Alle Artikel mit dem Schlagwort “Netzkulturcharts

Nina Chuba, #dancewithsanna, Girl Explaining, Deutsche Band Memes, Millenial Pause (Netzkulturcharts August)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Nina Chuba 🆕

Im Wikipedia-Artikel zu Nina Chuba fehlt ihr größer Erfolg noch komplett. Dass sie im August 2022 erst Tiktok und dann die Charts mit einem Loblied auf ein alkoholisches Wildbeeren-Getränke stürmte, steht auch in diesem Zeit-Campus-Porträt nicht, das sie „als Zukunft des Deutschrap“ bschreibt. „Wildberry Lillet“ ist quasi die Blaupause eines Tiktok-Hits. Die Sequenz: „Ich will Immos, ich will Dollars, ich will fliegen wie bei Marvel Zum Frühstück Canapés und ein Wildberry-Lillet“ geisterte schon ein paar Wochen vor Single-Veröffentlichung durch die Plattform und wird mit einer openversechallenge am Laufen gehalten. Dabei rappen andere Nutzer:innen Strophen mit Hilfe der Duett-Funktion gemeinsam mit Nina. Gemeinsam haben sie Nina und ihre „Immos“ auf Platz 1 der deutschen Single-Charts geschoben – vorbei an Layla.

Platz 2: #dancewithsanna 🆕

Dass in der öffentlichen Beurteilung politischer Arbeit sehr merkwürdige Standards angelegt werden, hat die Guardian-Kolumnistin Arwa Mahdawi am Beispiel der tanzenden finnischen Regierungschefin Sanna Marin lesenswert illustriert: „You don’t have to squint to see the sexist double standards involved in this “scandal”. Boris Johnson having an unknown number of children with multiple women? Well, that’s just Boris being Boris. Donald Trump paying large sums of money to a pornography star? Boys being boys. A woman dancing with a few of her friends in a living room, though? DRUG TEST THE WITCH!“ Dass Marin dennoch in den Netzkulturcharts des Monats August gelandet ist, liegt an zahlreichen jungen Frauen, die sich im Netz mit ihr solidarisiert haben – und unter #dancewithsanna Tanzvideos hochgeladen haben.
Die Videos sind ein weiterer Beleg für die Glut-Theorie der öffenltichen Debatte, die sich hier um die Frage dreht: Auf welcher Seite stehst tanzt du?

Platz 3: Girl Explaining 🆕

Das da rechts auf dem Bild sind Denise „Dinu“ Sanchez und ihr damaliger Freund Alfre vor einem Club namens „Chau Che Clu“ in Claromeco (Buenos Aires). Die beiden befinden sich im Bildhintergrund, Denise spricht auf dem Bild nicht, sondern singt ihrem Freund einen Song ins Ohr. Aber schon 2019 wurde dieser Bildausschnitt im spanischsprachingen Web aus dem Zusammenhang gerissen – und als weibliche Variante des Mansplaning-Meme „Bro Explaining“ gelesen. Seit Beginn dieses Monats sind Denise und Alfre auch im englisch- und deutschsprachigen Web sehr präsent. Der Spiegel hat unlängst sogar probiert, ein Interview mit Denise zu führen, die dann vorschlug dafür bezahlt zu werden und wird jetzt nicht in den Genuß kommen, ein Spiegel-Gespräch über die Frage zu führen, ob sie den Milk-Club in Edinburgh kennt, wo eines der Bro-Explaining-Motive aufgenommen wurde.

Platz 4: Deutschband-Memes 🆕

Ein verhältnismäßig kleiner Instagram-Account verbindet zwei der schöneren Netztrends der vergangenen Jahre zu einer besonderen musikalischen Parodie: Bilder aus dem Kontext zu reißen, schenkte uns vor ein paar Jahren schöne Bilder des jungen Kurt Cobain mit der Zeile „Otto Waalkes“. Diese Kontextbrüche bringt Deutchband-Memes mit dem „deutsche xyz“-Meme der vergangenen Jahre zusammen. Dabei werden internationale Phänomeme auf Deutschland runtergerechnet (beim Otto-Bild würde dort „Deutsche Kurt Corbain“ auf dem Foto stehen & eine Deutsche Blockchain ist dann so). Deutschband-Memes zeigt also falsche Bilder mit falschen Zeilen – und macht damit richtig Spaß.

Platz 5: Millennial Pause 🆕

Generationen-Themen sind äußerst beliebt im Social-Web. Eltern und Kinder spielen das in unterschiedlichen Aspekten täglich durch. Aber auch die Frage, ob du dich als GenZ, Boomer oder Millenial definierst, kann viele Beiträge provozieren. Einen besonders schönen hat in diesem Monat Kate Lindsay im Atlantic verfasst. Denn bei ihrer Millenial-Pause-Beobachtung geht es nicht nur um Generationen-Fragen, sondern um einen kultur-technische Aspekt des sozialen Web: machen Millenials aufgrund früherer Aufnahme-Möglichkeiten bei Selfie-Videos immer eine kleine Pause bevor sie starten? Es lohnt sich, mal drauf zu achten…

Besondere Erwähnung:

Das irische Baby, das aussieht wie Woody Harrelson hat erst Internet-Ruhm und mediale Reichweite und dann ein Gedicht vom US-Schauspieler bekommen. Herzlichen Glückwunsch!

Meine Begeisterung an den Tagebüchern von Thomas Mann auf Twitter hält an – auch andere Menschen scheinen an dieser neuen Aufbereitung von klassischen Inhalten Gefallen gefunden zu haben. Jedenfalls hat er jemand Thomas Bernhard auf Twitter übersetzt.

Und irgendjemand hat den FDP-Chef Christian Lindner sehr ernst genommen und die URL Gratismentalität reserviert.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Gentleminions, Emmanuel, der Emu, Quer in den Westen, Tiktok-Lehrer, 10 von 10, Smypathisch (Netzkulturcharts Juli 2022)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

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Platz 1: Gentleminions 🆕

Während Deutschland über die vermeintliche Cancel Culture eines merkwürdigen Ballermann-Songs diskutiert, sind in England junge Männer unterwegs, um sich den neusten Minions-Film anzusehen. Sie nennen sich Gentleminions und kommen wohl gekleidet ins Kino – und benehmen ich daneben. Jedenfalls häuften sich zu Beginn des Monats Berichte darüber, dass dieser Netztrend dazu führt, dass Kinobetreiber:innen den Film nicht mehr zeigen (wollen). Damit landen die Gentleminions nicht nur als Trend, sondern vor allem als Symbol auf Platz eins: Denn an ihnen kann man illustrieren, dass die Rede von der Cancel Culture im digitalen Ökosystem falsch ist.

Zum Spitzenplatz trägt außerdem diese schöne Kombination mit dem weiterhin tollen Jiggle-Jiggle-Song von Voicemod bei.

Platz 2: Der rappende Lehrer von Tiktok 🆕

Svante Evenburg hat auf der Abi-Feier an seiner Schule einen beeindruckenden Freestyle-Rap aufgeführt. Das Besondere dabei: Svante Evenburg ist kein Schüler, sondern Lehrer. Wie sein Auftritt in Braunschweig zu einem viralen Tiktok-Hit werden konnte und warum er damit kaum in klassischen Medien auftaucht, habe ich mit ihm in einem kleinen Interview besprochen. Es ist illustriert auf erstaunliche Weise welche Dynamik Tiktok gerade auch auf Schulhöfen, abseits der klassischen Öffentlichkeit haben kann. Deshalb Platz 2 für die erstaunliche Freestyle-Performance.

