Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor, Vortragsredner – und Virtual Keynote-Speaker (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (u.a. das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ oder die Anleitung zum Unkreativsein), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Bei meinem Projekt Buch-Brief-Ing suche ich eine digitale Entsprechnung zu Papierbüchern. Details dazu finden Sie unter buch-brief-ing.de.

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Ich möchte hier keine Sponsored Posts oder Content-Kooperationen veröffentlichen. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

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Hybrides Denken: das Beispiel Bikepick

Können Sie die Scheibenbremse an einem Fahrrad entlüften? Oder wissen Sie, wie man einen Termin in einer Fahrradwerkstatt bekommt? Ich bin mir nicht sicher, was komplizierter ist. Ich weiß aber, dass es für beide Aufgaben hilft, Fahrradhändler:in zu sein. (Foto: unsplash)

Vor ein paar Wochen erreichte mich dieser Tweet von Hermsfarm, der den Beziehungsstatus zu Fahrradhändler:innen auf den Punkt bringt: Es ist kompliziert.

Denn selbst wenn man das Glück hat, freundliche Fahrradhändler:innen zu kennen, gibt es auch dann häufig Komplikationen: Platz- und Zeitprobleme. Ich habe schon einige Male ein reperaturbedürftiges Rad durch die Stadt geschoben, weil der Fahrradladen erst in ein paar Tagen Termine und bis dahin keine Abstellfläche für Räder hatte. Zudem scheint in meiner anekdotischen Evidenz-Erfahrung bei Radreperaturen ein Problem besonders häufig aufzutreten, das es auch in anderen handwerklichen Berufen gibt: Plötzlich steht das Gefühl im Raum, die anstehende Arbeit könne der Kunde/die Kunden mit etwas mehr Wissen/Geschick/Anstrengung doch eigentlich alleine erledigen (werde wie ein Idiot behandelt).

Womit wir wieder bei der Scheibenbremse sind, die ich entlüften wollte. Dort raten selbst die Video-Expert:innen auf YouTube dazu, ohne ausreichende Vorkenntnisse auf Fachkräfte zurückzugreifen. Im Großhandel warnt ein farbiges Schild vor der Werkstatt, gar nicht erst auf die Idee zu kommen, für ein nicht hier gekauftes Rad nach einem Reperaturtermin zu fragen. Mails an lokale Händler bleiben grundsätzlich unbeantwortet und Termine bei den netteren Händler:innen dauern nicht nur lange, sondern sollen auch so vereinbart werden, dass das Rad am besten zur Aufwandschätzung mal vorbeigeschoben wird. Das ist alles total freudlos und genau hier haben mich die Macher:innen von Bikepick erreicht als sie mir vor ein paar Wochen eine Instagram-Anzeige vor die Nase schoben.

Ich erzähle das hier so ausführlich, weil das Startup, das gerade in München eröffnet wurde, nicht nur mein Reperatur-Problem gelöst hat (alles selbst bezahlt und ohne persönliche Verbindung), sondern auch als Beispiel für eine Form des hybriden Denkens dient, die ich mir häufiger wünschen würde. Kern der Dienstleistung von Bikepick: Sie holen mein kaputtes Rad ab, bringen es wieder in Ordnung und dann zurück. Das ist keine Zauberwissenschaft, aber meiner Kenntnis nach dennoch ein neuer Ansatz. Vorteil für mich als Kunden: Ich muss nix durch die Stadt schieben. Vorteil für die Fahrradhändler:innen: Sie brauchen kein Ladengeschäft in der Stadt.

Bikepick überträgt damit die Idee der Ghost Kitchens auf den Fahrradmarkt. Hybrid ist dieses Denken, weil es nicht On- und Offline gegeneinander ausspielt, sondern miteinander versöhnt. Denn das Angebot von Bikepick wäre auch eine gute Ergänzung für einen bestehenden Fahrradladen, der einen physischen Raum betreibt. Online an dem Angebot ist aber der Service und die Auftragsabwicklung. Das ist an sich schon äußerst bequem, wenn man sich vor Augen führt, dass einigen Fahrradläden in meiner Umgebung nicht mal auf Mails antworten, muss es im Reperaturmarkt aber als revolutionär gewertet werden: Ich wähle auf einer Seite einen Abholtermin, bekomme eine Bestätigungsmail und dann Besuch von einem Bikepick-Laster, der das Rad abholt. Dieser Prozess geht mit Hilfe von Zahlenschlössern übrigens auch ganz ohne persönliche Anwesenheit. Ich bekam keine Quittung oder Bestätigung, sondern erst ein paar Tage später eine Mail mit einem Kostenvoranschlag für die nötige Reperatur. Diesen konnte ich mit einem Klick annehmen. Nach ein paar weiteren Tagen bekam ich dann eine Mail inklusive Rechnung und Bezahlbutton – und die Aussicht, dass mein repariertes Rad mir am Abend zurückgebracht wird (auch hier gab es wieder eine Zahlenschloss-Option). Diese Customer-Journey war eine reine Freude im Vergleich zum deprimierenden Hin- und Herschieben des Fahrrads beim klassichen Händler.


Hybrides Denken umfasst also neben der Verbindung von Unverbundenem auch das Aushalten und Gestalten von Mehrdeutigkeiten. Im kreativen Prozess tauchen diese Paradoxien an zahlreichen Stellen auf. Wenn du den Zufall planen, dich vom Glück finden lassen, dich absichtsvoll verirren oder Ideen präsentieren sollst, ohne sie zu präsentieren, dann ist das wie das Hybridfahrzeug – erstmal verwirrend. Die Tür zur Kreativität öffnet sich aber vermutlich erst dann, wenn du die Verwirrung zulässt. Der Mut, Umwege zu gehen oder sich gar zu verlaufen, ist Bestandteil des hybriden Denkens, das nicht mehr auf vollständige Planbarkeit setzt, sondern eben Raum für Zufälle lässt.
Zitat aus „Anleitung zum Unkreativ sein“

Erstaunlich an dem ganzen Prozess: Ich habe diesen Dienst einzig und allein deshalb ausprobiert, weil ich wusste, dass Bikepick eine Social-Media-Präsenz unterhält. Gewöhnlich werden solche Accounts ja immer als Marketing-Instrument geführt. Im konkreten Fall bot mir @bike.pick auf Instagram aber die Gewissheit, einerseits bei Problemen eine:n Ansprechpartner:in zu haben und andererseits mich öffentlich beschweren zu können, falls mein Rad verloren gehen würde. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich hier so ausführlich über Bikepick schreibe. Ich dachte mir: Wenn ich bei negativem Kundenerlebnis drüber geschrieben hätte, dann muss ich das bei positiven Kundenerlebnis fairerweise auch tun.

