Alle Artikel mit dem Schlagwort “TikTok

It’s corn, Excuse me wir haben 2022, NAFO, Ein-Wort-Tweets, Nina Chuba, Snowflake (Netzkulturcharts September 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorab: Wer sich für Netzkultur begeistert, sollte Snowflake kennen. Diese Browser-Erweiterung hilft all denen, die das Netz nicht einfach so benutzen können. Zu den Protesten im Iran empfehle ich die Einordnung meiner Kollegin Dunja Ramadan bei der SZ.

Platz 1: It’s corn 🆕

Der bekannteste Junge des Internet war vor wenigen Wochen noch völlig unbekannt, mittlerweile ist Tariq als „The Corn Kid“ ein Star, der zur Filmpremiere von „Pinocchio“ eingeladen und von der New York Times porträtiert wird. Dabei hatte er nichts anderes getan als in einem kurzen Video-Interview des Channels Recess Therapy seine Begeisterung für Mais kund zu tun. Dass aus diesem scheinbar belanglosen Interview in Brooklyn nicht nur der virale Hit des Sommers, sondern sogar ein richtiger Song wurde, liegt an echten Experten der Viralität: die Gregory Brothers entdeckten und autotunten Tariqs Corn-Begeisterung und traten damit ein Massen-Mais-Phänomen los – zu dessen vorläufigem Höhepunkt sogar der offizielle Tiktok-Account auf Tiktok seine Bio in „It’s corn“ änderte. Deshalb gebührt mindestens die Hälfte der Chartspitze in diesem Monat dem Musik-Quartett, das auf YouTube schmoyoho heißt und schon seit Jahren in Sachen Viralität unterwegs ist. Die andere Hälfte gehört Tariq und seiner Familie, die dafür gesorgt hat, dass sein Nachname trotz des plötzlichen Ruhms nicht an die Öffentlichkeit kommt.

Platz 2: Excuse me, wir haben 2022 🆕

Als die Tiktokerin Linneasky im Juli diesen Jahres eine Nutzer:innen-Frage zum Thema BH beantwortet, ist ihr vermutlich nicht klar, dass die nun folgenden Sätze am Ende des Sommers zu einen geflügelten Wort der Netzkultur werden: „Excuse me, wir haben 2022“ wird nicht nur in allerlei Zusammenhängen zitiert, geremixt und gestiched, es gibt auch ein Mashup mit dem „Fettes Brot“-Jahreszahlenklassiker „Jein“. Aber anders als bei den Gregory Brothers und ihrem Corn-Kid hat sich bisher noch niemand gefunden, der einen wirkliche populären Song aus dem Spruch gemacht. So bleibt die Freude an der Unplanbarkeit von viralen Phänomenen.

Platz 3: NAFO 🆕

Wenn das Internet einen Wachhund suchen würde, es wäre der Shiba Inu, das Krafttier des Doge-Meme. Seit ein paar Wochen ist der das Symbol der digitalen Friedensbewegung namens NAFO geworden. Die North Atlantic Fellas Organisation ist eine zaunpfahlwinkende Anspielung auf das Verteidigungsbündnis ähnlichen Namens und versucht mit digitalen Mitteln auf den russischen Angriffskrieg in der Ukrainie zu reagieren. Der Economist hat als erstes größer darüber berichtet und ich finde das mehr als bemerkenswert – wie ich in diesem Interview mit dem Deutschlandfunk erklären durfte.

Platz 4: Ein-Wort-Tweets 🆕

Wofür willst du im Netz stehen? Die Antwort auf diese Frage in einen Ein-Wort-Tweet zu packen, war Anfang des Monats für ein paar Tage ein großes Ding. Der One-Word-Tweet-Trend wurde von den „trains“ von Amtrack ausgelöst und steht für eine kleine, scheinbar bedeutungslose Besonderheit, die die Netznutzung so zauberhaft macht – und mich dazu gebracht hat, schlicht „internet“ zu twittern.

Platz 5: Nina Chuba „Wildberry Lillet“🔽

Der Trend um Nina Chuba ist ungebrochen. Ihr „Wildberry Lillet“ läuft weiterhin aus allen Boxen und erscheint in immer neuen Remixen. Sogar der französische Spirituosen-Hersteller Pernod Ricard hat sich offiziell geäußert (ihm gehört die Marke „Lillet“), die Sparkasse macht mit Aditotoro Werbung damit – aber nichts und niemand kriegt diese Zeilen kaputt. „Immos, Dollars, fliegen wie bei Marvel“ machen immer noch großen Spaß.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Armani White „Billie Eilish“
2. Tariq, The Gregory Brothers, Recess Therapy „It’s corn“
3. Romero „Nie mein shawty“
4. Nina Chuba „Wildberry Lillet“
5. Rian „Schwarzes Schaf, Akustikversion“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung:

Fürs digitale Vokabelheft unbedingt den Begriff Bootleg Ratio notieren. Bei Verge nutzt Russel Brandom ihn, um die Veränderungen des Contents auf Plattformen zu beschreiben. Gemeint ist das Verhältnis zwischen „a) Inhalte, die von Benutzern speziell für die Plattform erstellt wurden, und b) halbanonyme Accounts, die in Interaktion treten und das Publikum abwerben. Jede Plattform wird beides haben, aber wenn B beginnt, A zu überholen, haben die Benutzer immer weniger Gründe, sie zu besuchen, und die Ersteller werden immer weniger Gründe haben, zu posten. Kurz gesagt, es ist ein Zeichen dafür, dass die interessanten Dinge über die Plattform allmählich aussterben.“ (Danke für den Hinweis Johannes)

Eine zweite wichtige Veränderung, die im September durch den Start von Tiktok Now Bedeutung bekam ist der Vibe-Shift in Social-Media. Das Social-Media-Watchblog nennt die Hinwendung zu einer vermeintlich privateren User-Experience, die sich vom klassischen Reichweiten-Feed abwendet, so.

Passend zum Oktoberfest gibt es einen erwähnenswerten bayerischen Remix des Top-Ohrwurm des Monats von Armani White „Billie Eilish“. In der Bavaria Version wird „Billie Eilish“ zu „aber bayerisch“ – dabei wird eine Transition hin zu bayerischer Tracht ins Bild gesetzt.

Tiktok lässt in diesem Monat eine mit ausschließlich Werbe- und Marketing-Knowhow besetzte Jury einen Tiktok-Award verleihen. USA Today zeigt am Beispiel der Behauptung des Wahlbetrugs wie Memes die politische Debatte durchsetzen. Welche Plattformen Memes treiben, hat Know Your Meme untersucht.

Wie man Nachrichten in einem Meme-Umfeld erstellt, erklären die Macher:innen der „News WG“ vom Bayerischen Rundfunk in diesem Instagram-Interview. Wie der Tod der Königin von England in Wikipedia vermeldet wurde? Dieser Thread fasst es zusammen.

Weiterhin ein Highlight meiner Timeline: die twitterisierten Tagebücher von Thomas Mann (Hintergrund dazu hier)

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Tiktok Now – der BeReal-Klon jetzt in Deutschland

Dass erfolgreiche Social-Media-Plattformen sich von Angeboten anderer Apps inspirieren lassen, kannte man bisher vor allem von Meta-Facebook. Seit ein paar Tagen ist nun auch Tiktok, das bisher als Vorlagengeber für Instagram diente, auch selbst in der Inspirations-Adaption aktiv: mit dem Angebot Tiktok Now versucht die App ein Nutzungserlebnis zugänglich zu machen, das bei BeReal äußerst erfolgreich ist.