Platz 3: Emmanuel, der Emu 🆕

Der korrekte Netzbegriff fürs Reindrängeln in ein Bild oder Video lautet: Photobomb. Seit Anfang des Monats hat ein Emu namens Emmanuel (englisch ausgesprochen) das Photobombing aber auf ein neues Level gehoben – und seine Farm im südlichen Florida webbekannt gemacht: Emmanuel drängelt sich wiederholt in Videos, die Farmbesitzerin Taylor Blake dreht, um die dort lebenden Tiere vorzustellen. Was dann passiert beschreibt der Spiegel so: „»Emmanuel!«, ruft Blake, »tu es nicht.« Ins Bild neigt sich ein Emukopf, bernsteinfarbene Knopfaugen, spitzer Schnabel, bereit, durch die Kamera zu zwicken. »EMMANUEL, TU ES NICHT!«, ruft Blake erneut, bis sich der Vogel zurückzieht. »Ich versuche hier, den Leuten etwas beizubringen«, weist sie ihn zurecht.“
Emamanuels Erfolg begann übrigens nicht auf Tiktok, sondern auf Reddit – und wurde dann über Twitter und Tiktok weitergespielt. Es ist also anzunehmen, dass der Sound („Emmanuel, don’t do it“) künftig auch unter anderen Clips zu hören sein wird.

Platz 4: Quer in den Westen 🆕

Ein junger Mann, der die Tiktok-Community auf eine Wanderung mitnehmen möchte? Das an sich ist nichts Besonders. Dass Sean, der laut eigener Aussage „vor drei Tagen mein Studium abgebrochen“ hat, aber schon am ersten Tag seine Wanderung #querindenwesten beendet hat, hat Nutzer:innen offenbar so inspiriert, dass Sean Anfang Juli zu einem viralen Hit wurde – und auch die klassischen Medien erreichte. Die Bild stellte ihn als „Deutschlands erfolgreichsten Versager“ vor und EinsLive ist mit ihm gemeinsam auf eine Wanderung gestartet.

Das ist alles herrlich belanglos und irgendwie absurd, so dass es zum perfekten viralen Sommerhit taugt. Auch wenn Sean recht professionell mit seinem Ruhm umzugehen scheint, er wird sich vermutlich nicht lang in den Charts halten.

Platz 5: Er ist ne 10, aber… (He’s a 10) 🆕

Menschen auf einer Zehner-Skala in Bezug auf ihr Aussehen zu beurteilen – und dann eine weitere Eigenschaft ergänzen, um ein erneutes Urteil abzufragen – das ist gerade ein großes Ding (nicht nur) auf Tiktok. Als Erfinderinnen dieser leicht pubertären Klassenfahrt-Spielerei gelten die Schwestern Leah und Mary Woods, die gemeinsam mit ihrer Freundin Lucy das Spiel nicht nur als erste auf Tiktok brachten, sondern sich auch als Ursprung des Trends interviewen lassen. Jessia hat daraus dann sogar einen Song gemacht – spätestens damit kommt der Trend im Juli in den Netzkulturchart auf 5/5 (oder hab ich da was falsch verstanden)

Besondere Erwähnung

War so viel los im Juli, dass Thomas Mann aus den Charts gefallen ist; also sein immer noch wunderbarere Twitter-Account, den ich im Juni vorgestellt hatte – und der mindestens eine besondere Erwähnung erhalten sollte.

Für mich der beste Weg, um auf charmante Weise in die Netzkultur auf Tiktok einzusteigen: die Clips von smypathisch. Der Kanal von Marie Lina kommentiert das (digitale) Wochengeschehen und gibt einen smypathischen Einblick ins Netz.

Es ist heiß in Deutschland – und die Tagesschau lädt die Tiktok-Community zum Duett, um die Wettervorhersage zu sprechen.

Was passiert, wenn Männer mit Periodenschmerzen konfrontiert werden? Der Tagesanzeiger berichtet über eine Aktion in Kanada.

Lubalin hat seinen Plattenvertrag seinem Erfolg auf Tiktok zu verdanken – deshalb hat Buzzfeed ein Video mit ihm gemacht. Noch besser sind aber seine Internet Drama-Clips, in denen er missglückte Online-Kommunikation vorsingt.

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Kate Bush, Jiggle Jiggle, Thomas Mann Daily, Tiktok-Bingo, Nationalhymnen, Lalaleluu ist cool & Jax Victorias Secret (Netzkulturcharts Juni)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

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Platz 1: Kate Bush „Running Up The Hill“ 🆕

Nachdem Kate Bush zu Beginn des Monats mit ihrem Song „Running Up The Hill“ dank der Verwendung in der Netflix-Serie „Stranger Things“ erstmals in die US-Charts eingestiegen war, hat sie gerade eben gleich drei Chart-Rekorde in England gebrochen: Vor 44 Jahren stand die Sängerin letztmals an der Spitze der britischen Charts. Einen derart langen Zeitraum hatte es zwischen zwei Spitzenplätzen noch nie gegeben. Sie ist zudem die älteste Sängerin an der Spitze der britischen Charts und noch nie zuvor hat ein Lied so lange von seiner Veröffentlichung bis zur Chartsspitze gebraucht: 37 Jahre. Auch in den Tiktok-Charts platziert sich der Song weit oben.

Grund für diese Rekorde sind eine geschickte Marketing-Strategie der Netflix-Serie sowie die „accelerated decline“-Klausel in den Regeln der britischen Hitparade, die der Guardian so erklärt: „So while a new song earns one “sale” for every 100 streams, older songs need to be streamed 200 times before a single “sale” is counted.“

Oliver Kaever kommt im Spiegel mit Blick auf den Song zu dem Schluss: „Eigentlich schade, dass er die Luftnummer »Stranger Things« brauchte, um wiederentdeckt zu werden.“

Platz 2: Jiggle Jiggle, Louis Theroux ⬇️

Im New York Times-Porträt nennt Louis Theroux die Geschichte des Jiggle-Jiggle-Hits “a baffling 21st century example of just the weirdness of the world that we live in” – und für mich ist sie weiterhin eine der schönsten Popstorys des Sommers, deshalb hält sie sich weiter oben in den Charts. Denn es gibt scheinbar nur eine Person weltweit, die unter dem Hype um den Autotune-Schnipsel leidet: Therouxs 14jähriger Sohn. “‘Why is my dad, the most cringe guy in the universe, everywhere on TikTok?’” Mr. Theroux said, giving voice to his son’s reaction.“

Den meisten anderen Tiktok-Nutzer:innen scheint es jedoch anders zu gehen als Theroux Junior. Sie mögen den Song so sehr, dass sie mittlerweile sogar eine langsame Version auf der Harfe nutzen oder wie DJ Horizon in diesem kleinen Tiktok-Clip vom now playing-Festival in Indonesien, das Publikum damit begeistern. Das Beispiel ist auch deshalb Netzkulturcharts-relevant, weil es den „Wait for it“ (zu deutsch: „Schau bis zum Ende“)-Aufruf enthält, mit dessen Hilfe Tiktok-Clips ihre langfristige Sichtbarkeit erhöhen wollen.

Platz 3: Thomas Mann Daily 🆕

Im Frühjahr 2019 zeigte das Projekt „Ich Eisner“ wie Geschichte durch soziale Medien lebendig werden kann. Die Botschaften des ersten bayerischen Ministerpräsidenten, die zeitversetzt genau 100 Jahre nach der Revolution im Freistaat verschickt wurden, bekamen ein durchweg positives Echo. Dass der Twitter-Account Thomas Mann Daily nun seit einer Weile etwas Vergleichbares anbietet, ist also nicht besonders originell, aber trotzdem großartig. @DailyMann twittert Notizen aus den Tagebüchern des Literaturnobelpreis-Trägers, die jeweils an dem Tag notiert wurden. Die Einträge sind nicht chronologisch, sondern nur datumspassend. Das ist aber dennoch äußerst reizvoll, weil ich mich jedes Mal wieder frage: Wie hätte Thomas Mann genau diese Beobachtung heute notiert?

