Alle Artikel mit dem Schlagwort “TikTok

Jeden Tag in der Hood, Flowers, Endlos_demo, Croissant-Army 🥐, Green green gras (Netzkulturcharts Januar 2023)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Sie erscheinen wegen der Space-Karen-Entscheidung Revue einzustellen nur noch als Bestandteil meines Digitale Notizen-Newsletters.

Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: Jeden Tag in der Hood, Bro 🆕

Die virale Großerzählung vom virtuellen Tellerwäscher zum Klick-Millionär zeigt immer nur diejenigen, die sich in die öffentliche Aufmerksamkeit gespielt und dann Erfolg haben. All die gescheiterten Versuche, mit vermeintlich einfachen Mitteln nach viraler Reichweite zu greifen, sehen wir kaum. In diesem Monat macht ein junger Mann auf Tiktok eine Ausnahme: Er nennt sich @juizz_live und durfte dort auf sehr viele For-you-Pages spazieren, dabei filmt er sich stets laufend, meist mit einer goldenen Grillz-Zahnreihe im Mund und Papierbündeln, die wie Geldscheine aussehen in der Hand. Über sechs Millionen Mal wurde der Clip aufgerufen, der ihn dabei zeigt, wie er eine Person, die offenbar sein Bruder ist, über seine Verlässlichkeit (jeden Tag!) und Unantastbarkeit (keiner kann was machen) in Kenntnis setzt: „Ich bin jeden Tag in der Hood, Bro“, sagt er wiederholt und ergänzt: „Guck mal, ich lauf mit Millen durch die Hood, Bro. Mit Millen durch die Hood, Bro.“ Dabei handelt es sich um eine Slangbezeichnung für tausend Euro (Mille), die er mit einem absichtsvollen „mit, mit, mit„-Stottern betont und die Information über seinen Geldspaziergang durch die Nachbarschaft wiederholt. Zum Abschluss fragt er rhetorisch in die Kamera: „Und wer kann was machen?“ Und gibt sich voller Überzeugung selbst die Antwort: „Keiner kann was machen. Keiner kann was machen.“ Dabei handelt es sich um eine Rap-Referenz auf einen gleichnamigen Fler-Song.

Dabei wird juizz_live selbst nicht als Rapper, sondern im ironisierten Tiktok-Kontext referenziert. Zahlreiche Tiktoker wie Julyanpohl (sehr lustig) beziehen sich auf ihn und bringen ihm zumindest Tiktok-Reichweite – diese aber auf die Musik von juizz_live zu übertragen, ist bisher gescheitert. Aber vielleicht kommt das ja noch: immerhin ist er ja jeden Tag da: in der Hood. Bro!

Platz 2: „Endlos_demo“ Mayberg 🆕

Vor einem Jahr veröffentlicht Luis Raue unter seinem Musikernamen Mayberg den Song „Kann das sein“. Darin singt er die Zeile: „Die Welt ist schlecht. Aber immerhin gibt es Tiktok.“ Das ist eine schöne Referenz, weil immer mehr Musiker:innen mit und durch Tiktok bekannt werden – so auch Mayberg selbst. Gerade sind zwei seiner Songs auf der Plattform extrem populär: Spiegelbild wird gerne und häufig genutzt – vor allem aber auch eine beschleunigte Version seines Songs Endlos_demo, darin singt er von einer Liebe zwischen zwei Teenager. Die Zeile „Wir sind beide 13 Jahre alt“ wird in zahlreichen Clips genutzt – von Menschen gleichen Alters, aber auch in anderen Beziehungen. „Das sind oftmals Videos, in denen die Alterspanne der gezeigten Pärchen über einem moralisch- und gesellschaftlich-vertretbaren Maximum liegt“, schreibt Pia Schneider bei diffus. „Besonders Minderjährige offenbaren hier ihre Beziehungen zu weitaus älteren, längst volljährigen Personen – teilweise reflektiert, teilweise unreflektiert. Die Problematik wird schnell klar und zeigt ein generelles Problem der TikTok-Hypes: Künstler:innen haben oft kaum bis gar keinen Einfluss mehr darauf, was die Community aus ihren Songs macht und vor allem ob daraus ein positiver oder negativer TikTok-Trend entsteht. Dieser kann wie im Beispiel von Mayberg auch komplett aus dem Kontext des eigentlichen Songs gerissen werden.“

Platz 3: „I can Buy Myself Flowers“ Miley Cyrus 🆕

Vor neun Jahren hat Bruno Mars den Song „When I Was Your Man“ veröffentlicht. In diesem Januar werden nicht nur viele Miley-Cyrus-Fans nach dem Song gesucht haben. Denn deren erste Single „Flowers“ vom für März angekündigten Album kann als klare Antwort auf Bruno Mars Liebeslied gehört werden. Dort heißt es: „I should’ve bought you flowers / And held your hand / Shoulda gave you all my hours / When I had the chance / Take you to every party /’Cause all you wanted to do was dance„. Bei Miley Cyrus hingegen klingt es so: „I can buy myself flowers / Write my name in the sand / Talk to myself for hours / Say things you don’t understand / I can take myself dancing / And I can hold my own hand„. Flowers ist also ein wunderbarer referenzierter Break-Up-Song, der auch deshalb viele Menschen fasziniert, weil er als Antwort auf die zerbrochene Liebesgeschichte mit Cyrus‘ Ex-Mann Liam Hemsworth gelesen werden kann. Dass dieser ausgerechnet an dem Tag Geburtstag hat, an dem Flowers veröffentlicht wurde, öffnete die Tür zu unzähligen Spekulationen und möglichen Andeutungen in Song und Video. In jedem Fall bringt all das Flowers ganz weit nach oben in die Ohrwurm-Charts.

Platz 4: 🥐 Croissant Army 🆕

Memes funktionieren stets wie Running-Gags, die nur eine bestimmte Gruppe versteht. Für alle anderen wirken sie unverständlich oder absurd. So wie das kommentarlose Posten eines Croissant-Emojis unter einem Tiktok-Video. Genau das ist dem US-Tiktoker TheSleepyParamedic im vergangenen Monat passiert – und er hat ein Meme daraus gemacht, wie die Washington Post hier sehr anschaulich nacherzählt. Aus dem Quatsch wurde ein Running-Gag, hinter dem sich alle Croissant-Freund:innen versammelten und sich fortan als #croissantarmy bezeichnen. Als solche werden sie von The Sleepy Paramedic aufgerufen, bei anderen zu kommentieren oder im Geistes des Croissants für gute Zwecke zu spenden. 🥐

Platz 5: Green, green grass – Familientanz 🆕

Vor der Kamera zu tanzen und sogar sich tanzend vor der Kamera zu verwandeln, ist allein kein Grund mehr für einen Tiktok-Trend. Dazu braucht man im Januar 2023 schon die Familie – sozusagen als versöhnende Variante der Generationen-Kämpfe sieht man in diesem Monat Kinder und Eltern zu einer Speed-Version von Georg Ezras „Green Green Gras“ tanz-hüpfen. Die Besonderheit dieses Tanzes: es wird jeweils das Geburtsjahr der Generationen-Tänzer:innen eingeblendet.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Miley Cyrus „Flowers“
2. Mayberg „endlos_demo“
3. Georg Ezra „Green green gras“ (Sped)
4. Sky Aggu „Party Sahne“ (aber schneller)
5. Taylor Swift „Anti-Hero“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

The Atlantic ruft „This is Fine“ zum Meme der Dekade aus, die New York Times berichtet über den Zusammenhang zwischen Inflation und Egg-Meme. Der Mönch von Lützerath hat nicht nur hohes Meme-Potenzial gehabt, der Tagesspiegel hat ihm auch nach-recherchiert. In Düsseldorf zeigt die Wonderwalls-Ausstellung im NRW-Forum, wie Museen junges Publikum erreichen können – mit Instagram.

Wie schlagen sich Publisher auf Tiktok? Eine Übersicht auf Digiday. Wie verändert Tiktok den Immobilienmarkt? Ein Beispiel aus New York.

Seema Pankhania kocht das jeweils populärste Gericht jeden Landes – und filmt sich dabei: Around the world in 195 meals ist ein spannende Serie, über die die Washington Post berichtet. Twitter diskuiert über den Namen dieser Fruchtkaramellen.

