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Gentleminions, Emmanuel, der Emu, Quer in den Westen, Tiktok-Lehrer, 10 von 10, Smypathisch (Netzkulturcharts Juli 2022)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Gentleminions 🆕

Während Deutschland über die vermeintliche Cancel Culture eines merkwürdigen Ballermann-Songs diskutiert, sind in England junge Männer unterwegs, um sich den neusten Minions-Film anzusehen. Sie nennen sich Gentleminions und kommen wohl gekleidet ins Kino – und benehmen ich daneben. Jedenfalls häuften sich zu Beginn des Monats Berichte darüber, dass dieser Netztrend dazu führt, dass Kinobetreiber:innen den Film nicht mehr zeigen (wollen). Damit landen die Gentleminions nicht nur als Trend, sondern vor allem als Symbol auf Platz eins: Denn an ihnen kann man illustrieren, dass die Rede von der Cancel Culture im digitalen Ökosystem falsch ist.

Zum Spitzenplatz trägt außerdem diese schöne Kombination mit dem weiterhin tollen Jiggle-Jiggle-Song von Voicemod bei.

Platz 2: Der rappende Lehrer von Tiktok 🆕

Svante Evenburg hat auf der Abi-Feier an seiner Schule einen beeindruckenden Freestyle-Rap aufgeführt. Das Besondere dabei: Svante Evenburg ist kein Schüler, sondern Lehrer. Wie sein Auftritt in Braunschweig zu einem viralen Tiktok-Hit werden konnte und warum er damit kaum in klassischen Medien auftaucht, habe ich mit ihm in einem kleinen Interview besprochen. Es ist illustriert auf erstaunliche Weise welche Dynamik Tiktok gerade auch auf Schulhöfen, abseits der klassischen Öffentlichkeit haben kann. Deshalb Platz 2 für die erstaunliche Freestyle-Performance.

Platz 3: Emmanuel, der Emu 🆕

Der korrekte Netzbegriff fürs Reindrängeln in ein Bild oder Video lautet: Photobomb. Seit Anfang des Monats hat ein Emu namens Emmanuel (englisch ausgesprochen) das Photobombing aber auf ein neues Level gehoben – und seine Farm im südlichen Florida webbekannt gemacht: Emmanuel drängelt sich wiederholt in Videos, die Farmbesitzerin Taylor Blake dreht, um die dort lebenden Tiere vorzustellen. Was dann passiert beschreibt der Spiegel so: „»Emmanuel!«, ruft Blake, »tu es nicht.« Ins Bild neigt sich ein Emukopf, bernsteinfarbene Knopfaugen, spitzer Schnabel, bereit, durch die Kamera zu zwicken. »EMMANUEL, TU ES NICHT!«, ruft Blake erneut, bis sich der Vogel zurückzieht. »Ich versuche hier, den Leuten etwas beizubringen«, weist sie ihn zurecht.“
Emamanuels Erfolg begann übrigens nicht auf Tiktok, sondern auf Reddit – und wurde dann über Twitter und Tiktok weitergespielt. Es ist also anzunehmen, dass der Sound („Emmanuel, don’t do it“) künftig auch unter anderen Clips zu hören sein wird.

Platz 4: Quer in den Westen 🆕

Ein junger Mann, der die Tiktok-Community auf eine Wanderung mitnehmen möchte? Das an sich ist nichts Besonders. Dass Sean, der laut eigener Aussage „vor drei Tagen mein Studium abgebrochen“ hat, aber schon am ersten Tag seine Wanderung #querindenwesten beendet hat, hat Nutzer:innen offenbar so inspiriert, dass Sean Anfang Juli zu einem viralen Hit wurde – und auch die klassischen Medien erreichte. Die Bild stellte ihn als „Deutschlands erfolgreichsten Versager“ vor und EinsLive ist mit ihm gemeinsam auf eine Wanderung gestartet.

Das ist alles herrlich belanglos und irgendwie absurd, so dass es zum perfekten viralen Sommerhit taugt. Auch wenn Sean recht professionell mit seinem Ruhm umzugehen scheint, er wird sich vermutlich nicht lang in den Charts halten.

Platz 5: Er ist ne 10, aber… (He’s a 10) 🆕

Menschen auf einer Zehner-Skala in Bezug auf ihr Aussehen zu beurteilen – und dann eine weitere Eigenschaft ergänzen, um ein erneutes Urteil abzufragen – das ist gerade ein großes Ding (nicht nur) auf Tiktok. Als Erfinderinnen dieser leicht pubertären Klassenfahrt-Spielerei gelten die Schwestern Leah und Mary Woods, die gemeinsam mit ihrer Freundin Lucy das Spiel nicht nur als erste auf Tiktok brachten, sondern sich auch als Ursprung des Trends interviewen lassen. Jessia hat daraus dann sogar einen Song gemacht – spätestens damit kommt der Trend im Juli in den Netzkulturchart auf 5/5 (oder hab ich da was falsch verstanden)

Besondere Erwähnung

War so viel los im Juli, dass Thomas Mann aus den Charts gefallen ist; also sein immer noch wunderbarere Twitter-Account, den ich im Juni vorgestellt hatte – und der mindestens eine besondere Erwähnung erhalten sollte.

Für mich der beste Weg, um auf charmante Weise in die Netzkultur auf Tiktok einzusteigen: die Clips von smypathisch. Der Kanal von Marie Lina kommentiert das (digitale) Wochengeschehen und gibt einen smypathischen Einblick ins Netz.

Es ist heiß in Deutschland – und die Tagesschau lädt die Tiktok-Community zum Duett, um die Wettervorhersage zu sprechen.

Was passiert, wenn Männer mit Periodenschmerzen konfrontiert werden? Der Tagesanzeiger berichtet über eine Aktion in Kanada.

Lubalin hat seinen Plattenvertrag seinem Erfolg auf Tiktok zu verdanken – deshalb hat Buzzfeed ein Video mit ihm gemacht. Noch besser sind aber seine Internet Drama-Clips, in denen er missglückte Online-Kommunikation vorsingt.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.


Drei Dinge, die man von den Gentleminions über die so genannte Cancel Culture lernen kann

Die Minions werden gecancelt! Kinos setzten den Film wegen angeblich ungebührlichen Verhaltens junger Männern während der Vorstellung ab! Die freie Welt ist in Gefahr! EinsElfAusrufezeichen

Mit diesem Spin würde sich die Aufregungsspirale drehen, stünden nicht gelbe Zeichentrickfiguren, sondern eine politische Debatte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit (Thema bitte selbst wählen). Das Muster hinter der Aufregungs-Aufmerksamkeit weist lehrreiche Parallelen zwischen Minions und der vermeintlichen Cancel Culture auf, deshalb hier drei Lehren, die man aus dem so genannten #gentleminions-„Skandal“ für die politische Debatte ziehen kann, die auf einer so genannten Ambigutität der Aufmerksamkeit basiert.

Worum gehts?

Um wohl gekleideten jungen Männern, die nicht selten mit einer Banane in der Hemdtasche ins Kino gehen. Sie nennen sich #gentleminions, eine Wortkombination aus dem englischen Begriff Gentleman und den gelben Bananen-liebenden Hauptfiguren aus dem Film „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ – und erweisen mit ihrer Kleidung dem Mini-Boss aus dem Film eine Ehre: Felonious Gru ist in dem aktuellen Minion-Teil 11 Jahre alt und ebenfalls stets wohl gekleidet.
Der Guardian berichtet, dass die offenbar häufig auftretenen Gentleminions einen Trend bilden (viral! Tiktok!), auf den Kinos ablehnend reagieren würden. Den jungen Männern sei der Zugang zum Vorführungssaal verweigert worden – und die BBC lässt einen Kinobetreiber zu Wort kommen, der wegen des Verhaltens der Fans (gar nicht gentle) den Film vorübergehend aus dem Programm genommen habe.

Ist das schlecht für den Film? Im Gegenteil! Universal Pictures ruft den Gentleminions auf Twitter zu: Wir sehen und wir lieben euch!

Wie kann das sein? Müssten die Macher des Films nicht empört sein, weil sie gecancelt werden? Oder nützt es ihnen vielleicht, im Mittelpunkt einer solcher Debatte zu stehen?

Drei Thesen:

1. Aufmerksamkeit ist eine politische Kategorie

Was ist das Schlimmste, was einem Film oder einer politischen These im digitalen Ökosystem passieren kann? Genau: Dass niemand sie wahrnimmt, dass keine:r über sie spricht. Widerspruch oder sogar vermeintliche Negierung eines Films/einer These funktioniert wie das Pusten in die Glut: es schafft Aufregung, die zu Aufmerksamkeit führt und mit der Debatte um das angebliche Canceling genau das nicht nur verhindert, sondern ins Gegenteil verkehrt. Genau darin liegt die Ambiguität der Aufmerksamkeit: Energie fließt dorthin, wohin sich die Aufmerksamkeit richtet und sei es nur um zu warnen. Das Canceln funktioniert dabei genau wie der rosa Elefant, den ich mit der Bitte erwähne, auf keinen Fall an ihn zu denken. Was passiert? Sie werden genau das tun! Anders formuliert: Der beste Weg, um die Unsichtbarkeit zu verhindert, ist eine Debatte um die vermeintliche oder tatsächliche Unterdrückung! Deshalb lieben (nicht nur) die Minions-Macher die Debatte – sie garantiert ihnen Aufmerksamkeit!

2. Die Reihenfolge von Inhalt und Aufmerksamkeit hat sich gedreht

Ohne Aufmerksamkeit ist der Inhalt wertlos. Ein Brief ohne Adresse wird von niemandem gelesen, also muss man sich zunächst um den Umschlag, die Adresse und angemessene Frankierung kümmern. Öffentliche Debatte im 20. Jahrhundert kam ohne diese Form des Kontext aus (was man heute noch an der etwas aus der Zeit gefallenen Debattenform des offenen Briefs erkennt). Das 21. Jahrhundert hat u.a. durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie zu einer Flut an Informationen geführt – ein Ozean voller Inhalt. Wer dort jetzt weiteren Inhalt hinzugießt, fällt nicht auf. Völlig unabhängig davon, ob es Qualitätswassser ist oder nicht – es ist am Ende auch im Ozean der Informationen. Um aufzufallen, braucht es also einen auffälligen Kontext, einen Rahmen, der Interesse weckt. Wer also auf einen Briefumschlag „umstrittener Inhalt“ schreiben kann, kreiert damit einen der mächtigsten Aufmerksamkeitsmagneten, den man sich denken kann.
Im Falle der gentleminions ist es weniger kontrovers, hier kommt der popkulturelle Magnet der Meme zum Einsatz: Ein Trend! Viele Menschen! Das allein sorgt für Aufmerksamkeit.

3. Wenn alle eine Bühne haben, kann niemand gecancelt werden

Werden meine Möglichkeiten den Minions-Film zu sehen, dadurch eingeschränkt, dass in irgendeinem Kino in England eine Vorstellung ausfällt?
Natürlich nicht.
Der Film ist digital verfügbar und selbst wenn nun alle Kinos, überall auf der Welt, die Vorführung einstellen würden, wäre er ja weiterhin anschaubar. Genauso verhält es sich mit den politischen Thesen, die angeblich gecancelt werden – sie werden maximal von einer bestimmten Bühne verbannt. Das Ende des Durchschnitts hat aber eine Welt eröffnet, in der jede und jeder unzählige Bühnen haben kann. Das 21. Jahrhundert braucht nicht mehr die Mainstage auf einem Festival um Bands populär zu machen. In der Welt der massenhaften Nischen befinden sich überall Bühnen – und die angeblich unterdrückten Inhalte werden niemals völlig unterdrückt, sondern lediglich auf anderen Bühnen aufgeführt. Und zwar mit katalysierter Aufmerksamkeit: denn die Debatte bringt die Glut zum Aufflammen. Statt im Rahmen einer offiziellen Vorlesungsreihe wird ein gecancelter ausgeladener Beitrag dann halt auf YouTube verbreitet – und zwar mit einer weitaus größeren Reichweite als dies die vermeintlich offizielle Bühne jemals erreicht hätte.

Die Macher des Minions-Films haben das verstanden: es geht um Aufmerksamkeit. Wer so denkt, kommt gar nicht auf die Idee, von Cancel Culture zu sprechen. Denn Canceln kann man überhaupt nur in einer Welt, in der es nur eine Durchschnittsbühne gibt. Diese Welt existiert nicht mehr.

Mehr über Muster digitaler Kommunikation gibt es in dem gleichnamigen Buch – und in meiner Glut-Theorie der politischen Debatte aus dem Deutschlandfunk