In den USA bietet Tiktok die sehr viel privatere und vermeintlich authentischere Social-Media-Experience innerhalb der klassischen Tiktok-App als so genannten now-Feed an. In einigen anderen Ländern, u.a. auch Deutschland, gibt es Tiktok Now als eigene App in den Stores. Beide Angebote (die vermutlich in einem interessanten A-B-Test ausprobiert werden) basieren auf der BeReal-Erfahrung, die auf einer etwas privateren Social-Media-Nutzung basiert. Um im Explore-Feed (For You Page) mit Reals/Nows auftauchen zu können, muss man bei Tiktok-Now z.B. mindestens 18 Jahre alt sein. Im Alter von 13 bis 15 Jahren können Nutzer:innen nur mit Freund:innen interagieren. Und selbst bei volljährigen Nutzer:innen ist der Default-Modus auf privat gestellt.

Es geht, das ist sehr deutlich um einen Test für eine andere Form von Social-Media, die nicht mehr auf Reichweiten und Austausch setzt, sondern eher Züge von Dark Social trägt: es geht um ein vermeintliche authentischeres Social-Media.

Warum BeReal interessant ist, habe ich hier beschrieben.

Die Kolleg:innen vom Social-Media-Watchblog sprechen übrigens von einem Vibe-Shift in Social Media.

Gentleminions, Emmanuel, der Emu, Quer in den Westen, Tiktok-Lehrer, 10 von 10, Smypathisch (Netzkulturcharts Juli 2022)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Gentleminions 🆕

Während Deutschland über die vermeintliche Cancel Culture eines merkwürdigen Ballermann-Songs diskutiert, sind in England junge Männer unterwegs, um sich den neusten Minions-Film anzusehen. Sie nennen sich Gentleminions und kommen wohl gekleidet ins Kino – und benehmen ich daneben. Jedenfalls häuften sich zu Beginn des Monats Berichte darüber, dass dieser Netztrend dazu führt, dass Kinobetreiber:innen den Film nicht mehr zeigen (wollen). Damit landen die Gentleminions nicht nur als Trend, sondern vor allem als Symbol auf Platz eins: Denn an ihnen kann man illustrieren, dass die Rede von der Cancel Culture im digitalen Ökosystem falsch ist.

Zum Spitzenplatz trägt außerdem diese schöne Kombination mit dem weiterhin tollen Jiggle-Jiggle-Song von Voicemod bei.

Platz 2: Der rappende Lehrer von Tiktok 🆕

Svante Evenburg hat auf der Abi-Feier an seiner Schule einen beeindruckenden Freestyle-Rap aufgeführt. Das Besondere dabei: Svante Evenburg ist kein Schüler, sondern Lehrer. Wie sein Auftritt in Braunschweig zu einem viralen Tiktok-Hit werden konnte und warum er damit kaum in klassischen Medien auftaucht, habe ich mit ihm in einem kleinen Interview besprochen. Es ist illustriert auf erstaunliche Weise welche Dynamik Tiktok gerade auch auf Schulhöfen, abseits der klassischen Öffentlichkeit haben kann. Deshalb Platz 2 für die erstaunliche Freestyle-Performance.

Platz 3: Emmanuel, der Emu 🆕

Der korrekte Netzbegriff fürs Reindrängeln in ein Bild oder Video lautet: Photobomb. Seit Anfang des Monats hat ein Emu namens Emmanuel (englisch ausgesprochen) das Photobombing aber auf ein neues Level gehoben – und seine Farm im südlichen Florida webbekannt gemacht: Emmanuel drängelt sich wiederholt in Videos, die Farmbesitzerin Taylor Blake dreht, um die dort lebenden Tiere vorzustellen. Was dann passiert beschreibt der Spiegel so: „»Emmanuel!«, ruft Blake, »tu es nicht.« Ins Bild neigt sich ein Emukopf, bernsteinfarbene Knopfaugen, spitzer Schnabel, bereit, durch die Kamera zu zwicken. »EMMANUEL, TU ES NICHT!«, ruft Blake erneut, bis sich der Vogel zurückzieht. »Ich versuche hier, den Leuten etwas beizubringen«, weist sie ihn zurecht.“
Emamanuels Erfolg begann übrigens nicht auf Tiktok, sondern auf Reddit – und wurde dann über Twitter und Tiktok weitergespielt. Es ist also anzunehmen, dass der Sound („Emmanuel, don’t do it“) künftig auch unter anderen Clips zu hören sein wird.

Platz 4: Quer in den Westen 🆕

Ein junger Mann, der die Tiktok-Community auf eine Wanderung mitnehmen möchte? Das an sich ist nichts Besonders. Dass Sean, der laut eigener Aussage „vor drei Tagen mein Studium abgebrochen“ hat, aber schon am ersten Tag seine Wanderung #querindenwesten beendet hat, hat Nutzer:innen offenbar so inspiriert, dass Sean Anfang Juli zu einem viralen Hit wurde – und auch die klassischen Medien erreichte. Die Bild stellte ihn als „Deutschlands erfolgreichsten Versager“ vor und EinsLive ist mit ihm gemeinsam auf eine Wanderung gestartet.

Das ist alles herrlich belanglos und irgendwie absurd, so dass es zum perfekten viralen Sommerhit taugt. Auch wenn Sean recht professionell mit seinem Ruhm umzugehen scheint, er wird sich vermutlich nicht lang in den Charts halten.

Platz 5: Er ist ne 10, aber… (He’s a 10) 🆕

Menschen auf einer Zehner-Skala in Bezug auf ihr Aussehen zu beurteilen – und dann eine weitere Eigenschaft ergänzen, um ein erneutes Urteil abzufragen – das ist gerade ein großes Ding (nicht nur) auf Tiktok. Als Erfinderinnen dieser leicht pubertären Klassenfahrt-Spielerei gelten die Schwestern Leah und Mary Woods, die gemeinsam mit ihrer Freundin Lucy das Spiel nicht nur als erste auf Tiktok brachten, sondern sich auch als Ursprung des Trends interviewen lassen. Jessia hat daraus dann sogar einen Song gemacht – spätestens damit kommt der Trend im Juli in den Netzkulturchart auf 5/5 (oder hab ich da was falsch verstanden)

Besondere Erwähnung

War so viel los im Juli, dass Thomas Mann aus den Charts gefallen ist; also sein immer noch wunderbarere Twitter-Account, den ich im Juni vorgestellt hatte – und der mindestens eine besondere Erwähnung erhalten sollte.

Für mich der beste Weg, um auf charmante Weise in die Netzkultur auf Tiktok einzusteigen: die Clips von smypathisch. Der Kanal von Marie Lina kommentiert das (digitale) Wochengeschehen und gibt einen smypathischen Einblick ins Netz.

Es ist heiß in Deutschland – und die Tagesschau lädt die Tiktok-Community zum Duett, um die Wettervorhersage zu sprechen.

Was passiert, wenn Männer mit Periodenschmerzen konfrontiert werden? Der Tagesanzeiger berichtet über eine Aktion in Kanada.

Lubalin hat seinen Plattenvertrag seinem Erfolg auf Tiktok zu verdanken – deshalb hat Buzzfeed ein Video mit ihm gemacht. Noch besser sind aber seine Internet Drama-Clips, in denen er missglückte Online-Kommunikation vorsingt.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.


Der rappende Lehrer von Tiktok – Svante Evenburg im Interview

Das Internet ist super. Heute hat es mir innerhalb von wenigen Stunden auf die charmantest mögliche Weise eine Frage beantwortet: „Ich bin doch schon da“, schrieb Svante Evenburg auf meine Twitter-Frage nach dem rappenden Lehrer, der seit Tagen durch meine Tiktok-Timeline gereicht wird (aber nicht in anderen Medien auftaucht). Seine Frage „Was möchten Sie wissen?“ nahm ich wörtlich und stellte ihm eine paar Fragen zum Tiktok-Ruhm und zum Rappen auf dem Schulhof.