Space Karen & Twitter, Taylor Swift, Mirror-Transition, 1001 Arabian Nights, Tom Böttcher (Netzkulturcharts November 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: Space Karen & Twitter 🤯 🆕

„Eine wahre Geschichte von Geld, Macht, Freundschaft und Verrat“ heißt das Buch, das Nick Bilton im Jahr 2013 über den Beginn des häufig Kurznachrichtendienst genannten Twitter veröffentlichte. Das Buch, das man über die Geschehnisse auf und rund um Twitter in diesen Tagen schreiben könnte, wäre sicher noch spannender – es ist immerhin schon Inhalt für einen eigenen Tiktok-Trend. Auf der Seite twitterisgoinggreat.com wird das Chaos dokumentiert, das sich seit dem Einstieg von Elon Musk „Space Karen“ bei Twitter passender Weise in Echtzeit zuträgt. Space Karen ist der Spitzname, den das selbsternannte Genie Elon Musk seit 2020 trägt, weil der SpaceX-Gründer in seinem Handeln erstaunliche Überschneidungen zum Verhalten der Meme-Karen aufweist, über die KnowYourMeme schreibt: „characterized as an irritating, entitled woman, sometimes as an ex-wife who took custody of „the kids.“ In 2020, the term was broadly applied to a swath of white women who had been filmed harassing people of color, including dialing the emergency services on them for no criminal reason.“ Das ist nicht ganz unpassend, selbst wenn Dr. Karen James sich dieser Tage zu Wort meldet. Sie ist zwar keine NASA-Astronautin, die Biologin bezeichnet sich aber als Space-Fan.
Bei Breitband in Deutschlandfunk Kultur durfte ich auch eine Einschätzung zur Frage beisteuern, ob dies nun eine Änderung in der Kultur oder gar das Ende von Social-Media wie wir es kennen sei. Besonders empfehlen möchte ich aber die Einschätzung von Trevor Noah in der Daily Show: „Everybody who is pro free speech, is not pro all speech. What they are pro, is the speech that they would like to use, that might offend other people. (…) Everyone thinks jokes are funny until the joke is about them.

Platz 2: „It’s me. Hi. I’m the problem.“ (Taylor Swift) 🆕

Taylor Swift in ein Phänomen. In diesem Monat haben ihre Songs zehn Plätze in den Top10 der US-Musikcharts belegt. Woran das musikalisch liegt, hat mein SZ-Kollege Jakob Biazza hier sehr lesenswert beschrieben. Welche Referenzen und Eastereggs sich in dem Album befinden, hat Emily Yar in der Washington Post untersucht. Dass und wie bedeutsam das „Midnights“-Album aber für die Netzkultur hat, beschreibt Caroline Mimbs Nyce bei The Atlantic so: „Das, was Swift mit dieser Albumveröffentlichung macht, als „Online-Know-how“, „Publikumsbindung“ oder „Marketing“ zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Sie hat gewissermaßen ein virtuelles Universum geschaffen, in dem die Fans die Veröffentlichung erleben können.“ Ein schönes Beispiel für die Integration der so genannten Swifties ist dieses Ankündigungsvideo, in dem den Swifties ein Terminplan für die Release-Woche gezeigt wird, mit der Bitte die Songs zu streamen.
Dass sie mit der Zeile „It’s me. Hi. I’m the problem“ quasi nebenbei eines der größten Memes des Jahres geschaffen hat (und hier direkt in der Begrüßung referenziert), ist nur ein Aspekt des Werkes, wie man es mit NLP weiter spielen kann, zeigt dieses sehr schönes Experiment: was passiert wenn man Swifts Texte berechnen lässt?

Platz 3: Fröhliche Kinder filmen tanzende Eltern 🆕

So strahlt der Sohn des belgischen Fußball-Nationalspielers Kevin de Bryne, wenn er seinen Vater dabei filmt wie dieser vor der Kamera rumalbert. Das weiß ich, weil de Bryne es auf seinen Instagram-Account geladen hat – und damit ein besonders prominentes Beispiel für den Trend „fröhliche kinde filmen tanzende Eltern“ liefert. Das ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil der Sound, der unter alle diesen Clips zu hören ist, ebenfalls von Taylor Swift stammt. Dazu übrigens bitte unbedingt nochmal die Geschichte des Love-Story-Remix aus dem Sommer 2020 nachlesen. Das Kinder-Eltern-Tanz-Phänomen (das es übrigens auch in der Variante mit Haustieren gibt) macht deshalb so gute Laune, weil es auf fröhliche Art den filmenden Part hinter all den Clips sichtbar macht.

Platz 4: Mirror Transition 🆕

Sich selbst vor einem Spiegel zu filmen, führt zu erstaunlichen Aufnahmen für Tiktok und Reels. Bisher sah man Nutzer:innen wie sie ihre Smartphone fallen lassen und sich dabei wie durch Geisterhand verwandeln. Seit ein paar Wochen kommt die Mirror Transition jetzt aber in Bewegung – als mirror run sind Clips zu sehen, bei denen Nutzer:innen vermeintlich sehr schnell in sehr unterschiedlichen Outfits an ihrem Badezimmerspiegel vorbeirennen.

Platz 5: 7 vs Wild 🆕

Der aus dem Netz prominente Parfum-Influencer Jeremy Fragrance ist dieser Tage in das so genannte Promi-Big-Brother-Haus eingezogen – weil er über seine eigenen Kanäle hinaus bekannt werden will. Schöner kann man die Ironie dieses Formats vermutlich nicht auf den Punkt bringen. Das Netz schafft eigene Prominenz – und diese wird ins Fernsehen verlängert. Oder auch nicht. Bereits in der zweiten Staffel umgeht das Format 7 vs. Wild den Weg ins TV. Es nimmt einfach das Konzept einer Reality-Show und überträgt sie auf ein YouTube-Format: Sieben Teilnehmer sind sieben Tage lang in der Wildnis unterwegs – und filmen sich dabei. „Die mediale Ästhetik von 7 vs. Wild knüpft somit an den Stil von YouTuberinnen und Instagram-Influencern an, die sich von ihrer Selfie-Cam – und damit von ihren Followerinnen und Followern – auf Schritt und Tritt verfolgen lassen. Auf Kamerateams und Skripte wird bei der Low-Budget-Produktion verzichtet, stattdessen erinnert die Sendung an einen nicht enden wollenden Videoblog“, schreibt Till Wilhelm auf Zeit-Online. Und schon zur ersten Staffel kommentierte der MDR: „,7 vs. Wild‘ ist gefährlicher, überraschender, lebensnaher als es jede Show im Fernsehen sein kann. Trotzdem verstehen die Macher genau, wie das Spiel funktioniert: Sie sind Kenner der Selbstinszenierung, die wissen, wie sie sich am besten in Szene setzen – und wo man die Cliffhanger zur nächsten Folge setzen muss. Wahrscheinlich haben sie es vom Fernsehen gelernt.“ Seit in diesem Monat die zweite Staffel startete, gehen auch die Einschaltquoten Klickzahlen weiter hoch: die zweite Folge der neuen Staffel kommt auf 10 Millionen Aufrufe – ähnlich viele Aufrufe erhielten deutsche Fernsehgeräte übrigens auch während der Wetten-dass-Sendung

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Taylor Swift „Anti-Hero“
2. CHIPS „1001 Arabian Nights“
3. Rosa Linn „Snap“ Italian Version
4. Beyonce „Cuff it“
5. Ski Aggu „Party Sahne“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Was für ein Erfolg für die Eurodance-Band CH!PS aus den Niederlanden. Ihr Song „1001 Arabian Nights“ ist plötzlich ein Trend auf Tiktok – und bringt eine kontroverse Frage mit sich: welcher Move ist zeitgemäß? Jener, der gerade auf Tiktok sich verbreitet, bei dem Nutzer:innen die Zahlen 1-0-0-1 mit der Hand zeigen oder der, den die vier niederländischen Musiker in den Nullerjahren sich ausgedacht haben: mit den Armen einsen und nuller formend?

