Alle Artikel mit dem Schlagwort “TikTok

Kate Bush, Jiggle Jiggle, Thomas Mann Daily, Tiktok-Bingo, Nationalhymnen, Lalaleluu ist cool & Jax Victorias Secret (Netzkulturcharts Juni)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Kate Bush „Running Up The Hill“ 🆕

Nachdem Kate Bush zu Beginn des Monats mit ihrem Song „Running Up The Hill“ dank der Verwendung in der Netflix-Serie „Stranger Things“ erstmals in die US-Charts eingestiegen war, hat sie gerade eben gleich drei Chart-Rekorde in England gebrochen: Vor 44 Jahren stand die Sängerin letztmals an der Spitze der britischen Charts. Einen derart langen Zeitraum hatte es zwischen zwei Spitzenplätzen noch nie gegeben. Sie ist zudem die älteste Sängerin an der Spitze der britischen Charts und noch nie zuvor hat ein Lied so lange von seiner Veröffentlichung bis zur Chartsspitze gebraucht: 37 Jahre. Auch in den Tiktok-Charts platziert sich der Song weit oben.

Grund für diese Rekorde sind eine geschickte Marketing-Strategie der Netflix-Serie sowie die „accelerated decline“-Klausel in den Regeln der britischen Hitparade, die der Guardian so erklärt: „So while a new song earns one “sale” for every 100 streams, older songs need to be streamed 200 times before a single “sale” is counted.“

Oliver Kaever kommt im Spiegel mit Blick auf den Song zu dem Schluss: „Eigentlich schade, dass er die Luftnummer »Stranger Things« brauchte, um wiederentdeckt zu werden.“

Platz 2: Jiggle Jiggle, Louis Theroux ⬇️

Im New York Times-Porträt nennt Louis Theroux die Geschichte des Jiggle-Jiggle-Hits “a baffling 21st century example of just the weirdness of the world that we live in” – und für mich ist sie weiterhin eine der schönsten Popstorys des Sommers, deshalb hält sie sich weiter oben in den Charts. Denn es gibt scheinbar nur eine Person weltweit, die unter dem Hype um den Autotune-Schnipsel leidet: Therouxs 14jähriger Sohn. “‘Why is my dad, the most cringe guy in the universe, everywhere on TikTok?’” Mr. Theroux said, giving voice to his son’s reaction.“

Den meisten anderen Tiktok-Nutzer:innen scheint es jedoch anders zu gehen als Theroux Junior. Sie mögen den Song so sehr, dass sie mittlerweile sogar eine langsame Version auf der Harfe nutzen oder wie DJ Horizon in diesem kleinen Tiktok-Clip vom now playing-Festival in Indonesien, das Publikum damit begeistern. Das Beispiel ist auch deshalb Netzkulturcharts-relevant, weil es den „Wait for it“ (zu deutsch: „Schau bis zum Ende“)-Aufruf enthält, mit dessen Hilfe Tiktok-Clips ihre langfristige Sichtbarkeit erhöhen wollen.

Platz 3: Thomas Mann Daily 🆕

Im Frühjahr 2019 zeigte das Projekt „Ich Eisner“ wie Geschichte durch soziale Medien lebendig werden kann. Die Botschaften des ersten bayerischen Ministerpräsidenten, die zeitversetzt genau 100 Jahre nach der Revolution im Freistaat verschickt wurden, bekamen ein durchweg positives Echo. Dass der Twitter-Account Thomas Mann Daily nun seit einer Weile etwas Vergleichbares anbietet, ist also nicht besonders originell, aber trotzdem großartig. @DailyMann twittert Notizen aus den Tagebüchern des Literaturnobelpreis-Trägers, die jeweils an dem Tag notiert wurden. Die Einträge sind nicht chronologisch, sondern nur datumspassend. Das ist aber dennoch äußerst reizvoll, weil ich mich jedes Mal wieder frage: Wie hätte Thomas Mann genau diese Beobachtung heute notiert?

Platz 4: Tiktok-Bingo 🆕

Wie funktionieren eigentlich deutsche Tiktok-Clips? Der Tiktok-User @derbimon hat für die Reichweiten- und Interaktions-Tricks von Influencer:innen ein Bingo erstellt, das er auf seinem Account mit Hilfe der Duett-Funktion durchspielt. Regungslos schaut er sich die Clips an und spielt dabei mit „OMG!“-Floskeln und „Macht das Plus weg“-Aufrufen Bingo. Das ist nicht nur sehr lustig, sondern auch lehrreich, weil er damit wiederkehrende Muster offenlegt. Deshalb: macht das Plus weg bei @derbimon und folgt ihm für den zweiten Teil.

Platz 5: Luksan Wunder – Nationalhymnen-Missverstehen 🆕

Richtiges Verstehen und vor allem das richtige Aussprechen sind seit jeher ein relevantes Thema für Luksan Wunder (ich habe darüber ausführlich im meinen Essay im Deutschlandfunk gesprochen). Diesen Monat nun hat der Account ein neues Feld für das große Missverstehen-Thema geöffnet: Nationalhymnen. Endlich hört mal wer richtig hin und verrät, dass die italienische Nationalhymen mit den Worten „Der Starbucks in Parma“ beginnt. Falls sich das merkwürdig liest, bitte unbedingt hier die Luksan-Wunder-Übersetzung anschauen. Sie zählt zum Lustigsten, was ich im Juni im Netz gesehen habe.

Besondere Erwähnung:

Dass man mit dall-e mini Bilder generieren kann, wissen eh alle, oder? Hier hat der Spiegel drüber geschrieben. Die FAZ hat unterdessen einen eigenen Tiktok-Kanal gestartet, Twitter testet eine Entpörungsbremse für aufgebrachte Tweet-Schreiber:innen – schreibt Ryan Broderick. Ich würde es einen Entpörungsversuch nennen – und frage mich, was die Woke Szene davon hält (Hintergrund hier im Tagesspiegel)

Falls jemand plant, Rückblick-Retro-Posts anzufertigen ohne dabei allzu melancholisch zu werden: Der beschleunigte Abba-Song Angle Eyes liegt derzeit als „Angleseyes Sped up“ unter zahlreichen Clips, die Retro-Charmen versprühen.

Wie kommst du in Zukunft an einen Job? Unternehmen bewerben sich bei dir! Genau das hat Tiktokerin @lalaleluuistcool im April vorgeschlagen. In diesem Video schminkt sie sich und fordert Unternehmen auf, sich bei ihr zu bewerben – damit sie deren „Tiktok-Mensch“ wird. Heute hat sie nun eine Auflösungs-Video gepostet, in dem sie ankündigt, künftig Tiktoks für Edeka zu machen.

