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Vergangene Woche durfte ich an einer besonderen Buchpremiere teilhaben: mein DJS-Kollege Marco Maurer hatte mich zur Vorstellung seines Buches „Meine italienische Reise“ eingeladen – virtuell. Gemeinsam mit Francesco Wilking von den Band Crucci Gang und Die Höchste Eisenbahn sprachen wir in einem Insta-Live über Italien und Marco zeigte uns den Buchladen in Hamburg, den er zu dem Buch eingerichtet hat. Ein Buchladen im Wortsinn: denn der ganze Laden im Lehmweg 43 in Hamburg ist dem Buch gewidmet.

Eine sehr tolle Idee, die man jetzt hier auf Startnext unterstüzen kann.

Was machst du?
Ich habe den einzigen One-Book-Bookstore der Welt, also die einzige Ein-Buch-Buchhandlung del mondo eröffnet. Sie wird nur bis 7. Mai offen stehen, aber wir möchten sie darüber hinaus erhalten. Ich habe das Buch „Meine italienische Reise“ geschrieben, und in der Buchhandlung, die auch über einen 3-D-Link einsehbar ist, kann man die Reise, die der Fotograf Daniel Etter, ein Pulitzer-Preisträger, und ich gemacht haben, „erfahren“. Über 7000 Kilometer mit uns von Sizilien bis nach Hamburg reisen, die Menschen treffen, die auch wir getroffen haben, an den Stationen Halt machen an denen wir das getan haben. Die Italiener und Italienerinnen haben Exponate (Wäscheleinen aus Neapel, eine Werkstatt aus Turin, Seide aus den 60er Jahren, Nudelhözer, Kleidungsstücke, eine Boccia-Kugel aus der Adenauer-Villa La Collins) geschickt, mit denen ich das Buch Kapitel für Kapitel nachgebaut habe. Dann könnte man das Buch mit nach Hause nehmen, erwerben, und eines der 25 Rezepte nachkochen, einen italienischen Tag oder ein italienisches Wochenende verbringen. Zudem können sie natürlich das Buch lesen, eine Erzählung. Insgesamt: Unsere Reise erleben.

Warum machst du es (so)?
Die Leipziger Buchmesse und viele Lesungen wurden abgesagt, einerseits. Anderseits leben wir in einer lähmenden Zeit, die uns alle stillstehen lässt. Kultur kann kaum stattfinden. Ich wollte den Menschen ein niedrigschwelliges kulturelles Gegengift verabreichen. Daher dachte ich mir, ich mach mal was anderes: eine Buchhandlung eröffnen, die wie ein Museum funktioniert. Allerdings verkaufen wir nur ein Buch, und die Geschichte der Erzählung. Ich diene als eine Art Reiseführer, nehme die Menschen mit auf die Reise für 15-30 Minuten, sie können alle Italiener und Italienerinnen treffen, die wir auch getroffen habe. Hintergrund ist, ich möchte Hamburg was bieten, Reisen ist gerade schwer, auch gibt es immer weniger Freizeitangebote aufgrund von Corona. Ich möchte ein nachbarschaftliches Projekt für ganz Hamburg sein, man kann hier auf einen Kurzurlaub in Italien vorbeikommen. Wir haben eine kleine Kirche aufgebaut, eine historische Turiner Cinquecento-Autowerkstatt, ein Cafe aus den Sechzigern, in dem es Illy-Espresso für einen Euro gibt. Eine Küche aus den Abruzzen ist ebenso zu finden, wie ein Papagei namens Andracko (mit ck!); ein Kollege von ihm hat nämlich besagtes Dorf in den Abruzzen gerettet. Wie das funktioniert erzähle ich im Lehmweg 43, 20251 Epppendorf und auf @marcoeamici auf Instagram. Der NDR nannte unsere Buchhandlung „Little Italy in Hamburg“, der Spiegel ein „Museum der Sehnsucht“. Gleichzeitig veranstalten wir hier auch die Amici-Talks, Gespräche mit prominenten Gästen. Du, Dirk, gehörtest ja auch dazu – und hast unseren Showpapagei Andracko nicht zum Sprechen gebracht übrigens ;) Auch zu Gast sein werden Johanna Haberer (Theologin, Buchautorin, Podcast „Unter Pfarrerstöchtern/Zeit“), Melissa Forti (italienische Konditorin und Buchautorin), Lars Weisbrod (Autor und Journalist Die Zeit), Jasmin Schreiber („Marianengraben“, Bestsellerautorin), Francesco Wilking und weitere mehr. Mehr über die einzelnen Veranstaltungen findet ihr hier: www.marcoeamici.de

Damit ist es auch ein gesellschaftliches und journalistisches Projekt, wir wollen die Menschen unterhalten in deiner Zeit in der wir uns nach Unterhaltung, Abwechslung sehnen. Reisen im Kopf ist unser Motto. Und deswegen mache ich das. Zerstreuung, Unterhaltung, sich unbeschwert fühlen. Wir bieten einen Kurzurlaub.

