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wednesdaydance, Violin-Stan, Microwave Popcorn, Bierwerbung (Netzkulturcharts Dezember)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Sie erscheinen wegen der Space-Karen-Entscheidung Revue einzustellen nur noch als Bestandteil meines Digitale Notizen-Newsletters.

Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: #wednesdaydance 🆕

Jenna Ortega tanzt – und das Netz tanzt mit. Die Hauptdarstellerin des Addams-Familiy-Spinoff auf Netflix dominiert mit einer Tanzszene nicht nur die Streamingplattform, sondern auch das Mitmach-Web. Tiktok und Instagram sind voll von Ortega-inspirierten Tänzen. Dabei spielt es fast keine Rolle, dass in der Serie selbst ein anderer Sound unter dem Tanz liegt, als der in Social-Media äußerst beliebte Lady-Gaga-Mix von Bloody Mary. Und es spielt auch kaum eine Rolle, dass alles an diesem Trend fast zu offensichtlich und kalkuliert ist: eine Netflix-Serie plus eine tanzende Hauptdarstellerin – da braucht es keine höhere Mathematik, um den Tanztrend zu errechnen. Trotzdem faszinierend.

Platz 2: Violin-Stan 🆕

Ende Oktober postete der Geigentiktoker Zotov13 eine Violinversion von Eminems „Stan“. Kurz danach begannen zahlreicher Nutzer:innen genau auf den Geigenpart des Sounds ihre Daumen und Zeigefinger zu reiben. Diese Handbewegung wird seitdem als Antwort auf Anschuldigungen, Klischees oder Vorwürfe genutzt – wie man an diesem Skatergirl-Beispiel sehen kann. Die Clips basieren auf dem gleichen Prinzip, das wir auch von POV-Videos und vom Questions I Get Asked-Trend kennen: Nutzer:innen zeigen ihre Identität in Interaktion mit Sätzen, mit denen sie konfrontiert sind.

Auf Twitter weisen Michael Förtsch und Konrad Göke zurecht darauf hin, dass das Reiben der Finger schon vor dem Tiktok-Trend eine übliche Reakion war. Vielen Dank!

Platz 3: Microwave Popcorn 🆕

Inside von Bo Burnham war zum Höhepunkt der Pandemie für nicht wenige das Symbol für den Zustand des Eingesperrtseins. Aus dem Soundtrack zu dem Netflix-Special hat sich eine Sequenz aus dem Song Microwave Popcorn in diesem Monat als Tiktok-Sound verselbstständigt. Es handelt sich um einen Dialog, den Nutzer:innen nachspielen – mit Schwerpunkt auf die Begriffsstutzigkeit des einen Teilnehmers, der nicht mal versteht, wie man Popcorn in einer Mikrowelle zubereitet:

I put the packet on the glass (what glass?)
The little glass dish in the microwave (got it)
I close the door (which door?)
The door to the microwave (what is wrong with you?)

Platz 4: Bierwerbung für Demokratie 🆕

Ein fünf Jahre alter Werbespot von Heineken ist Ende November in einer Harvard-Studie als wirkungsvoller Beitrag zum Thema Demokratie ausgezeichnet worden. Das hat nur indirekt mit Netzkultur zu tun, aber immerhin indirekt. Denn in dem Spot geht es um die Art und Weise, wie Menschen in den Dialog kommen können – selbst wenn sie völlig unterschiedliche politische Ansichten haben. In der Werbung geht es darum, dass sie dann ein Bier zusammentrinken, in der Harvard-Studie um den Austausch über Ansichten hinweg.

Platz 5: Space Karen & Twitter 🤯 🔽

Weiterhin in den Netzkulturcharts: das Drama um Twitter. Es ist im Dezember zwar etwas ruhiger geworden, aber es hört nicht auf – wie man im Haken Dran Podcast nachhören kann.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. „And with that the 2022 season comes to the end“
2. Lady Gaga „Bloddy Marry“
3. The Cramps „Goo Goo Muck“
4. Beyonce „Cuff it“
5. Ski Aggu „Party Sahne“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Anfang Dezember löste die Autorin Chelsea Banning einen Trend unter Schriftsteller:innen aus. Auf ihren Tweet, in dem sie von fehlendem Publikum bei einer Signierstunde berichtete, reagierten zahlreiche erfolgreiche Kolleg:innen mit ebenfalls erfolgslosen Publikumsinteraktionen.
Ein Drake-Song von einer künstlichen Intelligenz, wie Taylor Swift Fans sich politisch engagieren.