Nachtrag zu Thema Tiktok und (Fake-)Viralhits (siehe Mai-Charts): Bei OMR gibt es einen guten Überblicks-Artikel zum Thema. Und zum Abschluss ein Song, den Jax über Victorias Secret geschrieben hat:

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: DVG

Louis Theroux & Jiggle Jiggle, I am Jose Mourinho, Hasleys Viral Moment, POV-Videos, Zuckerberg Gruppen-Selfie, (Netzkulturcharts Mai)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

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Platz 1: Jiggle Jiggle, Louis Theroux 🆕

Louis Theroux ist ein Journalist, der vor allem durch seine Dokumentationen in der BBC bekannt geworden ist. Gerade läuft die Serie Forbidden America, in der Louis Internetstars trifft. Der Untertitel lautet „Extrem and Online“ und ist eine treffende Beschreibung. Auf seiner Website stellt er auch Podcasts und Bücher vor, seine Bekanntheit hat aber ein neues Level erreicht, seit er ins Musik-Business eingestiegen ist. Gerade ist sein Song „Jiggle Jiggle“ erschienen – und dessen Entstehung ist die schönste Viral-Geschichte des Monats, die Theroux z.B. eigene Memes eingebracht hat: Sie beginnt im Jahr 2000 mit diesem Rap-Versuch des Journalisten. Damals war er im Rahmen seiner Recherche für die Serie „Weird Weekends“ in New Orleans und beteiligte sich an einem Rap-Wettbewerb einer örtlichen Radiostation. Im Februar 22 Jahre später war Louis nun in der YouTube-Sendung Chicken Soap Date bei Amelia Dimoldenberg zu Gast, die ihn auf den Rap aus dem Jahr 2000 anspricht. Darauf beginnt er zu rappen, was die DJs Duke & Jones entdecken und für ihre Konzept „adding autotune to random videos“ nutzen. Das heißt sie nehmen Louis Sprechgesang, autotunen ihn und landen damit wie zufällig einen viralen Hit. Der Sound wird millionenfach auf Tiktok genutzt, Snoop Dog referenziert ihn und Mitte Mai bringen die DJs und der Journalist den Song auch offiziell raus. Dafür rappte er nochmal in einem echten Studio, wie man hier sehen kann – dem viralen Erfolg schadet das nicht, im Gegenteil: aktuell führt er nicht nur die Netzkulturcharts an, auch Tiktok sieht ihn ganz oben.

Platz 2: „I am Jose Mourinho“ 🆕

Sich unfreundlich, ein wenig gemein aber vor allem sehr egoistisch zu benehmen, hat seit diesem Monat einen Namen: Der Satz „I am Jose Mourinho“ ist zur Beschreibung dieses Verhaltens in allen denkbaren Ausprägungen geworden. Nutzerinnen und Nutzer auf Tiktok haben das Zitat des Conference-League-Meistertrainers aus dem Werbespot für ein Sticker-Album genommen und kleben es nun auf alle denkbaren badass-Moves, die dem Gestus des umstrittenen Trainers, der gerade beim AS Rom gefeiert wird, zugeschrieben werden. Die Werbung läuft seit Anfang April, die Reichweite des Memes hat die Sticker-Reklame aber bei weitem überschritten. Erstaunlich daran: diese Clips leben von der Text-Ebene der Tiktoks. Nutzer:innen zeigen sich selbst, schreiben ihr Mourinho-haftes Verhalten in den Text auf das Bild und sprechen den Sound der Werbung lippensynchron nach. Nicht auszuschließen, dass der Satz ein geflügeltes Wort wie „Hold Me Beer“ werden könnte.

Platz 3: Faking Viral Moment 🆕

Ashley Nicolette Frangipane ist unter dem Namen Hasley als Musikerin sehr bekannt. Ihre Wikipedia-Seite listet zahlreiche Auszeichnungen und Chart-Platzierungen auf. Bisher unerwähnt ist dort jedoch ein Tiktok-Clip, den Hasley in diesem Monat hochgeladen hat. Darin filmt sie sich zu 30 Sekunden eines neuen Songs und teilt auf der Textebene die Information, dass ihre Plattenfirma diesen Song nicht veröffentlichen will, bis sie nicht einen viralen Moment auf Tiktok erfinden können. Sie lehnt sich damit gegen den Marketing-Druck ihrer Plattenfirma auf – und hat ironischer Weise damit eine Art viralen Moment geschaffen. Denn zahlreiche Medien widmen sich „dem Druck, der von Tiktok ausgeht“ (Axios), analysieren, dass Tiktok das neue MTV sei oder fragen (Vice) wie sehr Musiker:innen darunter leiden. Ich mag das Fazit bei Axios: „People have long used manufactured scandals or drama to help boost sales or hype new products, but the social media era has put more pressure on artists to do it consistently to break through.“

Platz 4: POV-Videos ⬆️

In den Netzkultur-Charts im April habe ich den POV-Trend noch als besondere Erwähnung notiert. Meinem Eindruck nach haben sich diese Clips noch weiter popularisiert. Sie zeigen zum Sound aus dem Song „Miami, My Amy“ von Keith Whitley Zitate, die Menschen in bestimmten Situationen hören. Illustriert werden die Clips stets mit Stockfotos, die Typen zeigen sollen, die diese Sätze sagen könnten.

Ich habe dazu im vergangenen Monat ein Reel gemacht mit dem „POV: Wenn du mit dem Laufen beginnst

Platz 5: Mark Zuckerberg Selfie

Der Meta-Chef* hat mit Angestellten seines Meta-Stores ein Selfie gemacht – und Internet macht sich drüber lustig. Das wäre eigentlich nicht weiter erwähnenswert, würde es nicht so anschaulich beschreiben, welch merkwürdige Rolle der einstige Popstar des Digitalen mittlerweile im Netz einnimmt.
* als ich merkte, dass Meta-Chef ja die Bezeichnung für den Chef der Chefs ist, musste ich so lachen wie Zuckerberg auf dieser Fotomontage.

Besondere Erwähnung:

Das ZDF-Magazin hat nachgewiesen, dass viele Polizeidienststellen in Deutschland etwas überfordert damit sind, online zu ermitteln. Die heute-show hat sich mit Tiktok befasst – inklusive Kurz-Interview mit Marcus Bösch und Putin-Propaganda von Alina Lipp.

The Atlantic glaubt, die Internet-Challenge sei tot, jedenfalls nicht mehr so lebendig wie früher. Musicbusinessworld fragt, ob Tiktok zu einer Plattenfirma wird und und Vox erkennt einen Trend zum Mashup aus Tiktok und Powerpoint – zu guter Letzt: ein Song

Ah!, Elon Musk, Rotoscope-Filter, Macron-Moods, Wordle-April-Scherz, POV (Netzkulturcharts April)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

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Platz 1: Ah!-Duette 🆕

Selten wird der Zauber dessen, was digitale Vernetzung an Freude bringen kann, so deutlich sicht- und hörbar wie in dem vermeintlichen Missgeschick, das Katey Bridges beim Filmen eines Tiktok-Clips passierte. Unter ihrem Account kateylorrell postete sie am 14. April das kurze Video, auf dem man sieht, wie sie sich am Gestell ihres Bettes anstößt und dabei „Ah!“ ruft. Der Ausruf wurde seit dem zur Referenz in unzähligen anderen Posts, Kateys Clip zur Kopiervorlage für sehr sehr viele neue Clips, die den Ausruf in Lieder wie “No Matter What I Do” (Nelly), „Staying Alive“ (BeeGees), “When I Was Your Man” (Bruno Mars), “Fergalicious” (Fergie), “More Than a Woman” (BeeGees), „Never Gonna Give you Up“ (Rick Astley) oder sogar Mozart integrierten. Daily Dot hat mit der Urheberin über ihren ungeplanten Ruhm gesprochen und sie sagt, was man halt sagt, wenn man von einer viralen Welle erfasst wird: „Es war der absolute Wahnsinn! Ich liebe all die Duette und Kommentare. Die Leute sind so kreativ und lustig. Nur ein einfaches Outfit des Tages-Video, das schief gelaufen ist.“ Möglich wird diese Form der Referenz, weil Tiktok vor einer Weile die Interaktion-Form Duette eingeführt hat, die hier schon mal Thema war – und die man hier in Aktion beobachten kann:

Platz 2: Elon Musk & #Twittertakeover 🆕

Der Satz „Jetzt wird gerätselt, was der Tesla-Boss mit dem Kurznachrichtendienst vorhat.“ ist in den vergangenen Stunden zur vermutlich am häufigst genutzten Teaser-Rampe im deutschsprachigen Online-Journalismus geworden. Elon Musk hat nämlich angekündigt, Twitter-Aktionär:innen ein Übernahme-Angebot zu machen und Twitter so übernehmen zu wollen. Was darüber gerätselt wird, soll hier nicht weiter Thema sein – dazu findet man unter dem Hashtag #TwitterTakeover guten Analysen. In die Charts schafft es das Thema vor allem, weil ich darauf hoffe, dass die Übernahme in Deutschland eine Diskussion über digitale Infrastruktur anstoßen könnte. Leonhard Dobusch hatte dazu getwittert und ich habe auch ein wenig mitgedacht.

Platz 3: Rotoscope-Effekt 🆕

Die „Erstellung animierter Sequenzen, bei der Objekte in einer Live-Action-Aufnahme Bild für Bild nachgezeichnet werden“ ist nicht neu, sie existiert seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Rotoscoping war anfangs aber sehr aufwändig. Im April 2022 ist Rotoscoping ein netzkulturelles Phänomen – und ein Trend auf Tiktok, der einen Effekt schafft, „allowing users to trace their body in real time into a vibrant animation“ – und dabei auf gelernte Trends wie das Captain-Pfeifen zurückgreift.

Platz 4: Macron-Mood 🆕

Er war hier schon im März Thema weil er so einen militärischen Hoodie trug. Jetzt ist der frisch wiedergewählte französische Präsident im Meme „Macron Mood“ in den Charts gelandet. Zu sehen ist er dabei in unterschiedlichen Gefühlszuständen: Seriös im Rollkragenpulli, in seinem Militär-Hoodie, verzweifelt in Hemd und Krawatte sowie lässig mit weit geöffnetem Hemd auf dem Sofa. Diese unterschiedlichen Gefühlszustände dienen zur Illustration unterschiedlicher Entwicklungslinien – z.B. den Arbeitsphasen von Journalist:innen oder den Phasen der Corona-Pandemie. Nicht nur wegen der Nationalität ist die Parallele zum French-Dispatch-Meme sehr auffällig: Macron als Symbol unterschiedlicher sozialer Netzwerke.

Platz 5: Wordle-April-Scherz 🆕

Seit 2018 veröffentlicht Tom Rosenthal April-Scherz-Songs. In diesem Jahr hat er sich auf fünf Buchstaben beschränkt und dem Hype des Frühjahrs gewidmet: Sein Wordle-April-Scherz-Song „Drift Along Small World“ war sogar Thema in der New York Times – und ist wirklich schön.

Besondere Erwähnung:

Das tiktok-Team von Mainz 05 hat ein besonderes Lob für ihren Clip zum so genannten POV-Format verdient. Nach der 0-5 Niederlage ihrer Bundesliga-Mannschaft posteten die Mainzer einen Clip, der sich auf sehr selbstironische Weise mit der Niederlage auseinandersetzte – und den aktuellen Trend bediente, bei dem Menschen zum Song „Miami, My Amy“ von Keith Whitley Sätze zu Stockfotos posten, die sie aus ihrer besonderen Situation hören (eben aus ihrem Point of view – POV). Bei Mainz war dies: POV – du warst als Admin in Wolfsburg dabei

Das funk-Format „So many tabs“ widmet sich dem Tiktok-Algorithmus, der wie der sprechende Hut bei Harry-Potter vermeintlich Ordnung schafft. Kann auch verstörend sein.

Vox geht der Frage nach „What is TikTok couture?“, der Wordle-Hype (siehe Platz 5) greift auch auf andere Medien: Puzzle sind das nächste große Ding für Zeitungen

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Warum Tiktok ein relevantes journalistisches Feld ist

Im Magazin des Presseclubs München (hier als PDF) durfte ich eine Einschätzung zu der Frage schreiben, wie sich Journalist:innen zu Tiktok verhalten sollten. Mein Ratschlag – trotz allem: „Sie sollten sich mit Tiktok befassen“

Der erste Satz. Der Einstieg. Der Moment, in dem das Interesse geweckt wird.

Jede gute Geschichte lebt davon. Egal, ob sie gedruckt im Magazin des Presseclubs München erscheint oder in wenigen Sekunden auf der Plattform Tiktok erzählt wird. Die Dramaturgie verlangt einen Einstieg, der nicht nur fesselt, sondern den Wunsch weckt, mehr zu erfahren. So werden Leserinnen ebenso wie Tiktok-Nutzer reingezogen in den Inhalt.

Bei der als Musik-Videoplattform gestarteten Social-Media-App Tiktok kann man das in diesen Tagen an einem Schnipsel sehen und miterleben, der so etwas wie der Urahn der guten Einstiege ist. Er basiert auf einem Prinzip, das in Filmen und Serien häufig genutzt und „Record Scratch / Freeze Frame“ genannt wird. Dabei hört man das Kratzen einer Schallplatte, die gestoppt wird, während das Bild, in dem die Hauptperson zu sehen ist, einfriert. Eine Erzählstimme sagt: „Jepp, das bin ich. Und vermutlich wundern Sie sich, wie ich in dieser Situation gelandet bin.“

Dieser Satz ist so perfekt, er braucht fast keine folgende Geschichte. Die Geschichte entsteht im Kopf der Zuschauerinnen und Zuschauer. Diese fügen sich aus den Hinweisen in dem eingefrorenen Bild eine Geschichte zusammen, in der die Hauptperson meist nicht sehr gut dasteht. Dieses uralte Prinzip des Aufmerksamkeits-Angelns wird gerade in seiner demokratisierten Form auf jener Plattform aufgeführt, die als das nächste große Ding für die Medienbranche gehandelt wird. Dabei ist Tiktok spannend, weil es genau diese alten Erzählmuster in neuer Form zu Tage fördert. Man kann Nutzerinnen und Nutzer dabei beobachten, wie sie zu dem Sound-Schnipsel unvorteilhafte Szenen von sich selbst zeigen. Diese Form der inszenierten Selbstironie zu den Worten „Yup that’s me; you’re probably wondering how I ended up in this situation“ ist eine weitere Möglichkeit im nahezu unendlichen Spiel, die eigene Identität in sozialen Medien auszudrücken.

Übertragen auf diesen Text könnte ich nach der Aufforderung in der Überschrift, Sie sollten sich mit Tiktok befassen, genau diesen „Record Scratch / Freeze Frame“-Satz nachschieben. Denn in Wahrheit spricht so viel gegen die Benutzung von Tiktok, dass Sie an dieser Stelle des Textes das Kratzen einer Schallplatte und aus dem Off eine Stimme hören müssten, die die Überschrift mit den Worten kommentiert:

„Jepp, das bin ich. Und vermutlich wundern Sie sich, wie ich in dieser Situation gelandet bin.“

Tiktok gehört zum chinesischen Konzern ByteDance, der schon länger wegen seines Umgangs mit Nutzerdaten in der Kritik steht. Im April 2021 wurde bekannt, dass die chinesische Regierung sich mit einer einprozentigen Unternehmensbeteiligung an einer Tochterfirma an ByteDance beteiligt. Schon im Sommer 2020 wollte der damalige US-Präsident Donald Trump die App in den USA verbieten lassen, weil er sie verdächtigte, Daten von Amerikanern an chinesische Behörden weiterzureichen. Der Jurist Malte Engeler sagte der Süddeutschen Zeitung bereits im Jahr 2019: „In China muss man mit dem unbeschränktem und anlasslosen Zugriff der Behörden auf die Daten rechnen. Damit ist der Wesensgehalt des Grundrechts auf Achtung des Privatlebens verletzt.“ Auch mit der Meinungsfreiheit gibt es auf Tiktok wiederholt Probleme. Als eine Nutzerin in einem Clip die Verfolgung muslimischer Uiguren in China anprangerte, verschwand ihr Video plötzlich von der Plattform. ByteDance sprach von einem „menschlichen Fehler“. Das Portal Netzpolitik kam nach Einsicht interner so genannter Moderationsregeln von Tiktok zu dem Ergebnis: „Unsere Recherchen zur Content Moderation bei TikTok zeigen, wie wenig politische Meinungsfreiheit auf der Plattform respektiert wird. Das chinesische Unternehmen kontrolliert und manipuliert intransparent wie bisher kein anderer marktdominanter Konkurrent diese neue Öffentlichkeit.“

Müsste die einzig mögliche Schlussfolgerung aus diesem Wissen nicht lauten: Meiden Sie diese App? Wer kommt danach dennoch auf die Idee, Tiktok für interessant für gegenwärtigen Journalismus zu halten? „Yup that’s me“ – und ich schreibe diese Sätze im Wissen um ihre Widersprüchlichkeit. Ich habe im Jahr 2020 ein Buch über „Muster digitaler Kommunikation“ im Wagenbach-Verlag veröffentlicht – und bei der Recherche zu „Meme“ habe ich festgestellt: Tiktok ist nicht nur eine politisch problematische App, Tiktok ist auch eine der wichtigsten Plattformen für gegenwärtige Netzkultur.

Begonnen hat Tiktok mit einem der magnetischsten Stoffe der kulturellen Identitätsprägung: mit der Musik. Die App startete unter dem Namen musical.ly und bot Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit, sich mit Hilfe von Song-Schnipseln zu verbinden. Das lippensynchrone Nachsingen von Lieblingsliedern wurde aus der Einsamkeit vor dem Badezimmerspiegel befreit und zu einer sozialen Interaktion – denn andere nutzen das gleiche Song-Zitat, um ganz ähnlich oder auch ganz anders damit zu interagieren. Das funktionierte so erfolgreich, dass die hinter musical.ly stehende chinesische Firma ByteDance dem Angebot einen neuen Namen und eine etwas erwachsenere Markenausrichtung schenkte: Tiktok gilt zwar immer noch als jung, aber nicht mehr zwingend als albern oder kindisch.

Das hängt auch damit zusammen, dass die ursprüngliche Nachsing-Option erstaunlich erweitert wurde. Spätestens als im Frühjahr 2020 die US-Comedian Sarah Cooper weltweiten Ruhm mit ihren Imitationen von Originalzitaten von Donald Trump erlangte, war klar: Tiktok ist weit mehr als der digitale Badezimmerspiegel für junge Menschen. Wer sich heute mit gegenwärtiger Popkultur befasst, kommt um die Handy-App, die via Hochswipe immer neue Kurzclips zeigt, nicht mehr herum. Der US-Journalist Ryan Broderick hält Tiktok in den Vereinigten Staaten mittlerweile sogar für kulturell bedeutsamer als Facebook (über dessen politische Einordnung man ja übrigens auch streiten kann).

Der Hauptgrund für diesen Erfolg ist das hochformatigen Kurzvideo, das Tiktok popularisiert hat. Die Konkurrenzplattform Instagram hat diese Schnipsel unter dem Namen „Reels“ adaptiert und die zu Google zählende Videoplattform Youtube bietet das Format unter dem Namen „Shorts“ an. Diese Kurzclips sind zu einer verbindenden Kommunikationswährung einer jungen, digitalen Generation geworden. Sie werden in erster Linie mobil konsumiert und dort auch weitergereicht. In diesen Kurzclips wird kulturelle Identität ebenso verhandelt wie politische Debatten oder musikalische Lieblingssongs. Die meisten dieser Videos nehmen nicht nur ihren Anfang in Tiktok, das seinen Nutzern eine sehr intuitiv zu bedienende Videoschnittsoftware anbietet. Diese Filmschnipsel werden vor allem über Tiktok zugänglich gemacht. Anders als bei anderen sozialen Netzwerken wie Facebook oder LinkedIn braucht man bei Tiktok keinen Account. Tiktok zeigt auf seiner so genannten „For you page“ auch denjenigen Nutzerinnen und Nutzern Inhalte an, die gar nicht in der App angemeldet sind. Dennoch schneidet die App auf der „For You Page“ Videos auf die Präferenzen derjenigen zu, die entweder schnell weiterswipen oder länger zuschauen. So entfaltet die App eine magnetische Wirkung, weil sie mit dem nächsten Swipe einen neuen vielleicht spannenden Inhalt nicht nur verspricht, sondern auf Basis von Nutzer-Interessen häufig auch zeigen kann.

Auf diese Weise schafft Tiktok eine Form der sozialen Bindung, die früher das Dudelradio erzeugte. Die Heavy Rotation als das wiederholte Abspielen bestimmter Hits im Radio heißt bei Tiktok „For you Page“ und bezieht sich nicht mehr nur auf Musik. Aber wie beim Pop im Radio verlangen auch die Inhalte auf Tiktok nach einer kulturellen Begleitung durch gegenwärtigen Journalismus. Denn trotz aller Kritik bietet Tiktok damit einen Raum für sozialen Austausch, in dem zumindest der junge und digitale Teil der Gesellschaft relevante (und auch weniger relevante) Fragen behandelt. Wer sich damit befasst, wird nach kurzer Zeit vermutlich ins Tiktok-Universum reingezogen – und zumindest still bei sich denken: „Jepp, das bin ich“, und sich wundern, „Wie bin ich nur hier gelandet.“

Mehr über Tiktok hier im Blog unter tiktok-taktik.de. Besonders empfehle ich den englischsprachigen Newsletter von Marcus Bösch: Understanding Tiktok. Im Sommer 2019 habe ich in einem Selbstversuch mal 24 Stunden auf Tiktok verbracht. Die im Text behandelten Phänomene habe ich auch im Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation eingeordnet.