Wer soll sich dafür interessieren?
Menschen. Jung, alt, gebräunt, ungebräunt, Mann, Frau, divers, Italiener, Deutsche, Eppendorfer, Wilhelmsburger. Alle sollen sich hier heimisch fühlen. Alle, die gerne Urlaub in Italien machen wollen, können bei uns vorbeikommen. Ein paar unbeschwerte Momente bieten wir ihnen auch hier. Kostet gar nichts. Wer die Reise verlängern möchte, nimmt das Buch mit nach Hause, in der normalen oder einer Sonderedition (Details siehe unten; 5 Euro davon gehen an Seawatch oder die SOS Kinderdörfer), die live im Laden hergestellt wird.

Wie geht es weiter?
Erst einmal geht es bis zum 7. Mai. Das war bis dahin gut finanziert. Aber aufgrund von Corona sind uns zwei, drei Partner im letzten Augenblick (zum Teil während wir begonnen haben) abgesprungen; verklagen könnten wir sie, wollen wir aber natürlich nicht. Sind dennoch unsere Freunde, unsere Amici. Aber wir freuen uns ein wenig über Unterstützung. Es gibt als Dankeschöns Bilder von Daniel Etter, immerhin Pulitzer-Preisträger und World Press Award-Gewinnenr, zu kaufen, in Galeriequalität, Leinbeutel, Shirts, das Buch in einer Sonderedition (mit Prägestempel, limitiert auf 500 Exemplare, einem Leseband und vielen weiteren Extras) und, und, und. Oder man kauft nur unserem Vogel Futter; Andracko freut sich, er isst alles außer Avocados.

Am 7. Mai schließen wir wohl – oder ziehen weiter, was wir uns gut vorstellen können. Auf jeden Fall wollen wir das Ganze auch digitalisieren. Angefangen haben wir schon, siehe etwa dieser 3-DBlick hier in unsere Buchhandlung: aber es soll noch weitergehen. Außerdem ist es unser Wunsch mit der Sache durch Deutschland zu ziehen. Vielleicht gelingt das uns ja zusammen? Marco e Amici bald auch in deiner Stadt, wer weiß? Vielleicht sogar mit Italo-DJ-Set?

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass alles bald besser wird, Ciao und Amore.

>>> Marco E Amici hier auf Startnext unterstützen

Aussteigen aus der Weltentdeckungsmühle: Ein Lesetipp für alle Daheimbleibenden

Aktueller Hinweis: am 2.4. um 21 Uhr treffen Harriet und ich uns zu einer Telebier-Lesung im Instagram-Account unseres Verlags @piperverlag. Schaut vorbei bei der Piper-Lesestunde!

Harriet Köhler hat das Buch zur (abgesagten) Leipziger Buchmesse 2020 geschrieben: die Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben eigenet sich aber auch für alle anderen, die unter den Absagen dieser Tage leiden (hier das Interview mit Gerd Leonhard zum Thema Online-Konferenzen lesen), denn es liefert einen Perspektivwechsel auf das Thema Reisen und Unterwegssein. Ich habe Harriet (die ich persönlich kenne) ein paar Fragen zum Thema Absagen und Nicht-Reisen gestellt.

Bist du persönlich traurig, dass die Buchmesse ausfällt?
Für die Cosplayer-Szene ist der Ausfall ihrer Jahreshauptversammlung natürlich ein Drama. Auch gecancelte Lesungen und Interviews sind für die Beteiligten doof. Und all die schönen Dinners und Partys: Ein Jammer. Doch davon abgesehen birgt die Absage auch eine Chance: nämlich die, mal zu hinterfragen, wie sinnvoll es im 21. Jahrhundert überhaupt noch ist, wenn zehntausende Menschen sich in Flugzeuge, Busse und Bahnen setzen, um durch eine überfüllte Halle außerhalb der Stadt zu stolpern und sich dieselben Bücher anzugucken, die es auch bei Hugendubel gibt.

Als Expertin fürs Daheimbleiben hast du vielleicht einen Tipp für alle, die jetzt nicht nach Leipzig fahren?
Eigentlich ist der Ausfall doch wie ein Lottogewinn: Aus heiterem Himmel hat der Literaturbetrieb vier Tage geschenkt bekommen! Ich finde: Man sollte diese Zeit, wenn irgendwie möglich, nicht zum Arbeiten nutzen, sondern dazu, endlich mal all die Dinge zu tun, für die man sonst immer seltener den Nerv hat: Sich mit alten Freunden treffen. In aller Ruhe kochen. Einen dicken Klassiker lesen. Nichtstun, ohne dabei ständig auf den Email-Eingang zu schielen. Ohne den Ernst der Lage kleinreden zu wollen: Aber insgeheim freue ich mich fast auf all die unfreiwilligen Corona-Auszeiten, die da auf uns warten. Klingt doof, aber aus China vernimmt man, dass viele Menschen in den Quarantäne-Gebieten nach anfänglicher Wut inzwischen durchaus die positiven Aspekte am Daheimblieben sehen. Sie haben endlich mal wieder Zeit für ihre Familie. Nachbarn unterstützen sich. Die Menschen rücken zusammen, und draußen vor der Tür bleibt die Zeit ja sowieso stehen. Ich stelle mir das ein bisschen so wie Weihnachtsferien vor, bloß ohne die daran geknüpften Erwartungen, ohne Geschenkestress und lästige Verwandschaftsbesuche.

Überall im Land fangen Menschen jetzt an, sich intensiver mit Home-Office und dem Daheimsein zu befassen. Trotz des gefährlichen Anlass‘ ist das doch in Deinem Sinn, oder?

Mein Buch übers Daheimbleiben handelt nicht von der Arbeit, sondern vom Urlaub zuhause – über Home-Office kann ich also nicht mehr sagen, als dass ich persönlich ganz schlecht darin bin (zum Schreiben gehe ich am liebsten in die Denkfabrik, also in die Stabi). Aber klar, wie für Messen und andere Großveranstaltungen gilt auch fürs Home-Office: Am Ende dieses Jahres werden wir definitiv mehr darüber wissen, wie gut das Konzept funktioniert, welche Anwesenheiten und Sitzungen wirklich wichtig sind, und was man, vielleicht sogar effizienter, auch auf anderen Kanälen besprechen könnte

Was ist gut am Daheimsein?
Die Möglichkeit, einmal die Perspektive zu wechseln. Wer statt zu verreisen daheim bleibt, gibt ja nicht nur weniger Geld aus und hat weniger Stress, sondern hat endlich auch die Gelegenheit, herauszufinden, was das Leben außerhalb des Alltags noch so für einen bereithält. Man kann das Fremde im scheinbar Vertrauten entdecken, den Wohnort mit den Augen eines Reisenden sehen, und die Abenteuer erleben, die direkt vor der eigenen Haustür liegen. Dinge tun, die er sonst nur im Urlaub machen würde – und dabei merken, dass man sein Leben vielleicht ja auch ganz anders führen könnte.

Wie bist du auf das Thema des Buches gekommen?
Eigentlich war’s eine Schnapsidee: Ein Buch über das Daheimblieben in einer Reisebuch-Reihe zu veröffentlichen. Entsprechend habe ich das Projekt dann auch jahrelang vor mir her geschoben. Aber im Laufe der Zeit wurde mir immer klarer, was für ein ökologischer Irrsinn die Reiserei tatsächlich ist: Acht Prozent des jährlichen Treibhausausstoßes gehen auf den Tourismus, auf unsere Flüge, Mietwagen, beheizten Pools und Kreuzfahrtschiffe. Und das alles nur, weil wir glauben, im Urlaub nicht daheim bleiben zu können! Ich bin also zur Aussteigerin geworden, also: zur Aussteigerin aus der Weltentdeckungsmühle – und habe endlich dieses Buch geschrieben.


Auf der Piper-Seite kann man Harriets Buch bestellen – und hier gibt es ein Interview mit dem Zukunfts-Forscher Gerd Leonhard, der sagt, dass wir dank der Corona-Absagen lernen werden, was eh kommt: „Wir werden uns in Zukunft viel mehr virtuell treffen“