Es passiert nicht oft, dass in meiner Tiktok-Timeline Bilder von einem rappenden Lehrer auftauchen. In den vergangenen Tagen sah ich Sie aber sehr häufig, in sehr unterschiedlichen Clips – beim Freestyle, aber auch in einem Battle-Rap mit einem jüngeren Schüler. Können Sie mal auflösen wer Sie sind und woher die Bilder stammen?
Mein Name ist Svante Evenburg, ich bin 36 Jahre alt und unterrichte an der IGS Querum in Braunschweig. Seit ca. meinem 11. Lebensjahr rappe ich und absolviere Auftritte oder nehme Songs auf. Das wissen auch manche Schülerinnen und Schüler und somit hielt der Abijahrgang es für eine gute Idee, mich beim Abistreich zum Freestylen zu „zwingen“. Man sieht also auf den Videos ein paar Ausschnitte vom Abistreich an unserer Schule, der übrigens sehr unterhaltsam und mustergültig von den Abiturientinnen und Abiturienten organisiert war.

Ich würde sagen: Sie sind mit Ihrem Rap viral gegangen. Dennoch habe ich bisher keine „darüber lacht das Netz“-Berichte über Sie gefunden. Können Sie sich erklären, woran das liegt?
Ich vermute, dass das Tiktok-Universum doch nochmal anders ist, als beispielsweise Instagram oder Youtube, schon fast eine in sich geschlossene Welt. Es gab Anfragen, z.B. von Radiosendern, die ich aber bisher alle mehr oder weniger abgelehnt habe.

Hatte Ihr Tiktok-Ruhm weitere Folgen für Sie oder Ihre Schule?
Ich persönlich hoffe natürlich auf weiterhin gute Anmeldezahlen für den 5. Jahrgang. Da kam das Video freilich für dieses Jahr zu spät. Ansonsten ist es bisher relativ ruhig geblieben.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Tiktok?
Ich habe schon länger einen Account, ohne aber aktiv gewesen zu sein. Der diente eher dazu, mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu bleiben. Ich tue mich ehrlich gesagt schwer mit der Art vieler Videos dort, das ist mir zu oft zu sehr inszeniert und teilweise auch einfach übel sexistisch. Und dann steht natürlich noch der große Elefant China im Raum. In dem Kontext war Tiktok tatsächlich auch erst vor Kurzem Unterrichtsinhalt in meiner 7. Klasse.

Was mich fast am meisten an Ihrem Auftritt fasziniert, ist die neue Form von Autorität, die aus Ihren Zeilen spricht. Sie reimen z.B. „Bier reinschleppe“ auf „Weed einstecke“ – mit dem Bild eines klassischen Feuerzangenbowle-Lehrers geht das nicht zusammen. Können Sie denen mal erklären, warum Sie dennoch eine Autoritätsperson sind?
Zunächst einmal denke ich gar nicht, dass sich da etwas ausschließt. Und dann halte ich Autorität für etwas, das maßgeblich durch die Persönlichkeit transportiert wird und da wiederum geht es gerade gegenüber Schülerinnen und Schülern viel um Authentizität. An der IGS Querum bleiben wir als Tutorinnen und Tutoren sechs Jahre für unsere Klasse verantwortlich. In dieser Zeit lernt man sich sehr genau kennen. Die Klasse weiß genau, wie man ist oder eben nicht. Da authentisch zu sein, transparent und der Klasse gegenüber aufgeschlossen – das sorgt für Autorität.

Wird sich durch den Tiktok-Fame jetzt irgendwas für Sie ändern?
Ich vermute mal nicht. Im letzten Jahrzehnt war ich Kommunalpolitiker in Wolfsburg, hatte bspw. zu Beginn des Dieselskandals eine Reihe von Presseanfragen und -terminen. Das kenne ich also schon. Und gestern war ich mit meiner Frau und unseren Kindern in der Innenstadt auf einem Familienfest. Fotos oder Autogramme wollte da niemand. Es war verrückt, wie schnell das Video 5 Millionen Aufrufe hatte. Aber ich denke, ebenso schnell wird es auch wieder vergessen werden. Ein bekannterer Rapper als ich hat mal gesagt, Musik zu veröffentlichen sei „Pissen in den Ozean„. Das dürfte bei Tiktok-Clips ähnlich sein.

Zum Abschluss: Falls jetzt jemand Interesse für Freestyle entdeckt haben sollte, haben Sie einen Tipp für Einsteiger:innen?
Da möchte ich Curse zitieren, was ich äußerst selten tun würde: „Beim Freestylen muss man üben und Bühne trennen. Lieber zehn Sätze, die brennen, als zehn Minuten verschwenden.“
In diesem Sinne: Einfach viel üben, bevor man sich dann mal filmen lässt.

Zum Thema Tiktok & Schule war ich übrigens gerade im Doppelstunde-Podcast zu Gast. Für virale Kultur und Phänomene wie das oben beschriebene Video interessiere ich mich weil mich Netzkultur fasziniert. In meinem Newsletter „Digitale Notizen“ gibt es deshalb die Rubrik „Netzkulturcharts“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Mehr über Tiktok und Medienkompetenz unter tiktok-taktik.de.

Follower-Dilemma: Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was viele Menschen wichtig finden, kann nicht unwichtig sein.

Diese Idee – hier als „Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit“ beschrieben – bestimmt nicht nur Suchalgorithmen, sondern sehr sicher auch Ihr Denken: Wer schon mal neugierig geworden ist, weil irgendwo viele Menschen in einer Schlange anstanden („was ist denn da los?“), kennt das Prinzip, das zahlreiche digitale Plattformen auf die Spitze getrieben haben. Sie haben dafür eine Währung erfunden, die allgemein anerkannt, aber in Wahrheit kaum wertvoll ist. Sie haben dafür das Prinzip „Follower“ erfunden – eine Einheit, die nicht unabhängig überprüfbar ist, die die Plattformen aber reich macht, weil wir sie glauben. Dabei ist diese Währung nahezu bedeutungslos – und es ist dringend an der Zeit, dies auch im allgemeinen Diskurs zu verankern. Und hier will ich kurz erklären, warum das so ist. (Symbolbild: unsplash)

Auslöser für meine Erklärung ist ein Wortbeitrag der sehr geschätzten Kollegin Eva Schulz auf der republica. Auf dem Panel Medienmachende als Marke spricht sie ab ca Minuten 17 über Follower und Reichweite. Sie erzählt die Geschichte einer jüngeren Kollegin, die keine Follower auf Instagram und deshalb kaum Chancen hat, an eine Moderatorionsrolle zu kommen, weil Verantwortliche in Medienhäuser diese Währung für relevant für eine Moderation halten. Eva sagt…

Es hört nie auf. Ich hab was, wo diese Kollegin hinguckt und sagt ,Scheiße, wie soll ich das je erreichen? Diese Followerzahlen, die Eva hat‘. Da ist mir erst bewusst geworden, was ich dann für einen Druck ausüben muss auf so viele Kolleginnen und Kollegen. Wegen einer Währung, die Medienhäuser gladly übernehmen, während es eigentlich ihre Aufgabe wäre, diese Leute selber aufzubauen. Und sich nicht einfach auf eine fremde Währung auf einer externen Plattform zu verlassen, die nicht mal von unserem Kontinent stammt.

… und kommt zu dem Schluss: „Da müssen sich Medienhaus-Verantwortliche wirklich mal überlegen, ob man sich auf diese Kennzahl verlassen will.“

Ich würde noch sehr viel deutlicher sagen: Nicht nur Medienhaus-Verantwortliche sollten sich von dieser Kennzahl verabschieden.

Warum glauben Menschen an den Wert der Follower? Weil sie annehmen, die Zahl treffe eine Aussage darüber, welche Reichweite ein Account hat. Darüber sagt die Zahl aber in Wahrheit sehr wenig aus – viel weniger jedenfalls als gemeinhin angenommen.