Platz 4: Tiktok-Bingo 🆕

Wie funktionieren eigentlich deutsche Tiktok-Clips? Der Tiktok-User @derbimon hat für die Reichweiten- und Interaktions-Tricks von Influencer:innen ein Bingo erstellt, das er auf seinem Account mit Hilfe der Duett-Funktion durchspielt. Regungslos schaut er sich die Clips an und spielt dabei mit „OMG!“-Floskeln und „Macht das Plus weg“-Aufrufen Bingo. Das ist nicht nur sehr lustig, sondern auch lehrreich, weil er damit wiederkehrende Muster offenlegt. Deshalb: macht das Plus weg bei @derbimon und folgt ihm für den zweiten Teil.

Platz 5: Luksan Wunder – Nationalhymnen-Missverstehen 🆕

Richtiges Verstehen und vor allem das richtige Aussprechen sind seit jeher ein relevantes Thema für Luksan Wunder (ich habe darüber ausführlich im meinen Essay im Deutschlandfunk gesprochen). Diesen Monat nun hat der Account ein neues Feld für das große Missverstehen-Thema geöffnet: Nationalhymnen. Endlich hört mal wer richtig hin und verrät, dass die italienische Nationalhymen mit den Worten „Der Starbucks in Parma“ beginnt. Falls sich das merkwürdig liest, bitte unbedingt hier die Luksan-Wunder-Übersetzung anschauen. Sie zählt zum Lustigsten, was ich im Juni im Netz gesehen habe.

Besondere Erwähnung:

Dass man mit dall-e mini Bilder generieren kann, wissen eh alle, oder? Hier hat der Spiegel drüber geschrieben. Die FAZ hat unterdessen einen eigenen Tiktok-Kanal gestartet, Twitter testet eine Entpörungsbremse für aufgebrachte Tweet-Schreiber:innen – schreibt Ryan Broderick. Ich würde es einen Entpörungsversuch nennen – und frage mich, was die Woke Szene davon hält (Hintergrund hier im Tagesspiegel)

Falls jemand plant, Rückblick-Retro-Posts anzufertigen ohne dabei allzu melancholisch zu werden: Der beschleunigte Abba-Song Angle Eyes liegt derzeit als „Angleseyes Sped up“ unter zahlreichen Clips, die Retro-Charmen versprühen.

Wie kommst du in Zukunft an einen Job? Unternehmen bewerben sich bei dir! Genau das hat Tiktokerin @lalaleluuistcool im April vorgeschlagen. In diesem Video schminkt sie sich und fordert Unternehmen auf, sich bei ihr zu bewerben – damit sie deren „Tiktok-Mensch“ wird. Heute hat sie nun eine Auflösungs-Video gepostet, in dem sie ankündigt, künftig Tiktoks für Edeka zu machen.

Nachtrag zu Thema Tiktok und (Fake-)Viralhits (siehe Mai-Charts): Bei OMR gibt es einen guten Überblicks-Artikel zum Thema. Und zum Abschluss ein Song, den Jax über Victorias Secret geschrieben hat:

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: DVG

Louis Theroux & Jiggle Jiggle, I am Jose Mourinho, Hasleys Viral Moment, POV-Videos, Zuckerberg Gruppen-Selfie, (Netzkulturcharts Mai)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

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Platz 1: Jiggle Jiggle, Louis Theroux 🆕

Louis Theroux ist ein Journalist, der vor allem durch seine Dokumentationen in der BBC bekannt geworden ist. Gerade läuft die Serie Forbidden America, in der Louis Internetstars trifft. Der Untertitel lautet „Extrem and Online“ und ist eine treffende Beschreibung. Auf seiner Website stellt er auch Podcasts und Bücher vor, seine Bekanntheit hat aber ein neues Level erreicht, seit er ins Musik-Business eingestiegen ist. Gerade ist sein Song „Jiggle Jiggle“ erschienen – und dessen Entstehung ist die schönste Viral-Geschichte des Monats, die Theroux z.B. eigene Memes eingebracht hat: Sie beginnt im Jahr 2000 mit diesem Rap-Versuch des Journalisten. Damals war er im Rahmen seiner Recherche für die Serie „Weird Weekends“ in New Orleans und beteiligte sich an einem Rap-Wettbewerb einer örtlichen Radiostation. Im Februar 22 Jahre später war Louis nun in der YouTube-Sendung Chicken Soap Date bei Amelia Dimoldenberg zu Gast, die ihn auf den Rap aus dem Jahr 2000 anspricht. Darauf beginnt er zu rappen, was die DJs Duke & Jones entdecken und für ihre Konzept „adding autotune to random videos“ nutzen. Das heißt sie nehmen Louis Sprechgesang, autotunen ihn und landen damit wie zufällig einen viralen Hit. Der Sound wird millionenfach auf Tiktok genutzt, Snoop Dog referenziert ihn und Mitte Mai bringen die DJs und der Journalist den Song auch offiziell raus. Dafür rappte er nochmal in einem echten Studio, wie man hier sehen kann – dem viralen Erfolg schadet das nicht, im Gegenteil: aktuell führt er nicht nur die Netzkulturcharts an, auch Tiktok sieht ihn ganz oben.

Platz 2: „I am Jose Mourinho“ 🆕

Sich unfreundlich, ein wenig gemein aber vor allem sehr egoistisch zu benehmen, hat seit diesem Monat einen Namen: Der Satz „I am Jose Mourinho“ ist zur Beschreibung dieses Verhaltens in allen denkbaren Ausprägungen geworden. Nutzerinnen und Nutzer auf Tiktok haben das Zitat des Conference-League-Meistertrainers aus dem Werbespot für ein Sticker-Album genommen und kleben es nun auf alle denkbaren badass-Moves, die dem Gestus des umstrittenen Trainers, der gerade beim AS Rom gefeiert wird, zugeschrieben werden. Die Werbung läuft seit Anfang April, die Reichweite des Memes hat die Sticker-Reklame aber bei weitem überschritten. Erstaunlich daran: diese Clips leben von der Text-Ebene der Tiktoks. Nutzer:innen zeigen sich selbst, schreiben ihr Mourinho-haftes Verhalten in den Text auf das Bild und sprechen den Sound der Werbung lippensynchron nach. Nicht auszuschließen, dass der Satz ein geflügeltes Wort wie „Hold Me Beer“ werden könnte.

Platz 3: Faking Viral Moment 🆕

Ashley Nicolette Frangipane ist unter dem Namen Hasley als Musikerin sehr bekannt. Ihre Wikipedia-Seite listet zahlreiche Auszeichnungen und Chart-Platzierungen auf. Bisher unerwähnt ist dort jedoch ein Tiktok-Clip, den Hasley in diesem Monat hochgeladen hat. Darin filmt sie sich zu 30 Sekunden eines neuen Songs und teilt auf der Textebene die Information, dass ihre Plattenfirma diesen Song nicht veröffentlichen will, bis sie nicht einen viralen Moment auf Tiktok erfinden können. Sie lehnt sich damit gegen den Marketing-Druck ihrer Plattenfirma auf – und hat ironischer Weise damit eine Art viralen Moment geschaffen. Denn zahlreiche Medien widmen sich „dem Druck, der von Tiktok ausgeht“ (Axios), analysieren, dass Tiktok das neue MTV sei oder fragen (Vice) wie sehr Musiker:innen darunter leiden. Ich mag das Fazit bei Axios: „People have long used manufactured scandals or drama to help boost sales or hype new products, but the social media era has put more pressure on artists to do it consistently to break through.“

Platz 4: POV-Videos ⬆️

In den Netzkultur-Charts im April habe ich den POV-Trend noch als besondere Erwähnung notiert. Meinem Eindruck nach haben sich diese Clips noch weiter popularisiert. Sie zeigen zum Sound aus dem Song „Miami, My Amy“ von Keith Whitley Zitate, die Menschen in bestimmten Situationen hören. Illustriert werden die Clips stets mit Stockfotos, die Typen zeigen sollen, die diese Sätze sagen könnten.