Zudem steckt hinter der Idee von Bikepick eben eine Form der Verbindung, die mich nicht nur an die Ghost Kitchens erinnert, sondern vor allem an die doppelte Goldmedaille im Hochsprung: Das Angebot von Bikepick ist kein Entweder-Oder zwischen On- oder Offline, sondern ein Sowohl-als-Auch, es verbindet die beiden Welten, die ältere Menschen immer noch getrennt wahrnehmen.

Diese Grenze zu überwinden und hybrid zu denken, scheint mir die Zukunft von (digitale) Dienstleistungen zu sein. Jedenfalls fand ich vor zwei Jahren einige Beispiele für diese Haltung als ich in Seoul war. Damals kam ich zu dem Schluss: „Wenn das Internet so selbstverständlich in den Alltag integriert ist wie in Südkorea, ergeben sich weitere Kombinationen fast automatisch, weil vielen gar nicht mehr auffällt, dass sie gerade das Internet nutzen.“

Was sind Experten ohne Experimente?

Am Lichtbogen in Essen wird man sich gefreut haben als heute das so genannte Zukunftsteam von Unions-Kanzlerkandiat Armin Laschet vorgestellt wurde. Bei heizkraft-infrarotheizung.de in der Ruhrgebietsstadt wirbt man nämlich schon länger mit dem schönen Wortspiel, das Laschets Werber:innen über die vier Frauen und vier Männer geschrieben haben, die schräg hinter dem Kandidaten stehen und sein Zukunftsteam bilden sollen: Experten statt Experimente! (Screenshots oben: CDU.de & heizkraft-infrarotheizung.de).

Nun ist es nicht so, dass in diesem Wahlkampf kein Wert auf Referenz- und Zitatdebatten gelegt wurde oder dass ich als Heizkraft-Experte (sic!) den Slogan aus Essen gekannt hätte. Er findet sich nach einer einfachen Websuche und wirft die Frage auf, wie geschickt diese Teampräsentation vorbereitet wurde: „In größter Not hat Laschet jetzt ein „Zukunftsteam“ präsentiert“, schreibt Robert Roßmann in der SZ. „Doch das Team kommt viel zu spät. Es wurde hektisch und im kleinen Kreis zusammengestellt. Es ist ein Verzweiflungsteam, das schon am 26. September Vergangenheit statt Zukunft sein dürfte.

Mehr noch als das Team interessiert mich der Slogan, dessen Platzierung das Internet bereits memetisch herausforderte, wie man in diesem Thread von Saša Stanišić sehen kann. Poltische Slogans sind eine kondensierte Form von Politik. Werbesätze sind an sich schon so spannend, dass ich stundenlang drüber reden könnte (und das dank Lucas von Gwinner ja auch tue). Wenn Slogans aber eine politische Idee auf den Punkt bringen sollen, faszinieren sie mich immer besonders. Erst gestern bin ich wieder an dem Satz „Unser Land, unsere Regeln“ vorbei gefahren, den ausgerechnet die AfD für einen guten Slogan hält (habe 2017 mal aufgeschrieben was ich davon halte) und während der Koalitionsverhandlungen 2017 prägte die FDP einen Satz, den man gemeinsam mit dem heutigen Experiment-Slogan vielleicht sogar als prophetisch für Laschets Zukunftsteam lesen kann: Lieber nicht regieren als falsch.

Sowohl der FDP- als auch der Unions-Satz offenbaren eine erstaunliche Haltung, die beim Auftrags-Heizungsbau vielleicht richtig ist (bin wie gesagt kein Experte), in der Politik aber Stillstand zur Folge hat und ganz sicher keine Zukunftsgestaltung. Denn: Wer nichts ausprobiert, wird sich nicht bewegen. Wer Experimente verweigert, wird kein Experte bzw. keiner bleiben. Experimente auf der einen sowie Expertinnen und Experten auf der anderen Seite sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander. Erkenntnis entsteht nur dort, wo Menschen bereit sind Neues auf eine Weise auszuprobieren, die ihnen erlaubt, die Ergebnissen überprüfen zu können. Man nennt diesen Vorgang Experiment und nicht erst durch die schnelle wissenschaftliche Forschung zu Corona-Impfstoffen hat gezeigt: Das Experiment hat im 21. Jahrhundert ein weitaus besseres Image als es es wohl im 20. Jahrhundert hatte. In dieser deutschen Wikipedia hat der Slogan „Keine Experimente“ einen eigenen Eintrag. Was vielleicht bezeichnend für dieses Land, aber ganz sicher für das Zukunftsteam der Union ist. Mit einem Slogan im Geist der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu werben, weckt wenig Hoffnung darauf, dass der Begriff „Modernisierungsjahrzehnt“ etwas mit dem 21. Jahrhundert zu tun haben wird.

Bei mir hat die heutige Präsentation vor allem eine Frage geweckt: Was sind eigentlich Expert:innen ohne Experimente? Wenn ich Laschet richtig verstanden habe: das Zukunftsteam der Union.

Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem Neuen um? Im „Pragmatismus-Prinzip“ habe ich darauf eine Antwort versucht, die man hier nachlesen kann.

Digitale Nachbarschaft (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wie gut kennen Sie Ihre Nachbarn? Wissen Sie, welche Wendungen das Leben auf dem Balkon gebenüber nimmt?

