Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor, Vortragsredner – und Virtual Keynote-Speaker (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (u.a. das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ oder die Anleitung zum Unkreativsein), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Bei meinem Projekt Buch-Brief-Ing suche ich eine digitale Entsprechnung zu Papierbüchern. Details dazu finden Sie unter buch-brief-ing.de.

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Ich möchte hier keine Sponsored Posts oder Content-Kooperationen veröffentlichen. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

In Kategorie: DVG

Can we have two golds? Mit der Barshim/Tamberi-Methode zum Zauber des Sowohl-als-auch

In der Liste der Goldmedaillen, die bei olympischen Spielen vergeben wurden, muss man lange suchen um mehr als einen Namen in einem Einzelwettbewerb zu finden. Bei den Spielen im Jahr 1912 sind in der Spalte für den Fünf- wie für den Zehnkampf jeweils zwei Namen aufgeführt. Entschieden wurde über diese geteilten Gold-Medaillen aber erst siebzig Jahre später. In Stockholm im Sommer 1912 hatte der schwedische König Gustav V die Medaillen dem Amerikaner Jim Thorpe mit den Worte überreicht: „Sir, Sie sind der größte Athlet auf der Welt.“

Nach den Spielen wurden Thorpe die Medaillen wegen eines angeblichen Formfehlers aberkannt (er hatte gegen die damals geltende Amateur-Regel verstoßen, weil er zwei Jahre zuvor in einem halbprofessionellen Baseball-Team gespielt hatte), die beiden Zweitplatzierten Hugo Wieslander (Zehnkampf) und Ferdinand Bie (Fünfkampf) lehnte die Goldmedaillen allerdings ab. Sie wollten sie nicht an Stelle von Jim Thorpe tragen, der die Spiele sportlich dominiert hatte. Erst 30 Jahre nach dessen Tod, im Jahr 1983 entschied das Olympische Komitee, dass die Goldmedaillen sowohl Thorpe als auch Wieslander bzw. Bie zuerkannt werden sollten.

Man muss diese etwas komplizierte Geschichte nachlesen, um den Wert dessen ermessen zu können, was bei den Olympischen Spielen von Tokio im Hochsprungfinale der Herren passiert ist. Die New York Times schreibt von einer „Demonstration der Sportlichkeit“ und das ZDF spürte den Olympischen Geist „mit Verve durch die Arena“ wehen. Denn erstmals seit 1912 stehen in einer Goldmedaillen-Spalte zwei Namen – und erstmals überhaupt sind die beiden Athleten der Grund dafür: Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi teilen sich die die Olympische Goldmedaille der Spiele in Tokio!

Zuvor hatten sie sich ein spannendes Hochsprungfinale geliefert. Zwei Stunden lang sprangen die beiden Athleten, die auch außerhalb des Stadions befreundet sind, mit großer Genauigkeit. Sie überwanden die geforderten Höhen von 2,24 bis 2,37 jeweils im ersten Versuch. Zwei Sportler mit jeweils sechs Sprüngen. Kein Fehlversuch. Als 2,39 Meter aufgelegt wurde, war klar: Das wird ein Olympischer Rekord. So hoch war bei Olympischen Spielen vorher nur Charles Austin in Atlanta (1996) gesprungen. Barshim und Tamberi rissen beide drei Mal – und dennoch schafften sie einen Olympischen Rekord, der vermutlich höher einzuschätzen ist als die fehlenden Zentimeter.

Nach den drei Fehlversuchen treten die beiden vor den Schiedsrichter. Sie umarmen sich. Der Offizielle will ihnen das weitere Vorgehen für das Stechen erläutern, als Essa Mutaz Barshim die Frage stellt: „Can we have two golds?“ Es entsteht eine Sekunde Stille im Olympiastadion von Tokio. Dann sagt er Schiedsrichter: „Its possible“ und die beiden Freunde schauen sich an. Barshim mit roter Kappe und dunkler Sonnenbrille nickt seinen Freund an und sagt: „Lets make history.“ Tamberi nickt ebenfalls, holt mit der rechten Hand weit aus und schlägt mit Barshim ein. „Oh das ist schön“, sagt der ARD-Kommentator, „die beiden einigen sich, gemeinsam Olympiasieger zu sein.“

Das ist eine sportlich beeindruckende Geschichte, die den Blick auf die Verletzungen der beiden Athleten lenkt und zeigt, wie hoch die Belastung für Spitzensportler:innen ist. Tamberi hatte den Gips in Tokio dabei, den er tragen musste als er sich vor den Spielen von Rio ein Band im Bein gerissen hatte. Barshim, der in Rio Silber gewann, erlitt zwei Jahre später eine ähnliche Verletzung wie Tamberi: „Ich konnte nicht allein aus dem Bett, ich konnte nicht allein zur Toilette. Ich weiß, dass Gianmarco das Gleiche durchgemacht hat. Ich weiß, dass er Gold genauso verdient hat wie ich“, zitiert das ZDF den katarischen Hochspringer.Diese besondere Entscheidung von Tokio verdient aber nicht nur aus sportlichen Gründen so viel Beachtung. Sie ist ein Symbol über den Geist von Olympia hinaus.

“This is beyond sport,” hat der 30-jährige Barshim nach dem Finale gesagt. “This is the message we deliver to the young generation.”

Die Botschaft, die ich darin sehe ist aber nicht nur jene des Sportgeists. Ich sehe darin auch eine Option für scheinbar ausweglose Situationen. Wann immer ich in Zukunft gezwungen zu sein scheine, eine Entweder-oder-Entscheidung zu treffen, die mir nicht leicht fällt, werde ich an Barshim/Tamberi-Methode denken und mich fragen: Warum Entweder-Oder wenn auch Sowohl-als-auch geht? Nur weil in der Geschichte der Olympischen Spiele noch nie jemand vorher auf die Idee kam, eine Goldmedaille zu teilen, heißt das ja nicht, dass es nicht möglich sei. Auch wenn es undenkbar scheint: „it’s possible“ sagt der Schiedsrichter.