Ich habe dazu im vergangenen Monat ein Reel gemacht mit dem „POV: Wenn du mit dem Laufen beginnst

Platz 5: Mark Zuckerberg Selfie

Der Meta-Chef* hat mit Angestellten seines Meta-Stores ein Selfie gemacht – und Internet macht sich drüber lustig. Das wäre eigentlich nicht weiter erwähnenswert, würde es nicht so anschaulich beschreiben, welch merkwürdige Rolle der einstige Popstar des Digitalen mittlerweile im Netz einnimmt.
* als ich merkte, dass Meta-Chef ja die Bezeichnung für den Chef der Chefs ist, musste ich so lachen wie Zuckerberg auf dieser Fotomontage.

Besondere Erwähnung:

Das ZDF-Magazin hat nachgewiesen, dass viele Polizeidienststellen in Deutschland etwas überfordert damit sind, online zu ermitteln. Die heute-show hat sich mit Tiktok befasst – inklusive Kurz-Interview mit Marcus Bösch und Putin-Propaganda von Alina Lipp.

The Atlantic glaubt, die Internet-Challenge sei tot, jedenfalls nicht mehr so lebendig wie früher. Musicbusinessworld fragt, ob Tiktok zu einer Plattenfirma wird und und Vox erkennt einen Trend zum Mashup aus Tiktok und Powerpoint – zu guter Letzt: ein Song

Ah!, Elon Musk, Rotoscope-Filter, Macron-Moods, Wordle-April-Scherz, POV (Netzkulturcharts April)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

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Platz 1: Ah!-Duette 🆕

Selten wird der Zauber dessen, was digitale Vernetzung an Freude bringen kann, so deutlich sicht- und hörbar wie in dem vermeintlichen Missgeschick, das Katey Bridges beim Filmen eines Tiktok-Clips passierte. Unter ihrem Account kateylorrell postete sie am 14. April das kurze Video, auf dem man sieht, wie sie sich am Gestell ihres Bettes anstößt und dabei „Ah!“ ruft. Der Ausruf wurde seit dem zur Referenz in unzähligen anderen Posts, Kateys Clip zur Kopiervorlage für sehr sehr viele neue Clips, die den Ausruf in Lieder wie “No Matter What I Do” (Nelly), „Staying Alive“ (BeeGees), “When I Was Your Man” (Bruno Mars), “Fergalicious” (Fergie), “More Than a Woman” (BeeGees), „Never Gonna Give you Up“ (Rick Astley) oder sogar Mozart integrierten. Daily Dot hat mit der Urheberin über ihren ungeplanten Ruhm gesprochen und sie sagt, was man halt sagt, wenn man von einer viralen Welle erfasst wird: „Es war der absolute Wahnsinn! Ich liebe all die Duette und Kommentare. Die Leute sind so kreativ und lustig. Nur ein einfaches Outfit des Tages-Video, das schief gelaufen ist.“ Möglich wird diese Form der Referenz, weil Tiktok vor einer Weile die Interaktion-Form Duette eingeführt hat, die hier schon mal Thema war – und die man hier in Aktion beobachten kann:

Platz 2: Elon Musk & #Twittertakeover 🆕

Der Satz „Jetzt wird gerätselt, was der Tesla-Boss mit dem Kurznachrichtendienst vorhat.“ ist in den vergangenen Stunden zur vermutlich am häufigst genutzten Teaser-Rampe im deutschsprachigen Online-Journalismus geworden. Elon Musk hat nämlich angekündigt, Twitter-Aktionär:innen ein Übernahme-Angebot zu machen und Twitter so übernehmen zu wollen. Was darüber gerätselt wird, soll hier nicht weiter Thema sein – dazu findet man unter dem Hashtag #TwitterTakeover guten Analysen. In die Charts schafft es das Thema vor allem, weil ich darauf hoffe, dass die Übernahme in Deutschland eine Diskussion über digitale Infrastruktur anstoßen könnte. Leonhard Dobusch hatte dazu getwittert und ich habe auch ein wenig mitgedacht.

Platz 3: Rotoscope-Effekt 🆕

Die „Erstellung animierter Sequenzen, bei der Objekte in einer Live-Action-Aufnahme Bild für Bild nachgezeichnet werden“ ist nicht neu, sie existiert seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Rotoscoping war anfangs aber sehr aufwändig. Im April 2022 ist Rotoscoping ein netzkulturelles Phänomen – und ein Trend auf Tiktok, der einen Effekt schafft, „allowing users to trace their body in real time into a vibrant animation“ – und dabei auf gelernte Trends wie das Captain-Pfeifen zurückgreift.

Platz 4: Macron-Mood 🆕

Er war hier schon im März Thema weil er so einen militärischen Hoodie trug. Jetzt ist der frisch wiedergewählte französische Präsident im Meme „Macron Mood“ in den Charts gelandet. Zu sehen ist er dabei in unterschiedlichen Gefühlszuständen: Seriös im Rollkragenpulli, in seinem Militär-Hoodie, verzweifelt in Hemd und Krawatte sowie lässig mit weit geöffnetem Hemd auf dem Sofa. Diese unterschiedlichen Gefühlszustände dienen zur Illustration unterschiedlicher Entwicklungslinien – z.B. den Arbeitsphasen von Journalist:innen oder den Phasen der Corona-Pandemie. Nicht nur wegen der Nationalität ist die Parallele zum French-Dispatch-Meme sehr auffällig: Macron als Symbol unterschiedlicher sozialer Netzwerke.

Platz 5: Wordle-April-Scherz 🆕

Seit 2018 veröffentlicht Tom Rosenthal April-Scherz-Songs. In diesem Jahr hat er sich auf fünf Buchstaben beschränkt und dem Hype des Frühjahrs gewidmet: Sein Wordle-April-Scherz-Song „Drift Along Small World“ war sogar Thema in der New York Times – und ist wirklich schön.

Besondere Erwähnung:

Das tiktok-Team von Mainz 05 hat ein besonderes Lob für ihren Clip zum so genannten POV-Format verdient. Nach der 0-5 Niederlage ihrer Bundesliga-Mannschaft posteten die Mainzer einen Clip, der sich auf sehr selbstironische Weise mit der Niederlage auseinandersetzte – und den aktuellen Trend bediente, bei dem Menschen zum Song „Miami, My Amy“ von Keith Whitley Sätze zu Stockfotos posten, die sie aus ihrer besonderen Situation hören (eben aus ihrem Point of view – POV). Bei Mainz war dies: POV – du warst als Admin in Wolfsburg dabei

Das funk-Format „So many tabs“ widmet sich dem Tiktok-Algorithmus, der wie der sprechende Hut bei Harry-Potter vermeintlich Ordnung schafft. Kann auch verstörend sein.

Vox geht der Frage nach „What is TikTok couture?“, der Wordle-Hype (siehe Platz 5) greift auch auf andere Medien: Puzzle sind das nächste große Ding für Zeitungen

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

WarTok, Avocado, Tommi Schmitt, Moin Ingo, Birds Aren’t Real (Netzkultur-Charts März)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

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Platz 1: WarTok 🆕

Der Begriff stammt vom New York Magazine: „WarTok“ ist der Titel eines Textes, der kurz nach dem russischen Angriff auf die Unkraine erschien. Es ist ein besonders klingendes Beispiel für zahlreiche Texte, die den Angriffskrieg medial einordnen und erklären wollten – und dabei spielte immer wieder die vergleichsweise junge Plattform Tiktok eine angeblich bedeutsame Rolle. Ob das wirklich so ist, kann man nicht abschließend beurteilen. Es bleiben in jedem Fall Zweifel, wenn man diese Einordnung bei The Atlantic und vor allem den unbedingt empfehlenswerten Newsletter von Marcus Bösch zum Thema verfolgt (zur Rolle von Social-Media unbedingt diesen Thread lesen). Sicher ist jedoch, dass der Krieg auch eine Internet-Dimension hat. Der Informationskrieg wird in diesem Text bei Technology Review gut eingeordnet und über den Aspekt dessen, was man Cyberwar nennt, spricht „Holgi ruft an…“ hier im Übermedien-Podcast mit Linus Neumann.

Platz 2: Avocado und Glut-Theorie 🆕

Ein sogar im deutschsprachigen Internet alter Trend ist wieder da: Schon 2015 hatte der tolle Account Luksan Wunder im Rahmen seiner Aussprache-Clips das Wort Avocado verändert. Im Oktober 2021 lud er dann den gleichen Sound nahezu unbemerkt (unter 10.000 Views) auch auf Tiktok. Der Witz jedoch verbreitet sich seit Beginn des Jahres dank anderer Accounts auf der Plattform. Über vier Millionen Views hat der Account @diclassicx mit einer Adaption bereits erreicht. Die Stimme spricht die Frucht nicht nur falsch aus, sondern fragt auch „wie bereitet Ihr sie euch am liebsten zu?“ Dass dabei Tomatenmarkt auf die Avocado gestrichen wird, hilft offenbar dabei, noch mehr Menschen zu Widerspruch, Duetten und somit zu Algorithmus-Aufmerksamkeit anzustacheln. Im Rahmen des Kölner Kongress des Deutschlandfunks habe ich an dem Prinzip falsche Aussprache/Widerspruch die memetischen Muster der aktuellen Debatte zu skizzieren versucht. Denn manche politische Meinungsäußerung funktioniert nach dem gleichen Prinzip der falschen Aussprache: sie soll vor allem Widerspruch provozieren, um dem Algorithmus auf diese Weise Relevanz vorzugaukeln. Wie aufmerksamkeitsstark das funktioniert, sieht man an zahlreichen Firmen-Accounts, die auf den Avocado-Zug aufspringen – hier z.B. ein Supermarkt.

Platz 3: Audio-Zitate (Next Level) ⬇️

Dass der Podcaster und Latenight-Entertainer Tommi Schmitt gerade als Audiovorlage durch Reels und Tiktoks geistert, war vergangenen Monat schon Thema. Jetzt hat er zum Start seiner neuen Staffel „Studio Schmitt“ auf so eine tolle Art und Weise auf seinen Ruhm als Inspirational-Audio-Quote reagiert, dass ich dazu hier schon ausführlich bloggen musste: wie Schmitt seinen eigenen Podcast-Sound lippensynchron nun im Fernsehen persifliert, ist wirklich wundbar und wäre in jedem anderen Monat ganz sicher auf Platz 1 der Charts gelandet – in diesem Monat geht es einen Platz runter auf Platz 3.

Platz 4: Moin Ingo 🆕

PipomichoO „wollte eigentlich nur ’ne Pommes essen“ und hat damit einen der schönsten Duett-Trends des Jahres losgetreten. Der Nutzer, der die Duett-Funktion von Tiktok wiederholt auf bemerkenswerte Weise genutzt hat (hier mit den Elevatorboys), startete das Moin-Ingo-Movement mit einem Reaction-Video auf einen Clip der Tagesschau. Diese hatte auf eine Nutzer-Anfrage reagiert („Holt man den Ingo in ein Video“) und Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni für ein kurzes Video in Studio schreiten und „Hallo Tiktok“ sagen lassen. Pipomicho0 startete mit seinem Duett, in dem er seine Pommes-Geschichte erzählt und quasi beiläufig auf Zamperonis Gruß reagiert, eine Welle an fortführenden Duetten, die diese besondere Funktion in Tiktok nutzen und alle gemeinsam auf die Tagesschau reagieren. Das ist lustig, weil es so wirkt als würde auf den Gruß „Hallo Tiktok“ tatsächlich die Nutzer:innenschaft von Tiktok reagieren – beiläufig mit einem „Moin Ingo“.
Der gesamte Trend illustriert aber vor allem anschaulich, wie gut sich der Tagesschau-Account in dem digitalen Ökosystem von Tiktok bewegt.

Platz 5: Birds Aren’t Real ⬇️

Ich hatte es ja angekündigt: die „Birds Aren’t Real“-Bewegung wird uns weiter beschäftigen. Diesen Monat hat sie sogar den Wordle-Hype (Schon mal Heardle gespielt?) aus den Charts verdrängt. Zum einen weil jetzt auch die Tagesschau berichtet hat, aber vor allem weil sie eine Demo in LA organisierten und ankündigten, juristisch gegen Medien vorzugehen, die sie als Parodie vorstellen. Das Spiel geht also weiter.

Besondere Erwähung:

Außerdem erwähnenswert im März im Netz: der Commando Parachutiste de l’Air no 10″-Hoodie von Emanuel Macron im Vergleich zum Pulli von Olaf Scholz, der „Ich hab mir Pizza gemacht“-Sound, der mit auf das Video gelegten Texten in neue Kontexte gestellt wird und aus gegebenem Anlass dieser zwei Jahren dieser Text „Immerhin haben wir das Internet“!

Der kleine Junge, der im Publikum beim Bundesligaspiel Köln – Dortmund von den Kameras eingefangen wurde, hat erst den Dortmunder Torschützen Wolf beschmipft – und dann wegen des plötzlichen Ruhms besucht. Stephen Wilhite ist gestorben – er hatte das Gif-Format (mit-)erfunden.

Auf Tiktok gibt es einen neuen Kaffee-Trend. Nachdem vor zwei Jahren südkoreanischer Dalgona-Kaffee ständig gepostet und erwähnt wurde, gibt es seit Jahrsbeginn eine Espress-Orangensaft-Flut in meinen Timelines. Ich habe diese Kombination in diesem Monat ausprobiert und viel Widerspruch auf Twitter geerntet – so richtig gut fand ich sie nebenbei bemerkt auch nicht. Dafür hab ich ein richtig gutes Tiktok gedreht ;-)

Der Song „Tom’s Diner“ (hier erklärt ein Tiktoker die Entstehungsgeschichte des Susan-Vega-Lieds) geistert gerade in einer erstaunlichen Version von Giant Rooks und AnnenMayKantereit durch Tiktok. Vor allem der Gesangspart von Henning May fasziniert die Nutzer:innen und animiert sie zu Erklärungen, Duetten und Stitches.


Hans Rusinek sammelt Anführungszeichen. Öffentlich. Auf Instagram. Ich habe den Macher von Akward Anführungszeichen zu seinem „Buch“ (Anführungszeichen mitlesen) interviewt, das dieser Tage erscheint.

Auf Netflix startet dieser Tage eine Serie, die von dem „Ist das Kuchen“-Meme inspiriert ist. Passenderweise heißt sie auch so. Wem das zu kompliziert ist, kann auch schlicht durch Instagram klicken.