Ich muss immer wieder an die lockere soziale Bindung zu den Menschen „next door“ denken, wenn ich Social-Media-Apps nutze. Egal, ob es sich um den Status in WhatsApp (lesenswert aufgeschrieben von meinem Kollegen Jan Stremmel), um Urlaubsbilder auf Instagram oder Tanzeinlagen auf Tiktok handelt: stets liefern soziale Medien einen virtuellen Blick in das Leben von fremden Menschen, in fremden Wohnungen. (Symbolbild: Unsplash)

Dieser private Blick ist neu und zuweilen noch immer verstörend (über die berufliche Verwendung von sozialen Netzwerken habe ich hier geschrieben). Warum filmen diese Menschen sich bei albernen Tanzeinlagen, weshalb teilt diese entfernte Bekannte ihre Autopanne auf Instagram und welchen Zweck verfolgt der Ex-Kollege mit diesen Videos, die er über seinen Status und YouTube verbreitet? Lange Zeit wurde diese Form des sozialen Austauschs als Oversharing verunglimpft: Selbstdarsteller:innen seien diese Menschen, die ihr Essen fotografieren oder Selfies produzieren. Das konnte man so häufig lesen, dass es mich skeptisch machte: Stimmt das wirklich oder ist die Behauptung von der Darstellungsssucht nicht nur ein Vorwand, sich nicht intensiver mit dieser neuen Form der sozialen Bindung befassen zu müssen? (Wie man sich tiefgehender mit solchen Fragen befassen kann, zeigt Sascha Lobo in dieser Kolumne über Kinderfotos im Internet)

Seit ich selbst anfing, Szenen auf Instagram zu fotografieren, die früher in einem privaten Fotoalbum gelandet wären, beschäftigt mich die Frage nach dem Warum? intensiver als die oberflächliche Antwort von der vemeintlichen Oberflächlichkeit reicht. Der soziale Austausch wird von anderen Treibern beflügelt als der Suche nach Likes oder Anerkennung. Das gilt on- wie offline, das gilt in sozialen Netzwerken wie im Gespräch mit dem Balkon gegenüber. Wir teilen uns mit, weil wir uns darin selbst erkennen. Wer seiner Nachbarin von der eigenen Urlaubsreise erzählt, kennt dieses Gefühl. Es wird nicht schlechter oder gar falsch, nur weil es im Internet stattfindet: Auch digitale Mitteilungen helfen dabei, die Welt einzuordnen und uns selbst zu verstehen. Genau so gut und genau so schlecht wie Gespräche auf dem Gang mit den Nachbar:innen.

Mir hilft das Bild von der digitalen Nachbar:innenschaft um besser zu verstehen, was wir da gemeinsam machen in den sozialen Netzwerken. Wir führen lockere virtuelle Beziehungen, die sehr handfeste (auch positive!) Folgen haben können. So wie Brot&Salz durch echte Fenster gereicht werden, können wir durch virtuelle Fenster Reisetipps, Nachmieter:innen oder Spendensammlungen organisieren. Ja, es gibt auch den Nachbarschaftsstreit am # Gartenzaun – im Internet heißt der Hashtag und beflügelt Auseinandersetzungen, die nicht so anders sind als die Debatte über einen überstehenden Ast im fremden Garten. Online steht ein Gender*sternchen zu hoch und weckt die gleichen „ich werde ungerecht behandelt“-Gefühle wie in der Offline-Nachbarschaft.

Keine Sorge, es geht mir mit dem Bild nicht um eine On- und Offline-Gleichmacherei. Die digitale Nachbarschaft ist selbstredend umfangreicher, vernetzter und breiter als die manchmal tiefer gehende Verbindung zu Menschen, die (fast) die gleiche Adresse haben. Aber beide haben einen positiven, verbindenen, freundlichen Kern. Allein um das nicht zu vergessen, lohnt es sich ein Herz zu drücken, wenn der Ex-Kollege ein Video postet oder die Bekannte Hilfe bei der Autopanne braucht. Wir sind nicht allein – wir sind digitale Nachbarn.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Hier habe ich schon mal über die berufliche Nutzung von sozialen Netzwerken nachgedacht.

Bongo Cha Cha Cha, Chopping Dance, Rezo, Khaby Lame und Frozen Honey – die Netzkulturcharts August 2021

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts vom Juli stehen hier und begründen die Emjois hinter dem Namen.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1 Bongo Cha-Cha-Cha 🆕

Im Jahr 1959 kam ein Film in die Kinos, der den Titel „Du bist wunderbar“ trägt. Es ist die Geschichte der Näherin Caterina, die in einer französischen Hafenstadt den deutschen Seemann Willi Schultz kennenlernt. Gespielt wird Caterina von Caterina Valente, die in dem Film das Lied „Bongo Cha-Cha-Cha“ singt. Der Song wird parallel auf deutsch und italienisch veröffentlicht. Dass er 62 Jahre später diese Sommer-Ausgabe der Netzkulturcharts anführt, hat nicht nur mit der Cover-Version zu tun, die der sagenumwobene El Professor gerade veröffentlicht hat und die Chancen auf den Sommerheit 2021 hat. Der Grund für den Ruhm von Bongo-Cha-Cha-Cha ist ein Hashtag-Trend, der Clips aus dem Jahr 2021 mit dem Sound aus dem Jahr 1959 vertont. Das begann bereits vor ein paar Monaten. Anfangs in der Variante, die Nutzer:innen tanzend dabei zeigt, wie sie mit bedeutsamen Lebensentscheidungen die Erwartungen ihrer Eltern enttäuschen. Doch diese Anfangsphase ist lange vorbei. Mittlerweile dient der Sound als Untermalung für zahlreiche Tänze. In Italien steigerte sich die virale Begeisterung beispielsweise als die italienische Olympia-Schwimmerin Ferderice Pelligrini Cha-Cha unter Dusche tanzte.

Platz 2 Chopping Dance (Questions I Get Asked) 🆕

Die Anleitung ist auf den ersten Blick etwas kompliziert: vier Mal die Hände parallel vor dem Körper auf und ab hacken, zwei Mal die Fäuste vor dem Körper ballen und dann fünf Mal wie ein Hammer aufeinander schlagen. So gehen die ersten Moves des Chopping Dance, der seit einer Weile nicht nur ein musikalischer Trend ist. Zu der Musik des vietnamesischen Produzenten Hoàng Read tanzen Nutzer:innen nämlich nicht nur, sie nutzen den „Magic Bomb“-Sound auch um Fragen zu beantworten, die ihnen immer wieder gestellt werden. Dieser Questions I Get Asked-Trend ist mindestens so spannend wie die steile Karriere des Sounds, der im Frühjahr vom niederländischen Ladel Spinnin‘ Records veröffentlicht wurde. Durch die antwortende Haltung erreicht dem Selbstdarstellungs-Aspekt von Tiktok ein neues Level. Nutzer:innen zeigen ihre Identität auf Basis von Antworten auf besonders häufiger Fragen. Dass das auch politische Dimensionen haben kann, zeigen hier die Aktivist:innen von Fridays for Future.