Ich glaube sogar, dass viel mehr kreative Lösungen für komplizierte Probleme möglich sind, wenn sie nach dem Sowohl-als-auch-Prinzip gedacht werden. Die Barshim/Tamberi-Methode kann Vorbild für jedes kreative Brainstorming sein, in dem kreative Menschen Ideen gegeneinander antreten lassen: Es wird besser, wenn man auf Vorschläge der anderen nicht mit aber, sondern mit und reagiert. Es entsteht Neues, wenn man auf dem aufbaut, was vorhanden ist, wenn man verbindet, was scheinbar gegensätztlich ist. Denn genau das zeichnet die so genannten Gold-Ideen aus: dass sie im richtigen Moment so funktionieren wie Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi es vorgemacht haben.

Pandemie-Nostalgie: Die scheiß-gute alte Zeit (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Hinter meinem Schreibtisch im Hochhaus der Süddeutschen Zeitung hängt der Ausdruck einer Internetseite. 50 Cognitive Biases in the Modern World heißt die Seite, die ich kurz vor dem ersten Lockdown ausgedruckt und aufgehängt habe. In sechs Unterkapiteln aufgeteilt werden gänige Verzerrungen aufgelistet, die unsere Perspektive auf die Welt und womöglich sogar unser Entscheidungen beeinflussen. Man kann diese Verzerrungen nicht abschalten, aber man kann sich bewusst darüber werden, dass und wie sie wirken.

Mir ist der Ausdruck am Schreibtisch aufgefallen, weil ich seit einer Weile häufiger mal wieder im Büro bin. Die Pandemie ist noch nicht vorüber, aber mit steigender Impfrate zeichnet sich so etwas wie eine mögliche Post-Pandemie am Ende des Tunnels ab. Auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist, in den USA gibt es bereits eine Verklärung der Lockdown-Zeit, die Jason Feifer als „Covid Nostalgia“ bezeichnet. Unter diesem Titel hat er dieser Tage eine Podcast-Folge veröffentlicht, die sich mit der Frage befasst: Wie kann es sein, dass die Zeit des Lockdowns verklärt wird? (Symbolbild: unsplash)

Die Antwort auf diese Frage hat mit einer Verzerrung zu tun, die unter diesem Namen nicht auf Ausdruck hinter meinem Schreibtisch auftaucht: Fading affect bias (FAB) nennt man eine Verzerrung, die schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit im Rückblick in einem besseren Licht erscheinen lässt. Als allgemeine Form der Erinnerungs-Verzerrung steht sie zumindest indirekt auch auf dieser Liste.

Wie sehr muss die eigene Wahrnehmung verzerrt werden, um die unbestritten anstrengende und schlechte Zeit des Lockdowns in ein verklärtes Licht zu rücken und als gute alte Zeit erstrahlen zu lassen? Gar nicht mal so sehr, muss man feststellen wenn man die Mechanik des Fading affect bias (FAB) nachliest. Es ist nämlich ein menschlicher Reflex, vergangene Ereignissse besser zu erinnern als sie tatsächlich wahren. Und ich verwende den Begriff erinnern hier absichtsvoll leicht pastoral ohne Reflexivpronomen. Denn Erinnern ist ein aktiver Prozess, eine Geschichte, die wir nicht nur uns selbst, sondern auch anderen erzählen. Diese Geschichte dient mehr noch als dem vermeintlichen Konservieren von Geschehenem diesem Ziel: Uns selbst in der Gegenwart zu helfen.

Erinnerung auf diese Weise als Bestandteil der eigenen Gegenwart zu betrachten, erweitert auf erstaunliche Weise den Blick. Jason Feifer illustrierrt dies in seinem „Covid Nostalgia“-Podcast anhand zahlreicher Beispiele.

Denn dieses Prinzip findet nicht nur in der Traumbewältigung Anwendung, sondern auch in jeder alltäglichen „früher war alles besser“-Erläuterung. Genau wie die Verklärung der objektiv schlechten Lockdown-Zeit ist auch das Runtermachen der Gegenwart nur vordergründig paradox. Im Hintergrund eröffnen beide Verzerrungen eine Aufwertung des- bzw. derjenigen, der/die die Geschichte erzählt. Die Verzerrung untermauert die eigene Argumentation z.B. zu der Frage, was eigentlich als „normal“ oder „natürlich“ zu gelten haben (dazu hier eine interessante Perspektive: Welche natürliche Farben haben eigentlich Karotten?) – und ist deshalb äußerst verlockend.

Der Versuch Verzerrung bekämpfen zu wollen, gleicht dem Ansatz dem flugverängstigten Menschen zu sagen, dass es sich dabei um ein irrationales Gefühl handelt. Es ist wenig zielführend. Sich aber über Verzerrungen bewusst zu werden, kann eine große Hilfe sein, mit sich selbst nicht zu schnell einig zu sein. Deshalb habe ich diese Übersicht ausgedruckt. Sie erinnert mich an die Haltung, die ich im Pragmatismus-Prinzip so formuliert habe:

„Das wäre ein Ziel, das der Shruggie verfolgt: Dass wir uns bewusst werden darüber, dass nicht alles zwingend so sein muss, wie wir es wahrnehmen. Dass wir geprägt sind von den Abkürzungen, die unser Gehirn nimmt. Dass unsere Prägungen unbewusst Einfluss darauf nehmen, was wir für wahr halten, es also im Wortsinn: wahrnehmen.“

Wenn demnächst die ersten Texte auch auf deutsch erscheinen, die die Zeit des Lockdowns verklären, kurz innen zu halten und zu überlegen, wie verzerrt dieser Blick wohl sein mag.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen.

The French Dispatch, Theophilus Junior Bestelmeyer, Alors on Danse, Khaby Lame und Siegfried & Joy – die Netzkulturcharts Juli 2021

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts vom Vormonat stehen hier und begründen die Emjois hinter dem Namen.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1 The French Dispatch-Meme 🆕

Hier ist alles, was den Zauber der Netzkultur ausmacht, auf einem Bild versammelt – und damit meine ich nicht die Namen der sozialen Netzwerke, die zu Beginn des Memes den Schauspieler:innen zugeordnet wurden. Ich meine den Prozess, wie hier ohne konkrete Aufforderung und Startpunkt, eine Welle der Partizipation und Gemeinsamkeit durchs Web lief. Das Foto vom Filmfest wurde zur Kopiervorlage für zahlreiche Adaption und wird vermutlich in irgendwelchen Kegelclub-WhatsApp-Gruppen noch immer weitergedreht. Verdiente Spitzenposition in den Juli-Charts für Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray.

