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Zeit für zivilen Ungehorsam: Greta Thunberg und The 1975

Was für ein Bild! Im Polaroid-Stil fotografiert von Jordan Curtis. Es zeigt Greta Thunberg an einer grauen Wand lehnend. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt. Eine Converse-Mashup-Kopie. „Antifa Allstars“ steht da. Schwarz auf weiß. In der Mitte ein schwarzer Stern. An Gretas Schulter lehnt ein junger Mann. Gelbes T-Shirt, strubbeliges Haar. Er wirkt fast kleiner als sie. Matty Healy ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Band The 1975. Und alles auf diesem Bild ruft: Das hier ist Pop! Pop des Jahres 2019, aus dem Jahr, in dem das Klima politisch wurde. Dabei verströmt es – natürlich wegen der Polaroid-Ästhetik – die Aura eines augenblicklichen Klassikers.

Die Band The 1975 hat das Bild auf Instagram gepostet. Man kann es auf allen relevanten Musikportalen sehen – als Bebilderung für die Zusammenarbeit zwischen der schwedischen Klima-Aktivistin und der britischen Band. Denn diese ist in Wahrheit noch beeindruckender als das Bild (das aber nicht zu unterschätzen ist). Und das liegt nur oberflächlich daran, dass hier eine Zusammenarbeit im Sinne eines musikalischen Features vorliegt. Auch die These, dass Musik die Welt verändern kann, trifft in diesem Fall nicht unbedingt zu. Denn der Song ist im klassischen Sinn kein Song und er wird auch die Lücke der musikalischen Begleitung der „Fridays-for-Futures“-Bewegung nicht füllen. Diese Kooperation ist mehr und sie ist etwas anderes. Sie ist eben Pop des Jahres 2019.

Es ist eine Kollaboration, die die neuen digitalen Aufmerksamkeitsregeln des Musikbusiness erstmals bzw. erstmals so deutlich für politische Anliegen nutzt. Klar, wir haben in den vergangenen Monaten immer mal wieder darüber gesprochen wie der Entzug von Aufmerksamkeit als politisches Signal gewertet werden kann. Aber hier geht es ja um das genaue Gegenteil: Hier drängt ein politisches Thema in die Liste der Neuveröffentlichungen, die aktive Spotify-Nutzer*innen jeden Freitag augespielt bekommen. Im Release Radar gibt es in dieser Woche sehr direkte Politik, vorgestragen, in einem Song, der einzig aus einem politischen Appell von Greta Thunberg besteht. Zu sehr zurückgenommenen orchestralen Klängen spricht sie ihren Text ein. Das ist Pop, der auf Codes und Anspielungen fast vollständig verzichtet. Der Text, den Greta Thunberg spricht, ist eine klare politische Aufforderung. Keine Zwischentöne, keine Anspielungen, direkter politischer Appell.

Pop des Jahres 2019? In jedem Fall Politik im Jahr 2019.

Im Guardian analysiert Laura Snapes die Zusammenarbeit jedenfalls genau in diese Richtung

They may not be the world’s most commercially successful band, but – with their stylish aesthetic, unfiltered intimacy with fans and success with a post-genre mix of everything from soft rock to emo – they are one of the most mimicked, and so Thunberg’s message could spread far beyond their network. Spotify’s recommendation algorithms work by assigning thousands of intricate data points to every song, then using that data to link a track you already like, to another one you haven’t heard but would probably like as well.

Das klingt stimmig: die politische Aktivistin, die von den Popularität der Band profitiert. Aber spätestens, wenn man auf die Website kommt, die The 1975 zur ersten Single ihres neuen Albums geschaltet haben, kann man die Frage auch andersrum stellen: Ist das Werbung für eine politische Bewegung? Oder ist es nicht eher Werbung für die Band? Denn auf der Website steht nichts von Extention Rebellion, der Bewegung, der Greta Thunberg die Einnahmen spenden will. Auf der Website steht einzig ein Submit-Feld für die Mailingliste der Band. Damit man informiert werden kann, wenn im Frühjahr das neue Album erscheint. Auch das ist Pop der Gegenwart. Ein Newsletter.

Eine wichtige Waffe gegen den Terror: Deine Aufmerksamkeit

Kevin Roose nennt die Tat in der New York Times „an internet-native mass shooting“, Simon Hurtz beschreibt für die SZ „zwar vernetzen sich die Rassisten in den Nischen des Internets, suchen dann aber die größtmögliche Bühne für ihre Taten – und die finden sie in sozialen Medien“.

Es geht um den Terroranschlag von Christchurch am heutigen Tag und um die Frage, ob und wie das Internet solche Taten begünstigt. Die beiden eingangs verlinkten Texte beschreiben dies sehr anschaulich – und beide warnen davor, einfache Antworten zu finden und dem Internet schlicht Schuld zu geben. Sie stoßen vielmehr eine Debatte an, die ich so ähnlich im Sommer 2017 schon mal angeregt hatte: Eine Debatte um unsere Aufmerksamkeit als Waffe gegen den Terror. (Foto: Unsplash)

Simon schreibt: „Wer nicht will, dass Terroristen Aufmerksamkeit für ihre Verbrechen bekommen, sollte ihre Selbstinszenierung nicht verbreiten: keine Links auf ihre Manifeste, keine Ausschnitte aus ihren Videos, keine Bilder, am besten nicht einmal ihre Namen nennen. Mörder wie Anders Behring Breivik wollen zu Vorbildern werden und andere junge Männer anstiften.“ Ich stimme dem voll zu – und glaube, dass man diese Forderung auf zwei Ebenen umsetzen müsste.

Zunächst lohnt es sich, dass jede und jeder bei sich beginnt. Die Idee von fairerteilen und Gegen die Panik basiert auf der Erkenntnis, dass es eine Rolle spielt, wie jede und jeder sich verhält. Es lohnt sich, darüber nachzudenken und das eigene Online-Verhalten zu überprüfen: Wenn ich einen Link poste oder andere Inhalte veröffentliche, halten meine Freund*innen das für verlässlich. Das ist eine große Verantwortung. Ich bemühe mich, dem gerecht zu werden. Deshalb poste ich nur solche Links, die ich überprüft habe.

Auf der zweiten Ebene brauchen wir aber auch eine gesellschaftliche Antwort auf den Terror, der sich dem wichtigsten Gut im Web bedient: unserer Aufmerksamkeit. Ich glaube, dass eine Selbstverpflichtung gegen den Terror sinnvoll sein könnte oder eine Anleihe bei der Debatte über die Frage: „Soll man noch Musik von Michael Jackson hören?“ Zu der Frage hat Julian Dörr im SZ-Magazin etwas sehr Kluges geschrieben, was man auch auf all die Medien übertragen kann, die jetzt gegen die klare Bitte der Behörden in Neuseeland das Video weiterverbreiten: „Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass ich meine Lebenszeit nicht mehr verschwenden möchte. Es geht hier aber nur in dritter Linie um die Ausgestaltung meiner begrenzten Freizeit und in zweiter Linie um Geld. In erster Linie geht es darum, dass ich meine Aufmerksamkeit oder eben Nicht-Aufmerksamkeit als politischen Instrument verstehe, das gesellschaftlichen Wandel bringen kann. Der alte Kalender-Spruch »Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst«, er bekommt in unserer Aufmerksamkeitsökonomie ein ganz neues Gewicht.

Wenn man die Tat von Christchurch und die Folge-Berichterstattung im Web aus der Perspektive betrachtet, kann der Einsatz der eigenen Aufmerksamkeit zu einer wirksamen Waffe gegen den Terror werden. Nach dem Terroranschlag von Barcelona im Sommer 2017 schrieb ich hier: „Wenn alle alles veröffentlichen können, braucht es Mittel und Wege, gerade im Nicht-Beachten und Nicht-Verbreiten seine Haltung auszudrücken. Von Christian Stöcker stammt der Begriff Ignorestorm, der den Versuch unternimmt, einer bewussten öffentlichen Provokation nicht auch noch dadurch zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, dass man sie thematisiert. Im Ursprung ging es dabei um Werbeformen, die absichtlich sexistisch oder rassistisch sind, um so auch die Aufmerksamkeit der Empörung und des Widerspruchs auf sich zu ziehen. Ich glaube, dass verantwortungsvolle Medien (und auch Menschen) genau hier vor einer zentralen Herausforderung im digitalen Zeitalter stehen – im Umgang mit Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit.“

Vielleicht ist es an der Zeit, einen Ignorestorm gegen den Terror zu starten…

Selbstverpflichtung gegen den Terror (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Die Waffe, mit der ein 22jähriger Marokkaner den Terror nach Barcelona brachte, war ein weißer Lieferwagen von Fiat. Er steuerte ihn am späten Nachmittag des 17. August über La Rambla und tötete und verletzte unzählige Menschen.
Ein schrecklicher Anschlag, der einen Mechanismus in Gang setzte, den man als zweite Waffe der Attentäter beschreiben könnte: die Prinzipien der weltweiten Aufmerksamkeit sorgten dafür, dass das Signal, das die Terroristen senden wollten, in Eilmeldungs-Geschwindigkeit in die Welt getragen wurde – illustriert von verwackelten Handybildern, die Menschen in Panik zeigen, Krankenwagen, die durchs Bild rasen und Opfern, die auf dem Boden liegen.

„Und wieder steckt die Berichterstattung der Massenmedien in einer Schleife fest – und spielt diese Bilder wieder und wieder auf unsere Bildschirme“, beschreibt Zeynep Tufeki die mediale Eskalation von Angst und Schrecken durch den internationalen Terrorismus. Dieser verfolgt eine Medienstrategie, die „genau darauf abzielt, diese Art der Berichterstattung zu erzeugen“, schrieb die Soziologin nach dem Anschlag von Manchester im Mai – und zeigte dabei ein Dilemma auf, über das wir – als freie Gesellschaft, der die Anschläge gelten – dringend weiter nachdenken sollten: „Wir spielen ihnen in die Karten, und sie bestimmen die Regeln.“

Wenn man sich der Frage widmet, wie man dem Terror angemessen begegnet, wird vor allem über mehr Polizei und ausgebaute Kompetenz der Sicherheitsbehörden gesprochen. Eingriffe in Grundrechte stehen zur Debatte, um in der Vereitelung von Terrorplänen erfolgreicher zu sein. Was aber wäre, wenn man an anderer Stelle ansetzt und die die Medienstrategie der Terroristen zerstört? (Testbild-Foto von Unplash)

Wie bei jeder Veränderung kann man auch diese Frage schon im Keim als naiv ersticken. Man kann sich aber auch die Mühe machen und nachfragen, was eigentlich wäre, wenn die westlichen Gesellschaften, deren Grundrechte und Ideen vom Terror angegriffen werden, sich auf ihre Fähigkeit zum Pluralismus und demokratischen Austausch besinnen und darüber diskutieren, wie sie einen Ausweg aus der (medialen) Spirale von Angst und Schrecken finden: Könnte man den Mechanismus der Eskalation nicht durchbrechen, indem man weniger und anders über den Terror berichtet?

Es ist das eine, die eigene Social-Media-Nutzung in Eilmeldungslagen Gegen die Panik auszurichten. Das ändere wäre, auch die mediale Berichterstattung zu überdenken: Muss jeder Attentäter die Prominenz der Seite eins erhalten? Muss das Programm unterbrochen werden, um in Sondersendungen zu berichten? Braucht es die Dauerschleife der oben beschriebenen Bilder?

Anders formulieren: Kann man einen Weg der Berichterstattung finden, der das Interesse der Öffentlichkeit bedient und den Opfern gerecht wird, ohne den Terroristen mit der Art und Intensität der Berichterstattung weiter in die Karten zu spielen?

Dieser Ansatz stellt nicht die Freiheit der Presse in Frage. Er zielt vielmehr auf die Grundfragen publizistischer Ethik in einem Zeitalter, in dem sich die Prinzipien von Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit verschoben haben. Wenn alle alles veröffentlichen können, braucht es Mittel und Wege, gerade im Nicht-Beachten und Nicht-Verbreiten seine Haltung auszudrücken. Von Christian Stöcker stammt der Begriff Ignorestorm, der den Versuch unternimmt, einer bewussten öffentlichen Provokation nicht auch noch dadurch zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, dass man sie thematisiert. Im Ursprung ging es dabei um Werbeformen, die absichtlich sexistisch oder rassistisch sind, um so auch die Aufmerksamkeit der Empörung und des Widerspruchs auf sich zu ziehen. Ich glaube, dass verantwortungsvolle Medien (und auch Menschen) genau hier vor einer zentralen Herausforderung im digitalen Zeitalter stehen – im Umgang mit Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit. Die zweite zentrale Herausforderung in diesem Zusammenspiel ergibt sich übrigens aus der Frage, wie man Relevanz abseits von Reichweite messbar machen kann.

Zu sagen, dass das alles keine Rolle spielt, weil irgendwer die Bilder ja doch zeigen wird, ist übrigens die Kapitulation vor jeglicher Verantwortung – und kommt nicht in Frage. Verantwortung zu übernehmen, heißt hier vielmehr z.B. über eine Selbstverpflichtung der Medien nachzudenken, wie wir sie zum Beispiel aus der Berichterstattung über Suizide kennen. Um Nachahmungen (den so genannten Werther-Effekt) zu vermeiden rät eine Richtlinie des deutschen Presserats zur Zurückhaltung in der „Berichterstattung über Selbsttötung“. Und im Schweizer Presserat betont die entsprechende Leitlinie sogar, die Folgen der Berichterstattung zu bedenken: „Die Frage der Medienwirkung ist bei Entscheid über die Publikation oder die Ausstrahlung eines Berichts über einen Suizidfall mit zu berücksichtigen.“

Warum sollte es eigentlich unmöglich sein, über eine vergleichbare Selbstverpflichtung gegen den Terror nachzudenken? („Die Frage der Medienwirkung ist zu berücksichtigen“) Klar, ich kenne die Bandbreite der Argumente, die von der berechtigten Befürchtung um Pressefreiheit bis zur Sorge ums blanke Geschäft reichen. Ich kenne aber auch das mal George Orwell und mal Lord Northcliffe zugeschriebene Zitat, nachdem Journalismus (oder Nachrichten) nur das ist, „was jemand irgendwo nicht veröffentlicht haben will. Alles andere ist Reklame bzw. Propaganda.“ Mit diesem Gedanken lohnt es sich erneut, den Text von Zeynep Tufeki zu lesen.

Nein, ich habe keine einfache Antwort auf die Fragen, die sich hier stellen. Aber noch viel weniger habe ich Lust, tatenlos mitanzusehen, wie Terroristen nicht nur einen Lieferwagen, sondern vor allem die Mechanismen der westlichen Medien für ihre Zwecke missbrauchen.

Es muss möglich sein, sich vor allem gegen den zweiten Teil entschieden zu wehren. Schließlich gelingt es, z.B. den europäischen Broadcastern einmal im Jahr, eine Veranstaltung wie den Europäischen Gesangswettbewerb zu organisieren. Könnte man sich nicht genau auf dieser Ebene zusammensetzen und eine Selbstverpflichtung diskutieren, die einige Regeln für Art und Intensität der Berichterstattung über den Terror festlegt – öffentlich diskutiert und zeitlich begrenzt. Ich weiß nicht, wie diese Regeln im Detail aussehen könnten, nehme aber an, dass man sich darauf einigen könnte, keine Bilder von den Attentätern zu zeigen und grundsätzlich auf heroisierende Berichterstattung zu verzichten. Wie weit die Selbstverpflichtung darüber hinaus gehen kann, muss öffentlich ausgehandelt werden. Und anschließend sollten die Ergebnisse als Medien-Manifest gegen den Terror veröffentlicht werden – mit Ablaufdatum, zu dem erneut verhandelt wird. Organisationen wie der Presserat sollten einbezogen werden, um auch die Diskussion in die Welt zu tragen – als Zeichen der pluralistisch geführten Debatte in einer wehrhaften Demokratie!

Ebenfalls zum Thema: Die Seite Gegen die Panik! und der zugehörige Hashtag #gegendiepanik


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).