Aus dem so mittellustigen Straßen-Videotrend scheinbare Passant:innen scheinbar beiläufig nach den Songs zu fragen, die sie hören, hat sich ein schöner Quatsch entwickelt, auf den Micorsoft zu Werbezwecken aufgesprungen ist. Begonnen hatte es mit der Quatsch-Antwort eben keine Lieder, sondern sinnlose Geräusche und Melodien zu hören – und Microsoft hat daraus diese Antwort gemacht: ein Hipster im gelben Pulli stampft durch die Straße, nimmt den Ohrhörer raus und gesteht, er höre den Startup-Sound von Windows XP.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Thats Not My Name, Inspirational Audio-Quotes, Wordle, Birds Aren’t Real, der Pulli von Olaf Scholz (Netzkulturcharts)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: That’s Not My Name 🆕

Im Jahr 2008 rückte ein Songschnipsel von Sängerin Katie White (rechts im Bild) und Schlagzeuger Jules De Martino ins Blickfeld internationaler Öffentlichkeit: Apple hatte den Song „Shut Up And Let Me Go“ für die Werbung für den iPod ausgewählt und die The Ting Tings damit einer sehr breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Der Song stammt vom Debütalbum „We Started Nothing“, das in Großbritannien auf Platz 1 der Albumcharts landete – inklusive einer Single, an der dieser Tage niemand auf Tiktok vorbei kommt: That’s Not My Name ist schon 2007 veröffentlicht worden – und dient dieser Tage als großer Promi-Trend des Monats. Zu den Zeilen „They call me hell / They call me Stacey / They call me Her / They call me Jane“ zeigen vor allem prominente Accounts das Spektrum ihrer Persönlichkeit bzw. Rollen. Alicia Silverstone war eine der ersten, die den Ting Tings-Sound nutzte, es folgten Drew Barrymore, Will Smith, Jennifer Garner und viele andere (in Deutschland z.B. Sarah Kim Gries oder Thomas Sattelberger), Für die Meme-Journalistin Kate Lindsay ist „That’s not my name“ die „einmalige Gelegenheit für Prominente, in den sozialen Medien ihre Zielgruppe anzusprechen“. That’s Not My Name ist aber vor allem auch ein erstaunlicher Ohrwurm – allein deshalb: Platz 1 der Februar-Charts.

Platz 2: Audio-Zitate 🆕

Früher als Instagram noch eine reine Bilder-Community war, fand man dort jede Menge Texttafeln mit schlauen, nachdenklichen und nicht selten banalen Sprüchen. Häufig wollen diese Sprüche einen tieferen Sinn transportieren, motivieren oder nur ganz allgemein eine Weisheit übers Leben verkünden. Und nicht selten tauchen diese „Inspirational Quotes“ auch heute noch auf Instagram (und Pinterest!) auf. Viel häufiger finden die Inspirations-Zitate ihren Weg aber übers Ohr in den Kopf der Nutzer:innen. Ein sehr bekanntes Audio-Zitat stammt von der US-Motivations-Coachin Mel Robbins. Es ist ein Ausschnitt aus einem TED-Talk, den sie zum Thema Glück und Motivation gehalten hat. Ihr Aufruf: „No one’s coming. No one. No one’s coming to push you; no one’s coming to tell you to turn the TV off; no one’s coming to tell you to get out the door and exercise; nobody’s coming to tell you to apply for that job that you’ve always dreamt about; nobody’s coming to write the business plan for you. It’s up to you.“ hat sich aus dem TED-Talk aus dem Jahr 2011 zu einem aktuellen Web-Hit gewandelt. Menschen nutzen die kurze Audio-Sequenz und zeigen dazu Bilder von ihrem unbändigen Trainings- und Optimierungswillen. Zahlreiche Nachahmer-Clips nutzen andere Sounds. In der deutschsprachigen Welt der Tiktok-Kopien namens Reels hat sich dabei der sehr erfolgreiche Podcast Gemischtes Hack von Tommi Schmitt und Felix Lobrecht zu einer Zitate-Quelle entwickelt. Besonders populär in diesem Monat: Tommi Schmitts Erkenntnis, die sich in diesen Worten ausdrückt: „… dass man immer denkt, bald beginnt die gute Zeit, bald beginnt das Leben. Wenn ich das erreiche, dann gehts gut. Wenn ich den Job bekomme, dann gehts gut. Wenn ich den Studienplatz bekomme, die Ausbildung… aber das geht ja immer so weiter. Ich glaube, das Prinzip oder das Dilemma gleichzeitig am Leben ist, dass das gar nicht einsetzt.

Platz 3: Wordle ⬇️

Der Frühjahrs-Hype des Jahres 2022 hält an. Nach einem Spitzenplatz in den Januar-Charts hat es Wordle nicht nur auf die Einkaufsliste der New York Times geschafft, sondern vor allem unzählige Imitationen inspiriert. Das Netz rätselt im Wordle-Stil. Es geht dabei um Schimpfworte (Lewdle is a game about rude words. If you’re likely to be offended by the use of profanity, vulgarity or obscenity, go play Wordle instead!), um Geografie-Wissen (Länder-Wordle), Verwirrung (With each guess, Absurdle reveals as little information as possible, changing the secret word if need be.) oder Mathematik (Nerdle lässt Rechnungen erraten) – und am Ende geht es stets um die Schönheit des Zufalls, dass aus der kleinen Idee von Erfinder Josh Wardle ein weltweiter Hype wurde – obwohl er doch eigentlich nur seiner Freundin Palak Shah einen Gefallen tun wollte.

Platz 4: Birds Aren’t Real ⬇️

Die Theorie von den erfundenen Vögeln ist in den deutschsprachigen Raum geflogen: Tagesspiegel, RND, NZZ, Berliner Zeitung, NZZ am Sonntag haben nach den Januar-Charts über das Phänomen berichtet. Birds Aren’t Real-Erfinder Peter McIndoe war unterdessen Gast in Howard Sterns Radioshow und twitterte drüber.

Platz 5: Der Pulli von Olaf Scholz 🆕

Nachdem der Bundeskanzler zu Beginn des Monats im Mittelpunkt eines „Wo ist eigentlich Olaf Scholz?“-Memes stand, gelang Olaf Scholz mit einem grauen Schlapperpulli auf seiner Washington-Reise ein neues mediales Narrativ. Alle Medien (soziale wie terrestrische) waren voll von Einschätzungen über die Strickware des Kanzlers, die die Fragen nach Politik (Corona, Russland, Ampel) überdeckten. Der wie der Pulli aus Hamburg stammende stern fand heraus, dass „der Pulli mit dem Junkernamen „Jörg“, zurzeit für rund 300 Euro im Sale zu erstehen“ sei: „Es ist genau das Modell, das vor wenigen Tagen am slimfitten Kanzlerkörper in der Luftwaffen-Boeing zu Berühmtheit gelangt ist.“ Fazit der stern-Pullover-Betrachtung: „Sollte Olaf Scholz den „Omen“-Pulli mit Bedacht gewählt haben, um sich locker vor die mitreisende Presse zu stellen, wäre es inhaltlich eigentlich eine Punktlandung gewesen. Vermutlich aber hat er nicht nachgedacht, sondern darüber, was in den USA und nun in Russland politisch zu bewegen sein könnte. Denn worum es jetzt gehen muss, ist kein Look – sondern die Aussicht, Krieg zu verhindern.

Besondere Erwähnung

Februar ist ein schrecklicher Monat. Das hat jedenfalls Kevin Killeen, Reporter aus St Louis, herausgefunden – und ist damit zu einem wiederkehrenden viralen Phänomen geworden. Killeen ist deshalb Mittelpunkt eines lesenswertens Porträts im Guardian geworden, das sich auch der Frage widmet, weshalb seine Februar-Einschätzung Jahr für Jahr geteilt wird.

Mit genau einem Jahr Verspätung ist auch bei mir der Baked-Feta-Pasta-Trend bei mir angekommen. Das Ofen-Nudelgericht wird schon seit Jahren im Web gekocht, hat sich seit Februar 2021 aber zu einem erstaunlichen Netztrend in Tiktok und Instagram entwickelt. In der Washington Post gibt es die wichtigsten Hintergründe – und Zutaten. Da ich in der Foodblogging-Szene nicht so Zuhause bin, danke ich besonders für den Tipp auf Uncle Roger, den ich diesen Monaten erhalten habe: Nigel Ng kombiniert Comedy und Kochen auf erstaunliche Weise.

Wordle, Birds Aren’t Real, The Photo, Captain-Pfeifen, Emotional Damage, Eltern vs Kinder (Netzkulturcharts Januar)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Wordle 🆕

Fünf Buchstaben, sechs Versuche – das sind die Eckdaten für den Frühjahrs-Hype des Jahres 2022 im Netz: Wordle ist ein schlichtes Wortratespiel, dessen Ergebnis-Quadrate derzeit alle Timelines in grün, gelb und grau erstrahlen lassen (siehe Bild rechts). Wer einen richtigen Buchstaben errät, erhält ein gelbes Feld, wenn dieser auch noch auf der richtigen Stelle steht, erstrahlt das Feld grün. Mit diesen Hinweisen muss täglich ein – und nur ein – Wort erraten werden. Im WDR hat Dennis Horn den Hype erklärt und das deutschsprachige Angebote Wordle.at empfohlen. Das englischsprachige Original wurde im vergangenen Oktober von Josh Wardle gemeinsam mit seiner Freundin Palak Shah erfunden. In diesem Slate-Interview spricht er über den erstaunlichen Erfolg des Spiels, der unter anderem mit der Verlinkung in einem New York Times-Newsletter und Neuseeland zu tun hatte. Die NYT wiederum widmete sich in einer eigenen Hymne dem Spiel, das vor allem deshalb so toll ist, weil es so schlicht und so wenig auf den Hype hin erstellt wurde. Deshalb muss man genau diesen genau jetzt loben!

Platz 2: Birds Aren’t Real 🆕

Anfang Dezember machte die große Internetkultur-Übersetzerin Taylor Lorenz den Künstler und selbst-inszenierten Aktivisten Peter McIndoe auch außerhalb des Webs sehr bekannt: Lorenz stellte sein Projekt „Birds Aren’t Real“ in einem großen Porträt vor – und damit in den Mittelpunkt zahlreicher Folge-Berichte. Kern von McIndoes Idee: Er imitiert die Erzählmuster von Verschwörungsmythen und behauptet, die Vögel am Himmel seien in Wahrheit staatliche Überwachungsdrohnen. Als das Magazin Vice Anfang des Jahres „Die Wahrheit über Birds Aren’t Real“ in einer Dokumentation zeigt, reagiert McIndoes mit einem faszinierende Videoclip, in dem er behauptet der „Deep State“ habe nun „die Medien“ aktiviert. Für mich ist das ganze Projekt nicht nur äußerst erstaunlich, sondern auch die beste Medienkompetenz-Schulung seit langem. In jedem Fall wird es den Hype um Wordle überdauern – Platz 2 in den Charts mit deutlichem Dauerbrenner-Potenzial.

Platz 3: GPOY – THE Photo / DAS Foto 🆕

Ist das dort rechts das Foto einer Bibliothek? Mit das Foto meine ich: die in Pixel gegossene perfekte Vorstellung einer Bibliothek – als solche beschreibt die New York Times das Foto, das Don Winslow Anfang des Jahres sehr zur Freude von Twitter postete. Es ist die perfekte Illustration für einen Trend, der Tiktok dieser Tage beschäftigt – und der schon vor Jahren auf Tumblr als „gratuitous picture of yourself“ verhandelt wurde: Das GPOY ist „the photo you use for everything that doesn’t just perfectly capture your essence, but also seems to emphasize your best qualities“. Im Falle der oben zitierten Bibliothek ist das perfekte Foto übrigens eine reine Dokumentation, denn die Bibliothek existiert nicht mehr.

Platz 4: Captain-Pfeifen 🆕

Zwei bewährte und schöne Trends kombiniert der „Captain“-Move, mit dem sich Tiktok-Nutzer:innen dieser Tage verschwinden lassen (ob er so heißt, ist noch nicht klar zu benennen). Nach dem alten Wenn-dann-Prinzip, das man von Reaction-Gifs kennt (letztere hat das Magazin Vice übrigens gerade als „alt“ bezeichnet), nutzen sie den Sound einer Flöte aus dem Song von Nutcase22, um ihr Verschwinden in bestimmten Situationen zu zeigen. Wenn das passiert – mit einer Flötenbewegung illustriertes Pfeifen – dann verschwinde ich (Schnitt auf das Setting ohne Hauptperson) – das lässt sich in unendlichen Kombinationen spielen, wie man im Harald-Lesch „Wunderbare Frage“-Trend gesehen hat.

Platz 5: Eltern-Kinder auf Tiktok 🆕

Nahezu unbemerkt von den so genannte klassischen Medien findet gerade auf den so genannten sozialen Medien eine Art Wettstreit der Generationen statt: Alt vs. jung und jung vs. alt ist das immerwährende Motiv in zahlreichen Clips, die die Eigenheiten der jeweils anderen Generation „auf Korn nehmen“. So jedenfalls würde es der Alman-Vater sagen, den der Radiomoderator Paulomuc beispielsweise immer wieder zur Aufführung bringt. Clms Brock hat seine Vater-Parodie jetzt sogar mit einem Merch-Pulli versehen.
Aber es geht natürlich auch umgekehrt: Nicole DeRoy, die sich selbst als Tiktok-Mom beschreibt, hat ihren 14-jährigen Sohn 2021 so perfekt parodiert, dass ihr Clip nicht nur viral ging, sondern vom deutschen Tiktok-User Jucki Ha auch originalgetreu ins Deutsche übertragen wurde. Es ist also anzunehmen, dass hier noch jede Menge Generationen-Spaß zu erwarten ist.

Besondere Erwähnung

Nur knapp am Einzug in die Top5 gescheitert, ist der „Emotional Damage“-Trend – was mir allerdings äußerst passend erscheint. Denn genau darum geht es ja bei dem wiederholten „Emotional Damage“-Ausruf des Comedian Steven He: um den Umgang mit niederschmetternden Begebenheiten ;-)

Nachzutragen aus dem Jahr 2021 ist noch der Erfolg von Achim Reichelts „Aloha Heja He“ im interaktions Web in China (Der Rolling Stone fasst zusammen). Außerdem empfehle ich die Vokabeln, die Johannes Kuhn im Internet-Observatiorium zusammenfasst.
Ebenfalls neu lernen musste und durfte ich den Begriff „Bootega Boots“, den Dardan & Nino in ihrem Song B I B O (Blood in Blood out) so ohrwurmtauglich rappen, dass Tiktok einen schönen Trend draus gemacht hat:

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: DVG

Netzkulturcharts des Jahres 2021

In meinem Dezember-Newsletter habe ich nach den Favoriten aus den monatlichen Netzkulturcharts gefragt. Seit Sommer versammle ich unter dem Schlagwort interessante Merkwürdigkeiten aus dem Internet. Das Ergebnis der Abstimmung unter den Leser:innen der Digitalen Notizen ist also nicht ganz vollständig (das oben gezeigte Bernie-Sanders-Meme aus dem Januar ist also gar nicht dabei), bietet aber einen schönen Blick auf die Netzkultur:

Platz 1: Das ist eine wundervolle Frage, Harald-Lesch-Meme (November 2021)
Platz 2: Armin Wolf beim Chopping Dance (der ORF-Moderator war im Oktober , der Tanz im August Thema)
Platz 3: Aldi-Girl Elaine Victoria (September und Oktober)
Platz 4: Siegfried & Joy (Juni und Juli)
Platz 5: Khaby Lame (Juni, Juli und August)

Mein persönlicher Gewinner des Jahres ist übrigens Das French-Dispatch-Foto aus Cannes. Denn Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray spielen nicht nur in einem empfehlenswerten Film mit, sie lieferten auch eine wunderbare Kopiervorlage fürs Netz.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Zitter nicht, Elevatorboys, das ist eine wundervolle Frage, Ladi, Jeremy Fragrance (Netzkulturcharts November)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus dem Oktober stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Zitter nicht 🆕

Stell dir vor es gibt ein deutschsprachiges Meme, das aus einem runnig gag besteht und das keiner so richtig versteht. Wenn du das denken kannst, dann kannst du „Zitter nicht“ denken. An die Spitze der Charts hat Tagesschau-Sprecherin Susanne Daubner das Meme in diesem Monat gebracht, in dem sie es für den Jubelpost der Nachrichtensendung zu 1 Million Followern referenzierte.
Das Meme basiert auf dem immer gleichen Muster einer „Stell dir vor“ eingeleiteten Idee, die von einem „Zitter nicht. Warum zitterst du?“ gefolgt wird. Wer einige dieser Clips gesehen hat, versteht die Referenz. Wer die Clips nicht kennt, hält das ganze für totalen Quatsch. Also die beste Voraussetzung für einen running-gag, der auf dem Distinktions-Prinzip von Memes basiert. Begonnen hat das Spiel mit Eren Aziz Azadi, der mit seinem „Stell dir vor ich heirate deine Schwester“-Clip, den er Anfang des Monats postete, über fünf Millionen Aufrufe und jede Menge Referenzen generierte.
Weil ich dazu im Laufe des Monats twitterte, griff die Redaktion von Watson meinen Tweet hier auf – allerdings sagte ich: Stell dir vor.

Platz 2: Elevatorboy 🆕

Eigentlich sind sie keine wirklichen Neueinsteiger in den Netzkulturcharts. Schon im Juli schafften sie es mit Hilfe des Songs „Alors on Dance“ auf Platz 3 der Charts (damals noch hinter Theophilius Junior Bestelmeyer), diesen Monat nun waren sie zu den Klängen von „Watermelon Sugar“ im Studio von Latenightberlin: die Elevatorboys. Der Account der Pro7-Sendung postete dann einen Clip mit Moderator Klaas und den fünf Jungs, deren wichtigstes Merkmal laut TV-Vorstellung dies ist: sie sind hübsch und cute. Spätestens mit dem Besuch im Fernsehen sind Tim Schaecker, Luis Freitag, Jacob Rott, Julian Braun und Bene Schulz auf dem Level einer Boyband angelangt, die nicht wegen Musik, sondern wegen ihrer Tiktoks populär sind – in denen sie auch nur hübsch und cute sind (wie man auch in diesem Interview feststellen kann). Mir persönlich gefällt am Phänomen „Elevatorboys“ der Account Fahrstuhlgirls am besten – ein sehr charmanter Kopie-Account.

Platz 3: Das ist eine wundervolle Frage – da gibts ne einfache Antwort ,nein‘ 🆕

Der Physiker Harald Lesch war im Sommer in der Sendung Unkraut vom Bayerischen Rundfunk zu Gast. Nach ziemlich genau 13 Minuten in diesem YouTube-Clip wird ihm dabei eine Frage gestellt, auf die er lachend antwortet: „Das ist eine wundervolle Frage. Da gibt es eine einfache Antwort: Nein.“
Lesch sagt das so glaubwürdig lachend und so voller Überzeugung in der Stimme, dass die wenigen Sekunden sich aus dem Ursprungskontext gelöst und zur Audiokopiervorlage auf Tiktok entwickelt haben. Vermutlich weiß allerdings wohl niemand von denen, die Leschs Worte zu „Wenn der Chef fragt, ob ich länger machen kann“ und vergleichbaren Clips nutzen, wie die Frage hieß, auf die der Physiker antwortete. Sie ist nämlich gar nicht so lustig wie die zahlreichen Referenz-Videos. Sie lautet in Bezug auf die Klimakrise: „Wird uns der technologische Fortschritt reden?“

Platz 4: Instagram-Kettenbriefe 🆕

In meiner Instagram-Timeline haben in den vergangenen Tagen zahlreiche Menschen ihren Namen auf der Seite Urban Dictionary nachgeschaut. Das ist aber nicht nur ein alberner Quatsch, der uns an den identitätsstiftenden Charakter von Social-Media erinnert. Das ist auch ein neues Feature von Instagram, das „Du bist dran“ heißt und in Storys verbaut werden kann. Anderes Nutzerinnen und Nutzer sollen so niedrigschwellig aufgefordert werden, Bilder in einem großen Kettenbrief zu posten. Das ist ein sehr alter Trick, der mit seiner jüngsten Variante aber unbedingt eine Erwähnung in den Netzkulturcharts verdient hat.

Platz 5: Ladi von Raed_offiziell 🆕

Der Tiktoker Raed_offiziell hat eine Figur entwickelt, die er Ladi nennt und die sich daduch auszeichnet, dass sie ein klein bisschen dumm ist. Ladi formuliert erstaunliche Grammatikfehler und liefert damit schöne Soundvorlagen für andere Tiktoks. In diesem Monat hat Ladi einige gemeinsame Clips mit Mario Novembre gemacht, der wiederum gerade eine erstaunliche Numa-Numa-Kopie auf den Markt gebracht hat: „Lautlos“ ist ein gerade mal zwei Minuten langer Autotune-Song, der vor allem von der Basis eines Songs aus dem Jahr 2004 lebt. Dragostea Din Tei diente schon einem der größten Internet-Memes als Vorlage. Gary Brolsma imitiert den Song bevor es überhaupt YouTube gab – und ist deshalb sowas wie der Urvater der heutigen Tiktok-Stars.

Besondere Erwähnung:

Einer der bekanntesten Deutschen auf Tiktok ist Daniel Schütz, so lautet der bürgerliche Name hinter der Figur Jeremy Fragrance kann man auf Wikipedia und im Bonner Generalanzeiger nachlesen. Jeremy war in diesem Monat in der Sendung deep und deutlich zu Gast und hat ein paar Fragen beantwortet.

Der Account smd.amanuel zeigte auf Tiktok in diesem Monat wie man mit den Social-Media-Redaktionen von großen größeren Unternehmens-Accounts spielt. Er nahm den „Zitter nicht“-Trend (s.o.) auf und begann dann einen recht amüsanten Austausch mit der Polizei Berlin, Edeka, Aldi und dem Radiosender JamFM. Die Videos sind ein schönes Beispiel für die Möglichkeiten dessen, was auf dem nächsten Level „authentischer Kommunikation“ erreichbar ist. Der Hashtag #allesindenarm wurde auf Twitter genutzt, um für den Sinn der Impfung zu werben. Der Tiktok-Account von Duolingo zeigte wie man mit einem Eulen-Maskottchen (Duo) Begeisterung und Reichweite auf Tiktok erzeugt. Hier erklärt die 23-jährige Zaria Parvez welche Rolle dabei Memes gespielt haben.

Dass Google zudem in diesem Monat seine Tiktok-Kopie „Shorts“ sogar auf der Google-Startseite beworben hat, habe ich hier aufgeschrieben.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: Pop