Platz 2 Theophilus Junior Bestelmeyer 🆕

Am Ende des Monats gibt es jetzt sogar den Song zum Namen: Der Musiker Theo Junior holt sich vom Netzphänomen Theophilius Junior Bestelmeyer den Namen zurück – und versucht den plötzlichen wie unerklärlichen Ruhm mit seiner eigentlichen Tätigkeit zu verbinden. Ob die Musik gut oder schlecht ist, kann ich gar nicht beurteilen. Sicher ist jedoch: Theo ist ein Phänomen – das beweist auch ein Blick in die Statistiken dieses Blogs: Seit ich über Theo schrieb, kommen sehr viele Leute hierher, die im Internet nach Theo suchten und dann diesen Text lesen wollen.

Platz 3 Alors on Danse 🆕

Im Jahr 2009 veröffentlichte der belgische Rapper Stromae den Song „Alors on Danse“ und schaffte es damit sogar auf Platz 1 der deutschen Single-Charts. Das kann man im Wikipedia-Eintrag zu dem Song nachlesen, in dem auch ein Kanye-West-Remix erwähnt wird. Unerwähnt ist dort aber, dass der US-Socialmedia-Star Usim Mango den Song zwölf Jahre nach seinem Entstehen zu einem besonderen viralen Revivial verhalf. Usim Mango, selbst nur sieben Jahre älter als das Lied, postete im Juni eine kurze Unterhemd-Sequenz, in der er mit seinen Freunden zu Stromae-Klängen äußerst zurückhaltend tanzt – also eigentlich bewegen sie lediglich ihre Oberkörper äußert langsam und heben dabei die angewinkelten Arme, ebenfalls eher langsam. Usims Vorlage wurde nicht nur akustisch, sondern auch auch als Videohintergrund adaptiert und katapultierte den Song-Schnipsel in alle Welt. Auch das deutsche Tiktok-Phänomen Tim Schaecker kopierte Song&Tanz für einen äußerst reichweitenstarken Clip. Schaecker ist im Tiktok-Universum vor allem für seine Water-Mellon-Sugar-Begrüßung („Hi“) bekannt – und wird auf bemerkenswerte Wesie von Donnie O’Sullivan parodiert – was vor allem zeigt: in Frgen der Netzkultur hängt dann doch alles mit allem zusammen.

Platz 4 Khaby Lame ⬆️

Vielleicht kann man die Geste, mit der Khaby Lame missglückte Videos kommentiert als „gesunder Menschenverstand“ übersetzen. Eine ältere Damen versucht mit einem Säbel eine Torte anzuschneiden. Sie hält das Schneidewerkzeug aber falsch rum. Khaby macht es nach, hält seinen Säbel an seiner Torte aber anders herum und streckt dann wie zum Beweis seine Händ vor sich aus. Damit rückt er einen Platz vor im Vergleich zu den Juni-Charts – auch weil der Mann aus Italien damit die Königin von England korrigiert. Das ist zumindest eine kleine Anspielung an das EM-Finale in diesen Charts. Mehr zum Fußball und der Netzkultur in diesem Post über Sweet Caroline.

Platz 5 Siegfried & Joy ⬇️

Sie sind weiterhin super. In den vergangenen Wochen haben die schlechtesten besten Zauberer Berlins ihr magisches Handwerk auf die Bühnen des Landes verlegt und begleiten ihre Magie mit weiterhin tollen Instastorys. Dass die Spitzenreiter der Juni-Charts dennoch auf Platz 5 abrutschen, liegt aber nicht an fehlendem Zauber, sondern an der harten Konkurrenz. In diesem Juli ist netzkulturell so viel passiert, dass ihr Zauber ein wenig in den Hintergrund getreten ist. Er bleibt aber magisch und in den Top5.

Besondere Erwähnung

Der Platz 2 aus den Juni-Charts ist auch im Juli aktiv: Aus Bo Burnhams Song „All Eyes on me“ hat sich der Dialog „You say the ocean’s rising“ – „Like i give a shit“ – „You say the whole worlds ending“ – „Honey, it already did“ zu einem Meme verselbstständigt, das Nutzer:innen als Selbstduett-Video aufführen. Außerdem wichtig im Juli:Diese Form der Videokunst von Kevin B Perry nutzt den schnellen Tiktok-Verwandlungs-Schnitt auf erstaunliche Weise. Prognose: Diese Schnitttechnik findet sich garantiert in nächsten Monaten in den Charts. Auch der Lasch-o-mat ist eine bemerkenswerte Netzkultur-Erscheinung des Monats. Dass Tiktok sich an einer monatlichen Sortierung der netzkulturellen Geschehens versucht, soll nicht unerwähnt bleiben: Das ganze heißt #memedesmonats.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation„.

Die Erfindung der langfristigen Innovation

Schon länger wollte ich über die wunderbare Hörbuch-App „Eary“ von Fabian Frey schreiben. Mit dem Angebot für iOS gelingt es, ungehörte Schätze in Spotify zu heben. Der Streaming-Dienst enthält nämlich nicht nur Musik und Podcasts, sondern auch tolle Hörbücher, die aber manchmal nur für ein paar Wochen verfügbar sind. Eary findet diese Hörbücher aus dem riesigen Spotify-Angebot und macht sie zugänglich. Dieses Kontext-Angebot ist kostenfrei, man kann den Entwickler aber hier mit einer Spende unterstützen.

Ohne Eary, sondern über die Instagram-Story von Tom Hillenbrand habe ich erfahren, dass sein Essay „Die Erfindung des Essens“ gerade in Spotify als Autor-gelesenes-Hörbuch verfügbar ist (Spotify-Link). Man kann es auch als digitales Buch für 0,99 Euro auf der Kiwi-Verlagsseite laden, in jedem Fall lohnt es sich, Toms Analyse zu folgen.

