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Drei Dinge, die man von den Gentleminions über die so genannte Cancel Culture lernen kann

Die Minions werden gecancelt! Kinos setzten den Film wegen angeblich ungebührlichen Verhaltens junger Männern während der Vorstellung ab! Die freie Welt ist in Gefahr! EinsElfAusrufezeichen

Mit diesem Spin würde sich die Aufregungsspirale drehen, stünden nicht gelbe Zeichentrickfiguren, sondern eine politische Debatte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit (Thema bitte selbst wählen). Das Muster hinter der Aufregungs-Aufmerksamkeit weist lehrreiche Parallelen zwischen Minions und der vermeintlichen Cancel Culture auf, deshalb hier drei Lehren, die man aus dem so genannten #gentleminions-„Skandal“ für die politische Debatte ziehen kann, die auf einer so genannten Ambigutität der Aufmerksamkeit basiert.

Worum gehts?

Um wohl gekleideten jungen Männern, die nicht selten mit einer Banane in der Hemdtasche ins Kino gehen. Sie nennen sich #gentleminions, eine Wortkombination aus dem englischen Begriff Gentleman und den gelben Bananen-liebenden Hauptfiguren aus dem Film „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ – und erweisen mit ihrer Kleidung dem Mini-Boss aus dem Film eine Ehre: Felonious Gru ist in dem aktuellen Minion-Teil 11 Jahre alt und ebenfalls stets wohl gekleidet.
Der Guardian berichtet, dass die offenbar häufig auftretenen Gentleminions einen Trend bilden (viral! Tiktok!), auf den Kinos ablehnend reagieren würden. Den jungen Männern sei der Zugang zum Vorführungssaal verweigert worden – und die BBC lässt einen Kinobetreiber zu Wort kommen, der wegen des Verhaltens der Fans (gar nicht gentle) den Film vorübergehend aus dem Programm genommen habe.

Ist das schlecht für den Film? Im Gegenteil! Universal Pictures ruft den Gentleminions auf Twitter zu: Wir sehen und wir lieben euch!

Wie kann das sein? Müssten die Macher des Films nicht empört sein, weil sie gecancelt werden? Oder nützt es ihnen vielleicht, im Mittelpunkt einer solcher Debatte zu stehen?

Drei Thesen:

1. Aufmerksamkeit ist eine politische Kategorie

Was ist das Schlimmste, was einem Film oder einer politischen These im digitalen Ökosystem passieren kann? Genau: Dass niemand sie wahrnimmt, dass keine:r über sie spricht. Widerspruch oder sogar vermeintliche Negierung eines Films/einer These funktioniert wie das Pusten in die Glut: es schafft Aufregung, die zu Aufmerksamkeit führt und mit der Debatte um das angebliche Canceling genau das nicht nur verhindert, sondern ins Gegenteil verkehrt. Genau darin liegt die Ambiguität der Aufmerksamkeit: Energie fließt dorthin, wohin sich die Aufmerksamkeit richtet und sei es nur um zu warnen. Das Canceln funktioniert dabei genau wie der rosa Elefant, den ich mit der Bitte erwähne, auf keinen Fall an ihn zu denken. Was passiert? Sie werden genau das tun! Anders formuliert: Der beste Weg, um die Unsichtbarkeit zu verhindert, ist eine Debatte um die vermeintliche oder tatsächliche Unterdrückung! Deshalb lieben (nicht nur) die Minions-Macher die Debatte – sie garantiert ihnen Aufmerksamkeit!

2. Die Reihenfolge von Inhalt und Aufmerksamkeit hat sich gedreht

Ohne Aufmerksamkeit ist der Inhalt wertlos. Ein Brief ohne Adresse wird von niemandem gelesen, also muss man sich zunächst um den Umschlag, die Adresse und angemessene Frankierung kümmern. Öffentliche Debatte im 20. Jahrhundert kam ohne diese Form des Kontext aus (was man heute noch an der etwas aus der Zeit gefallenen Debattenform des offenen Briefs erkennt). Das 21. Jahrhundert hat u.a. durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie zu einer Flut an Informationen geführt – ein Ozean voller Inhalt. Wer dort jetzt weiteren Inhalt hinzugießt, fällt nicht auf. Völlig unabhängig davon, ob es Qualitätswassser ist oder nicht – es ist am Ende auch im Ozean der Informationen. Um aufzufallen, braucht es also einen auffälligen Kontext, einen Rahmen, der Interesse weckt. Wer also auf einen Briefumschlag „umstrittener Inhalt“ schreiben kann, kreiert damit einen der mächtigsten Aufmerksamkeitsmagneten, den man sich denken kann.
Im Falle der gentleminions ist es weniger kontrovers, hier kommt der popkulturelle Magnet der Meme zum Einsatz: Ein Trend! Viele Menschen! Das allein sorgt für Aufmerksamkeit.

3. Wenn alle eine Bühne haben, kann niemand gecancelt werden

Werden meine Möglichkeiten den Minions-Film zu sehen, dadurch eingeschränkt, dass in irgendeinem Kino in England eine Vorstellung ausfällt?
Natürlich nicht.
Der Film ist digital verfügbar und selbst wenn nun alle Kinos, überall auf der Welt, die Vorführung einstellen würden, wäre er ja weiterhin anschaubar. Genauso verhält es sich mit den politischen Thesen, die angeblich gecancelt werden – sie werden maximal von einer bestimmten Bühne verbannt. Das Ende des Durchschnitts hat aber eine Welt eröffnet, in der jede und jeder unzählige Bühnen haben kann. Das 21. Jahrhundert braucht nicht mehr die Mainstage auf einem Festival um Bands populär zu machen. In der Welt der massenhaften Nischen befinden sich überall Bühnen – und die angeblich unterdrückten Inhalte werden niemals völlig unterdrückt, sondern lediglich auf anderen Bühnen aufgeführt. Und zwar mit katalysierter Aufmerksamkeit: denn die Debatte bringt die Glut zum Aufflammen. Statt im Rahmen einer offiziellen Vorlesungsreihe wird ein gecancelter ausgeladener Beitrag dann halt auf YouTube verbreitet – und zwar mit einer weitaus größeren Reichweite als dies die vermeintlich offizielle Bühne jemals erreicht hätte.

Die Macher des Minions-Films haben das verstanden: es geht um Aufmerksamkeit. Wer so denkt, kommt gar nicht auf die Idee, von Cancel Culture zu sprechen. Denn Canceln kann man überhaupt nur in einer Welt, in der es nur eine Durchschnittsbühne gibt. Diese Welt existiert nicht mehr.