Platz 3 Rezo 🔃

„Ja es ist wieder Zeit für so ein Video“ – Rezo liefert in diesem Monat einen Wiedereinstieg in die Netzkulturcharts. Zwei Jahre und drei Monate nach seiner „Zerstörung der CDU“ nimmt er sich erneut die Christlich-Demokratische Union (sowie ihre bayerische Schwester) und die deutsche Politik vor. Dieses Mal widmet sich der Aachener Rezo ausführlich der Arbeit eines anderen Aacheners: Armin Laschet. „Laschet Why U Do Dis?“ heißt das in dem Clip, es bleibt aber so entlarvend wie vor zwei Jahren. Details dazu gibt es in diesem Podcast mit meinen Kolleggen Jean-Marie Magro, der Rezo in Aachen besucht hat. Ob das Rezo-Video Einfluß auf den Wahlausgang hat oder nur Nutzer:innen erreicht, die ohnenhin keine Unions-Anhänger:innen sind? Allein, dass es die Seite enkelkinderbriefe.de gibt, könnte man bei CDU/CSU zum Anlass nehmen, Netzkultur künftig anders zu behandeln.

Platz 4 Khaby Lame ⏺️

Derzeit ist viel von der Creators Economy die Rede, von der Tatsache also, dass die Plattformen besonders attraktive Inhalte-Produzent:innen halten und hofieren wollen. Im Falle von Khaby Lame ist das in diesem Monat sehr deutlich geworden: Tiktok hat einem seiner prominentesten Nutzer ein eigenes Promo-Video geschenkt, in dem die Geschichte des viralen Aufsteigers erzählt wird – und damit natürlich irgendwie auch die Geschichte von Tiktok selbst. Denn die Followerzahl des jungen Mannes wächst ja auch deshalb – so die Botschaft von Tiktok – weil die App immer populärer wird. Zudem gönnt sich Khaby keine Sommerpause, sondern produziert unbeirrt weiter. Deshalb hält er sich den dritten Monat in Folge in den Netzkulturcharts.

Platz 5 Frozen Honey 🆕

Endlich mal ein Food-Trend in den Charts: Es war Sommer, es war heiß, deshalb widmet sich die Netzkultur dem Gefrierschrank. Es gab schon unterschiedliche coole Trends zu dem Thema (erinnert sich noch jemand an Dalgona Coffee?) und jetzt ist es also gefrorener Honig. Und wie bei vielen Hypes zuvor greift auch dieses Mal ein Mechanismus, den man „aber Vorsicht“ nennen könnte (siehe dazu #MilkCrateChallenge). Denn es werden nicht nur die Clips wie jener von Tiktok-Nutzer Dave Ramirez gezeigt, der versucht gefrorenen Honig aus einer Plastikflasche zu drücken. Es wird auch direkt gewarnt, dass zuviel Honig zu Magenproblemen führen kann. Die New York Times berichtet und erklärt: „Some creators have partnered with candy businesses offering their products as the next sweet treat to be placed in the half-frozen, half-gelatinous mixture in the videos. Still, honey remains the foundation on which all other flavors were created.“ Süß!

Besondere Erwähnung

Die Frage nach dem Internet-Wort des Monats sollten wir nicht aus dem Auge verlieren. Außerdem schon im August wichtig: die Berichte zur Bundestagswahl (hier meine Einschätzung zur Kooperation mit Tiktok). Und weil mit Studio Schmitt auch Kurt Prödel aus der Sommerpause zurückgekehrt ist: Seine „We Need To Talk About“-Form der Powerpoint-Präsentationen (siehe Aditotoro) werden wir noch ausführlicher würdigen!

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Shruggie des Monats: Das Gegenteil

Seit dem Januar 2018 gibt es hier die von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik Shruggie des Monats. Sie ist Bestandteil des monatlichen Newsletters Digitale Notizen und stellt regelmäßig Personen, Ideen und Begebenheiten vor, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Mit dieser Folge möchte ich die Rubrik erweitern. Denn spätestens seit dem auf dem Shruggie-Prinzip basierenden Buch „Anleitung zum Unkreativsein“ bin ich ein großer Gegenteil-Fan. In der umgedrehten Perspektive liegt häufig ein neuer, kreativer Blick. Um den einzuüben werde ich ab sofort die Rubrik Das Gegenteil anstelle oder ergänzend zum Shruggie des Monats befüllen.

Für mich persönlich ist die größte Herausforderung häufig die Konfrontation mit dem Gegenteil. Womit wir schon mitten drin sind im Thema. Denn gibt es eigentlich ein Gegenteil von „Herausforderung“? Also rein semantisch gesehen: Welcher Begriff beschreibt das Gegenteil einer Herausforderung? Und was wäre das dann inhaltlich: Beruhigend? Bestätigend? (Foto: Unsplash)

Man kann mit dem Gegenteil-Prinzip schöne Perspektiv-Wechsel auslösen. Die Anleitung zum Unkreativsein macht dies beispielhaft vor. Reverse-Ratgeber öffnen nicht nur den Blick auf das, was sie raten, sondern auch eine Reflektion auf die Ratgebenden und deren Position. Und derlei Perspektivwechsel scheinen mir auf mannigfaltige Weise nötig. Denn darin steckt mehr als die kreativitätsfördernde Kopstand-Methode. In einer sich polarisierenden Welt steckt darin die Fähigkeit, die Welt aus der Perspektive von anderen wahrzunehmen. Auf diese Weise hat Hans-Georg Gadamer mal den Begriff „Bildung“ umschrieben.

Dieser Form der Bildung will sich diese neue Gegenteil-Rubrik annehmen. Denn erst wenn man nach dem Gegenteil fragt, werden Inhalt, Ausrichtung und Schwerpunktsetzung dessen deutlich, was man zu oft als gegeben annimmt. Gemeinsam mit meinem Innovations-Kollegen Johannes Klingebiel fragte ich Ende 2019 mal nach dem Gegenteil von Innovation. Unter dem Tweet finden sich jede Menge schöne Antworten…

… die ich alle mit Gewinn las, um neue Eindrücke eines Themas zu finden, das mir eigentlich bekannt schien.