Die „Erfindung des Essens“ illustriert am Beispiel der menschlichen Nahrungsaufnahme ein grundlegendes Missverständnis beim Thema Innovation: Wir neigen dazu kurzfristige Veränderungen zu überschätzen und die langfristigen Folgen zu unterschätzen (Amaras Law). Es lohnt sich, das Essay allein für die historisch sehr anschauliche Beschreibung dieser Wahrnehmungs-Verzerrung zu lesen (oder eben zu hören). Darüberhinaus gibt es aber noch einen sehr aktuellen Grund, zur „Erfindung des Essens“ zu greifen. Tom Hillenbrand zeigt darin nämlich, welche merkwürdige Vezerrung hinter dem Begriff „natürlich“ steckt. Ähnlich wie der Begriff der Normalität ist auch die vermeintliche Natürlichkeit zu einer Art Kampfbegriff geworden. Beide Begriffe beschreiben einen scheinbar per se guten Zustand, den es zu bewahren oder zu verteidigen gilt. Dabei wird häufig vergessen, dass all das, was wir für „natürlich“ oder „normal“ halten, keineswegs so normal-natürlich ist, wie wir es gerne hätten.

Wenn das nächste Mal jemand etwas Neues ablehnt, weil es vermeintlich nicht natürlich sei, kann man mit Frage kontern, welche natürliche Farbe eigentlich Karotten haben? (Foto: unsplash) Die Antwort kann man ausführlich bei Tom nachlesen – und in einer Kurzfassung in diesem 3sat-Video. Ergebnis: Die Farbe der Kartotte ist Ergebnis einer unnatürlichen menschlichen Züchtung. Die organe-verliebten Niederländerinnen und Niederländer veränderten die Farbe des Wurzelgemüses, um damit ihre Landesfarbe zu ehren.

Geduldtraining: Veränderung ist Marathon nicht Sprint (Digitale Mai-Notizen)

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären – das Beispiel The French Dispatch

Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray (im Bild oben vlnr) sind gerade in Cannes beim Filmfest. Sie stellen den Film „The French Dispatch“ (hier der Trailer) vor, der im Oktober in die Kinos kommen soll.

Im Rahmen der Vorstellung wurde im sommerlichen Cannes ein Foto gemacht, das sich auf eine bemerkenswerte Reise durchs Netz gemacht hat. Bei mir ist es angekommen, weil FM4 es auf seinem Instagram-Kanal neu kodiert veröffentlicht hat, seinen Ursprung hat es aber wohl in diesem Vulture-Post, der dazu auffordert, sich selbst den vier Charakteren zuzuordnen (bitte unbedingt den Beitrag anschauen, weil die Nutzer:innen darunter erstaunliche Details zu Tage fördern. Warum trägt Bill Murray zum Beispiel zwei Uhren!?). Die New York Times-Redakteurin Dodai Stewart kam dann auf die Idee, die Charaktere mit Sozialen Netzwerken in Verbindung zu bringen. Ihr Beitrag von gestern abend landete dann heute Nachmittag bei FM4.

Das ist nicht nur inhaltlich super, sondern eine wunderbare Referenz der Referenz. Denn die Idee, Filmcharaktere mit dem Wesen sozialer Netzwerke in Verbindung zu bringen, war vor ein paar Jahren am Beispiel des Breakfast-Club schon mal ein kleiner Internet-Hype. Ich habe dem ein ganzes Kapitel in der Gebrauchsanweisung für das Internet gewidmet und hier darüber gebloggt.

Der Unterschied ist: im aktuellen Fall sind nicht die Filmfiguren die Referenz für das Wesen der Netzwerke, sondern die Schauspieler und die Schauspielerin. Das macht den Fall noch etwas treffender, wie ich finde. Auch wenn Facebook – in Person von Bill Murray – vermutlich zu gut weg kommt.

Alle weiteren Kommentare und Bildbeschreibungen verbieten sich, weil allein das Betrachten des 25-jährigen Timothée Chalamet, der eine Sonnenbrille tragend – als Tiktok – neben dem 26 Jahre älteren Regisseur Wes Anderson steht, aussagekräftig genug ist. Anderson wiederum trägt einen hellblauen Anzug und weiße Schuhe und entstammt erkennbar einer anderen Generation (Twitter). Tilda Swindon im blauen Anzug mit Sonnenbrille ist mit Abstand am coolsten – und Instagram. Die Kleidung des Mannes neben ihr entfaltet ihre Ironie vor allem dadurch, dass sie von Bill Murray getragen wird. Die Gegenwärtigkeit von Facebook lässt sich kaum besser illustrieren als durch Kurzarmhemd und hellbaue Shorts.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Theophilus Junior Bestelmeyer

Es war der größte Fehler, meinen Namen gesagt zu haben. Jetzt nervt mich ganz Deutschland“, der Clip, in dem der Satz fällt, stammt vom Beginn der Woche. Der Mann, der ihn sagt, zeigt dazu Screenshots aus Kommentarspalten und lässt seiner Verwunderung freien Lauf: „Egal, auf welches Tiktok ich gehe: mein Name steht da.“ Es gibt keinen erkennbaren inhaltlichen Bezug für die Verwendung des Namens, aber er ist tatsächlich in unzähligen Kommentaren zu lesen. „Mein Name ist überall. Literally. Ich werd einfach fame wegen meinem Namen. Ich mach Musik, keiner kennt meine Musik, aber meinen Namen kennt ihr, oder was?

Der Clip stammt von Theophilus Junior Bestelmeyer und um den Hype um seinen Namen zu verstehen, muss man eigentlich nur diesen Clip* anschauen, in dem er sein Unverständnis über den Hype äußerst. Es gibt keine sinnvolle Erklärung. Daraus erwächst eine magnetische Wirkung, die den Quatsch nicht nur noch alberner, sondern auch noch attraktiver macht. Es ist ein running gag, basierend auf dem geheimen Gruppenwissen („Wir schreiben den Namen einfach überall hin“), das zum Zugangs-Code wird: „Du bist dabei, wenn du es verstehst.“ Denn alle anderen verstehen den Quatsch nicht. „Wie geil.“ Genau aus dieser Dynamik speisen sich Memes. Und hier kann man ein besonders unerklärliches im Entstehen beobachten.

