Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor, Vortragsredner – und Virtual Keynote-Speaker (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (gerade ist das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ erschienen), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Aktuell überlege ich, einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die im Internet Zuhause sind. Hier kann man sich dafür eintragen

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

In Kategorie: DVG

Bin ich auf einer Meinungsmodenschau oder in einer Diskussion?

Dieser Artikel ist eine Entscheidungshilfe für bessere Debatten. Er begleitet den Text Meinungsmodenschau aus meinem monatlichen Newsletter Digitale Notizen – und beantwortet die Frage: Bin ich gerade in einer Meinungsmodenschau oder in einer inhaltlichen Diskussion? (Foto: Unsplash)

Die Antwort auf diese Frage ist wichtig, um die eigenen Erwartungen an die jeweilige Auseinandersetzung anzupassen. Denn Meinungsmodenschau und Diskussion haben unterschiedliche Ziele und verlangen unterschiedliches Auftreten. Dass es sinnvoll sein kann, hier zu differenzieren, hat Julia Reda in dem Film „Die empörte Republik“ vorgeschlagen und ich finde die Unterscheidung sehr hilfreich.

Als Meinungsmodenschau definiere ich Auseinandersetzungen, in denen „Menschen ihre Ansichten wie Kleidung auf einem Laufsteg vorführen und dafür Applaus oder Widerspruch bekommen. Dieses Zurschaustellen von Meinungen findet aber nicht mit dem Ziel statt, daraus einen Kompromiss zu formen oder gar seine Kleidung Meinung zu ändern. Die Meinungsmodenschau im TV-Talkshowformat dient einzig dem Zweck, Menschen in ihren Meinungen zu bestätigen.

1. Worin besteht der Unterschied?

Meinungsmodenschau
… will Bandbreite der Ansichten zeigen.
Ist ein fortlaufender Prozess.
Sprechposition spielt eine große Rolle.
Bespricht ein Thema.
Nutzt Pro & Contra (Schwarz-Weiß)

Gefahr: False Balance
Ziel ist Sichtbarkeit der Meinung.

Wettstreit der Ideen
… sucht einen Kompromiss.
Hat Anfang und Ende.
Trennt zwischen Menschen und Meinungen.
Beantwortet eine konkrete Frage.
Differenziert (Graustufen)

Gefahr: Langweilige Sachdiskussion
Ziel ist ein Kompromiss.

Die meisten öffentlichen Debatten, die wir im Netz oder TV kennen, zählen zur Kategorie Meinungsmodenschau. Denn diese Kategorie ist aufmerksamkeitsstärker und schematischer. Für Zuschauer:innen finden sich in dieser Kategorie sehr zugängliche Anknüpfungspunkte („endlich sagt es mal einer“) und Identifikationsmöglichkeiten, die häufig in Empörungswellen umschlagen können. Vielleicht bildet die Meinungsmodenschau sogar die Voraussetzung für inhaltliches Diskussionen, weil auf den Modenschauen tatsächlich das Meinungsspektrum deutlich wird.

Beide Formate haben jedoch unterschiedliche Ziele, die auch die Stimmung und das Klima vorgeben, die in Meinungsmodenschau und Diskussion herrschen.

2. Wie verhalte ich mich am besten?

Meinungsmodenschau
Checke (deine) Privilegien
Frage sachlich nach
> Habe ich dich richtig verstanden?
Zeige dich empathisch
> Verstehen heißt nicht Verständnis haben*

Nimm die gegenteilige Perspektive ein
Versuche deren Bedürfnis* zu verstehen

Vermeide Verachtung
Egal wie aggressiv die Gegenseite ist,
vergiss nicht: Ihr seid Menschen

Achte auf den Rahmen
Wer Hassrede und körperliche Drohungen
ausspricht, verlässt den Rahmen der
Meinungsmodenschau

Wettstreit der Ideen
Checke die Spielregeln
Kläre die Leitfrage
> Welches Problem wollen wir lösen?
Zeige dich kompromissbereit
> Nachgeben heißt nicht verlieren

Nimm die gegenteilige Perspektive ein
Versuche deren Ziel zu verstehen

Vermeide Verachtung
Egal wie dumm der Vorschlag sein mag,
vergiss nicht: Ihr sucht gemeinsam eine Lösung

Achte auf den Rahmen
Wer persönlich beleidigt, sucht keinen
Kompromiss und verlässt den Rahmen
des Wettstreits der Ideen

* nach dem Konzept der vier Schritte in der Gewaltfreien Kommunikation

Ich glaube, dass die Unterscheidung zwischen den genannten Formaten sinnvoll sein kann, um die Diskussionskultur in Gänze zu heben. Welche Differenzierung dafür nötig sind, habe ich hier beschrieben:

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen
2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur
3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher


Dieser Text ist Teil meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Die Meinungsmodenschau (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Ist unsere Debattenkultur in Gefahr?“ fragte Bayern 2 im Rahmen des Zündfunk-Netzkongress und ich durfte mich an der Debatte über die Debatte beteiligen. Das kann man hier nachhören und demnächst wohl auch in ARD Alpha anschauen. Ich habe die Einstiegsfrage auf der Bühne des Münchner Volkstheater sehr deutlich mit „Nein“ beantwortet und möchte im Nachgang zu dem Gespräch drei Unterschiede deutlich machen, die vielleicht helfen könnten, künftige Debatten über Debatten leichter zu führen. Diese drei Unterschiede lauten:

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen
2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur
3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher

Um zu verstehen, was ich damit meine, lohnt sich ein Blick darauf, was ich für eine gute Diskussion halte. Denn die Debatten, die wir in Talkshows sehen, sind für mich keine guten Vorbilder für eine echte Diskussion, die als Wettstreit der Ideen tatsächlich im Kompromiss eine Antwort auf eine konkrete Frage sucht. Die TV-Formate hingegen wollen weder eine Frage beantworten noch einen Kompromiss finden. Sie gleichen eher einer Meinungsmodenschau, auf der Menschen ihre Ansichten wie Kleidung auf einem Laufsteg vorführen und dafür Applaus oder Widerspruch bekommen (Foto: unsplash). Dieses Zurschaustellen von Meinungen findet aber nicht mit dem Ziel statt, daraus einen Kompromiss zu formen oder gar seine Kleidung Meinung zu ändern. Die Meinungsmodenschau im TV-Talkshowformat dient einzig dem Zweck, Menschen in ihren Meinungen zu bestätigen. Dass darin in unsicheren Zeiten eine wichtige aber auch gefährliche Funktion stecken kann, habe ich unter dem Begriff Entpörung zu beschreiben versucht.

Die Meinungsmodenschau unterscheidet sich also von einer echten Diskussion. Auf diese Differenz hat Julia Reda in dem Film „Die empörte Republik“ hingewiesen und ich finde es wichtig, deutlich zu machen, was eine echte Diskussion ausmacht – und im Blick zu behalten: Bin ich auf einer Meinungsmodenschau oder in einer echten Debatte?

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen

Wer in einen Wettstreit der Ideen tritt, akzeptiert, dass es einen Unterschied zwischen Menschen und ihren Meinungen gibt. Jemand kann eine dumme oder falsche Meinung vertreten, aber dennoch ein toller, sympathischer Mensch sein. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Handeln und Sein. Es ist wichtig daran zu denken, wenn man in eine Diskussion einsteigt und es ist wichtig auch entsprechend zu diskutieren: Du verhältst Dich arschig ist immer besser als Du bist ein Arsch.

Um zivilisiert streiten zu können, ist es hilfreich Meinungen nicht als unveränderliche Kennzeichen zu betrachten. Ich glaube sogar im Gegenteil, dass der Wert der Meinungsfreiheit nicht im Äußern, sondern im Ändern einer Meinung besteht. Freie Gesellschaften zeichnen sich nämlich genau dadurch aus: Dass Du Deine Meinung ändern darfst. Darin liegt ein großes Privileg und wir sollten uns viel häufiger fragen, wann wir von diesem Privileg Gebrauch machen?

Dass man dabei die Sprechposition derjenigen Menschen nicht außer Acht lassen darf, die Meinungen äußern, bleibt bei der Trennung von Menschen und Meinungen weiterhin richtig. In diesem Punkt liegt meiner Einschätzung nach ein zentraler Streitanlass für zahlreiche Auseinandersetzungen – wie mein Kollege Jens-Christian Raabe in seinem Essay über Schneeflöckchen und den Schnee von gestern beschrieben hat.

2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur

Persönliche Beleidigungen, Drohungen und Diffamierungen sind ein großes Problem und man sollte viel mehr dagegen tun. Wer zu diesen Mitteln greift, verlässt den Raum einer Diskussion. Deshalb weigere ich mich, das Problem „Hate Speech“ im Zusammenhang mit der Frage nach guter Diskussionkultur zu behandeln. Denn die Hater sind an einer Diskussion ja gar nicht interessiert. Sie lehnen den Wettstreit der Ideen und die damit verbundende Trennung von Mensch und Meinung ab. Sie bewegen sich nicht mal auf dem Laufsteg der Meinungsmodenschau. Sie greifen zu Hass und Hetze. Dagegen muss man etwas tun, aber man sollte Menschen, die so agieren nicht dadurch adeln, dass man sie zum Teil der Diskussionskultur zählt. Durch die Wahl ihrer Mittel schließen sie selbst von der Debatte über Debatten aus.

3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher

Die dritte Unterscheidung, die ich festhalten möchte, ist eine zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wer behauptet man könne gewisse Dinge „nicht mehr“ sagen und deshalb die Meinungsgefahr in Gefahr sieht (unlängst zum Beispiel eine Focus-Titelgeschichte), hat ein falsches Bild von der Vergangenheit. Denn auch in der alten Bundesrepublik konnte man keineswegs alles sagen. Es gab früher jede Menge Stimmen, die überhaupt nichts sagen durften: Und zwar jene, die nicht zu weißen Männern gehörten.

Wer also behauptet, heute könne man viel weniger sagen als früher, zeigt damit vor allem, dass er einzig seinen beschränkten Blick zur Verfügung hat – und seine Privilegien nicht kennt. Denn selbstverständlich gibt es heute nicht weniger sondern mehr Meinungen als früher. Das Spektrum des Sag- und Meinbaren ist in jedem Fall größer geworden. Was sich verändert hat: Diejenigen, die bisher einzig Applaus bekommen haben, wenn sie ihre Meinung auf den Laufsteg getragen haben, erfahren nun öffentlichen Widerspruch. Das fühlt sich sicher unangenehm an, ist aber kein Zeichen für das Verschwinden der Meinungsfreiheit, sondern im Gegenteil Beweis für deren Existenz. Denn Widerspruch ist ja das Ziel einer Auseinandersetzung. Und davon gibt es heute mehr als in dem ominösen „früher“, das Menschen nun bemühen, wenn sie Angriffe auf ihre Meinung sofort als Angriff auf die Meinungsfreiheit interpretieren. Vielleicht sollte man also künftig die Klage, „das darf man gar nicht mehr sagen“ übersetzen in „das bekommt ja gar keinen Applaus mehr“.

Dass ich auf der Zündfunk-Bühne so deutlich „Nein“ auf die Frage geantwortet habe, ob die Debattenkultur in Gefahr sei, liegt aber vor allem daran, dass ich diese leicht kulturpessimistische Grundhaltung der Frage nicht mag: Die Diskussions- und Debattenkultur in diesem Land ist ja nicht wie das Wetter ein unbeeinflußbarer, externer Faktor. Diese Kultur entsteht durch unser Zutun. Demokratie ist ein Muskel und wir sollten ihn trainieren: „Wer die plurale Demokratie verteidigen will, muss beginnen, sie zu praktizieren. Wer die Grundideen der offenen Gesellschaft wertvoll findet, darf sie nicht bei der kleinsten Bewährungsprobe in Frage stellen.“

Hier geht es zum Test: Befinde ich mich auf einer Meinungsmodenschau oder in einem Wettstreit der Ideen?


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Lob der losen Verbindung: über den Unterschied zwischen Reichweiten- und Inhalts-Netzwerken

Wir kennen uns nicht, aber wir grüßen uns. Der ältere Herr, dem ich seit einem Jahr morgens im Park begegnet, trägt immer Walking-Stöcke an den Händen und ein Lächeln im Gesicht. Ich kenne seinen Namen nicht und doch nicken wir einander immer freundlich zu, wenn wir uns im Park sehen (dass ich laufe, habe ich hier ausführlicher beschrieben). Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich glaube wir freuen uns beide immer ein klein bisschen wenn wir uns über den Weg laufen.

Über diese äußerst lose Form der Verbindung möchte ich schreiben, weil ich am 28. Oktober im Rahmen der Medientage München über Vernetzung sprechen darf. Das Internet besteht als Infrastruktur aus Verbindungen und auf der Ebene der sozialen Vernetzungen sind diese Verbindungen häufig genau wie meine Lauffreundschaft: eher lose. (Symbolbild: unsplash)

In den Anfangstagen der sozialen Netzwerke gab es deshalb eine häufig wiederholte Klage darüber, dass „digitale Freundschaften“ ja gar nicht so zu bezeichnen seien, weil der Charakter der Verbindung dort nicht stabil und tiefgehend genug sei. Mich hat schon damals mehr interessiert, wie diese losen Verbindungen zustande kommen und was sie ausmacht. Denn diese Form der losen Verbindung im Netz ist eine eigene Form der Freundschaft, die besondere Fähigkeiten und besonderes Interesse verlangt.

Dies gilt umso mehr als sie aktuell die Corona-konformste Art des Austauschs ist. Deshalb will ich sie – immerhin haben wir das Internet – zunächst und unbedingt loben. Gleichzeitig gelten auch für diese Form des Kontakts einige Infrasstrukturbedingungen, die manchmal nicht beachtet werden. Bei Zeit Online beschrieb Lisa Hegemann diese Woche wie das Netzwerk LinkedIn sich gerade zu einem Selbstdarstellungs- und Nerv-Netzwerk entwickelt:

Inzwischen ist der Rauch der Selbstdarstellung auf LinkedIn im Vergleich mit anderen sozialen Netzwerken besonders dicht. Ein Beitrag dort beginnt klassischerweise mit einer Alltagsbanalität oder einem Ghandi-Zitat, dann berichtet der Autor oder die Autorin über eine grob damit zusammenhängende, im besten Fall berufliche Frage, garniert mit dem daraus resultierenden learning. Und zum Ende folgt der call to action an die Followerinnen und Follower, der sie dazu bringen soll, möglichst zahlreich zu kommentieren: Geht es euch so? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Ich würde dieser Beobachtung nicht widersprechen, glaube aber, dass das Problem dabei nicht so sehr die „Selbstdarstellung“ genannte Haltung ist, sondern vielmehr die Absicht hinter solchen Beiträgen: Hier geht es nicht um lose Verbindungen, hier geht es um Reichweite.

Solche Beiträge sind nicht aus inhaltlichem Interesse, sondern für den Algorithmus geschrieben: Fragen und möglichst viele Antworten gaukeln dem Algorithmus Interaktion vor, die dieser in Bedeutung übersetzt. Dass das nicht stimmt, ist der Kern aller Debatten um Relevanz und soziale Netzwerke – und zeigt: Wer lose Verbindungen nur eingeht, um damit Reichweite zu steigern, ist an Verbindung nur als Mittel zu einem anderen Zweck interessiert. Das kann in Ordnung sein, es verändert aber den Rahmen. Zielorientiert zu netzwerken, heißt nur dann beim zum Einstieg zitierten Lauf zu grüßen, wenn es auch „was bringt“. Dagegen stelle ich das Konzept des inhaltsorientierten Netzwerks, das kein qualitatives Ziel, sondern ein Thema verfolgt: Ich verbinde mich mit Menschen, mit denen ich ein inhaltliches Interesse teile. Und mit Inhalt meine ich das, was nach den Buzzwords kommt. Ich meine das, was man sagt, wenn man gefragt wird, warum interessierst du dich eigentlich für [New Sleep] oder [Agile Quatsching]? (Buzzword gerne nach eigner Branche einsetzen)

Nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen die von Lisa Hegamann beschriebene Form des Reichweiten-Netzwerkens, ich finde aber, dass man sie auch als solche beschreiben sollte. Deshalb habe ich mal sehr holzschnittartig die beiden Ansätze gegenüber gestellt, die man meiner Einschätzung nach in sozialen Netzwerken wählen kann. Dabei schicke ich voraus: Die Graustufen sind viel spannender als das klare Schwarz-Weiß, das ich aus Gründen der Übersicht so deutlich herausstelle wie es in der Realität fast nie auftaucht. Der Vorteil daran: Jede und jeder kann sich fragen, wohin sie und er tendiert und mit welcher Form des Netzwerks sie/er sich eher verbinden und interagieren möchte

Reichweiten-Netzwerk…
… zielt auf viele Views für eigene Beiträge.
Nutzt Inhalte, um Traffic zu generieren.
Schreibt für den Algorithmus.
Sponsort eigene Beiträge.
Verfolgt eine User-Action
(Call to Action)

Erfolgsfaktoren sind quantitativ zu messen.

Inhalts-Netzwerk…
… zielt auf thematischen Austausch.
Stellt Verbindung über Traffic.
Schreibt aus Interesse.
Hat noch nie Beiträge gesponsort.
Verfolg inhaltliche Ziele
(Call to Content)

Erfolgsfaktoren sind qualitativ zu messen.

Das Interessante an dieser klaren Gegenüberstellung: Der Begriff „Selbstdarstellung“ kommt gar nicht drin vor. Denn dass sich jemand selbst darstellt ist meiner Meinung nach überhaupt kein Problem. Wenn ich eine persönliche und/oder inhaltliche Verbindung (und sei sie auch nur lose) zu dieser Person habe, finde ich die Darstellung nämlich interessant. Sie schafft eine Verbindung zwischen uns beiden.
Genau darüber werde ich auf den Medientagen sprechen: Dass die Corona-Zeit mir gezeigt hat, wie bedeutsam eine selbstdarstellende Instagram-Story oder ein persönlicher Eintrag sein kann – weil genau dadurch lose Verbindungen erst geschaffen werden. Für mich ist die wichtigste Voraussetzung dafür aber: Es muss ein gemeinsames Interesse geben.

So wie ich den Walker im Park auch nicht mehr grüßen würde, wenn ich feststelle, dass er dort nur rumläuft um mir etwas zu verkaufen. Wenn ich aber merke, dass wir das Interesse an sportlicher Aktivität im Wald teilen, haben wir eine Verbindung. Eine lose zwar, aber ich finde sie dennoch wertvoll.

Wer sich laufend mit mir verbinden möchte: unter minutenmarathon.de schreibe ich für die SZ einen Newsletter für Menschen, die gerne laufen (und mit dem Laufen anfangen wollen). Und wer sich für meine Theorie von Reichweiten- und Inhalts-Netzwerken interessiert: Ich spreche auf den Medientagen dazu.

Ich chille mit der Crew, Digga!

Kann es wirklich sein, dass ich nichts finde zu einem der schönsten Ohrwürmer der vergangenen Monate? Klar, ich hab den Song auf Spotify entdeckt. Er heißt „Mafia“ und der rappende Künstler heißt „Lil M.“ Er hat eine Facebook-Seite, auf der ich sehen kann, dass der Song im Oktober 2019 veröffentlicht wurde – und man damals dachte die Zeile „Ich chille mit der Mafia-jaja“ so toll sei, dass man sie als Trailer in einen Clip packte.

Ein Jahr später wissen wir, dass es eine andere Line ist, die Lil M. webbekannt gemacht hat:

ich chille mit der crew digga
wir sind fresher than you digga
wir wollen keinen stress ohne grund
wir haben nur angst vor dein hund

lauten die beiden Paar-Reime, die sich seit einigen Monaten als Runnig Gag duch Tiktok bewegen. Der Satz „ich chille mit der crew digga“ ist dabei so stark geworden, dass er SEO-optimiert sogar im Titel des Clips auf YouTube steht, den Song-Titel erfährt man dort nicht.

Im Clip (Screeshot oben) sieht man den Künstler mit seiner Crew durch die Straßen ziehen und Fußball spielen: „Alle sehen aus wie Ronaldo. Wenn wir ein Tor schießen, machen wir ein Salto“

Auf Tiktok wurde der Song zu einer beliebten Kopiervorlage. Menschen imitieren die crew-digga-Sequenz und stellen sie in neue Kontexte: Über 70.000 neue Clips sind nach Tiktok-Angaben so entstanden und der Satz „ich chille mit der crew digga“ hat sich aus dem Web auf die Schulhöfe bewegt.

Ich glaube, dass man auf deutschen Schulhöfen und Klassenchats mehr Fundstellen zu der Zeile findet als bei Google. Das ist auf unterschiedliche Weise erstaunlich. Man kann es als schwindende Macht von Google lesen, man kann die Kraft der Weiter-Erzähl-Meme und von Tiktok darin erkennen oder die Spaltung zwischen seriösen Medien und der digitalen Jugend.

Oder ich habe einfach nur nicht verstanden, wo ich mehr über Lil M. und seine Crew finden kann.

Ich mag solche Geschichten oder auch jene vom M to the B-Sound, weil sie den Zauber dessen zeigen, was mich zu diesem Buch brachte. Sie zeigen in jedem Fall, welcher Zauber durch die Kraft der digitalen Kopie entstehen kann – und dass es immer noch und immer wieder zufällige Hits gibt, an denen sich Menschen erfreuen können. Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de

Das Ende des Durchschnitts-(Radios): The Get Up von Spotify

Es gibt nur eine Sache, die noch flacher ist als die Witze von Morning-Show-Moderator:innen: Witze über Morning-Show-Moderator:innen! Es ist tatsächlich keine leichte Aufgabe, Schnüffelfurt oder Bummelfeld (hier wahlweise ein Sendegebiet einsetzen) wach zu kriegen. Und so wie der Humor sich dabei am kleinsten gemeinsamen Nenner orientiert, ist auch die Musik auf das zugeschnitten was die meisten Menschen am wenigsten nervt. Witze und Songs werden dann so lange als „Das Beste“ durchgenudelt, bis sie allen maximal auf die Nerven gehen. Das ist die Idee einer Durchschnittsbotschaft, die möglichst allen gefallen will.

Das 20. Jahrhundert war geprägt von dieser Idee, die selten so greif- und hörbar wird wie in der Idee von Mainstream-Radio (Symbolbild: Unsplash). Eine zentrale Veränderung der Digitalisierung besteht meiner Meinung nach in dem, was man den Wandel von der Lautsprecher zur Kopfhörer-Kultur nennen könnte: die Durchschnittsbotschaft, die allen gefallen will, wird ersetzt durch unzählige personalisierte Botschaften, die massenhafte Nische produzieren. Twitterbar auf den Punkt gebracht: Digitalisierung führt zum Ende des Durchschnitts. Damit ist kein Zielpunkt gemeint, sondern eine kontinuierlicher Prozess.

Der Dienst Spotify, der als einer der ersten verstanden hat, dass in dieser neuen Welt Kontext den Content überrragt, hat diese Woche angekündigt, unsere Vorstellung von Radio komplett auf den Kopf zu stellen. Sie nennen ihr Angebot einen Podcast, aber es ist die gegenwärtige Variante dessen, was im 21. Jahrhundert eine Mainstream-Morning-Show war: „We have your morning covered — with news, pop culture, and the music you love. The only way to wake up“, steht in der Beschreibung, die der Streaming-Dienst formuliert hat. The Get Up heißt die Sendung der Podcast, der voraufgezeichnete Inhalte mit personalisierter Musik kombiniert.

Ob das funktionieren kann? Vermutlich schon, denn der Test, Nachrichten von Radiostationen halbstündlich als Podcasts in Spotify zu laden hat die Radionachrichten von ihrer Sendezeit befreit – und gezeigt, dass das „Ende des Durchschnitts“-Prinzip nicht nur für Musik funktioniert. Aber vielleicht ist diese „Funktioniert das?“-Perspektive auch der falsche Blick auf die Veränderung, die sich hier gerade unter unseren Füssen vollzieht. Vielleicht könnte man eher fragen: „Was bedeutet das?“

Im Klappentext zu meinem Buch „Das Ende des Durchschnitts“ hat der Verlag Matthes&Seitz das hier geschrieben: „Die Welt des Durchschnittsangebots, das für alle gleich ist, wird erweitert um das digitale Prinzip der Personalisierung: Inhalte entstehen nicht mehr einzig beim Hersteller und Absender, sondern werden mittels Datensammlung und -auswertung auf den Konsumenten und Empfänger zugeschnitten. Entgegen der vorschnellen Verteufelung dieser Entwicklung als Entmündigung und Überwachung beleuchtet Dirk von Gehlen Chancen des Endes des Durchschnitts und zeigt sehr konkret, wie Personalisierung, Datennutzung und Digitalisierung die Arbeit von Medizinern, Marktforschern, Fußballern und Carsharing-Anbietern verändern.

Mehr zum Thema im Blog
Die große Chance auf eine Renaissance der Radioreportage
Geisterspiele und der beiläufige Zauber von Live-Events
Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

Shruggie des Monats: Das unter der Maske lächelnde Emoji

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Es ist derzeit gar nicht so leicht gute Nachrichten in Bezug auf Corona zu finden. Auf Emojipedia gibt es eine Meldung, die nicht nur mich, sondern auch Emojis lächeln lässt: mit dem nächsten Update wird Apple in seinem Ökosystem Emojis zeigen, die unter ihrer Mund-Nase-Bedeckung lächeln.

Ich hatte unlängst im Spaß nach einem „wegen Maske beschlagene Brille“-Emoji gefragt und freue mich jetzt, dass Apple mit dieser Emoji-Ankündigung einen Schritt in Richtung Normalisierung der Masken in Zeiten einer globalen Pandemie geht. Diese Ankündigung ist aber nicht nur mit Blick auf Corona-Leugner:innen und Masken-Verweiger:innen bedeutsam. Es steckt in diesem Alleingang von Apple auch ein Emoji-politischer Aspekt, den ich am Beispiel der Wasserpistole auch in der Gebrauchsanweisung für das Internet beschrieb. Emojipedia kommt aber zu dem Schluss, den ich teilen würde:

If anything, this is a sign of support from Apple on mask-wearing.

Für mich ist diese Entscheidung ein Shruggie des Monats wert, denn auch der Shruggie blickt lächelnd auf die Welt – menschenfreundlich, zugewandt und hoffnungvoll. Auch wenn die Situation anders wirkt.

¯\_(ツ)_/¯

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:
> Im Gegenteil! Drei Versuche über Vernunft (Digitale September-Notizen)
> Vom Umgang mit gefühlter Spaltung und Widerspruch
> Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline
> Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

M to the B – das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten

Wer den Namen Millie Bracewell in eine populäre Suchmaschine eingibt, bekommt relativ weit oben einen Beitrag von der BBC. Er ist wenige Stunden alt. Die anderen Ergebnisse führen (bisher) eher in die Irre. Wer jedoch nach Bella Poarch sucht, wird auf die 15 wichtigsten Fakten geleitet bzw. auf die zehn geheimen Fakten, die es über den Tiktok-Star zu wissen gibt.

Millie Bracewell und Bella Poarch haben gemeinsam das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten ins Netz gestellt. Das ist der Grund, warum man jede Menge Infos über die 19-jährige Bella Poarch findet, sie betreibt den Kanal, über den der Clip bisher fast 470 Millionen Mal angeschaut wurde. Darin ist zu sehen, wie die einen kurzen Song-Schnipsel lippensynchron nachsingt und dabei ein komisches Gesicht macht. Damit wurde sie zum Vorbild für 7,2 Millionen Videos, die ebenfalls den Sound „M to the B“ nutzen.

Als der Begriff „Sommerhit“ noch ganze Lieder meinte, hätte man damit nicht beschreiben können, was das Besondere an diesem Geräusch der Stunde ist. Das schnell wiederholte „M to the B“ ist zu einem zentralen Tiktok-Ohrwurm geworden und wird im Rückblick („bored in the house“) sicher zu den wichtigeren Geräuschen des Tiktok-Jahres 2020 zählen.

Das Besondere dabei: Bella Poarch hat mit diesem Sound eigentlich gar nichts zu tun. Er stammt aus Blackpool, wo Millie Bracewell Zuhause ist und vor vier Jahren Sprechgesang und Battle-Rap gemacht hat. Aus einem „Sends“ genannten Diss-Track in der Grime-Szene Blackpools stammt die Sequenz, die Bella Poarch jetzt webbekannt gemacht hat – ohne dass die mittlerweile 20-jährige Millie Bracewell auch nur den Hauch einer Ahnung davon hatte. Freunde hätte ihr erzählt, dass ihr Sound gerade auf Tiktok äußert populär sei, berichtet sie der BBC und daraufhin habe sie sich dort auch mal angemeldet. Und das sei ja wirklich verrückt.

Das Verückte daran ist wie bei der schönen Geschichte hinter dem Love Storys-Meme, dass hier kein Plan, keine Absicht, nicht mal eine Prognose erkennbar ist. Die „M to the B“-Geschichte scheint sich tatsächlich einfach so ergeben zu haben. Eher zufällig und weil durch das Netz die Möglichkeit zur weltweiten Vernetzung gegeben ist – und das heißt: Ein eher unbedeutender Disstrack aus dem Blackpool des Jahres 2017 kann drei Jahre später zum Tiktok-Geräusch der Stunde werden.

Musikalisch untermalt wird dieser Sound übrigens von dem Song „Skank“ von dem Projekt Bordum Beats, das der Produzent Dean Williams aus Leeds gegründet hat. „Skank“ diente als Basis für den Disstrack, den Millie Bracewell im einem Schnellrestaurant in Blackpool aufgenommen hatte. Der Song ist vor ein paar Tagen auch offiziell veröffentlicht worden – inklusive Dean Williams‘ Musik. Der BBC sagte er: „“I just loved people rapping to it, I loved hearing that. I never charged anyone. I just wanted people to have fun and enjoy what they were doing.“

Ich mag diese Geschichten, sie sind der Grund, weshalb ich mich für Meme zu begeistern begann (und dann auch dieses Buch schrieb). Sie zeigen, welcher Zauber durch die Kraft der digitalen Kopie entstehen kann – und dass es immer noch und immer wieder zufällige Hits gibt, an denen sich Menschen erfreuen können. Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de

Der Erfolg von Cory Doctorows Audiobook ist auch ein Sieg gegen Amazon

Welcher Satz klingt richtiger?

„Die größte Buchmesse der Welt findet dieses Jahr nicht statt“

oder

„Die größte Buchmesse der Welt findet dieses Jahr im Internet statt.“

Die Sätze stimmen beide. Irgendwie. Und je nach Perspektive lässt sich an beiden Sätzen etwas über den Buchmarkt lernen. Denn das mit dem Internet und der größten Buchmesse war schon vor Corona so eine Sache. Bei jedem Besuch in Frankfurt wurde ich Zeuge eines Gesprächs, das vom Internet handelte und innerhalb weniger Augenblicke bei Amazon landete. Amazon, das ist ein „börsennotierter US-amerikanischer Onlineversandhändler“ (Wikipedia) und nicht ganz zu Unrecht der Lieblingsfeind vieler Buchmessen-Besucherinnen und -Besucher. Zu Amazon gehört auch die Audio- und Hörbuchabteilung Audible. Und beide haben sich den Zorn vieler Buchfreund:innen u.a. auch dadurch zugezogen, dass sie ihre Dominanz im Markt auf eine Weise nutzen, für die wohl niemand die im Feedback-Manager vorgeschlagene „positive Bewertung“ vergeben würde.

Warum das im Falle von Hörbüchern besonders ärgerlich ist, bringt der Autor Cory Doctorow hier auf den Punkt:

Unfortunately, audiobooks are also a monopoly: Audible, Amazon’s audiobook division, controls 90% of the market. What’s more, Audible won’t allow you to sell your audiobooks through their store unless you allow them to wrap your books in their DRM, which cannot be removed without committing a felony under Section 1201 of the Digital Millennium Copyright Act. Every audiobook you buy from Audible is locked to Amazon’s platform…forever. They can revoke access to the book (they’ve done this with Kindle ebooks, starting with — I shit you not — George Orwell’s Nineteen Eighty-Four… You can’t make this stuff up!).
I really hate DRM. A lot. It’s kind of my thing. I’m even involved in a lawsuit to invalidate Section 1201 of the DMCA, the law that bans removing DRM. The idea that a company gets to decide how you use your property, after you buy it from them? Fuck that. That’s not property. That’s feudalism.

Aber anders als bei den Frankfurter Gesprächen artikuliert Doctorow seine Wut nicht bei einem Glas Weißwein, sondern auf Kickstarter, das ist sowas wie das englischsprachige Startnext – also ein Ort, an dem Produzent:innen in direktem Austausch mit Konsument:innen Inhalte erstellen können.

Und genau das macht Cory Doctorow: Er bittet seine Leser:innen, den dritten Band seiner äußerst erfolgreichen Little-Brother-Reihe als DRM-freies Audiobuch zu kaufen. Der Grund dafür: Er will mit dem Hörbuch nicht im Amazon-Ökosystem auftauchen. Deshalb schmipft er nicht auf die Möglichkeiten der Digitalisierung, sondern nutzt diese: für seine eigenen Interessen und auch gegen Amazon. 220.000 Euro hat er damit kurz vor Ende des Crowdfundings eingenommen. Vorschuss würde man das in der Welt der Weißwein-Trinker:innen nennen. Im Internet nennt man es: Vorbestellungen.

Am Ende seines kurzen Pitchvideos (an einer Theke?!?) formuliert Doctorow zwei Botschaften, die er mit dem Crowdfunding verbindet. Zum einen will er die Vorbestellungen als Fingerzeig an Amazon verstanden wissen: „Hey Audible“, soll das Crowdfunding sagen, „uns allen ist euer DRM-System nicht egal. Wir mögen es nicht.“ Und zum zweiten sieht er darin ein Vorbild für all die Verlage auf der Welt, die gerne auf Amazon schimpfen: Nutzt die Möglichkeiten mit Hilfe von Crowdfunding, eine direkte Verbindung zu euren Kund:innen aufzubauen.

Eine schöne Erinnerung, in dem Jahr, in dem die größte Buchmesse der Welt im Internet stattfindet.

Mehr zum Thema im loading-Bereich hier im Blog:
Wie verdient man in digitalen Zeiten mit Kultur Geld?
Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer
– im Crowdfunding-Fazit zu Neue Version in sechs Punkten
– im der Text Reden wir über Geld: Über Wertschätzung und Wertschöpfung
– im Text Wie verdient man in digitalen Zeiten mit Kultur Geld?
– in den Hintergründen zum Projekt Langstrecke
– in meinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“

Fünf Gründe, sich gerade jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er bezieht sich auf das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das gerade erschienen ist.

Dieser Tage beginnt der Herbst. Die Blätter verfärben sich, es regnet häufiger und es wird kälter. Unter veränderten klimatischen Bedingungen verändern sich auch unsere Kleidungsgewohnheiten. Statt zu Shorts greift man künftig zu warmen Socken – und zum guten Buch (Herbst-Symbolbild: unsplash).

Auch auf die Gefahr hin zu platt zu werden: Das digitale Ökosystem verändert Bedingungen für Kommunikation. Ich habe das am Beispiel eines Schneeballs beschrieben, der bei steigender Temperatur seinen Aggregatzustand verändert und ich glaube es gilt auch für die Prinzipien der Aufmerksamkeit und denen ihn folgenden Grundbedingungen der (politischen) Auseinandersetzung im digitalen Diskurs.

Wer verstehen will, welche Kleidung Haltung in diesem Ökosystem angemessen ist und welche Folgen die sich ändernden klimatischen Bedingungen haben, kann sich bestimmte „Muster der digitalen Kommunikation“ anschauen. Diesen Untertitel hat der Wagenbach-Verlag meinem gerade in der Digitale Bildkulturen-Reihe veröffentlichen Band „Meme“ gegeben. Das Büchlein versucht zu beschreiben, was Meme sind, weshalb sie gesellschaftspolitische Bedeutung haben und welche Schlüsse man aus der Beschäftigung mit Memen ziehen kann. Darin steckt viel mehr als der (nicht zu unterschätzende) Spaß an Internetquatsch, darin steckt eine Möglichkeit, aktuelle politische Entwicklungen besser zu verstehen.

Deshalb hier fünf Gründe, warum es sich jetzt lohnt, sich mit Memen und den ihnen zugrunde liegenden Mustern digitaler Kommunikation zu befassen:

Meme zeigen, dass …

… Kommunikation ein Prozess ist.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer im seriösen Fernsehen bemerkt, dass Friedrich Küppersbusch seit einer Weile auf YouTube eine Art Fernsehen macht, die ich als zukunftsweisend und seriös bezeichnen würde. In dieser Woche hat er dort „Die Wahrheit über Shitstorms“ thematisiert – und zwar am Beispiel eines Mannes, der im vermeintlich seriösen ARD-Fernsehen so genannte Witze machen darf und dieses Prinzip Nuhr mit Hilfe von vermeintlich provokanten Thesen am Laufen hält. Auch der selbst geglaubte Kanzlerkandidat Friedrich Merz oder der selbst geglaubte Medienerfinder Gabor Steingart bedienen sich dieser Methode, die Internet-Trolle für sie seit Jahren erprobt haben. These raushauen und im folgenden Prozess auf die Empörung der Gegenseite hoffen. Klappt so lange wie man nicht begreift: Deine Empörung ist Teil des Spiels derjenigen, über die Du dich gerade aufregst.

… Aufmerksamkeit vor dem Inhalt steht.
Die schönste und provokanteste These bleibt so lange wirkungslos, wie sie niemand aufnimmt. Anders formuliert: Es werden nur diejenigen Inhalte memefiziert, die es überhaupt wert sind, mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Wer sich schon länger im digitalen Ökosystem bewegt, weiß, dass die Kopie und die Referenz (und sei es in Form des Widerspruchs) das wichtigste Ziel ist. Man kann diese Aufmerksamkeit nicht planen, aber man kann sie provozieren – und dabei die Reaktionen einkalkulieren. Die Troll-Forscherin Whitney Phillips sagt dazu: „Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Es ist übrigens kein Zufall, dass auf Phillips‘ aktuellem Buch ein Shruggie auf dem Cover zu sehen ist ;-)

… vermeintliche Identität zu Polarisierung führt.
Sich zugehörig zu fühlen und sich damit von anderen abzugrenzen, kann als eines der Grundprinzipien von sozialen Medien gelesen werden. „Ich verstehe etwas, was du nicht verstehst“, ist zentraler Distinktions-Treiber für Internet-Memes. Diese Polarisierung basiert auf einer digitalen Vorstellung von Identität. Meme legen offen, wie diese Vorstellung mit Hilfe von auf Abgrenzung optimierten Inhalten gesteigert werden kann. Denn wenn es in einem Konflikt nicht mehr um einen Wettstreit von Meinungen geht, sondern um den Ausdruck der innersten und ureigensten Identität, dann ist ein Kompromiss nahezu unmöglich. Man kämpft nicht mehr um eine gemeinsame Lösung, sondern verteidigt das eigene Selbstbild. Meme zeigen, wie diese Polarisierung die Präferenzen verschiebt und die notwendige Trennung von Politik und Person auflöst. Dabei werden sie für einen Prozess genutzt den man – erinnert sich noch jemand an die Umweltsau – als Spektakelpolarisierung bezeichnen kann.

… Teilhabe demokratisiert wurde.
Meme gibt es nur im Plural. Weil Meme nicht von Gatekeepern oder ausgewählten Stimmen formuliert werden, sondern theoretisch von allen. Am Beispiel von Memen lässt sich zeigen, wie das theoretische Recht auf Publikationsfreiheit zu einer praktischen Herausforderung wurde. Am Beispiel von Memen lässt sich aber auch zeigen, dass darin ein wunderbarer Zauber liegt. Meme sind auch deshalb nicht prognostizierbar, weil sich in ihnen der Kontrollverlust des digitalen Ökosystems zeigt. Es wäre falsch, dies einzig zu beklagen. Hier liegt auch eine große Chance. Denn zum einen finden so Stimmen Gehör, die zuvor jahrzehntelang ungehört blieben. Zum zweiten entstehen auf diese Weise auch neue Formen der politischen Kritik, die die Möglichkeiten des digitalen Ökosystems auf neue Weise nutzen. Ich bin sehr froh, dass Sarah Coopers Trump-Kritik noch Erwähnung im Meme-Buch finden konnten, denn sie zeigt für auf erstaunliche Weise, wie Kritik auch unter den veränderten Aufmerksamkeitsbedingungen möglich ist.

… die offene Gesellschaft überlegen ist.
Meme sind nicht nur Symbol für sich veränderende Prozesse. Meme sind an sich auch Beweis dafür, dass das Internet als grenzüberschreitende Verbindung gewonnen hat. Zwar mag es auf der Anwendungs-Ebene gerade von Kräften genutzt werden, die auf Abgrenzung, Nationalismen und Hass setzen, aber in seiner Grundstruktur sind das Netz und der Netz-Humor, der sich in Memen ausdrückt, nur möglich, weil die Idee der offenen, vernetzten Gesellschaft überlegen ist. Ich beschreibe in dem Buch ausführlich, wie rechte Kräfte Pepe the Frog kaperten und in der „Der Alt-Right Komplex“ genannten Ausstellung kann man sehen, wie diese Bewegungen an Kraft gewinnen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass das Internet in seiner Grundinfrakstruktur nur möglich ist, wenn man die Ideen von Abgrenzung und Hass hinter sich lässt. Meme als Ausdruck eines verbindenen Humors machen nicht nur Freude, sie sind auch der Beweis dafür, dass das Zeitalter der Ausgrenzung vorbei sein sollte.

Das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ ist diese Woche bei Wagenbach erschienen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das genannte Meme-Buch bestellen.

Shruggie des Monats: Gott*

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Woran denkst du wenn du an Gott denkst?

Marc-Uwe Kling hat diese Frage in seinen Känguru-Büchern auf eine wie ich finde gute Art beantwortet. Es gibt eine junge Frau, die sich „Gott“ nennt, was zu allerlei sprachlicher Verwirrung führt (Gott ist eine Frau und heißt Maria) und zu im Sinn dieser Rubrik sehr gutem Zweifel: Stimmt der erste Eindruck? Ist unser erlerntes Bild eigentlich richtig?

Genau diese Fragen stellt der Shruggie im Pragmatismus-Prinzip und genau diese Fragen hat die Katholische Studierende Jugend (KJS) in dieser Woche mit einer großen Kampagne aufgeworfen. Dabei verbinden sie die Einstiegsfrage mit der Debatte und das so genannten Gendersternchen und schlagen vor, Gott künftig nur noch mit Stern zu schreiben um damit daran zu erinnern, dass “ Gott* keinem Geschlecht oder anderen menschlichen Kategorien“ zuzuordnen ist. Deshalb wollen sie „das Denken über Gott* weiten, damit mehr Menschen Zugang zu einer umfassenderen Beziehung zu Gott* erreichen können. Mit dem Verweis auf die Übergeschlechtlichkeit Gottes* möchten wir darauf aufmerksam machen, was der Mensch Gott* andichtet.“

Ich bin kein Experte für den Diskurs innerhalb der katholischen Kirche, aber auch shruggieperspektive mag ich diesen Ansatz. Einerseits überspringt er die gegenwartsleugnende Debatte über eine geschlechtergerechte Sprache und andererseits weitet er tatsächlich den Blick und hilft das zu tun, was man „Reframing“ nennt: neue Perspektive einzunehmen. (Foto: Unsplash). Wie schwierig das manchmal ist, ist an der Kritik ablesbar, die gegen den Vorschlag angebracht wird. Eine Theologin stimmt hier beispielsweise der weiten Sicht auf Gott* zu, kommt aber zu dem Schluss, deshalb dürfe man kein Sternchen verwenden.

Ich hingegen mag die Kamapgne, die den Hashtag #whoisgodtoday trägt und finden den Perspektiv-Wechsel sehr sinnvoll. Ich frage mich mit Blick auf den Hashstag einzig: Was soll der Zeitbezug? Denn folgt man diesem neuen Blick, dann war Gott* doch schon immer was sie/er auch künftig sein wird: keiner Kategorie zugeordnet.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.