Über die Gegenteilfrage gelangte ich damals zu dem rein semantischen Begriffsbruder der Innovation: Die Exnotation wird „als Prozess zum Ausstieg aus nicht-nachhaltigen Infrastrukturen, Technologien, Produkten und Praktiken beschrieben.“

In der taz erklärt Luise Neubauer die Idee hinter dem weitaus unbekannteren Begriffsbuder Exnoation so:

Man kennt es nicht, denn wir machen es nicht. Das Problem mit dem Exnovieren ist für uns nämlich, dass Abschied, also die Beendigung einer politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Praxis durch unser offensichtlich (und nachvollziehbarerweise) kompliziertes kulturelles Selbstbild, mit Ablehnung und vor allem mit Abwertung konnotiert wird. Hören wir mit etwas bewusst auf, impliziert man, dass es falsch war. Dabei ist Abschied von früheren Innovationen nichts anderes als die Anerkennung, dass selbst die beste Idee irgendwann aus der Zeit fällt.

Das ist spannend, weil es belegt, dass das Gegenteil von Exnovation genau davon profitiert. Anders formuliert: Gegenteile bedingen einander häufig und fordern uns deshalb doppelt heraus: „Und um das alles zu begreifen / Wird man was man furchtbar hasst“ haben Tocotronic diese Doppeldeutigkeit des Lebens in ihrem Song „Meine Freundin und ihr Freund“ auf den Punkt gebracht.

Mindestens gedanklich offen zu bleiben für das Gegenteil ist die Idee des Pragmatismus-Prinzips und damit auch dieser Rubrik: Sich zumindest die Frage zu stellen, worin das Gegenteil einer Idee, einer Sache oder eines Prinzips besteht, kann weiter helfen. Und genau das möchte ich hier tun. Mit jeweils einer Frage, die (wegen des WordPress-Spam-Problems mit Kommentaren nur) auf Twitter und Instagram beantwortbar ist.

Beginnen will ich mit einem hochumstrittenen Thema, das angeblich sehr polarisiert und deshalb ja vermutlich sehr leicht zu einer Antwort führen müsste:

Was ist das Gegenteil von… Gendern?

Inhaltlich Inspiration zum Thema gibt es übrigens in diesem sehr zurückhaltend Die Lösung der Gender-Debatte genannten Text.

Der Shruggie des Monats bzw. Das Gegenteil ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann).
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Can we have two golds? Mit der Barshim/Tamberi-Methode zum Zauber des Sowohl-als-auch

In der Liste der Goldmedaillen, die bei olympischen Spielen vergeben wurden, muss man lange suchen um mehr als einen Namen in einem Einzelwettbewerb zu finden. Bei den Spielen im Jahr 1912 sind in der Spalte für den Fünf- wie für den Zehnkampf jeweils zwei Namen aufgeführt. Entschieden wurde über diese geteilten Gold-Medaillen aber erst siebzig Jahre später. In Stockholm im Sommer 1912 hatte der schwedische König Gustav V die Medaillen dem Amerikaner Jim Thorpe mit den Worte überreicht: „Sir, Sie sind der größte Athlet auf der Welt.“

Nach den Spielen wurden Thorpe die Medaillen wegen eines angeblichen Formfehlers aberkannt (er hatte gegen die damals geltende Amateur-Regel verstoßen, weil er zwei Jahre zuvor in einem halbprofessionellen Baseball-Team gespielt hatte), die beiden Zweitplatzierten Hugo Wieslander (Zehnkampf) und Ferdinand Bie (Fünfkampf) lehnte die Goldmedaillen allerdings ab. Sie wollten sie nicht an Stelle von Jim Thorpe tragen, der die Spiele sportlich dominiert hatte. Erst 30 Jahre nach dessen Tod, im Jahr 1983 entschied das Olympische Komitee, dass die Goldmedaillen sowohl Thorpe als auch Wieslander bzw. Bie zuerkannt werden sollten.

Man muss diese etwas komplizierte Geschichte nachlesen, um den Wert dessen ermessen zu können, was bei den Olympischen Spielen von Tokio im Hochsprungfinale der Herren passiert ist. Die New York Times schreibt von einer „Demonstration der Sportlichkeit“ und das ZDF spürte den Olympischen Geist „mit Verve durch die Arena“ wehen. Denn erstmals seit 1912 stehen in einer Goldmedaillen-Spalte zwei Namen – und erstmals überhaupt sind die beiden Athleten der Grund dafür: Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi teilen sich die die Olympische Goldmedaille der Spiele in Tokio!

Zuvor hatten sie sich ein spannendes Hochsprungfinale geliefert. Zwei Stunden lang sprangen die beiden Athleten, die auch außerhalb des Stadions befreundet sind, mit großer Genauigkeit. Sie überwanden die geforderten Höhen von 2,24 bis 2,37 jeweils im ersten Versuch. Zwei Sportler mit jeweils sechs Sprüngen. Kein Fehlversuch. Als 2,39 Meter aufgelegt wurde, war klar: Das wird ein Olympischer Rekord. So hoch war bei Olympischen Spielen vorher nur Charles Austin in Atlanta (1996) gesprungen. Barshim und Tamberi rissen beide drei Mal – und dennoch schafften sie einen Olympischen Rekord, der vermutlich höher einzuschätzen ist als die fehlenden Zentimeter.

