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Drei Dinge, die man von den Gentleminions über die so genannte Cancel Culture lernen kann

Die Minions werden gecancelt! Kinos setzten den Film wegen angeblich ungebührlichen Verhaltens junger Männern während der Vorstellung ab! Die freie Welt ist in Gefahr! EinsElfAusrufezeichen

Mit diesem Spin würde sich die Aufregungsspirale drehen, stünden nicht gelbe Zeichentrickfiguren, sondern eine politische Debatte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit (Thema bitte selbst wählen). Das Muster hinter der Aufregungs-Aufmerksamkeit weist lehrreiche Parallelen zwischen Minions und der vermeintlichen Cancel Culture auf, deshalb hier drei Lehren, die man aus dem so genannten #gentleminions-„Skandal“ für die politische Debatte ziehen kann, die auf einer so genannten Ambigutität der Aufmerksamkeit basiert.

Worum gehts?

Um wohl gekleideten jungen Männern, die nicht selten mit einer Banane in der Hemdtasche ins Kino gehen. Sie nennen sich #gentleminions, eine Wortkombination aus dem englischen Begriff Gentleman und den gelben Bananen-liebenden Hauptfiguren aus dem Film „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ – und erweisen mit ihrer Kleidung dem Mini-Boss aus dem Film eine Ehre: Felonious Gru ist in dem aktuellen Minion-Teil 11 Jahre alt und ebenfalls stets wohl gekleidet.
Der Guardian berichtet, dass die offenbar häufig auftretenen Gentleminions einen Trend bilden (viral! Tiktok!), auf den Kinos ablehnend reagieren würden. Den jungen Männern sei der Zugang zum Vorführungssaal verweigert worden – und die BBC lässt einen Kinobetreiber zu Wort kommen, der wegen des Verhaltens der Fans (gar nicht gentle) den Film vorübergehend aus dem Programm genommen habe.

Ist das schlecht für den Film? Im Gegenteil! Universal Pictures ruft den Gentleminions auf Twitter zu: Wir sehen und wir lieben euch!

Wie kann das sein? Müssten die Macher des Films nicht empört sein, weil sie gecancelt werden? Oder nützt es ihnen vielleicht, im Mittelpunkt einer solcher Debatte zu stehen?

Drei Thesen:

1. Aufmerksamkeit ist eine politische Kategorie

Was ist das Schlimmste, was einem Film oder einer politischen These im digitalen Ökosystem passieren kann? Genau: Dass niemand sie wahrnimmt, dass keine:r über sie spricht. Widerspruch oder sogar vermeintliche Negierung eines Films/einer These funktioniert wie das Pusten in die Glut: es schafft Aufregung, die zu Aufmerksamkeit führt und mit der Debatte um das angebliche Canceling genau das nicht nur verhindert, sondern ins Gegenteil verkehrt. Genau darin liegt die Ambiguität der Aufmerksamkeit: Energie fließt dorthin, wohin sich die Aufmerksamkeit richtet und sei es nur um zu warnen. Das Canceln funktioniert dabei genau wie der rosa Elefant, den ich mit der Bitte erwähne, auf keinen Fall an ihn zu denken. Was passiert? Sie werden genau das tun! Anders formuliert: Der beste Weg, um die Unsichtbarkeit zu verhindert, ist eine Debatte um die vermeintliche oder tatsächliche Unterdrückung! Deshalb lieben (nicht nur) die Minions-Macher die Debatte – sie garantiert ihnen Aufmerksamkeit!

2. Die Reihenfolge von Inhalt und Aufmerksamkeit hat sich gedreht

Ohne Aufmerksamkeit ist der Inhalt wertlos. Ein Brief ohne Adresse wird von niemandem gelesen, also muss man sich zunächst um den Umschlag, die Adresse und angemessene Frankierung kümmern. Öffentliche Debatte im 20. Jahrhundert kam ohne diese Form des Kontext aus (was man heute noch an der etwas aus der Zeit gefallenen Debattenform des offenen Briefs erkennt). Das 21. Jahrhundert hat u.a. durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie zu einer Flut an Informationen geführt – ein Ozean voller Inhalt. Wer dort jetzt weiteren Inhalt hinzugießt, fällt nicht auf. Völlig unabhängig davon, ob es Qualitätswassser ist oder nicht – es ist am Ende auch im Ozean der Informationen. Um aufzufallen, braucht es also einen auffälligen Kontext, einen Rahmen, der Interesse weckt. Wer also auf einen Briefumschlag „umstrittener Inhalt“ schreiben kann, kreiert damit einen der mächtigsten Aufmerksamkeitsmagneten, den man sich denken kann.
Im Falle der gentleminions ist es weniger kontrovers, hier kommt der popkulturelle Magnet der Meme zum Einsatz: Ein Trend! Viele Menschen! Das allein sorgt für Aufmerksamkeit.

3. Wenn alle eine Bühne haben, kann niemand gecancelt werden

Werden meine Möglichkeiten den Minions-Film zu sehen, dadurch eingeschränkt, dass in irgendeinem Kino in England eine Vorstellung ausfällt?
Natürlich nicht.
Der Film ist digital verfügbar und selbst wenn nun alle Kinos, überall auf der Welt, die Vorführung einstellen würden, wäre er ja weiterhin anschaubar. Genauso verhält es sich mit den politischen Thesen, die angeblich gecancelt werden – sie werden maximal von einer bestimmten Bühne verbannt. Das Ende des Durchschnitts hat aber eine Welt eröffnet, in der jede und jeder unzählige Bühnen haben kann. Das 21. Jahrhundert braucht nicht mehr die Mainstage auf einem Festival um Bands populär zu machen. In der Welt der massenhaften Nischen befinden sich überall Bühnen – und die angeblich unterdrückten Inhalte werden niemals völlig unterdrückt, sondern lediglich auf anderen Bühnen aufgeführt. Und zwar mit katalysierter Aufmerksamkeit: denn die Debatte bringt die Glut zum Aufflammen. Statt im Rahmen einer offiziellen Vorlesungsreihe wird ein gecancelter ausgeladener Beitrag dann halt auf YouTube verbreitet – und zwar mit einer weitaus größeren Reichweite als dies die vermeintlich offizielle Bühne jemals erreicht hätte.

Die Macher des Minions-Films haben das verstanden: es geht um Aufmerksamkeit. Wer so denkt, kommt gar nicht auf die Idee, von Cancel Culture zu sprechen. Denn Canceln kann man überhaupt nur in einer Welt, in der es nur eine Durchschnittsbühne gibt. Diese Welt existiert nicht mehr.

Mehr über Muster digitaler Kommunikation gibt es in dem gleichnamigen Buch – und in meiner Glut-Theorie der politischen Debatte aus dem Deutschlandfunk