Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Autor und Journalist und lebe in München. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (gerade ist „Meta! Das Ende des Durchschnitts“ erschienen), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Aktuell überlege ich, einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die im Internet Zuhause sind. Hier kann man sich dafür eintragen

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

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Wir brauchen eine Algorithmen-Ethik – Interview mit Konrad Lischka

Konrad Lischka ist Ko-Leiter eines Projekts der Bertelsmann Stiftung, das den Titel Algorithmenethik trägt – und sich mit den gesellschaftlichen Folgen algorithmischer Entscheidungsfindung befasst. Der Netzexperte ist (wie ich) Alumni der Deutschen Journalistenschule und hat mir vor zwei Jahren im Interview auf sz.de die Idee seines Buches „Das Netz verschwindet“ erläutert. Wir sind also persönlich gut bekannt. Auch deshalb interessiere ich mich sehr für das Algoethik-Projekt, das auch einen interessanten Newsletter verschickt.

Ich habe Konrad ein paar Fragen zu seinem Projekt gemailt.

Sind Algorithmen böse?
Kurze Antwort: Nein.
Längere Antwort: Es kommt darauf an.

Worauf?

Vor allem auf die Ziele, die Menschen mit Algorithmen verfolgen: Einige US-Autoversicherungen berechnen zum Beispiel die Prämien der Kunden basierend auf dem Kreditscoring. Wenn jemand Unfälle verschuldet, aber immer pünktlich seine Rechnungen beglichen hat, zahlt er weniger als Einkommensschwache mit perfektem Fahrverhalten. Bonität genießt Priorität. Dieses Ziel haben aber Menschen festgelegt – nicht der eingesetzte Algorithmus.
Es kommt aber auch auf die Umsetzung an, das heißt die Implementierung der Systeme in den gesellschaftlichen Kontext. Welche Konsequenzen hat eine algorithmische Bewertung für Menschen? Und wie können sie die Kriterien nachvollziehen und gegebenenfalls widersprechen? Auch das bestimmen Menschen. Ein anderes Beispiel: In Australien hat der Staat Software Sozialbezüge mit Steuererklärungen abgleichen lassen, um vermeintlich zu viel gezahlte Leistungen zu erkennen. Das System verschickte im Verdachtsfall auch gleich automatisch Mahnungen. So wurden in einer Woche so viele Mahnungen rausgeschickt wie die menschlichen Sachbearbeiter davor in einem Jahr schafften. Das Problem war: Die Software arbeitete mit unsauberen und veralteten Daten, die Fehlerquote war ähnlich hoch wie zuvor – nur, dass viel mehr Entscheidungen getroffen wurden. Es bekamen viel mehr Menschen als zuvor unberechtigte Mahnungen. Und weil der Staat die Kapazitäten für Beschwerden nicht ausgebaut hatte, waren die Hotlines und Servicezentren sofort überlastet. Der Algorithmus ist auch in diesem Fall nicht verantwortlich für die schlechte Datenqualität, den ungeprüften Mahnungsversand und die ungenügenden Korrekturprozesse. Aber ohne den Algorithmus wären diese von Menschen gesetzten Unzulänglichkeiten lange nicht so ins Gewicht gefallen.

Trotzdem haben Algorithmen ein eher schlechtes Image, oder? Woher kommt das?
Algorithmus ist ein Schlagwort, das zum Teil völlig unterschiedliche Phänomene auf eine scheinbar eindeutige Ursache reduziert. Jemand benutzt verzerrte Trainingsdaten und reproduziert in den Daten abgebildete Diskriminierung? Jemand baut ein System, um gezielt Menschen in Notlagen zu erkennen und deren Verwundbarkeit zum eigenen Vorteil ausnutzen? Die interessante Lüge verbreitet sich in der digitalen Sphäre schneller und weiter als ihre nüchterne Korrektur? Algorithmen sind da immer ein Instrument und Verstärker, schuld sind sie aber selten. Vielleicht entlastet uns Menschen aber auch zu sagen: Der Computer ist schuld!

Ist das in Deutschland anders als in anderen Ländern? Gibt es dort schon Ansätze zu einer Ethik der Algorithmen?

Es gibt in einigen Staaten eine gesellschaftliche Debatte mit vielen Ideen und Initiativen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Verbänden. Dem Artificial Intelligence Committee im britischen Oberhaus haben mehr als 200 Organisationen ihre Impulse geschickt – von Amnesty International bis zum Ingenieursverband IEEE. In den Vereinigten Staaten haben Initiativen wie FATML erste Gütekriterien für algorithmische Systeme vorgeschlagen, Berufsverbände diskutieren professionsethische Standards. In Frankreich hat eine Schülerorganisation die Veröffentlichung eines Algorithmus zur Studienplatzvergabe vor Gericht erstritten. Da beginnt die konstruktive Arbeit an Lösungen.

Wenn du es auf den Punkt bringen müsstest: Warum brauchen wir eine Ethik für Algorithmen?
Wenn Software die gesellschaftliche Teilhabe beeinflusst, müssen ihre Ziele, Design und Wirkung der gesellschaftlichen Kontrolle und Willensbildung unterliegen. Technisch möglich ist vieles. Was sinnvoll und angemessen ist, müssen wir als Gesellschaft im Diskurs über konkrete Fälle und allgemeine Prinzipien entscheiden.

Du sagst, Leitbild für die Entwicklungen müsse das gesellschaftlich Sinnvolle sein, nicht das technisch Mögliche. Wie findet man das heraus?

In der gesellschaftlichen Diskussion über konkrete Fälle, abgeleitete Prinzipien und Regeln für den Einsatz. Gesetze sind geronnener Konsens solcher Debatten. Die muss man früh führen, bei bestimmten, teilhaberelevanten algorithmischen Prozessen vor und während der Entwicklung im Idealfall – fachöffentlich, aber auch mit potenziell Betroffenen und manchmal gesellschaftlich breit angelegt.

Was könnte man tun, um Algorithmen-Ethik zu fördern? Gehört das Thema in den nächsten Koalitionsvertrag?
Klar. Für eine gemeinwohlförderliche Gestaltung algorithmischer Systeme braucht es den Staat. Nicht nur als Regulierer, sondern auch als aktiver Gestalter und Förderer einer positiven Ordnung. Ich sehe vier große Themenfelder, wo es jetzt zu handeln gilt:
1. Übergreifend die Erforschbarkeit der Systeme ermöglichen und staatliche Kompetenz zum Einschätzen, Einhegen aber auch zum Entwickeln solcher Verfahren aufbauen.
2. Die gesellschaftliche Angemessenheit der in Systemen implementierten Ziele sichern. Da gibt es viele Ideen, wie man Instrumente aus anderen Bereichen übertragen könnte. Das geht von einer Professionsethik über standardisierte Prüfverfahren bis hin zu Ethikkommissionen.
3. Die Umsetzung und Implementierung prüfen, erklären und falsifizieren. Weil Transparenz allein keine Öffentlichkeit schafft und Überprüfbarkeit nicht Überprüfung garantiert, braucht es vielfältige Wächter-Organisationen, auch zivilgesellschaftliche.
4. Vielfalt der Ansätze und Betriebsmodelle: Bei sozialen Konzepten wie Nachrichtenrelevanz oder Mitarbeiterqualitiät gibt es nicht die eine eindeutig richtige Antwort. Deshalb brauchen wir keine algorithmische Monokultur, sondern vielfältige Systeme mit unterschiedlichen Ansätzen gibt.

Du bist Koleiter eines Projekts der Bertelsmann-Stiftung. Kannst du was zu der Motivation sagen: Warum treibt dich das Thema an? Und weshalb fördert die Bertelsmann-Stiftung die Idee einer Algorithmen-Ethik?
Algorithmische Systeme werden auch in Deutschland in absehbarer Zeit in immer mehr teilhaberelevanten Bereichen zum Einsatz kommen. Das ist eine Chance, denn wir wissen, dass die Entscheidungsqualität in vielen Bereichen unserer Gesellschaft heute nicht gut ist. Wer zu, Bewerbungsgesprächen eingeladen wird, bestimmen in Deutschland immer noch mehrheitlich Menschen. Wir wissen aus Studien: In der Summe entscheiden sie unfair. Um eine Einladung zu erhalten, muss ein Kandidat mit einem deutsch klingenden Namen durchschnittlich fünf Bewerbungen schreiben. Ein Bewerber mit gleicher Qualifikation und türkisch klingenden Namen hingegen sieben. Hier könnte gut gestaltete Technik unsere Gesellschaft gerechter machen.

Andererseits sehen wir in den USA und Australien, wo die Entwicklung weiter ist, dass bei Negativbeispielen für den ADM-Einsatz oft Menschen zu den Leidtragenden gehören, die zuvor auch ausgegrenzt wurden. Die Debatte darüber beginnt in diesen Staaten erst jetzt, wo Fehlentwicklung bekannt werden. Wir können und müssen in Deutschland aus solchen Fehlern lernen. Das treibt mich persönlich an: Technik für Gesellschaft gestalten.
Die Menschen stehen im Mittelpunkt der Stiftungsarbeit. Alle sollen gleichberechtigt in politische Entscheidungs- und Willensbildung einbezogen sein und fair an sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Entwicklung teilhaben. Weil der Einfluss algorithmischer Systeme auf Teilhabe in diesem Sinne wächst, ist es ein Thema für die Stiftung. Wir wollen die Gesellschaft für Chancen und Risiken sensibilisieren, den Diskurs versachlichen und Anregungen für konkrete, konstruktive Lösungsansätze fördern und geben. Algorithmische Entscheidungsfindung muss jenseits von Partikularinteressen diskutiert und gestaltet werden. Deshalb ist es uns wichtig, einen Impuls für und aus der Zivilgesellschaft zu setzen.

Am Montag abend diskutiert Konrad Lischka zu dem Thema in München im Lost Weekend. Im Deutschlandfunk Kultur hat er seine Ideen unlängst in einem Essay dargelegt.

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loading: No.1

„Das beste Sportmagazin der Welt. So dick, dass man zum Lesen Ferien nehmen muss“, mit diesen Worten kündigen die Macher von No. 1 ihr gleichnamiges Magazin an, das so schön werden soll, dass man drin wohnen möchte. Das besondere dabei: Das Heft erscheint nur einmal. Im Herbst 2018. Und kaufen kann man es nur bis Weihnachten.

Christof Gertsch hat den loading-Fragebogen zu diesem besonderen Crowdfunding-Projekt beantwortet.

Was machst du?
Wir haben einige der besten Sportjournalistinnen und Sportjournalisten der Schweiz (und unsere Lieblingsschreiberinnen und Lieblingsschreiber im Ausland) gefragt: Was ist die eine Geschichte, die ihr schon immer mal erzählen wolltet?
Zum anderen haben wir eine Reihe von schlauen Schweizer Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern gefragt: Welcher Aspekt des Sports ist notorisch unterbelichtet in den Medien? Welche Fragen interessieren dich?
Wenn wir das zusammenbringen – gutes Erzählen und echte Insights –, könnte etwas entstehen, das man haben will.

Warum macht ihr es (so)?
Wir alle sind berufstätig, sind Mütter oder Väter, wir alle haben viel um die Ohren. Aber wir alle haben auch tief in uns drin zwei Leidenschaften: Sport und gute Geschichten. Übersetzt in eine Frage wäre das: Warum zum Teufel gibt es in der Schweiz kein richtiges Sportmagazin? Die Antwort kennen alle: Weil es eigentlichen keinen Markt gibt für anspruchsvollen, leidenschaftlichen Sportjournalismus. Eigentlich. Denn tatsächlich bekamen selbst die grössten Bedenkenträger, mit denen wir uns im Vorfeld unterhielten, leuchtende Augen, wenn sie über Sport sprachen. Und über gute Geschichten. Da dachten wir uns: Okay, let’s do it. Aber nur einmal.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle, die gute Geschichten mögen. Sport ist ja auch nicht mehr als ein Spiegel der Wirklichkeit.

Wie geht es weiter?
Noch bis zum 21. Dezember kann man das Heft auf dienummereins.ch kaufen. Es kostet 25 Franken. Wenn wir die 100’000 Franken zusammenbringen (klingt nach viel, ist nach Abzug der Druck- und Versandkosten aber recht wenig – wir alle arbeiten unentgeltlich, nur die externen Autorinnen und Fotografen werden wir entlöhnen), machen wir uns im Januar an die Arbeit. Und Ende 2018 erscheint das Heft.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass Sport die besten Geschichten erzählt.

Hier No. 1 für 25 Franken (ca 22 Euro) unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


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Bloss nichts falsch machen (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Es gab diesen Moment im Wahlkampf 2017 als sich in meinem Timeline genannten Bekanntenkreis der Gedanke zu verfestigen begann, die FDP als wählbare Partei wahrzunehmen. Ob nicht deren sehr digital geprägte Kampagne, die das neue Denken in den Mittelpunkt zu stellen versuchte, genau auf uns zugeschnitten sei, fragte einer – und bekam nicht wenig Unterstützung für den Ansatz. Es wäre, bemerkte eine andere, ja genau jetzt Zeit für eine wirkliche liberale Politik. Eine, die die Freiheit nicht bloß als wirtschaftliche Kategorie versteht, sondern als Gegenmittel gegen die Vereinfacher und Prediger von allen Seiten.

Es war dann die FDP selber, die mit ihrer Tagespolitik in NRW der Hoffnung auf einen solchen liberalen Ansatz einerseits und der Option, sie für wählbar zu halten andererseits, die Grundlage entzog. Und das Ende der Jamaika-Verhandlungen in der Nacht zu Montag bestätigt diesen Eindruck noch einmal. Dass die offenbar seit Donnerstag vorbereitete Inszenierung politisch verantwortungslos und skandlös ist, hat Heribert Prantl sehr anschaulich kommentiert. Mich interessiert an dem Jamaika-Ende aber vor allem der Slogan, den die Partei dem ganzen gegeben hat. Denn damit ist der FDP – vermutlich ohne Absicht – ein Kunststück geglückt. Mir fällt kein Satz ein, der die Verzagtheit, die Vergangenheitsverklärung und Mutlosigkeit dieses Landes besser auf den Punkt bringen könnte als Lindners Motto:

Lieber nicht regieren als falsch

ist das innerhalb von Minuten zum politischen Klassiker gewordene Symbol für den Zustand dieses Deutschlands im Jahr 2017. Nie ist die Liebe zum Status Quo und die damit verbundene „Bloß nichts falsch machen“-Haltung besser auf den Punkt gebracht worden als in diesem Satz, von dem die FDP absurderweise auch noch glaubt, sie drücke damit Standfestigkeit aus (dass sie dafür aber auch Grundwerte benennen müsste, darauf hat Mario Sixtus richtigerweise hingewiesen). Dieser Satz ist zum Leitmotiv für eine Haltung geworden, in der Zukunft eher als Bedrohung denn als gestaltbarer Raum wahrgenommen wird. Dort gibt es kaum etwas zu gewinnen, aber sehr viel zu verlieren.