Nach den drei Fehlversuchen treten die beiden vor den Schiedsrichter. Sie umarmen sich. Der Offizielle will ihnen das weitere Vorgehen für das Stechen erläutern, als Essa Mutaz Barshim die Frage stellt: „Can we have two golds?“ Es entsteht eine Sekunde Stille im Olympiastadion von Tokio. Dann sagt er Schiedsrichter: „Its possible“ und die beiden Freunde schauen sich an. Barshim mit roter Kappe und dunkler Sonnenbrille nickt seinen Freund an und sagt: „Lets make history.“ Tamberi nickt ebenfalls, holt mit der rechten Hand weit aus und schlägt mit Barshim ein. „Oh das ist schön“, sagt der ARD-Kommentator, „die beiden einigen sich, gemeinsam Olympiasieger zu sein.“

Das ist eine sportlich beeindruckende Geschichte, die den Blick auf die Verletzungen der beiden Athleten lenkt und zeigt, wie hoch die Belastung für Spitzensportler:innen ist. Tamberi hatte den Gips in Tokio dabei, den er tragen musste als er sich vor den Spielen von Rio ein Band im Bein gerissen hatte. Barshim, der in Rio Silber gewann, erlitt zwei Jahre später eine ähnliche Verletzung wie Tamberi: „Ich konnte nicht allein aus dem Bett, ich konnte nicht allein zur Toilette. Ich weiß, dass Gianmarco das Gleiche durchgemacht hat. Ich weiß, dass er Gold genauso verdient hat wie ich“, zitiert das ZDF den katarischen Hochspringer.Diese besondere Entscheidung von Tokio verdient aber nicht nur aus sportlichen Gründen so viel Beachtung. Sie ist ein Symbol über den Geist von Olympia hinaus.

“This is beyond sport,” hat der 30-jährige Barshim nach dem Finale gesagt. “This is the message we deliver to the young generation.”

Die Botschaft, die ich darin sehe ist aber nicht nur jene des Sportgeists. Ich sehe darin auch eine Option für scheinbar ausweglose Situationen. Wann immer ich in Zukunft gezwungen zu sein scheine, eine Entweder-oder-Entscheidung zu treffen, die mir nicht leicht fällt, werde ich an Barshim/Tamberi-Methode denken und mich fragen: Warum Entweder-Oder wenn auch Sowohl-als-auch geht? Nur weil in der Geschichte der Olympischen Spiele noch nie jemand vorher auf die Idee kam, eine Goldmedaille zu teilen, heißt das ja nicht, dass es nicht möglich sei. Auch wenn es undenkbar scheint: „it’s possible“ sagt der Schiedsrichter.

Ich glaube sogar, dass viel mehr kreative Lösungen für komplizierte Probleme möglich sind, wenn sie nach dem Sowohl-als-auch-Prinzip gedacht werden. Die Barshim/Tamberi-Methode kann Vorbild für jedes kreative Brainstorming sein, in dem kreative Menschen Ideen gegeneinander antreten lassen: Es wird besser, wenn man auf Vorschläge der anderen nicht mit aber, sondern mit und reagiert. Es entsteht Neues, wenn man auf dem aufbaut, was vorhanden ist, wenn man verbindet, was scheinbar gegensätztlich ist. Denn genau das zeichnet die so genannten Gold-Ideen aus: dass sie im richtigen Moment so funktionieren wie Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi es vorgemacht haben.

Pandemie-Nostalgie: Die scheiß-gute alte Zeit (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Hinter meinem Schreibtisch im Hochhaus der Süddeutschen Zeitung hängt der Ausdruck einer Internetseite. 50 Cognitive Biases in the Modern World heißt die Seite, die ich kurz vor dem ersten Lockdown ausgedruckt und aufgehängt habe. In sechs Unterkapiteln aufgeteilt werden gänige Verzerrungen aufgelistet, die unsere Perspektive auf die Welt und womöglich sogar unser Entscheidungen beeinflussen. Man kann diese Verzerrungen nicht abschalten, aber man kann sich bewusst darüber werden, dass und wie sie wirken.

Mir ist der Ausdruck am Schreibtisch aufgefallen, weil ich seit einer Weile häufiger mal wieder im Büro bin. Die Pandemie ist noch nicht vorüber, aber mit steigender Impfrate zeichnet sich so etwas wie eine mögliche Post-Pandemie am Ende des Tunnels ab. Auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist, in den USA gibt es bereits eine Verklärung der Lockdown-Zeit, die Jason Feifer als „Covid Nostalgia“ bezeichnet. Unter diesem Titel hat er dieser Tage eine Podcast-Folge veröffentlicht, die sich mit der Frage befasst: Wie kann es sein, dass die Zeit des Lockdowns verklärt wird? (Symbolbild: unsplash)

Die Antwort auf diese Frage hat mit einer Verzerrung zu tun, die unter diesem Namen nicht auf Ausdruck hinter meinem Schreibtisch auftaucht: Fading affect bias (FAB) nennt man eine Verzerrung, die schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit im Rückblick in einem besseren Licht erscheinen lässt. Als allgemeine Form der Erinnerungs-Verzerrung steht sie zumindest indirekt auch auf dieser Liste.

Wie sehr muss die eigene Wahrnehmung verzerrt werden, um die unbestritten anstrengende und schlechte Zeit des Lockdowns in ein verklärtes Licht zu rücken und als gute alte Zeit erstrahlen zu lassen? Gar nicht mal so sehr, muss man feststellen wenn man die Mechanik des Fading affect bias (FAB) nachliest. Es ist nämlich ein menschlicher Reflex, vergangene Ereignissse besser zu erinnern als sie tatsächlich wahren. Und ich verwende den Begriff erinnern hier absichtsvoll leicht pastoral ohne Reflexivpronomen. Denn Erinnern ist ein aktiver Prozess, eine Geschichte, die wir nicht nur uns selbst, sondern auch anderen erzählen. Diese Geschichte dient mehr noch als dem vermeintlichen Konservieren von Geschehenem diesem Ziel: Uns selbst in der Gegenwart zu helfen.

Erinnerung auf diese Weise als Bestandteil der eigenen Gegenwart zu betrachten, erweitert auf erstaunliche Weise den Blick. Jason Feifer illustrierrt dies in seinem „Covid Nostalgia“-Podcast anhand zahlreicher Beispiele.

Denn dieses Prinzip findet nicht nur in der Traumbewältigung Anwendung, sondern auch in jeder alltäglichen „früher war alles besser“-Erläuterung. Genau wie die Verklärung der objektiv schlechten Lockdown-Zeit ist auch das Runtermachen der Gegenwart nur vordergründig paradox. Im Hintergrund eröffnen beide Verzerrungen eine Aufwertung des- bzw. derjenigen, der/die die Geschichte erzählt. Die Verzerrung untermauert die eigene Argumentation z.B. zu der Frage, was eigentlich als „normal“ oder „natürlich“ zu gelten haben (dazu hier eine interessante Perspektive: Welche natürliche Farben haben eigentlich Karotten?) – und ist deshalb äußerst verlockend.