Mehr über Muster digitaler Kommunikation gibt es in dem gleichnamigen Buch – und in meiner Glut-Theorie der politischen Debatte aus dem Deutschlandfunk

Netzkulturcharts des Jahres 2021

In meinem Dezember-Newsletter habe ich nach den Favoriten aus den monatlichen Netzkulturcharts gefragt. Seit Sommer versammle ich unter dem Schlagwort interessante Merkwürdigkeiten aus dem Internet. Das Ergebnis der Abstimmung unter den Leser:innen der Digitalen Notizen ist also nicht ganz vollständig (das oben gezeigte Bernie-Sanders-Meme aus dem Januar ist also gar nicht dabei), bietet aber einen schönen Blick auf die Netzkultur:

Platz 1: Das ist eine wundervolle Frage, Harald-Lesch-Meme (November 2021)
Platz 2: Armin Wolf beim Chopping Dance (der ORF-Moderator war im Oktober , der Tanz im August Thema)
Platz 3: Aldi-Girl Elaine Victoria (September und Oktober)
Platz 4: Siegfried & Joy (Juni und Juli)
Platz 5: Khaby Lame (Juni, Juli und August)

Mein persönlicher Gewinner des Jahres ist übrigens Das French-Dispatch-Foto aus Cannes. Denn Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray spielen nicht nur in einem empfehlenswerten Film mit, sie lieferten auch eine wunderbare Kopiervorlage fürs Netz.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Impfverweigerung als Identität – fünf Muster memetische Politik

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

In dieser Folge beschreibe ich Kommunikationsmuster hinter dem Prinzip der Impfverweigerung. Inhaltlich bin ich fürs Impfen (hier die wichtigsten Gründe zum Nachlesen) und halte auch nichts davon, emotionale Ablehnung und wissenschaftlichen Studien in der öffentlichen Debatte gleichberechtigt vorzustellen (False Balance). Der folgende Text ist keine Einladung zur Debatte über den Sinn der Impfung, sondern der Versuch, memetische Muster, die seit Jahren im Netz bekannt sind, auch in Diskursen außerhalb des Netzes zu beschreiben – und damit vielleicht eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb der Versuch einer sachlichen Auseinandersetzung über das Impfen so oft misslingt.

Ich mag das Internet und schätze die Kultur, die es hervorgebracht und befördert hat. Über Meme habe ich sogar ein ganzes Buch geschrieben – als Fan. Ich sehe aber auch, dass die memetischen Muster nicht nur auf schöne Weise die öffentliche Debatte und unser Bild von Öffentlichkeit verändern. Ich glaube, dass u.a. in ihnen begründet ist, warum manche Menschen das Gefühl haben, in einer polarisierten Gesellschaft zu leben. Die Mechanik, die Memes befördert hat, greift in immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens ein. Dabei geht es nicht nur im die Inhaltsebene, die häufig mit kleinen Internetwitzchen verbunden wird. Meme bestimmen auch auf der formalen Ebene Öffentlichkeit und Politik, was Limor Shifman in der These bündelte, „dass wir in einer Zeit leben, die von einer hypermemetischen Logik befeuert wird.“

Prinzipien dieser memetischen Muster sind seit Jahren bekannt und häufig mit Blick auf die Verbreitung von netzkulturellen Phänomenen beschrieben worden. Wie aber wäre es, wenn wir mit Hilfe dieser memetischen Muster zu beschreiben versuchen, warum ein relevanter Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung es ablehnt, sich impfen zu lassen? Wie wäre es, wenn wir Impfverweigerung als Meme denken? (Damit meine ich übrigens nicht Memes, die von Impfverweiger:innen genutzt werden, dazu steht hier am Beispiel der US-amerikanischen Szene einiges)

Mit Hilfe dieser Perspektive lässt sich auch erklären, warum „mehr sachliche Information übers Impfen“ nicht zu einer sachlicheren Debatte führt, sondern (siehe Punkt 5. unten) eher wie Öl im Feuer der Auseinandersetzung wirkt. Aus einer Meme-Perspektive sind Argumente fürs Impfen dann mit Versuchen vergleichbar, Hide the Pain Harold sachlich als Stockfoto-Modell zu beschreiben. Das mag vielleicht inhaltlich stimmen, als Anhänger des Harold-Memes will ich das aber natürlich nicht hören.

Um Impfverweigerung als Meme zu denken, konzenteriere ich mich deshalb auf die formalen Verbreitungsmechanismen und lasse die inhaltlichen Argumente der Debatte außen vor. Denn die Analysen, die ich dazu gelesen und gehört habe (hier z.B. ein Interview im WDR5-Morgenecho mit einem schon erschöpften Moderator), stoßen oft an den Punkt, an dem Wissenschaftlerinnen und Forscher davon sprechen, dass inhaltliche Argumente gar nicht mehr wahrgenommen werden. Diese hörenswerte Analyse des Soziologen Oliver Nachtwey im Deutschlandfunk ist beispielsweise mit den Worten überschrieben: „Mit sachlicher Aufklärung sind viele nicht zu erreichen.“

Wenn man Impfverweigerung als Meme denkt, geht es auch gar nicht um sachliche Argumente, es geht um einen (gar nicht lustigen) running gag, der Identität schafft. Wie beim Schibboleth ist das Ablehnen der Impfung in erster Linie ein Distinktionsmerkmal, um sich von „den anderen“ abzugrenzen, die einfach nicht verstehen, worum es geht. Egal, ob es dabei um die Lols (eher klassische Memes) oder die Wahrheit (Verschwörungs-Memes) geht: Es ist eine deutliche Trennung zwischen „Ich gegen die anderen“ erkennbar – und diese identitätsstifte Flamme kann man weiterreichen (Symbolbild: Unsplash). „We should look at rumors as an eco-system, not unlike a microbiome“, rät die englische Medizinerin Heidi Larson, die 2020 das Buch „Stuck: How Vaccine Rumors Start—and Why They Don’t Go Away“ veröffentlicht hat. Daran erkennt man – wie an dieser historischen Einordnung zur Pockenimpfung in Bayern – dass vieles an der aktuellen Impfverweigerung nicht neu ist. Neu ist aber ein Teil des Ökosystems – und zwar jener, der auf memetische Muster setzt.