Das Besondere dabei: Theophilus Junior Bestelmeyer lässt das Web an seiner eigenen Verwirrung teilhaben. Im Laufe der Woche war sein Kanal von Tiktok gesperrt, aber jetzt postet und repostet er Beiträge, die sich auf seinen Namen beziehen. Statt sich von der Welle überspülen zu lassen, versucht er sie zu reiten. Bis jetzt gibt es noch keinen Wikipedia-Eintrag zu seinem Namen, aber er wird sicher bald kommen: Lesen wird man dort, dass er unter dem Künstlernamen „Theo Junior“ Musik macht (aktueller Song „Mit vier Jahren“) und im Sommer 2021 im Mittelpunkt eines Hypes stand, weil sein echter Name vielen Nutzer:innen auf Tiktok ungewöhnlich für einen jungen Mann erschien. So versucht dieser reddit-Thread zu erklären, was nicht zu erklären, sondern nur nachzuerzählen ist: Am Montag veröffentlichte Theo Junior auf seinem Tiktok-Kanal einen Clip, in dem er seinen Klarnamen erwähnt: „Ich heiße Theophilus Junior Bestelmeyer. Mein Name ist einfach so geil, digga. Mein Leben ist einfach optimal. Mein Leben ist einfach optimal, digga.“

Warum diese Vorlage einen Welle auslöste, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Dass sie ein Meme produzierte, ist aber klar erkennbar: In Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina hat eine junge Mitarbeiterin der Firma Middletown Meyers jetzt zum Beispiel damit zu kämpfen, dass die Wette mit ihrem Chef um eine Tätowierung womöglich mit einem deutschen Internet-Meme in Verbindung treten könnte. In diesem Clip wird beschrieben, dass der Chef der Firma der jungen Frau 3500 Dollar zahlt, wenn sie sich tätowieren lässt, was das Internet sich wünscht. Derzeit führt „Theophilus Junior Bestelmeyer“ mit über 24.300 Likes.

Um wirklich zu verstehen, was es mit diesem Spiel von Distinktion und digitaler Vernetzung auf sich hat, muss man sich vielleicht zuerst von dem Wunsch lösen, darin einen tieferen Sinn zu erkennen. Womöglich ist es vor allem die Freude daran, mit dem digitalen Echo zu spielen, das die demokratisierten Publikationsmittel erzeugen können. Ganz so als würde man in einer Bahnunterführung sehr laut rufen – und sich dann am Echo erfreuen. Es gibt dafür keine weitere Erklärung.

Theo Junior hat sich jedenfalls mit seinem unerklärlichen Ruhm arrangiert und macht jetzt das, was bekannte Menschen in sozialen Medien tun: sie zeigen sich mit anderen bekannten Menschen. In diesem Clip ist er mit Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger zu sehen.

* es scheint weiterhin Probleme mit dem Account zu geben. Zeitweilig waren die Videos nicht zu sehen

Mich faszinieren solche Geschichten – wie auch jene von der Zeile „Ich chille mit der Crew digga“ oder jene vom M to the B-Sound. Sie zeigen den Zauber dessen, was mich zu diesem Buch brachte. Darin versuche ich zu beschreiben, was nur schwer zu erklären ist: Wie Memes entstehen und warum sie sich fortführen – wie Ohrwürmer im Internet.
Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de

Shruggie des Monats: Wechselunterricht

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Die Frage wie eine Schule sein soll, um die besten Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen, ist in den vergangenen Monaten etwas überlagert worden. Wie eine Schule sein soll, damit sie die schlimmsten Möglichkeiten für die Gegenwart verhindert, bildet aktuell den Kern der Debatte um die beste Bildung in diesem Land. Wird es nach den Sommerferien wieder Wechselunterricht geben? ist nicht bloß eine Frage, sondern ein emotionales Schreckgespenst für alle an Bildung Beteiligten: Eltern, Kinder, Lehrer:innen – alle leiden an den wechselhaften Erfahrungen aus der Pandemie-Bekämpfung (Symbolbild: unsplash)

Bitte nie mehr sowas, scheint zum einzigen Leitmotiv für die häufig emotionalen Beiträge zum Thema geworden zu sein. Dabei wäre der historische Bruch, den die Pandemie bilden wird, doch eine große Chance die Perspektive umzudrehen und gestaltend zu fragen: Wie soll Schule sein, um die besten Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen?

Wer sich konstruktiv auf die Suche nach Antworten auf die Frage aus dieser Perspektive macht, landet bald bei Paul Reville, der als Bildungsforscher an der Harvard Universität arbeitet. Seit Jahren schon mahnt er Reformen am „one size fits all“-Bildungssystem an, das auch den Unterricht in Deutschland prägt. Aus dem Jahr 2017 stammt ein Gastbeitrag in der Washington Post, in dem Reville ein Bildungssytem fordert, das stärker an den individuellen Interessen und Fähigkeiten der Schüler:innen orientiert ist:

Es stellt sich heraus, dass ein Schulsystem nach dem Fabrikmodell des 20. Jahrhunderts einfach nicht den Anforderungen des 21. Jahrhunderts genügt, um alle Kinder auf hochqualifizierte, wissensintensive Berufe vorzubereiten.

Deshalb sei es wichtig, personalisierten Unterricht anzubieten, der mehr auf die einzelnen Schüler:innen eingehe – und nicht mehr zwingend immer im Klassenverbund und im Schulgebäude stattfindet. Auch Einzelgespräche über Videokonferenzen seien ein notwendiger Bestandteil dessen, was Reville im Gegensatz zum Fabrikmodell das medizinische Modell nennt – also ein Ansatz, der sich an der individuellen Anamnese des und der einzelnen Patient:innen Schüler:innen orientiert.

