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Can we have two golds? Mit der Barshim/Tamberi-Methode zum Zauber des Sowohl-als-auch

In der Liste der Goldmedaillen, die bei olympischen Spielen vergeben wurden, muss man lange suchen um mehr als einen Namen in einem Einzelwettbewerb zu finden. Bei den Spielen im Jahr 1912 sind in der Spalte für den Fünf- wie für den Zehnkampf jeweils zwei Namen aufgeführt. Entschieden wurde über diese geteilten Gold-Medaillen aber erst siebzig Jahre später. In Stockholm im Sommer 1912 hatte der schwedische König Gustav V die Medaillen dem Amerikaner Jim Thorpe mit den Worte überreicht: „Sir, Sie sind der größte Athlet auf der Welt.“

Nach den Spielen wurden Thorpe die Medaillen wegen eines angeblichen Formfehlers aberkannt (er hatte gegen die damals geltende Amateur-Regel verstoßen, weil er zwei Jahre zuvor in einem halbprofessionellen Baseball-Team gespielt hatte), die beiden Zweitplatzierten Hugo Wieslander (Zehnkampf) und Ferdinand Bie (Fünfkampf) lehnte die Goldmedaillen allerdings ab. Sie wollten sie nicht an Stelle von Jim Thorpe tragen, der die Spiele sportlich dominiert hatte. Erst 30 Jahre nach dessen Tod, im Jahr 1983 entschied das Olympische Komitee, dass die Goldmedaillen sowohl Thorpe als auch Wieslander bzw. Bie zuerkannt werden sollten.

Man muss diese etwas komplizierte Geschichte nachlesen, um den Wert dessen ermessen zu können, was bei den Olympischen Spielen von Tokio im Hochsprungfinale der Herren passiert ist. Die New York Times schreibt von einer „Demonstration der Sportlichkeit“ und das ZDF spürte den Olympischen Geist „mit Verve durch die Arena“ wehen. Denn erstmals seit 1912 stehen in einer Goldmedaillen-Spalte zwei Namen – und erstmals überhaupt sind die beiden Athleten der Grund dafür: Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi teilen sich die die Olympische Goldmedaille der Spiele in Tokio!

Zuvor hatten sie sich ein spannendes Hochsprungfinale geliefert. Zwei Stunden lang sprangen die beiden Athleten, die auch außerhalb des Stadions befreundet sind, mit großer Genauigkeit. Sie überwanden die geforderten Höhen von 2,24 bis 2,37 jeweils im ersten Versuch. Zwei Sportler mit jeweils sechs Sprüngen. Kein Fehlversuch. Als 2,39 Meter aufgelegt wurde, war klar: Das wird ein Olympischer Rekord. So hoch war bei Olympischen Spielen vorher nur Charles Austin in Atlanta (1996) gesprungen. Barshim und Tamberi rissen beide drei Mal – und dennoch schafften sie einen Olympischen Rekord, der vermutlich höher einzuschätzen ist als die fehlenden Zentimeter.

Nach den drei Fehlversuchen treten die beiden vor den Schiedsrichter. Sie umarmen sich. Der Offizielle will ihnen das weitere Vorgehen für das Stechen erläutern, als Essa Mutaz Barshim die Frage stellt: „Can we have two golds?“ Es entsteht eine Sekunde Stille im Olympiastadion von Tokio. Dann sagt er Schiedsrichter: „Its possible“ und die beiden Freunde schauen sich an. Barshim mit roter Kappe und dunkler Sonnenbrille nickt seinen Freund an und sagt: „Lets make history.“ Tamberi nickt ebenfalls, holt mit der rechten Hand weit aus und schlägt mit Barshim ein. „Oh das ist schön“, sagt der ARD-Kommentator, „die beiden einigen sich, gemeinsam Olympiasieger zu sein.“