Zitter nicht, Elevatorboys, das ist eine wundervolle Frage, Ladi, Jeremy Fragrance (Netzkulturcharts November)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus dem Oktober stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Zitter nicht 🆕

Stell dir vor es gibt ein deutschsprachiges Meme, das aus einem runnig gag besteht und das keiner so richtig versteht. Wenn du das denken kannst, dann kannst du „Zitter nicht“ denken. An die Spitze der Charts hat Tagesschau-Sprecherin Susanne Daubner das Meme in diesem Monat gebracht, in dem sie es für den Jubelpost der Nachrichtensendung zu 1 Million Followern referenzierte.
Das Meme basiert auf dem immer gleichen Muster einer „Stell dir vor“ eingeleiteten Idee, die von einem „Zitter nicht. Warum zitterst du?“ gefolgt wird. Wer einige dieser Clips gesehen hat, versteht die Referenz. Wer die Clips nicht kennt, hält das ganze für totalen Quatsch. Also die beste Voraussetzung für einen running-gag, der auf dem Distinktions-Prinzip von Memes basiert. Begonnen hat das Spiel mit Eren Aziz Azadi, der mit seinem „Stell dir vor ich heirate deine Schwester“-Clip, den er Anfang des Monats postete, über fünf Millionen Aufrufe und jede Menge Referenzen generierte.
Weil ich dazu im Laufe des Monats twitterte, griff die Redaktion von Watson meinen Tweet hier auf – allerdings sagte ich: Stell dir vor.

Platz 2: Elevatorboy 🆕

Eigentlich sind sie keine wirklichen Neueinsteiger in den Netzkulturcharts. Schon im Juli schafften sie es mit Hilfe des Songs „Alors on Dance“ auf Platz 3 der Charts (damals noch hinter Theophilius Junior Bestelmeyer), diesen Monat nun waren sie zu den Klängen von „Watermelon Sugar“ im Studio von Latenightberlin: die Elevatorboys. Der Account der Pro7-Sendung postete dann einen Clip mit Moderator Klaas und den fünf Jungs, deren wichtigstes Merkmal laut TV-Vorstellung dies ist: sie sind hübsch und cute. Spätestens mit dem Besuch im Fernsehen sind Tim Schaecker, Luis Freitag, Jacob Rott, Julian Braun und Bene Schulz auf dem Level einer Boyband angelangt, die nicht wegen Musik, sondern wegen ihrer Tiktoks populär sind – in denen sie auch nur hübsch und cute sind (wie man auch in diesem Interview feststellen kann). Mir persönlich gefällt am Phänomen „Elevatorboys“ der Account Fahrstuhlgirls am besten – ein sehr charmanter Kopie-Account.

Platz 3: Das ist eine wundervolle Frage – da gibts ne einfache Antwort ,nein‘ 🆕

Der Physiker Harald Lesch war im Sommer in der Sendung Unkraut vom Bayerischen Rundfunk zu Gast. Nach ziemlich genau 13 Minuten in diesem YouTube-Clip wird ihm dabei eine Frage gestellt, auf die er lachend antwortet: „Das ist eine wundervolle Frage. Da gibt es eine einfache Antwort: Nein.“
Lesch sagt das so glaubwürdig lachend und so voller Überzeugung in der Stimme, dass die wenigen Sekunden sich aus dem Ursprungskontext gelöst und zur Audiokopiervorlage auf Tiktok entwickelt haben. Vermutlich weiß allerdings wohl niemand von denen, die Leschs Worte zu „Wenn der Chef fragt, ob ich länger machen kann“ und vergleichbaren Clips nutzen, wie die Frage hieß, auf die der Physiker antwortete. Sie ist nämlich gar nicht so lustig wie die zahlreichen Referenz-Videos. Sie lautet in Bezug auf die Klimakrise: „Wird uns der technologische Fortschritt reden?“

Platz 4: Instagram-Kettenbriefe 🆕

In meiner Instagram-Timeline haben in den vergangenen Tagen zahlreiche Menschen ihren Namen auf der Seite Urban Dictionary nachgeschaut. Das ist aber nicht nur ein alberner Quatsch, der uns an den identitätsstiftenden Charakter von Social-Media erinnert. Das ist auch ein neues Feature von Instagram, das „Du bist dran“ heißt und in Storys verbaut werden kann. Anderes Nutzerinnen und Nutzer sollen so niedrigschwellig aufgefordert werden, Bilder in einem großen Kettenbrief zu posten. Das ist ein sehr alter Trick, der mit seiner jüngsten Variante aber unbedingt eine Erwähnung in den Netzkulturcharts verdient hat.

Platz 5: Ladi von Raed_offiziell 🆕

Der Tiktoker Raed_offiziell hat eine Figur entwickelt, die er Ladi nennt und die sich daduch auszeichnet, dass sie ein klein bisschen dumm ist. Ladi formuliert erstaunliche Grammatikfehler und liefert damit schöne Soundvorlagen für andere Tiktoks. In diesem Monat hat Ladi einige gemeinsame Clips mit Mario Novembre gemacht, der wiederum gerade eine erstaunliche Numa-Numa-Kopie auf den Markt gebracht hat: „Lautlos“ ist ein gerade mal zwei Minuten langer Autotune-Song, der vor allem von der Basis eines Songs aus dem Jahr 2004 lebt. Dragostea Din Tei diente schon einem der größten Internet-Memes als Vorlage. Gary Brolsma imitiert den Song bevor es überhaupt YouTube gab – und ist deshalb sowas wie der Urvater der heutigen Tiktok-Stars.

Besondere Erwähnung:

Einer der bekanntesten Deutschen auf Tiktok ist Daniel Schütz, so lautet der bürgerliche Name hinter der Figur Jeremy Fragrance kann man auf Wikipedia und im Bonner Generalanzeiger nachlesen. Jeremy war in diesem Monat in der Sendung deep und deutlich zu Gast und hat ein paar Fragen beantwortet.

Der Account smd.amanuel zeigte auf Tiktok in diesem Monat wie man mit den Social-Media-Redaktionen von großen größeren Unternehmens-Accounts spielt. Er nahm den „Zitter nicht“-Trend (s.o.) auf und begann dann einen recht amüsanten Austausch mit der Polizei Berlin, Edeka, Aldi und dem Radiosender JamFM. Die Videos sind ein schönes Beispiel für die Möglichkeiten dessen, was auf dem nächsten Level „authentischer Kommunikation“ erreichbar ist. Der Hashtag #allesindenarm wurde auf Twitter genutzt, um für den Sinn der Impfung zu werben. Der Tiktok-Account von Duolingo zeigte wie man mit einem Eulen-Maskottchen (Duo) Begeisterung und Reichweite auf Tiktok erzeugt. Hier erklärt die 23-jährige Zaria Parvez welche Rolle dabei Memes gespielt haben.

Dass Google zudem in diesem Monat seine Tiktok-Kopie „Shorts“ sogar auf der Google-Startseite beworben hat, habe ich hier aufgeschrieben.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: Pop

Was ist YouTube Shorts? Die Tiktokisierung des Web

Unlängst hat Tommi Schmitt in seiner empfehlenswerten Sendung „Studio Schmitt“ ehrliche Werbung gemacht. Der Slogan, den er dabei für Instagram präsentierte lautete: „Die Tiktok-Videos von gestern“. Das war lustig, weil Instagram mit seiner hochkantigen Tiktok-Kopie namens „Reels“ tatsächlich vor der Herausforderung steht, das Tiktok-Logo in den auch auf Instagram veröffentlichten Clips nicht zu prominent zu zeigen.

Der bekannteste Journalist auf Tiktok, Dave Jorgenson von der Washington Post, hat dazu unlängst einen schönen Clip gemacht, in dem er Reels und Tiktok in einen Austausch brachte. Würde er das gleiche mit Tiktok und Youtube machen, als YouTube würde er vermutlich kurze Hosen tragen. Denn YouTube nennt seinen Tiktok-Klon „Shorts“ (und Jorgenson schreckt von offensichtlichen und platten Witzen nicht zurück). Das Angebot „Shorts“ ist schon seit einer Weile online – und wird meiner Erfahrung nach vor allem von Menschen genutzt, die YouTube mobil nutzen.

Heute habe ich nun durch Zufall auf der Desktop-Startseite der YouTube-Mutter Google dieses Bild gesehen: Einen Werbehinweis für das Angebot Shorts. Das ist im doppelten Sinn erstaunlich. Denn erstens macht Google zwar fast überall Werbung, aber fast nie auf der Startseite. Und zweitens lässt sich daraus ableiten, dass Googles Videotochter YouTube wohl Sorge hat, hochkant aus dem Aufmerksamkeitsfenster der mobilen Tiktok-Fans zu fliegen, wenn nicht mehr Energie auf das eigene Angebot Shorts gelenkt wird.

Dass damit mit einem etwas ungelenkten Spruch geworben wird, bleibt allerdings verwirrend. Der Satz…

Mit YouTube Shorts kannst du eigene Kurzvideos ansehen und erstellen

… legt einen merkwürdigen Fokus auf „eigene Videos“. Die Besonderheit des Angebots ist es ja, dass bei Shorts erstens auch andere meine Kurzvideos sehen können und dass zweitens ich die Kurzvideos von anderen sehen kann. Aber gut.

Es spricht sehr viel dafür, dass Google nicht einfach so Werbung auf die eigene Startseite knallt, sondern damit ein Zeichen sendet: Die Tiktokisierung des Web hat begonnen. Sie scheint sogar soweit fortgeschritten, dass auch YouTube mitfahren will.

Die Werbung führt übrigens auf diesen deutschsprachigen Clip, der mit kurzen Schnipseln für das Angebot wirbt. Tommi Schmitt würde dazu vermutlich texten: „YouTube Shorts die Reels von gestern“

In Fragen des Slogans hat eh Tiktok das Rennen gewonnen: It starts on Tiktok ist kaum zu überbieten.

Wer mehr über Tiktok wissen möchte, findet hier meine tiktok-taktik – und einmal im Monat die Netzkulturcharts, die die relevantesten Trends nicht nur hochkant zusammenfassen. Mehr über gute Slogans und Werbung im Podcast „Wirbt das?“

How long we fly? Red Flag, Couch Guy, Elaine Victoria, Stiches von Justin Danger Nunley – und ein wenig Squid Game (Netzkulturcharts Oktober)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus dem September stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: How long we fly? 🆕

Ich gebe es zu: ich kannte Detlef Steves nicht. Fersehkultur ist mir nicht so vertaut wie Netzkultur. Im TV ist Steves seit Jahren so oft zu sehen, dass er „zu einer der wertvollsten Marken im Billigsegment Dokusoap“ wurde. Im Rahmen einer dieser Auftritte sorgte Steves für einen Dialog, der seit Wochen als Tiktok-Sound Clips untermalt. Im Original sieht man ihn in einem Flugzeug sitzen und in erstaunlichem deutschenglisch nach der Flugdauer fragen „How long we fly?“. Er bekommt die Antwort „20 minutes“, die er dann wiederholt und mit einem „Doublefuck“ kommentiert.
Dieser Dialog hat Begeisterung auch bei den Menschen entfacht, die keine Ahnung von deutschem Fernsehen haben. Jedenfalls interagieren Menschen überall auf der Welt mit Steves‘ Vorlage. Der hat sich deshalb nun selbst einen Tiktok-Account zugelegt und wurde von Tiktok als Meme des Monats ausgzeichnet. Das Besondere dabei: Er imitiert nun seinen eigenen Dialog lippensynchron. Doublefuck.

Platz 2: 🚩 Red Flag / Rote Flagge 🆕

Alle Warnlampen sollten leuchten, wenn Sie dieses Symbol in den vergangenen Wochen nicht gesehen haben 🚩 Die rote Flagge hat sich nämlich zu einer Art unvermeidbarem Netztrend entwickelt. Angeblich hat die Nutzung des Triangular-Flag Emojs in den vergangenen Wochen um 455 Prozent zugenommen. Der Grund: Mit Hilfe der roten Flaggen sollen unpopuläre Meinungen in unterschiedlichen Kontexten benannt werden. Upworthy recherchiert, dass der Trend seinen Beginn in Black Twitter hatte und nun in zahlreichen Kontexten in Social Media zu finden ist. Das Prinzip ist immer gleich: Mit Hilfe der Flaggen werden Zitate eingeleitet, die in den definierten Kontexten alle Warnlampen leuchten lassen sollten.

Platz 3: Couch Guy 🆕

Robbie hatte keine Ahnung heißt der kurze Tiktok-Clip auf deutsch, der nicht nur eine Welle von weiteren Videos provozierte, in denen ahnungslose Menschen zum Ellie-Goulding-Song („Still Falling for you“) überrascht werden. Robbie wurde dank des gefilmten Überraschungsbesuchs seiner Fernbeziehung-Freundin Lauren Zarras auch zum Netzphänomen: „Couch Guy“ heißt Robbie jetzt – und löste als solcher zahlreiche Diskussionen aus, die sich allesamt um die Frage drehen, ob er nicht hätte begeisterter sein müssen, wenn seine Freundin ihn schon überrascht. Für Vox ist der Clip sogar ein Bespiel für ein bekanntes Meme-Muster, bei dem die gewünschte Reaktion ins Gegenteil gedreht wird. Denn statt eine schöne, liebevolle Überraschung zu feiern, werden Lauren und Robbie jetzt zum Gegestand von Betrugsdiskussionen. Nutzer:innen sehen in der Reaktion von Couch Guy deutliche Signale dafür, dass er Lauren hintergeht.
Für den Netzkultur-Experten Ryan Brodrick ist die zu Teilen unangenehme Couch-Guy-Episode Beweis für einen Wandel in der US-Netzkultur, seine Prognose: „TikTok is supplanting Facebook as the main app of America. As more and more Americans begin to use TikTok, I suspect TikTok content will start to resemble Facebook content. The ugly American weirdness of Facebook (…) will all come to TikTok. It will hit the app’s sophisticated video production tools and aggressive algorithm and turn into endless content cycles, where it will probably spin out in weirder and darker directions than anything we’ve ever seen from Facebook.“