Wer mit diesem Wissen auf das Modell Wechselunterricht schaut, erkennt darin plötzlich nicht mehr nur Schrecken und ausgedruckte Arbeitsblätter. Wer Schüler:innen individuell fördern will, wird feststellen, dass remote Unterricht über Videokonferenzen dafür äußerst gut geeignet sein kann. Was an besseren Schulen mit gut ausgestattetem Lehrpersonal schon während der Pandemie-Bekämpfung sichtbar wurde, kann auch nach den Sommerferien Anwendung finden: eine andere Betreuung von Schüler:innen im Wechselmodell.

Kleinere Klassen, bessere Betreuung und individuelle Lernförderung sind ja Ziele, die auch völlig unabhängig von der Inzidenz besser sind als die überfüllten Klassenräume des Fabrik-Schul-Modells der Vor-Corona-Zeit. Der Economist hat diesem Ziel unlängst einen ganzen Schwerpunkt gewidmet, der zeigt wie konstruktiv überall bereits an der Schule der Zukunft gearbeitet wird. In den vergangenen Monaten haben Schüler:innen und Lehrer:innen gelernt, dass Unterricht auch digital möglich ist. Wer es sich leisten kann, greift schon heute auf individuelle Einzelförderung zurück, die mancherorts noch Nachhilfe heißt, aber in Wahrheit nichts anderes als Einzelcoaching im Videocall ist.

Damit so etwas auch im klassischen schulischen Kontext möglich wird, braucht es eine Reform des Schulsystem im Sinn des medizinischen Modells, mehr und besser bezahlte Lehrkräfte, die auch vor digitalen Instrumenten nicht zurückschrecken und vor allem einen Wechsel der Perspektive auf Wechselunterricht.

Schulen sind – egal bei welcher Inzidenz – keine Kinder-Verwahranstalten, sondern Orte des Lernens. Es wäre sicher kein Schritt in die falsche Richtung, den Fokus mal wieder auf die Frage zu legen, wie Lernen nicht nur in sondern mit der Schule Spaß machen kann.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Wie Sweet Caroline zu dem Song der Europameisterschaft wurde – woah oh oh

Bevor dieser Text beginnt, möchte ich mit den Worten von Jagoda Marinić darauf hinweisen, dass diese EM nicht in einem luftleeren, unpolitischen Raum stattfindet. Dass und wie sie stattfindet, ist extrem fragwürdig: „In der UEFA und in dieser EM werden die inhumanen Werte unserer Zeit, die Rücksichtslosigkeit, das Leistungsprinzip und das Gewinnstreben so schamlos und ambivalenzbefreit gefeiert wie in wenigen anderen Bereichen.“ Denn wie Werner Bartens analysiert: „Wer das kontinentale Fußballfest zugleich zum Virenfest macht, muss sich nicht wundern, wenn bald darauf die Nachspielzeit der Pandemie beginnt.“

Aber da die EM stattfindet, inspiriert sie auch Geschichten. Eine davon will ich hier kurz erzählen.

Die vielleicht bekannteste Verbindung von Fußball, Memes und Musik verdanken wir den Fans des Club Brugge in Belgien. Sie bezeichnen sich selbst als Blue Army – und als ihre Mannschaft im Winter 2003 in der Champions League gegen den AC Mailand spielte, nutzte die Blue Army erstmals einen Song, der mittlerweile als offizieller Torjubel in den EM-Stadien eingespielt wird. So jedenfalls erzählt es dieser Clip, der sich mit dem Werdegang des „White Stripes“-Songs befasst, der so gut zu der Blue Army als Brügge passt: „Seven Nation Army“.

Zwei Jahre später spielte Brügge in Rom gegen eine andere italienische Mannschaft und brachte den Fans des AS Rom den Song mit, den diese als „Po po po po“-Song adaptierten und ebenfalls anstimmten. Als die italienischen Nationalmannschaft ein Jahr später (nach Siegen gegen sieben Nationen) in Berlin Weltmeister wurde, war Seven Nation Army ein bekannter Stadion-Song.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Geschichte dieses fussballerischen Ohrwurms sich tatsächlich genau so zugetragen hat – es ist in Wahrheit aber auch gar nicht so bedeutsam. Denn der Zauber dieser Ohrwürmer besteht genau darin, dass es nicht einen linearen Weg gibt, über den sich nachvollziehen lässt, wie sie entstehen. Man kann nur Tipping Points ausmachen, an denen im Rückblick erkennbar wird, wie die Verbreitung beschleunigt wurde (diese Referenz zum Corona-Virus und der verantwortungslosen Uefa, siehe Vorbemerkung, ist hier unumgänglich).

Außer Seven Nation Army gibt es aber noch jede Menge mehr Songs und Gesänge, die rund um den Fußball die memetische Kraft der Masse illustrieren. Bei der letzten Europameisterschaft brachte es der nordirische Stürmer Will Grigg zu einigem Ruhm, weil das Mashup „Will Grigg’s on Fire“ in zahlreichen Stadien angestimmt wurde. Der Stürmer von Wigan Athletic war nicht mal besonders gut, der Song aber so eingängig, dass er sogar auf Platz 7 der britischen Download-Charts landete. Die Vorlage für den Fußball-Gesang stammt übrigens von der italienischen Sänger Gala und heißt „Freed from Desire“, daran lohnt es zu erinnern, weil der Song auch in zahlreichen anderen Varianten zu hören ist – von Frida Gold, Drenchill ft. Indiiana und auch Jul.

Das alles sollte man wissen, wenn man nun den Soundtrack hört, den Fans der englischen Nationalmannschaft ihrem Team auf dem Weg ins Finale schenken. Es ist ein Song aus dem Jahr 1969, dessen Mitgröl-Potenzial DJ Ötzi schon vor Jahren in einer Cover-Version bewiesen hat: „Sweet Caroline“ von Neil Diamond wurde in Wembley gesungen als England Deutschland 2:0 besiegte – und er wird auch während des Halbfinals und des Finals dort angestimmt werden.