Vielleicht muss man hier ansetzen um zu verstehen, wie Impfverweigerung als Meme funktioniert. Es gibt jedenfalls deutliche Zeichen, dass diese fünf Muster in der Impfverweigerungs-Debatte verfestigende Wirkung haben:

1. Individualisierung mit Ikea-Effekt

Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Massenkultur. Im 21. Jahrhundert verliert der Durchschnitt als dominantes Prinzip an Macht. Wir haben diese Form der Personalisierung häufig als Emanzipation des/der Einzelnen gelesen. Man muss aber auch festhalten: in einem Zeitalter der massenhaften Nischen ist es viel aufwändiger als in einer Durchschnittskultur, eine eigene Rolle, eine passende Subkultur und Idee von sich selbst zu finden. Dieser Aufwand wird noch unterstützt von der Annahme, das Private sei politisch, die persönliche Entscheidung über Pop- oder Konsumpräferenzen habe also nicht nur Einfluss auf die eigene Rolle, sondern auch auf die Politik.
Wer also einmal eine Idee von sich selbst gefunden hat, fühlt sich dieser heute vermutlich anders verbunden als Menschen dies taten, die sich an den größten Hits im Radio orientierten. Die Rollen, die der Durchschnitt anbot, waren bequemer und viel leichter zu erreichen als die hoch individualisierten Codes und Bezugssysteme der Gegenwart. Letztere sind wegen des so genannten Ikea-Effekts aber auch viel haltbarer. Denn was man sich mit viel Mühe aufgebaut hat, hält man gemeinhin für wertvoller und trennt sich nicht so gerne davon. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erklärt das im Spiegel-Interview so: „Wir wissen aus der Forschung, dass der Verschwörungsglaube mit einem starken Bedürfnis nach Einzigartigkeit einhergeht. Man will sich besonders fühlen, aus der Masse hervorstechen – da ist keine Maske tragen ein relativ einfaches Mittel, weil man meint, man sei offenbar im Widerstand.“

In diesem Ökosystem entsteht Impfverweigerung als Meme. Das Soziale wird hier nicht als Solidarsystem gedacht, sondern als Masse oder Reichweite. Bestimmender Faktor ist hier einzig das Individuum und dessen Entscheidung. Dass das zumindest zu kurz gedacht ist, kann man bei Heidi Kastner nachlesen, die gerade ein Buch über Dummheit geschrieben hat. Sie sagt: „Das zentrale Merkmal von dummen Leuten ist, dass sie ausschließlich die eigene Position priorisieren und alles andere ignorieren. Das sieht man auch in dieser ganzen Corona-Pandemie, wo die Leute sagen: ,Ich bleibe ganz bei mir.'“

2. Du kannst nur dir selbst trauen

Wer in Memes mehr sieht als Internetquatsch, erkennt schnell: mit Hilfe von Memes wird die eigene Rolle ausgehandelt. Impfverweigerung als Meme zu denken, heißt demnach auch: dieses Meme hilft, die eigene Rolle in einer komplexen, häufig beängstigenden Gegenwart zu finden. Auf dem Fundament des ,ich bleibe ganz bei mir‘ entstehen Distinktionsprozesse, die als unausgesprochene Übereinkunft des Innen funktionieren. Was man zum Beispiel daran erkennt, dass Menschen auf Querdenken-Demos sehr schnell benennen können, dass Kamerateams von der „Lügenpresse“ kommen, aber nicht die Frage beantworten, worin denn die Lüge besteht („Fragen Sie sich das mal selbst“).

Durch die immer gleiche Verwendung von Schlagworten und Codes wird das Innen definiert, die Abgrenzung greift aber erst dann richtig, wenn auch das Außen abgelehnt wird. Im Falle des Impfverweigerungs-Meme geht es dabei darum, das System als ganzes zu destabilisieren. Allein die Idee einer Systemveränderung (Neue Weltordnung) zeigt sehr deutlich: Es geht darum, alles anzuzweifeln, was als Bestandteil „des Systems“ gelesen werden kann. Die Grundmelodie der Impfverweigerung lautet deshalb: Man kann niemanden trauen. Die Eliten, die Lobby, die Politik – stets gibt es ein unspezifisches Feindbild, das Böses im Schilde führt; und nur diejenigen, die das Meme verstehen, haben Zugang zu dieser Erkenntnis. Bessere Abgrenzungsmechanismen sind kaum denkbar. Im Spiegel sagt Pia Lamberty: „Der Glaube an Verschwörung ist eine Art Vorurteil gegenüber all denen, die man als mächtig wahrnimmt. Das können Menschen sein, die wirklich mächtig sind, Politikerinnen und Politiker zum Beispiel. Es können aber auch Menschen sein, deren Macht überschätzt oder erst konstruiert wird. All denen begegnet man mit Misstrauen, mit Ablehnung, mit Feindseligkeit.“

Man muss dabei aber bedenken: Ohne „die Anderen“ greifen diese Muster nur schlecht. Der Widerspruch gegen das Weigerungsmeme ist also nicht nur eingepreist, sondern zwingend notwendig, um das Ich im Gegensatz zu den anderen zu definieren. Innerhalb der Gruppe, die sich über die Codes des Memes erkennt, gibt es fortan an nur noch eine vertrauenswürdige Kategorie kennt: die personalisierte Anektdote.

3. Eine persönliche Anektdote sticht jede wissenschaftliche Erhebung

Wissenschaft ist keine Privatsache. Wissenschaft braucht einen organisierten Rahmen, sie ist also per Definition Bestandteil dessen, was Impfverweigerung als „das System“ wahrnimmt. Das verbindende Element des Impfverweigerungs-Meme ist aber die Ablehnung, ja die Destabilisierung dieses Systems. Aus der Wissenschaft kann in dieser Logik also niemals eine glaubwürdige Erkenntnis kommen. Alle sachlichen Argumente müssen deshalb scheitern, weil sie ja aus dem System geboren werden. Um dieses Bild auch dann halten zu können, wenn die bloße Anzahl (sieben Milliarden Impfdosen sind bereits verimpft) oder statistische Erhebungen dagegen sprechen, greift das unter 1. skizzierte Individualisierungs-Prinzip: Ich bleibe ganz bei mir – und bei Menschen, die auch bei sich bleiben.

Die personalisierten Anekdoten werden so zu hochgereckten Feuerzeugen auf einem Live-Konzert. Mit diesem Bild habe ich das Teilhabe-Prinzip von klassischen Memes zu beschreiben versucht. Im Falle der Impfverweigerung ist jede neuerliche Individual-Anekdoten wichtiger Sauerstoff, um die Flamme auf Brennen zu halten. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob es die Schwiegermutter oder den Onkel der Nachbarin einer Arbeitskollegin wirklich gibt, wenn er nur belegt, was man mit so viel Aufwand glaubt. „Denen geht es doch genau wie mir. Und wir werden immer mehr“, ist halt viel anziehender als eine komplizierte Abwägung von Pro- und Contra-Argumenten.

4. Dark Pattern sorgen für Verbreitung

Bei klassischen Memes griff irgendwann das Clickbait-Prinzip der viralen Verbreitung, um sie bekannter zu machen. Bei der Impfverweigerungs-Erzählung gibt es diesen Mechanismus auch. Er scheint mir nur noch mehr über Dark-Social-Kanäle zu laufen – und dabei Muster zu nutzen, die man als Erweiterung von „Dark Pattern“ beschreiben kann. Besonders beliebt ist dabei die Annahme, jemand anderer (die Elite, die Lobby, die Politik) wolle nicht, dass man etwas erfährt. Nahezu alle persönlichen Anekdoten sind BTS-Erzählungen (Behind the scences), die gegen den erklärten Willen offizieller Stellen verbreitet werden. Die Sprachnachricht, die die Mama vom Poldi im Frühjahr 2020 verbreitete, erfüllte zahlreiche dieser Kriterien und wurde deshalb auch ausgiebig geteilt.

5. Es geht nicht um Meinungen, sondern um Identität

In meinem Meme-Buch greife ich auf die Definition von Limor Shifmann zurück, die Meme als „kreative Ausdrucksformen mit vielen Beteiligten“ beschreibt, „durch die kulturelle und politische Identitäten kommuniziert und verhandelt werden.“ Dieser Identitätsaspekt spielt vermutlich die wichtigste Rolle, um Impfverweigerung als Meme zu verstehen. Es geht hier nicht um eine Meinung zu einem Thema, es geht hier auch nicht um einen Wettstreit von Ideen oder um eine wissenschaftliche Debatte. Es geht hier um Identität.

Aufgrund der unter 1.-4. beschriebenen Prozesse ist die Impfverweigerung zu einem zentralen Bestandteil der eigenen Person geworden (was inhaltlich durch absonderliche Unfruchtbarkeits-Gerüchte noch stimuliert wird) und damit geht es nicht mehr um das Finden von Kompromissen oder um gesellschaftliche Debatte. Es geht die Verteidigung der eigenen Identität, die nicht Bestandteil eines Kompromisses sein kann, sondern immer absolut verteidigt werden muss – gegen die anderen.

Und wenn diese anderen widersprechen, bestätigen sie die eigene Identität noch. So wie Fans der einen Mannschaft, die gegenerischen Fans brauchen, um ihre eigene Rolle zu definieren, so brauchen auch memetische Kommunikationsmuster den Widerspruch. Beim Fußball heißt das dann zum Beispiel: „Euer Hass ist unser Stolz“ – was umgekehrt bedeutet: Ohne Hass auch kein Stolz mehr.

Withney Phillips hat dies an der Berichterstattung über Hasskampagnen nachgewiesen. In diesem Interview erklärt sie: „Hasskampagnen richten den größten Schaden an, wenn sie von Journalisten verstärkt werden. Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Die Parallele zu medialen Berichten zu ziehen, die Ansichten der Impfverweigerung wiederholen, verächtlich machen oder einordnen wollen, ist erkennbar.

Welche Schlüsse man daraus ziehen kann? Ich bin mir unsicher. Eher sicher bin ich mir aber, dass es sich lohnt, auf die memetischen Muster der Kommunikation zu schauen, um deren inhaltliches Scheitern zu verstehen.

Dieser Text stammt aus meinem Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Meme gibt es in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“.

Im Januar spreche ich auf Einladung von Martin Fehrensen in einer Lecture beim Social-Media-Watchblog zum Thema „Politik als Meme“.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären – das Beispiel The French Dispatch

Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray (im Bild oben vlnr) sind gerade in Cannes beim Filmfest. Sie stellen den Film „The French Dispatch“ (hier der Trailer) vor, der im Oktober in die Kinos kommen soll.

Im Rahmen der Vorstellung wurde im sommerlichen Cannes ein Foto gemacht, das sich auf eine bemerkenswerte Reise durchs Netz gemacht hat. Bei mir ist es angekommen, weil FM4 es auf seinem Instagram-Kanal neu kodiert veröffentlicht hat, seinen Ursprung hat es aber wohl in diesem Vulture-Post, der dazu auffordert, sich selbst den vier Charakteren zuzuordnen (bitte unbedingt den Beitrag anschauen, weil die Nutzer:innen darunter erstaunliche Details zu Tage fördern. Warum trägt Bill Murray zum Beispiel zwei Uhren!?). Die New York Times-Redakteurin Dodai Stewart kam dann auf die Idee, die Charaktere mit Sozialen Netzwerken in Verbindung zu bringen. Ihr Beitrag von gestern abend landete dann heute Nachmittag bei FM4.

Das ist nicht nur inhaltlich super, sondern eine wunderbare Referenz der Referenz. Denn die Idee, Filmcharaktere mit dem Wesen sozialer Netzwerke in Verbindung zu bringen, war vor ein paar Jahren am Beispiel des Breakfast-Club schon mal ein kleiner Internet-Hype. Ich habe dem ein ganzes Kapitel in der Gebrauchsanweisung für das Internet gewidmet und hier darüber gebloggt.

Der Unterschied ist: im aktuellen Fall sind nicht die Filmfiguren die Referenz für das Wesen der Netzwerke, sondern die Schauspieler und die Schauspielerin. Das macht den Fall noch etwas treffender, wie ich finde. Auch wenn Facebook – in Person von Bill Murray – vermutlich zu gut weg kommt.

Alle weiteren Kommentare und Bildbeschreibungen verbieten sich, weil allein das Betrachten des 25-jährigen Timothée Chalamet, der eine Sonnenbrille tragend – als Tiktok – neben dem 26 Jahre älteren Regisseur Wes Anderson steht, aussagekräftig genug ist. Anderson wiederum trägt einen hellblauen Anzug und weiße Schuhe und entstammt erkennbar einer anderen Generation (Twitter). Tilda Swindon im blauen Anzug mit Sonnenbrille ist mit Abstand am coolsten – und Instagram. Die Kleidung des Mannes neben ihr entfaltet ihre Ironie vor allem dadurch, dass sie von Bill Murray getragen wird. Die Gegenwärtigkeit von Facebook lässt sich kaum besser illustrieren als durch Kurzarmhemd und hellbaue Shorts.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Theophilus Junior Bestelmeyer

Es war der größte Fehler, meinen Namen gesagt zu haben. Jetzt nervt mich ganz Deutschland“, der Clip, in dem der Satz fällt, stammt vom Beginn der Woche. Der Mann, der ihn sagt, zeigt dazu Screenshots aus Kommentarspalten und lässt seiner Verwunderung freien Lauf: „Egal, auf welches Tiktok ich gehe: mein Name steht da.“ Es gibt keinen erkennbaren inhaltlichen Bezug für die Verwendung des Namens, aber er ist tatsächlich in unzähligen Kommentaren zu lesen. „Mein Name ist überall. Literally. Ich werd einfach fame wegen meinem Namen. Ich mach Musik, keiner kennt meine Musik, aber meinen Namen kennt ihr, oder was?

Der Clip stammt von Theophilus Junior Bestelmeyer und um den Hype um seinen Namen zu verstehen, muss man eigentlich nur diesen Clip* anschauen, in dem er sein Unverständnis über den Hype äußerst. Es gibt keine sinnvolle Erklärung. Daraus erwächst eine magnetische Wirkung, die den Quatsch nicht nur noch alberner, sondern auch noch attraktiver macht. Es ist ein running gag, basierend auf dem geheimen Gruppenwissen („Wir schreiben den Namen einfach überall hin“), das zum Zugangs-Code wird: „Du bist dabei, wenn du es verstehst.“ Denn alle anderen verstehen den Quatsch nicht. „Wie geil.“ Genau aus dieser Dynamik speisen sich Memes. Und hier kann man ein besonders unerklärliches im Entstehen beobachten.

Das Besondere dabei: Theophilus Junior Bestelmeyer lässt das Web an seiner eigenen Verwirrung teilhaben. Im Laufe der Woche war sein Kanal von Tiktok gesperrt, aber jetzt postet und repostet er Beiträge, die sich auf seinen Namen beziehen. Statt sich von der Welle überspülen zu lassen, versucht er sie zu reiten. Bis jetzt gibt es noch keinen Wikipedia-Eintrag zu seinem Namen, aber er wird sicher bald kommen: Lesen wird man dort, dass er unter dem Künstlernamen „Theo Junior“ Musik macht (aktueller Song „Mit vier Jahren“) und im Sommer 2021 im Mittelpunkt eines Hypes stand, weil sein echter Name vielen Nutzer:innen auf Tiktok ungewöhnlich für einen jungen Mann erschien. So versucht dieser reddit-Thread zu erklären, was nicht zu erklären, sondern nur nachzuerzählen ist: Am Montag veröffentlichte Theo Junior auf seinem Tiktok-Kanal einen Clip, in dem er seinen Klarnamen erwähnt: „Ich heiße Theophilus Junior Bestelmeyer. Mein Name ist einfach so geil, digga. Mein Leben ist einfach optimal. Mein Leben ist einfach optimal, digga.“

Warum diese Vorlage einen Welle auslöste, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Dass sie ein Meme produzierte, ist aber klar erkennbar: In Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina hat eine junge Mitarbeiterin der Firma Middletown Meyers jetzt zum Beispiel damit zu kämpfen, dass die Wette mit ihrem Chef um eine Tätowierung womöglich mit einem deutschen Internet-Meme in Verbindung treten könnte. In diesem Clip wird beschrieben, dass der Chef der Firma der jungen Frau 3500 Dollar zahlt, wenn sie sich tätowieren lässt, was das Internet sich wünscht. Derzeit führt „Theophilus Junior Bestelmeyer“ mit über 24.300 Likes.

Um wirklich zu verstehen, was es mit diesem Spiel von Distinktion und digitaler Vernetzung auf sich hat, muss man sich vielleicht zuerst von dem Wunsch lösen, darin einen tieferen Sinn zu erkennen. Womöglich ist es vor allem die Freude daran, mit dem digitalen Echo zu spielen, das die demokratisierten Publikationsmittel erzeugen können. Ganz so als würde man in einer Bahnunterführung sehr laut rufen – und sich dann am Echo erfreuen. Es gibt dafür keine weitere Erklärung.

Theo Junior hat sich jedenfalls mit seinem unerklärlichen Ruhm arrangiert und macht jetzt das, was bekannte Menschen in sozialen Medien tun: sie zeigen sich mit anderen bekannten Menschen. In diesem Clip ist er mit Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger zu sehen.

* es scheint weiterhin Probleme mit dem Account zu geben. Zeitweilig waren die Videos nicht zu sehen

Mich faszinieren solche Geschichten – wie auch jene von der Zeile „Ich chille mit der Crew digga“ oder jene vom M to the B-Sound. Sie zeigen den Zauber dessen, was mich zu diesem Buch brachte. Darin versuche ich zu beschreiben, was nur schwer zu erklären ist: Wie Memes entstehen und warum sie sich fortführen – wie Ohrwürmer im Internet.
Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de

CDU-Connect: Anschluss verloren (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Mehr über Netzkultur gibt es in meinem Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation.

Im Lichte der aktuellen Web-Geschehnisse um die CDU muss man sagen: Der christlichen Rockmusik ist viel Unrecht getan worden. All die Witze und all der Widerspruch gegen den Versuch, Jugendkultur im Sinne einer christlichen Botschaft zu okkupieren, laufen ins Leere im Vergleich zu dem, was die CDU verdient hätte für ihren traurigen Versuch, sich an die Netzkultur anzubiedern.

Die Rede ist von der Seite @connectcdu, die auf Instagram versucht, das „Vater unser“ mit Stromgitarren zu vertonen, die CDU digital wirken zu lassen. Dabei handelt es sich – Sascha Lobo hat gerade auf der republica nochmal dran erinnert – um die Partei, die seit Jahren die Bundesregierung stellt und Digitalisierung seitdem einzig als (leeres) Versprechen versteht. Sascha sagte deshalb den schönen und merkenswerten Satz:

Es kann nach Corona nicht mehr sein, dass die Digital-Aversen, die Selbstzufriedenen, die mit dem kohlenstofflichen Status-Quo Zufriedenen dieses Land und alle kommenden Generationen aufhalten.

Dabei geht es hier gar nicht in erster Linie um die verfehlte Digitalpolitik der CDU und es geht auch nicht um den Datenskandal, der an der gleichnamigen App hängt. Es geht hier einzig und allein um den Umgang der CDU mit Memes.

Ich mag die Netzkultur, ich liebe Memes. Seit Jahren schreibe ich drüber und ich freue mich, wenn Menschen und Organisationen sie für sich entdecken – sogar wenn ich mit diesen Menschen und Organisationen nicht einer Meinung bin.

Deshalb freue ich mich, wenn die CDU die Welt der Memes entdecken will. Ich hänge nicht der Theorie von Internet-Verstehern und -Erklärern an (bewusst nicht gegendert), die das Digitale als eine Art Geheimwissen betrachten und Digital-Distinktion als Mittel der Abgrenzung brauchen. Netzkultur ist umarmend und hält sogar einen unverschämten Elon Musk aus.

Was aber schwer erträglich ist, sind Texttafeln, auf denen steht, dass ihr Verfasser sich tüchtig toll findet. Selbst wenn sie die gleiche Photoshop-Vorlage nutzen wie Beiträge der Netzkultur: Das sind keine Memes. Das ist peinlich.

Neben dem Offensichtlichsten – dem Fehlen der memetischen Verbreitung – lassen diese Beiträge den grundlegenden Zauber von Memes vermissen: die Bereitschaft zur Selbstironie. Ohne die Fähigkeit, sich zu reflektieren und womöglich über sich selbst zu lachen, wird ein Anschluss an gegenwärtige Netzkultur misslingen. Natürlich kann man auch einfach unreflektiert auf Image-Macros schreiben, dass man sich geil findet. Das ist dann aber keine Netzkultur des 21. Jahrhunderts, sondern Mackertum des 20. Jahrhunderts. Ein ironischer Umgang mit vermeintlichen eigenen Schwächen ist schon nötig, um die Sprache, den Dialekt des Digitalen zu sprechen. (die falsche Verwendung der 1 in diesem Söder-Posting hier ist für mich übrigens schwerer zu ertragen als alle Gendersterne für Friedrich Merz)

Es folgen nun die gängigsten Floskeln aus dem langsamsten Zug für digitale Kommunikation, an den man bei CDU-Connect aber offenbar trotzdem keinen Anschluss gefunden hat: Zeige dich authentisch, humorvoll und vielleicht sogar verletzlich. Lasse einen Blick hinter die Kulissen zu, sei nahbar und reflektiert.

CDU-Connect ist deshalb so ärgerlich, weil es innerhalb der Union durchaus Menschen gibt, die das verstanden haben: Norbert Röttgen hat mit seinem Ansteckringlicht im Wahlkampf um den CDU-Vorsitz einen Weg ausgeleuchtet, der genau auf diese Bereichtschaft zu Reflektion gesetzt hat. Dieses Licht bringt bei CDU-Connect aber keine Erkenntnis, es bleibt stockfinster im Rausch der Selbstbesoffenheit.

Ja, es gibt viel schlimmeren Missbrauch an der weltoffenen, verbindenden Meme-Kultur. Und ja, man kann diesen Instagram-Kanal schlicht als das betrachten, was er ist: traurig und ein wenig bemitleidenswert. Es tritt hier aber etwas anderes zu Tage: die fehlende Bereitschaft eines offiziellen CDU-Kanals, sich auf die Gepflogenheiten der digitalen Welt einzulassen. Dieses digitale Brauchtum ist nicht ausschließend, es lädt ein zur Teilhabe und dennoch wird es hier missachtet. Deshalb fällt es schwer in diesem Auftritt etwas anderes zu erkennen, als die enttäuschte Frage: Wenn die nicht mal ein paar Memes verstehen, wie wollen die Deutschland digital zukunftsfähig machen?

Norbert Röttgen formulierte das übrigens so: „Es ist nicht egal, wie wir uns selber präsentieren. Im Gegenteil: Die Menschen schauen sich an, wer macht da mit und kann ich mich mit denen identifizieren?“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Fünf Gründe, sich jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen“ (Oktober 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation bestellen.

M to the B – das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten

Wer den Namen Millie Bracewell in eine populäre Suchmaschine eingibt, bekommt relativ weit oben einen Beitrag von der BBC. Er ist wenige Stunden alt. Die anderen Ergebnisse führen (bisher) eher in die Irre. Wer jedoch nach Bella Poarch sucht, wird auf die 15 wichtigsten Fakten geleitet bzw. auf die zehn geheimen Fakten, die es über den Tiktok-Star zu wissen gibt.

Millie Bracewell und Bella Poarch haben gemeinsam das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten ins Netz gestellt. Das ist der Grund, warum man jede Menge Infos über die 19-jährige Bella Poarch findet, sie betreibt den Kanal, über den der Clip bisher fast 470 Millionen Mal angeschaut wurde. Darin ist zu sehen, wie die einen kurzen Song-Schnipsel lippensynchron nachsingt und dabei ein komisches Gesicht macht. Damit wurde sie zum Vorbild für 7,2 Millionen Videos, die ebenfalls den Sound „M to the B“ nutzen.

Als der Begriff „Sommerhit“ noch ganze Lieder meinte, hätte man damit nicht beschreiben können, was das Besondere an diesem Geräusch der Stunde ist. Das schnell wiederholte „M to the B“ ist zu einem zentralen Tiktok-Ohrwurm geworden und wird im Rückblick („bored in the house“) sicher zu den wichtigeren Geräuschen des Tiktok-Jahres 2020 zählen.

Das Besondere dabei: Bella Poarch hat mit diesem Sound eigentlich gar nichts zu tun. Er stammt aus Blackpool, wo Millie Bracewell Zuhause ist und vor vier Jahren Sprechgesang und Battle-Rap gemacht hat. Aus einem „Sends“ genannten Diss-Track in der Grime-Szene Blackpools stammt die Sequenz, die Bella Poarch jetzt webbekannt gemacht hat – ohne dass die mittlerweile 20-jährige Millie Bracewell auch nur den Hauch einer Ahnung davon hatte. Freunde hätte ihr erzählt, dass ihr Sound gerade auf Tiktok äußert populär sei, berichtet sie der BBC und daraufhin habe sie sich dort auch mal angemeldet. Und das sei ja wirklich verrückt.

Das Verückte daran ist wie bei der schönen Geschichte hinter dem Love Storys-Meme, dass hier kein Plan, keine Absicht, nicht mal eine Prognose erkennbar ist. Die „M to the B“-Geschichte scheint sich tatsächlich einfach so ergeben zu haben. Eher zufällig und weil durch das Netz die Möglichkeit zur weltweiten Vernetzung gegeben ist – und das heißt: Ein eher unbedeutender Disstrack aus dem Blackpool des Jahres 2017 kann drei Jahre später zum Tiktok-Geräusch der Stunde werden.

Musikalisch untermalt wird dieser Sound übrigens von dem Song „Skank“ von dem Projekt Bordum Beats, das der Produzent Dean Williams aus Leeds gegründet hat. „Skank“ diente als Basis für den Disstrack, den Millie Bracewell im einem Schnellrestaurant in Blackpool aufgenommen hatte. Der Song ist vor ein paar Tagen auch offiziell veröffentlicht worden – inklusive Dean Williams‘ Musik. Der BBC sagte er: „“I just loved people rapping to it, I loved hearing that. I never charged anyone. I just wanted people to have fun and enjoy what they were doing.“

Ich mag diese Geschichten, sie sind der Grund, weshalb ich mich für Meme zu begeistern begann (und dann auch dieses Buch schrieb). Sie zeigen, welcher Zauber durch die Kraft der digitalen Kopie entstehen kann – und dass es immer noch und immer wieder zufällige Hits gibt, an denen sich Menschen erfreuen können. Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de

Meme-Kultur und das Memo-Monster aus dem Weißen Haus

Ein Mann steht im Garten des Weißen Hauses und erzählt in eine Kamera was er offenbar für eine herausragende Leistung hält: dass er fünf Begriffe in der richtigen Reihenfolge aufsagen kann. Dass ihm dies auch nach einigen Minuten noch gelingt, erfüllt ihn erkennbar mit Stolz. Die Begriffe scheinen aus der ersten Lektion eines Englischbuchs zu stammen. Sie lauten „Person, woman, man, camera, TV“. Seit dieser Woche sind sie, aber nur in dieser Reihenfolge, ins webweite Vokabular der Popkultur übergegangen. Denn der Mann, der hier mit schulkindlicher Freude wieder und wieder „Person, Frau, Mann, Kamera, Fernsehen“ sagt, bekleidet ein Amt, an dem seit Jahren der Zusatz „der wichtigste Mann der Welt“ klebt. Seit dieser Woche klebt an Donald Trump die Aufzählung aus einem kognitiven Test, mit dessen Ergebnissen sich Trump selbst so beeindruckt hat, dass er in zahlreichen Interviews davon spricht.

Innerhalb von Minuten wurde Trumps Auftritt zum Rohmaterial für die Webverarbeitungsmaschine, die seit Jahren Limor Shifmans These bestätigt: „Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“: Tiktok-Parodistin Sarah Cooper, die seit ein paar Wochen mit dem lippensynchronen Nachsprechen präsidialer Merkwürdigkeiten zum bekanntesten Internet-Star des Jahres 2020 aufsteigt, zählt konzentriert und äußert humorvoll „Person, woman, man, camera, TV“. Und der britische Musikproduzent Brett Ewels erkennt als erster: In der Aufzählung steckt in Wahrheit die Reinkarnation eines Dancesongs aus dem Jahr 2001. Damals stand ein anderer Mann im Weißen Haus und hielt sich für herausragend. Als George W. Bush amerikanischer Präsident war, veröffentlichten Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo den Song „Harder, Better, Faster, Stronger“. Brett Ewels, der unter dem Namen LouisLaRoche selbst Musik macht, fügte diesen „Daft Punk“-Track nun mit den Worten des aktuellen US-Präsidenten zu einem Mashup zusammen. Das allein ist keine Meldung mehr wert, das ist Tagesgeschäft in der memifizierten Gegenwart.

Genau dadurch eröffnet es aber den Blick auf die Frage: Was unterscheidet ein gutes Mashup eigentlich von einem mäßigen?

In der Frühphase der memetischen Gegenwartskultur galt dafür stets nur ein Kriterium: Klicks und vermeintliche Reichweite. Im Fall von Brett Ewels ist dies nur ein unzureichender Maßstab, denn nach Likes und Views ist „Harder, Woman, Faster, Camera“ eher eine seltene B-Seite in der Popkultur des Web. Doch genau wie diese Fundstücke der Plattenkultur erschließt sich auch beim präsidialen Memo-Mashup der Wert erst beim genauen Hinsehenhören: „Harder, Stronger, Faster, Louder“ selbst ist nicht nur der musikalisch schönste Ausdruck der kompetitiven „schneller, größer, weiter“-Kultur, für die Trump steht und die ihn überhaupt dazu bringt, mit einer simplen Erinnerungsaufgabe angeben zu wollen. Ausgerechnet diese Begriffe zu referenzieren, ist also mehr als eine nur versteckte Botschaft, es ist, um es mit den Worten des Memo-Monsters aus dem Weißen Haus zu sagen: „amazing“. Denn der Song ist selbst schon so oft geremixt, adaptiert und referentiert worden, dass der US-amerikanische Musikkritiker Daniel Jaekins unlängst urteilte, ihm falle kaum ein Dancetrack ein, “der vergleichbar populär und einflussreich für die moderne elektronische Musik gewesen sei.“. Man kann also sagen: Ausgerechnet mit einem solch wuchtigen Song den mächtigsten Mann der Welt auszuhebeln, ist durchaus bemerkenswert.

Erscheint im September: ein neues Sachbuch über die Muster digitaler Kommunikation.

Dass Brett Ewels seinen YouTube-Clip mit den Worten kommentierte: “I made this in 30 minutes. I’m proud of my work“ ist genau in diesem Sinn zu verstehen: als eine wundervolle referenzbeladene Antwort auf die Angeberkultur aus dem Weißen Haus.

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Shruggie des Monats: #OkBoomer

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn das augenrollende Emoji einen Hashtag hätte, es wäre dieser Tage #okboomer: Ein digitales Schlagwort, um den Generationenkonflikt zu beschreiben, der spätestens seit Rezo und den Ergebnissen der Europawahl in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen ist. #okboomer entstammt dem Internet und ist allein deshalb Kandidat für den Shruggie des Monats, denn auch der ¯\_(ツ)_/¯ hat seine Quelle im Web.

Viele haben sich gefragt, wie die Reaktion der Generation „Fridays for Future“ wohl aussehen wird, wenn deren Proteste keine grundlegende Veränderungen zur Folge haben werden. Ihre Reaktion ist digital, abgrenzend und memetisch. Ihre Reaktion ist „Ok Boomer“. Mit diesen zwei Begriffen reagieren jüngere Menschen auf Belehrungen und Konfrontationen älterer Menschen, vornehmlich aus der namensgebenden Babyboomer-Generation. Taylor Lorenz hatte das Meme Ende Oktober in der New York Times massenmedientauglich gemacht: „Teenagers use it to reply to cringey YouTube videos, Donald Trump tweets, and basically any person over 30 who says something condescending about young people — and the issues that matter to them.“

Deutsche Medien zogen nach: t3n, Zeit, Welt, stern, NZZ berichten ebenfalls über den Spruch, dessen weltweite Popularität sie in einer Reaktion der Neuseeländischen Grünen-Abgeordneten Chlöe Swarbrick begründet sehen. In einem Gespräch mit dem neuseeländischen Stuff-Magazine hatte diese deutlich gemacht, dass ihre Verwendung des Begriffs sich klar darauf bezieht, dass die ältere Generation in Fragen der Umweltpolitik versagt habe – und sich nun häufig dem Dialog entzieht.

In Deutschland hat die Ok Boomer-Bewegung zwei Reaktionen hervorgerufen: auf Bento hat Marc Roehlig der älteren Generation versucht die Hand zu reichen (Wir sollten nicht „OK Boomer!“ sagen, sondern eher: „Ihr seid OK, Boomer!“) und im Tagesspiegel hat Klaus Brinkbäumer eine kleine Belehrung über englische Begriffe im Deutschen geschrieben.

Mich erinnert Okboomer vielmehr an einen Begriff, den ich in Korea gelernt habe: „teul-ttak-chung“ ist dort ein weitaus weniger charmanter Begriff für den Generationenkonflikt. Man kann das Wort mit „prothesenklapperndes Ungeziefer“ übersetzen – und so bezeichnen junge Menschen dort Vertreter*innen der älteren Generation, die sich vermeintlich weltweise über sie beugen und alles besser wissen.

Dagegen scheint mir das augenrollen der Okboomer-Bewegung im besten Wortsinn humor- und respektvoll. Zu dem Begriff hat der Psychologe Niels Van Quaquebeke auf SZ.de gerade ein interessantes Interview gegeben, das man auch mit Bezug auf den Generationenkonflikt lesen kann. Darin unterscheidet er zwei Arten von Respekt – den horizontalen und den vertikalen Respekt:

Habe ich Respekt, weil jemand etwas Besonderes leistet in einem mir wichtigen Bereich, also besser ist als ich? Das nennen wir bedingten, vertikalen Respekt. Der horizontale Respekt kommt nah an den Achtungsbegriff von Kant: Es geht darum, den anderen als gleichwürdig zu sehen. Dieser Respekt ist bedingungslos. Die einzige Kategorie, die ein Mensch dazu erfüllen muss, ist, dass er Mensch ist.

Stellt sich die Frage, was die jüngere Generation tun muss, um sich diesen Respekt zu erarbeiten und nicht von oben herab behandelt zu werden? Mit #okboomer ist ihr jedenfalls ein ganz gutes Hinweissystem geglückt.

¯\_(ツ)_/¯

UPDATE 1: Bei Übermedien liest Samira El Ouassil #OKboomer als kollektives ¯\_(ツ)_/¯

UPDATE2: digiom weist daraufhin, dass der Filter von Twitter den bestimmten Artikel „Die“ im Deutschen, mit der Englischen Aufforderung „Die“ (Stirb) verwechselt:

UPDATE 2: Schöne Rezo-Kolumne drüben bei Zeit-Online zum Thema. Mit dem richtigen Hinweis:

Die beliebte Boomerresponse auf „OK, Boomer“, wo der jeweilige Boomer dann immer glaubt, festhalten zu müssen, dass er sich selbst ja als Vater/Großvater/Arbeitnehmer/Öko/you name it sieht und eben nicht als Teil einer Generation, zeigt am Ende nur, wie nötig es ist, ihm diese Zugehörigkeit endlich mal unter die Nase zu reiben. Denn nur wer die Macht hat, kann immer bestimmten, wer er sein will. Und muss sich nicht als Teil von Ausländern/Frauen/dieser Jugend von heute/et cetera behandeln lassen.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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Grumpy Cat ist tot

Wer einen Grund zur schlechten Laune sucht, hier ist er: „Jetzt gibt es sogar schon Nachrufe auf Internet-Memes.“ Alles an dem Satz macht missmutig. Der Anlass (Grumpy Cat ist tot) und die darauf folgenden medialen Verwertungsmechanismen (Nachrufe!) laufen konsequent auf den einen Satz zu, der mit der missmutig schauenden Katze auf ewig verbunden sein wird: „I had fun once – it was awful“

Es war ein Spaß, sich an der Katze zu erfreuen, die mit einem besonders missmutigen Gesichtsausdruck beschenkt und von ihrer Besitzerin „Tadar Sauce“ getauft wurde. Doch der Spaß ist jetzt vorbei! Die vermeintlich schlechte Laune als Reaktion auf alles, war einer der ersten Running-Gags des Internets. Aus der vermeintlich guten Zeit: Früher! Eine lustige Referenz, die mit Erwartungen brach und auf gemeinsamem Vorwissen basierte. So funktionieren Memes, die Geheimsprache in der Welt, die für alle zugänglich ist. Das war mal jung und frisch und neu – und jetzt landet dieses System der Wortwitz-Bezüge in der Nachruf-Spalte. Schlimme Welt! Niedergang, Skandal, schlechte Laune!

Doch das ist das Großartige an der kleinen Katze aus Arizona: Sie hat die schlechte Laune den Schlechtgelaunten geraubt. Wann immer ein missmutiger Griesgram auftaucht, muss man an die in Wahrheit ja lustige Katze denken – und schon ist die Griesgram weniger mächtig. Das ist der Zauber der Ironie dieses Memes: man kann es nicht mit schlechter Laune betrachten.

Deshalb wird Grumpy Cat für mich immer der beste Beweis dafür bleiben, dass das Jammern über den Niedergang der Welt im Allgemeinen und über die Popularisierung von Memes im Speziellen nicht funktioniert. Es gehört zu Memes dazu, dass sie irgendwas aus der Ecke des Geheimwissens heraustreten. Und es bleibt Grundantrieb der Welt, dass sie sich ändert. So traurig der Anlass also sein mag, dass die Katze am 14. Mai verstorben ist: Dass es mittlerweile Nachrufe auf Memes gibt, ist doch in Wahrheit ein Beweis dafür, dass Fortschritt möglich ist. Und wer das nicht so sieht, darf gerne missmutig bleiben.

Hier der Beitrag zum Phänomen von vor vier Jahren aus der Serie „15 Minutes of Fame“