Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor, Vortragsredner – und interessiert am Neuen (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet.

Bei der Süddeutschen Zeitung arbeite ich als Director Think Tank am SZ-Institut und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Newsletter (& unterrichte diese Darstellungsform auch) und Bücher (u.a. das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ oder die Anleitung zum Unkreativsein), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Bei meinem Projekt Buch-Brief-Ing suche ich eine digitale Entsprechnung zu Papierbüchern. Details dazu finden Sie unter buch-brief-ing.de.

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Ich möchte hier keine Sponsored Posts oder Content-Kooperationen veröffentlichen. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

In Kategorie: DVG

loading: Agroforst im Norden Spaniens

Daniel Etter ist ein preisgekrönter Fotograf und Journalist. Seit Jahren berichtet er u.a. auch über die Klimakrise. Gerade hat er ein interessantes Projekt auf GoFundMe gestartet: Es geht um Agroforst im Norden Spaniens. Ich habe ihm den loading-Fragebogen geschickt.

Was macht Ihr?
Wir pflanzen in Norden Spaniens ein so genanntes Agroforst-System mit gut 1000 Bäumen. Agroforst bedeutet, Ackerbau und mit Streifen von Bäumen zu verbinden. Das gibt es in kommerziellem Maßstab etwa mit Walnüssen-Reihen, zwischen denen Getreide angebaut wird. So will man Synergien schaffen. Bäume können die Bodenstruktur verbessern, ein Mikroklima schaffen und so etwa den Boden vor Austrocknung schützen. Der Energie-Output solcher System kann deutlich höher sein, als der konventioneller Monokulturen. Die Besonderheit bei uns ist, dass wir sehr eng pflanzen und schnell wachsende Pionierbäume mit Obst-, Nuss und Olivenbäumen kombinieren. So wollen wir die natürliche Abfolge bei der Entstehung eines Waldes Nachahmen.

Warum macht Ihr es?
Wir haben gesehen, wie dramatisch schnell sich das Klima ändert. Die globalen Änderungen, die wir jetzt sehen, sind massiv. Bei uns ist im vergangen Sommer der kleine Fluss im Tal teilweise versiegt – bis heute hat er sich nicht erholt. Auch die Wälder in der Region haben sehr gelitten. Im vergangen Jahr habe ich für ein Buch über Landwirtschaft recherchiert und wirklich jeder Landwirt, jede Landwirtin kämpft mit Klimawandel. Die Systeme, mit denen wir derzeitig Nahrungsmittel produzieren, leiden schon jetzt darunter. In Teilen von Spanien ist die Olivenernte 2022 wegen der Hitze und Trockenheit um die Hälfte eingebrochen. Wie sind die Antworten drauf? In Brandenburg versucht etwa der Landwirt Benedikt Bösel mit Agroforst-Systemen seinen Betrieb zukunftssicher zu machen. Unter anderem von dort habe ich mir Inspirationen für unser Projekt geholt.

Unser Projekt ist nicht kommerziell. Es ist ein Experiment, mit dem wir aber auch mittelfristig Wal- und Haselnüsse, Oliven und Granatäpfel produzieren wollen.

Wer soll sich dafür interessieren?
Jede Person, die isst.

Wie geht es weiter?
Wir werden bis Ende Januar weiter pflanzen. In den ersten Jahren müssen Bäume geschützt werden, ansonsten werden die von Rehen oder Hasen abgefressen oder von Wildschweinen ausgegraben. Deshalb werden wir noch einen Elektrozaun installieren. Und dann hoffen wir, dass sich die Bäume gut etablieren, um mit möglichst wenig Bewässerung durch den Sommer zu kommen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Unsere Nahrungsmittelproduktion ist nicht im Ansatz nachhaltig. Ein Beispiel: Viele werden von der Todeszone im Golf von Mexiko gehört haben. Dort gibt es so wenig Sauerstoff, dass kein Leben möglich ist. Sie ist gigantisch groß: 5.000 Quadratkilometer. Aber es ist kein Vergleich zur Todeszone in der Ostsee, die 60.000 Quadratkilometer groß ist. Verantwortlich dafür sind vor allem überdüngte landwirtschaftliche Böden, aus denen Nährstoffe ausgewaschen werden, die dann zu Algenwachstum führen. Wenn diese Algen absterben, rauben sie ihrer Umgebung Sauerstoff. Landwirtschaft geht aber besser. Und sie ist einer der größten Hebel, um Klimawandel zu verlangsamen. So versucht die so genannte regenerative Landwirtschaft ökologische Schäden zu beheben. Seit ein paar Jahren ist daraus in Europa eine regelrechte Bewegung entstanden. Das Tolle daran ist: es braucht keine großen, komplexen technischen Innovationen, sondern einfach andere Praktiken und mehr Verständnis für natürliche Abläufe.

Das Projekt hier auf GoFundMe unterstützen!

Wer zeigt Kai Gniffke Mastodon?

Kai Gniffke hat eine Vision. Der neue Vorsitzende der ARD verrät diese aber erst ganz am Ende dieses empfehlenswerten Gesprächs über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und allein diese Tatsache zeigt das Dilemma der aktuell laufenden Debatte. Je nach Perspektive musste der SWR-Indentant sich so lange verteidigen, dass er erst am Ende dazu kam, seine Vision zu präsentieren oder die Haltung der ARD-Spitze ist halt so wenig mutig und zukunftsgewand, dass ein Zukunftsbild nur dann zur Sprache kommt, wenn am Ende noch Zeit ist.

Jedenfalls hatte Gniffke kurz vor Abpfiff des Gesprächs in aussichtsreicher Position den Ball und spielt sich mit diesen Worten in eine wie ich finde herausragende Abschlussposition:

Ja, wir haben die Vision einer großen Plattform, auf der Menschen Inhalte teilen, auf der sie Informationen teilen, auf der sie ihre Medienangebote nutzen – egal, ob sie sie zu unterhaltenden oder zu bildenden oder zu Informationszwecken nutzen.
Eine Plattform mit transparenten Algorithmen, die genau den Menschen sagt, was machen wir, was empfehlen wir dir, nach welchen Logiken. Und die ARD-Mediathek, gemeinsam mit dem Netzwerk mit dem ZDF könnte doch der Nukleus sein. Und das wäre meine Vision, dass wir es dann beitragsoffen machen. Eine gemeinsame deutsche Medienplattform, an der auch andere Medienhäuser partizipieren können. Und die nächste Stufe ist dann, dass wir es auf eine europäische Ebene heben. Das ist mein Traum, das ist meine Vision. Dafür kämpfe ich.

In diese Situation war er gekommen, weil Moderator Michael Risel nach dem Dilemma von Twitter gefragt und Gniffke in seiner Antwort deutlich gemacht hatte, dass er das Vorgehen von Elon Musk für problematisch halte. Der Elefant war also im Raum – und dieses Bild (Fotomontage aus einem Screenshot der ARD-Mediathek) ist in diesem Fall nicht als Bild gemeint, sondern als besonders feinfühlige Mastdon-Anspielung:

Warum kündigt der neue ARD-Vorsitzende mit dieser Vision nicht einen ARD-Mastodon-Server an?
Die in Deutschland erfundene dezentrale Austauschplattform ist nach einem elefantenartigen (Tröt!) Mammut benannt und wird weltweit als Alternative zu Twitter gehandelt. Es wäre also naheliegend nicht die auf leanback-Nutzung angelegte Mediathek zum ersten Schritt auf dem Weg einer europäischen Plattform zu wählen, sondern die im Sendegebiet des MDR erfundene Fediverse-Anwendung.

Der große Vorteil dabei: Ganz im Sinne iterativer, digitaler Entwicklung könnte sie diesen Mastodon-Server als Test aufsetzen und die Öffentlichkeit an den Erfolgen und auch am Scheitern teilhaben lassen:

Was wäre das für ein Zeichen, wenn die ARD einen Mastodon-Server für zwölf Monate aufsetzt und dann in einem transparenten Prozess die Öffentlichkeit daran teilhaben lässt, was dabei gut läuft und wo Probleme auftauchen? Wenn sie damit einem (sicher auch internationalen) Publikum zeigt, wie sie das freie Internet nutzen und mitgestalten will? Welche Moderationsregeln gelten auf dem ARD-Server? Wie gelingt es, dort vielfältige Stimmen zu Wort kommen zu lassen? Welche Messzahlen kann sie außer Reichweite und Trafficzuführung entwickeln, um die Bedeutung von Inhalten zu messen?

Auf alle diese Fragen könnte ein Testzeitraum Antworten liefern – und durch eine kluge RSS-Einbindung könnte der Mastodon-Server sogar der Nukleus für einen öffentlich-rechtlichen RSS-Reader oder einen Podcast-Player werden, der auch nicht ARD-Inhalte distribuiert. Durch einen vorab definierten Testzeitraum besteht zudem jederzeit die Möglichkeit, das Projekt auch ohne Schaden zu beenden.

Das ist alles nicht einfach so gemacht, aber viel schneller und sichtbarer realisierbar als der Aufbau einer gemeinsamen europäischen Plattform. Was es dafür jetzt braucht? Eine Antwort auf die Frage: Wer zeigt Kai Gniffke Mastodon?

loading: let’s play critical

Im Frühjahr 2024 soll im Transcript-Verlag der Sammelband „Let’s Play Critical – Kritische Auseinandersetzung mit Videospielen“ erscheinen – kuratiert von Şeyda Kurt, Thomas Spies und Holger Pötzsch. Auf gofundme schreiben die drei: „Einen kritischen Band zu veröffentlichen, bedeutet für uns nicht nur, aus dem engen Korsett der universitären Wissensproduktion auszubrechen und freischaffende Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und Akteur:innen aus der Spieleindustrie mit an Bord zu holen. Gleichzeitig ist es uns wichtig, diejenigen Autor:innen, die nicht fest an Universitäten angestellt sind, für ihre Arbeit fair zu bezahlen.“ Deshalb haben sie eine Crowdfunding-Kampagne auf gofundme gestartet. Thomas Spies hat dazu den loading-Fragebogen beantwortet

Was macht Ihr?
Wir sind Herausgeber:innen eines Sammelbands, der so im deutschsprachigen Raum einzigartig ist. In diesem lassen wir Expert:innen über Themenfelder schreiben, die sich mit dem Medium Videospiel auseinandersetzen. Zwar gab es das bisher bereits, doch wir schlagen zunächst einmal eine Brücke zwischen akademischer und nicht-akademischer Arbeit: Wir vereinen Artikel von freischaffend arbeitenden Autor:innen, Künstler:innen und Wissenschaftler:innen mit denen von universitär Angestellten. Darüber hinaus nähern wir uns dem Videospiel aus einer kritischen Perspektive – heißt: queerfeministisch, dekolonial und politökonomisch. So ergeben sich spannende Untersuchungsfelder wie Erinnerungskultur, Sexarbeit oder Mutterschaft im Videospiel, aber auch gewerkschaftliches Organisieren und vieles mehr wird Schwerpunkt sein!

Warum macht Ihr es (so)?
Wir wollen das starre universitäre Korsett ein Stück weit aufbrechen und sehen vielstimmige Beiträge als wesentlich für die moderne Wissensproduktion an. Das Medium Videospiel ist gesamtgesellschaftlich verbreitet und deswegen ein geeigneter Untersuchungsgegenstand für unseren neuartigen Band. Darüber hinaus ist es spannend zu erforschen!

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle, die gelegentlich oder häufig Videospiele spielen oder sich schon immer mal gefragt haben, was diese so besonders macht und warum sie für unsere Gesellschaft äußerst relevant geworden sind.

Wie geht es weiter?
Wir sammeln mit unserer Kampagne Geld für unsere freischaffenden Autor:innen. Denn Honorare für diese sind in der akademischen Förderungslandschaft nicht vorgesehen. Mit dem Band selbst erzielen wir keine Einnahmen und sind somit auf Spenden angewiesen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wie wichtig es ist, Videospiele und die mit und an ihnen arbeitenden Personen ernst zu nehmen und zu beleuchten, was sie über unsere Gesellschaft aussagen, wen sie abbilden und wie – und wen nicht!

>> Hier die Kampagne auf gofundme unterstützen

„Thomas Mann hätte sich eher beide Hände amputieren lassen, als zu twittern“ – Felix Lindner über @DailyMann

Was hat Literaturnobelpreisträger Thomas Mann genau an diesem 6. Januar in seinem Tagebuch notiert? Seit April 2022 postet der Twitter-Account @DailyMann täglich eine datumsgenaue Antwort. Die Tweets sind Auszüge aus dem Tagebuch und geben einen interessanten Einblick in das Leben des Schriftstellers. In Die Zeit schrieb dazu im Winter: „Hier wird das nichtig kleine und das ganze große Leiden an der Welt vertieft statt bekämpft, und ganz gleich, wie es einem auch gehen mag, einer ist mit Sicherheit noch schlechter drauf – Thomas Mann.“

Hinter dem Account steht Felix Lindner, Literaturwissenschaftler und Mann-Experte von der HU Berlin. Ich habe ihm ein paar Fragen zu dem Account, zu Thomas Mann und zu seinen Plänen gemailt.

Warum Thomas Mann auf Twitter? Das passt doch gar nicht zusammen ein Literaturnobelpreis-Träger und diese eher nicht als Hochkultur angesehene Kurz-Plattform…
Es gab keine strategische Entscheidung für ein Medium und gegen ein anderes. Twitter ist einer der Orte, an dem ich mich über Literatursachen verständige und Humoriges aus der Literaturgeschichte teile. Da war es dann nur natürlich, dass die Zitate auf Twitter laufen. Dass sie dort so gut funktionieren, hat mich dann aber auch überrascht.

In der Bio steht, dass Katia schreibt, weil Thomas die Tür geschlossen hat und Erika ordnet. Kannst Du die handelnden Personen für alle Nicht-Mann-Expert:innen mal vorstellen?
Ich hatte versucht, mir vorzustellen, wie eine historisch akkurate Twitter-Situation im Hause Mann abgelaufen wäre: Thomas Mann in seinem Arbeitszimmer, um das alle mit Pantoffeln schleichen, weil er auf Störungen so empfindlich reagiert hat; Katia Mann, seine Ehefrau, die sich um alles Organisatorische des Nobelpreisträger-Lebens gekümmert hat und also auch den Account als niedere, lästige Arbeit betreiben müsste; und schließlich Thomas Manns Lieblingskind Erika, die in seinen letzten Jahren als seine Lektorin und Nachlassverwalterin fungiert hat. Dass ich selbst in der Bio nicht auftauche, soll den Eindruck vermeiden, es handle sich bei den Zitaten um eine allzu subjektive Blütenlese eines mit seinem Gegenstand zu sehr sympathisierenden Lesers. Außerdem fand ich die Idee des Versteckspiels hübsch.

Es gab vorher schon einige historische Ticker-Formate, die Inhalte der Vergangenheit mit Hilfe von Twitter oder Messengern z.B. genau 100 Jahre später in die Gegenwart geholt haben. War das eine Inspiration für DailyMann?
Eine bewusste Inspiration gab es nicht. Ich hatte mich für meine Dissertation wieder einmal intensiver mit den Tagebüchern beschäftigt und war irgendwann so genervt von diesem endlosen peinlichen Selbstgespräch, dass ich es nicht mehr aushielt, damit allein zu sein. Also dachte ich: Ab auf Twitter damit. Müssen es halt alle lesen.

Durch die Tweets entsteht der Eindruck, Thomas Mann sei eine durchaus selbstmitleidige Person gewesen. Kannst du ihn mal ein wenig vorstellen für alle, die weder den Account noch die Tagebücher vollständig kennen?
Thomas Mann war weniger selbstmitleidig als sein ganzes Leben damit beschäftigt, die für ihn ideale Arbeitsstimmung herzustellen, in der nicht die kleinste Störquelle sein vorgenommenes Zwei-Seiten-Pensum gefährden konnte. Und störend konnte für ihn alles sein: falsch zubereitete Krabbensuppen, zu saurer O-Saft, nicht gehorchende Hunde und Kinder, seine Verdauung, die Schreibfeder, Haushälterinnen, die Liste ist unendlich. Solch grässlich strenges Regime geht dann natürlich mit einer Menge Unzufriedenheit einher, weil es sich einfach nicht realisieren lässt.

Hätte er, wenn es die technischen Möglichkeiten gegeben hätte, selbst getwittert?
Thomas Mann hätte sich eher beide Hände amputieren lassen, als zu twittern. Für ihn war jede Art von Befindlichkeit Privatsache. Das Privateste des Privaten ging als „Tagesrechenschaft“, wie er es nannte, in die Tagebücher ein: sein Ort für Strenge und Aufrichtigkeit mit sich selbst. Dass davon etwas nach draußen gelangt wäre, hätte ihn nicht nur PR-technisch, sondern auch persönlich auf Jahre ruiniert.

Aber er war sich doch beim Schreiben des Tagebuchs bewusst, dass es nach seinem Tod öffentlich würde, oder?
Ganz so einfach ist es nicht. Thomas Mann hat 1945 alte Tagebücher aus der Zeit vor 1933 in seinem kalifornischen Garten verbrannt. Dass er den Rest nicht auch vernichtet hat, als er noch konnte, mag daran liegen, dass er das Interesse (das auch 2023 nicht gerade groß ist) an ihnen unterschätzt hat und womöglich gedacht hat, was dort geschrieben steht, könne seinem sorgsam gepflegten Image als Goethe-Nachfolger nichts anhaben. Die Tagebücher lagen dann auch als Bündel auf dem Dachboden seines letzten Wohnortes am Zürichsee mit der Aufschrift „without any literary value“. Eine gewollte oder ungewollte Publikation der Tagebücher zu Lebzeiten wäre unvorstellbar gewesen. Man sieht das an einer abenteuerlichen Geschichte von 1933. Im Januar 1933, zum Zeitpunkt der Wahl Hitlers zum Reichskanzler, ist Thomas Mann gerade im schweizerischen Arosa und beauftragt seine Tochter Erika damit, die in seinem Wohnhaus in München liegenden Tagebücher schnellstmöglich und ungelesen in die Schweiz kommen zu lassen. Erika beauftragt einen Chauffeur damit, der sich dann allerdings als Spitzel herausstellt und die Tagebücher verkaufen will. Wir wissen nicht, was in den Tagebüchern stand, aber die Vorstellung, sie in den Händen von Nazis, also als Diffamierungsmittel zu sehen, hat Mann über Monate hinweg Bauchschmerzen bereitet. Am Ende kamen sie über Umwege dann doch wieder zu ihm.

Kannst du erklären, weshalb die Inhalte auf Twitter irgendwie anders wirken als wenn man sie in Gänze in einem gut gedruckten Buch liest?
Die auf Twitter gebotene Kürze schneidet die Zitate sachte aus ihrem Zusammenhang und dampft gewissermaßen die Unlust an der Welt, die in den Tagebüchern immer anwesend ist, auf ihre Essenz ein. Das ist gar keine Verzerrung, es steht ja alles geschrieben. Die Komik des Ganzen liegt wohl in der Auswahl: einer Art Kompendium der schlechten Laune und der Arbeitsverhinderungen, die so redundant und unwahrscheinlich ist, dass sie sonst niemand so veröffentlichen würde. Ich werde oft gefragt, ob der Account ein Bot sei, aber ich habe weder die Fähigkeiten noch die Lust dazu, etwas zu programmieren. Ein Bot, der aus den Tagebüchern Sätze auswählen würde, würde vielleicht alle paar Monate etwas Lustiges zu schreiben haben.

Du bist seit April 2022 aktiv, wieviel Material hat Thomas Mann geliefert, damit du noch twittern kannst?
Die Tagebücher sind in 10 Bänden mit insgesamt über 9000 Druckseiten erschienen. Sie reichen von 1918 bis 1921, dann noch einmal von 1933 bis 1955, seinem Todesjahr. Da kommt also einiges zusammen, aber insgesamt nur wenig, was sich auch für Twitter eignen würde. Am 2. April 2023, also genau ein Jahr nach dem ersten Tweet, soll dann auch Schluss sein. Ich möchte nicht, dass sich das Projekt überlebt. Und so hat jede:r, der/die mag, einen kleinen Thomas-Mann-Kalender voller schlechter Laune auf Twitter. Ist doch schön, vielleicht.

Der Account @DailyMann ist hier auf Twitter – und war schon mehrfach in den Netzkulturcharts hier im Blog, in denen ich mich monatlich mit besonderen Phänomemen der Netzkultur befasse.

In Kategorie: DVG

wednesdaydance, Violin-Stan, Microwave Popcorn, Bierwerbung (Netzkulturcharts Dezember)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Sie erscheinen wegen der Space-Karen-Entscheidung Revue einzustellen nur noch als Bestandteil meines Digitale Notizen-Newsletters.

Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: #wednesdaydance 🆕

Jenna Ortega tanzt – und das Netz tanzt mit. Die Hauptdarstellerin des Addams-Familiy-Spinoff auf Netflix dominiert mit einer Tanzszene nicht nur die Streamingplattform, sondern auch das Mitmach-Web. Tiktok und Instagram sind voll von Ortega-inspirierten Tänzen. Dabei spielt es fast keine Rolle, dass in der Serie selbst ein anderer Sound unter dem Tanz liegt, als der in Social-Media äußerst beliebte Lady-Gaga-Mix von Bloody Mary. Und es spielt auch kaum eine Rolle, dass alles an diesem Trend fast zu offensichtlich und kalkuliert ist: eine Netflix-Serie plus eine tanzende Hauptdarstellerin – da braucht es keine höhere Mathematik, um den Tanztrend zu errechnen. Trotzdem faszinierend.

Platz 2: Violin-Stan 🆕

Ende Oktober postete der Geigentiktoker Zotov13 eine Violinversion von Eminems „Stan“. Kurz danach begannen zahlreicher Nutzer:innen genau auf den Geigenpart des Sounds ihre Daumen und Zeigefinger zu reiben. Diese Handbewegung wird seitdem als Antwort auf Anschuldigungen, Klischees oder Vorwürfe genutzt – wie man an diesem Skatergirl-Beispiel sehen kann. Die Clips basieren auf dem gleichen Prinzip, das wir auch von POV-Videos und vom Questions I Get Asked-Trend kennen: Nutzer:innen zeigen ihre Identität in Interaktion mit Sätzen, mit denen sie konfrontiert sind.

Auf Twitter weisen Michael Förtsch und Konrad Göke zurecht darauf hin, dass das Reiben der Finger schon vor dem Tiktok-Trend eine übliche Reakion war. Vielen Dank!

Platz 3: Microwave Popcorn 🆕

Inside von Bo Burnham war zum Höhepunkt der Pandemie für nicht wenige das Symbol für den Zustand des Eingesperrtseins. Aus dem Soundtrack zu dem Netflix-Special hat sich eine Sequenz aus dem Song Microwave Popcorn in diesem Monat als Tiktok-Sound verselbstständigt. Es handelt sich um einen Dialog, den Nutzer:innen nachspielen – mit Schwerpunkt auf die Begriffsstutzigkeit des einen Teilnehmers, der nicht mal versteht, wie man Popcorn in einer Mikrowelle zubereitet:

I put the packet on the glass (what glass?)
The little glass dish in the microwave (got it)
I close the door (which door?)
The door to the microwave (what is wrong with you?)

Platz 4: Bierwerbung für Demokratie 🆕

Ein fünf Jahre alter Werbespot von Heineken ist Ende November in einer Harvard-Studie als wirkungsvoller Beitrag zum Thema Demokratie ausgezeichnet worden. Das hat nur indirekt mit Netzkultur zu tun, aber immerhin indirekt. Denn in dem Spot geht es um die Art und Weise, wie Menschen in den Dialog kommen können – selbst wenn sie völlig unterschiedliche politische Ansichten haben. In der Werbung geht es darum, dass sie dann ein Bier zusammentrinken, in der Harvard-Studie um den Austausch über Ansichten hinweg.

Platz 5: Space Karen & Twitter 🤯 🔽

Weiterhin in den Netzkulturcharts: das Drama um Twitter. Es ist im Dezember zwar etwas ruhiger geworden, aber es hört nicht auf – wie man im Haken Dran Podcast nachhören kann.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. „And with that the 2022 season comes to the end“
2. Lady Gaga „Bloddy Marry“
3. The Cramps „Goo Goo Muck“
4. Beyonce „Cuff it“
5. Ski Aggu „Party Sahne“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Anfang Dezember löste die Autorin Chelsea Banning einen Trend unter Schriftsteller:innen aus. Auf ihren Tweet, in dem sie von fehlendem Publikum bei einer Signierstunde berichtete, reagierten zahlreiche erfolgreiche Kolleg:innen mit ebenfalls erfolgslosen Publikumsinteraktionen.
Ein Drake-Song von einer künstlichen Intelligenz, wie Taylor Swift Fans sich politisch engagieren.

Die Ein-Wort-Tweet-Strategie (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Brauchen wir einen Tiktok-Kanal? (Ja)
Muss ich mich jetzt selbst filmen? (Ja)
Wie macht man eigentlich einen Newsletter? (So)

Wer den Eindruck vermittelt, sich intensiver mit dem Internet und den Entwicklungen von Kommunikation zu befassen, steht manchmal von merkwürdigen Fragen. Ich habe mich in diesem Jahr an einigen Antworten versucht: „Sie sollten sich mit Tiktok befassen“„Ja, Sie müssen sich selbst filmen“ und „Fünf Tipps für einen PROFI-Newsletter“ sind meine drei Antwortversuche auf die Einstiegsfragen.

Dabei fiel mir auf, dass hinter den meisten Fragen nach Social-Media-Strategien oder Newsletter-Ideen aber ein anderes Thema liegt. Es fühlt sich manchmal an, als würde man mit den Betreiber:innen eines Ladengeschäfts über die Ausstattung des Schaufensters reden – ohne über den Inhalt und das Geschäftsmodell des Ladens sprechen zu können. Dabei gilt spätestens seit Simon Sineks großer Warum-Rede: Kein Schaufenster kann erfolgreich gestaltet werden, wenn nicht das Warum des Geschäfts geklärt ist! Was ich damit meine: jede Newsletter- oder Social-Media-Strategie braucht eine inhaltliche Fokussierung (Symbolbild: unsplash), eine Antwort auf die Frage „Warum machen wir das eigentlich?“

Und um diese zu finden, muss man keine teuren Agenturen buchen oder Strategie-Meetings einberufen. Ich habe in diesem Jahr gelernt: man muss vor allem dem Account des US-Eisenbahn-Konzerns Amtrak folgen. Dieser twitterte im August schlicht das Wort „trains“ und löste damit eine kleinen Netztrend mit großer Wirkung für jede Kommunikationsstrategie aus. In den Netzkulturcharts bin ich schon genauer darauf eingegangen, welche Folgen der Tweet für die Netzkultur hatte: Zahlreiche prominente Accounts folgten dem Beispiel und veröffentlichten Hauptworte, die auf den Punkt bringen, wofür sie stehen bzw. womit sie assoziiert werden wollen. Wenn Olaf Scholz „respekt“, Amnesty „menschenrechte“ oder Joe Biden „democracy“ schreiben, dann steckt dahinter eine sehr gute Antwort auf die Frage: Brauchen wir einen Tiktok-Account?

Die Ein-Wort-Strategie ist meiner Einschätzung nach der Ausgangspunkt für jeden guten Social-Media-Account und/oder Newsletter. Nur wer weiß, wofür sie oder er stehen will, kann erfolgreich kommunizieren. Denn Reichweite und Bekanntheit sind kein Wert an sich. Es geht immer um Bekanntheit FÜR etwas, um Reichweite in bestimmten Zielgruppen. Die Ein-Wort-Tweet-Strategie kann dabei helfen, das eigene Warum? nach außen zu tragen und auf seinen Kern zu kondensieren – auf die Antwort auf die Frage: Wofür wollen wir bekannt sein?

Wenn diese Frage beantwortet ist, entfaltet sich die Kommunikationsstrategie quasi von alleine entlang einer Richtschnur, die immer wieder fragt: Und woran merkt man das? Woran merkt man, dass Ihr für ein-wort-tweet steht?

Diese Fragen funktionieren übrigens nicht nur für Unternehmungen, Vereine oder andere Projekte, die aktiv in der digitalen Welt kommunizieren wollen. Sie sind sogar für Personen-Accounts hilfreich, die nicht wissen was bzw. worüber sie schreiben sollen. Wer einen inhaltlichen Antrieb hat, tut sich viel leichter damit, Netzwerke zu knüpfen – darüber hatte ich hier schon mal geschrieben – auch weil es für andere schneller ersichtlich ist, wofür sich dieser Account eigentlich interessiert.

Und quasi nebenbei hilft die Ein-Wort-Tweet-Methode auch dabei, eine persönliche Fokussierung anzustoßen. Deshalb nutze ich die Jahrswechsel-Stimmung und lade Sie ein: Posten Sie auf Twitter und Mastodon gerne Ihr Wort des Jahres – für 2023!

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Zu meinem Buch „Anleitung zum Unkreativsein“ habe ich ein Newsletter-Experiment gemacht, über das ich hier geschrieben habe. Wenn Sie mehr über Newsletter- und Ein-Wort-Tweet-Beratung wissen wollen: Sprechen Sie mich an!

Memes des Jahres (Netzkulturcharts 2022)

Was geht online? Die Frage beantworte ich monatlich in den Netzkulturcharts. Einmal im Jahr lasse ich über alle Phänomeme abstimmen, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Hier kommt das Ergebnis der Jahresabstimmung 2022 (ohne Dezember, der folgt im Newsletter Digitale Notizen).

Die Netzkulturjahrescharts 2022

Die Leser:innen meines Newsletters haben abgestimmt – und diese Top10 aus der Auswahl meiner monatlichen Netzkultur-Favoriten ermittelt:

10. Jiggle Jiggle (Mai)
9. Wordle (Februar)
8. Birds Aren't Real (Februar)
7. Girl Explaining (August)
6. Augsburger Puppenkiste auf Tiktok (November)
5. Joko & Klaas (Oktober)
4. #dancewithsanna (August)
3. Taylor Swift (November)
2. It's Corn (September)
1. NAFO (September)

Wer sich für Netzkultur interessiert, liest nicht nur die Netzkulturcharts – sondern auch das Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation

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In die Bücher schauen: Lesen 2022

Was hast Du im vergangenen Jahr gelesen? Als ich mich unlängst mit Blogger und Bildungsinfluencer Bob Blume unterhielt, stand plötzlich die Frage im Raum. Wir wollten jeweils vom anderen einen Buchtipp haben, weil uns beide interessierte, was den anderen interessiert. Daraus entstand die Idee, dieses Interesse öffentlich zu machen – und andere zu bitten, uns in die Bücher schauen zu lassen.

Deshalb hier fünf Buchtipps von mir. Wer sich auch in die Bücher schauen lassen will (Foto: Unsplash), kann ja das Blogstöckchen aufnehmen und ebenfalls Empfehlungen posten!

Ein Buch, um das Internet besser zu verstehen

Es ist kein Buch aus dem Jahr 2022 (schon 2021 erschienen) und es handelt nur indirekt von der Digitalisierung. Und dennoch empfehle ich unter diesem Punkt „Identitti“ von Mithu M. Sanyal. Es ist ein humorvoller Roman (der in Düsseldorf spielt), der mehr über gegenwärtige Diskurse verrät als manches Sachbuch. Habe Identitti 2022 als Audiobook angehört – was hier sogar kostenfrei auf Spotify möglich ist.

Ein Hobby-Buch

Die Geschichte des Laufens wird viel zu häufig wie selbstverständlich aus männlicher Perspektive erzählt. Was dabei alles verloren geht, stellt MANN beim Blättern und Festlesen in „Sorry war kurz noch laufen“ von Nicole Blatt fest. Dass das Buch zusätzlich auch noch sehenswert gestaltet und über Startnext im Crowdfunding finanziert wurde, macht es auf mehreren Ebenen empfehlenswert.

Ein Guilty pleasure Buch

Darf man sich für dieses moralisch fragwürdige Spektakel namens Fußball-WM interessieren? Ich schaue nicht nur auf die Ergebnisse, ich verfolge sogar die Spiele – und lese dazu passend das empfehlenswerte Buch „Um jeden Preis“ von Autor, Beer&Honey-Podcaster und Bochum-Fan Christoph Biermann. Er erzählt darin, so der Untertitel, „die wahre Geschichte des modernen Fußballs von 1992 bis heute“ – und man erfährt, warum sich Fans nicht schämen müssen, wenn sie Fußball mögen.

Ein neues Buch

Die Idee, etwas absichtsvoll verlernen zu können, mag ich seit ich erstmals im Jahr 2008 bei Clay Shirky davon las. Diese englisch betitelte deutschsprachige Anthologie sammelt zahlreiche Beiträge, die sich mit der Frage struktureller Ungleichheit befassen: Unlearn Patriarchy ist im September 2022 erschienen – also ein neues und ein empfehlenswertes Buch

Ein altes Buch

Bin mir nicht sicher, ob „Why Running Matters“ von Ian Mortimer alt genug ist für diese Rubrik. Deshalb empfehle ich hier zusätzlich das sehr alte (und kaum mehr zu bekommende) „This Running Life“ von George Sheehan. Beide beschäftigen sich auf faszinierende Weise mit dem Laufen – und zahlreichen Aspekten, die über den rein sportlichen Aspekt hinaus gehen. Beide haben auch großen Einfluss auf das zweite Minutenmarathon-Buch, das ich in diesem Jahr geschrieben haben und das im Frühjahr 2023 erscheint.

Meine Fragen zu nicht an KI

Zufall? Am Wochenende durften Carmen und ich ein Seminar mit dem Titel „KI im Journalismus“ in Hildesheim geben. Seit dem Wochenende schlug sich auch eine Meldung aus der vergangenen Woche in meinen Timelines nieder: die Chat-Funktion von OpenAI ist für alle zugänglich – (man kann den Chat hier ausprobieren, wenn er die Warteschlage abgearbeitet hat). Egal auf welcher Plattform: ich sehe ständig AI-generierte Profil-Fotos, Beispiele für beeindruckte Chat-Antworten und Einschätzungen zu KI. Fast nie sehe ich allerdings den Hinweis, dass OpenAI (wie Twitter) u.a. Elon Musk gehört.

Ich kann nicht beurteilen, ob diese Meldung tatsächlich ein historisches Vorher und Nachher markiert…

… ich weiß aber, dass dieser Zufall ein schöner Anlass ist, ein paar Gedanken festzuhalten – und zwar in Form von Fragen.

Die folgende Liste stammt aus unserem Seminar – und umfasst Fragen, die wir zu und nicht an die KI haben. Es ist eine Liste, die ich ergänzen – und falls ich Antworten finde auch mit diesen verlinken werde:

Wird KI erfunden oder entdeckt?
Was ist die Muttersprache der KI?
Was ist virtuell? Was ist real?
Was muss ich tun, um eine KI zu programmieren?
Können KIs innovativ sein oder geben sie das wieder, was es schon gibt?
Welche Rolle spielen Autor:Innen in Zukunft?
Wo entstehen die kreative Leistung beim Schreiben mit KI?
Wie gehen KIs mit Ambivalenzen um?
Wie kann man Umgang mit KI vermitteln?
Wie finde ich mehr Zeit, um mehr mit diesen Instrumenten zu experimentieren?
Welche Rolle spielt die Absender-Identität „Das ist ein Text von einer KI“?
Entwickeln wir als Leser:innen dort einen eigenen Bias?
Welche Fähigkeiten brauchen wir zum Lesen von KI-Text?
Brauchen wir eine gemeinsame Sprache?
Was geht verloren, wenn KI Sprache z.B. beim Gendern nach Leser:innen-Interessen personalisiert?

Außerdem habe ich ein paar Links gesammelt, die als Einstieg ins Thema hilfreich sein könnten:

Linkliste

Zum Lesen
* Übersicht: Beat Döbli Honegger hat bei der PHSZ zusammengefasst, was Chat-GPT ist und was man drüber wissen kann

* Die taz-Kolumne geschrieben von einer Künstlichen Intelligenz

* Casey Newton über OpenAI-Chat

* That AI Chatbot Wrote a Pretty Decent New York Article

* Phoneurie-Beitrag von Berit Glanz, die sich auch in diesem Essay im Merkur mit dem Thema befasst

* Podcast vom Studiengang „Journalismus“ aus Eichstätt

* Ein Experiment aus Die Zeit

* ChatGPT is dumber than you think

* Johannes Kuhn über ChatGPT

* Rene Walter in Good Internet über Papageien-Chats

* Johannes bündelt in seinem Newsletter spannende Texte und Gedanken zum Thema

Zum Ausprobieren
* Perfekte Übersicht zum Thema Schreiben mit KI
* Text GPT-3, OpenAI
* Text, interaktiver ChatGPT
* Text, Bilder Hypotenuse AI
* Bilder DALL-E
* Social-Media-Posts von der KI: predis.ai
* eine KI macht aus Blogeinträgen Videos lumen5.com
* Texte erstellen Wordai.com, Copy.ai
* Anschreiben und Social-Posts mit Instantly.ai – und als Instagram-Kampagne bei Socialstudio.ai
* AI-based browserextension Wordtune
* Automatisierungen mit Make.com
* Ranked.ai
* Voice.ai
* Bigspeak.ai
* Prompthero
* Thispersondoesnotexist
* Axiom.ai
* Pictory.ai
* Synthesia.io

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Das Einfluß-Paradox der Gegenwart (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Es ist menscheitsgeschichtlich noch gar nicht so lange her, dass Menschen auf die Frage „Wo wird die Weltmeisterschaft ausgetragen?“ oder „Welche energiepolitische Entscheidung wird in meinem Land getroffen?“ geantwortet hätten: „Keine Ahnung, das kann ich doch nicht entscheiden.“ Übersetzt in ein Bild, das später noch eine Rolle spielen wird, könnte man es auch so formulieren: „Keine Ahnung, das liegt doch außerhalb meines Einfluss-Kreises.“

Die Demokratisierung der Publikationsmittel hat aus dem Versprechen „das Private ist politisch“ eine Aufgabe gemacht – und Fragen wie jene nach dem Austragungsort einer Fußball-WM oder der Energieversorgung personalisiert. Das private Verhalten Einzelner ist damit in den politischen Bereich gerückt – was zur Folge hat, dass „Keine Ahnung“ keine Option mehr ist. Denn Personalisierung der politischen Debatte heißt nicht nur Du kannst dich dazu verhalten, es heißt auch Du musst dich dazu verhalten. Wir können nicht nur an politischen Debatten teilnehmen, wir empfinden es auch als Verpflichtung. „Wenn wir nur alle…, dann wird schon …“ so das Muster der partizipativen Perspektive auf Politik in Zeiten der memetischen Meinungsbildung.

Anfang des Jahres hatte ich über die so genannte Glut-Theorie geschrieben, die versucht zu beschreiben, was passiert, wenn Meinungen zu Memes werden – wenn wir Identität über unveränderliche Ansichten verhandeln. Wenn Meinung zu einem unveränderlichen Kennzeichen wird, sind diese nicht mehr vom Menschen zu trennen und Kompromisse sind nur noch Niederlage, nicht mehr Ziel einer Debatte. Ich glaube, dass dieser Prozess zu einer Überschätzung der eigenen (Meinungs-)Macht führt, die ich fast als „Memetischen Scheinriesen“ betitelt hätte: gemeinsam mit all den anderen, die meine Identitätsgruppe bilden, teile ich eine Meinung und plötzlich sind wir viele. Ich habe dieses Momentum im Bereich der Meme wiederholt mit dem Gefühl verglichen, das entsteht, wenn viele ein Feuerzeug auf einem Konzert in die Luft strecken. Auch hier passt das Bild des Scheinriesen, der von weitem größer und mächtiger scheint als er wirklich ist.

Im Rahmen der Debatte um die Reaktion der Bevölkerung auf die Austragung der Fußball-WM in Katar fiel mir auf, dass diese Form der scheinriesigen Meinungsmacht eine zweite Seite hat, die am bestem mit dieser Variante des Two Guys on a bus-Memes beschrieben ist.

Dabei handelt es sich um ein Image-Macro des brasilianischen Zeichners Genildo Ronchi, das als moderne Form des zwei-Seiten-einer-Medaille-Sprichworts gelesen werden kann. In diesem Fall jedenfalls ist es die Illustration dessen, was Konrad Lischka hier als Paradox der Gegenwart beschreibt: „Einerseits sehen so viele Menschen ihre individuellen (Konsum)Bedürfnisse als das wichtigste Gut, als absolut schützenswert. (…) Andererseits erscheint genauso viele Menschen das Individuum ganz klein, wenn es darum geht, etwas zu verändern in der Welt.“

Um zu verstehen, wieso dieses Paradox mit dem Scheinriesen-Effekt der memetischen Meinungsäußerung verbunden ist, muss ich ein klein wenig ausholen und auf Steve Covery hinweisen. Von ihm stammt das Konzept der drei Kreise. Er beschreibt diese als Circle of Concern, Circle of Influence und Circle of Control. Man muss sich diese Kreise ineinander liegend vorstellen. Der äußere Kreis beschreibt Dinge, um die man sich sorgen kann (Concern), sehr viel kleiner ist der Kreis derjenigen Dinge, auf die man Einfluss (Influence) nehmen kann und noch kleiner ist jener Kreis, der Dinge umfasst, die man direkt tun kann. Ich finde dieses Muster ist hilfreich, um Grenzen zu ziehen – zwischen den Themen, die mich bedrücken können und jenen, auf die ich Einfluss nehmen kann:

Concern
Dinge, die dir Sorgen machen, bezieht sich oft auf
– allgemeine Stimmungen
– grundsätzliche Fragen

Wer sich nur hier bewegt, fühlt sich schnell überfordert

Influence
Dinge, auf die ich Einfluss habe, erfordert
– gemeinsame Diskussionen
– Kompromissfähigkeit

Wer sich nur hier bewegt, muss viel kämpfen

Controll
Dinge, die du konkret ändern kann, bezieht sich oft auf
– kleine Handlungen
– langsame Veränderung

Wer sich nur hier bewegt, erreicht wenig, spürt aber Selbstwirksamkeit

Covey beschreibt die Kreise mit dem Ziel, sie gut voneinander zu trennen. Er empfiehlt, im Sinn der geistigen Stabilität, genau zu differenzieren, in welchem Kreis sich welches Thema befindet. Anzuerkennen, dass ein Thema außerhalb des Circle of Controll liegt, kann zu einer Befreiung führen (im Meme-Bild oben rechts zu sehen).

Und genau hier sind wir wieder beim memetischen Meinungsaustausch: Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel ist die Wahrnehmung der Kreise verändert worden. Wer sich in einer zum Meme gewordenen Meinung eingerichtet hat, gewinnt den Eindruck, den Circle of Influence ausgeweitet zu haben. Andere von der Richtigkeit der eigenen Weltsicht zu überzeugen, wird zu einem wichtigen Antrieb. Man teilt Beiträge, die die eigene Meinung bestätigen – und erliegt damit dem Irrglauben, der Scheinriese habe wirkliche Macht. Das führt zu einer großen Enttäuschung und manchmal auch zu Schuldgefühlen, wenn man feststellt, dass z.B. der private Boykott der Fußball-WM in Katar nicht zur Veränderung der Strukturen der FIFA führen wird (im Meme-Bild oben links zu sehen). Ein ähnlicher Wahrnehmungsfehler liegt vor, wenn Menschen in Fernsehkameras sagen, dass sie nicht mehr wählen gehen, weil sie beim letzten Mal anders entschieden hätten als das Wahlergebnis – und sich deshalb nicht repräsentiert fühlen.

Neben einem Streit-Training und digitaler Alphabetisierung für die Debatte in memetischen Ökosystemen braucht eine gelingende Kommunikation vor allem demokratisches Erwartungsmanagement, ein gesundes Gefühl für die eigenen Circle, also für die Wirkung dessen, was man durch eigenes Handeln und Äußern verändern kann: es ist einfach ungesund, strukturelle Probleme einzig durch persönliche Entscheidungen lösen zu wollen. Politische Probleme können nicht einzig durch privates Handeln zu einer Lösung geführt werden – sie brauchen auch politische Entscheidungen. Diese Wahrnehmung von Privatem und Politischem, von konkret und strukturell, ist durch das zur Aufgabe gewordene Versprechen, das Private sei politisch ein wenig aus dem Blick geraten.

Als ich hier darüber schrieb, dass Menschen Meme-Meinung zur Identitätsbildung und als Methode zur persönlichen Sicherheit in unsicheren Zeiten nutzen, ergab sich daraus die Schlussfolgerung, sie nicht mit mehr Informationen oder Wahrheit zu versorgen, sondern die Frage zu stellen, woher die große Unsicherheit erwächst, die ihre Lösung in Meme-Meinungen sucht – und deshalb mehr in gesellschaftlichen Zusammenhalt und Stabilität zu investieren. Wenn wir nun das Einfluss-Paradox der Gegenwart betrachten, folgt daraus meiner Meinung nach die Förderung eines gesunden Erwartungsmanagements. Denn die Enttäuschung fördert Schuldgefühle, die wiederum einer wirklichen Form von Toleranz im Wege steht.

Unlängst las ich irgendwo den Satz „Ich kann die Welt nicht verändern, aber ich will es versuchen“ als Motivation zum politischen Handeln. Das klingt irgendwie nett, ist aber das Kernproblem des Dilemmas aus dem Meme-Bild oben: die übertriebene Erwartung, die Welt vielleicht doch ändern zu können, führt zu einer Überforderung und einer Missachtung der kleinen Veränderungen – und am Ende zum Hass auf all jene, die anderer Meinung sind.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: Die Glut-Theorie der öffentlichen Debatte (Juni 2022), „Die Anderen anders sein lassen“ (Mai 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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In Kategorie: DVG