Die Frage, wie es aussehen würde, wenn die Augsburger Puppenkiste auf Tiktok wäre, wird seit ein paar Wochen sehr erfolgreich vom deutschen Schauspieler Tom Böttcher beantwortet. Seit Ende Oktober spielt er auf seinem Tiktok-Account Marionetten-Szenen so beeindruckend nach, dass er nicht nur immer mehr Views sammelt, sondern auch andere Accounts zur Nachahmung und Interaktion animiert.

Die BBC erklärt in unter 60 Sekunden was meiner Einschätzung nach eines der beeindruckendsten Memes des Jahres ist: der Jiggle-Jiggle-Erfolg (mehr dazu in der Mai-Ausgabe der Netzkulturcharts). Zum Thema Dark Social hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine interessante Studie veröffentlicht. Die US-Demokraten haben nach den Midterms eine Übersicht über Politiker:innen auf Tiktok gepostet. Der italienische Programmierer Gianluca Mauro hat ein Tiktok-Video darüber gemacht, welche Signale der Tiktok-Algorithmus für seine Berechnungen nutzt.

In dem sehr empfehlenswerten Gespräch von Greta Thunberg mit Russell Howard gibt es eine schöne kleine Sequenz über Memes.

Kopieren kapieren (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Der Titel dieses Beitrags ist mehr als ein schönes Wortspiel. „Kopieren kapieren“ ist die semantische Übertragung eines musikalischen Phänomens, das die Popkultur seit einigen Monaten auf erstaunliche Weise beschäftigt: Interpolation – der sich Arte hier, Deutschlandfunkkultur hier und der unbedingt empfehlenswerte Podcast „Switched on Pop“ hier gewidmet haben. (Symbolbild: Unsplash)

Dabei handelt es sich um eine besonders interessante Spielart der Kopier- und Referenzkultur. Anders als bei einem Sample, bei dem eine Sequenz eins-zu-eins aus der Original-Aufnahme kopiert wird, wird bei der Interpolation die Vorlage nachgespielt – meist mit einer kleinen Abwandlung. Zum Beispiel durch den Tausch eines Vokals direkt nach dem ersten Buchstaben: „Kopieren kapieren“ ist aber nicht nur Symbol für eine der jüngsten Spielarten der Referenzkultur, es ist auch der Imperativ der digitalen Gegenwart.

Durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie wurden erst die Daten von ihrem Träger gelöst und anschließend das vormals passive Publikum durch die Demokratisierung der Publikationsmittel zu aktiven Teilnehmer:innen an jener segmentierten Gesamtheit, die wir als Öffentlichkeit kannten. Wer sich für Kommunikation und die grundlegenden Veränderungen der strukturgewandelten Öffentlichkeit(en) interessiert, muss sich mit dem Phänomen der Kopie befassen – und zwar auf eine Art und Weise, die über klischeehafte Abwertung der vermeintlich minderwertigen Tätigkeit hinaus geht. Kopieren ist zur zentralen Kulturtechnik der Gegenwart geworden – allerdings ohne, dass der allgemeine Diskurs dazu mitgekommen wäre bzw. Einigkeit oder Wissen über die dazu notwendigen Fähigkeiten bestehen würde. Deshalb ist „Kopieren kapieren“ Angebot und Appell zugleich.

Die Forscher David und Diana Zulli beschreiben in ihrer Analyse „Extending the Internet meme: Conceptualizing technological mimesis and imitation publics on the TikTok platform“ das Kopieren als zentrale kulturelle Praxis auf der Plattform Tiktok. Diese von der chinesischen Firma Byte-Dance betriebene Plattform ist das jüngste und äußerst populäre Beispiel für die Kopierkultur der Gegenwart. Die Washington Post analysierte dieser Tage:

TikTok’s website was visited last year more often than Google. No app has grown faster past a billion users, and more than 100 million of them are in the United States, roughly a third of the country. The average American viewer watches TikTok for 80 minutes a day — more than the time spent on Facebook and Instagram, combined.

Tiktok erschafft etwas, was Zulli und Zulli „imitation publics“ nennen und der Begriff beschreibt ganz gut, welche kommunikationswissenschaftlichen und soziologischen Schlüsse ich aus der Kopierkultur des digitalen Zeitalters ziehen würde. Deshalb hier – völlig unabhängig vom aktuellen Erfolg von Tiktok und dessen geopolitischer Bewertung – die fünf Aspekte dessen, was hinter dem Hype steckt.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit der Remix- und Referenzkultur des Digitalen befasse.

Fünf grundlegenden Entwicklungen, die begründen, weshalb man kopieren kapieren sollte:

1. Ohne Aufmerksamkeit ist alles nichts

Wie sich das Verhältnis von Aufmerksamkeit zu Inhalt verändert hat, lässt sich kaum besser illustrieren als mit dem Zitat des DJ-Duos „Partyshirt“, die über peinliche Situationen das hier gesagt haben: “Everything’s cringey until it gets views” Früher ging man davon aus, dass Dinge so lange nicht cringey (peinlich) sind wie sie nicht gesehen werden. Es gehört zur besonderen Logik digitaler Öffentlichkeit(en), dass sich dieses Verhältnis heute gedreht hat – wie auch das Zusammenspiel von Inhalt zu Aufmerksamkeit. Diese hat sich nicht geändert, sie trifft aber heute auf so viel mehr Inhalt, dass sie die wichtigere, weil wertvollere Währung geworden ist. Sie ist die Voraussetzung für jegliche Form öffentlichen Erfolgs. In Abwandlung des Partyshirt-Zitats könnte man sagen: „Alles bleibt ein Tagebuch, solange es nicht gesehen wird.“

2. Der Werk wird wertvoll durchs Netzwerk

Das veröffenltichte Werk, auch das ist für werkschaffende Künstler:innen nicht ganz leicht, gewinnt seinen Wert erst durch das Netzwerk seiner Nutzung. Nicht nur die Aufmerksamkeit, auch die weitergehende Interaktion machen die Öffentlichkeit aus. Durch das Netzwerk Internet, in dem viele miteinander verbunden sind, ist der öffentliche Raum tatsächlich ein Raum geworden – nicht mehr nur eine Rampe, über die Künstler:innen, Journalist:innen und Medien ihre Inhalte abwerfen. Der öffentliche Raum basiert auf Interaktion und Wertschätzung sowie Wertschöpfung entstehen hier durch Vernetzung. Anders formuliert: der Content (über den sich Künstler:innen definieren) braucht den Kontext (der zu weiten Teilen den Plattformen überlassen wird) um Wirkung zu erzeugen.

3. Alle sind keine Zielgruppe

Wirkung ensteht nicht mehr vor einer Hauptbühne, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Digitale Öffentlichkeiten definieren sich stattdessen an einer Entwicklung, die manb „Das Ende des Durchschnitts“ nennen könnte und segmentieren Aufmerksamkeit auf viele Nebenbühnen. Wer Wirkung erzeugen will, muss sich auf Nebenbühnen konzentrieren statt eine Hauptbühne zu suchen. Aus der Welt der Massenkultur ist eine Welt der massenhaften Nischen geworden – diese zu bespielen, ist die Voraussetzung für öffentlichen Erfolg. Gerade dann wenn man „alle“ erreichen will. Damit dies gelingt, muss man mit den Zielgruppen beginnen, die man erreichen kann.

4. Der Werk ist ein Werkstoff, der bearbeitet wird

Die Idee des einen Publikums ist ebenso überholt wie die Idee des einen abgeschlossenen Werks. Digitale Produkte sind Prozesse, niemals fertig. Sie werden zu Werkstoffen, die in Form von Remix, Interpolation oder Cover weiterverarbeitet werden. Dieses RIC erweitert den Aufnahmeknopf des 20. Jahrhunderts (REC). Referenziert zu werden ist dabei kein Diebstahl am Original, sondern hilft diesem am Leben zu bleiben. In der „Switched on Pop“-Folge lernen wir, dass Rechteinhaber:innen extra Referenz- und Kopier-Angebote machen, um ihre Werke in der Öffentlichkeit zu halten.

5. Der Zauber des Unkopierbaren entsteht in der Vernetzung

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem großen Moment und einer nachhaltigen Karriere“, sagt der Musikexperte Larry Miller (Professor und Host von Musonomics) in dieser Folge des vergecast über die Zukunft der Musikindustrie. Plattformen seien gut darin, große Momente zu schaffen und singuläre Inhalte viral gehen zu lassen. Nachhaltige Karrieren hingegen sieht er bei Plattenlabels eingelöst. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist jedoch, dass für diese Karrieren eines unerlässlich ist: die Verbindung von Star und Publikum, die Vernetzung von Künstler:innen und Zuschauer:in. Dieses Verhältnis sorgt nicht nur dafür, unkopierbare Erlebnisse (z.B. auch im Metaverse) entstehen zu lassen. Diese Verbindung bildet auch die Grundlage für den ersten Punkt dieser Liste: Sie schafft Aufmerksamkeit.

Wer kopieren-kapieren.de möchte, kann auch mal in diese Bücher schauen:

It’s corn, Excuse me wir haben 2022, NAFO, Ein-Wort-Tweets, Nina Chuba, Snowflake (Netzkulturcharts September 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorab: Wer sich für Netzkultur begeistert, sollte Snowflake kennen. Diese Browser-Erweiterung hilft all denen, die das Netz nicht einfach so benutzen können. Zu den Protesten im Iran empfehle ich die Einordnung meiner Kollegin Dunja Ramadan bei der SZ.

Platz 1: It’s corn 🆕

Der bekannteste Junge des Internet war vor wenigen Wochen noch völlig unbekannt, mittlerweile ist Tariq als „The Corn Kid“ ein Star, der zur Filmpremiere von „Pinocchio“ eingeladen und von der New York Times porträtiert wird. Dabei hatte er nichts anderes getan als in einem kurzen Video-Interview des Channels Recess Therapy seine Begeisterung für Mais kund zu tun. Dass aus diesem scheinbar belanglosen Interview in Brooklyn nicht nur der virale Hit des Sommers, sondern sogar ein richtiger Song wurde, liegt an echten Experten der Viralität: die Gregory Brothers entdeckten und autotunten Tariqs Corn-Begeisterung und traten damit ein Massen-Mais-Phänomen los – zu dessen vorläufigem Höhepunkt sogar der offizielle Tiktok-Account auf Tiktok seine Bio in „It’s corn“ änderte. Deshalb gebührt mindestens die Hälfte der Chartspitze in diesem Monat dem Musik-Quartett, das auf YouTube schmoyoho heißt und schon seit Jahren in Sachen Viralität unterwegs ist. Die andere Hälfte gehört Tariq und seiner Familie, die dafür gesorgt hat, dass sein Nachname trotz des plötzlichen Ruhms nicht an die Öffentlichkeit kommt.

Platz 2: Excuse me, wir haben 2022 🆕

Als die Tiktokerin Linneasky im Juli diesen Jahres eine Nutzer:innen-Frage zum Thema BH beantwortet, ist ihr vermutlich nicht klar, dass die nun folgenden Sätze am Ende des Sommers zu einen geflügelten Wort der Netzkultur werden: „Excuse me, wir haben 2022“ wird nicht nur in allerlei Zusammenhängen zitiert, geremixt und gestiched, es gibt auch ein Mashup mit dem „Fettes Brot“-Jahreszahlenklassiker „Jein“. Aber anders als bei den Gregory Brothers und ihrem Corn-Kid hat sich bisher noch niemand gefunden, der einen wirkliche populären Song aus dem Spruch gemacht. So bleibt die Freude an der Unplanbarkeit von viralen Phänomenen.

Platz 3: NAFO 🆕

Wenn das Internet einen Wachhund suchen würde, es wäre der Shiba Inu, das Krafttier des Doge-Meme. Seit ein paar Wochen ist der das Symbol der digitalen Friedensbewegung namens NAFO geworden. Die North Atlantic Fellas Organisation ist eine zaunpfahlwinkende Anspielung auf das Verteidigungsbündnis ähnlichen Namens und versucht mit digitalen Mitteln auf den russischen Angriffskrieg in der Ukrainie zu reagieren. Der Economist hat als erstes größer darüber berichtet und ich finde das mehr als bemerkenswert – wie ich in diesem Interview mit dem Deutschlandfunk erklären durfte.

Platz 4: Ein-Wort-Tweets 🆕

Wofür willst du im Netz stehen? Die Antwort auf diese Frage in einen Ein-Wort-Tweet zu packen, war Anfang des Monats für ein paar Tage ein großes Ding. Der One-Word-Tweet-Trend wurde von den „trains“ von Amtrack ausgelöst und steht für eine kleine, scheinbar bedeutungslose Besonderheit, die die Netznutzung so zauberhaft macht – und mich dazu gebracht hat, schlicht „internet“ zu twittern.

Platz 5: Nina Chuba „Wildberry Lillet“🔽

Der Trend um Nina Chuba ist ungebrochen. Ihr „Wildberry Lillet“ läuft weiterhin aus allen Boxen und erscheint in immer neuen Remixen. Sogar der französische Spirituosen-Hersteller Pernod Ricard hat sich offiziell geäußert (ihm gehört die Marke „Lillet“), die Sparkasse macht mit Aditotoro Werbung damit – aber nichts und niemand kriegt diese Zeilen kaputt. „Immos, Dollars, fliegen wie bei Marvel“ machen immer noch großen Spaß.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Armani White „Billie Eilish“
2. Tariq, The Gregory Brothers, Recess Therapy „It’s corn“
3. Romero „Nie mein shawty“
4. Nina Chuba „Wildberry Lillet“
5. Rian „Schwarzes Schaf, Akustikversion“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung:

Fürs digitale Vokabelheft unbedingt den Begriff Bootleg Ratio notieren. Bei Verge nutzt Russel Brandom ihn, um die Veränderungen des Contents auf Plattformen zu beschreiben. Gemeint ist das Verhältnis zwischen „a) Inhalte, die von Benutzern speziell für die Plattform erstellt wurden, und b) halbanonyme Accounts, die in Interaktion treten und das Publikum abwerben. Jede Plattform wird beides haben, aber wenn B beginnt, A zu überholen, haben die Benutzer immer weniger Gründe, sie zu besuchen, und die Ersteller werden immer weniger Gründe haben, zu posten. Kurz gesagt, es ist ein Zeichen dafür, dass die interessanten Dinge über die Plattform allmählich aussterben.“ (Danke für den Hinweis Johannes)

Eine zweite wichtige Veränderung, die im September durch den Start von Tiktok Now Bedeutung bekam ist der Vibe-Shift in Social-Media. Das Social-Media-Watchblog nennt die Hinwendung zu einer vermeintlich privateren User-Experience, die sich vom klassischen Reichweiten-Feed abwendet, so.

Passend zum Oktoberfest gibt es einen erwähnenswerten bayerischen Remix des Top-Ohrwurm des Monats von Armani White „Billie Eilish“. In der Bavaria Version wird „Billie Eilish“ zu „aber bayerisch“ – dabei wird eine Transition hin zu bayerischer Tracht ins Bild gesetzt.

Tiktok lässt in diesem Monat eine mit ausschließlich Werbe- und Marketing-Knowhow besetzte Jury einen Tiktok-Award verleihen. USA Today zeigt am Beispiel der Behauptung des Wahlbetrugs wie Memes die politische Debatte durchsetzen. Welche Plattformen Memes treiben, hat Know Your Meme untersucht.

Wie man Nachrichten in einem Meme-Umfeld erstellt, erklären die Macher:innen der „News WG“ vom Bayerischen Rundfunk in diesem Instagram-Interview. Wie der Tod der Königin von England in Wikipedia vermeldet wurde? Dieser Thread fasst es zusammen.

Weiterhin ein Highlight meiner Timeline: die twitterisierten Tagebücher von Thomas Mann (Hintergrund dazu hier)

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Tiktok Now – der BeReal-Klon jetzt in Deutschland

Dass erfolgreiche Social-Media-Plattformen sich von Angeboten anderer Apps inspirieren lassen, kannte man bisher vor allem von Meta-Facebook. Seit ein paar Tagen ist nun auch Tiktok, das bisher als Vorlagengeber für Instagram diente, auch selbst in der Inspirations-Adaption aktiv: mit dem Angebot Tiktok Now versucht die App ein Nutzungserlebnis zugänglich zu machen, das bei BeReal äußerst erfolgreich ist.

In den USA bietet Tiktok die sehr viel privatere und vermeintlich authentischere Social-Media-Experience innerhalb der klassischen Tiktok-App als so genannten now-Feed an. In einigen anderen Ländern, u.a. auch Deutschland, gibt es Tiktok Now als eigene App in den Stores. Beide Angebote (die vermutlich in einem interessanten A-B-Test ausprobiert werden) basieren auf der BeReal-Erfahrung, die auf einer etwas privateren Social-Media-Nutzung basiert. Um im Explore-Feed (For You Page) mit Reals/Nows auftauchen zu können, muss man bei Tiktok-Now z.B. mindestens 18 Jahre alt sein. Im Alter von 13 bis 15 Jahren können Nutzer:innen nur mit Freund:innen interagieren. Und selbst bei volljährigen Nutzer:innen ist der Default-Modus auf privat gestellt.

Es geht, das ist sehr deutlich um einen Test für eine andere Form von Social-Media, die nicht mehr auf Reichweiten und Austausch setzt, sondern eher Züge von Dark Social trägt: es geht um ein vermeintliche authentischeres Social-Media.

Warum BeReal interessant ist, habe ich hier beschrieben.

Die Kolleg:innen vom Social-Media-Watchblog sprechen übrigens von einem Vibe-Shift in Social Media.

Gentleminions, Emmanuel, der Emu, Quer in den Westen, Tiktok-Lehrer, 10 von 10, Smypathisch (Netzkulturcharts Juli 2022)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Gentleminions 🆕

Während Deutschland über die vermeintliche Cancel Culture eines merkwürdigen Ballermann-Songs diskutiert, sind in England junge Männer unterwegs, um sich den neusten Minions-Film anzusehen. Sie nennen sich Gentleminions und kommen wohl gekleidet ins Kino – und benehmen ich daneben. Jedenfalls häuften sich zu Beginn des Monats Berichte darüber, dass dieser Netztrend dazu führt, dass Kinobetreiber:innen den Film nicht mehr zeigen (wollen). Damit landen die Gentleminions nicht nur als Trend, sondern vor allem als Symbol auf Platz eins: Denn an ihnen kann man illustrieren, dass die Rede von der Cancel Culture im digitalen Ökosystem falsch ist.

Zum Spitzenplatz trägt außerdem diese schöne Kombination mit dem weiterhin tollen Jiggle-Jiggle-Song von Voicemod bei.

Platz 2: Der rappende Lehrer von Tiktok 🆕

Svante Evenburg hat auf der Abi-Feier an seiner Schule einen beeindruckenden Freestyle-Rap aufgeführt. Das Besondere dabei: Svante Evenburg ist kein Schüler, sondern Lehrer. Wie sein Auftritt in Braunschweig zu einem viralen Tiktok-Hit werden konnte und warum er damit kaum in klassischen Medien auftaucht, habe ich mit ihm in einem kleinen Interview besprochen. Es ist illustriert auf erstaunliche Weise welche Dynamik Tiktok gerade auch auf Schulhöfen, abseits der klassischen Öffentlichkeit haben kann. Deshalb Platz 2 für die erstaunliche Freestyle-Performance.

Platz 3: Emmanuel, der Emu 🆕

Der korrekte Netzbegriff fürs Reindrängeln in ein Bild oder Video lautet: Photobomb. Seit Anfang des Monats hat ein Emu namens Emmanuel (englisch ausgesprochen) das Photobombing aber auf ein neues Level gehoben – und seine Farm im südlichen Florida webbekannt gemacht: Emmanuel drängelt sich wiederholt in Videos, die Farmbesitzerin Taylor Blake dreht, um die dort lebenden Tiere vorzustellen. Was dann passiert beschreibt der Spiegel so: „»Emmanuel!«, ruft Blake, »tu es nicht.« Ins Bild neigt sich ein Emukopf, bernsteinfarbene Knopfaugen, spitzer Schnabel, bereit, durch die Kamera zu zwicken. »EMMANUEL, TU ES NICHT!«, ruft Blake erneut, bis sich der Vogel zurückzieht. »Ich versuche hier, den Leuten etwas beizubringen«, weist sie ihn zurecht.“
Emamanuels Erfolg begann übrigens nicht auf Tiktok, sondern auf Reddit – und wurde dann über Twitter und Tiktok weitergespielt. Es ist also anzunehmen, dass der Sound („Emmanuel, don’t do it“) künftig auch unter anderen Clips zu hören sein wird.

Platz 4: Quer in den Westen 🆕

Ein junger Mann, der die Tiktok-Community auf eine Wanderung mitnehmen möchte? Das an sich ist nichts Besonders. Dass Sean, der laut eigener Aussage „vor drei Tagen mein Studium abgebrochen“ hat, aber schon am ersten Tag seine Wanderung #querindenwesten beendet hat, hat Nutzer:innen offenbar so inspiriert, dass Sean Anfang Juli zu einem viralen Hit wurde – und auch die klassischen Medien erreichte. Die Bild stellte ihn als „Deutschlands erfolgreichsten Versager“ vor und EinsLive ist mit ihm gemeinsam auf eine Wanderung gestartet.

Das ist alles herrlich belanglos und irgendwie absurd, so dass es zum perfekten viralen Sommerhit taugt. Auch wenn Sean recht professionell mit seinem Ruhm umzugehen scheint, er wird sich vermutlich nicht lang in den Charts halten.

Platz 5: Er ist ne 10, aber… (He’s a 10) 🆕

Menschen auf einer Zehner-Skala in Bezug auf ihr Aussehen zu beurteilen – und dann eine weitere Eigenschaft ergänzen, um ein erneutes Urteil abzufragen – das ist gerade ein großes Ding (nicht nur) auf Tiktok. Als Erfinderinnen dieser leicht pubertären Klassenfahrt-Spielerei gelten die Schwestern Leah und Mary Woods, die gemeinsam mit ihrer Freundin Lucy das Spiel nicht nur als erste auf Tiktok brachten, sondern sich auch als Ursprung des Trends interviewen lassen. Jessia hat daraus dann sogar einen Song gemacht – spätestens damit kommt der Trend im Juli in den Netzkulturchart auf 5/5 (oder hab ich da was falsch verstanden)

Besondere Erwähnung

War so viel los im Juli, dass Thomas Mann aus den Charts gefallen ist; also sein immer noch wunderbarere Twitter-Account, den ich im Juni vorgestellt hatte – und der mindestens eine besondere Erwähnung erhalten sollte.

Für mich der beste Weg, um auf charmante Weise in die Netzkultur auf Tiktok einzusteigen: die Clips von smypathisch. Der Kanal von Marie Lina kommentiert das (digitale) Wochengeschehen und gibt einen smypathischen Einblick ins Netz.

Es ist heiß in Deutschland – und die Tagesschau lädt die Tiktok-Community zum Duett, um die Wettervorhersage zu sprechen.

Was passiert, wenn Männer mit Periodenschmerzen konfrontiert werden? Der Tagesanzeiger berichtet über eine Aktion in Kanada.

Lubalin hat seinen Plattenvertrag seinem Erfolg auf Tiktok zu verdanken – deshalb hat Buzzfeed ein Video mit ihm gemacht. Noch besser sind aber seine Internet Drama-Clips, in denen er missglückte Online-Kommunikation vorsingt.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.


Der rappende Lehrer von Tiktok – Svante Evenburg im Interview

Das Internet ist super. Heute hat es mir innerhalb von wenigen Stunden auf die charmantest mögliche Weise eine Frage beantwortet: „Ich bin doch schon da“, schrieb Svante Evenburg auf meine Twitter-Frage nach dem rappenden Lehrer, der seit Tagen durch meine Tiktok-Timeline gereicht wird (aber nicht in anderen Medien auftaucht). Seine Frage „Was möchten Sie wissen?“ nahm ich wörtlich und stellte ihm eine paar Fragen zum Tiktok-Ruhm und zum Rappen auf dem Schulhof.

Es passiert nicht oft, dass in meiner Tiktok-Timeline Bilder von einem rappenden Lehrer auftauchen. In den vergangenen Tagen sah ich Sie aber sehr häufig, in sehr unterschiedlichen Clips – beim Freestyle, aber auch in einem Battle-Rap mit einem jüngeren Schüler. Können Sie mal auflösen wer Sie sind und woher die Bilder stammen?
Mein Name ist Svante Evenburg, ich bin 36 Jahre alt und unterrichte an der IGS Querum in Braunschweig. Seit ca. meinem 11. Lebensjahr rappe ich und absolviere Auftritte oder nehme Songs auf. Das wissen auch manche Schülerinnen und Schüler und somit hielt der Abijahrgang es für eine gute Idee, mich beim Abistreich zum Freestylen zu „zwingen“. Man sieht also auf den Videos ein paar Ausschnitte vom Abistreich an unserer Schule, der übrigens sehr unterhaltsam und mustergültig von den Abiturientinnen und Abiturienten organisiert war.

Ich würde sagen: Sie sind mit Ihrem Rap viral gegangen. Dennoch habe ich bisher keine „darüber lacht das Netz“-Berichte über Sie gefunden. Können Sie sich erklären, woran das liegt?
Ich vermute, dass das Tiktok-Universum doch nochmal anders ist, als beispielsweise Instagram oder Youtube, schon fast eine in sich geschlossene Welt. Es gab Anfragen, z.B. von Radiosendern, die ich aber bisher alle mehr oder weniger abgelehnt habe.

Hatte Ihr Tiktok-Ruhm weitere Folgen für Sie oder Ihre Schule?
Ich persönlich hoffe natürlich auf weiterhin gute Anmeldezahlen für den 5. Jahrgang. Da kam das Video freilich für dieses Jahr zu spät. Ansonsten ist es bisher relativ ruhig geblieben.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Tiktok?
Ich habe schon länger einen Account, ohne aber aktiv gewesen zu sein. Der diente eher dazu, mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu bleiben. Ich tue mich ehrlich gesagt schwer mit der Art vieler Videos dort, das ist mir zu oft zu sehr inszeniert und teilweise auch einfach übel sexistisch. Und dann steht natürlich noch der große Elefant China im Raum. In dem Kontext war Tiktok tatsächlich auch erst vor Kurzem Unterrichtsinhalt in meiner 7. Klasse.

Was mich fast am meisten an Ihrem Auftritt fasziniert, ist die neue Form von Autorität, die aus Ihren Zeilen spricht. Sie reimen z.B. „Bier reinschleppe“ auf „Weed einstecke“ – mit dem Bild eines klassischen Feuerzangenbowle-Lehrers geht das nicht zusammen. Können Sie denen mal erklären, warum Sie dennoch eine Autoritätsperson sind?
Zunächst einmal denke ich gar nicht, dass sich da etwas ausschließt. Und dann halte ich Autorität für etwas, das maßgeblich durch die Persönlichkeit transportiert wird und da wiederum geht es gerade gegenüber Schülerinnen und Schülern viel um Authentizität. An der IGS Querum bleiben wir als Tutorinnen und Tutoren sechs Jahre für unsere Klasse verantwortlich. In dieser Zeit lernt man sich sehr genau kennen. Die Klasse weiß genau, wie man ist oder eben nicht. Da authentisch zu sein, transparent und der Klasse gegenüber aufgeschlossen – das sorgt für Autorität.

Wird sich durch den Tiktok-Fame jetzt irgendwas für Sie ändern?
Ich vermute mal nicht. Im letzten Jahrzehnt war ich Kommunalpolitiker in Wolfsburg, hatte bspw. zu Beginn des Dieselskandals eine Reihe von Presseanfragen und -terminen. Das kenne ich also schon. Und gestern war ich mit meiner Frau und unseren Kindern in der Innenstadt auf einem Familienfest. Fotos oder Autogramme wollte da niemand. Es war verrückt, wie schnell das Video 5 Millionen Aufrufe hatte. Aber ich denke, ebenso schnell wird es auch wieder vergessen werden. Ein bekannterer Rapper als ich hat mal gesagt, Musik zu veröffentlichen sei „Pissen in den Ozean„. Das dürfte bei Tiktok-Clips ähnlich sein.

Zum Abschluss: Falls jetzt jemand Interesse für Freestyle entdeckt haben sollte, haben Sie einen Tipp für Einsteiger:innen?
Da möchte ich Curse zitieren, was ich äußerst selten tun würde: „Beim Freestylen muss man üben und Bühne trennen. Lieber zehn Sätze, die brennen, als zehn Minuten verschwenden.“
In diesem Sinne: Einfach viel üben, bevor man sich dann mal filmen lässt.

Zum Thema Tiktok & Schule war ich übrigens gerade im Doppelstunde-Podcast zu Gast. Für virale Kultur und Phänomene wie das oben beschriebene Video interessiere ich mich weil mich Netzkultur fasziniert. In meinem Newsletter „Digitale Notizen“ gibt es deshalb die Rubrik „Netzkulturcharts“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Mehr über Tiktok und Medienkompetenz unter tiktok-taktik.de.

Follower-Dilemma: Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was viele Menschen wichtig finden, kann nicht unwichtig sein.

Diese Idee – hier als „Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit“ beschrieben – bestimmt nicht nur Suchalgorithmen, sondern sehr sicher auch Ihr Denken: Wer schon mal neugierig geworden ist, weil irgendwo viele Menschen in einer Schlange anstanden („was ist denn da los?“), kennt das Prinzip, das zahlreiche digitale Plattformen auf die Spitze getrieben haben. Sie haben dafür eine Währung erfunden, die allgemein anerkannt, aber in Wahrheit kaum wertvoll ist. Sie haben dafür das Prinzip „Follower“ erfunden – eine Einheit, die nicht unabhängig überprüfbar ist, die die Plattformen aber reich macht, weil wir sie glauben. Dabei ist diese Währung nahezu bedeutungslos – und es ist dringend an der Zeit, dies auch im allgemeinen Diskurs zu verankern. Und hier will ich kurz erklären, warum das so ist. (Symbolbild: unsplash)

Auslöser für meine Erklärung ist ein Wortbeitrag der sehr geschätzten Kollegin Eva Schulz auf der republica. Auf dem Panel Medienmachende als Marke spricht sie ab ca Minuten 17 über Follower und Reichweite. Sie erzählt die Geschichte einer jüngeren Kollegin, die keine Follower auf Instagram und deshalb kaum Chancen hat, an eine Moderatorionsrolle zu kommen, weil Verantwortliche in Medienhäuser diese Währung für relevant für eine Moderation halten. Eva sagt…

Es hört nie auf. Ich hab was, wo diese Kollegin hinguckt und sagt ,Scheiße, wie soll ich das je erreichen? Diese Followerzahlen, die Eva hat‘. Da ist mir erst bewusst geworden, was ich dann für einen Druck ausüben muss auf so viele Kolleginnen und Kollegen. Wegen einer Währung, die Medienhäuser gladly übernehmen, während es eigentlich ihre Aufgabe wäre, diese Leute selber aufzubauen. Und sich nicht einfach auf eine fremde Währung auf einer externen Plattform zu verlassen, die nicht mal von unserem Kontinent stammt.

… und kommt zu dem Schluss: „Da müssen sich Medienhaus-Verantwortliche wirklich mal überlegen, ob man sich auf diese Kennzahl verlassen will.“

Ich würde noch sehr viel deutlicher sagen: Nicht nur Medienhaus-Verantwortliche sollten sich von dieser Kennzahl verabschieden.

Warum glauben Menschen an den Wert der Follower? Weil sie annehmen, die Zahl treffe eine Aussage darüber, welche Reichweite ein Account hat. Darüber sagt die Zahl aber in Wahrheit sehr wenig aus – viel weniger jedenfalls als gemeinhin angenommen.

Jede:r, die/der mal in die Insights eines Accounts geschaut hat, weiß, dass kein Beitrag, der mit einer Followerzahl 100 gepostet wird, tatsächlich 100 andere Accounts erreicht. Spätestens mit Einführung des Timeline-Prinzips haben die Plattformen nämlich erkannt, dass nicht die postenden Accounts darüber entscheiden sollen, wessen Aufmerksamkeit sie bekommen – darüber wollen die Plattformen selbst bestimmen, um diese Aufmerksamkeit zu monetarisieren.

Mit der Tiktokisierung von Social-Media hat das Follower-Dilemma (Top-Illustration von mir rechts) eine neue Ebene erreicht: Plattformen priorisieren gut laufende Inhalte und versorgen diese mit Reichweite. Das heißt aber nicht, dass auch die Accounts zwingend mehr Reichweite bekommen – dafür müssen sie nämlich weiter gut laufende Inhalte produzieren; genau wie Accounts mit wenigen Followern auch.

Tiktoks relevanteste Bühne, die for you page, kommt sogar völlig ohne Follower aus. Hier spielt die Plattform Beiträge aus, die nicht darauf basieren, dass ein:e Nutzer:in bei Accounts „das plus weggemacht hat“ (Tiktok-Lingo für Follow). Auf der For You Page werden nach dem sprechender Hut-Prinzip Beiträge ausgespielt, die dann nahezu magisch irre Reichweiten bekommen können. Das gilt für einen Account mit wenigen Followern ebenso wie für einen vermeintlich reichweitenstärkeren Account, der bereits viele Follower hat.

Verlässlich aussagekräftig ist die Zahl der Follower auf Plattformen also nur in eine Richtung: in Bezug auf die Anzahl der Accounts (nicht unbedingt auch Menschen), die auf der Plattform den Account abonniert haben. Dass diese Zahl auch technisch verändert worden sein kann, lasse ich bewusst unerwähnt, denn meine Kritik bezieht sich gar nicht auf diesen Aspekt (der selbstredend erschwerend hinzukommt). Ob der Account diese anderen Accounts dann auch erreicht, darüber sagt die Follower-Anzahl eher wenig aus – maximal eine Wahrscheinlichkeit lässt sich aus der Gesamtzahl der Fans auf die Reichweite ermitteln.

Diese Wahrscheinlichkeit ist nicht null, aber sie ist ganz sicher auch nicht so bedeutsam, dass sie als relevante Währung in der öffentlichen Debatte genutzt werden sollte. Um ihre Flüchtigkeit zu illustrieren, muss man sich einen Account vorstellen, der zwar sehr viele Follower angesammelt hat, dann aber monatelang nichts postet. Dieser Account wird nach zwölf inaktiven Monaten nur eine sehr geringen Wahrscheinlichkeit auf hohe (organische) Reichweiten haben – es sei denn er kauft dafür Sichtbarkeit hinzu. Womit die Währung völlig wertlos wird, wenn sie lediglich zeigt, wieviel Geld ein Account ausgegeben hat, um sichtbar zu sein.

Sinnvoller erscheint es mir, Prominenz oder Sichtbarkeit im digitalen Ökosystem als fluide Währung zu betrachten – die immer nur sehr kurze Halbwertszeiten aufweist. Zu glauben, eine Angabe über Fans oder Follower könne daran etwas ändern, ist eine angenehme Vereinfachung, aber halt auch unangenehm falsch.

Nachtrag Es gibt übrigens eine Akteurin in dem Spiel, die großes Interesse daran hat, dass die Währung „Fans/Follower“ nicht an Bedeutung verliert: die Plattform selbst. Ohne eine unabhängige dritte Instanz, die ihre Zahlen kontrolliert, kann die Plattform den Nutzer:innen nämlich so ihre eigene vermeintliche Bedeutung vorführen. Das wäre doch schade, wenn sich daran etwas ändert…

Kate Bush, Jiggle Jiggle, Thomas Mann Daily, Tiktok-Bingo, Nationalhymnen, Lalaleluu ist cool & Jax Victorias Secret (Netzkulturcharts Juni)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Kate Bush „Running Up The Hill“ 🆕

Nachdem Kate Bush zu Beginn des Monats mit ihrem Song „Running Up The Hill“ dank der Verwendung in der Netflix-Serie „Stranger Things“ erstmals in die US-Charts eingestiegen war, hat sie gerade eben gleich drei Chart-Rekorde in England gebrochen: Vor 44 Jahren stand die Sängerin letztmals an der Spitze der britischen Charts. Einen derart langen Zeitraum hatte es zwischen zwei Spitzenplätzen noch nie gegeben. Sie ist zudem die älteste Sängerin an der Spitze der britischen Charts und noch nie zuvor hat ein Lied so lange von seiner Veröffentlichung bis zur Chartsspitze gebraucht: 37 Jahre. Auch in den Tiktok-Charts platziert sich der Song weit oben.

Grund für diese Rekorde sind eine geschickte Marketing-Strategie der Netflix-Serie sowie die „accelerated decline“-Klausel in den Regeln der britischen Hitparade, die der Guardian so erklärt: „So while a new song earns one “sale” for every 100 streams, older songs need to be streamed 200 times before a single “sale” is counted.“

Oliver Kaever kommt im Spiegel mit Blick auf den Song zu dem Schluss: „Eigentlich schade, dass er die Luftnummer »Stranger Things« brauchte, um wiederentdeckt zu werden.“

Platz 2: Jiggle Jiggle, Louis Theroux ⬇️

Im New York Times-Porträt nennt Louis Theroux die Geschichte des Jiggle-Jiggle-Hits “a baffling 21st century example of just the weirdness of the world that we live in” – und für mich ist sie weiterhin eine der schönsten Popstorys des Sommers, deshalb hält sie sich weiter oben in den Charts. Denn es gibt scheinbar nur eine Person weltweit, die unter dem Hype um den Autotune-Schnipsel leidet: Therouxs 14jähriger Sohn. “‘Why is my dad, the most cringe guy in the universe, everywhere on TikTok?’” Mr. Theroux said, giving voice to his son’s reaction.“

Den meisten anderen Tiktok-Nutzer:innen scheint es jedoch anders zu gehen als Theroux Junior. Sie mögen den Song so sehr, dass sie mittlerweile sogar eine langsame Version auf der Harfe nutzen oder wie DJ Horizon in diesem kleinen Tiktok-Clip vom now playing-Festival in Indonesien, das Publikum damit begeistern. Das Beispiel ist auch deshalb Netzkulturcharts-relevant, weil es den „Wait for it“ (zu deutsch: „Schau bis zum Ende“)-Aufruf enthält, mit dessen Hilfe Tiktok-Clips ihre langfristige Sichtbarkeit erhöhen wollen.

Platz 3: Thomas Mann Daily 🆕

Im Frühjahr 2019 zeigte das Projekt „Ich Eisner“ wie Geschichte durch soziale Medien lebendig werden kann. Die Botschaften des ersten bayerischen Ministerpräsidenten, die zeitversetzt genau 100 Jahre nach der Revolution im Freistaat verschickt wurden, bekamen ein durchweg positives Echo. Dass der Twitter-Account Thomas Mann Daily nun seit einer Weile etwas Vergleichbares anbietet, ist also nicht besonders originell, aber trotzdem großartig. @DailyMann twittert Notizen aus den Tagebüchern des Literaturnobelpreis-Trägers, die jeweils an dem Tag notiert wurden. Die Einträge sind nicht chronologisch, sondern nur datumspassend. Das ist aber dennoch äußerst reizvoll, weil ich mich jedes Mal wieder frage: Wie hätte Thomas Mann genau diese Beobachtung heute notiert?

Platz 4: Tiktok-Bingo 🆕

Wie funktionieren eigentlich deutsche Tiktok-Clips? Der Tiktok-User @derbimon hat für die Reichweiten- und Interaktions-Tricks von Influencer:innen ein Bingo erstellt, das er auf seinem Account mit Hilfe der Duett-Funktion durchspielt. Regungslos schaut er sich die Clips an und spielt dabei mit „OMG!“-Floskeln und „Macht das Plus weg“-Aufrufen Bingo. Das ist nicht nur sehr lustig, sondern auch lehrreich, weil er damit wiederkehrende Muster offenlegt. Deshalb: macht das Plus weg bei @derbimon und folgt ihm für den zweiten Teil.

Platz 5: Luksan Wunder – Nationalhymnen-Missverstehen 🆕

Richtiges Verstehen und vor allem das richtige Aussprechen sind seit jeher ein relevantes Thema für Luksan Wunder (ich habe darüber ausführlich im meinen Essay im Deutschlandfunk gesprochen). Diesen Monat nun hat der Account ein neues Feld für das große Missverstehen-Thema geöffnet: Nationalhymnen. Endlich hört mal wer richtig hin und verrät, dass die italienische Nationalhymen mit den Worten „Der Starbucks in Parma“ beginnt. Falls sich das merkwürdig liest, bitte unbedingt hier die Luksan-Wunder-Übersetzung anschauen. Sie zählt zum Lustigsten, was ich im Juni im Netz gesehen habe.

Besondere Erwähnung:

Dass man mit dall-e mini Bilder generieren kann, wissen eh alle, oder? Hier hat der Spiegel drüber geschrieben. Die FAZ hat unterdessen einen eigenen Tiktok-Kanal gestartet, Twitter testet eine Entpörungsbremse für aufgebrachte Tweet-Schreiber:innen – schreibt Ryan Broderick. Ich würde es einen Entpörungsversuch nennen – und frage mich, was die Woke Szene davon hält (Hintergrund hier im Tagesspiegel)

Falls jemand plant, Rückblick-Retro-Posts anzufertigen ohne dabei allzu melancholisch zu werden: Der beschleunigte Abba-Song Angle Eyes liegt derzeit als „Angleseyes Sped up“ unter zahlreichen Clips, die Retro-Charmen versprühen.

Wie kommst du in Zukunft an einen Job? Unternehmen bewerben sich bei dir! Genau das hat Tiktokerin @lalaleluuistcool im April vorgeschlagen. In diesem Video schminkt sie sich und fordert Unternehmen auf, sich bei ihr zu bewerben – damit sie deren „Tiktok-Mensch“ wird. Heute hat sie nun eine Auflösungs-Video gepostet, in dem sie ankündigt, künftig Tiktoks für Edeka zu machen.

Nachtrag zu Thema Tiktok und (Fake-)Viralhits (siehe Mai-Charts): Bei OMR gibt es einen guten Überblicks-Artikel zum Thema. Und zum Abschluss ein Song, den Jax über Victorias Secret geschrieben hat:

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: DVG

Louis Theroux & Jiggle Jiggle, I am Jose Mourinho, Hasleys Viral Moment, POV-Videos, Zuckerberg Gruppen-Selfie, (Netzkulturcharts Mai)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Jiggle Jiggle, Louis Theroux 🆕

Louis Theroux ist ein Journalist, der vor allem durch seine Dokumentationen in der BBC bekannt geworden ist. Gerade läuft die Serie Forbidden America, in der Louis Internetstars trifft. Der Untertitel lautet „Extrem and Online“ und ist eine treffende Beschreibung. Auf seiner Website stellt er auch Podcasts und Bücher vor, seine Bekanntheit hat aber ein neues Level erreicht, seit er ins Musik-Business eingestiegen ist. Gerade ist sein Song „Jiggle Jiggle“ erschienen – und dessen Entstehung ist die schönste Viral-Geschichte des Monats, die Theroux z.B. eigene Memes eingebracht hat: Sie beginnt im Jahr 2000 mit diesem Rap-Versuch des Journalisten. Damals war er im Rahmen seiner Recherche für die Serie „Weird Weekends“ in New Orleans und beteiligte sich an einem Rap-Wettbewerb einer örtlichen Radiostation. Im Februar 22 Jahre später war Louis nun in der YouTube-Sendung Chicken Soap Date bei Amelia Dimoldenberg zu Gast, die ihn auf den Rap aus dem Jahr 2000 anspricht. Darauf beginnt er zu rappen, was die DJs Duke & Jones entdecken und für ihre Konzept „adding autotune to random videos“ nutzen. Das heißt sie nehmen Louis Sprechgesang, autotunen ihn und landen damit wie zufällig einen viralen Hit. Der Sound wird millionenfach auf Tiktok genutzt, Snoop Dog referenziert ihn und Mitte Mai bringen die DJs und der Journalist den Song auch offiziell raus. Dafür rappte er nochmal in einem echten Studio, wie man hier sehen kann – dem viralen Erfolg schadet das nicht, im Gegenteil: aktuell führt er nicht nur die Netzkulturcharts an, auch Tiktok sieht ihn ganz oben.

Platz 2: „I am Jose Mourinho“ 🆕

Sich unfreundlich, ein wenig gemein aber vor allem sehr egoistisch zu benehmen, hat seit diesem Monat einen Namen: Der Satz „I am Jose Mourinho“ ist zur Beschreibung dieses Verhaltens in allen denkbaren Ausprägungen geworden. Nutzerinnen und Nutzer auf Tiktok haben das Zitat des Conference-League-Meistertrainers aus dem Werbespot für ein Sticker-Album genommen und kleben es nun auf alle denkbaren badass-Moves, die dem Gestus des umstrittenen Trainers, der gerade beim AS Rom gefeiert wird, zugeschrieben werden. Die Werbung läuft seit Anfang April, die Reichweite des Memes hat die Sticker-Reklame aber bei weitem überschritten. Erstaunlich daran: diese Clips leben von der Text-Ebene der Tiktoks. Nutzer:innen zeigen sich selbst, schreiben ihr Mourinho-haftes Verhalten in den Text auf das Bild und sprechen den Sound der Werbung lippensynchron nach. Nicht auszuschließen, dass der Satz ein geflügeltes Wort wie „Hold Me Beer“ werden könnte.

Platz 3: Faking Viral Moment 🆕

Ashley Nicolette Frangipane ist unter dem Namen Hasley als Musikerin sehr bekannt. Ihre Wikipedia-Seite listet zahlreiche Auszeichnungen und Chart-Platzierungen auf. Bisher unerwähnt ist dort jedoch ein Tiktok-Clip, den Hasley in diesem Monat hochgeladen hat. Darin filmt sie sich zu 30 Sekunden eines neuen Songs und teilt auf der Textebene die Information, dass ihre Plattenfirma diesen Song nicht veröffentlichen will, bis sie nicht einen viralen Moment auf Tiktok erfinden können. Sie lehnt sich damit gegen den Marketing-Druck ihrer Plattenfirma auf – und hat ironischer Weise damit eine Art viralen Moment geschaffen. Denn zahlreiche Medien widmen sich „dem Druck, der von Tiktok ausgeht“ (Axios), analysieren, dass Tiktok das neue MTV sei oder fragen (Vice) wie sehr Musiker:innen darunter leiden. Ich mag das Fazit bei Axios: „People have long used manufactured scandals or drama to help boost sales or hype new products, but the social media era has put more pressure on artists to do it consistently to break through.“

Platz 4: POV-Videos ⬆️

In den Netzkultur-Charts im April habe ich den POV-Trend noch als besondere Erwähnung notiert. Meinem Eindruck nach haben sich diese Clips noch weiter popularisiert. Sie zeigen zum Sound aus dem Song „Miami, My Amy“ von Keith Whitley Zitate, die Menschen in bestimmten Situationen hören. Illustriert werden die Clips stets mit Stockfotos, die Typen zeigen sollen, die diese Sätze sagen könnten.

Ich habe dazu im vergangenen Monat ein Reel gemacht mit dem „POV: Wenn du mit dem Laufen beginnst

Platz 5: Mark Zuckerberg Selfie

Der Meta-Chef* hat mit Angestellten seines Meta-Stores ein Selfie gemacht – und Internet macht sich drüber lustig. Das wäre eigentlich nicht weiter erwähnenswert, würde es nicht so anschaulich beschreiben, welch merkwürdige Rolle der einstige Popstar des Digitalen mittlerweile im Netz einnimmt.
* als ich merkte, dass Meta-Chef ja die Bezeichnung für den Chef der Chefs ist, musste ich so lachen wie Zuckerberg auf dieser Fotomontage.

Besondere Erwähnung:

Das ZDF-Magazin hat nachgewiesen, dass viele Polizeidienststellen in Deutschland etwas überfordert damit sind, online zu ermitteln. Die heute-show hat sich mit Tiktok befasst – inklusive Kurz-Interview mit Marcus Bösch und Putin-Propaganda von Alina Lipp.

The Atlantic glaubt, die Internet-Challenge sei tot, jedenfalls nicht mehr so lebendig wie früher. Musicbusinessworld fragt, ob Tiktok zu einer Plattenfirma wird und und Vox erkennt einen Trend zum Mashup aus Tiktok und Powerpoint – zu guter Letzt: ein Song