Jede:r, die/der mal in die Insights eines Accounts geschaut hat, weiß, dass kein Beitrag, der mit einer Followerzahl 100 gepostet wird, tatsächlich 100 andere Accounts erreicht. Spätestens mit Einführung des Timeline-Prinzips haben die Plattformen nämlich erkannt, dass nicht die postenden Accounts darüber entscheiden sollen, wessen Aufmerksamkeit sie bekommen – darüber wollen die Plattformen selbst bestimmen, um diese Aufmerksamkeit zu monetarisieren.

Mit der Tiktokisierung von Social-Media hat das Follower-Dilemma (Top-Illustration von mir rechts) eine neue Ebene erreicht: Plattformen priorisieren gut laufende Inhalte und versorgen diese mit Reichweite. Das heißt aber nicht, dass auch die Accounts zwingend mehr Reichweite bekommen – dafür müssen sie nämlich weiter gut laufende Inhalte produzieren; genau wie Accounts mit wenigen Followern auch.

Tiktoks relevanteste Bühne, die for you page, kommt sogar völlig ohne Follower aus. Hier spielt die Plattform Beiträge aus, die nicht darauf basieren, dass ein:e Nutzer:in bei Accounts „das plus weggemacht hat“ (Tiktok-Lingo für Follow). Auf der For You Page werden nach dem sprechender Hut-Prinzip Beiträge ausgespielt, die dann nahezu magisch irre Reichweiten bekommen können. Das gilt für einen Account mit wenigen Followern ebenso wie für einen vermeintlich reichweitenstärkeren Account, der bereits viele Follower hat.

Verlässlich aussagekräftig ist die Zahl der Follower auf Plattformen also nur in eine Richtung: in Bezug auf die Anzahl der Accounts (nicht unbedingt auch Menschen), die auf der Plattform den Account abonniert haben. Dass diese Zahl auch technisch verändert worden sein kann, lasse ich bewusst unerwähnt, denn meine Kritik bezieht sich gar nicht auf diesen Aspekt (der selbstredend erschwerend hinzukommt). Ob der Account diese anderen Accounts dann auch erreicht, darüber sagt die Follower-Anzahl eher wenig aus – maximal eine Wahrscheinlichkeit lässt sich aus der Gesamtzahl der Fans auf die Reichweite ermitteln.

Diese Wahrscheinlichkeit ist nicht null, aber sie ist ganz sicher auch nicht so bedeutsam, dass sie als relevante Währung in der öffentlichen Debatte genutzt werden sollte. Um ihre Flüchtigkeit zu illustrieren, muss man sich einen Account vorstellen, der zwar sehr viele Follower angesammelt hat, dann aber monatelang nichts postet. Dieser Account wird nach zwölf inaktiven Monaten nur eine sehr geringen Wahrscheinlichkeit auf hohe (organische) Reichweiten haben – es sei denn er kauft dafür Sichtbarkeit hinzu. Womit die Währung völlig wertlos wird, wenn sie lediglich zeigt, wieviel Geld ein Account ausgegeben hat, um sichtbar zu sein.

Sinnvoller erscheint es mir, Prominenz oder Sichtbarkeit im digitalen Ökosystem als fluide Währung zu betrachten – die immer nur sehr kurze Halbwertszeiten aufweist. Zu glauben, eine Angabe über Fans oder Follower könne daran etwas ändern, ist eine angenehme Vereinfachung, aber halt auch unangenehm falsch.

Nachtrag Es gibt übrigens eine Akteurin in dem Spiel, die großes Interesse daran hat, dass die Währung „Fans/Follower“ nicht an Bedeutung verliert: die Plattform selbst. Ohne eine unabhängige dritte Instanz, die ihre Zahlen kontrolliert, kann die Plattform den Nutzer:innen nämlich so ihre eigene vermeintliche Bedeutung vorführen. Das wäre doch schade, wenn sich daran etwas ändert…

Kate Bush, Jiggle Jiggle, Thomas Mann Daily, Tiktok-Bingo, Nationalhymnen, Lalaleluu ist cool & Jax Victorias Secret (Netzkulturcharts Juni)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Kate Bush „Running Up The Hill“ 🆕

Nachdem Kate Bush zu Beginn des Monats mit ihrem Song „Running Up The Hill“ dank der Verwendung in der Netflix-Serie „Stranger Things“ erstmals in die US-Charts eingestiegen war, hat sie gerade eben gleich drei Chart-Rekorde in England gebrochen: Vor 44 Jahren stand die Sängerin letztmals an der Spitze der britischen Charts. Einen derart langen Zeitraum hatte es zwischen zwei Spitzenplätzen noch nie gegeben. Sie ist zudem die älteste Sängerin an der Spitze der britischen Charts und noch nie zuvor hat ein Lied so lange von seiner Veröffentlichung bis zur Chartsspitze gebraucht: 37 Jahre. Auch in den Tiktok-Charts platziert sich der Song weit oben.

Grund für diese Rekorde sind eine geschickte Marketing-Strategie der Netflix-Serie sowie die „accelerated decline“-Klausel in den Regeln der britischen Hitparade, die der Guardian so erklärt: „So while a new song earns one “sale” for every 100 streams, older songs need to be streamed 200 times before a single “sale” is counted.“

Oliver Kaever kommt im Spiegel mit Blick auf den Song zu dem Schluss: „Eigentlich schade, dass er die Luftnummer »Stranger Things« brauchte, um wiederentdeckt zu werden.“

Platz 2: Jiggle Jiggle, Louis Theroux ⬇️

Im New York Times-Porträt nennt Louis Theroux die Geschichte des Jiggle-Jiggle-Hits “a baffling 21st century example of just the weirdness of the world that we live in” – und für mich ist sie weiterhin eine der schönsten Popstorys des Sommers, deshalb hält sie sich weiter oben in den Charts. Denn es gibt scheinbar nur eine Person weltweit, die unter dem Hype um den Autotune-Schnipsel leidet: Therouxs 14jähriger Sohn. “‘Why is my dad, the most cringe guy in the universe, everywhere on TikTok?’” Mr. Theroux said, giving voice to his son’s reaction.“

Den meisten anderen Tiktok-Nutzer:innen scheint es jedoch anders zu gehen als Theroux Junior. Sie mögen den Song so sehr, dass sie mittlerweile sogar eine langsame Version auf der Harfe nutzen oder wie DJ Horizon in diesem kleinen Tiktok-Clip vom now playing-Festival in Indonesien, das Publikum damit begeistern. Das Beispiel ist auch deshalb Netzkulturcharts-relevant, weil es den „Wait for it“ (zu deutsch: „Schau bis zum Ende“)-Aufruf enthält, mit dessen Hilfe Tiktok-Clips ihre langfristige Sichtbarkeit erhöhen wollen.

Platz 3: Thomas Mann Daily 🆕

Im Frühjahr 2019 zeigte das Projekt „Ich Eisner“ wie Geschichte durch soziale Medien lebendig werden kann. Die Botschaften des ersten bayerischen Ministerpräsidenten, die zeitversetzt genau 100 Jahre nach der Revolution im Freistaat verschickt wurden, bekamen ein durchweg positives Echo. Dass der Twitter-Account Thomas Mann Daily nun seit einer Weile etwas Vergleichbares anbietet, ist also nicht besonders originell, aber trotzdem großartig. @DailyMann twittert Notizen aus den Tagebüchern des Literaturnobelpreis-Trägers, die jeweils an dem Tag notiert wurden. Die Einträge sind nicht chronologisch, sondern nur datumspassend. Das ist aber dennoch äußerst reizvoll, weil ich mich jedes Mal wieder frage: Wie hätte Thomas Mann genau diese Beobachtung heute notiert?

Platz 4: Tiktok-Bingo 🆕

Wie funktionieren eigentlich deutsche Tiktok-Clips? Der Tiktok-User @derbimon hat für die Reichweiten- und Interaktions-Tricks von Influencer:innen ein Bingo erstellt, das er auf seinem Account mit Hilfe der Duett-Funktion durchspielt. Regungslos schaut er sich die Clips an und spielt dabei mit „OMG!“-Floskeln und „Macht das Plus weg“-Aufrufen Bingo. Das ist nicht nur sehr lustig, sondern auch lehrreich, weil er damit wiederkehrende Muster offenlegt. Deshalb: macht das Plus weg bei @derbimon und folgt ihm für den zweiten Teil.