In dem Video ist zu hören, dass der Song über die Stadionlautsprecher lief. Diese „offizielle“ Beschallung trifft allerdings auf eine lange Vorgeschichte, die gerade Fußballfans auf der Insel mit diesem Song haben. Schon bei der EM 2016 konnte man „Sweet Caroline“ hören – damals von Fans Nordirlands angestimmt. Denn der Song liefert eine wunderbare „Woah oh oh“-Pause, die jede und jeder mitsingen kann, egal ob sie sich für das Konzept der abkippenden Raute oder den kippenden Rausch interessieren. Deshalb wird er seit Jahren bei Sport-Events gesungen – hier zum Beispiel im Mai 2019 in der Kabine von Aston Villa.

„Good times never seemed so good“ scheint die aktuelle Stimmung der britische Fans aber nicht nur in Bezug auf den Fußball einzufangen. Der Song, der den Zauber vom zum Sommer werdenden Frühling beschreibt, kann auch als Metapher auf die Bevölkerung gelesen werden, die sich über die Lockerungen nach der Pandemie freut.

In jedem Fall hat es der Gesang in die Berichterstattung ÜBER das Spiel geschafft – die Fans sangen so laut, dass sie im Interview mit Harry Kane am Spielfeldrand hörbar waren. Trainer Gareth Southgate erwähnte den Gesang in der Pressekonferenz und das memetische Moment erhielt massenmediale Aufmerksamkeit.

Es bleibt der Ohwurm – Whoa oh oh – der sich unplanbar und unkoordiniert verbreitet. Dass man viraler Verbreitung spricht, hat in diesem Sommer eine doppelte, bittere Ironie – es zeigt aber auch viel über die Welt der Internet-Memes und der Massenkultur des 21. Jahrhundert. In „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ schreibe ich von den Ohrwürmern des Internet und wer das Buch lesen will, kann dazu – whoa oh oh – vielleicht einfach einen Song aus dem Jahr 1969 als Soundtrack wählen.

Das Buch als Newsletter (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Das Buch, um das es im folgenden geht, heißt Anleitung zum Unkreativsein.

Es geht! Dieses Ergebnis stelle ich der Zusammenfassung meines Buch-Newsletter-Experiments der vergangenen Wochen voraus. Es geht, es macht Freude und eröffnet neue Möglichkeiten, wenn man ein Buch digital denkt: als Newsletter, der wie ein Seminar oder ein Workshop über einige Wochen regelmäßig Leser:innen begleitet.

Darum geht es nämlich: Wie können wir Bücher digital denken? Zwei eher alte Techniken zu einem neuen, innovativen Ansatz verbinden – das ist die Idee dessen, was ich Buch-Briefing nenne. Ein Newsletter-Service, der Bücher in digitale Kapitel aufteilt, die ondemand und regelmäßig bezogen werden können. Im Sachbuchbereich ist die Referenz für diese Methode der Workshop bzw. das Seminar, in der Belletristik liefert die Idee des Fortsetzungsromans bzw. der Serie die Referenz fürs Buch-Briefing.

Vorteil für Produzierende wie Konsumierende: Es gibt eine Verbindung. Als Autor:in kenne ich meine Leser:innen – weil ich durch die regelmäßigen Mails in Kontakt stehe. Das erzeugt nicht nur Nähe, sondern liefert auch Kund:innen-Daten.

Das Experiment

Gerade ist mein Buch „Anleitung zum Unkreativsein – auf anderen Wegen zu neuen Ideen“ erschienen. Ein Reverse-Ratgeber, der mit Hilfe der Kopfstandmethode neue Zugänge zu kreativen Lösungen aufzeigt. Die zentrale These des Buches lautet: Wer neue Ideen will, muss lernen die Perspektive zu wechseln.

Diesen Gedanken habe ich in einen elfwöchigen Newsletter auf Steady gegossen. Da ich Akronyme mag, habe ich jeder Folge einen Buchstaben des Wortes PERSPEKTIVE vorangestellt: „Ein Wort, eine Übung, eine Frage – drei Gedanken zum Thema Kreativität“ lautet das Konzept des kurzen Newsletters, der jeden Montag um 19 Uhr einige Gläser aus dem großen Fass zapfte (Symbolbild: unsplash). Mit diesem Bild lässt sich vermutlich am besten das Verhältnis zwischen Buch (Fass) und Newsletter (Gläser) beschreiben. Der Newsletter zerlegt das große Granze in kleinere Einheiten, die leichter konsumierbar sind. Warum macht er das? Weil er auf diese Weise entweder Werbung für das Fass macht (Marketing fürs Buch) oder weil sich auf diese Weise vielleicht sogar Gläser verkaufen lassen (neues Geschäftsmodell Buchbriefing).

Um rauszufinden, welche Chance in dieser Form der Buch-Digitalisierung zum Newsletter liegen, habe ich die Anleitung zum Unkreativsein in einen Newsletter überführt und eine Nutzer:innen-Befragung angeschlossen, deren Ergebnisse ich unten zeige. Zunächt zum besseren Verständnis nochmal die Gegenüberstellung der beiden sich ergänzenden Ansätze „Buch“ und „Newsletter“

Das Buch
bietet den gesamten Inhalt auf einmal
Inhalt abgeschlossen
Einmaliger Kontaktpunkt
Keine weiteren Lese-Anreize
Lautsprecher-Prinzip
Kein Rückkanal
Keine Nutzer:innen-Daten
Leser:in kauft den Inhalt

Produkt als dominante Idee

Der Newsletter
zerlegt den Inhalt in Folgen
Inhalt aktualisierbar
Schafft wiederholte Kontaktpunkte
Regelmäßige Lese-Anreize
Kopfhörer-Prinzip
Rückkanal/Austausch möglich
Nutzer:innen-Daten
Leser:in kauft auch die Zeit zum Lesen

Prozess als dominante Idee

Das Ergebnis

Buch und Newsletter aus dem Experiment lassen sich nachlesen – das Buch am liebsten hier beim Rheinwerk-Verlag bestellen. Der Newsletter steht kostenfrei drüben bei Steady – und zwar mit diesen Folgen:

P wie Position
E wie Erwartung
R wie Ritual
S wie Spielen
P wie Paradox
E wie Erfolg
K wie Kombination
T wie Teilen
I wie Ideen
V wie Version