Das ist eine sportlich beeindruckende Geschichte, die den Blick auf die Verletzungen der beiden Athleten lenkt und zeigt, wie hoch die Belastung für Spitzensportler:innen ist. Tamberi hatte den Gips in Tokio dabei, den er tragen musste als er sich vor den Spielen von Rio ein Band im Bein gerissen hatte. Barshim, der in Rio Silber gewann, erlitt zwei Jahre später eine ähnliche Verletzung wie Tamberi: „Ich konnte nicht allein aus dem Bett, ich konnte nicht allein zur Toilette. Ich weiß, dass Gianmarco das Gleiche durchgemacht hat. Ich weiß, dass er Gold genauso verdient hat wie ich“, zitiert das ZDF den katarischen Hochspringer.Diese besondere Entscheidung von Tokio verdient aber nicht nur aus sportlichen Gründen so viel Beachtung. Sie ist ein Symbol über den Geist von Olympia hinaus.

“This is beyond sport,” hat der 30-jährige Barshim nach dem Finale gesagt. “This is the message we deliver to the young generation.”

Die Botschaft, die ich darin sehe ist aber nicht nur jene des Sportgeists. Ich sehe darin auch eine Option für scheinbar ausweglose Situationen. Wann immer ich in Zukunft gezwungen zu sein scheine, eine Entweder-oder-Entscheidung zu treffen, die mir nicht leicht fällt, werde ich an Barshim/Tamberi-Methode denken und mich fragen: Warum Entweder-Oder wenn auch Sowohl-als-auch geht? Nur weil in der Geschichte der Olympischen Spiele noch nie jemand vorher auf die Idee kam, eine Goldmedaille zu teilen, heißt das ja nicht, dass es nicht möglich sei. Auch wenn es undenkbar scheint: „it’s possible“ sagt der Schiedsrichter.

Ich glaube sogar, dass viel mehr kreative Lösungen für komplizierte Probleme möglich sind, wenn sie nach dem Sowohl-als-auch-Prinzip gedacht werden. Die Barshim/Tamberi-Methode kann Vorbild für jedes kreative Brainstorming sein, in dem kreative Menschen Ideen gegeneinander antreten lassen: Es wird besser, wenn man auf Vorschläge der anderen nicht mit aber, sondern mit und reagiert. Es entsteht Neues, wenn man auf dem aufbaut, was vorhanden ist, wenn man verbindet, was scheinbar gegensätztlich ist. Denn genau das zeichnet die so genannten Gold-Ideen aus: dass sie im richtigen Moment so funktionieren wie Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi es vorgemacht haben.

Das Buch als Newsletter (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Das Buch, um das es im folgenden geht, heißt Anleitung zum Unkreativsein.

Es geht! Dieses Ergebnis stelle ich der Zusammenfassung meines Buch-Newsletter-Experiments der vergangenen Wochen voraus. Es geht, es macht Freude und eröffnet neue Möglichkeiten, wenn man ein Buch digital denkt: als Newsletter, der wie ein Seminar oder ein Workshop über einige Wochen regelmäßig Leser:innen begleitet.

Darum geht es nämlich: Wie können wir Bücher digital denken? Zwei eher alte Techniken zu einem neuen, innovativen Ansatz verbinden – das ist die Idee dessen, was ich Buch-Briefing nenne. Ein Newsletter-Service, der Bücher in digitale Kapitel aufteilt, die ondemand und regelmäßig bezogen werden können. Im Sachbuchbereich ist die Referenz für diese Methode der Workshop bzw. das Seminar, in der Belletristik liefert die Idee des Fortsetzungsromans bzw. der Serie die Referenz fürs Buch-Briefing.

Vorteil für Produzierende wie Konsumierende: Es gibt eine Verbindung. Als Autor:in kenne ich meine Leser:innen – weil ich durch die regelmäßigen Mails in Kontakt stehe. Das erzeugt nicht nur Nähe, sondern liefert auch Kund:innen-Daten.

Das Experiment

Gerade ist mein Buch „Anleitung zum Unkreativsein – auf anderen Wegen zu neuen Ideen“ erschienen. Ein Reverse-Ratgeber, der mit Hilfe der Kopfstandmethode neue Zugänge zu kreativen Lösungen aufzeigt. Die zentrale These des Buches lautet: Wer neue Ideen will, muss lernen die Perspektive zu wechseln.

Diesen Gedanken habe ich in einen elfwöchigen Newsletter auf Steady gegossen. Da ich Akronyme mag, habe ich jeder Folge einen Buchstaben des Wortes PERSPEKTIVE vorangestellt: „Ein Wort, eine Übung, eine Frage – drei Gedanken zum Thema Kreativität“ lautet das Konzept des kurzen Newsletters, der jeden Montag um 19 Uhr einige Gläser aus dem großen Fass zapfte (Symbolbild: unsplash). Mit diesem Bild lässt sich vermutlich am besten das Verhältnis zwischen Buch (Fass) und Newsletter (Gläser) beschreiben. Der Newsletter zerlegt das große Granze in kleinere Einheiten, die leichter konsumierbar sind. Warum macht er das? Weil er auf diese Weise entweder Werbung für das Fass macht (Marketing fürs Buch) oder weil sich auf diese Weise vielleicht sogar Gläser verkaufen lassen (neues Geschäftsmodell Buchbriefing).

Um rauszufinden, welche Chance in dieser Form der Buch-Digitalisierung zum Newsletter liegen, habe ich die Anleitung zum Unkreativsein in einen Newsletter überführt und eine Nutzer:innen-Befragung angeschlossen, deren Ergebnisse ich unten zeige. Zunächt zum besseren Verständnis nochmal die Gegenüberstellung der beiden sich ergänzenden Ansätze „Buch“ und „Newsletter“

Das Buch
bietet den gesamten Inhalt auf einmal
Inhalt abgeschlossen
Einmaliger Kontaktpunkt
Keine weiteren Lese-Anreize
Lautsprecher-Prinzip
Kein Rückkanal
Keine Nutzer:innen-Daten
Leser:in kauft den Inhalt

Produkt als dominante Idee

Der Newsletter
zerlegt den Inhalt in Folgen
Inhalt aktualisierbar
Schafft wiederholte Kontaktpunkte
Regelmäßige Lese-Anreize
Kopfhörer-Prinzip
Rückkanal/Austausch möglich
Nutzer:innen-Daten
Leser:in kauft auch die Zeit zum Lesen

Prozess als dominante Idee

Das Ergebnis

Buch und Newsletter aus dem Experiment lassen sich nachlesen – das Buch am liebsten hier beim Rheinwerk-Verlag bestellen. Der Newsletter steht kostenfrei drüben bei Steady – und zwar mit diesen Folgen:

P wie Position
E wie Erwartung
R wie Ritual
S wie Spielen
P wie Paradox
E wie Erfolg
K wie Kombination
T wie Teilen
I wie Ideen
V wie Version

Die Erkenntnis

Und funktioniert das jetzt? Um Antworten auf diese Frage zu bekommen, habe ich die Leser:innen des Newsletter befragt. Hier eine Zusammenfassung der vier wichtigsten Erkenntnisse. Die qualitativen Antworten aus der Umfrage habe ich ausgelassen, sie beziehen sich vor allem auf die konkrete Ausgestaltung des Newsletters zum Buch, das quantivative Feedback lässt aber diese sehr positiven Schlüsse für die Idee Buchbriefing zu:

1. Es gibt eine überwiegende Mehrheit, die die Idee Bücher zu Newslettern zu machen, gut findet

2. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und Newsletter, überwiegend positiv für die Kaufabsicht des Buches

3. Der Newsletter erreicht offenbar andere Leser:innen als das Buch. Er kann also als Marketing für das Buch verstanden werden:

4. Es gibt eine überwiegende Kaufabsicht, für die neue Produkt-Kategorie „Buch-Newsletter“ in Zukunft Geld auszugeben

Die nächsten Schritte

Mich bestätigt dieses Experiment, den Grundgedanken von Buchbriefing fortzuführen. Besonders interessiert es mich, diese Idee mit dem so genannten Inspirierenden Journalismus zusammenzudenken. Denn hier liegt ein sehr kurzfristiger Mehrwert dieser Newsletter-Strategie. Aber auch in belletristischen Zusammenhängen sehe ich Potenzial in der seriellen Form des Lesens. Falls Sie sich für diese Ideen interessieren und Sie unterstützen wollen: melden Sie sich bei mir!

Perspektive lernen: der Workshop-Newsletter bei steady

Am 12. April startet drüben bei steady ein kleines Experiment: ich habe einen Teil meines Buches „Anleitung zum Unkreativsein“ in einen Newsletter überführt, der wie ein Workshop funktioniert.

Elf Wochen lang bis zum längsten Tag des Jahres versuche ich jeden Montag neue Perspektiven zu eröffnen. Zu jedem Buchstaben des Wortes PERSPEKTIVE gibt es eine Folge, die das jeweilige Schlagwort thematisiert, Lesetipps vermittelt und Fragen beantwortet.

Denn die Besonderheit an dem Newsletter-/Workshop-Konzept steckt auch im Austausch mit den Leserinnen und Lesern. Die ersten 500 Teilnehmer:innen können kostenfrei mitmachen – und ihre Fragen einschicken. Bis jetzt haben sich 308 Menschen in den Newsletter eingetragen. Deshalb hier meine Einladung an Dich: Trage dich hier ein und schicke mir gerne deine Frage, deine kreative Herausforderung oder Anmerkung zum Thema (Mail-Adresse im Kontakt)

Ich werde mich bemühen, in jeder Folge beispielhaft eine Frage aufzugreifen und (anonymisiert) zu beantworten. Dabei kann es um Feedback-Kultur gehen oder um die Frage wie man mit scheinbar ausweglosen Aufträgen umgeht. Spielerische Lösungsansätze für kreative Herausforderungen versuche ich ebenso in dem Newsletter aufzuzeigen wie die Ratschläge zur Unkreativität, die in dem Buch versammelt sind. Dazu haben mir unter anderem Christoph Niemann, Kathrin Passig, Alice Hasters und Susi Bumms Antworten auf die Frage geschickt: Was ist deine wichtigste Anleitung zum Unkreativsein? In der ersten Newsletter-Folge gibt es direkt ein paar Antworten von Teilnehmer:innen des Workshops.

Ich probiere diese Form des Newsletters nicht nur aus, weil er mir passend zum Buch erscheint. Mich reizt vor allem der Aspekt, den ich unlängst unter dem Schlagwort „Inspirierender Journalismus“ notiert habe. Darüber werde ich innerhalb der elf Folgen und bestimmt auch danach reflektieren: Wie kann man ein Buch in einen Workshop übertragen?

Hier anmelden und mitlesen!

Anleitung zum Unkreativsein (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann – und der ab 2018 sich ein wenig ändert (z.B. mit dieser neuen Rubrik)

Wie schafft man eigentlich eine inspirierende Arbeitsatomsphäre, in der Menschen auf neue Ideen kommen? In unterschiedlichen Gesprächen bin ich in den vergangenen Wochen auf diese Frage gestoßen. Und nach noch mehr unterschiedlichen Gesprächen muss ich sagen: Ich weiß es nicht.
Was ich aber weiß, ist dies: Man kann eine Menge tun, um zu verhindern, dass eine Lust am Neuen entsteht. Denn darum geht es im Kern, wenn Menschen auf der Suche nach Kreativität sind: um ein anderes Verhältnis zum Neuen. Kreativität heißt vor allem, das Bestehende anders zu sehen und dann auch herauszufordern. Das Bild vom Vuja-De, das als umgekehrtes Deja-Vu nicht Bekanntes im Fremden, sondern das Neue im Vertrauten entdeckt, ist ein Aspekt dessen, was die Fähigkeit zur Innovation Irritation ausmacht: eine Bereitschaft zum Gestalten, eine Lust an der Veränderung. Denn es gilt, was das in Wahrheit nur mittelgute Buch Change the status quo! Or become it in seinem Titel verspricht.

Wer das berühmte Einstein-Zitat („Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat“) in die Tat umsetzen will, kann vor allem dafür sorgen, dass Menschen Freude an ihrer Arbeit empfinden. Spaß ist ein entleertes Wort, es steht in diesem Zusammenhang aber für eine Art der Arbeit, die als erfüllend wahrgenommen wird. Das ist mindestens eine Vorstufe dessen ist, was Frithjof Bergmann als New Work beschreibt: also etwas zu tun, was man wirklich wirklich tun will.

Je länger man sich damit befasst, um so klarer ist: Die Aufgabe, ein kreatives Umfeld zu schaffen, ist riesig – und jedenfalls so groß, dass der einzelne überfordert ist. Dabei stimmt das nicht, denn jede und jeder kann sehr viel dafür tun, dass ein Umfeld entsteht, in dem eine offene Fehlerkultur gelebt wird, in dem man auch doofe Vorschläge machen darf und in dem gemeinsam gelacht wird. Das Mindeste, was jede/jeder beisteuern kann, ist, dass sie/er aufhört, Kreativität zu unterdrücken. Denn innovative Unternehmen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie die kreativsten Köpfe beschäftigen, sondern vor allem dadurch, dass die weniger kreativen Köpfe, die Phase des Widerspruchs und Bewahrens überwinden.

Wie das gehen soll? Im Sinne von Paul Watzlawicks großer Anleitung zum Unglücklichsein habe ich versucht, zehn Ratschläge zu notieren, die bei strikter Befolgung sicher dazu führen, dass so schnell keiner mehr mit einer ungewöhnlichen Idee um die Ecke kommt. (Unsplash-Foto: Caleb Woods)

Anleitung zum Unkreativsein

1. Sei grundsätzlich einverstanden mit dem Status quo. So wie es ist, ist es doch okay, warum sollte man eigentlich was verändern?

2. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, etwas zu ändern, solltest du darauf achten, dass sich erstmal für die anderen etwas ändert. Außerdem muss durch die Veränderung sofort eine eindeutige Verbesserung sichtbar werden. Hier ist Druck und klassische Führung unerlässlich. Lass dich keinesfalls auf Experimente ein, bei denen nicht von Anfang an klar ist, was dabei herauskommt. Milestones sind unerlässlich, um den Wert von Ideen zu bewerten!

3. Orientier dich stets an dem, was du kennst. Hier bist du sicher, hier kannst du Dinge einschätzen. Dies sollte in jedem Fall die Grundlage dafür sein, Neues sehr kritisch zu beurteilen. Klar, den Satz „Das haben wir noch nie so gemacht“ würdest du nicht sagen. Aber denken darf man das ja wohl. Ist ja schließlich nicht alles schlecht, was hier seit Jahren gemacht wurde. Es ist sowieso schon als Entgegenkommen zu verstehen, dass man überhaupt darüber diskutiert und sich mit Kreativität befasst. Ging doch früher auch ohne all diesen Kram.

4. Stelle deinen Zweifel in den Vordergrund. Wenn dir jemand eine neue Idee präsentiert, darfst du auf keinen Fall loben, was dir gefällt, du musst zunächst erwähnen, was alles fehlt oder nicht stimmt. Überhaupt ist es unerlässlich, stets potenzielle Gefahren in aller Deutlichkeit zu betonen und unabsehbare Folgen ausführlich zu diskutieren. Lass auch ruhig einfließen, dass „du persönlich“ dir nicht vorstellen kannst, eine solche Dienstleistung in Anspruch zu nehmen oder ein solches Produkt zu nutzen. Auch Kinder von Freunden sind als ablehnende Referenzgröße stets willkommen („sind gar nicht mehr so oft auf Facebook“) – Marktforschung oder die absurde Vorstellung, eine Idee vielleicht in einem kleinen Kreis mal zu testen, solltest du als viel zu teuer ablehnen.

5. Versuche auf keinen Fall, die neue Idee durch eigene Impulse zu verbessern. Reagiere niemals mit „Und“, sondern immer mit „Aber“ wenn Du was Neues hörst. Eine gesunde „Wenn es sein muss“-Haltung wirkt im Kreativitätsprozess Wunder – hier ist besonders drauf zu achten, sie äußerst widerwillig vorzutragen und den Anwesenden stets ein Gefühl der Geringschätzung zu geben.

6. Begeisterung ist in jedem Fall zu vermeiden. Wer sich zu sehr in eine neue Idee reinsteigert, übersieht vielleicht wichtige, kritische Aspekte – und neigt zu Fehlern. Deshalb solltest du stets eine distanzierte Haltung bewahren: Das wirkt auch viel seriöser und unangreifbarer als diese Naivlinge, die immer neue Ideen haben. Die werden schon sehen, was sie davon haben. Denn Fehler müssen Fehler bleiben. Wer falsch liegt, muss dafür gerade stehen. Bei Fehlern muss es immer um persönliche Verantwortung gehen und um die Frage, wie so etwas überhaupt passieren konnten. Man sollte niemals darüber nachdenken, wie man sie in Zukunft vermeiden kann!

7. Lass dich keinesfalls von fremden Perspektiven verstören. Gerade branchenfremde Meinungen sind in jedem Fall fernzuhalten. Sie sorgen nur für sinnlose Irritation des bewährten Ablaufs. Irritationen kann man sich nur erlauben, wenn es gut läuft. In Zeiten des Drucks wirken sie auf eine Firma wie die berühmte Szene aus dem Wald: Ein Mann versucht mit einer stumpfen Säge, einen Baum zu fällen. Kommt eine Frau vorbei und rät, die Säge zu schärfen. Sagt der Mann: „Dafür habe ich jetzt keine Zeit.“ Verhalte dich stets wie dieser Mann, halte dich an deine Prioritäten und an die langfristigen Ziele!

8. Du solltest dich auch persönlich nicht vom Weg abbringen lassen. Ein voller, gut getakteter Terminkalender ist nicht nur Ausdruck von viel Arbeit (und Wichtigkeit), er bewahrt dich auch davor, ins Nachdenken zu kommen. Tagträumereien oder gar festgelegte Zeit zum Nachdenken (wie in der Zwei-Stunden-die-Woche-Regel) sollest du dir nicht gestatten.

9. Wenn neue Ideen konkret werden, musst du auf jeden Fall darauf drängen, dass Arbeitsgruppen eingesetzt werden. Es ist dringend zu vermeiden, diejenigen, die die Idee hatten, daran weiterarbeiten zu lassen. Sie brauchen jetzt Führung und Anleitung von bewährten Kräften. Nur sie kennen den Markt und wissen falsche Ansätze frühzeitig zu vermeiden. Außerdem lassen sich auf diese Weise Synergien schaffen – und Effizienz sollte in Fragen der Kreativität stets über allem stehen.

10. Gerade bei Neuem wird häufig der Fehler gemacht, nicht „alle mitzunehmen“. Dabei ist es unerlässlich, ganz zu Beginn möglichst viele Meinungen einzusammeln und einfließen zu lassen. Es braucht unbedingt eine breite Basis, die eingebunden ist. Wenn die Idee dadurch größer wird, ist das nicht von Nachteil. Im Zweifel lohnt es sich dann auch zu investieren. Denn nur wenn alle eingebunden sind, ist sicher gestellt, dass die Sache auch ein Erfolg wird. Integriere die neue Idee deshalb so schnell wie möglich in die bestehende Struktur. Als Faustregel gilt dabei das Prinzip der Wiedervereinigung: Perfekt ist die Mischung von Neuem und Bewährten wenn das Bewährte sich verhält wie Westdeutschland nach dem Mauerfall und das Neue aus der Haltung des ehemaligen Ostens argumentiert.

Auf den ersten Blick wirken diese Regeln sehr umfangreich. Aber keine Sorge: Mit ein wenig bösem Willen kann man sie ganz schnell in die Tat umsetzen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).