Platz 4: Aldi-Girl Elaine Victoria ⬇️

Für alle, die Zweifel an der Echtheit der Kleidung von Elaine Victoria hatten: Sie ist tatsächlich bei Aldi beschäftigt, bestätigte der Teamlead Social Media bei der Aldi Einkauf SE & Co. oHG in diesem Monat in Hamburg. Matthias Krähling sprach dort über die Tiktok-Strategie des Discounters und auch über den immer noch (siehe September-Charts) äußerst populären und häufig referenzierten Clip von Elaine Victoria: „Das Video, das eine Aldi-Verkäuferin an der Kasse tanzend und die Lippen passend zur Musik bewegend zeigt, sei das Beispiel eines erfolgreichen Viral-Hits auf TikTok. Dieses sei unaufgefordert entstanden, Geld habe die junge Mitarbeiterin nicht erhalten.“

Platz 5: Stiches von Justin Danger Nunley 🆕

Stiches sind ein besonderes Angebot in Tiktok, das es erlaubt, Antworten auf Videos zu veröffentlichen. Bekannt wurden diese Kollaborations-Formate auf Tiktok vor einer Weile durch die Wellerman-Duette wie jenes hier mit Kermit. Ganz unmusikalisch, aber nicht weniger erfolgreich nutzt der Account von Justin Danger Nunley die Stich-Funktion – und zwar auf so eine erstaunliche Weise, dass er in diesen Tagen über zwei Millionen Follower begrüßen konnte. Der Grund für seinen Erfolg (und die Platzierung in den Netzkulturcharts) ist die Art, wie er auf Fragen reagiert, die zum Einstieg von Tiktok-Clips gestellt werden. Er beantwortet diese auf lakonisch-lustige Weise und schiebt dann ein „Unnützes-Wissen“-Fakt nach, eingeleitet von einem „Wusstest du dass…“. Seine Clips enden mit einem immer gleichen „Now you do“ – diesen Satz kopiert auch dieser Clip, der Justin Danger Nunleys-Clips „sticht“ also wiederum auf ihn reagiert. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir bald auch vergleichbare Stiches auf deutsch erleben werden.

Besondere Erwähnung

Die relevanteste Nachrichtensendung im österreichischen Fernsehen heißt ZiB (Zeit im Bild) und ist seit diesem Monat auf Tiktok. In der Ankündigung im Live-TV zeigt Moderator Armin Wolf den Chopping Dance (der in den August-Charts schon mal Thema war)

Schon im September haben wir uns einem bekannten Popsong aus dem Jahr 1987 gewidmet. Damals ging es um die ikonographische Verwendung in der Serie Ted Lasso, im Oktober machte „Never Gonna Give You Up“ im Clip Greta Thunberg Rick Rollt die Welt von sich reden. Auf einer Fridays For Future-Veranstaltung in Schweden betrat sie zu den Klängen von Rick Astley gemeinsam mit Andreas Magnusson die Bühne – und spielte eine kurze Sequenz aus dem Song.

Und natürlich kommen Netzkulturcharts im Herbst 2021 nicht ohne Squid Game aus (Meme dazu von Peter Wittkamp) – den von Netflix selbst gezählten populärsten Serienhit auf der Plattform. Angeblich gab es bisher keine Serie, die mehr Zuschauer:innen auf Netflix interessierte als die Produktion aus Südkorea. Einzig: die Zahlen sind nur für Netflix einsehbar und extern nicht zu überprüfen. Sie beziehen sich auf alle Accounts, die mindestens zwei Minuten in einen Film oder eine Serie geschaut haben. Danach führt Squid Game dieses Ranking an – als einziges Angebot, das mehr als 100 Millionen Accounts interessiert hat. Die vollständige Liste wurde gerade hier veröffentlicht.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Was ist das Gegenteil von peinlich? Wenn es keiner sieht

Die beiden Männer auf diesem etwas peinlichen (?) Schnappschuss do oben (Foto: Instagram) heißen Xavier Di Petta und Nick Iavarone. Gemeinsam sind sie das DJ-Duos Partyshirt, das auf Tiktok so erfolgreich ist, dass die New York Times über sie berichtet. In dem Text fällt ein erstaunliches Zitat von Xavier, das die Frage, was eigentlich peinlich ist, in ein ziemlich neues Licht rückt.

Statt „peinlich“ verwenden manche Menschen übrigens auch den Begriff „cringe“ oder wie Phil Laude es hier (Ok Boomer!) formuliert: zum Fremdschämen. Das sollte man wissen, um Xaviers Einschätzung zum Thema Peinlichkeit besser zu übersetzen. Er sagt:

“Everything’s cringey until it gets views”

Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man bis vor ein paar Jahren als „peinlich“ beschrieben hätte. Denn so lange es keiner sah (oder es keine Views bekam), war nach damaliger Ansicht eine Sache eigentlich auch nicht peinlich. Sieht ja keiner. Heute, so interpretiere ich Xaviers Einschätzung, gibt es eine gegenteilige Haltung, die es für peinlich hält, wenn ein Clips, ein Foto oder Meme keine Views erhält. Anders formuliert: auch der peinlichste Inhalt kann durch seinen Kontext (hohe Verbreitung) in ein unpeinliches Licht gerückt werden.

Darin liegt nicht nur eine zufällige Veränderung der Zuschreibung des Begriffs der Peinlichkeit. Es ist, so kann man in dem NYT-Text weiter lesen, volle Absicht. Man könnte sogar sagen „Social-Media-Strategie“:

Both the men said it’s important to be bold online. Many people feel embarrassed by their videos, especially given that offline friends and contacts are likely to see them. The men said that shame is often the biggest hurdle, but it shouldn’t be.

Treiber ist das von Bühnen bekannte Rampensau-Phänomen, sich auch in peinlichen Situtationen zu zeigen. Hier wird es aber weiter ausgedehnt. In ihren Tiktok-Clips inszenieren die beiden eine derart beiläufige Gewöhnlichkeit, indem sie Lebensmittel testen oder allerlei Alltäglichkeiten in neue Kontexte rücken, dass es auch nicht verwundert, dass ihre „Website“ namens partshirt.co auf ein Google-Doc verweist, das vor ein paar Jahren vermutlich als cringe bewertet worden wäre (ohne den Begriff zu verwenden)

Die Welt, die sich hinter Xaviers Einschätzung öffnet, breitet vor allem einen Aspekt vor uns aus: Cringe ist keine Zuschreibung, die einzig und allein auf den Content eines Bildes oder einer Handlung zutrifft. Ob etwas Cringe ist, entscheidet sich offenbar auch am Kontext des jeweiligen Inhalts, also anhand der Metadaten, die die Inhaltsdaten ergänzen. Für Partyshirt spielen dabei Reichweite und Views offenbar eine so wichtige Rolle, dass sie sogar die gelernte Zuschreibung von Peinlichkeit auf den Kopf stellen.


Mehr Gegenteil gibt es in meinem Buch Anleitung zum Unkreativsein – dort ist auch erklärt, wie der Blick aufs Gegenteil die Perspektive erweitern kann. Mehr Netzkultur gibt es jeden Monat in der Rubrik Netzkulturcharts – und in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären – das Beispiel The French Dispatch

Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray (im Bild oben vlnr) sind gerade in Cannes beim Filmfest. Sie stellen den Film „The French Dispatch“ (hier der Trailer) vor, der im Oktober in die Kinos kommen soll.

Im Rahmen der Vorstellung wurde im sommerlichen Cannes ein Foto gemacht, das sich auf eine bemerkenswerte Reise durchs Netz gemacht hat. Bei mir ist es angekommen, weil FM4 es auf seinem Instagram-Kanal neu kodiert veröffentlicht hat, seinen Ursprung hat es aber wohl in diesem Vulture-Post, der dazu auffordert, sich selbst den vier Charakteren zuzuordnen (bitte unbedingt den Beitrag anschauen, weil die Nutzer:innen darunter erstaunliche Details zu Tage fördern. Warum trägt Bill Murray zum Beispiel zwei Uhren!?). Die New York Times-Redakteurin Dodai Stewart kam dann auf die Idee, die Charaktere mit Sozialen Netzwerken in Verbindung zu bringen. Ihr Beitrag von gestern abend landete dann heute Nachmittag bei FM4.

Das ist nicht nur inhaltlich super, sondern eine wunderbare Referenz der Referenz. Denn die Idee, Filmcharaktere mit dem Wesen sozialer Netzwerke in Verbindung zu bringen, war vor ein paar Jahren am Beispiel des Breakfast-Club schon mal ein kleiner Internet-Hype. Ich habe dem ein ganzes Kapitel in der Gebrauchsanweisung für das Internet gewidmet und hier darüber gebloggt.

Der Unterschied ist: im aktuellen Fall sind nicht die Filmfiguren die Referenz für das Wesen der Netzwerke, sondern die Schauspieler und die Schauspielerin. Das macht den Fall noch etwas treffender, wie ich finde. Auch wenn Facebook – in Person von Bill Murray – vermutlich zu gut weg kommt.

Alle weiteren Kommentare und Bildbeschreibungen verbieten sich, weil allein das Betrachten des 25-jährigen Timothée Chalamet, der eine Sonnenbrille tragend – als Tiktok – neben dem 26 Jahre älteren Regisseur Wes Anderson steht, aussagekräftig genug ist. Anderson wiederum trägt einen hellblauen Anzug und weiße Schuhe und entstammt erkennbar einer anderen Generation (Twitter). Tilda Swindon im blauen Anzug mit Sonnenbrille ist mit Abstand am coolsten – und Instagram. Die Kleidung des Mannes neben ihr entfaltet ihre Ironie vor allem dadurch, dass sie von Bill Murray getragen wird. Die Gegenwärtigkeit von Facebook lässt sich kaum besser illustrieren als durch Kurzarmhemd und hellbaue Shorts.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Theophilus Junior Bestelmeyer

Es war der größte Fehler, meinen Namen gesagt zu haben. Jetzt nervt mich ganz Deutschland“, der Clip, in dem der Satz fällt, stammt vom Beginn der Woche. Der Mann, der ihn sagt, zeigt dazu Screenshots aus Kommentarspalten und lässt seiner Verwunderung freien Lauf: „Egal, auf welches Tiktok ich gehe: mein Name steht da.“ Es gibt keinen erkennbaren inhaltlichen Bezug für die Verwendung des Namens, aber er ist tatsächlich in unzähligen Kommentaren zu lesen. „Mein Name ist überall. Literally. Ich werd einfach fame wegen meinem Namen. Ich mach Musik, keiner kennt meine Musik, aber meinen Namen kennt ihr, oder was?

Der Clip stammt von Theophilus Junior Bestelmeyer und um den Hype um seinen Namen zu verstehen, muss man eigentlich nur diesen Clip* anschauen, in dem er sein Unverständnis über den Hype äußerst. Es gibt keine sinnvolle Erklärung. Daraus erwächst eine magnetische Wirkung, die den Quatsch nicht nur noch alberner, sondern auch noch attraktiver macht. Es ist ein running gag, basierend auf dem geheimen Gruppenwissen („Wir schreiben den Namen einfach überall hin“), das zum Zugangs-Code wird: „Du bist dabei, wenn du es verstehst.“ Denn alle anderen verstehen den Quatsch nicht. „Wie geil.“ Genau aus dieser Dynamik speisen sich Memes. Und hier kann man ein besonders unerklärliches im Entstehen beobachten.

Das Besondere dabei: Theophilus Junior Bestelmeyer lässt das Web an seiner eigenen Verwirrung teilhaben. Im Laufe der Woche war sein Kanal von Tiktok gesperrt, aber jetzt postet und repostet er Beiträge, die sich auf seinen Namen beziehen. Statt sich von der Welle überspülen zu lassen, versucht er sie zu reiten. Bis jetzt gibt es noch keinen Wikipedia-Eintrag zu seinem Namen, aber er wird sicher bald kommen: Lesen wird man dort, dass er unter dem Künstlernamen „Theo Junior“ Musik macht (aktueller Song „Mit vier Jahren“) und im Sommer 2021 im Mittelpunkt eines Hypes stand, weil sein echter Name vielen Nutzer:innen auf Tiktok ungewöhnlich für einen jungen Mann erschien. So versucht dieser reddit-Thread zu erklären, was nicht zu erklären, sondern nur nachzuerzählen ist: Am Montag veröffentlichte Theo Junior auf seinem Tiktok-Kanal einen Clip, in dem er seinen Klarnamen erwähnt: „Ich heiße Theophilus Junior Bestelmeyer. Mein Name ist einfach so geil, digga. Mein Leben ist einfach optimal. Mein Leben ist einfach optimal, digga.“

Warum diese Vorlage einen Welle auslöste, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Dass sie ein Meme produzierte, ist aber klar erkennbar: In Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina hat eine junge Mitarbeiterin der Firma Middletown Meyers jetzt zum Beispiel damit zu kämpfen, dass die Wette mit ihrem Chef um eine Tätowierung womöglich mit einem deutschen Internet-Meme in Verbindung treten könnte. In diesem Clip wird beschrieben, dass der Chef der Firma der jungen Frau 3500 Dollar zahlt, wenn sie sich tätowieren lässt, was das Internet sich wünscht. Derzeit führt „Theophilus Junior Bestelmeyer“ mit über 24.300 Likes.

Um wirklich zu verstehen, was es mit diesem Spiel von Distinktion und digitaler Vernetzung auf sich hat, muss man sich vielleicht zuerst von dem Wunsch lösen, darin einen tieferen Sinn zu erkennen. Womöglich ist es vor allem die Freude daran, mit dem digitalen Echo zu spielen, das die demokratisierten Publikationsmittel erzeugen können. Ganz so als würde man in einer Bahnunterführung sehr laut rufen – und sich dann am Echo erfreuen. Es gibt dafür keine weitere Erklärung.

Theo Junior hat sich jedenfalls mit seinem unerklärlichen Ruhm arrangiert und macht jetzt das, was bekannte Menschen in sozialen Medien tun: sie zeigen sich mit anderen bekannten Menschen. In diesem Clip ist er mit Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger zu sehen.

* es scheint weiterhin Probleme mit dem Account zu geben. Zeitweilig waren die Videos nicht zu sehen

Mich faszinieren solche Geschichten – wie auch jene von der Zeile „Ich chille mit der Crew digga“ oder jene vom M to the B-Sound. Sie zeigen den Zauber dessen, was mich zu diesem Buch brachte. Darin versuche ich zu beschreiben, was nur schwer zu erklären ist: Wie Memes entstehen und warum sie sich fortführen – wie Ohrwürmer im Internet.
Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de