Die Erkenntnis

Und funktioniert das jetzt? Um Antworten auf diese Frage zu bekommen, habe ich die Leser:innen des Newsletter befragt. Hier eine Zusammenfassung der vier wichtigsten Erkenntnisse. Die qualitativen Antworten aus der Umfrage habe ich ausgelassen, sie beziehen sich vor allem auf die konkrete Ausgestaltung des Newsletters zum Buch, das quantivative Feedback lässt aber diese sehr positiven Schlüsse für die Idee Buchbriefing zu:

1. Es gibt eine überwiegende Mehrheit, die die Idee Bücher zu Newslettern zu machen, gut findet

2. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und Newsletter, überwiegend positiv für die Kaufabsicht des Buches

3. Der Newsletter erreicht offenbar andere Leser:innen als das Buch. Er kann also als Marketing für das Buch verstanden werden:

4. Es gibt eine überwiegende Kaufabsicht, für die neue Produkt-Kategorie „Buch-Newsletter“ in Zukunft Geld auszugeben

Die nächsten Schritte

Mich bestätigt dieses Experiment, den Grundgedanken von Buchbriefing fortzuführen. Besonders interessiert es mich, diese Idee mit dem so genannten Inspirierenden Journalismus zusammenzudenken. Denn hier liegt ein sehr kurzfristiger Mehrwert dieser Newsletter-Strategie. Aber auch in belletristischen Zusammenhängen sehe ich Potenzial in der seriellen Form des Lesens. Falls Sie sich für diese Ideen interessieren und Sie unterstützen wollen: melden Sie sich bei mir!

Siegfried & Joy, Bo Burnham, Blaufusstölpel, Aditotoro und Khaby Lame – Netzkulturcharts Juni 2021

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1 Siegfried & Joy: „Las Vegas in Berlin“

Der Instagram-Account der Berliner Zauberkünstler Siegfried & Joy hat mir in den vergangenen Wochen mehrfach die Stimmung gerettet. Die von der Pandemie an Auftritten vor Publikum eingeschränkten Siegfried & Joy bringen Las Vegas nicht mehr nur auf die Bühnen, sondern auch auf die Straßen von Berlin (Foto oben). Mit reiner Magie bremsen sie einen vollbesetzen U-Bahn-Zug, zaubern eine Ampel von Rot auf Grün und öffnen eine Parkhausschranke. Hier gibt es Tickets für die zauberhaften Berliner

Platz 2 Bo Burnham: „Inside“

„Seine Bühne wollte er sich auch im Lockdown nicht nehmen lassen; mit Heimwerkergeschick und Improvisationstalent inszenierte er im Laufe des letzten Jahres eine Show in seiner kleinen Wohnung.“ So beschreibt Lars Weisbrod das Setting für das Netflix-Special Inside von und mit Bo Burnham, in dem dieser den Lockdown in Form einer besonders bedrückende Comedy verarbeitet. „Was, wenn selbst der Comedian nicht mehr über sich lachen mag? Wenn der Clown Depressionen hat?“, fragt Sebastian Maas und bringt damit den besonderen Reiz an Inside auf den Punkt. Platz 2 in den Juni-Charts – mit besonderer Empfehlung für den Song „Content“

Platz 3 Der Blaufusstölpel als Der Blaufusstölpel

Sula nebouxii leben auf den Galápagos-Inseln – und seit dem letzten Juni-Wochenende auch in meiner Twitter-Timeline. Bilder vom Blaufusstölpel (Hintergrund Geolino-Lexikon) wurden mit Zitaten gepostet, die gemeinhin aus anderen Zusammenhängen stammen. Die so rekombinierte Vermenschlichung der Watschel-Tölpel sorgte für allgemeine Erheiterung einen Überraschungsplatz Platz 3 im Juni-Ranking der #netzkulturcharts. Lesetipp: bei Uebermedien erklärt Samira El Quassil was der Tölpel mit der Mona Lisa zu tun hat

Platz 4 Aditotoro und die EM

Adrian Vogt ist 22 Jahre alt und wohnt in der Schweiz. Im SRF war er Anfang des Jahres zu sehen, im Mai wurde er auf Watson vorgestellt und 2020 gewann er den Swiss Comedy Award – weil er als Adi Totoro extrem erfolgreich auf Tiktok ist. Seit er dort nicht nur auf Schweizer-Deutsch unterwegs ist, hat er seine besondere Hassliebe für die Nachbarländer entdeckt. Dieses wiederkehrende Thema spielt er auch rund um die EM aus. Weil er den Sieg der Schweizer gegen Weltmeister Frankreich hier sehr gekonnt vohergesagt hat: Platz vier in den Juni-Charts. Das ist lustig und bedient das „ich präsentiere hier was“-Meme, von dem wir sicher noch hören werden, auf besondere Art und Weise.

Platz 5 Khaby Lame

Es ist sein Gesichtsausdruck. Khaby Lame kann mit seiner Mimik Stimmungen auf den Punkt bringen, „wie eine globale Sprache“, sagt er selbst in einem Gespräch mit der New York Times. Denn Khabys Mimik hat ihn nicht nur zu einem der größten Tiktok-Accounts gemacht, sondern auch Aufmerksamkeit außerhalb der Social-Media-Welt gebracht. Denn die Geschichte des 21-jährigen Fabrikarbeiters der während der Pandemie seinen Job verlor und aus Spaß mit Tiktok begann, ist einfach zu schön, um nicht erzählt zu werden. Khaby stammt gebürtig aus dem Senegal, lebt aber seit 20 Jahren in Italien. Mehr über Khaby gibt es in diesem schöne Porträt auf jetzt.de – seine Mimik und seine besondere Geste gibt es in diesem Clip, in dem er seine eigene Followerzahl mit der von Mark Zuckerberg vergleicht.

Besondere Erwähnung

für den #EMCheck von flopumuc auf Twitter: Spiele in einem Tweet zusammenzufassen, finde ich super gut. Überhaupt gäbe es noch eine Menge zur EM zu sagen – die Auswertung findet aber am Ende des Monats Juli statt.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“.