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Die Fußball-Metapher: was man von 22 Goals über erzählenden Journalismus lernen kann

Wenn das Leben ein Menü wäre, wäre metaphorisches Denken für mich so etwas wie die Pizza: ein mehr als grundlegender Standard; eine immer integrier- und gleichzeitig ausbaubare Basis, die Voraussetzung für Vieles und Neues. Metaphorisches Denken gehört beinahe täglich auf den Tisch, es ist ein wichtiger Bestandteil für Kreativität (wie man im Ted-Talk von James Geary anhören und in der Anleitung zum Unkreativsein nachlesen kann) – und macht Spaß.

Wenn metaphorisches Denken die Pizza im Menü ist, ist die Fußballmetapher die Quattro Formaggi – meine Lieblings-Variante. Bilder und Vergleiche aus dem Sport und besonders aus dem Fußball nerven manchen helfen dabei, Dinge zu veranschaulichen – finde ich (Symbolbild: Unsplash). Und seit diesem Monat weiß ich auch genauer warum. Die Antwort habe ich in einem Podcast gefunden, den ich für unbedingt empfehlenswert halte. Er handelt wenig verwunderlich von Pizza vom Fußball und heißt 22 Goals.

Brian Phillips erzählt darin die Geschichte von 22 ikonischen Fußballtoren erzielt in WM-Spielen. Zwei Folgen sind bereits erschienen und ich freue mich jetzt schon auf alle weiteren Tore Folgen. Es sind kleine Geschichts-Stunden, die auf anschauliche Weise zeigen, wie erzählender Journalismus heute funktioniert: mit einem erzählenden Ich, das sich nicht in den Vordergrund drängt, aber der Geschichte einen Rahmen gibt. Voller Selbstreflektion und Humor, aber völlig ohne Nostalgie, teilt Phillips seine Begeisterung für den Sport, ohne parteiisch oder einseitig zu sein. Die Geschichten werden im Team erzählt (Phillips stellt am Ende jeder Folge alle vor, die mitgearbeitet haben) und verzichten auf jegliche Autoren-Glorifizierung, wie sie im alten Journalismus manchmal noch auftaucht.

Ich empfehle den Podcast aber aus einem anderen viel wichtigeren Grund. 22 Goals liefert eine wunderbare Erklärung dafür, warum Fußball-Metaphern so gut funktionieren – weil Sport uns hilft, Ordnung zu finden. In der ersten Episode sagt Brian Phillips:

Why do sports make us feel things? Here’s a theory. Because nothing is simple. It’s complicated. Life is hard, and messy, and clumsy, and ideas never line up with actions, and ideas never line up with other ideas, and you spill your smoothie in the car, and you wake up at three in the morning thinking about the embarrassing text you sent two years ago, and everyone you have ever loved is going to die, and your battery is on 2 percent, and you don’t even know why you told that lie. And I submit that no athlete in history has embodied the mess and confusion of being alive more consistently and more vividly than Diego Maradona.

But sometimes. Sometimes, on a soccer pitch, everything comes together in just the right way to make it look simple. Clear. Everything breaks your way for once. Everything works.

All das sagt Phillips über ein Tor, das mich auf besondere Weise berührt, weil ich es zum Einstieg in mein Kopierbuch nacherzählt habe. Nicht im Original von Maradona, sondern in der Kopie von Leo Messi, die die Unmöglichkeit überbot – indem sie sie wiederholte. Das Kopieren spielt auch in dem Podcast eine Rolle – aber ich will nicht zu viel verraten. Höre es dir an!

Wie kommt man auf gute Ideen? (Farin) Urlaubs-Tipps

„Ich hab meistens extrem gute Laune“ sagt Farin Urlaub im Ärzte-Podcast, den Marco Seiffert gerade für die ARD produziert. Es ist die Antwort des Ärzte-Sängers auf die Frage nach seiner Rolle in der Band. Im weiteren Verlauf des Gesprächs geht es darum, wie ihm die „komplett-absurde Text-Ideen“ (Seiffert) kommen, also: wie er kreativ ist.

Seine Antwort (und sein Auftreten im gesamten Podcast) erinnert mich sehr an die These, dass die allermeisten Menschen, die gute Ideen haben – auch humorvoll oder witzig sind. Seiffert fragt dann noch, ob Drogen (auf die Urlaub verzichtet) helfen würden oder ob er einfach ein Genie ist. Seine Antwort:

Also mit Genie hab ich nun wirklich nix am Hut. (…) Ich glaube nicht, dass Drogen dir dabei helfen, absurd zu werden. Also weiß ich nicht, ich hab wie gesagt keine eigene Erfahrung. (…) Vieles hat damit zu tun, dass ich Sachen zulasse. Also wenn mir was einfällt und es ist bescheuert, dann sage ich nicht gleich ,das ist ja bescheuert‘, sondern ich sage ,mal gucken, wo es hinführt‘. Und was viele Künstler von sich behaupten und ich auch ist dieses „fünf Prozent Inspiration, 95 Prozent Transpiration“. Also ich feile an Ideen so lange rum, bis ich zufrieden bin. (…) Wenn der Reim nur so ungefähr gut ist, bin ich meistens nicht zufrieden. Im Idealfall hört sich ein Song so an, als würde sich jemand mit dir unterhalten – und dann merkst du aber, dass das Versmaß und die Reime komplett stimmen.

Mir gefällt nicht nur der Podcast herausragend gut, auch die Einblicke in den kreativen Prozess von Ärzte-Songs finde ich äußerst inspirierend – denn das Modell des Zulassens deckt sich voll und ganz mit der Idee, die ich in der Anleitung zum Unkreativsein beschrieben habe: Wir müssen uns von Ideen finden lassen.

Mehr zu Musik & Kreativität hier im Blog von Rick Astley und der Band Franz Ferdinand

Erzähl (dir) deine Lösung rückwärts

Es ist ein langer Weg. So sehr ich bei jeder kreativen Reise wieder hoffe, blitzgescheit und schnell einen Heureka-Moment finden zu können, so schmerzhaft muss ich jedes Mal wieder feststellen: Ohne Ausdauer keine Auswege aus kreativen Aufgaben! Geduld ist ein wichtiger Bestandteil kreativer Arbeit. Ideen müssen wachsen können, sich wandeln und Verbindungen eingehen.

Eine gute Übung für mein kreatives Ausdauer-Training ist das Nachlesen fremder Entstehungsgeschichten. Es motiviert mich, nachzuvollziehen wie andere von der Idee zum Produkt gekommen sind. Mich inspirieren die Umwege und Entwicklungen, die sie beschreiben. „Genau deshalb versuche ich, relativ wahllos alle Hintergrundberichte zu kreativen Prozessen zu verfolgen,“ habe ich in der Anleitung zum Unkreativsein notiert, „selbst wenn mich die jeweiligen Ergebnisse nicht interessieren. Das britische Nachrichtenmagazin »The Economist« verschickt zum Beispiel einen wöchentlichen Newsletter an Abonnent*innen, in dem die Redakteur*innen und Designer*innen erklären, wie sie auf das aktuelle Titelbild gekommen sind. Sie dokumentieren in unterschiedlichen Skizzen und Entwürfen den kreativen Weg, den sie zurückgelegt haben. Egal wie gut das Ergebnis auch ist, das am Ende auf dem gedruckten Magazin als Cover gedruckt wird: Die ersten Entwürfe sind stets etwas unbeholfen, ungenau und weniger gut. Ich finde das beruhigend, weil es zeigt, dass es keine Abkürzungen zur Kreativität gibt. Auch ein richtig gutes Cover beginnt mit einem mittelguten Entwurf. Auch andere müssen den langen Weg durch den Wald der Kreativität gehen.“

Dass dieser Weg auch wunderbar klingen kann, habe ich in der aktuellen Folge des Songexplorer-Podcast anhören können: Dort erzählt die Band Franz Ferdinand, wie ihr Hit „Take Me Out“ entstand. Das ist deshalb unbedingt hörenswert, weil in den ersten akustischen Skizzen deutlich durchschimmert wie der spätere Song mal klingen wird. Das weiß man aber nur, wenn man den Song kennt. Dieses Wissen hatte die Band beim Schreiben nicht, sie sah den Weg noch nicht, der sich mal durch den Wald bahnen sollte.

Selten habe ich das akustische Durchschimmern von Ideen und Ansätzen so klingend nachvollziehen können wie in diesem besonderen Interview mit Sänger und Gitarrist Alex Kapranos. Der Podcast ist nicht nur eine inspirierende Kreativitäts-Motivation, Kapranos erzählt auch mindestens zwischen den Zeilen die Geschichte von Kopie und Referenz, die ich im Lob der Kopie beschrieben habe.

Neben dem Podcast-Tipp habe ich aus der Take-Me-Out-Episode aber diese Lehre mitgenommen: Das Erzählen der eigenen Geschichte kann motivierend sein. Blicke zurück auf Ideen und deren Umsetzung (und deren Scheitern) und versuche im Rückblick den Weg zu erkennen, den du dir durch den Wald gebahnt hast (oder eben nicht). Das wird nicht immer so klingend gelingen wie bei Take Me Out, aber es ist in jedem Fall lehrreich!

Mehr zum Thema Kreativität, Kopie und Inspiration im Buch „Anleitung zum Unkreativsein„, zu dem ich im vergangenen Jahr auch ein besonderes Newsletter-Experiment gewagt habe.

2022 wird das Jahr des hybriden Denkens

Alles, was ich über das Jahr 2022 weiß, habe ich bei den Olympischen Spielen in Tokio gelernt. Der Moment, in dem sich Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi entschieden erstmals in der Geschichte Olympias eine Gold-Medaille zu teilen, ist der Moment, der das Jahr 2022 definieren wird: Denn anhand des Doppel-Golds kann man beispielhaft beschreiben, was es heißt, wenn wir sagen: 2022 wird das Jahr des Hybriden!

Hybrid bedeutet „aus Zweierlei zusammengesetzt“ und beschreibt nicht nur kombinierte Antriebe bei Fahrzeugen oder die Mischung von Arbeiten im Büro und Unterwegs. Hybrid beschreibt eine Denkhaltung, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Man kann diese hybride Haltung als Sowohl-als-auch-Denken beschreiben, die sich deutlich vom gelernten System des Entweder-oder unterscheidet.

Entweder-oder-Denken

… nur eine Option

… eindeutig

… binär

… gelernt

Sowohl-als-auch-Denken

… mehr als eine Option

… mehrdeutig

… skaliert

… schöpferisch-kreativ

Die Fähigkeit zum Sowohl-als-auch-Denken basiert auf so genannter Ambiguitätstoleranz, also auf dem Aushalten von Widersprüchen. Wer sich nicht in die polarisierende Entweder-Oder-Muster drängen lässt, ist eher in der Lage, Entwicklungen zu verstehen. Diese verlaufen nämlich selten nur binär und sehr viel häufiger skaliert – wie mein Kollege Johannes Klingebiel und ich am Beispiel der fünf relevantesten Medientrends fürs neue Jahr beschreiben konnten.

Wir benennen diese als Linien, die keine Gegensätze beschreiben, sondern Verläufe. Konkret lauten diese: Von der klaren Grenze zum flüssigen Hybrid, von der Deutungshoheit zum Kontrollverlust, von der Massenkultur zur massenhaften Nische, vom Werk zum Netzwerk, vom Produkt zum Prozess.

Um diese Linien zu erkennen, braucht es das Denksystem des Sowohl-als-auch, das man so beschreiben kann:

Das Denken in klaren Widersprüchen und Polaritäten soll Übersicht erzeugen, führt aber in komplexen Systemen häufig zu einer problematischen Vereinfachung. Die Sowohl-als-auch-Kultur, die ein hybrides Denken fördert, kann dabei helfen, das Unvorhersehbare und Überraschende in Entscheidungsprozesse zu integrieren. Sie basiert auf der Idee, vermeintlich gegensätzliche Entscheidungen gemeinsam zu denken.

Beim Mediennetzwerk Bayern durfte ich ein paar Sätze zur Sowohl-als-auch-Idee sagen, was man in diesem Podcast der Medientage München nachhören kann.

Mehr über die Idee des Hybriden Denken gibt es in dem Buch „Anleitung zum Unkreativein„, in dem ihm ein ganzer Schwerpunkt gewidmet ist:

Hybrides Denken bildet die Basis für Kreativität. Denn Kreativität zeigt sich in der Verbindung von vormals Unverbundenem.

Can we have two golds? Mit der Barshim/Tamberi-Methode zum Zauber des Sowohl-als-auch

In der Liste der Goldmedaillen, die bei olympischen Spielen vergeben wurden, muss man lange suchen um mehr als einen Namen in einem Einzelwettbewerb zu finden. Bei den Spielen im Jahr 1912 sind in der Spalte für den Fünf- wie für den Zehnkampf jeweils zwei Namen aufgeführt. Entschieden wurde über diese geteilten Gold-Medaillen aber erst siebzig Jahre später. In Stockholm im Sommer 1912 hatte der schwedische König Gustav V die Medaillen dem Amerikaner Jim Thorpe mit den Worte überreicht: „Sir, Sie sind der größte Athlet auf der Welt.“

Nach den Spielen wurden Thorpe die Medaillen wegen eines angeblichen Formfehlers aberkannt (er hatte gegen die damals geltende Amateur-Regel verstoßen, weil er zwei Jahre zuvor in einem halbprofessionellen Baseball-Team gespielt hatte), die beiden Zweitplatzierten Hugo Wieslander (Zehnkampf) und Ferdinand Bie (Fünfkampf) lehnte die Goldmedaillen allerdings ab. Sie wollten sie nicht an Stelle von Jim Thorpe tragen, der die Spiele sportlich dominiert hatte. Erst 30 Jahre nach dessen Tod, im Jahr 1983 entschied das Olympische Komitee, dass die Goldmedaillen sowohl Thorpe als auch Wieslander bzw. Bie zuerkannt werden sollten.

Man muss diese etwas komplizierte Geschichte nachlesen, um den Wert dessen ermessen zu können, was bei den Olympischen Spielen von Tokio im Hochsprungfinale der Herren passiert ist. Die New York Times schreibt von einer „Demonstration der Sportlichkeit“ und das ZDF spürte den Olympischen Geist „mit Verve durch die Arena“ wehen. Denn erstmals seit 1912 stehen in einer Goldmedaillen-Spalte zwei Namen – und erstmals überhaupt sind die beiden Athleten der Grund dafür: Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi teilen sich die die Olympische Goldmedaille der Spiele in Tokio!

Zuvor hatten sie sich ein spannendes Hochsprungfinale geliefert. Zwei Stunden lang sprangen die beiden Athleten, die auch außerhalb des Stadions befreundet sind, mit großer Genauigkeit. Sie überwanden die geforderten Höhen von 2,24 bis 2,37 jeweils im ersten Versuch. Zwei Sportler mit jeweils sechs Sprüngen. Kein Fehlversuch. Als 2,39 Meter aufgelegt wurde, war klar: Das wird ein Olympischer Rekord. So hoch war bei Olympischen Spielen vorher nur Charles Austin in Atlanta (1996) gesprungen. Barshim und Tamberi rissen beide drei Mal – und dennoch schafften sie einen Olympischen Rekord, der vermutlich höher einzuschätzen ist als die fehlenden Zentimeter.

Nach den drei Fehlversuchen treten die beiden vor den Schiedsrichter. Sie umarmen sich. Der Offizielle will ihnen das weitere Vorgehen für das Stechen erläutern, als Essa Mutaz Barshim die Frage stellt: „Can we have two golds?“ Es entsteht eine Sekunde Stille im Olympiastadion von Tokio. Dann sagt er Schiedsrichter: „Its possible“ und die beiden Freunde schauen sich an. Barshim mit roter Kappe und dunkler Sonnenbrille nickt seinen Freund an und sagt: „Lets make history.“ Tamberi nickt ebenfalls, holt mit der rechten Hand weit aus und schlägt mit Barshim ein. „Oh das ist schön“, sagt der ARD-Kommentator, „die beiden einigen sich, gemeinsam Olympiasieger zu sein.“

Das ist eine sportlich beeindruckende Geschichte, die den Blick auf die Verletzungen der beiden Athleten lenkt und zeigt, wie hoch die Belastung für Spitzensportler:innen ist. Tamberi hatte den Gips in Tokio dabei, den er tragen musste als er sich vor den Spielen von Rio ein Band im Bein gerissen hatte. Barshim, der in Rio Silber gewann, erlitt zwei Jahre später eine ähnliche Verletzung wie Tamberi: „Ich konnte nicht allein aus dem Bett, ich konnte nicht allein zur Toilette. Ich weiß, dass Gianmarco das Gleiche durchgemacht hat. Ich weiß, dass er Gold genauso verdient hat wie ich“, zitiert das ZDF den katarischen Hochspringer.Diese besondere Entscheidung von Tokio verdient aber nicht nur aus sportlichen Gründen so viel Beachtung. Sie ist ein Symbol über den Geist von Olympia hinaus.

“This is beyond sport,” hat der 30-jährige Barshim nach dem Finale gesagt. “This is the message we deliver to the young generation.”

Die Botschaft, die ich darin sehe ist aber nicht nur jene des Sportgeists. Ich sehe darin auch eine Option für scheinbar ausweglose Situationen. Wann immer ich in Zukunft gezwungen zu sein scheine, eine Entweder-oder-Entscheidung zu treffen, die mir nicht leicht fällt, werde ich an Barshim/Tamberi-Methode denken und mich fragen: Warum Entweder-Oder wenn auch Sowohl-als-auch geht? Nur weil in der Geschichte der Olympischen Spiele noch nie jemand vorher auf die Idee kam, eine Goldmedaille zu teilen, heißt das ja nicht, dass es nicht möglich sei. Auch wenn es undenkbar scheint: „it’s possible“ sagt der Schiedsrichter.

Ich glaube sogar, dass viel mehr kreative Lösungen für komplizierte Probleme möglich sind, wenn sie nach dem Sowohl-als-auch-Prinzip gedacht werden. Die Barshim/Tamberi-Methode kann Vorbild für jedes kreative Brainstorming sein, in dem kreative Menschen Ideen gegeneinander antreten lassen: Es wird besser, wenn man auf Vorschläge der anderen nicht mit aber, sondern mit und reagiert. Es entsteht Neues, wenn man auf dem aufbaut, was vorhanden ist, wenn man verbindet, was scheinbar gegensätztlich ist. Denn genau das zeichnet die so genannten Gold-Ideen aus: dass sie im richtigen Moment so funktionieren wie Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi es vorgemacht haben.

Konstruktives Feedback für Ideen-Ausdauer

Arbeiten Sie in einem kreativen Unternehmen? Unterstützt Ihr berufliches Umfeld neue Ideen? Bei der Antwort auf diese Fragen spielen viele Faktoren eine Rolle: Wertschätzung für ungewöhnliche Wege, eine reflektierte Führungs-Ebene und eine grundsätzlich offene Atmosphäre im Unternehmen. In den vergangenen Wochen ist mir persönlich aber noch eine häufig unterschätzte wichtige Komponente für kreative Unternehmen aufgefallen, über die ich hier ein paar Sätze schreiben will: die (konstruktive) Feedback-Kultur (Foto: Unsplash)

Wer häufiger in diesem Blog mitliest, weiß, dass ich Sport-Metaphern schätze. Besonders gerne wähle ich Bilder aus dem Fußball oder nehme das Laufen als Symbol für eine außersportliche Entwicklung. Wenn ich im Folgenden erläutern möchte, wie konstruktives Feedback zu einer kreativen Unternehmenskultur beitragen kann, nehme ich natürlich wieder den Sport als Bild, denn es geht auch um eine läuferische Idee, die gerade bei der Süddeutschen Zeitung realisiert wurde: der Minutenmarathon.

Bis ich im vergangenen Herbst den Halbmarathon beim München-Marathon gelaufen bin, habe ich nicht verstanden, welche Kraft von den Trommel-Gruppen und Zuschauenden ausgehen kann, die einen Lauf begleiten. Für Außenstehende ist kaum nachvollziehbar was für Läufer*innen eine echte Superkraft werden kann: Menschen, die an der Laufstrecke stehen, trommeln, lachen und anfeuern. Die Strecke wird dadurch nicht kürzer, man braucht nicht weniger Kraft und doch wird alles viel leichter, wenn man Menschen an der Laufstrecke sieht, die gute Laune verbreiten. Vermutlich braucht man kein abgeschlossenes Psychologie-Studium um die Zusammenhänge zu verstehen, die von der besonderen Atmosphäre ausgehen, die durch Zuschauer-Support entstehen kann. Plötzlich läuft man leichter, die Beine sind auf einmal nicht mehr so schwer und das Ziel wirkt irgendwie näher oder zumindest erreichbar.

Ich glaube, dass der Weg von einer Idee zu einem neuen Produkt mit einer langen Laufstrecke vergleichbar ist. Irgendwer hat den Spruch geprägt Ideen seien wertlos, die Umsetzung sei entscheidend. Ich glaube, dass das klug klingt, aber nicht stimmt. Es gilt umgekehrt: Ohne Ideen ist alles nichts. Jede gute Idee beginnt mit einem mutigen Gedanken. Und kreative Unternehmen erkennt man daran, dass Menschen sich dort trauen, mutige Gedanken zu formulieren. Denn manchmal meistens sind diese mutigen Gedanken vor allem dies: unpassend, ein bisschen albern, dumm und undenkbar. Irrigerweise denken deshalb manche, alles was unpassend, ein bisschen albern oder dumm ist, sei deshalb sofort mutig. Das stimmt nun auch wieder nicht. Richtig ist aber, dass kreative Unternehmen Menschen brauchen, die mutig genug sind, das Unpassende auszusprechen – und auch umzusetzen.

Ein Minutenmarathon überträgt die zentrale Zahl eines klassischen Marathons von der Distanz auf die Dauer des Laufs: ein Minutenmarathon dauert 42,195 Minuten – und ist damit der beste Marathon für Laufanfänger*innen. Mehr zum Thema unter minutenmarathon.de

Um diesen Weg zu bewältigen, gibt es unterschiedliche Strategien. Eine meiner Einschätzung nach häufig übersehende Methode ist die des konstruktiven Feedback. Dieses fühlt sich an wie der Support bei einem langen Lauf an der Wegstrecke. Nein, damit meine ich nicht ein kritikloses Zujubeln. Ich meine dieses Gefühl, das sich beim Lauf einstellt, wenn man am Wegesrand einen ausgestreckten Daumen sieht: da sind Leute, die dir zutrauen, dass du ins Ziel kommst.

Für mich persönlich fühlt sich konstruktives Feedback in einem Team genau so an: da sind Leute, die einer Idee zutrauen, dass sie ins Ziel kommt. Meist sind dies nur kleine Zeichen, die aber sehr große Wirkung entfalten. Ich hatte hier eine ganze Liste unterstützender Hilfe beim konkreten Minutenmarathon-Projekt notiert, habe die aber gerade alle gelöscht, weil die Kolleg*innen schon wissen, dass ich sie meine, wenn ich schreibe: Es ist die Bereitschaft im Team und über Team-Grenzen hinweg, auch etwas zu tun, was man nicht zwingend tun muss. Es ist die Offenheit, eine Kritik nicht mit einem abwehrenden aber, sondern mit einem gestaltenden und zu formulieren. Es ist die Geduld, eine Idee bis zum Ende anzuhören, auch wenn es nicht das persönliche Lieblingsthema ist. Es ist die Offenheit, daran zu glauben, dass die Idee ins Ziel kommen kann.

Klar, diese Idee muss auch mit entsprechendem Engagement vorgetragen werden. Wer konstruktives Feedback wünscht, muss auch offen dafür sein und Kritik aushalten. Aber die entscheidende Superkraft, die kreative Unternehmen von den weniger kreativen Umfeldern unterscheidet, sind nicht Post-its oder Boards oder Chefs, die Agilität kennen. Die Superkraft für kreative Umfelder entsteht aus den vielen kleinen Rückmeldungen, die gestaltend sind und nicht destruktiv. Das sind Bemerkungen, die von Freundlichkeit getrieben sind, nicht von Missgunst. Das sind Hinweise und Tipps auf weiterführende Ideen und auch Warnungen vor Umwegen. Aber nie sind sie aus einer Ablehnung oder Arroganz heraus formuliert, sondern stets aus dem Glauben an ein gemeinsames, erreichbares Ziel (wie man gutes Feedback lernt? Bei Neue Narrative gibt es ein paar Vorschläge.)

Bei dem aktuellen Projekt ist mir wegen der Corona-Krise besonders aufgefallen, welche Energie in diesen vermeintlich kleinen Gesten des konstruktiven Feedbacks steckt. Die vergangenen Wochen waren nicht einfach und ein neues Projekt nicht gerade passend. Es ist trotzdem ins Ziel gekommen – und heute wird der erste Laufnewsletter verschickt.

Deshalb habe ich mir selber vorgenommen, in Zukunft viel besser zu überlegen, wie ich Feedback gebe. Denn auf diese Weise kann jede und jeder eine Menge dafür tun, ein offenes Umfeld zu schaffen. Anders formliert: ob ich in einem kreativen Unternehmen arbeite, hängt auch davon ab, wie ich Feedback gebe und auf neue Ideen reagiere…