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Was kein Backup festhalten kann: Fünf Dinge, die ich bei Twitter gelernt habe

Droht ein Kollaps der gegenwärtigen Geschichtsschreibung wie die MIT Technology Review dieser Tage schreibt? Der angekündigte Niedergang von Twitter (technisch wie inhaltlich) wirft zahlreiche dieser Fragen auf: Soll ich/muss ich mein Twitter-Archiv runterladen? Muss ich jetzt zu Mastodon wechseln?

Und vor allem: Was geht da eigentlich genau verloren?

Sollte die Plattform tatsächlich weiter in dieser Weise gesteuert werden, droht ziemlich sicher zunächst eine Flut von Nachrufen, die aus persönlich gefärbten Geschichten im Umgang mit Twitter bestehen werden, die dann eine allgemeine Erkenntnis hochrechnen sollen. Dabei liegt darin die erste und weiterhin gültige Erkenntnis im Umgang mit personalisierbaren Diensten: es gibt keinen verallgemeinerbaren Durchschnitt mehr! Was dieser Niedergang in Echtzeit aber ganz sicher offenbart, ist ein Blick auf das, was das digitale Ökosystem ausmacht: auf die Bereiche, die digitale Wertschätzung und Wertschöpfung ermöglichen. Aufgefallen ist mir dies, als ich mich mit der Frage zu beschäftigen begann, ob ich mein Twitter-Archiv laden soll (ja kann man machen, habe jetzt 42.500 Tweets runtergeladen, die ich seit dem 27.3.2007 schrieb). Dabei stellte ich fest: das, was Twitter für mich ausmachte und ausmacht, kann ich nicht in einem Backup festhalten. Diese Erkenntnis und vier weitere Beobachtungen aus meiner Twitter-Zeit (Symbolbild: Unsplash):

Falls jemand sich mit dem Gedanken trägt, von Twitter auf Mastodon umzuziehen, hier zwei relevante Links: Zum einen gibt es auf dieser Seite eine recht gute Erklärung, zum zweiten bietet der Dienst movetodon.org die Möglichkeit, die Liste derjenigen Accounts zu durchsuchen, denen man auf Twitter folgt. Mit einem Klick kann man ihnen auch auf Mastodon folgen.

1. Der Zauber liegt im Unkopierbaren

Das schöne deutsche Wort Echtzeit suggeriert, es gebe auch eine falsche Zeit. Eine Form, die nicht live, sondern maximal re-live ist, also nur ein Nacherleben dessen, was vorher original war oder im Wort „echt“. Twitter hat seinen Wert immer aus diesem unmittelbaren Zeiterleben gezogen. Man kann auch sagen, die Halbwertszeit von Beiträgen auf Twitter war und ist extrem kurz. Aber egal aus welcher Perspektive man auf das Phänomen Echtzeit schaut: es bleibt verbunden mit dem direkten Erleben, mit dem, was man nicht kopieren kann. In meinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ habe ich mich ausführlich mit dem Unkopierbaren, dem Er- und Mitleben befasst. Mit vielen Worten versuche ich darin zu beschreiben, was man jetzt spüren kann, wenn man sich fragt, was man vermisst, sollte Twitter verschwinden? Genau hier liegt das Potenzial für digitale Wertschätzung und dann auch für Wertschöpfung. Es ist mehr als der Content (in meinem Fall die 42,5k Tweets), es ist die Interaktion, das Erleben (in Echtzeit), die lose Verbindung und die damit verbundene Möglichkeit zu Überraschung. In all dem, was kein Backup festhalten kann, steckt die Chance für digitale Geschäftsmodelle.

2. Soziale Netzwerke enstehen aus Interaktion

Die anfängliche Skepsis gegen den Dienst Mastodon (die ich auch teilte), hängt übrigens nicht nur mit dem dezentralen Charakter des Fediverse zusammen. Sie basiert auch darauf, dass jede:r wieder bei Null anfängt. Für mich was das insofern lehrreich, dass ich merkte, was den Zauber sozialer Netzwerke ausmacht (und was übrigens auch nicht kopierbar ist): Interaktion! Fragen zu stellen, auf Fragen zu antworten, mit anderen Accounts in den Austausch zu treten, sind Aktionen, auf die manche Accounts verzichten, wenn sie große Reichweiten angesammelt haben. Aber ohne diese Aktionen entsteht kaum Wert und es entsteht vor allem keine Reichweite. So ging es mir anfangs auf Twitter und so geht es mir auch jetzt wieder auf Mastodon. Das ist spannend und bestätigt die erste These: der Zauber liegt im Unkopierbaren!

3. Wissen zu teilen, vermehrt Wissen

Die große Revolution des digitalen Zeitalters lautet: Was du teilst, wird mehr! Wer in vordigitalen Zeiten sozialisiert wurde, ist gewohnt, das Teilen als Verkleinerung des eigenen Anteils zu denken. Wie der sprichwörtliche Kuchen, von dem irgendwer große oder größere Stücke bekommen möchte. Geschäftsmodelle, die auf echten Kuchenstücken basieren, sind nur schwer kompatible mit der digitale Idee vom Teilen. Denn mit geteilten Dateien verhält es sich wie mit dem Licht einer Kerze: sie werden nicht weniger, wenn andere ihren Docht daran entzünden. Wissen zu verbreiten, reduziert das Wissen also nicht, sondern führt zu Erkenntnisgewinn. Genau das ist der Hauptgrund, weshalb ich soziale Netzwerke wie Twitter nutze: es macht mich schlauer. Ich teile Wissen und bekomme mehr Wissen zurück – durch den Zauber der digitalen Kopie und durch die Möglichkeit zur Interaktion (Siehe 2.)

4. Meine Welt ist nicht deine Welt

Neben der historischen Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ist auch die Möglichkeit der Vernetzung eine Herausforderung fürs vordigitale Denken: Soziale Netzwerke sind keine Distributionsrampen mehr, sondern Räume, die von der Art und Weise der eigenen Position und Interaktion leben. Auch wenn Twitter mit der Hochrechnung so genannter Trends Stimmung benennen (und damit übrigens verstärken) kann: es geht hier weniger um die Kraft der Sendenden als um die Filterfunktion der Empfangenden. Welche Timeline filtere ich mir zusammen? lautet die Frage, die man all jenen stellen muss, die allgemein über den Zustand der Welt auf Twitter herumjammern. Es gibt nicht mehr die Öffentlichkeit, es gibt die Öffentlichkeiten! Das klingt nach nur zwei Buchstaben Unterschied, stellt aber im Prinzip die Idee ganzer Wissenschaftszweige vor zentrale Herausforderungen. Denn die Vorstellung dessen, was wir für die öffentliche Meinung halten, bestimmt auch unsere eigene Position. Und wer – aus welchem Grund auch immer – die Äußerungen auf Twitter für die öffentliche Meinung hält, ist damit heillos verloren – selbst wenn sie oder er in renommierten Publikationen schreibt.

5. Vibes bedeuten nicht die Welt

„Wir kennen natürlich die Bedeutung des Wortes „Vibe“. Es ist ein Platzhalter für eine abstrakte Eigenschaft, die man nicht genau bestimmen kann – eine Atmosphäre („a laid-back vibe“). Es ist der Grund dafür, dass man etwas oder jemanden mag oder nicht mag (gute Vibes vs. schlechte). Es ist eine Intuition, für die es keine offensichtliche Erklärung gibt („just a vibe I get“)“, schrieb Kyle Chayka schon im Frühjahr 2021 im New Yorker. Twitter ist voller Vibes und – was noch schlimmer ist – nicht wenige Menschen nutzen Twitter ausschließlich in Vibes. Sie spüren Stimmungen auf, missachten das Ende des Durchschnitts (siehe Punkt 4.) und halten diesen „Vibes“ für einen Ausdruck der Welt, der Öffenltichkeit oder der Gesellschaft. Diese falsche Gleichsetzung von „Vibe“ und „Öffentlichkeit“ bestärkt nicht nur die Memefizierung von Meinungen, sie zeigt auch die weiterhin grundlegende Überforderung des vordigitalen Denkens mit dem digitalen Raum. Ich habe an Twitter immer geschätzt, dass ich mit wenigen Klicks ganz anderer Vibes aufspüren konnte (wenn man so will: Filterblasen verlassen konnte) und mich damit stets daran erinnern konnte: Vibes bedeuten nicht die Welt.

Auf diesen letzten Punkt vertraue ich auch in Bezug auf „die Zukunft von Twitter“. Vielleicht kommt es ja weniger schlimm als der Vibe sich gerade anfühlt. Vielleicht ist das naiv, aber ich fänds gut ¯\_(ツ)_/¯

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Kopieren kapieren (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Der Titel dieses Beitrags ist mehr als ein schönes Wortspiel. „Kopieren kapieren“ ist die semantische Übertragung eines musikalischen Phänomens, das die Popkultur seit einigen Monaten auf erstaunliche Weise beschäftigt: Interpolation – der sich Arte hier, Deutschlandfunkkultur hier und der unbedingt empfehlenswerte Podcast „Switched on Pop“ hier gewidmet haben. (Symbolbild: Unsplash)

Dabei handelt es sich um eine besonders interessante Spielart der Kopier- und Referenzkultur. Anders als bei einem Sample, bei dem eine Sequenz eins-zu-eins aus der Original-Aufnahme kopiert wird, wird bei der Interpolation die Vorlage nachgespielt – meist mit einer kleinen Abwandlung. Zum Beispiel durch den Tausch eines Vokals direkt nach dem ersten Buchstaben: „Kopieren kapieren“ ist aber nicht nur Symbol für eine der jüngsten Spielarten der Referenzkultur, es ist auch der Imperativ der digitalen Gegenwart.

Durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie wurden erst die Daten von ihrem Träger gelöst und anschließend das vormals passive Publikum durch die Demokratisierung der Publikationsmittel zu aktiven Teilnehmer:innen an jener segmentierten Gesamtheit, die wir als Öffentlichkeit kannten. Wer sich für Kommunikation und die grundlegenden Veränderungen der strukturgewandelten Öffentlichkeit(en) interessiert, muss sich mit dem Phänomen der Kopie befassen – und zwar auf eine Art und Weise, die über klischeehafte Abwertung der vermeintlich minderwertigen Tätigkeit hinaus geht. Kopieren ist zur zentralen Kulturtechnik der Gegenwart geworden – allerdings ohne, dass der allgemeine Diskurs dazu mitgekommen wäre bzw. Einigkeit oder Wissen über die dazu notwendigen Fähigkeiten bestehen würde. Deshalb ist „Kopieren kapieren“ Angebot und Appell zugleich.

Die Forscher David und Diana Zulli beschreiben in ihrer Analyse „Extending the Internet meme: Conceptualizing technological mimesis and imitation publics on the TikTok platform“ das Kopieren als zentrale kulturelle Praxis auf der Plattform Tiktok. Diese von der chinesischen Firma Byte-Dance betriebene Plattform ist das jüngste und äußerst populäre Beispiel für die Kopierkultur der Gegenwart. Die Washington Post analysierte dieser Tage:

TikTok’s website was visited last year more often than Google. No app has grown faster past a billion users, and more than 100 million of them are in the United States, roughly a third of the country. The average American viewer watches TikTok for 80 minutes a day — more than the time spent on Facebook and Instagram, combined.

Tiktok erschafft etwas, was Zulli und Zulli „imitation publics“ nennen und der Begriff beschreibt ganz gut, welche kommunikationswissenschaftlichen und soziologischen Schlüsse ich aus der Kopierkultur des digitalen Zeitalters ziehen würde. Deshalb hier – völlig unabhängig vom aktuellen Erfolg von Tiktok und dessen geopolitischer Bewertung – die fünf Aspekte dessen, was hinter dem Hype steckt.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit der Remix- und Referenzkultur des Digitalen befasse.

Fünf grundlegenden Entwicklungen, die begründen, weshalb man kopieren kapieren sollte:

1. Ohne Aufmerksamkeit ist alles nichts

Wie sich das Verhältnis von Aufmerksamkeit zu Inhalt verändert hat, lässt sich kaum besser illustrieren als mit dem Zitat des DJ-Duos „Partyshirt“, die über peinliche Situationen das hier gesagt haben: “Everything’s cringey until it gets views” Früher ging man davon aus, dass Dinge so lange nicht cringey (peinlich) sind wie sie nicht gesehen werden. Es gehört zur besonderen Logik digitaler Öffentlichkeit(en), dass sich dieses Verhältnis heute gedreht hat – wie auch das Zusammenspiel von Inhalt zu Aufmerksamkeit. Diese hat sich nicht geändert, sie trifft aber heute auf so viel mehr Inhalt, dass sie die wichtigere, weil wertvollere Währung geworden ist. Sie ist die Voraussetzung für jegliche Form öffentlichen Erfolgs. In Abwandlung des Partyshirt-Zitats könnte man sagen: „Alles bleibt ein Tagebuch, solange es nicht gesehen wird.“

2. Der Werk wird wertvoll durchs Netzwerk

Das veröffenltichte Werk, auch das ist für werkschaffende Künstler:innen nicht ganz leicht, gewinnt seinen Wert erst durch das Netzwerk seiner Nutzung. Nicht nur die Aufmerksamkeit, auch die weitergehende Interaktion machen die Öffentlichkeit aus. Durch das Netzwerk Internet, in dem viele miteinander verbunden sind, ist der öffentliche Raum tatsächlich ein Raum geworden – nicht mehr nur eine Rampe, über die Künstler:innen, Journalist:innen und Medien ihre Inhalte abwerfen. Der öffentliche Raum basiert auf Interaktion und Wertschätzung sowie Wertschöpfung entstehen hier durch Vernetzung. Anders formuliert: der Content (über den sich Künstler:innen definieren) braucht den Kontext (der zu weiten Teilen den Plattformen überlassen wird) um Wirkung zu erzeugen.

3. Alle sind keine Zielgruppe

Wirkung ensteht nicht mehr vor einer Hauptbühne, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Digitale Öffentlichkeiten definieren sich stattdessen an einer Entwicklung, die manb „Das Ende des Durchschnitts“ nennen könnte und segmentieren Aufmerksamkeit auf viele Nebenbühnen. Wer Wirkung erzeugen will, muss sich auf Nebenbühnen konzentrieren statt eine Hauptbühne zu suchen. Aus der Welt der Massenkultur ist eine Welt der massenhaften Nischen geworden – diese zu bespielen, ist die Voraussetzung für öffentlichen Erfolg. Gerade dann wenn man „alle“ erreichen will. Damit dies gelingt, muss man mit den Zielgruppen beginnen, die man erreichen kann.

4. Der Werk ist ein Werkstoff, der bearbeitet wird

Die Idee des einen Publikums ist ebenso überholt wie die Idee des einen abgeschlossenen Werks. Digitale Produkte sind Prozesse, niemals fertig. Sie werden zu Werkstoffen, die in Form von Remix, Interpolation oder Cover weiterverarbeitet werden. Dieses RIC erweitert den Aufnahmeknopf des 20. Jahrhunderts (REC). Referenziert zu werden ist dabei kein Diebstahl am Original, sondern hilft diesem am Leben zu bleiben. In der „Switched on Pop“-Folge lernen wir, dass Rechteinhaber:innen extra Referenz- und Kopier-Angebote machen, um ihre Werke in der Öffentlichkeit zu halten.

5. Der Zauber des Unkopierbaren entsteht in der Vernetzung

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem großen Moment und einer nachhaltigen Karriere“, sagt der Musikexperte Larry Miller (Professor und Host von Musonomics) in dieser Folge des vergecast über die Zukunft der Musikindustrie. Plattformen seien gut darin, große Momente zu schaffen und singuläre Inhalte viral gehen zu lassen. Nachhaltige Karrieren hingegen sieht er bei Plattenlabels eingelöst. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist jedoch, dass für diese Karrieren eines unerlässlich ist: die Verbindung von Star und Publikum, die Vernetzung von Künstler:innen und Zuschauer:in. Dieses Verhältnis sorgt nicht nur dafür, unkopierbare Erlebnisse (z.B. auch im Metaverse) entstehen zu lassen. Diese Verbindung bildet auch die Grundlage für den ersten Punkt dieser Liste: Sie schafft Aufmerksamkeit.

Wer kopieren-kapieren.de möchte, kann auch mal in diese Bücher schauen:

Lob der Kopie: Tommi Schmitt macht Meta-Tiktok mit Tommilosophy

Der erfolgreichste Podcast in Tiktok und Insta-Reels? Vermutlich Gemischtes Hack mit Tommi Schmitt und Felix Lobrecht. Jedenfalls gibt es auf beiden Plattformen unzählige Beiträge, die von kurzen Monologen von Tommi Schmitt aus Gemischtes Hack unterlegt sind. Der Podcaster und Fernsehmoderator macht sich dabei „Sinngedanken“ über „die zweite Ebene“ und „die gute Zeit“ – und liefert damit eines der bekanntesten deutschsprachigen Beispiele für ein Phänomen, das ich unlängst als Inspirational Audio Quotes bezeichnet habe.

Seit Anfang des Jahres geistern diese Sinngedanken durch Tiktok und Instagram und ich habe mich schon gefragt, ob oder wie die Podcaster darauf reagieren werden (Buch mit Julia Engelmann?)


Heute startet die erste reguläre Folge der dritten Staffel von Studio Schmitt und Tommi Schmitt eröffnet diese gemeinsam mit seinem Sidekick Gregor Ryl mit einer der tollsten Meta-Selbstkopien seit langem: eine Art Lipsync-Video zu seinem eigenen Sound gemacht.

In der ZDF-Mediathek trägt die kurze Sequenz einen Titel, zu dem es noch keinen einzigen Google-Treffer gibt: Tommilosophy

Das ist ein schöner Name für ein noch schöneres Phänomen. Denn in dem Clip sieht man Schmitt wie er seine eigenen Worte, die aus dem Podcast in Tiktok und Reels wanderten, zurückerobert indem er sich selbst synchronisiert. Das ist nicht nur eine wunderbare Form der Selbstkopie, sondern auch sowas wie Next-Level-Tiktok: die Meta-Ebene!

Dass er dabei gedankenversunken die Taschenbuchausgabe von „Das Cafe am Rande der Welt“ in der Hand hält und dass Ryl auf einem Radiogerät (nennt man das so?) rumdrückt und dann ausgerechnet das allgegenwärtige Tiktok „Oh No“ erzeugt, sind wunderbare kleine Details (übrigens wer sich dafür interessiert, kann hier nachlesen, dass der Sound ein Sample aus dem Jahr 1964 ist, in dem die Band The Shangri-Las in dem Song Remember (Walking in the sand) nutzten) – an denen ich mich sehr freuen kann.

Besonders macht dieser Einstieg für mich aber der doppelte Kontextbruch des Originalsounds. Denn natürlich können die Sinngedanken nur deshalb im Opener der Sendung auftauchen, weil sie vorher in anderen Kontexten zweckentfremdet wurden. Die Kopie hat ihnen also einen Aspekt hinzugefügt, durch den der völlig gleiche Inhalt einen neuen Wert bekommt. Dass dies doppelt ironisch gebrochen wird, indem Schmitt sich selbst persifliert, kommt noch hinzu und sorgt auf der Oberfläche für den Witz. In der Tiefe seiner Gedanke liegt aber der Beweis für das Lob der Kopie. Erst durch den Kontextbruch und die Rück-Referenz kann hier was Neues entstehen – und zwar (nix gegen die Tommilosophy) völlig unabhängig vom Inhalt.

Ich kann mich für so etwas begeistern seit ich 2011 das Lob der Kopie schrieb. Hier im Blog sammle ich seit dem kleine und größere Besonderheiten, die zeigen, warum die Kopie lobenswert ist. Einmal im Monat notiere ich hier zudem, was mir im Netz besonders gefällt.

In Kategorie: DVG

Erzähl (dir) deine Lösung rückwärts

Es ist ein langer Weg. So sehr ich bei jeder kreativen Reise wieder hoffe, blitzgescheit und schnell einen Heureka-Moment finden zu können, so schmerzhaft muss ich jedes Mal wieder feststellen: Ohne Ausdauer keine Auswege aus kreativen Aufgaben! Geduld ist ein wichtiger Bestandteil kreativer Arbeit. Ideen müssen wachsen können, sich wandeln und Verbindungen eingehen.

Eine gute Übung für mein kreatives Ausdauer-Training ist das Nachlesen fremder Entstehungsgeschichten. Es motiviert mich, nachzuvollziehen wie andere von der Idee zum Produkt gekommen sind. Mich inspirieren die Umwege und Entwicklungen, die sie beschreiben. „Genau deshalb versuche ich, relativ wahllos alle Hintergrundberichte zu kreativen Prozessen zu verfolgen,“ habe ich in der Anleitung zum Unkreativsein notiert, „selbst wenn mich die jeweiligen Ergebnisse nicht interessieren. Das britische Nachrichtenmagazin »The Economist« verschickt zum Beispiel einen wöchentlichen Newsletter an Abonnent*innen, in dem die Redakteur*innen und Designer*innen erklären, wie sie auf das aktuelle Titelbild gekommen sind. Sie dokumentieren in unterschiedlichen Skizzen und Entwürfen den kreativen Weg, den sie zurückgelegt haben. Egal wie gut das Ergebnis auch ist, das am Ende auf dem gedruckten Magazin als Cover gedruckt wird: Die ersten Entwürfe sind stets etwas unbeholfen, ungenau und weniger gut. Ich finde das beruhigend, weil es zeigt, dass es keine Abkürzungen zur Kreativität gibt. Auch ein richtig gutes Cover beginnt mit einem mittelguten Entwurf. Auch andere müssen den langen Weg durch den Wald der Kreativität gehen.“

Dass dieser Weg auch wunderbar klingen kann, habe ich in der aktuellen Folge des Songexplorer-Podcast anhören können: Dort erzählt die Band Franz Ferdinand, wie ihr Hit „Take Me Out“ entstand. Das ist deshalb unbedingt hörenswert, weil in den ersten akustischen Skizzen deutlich durchschimmert wie der spätere Song mal klingen wird. Das weiß man aber nur, wenn man den Song kennt. Dieses Wissen hatte die Band beim Schreiben nicht, sie sah den Weg noch nicht, der sich mal durch den Wald bahnen sollte.

Selten habe ich das akustische Durchschimmern von Ideen und Ansätzen so klingend nachvollziehen können wie in diesem besonderen Interview mit Sänger und Gitarrist Alex Kapranos. Der Podcast ist nicht nur eine inspirierende Kreativitäts-Motivation, Kapranos erzählt auch mindestens zwischen den Zeilen die Geschichte von Kopie und Referenz, die ich im Lob der Kopie beschrieben habe.

Neben dem Podcast-Tipp habe ich aus der Take-Me-Out-Episode aber diese Lehre mitgenommen: Das Erzählen der eigenen Geschichte kann motivierend sein. Blicke zurück auf Ideen und deren Umsetzung (und deren Scheitern) und versuche im Rückblick den Weg zu erkennen, den du dir durch den Wald gebahnt hast (oder eben nicht). Das wird nicht immer so klingend gelingen wie bei Take Me Out, aber es ist in jedem Fall lehrreich!

Mehr zum Thema Kreativität, Kopie und Inspiration im Buch „Anleitung zum Unkreativsein„, zu dem ich im vergangenen Jahr auch ein besonderes Newsletter-Experiment gewagt habe.

Ende des Durchschnitts: Spotify „Only You“ als Symbol der Digitalisierung

Keine Ahnung, ob es wirklich keine:n Spotify-Nutzer:in da draußen gibt, die „Nur Idioten hier“ von Moritz Krämer und Francesco Wilking morgens hört. Ich jedenfalls mag den Song und höre ihn auch morgens – auf Spotify. Der Streaming-Dienst hat mich jetzt mit seinem Only-You-Feature darauf aufmerksam gemacht, dass ich damit offenbar sehr allein einzigartig bin.

Vergleichbar mit dem jährlichen Rückblick-Feature „Wrapped“ analysiert Spotify dabei die Hörgewohnheiten und entwickelt daraus individualisierte Playlists. Neu ist jedoch, dass es nicht ausschließlich um den Content, sondern vor allem auch um den Kontext geht – also nicht nur um die Frage, was ich höre, sondern wann und wie. Diese Informationen bilden die Voraussetzung für weitere Feature, die in Planung sind: Blend (aktuell in der Beta-Phase) soll es in der mobilen Nutzung ermöglichen, gemeinsame Playlists zu erstellen, die wie digitale Mixtapes funktionieren.

Kassettenmädchen und Kassettenjungs überall auf der Welt können hier erkennen, wie digitaler Fortschritt funktioniert. Daten sind von ihrem Träger gelöst (Symbolbild: unsplash) und beweglich geworden. Musik wird so zum Symbol für den Prozess, den wir Digitalisierung nennen: Kultur wird zu Software.

978-3-95757-246-2-x160xx400x-1466586213 Felix Stalder definiert diese drei Aspekte als Beweis für die Kultur der Digitalität: Gemeinschaftlichkeit, Referenzialtität und Algorithmizität. Alles drei kann man am Umgang des Streaming-Dienstes mit Musik wunderbar analysieren. Am offensichtlichsten an der Art, wie Spotify mit Meta-Daten die Musiknutzung verbessert, ist aber der Prozess, den ich „Das Ende des Durchschnitts“ nenne.

Zu Nick Hornbys Zeiten war die Idee des perfekten Mixtapes stets an eine nicht benannte Allgemeinheit adressiert: der kompilierende Pop-Nerd (bewusst nicht gegendert) fügte Lieder auf einer Kassette zusammen, die in der Mischung dann Bedeutung für andere haben sollte (ein zentraler Punkt im Erleben des eher einsamen Nerds war die Eroberung weiblicher Liebe in einer heteronormativen Beziehung). Bei den individualisierten Playlists digitaler Dienste geht es vor allem um den Bezug zu mir: „Only You“ stellt meine (vermeintliche) Einzigartigkeit heraus, die ich dann leicht teilbar anderen zeigen kann.

mashup Diese Entwicklung kann man beklagen oder zunächst mal zur Kenntnis nehmen: die Zeiten ändern sich. Darin steckt ein gesellschaftlicher und ein digitaler Aspekt. Mich interessiert hier vor allem der digitale: Am Umgang mit der Musik lässt sich sehr schön sehen, was die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie für Folgen haben kann. In meinem Buch „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ habe ich die Veränderungen für unsere Idee von allgemeiner Öffentlichkeit (das eine Mixtape) zu beschreiben versucht – und mit dem damaligen Deutschland-Chef von Spotify über die Entwicklung der Streamingplattform gesprochen. Vieles von dem, was in dem Buch als abstrakte Entwicklung besprochen wird, lässt sich an den konkreten Angeboten von Spotify jetzt erkennen.

Diesen langfristigen Trend der Digitalisierung finde ich viel spannender als die kurzfristige Bewertung von Schlaglichtern im Web. Die kulturpessimistische Klage „Nur Idioten hier“ mag ich wenn überhaupt als Song von Francesco Wilking und Moritz Krämer – übrigens nicht nur morgens.

Fünf Dinge, die ich bei „Last one laughing (LOL)“ über Kreativität gelernt habe

Zehn Comedians in einem Raum, sechs Stunden Zeit und nur eine Vorgabe: Niemand lacht! Das sind die Zutaten für eine TV-Show, die seit ein paar Tagen in Deutschland unter dem Titel „Last one Laughing“ bei Amazon Prime zu sehen ist. Das Konzept stammt aus Japan, wo Hitoshi Matsumoto schon 2016 unter dem Titel Documental aus dem Nicht-Lachen eine lustige Sendung machte. Die Idee wurde in den vergangenen Jahren bereits nach Australien und Mexiko übertragen und soll jetzt mit Michael Bully Herbig als Kopf auch in Deutschland erfolgreich werden.

Ich finde die Sendung nicht nur erstaunlich lustig, sie ist überraschender Weise auch ein gutes Beispiel für Kreativität. Denn obwohl hier vermeintlich kopiert wird, steckt in dem Konzept Lehrmaterial für alle, die sich für neue Ideen interessieren.

Deshalb hier fünf Dinge, die ich bei Last one Laughing (LoL) über Kreativität gelernt hat:

1. Adaption macht den Unterschied

Wenn man sich die japanischen, australischen und mexikanischen Versionen des „Nicht Lachen!“-Humors anschaut, fallen kleine Unterschiede zur deutschen Adaption auf. Neben gelben und roten Karten, die in Deutschland komplett fehlen, sticht vor allem ins Auge: in der deutschen Fassung spielt Geld eine viel geringere Rolle. In der Ursprungsversion bringen die Comedians eine Geldsumme mit, die sie jeweils verlieren, wenn sie lachen und das Haus verlassen. Dieser Aspekt wird in Deutschland komplett ausgelassen. Es gibt eine Gewinnsumme, die zudem auch nicht dem/der Letzt-Lachenden gehört, sondern gespendet wird.

Ich glaube es gehört zur Kreativität, Details zu bedenken, die den Unterschied machen. Das ist u.a. das Sympathische an der deutschen Variante, dass der Wettstreit sich nur um den Spaß dreht und nicht extrinsisch durch Geld angefeuert wurde. Auch deshalb fühlt sich die Sendung kaum nach Big-Brother-Reality-Show an, obwohl sie das Grundsetting nutzt.

2. Kopieren ist kreativ

Wie schon beim internationalen Erfolg „Perfetti Sconosciuti“, der als „Das perfekte Geheimnis“ in deutschen Kino lief (und über den mein Kollege Alex Rühle hier in der SZ schrieb) zeigen auch die Lachverbot-Kopien von LOL: Kreative Schöpfung entsteht auch in der Adaption. Es ist ein Irrglaube, Kreativität stets als Alleinschöpfung zu denken. Es geht um Referenz, Bezug und Fortentwicklung. Und gerade im Vergleich zeigt sich, welche Fassungen kreativer sind. Außerdem legt der internationale Vergleich offen, was den Erfolg in den sehr unterschiedlichen Kontexten ausmacht. Beim perfetti sconosciuti war es das Spiel mit Wahrheit und Lüge, im Fall von Last one Laughing geht es um den sehr menschlichen Reflex lachen zu wollen bzw. es nicht zu dürfen.

Aus kreativer Perspektive sollte man eher auf die kleinen Unterschiede in den Kopien schauen, an denen sich die originelle Leistung zeigt, als das ganze Format als billiges Plagiat abzuwerten.

3. Grenzen schaffen neue Räume

Gemeinhin wird Kreativität dort vermutet, wo besondere Offenheit gewährt wird. Dass Grenzen sich eher positiv auf neue Ideen auswirken, kann man auch an der Lachverbots-Grenze zeigen. Sie stimuliert nicht nur Kreativität, sie schafft auch den besonderen Humor. Als Vater dieser Idee kann vermutlich Schwanzus Longus aus „Das Leben des Brian“ gelten. Hier sieht man römisches Wachpersonal, das vor Pontius Pilatus versucht das Lachen zu unterdrücken, wenn dieser mit Sprachfehler den Namen seines Freundes ausspricht. Mittlerweile gibt es zahllose Varianten von dieser Idee, die als You Laugh, You Loose, als Alman Witze und als Aushalten: Nicht lachen durchs Web geistern.

Ihren Humor und ihre Kreativität ziehen diese Formate einzig aus der Begrenzung. Denn je klarer die Grenzen gezogen sind, um so kreativer kann man damit spielen. Grenzen sind aus dieser Perspektive also keine Beschränkungen deiner Kreativität, sie stärken und formen sie vielmehr.

4. Feedback ist Teil der Kreativität

Wenn Leute lachen, muss es lustig sein. Sitcoms haben diese wenig subtile Botschaft zum Allgemeingut gemacht. Durch das Ausbleiben der Publikumsreaktion fordert Last one laughing nicht nur die Comedians heraus, die gewohnt sind, Lacher als Antwort auf ihr Spiel zu erhalten. Die fehlende Reaktion zeigt vor allem, wie wichtig Feedback für unser Urteil und damit auch für Kreativität ist. Erst durch das Zusammenspiel mit denen, die eine neue Idee hören, kann eine gute Idee entstehen. Wie ein Phantomschmerz fehlt das Lachen der Anderen wenn man zum Beispiel Heino mit Helium-Gas-verzerrter Stimme singen aber niemanden lachen hört.

In Bezug auf Kreativität ist dieser Phantomschmerz die Erinnerung daran: Du kannst Kreativität befördern, indem du anderen auf konstruktive Weise Feedback gibst. In der Anleitung zum Unkreativsein habe ich diese kreativitätsverstärkende Form der Rückmeldung „Kreativen Imperativ“ genannt.

5. Das Gegenteil hilft

Die wichtigste Voraussetzung, um kreative Lösungen zu finden, ist die Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Last one Laughing illustriert genau dies auf perfekte Weise. Denn manchmal ist der beste Weg zur Lösung, der Wunsch, das Gegenteil zu erreichen: Wer eine lustige Sendung entwickeln will, verbietet genau das, worum es geht: das Lachen! Das klingt nur im ersten Moment absurd, es ist bei genauerer Betrachtung aber eine der besten Methoden zu kreativen Einfällen. Mehr dazu auch in der aktuellen Wirbt das?-Folge, die sich mit der Takalp-Werbung befasst. Genau nach dem Prinzip funktioniert die „Anleitung zum Unkreativsein“.

Die Offenheit zum Perspektivwechsel kann man üben. Denn wer den Blick verändert, die Frage anders stellt oder aus anderer Warte auf Themen schaut, geht schon den ersten Schritt zur kreativen Lösung. Dazu gibt es ab 12. April einen Workshop auf Steady, der den Perspektivwechsel trainiert. Noch sind wenige Plätze frei!

Shruggie des Monats: NFTs und die Hochzeit von Kana

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich liebe NFTs. Ich bin regelrecht begeistert von der Idee der so genannten non-fungible token, die gerade als Hype durch die digitale Kunstwelt geistern. In der Welt der digitalen Kopie, in der dauernd Daten dupliziert werden, versprechen NFTs etwas Einzigartiges: Unkopierbarkeit!

NFTs sind nicht tauschbare Bestandteile eines so genannten Tokens, der in der Blockchain gespeichert und über Plattformen wie SuperRare, Nifty Gateway, OpenSea und Makersplace als Zuschreibung von Kunstwerken gehandelt werden kann. Sie wollen digitale Einzigartigkeit erzeugen und versprechen, Eigentum über digitale Daten zu beanspruchen. Aus diesem Anspruch kann man anders als bei physischen Gütern keine Rechte und schon gar keine Exklusivität ableiten, aber man kann die Zuschreibung in der Blockchain festhalten. Sehr vereinfacht kann man sagen: ein NFT ist der einzigartige Beipackzettel zu einem digitalen File, der unveränderbar sagt: „dieses File soll ab sofort jener Person gehören“.

Menschen sind bereit, für diesen Vorgang, sehr hohe Summen zu zahlen. Sie können dann mit Hilfe des NFT-Beipackzettels behaupten, Eigentümer eines Tweets oder eines digitalen Kunstwerks wie eines Gifs zus ein. Die digitalen Dokumente selbst bleiben davon unberührt, können also weiter kopiert und verändert werden, die NFTs sagen aber: Für diese Pixel gibt es jemanden, die/der Eigentums-Ansprüche anmelden möchte.

Zwei bedeutsame Hype-Treiber sorgen dafür, dass die digitalen Originalitäts-Zettelchen und das damit verbundene Besitzdenken gerade Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Neuheit und viel Geld! NFTs basieren erstens auf der Kryptogeld-Idee, weshalb sie für manche nicht sofort vollumfänglich verständlich aber in jedem Fall neu sind. Die digitalen Zuschreibungen sind aber zweitens selbst Bestandteil einer hypestimulierenden Zuschreibung: Es werden hohe Summen gezahlt. „69 Millionen US-Dollar“ brüllte es in den vergangenen Tagen von zahlreichen Websites. Diese Summe wurde im Auktionshaus Christies für das Kunstwerk „Everydays: The First 5000 Days“ erlöst. Der als Beeple bekannte Künstler Mike Winkelmann hatte dafür ab 1. Mai 2007 jeden Tag ein digitales Kunstwerk online gestellt und daraus ein 21.069 × 21.069 Pixel großes Werk geschaffen, dessen Beipackzettel Christies nun versteigert hat.

Dass ich NFTs liebe und sie in dieser Rubrik als Shruggie des Monats ehren will, hat aber nichts mit der durchaus spannenden Referenz- und Remix-Kunst von Beeple oder gar mit dem Hype um Blockchains und Elon Musk zu tun, sondern mit dem Prinzip der Zuschreibung: NFTs bringen auf den Punkt, was ich vor ein paar Jahren in Mashup zu beschreiben versuchte: Original und Kopie sind keine objektiven Eigenschaften, die am Werk hängen. Original und Kopie sind soziale Konstruktionen, die erst durch die Rezeption des Werks entstehen!

Das Buch, in dem ich mich mit der digitalen Kopie und ihren tiefgreifenden Konsequenzen für Kunst und Kultur befasste, heißt Mashup – Lob der Kopie und ist vor zehn Jahren bei Suhrkamp erschienen. Neben dem Hinweis auf die Relevanz der Referenz für unsere Idee von Kunst und Kultur (Lob der Kopie!) enthält das Buch vor allem eine Annährung an die Frage, was wir in der Welt der dauernden Duplizierbarkeit eigentlich noch für Original halten wollen.

Besonders anschaulich kann man dies an Paolo Veronese illustrieren, der eine Art Beeples des 16. Jahrhundert war: ein weltbekannter Künstler, der die biblische Geschichte in Szene setzte, in der Jesus Wasser zu Wein verwandelt. Die Hochzeit von Kana (die oben am Kopf der Seite zu sehen ist) ist nicht nur wegen ihre Entstehung ein interessantes Gemälde, vor allem ihre Rezeption legt erstaunliche Prozesse offen, die mich sehr an NFTs erinnern. In Mashup heißt es:

Das Besondere an dem Gemälde, das heute im Pariser Louvre hängt, ist die Form des – heute würde man sagen – Samplens und Remixens, die Veronese angewandt hat. Auf dem fast zehn Meter breiten Bild sind inmitten der Hochzeitsgesellschaft auch drei Musiker mit Streichinstrumenten zu sehen. Es wird spekuliert, dass es sich bei den Männern um Veronese selbst sowie die Maler Tizian und Tintoretto handelt. Dieser Verdacht stützt sich unter anderem auf die Tatsache, dass Veronese seinen Bruder ebenfalls auf dem Gemälde verewigt hat. Aber nicht nur der Inhalt, vor allem die Verbreitungsgeschichte der »Hochzeit von Kana« ist im Hinblick auf die Diskussion um Original und Kopie aufschlussreich: Das Gemälde wurde nämlich im Jahr 1797 von napoleonischen Truppen zusammen mit Werken von Giovanni Bellini, Tizian und anderen geraubt und nach Paris geschafft. 210 Jahre später, am 11. September 2007, feierte die Stadt Venedig im ehemaligen Benediktinerkloster San Giorgio Maggiore die Rückkehr des Bildes – allerdings in Form einer Kopie, die eine Madrider Firma aufwendig produziert hatte. Der italienische Kunstexperte Salvatore Settis stellte dabei in seiner Eröffnungsansprache die These auf, die nun nach Venedig heimgekehrte Kopie sei in Wahrheit das Original.

Selbstverständlich spricht die Kunstwelt bei dem Gemälde, das nun in Venedig gezeigt wird, nicht von einer Kopie, sondern von einem Faksimile. Das ändert aber nichts an dem Prinzip der sozialen Zuschreibung, die bei Beeples wie bei Veronese deutlich wird: Ob etwas als Original oder als Kopie angesehen wird, hat weniger mit dem Werk selbst als viel mehr mit der Wahrnehmung zu tun. NFTs legen diesen Prozess der Zuschreibung auf wunderbare Weise offen.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Die Story hinter dem „Love Story“-Meme von Taylor Swift und disco lines

Vorbemerkung: Mir ist bewusst, dass die mediale Tiktok-Aufmerksamkeit gerade geprägt ist von Donald Trumps Ankündigung, gegen die App des chinesischen Anbieters ByteDance vorzugehen. Und auch die Datenschutzprobleme bei Tiktok (auf die mein Kollege Matthias Eberl immer wieder zurecht hinweist) sind ein massives Problem. Und dennoch muss ich diese kleine Geschichte hier erzählen, die sich im Universum zwischen Tiktok, YouTube, Instagram abspielt. Sie illustriert den Zauber dessen, was durch aktive Nutzer:innen entstehen kann und die Probleme, die das Urheberrecht mit dieser gegenwärtigen Form der Kultur hat. Vorbemerkung, Ende

Im Herbst 2008 ist die US-amerikanische Sängerin Taylor Swift 19 Jahre alt (Foto aus dem Love-Story-Musikvdeo). Sie ist kurz davor, ihr zweites Album zu veröffentlichen. Es wird „Fearless“ heißen und elf Wochen lang an der Spitze der Charts stehen (Wikipedia: „kein anderes Album seit dem Jahr 2000 konnte diesen Spitzenplatz länger behaupten, und es war das meistverkaufte Album des Jahres 2009 in den Vereinigten Staaten“). Als erste Single wird im September 2008 das Lied Love Story veröffentlicht, es erzählt die klassische Romeo- und Julia-Geschichte einer Liebe gegen den Einwand der Eltern.

Thadeus Labuszewski ist zu dem Zeitpunkt in der Grundschule. Weder Taylor Swift noch er wissen, dass der Song sie zwölf Jahre später auf eine bestimmte Art zusammenführen wird – im Sommer 2020 wird Thadeus seinen Abschluss als Software-Engineer in Boulder (Colorado) machen und Taylor Swift wird ihr achtes Album veröffentlichen. Es heißt „folklore“ und enthält 16 neue Songs. Aber keiner von ihnen schafft, was dem Lied aus dem Jahr 2008 gelingt: Es wird ein Tiktok-Hit.

Warum das so ist, kann niemand so genau sagen. Man kann nur versuchen die Geschichte zu rekonstruieren, die dazu geführt hat, dass Thadeus in der vergangenen Woche eine Bitte auf Instagram gepostet hat: Er wünscht sich Kontakt zu Taylor Swift, um mit ihr über ein Video zu sprechen, das er unter seinem Künstlernamen „disco lines“ im Frühjahr 2019 auf YouTube gepostet hat. In if TAYLOR SWIFT went ONE DEEPER erklärt er, wie er aus „Love Story“ einen Deephouse-Song remixt. Das ist äußert amüsant, hat auf YouTube aber auch heute im Auge eines Aufmerksamkeits-Orkans nicht mal 9000 Aufrufe.

Der Orkan tobt auf Tiktok. Dort hat der Nutzer @Ethanishung einen Schnipsel aus dem disco lines Remix von Love Story hochgeladen. Diese so genannten Sounds sind die Vorlagen für andere Nutzer:innen um damit eigene Videos musikalisch zu untermalen. Sehr sehr viele Nutzer:innen verwenden dafür den Schnipsel, den Thadeus Labuszewski in seinem Tutorial-Clip genutzt hat: 2,4 Millionen Videos zählt Tiktok aktuell zu dem Sound. Eines davon stammt von @pokemonmasterzo. Er kniet sich zu der Liedzeile „He knelt to the ground and pulled out a ring“ auf den Boden und stößt ein Skateboard an, auf dem er eine Kamera postiert hat, die ihn filmt. Die für Trends relevante For-You-Page von Tiktok ist gerade voll von Clips, die den „Love-Song“-Sound und genau diesen Trick nutzen (eine wachsende Anzahl an Nutzer:innen greifen auch auf Drohnen zurück um den Bewegungseffekt einzubauen).

All diese Clips tragen dazu bei, dass der Ohrwurm des Sommers 2020 auf Tiktok diese Zeilen aus dem Jahr 2008 sind:

He knelt to the ground and pulled out a ring
And said, „Marry me, Juliet
You’ll never have to be alone
I love you and that’s all I really know

Rolling Stone und Buzzfeed berichten bereits drüber, weil dieser Love Story noch etwas fehlt zum Happy End. Denn wer in gängigen Streaming-Diensten nach „disco lines“ und „Love Story“ sucht, wird eher enttäuscht: es gibt keine offizielle Version des Songs, der auf Tiktok gerade in heavy rotation läuft. Für den Jungen aus Boulder ist das ein Problem: Er hat einen Welthit geschaffen, kann den aber gar nicht wirklich nutzen.

Deshalb versucht er jetzt, Kontakt zu Taylor Swift herzustellen. Vielleicht können die beiden gemeinsam eine Windmühle bauen für den Aufmerksamkeits-Orkan, der gerade durchs Web fegt. Das Problem dabei: Es ist nicht ganz klar, unter wessen Flügeln der Sturm für Auftrieb sorgen wird. Denn Taylor Swift hat einen Rechtsstreit um die Verwertungsrechte ihrer frühen Songs. Diese liegen beim ehemaligen Chef der Plattenfirma Big Machine Records und seinem neuen Partner. Vor den American Music Awards im vergangenen November machte Swift diese Debatte sogar öffentlich. Fünf Jahre zuvor hatte sie übrigens von sich reden gemacht, weil sie Teile ihres Albums 1989 auf eine Weise hatte schützen lassen, dass andere Bands dies als Angriff auf die freie Meinungsäußerung interpretierten: die Metalband Peculate schrieb deshalb mit Absicht einen Song, den sie „The Sick Beat“ nannte, weil Swift darauf Markenrechte angemeldet hatte.

All diese Urheberrechts- und Verwertungsdetails sind den Nutzer:innen auf Tiktok egal. Sie interagieren äußert aktiv mit dem Song aus dem Jahr 2008 und Thadeus beobachtet das sehr genau: „Every video I see of someone dancing to my remix puts a massive smile across my face“, wird er auf Buzzfeed zitiert. „I’m so glad to see people laughing and dancing to the song. It feels like the perfect shot of serotonin the world needs right now.“

Ich persönlich teile dies Serotonin-Begeisterung, weil ich glaube, dass diese Art der Popkultur (trotz der Copyright-Themen) zu den aktivsten und spannendsten Ausprägungen gegenwärtiger Kultur zählt. Ich befasse mich schon länger mit dem Thema („Mashup – Lob der Kopie“) und freue mich, dass ich in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das im September erscheint, das Bild des Ohrwurms genutzt habe, um zu erklären, was Meme so wunderbar macht. Mehr über Tiktok habe ich auf tiktok-taktik.de notiert.

Hier kann man den Song übrigens ganz anhören:

Boss Baby: Deepfake Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des US-Präsidenten

Ich habe hier unlängst über digitale Kopien als Form der Trump-Kritik geschrieben. Jimmy Kimmel hat nun eine weitere Ebene eröffnet – und die Technik des Deepfakes eingesetzt um die kindische Art des US-Präsidenten zu karikieren.

In diesem Video nutzt er die Vorlage eines viralen Kinderclips, in dem das Baby sehr süß leugnet, verbotenerweise Hundefutter angefasst zu haben. Kimmel nutzt diese Kopiervorlage und setzt das Gesicht des US-Präsidenten auf den Babykörper. Ähnlich wie bei den Tiktok-Kopien entsteht so ein neuer Zusammenhang zwischen Präsidenten-Sprechen und Babykörper.

Das Prinzip, auf dem diese Bilder basieren, ist jenes, das man seit Jahrhunderten von Karikaturen und Parodien kennt. Man veralbert die Mächtigen, überzeichnet Eigenschaften und stellt diese heraus. Die Technik, die dafür genutzt wird, ist verhältnismäßig neu. Deepfakes übertragen die Idee der Karikatur auf eine neue Ebene – und bilden damit eine sehr zeitgemäßge Kritik. Es ist anzunehmen, dass wir hier in (naher) Zukunft neue Ansätze sehen werden – die sich sehr gut fügen in die Form, die wir gerade bei Tiktok gesehen haben.

Gemeinsam ist all diesen Ansätzen das Lob der Kopie

Lob der Kopie: Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Wie reagiert man angemessen auf den Schwachsinn, den Donald Trump in seinen so genannten Pressekonferenzen von sich gibt? Über das letzte Treffen mit Vertretern der Presse schreibt die SZ:

Trumps Statement war wie üblich von Lob für die eigene Regierung und von wissenschaftlich haarsträubenden Aussagen gespickt, wie etwa der Idee, an Covid-19 erkrankten Patienten Desinfektionsmittel zu injizieren oder sie mit ultraviolettem Licht zu bestrahlen.

Die Deutsche-Presse-Agentur berichtet, dass offizielle Stellen und sogar die Hersteller von Desinfektionsmitteln sich daraufhin veranlasst sahen, Warnungen auszusprechen, den „Ideen“ des US-Präsidenten nicht zu folgen.

Die Katastrophenschutzbehörde des US-Bundesstaats Washington warnte die Bürger im Anschluss auf Twitter vor der Einnahme von Reinigungs- oder Desinfektionsmitteln: «Machen Sie eine schlechte Situation nicht schlimmer.» Der britische Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser, zu dessen Marken Sagrotan gehört, erklärte, dass Desinfektionsmittel «unter keinen Umständen» verabreicht werden sollten.

Man bleibt fassungslos zurück und fragt sich: Wie kann man auf diesen Schwachsinn noch angemessen reagieren? Wie kann man diese Aussagen des US-Präsidenten noch einordnen, kritisieren oder gar parodieren? Eine Antwort gibt es seit einer Weile auf Tiktok. Der Dienst, der mit dem Nachsingen von Sounds begonnen hat, hat quasi nebenbei die effektivste Form der Trump-Kritik erfunden: ihn selbst zu Wort kommen lassen!

Künstlerinnen wie Sarah Cooper tiktoken den Präsidenten, d.h. sie nehmen den Originalton seiner Pressekonferenz und bewegen dazu auf Tiktok ihre Lippen. Das sieht dann so aus und ist sehr sehr lustig:

Andere Nutzer*innen verwenden ihre Soundvorlage mit dem Trump-Quatsch und spielen ihn ebenfalls nach. Das ist zuvor schon bei anderen Presse-Statement des Präsidenten passiert – und ich werde den Eindruck nicht los: Tiktok scheint gerade die beste Möglichkeit zu bieten, den Quatsch, den Trump von sich gibt, zu kommentieren.

@kyscottt

ur doing great sweetie ##antibiotics ##covid19 ##covid ##quarantine ##intheclub ##drunkwords ##trump

♬ original sound – iampeterchao

Mehr über Tiktok gibt es hier im Blog und unter tiktok-taktik.de – und wer verstehen will, warum das Kopieren schon immer eine wunderbare Form der Kritik war: Ein Lob der Kopie!

Update: The Atlantic hat Sarah Cooper zu der Trump-Parodie interviewt. Im Gespräch sagt sie: Somebody [pointed out] that this is the emperor without his clothes, because when you see Trump, and he’s behind that podium with the presidential seal, and he has people nodding behind him, you might think that what he’s saying makes sense. But you take all of that away, and you have those words coming out of my mouth? It just brings to light even more how ridiculous it is.

Update2: Auf Twitter sammeln Menschen gerade unter dem Hashstag #HeilenWieTrump allerlei weitere absonderliche „Heil-Methoden“. Ich gebs zu, das ist auch lustig: