In einer offenbar im TV ausgestrahlten Szene kommt Jasmin in ein Restaurant und stellt sich vor. Sie missversteht die Antwort ihres Gegenübers, was ein bisschen lustig ist. Richtig lustig wird es für die Tiktok-Creator (wie die Plattform die aktiven Nutzer*innen nennt) aber erst dadurch, dass sie diesen Witz immer und immer wieder nacherzählen. Sie spielen ihn in verteilten Rollen (Duett) oder alleine nach und erfreuen sich daran. Das basiert auf dem Grundprinzip aller Meme und wird hier in einer Weise fortentwickelt, die irgendwie an die Frühphase von Stefan Raabs TV Total erinnert – nur demokratisierter. Jede und jeder kann hier einen Maschendrahtzaun-Versprecher nehmen und verulken. (Dass die Creatoren dabei zuweilen selber solche Versprecher produzieren, fällt ihnen zumeist nicht auf).

Nach einer gefühlten Mittelzentrum-Kacheltisch-Ewigkeit (in der ich einerseits eine Menge Musik gehört habe, die auch in klassischem Beste-Hits-Radio läuft – kennt jemand diesen Holterdiepolter-Mist? – und andererseits unzählige Frauen, die Carolin Kebekus Witze lippensynchron nacherzählen) zeigte mir mein „Für Dich“-Feed übrigens auch sehr viele internationale Beispiele, die illustrieren, warum der beste Tiktok-Experte, den ich kenne (Philipp Metamythos Meier), die Plattform hier mal als die „UNO des neuen Jahrtausendes“ beschrieben hat: „Auffallend viele Reime, Gesten, Wortspiele, Gesänge und Witze funktionieren über die unterschiedlichsten Kulturen hinweg.“

4. Ein wichtiger Antrieb ist der Zauber der Verwandlung

Eines der Memes, das über unterschiedlicheste Kulturen hinweg funktioniert, ist jenes, bei dem der Creator in dem kurzen Clip in zwei Versionen zu sehen ist. Nicht selten wird dafür ein Videoschnitt genutzt, bei dem die Hand kurz die Linse verdeckt (wie in diesem auf Chris Lawyers „Right on Time“ basierenden Meme). Danach sind sehr viele Creatoren plötzlich als Cowboys zu sehen. So jedenfalls funktioniert das Meme-Prinzip beim Sommerhit „Old Town Road“, an dessen Geschichte man perfekt illustrieren kann, wie TikTok das Musikgeschäft verändert. Hier gibt es eine Zusammenstellung einiger Kurzclips, in denen normale Menschen, plötzlich in Cowboy-Outfit zu sehen sind. Diese inszenierte Verwandlung gibt es in ganz vielen unterschiedlichen Spielarten auf der Plattform zu bestaunen – und Dazed zeigt seit ein paar Wochen, wie auch klassische Medien sie einsetzen können.

5. Am Ende geht es wie immer um: Identität

TikTok ist ein soziales Netzwerk. Es hilft Menschen dabei, sich im Netz dazustellen. Ein Profil anzulegen und Beiträge zu posten, heißt in erster Linie: Teilhabe. Man drückt aus: „Ich bin auch dabei, ich singe mit, erzähle einen Witz, ich verstehe das Spiel.“ Doch wirklich erfolgreich wird Social-Media erst dann, wenn es darüberhinaus identitätsstiftend wird (dazu mein kaum großspuriger Beitrag „Alles, was ich über Social Media weiss“ aus dem April 2016). Creatoren müssen in der Lage sein, ihre Persönlichkeit auszudrücken. Dabei sind mir drei interessante Varianten aufgefallen, die dem Playback-Prinzip auf kreative Weise persönliche Ausdrucksmöglichkeiten ergänzt haben. Die erste basiert auf den ersten Sekunden des „Choices“ genannten Tracks des Rappers E-40 aus dem Jahr 2011. Dabei wechseln sich in kurzer Folge ein ablehnendes „No“ und ein zustimmendes „Yup“ ab. Creatoren nutzen diese Sequenz um sich selbst zu filmen und den Track als Antwort auf Fragen zu nutzen, die sie sich selber im Bild stellen. Dabei können die Fragen völlig unterschiedlich sein, verbindend ist, dass sie in Nein/Ja-Abfolge beantworten werden – und dass andere sich eben auch genauso vorstellen. Das ist der Kern von Identität in Social-Media: das Eigene in der Gemeinschaft der anderen. Wie das mit festen Fragen funktioniert – Variante zwei -, zeigt eine Sequenz aus dem Song „What’s your name?“ von Chase Rice. Darin werden kurz hintereinander Fragen nach Namen, Herkunft, Sternzeichen, Lieblingsgetränk und Lieblingssong gestellt, die die Creatoren als Textfeld im Selfie-Clip beantworten. Und die dritte Variante, die ich beispielhaft für die identitätsstiftende Funktion aufführen will, hat der empfehlenswerte funk-Fußballkanal „@Wumms“ hier am Beispiel DFL und Videoschiedsrichter umgesetzt. Auf Basis einer Sequenz aus dem Song „Jump in the Line“ von Harry Belafonte zeigen Creator wie sie persönlich auf Versprechungen reingefallen sind („I Believe you“). Das Erstaunliche dabei für mich: Alle genannten Songs tauchte so häufig in meinem Feed auf, dass ich sie anschließend sehr lang als Ohrwurm hatte. Womit wir wieder beim Erfolg Old Town Road wären.

Ich bin mir völlig bewusst darüber, dass dieser Eindruck absolut zufällig und subjektiv ist. Da ich aber ständig Leute höre, die mir sagen, dass sie TikTok nicht verstehen, dachte ich mir: Vielleicht hilft es aufzuschreiben, was ich nach einer Weile TikTok-Nutzung glaube verstanden zu haben. Was ich vom Internet glaube verstanden zu haben, habe ich übrigens in ein ganzes Buch geschrieben ;-)

Musik als Meme und Mashup: Was der Sommerhit „Old Town Road“ übers Internet erzählt

Ich habe den Verdacht bei der Analyse der musikalischen Jahresrückblicke 2018 schon mal geäußert: Die Spitze der Charts ist zwar populär, aber nicht zwingend bekannt. Man kann das jetzt gerade an einem Lied sehen, das die allermeisten Menschen für den Sommerhit 2019 halten. Es ist ein Song, der vor ein paar Tagen rekordausgezeichnete 143 Millionen Mal pro Woche gestreamt wurde. Er stand mehrere Wochen in Deutschland an der Spitze der Charts und in den USA noch immer. Und trotzdem ist der Song in meinem Umfeld nahezu unbekannt. Ich glaube allerdings, dass das weniger über mein Umfeld als über das sich ändere Pop-Umfeld aussagt – wie hier am Beispiel von RAF Camora schon mal erläutert.

Das Besondere an Old Town Road, das selbst ein Remix der 2018 produzierten Vorlage ist, ist nicht nur, dass Miley Cyrus‘ Vater, der Country-Sänger Billy Ray Cyrus mitsingt. Es ist die durch und durch digitale Darstellungs- und Distributionsform (dass der Erfolg von Lil Nas X auch Auslöser für größere Debatten in den USA war, hat Jan Kedves hier in der SZ aufgeschrieben). Das Lied, das u.a. ein Banjo-Sample aus dem Nine-Inch-Nails-Song „34 Ghosts IV“ nutzt, verbreitete sich fast schon wie ein Meme durchs Netz. Es wurde zur Vorlage für eine Challenge auf Tiktok, über die Alyssa Abereznak in einer lesenswerten Analyse schrieb:

The song’s Wild West imagery struck a chord among its young users, inspiring them to include it in 15-second challenge videos where they cosplayed as cowboys. The groundswell of enthusiasm on the social network bled out into the public and eventually launched the song to the top of the Billboard Hot 100 chart.

An dieser Chartspitze steht Old Town Road noch immer und schickt sich an zum erfolgreichsten Song in der Geschichte der Billboard-Charts nach dem 1942-Hit „White Christmas“ zu werden. Daran ist nicht nur interessant, dass ihm dieses Kunststück quasi abseits einer Aufmerksamkeit in den Bereichen gelingt, die man früher Mainstream genannt hätte. Der Erfolg basiert neben der memetischen Verbreitung in z.B. Tiktok auch auf dem Prinzip der Kopie und des Remixes. Heute wurde der 79ste Remix des Liedes veröffentlichte, zu dem Rapper Lil Nas X das Versprechen twittert, dies sei nun aber versprochen der letzte Remix.

Erstaunlich ist dieser angeblich letzte Remix weil er von jemanden gefertigt wurde, der im deutschen Mainstream noch unbekannter ist, dem Song aber einen enormen Schub garantieren wird. Es handelt sich um den Rapper Kim Nam Joon, der unter dem Namen RM Kopf der K-Popband BTS ist. Die Boyband ist nicht nur in Südkorea äußerst populär und wird mit dem Remix, der den Namen Seoul Town Road trägt und ein südkoreanisches Gartenwerkzeug namens Homi referenziert, dafür sorgen, dass Lil Nas X auch in Asien noch bekannter wird.

Diese Form des musikalischen Netzwerks ist nachvollziehbar, sie zeigt aber vor allem sehr konkret, wie die Digitalisierung eine Entwicklung beschleunigt hat, die man als Weg vom Werk zu Netzwerk bezeichnen kann. Es geht nicht mehr einzig um den Song, der als unveränderliches Werk in der Mitte stehen soll, es geht um das Netzwerk und die Bezüge drumherum. Es wird kopiert und referenziert, um Bekanntheit in unterschiedlichen Märkten zu schaffen. Die Kopie als Treiber der Remix-Kultur ist selbstverständliche Grundlage des Erfolgs. Keiner der Beteiligten will die Kopie bekämpfen, es geht im Gegenteil darum, möglichst viele Kopien und Remixes zu fertigen, weil diese Aufmerksamkeit nach sich ziehen.

Und dass all das nahezu abseits dessen stattfindet, was man mal als Mainstream bezeichnet hat, macht die drei digitalen Lehren aus „Old Town Road“ noch interessanter:

1. Die Kopie ist die Grundlage digitaler Kultur
2. Kultur verflüssigt sich, besteht immer mehr aus Referenzen
3. Die Idee von Mainstream löst sich dabei auf.

Die Piraten kommen (aus dem Archiv)

10jahrepiraten

Heute ist es zehn Jahre her, dass in der gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Die Piraten kommen“ ein Übersichtstext über die damals noch junge Piratenbewegung erschien (illustriert von Dirk Schmidt). Wenige Monate zuvor hatte Rick Falkvinge in Schweden die erste Piratenpartei der Welt ins Leben gerufen – und in Deutschland formte sich eine Bewegung, die damals noch unter dem Label PPD (Piratenpartei Deutschlands) lief und später durch zahlreiche als -gates bezeichnete Skandale für Aufmerksamkeit sorgte. Hannah Beitzer hat das Ende 2013 sehr lesenswert zusammengefasst.

Als (bisheriger?) inhaltlicher Höhepunkt der Piratenbewegung dürfte neben dem Einzug in einige Landesparlamente die Tatsache gewertet werden, dass es ihr durch zahlreiche Demostrationen im Februar 2012 gelang, das Thema Urheberrecht nicht nur zur ersten Meldung der Tagesschau zu machen – sondern auch in die Mitte der politischen Auseinandersetzung zu rücken. Im Frühjahr 2012 debattierte das Land – emotional wie nie zuvor – über das Urheberrecht. Diese Debatte scheint heute eine Ewigkeit entfernt zu sein. „Wir sind Urheber“-Aktionen finden heute selbst dann nicht mehr statt, wenn Juristen das Urheberrecht für ihre Zwecke Umsätze verdrehen.

Dabei ist das Hauptthema der Piraten allerdings weiterhin relevant. Daran erinnert beständig eine Frau, von deren Position diejenigen, die vor zehn Jahren Auslöser für den zitierten Zeitungsartikel waren, nur träumen konnten: Julia Reda, die 29-Jährige sitzt für die Piratenpartei im Europaparlament.

PS: Ebenfalls zehn Jahre her: Mein Twitter-Selbstversuch

Die Sache mit der Kopie: 10 Dinge, die wir von Melania Trump und Michelle Obama lernen können

Für einen Fan der völlig unterschätzten Kulturtechnik des Kopierens war heute ein interessanter Tag: Melania Trump hat in ihrer Rede beim Parteitag der Republikaner in Cleveland Passagen einer Rede wiederholt, die die aktuelle Präsidentengattin Michelle Obama 2008 in einer Rede genutzt hat (und ja, sie hat auch Rick Astley kopiert). Dieser Umstand hat nicht nur für einige Social-Media-Aufregung gesorgt, sondern legt auch die Notwendigkeit einer Klarstellung dar. Deshalb hier – anknüpfend an ein kurzes Gespräch in Deutschlandradio Kultur – zehn Dinge, die man von dem Fall „Melania Trump kopiert Michelle Obama“ lernen kann:

1. Ja, es ist eine Kopie. Die Behauptung, dass Politiker-Reden doch eh voll von Floskeln sind, ist erstens nicht richtig und im konkreten Fall zweitens nicht hilfreich.

2. Nein, es war keine gute Kopie. Trump hätte dafür mindestens ihre Quellen offenlegen müssen. Denn das machen gute Remixer und Mashup-Künstler: Sie benennen ihre Referenzen.

3. Für mich zeichnet sich eine lobenswerte Kopie übrigens durch zwei weitere Kriterien aus: Neben der Benennung der Quellen darf sie nicht eine bloße Wiederholung sein, sie muss eine neue Form finden und eine gewisse Schöpfungshöhe überschreiten.

4. Denn natürlich schaffen wir alle etwas indem wir Bezüge herstellen. Wir stehen – wenn man ein berühmtes Zitat benutzen will – auf den Schultern von Riesen. Aber gerade deshalb ist es wichtig, gutes Kopieren einzuüben.

5. Dafür ist es meiner Meinung nach wichtig, die binäre Unterscheidung zwischen Kopie (böse) und Original (gut) durch eine skalierte Differenzierung zu ersetzen. Es gibt originellere und weniger originelle Werke. Schließlich ist auch Originalität keine entweder-oder-Fähigkeit. Warum beurteilen wir eigentlich die Werke, die aus Originalität entstehen, so eindimensional?

6. Wie originelle Referenzen entstehen können, kann man übrigens unter dem Hashtag #FamousMelaniaTrumpQuotes nachlesen:


7.
Im Rahmen der Web-Witze zum Thema tauchte übrigens auch eine Kopie eines Bildes von Michelle Obama auf, das die First Lady in Rahmen ihres Engagements in der BringBackOurGirls-Aktion gemacht hatte – und darauf ein weißes Blatt Papier hochhält. Dieses wurde – Kopiermaschine Internet – nun für neue Zwecke genutzt: Um der Forderung „Bring Back My Speech“ Ausdruck zu verleihen.

8. Aber natürlich ist Michelle Obama weit davon entfernt, die Kopisten jetzt auch noch mit einer Reaktion zu adeln. Stattdessen kursiert heute ein Video, das Obama beim Kopieren zeigt: Im Laufe der Woche wird ein Clip veröffentlicht, der sie beim Carpool-Karaoke zeigen wird.

9. Zusätzlich zu der Frage, wie man die Kopie zu bewerten haben, muss man einen Aspekt der Aufmerksamkeits-Ökonomie bedenken: Ergebnis dieser (unguten) Kopie ist für Melania Trump, dass plötzlich allüberall Bilder zu sehen sind, die die Frau, die gerne First Lady werden will im Gegenschnitt mit Bildern der Frau zeigt, die aktuell First Lady ist.

10. Anders formuliert: Es genügt nicht, sich mit dem Bedingungen des Kopierens zu befassen. Wir müssen auch in den Blick nehmen, wie Werbung Politik heute funktioniert. Dafür ist diese Kopie ein Lehrbeispiel, das allerdings selber wieder zehn Punkte rechtfertigen würde.

mashup

Zum Weiterlesen:
Vor fünf Jahren erschien bei Suhrkamp mein Buch „Mashup – Lob der Kopie“, über das ich am 23. September im NRW-Forum in Düsseldorf sprechen werde.