Von den taktischen Ränkespielen in Berlin verstehe ich zuwenig um einzuschätzen, was genau die FDP dazu trieb, sich in diesen Satz zu versteigen. Ich verstehe aber, dass dieser Satz genau das Gegenteil dessen ist, was im Wahlkampf Teile meiner Timeline dazu brachte, kurzzeitig positiv über die FDP zu denken. Der Gestus, den die FDP mit Slogans wie „Digital First – Bedenken Second“ oder „Schulranzen verändern die Welt – nicht Aktentaschen“ zu imitieren versuchte, richtet sich exakt gegen den Satz, den Lindner nun zum Parteimotto erhoben hat. Die Startup-Mentalität des Ausprobierens, eine positive Fehlerkultur und die Bereitschaft, Dinge „falsch“ zu machen – all dies sind Ideen, die diejenigen schätzen, auf die es die FDP-Kampagne abgesehen hatte. Es gibt keinen Satz, der ihnen klarer machen könnte, dass all dies nur gespielt war, als das Lindner Mantra vom „lieber nicht als falsch“. (Foto: via Facebook)

Das Merkwürdige an diesem Satz ist, dass er sogar von den anderen Jamaika-Verhandler unterschreibbar wäre. Johannes analysiert sehr treffend: „Hinter all den Streitthemen – Klima, Flüchtlinge, Energiepolitik, Finanzen etc. – sehe ich aus der Ferne immer ein bisschen diesen parteiübergreifenden bundesbürgerlichen Wunsch hervorlugen: einen Status Quo, der auch in der Zukunft funktioniert.“ Und man kann ergänzen: Martin Schulz hat heute bewiesen, dass auch von der SPD kaum Gestaltungswille zu erwarten ist. Der Mann, der im Wahlkampf kurz so tat als wolle er Angela Merkel ablösen, hat heute ohne jegliche Verhandlung, die Option einer neuerlichen Großen Koalition ausgeschlossen. Warum eigentlich hat er das nicht vor der Wahl getan? Und warum eigentlich geht die SPD nicht mit echten Forderungen jetzt in eine solche Verhandlung? Hätte Schulz nicht zum Beispiel anbieten können, dass er nur ohne Merkel über eine Große Koalition verhandelt? Lieber nicht – nachher legt das noch jemand als falsch aus…

Das Ärgerliche an dem Lindner-Motto ist aber vor allem, dass es ein gängiges Missverständnis von Demokratie offenlegt: Der Wettstreit von Ideen, als den wir Politik verstehen, zielt nicht darauf ab, nur das zu tun, was einer für richtig hält. Der demokratische Wettstreit von Ideen ist im Gegenteil genau darauf angelegt, etwas falsch zu machen. Kompromisse sind per se das, was eine Seite für „nicht richtig“ hält. Wer nur dann regiert, wenn er alles richtig machen kann, hat eine zutiefst undemokratische Vorstellung vom Regieren. Deshalb ist der Satz abseits all der mutlosen Verzagheit so ärgerlich, er ist demokratisch falsch. Jenny Kallenbrunnen hat dies an Beispielen illustriert…

… die man um „Bewegen“ erweitern kann. Es ist nämlich eben nicht besser sich gar nicht zu bewegen als sich falsch zu bewegen. Und Demokratie funktioniert wie ein Muskel. Sie wird unter Belastung stärker. Dafür muss sie aber trainiert werden. Wer jedoch vor lauter „Bloss nichts falsch machen“ in Bewegungslosigkeit verfällt, lässt den Muskel verkommen.

Deshalb kann man auf eine sehr ironische Weise der FDP heute dankbar sein. Sie hat darauf hingewiesen, dass dem Land eine Idee davon fehlt, wie man in diesem Land mit dem Neuen, dem Ungewissen und Unbekannten umgehen will – selbst dann, wenn es den Status Quo herausfordert. ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Wie ist es für den Bundestag zu kandidieren? Interview mit dem Münchner SPD-Kandidaten Bernhard Goodwin

Wenn der Politiker, der von einem Wahlplakat blickt, ein Bekannter ist, schaut man mit anderen Augen auf den Wahlkampf: Zumal wenn es ein SPDler in Bayern ist. Ich kenne Dr. Bernhard Goodwin von der Uni und habe seinen Wahlkampf im Wahlkreis 220 München West/Mitte sehr genau verfolgt. Er hat in diesem Wahlkreis 23 Prozent der abgegebenen Erststimmen erhalten – und damit nicht gewonnen. Ich habe ihn dazu befragt, wie es ist, für den Bundestag zu kandidieren.

Fangen wir mit einer Offenlegung an: Du warst Bundestagskandidat in meinem Wahlkreis im Münchner Westen. Ich habe dir meine Stimme gegeben, du hast nicht gewonnen. Fühlst du dich als Verlierer?
Ich bin der Wahlverlierer. Da bin ich über anderthalb Jahre gerannt und am Ende hat ein anderer den Job. Aber mir haben auch fast 45.000 Leute ihre Stimme gegeben. Das ist der schönere Gedanke, ich versuche mich stärker daran zu halten.

Eine zweite Offenlegung: Ich habe deine Geschichte nach der Wahl einigen Grundschülern erzählt, die nach einer verlorenen Klassensprecherwahl deprimiert waren. Ich habe dich als Beispiel für eine funktionierende Demokratie angeführt, die eben nicht nur davon lebt, dass nur der- oder diejenige kandidiert, die am Ende auch gewählt wird. Sondern dass man die Wahl hat. Als Unbeteiligter kann man das aber natürlich auch leicht sagen. Hat sich die ganze Kandidatur auch mal so angefühlt für dich?
Das ist natürlich schon ein Aspekt, gerade am Ende der Wahl, wenn man alles gibt, auch wenn man sich ja die Chancen realistisch ausrechnen kann. Dann sprechen einen schon Leute an und sagen: Du weißt doch selbst, dass du es nicht schaffst. Dann habe ich geantwortet: Was wäre die Alternative? Nach Hause gehen und heulen? Nein: natürlich ziehe ich durch bis zum Ende und auch mit voller Kraft. Das hat mich übrigens auch an Martin Schulz beeindruckt, der das auch so gemacht hat. Ich habe übrigens selbst schon Klassensprecherwahlen verloren. Einmal war es dann so, dass unsere Klasse später im Schuljahr ein Problem mit unserer Englischlehrerin hatten und die gewählten Klassensprecher sich nicht getraut haben zu ihr gehen. Ich habe mich schon getraut. Dann hat unsere Klassenlehrerin Neuwahlen angesetzt und ich bin gewählt worden.

In der Zeit vor der Wahl warst du enorm präsent in meiner Nachbarschaft. Ich habe dich ständig gesehen: auf den Plakaten, auf Veranstaltungen, an Wahlkampfständen. Erzähl mal ein wenig vom Leben als Kandidat. Ist das so anstrengend wie es auf mich als Beobachter wirkt?
Ja, das ist schon sehr anstrengend. Von 6 Uhr morgens bei Frühverteilungen bis abends um 23 Uhr die Abendveranstaltung vorbei ist. Wobei der direkte Bürgerkontakt eher entspannend ist. Wenn du drei Stunden lang in der früh am S-Bahnhof stehst und Leute anlächelst, dann bist du irgendwann auch gut gelaunt. Meine Leute haben mir gesagt, dass ich manchmal zu lange mit Menschen geredet habe, die mich sowieso nicht wählen würden. Das ist ein taktischer Fehler, weil es ja Energieverschwendung ist. Aber mich interessiert halt, was die Menschen zu sagen haben. Pöbeleien steckt man weg, auch wenn man sich denkt: das ist schon ungerecht mir jetzt vorzuwerfen ich würde mir die Taschen voll machen. Anstrengend ist eher das Organisatorische. Da hatte ich aber glücklicherweise Leute, die mir sehr geholfen haben. Und man fragt sich immer: Ist es genug? Könnte ich nicht noch mehr machen? Das hat mir häufig auch den Schlaf geraubt – im Wortsinne. Zwischendrin habe ich ja noch in meinem sehr fordernden Beruf gearbeitet. In der Zeit war alles bei mir auf Kante genäht. Wenn dann privat etwas schmerzhaftes passiert, dann konnte ich das nicht mehr so gut ausgleichen, dann bin ich bei mir über meine Belastungsgrenze gegangen. So ist zum Beispiel vor einem Jahr ein lieber Freund und Kollege überraschend gestorben. Das hätte mich schon in normalen Zeiten aus der Bahn geworfen. Jetzt hat es mich niedergeschmettert. Ich habe vieles emotional auf nach der Wahl verschoben und bin jetzt dabei mich zu sortieren.

Und musstest du auch selber Geld zuschießen? Z.B. um Plakate zu drucken oder Helfer zu bezahlen?
Die SPD ist eine Arbeiterpartei. Da darf die Kandidatur nicht an Beiträge des Kandidaten gebunden sein. Ich habe trotzdem einen ordentlichen Betrag gespendet, weil ich es mir leisten konnte. Etwa einen Monatslohn von mir. Das Meiste hat die Partei bezahlt – also die Mitgliedsbeiträge meiner Genossinnen und Genossen hier vor Ort. Es gab auch Spenden. Insgesamt haben wir einen niedrigen fünfstelligen Betrag ausgegeben. Meine Helfer habe ich nicht bezahlt: das war die größte Spende: sicherlich 100.000-200.000 Euro in ehrenamtlicher Arbeit habe ich bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar und diese Unterstützung hat mich auch immer getragen, wenn es für mich hart war. Weil sie machen das ja wirklich selbstlos für die Partei und ein bisschen auch für mich.

Haben Leute dich auf der Straße erkannt? Hinter deinem Rücken getuschelt?
Ich habe nicht gemerkt, dass jemand über mich getuschelt hätte. Aber ich bin schon häufig erkannt worden. Das ist ja auch der Sinn von so Plakaten. Die hänge ich ja nicht auf, weil ich so ein hübscher Kerl bin. Die hänge ich auf, damit die Menschen mit mir ins Gespräch kommen. Häufig war es auch so, dass die Leute mich zwar erkannt haben, aber nicht genau wussten woher. Dann haben sie gefragt: Kennen wir uns aus dem Elternbeirat? Kennen wir uns von der Arbeit? Ich habe dann gesagt: Ich bin Ihr SPD-Bundestagskandidat. Ich habe auch häufig ein Namensschild getragen. Beim ersten Mal war mir das etwas peinlich in der U-Bahn. Ich habe mir dann aber gedacht: wenn dir das jetzt schon peinlich ist, dann warte erst bis dein Gesicht viele hundert Mal auf Plakaten im Stadtbild gedruckt ist.

Wie hat dein persönliches Umfeld reagiert als klar war, dass du für den Bundestag kandidierst?
Die meisten haben es kommen sehen und haben mich sehr unterstützt. In der Arbeit haben sie gesagt „Wir drücken dir die Daumen und du wirst das gut machen. Aber uns wirst du schon fehlen“ Einmal hat mir mein Neffe von einer Berlinreise ein Bild von der Reichstagskuppel geschickt mit dem Kommentar, da drunter ist dein Platz. Solche kleinen netten Gesten haben mir immer gut getan.

Und wie ist das Kandidatenleben in der Partei und der Bezug zur Bundespolitik? Hast du jetzt die Handy-Nummer von Martin Schulz?
Nein, die habe ich nicht. Aber ich wüsste, wie ich ihn erreichen kann. Es ist natürlich cool mit dem Kanzlerkandidat Miniatur-Windräder bei den Stadtwerken zusammenzulöten oder mit der Familienministerin auf der Auer Dult Kettenkarussell zu fahren. Wichtiger waren mir aber die langen Gespräche mit unserer Stadtspitze und anderen Vertretern unserer Stadtgesellschaft. Denn mir ging es immer darum, herauszukriegen, was München von Berlin braucht und nicht umgekehrt.

Ist das Image von Politikern tatsächlich so schlecht wie immer alle sagen? Hattest du mit Anfeindundungen zu kämpfen?
Ich hatte einmal folgendes Erlebnis bei einem Infostand in Laim. Ein Typ Mitte vierzig läuft an mir vorbei und raunt: Volksverräter! Ich frage: Was haben Sie gesagt? Er: Arschloch! Ich: Was ist ihr Problem? Er reckt nur noch einen Stinkefinger in die Höhe und ist davon. In den Moment nimmt eine ältere Bürgerin eine meiner Broschüren schaut sich mein Bild darauf an und sagt: ein schöner Mann. Ich werde mich an diese positiven Erinnerungen halten. Die Einstellung gegenüber den Politikern ist leider meist eher allgemein negativ – nicht auf mich als einzelnen Kandidaten bezogen. Ich finde das ungerecht, jetzt wo ich selbst erlebt habe, was es bedeutet sich so einer Wahl zu stellen. Klar gibt es auch unter den Politikern unangenehme Typen. Aber ich habe jetzt viele kennengelernt die wirklich dass Wohl ihrer Mitmenschen im Blick haben, die natürlich Macht wollen, aber eben um das Land besser zu machen. Ich habe in allen demokratischen Parteien solche Menschen kennengelernt. Es ist für mich ein Versagen unserer Medien, dass diese Realität als Normalfall nicht bei den Menschen ankommt. Ich plädiere nicht für Kuscheljournalismus, sondern für eine korrekte Vermittlung dieser Realität, dass unsere Politikerinnen und Politiker unter Einsatz von körperlicher und seelischer Gesundheit, unter Gefährdung ihrer Beziehungen, ihrer beruflichen Chancen und unter Verzicht auf mögliche lukrativere Angebote für die Gestaltung unserer Welt einsetzen.

Ab wann wusstest du, dass es nicht reichen wird?
Erst am Wahlabend – ich habe bis zuletzt gehofft. Aber ich habe es natürlich vorher geahnt. Bei aller berechtigten Kritik an Umfragen geben sie schon den wahrscheinlichsten Wahlausgang wieder und, dass ich in meinem Wahlkreis kein komplett anderes Ergebnis als im Rest des Landes haben werde, war mir auch klar. Ich denke nach dem versemmelten TV-Duell war das nicht mehr zu gewinnen.

Kannst du einen oder mehrere Gründe benennen, weshalb du jetzt nicht in Berlin bist?
Die Bundeskampagne war nicht gut. Sie war zu wirr und nicht mutig genug. Wir haben nicht verloren, weil wir etwas falsch gemacht hätten, sondern weil wir nichts falsch machen wollten. Martin Schulz war ein super Kandidat, hat sich aber nicht getraut mit den 100 Prozent im Rücken sich auch im Willy-Brandt-Haus durchzusetzen. Auch nicht gegen Hannelore Kraft in NRW, die gemeint hat sie könne im Schlafwagen die Wahlen gewinnen. In München hätte ich die Wahl nicht gewinnen können, aber ich hätte sie auch nicht so sehr verlieren müssen. Ich denke ich habe zwar mit Wohnen, Infrastruktur, Betreuung und Einkommen in dieser teuren wachsenden Stadt auf die richtigen Themen gesetzt, aber ich habe keine Lösungen angeboten, die die Leute leicht verstehen konnten. Es ist so in München: wenn du eine günstige Wohnung hast, dann freust du dich über dein Glück. Wenn du keine günstige Wohnung hast, dann ist es für viele die Schuld der SPD. Das liegt daran, weil wir schon so lange Verantwortung tragen hier. Die Wahrheit liegt dazwischen. Aber wir müssen das, was wir für diese Stadt durchsetzen besser kommunizieren und wir müssen grundsätzliche Antworten finden auf das Wohnraumproblem und die anderen von mir angesprochenen Probleme. Da habe ich schon Lösungen, aber die passen nicht so leicht auf ein Plakat.

Gibt es etwas, was du im Rückblick anders machen würdest?
Ganz viel. Aber wenn ich mir ehrlich in die Augen gucke, dann weiß ich, dass ich vermutlich auch kein substanziell anderes Ergebnis hätte erreichen können. Ich fand, dass ich zum Beispiel eine überraschend passive Pressearbeit gemacht habe. Das hätte ich besser machen können. Aber die Frage ist auch: was hätte ich dann stattdessen weggelassen?

Hattest du nach der Wahl nochmal Kontakt mit einem deiner Gegenkandidaten? Vielleicht sogar mit dem neuen MdB Stefan Pilsinger von der CSU?
Ich habe allen drei gewählten Kandidaten aus meinem Wahlkreis gratuliert und freue mich auch darauf in Kontakt zu bleiben. Stephan Pilsinger und ich hatten ein höfliches und distanziertes Verhältnis. Ich bin nicht wirklich mit ihm warm geworden. Mit Lukas Köhler von der FDP habe ich mich am besten verstanden – nicht politisch aber menschlich und intellektuell. Ich glaube er ist ein guter Abgeordneter für seine Partei.

Du hast erzählt, dass du weiter Politik machen wirst. Kannst du mal den Hauptgrund sagen, warum du in den Bundestag willst?
Ich glaube, ich wäre ein guter Abgeordneter für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und für meine Partei. Ich bin jemand der gut Probleme lösen kann, der seine eigenen Interessen hintan stellt, der gut mit Menschen umgehen kann. Viele in meiner Partei sagen mir, dass sie meinen Wahlkampf gut fanden, weil ich mich nicht ausgeruht habe, sondern mit vollem Engagement und voller Kraft – von Umfragen und Rückschlägen unbeirrt – das durchgezogen habe. Mit einem ehrlichen freundlichen Lächeln auf den Lippen.

Gibt es so etwas wie eine wichtige Lehre, die du aus der Kandidatur gezogen hast?
Die soziale Spaltung dieser Stadt ist real und sie gefährdet unser aller Wohlstand. Eine ältere Dame hat mir erzählt: ich habe eine gute Rente und eigentlich keine Probleme – ich kann mir alles leisten. Aber jetzt merke ich, wie ich einsam werde, weil es meinen Freundinnen nicht so geht. Ich kann mit ihnen nicht in Urlaub fahren, weil sie sich das nicht leisten können. Wenn ich frage, ob wir in ein Kaffee gehen wollen, dann haben sie keine Zeit. Ich weiß, dass es eigentlich am Geld liegt. Ich würde sie ja einladen, aber dafür schämen sie sich. Diese Geschichte und ähnliche Geschichten zeigen mir, dass Armut unsere Gesellschaft zerstört. Es geht nicht nur um die Menschen, die keine Teilhabe an unserer Gesellschaft haben, sondern auch um die Gesellschaft, die von diesen Menschen abgetrennt wird. Ein Polizist hat das in einem Gespräch mit mir verschämte Armut genannt. Nur weil wir sie nicht offen sehen in München, heißt es nicht, dass sie nicht da ist.

Mehr über Dr. Bernhard Goodwin auf seiner Website goodwin.de

Wir sind unbeugsam (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Wenn Menschen übers Scheitern sprechen, dann meist so wie Fans des FC Bayern über Ole Gunnar Solskjær sprechen: Es geht dann um epische Katastrophen, um absolute Tiefpunkte und herausragende Niederlagen. Der 26. Mai 1999 war ein solcher Epic Fail – für Bayern-Fans auf ewig verbunden mit dem Namen des norwegischen Fußballers: Ole Gunnar Solskjær erzielte in der Nachspielzeit des Champions-League-Finals den 2:1-Siegtreffer für Manchester United. Und das nachdem die Bayern seit der 6. Minute (und bis zur 90. Minuten) mit 1:0 geführt hatten. „Bayern hatte die Hand schon am Silber“, kommentierte Marcel Reif in dieser historischen Nacht von Barcelona – die Beispiel ist für ein außerordentliches Scheitern.

In der Dramaturgie der klassischen Scheitern-Geschichte dauert es dann eine Weile bis sich der tragische Held aufrappelt und gestärkt weiter macht – und kurz danach ein strahlender Held wird. Bei den Bayern dauerte diese Phase zwei Jahre und endete am 25. Mai 2001 in Mailand. Dort hielt Oliver Kahn den entscheidenden Elfmeter von Valencias Angreifer Mauricio Pellegrino und aus dem tragischen Zweiten von 1999 wurde 2001 ein strahlender Sieger.

Scheitern betrachtet im Lichte großer Erfolge – auf dieser Ebene funktionieren Failgeschichten sehr gut. Auf dieser Ebene strahlen sie hell, illustrieren eine gelebte Fehlerkultur und die Silicon Valley-These vom „Fail often, fail fast“. Was aber, wenn man gar keine epischen Niederlagen und schon gar keine darauf folgenden historischen Erfolge vorzuweisen hat? (Darüber habe ich nachgedacht, weil ich zur Epicfail-Night am 9.11. in München eingeladen bin)

Ich bin Fan vom VfL Bochum. Aus meiner Perspektive ist dies der großartigste Fußballverein der Welt. Aus Perspektive derjenigen, die Champions League schauen, muss das nicht unbedingt stimmen. Und dennoch ist der VfL Bochum (zumal aktuell) weit davon entfernt, ein Champions-League-Finale auch nur verlieren zu können. Als die Mannschaft zu Beginn der Saison 2002/2003 den historischen Erfolg der Bundesliga-Tabellenführung feierte (nein, nicht am Ende der Saison), schrieb der wunderbare Fußball-Autor Christoph Biermann diese Sätze über den VfL Bochum – und über das Scheitern als Prinzip:

Die Welt des VfL Bochum ist ewiger Abstiegskampf, Fahrstuhlfahrten zwischen den Ligen, Schmerz, Trauer – und immer wieder Hoffnung. Ein zähes „Ihr da oben, wir hier unten“ ordnet die Welt seit Anbeginn. (…) Sieger waren mir aber immer schon langweiliger als jene, die interessant zu scheitern wissen. Deshalb fand ich es auch besonders cool, Anhänger des VfL Bochum zu sein, weil es im Grunde haltlos uncool ist.

Es ist zudem keine gute Grundlage für Scheitern-Geschichten, an deren Ende ein strahlender Held steht. Anhänger des VfL Bochum zu sein ist aber eine wunderbare Grundlage, um eine andere Geschichte vom Scheitern zu erzählen. Nicht jene, bei der man eine Niederlage wegsteckt und dann glanzvoll siegt, sondern diese hier: Die Geschichte vom beständigen Scheitern, vom „immer wieder“ und vom „wir sind immer noch da“; die Geschichte vom „nicht unterkriegen lassen“ und vom „trotzdem“ (siehe dazu auch The Age of Trotzdem)

In Bochum hat man dafür den Begriff „Unbeugsam“ gefunden. So ist es im Leitbild des Vereins notiert, das man sich beim VfL genau vor zehn Jahren (und als erste Bundesliga-Mannschaft überhaupt) gab. Aus demjenigen, was Biermann „haltlos uncool“ nannte, hat man so ein Alleinstellungsmerkmal gemacht. Das, was aus der Perspektive des Rasenballs als Defizit gilt, hat man zu einer Qualität entwickelt. Ressourcenorientiert kann man das nennen, was im Leitbild unter dem Schlagwort: „Wir sind unbeugsam“ notiert ist

Die Geschichte unseres VfL Bochum 1848 ist ein Spiegel der Geschichte des Ruhrpotts: oft unterschätzt, von Großen bedrängt und geprägt durch Widrigkeiten, Rückschläge und Niederlagen – aber immer noch da!
Gestern, heute und morgen: Wir trotzen selbstbewusst den Widrigkeiten, kämpfen gemeinsam gegen Rückschläge und bleiben auch bei Niederlagen fair!
„Nicht unter kriegen lassen“ ist unser Antrieb, „immer wieder aufstehen“ unser Prinzip, „trotzdem“ unser Motto!

Ich mag diese Perspektive auf Erfolg und Scheitern, weil sie anders ist als jene des epischen Versagens als Vorstufe zum Sieg. Ich mag sie, weil sie für Beharrlichkeit steht, für Ausdauer und Aushalten. In der unübersichtlichen, komplexen Welt, in der uns Prognosen und klare Zuschreibungen immer schwerer fallen, ist mir das fast schon bockige „Trotzdem“ zudem eine angemessene Richtschnurr für Pluralität. Den Widrigkeiten zu trotzen, Rückschläge zu meistern und am Ende den Kopf oben zu behalten und festzustellen: Wir sind immer noch da – das ist eine andere Geschichte als jene des großen Erfolgs. Der Umgang mit dem Scheitern ist hier nicht herausragend, sondern alltäglich. „Immer wieder aufstehen“ ist hier ein Prinzip, das einrechnet, dass man verliert, sich beständig korrigieren muss – aber das eben auch kann.

Denn das ist doch der Grund, warum wir in Wahrheit übers Scheitern sprechen: Weil es nicht mehr reicht, einfach nur im Recht zu sein. Weil die Welt so komplex geworden ist, dass man nicht selten überfordert ist und deshalb oftmals eben falsch liegt. Das geht aber nur, wenn man sich selber eingesteht, sich zu korrigieren. Wenn man seine Meinung nicht rausbrüllt, sondern ändern kann. Scheitern in diesem alltäglichen, nicht epischen Sinne interpretiert, ist ein Plädoyer für Pluralität – für die Annahme, dass man selber falsch und der andere richtig liegen könnte. Und bei diesem Verständnis von Scheitern geht es nicht darum, dass man sich einmal ganz doll geirrt hat und dann ganz richtig lag, sondern um einen kontinuierlichen Zweifel. Und um die Fähigkeit, trotzdem und immer wieder die Hoffnung nicht zu verlieren. Denn das scheint mir dringend überfällig: Hoffnungen ernst zu nehmen – und nicht nur Sorgen.

Deshalb: Am Montag besiegt der VfL Bochum im Abendspiel den Tabellenführer – ich hoffe jedenfalls drauf. Trotzdem!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Hoffnung für besorgte Bürger

Am Wochenende durfte ich im Rahmen des Zündfunk Netzkongress ein Lob auf das Smartphone singen. Es geht in dem Beitrag – der hier im Netz steht – auch um das Smartphone, aber vor allem geht es um ein anderes Verhältnis zum Neuen, zum Unbekannten.

Der Vortrag basiert in weiten Teilen auf dem, was ich im in einem Buch zusammengefasst habe, das im Januar 2018 bei Piper erscheint. Es heißt „Das Pragmatismus-Prinzip“ und fasst im Untertitel zusammen, worum es mir in Vortrag und Buch geht: „Zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“

Ich glaube, dass es an einem hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft fehlt. Das Morgen ist Optimisten wie hierzulande vor allem Pessimisten ein mit ihren Wünschen und vor allem Sorgen beschriebenes Blatt und viel zu selten ein offener, ein gestaltbarer Raum. Um es mit den Worten der sehr tollen Rebecca Solnit zusammenzusammen: Wir brauchen mehr Hoffnung. Sie schreibt:

Hoffnung ist die Umarmung des Unbekannten und dessen, was man nicht wissen kann. Hoffnung ist eine Alternative zu der Gewissheit, die Optimisten und Pessimisten gleichermaßen ausdrücken. Optimisten denken alles werde sich zum Guten wenden ganz ohne unser Zutun; Pessimisten nehmen die gegenteilige Haltung ein – beide finden darin eine Entschuldigung dafür, nicht selber aktiv zu werden.

Braucht man das? Noch bevor man mir nach dem Vortrag am Freitag die Frage stellen konnte, beantwortete die Bild-Zeitung sie übrigens per Titelzeile: „Deutschlands Schüler immer schlechter“ stand auf der Seite eins der Samstags-Ausgabe. Die Zeile sollte eine „Alarm-Studie zum Schreiben, Rechnen, Zuhören“ verkaufen und lieferte den perfekten Beweis für das, was ich in Vortrag und Buch kritisiere: Den Alarmismus, der vor allem darauf basiert, dass nach uns immer nur Niedergang kommt. Niemals würde irgendjemand behaupten, dass die nachfolgende Schülergeneration jetzt aber mal wirklich klüger und smarter sei als man selber. Immer wird behauptet, dass früher noch richtig gelernt, geschrieben, gerechnet und zugehört wurde. Muss ja auch so sein: Denn früher war man ja selber dabei.

Ich traue diesem Alarmismus nicht. Wo immer Hysterie und Panik geschürt werden, antworte ich mit dem Shruggie: ¯\_(ツ)_/¯ und frage mich: Und wenn das Gegenteil richtig wäre?

Diese Frage und die zugrunde liegende Haltung, die ich in Das Pragmatismus-Prinzip in zehn Gründen zusammnengefasst habe, scheint mir die beste Versicherung gegen den selbstgerechten Alterungsprozess zu sein, bei dem am Ende immer nur die eigene Vergangenheit als Maßstabe gilt – und nie die Zukunft als gestaltbarer Raum. Deshalb gilt: Für mehr ¯\_(ツ)_/¯!

„Demokratische Werte stärken“

„Freiheit und Vielfalt in Kunst und Kultur“ -steht auf der Seite, deren wirkliches Ziel die URL preigibt. Diese lautet „kulturausschuss-schuetzen.de“ – und läuft auf die SPD-Bundestagsabgeordnete Michelle Müntefering. Auf ihre Initiative hin hat der Ältestenrat des Deutschen Bundestags in dieser Woche einen Offenen Brief erhalten, der auf der Website einsehbar ist und von über 10.000 weiteren Menschen unterzeichnet wurde.

Zentrales Anliegen dieses Schreibens: „Es muss deshalb verhindert werden, dass die AfD den Vorsitz des Kulturausschusses besetzen kann.“

Das ist ein inhaltlich nachvollziehbarer Wunsch, allerdings stelle ich mir nach Lektüre des Briefes die Frage, die Dieter Kassel gestern früh im Interview im Deutschlandfunk Kultur der Unterzeichnerin Elisabeth Moschmann (CDU) ebenfalls stellte: „Ist das Demokratie, wenn man sagt, wir haben eine Partei, die wir persönlich, also all die anderen Parteien oder fast alle, für sehr problematisch halten, und dann setzen wir die Geschäftsordnung des Bundestags außer Kraft und demokratische Regeln. Ist das demokratisch, ist das ein Rechtsstaat?

Moschmann antwortet darauf etwas unklar: „Das kann man bezweifeln. Aber was haben wir denn gemacht? Wir haben einen Brief geschickt an den Ältestenrat und unsere Bedenken geäußert, die, glaube ich, gut begründet sind und die jeder versteht und auch die Kulturszene ja sofort verstanden hat.

Mich macht das ratlos. Warum wird ein solcher Brief verschickt, wenn sogar die Unterzeichnerin bezweifelt, ob er demokratisch ist?

§58 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestags regelt die „Bestimmung des Vorsitzenden und seines Stellvertreters“. Ich finde es nicht richtig, diese Regeln zu ändern, weil man die Inhalte des politischen Gegenüber für falsch hält. Zumal dann nicht, wenn man damit dessen Narrativ bedient. Wenn man „die Kraft der Kultur für den Erhalt unserer demokratischen Werte stärken“ will, wie es in dem Brief heißt, dann muss man die demokratischen Werte über seine eigene richtige Meinung stellen können. Nur so trainiert man den Muskel Demokratie!

Das Anliegen dieses Briefes ist redlich, aber die Umsetzung ist schockierend undemokratisch. Wie gestern schon geschrieben: Gerade weil die AfD die freie und pluralistische Gesellschaft herausfordert, müssen wir mit demokratischen Spielregeln antworten. Zu fordern, diese auszusetzen, weil man die – nachvollziehbare – Sorge hat, dass die AfD schlechte Politik macht, führt zu schlimmeren Ergebnissen als schlechte Politik: Es stellt die Grundregeln der Demokratie selber in Frage. Denn gerade weil die AfD gegen Pressefreiheit und vielfältige Kultur hetzt, müssen wir ihr demokratisch begegnen. Wir müssen ihren fremdenfeindlich intendierten Slogan „Unser Land – unsere Regeln“ umdeuten und mit mehr Offenheit, mehr Demokratie und mehr Menschlichkeit antworten.

Diesen Offenen Brief halte ich dabei leider für ein sehr falsches Signal!

Unser Land, unsere Regeln (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ Diese Worte stammen von Jens Stoltenberg aus dem Jahr 2011. Damals war der heutige Nato-Generalsekretär Ministerpräsident von Norwegen. Er sagte diese Worte als Reaktion auf den terroristischen Angriff in Oslo und auf der Insel Utøya. Die Zeit schrieb damals: „Er verteidigte genau jene offene und freie Gesellschaft Norwegens, die der Attentäter mit seinen Waffen und Bomben bekämpfen wollte. Dessen Hass und Destruktivität setzte Stoltenberg eine fast trotzige Zuversicht entgegen.“

Ich glaube, es ist auch in Deutschland Zeit für mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Der Angriff, den wir hierzuland auf die freie und offene Gesellschaft erlebten, ist zwar in keinerweise vergleichbar mit den Ereignissen in Norwegen – die Reaktion darauf ist es aber schon. Denn ich bin überzeugt davon, dass die nachhaltigste Antwort auf den Wahlerfolg der rechtsnationalen AfD darin besteht, die Regeln der offenen und freien Gesellschaft zu benennen und vorzuleben.

Die Art und Weise wie Teile der Union im Nachklang der Wahl versuchen, die Wähler*innen der AfD zurückzugewinnen, legt den Verdacht nahe, dass der Rassismus und das Gedankengut der AfD nun nicht zum ersten Mal ins Parlament einziehen. Es gab sie dort – wie auch in der Gesellschaft – schon vorher, vielleicht nur nicht so klar erkennbar als eigene Fraktion. Vielleicht müssen wir nach der Wahl anerkennen: Nationales und rassistisches Gedankengut „rechts von der Union“ gehören zu diesem Land. Und es die Aufgabe, einer freien und offenen Gesellschaft damit umzugehen, dafür zu werben, dass ein plurales Land die im Wortsinn bessere Alternative ist. Wer will, dass Rassismus im Parlament keinen Platz hat, darf nicht rechte Flanken schließen, sondern muss dafür sorgen, dass Rassismus aus den Köpfen verschwindet.

Und vielleicht kann dabei ausgerechnet ein Plakatslogan der AfD helfen, an dem ich in den vergangenen Wochen immer wieder vorbeifahren musste – eh er kurz nach der Wahl umfiel: „Unser Land – unsere Regeln“ steht auf dem Plakat. Und vielleicht geht es jetzt genau darum: die Spielregeln der Demokratie deutlich zu machen. Ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktioniert – unter Belastung wird sie stärker. Wir müssen sie trainieren. Das Wahlergebnis vom 24. September ist eine klare Aufforderung!

Mir ist schon klar, dass der Slogan als Abgrenzung gegen das Fremde gedacht ist. Aber warum nutzen wir ihn nicht als Erinnerung daran, was Demokratie und Pluralismus in diesem Land bedeuten?
Unser Land – unsere Regeln bedeutet für mich deshalb zuerst: der Bezug aufs Grundgesetz, auf die Würde des Menschen, auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Es bedeutet, Pluralismus und Toleranz nicht nur in Sonntagsreden anzusprechen, sondern im täglichen, inklusiven Miteinander zu leben und zu fördern. Freiheit ist in diesem Land immer auch die Freiheit des Andersdenkenden – und zum Andersdenken. Es heißt nicht, dass man immer Recht hat, es heißt auszuhalten, dass man unrecht haben kann. Wahrheit – ein Begriff, der auch auf dem Plakat steht – ist nichts, was man unumstößlich besitzen kann. Wahrheit muss sich immer wieder neu beweisen.
Das sage übrigens nicht ich, die Idee stammt von Karl Popper, der den Begriff „offene Gesellschaft“ prägte – und völlig zurecht immer dann skeptisch wurde, wenn Ideen totalitär wurden. Es scheint mir an der Zeit, Popper neu zu lesen – und sich mit einem ¯\_(ツ)_/¯ gegen diejenigen zu wappnen, die auf Angstmache und einfache Antworten setzen (ausführlich beschreibe ich das in meinen Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, das im Januar erscheint)

Unser Land – unsere Regeln bedeutet, dass nicht entscheidend ist, wo jemand herkommt. Das Grundgesetz spricht nicht durch Zufall von der Würde des Menschen und nicht von der Würde des Deutschen. Es bedeutet, dass wir auf Menschlichkeit setzen und auf die christlich-abendländische Tradition der Nächstenliebe. Die verträgt sich nicht mit Abgrenzung, Nationalismen und Rassismus. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist der Garant für das Unreine, für das Carolin Emcke in ihrem sehr empfehlenswerten Buch „Gegen den Hass“ plädiert. Unser Land – unsere Regeln ist auf diese Weise verstanden ein Aufruf zur Toleranz, zum Aushalten der gegenteiligen Meinung – in den Worten Jens Stoltenbergs: Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Wir haben in diesem Sommer – aufmerksame Newsletterleser*innen haben es verfolgt – im Rahmen des DemocracyLab der SZ ein Experiment in Sachen Demokratie, Offenheit und auch Menschlichkeit gewagt: Wir haben versucht, unsere demokratische Streitkultur zu verbessern.

Ich glaube, dass darin jetzt eine zentrale Aufgabe liegt: Streiten zu lernen! Wir müssen demokratische Spielregeln vorleben. Dem Fernsehen kommt dabei eine besondere Vorbildfunktion zu. Hier muss demokratische Streitkultur zu sehen sein, die den Perspektivwechsel salonfähig macht und mehr Pluralismus und Demokratie wagt. Nicht aus Naivität, sondern weil das beste Mittel gegen Hass eben nicht neuer Hass ist, sondern ein engagiertes Eintreten für das Unreine und eine „Kultur des aufgeklärten Zweifels und der Ironie“.

Lesen Sie es nach bei Carolin Emcke und werden Sie demokratisch aktiv – zur Inspiration kann diese tolle Liste vom „Was machen“-Team dienen, die seit Juni einen aktivierenden Newsletter verschicken!

PS: Es ist vermutlich kein Zufall, dass ich ausgerechnet in diesem Monat auf ein Gif des Illustrators Magoz gestoßen bin, das diese Haltung perfekt auf den Punkt bringt – übrigens über Sprach- und Nationalgrenzen hinweg.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

loading: Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND)

Die Vernetzung von Social Entrepreneuren und Social Startups in Deutschland ist das Ziel von Markus Sauerhammer und seinem Verein SEND. Dazu hat er diese Woche ein Crowdfunding-Projekt auf Startnext begonnen – und den loading-Fragebogen ausgefüllt.

Was macht ihr?
Wir bauen mit dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) eine Dachorganisation für Sozialunternehmer*innen auf. Die vordergründigen Ziele ist es, die Akteure der Branche zu vernetzen, mehr Sichtbarkeit für deren Lösungen zu generieren sowie die inhaltliche Zusammenarbeit zu verbessern. Gemeinsam mit dem Bundesverband Deutsche Startups (BVDS) werden wir zudem die Interessen der Branche gegenüber der Politik vertreten.

Warum macht ihr es (so)?
Bei all den aktuellen und vor uns liegenden Herausforderungen ist es wichtig die Mehrwerte des Fortschritts auf deren Lösung zu fokussieren. Gerade von politischer Seite wurde eine Unterstützung sozialer und gesellschaftlicher Innovationen in Deutschland viel zu lange verschlafen. Es wird Zeit zu handeln, damit wir endlich an ganzheitlichen Lösungen arbeiten.
Der Start über eine Crowdfunding-Kampagne bietet uns gleich mehrere Vorteile: Wir können darüber eine erste Mitgliederbasis aufbauen, sammeln die Finanzierung für den Aufbau unserer Arbeit ein und sorgen insgesamt für eine höhere Sichtbarkeit von Social Entrepreneurship und den damit verbundenen Akteuren. Es ist ein bisschen wie die eierlegende Wollmilchsau der digitalen Zeit.

Wer soll sich dafür interessieren?
Unsere Kernzielgruppe sind Sozialunternehmer*innen, die durch innovative Ansätze gesellschaftliche Herausforderungen lösen. Doch natürlich können Sozialunternehmen alleine nur bedingt erfolgreich sein. Wir brauchen das Engagement von Unternehmen, Stiftungen, Wohlfahrtsorganisataionen oder Privatpersonen, um positiven gesellschaftlichen Wandel und soziale Innovationen voranzubringen. Jeder kann sich bei SEND – zum Beispiel als Fördermitglied – einbringen. t.Hier noch einmal die konkreten Mehrwerte für die einzelnen Zielgruppen:
Mehrwerte für Sozialunternehmer*innen:
– Politische Interessenvertretung (über den BVDS) und damit eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Sozialunternehmer*innen
– Öffentlichkeitsarbeit für Social Entrepreneurship und Deine Arbeit
– Vernetzung, Bildung und Qualifizierung über Fachgruppen, Workshops und Events
– Vernetzung mit Akteuren aus Wohlfahrt, Politik und Wirtschaft

Mehrwerte für die Gesellschaft:
– Entwicklung zeitgemäßer Lösungen für drängende Herausforderungen
– Transformation hin zu einer Wirtschaft, bei der gesellschaftliche vor finanzieller Rendite steht

Mehrwerte für Politik, Wohlfahrt und Wirtschaft:
– Wirkungssteigerung eingesetzter Mittel durch Zusammenarbeit mit Sozialunternehmen
– Unterstützung bei der Weiterentwicklung eigener Lösungen
– Verzahnung von Stärken: effektive Zusammenarbeit zwischen etablierten Strukturen und agilen Social Startups zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen

Wie geht es weiter?
Aktuell liegt der Fokus auf dem Aufbau von SEND und unserer Auftakt-Kampagne. Neben dem Crowdfunding werden wir in den nächsten Wochen immer wieder Beiträge zu Sozialunternehmer*innen teilen und vor der Bundestagswahl die Antworten der Parteien auf unsere Wahlprüfsteine veröffentlichen.

Unsere Kernziele nach der Aufbauarbeit sind:
– Eine enge Vernetzung aller Akteure der Szene um effektiver den sozialen Herausforderungen zu begegnen
– Einen direkten Zugang zur Politik erzielen und gemeinsam mit dem Bundesverband Deutsche Startups e.V. die Interessen von Social Entrepreneurship vertreten
– Fachgruppen für Austausch und Qualifizierung aufbauen
– Regionalgruppen und -initiativen unterstützen
– Vernetzung und Kooperationen von Sozialunternehmer*innen mit Politik, Wohlfahrt und Wirtschaft
– Sichtbarkeit von Sozialunternehmer*innen und deren Lösungen erhöhen

Was sollten mehr Menschen wissen?
Sieht man sich die Geschichte an, geht mit dem technologischen Wandel auch immer ein gesellschaftlicher Wandel einher. Aktuell fokussiert man sich vor allem auf technologische und ökonomische Innovationen. In meinen Augen sind wir durch die Digitalisierung in ein Zeitalter des permanenten Wandels eingetreten. Es ist also wichtig, dass wir auch die Instrumente für die Lösung unserer gesellschaftlichen Herausforderungen weiterentwickeln. Global gewinnt hier Social Entrepreneurship zunehmend an Bedeutung. Die Herausforderung ist aber, dass diese Entwicklung von Seiten der deutschen Politik bislang größtenteils ignoriert wird. Die internationale Studie „The best place to be a Social Entrepreneur“ hat die 45 stärksten Wirtschaftsnationen auf ihre Ausgangsvoraussetzungen für Sozialunternehmer*innen untersucht. Insgesamt landet Deutschland auf Rang 12. Beim Punkt „Unterstützung durch die Politik der jeweiligen Regierung“ aber nur noch auf Rang 34 – zwischen Griechenland und Mexiko. Das Ergebnis verdeutlicht gut, wie groß der Unterschied zwischen unseren gewachsenen Werten und der aktuellen Politik ist. Während man in anderen Ländern den Wandel ernst nimmt und gestaltet, verharren wir im Status quo. Das wollen wir verändern! Gemeinsam mit der Crowd. Mit Dir.

Hier SEND auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren: