Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor und Vortragsredner (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (gerade ist das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ erschienen), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Aktuell überlege ich, einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die im Internet Zuhause sind. Hier kann man sich dafür eintragen

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

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Shruggie des Monats: Heuchelei

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wäre es scheinheilig, wenn die Umweltaktivisten Greta Thunberg mit dem Flugzeug reisen würde? Während sie medial begleitet über den Atlantik segelt (um das Fliegen zu vermeiden), wird genau die Frage nach der Heuchelei ausführlich diskutiert: Verhält sie sich privat womöglich anders als sie es politisch verlangt? Meinungsdetektive beobachten dies sehr genau – und werten alle Indizien als Beweis für das, was die Wikipedia als Hypokrisie definiert: das absichtsvolle Vermitteln eines Bildes, das nicht dem realen Selbst entspricht. Eben diese vermeintliche Heuchelei wollen sie auch entdeckt haben, wenn irgendwer ermittelt, dass grüne Bundestagsabgeordnete häufiger fliegen als andere. Das sei ebenso verlogen wie das Ergebnis der Erhebung, dass Wähler*innen der Grünen häufiger auf Flug-Reisen sind als AfD-Wähler*innen.

Diese Entdeckungen sollen als Argument dienen, um die vermeintliche Heuchelei der Klimaschützer zu belegen. Denn wenn die schon selber nicht tun, was sie politisch fordern, müssen sie ja verlogen sein – so der eher schlichte Gedankengang, der auf etwas abzielt, was der Shruggie als Namensgeber dieser Rubrik für problematisch hält: auf moralische Reinheit! Nur wer moralisch rein sei, solle fordern dürfen, so das zugrundeliegende Argument. Wer aber einzig den privaten ökologischen Fußabdruck einer Person heranzieht, um deren Argument zu überprüfen, ist dem süßen Gift der einfachen Antworten verfallen – und teilt die Welt vereinfachend nach einzig moralischen Kategorien ein. Nur wer auf der richtigen Seite stehe, so die verkürzende Annahme, könne auch Richtiges sagen. Das ist nicht nur gefährlich, es ist auch das Gegenteil von liberal. Denn die Idee einer freien Gesellschaft basiert darauf, dass die Menschen eben nicht moralisch rein, sondern fehlbar sind. Und weil wir unperfekt sind, gestehen wir einander zu, Fehler zu machen und unsere Meinung ändern zu dürfen – und zwar unabhängig davon wie nah wir dem vermeintlich wahren moralischen Kern kommen.

Diese Moralkritik gilt allerdings nicht nur für die so genannten Greta-Kritiker, sie gilt auch für die moralische Überlegenheit der Umweltschützer selber: Der Shruggie wäre deshalb sogar der Meinung, dass es der Sache und der Debatte nützen würde, wenn Greta Thunberg im SUV zum Flughafen fahren, einen Pappbecher-Kaffee durch den Plastikstrohhalm schlürfen und nach New York fliegen würde (Foto: unsplash). Laut atmosfair würde sie damit 3.719 Kilogramm CO₂ für Hin- und Rückflug aus Stockholm produzieren. Sie würde damit aber auch etwas reduzieren: den moralischen Druck, ausnahmslos alles stets richtig machen zu wollen oder zu müssen.

Der Shruggie glaubt fest daran, dass eine der zentralen Fähigkeiten für Zukunftsgestaltung darin liegt, Mehrdeutigkeiten auszuhalten – und man kann Ambiguitätstoleranz an wenig besser erklären als an dem Thunberg-Flug nach New York. Denn so problematisch man eine Flugreise finden kann, die Tatsache, dass Greta Thunberg beim Klimagipfel teilnimmt, ist so ein starkes Symbol, dass man selbst aus Umweltgesichtspunkten die 3800 Kilogramm CO₂ nicht ablehnen kann.

Die Dinge sind ganz selten einfach nur schwarz oder nur weiß. Sie sind nahezu immer in Abstufungen grau. Diese Abstufungen muss man aushalten lernen. Das ist der Zauber einer liberalen Demokratie: dass nicht nur einer Recht, sondern dass immer auch das Gegenteil Berechtigung hat. Diese Abstufungen sind die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Fortschritt – der auf politischer Ebene geschaffen wird. Denn natürlich ist es klimapolitisch viel bedeutsamer, dass auf institutioneller Ebene ein schneller Kohle-Ausstieg, die Verkehrswende und die Unterstützung erneuerbarer Energien beschlossen wird (hier die inhaltlich-politischen Forderungen von „Fridays for Future“ nachlesen). Zumindest ist das die Überzeugung in der liberalen Grundhaltung des Shruggie: dass eine freie Gesellschaft sich schrittweise und in Kompromissen auch durch ihre Institutionen verbessert. Es wird sich nicht das absolut Reine und Wahre durchsetzen können, sondern der gesellschaftliche Kompromiss. Der US-Autor Adam Gopnik beschreibt diese Entwicklung über den Wert vermeintlich kleiner Handlungen in seinem Buch „A Thousand Small Sanities“. Das sind dann kleine (Fort-)Schritte, aber eben Fortschritte.

Womit wir wieder beim kleinen Akt der privaten Flugreise sind: Natürlich kann es sinnvoll sein, wenn jede und jeder weniger CO₂ ausstößt, aber eben aus privaten Gründen nicht aus moralischer Überlegenheit. So würde sich in doppeltem Sinne das Klima verbessern – jenes in der Debatte und auch die Umwelt. Denn Klimaschutz braucht mehr Politik und weniger private moralische Zeigefinger.

¯\_(ツ)_/¯

P.S.: Wer sich für das Thema interessiert, kann drüben bei der SZ den kostenlosen Newsletter abonnieren: unter klimafreitag.de schreiben meine Kollegen Marlene Weiß, Pia Ratzesberger, Alex Rühle und ich wöchentlich zum Thema

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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Handeln vs. Sein (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer besser werden will, muss sich überfordern. Deshalb lobt der Shruggie die Überforderung und deshalb ist der Sport eine gute Metapher für die Anstrengungen im demokratischen Diskurs. Denn wer besser streiten will, muss dafür aus der Komfortzone heraustreten – sich also selber überfordern. Das funktioniert wie ein Trainingsimpuls beim Sport. Es ist anstrengend, aber notwendig um besser zu werden.

Ich habe hier schon mal angedeutet, dass ich glaube, „dass Demokratie wie ein Muskel funktionieren kann. Ich glaube, dass sie unter Belastung stärker werden kann. Wenn rechtspopulistische Parteien in Parlamente einziehen oder Extremisten unterschiedlicher Prägung den Pluralismus und die Freiheit in Frage stellen, dann ist das eine Belastung für die Demokratie – wie ein langer Lauf eine Belastung für die Muskulatur ist. Es ist anstrengend, aber nicht das Ende. Die Muskulatur wird gefordert, wenn man sich die Kräfte aber gut einteilt, wird sie dadurch stärker.“ Heute möchte ich eine konkrete Fitness-Übung vorstellen, die mir in den zahlreichen Debatten der vergangenen Wochen als hilfreich aufgefallen ist. Sie geht über das reine Rechthaben hinaus. Denn in der Sport-Metaphorik gesprochen bedeutet Recht zu haben, einzig in dem Bereich zu trainieren, der nicht anstregend ist. So wird niemand besser.

Ein zentrales Problem in vielen Auseinandersetzungen ist, dass wir im Streit häufig vergessen, zwischen Menschen und Meinungen zu unterscheiden. Wenn jemand beispielsweise eine doofe Meinung vertritt, halten wir häufig auch den Menschen für doof. Dabei ist eine der wichtigeren Errungenschaften des demokratischen Diskurses, dass wir zwischen dem Verhalten oder der Meinung eines Menschen und seiner Person trennen können. Jemand kann persönlich sehr nett sein, aber doofe Meinungen vertreten. Jeanne Safer hat dazu gerade ein Buch veröffentlicht, das den passenden Titel trägt: „I Love You But I Hate Your Politics“. Dabei geht es um Liebesbeziehungen, die von unterschiedlichen politischen Meinungen geprägt sind. Von einer vergleichbaren Herausforderung handelt auch der Ted-Talk der beiden Nachbarinnen Caitlin Quattromani und Lauran Arledge , die unterschiedlicher politischer Meinung und dennoch befreundet sind.

Dies ist nur möglich, weil sie zwischen dem Menschen und der Meinung differenzieren können. Und das kann man üben. Dafür muss man im Streit daran denken, dass die Person gegenüber vielleicht gerade Quatsch redet, aber nicht Quatsch ist. Es ist wichtig zwischen dem Handeln und dem Sein zu unterscheidet. Das klingt komplizierter als es ist. Es basiert sehr banal darauf, dass man den Gedanken „Du sagst eine mir widersprechende Meinung, Du bist doof“ ersetzt durch „Du sagst eine mir widersprechende Meinung, Du verhältst dich falsch“ . Hinter dieser kleinen sprachlichen Unterscheidung verbirgt sich ein großer Streit-Fortschritt: Wir müssen im Streit nämlich nicht mehr um uns als ganze Person kämpfen, sondern einzig um unsere Meinung. Wir greifen die widersprechende Person nicht mehr als Menschen an (du bist…), sondern lediglich in ihrem Handeln (du verhältst dich…). Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem, was wir sind und dem, was mir meinen und tun. Beides hängt zusammen – vielleicht vergleichbar mit dem Schatten und zugehörigen Personen oben auf dem Unsplash-Bild – ist aber doch unterschiedlich. Denn Meinungen darf man ändern!

Wenn mir jemand im Streit sagt „Du bist ein Arsch“ ist das eine feste Zuschreibung meiner Person. Wenn ich höre „Du verhältst Dich arschig“ habe ich die Option, mein Handeln zu verändern. Das eröffnet mir die Möglichkeit, mich zu verbessern.
In dieser Option, kommt ein offenes Menschenbild zum Ausdruck, das zunächst mal davon ausgeht, dass wir als Menschen gleiche Rechte haben und von gleichen Hoffnungen und Sorgen geprägt sind. Dieses Menschenbild begründet deshalb auch, wo die Grenzen der Toleranz sind: nämlich da, wo Menschenverachtung zum Ausdruck kommt. Denn darum geht es am Ende: Verachtung zu vermeiden! Streit gelingt dann, wenn er ohne Verachtung auskommt. Um auf diese Weise zu streiten, kann es extrem hilfreich sein, widerstrebende Ansichten als Meinung abzulehnen – aber nicht den Menschen dahinter; als Zeichen für eine menschliche, lebenswerte Demokratie.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge zum Thema Streit erschienen- z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Meinungsvirus“ (Januar 2019) „Was wäre, wenn Seehofer Recht hätte“ (September 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

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Zeit für zivilen Ungehorsam: Greta Thunberg und The 1975

Was für ein Bild! Im Polaroid-Stil fotografiert von Jordan Curtis. Es zeigt Greta Thunberg an einer grauen Wand lehnend. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt. Eine Converse-Mashup-Kopie. „Antifa Allstars“ steht da. Schwarz auf weiß. In der Mitte ein schwarzer Stern. An Gretas Schulter lehnt ein junger Mann. Gelbes T-Shirt, strubbeliges Haar. Er wirkt fast kleiner als sie. Matty Healy ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Band The 1975. Und alles auf diesem Bild ruft: Das hier ist Pop! Pop des Jahres 2019, aus dem Jahr, in dem das Klima politisch wurde. Dabei verströmt es – natürlich wegen der Polaroid-Ästhetik – die Aura eines augenblicklichen Klassikers.

Die Band The 1975 hat das Bild auf Instagram gepostet. Man kann es auf allen relevanten Musikportalen sehen – als Bebilderung für die Zusammenarbeit zwischen der schwedischen Klima-Aktivistin und der britischen Band. Denn diese ist in Wahrheit noch beeindruckender als das Bild (das aber nicht zu unterschätzen ist). Und das liegt nur oberflächlich daran, dass hier eine Zusammenarbeit im Sinne eines musikalischen Features vorliegt. Auch die These, dass Musik die Welt verändern kann, trifft in diesem Fall nicht unbedingt zu. Denn der Song ist im klassischen Sinn kein Song und er wird auch die Lücke der musikalischen Begleitung der „Fridays-for-Futures“-Bewegung nicht füllen. Diese Kooperation ist mehr und sie ist etwas anderes. Sie ist eben Pop des Jahres 2019.

Es ist eine Kollaboration, die die neuen digitalen Aufmerksamkeitsregeln des Musikbusiness erstmals bzw. erstmals so deutlich für politische Anliegen nutzt. Klar, wir haben in den vergangenen Monaten immer mal wieder darüber gesprochen wie der Entzug von Aufmerksamkeit als politisches Signal gewertet werden kann. Aber hier geht es ja um das genaue Gegenteil: Hier drängt ein politisches Thema in die Liste der Neuveröffentlichungen, die aktive Spotify-Nutzer*innen jeden Freitag augespielt bekommen. Im Release Radar gibt es in dieser Woche sehr direkte Politik, vorgestragen, in einem Song, der einzig aus einem politischen Appell von Greta Thunberg besteht. Zu sehr zurückgenommenen orchestralen Klängen spricht sie ihren Text ein. Das ist Pop, der auf Codes und Anspielungen fast vollständig verzichtet. Der Text, den Greta Thunberg spricht, ist eine klare politische Aufforderung. Keine Zwischentöne, keine Anspielungen, direkter politischer Appell.

Pop des Jahres 2019? In jedem Fall Politik im Jahr 2019.

Im Guardian analysiert Laura Snapes die Zusammenarbeit jedenfalls genau in diese Richtung

They may not be the world’s most commercially successful band, but – with their stylish aesthetic, unfiltered intimacy with fans and success with a post-genre mix of everything from soft rock to emo – they are one of the most mimicked, and so Thunberg’s message could spread far beyond their network. Spotify’s recommendation algorithms work by assigning thousands of intricate data points to every song, then using that data to link a track you already like, to another one you haven’t heard but would probably like as well.

Das klingt stimmig: die politische Aktivistin, die von den Popularität der Band profitiert. Aber spätestens, wenn man auf die Website kommt, die The 1975 zur ersten Single ihres neuen Albums geschaltet haben, kann man die Frage auch andersrum stellen: Ist das Werbung für eine politische Bewegung? Oder ist es nicht eher Werbung für die Band? Denn auf der Website steht nichts von Extention Rebellion, der Bewegung, der Greta Thunberg die Einnahmen spenden will. Auf der Website steht einzig ein Submit-Feld für die Mailingliste der Band. Damit man informiert werden kann, wenn im Frühjahr das neue Album erscheint. Auch das ist Pop der Gegenwart. Ein Newsletter.

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Musik als Meme und Mashup: Was der Sommerhit „Old Town Road“ übers Internet erzählt

Ich habe den Verdacht bei der Analyse der musikalischen Jahresrückblicke 2018 schon mal geäußert: Die Spitze der Charts ist zwar populär, aber nicht zwingend bekannt. Man kann das jetzt gerade an einem Lied sehen, das die allermeisten Menschen für den Sommerhit 2019 halten. Es ist ein Song, der vor ein paar Tagen rekordausgezeichnete 143 Millionen Mal pro Woche gestreamt wurde. Er stand mehrere Wochen in Deutschland an der Spitze der Charts und in den USA noch immer. Und trotzdem ist der Song in meinem Umfeld nahezu unbekannt. Ich glaube allerdings, dass das weniger über mein Umfeld als über das sich ändere Pop-Umfeld aussagt – wie hier am Beispiel von RAF Camora schon mal erläutert.

Das Besondere an Old Town Road, das selbst ein Remix der 2018 produzierten Vorlage ist, ist nicht nur, dass Miley Cyrus‘ Vater, der Country-Sänger Billy Ray Cyrus mitsingt. Es ist die durch und durch digitale Darstellungs- und Distributionsform (dass der Erfolg von Lil Nas X auch Auslöser für größere Debatten in den USA war, hat Jan Kedves hier in der SZ aufgeschrieben). Das Lied, das u.a. ein Banjo-Sample aus dem Nine-Inch-Nails-Song „34 Ghosts IV“ nutzt, verbreitete sich fast schon wie ein Meme durchs Netz. Es wurde zur Vorlage für eine Challenge auf Tiktok, über die Alyssa Abereznak in einer lesenswerten Analyse schrieb:

The song’s Wild West imagery struck a chord among its young users, inspiring them to include it in 15-second challenge videos where they cosplayed as cowboys. The groundswell of enthusiasm on the social network bled out into the public and eventually launched the song to the top of the Billboard Hot 100 chart.

An dieser Chartspitze steht Old Town Road noch immer und schickt sich an zum erfolgreichsten Song in der Geschichte der Billboard-Charts nach dem 1942-Hit „White Christmas“ zu werden. Daran ist nicht nur interessant, dass ihm dieses Kunststück quasi abseits einer Aufmerksamkeit in den Bereichen gelingt, die man früher Mainstream genannt hätte. Der Erfolg basiert neben der memetischen Verbreitung in z.B. Tiktok auch auf dem Prinzip der Kopie und des Remixes. Heute wurde der 79ste Remix des Liedes veröffentlichte, zu dem Rapper Lil Nas X das Versprechen twittert, dies sei nun aber versprochen der letzte Remix.

Erstaunlich ist dieser angeblich letzte Remix weil er von jemanden gefertigt wurde, der im deutschen Mainstream noch unbekannter ist, dem Song aber einen enormen Schub garantieren wird. Es handelt sich um den Rapper Kim Nam Joon, der unter dem Namen RM Kopf der K-Popband BTS ist. Die Boyband ist nicht nur in Südkorea äußerst populär und wird mit dem Remix, der den Namen Seoul Town Road trägt und ein südkoreanisches Gartenwerkzeug namens Homi referenziert, dafür sorgen, dass Lil Nas X auch in Asien noch bekannter wird.

Diese Form des musikalischen Netzwerks ist nachvollziehbar, sie zeigt aber vor allem sehr konkret, wie die Digitalisierung eine Entwicklung beschleunigt hat, die man als Weg vom Werk zu Netzwerk bezeichnen kann. Es geht nicht mehr einzig um den Song, der als unveränderliches Werk in der Mitte stehen soll, es geht um das Netzwerk und die Bezüge drumherum. Es wird kopiert und referenziert, um Bekanntheit in unterschiedlichen Märkten zu schaffen. Die Kopie als Treiber der Remix-Kultur ist selbstverständliche Grundlage des Erfolgs. Keiner der Beteiligten will die Kopie bekämpfen, es geht im Gegenteil darum, möglichst viele Kopien und Remixes zu fertigen, weil diese Aufmerksamkeit nach sich ziehen.

Und dass all das nahezu abseits dessen stattfindet, was man mal als Mainstream bezeichnet hat, macht die drei digitalen Lehren aus „Old Town Road“ noch interessanter:

1. Die Kopie ist die Grundlage digitaler Kultur
2. Kultur verflüssigt sich, besteht immer mehr aus Referenzen
3. Die Idee von Mainstream löst sich dabei auf.

Shruggie des Monats: die Meinungsbremse

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre? Diese wichtigste Frage aus dem Pragmatismus-Buch will ich heute aus aktuellem Anlass auf ein Thema anwenden, bei dem sich offenbar alle einig sind: auf Online-Debatten! Ich frage mich: Was wäre eigentlich wenn Debatten im Internet zivilierter wären als jene im echten Leben – wie Menschen ohne gedanklichen Zugang es nennen? Ist das vorstellbar, dass das Internet ein Ort für hochwertige Debatten ist?

Ich glaube daran immer noch und immer wieder. Und vielleicht erleben wir gerade eine Art Wendepunkt in der Frage, wie wir Online-Kommentare bewerten. Instagram hat in dieser Woche ein neues Feature angekündigt, das die Debatte über Debatten verändern könnte. Man könnte es sehr banal als Meinungsbremse beschreiben. Es handelt sich um eine bewusste Verlangsamung des Affekts, den Menschen kennen, die sich schon mal gestritten haben. Im Streit sagt man Dinge, die einem danach leid tun. Genau an dem Punkt will Instagram ansetzen und zwei Dinge ermöglichen, die das so genannte echte Leben nicht bereit hält.

In besonderen Fällen will die Plattform wenige Sekunden Meinungsfreizeit verschenken, ein paar Augenblicke vor dem Abschicken eines womöglich hasserfüllten Beitrags, in denen Nutzer*innen gefragt werden: Willst du das wirklich posten? Es handelt sich dabei um eine kleine Hürde, die womöglich sehr hilfreich sein kann. Jedenfalls kann man auf den Gedanken kommen, wenn man dieses Gespräch zwischen Arthur Brooks und Simon Sinek anhört, in dem sie genau eine solche Meinungsbremse empfehlen (interessanter Nebenaspekt: Brooks empfiehlt sogar einen vergleichbaren Trick für streitende Paare. Bevor man sich gegenseitig kritisiert, soll man fünf Dinge in Erinnerung rufen, die man an dem oder der anderen mag).

Außerdem soll es für gewisse Kommentare auf Instagram eine Option geben, die auch Google unlängst für Mails eingeführt hat: wenige Augenblicke, in denen man die Zeit zurückdrehen bzw. eine E-Mail zurückholen kann. Wer also einen blöden Kommentar gepostet hat, soll in die Lage versetzt werden, diesen schnell und einfach wieder aus der Welt zu schaffen.

Beide Ansätze werden vielleicht nicht alle Probleme lösen, die sich rund um die Debatte um Online-Debatten ranken. Sie sind aber deshalb äußerst bemerkenswert, weil sie im besten Shruggie-Sinn die Perspektive drehen: Sie schaffen Möglichkeiten, die es außerhalb des Netzes so nicht gibt. Und diese Möglichkeiten öffnen vielleicht tatsächlich neue Räume, in denen wir dereinst sagen werden: Das ist so ein heikles Thema, das sollten wir besser online besprechen. Dort haben wir mehr Möglichkeiten zur zivilisierten Debatte.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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#internetbriefmarke (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer herausfinden will, was diesem Land wichtig ist, muss sich Briefmarken anschauen. Die so genannten Postwertzeichen sind nämlich weit mehr als das reine Porto für den Transport von Briefen, Pakten und Postkarten. Durch so genannte Sondermarken werden Briefmarken zum Ausdruck von Wertschätzung und öffentlicher Erinnerungskultur.

So gibt es in diesem Land zum Beispiel Postwertzeichen, die die Deutsche Brotkultur würdigen oder das Farbfernsehen. Es gibt Dauerserien wie jene, die Blumen wie das Wiesenschankkraut zeigt oder jene, die Legendäre Olympiamomente in Erinnerung halten möchte.

Es gibt allerdings keine Marke, die das Digitale würdigt. Zumindest habe ich in Deutschland keine gefunden*. Ist Österreich ist gerade eine Blockchain-Briefmarke auf den Markt gebracht worden, aber in Deutschland habe ich etwas Vergleichbares nicht entdeckt. Das ist merkwürdig, denn das Bundesfinanzministerium erklärt auf seiner Website:

Das Ziel aller Marken-Ausgaben ist, wichtige historische und aktuelle Ereignisse, bedeutende Persönlichkeiten und „runde“ Jubiläen in Deutschland zu würdigen. Auch die verschiedenen Regionen sowie bedeutsame gesellschaftspolitische Themenfelder sollen ausgewogen und breit gefächert vertreten sein.

Ich würde annehmen, dass das Internet ein bedeutsames gesellschaftspolitische Themenfeld ist, dessen Würdigung auf einem Postwertzeichen angezeigt wäre. Weniger bürokratisch formuliert: Warum gibt es eigentlich keine Briefmarke, die das Internet würdigt?

Wir als Gesellschaft verdanken dem Internet sehr viel. Es hat uns gezeigt, dass multikulturelle Zusammenarbeit über Landes-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg möglich ist. Die grundlegende Infrastruktur des Internets hat bewiesen, dass die Idee von Abgrenzung, Nationalismus und Rassimus ein überholtes Konzept ist. Menschen können sich hier verbinden, Wissen austauschen und vermehren und völlig neue Ideen entwickeln. All das ist wertvoll und bedeutsam. Leider vergessen wir das in der täglichen Nutzung nicht nur, es wird auch oft absichtsvoll übersehen. Der gesellschaftspolitische Wert des Internet für eine offene Gesellschaft sollte deshalb an einem Ort gewürdigt werden, der auch für Netzskeptiker bedeutsam ist. Deshalb haben wir vor kurzen das Projekt Internet-Straße gestartet** – und deshalb werde ich am Ende des Sommers einen Brief ans Bundesfinanzministerium schreiben und darum bitten, das Internet auf mindestens einer Briefmarke zu würdigen (besser noch wäre eine ganze Serie, die auch die Möglichkeit bieten würde, Einzelaspekte wie die Netzneutralität, Emojis oder die Memekultur zu würdigen).

Die Entscheidung über die thematische Auswahl für Sondermarken trifft in Deutschland der Bundesminister der Finanzen. Das ist aktuell Olaf Scholz. Und sollte der SPD-Politiker dieses Amt auch im Herbst noch ausüben, wird ihm der Programmbeirat hoffentlich meinen Vorschlag vorlegen, eine Internet-Briefmarke aufzulegen. Denn leider ist das Verfahren für die Sondermarken etwas zäh: Jeweils im Herbst wird für das übernächste Jahr entschieden, welche Themen auf einem kleinen gezackten Wertzeichen gewürdigt werden.

Für das Jubliläum 50 Jahre Internet sind wir also leider zu spät dran.
Deshalb brauche ich Eure Hilfe: Unter dem Hashtag #internetbriefmarke würde ich gerne Argumente für das Internet auf Briefmarken sammeln. Vielleicht liest hier sogar jemand mit, die oder der eine Idee für das gestalterische Motiv für die Internet-Briefmarke hat. Bitte schicke mir deine Vorschläge oder poste sie unter dem Hashtag #internetbriefmarke!! Ich nehme alle Beiträge, Likes, Retweets mit auf, um der Bitte beim Finanzministerium Nachdruck zu verleihen.

Dann kann es vielleicht klappen, dass das Internet auf einer Briefmarke gewürdigt wird. Verdient wäre es!

* Dieser ganze Beitrag ist natürlich ein bisschen überflüssig, wenn es bereits eine solche Marke geben sollte oder sie in den nächsten Tagen auf den Markt kommt. Sollte das sein bzw. passieren, möchte ich diesen Beitrag als unbedingten Support für diese Marke verstanden wissen ;-)

** Wer mehr Argumente für die Web-Würdigung sucht, kann auf Internet-Straße nachlesen oder dort sogar mitmachen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich auch schon häufiger mit dem gesellschaftlichen Wert des Internet befasst habe – z.B. „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018) oder „Heimatverein für das Internet“ (Oktober 2017). Hier kann man den Newsletter kostenfrei bestellen – und hier kann man meine Gebrauchsanweisung für das Internet lesen.

Nachtrag: Nicola Wessinghage hat Briefmarken mit Beispielmotiven erstellt

Shruggie des Monats: Das größte dezentrale Denkmal der Welt

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich weiß nicht, wie der Boden vor dem Wohnhaus von Walter Lübcke in Wolfhagen-Istha beschaffen ist. Ich habe keine Ahnung, ob es dort möglich ist, einen Betonwürfel von 100 Millimetern Höhe in den Boden einzulassen. Ich finde aber man könnte darüber nachdenken. Der Künster Günter Demnig verlegt seit 1992 solche so genannten Stolpersteine – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in 23 weiteren europäischen Ländern. (Foto: Axel Mauruszat, via Wikipedia; Stolperstein für Else Liebermann von Wahlendorf, Budapester Straße 45, Berlin)

Demnig erinnert mit seinem Projekt an die Opfer der NS-Zeit. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig auf der Website den Talmud. Und ich finde, Walter Lübcke, der nach allem, was man heute weiß von einem Nazi ermordert wurde, sollte nicht vergessen werden. Man sollte sich an seinen Namen erinnern. Er sollte vielleicht sogar als Name für eine Stiftung gegen den Hass, für Verständigung und die christlichen Werte von Nächstenliebe und Toleranz dienen (auf die sich perfider Weise gerade diejenigen berufen, die seinen Tod herbeiwünschten und bejubelten). Vielleicht fühlt sich gar die hessische Landesregierung berufen, Walter Lübcke zum Namensgeber für ein Bildungsprojekt zu machen, das Menschen davor bewahrt so verblendet und rechthaberisch zu werden, dass sie über ihre politische Meinung die grundlegende Menschlichkeit vergessen.

Mir scheint es in jedem Fall passend in dem Monat, in dem Deutschland von dem Mord an Lübcke erschüttert wird, an des Projekt von Gunter Demnig zu erinnern. Den Stolpersteinen ist mit dieser Form des vernetzten Gedenkens etwas geglückt ist, was die FAZ mal als „das größte dezentrale Denkmal der Welt“ bezeichnet hat. Über 70.000 Steine haben Demnig und seine zahllosen Helfer*innen bereits verlegt – und damit über 70.000 Zeichen gesetzt gegen die schreckliche Geschichte von Nazi-Deutschland.

Diese Form des vernetzten Protests passt zu den Ideen des Shruggie. Denn es ist kein teilnahmsloser Protest, es ist ein aktives Eingreifen und Erinnern. Und es ist dezentral und vernetzt. Es ist auf eine erstaunliche Weise digital – wenngleich die Steine genau das nicht sind (es wäre in der Tat spannend, über eine digitale Nutzung nachzudenken, die nicht nur Pokemon-Go-Spieler*innen nutzt).

Auf der Stolpersteine-Website steht unter dem Punkt „Spenden“

Stolpersteine werden in der Regel über Patenschaften finanziert. Wenn Sie Pate eines Stolpersteines werden möchten, wenden Sie sich an die entsprechende Stadt und schreiben Sie die dortige Initiative an. Einen Überblick aller Initiativen finden Sie unter „Kontakt“.

Man kann das Projekt aber auch ganz banal mit Geldspenden unterstützen!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

loading: Radentscheid München

München soll für Radler schöner und sicherer werden – heißt es im Crowdfunding-Video vom Radentscheid München. Dafür wollen die Radfahrer*innen demonstrieren: auf der 1. Münchner-Rad-Ring-Demo am Sonntag in der bayerischen Landeshauptstadt. Die Kosten für die rollende Demo sollen unter anderem mit einer Crowdfunding-Kampagne auf Startnext gedeckt werden.

Eva Heidenfelder hat gemeinsam mit Sofie Langmeier die Crowdfunding-Kampagne organisiert und beantwortet hier den loading-Fragebogen.

Was macht ihr?
Seit Ende März sammeln viele fleißige und passionierte Radlerinnen und Radler Unterschriften für ein Bürgerbegehren, das die Situation für Radelnde in München sicherer und angenehmer machen soll. Dafür braucht es beispielsweise breitere Radwege, die klar gekennzeichnet sind oder mehr Abstellmöglichkeiten. Ein weiteres Begehren fordert einen geschlossenen Radring um die Altstadt, da besonders in der Innenstadt die Situation für Radlerinnen und Radler ausbaufähig ist. Und natürlich spielt auch eine große Rolle, dass Radeln ökologischer und ökonomischer ist. Initiiert wurde das Begehren von Bündnis 90 Grüne München, ödp, Die Linke, Bund Naturschutz, ADFC München und Green City. Die Motivation hinter dem Begehren: Der Slogan „Radlhauptstadt“ soll endlich mit Leben erfüllt und München eine Vorbildstadt in punkto Radverkehr für die ganze Region werden. Denn bislang gab es von Seiten der Stadtoberen aus unserer Sicht nur Lippenbekenntnisse. Mindestens 35.000 Unterschriften braucht jedes der beiden Begehren, damit der Stadtrat sich damit befasst. Bis diesen Sonntag, 30. Juni sammeln wir noch die Unterschriften und es sieht gut aus, dass wir das nötige Quorum erreichen. Wie beim Volksbegehren für Artenvielfalt heißt es jedoch auch hier: Jede Stimme zählt! Um unseren Ideen noch einmal Gewicht zu verleihen, wollen wir am 30. Juni zum Ende der Sammelfrist zu Tausenden mit dem Radl auf den Mittleren Ring – dort, wo sonst nur Autos fahren dürfen. Die 1. Münchner-Rad-Ring-Demo kostet aber natürlich viel Geld, wir rechnen mit etwa 10.000 Euro für Bühne, Banner und Musik.

Warum macht ihr es (so)?
Ich bin seit April Mitglied im AK Fundraising, wo zähe Kollegen bereits einige Großspenden für uns sammeln konnten und wir haben auch auf vielen Veranstaltungen rund um den Radentscheid gesammelt, wo viele in ihren Möglichkeiten sehr großzügig waren. Da waren aber vor allem immer wieder die gleichen Unterstützerinnen und Unterstützer und wir haben überlegt, wie wir noch viel mehr Leute erreichen können, die vielleicht auch noch gar nichts vom Radentscheid und der Ring-Demo wissen, obwohl sie uns unterstützen würden. Ich selbst bin viel im Netz unterwegs und spende auch regelmäßig an Crowdfunding-Kampagnen für gemeinnützige Zwecke. Und meiner Erfahrung nach funktioniert das bekannte afrikanische Sprichwort „Viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ gerade beim Crowdfunding super. Wir haben uns allerdings gegen betterplace entschieden, weil dort keine Dankeschöns verteilt werden konnten. Und wir wollten unseren Unterstützerinnen und Unterstützern gerne eine kleine Anerkennung zukommen lassen :-)

Wie geht es weiter?
Unser erstes Fundingziel über 5.000 Euro haben wir bereits nach gut einer Woche am 20. Mai geknackt. Wir hatten viele positive Rückmeldungen, die Leute waren richtig heiß darauf, uns zu unterstützen. Da die Laufzeit des Crowdfunding mit nur drei Wochen recht knapp ist (wir konnten aus organisatorischen Gründen nicht früher starten), wollten wir auf Nummer sicher gehen. Denn ist das erste Fundingziel nicht erfolgreich, geht das Geld an die Unterstützerinnen und Unterstützer zurück, das gilt allerdings nicht für das zweite Fundinguziel. Nun wollen wir trotzdem natürlich noch bis 28. Juni noch die restlichen 5.000 Euro einsammeln. Und wenn wir sogar über die 10.000 Euro kommen, kommt der zusätzliche Ertrag allen Veranstaltungen rund um den Radentscheid zugute. Ich bin sehr gespannt, ob wir es schaffen, nach der anfänglichen Euphorie lief es etwas zäh, aber jetzt haben wir wieder an Fahrt aufgenommen. Vor allem das Radentscheid-Radler (siehe Bild) sollte sich jeder über 16 bei diesen Temperaturen noch als kleine Erfrischung sichern ;-) „Die Unterschriftenlisten für den Altstadtring wurden übrigens bereits gestern im KVR abgegeben. Bei beiden Bürgerbegehren, dem Radentscheid München und dem Altstadt-Radlring, sind zusammen bereits über 100.000 Unterschriften zusammen gekommen. Allerdings kann bis zum 30.06. weiter unterschrieben werden, es wird für beide Begehren weitergesammelt. Nach der Ring-Demo werden alle Unterschriftenlisten zur Auszählung an das KVR übergeben, damit die beiden Begehren am 4. Juli Oberbürgermeister Dieter Reiter übergeben werden können und noch in diesem Herbst darüber abgestimmt werden kann, sofern der Stadtrat sie nicht sowieso sofort durchwinkt.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Viele glauben, dass Radfahren in München schon recht sicher und komfortabel sein. Aber man sollte nicht immer in andere große Städte wie Frankfurt, Berlin,Köln oder Hamburg schauen mit der Aussage, dass es dort noch „schlimmer“ sei. Es geht doch immer noch besser – siehe Amsterdam oder Kopenhagen. Und sowohl beim Unterschriften- als auch Spendensammeln habe ich wiederum immer wieder gehört, dass viele gerne mehr mit dem Fahrrad in München unterwegs wären, sich aber nicht sicher fühlen und auch nie wissen, wohin mit ihrem Radl. Da geht die Wahrnehmung weit auseinander. Dass Autos teuer sind, viel Platz brauchen und umweltschädlich sind, darin sind sich auch immer alle einig, aber viele sagen eben auch, sie sehen momentan keine Alternative. Aber ein Blick auf die Hauptverkehrsadern der Stadt zur Rushhour zeigt doch jedem, dass es eine Alternative gibt. Übrigens hat die Initiative Munich Ways vor kurzem eine Studie vorgestellt, dass auch die Infrastruktur fürs Rad wesentlich kostengünstiger ist, als fürs Auto – Stichwort: Steuern sinnvoll einsetzen – nur zu Fuß gehen ist kostengünstiger.

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PS: Mehr zum Thema „Rad in der Stadt“ – Daniela Becker erklärt, wie sie Radl-Botschafterin wurde, drüben bei Heiko im Blog gibt es ein spannendes Interview mit einem Radpendler und Alex Rühle hat dieses Essay in der Wochenend-Ausgabe der SZ geschrieben.

Das Internet und die Sache mit Pfingsten

Was heißt eigentlich Pfingsten? Ich muss diese leicht pastorale Frage stellen, weil ich an diesem Wochenende darauf gestoßen wurde, dass der tiefere Sinn dieses christlichen Festes offenbar nicht mal der CDU-Vorsitzenden geläufig ist. Darauf gekommen bin ich als ich erst Karl Popper und dann Annegret Kramp-Karrenbauer gelesen habe. Nun sollte man meinen, dass die Vorsitzende der christlichen Union mehr für den Heiligen Geist übrig haben sollte als der Philosoph – aber was zählen schon Annahmen und Spekulationen?

Das Pfingstfest (Symbolbild: Unsplash), so fasse ich im Sinne des Internet-Themas mal grob verkürzend zusammen, „ist in gewisser Hinsicht das internationale und multikulturelle Kirchenfest.“ So beschreibt es die Seite katholisch.de und ergänzt: „Pfingsten ist das Wunder des Grenzen überschreitenden Verstehens, quasi die Anti-Geschichte zum Turmbau zu Babel, als Gott den Menschen der Bibel zufolge als Strafe für ihren Hochmut verschiedene Sprachen gab. Dieser Heilige Geist, der auf die Jünger herabkam, schuf die Einheit der Gläubigen und hob die Kirche aus der Taufe – manch einer spricht sogar vom „Geburtstag der Kirche“.“

Selbst wer sich weniger für den heiligen bzw. christlichen Bestandteil dieses Festes interessiert, wird eine gewisse Parallele zum Internet bemerken. Dieses stellen viele – an diesem Wochenende erst die CDU-Vorsitzende – als Stimmengewirr teils anonymer Stimmen dar, die ausführlich aneinander vorbei reden – eine „confusio linguarum“ wie man als lateinprotzender Schreiber die babylonische Sprachverwirrung bezeichnen könnte. Das Pfingstfest ist im christlichen Sinn sowas wie der Gegenentwurf zu dieser im Turmbau zu Babel beschriebenen Verwirrung und dem damit verbundenen Hochmut der Menschen. Vielleicht ist das Pfingstfest gar eine Antwort auf die Frage, wie man eigentlich mit all den Beschimpfungen und ja auch dem Hass im Internet umgehen soll. Denn was „Wunder des Verstehens“ gelingt im christlichen Sinn nicht dadurch, dass eine zentrale Instanz eingeführt wird, die von jeder und jedem Beitragenden in einem irrsinnig bürokratischen Prozess den Klarnamen überprüft und damit oft das Gegenteil von Verstehen erschafft (was Kramp-Karrenbauer gerade mal wieder gefordert hat). Das Wunder des Verstehens gelingt durch den Geist, der im christlichen Sinn als „heilig“ beschrieben wird.

Im liberalen Sinn kann man diesen Geist als vielfältig, plural oder divers beschreiben. Es ist ein Geist der Offenheit und der Toleranz, wenige Tage nach dem 70sten Verfassungsgeburtstag darf man das sagen: Es ist ein Geist der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Bei Karl Popper kann man nachlesen, wie dieser Geist entstehen kann, wenn Menschen unterschiedlicher Sprachen und Ansichten sich begegnen: in dem sie diese Vielfalt nicht abzuschaffen versuchen, sondern sie akzeptieren und ja sogar begrüßen. Popper geht sogar soweit zu fordern: „Hätte es keinen Turm von Babel gegeben, dann müsste man ihn erfinden.“ Denn aus einer offenen Haltung der Toleranz heraus, kann Verständnis entstehen. Das setzt aber die shruggieartige Perspektive auf die Welt voraus, dass man selber falsch liegen könnte. Bei Popper heißt das: „Der Wert einer Diskussion hängt geradezu von der Verschiedenartigkeit der konkurrierenden Meinungen und Ansichten ab.“

Wenn man dieser Grundannahme folgt, ist es völlig egal, ob Rezo diesen Namen im Pass eingetragen hat oder nicht. Es geht darum, die konkurrierenden Ansichten nicht nur zu akzeptieren sondern zu suchen. Es geht darum, einen Geist der Auseinandersetzung zu entwickeln, der von Offenheit und Respekt geprägt ist. Denn nur wenn dieser Geist entsteht, kann es zu einer geglückten Interaktion kommen (btw. Jürgen Habermas wird dieser Tage 90 Jahre alt). Vielleicht sollte man mehr Energie darauf verwenden, diesen Geist zu trainieren, den man auch sehr simpel Streitkultur nennen könnte.

Popper formuliert in den „Vermutungen und Widerlegungen“ – fast im Widerspruch zur Heiligkeit des Pfingstfestes – diesen Ansatz für eine demokratische Auseinandersetzung:

Es ist oft behauptet worden, dass Diskussionen nur zwischen Leuten möglich sind, die eine gemeinsame Sprache haben und die gemeinsame Grundanschauungen akzeptieren. Ich halte das für falsch. Nur eines ist nötig: die Bereitwilligkeit, von seinem Partner etwas zu lernen, was den aufrichtigen Wunsch einschließt zu verstehen, was er sagen will. Wenn diese Bereitwilligkeit da ist, dann wird eine Diskussion um so fruchtbarer sein, je verschiedener der geistige Hintergrund der Teilnehmer ist.

Mit Blick auf das Internet und die Frage, wie man dort zu einer besseren Debattenkultur kommt, könnte man also sagen: Es wird gelingen, wenn wir (vergleichbar dem Turmbau zu Babel) den Hochmut beenden, immer schon zu wissen, was der/die andere sagen wird und die „Bereitwilligkeit“ trainieren, von der anderen Seite etwas zu lernen. Das klingt zugleich banal und auch ziemlich kompliziert. Es ist aber ein durch und durch lohnender Ansatz, in diesem Geiste das Streiten zu lernen!

Global Running Day: laufend über die Digitalisierung lernen

Heute ist der Globalrunningday – ein Aktionstag, bei dem Menschen weltweit an einem Rennen teilnehmen, das an keinem einzelnen Ort stattfindet, sondern an ganz vielen. Es geht um einen guten Zweck und es geht darum, die Freude am Laufen zu teilen. Dahinter steckt ein Anbieter für Tracking-Software, der das ganze „powered“. Denn solche Aktionstage zeigen auf interessante Weise, wie das Laufbusiness sich durch die Digitalisierung verändert. (Foto: Unsplash)

Ich finde das so eindrücklich, dass ich sogar mal behauptet habe, dass man daraus Lehren auch für die Medienbranche ziehen kann. Dabei hat die wichtigste Erkenntnis erstmal gar nichts mit der Medienbranche im Speziellen zu tun. Sie zeigt im Allgemeinen, was Digitalisierung bedeutet: sie löst den Durchschnitt auf. Ich habe beim Laufen verstanden, was Segmentierung bedeutet und diesen Lauf zur Grundlage für „Das Ende des Durchschnitts“ genommen.

Darüberhinaus stecken im Laufen aber viele sehr konkrete Hinweise darauf, wie sich die Medienbranche verändert. Teile davon kann man in diesem Interview mit Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner oder in diesem Gespräch mit Laufexperte Gunnar Jans lernen.

Außer den fünf Erkenntnissen, die ich im Mai 2017 notiert habe

1. Vom Produkt zum Prozess – wie der Markt sich verändert
2. Vom Verkäufer zum Gastgeber – wie die Unternehmen sich neu positionieren
3. Vom Kunden zum Testimonial – wie Verbraucher eine andere Rolle annehmen
4. Von der Marke zum Medium – welche Rolle Inhalte spielen
5. Von der (Produkt-)Eigenschaft zum Erlebnis – wie Werbung sich verändert

… ist mir diese Woche ein Aspekt aufgefallen, der für Sportartikelhersteller noch viel bedeutsamer sein wird: Ich habe mir nämlich neue Laufschuhe gekauft, weil die App, die ich nutze, verfolgt wieviele Kilometer ich bereits gelaufen bin. Es lohnt sich also allein aus Gründen der Kundenbindung, dass der große japanische Sportartikelhersteller meine App gekauft hat. Denn so habe ich mir jetzt zwei Paar neue Schuhe gekauft. Nicht über die App, sondern über das Sporthaus meines Vertrauens in der Innenstadt. Es ist aber absehbar, dass diese Kundenbeziehung für den Schuhhersteller wertvoller ist als die Schuhe selber.

Genau darum geht es, wenn man über die Zukunft von Abo- oder Subscription nachdenkt – jedenfalls in dem Sinne, in dem Tien Tzuo in Subscribed darüber schreibt. Es geht nicht einfach nur darum, ein Abo zu nutzen, sondern ein Nutzerbedürfnis in der Weise zu befriedigen, dass die Nutzer*innen gerne und kontinuierlich dabei bleiben. Das Wortspiel sei gestattet: ein laufender Prozess!

Weiterlesen:
> Lauflehren
> Interview mit Gunnar
> Lauf im Buch