Der Versuch Verzerrung bekämpfen zu wollen, gleicht dem Ansatz dem flugverängstigten Menschen zu sagen, dass es sich dabei um ein irrationales Gefühl handelt. Es ist wenig zielführend. Sich aber über Verzerrungen bewusst zu werden, kann eine große Hilfe sein, mit sich selbst nicht zu schnell einig zu sein. Deshalb habe ich diese Übersicht ausgedruckt. Sie erinnert mich an die Haltung, die ich im Pragmatismus-Prinzip so formuliert habe:

„Das wäre ein Ziel, das der Shruggie verfolgt: Dass wir uns bewusst werden darüber, dass nicht alles zwingend so sein muss, wie wir es wahrnehmen. Dass wir geprägt sind von den Abkürzungen, die unser Gehirn nimmt. Dass unsere Prägungen unbewusst Einfluss darauf nehmen, was wir für wahr halten, es also im Wortsinn: wahrnehmen.“

Wenn demnächst die ersten Texte auch auf deutsch erscheinen, die die Zeit des Lockdowns verklären, kurz innen zu halten und zu überlegen, wie verzerrt dieser Blick wohl sein mag.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen.

The French Dispatch, Theophilus Junior Bestelmeyer, Alors on Danse, Khaby Lame und Siegfried & Joy – die Netzkulturcharts Juli 2021

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts vom Vormonat stehen hier und begründen die Emjois hinter dem Namen.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1 The French Dispatch-Meme 🆕

Hier ist alles, was den Zauber der Netzkultur ausmacht, auf einem Bild versammelt – und damit meine ich nicht die Namen der sozialen Netzwerke, die zu Beginn des Memes den Schauspieler:innen zugeordnet wurden. Ich meine den Prozess, wie hier ohne konkrete Aufforderung und Startpunkt, eine Welle der Partizipation und Gemeinsamkeit durchs Web lief. Das Foto vom Filmfest wurde zur Kopiervorlage für zahlreiche Adaption und wird vermutlich in irgendwelchen Kegelclub-WhatsApp-Gruppen noch immer weitergedreht. Verdiente Spitzenposition in den Juli-Charts für Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray.

Platz 2 Theophilus Junior Bestelmeyer 🆕

Am Ende des Monats gibt es jetzt sogar den Song zum Namen: Der Musiker Theo Junior holt sich vom Netzphänomen Theophilius Junior Bestelmeyer den Namen zurück – und versucht den plötzlichen wie unerklärlichen Ruhm mit seiner eigentlichen Tätigkeit zu verbinden. Ob die Musik gut oder schlecht ist, kann ich gar nicht beurteilen. Sicher ist jedoch: Theo ist ein Phänomen – das beweist auch ein Blick in die Statistiken dieses Blogs: Seit ich über Theo schrieb, kommen sehr viele Leute hierher, die im Internet nach Theo suchten und dann diesen Text lesen wollen.

Platz 3 Alors on Danse 🆕

Im Jahr 2009 veröffentlichte der belgische Rapper Stromae den Song „Alors on Danse“ und schaffte es damit sogar auf Platz 1 der deutschen Single-Charts. Das kann man im Wikipedia-Eintrag zu dem Song nachlesen, in dem auch ein Kanye-West-Remix erwähnt wird. Unerwähnt ist dort aber, dass der US-Socialmedia-Star Usim Mango den Song zwölf Jahre nach seinem Entstehen zu einem besonderen viralen Revivial verhalf. Usim Mango, selbst nur sieben Jahre älter als das Lied, postete im Juni eine kurze Unterhemd-Sequenz, in der er mit seinen Freunden zu Stromae-Klängen äußerst zurückhaltend tanzt – also eigentlich bewegen sie lediglich ihre Oberkörper äußert langsam und heben dabei die angewinkelten Arme, ebenfalls eher langsam. Usims Vorlage wurde nicht nur akustisch, sondern auch auch als Videohintergrund adaptiert und katapultierte den Song-Schnipsel in alle Welt. Auch das deutsche Tiktok-Phänomen Tim Schaecker kopierte Song&Tanz für einen äußerst reichweitenstarken Clip. Schaecker ist im Tiktok-Universum vor allem für seine Water-Mellon-Sugar-Begrüßung („Hi“) bekannt – und wird auf bemerkenswerte Wesie von Donnie O’Sullivan parodiert – was vor allem zeigt: in Frgen der Netzkultur hängt dann doch alles mit allem zusammen.

Platz 4 Khaby Lame ⬆️

Vielleicht kann man die Geste, mit der Khaby Lame missglückte Videos kommentiert als „gesunder Menschenverstand“ übersetzen. Eine ältere Damen versucht mit einem Säbel eine Torte anzuschneiden. Sie hält das Schneidewerkzeug aber falsch rum. Khaby macht es nach, hält seinen Säbel an seiner Torte aber anders herum und streckt dann wie zum Beweis seine Händ vor sich aus. Damit rückt er einen Platz vor im Vergleich zu den Juni-Charts – auch weil der Mann aus Italien damit die Königin von England korrigiert. Das ist zumindest eine kleine Anspielung an das EM-Finale in diesen Charts. Mehr zum Fußball und der Netzkultur in diesem Post über Sweet Caroline.

Platz 5 Siegfried & Joy ⬇️

Sie sind weiterhin super. In den vergangenen Wochen haben die schlechtesten besten Zauberer Berlins ihr magisches Handwerk auf die Bühnen des Landes verlegt und begleiten ihre Magie mit weiterhin tollen Instastorys. Dass die Spitzenreiter der Juni-Charts dennoch auf Platz 5 abrutschen, liegt aber nicht an fehlendem Zauber, sondern an der harten Konkurrenz. In diesem Juli ist netzkulturell so viel passiert, dass ihr Zauber ein wenig in den Hintergrund getreten ist. Er bleibt aber magisch und in den Top5.