Platz 5: Luksan Wunder – Nationalhymnen-Missverstehen 🆕

Richtiges Verstehen und vor allem das richtige Aussprechen sind seit jeher ein relevantes Thema für Luksan Wunder (ich habe darüber ausführlich im meinen Essay im Deutschlandfunk gesprochen). Diesen Monat nun hat der Account ein neues Feld für das große Missverstehen-Thema geöffnet: Nationalhymnen. Endlich hört mal wer richtig hin und verrät, dass die italienische Nationalhymen mit den Worten „Der Starbucks in Parma“ beginnt. Falls sich das merkwürdig liest, bitte unbedingt hier die Luksan-Wunder-Übersetzung anschauen. Sie zählt zum Lustigsten, was ich im Juni im Netz gesehen habe.

Besondere Erwähnung:

Dass man mit dall-e mini Bilder generieren kann, wissen eh alle, oder? Hier hat der Spiegel drüber geschrieben. Die FAZ hat unterdessen einen eigenen Tiktok-Kanal gestartet, Twitter testet eine Entpörungsbremse für aufgebrachte Tweet-Schreiber:innen – schreibt Ryan Broderick. Ich würde es einen Entpörungsversuch nennen – und frage mich, was die Woke Szene davon hält (Hintergrund hier im Tagesspiegel)

Falls jemand plant, Rückblick-Retro-Posts anzufertigen ohne dabei allzu melancholisch zu werden: Der beschleunigte Abba-Song Angle Eyes liegt derzeit als „Angleseyes Sped up“ unter zahlreichen Clips, die Retro-Charmen versprühen.

Wie kommst du in Zukunft an einen Job? Unternehmen bewerben sich bei dir! Genau das hat Tiktokerin @lalaleluuistcool im April vorgeschlagen. In diesem Video schminkt sie sich und fordert Unternehmen auf, sich bei ihr zu bewerben – damit sie deren „Tiktok-Mensch“ wird. Heute hat sie nun eine Auflösungs-Video gepostet, in dem sie ankündigt, künftig Tiktoks für Edeka zu machen.

Nachtrag zu Thema Tiktok und (Fake-)Viralhits (siehe Mai-Charts): Bei OMR gibt es einen guten Überblicks-Artikel zum Thema. Und zum Abschluss ein Song, den Jax über Victorias Secret geschrieben hat:

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: DVG

Louis Theroux & Jiggle Jiggle, I am Jose Mourinho, Hasleys Viral Moment, POV-Videos, Zuckerberg Gruppen-Selfie, (Netzkulturcharts Mai)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Jiggle Jiggle, Louis Theroux 🆕

Louis Theroux ist ein Journalist, der vor allem durch seine Dokumentationen in der BBC bekannt geworden ist. Gerade läuft die Serie Forbidden America, in der Louis Internetstars trifft. Der Untertitel lautet „Extrem and Online“ und ist eine treffende Beschreibung. Auf seiner Website stellt er auch Podcasts und Bücher vor, seine Bekanntheit hat aber ein neues Level erreicht, seit er ins Musik-Business eingestiegen ist. Gerade ist sein Song „Jiggle Jiggle“ erschienen – und dessen Entstehung ist die schönste Viral-Geschichte des Monats, die Theroux z.B. eigene Memes eingebracht hat: Sie beginnt im Jahr 2000 mit diesem Rap-Versuch des Journalisten. Damals war er im Rahmen seiner Recherche für die Serie „Weird Weekends“ in New Orleans und beteiligte sich an einem Rap-Wettbewerb einer örtlichen Radiostation. Im Februar 22 Jahre später war Louis nun in der YouTube-Sendung Chicken Soap Date bei Amelia Dimoldenberg zu Gast, die ihn auf den Rap aus dem Jahr 2000 anspricht. Darauf beginnt er zu rappen, was die DJs Duke & Jones entdecken und für ihre Konzept „adding autotune to random videos“ nutzen. Das heißt sie nehmen Louis Sprechgesang, autotunen ihn und landen damit wie zufällig einen viralen Hit. Der Sound wird millionenfach auf Tiktok genutzt, Snoop Dog referenziert ihn und Mitte Mai bringen die DJs und der Journalist den Song auch offiziell raus. Dafür rappte er nochmal in einem echten Studio, wie man hier sehen kann – dem viralen Erfolg schadet das nicht, im Gegenteil: aktuell führt er nicht nur die Netzkulturcharts an, auch Tiktok sieht ihn ganz oben.

Platz 2: „I am Jose Mourinho“ 🆕

Sich unfreundlich, ein wenig gemein aber vor allem sehr egoistisch zu benehmen, hat seit diesem Monat einen Namen: Der Satz „I am Jose Mourinho“ ist zur Beschreibung dieses Verhaltens in allen denkbaren Ausprägungen geworden. Nutzerinnen und Nutzer auf Tiktok haben das Zitat des Conference-League-Meistertrainers aus dem Werbespot für ein Sticker-Album genommen und kleben es nun auf alle denkbaren badass-Moves, die dem Gestus des umstrittenen Trainers, der gerade beim AS Rom gefeiert wird, zugeschrieben werden. Die Werbung läuft seit Anfang April, die Reichweite des Memes hat die Sticker-Reklame aber bei weitem überschritten. Erstaunlich daran: diese Clips leben von der Text-Ebene der Tiktoks. Nutzer:innen zeigen sich selbst, schreiben ihr Mourinho-haftes Verhalten in den Text auf das Bild und sprechen den Sound der Werbung lippensynchron nach. Nicht auszuschließen, dass der Satz ein geflügeltes Wort wie „Hold Me Beer“ werden könnte.

Platz 3: Faking Viral Moment 🆕

Ashley Nicolette Frangipane ist unter dem Namen Hasley als Musikerin sehr bekannt. Ihre Wikipedia-Seite listet zahlreiche Auszeichnungen und Chart-Platzierungen auf. Bisher unerwähnt ist dort jedoch ein Tiktok-Clip, den Hasley in diesem Monat hochgeladen hat. Darin filmt sie sich zu 30 Sekunden eines neuen Songs und teilt auf der Textebene die Information, dass ihre Plattenfirma diesen Song nicht veröffentlichen will, bis sie nicht einen viralen Moment auf Tiktok erfinden können. Sie lehnt sich damit gegen den Marketing-Druck ihrer Plattenfirma auf – und hat ironischer Weise damit eine Art viralen Moment geschaffen. Denn zahlreiche Medien widmen sich „dem Druck, der von Tiktok ausgeht“ (Axios), analysieren, dass Tiktok das neue MTV sei oder fragen (Vice) wie sehr Musiker:innen darunter leiden. Ich mag das Fazit bei Axios: „People have long used manufactured scandals or drama to help boost sales or hype new products, but the social media era has put more pressure on artists to do it consistently to break through.“

Platz 4: POV-Videos ⬆️

In den Netzkultur-Charts im April habe ich den POV-Trend noch als besondere Erwähnung notiert. Meinem Eindruck nach haben sich diese Clips noch weiter popularisiert. Sie zeigen zum Sound aus dem Song „Miami, My Amy“ von Keith Whitley Zitate, die Menschen in bestimmten Situationen hören. Illustriert werden die Clips stets mit Stockfotos, die Typen zeigen sollen, die diese Sätze sagen könnten.

Ich habe dazu im vergangenen Monat ein Reel gemacht mit dem „POV: Wenn du mit dem Laufen beginnst

Platz 5: Mark Zuckerberg Selfie

Der Meta-Chef* hat mit Angestellten seines Meta-Stores ein Selfie gemacht – und Internet macht sich drüber lustig. Das wäre eigentlich nicht weiter erwähnenswert, würde es nicht so anschaulich beschreiben, welch merkwürdige Rolle der einstige Popstar des Digitalen mittlerweile im Netz einnimmt.
* als ich merkte, dass Meta-Chef ja die Bezeichnung für den Chef der Chefs ist, musste ich so lachen wie Zuckerberg auf dieser Fotomontage.

Besondere Erwähnung:

Das ZDF-Magazin hat nachgewiesen, dass viele Polizeidienststellen in Deutschland etwas überfordert damit sind, online zu ermitteln. Die heute-show hat sich mit Tiktok befasst – inklusive Kurz-Interview mit Marcus Bösch und Putin-Propaganda von Alina Lipp.

The Atlantic glaubt, die Internet-Challenge sei tot, jedenfalls nicht mehr so lebendig wie früher. Musicbusinessworld fragt, ob Tiktok zu einer Plattenfirma wird und und Vox erkennt einen Trend zum Mashup aus Tiktok und Powerpoint – zu guter Letzt: ein Song

Ah!, Elon Musk, Rotoscope-Filter, Macron-Moods, Wordle-April-Scherz, POV (Netzkulturcharts April)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Ah!-Duette 🆕

Selten wird der Zauber dessen, was digitale Vernetzung an Freude bringen kann, so deutlich sicht- und hörbar wie in dem vermeintlichen Missgeschick, das Katey Bridges beim Filmen eines Tiktok-Clips passierte. Unter ihrem Account kateylorrell postete sie am 14. April das kurze Video, auf dem man sieht, wie sie sich am Gestell ihres Bettes anstößt und dabei „Ah!“ ruft. Der Ausruf wurde seit dem zur Referenz in unzähligen anderen Posts, Kateys Clip zur Kopiervorlage für sehr sehr viele neue Clips, die den Ausruf in Lieder wie “No Matter What I Do” (Nelly), „Staying Alive“ (BeeGees), “When I Was Your Man” (Bruno Mars), “Fergalicious” (Fergie), “More Than a Woman” (BeeGees), „Never Gonna Give you Up“ (Rick Astley) oder sogar Mozart integrierten. Daily Dot hat mit der Urheberin über ihren ungeplanten Ruhm gesprochen und sie sagt, was man halt sagt, wenn man von einer viralen Welle erfasst wird: „Es war der absolute Wahnsinn! Ich liebe all die Duette und Kommentare. Die Leute sind so kreativ und lustig. Nur ein einfaches Outfit des Tages-Video, das schief gelaufen ist.“ Möglich wird diese Form der Referenz, weil Tiktok vor einer Weile die Interaktion-Form Duette eingeführt hat, die hier schon mal Thema war – und die man hier in Aktion beobachten kann:

Platz 2: Elon Musk & #Twittertakeover 🆕

Der Satz „Jetzt wird gerätselt, was der Tesla-Boss mit dem Kurznachrichtendienst vorhat.“ ist in den vergangenen Stunden zur vermutlich am häufigst genutzten Teaser-Rampe im deutschsprachigen Online-Journalismus geworden. Elon Musk hat nämlich angekündigt, Twitter-Aktionär:innen ein Übernahme-Angebot zu machen und Twitter so übernehmen zu wollen. Was darüber gerätselt wird, soll hier nicht weiter Thema sein – dazu findet man unter dem Hashtag #TwitterTakeover guten Analysen. In die Charts schafft es das Thema vor allem, weil ich darauf hoffe, dass die Übernahme in Deutschland eine Diskussion über digitale Infrastruktur anstoßen könnte. Leonhard Dobusch hatte dazu getwittert und ich habe auch ein wenig mitgedacht.

Platz 3: Rotoscope-Effekt 🆕

Die „Erstellung animierter Sequenzen, bei der Objekte in einer Live-Action-Aufnahme Bild für Bild nachgezeichnet werden“ ist nicht neu, sie existiert seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Rotoscoping war anfangs aber sehr aufwändig. Im April 2022 ist Rotoscoping ein netzkulturelles Phänomen – und ein Trend auf Tiktok, der einen Effekt schafft, „allowing users to trace their body in real time into a vibrant animation“ – und dabei auf gelernte Trends wie das Captain-Pfeifen zurückgreift.

Platz 4: Macron-Mood 🆕

Er war hier schon im März Thema weil er so einen militärischen Hoodie trug. Jetzt ist der frisch wiedergewählte französische Präsident im Meme „Macron Mood“ in den Charts gelandet. Zu sehen ist er dabei in unterschiedlichen Gefühlszuständen: Seriös im Rollkragenpulli, in seinem Militär-Hoodie, verzweifelt in Hemd und Krawatte sowie lässig mit weit geöffnetem Hemd auf dem Sofa. Diese unterschiedlichen Gefühlszustände dienen zur Illustration unterschiedlicher Entwicklungslinien – z.B. den Arbeitsphasen von Journalist:innen oder den Phasen der Corona-Pandemie. Nicht nur wegen der Nationalität ist die Parallele zum French-Dispatch-Meme sehr auffällig: Macron als Symbol unterschiedlicher sozialer Netzwerke.

Platz 5: Wordle-April-Scherz 🆕

Seit 2018 veröffentlicht Tom Rosenthal April-Scherz-Songs. In diesem Jahr hat er sich auf fünf Buchstaben beschränkt und dem Hype des Frühjahrs gewidmet: Sein Wordle-April-Scherz-Song „Drift Along Small World“ war sogar Thema in der New York Times – und ist wirklich schön.

Besondere Erwähnung:

Das tiktok-Team von Mainz 05 hat ein besonderes Lob für ihren Clip zum so genannten POV-Format verdient. Nach der 0-5 Niederlage ihrer Bundesliga-Mannschaft posteten die Mainzer einen Clip, der sich auf sehr selbstironische Weise mit der Niederlage auseinandersetzte – und den aktuellen Trend bediente, bei dem Menschen zum Song „Miami, My Amy“ von Keith Whitley Sätze zu Stockfotos posten, die sie aus ihrer besonderen Situation hören (eben aus ihrem Point of view – POV). Bei Mainz war dies: POV – du warst als Admin in Wolfsburg dabei

Das funk-Format „So many tabs“ widmet sich dem Tiktok-Algorithmus, der wie der sprechende Hut bei Harry-Potter vermeintlich Ordnung schafft. Kann auch verstörend sein.

Vox geht der Frage nach „What is TikTok couture?“, der Wordle-Hype (siehe Platz 5) greift auch auf andere Medien: Puzzle sind das nächste große Ding für Zeitungen

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Warum Tiktok ein relevantes journalistisches Feld ist

Im Magazin des Presseclubs München (hier als PDF) durfte ich eine Einschätzung zu der Frage schreiben, wie sich Journalist:innen zu Tiktok verhalten sollten. Mein Ratschlag – trotz allem: „Sie sollten sich mit Tiktok befassen“

Der erste Satz. Der Einstieg. Der Moment, in dem das Interesse geweckt wird.

Jede gute Geschichte lebt davon. Egal, ob sie gedruckt im Magazin des Presseclubs München erscheint oder in wenigen Sekunden auf der Plattform Tiktok erzählt wird. Die Dramaturgie verlangt einen Einstieg, der nicht nur fesselt, sondern den Wunsch weckt, mehr zu erfahren. So werden Leserinnen ebenso wie Tiktok-Nutzer reingezogen in den Inhalt.

Bei der als Musik-Videoplattform gestarteten Social-Media-App Tiktok kann man das in diesen Tagen an einem Schnipsel sehen und miterleben, der so etwas wie der Urahn der guten Einstiege ist. Er basiert auf einem Prinzip, das in Filmen und Serien häufig genutzt und „Record Scratch / Freeze Frame“ genannt wird. Dabei hört man das Kratzen einer Schallplatte, die gestoppt wird, während das Bild, in dem die Hauptperson zu sehen ist, einfriert. Eine Erzählstimme sagt: „Jepp, das bin ich. Und vermutlich wundern Sie sich, wie ich in dieser Situation gelandet bin.“

Dieser Satz ist so perfekt, er braucht fast keine folgende Geschichte. Die Geschichte entsteht im Kopf der Zuschauerinnen und Zuschauer. Diese fügen sich aus den Hinweisen in dem eingefrorenen Bild eine Geschichte zusammen, in der die Hauptperson meist nicht sehr gut dasteht. Dieses uralte Prinzip des Aufmerksamkeits-Angelns wird gerade in seiner demokratisierten Form auf jener Plattform aufgeführt, die als das nächste große Ding für die Medienbranche gehandelt wird. Dabei ist Tiktok spannend, weil es genau diese alten Erzählmuster in neuer Form zu Tage fördert. Man kann Nutzerinnen und Nutzer dabei beobachten, wie sie zu dem Sound-Schnipsel unvorteilhafte Szenen von sich selbst zeigen. Diese Form der inszenierten Selbstironie zu den Worten „Yup that’s me; you’re probably wondering how I ended up in this situation“ ist eine weitere Möglichkeit im nahezu unendlichen Spiel, die eigene Identität in sozialen Medien auszudrücken.

Übertragen auf diesen Text könnte ich nach der Aufforderung in der Überschrift, Sie sollten sich mit Tiktok befassen, genau diesen „Record Scratch / Freeze Frame“-Satz nachschieben. Denn in Wahrheit spricht so viel gegen die Benutzung von Tiktok, dass Sie an dieser Stelle des Textes das Kratzen einer Schallplatte und aus dem Off eine Stimme hören müssten, die die Überschrift mit den Worten kommentiert:

„Jepp, das bin ich. Und vermutlich wundern Sie sich, wie ich in dieser Situation gelandet bin.“

Tiktok gehört zum chinesischen Konzern ByteDance, der schon länger wegen seines Umgangs mit Nutzerdaten in der Kritik steht. Im April 2021 wurde bekannt, dass die chinesische Regierung sich mit einer einprozentigen Unternehmensbeteiligung an einer Tochterfirma an ByteDance beteiligt. Schon im Sommer 2020 wollte der damalige US-Präsident Donald Trump die App in den USA verbieten lassen, weil er sie verdächtigte, Daten von Amerikanern an chinesische Behörden weiterzureichen. Der Jurist Malte Engeler sagte der Süddeutschen Zeitung bereits im Jahr 2019: „In China muss man mit dem unbeschränktem und anlasslosen Zugriff der Behörden auf die Daten rechnen. Damit ist der Wesensgehalt des Grundrechts auf Achtung des Privatlebens verletzt.“ Auch mit der Meinungsfreiheit gibt es auf Tiktok wiederholt Probleme. Als eine Nutzerin in einem Clip die Verfolgung muslimischer Uiguren in China anprangerte, verschwand ihr Video plötzlich von der Plattform. ByteDance sprach von einem „menschlichen Fehler“. Das Portal Netzpolitik kam nach Einsicht interner so genannter Moderationsregeln von Tiktok zu dem Ergebnis: „Unsere Recherchen zur Content Moderation bei TikTok zeigen, wie wenig politische Meinungsfreiheit auf der Plattform respektiert wird. Das chinesische Unternehmen kontrolliert und manipuliert intransparent wie bisher kein anderer marktdominanter Konkurrent diese neue Öffentlichkeit.“

Müsste die einzig mögliche Schlussfolgerung aus diesem Wissen nicht lauten: Meiden Sie diese App? Wer kommt danach dennoch auf die Idee, Tiktok für interessant für gegenwärtigen Journalismus zu halten? „Yup that’s me“ – und ich schreibe diese Sätze im Wissen um ihre Widersprüchlichkeit. Ich habe im Jahr 2020 ein Buch über „Muster digitaler Kommunikation“ im Wagenbach-Verlag veröffentlicht – und bei der Recherche zu „Meme“ habe ich festgestellt: Tiktok ist nicht nur eine politisch problematische App, Tiktok ist auch eine der wichtigsten Plattformen für gegenwärtige Netzkultur.

Begonnen hat Tiktok mit einem der magnetischsten Stoffe der kulturellen Identitätsprägung: mit der Musik. Die App startete unter dem Namen musical.ly und bot Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit, sich mit Hilfe von Song-Schnipseln zu verbinden. Das lippensynchrone Nachsingen von Lieblingsliedern wurde aus der Einsamkeit vor dem Badezimmerspiegel befreit und zu einer sozialen Interaktion – denn andere nutzen das gleiche Song-Zitat, um ganz ähnlich oder auch ganz anders damit zu interagieren. Das funktionierte so erfolgreich, dass die hinter musical.ly stehende chinesische Firma ByteDance dem Angebot einen neuen Namen und eine etwas erwachsenere Markenausrichtung schenkte: Tiktok gilt zwar immer noch als jung, aber nicht mehr zwingend als albern oder kindisch.

Das hängt auch damit zusammen, dass die ursprüngliche Nachsing-Option erstaunlich erweitert wurde. Spätestens als im Frühjahr 2020 die US-Comedian Sarah Cooper weltweiten Ruhm mit ihren Imitationen von Originalzitaten von Donald Trump erlangte, war klar: Tiktok ist weit mehr als der digitale Badezimmerspiegel für junge Menschen. Wer sich heute mit gegenwärtiger Popkultur befasst, kommt um die Handy-App, die via Hochswipe immer neue Kurzclips zeigt, nicht mehr herum. Der US-Journalist Ryan Broderick hält Tiktok in den Vereinigten Staaten mittlerweile sogar für kulturell bedeutsamer als Facebook (über dessen politische Einordnung man ja übrigens auch streiten kann).

Der Hauptgrund für diesen Erfolg ist das hochformatigen Kurzvideo, das Tiktok popularisiert hat. Die Konkurrenzplattform Instagram hat diese Schnipsel unter dem Namen „Reels“ adaptiert und die zu Google zählende Videoplattform Youtube bietet das Format unter dem Namen „Shorts“ an. Diese Kurzclips sind zu einer verbindenden Kommunikationswährung einer jungen, digitalen Generation geworden. Sie werden in erster Linie mobil konsumiert und dort auch weitergereicht. In diesen Kurzclips wird kulturelle Identität ebenso verhandelt wie politische Debatten oder musikalische Lieblingssongs. Die meisten dieser Videos nehmen nicht nur ihren Anfang in Tiktok, das seinen Nutzern eine sehr intuitiv zu bedienende Videoschnittsoftware anbietet. Diese Filmschnipsel werden vor allem über Tiktok zugänglich gemacht. Anders als bei anderen sozialen Netzwerken wie Facebook oder LinkedIn braucht man bei Tiktok keinen Account. Tiktok zeigt auf seiner so genannten „For you page“ auch denjenigen Nutzerinnen und Nutzern Inhalte an, die gar nicht in der App angemeldet sind. Dennoch schneidet die App auf der „For You Page“ Videos auf die Präferenzen derjenigen zu, die entweder schnell weiterswipen oder länger zuschauen. So entfaltet die App eine magnetische Wirkung, weil sie mit dem nächsten Swipe einen neuen vielleicht spannenden Inhalt nicht nur verspricht, sondern auf Basis von Nutzer-Interessen häufig auch zeigen kann.

Auf diese Weise schafft Tiktok eine Form der sozialen Bindung, die früher das Dudelradio erzeugte. Die Heavy Rotation als das wiederholte Abspielen bestimmter Hits im Radio heißt bei Tiktok „For you Page“ und bezieht sich nicht mehr nur auf Musik. Aber wie beim Pop im Radio verlangen auch die Inhalte auf Tiktok nach einer kulturellen Begleitung durch gegenwärtigen Journalismus. Denn trotz aller Kritik bietet Tiktok damit einen Raum für sozialen Austausch, in dem zumindest der junge und digitale Teil der Gesellschaft relevante (und auch weniger relevante) Fragen behandelt. Wer sich damit befasst, wird nach kurzer Zeit vermutlich ins Tiktok-Universum reingezogen – und zumindest still bei sich denken: „Jepp, das bin ich“, und sich wundern, „Wie bin ich nur hier gelandet.“

Mehr über Tiktok hier im Blog unter tiktok-taktik.de. Besonders empfehle ich den englischsprachigen Newsletter von Marcus Bösch: Understanding Tiktok. Im Sommer 2019 habe ich in einem Selbstversuch mal 24 Stunden auf Tiktok verbracht. Die im Text behandelten Phänomene habe ich auch im Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation eingeordnet.

Zitter nicht, Elevatorboys, das ist eine wundervolle Frage, Ladi, Jeremy Fragrance (Netzkulturcharts November)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus dem Oktober stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Zitter nicht 🆕

Stell dir vor es gibt ein deutschsprachiges Meme, das aus einem runnig gag besteht und das keiner so richtig versteht. Wenn du das denken kannst, dann kannst du „Zitter nicht“ denken. An die Spitze der Charts hat Tagesschau-Sprecherin Susanne Daubner das Meme in diesem Monat gebracht, in dem sie es für den Jubelpost der Nachrichtensendung zu 1 Million Followern referenzierte.
Das Meme basiert auf dem immer gleichen Muster einer „Stell dir vor“ eingeleiteten Idee, die von einem „Zitter nicht. Warum zitterst du?“ gefolgt wird. Wer einige dieser Clips gesehen hat, versteht die Referenz. Wer die Clips nicht kennt, hält das ganze für totalen Quatsch. Also die beste Voraussetzung für einen running-gag, der auf dem Distinktions-Prinzip von Memes basiert. Begonnen hat das Spiel mit Eren Aziz Azadi, der mit seinem „Stell dir vor ich heirate deine Schwester“-Clip, den er Anfang des Monats postete, über fünf Millionen Aufrufe und jede Menge Referenzen generierte.
Weil ich dazu im Laufe des Monats twitterte, griff die Redaktion von Watson meinen Tweet hier auf – allerdings sagte ich: Stell dir vor.

Platz 2: Elevatorboy 🆕

Eigentlich sind sie keine wirklichen Neueinsteiger in den Netzkulturcharts. Schon im Juli schafften sie es mit Hilfe des Songs „Alors on Dance“ auf Platz 3 der Charts (damals noch hinter Theophilius Junior Bestelmeyer), diesen Monat nun waren sie zu den Klängen von „Watermelon Sugar“ im Studio von Latenightberlin: die Elevatorboys. Der Account der Pro7-Sendung postete dann einen Clip mit Moderator Klaas und den fünf Jungs, deren wichtigstes Merkmal laut TV-Vorstellung dies ist: sie sind hübsch und cute. Spätestens mit dem Besuch im Fernsehen sind Tim Schaecker, Luis Freitag, Jacob Rott, Julian Braun und Bene Schulz auf dem Level einer Boyband angelangt, die nicht wegen Musik, sondern wegen ihrer Tiktoks populär sind – in denen sie auch nur hübsch und cute sind (wie man auch in diesem Interview feststellen kann). Mir persönlich gefällt am Phänomen „Elevatorboys“ der Account Fahrstuhlgirls am besten – ein sehr charmanter Kopie-Account.

Platz 3: Das ist eine wundervolle Frage – da gibts ne einfache Antwort ,nein‘ 🆕

Der Physiker Harald Lesch war im Sommer in der Sendung Unkraut vom Bayerischen Rundfunk zu Gast. Nach ziemlich genau 13 Minuten in diesem YouTube-Clip wird ihm dabei eine Frage gestellt, auf die er lachend antwortet: „Das ist eine wundervolle Frage. Da gibt es eine einfache Antwort: Nein.“
Lesch sagt das so glaubwürdig lachend und so voller Überzeugung in der Stimme, dass die wenigen Sekunden sich aus dem Ursprungskontext gelöst und zur Audiokopiervorlage auf Tiktok entwickelt haben. Vermutlich weiß allerdings wohl niemand von denen, die Leschs Worte zu „Wenn der Chef fragt, ob ich länger machen kann“ und vergleichbaren Clips nutzen, wie die Frage hieß, auf die der Physiker antwortete. Sie ist nämlich gar nicht so lustig wie die zahlreichen Referenz-Videos. Sie lautet in Bezug auf die Klimakrise: „Wird uns der technologische Fortschritt reden?“

Platz 4: Instagram-Kettenbriefe 🆕

In meiner Instagram-Timeline haben in den vergangenen Tagen zahlreiche Menschen ihren Namen auf der Seite Urban Dictionary nachgeschaut. Das ist aber nicht nur ein alberner Quatsch, der uns an den identitätsstiftenden Charakter von Social-Media erinnert. Das ist auch ein neues Feature von Instagram, das „Du bist dran“ heißt und in Storys verbaut werden kann. Anderes Nutzerinnen und Nutzer sollen so niedrigschwellig aufgefordert werden, Bilder in einem großen Kettenbrief zu posten. Das ist ein sehr alter Trick, der mit seiner jüngsten Variante aber unbedingt eine Erwähnung in den Netzkulturcharts verdient hat.

Platz 5: Ladi von Raed_offiziell 🆕

Der Tiktoker Raed_offiziell hat eine Figur entwickelt, die er Ladi nennt und die sich daduch auszeichnet, dass sie ein klein bisschen dumm ist. Ladi formuliert erstaunliche Grammatikfehler und liefert damit schöne Soundvorlagen für andere Tiktoks. In diesem Monat hat Ladi einige gemeinsame Clips mit Mario Novembre gemacht, der wiederum gerade eine erstaunliche Numa-Numa-Kopie auf den Markt gebracht hat: „Lautlos“ ist ein gerade mal zwei Minuten langer Autotune-Song, der vor allem von der Basis eines Songs aus dem Jahr 2004 lebt. Dragostea Din Tei diente schon einem der größten Internet-Memes als Vorlage. Gary Brolsma imitiert den Song bevor es überhaupt YouTube gab – und ist deshalb sowas wie der Urvater der heutigen Tiktok-Stars.

Besondere Erwähnung:

Einer der bekanntesten Deutschen auf Tiktok ist Daniel Schütz, so lautet der bürgerliche Name hinter der Figur Jeremy Fragrance kann man auf Wikipedia und im Bonner Generalanzeiger nachlesen. Jeremy war in diesem Monat in der Sendung deep und deutlich zu Gast und hat ein paar Fragen beantwortet.

Der Account smd.amanuel zeigte auf Tiktok in diesem Monat wie man mit den Social-Media-Redaktionen von großen größeren Unternehmens-Accounts spielt. Er nahm den „Zitter nicht“-Trend (s.o.) auf und begann dann einen recht amüsanten Austausch mit der Polizei Berlin, Edeka, Aldi und dem Radiosender JamFM. Die Videos sind ein schönes Beispiel für die Möglichkeiten dessen, was auf dem nächsten Level „authentischer Kommunikation“ erreichbar ist. Der Hashtag #allesindenarm wurde auf Twitter genutzt, um für den Sinn der Impfung zu werben. Der Tiktok-Account von Duolingo zeigte wie man mit einem Eulen-Maskottchen (Duo) Begeisterung und Reichweite auf Tiktok erzeugt. Hier erklärt die 23-jährige Zaria Parvez welche Rolle dabei Memes gespielt haben.

Dass Google zudem in diesem Monat seine Tiktok-Kopie „Shorts“ sogar auf der Google-Startseite beworben hat, habe ich hier aufgeschrieben.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: Pop