Besondere Erwähnung

Der Platz 2 aus den Juni-Charts ist auch im Juli aktiv: Aus Bo Burnhams Song „All Eyes on me“ hat sich der Dialog „You say the ocean’s rising“ – „Like i give a shit“ – „You say the whole worlds ending“ – „Honey, it already did“ zu einem Meme verselbstständigt, das Nutzer:innen als Selbstduett-Video aufführen. Außerdem wichtig im Juli:Diese Form der Videokunst von Kevin B Perry nutzt den schnellen Tiktok-Verwandlungs-Schnitt auf erstaunliche Weise. Prognose: Diese Schnitttechnik findet sich garantiert in nächsten Monaten in den Charts. Auch der Lasch-o-mat ist eine bemerkenswerte Netzkultur-Erscheinung des Monats. Dass Tiktok sich an einer monatlichen Sortierung der netzkulturellen Geschehens versucht, soll nicht unerwähnt bleiben: Das ganze heißt #memedesmonats.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation„.

Die Erfindung der langfristigen Innovation

Schon länger wollte ich über die wunderbare Hörbuch-App „Eary“ von Fabian Frey schreiben. Mit dem Angebot für iOS gelingt es, ungehörte Schätze in Spotify zu heben. Der Streaming-Dienst enthält nämlich nicht nur Musik und Podcasts, sondern auch tolle Hörbücher, die aber manchmal nur für ein paar Wochen verfügbar sind. Eary findet diese Hörbücher aus dem riesigen Spotify-Angebot und macht sie zugänglich. Dieses Kontext-Angebot ist kostenfrei, man kann den Entwickler aber hier mit einer Spende unterstützen.

Ohne Eary, sondern über die Instagram-Story von Tom Hillenbrand habe ich erfahren, dass sein Essay „Die Erfindung des Essens“ gerade in Spotify als Autor-gelesenes-Hörbuch verfügbar ist (Spotify-Link). Man kann es auch als digitales Buch für 0,99 Euro auf der Kiwi-Verlagsseite laden, in jedem Fall lohnt es sich, Toms Analyse zu folgen.

Die „Erfindung des Essens“ illustriert am Beispiel der menschlichen Nahrungsaufnahme ein grundlegendes Missverständnis beim Thema Innovation: Wir neigen dazu kurzfristige Veränderungen zu überschätzen und die langfristigen Folgen zu unterschätzen (Amaras Law). Es lohnt sich, das Essay allein für die historisch sehr anschauliche Beschreibung dieser Wahrnehmungs-Verzerrung zu lesen (oder eben zu hören). Darüberhinaus gibt es aber noch einen sehr aktuellen Grund, zur „Erfindung des Essens“ zu greifen. Tom Hillenbrand zeigt darin nämlich, welche merkwürdige Vezerrung hinter dem Begriff „natürlich“ steckt. Ähnlich wie der Begriff der Normalität ist auch die vermeintliche Natürlichkeit zu einer Art Kampfbegriff geworden. Beide Begriffe beschreiben einen scheinbar per se guten Zustand, den es zu bewahren oder zu verteidigen gilt. Dabei wird häufig vergessen, dass all das, was wir für „natürlich“ oder „normal“ halten, keineswegs so normal-natürlich ist, wie wir es gerne hätten.

Wenn das nächste Mal jemand etwas Neues ablehnt, weil es vermeintlich nicht natürlich sei, kann man mit Frage kontern, welche natürliche Farbe eigentlich Karotten haben? (Foto: unsplash) Die Antwort kann man ausführlich bei Tom nachlesen – und in einer Kurzfassung in diesem 3sat-Video. Ergebnis: Die Farbe der Kartotte ist Ergebnis einer unnatürlichen menschlichen Züchtung. Die organe-verliebten Niederländerinnen und Niederländer veränderten die Farbe des Wurzelgemüses, um damit ihre Landesfarbe zu ehren.

Geduldtraining: Veränderung ist Marathon nicht Sprint (Digitale Mai-Notizen)

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären – das Beispiel The French Dispatch

Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray (im Bild oben vlnr) sind gerade in Cannes beim Filmfest. Sie stellen den Film „The French Dispatch“ (hier der Trailer) vor, der im Oktober in die Kinos kommen soll.

Im Rahmen der Vorstellung wurde im sommerlichen Cannes ein Foto gemacht, das sich auf eine bemerkenswerte Reise durchs Netz gemacht hat. Bei mir ist es angekommen, weil FM4 es auf seinem Instagram-Kanal neu kodiert veröffentlicht hat, seinen Ursprung hat es aber wohl in diesem Vulture-Post, der dazu auffordert, sich selbst den vier Charakteren zuzuordnen (bitte unbedingt den Beitrag anschauen, weil die Nutzer:innen darunter erstaunliche Details zu Tage fördern. Warum trägt Bill Murray zum Beispiel zwei Uhren!?). Die New York Times-Redakteurin Dodai Stewart kam dann auf die Idee, die Charaktere mit Sozialen Netzwerken in Verbindung zu bringen. Ihr Beitrag von gestern abend landete dann heute Nachmittag bei FM4.

Das ist nicht nur inhaltlich super, sondern eine wunderbare Referenz der Referenz. Denn die Idee, Filmcharaktere mit dem Wesen sozialer Netzwerke in Verbindung zu bringen, war vor ein paar Jahren am Beispiel des Breakfast-Club schon mal ein kleiner Internet-Hype. Ich habe dem ein ganzes Kapitel in der Gebrauchsanweisung für das Internet gewidmet und hier darüber gebloggt.

Der Unterschied ist: im aktuellen Fall sind nicht die Filmfiguren die Referenz für das Wesen der Netzwerke, sondern die Schauspieler und die Schauspielerin. Das macht den Fall noch etwas treffender, wie ich finde. Auch wenn Facebook – in Person von Bill Murray – vermutlich zu gut weg kommt.

Alle weiteren Kommentare und Bildbeschreibungen verbieten sich, weil allein das Betrachten des 25-jährigen Timothée Chalamet, der eine Sonnenbrille tragend – als Tiktok – neben dem 26 Jahre älteren Regisseur Wes Anderson steht, aussagekräftig genug ist. Anderson wiederum trägt einen hellblauen Anzug und weiße Schuhe und entstammt erkennbar einer anderen Generation (Twitter). Tilda Swindon im blauen Anzug mit Sonnenbrille ist mit Abstand am coolsten – und Instagram. Die Kleidung des Mannes neben ihr entfaltet ihre Ironie vor allem dadurch, dass sie von Bill Murray getragen wird. Die Gegenwärtigkeit von Facebook lässt sich kaum besser illustrieren als durch Kurzarmhemd und hellbaue Shorts.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge