Alle Artikel mit dem Schlagwort “meme

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären – das Beispiel The French Dispatch

Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray (im Bild oben vlnr) sind gerade in Cannes beim Filmfest. Sie stellen den Film „The French Dispatch“ (hier der Trailer) vor, der im Oktober in die Kinos kommen soll.

Im Rahmen der Vorstellung wurde im sommerlichen Cannes ein Foto gemacht, das sich auf eine bemerkenswerte Reise durchs Netz gemacht hat. Bei mir ist es angekommen, weil FM4 es auf seinem Instagram-Kanal neu kodiert veröffentlicht hat, seinen Ursprung hat es aber wohl in diesem Vulture-Post, der dazu auffordert, sich selbst den vier Charakteren zuzuordnen (bitte unbedingt den Beitrag anschauen, weil die Nutzer:innen darunter erstaunliche Details zu Tage fördern. Warum trägt Bill Murray zum Beispiel zwei Uhren!?). Die New York Times-Redakteurin Dodai Stewart kam dann auf die Idee, die Charaktere mit Sozialen Netzwerken in Verbindung zu bringen. Ihr Beitrag von gestern abend landete dann heute Nachmittag bei FM4.

Das ist nicht nur inhaltlich super, sondern eine wunderbare Referenz der Referenz. Denn die Idee, Filmcharaktere mit dem Wesen sozialer Netzwerke in Verbindung zu bringen, war vor ein paar Jahren am Beispiel des Breakfast-Club schon mal ein kleiner Internet-Hype. Ich habe dem ein ganzes Kapitel in der Gebrauchsanweisung für das Internet gewidmet und hier darüber gebloggt.

Der Unterschied ist: im aktuellen Fall sind nicht die Filmfiguren die Referenz für das Wesen der Netzwerke, sondern die Schauspieler und die Schauspielerin. Das macht den Fall noch etwas treffender, wie ich finde. Auch wenn Facebook – in Person von Bill Murray – vermutlich zu gut weg kommt.

Alle weiteren Kommentare und Bildbeschreibungen verbieten sich, weil allein das Betrachten des 25-jährigen Timothée Chalamet, der eine Sonnenbrille tragend – als Tiktok – neben dem 26 Jahre älteren Regisseur Wes Anderson steht, aussagekräftig genug ist. Anderson wiederum trägt einen hellblauen Anzug und weiße Schuhe und entstammt erkennbar einer anderen Generation (Twitter). Tilda Swindon im blauen Anzug mit Sonnenbrille ist mit Abstand am coolsten – und Instagram. Die Kleidung des Mannes neben ihr entfaltet ihre Ironie vor allem dadurch, dass sie von Bill Murray getragen wird. Die Gegenwärtigkeit von Facebook lässt sich kaum besser illustrieren als durch Kurzarmhemd und hellbaue Shorts.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Wie Sweet Caroline zu dem Song der Europameisterschaft wurde – woah oh oh

Bevor dieser Text beginnt, möchte ich mit den Worten von Jagoda Marinić darauf hinweisen, dass diese EM nicht in einem luftleeren, unpolitischen Raum stattfindet. Dass und wie sie stattfindet, ist extrem fragwürdig: „In der UEFA und in dieser EM werden die inhumanen Werte unserer Zeit, die Rücksichtslosigkeit, das Leistungsprinzip und das Gewinnstreben so schamlos und ambivalenzbefreit gefeiert wie in wenigen anderen Bereichen.“ Denn wie Werner Bartens analysiert: „Wer das kontinentale Fußballfest zugleich zum Virenfest macht, muss sich nicht wundern, wenn bald darauf die Nachspielzeit der Pandemie beginnt.“

Aber da die EM stattfindet, inspiriert sie auch Geschichten. Eine davon will ich hier kurz erzählen.

Die vielleicht bekannteste Verbindung von Fußball, Memes und Musik verdanken wir den Fans des Club Brugge in Belgien. Sie bezeichnen sich selbst als Blue Army – und als ihre Mannschaft im Winter 2003 in der Champions League gegen den AC Mailand spielte, nutzte die Blue Army erstmals einen Song, der mittlerweile als offizieller Torjubel in den EM-Stadien eingespielt wird. So jedenfalls erzählt es dieser Clip, der sich mit dem Werdegang des „White Stripes“-Songs befasst, der so gut zu der Blue Army als Brügge passt: „Seven Nation Army“.

Zwei Jahre später spielte Brügge in Rom gegen eine andere italienische Mannschaft und brachte den Fans des AS Rom den Song mit, den diese als „Po po po po“-Song adaptierten und ebenfalls anstimmten. Als die italienischen Nationalmannschaft ein Jahr später (nach Siegen gegen sieben Nationen) in Berlin Weltmeister wurde, war Seven Nation Army ein bekannter Stadion-Song.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Geschichte dieses fussballerischen Ohrwurms sich tatsächlich genau so zugetragen hat – es ist in Wahrheit aber auch gar nicht so bedeutsam. Denn der Zauber dieser Ohrwürmer besteht genau darin, dass es nicht einen linearen Weg gibt, über den sich nachvollziehen lässt, wie sie entstehen. Man kann nur Tipping Points ausmachen, an denen im Rückblick erkennbar wird, wie die Verbreitung beschleunigt wurde (diese Referenz zum Corona-Virus und der verantwortungslosen Uefa, siehe Vorbemerkung, ist hier unumgänglich).

Außer Seven Nation Army gibt es aber noch jede Menge mehr Songs und Gesänge, die rund um den Fußball die memetische Kraft der Masse illustrieren. Bei der letzten Europameisterschaft brachte es der nordirische Stürmer Will Grigg zu einigem Ruhm, weil das Mashup „Will Grigg’s on Fire“ in zahlreichen Stadien angestimmt wurde. Der Stürmer von Wigan Athletic war nicht mal besonders gut, der Song aber so eingängig, dass er sogar auf Platz 7 der britischen Download-Charts landete. Die Vorlage für den Fußball-Gesang stammt übrigens von der italienischen Sänger Gala und heißt „Freed from Desire“, daran lohnt es zu erinnern, weil der Song auch in zahlreichen anderen Varianten zu hören ist – von Frida Gold, Drenchill ft. Indiiana und auch Jul.

Das alles sollte man wissen, wenn man nun den Soundtrack hört, den Fans der englischen Nationalmannschaft ihrem Team auf dem Weg ins Finale schenken. Es ist ein Song aus dem Jahr 1969, dessen Mitgröl-Potenzial DJ Ötzi schon vor Jahren in einer Cover-Version bewiesen hat: „Sweet Caroline“ von Neil Diamond wurde in Wembley gesungen als England Deutschland 2:0 besiegte – und er wird auch während des Halbfinals und des Finals dort angestimmt werden.

In dem Video ist zu hören, dass der Song über die Stadionlautsprecher lief. Diese „offizielle“ Beschallung trifft allerdings auf eine lange Vorgeschichte, die gerade Fußballfans auf der Insel mit diesem Song haben. Schon bei der EM 2016 konnte man „Sweet Caroline“ hören – damals von Fans Nordirlands angestimmt. Denn der Song liefert eine wunderbare „Woah oh oh“-Pause, die jede und jeder mitsingen kann, egal ob sie sich für das Konzept der abkippenden Raute oder den kippenden Rausch interessieren. Deshalb wird er seit Jahren bei Sport-Events gesungen – hier zum Beispiel im Mai 2019 in der Kabine von Aston Villa.

„Good times never seemed so good“ scheint die aktuelle Stimmung der britische Fans aber nicht nur in Bezug auf den Fußball einzufangen. Der Song, der den Zauber vom zum Sommer werdenden Frühling beschreibt, kann auch als Metapher auf die Bevölkerung gelesen werden, die sich über die Lockerungen nach der Pandemie freut.

In jedem Fall hat es der Gesang in die Berichterstattung ÜBER das Spiel geschafft – die Fans sangen so laut, dass sie im Interview mit Harry Kane am Spielfeldrand hörbar waren. Trainer Gareth Southgate erwähnte den Gesang in der Pressekonferenz und das memetische Moment erhielt massenmediale Aufmerksamkeit.

Es bleibt der Ohwurm – Whoa oh oh – der sich unplanbar und unkoordiniert verbreitet. Dass man viraler Verbreitung spricht, hat in diesem Sommer eine doppelte, bittere Ironie – es zeigt aber auch viel über die Welt der Internet-Memes und der Massenkultur des 21. Jahrhundert. In „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ schreibe ich von den Ohrwürmern des Internet und wer das Buch lesen will, kann dazu – whoa oh oh – vielleicht einfach einen Song aus dem Jahr 1969 als Soundtrack wählen.

Tut nicht auf modern – macht sich ehrlich

Gerade als ich hier über die CDU schrieb und ihren traurigen Versuch, Anschluss an die Netzkultur zu finden, schickte Yannic mir diesen Spot aus Österreich. Beworben wird ein Jugendkonto der österreichischen Sparkassen, es trägt den Namen Spark 7 und ich habe wenig über dieses Produkt rausfinden können (was soll der Name!?). Mir gefällt der Spot aber, weil er das tut, was Lucas im „Wirbt das?“-Podcast immer „Ehrlich machen“ nennt.

Dieser Werbespot referenziert Internet-Memes und akzeptiert dabei die Rolle des Absenders: die österreichische Sparkasse reflektiert sich selbt. Der Spot nimmt eine Meta-Ebene ein und thematisiert das eigene Anbiedern an Netz- und Jugendkultur. Da dabei aber Selbstironie und Referenz spür- und sichtbar werden, ist der Spot kein Fremdköper gegenwärtiger Kultur, sondern referenziell eingebunden.

Unter dem Spot auf YouTube gibt es nur drei Kommentare. Das Ziel, Nutzer:innen-Interaktion im Aufzählen der kopierten Memes zu stimulieren, wird offenbar nicht erreicht. Aber erfolgreich ist der Spot meiner Meinung nach dennoch: Hier wird Netzkultur nicht einfach adaptiert oder als Transportmittel für die eigene Werbebotschaft genutzt. Hier wird ein Bezugsrahmen gesetzt, der die eigene Rolle einbezieht. Ausgerechnet einer Sparkasse gelingt, woran die CDU scheitert: Selbstironie.

Ich schreibe das auf, weil positive Beispiele mit helfen können, die Kritik an der CDU-Kampagne in einen Kontext zu stellen. Darum geht es übrigens auch in der Sendung Breitband im Deutschlandfunk, in der ich heute über Meme spreche.

Mehr zum Thema Meme im gleichnamigen Buch („Meme – Muster digitaler Kommunikation“), mehr Werbekritik im Podcast „Wirbt das?“, in dem ich mit Lucas von Gwinner über die ungeheuerliche Wirkung von Kommunikation spreche.

Internetquatsch: Nele Hirsch über die Frage, wie sich in einer Kultur der Digitalität gute Bildung gestalten lässt

Am Wochenende twitterte die Bildungswissenschaftlerin Nele Hirsch vom eBildungsslabor: Internetquatsch ist online Dahinter steckt eine schöne Doppeldeutigkeit. Denn natürlich ist das Internet per se online. Neu ist hingegen, dass Neles pädagogisches Projekt internetquatsch.de im World Wide Web zugänglich ist. Ich habe ihr ein paar Fragen gemailt.

Warum Quatsch? All die Sachen, die du auf der Seite versammelst, sind sehr schöne Beispiele für eine völkerverbindende Netzkultur. Warum denken wir dennoch, es handele sich irgendwie um Quatsch?
Für mich ist Quatsch sehr positiv konnotiert. Bei Quatsch geht um Lachen, Spielen und Erkunden außerhalb von normierten Nützlichkeitserwägungen. Internetquatsch sind für mich demnach Anstöße zum neu und selber Denken. Zudem hat Quatsch ein verbindendes und oft auch kollaboratives Moment.

Ich selbst verwende den Begriff Internetquatsch auch oft und verstehe deshalb intuitiv deine Freude daran. Kannst Du dennoch nochmal für alle, die sich nicht so sehr für Memes und Netzkultur begeistern, zusammenfassen, was dich daran reizt?
Mich reizt daran vor allem die unglaubliche Kreativität, die darin ihren Ausdruck findet. Wie kommt zum Beispiel jemand dazu, eine Katze ins Netz zu stellen, mit der man auf Bongos und anderen Instrumenten trommeln kann?
Neben solchem Spaß ist Internetquatsch oft auch einfach wunderschön. Zum Beispiel, wenn per Zufallsgenerator Planetenbilder generiert und geteilt werden.
Und richtig großartig wird Internetquatsch mit Kollaboration. Ich liebe beispielsweise, die Sammlung von Waldgeräuschen, die Menschen auf der ganzen Welt aufgenommen und über eine Online-Karte geteilt haben. Oder das Projekt Colornames, bei dem für jede Internetfarbe eine Bezeichnung gesucht wird. Schon über 2 Millionen Farbbezeichnungen sind inzwischen eingegangen. Darunter ‚Murky Purple‘ für ein dunkles Violett oder ‚Peppermint Mints‘ für ein leuchtendes Grün.

An wen richtet sich deine Seite hauptsächlich: eher an Lernende oder eher an Lehrende? Und was sollen sie mit der Seite machen?
Gute Lehrende sind ja immer auch Lernende. In diesem Sinne hatte ich bei der Erstellung der Seite als Zielgruppe vor allem ‚lernende Lehrende‘ im Blick. Also Menschen, die neugierig darauf sind, wie sich in einer Kultur der Digitalität gute Bildung gestalten lässt.
Mit der Seite möchte ich erstens dabei unterstützen, überhaupt Einblicke in Internetquatsch zu bekommen. Denn außerhalb bestimmter Communities ist dieser ja oft eher versteckt oder unbekannt. Manchmal ist hier auch das in der Netzkultur vorherrschende Englisch eine Barriere, bei deren Überwindung ich durch die kurzen deutschsprachigen Beschreibungen helfen will.
Zweitens ergänze ich zu jeder kuratierten Quatsch-Website mögliche pädagogische Einsatzszenarien. Diese sind mit einem Zwinkersmiley versehen, denn es geht ja gerade nicht darum, die Offenheit des Internetquatsches gleich wieder in ein bestimmtes Schema oder gar in einen Lehrplan zu pressen. Gerne möchte ich damit aber beispielhaft zeigen, was damit alles möglich ist – und auf diese Weise Lust machen, eigene Ideen zur Nutzung zu entwickeln.

Ich persönlich mag die Seite „Shruggie basteln“ besonders. Dort schreibst du: „Zeitgemäße Bildung ist für alle ein Lernprozess. Wenn man also wieder mal an die Stelle kommt, wo es mehr Fragen als Antworten gibt, kann man kurz Pause machen und alle denken nach, während sie – unterstützend dazu – einen Shruggie zusammensetzen.“ Kannst du mal den pädagogischen Ansatz erklären, der dahinter und damit auch hinter dem Internetquatsch steckt?
Bei zeitgemäßer Bildung gibt nicht eine Person (meist die Lehrperson), die auf alles die Antworten hat und den Lernenden die Welt erklärt. Stattdessen geht es darum, gemeinsam zu lernen und auf diesem Weg auch neue Ideen zu entwickeln. Zeitgemäße Bildung hat in diesem Sinne ein sehr ermächtigendes Potential. Denn indem wir Lernenden ermöglichen, sich erkundend auf ihren Lernweg zu begeben, ist das Lernziel nicht mehr vorrangig eine Anpassung an bestehende Strukturen. Stattdessen lernen sie zu hinterfragen. Sie werden gefordert, bestehende Strukturen neu und anders zu denken und perspektivisch auch zu gestalten. In der Pädagogik spricht man hier von den so genannten 4K-Kompetenzen als den Schlüsselkompetenzen, die Lernende heute vor allem entwickeln sollen: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. All das steckt auch in Internetquatsch.

Wie reagierst du, wenn Pädagoginnen und Pädagogen sagen, dass das alles sehr gefährlich ist und Kinder sowieso viel zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen?
Wenn wir Kinder und Jugendliche stark machen wollen, sich gegen etwaige Gefahren zu wehren, dann müssen wir uns mit ihnen gemeinsam mit diesen Gefahren auseinandersetzen. Das gilt nicht nur für das Internet, sondern für alle gesellschaftlichen Bereiche. Wegsperren und verbieten führt stattdessen dazu, dass man Kinder und Jugendliche allein lässt. Deshalb ist das aus meiner Sicht der schlechteste Weg.

Und zur Bildschirmzeit: Es ist doch immer die Frage, was da vor dem Bildschirm gemacht wird. Netzkultur hat mit Verblödung und Passivität überhaupt nichts gemein. Ganz im Gegenteil: Wenn wir Kinder und Jugendliche dabei begleiten und unterstützen wollen, sich zu kreativen, schlauen, kommunikativen und sozialen Erwachsenen zu entwickeln, dann ist Internetquatsch dafür perfekt geeignet. Und überhaupt stammt ganz viel Internetquatsch ohnehin von Jugendlichen selbst.

Wie geht es weiter mit dem Internetquatsch? Also sowohl mit der Seite als auch mit der Netzkultur?
Netzkultur ist aus meiner Sicht gerade sehr lebendig. Ich kann mir vorstellen, dass die soziale Distanz an physischen Orten im Zuge der Corona-Pandemie dazu einiges beiträgt. Denn umso mehr freuen sich Menschen gerade in so einer Zeit, wenn das Internet für alle ein schöner, kreativer und spaßiger Ort ist.
Bei meiner Seite habe ich vor, in der nächsten Zeit jeden Tag mindestens einen weiteren Beitrag mit Internetquatsch zu teilen. Über Vorschläge freue ich mich sehr! Und dann bin ich neugierig darauf, was Menschen mit all dem Quatsch anfangen und wie sie das nutzen werden. Das Schöne am offenem Teilen ist ja gerade, dass daraus oft völlig unerwartete Ideen entstehen.

Und zum Abschluss: Was wünschst du dir in Bezug auf digitale Bildung?
In Bezug auf digitale Bildung wünsche ich mir, dass wir den Transformationsprozess als Katalysator nutzen, um Herausforderungen im Bildungssystem endlich anzugehen. Wichtige Fragen sind dazu: Wie muss Bildung gestaltet sein, dass sie soziale Ungleichheit verringert statt zu verstärken? Wie können wir Lernende dazu ermutigen, selbst zu denken statt nachzuplappern? Und wie ermöglichen wir Schulen und Lehrkräften mehr Freiräume für die Gestaltung personalisierter Lernprozesse?

Mehr unter internetquatsch.de

Dass ich mich für Internetquatsch begeistern kann, liegt auch an dem Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation, das gerade in der Reihe Digitale Bildkulturen im Wagenbach-Verlag erschienen ist. Am Mittwoch 17.3. gibt es in Berlin eine Buchpremiere – gemeinsam mit dem wunderbaren Band „Gifs“ von Tilmann Baumgärtel

Shruggie des Monats: Das Meta-Meme 2020

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Kriege ich alle Beteiligten an diesem Meta-Meme in eine Zeile? „Cat Vibing zu Trump & Biden im Ievan Polkka auf einer Trump-Pressekonferenz“ müsste dieser Beitrag eigentlich heißen, der sich auf diesen Clip hier bezieht:

Dieser kurze Clip fasst für mich so viel von diesem Jahr aus Meme-Perspektive zusammen, dass ich ihn erstens als Shruggie des Monats, aber auch als Meta-Meme des Jahres auszeichnen möchte.

Die Referenz der Referenz legt diesen Aspekt in doppeltem Sinn nahe: Hier werden so viele Bezüge auf Meme genommen, dass es kaum möglich ist an dem Clip vorbeizukommen. Und all das geschieht auf eine Shruggie-hafte Weise, die wir im Frühjahr von Sara Cooper gelernt haben – und die für das Jahr 2020 stehen wird. Denn es ist das Schlussjahr der Trump-Amtszeit – und der damit verbundenen Anspielungen, Meme und Witzchen (hoffentlich).

Beginnen wir aber mit dem Mann, der dieses Meme ermöglicht – aber gar nicht im Bild zu sehen ist: Bilal Göregen ist in diesem Clip durch Joe Biden ersetzt worden. Im Ursprungs-Clip spielt der blinde Musiker aus der Türkei aber die Trommel (Tambourin), wie er in diesem Interview erzählt. Sein Clip blieb über ein Jahr relativ unbeobachtete im Web bis jemand auf die Idee kam, den Twitch-Charakter CatJam bzw. Vibing Cat in das Video zu montieren. Die musikalische Katze taucht in zahlreichen Videos auf, wie man auf dem Twitter-Account CatVibesTo sehen kann – aber besonders populär wurde sie in Kombination mit der Ievan Polkka von Bilal Göregen.

Das alles geschah zeitlich rund um die US-Wahl so dass es wenig verwunderlich ist, dass kurz darauf die Idee ins Bild gesetzt wurde Bilal Göregen durch Joe Biden zu ersetzen: Fortan trommelt der künftige US-Präsident neben dem bisherigen – denn natürlich bietet es sich an, dass Trump-Tanz-Meme hier zu ergänzen.

Doch damit nicht genug: dieses schöne Trump/Biden-Video wird im Meta-Meme in einen Kontext eingebettet, der ebenfalls bestimmend war für das Jahr. Eine Trump-Pressekonferenz dient als Vorlage, weil wie beiden Bildschirme einfach zu schön und zu weiß darum betteln, als Vorlage genutzt zu werden. Ergänzt wird der Clip um den erneuten – quasi als Meta-Referenz zu lesenden – Auftritt von Tanz-Trump und Vibing Cat im Weißen Haus. Das ist nicht nur eine tolle Referenz an die Referenz, sondern auch ein guter Abschluss für diese merkwürdige Meme-Jahr ¯\_(ツ)_/¯.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:

Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: Wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern

Meme-Kultur und das Memo-Monster aus dem Weißen Haus

Boss-Baby Deepfake: Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des Präsidenten

Ich chille mit der Crew Digga

M to the B – das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Fünf Gründe, sich gerade jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er bezieht sich auf das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das gerade erschienen ist.

Dieser Tage beginnt der Herbst. Die Blätter verfärben sich, es regnet häufiger und es wird kälter. Unter veränderten klimatischen Bedingungen verändern sich auch unsere Kleidungsgewohnheiten. Statt zu Shorts greift man künftig zu warmen Socken – und zum guten Buch (Herbst-Symbolbild: unsplash).

Auch auf die Gefahr hin zu platt zu werden: Das digitale Ökosystem verändert Bedingungen für Kommunikation. Ich habe das am Beispiel eines Schneeballs beschrieben, der bei steigender Temperatur seinen Aggregatzustand verändert und ich glaube es gilt auch für die Prinzipien der Aufmerksamkeit und denen ihn folgenden Grundbedingungen der (politischen) Auseinandersetzung im digitalen Diskurs.

Wer verstehen will, welche Kleidung Haltung in diesem Ökosystem angemessen ist und welche Folgen die sich ändernden klimatischen Bedingungen haben, kann sich bestimmte „Muster der digitalen Kommunikation“ anschauen. Diesen Untertitel hat der Wagenbach-Verlag meinem gerade in der Digitale Bildkulturen-Reihe veröffentlichen Band „Meme“ gegeben. Das Büchlein versucht zu beschreiben, was Meme sind, weshalb sie gesellschaftspolitische Bedeutung haben und welche Schlüsse man aus der Beschäftigung mit Memen ziehen kann. Darin steckt viel mehr als der (nicht zu unterschätzende) Spaß an Internetquatsch, darin steckt eine Möglichkeit, aktuelle politische Entwicklungen besser zu verstehen.

Deshalb hier fünf Gründe, warum es sich jetzt lohnt, sich mit Memen und den ihnen zugrunde liegenden Mustern digitaler Kommunikation zu befassen:

Meme zeigen, dass …

… Kommunikation ein Prozess ist.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer im seriösen Fernsehen bemerkt, dass Friedrich Küppersbusch seit einer Weile auf YouTube eine Art Fernsehen macht, die ich als zukunftsweisend und seriös bezeichnen würde. In dieser Woche hat er dort „Die Wahrheit über Shitstorms“ thematisiert – und zwar am Beispiel eines Mannes, der im vermeintlich seriösen ARD-Fernsehen so genannte Witze machen darf und dieses Prinzip Nuhr mit Hilfe von vermeintlich provokanten Thesen am Laufen hält. Auch der selbst geglaubte Kanzlerkandidat Friedrich Merz oder der selbst geglaubte Medienerfinder Gabor Steingart bedienen sich dieser Methode, die Internet-Trolle für sie seit Jahren erprobt haben. These raushauen und im folgenden Prozess auf die Empörung der Gegenseite hoffen. Klappt so lange wie man nicht begreift: Deine Empörung ist Teil des Spiels derjenigen, über die Du dich gerade aufregst.

… Aufmerksamkeit vor dem Inhalt steht.
Die schönste und provokanteste These bleibt so lange wirkungslos, wie sie niemand aufnimmt. Anders formuliert: Es werden nur diejenigen Inhalte memefiziert, die es überhaupt wert sind, mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Wer sich schon länger im digitalen Ökosystem bewegt, weiß, dass die Kopie und die Referenz (und sei es in Form des Widerspruchs) das wichtigste Ziel ist. Man kann diese Aufmerksamkeit nicht planen, aber man kann sie provozieren – und dabei die Reaktionen einkalkulieren. Die Troll-Forscherin Whitney Phillips sagt dazu: „Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Es ist übrigens kein Zufall, dass auf Phillips‘ aktuellem Buch ein Shruggie auf dem Cover zu sehen ist ;-)

… vermeintliche Identität zu Polarisierung führt.
Sich zugehörig zu fühlen und sich damit von anderen abzugrenzen, kann als eines der Grundprinzipien von sozialen Medien gelesen werden. „Ich verstehe etwas, was du nicht verstehst“, ist zentraler Distinktions-Treiber für Internet-Memes. Diese Polarisierung basiert auf einer digitalen Vorstellung von Identität. Meme legen offen, wie diese Vorstellung mit Hilfe von auf Abgrenzung optimierten Inhalten gesteigert werden kann. Denn wenn es in einem Konflikt nicht mehr um einen Wettstreit von Meinungen geht, sondern um den Ausdruck der innersten und ureigensten Identität, dann ist ein Kompromiss nahezu unmöglich. Man kämpft nicht mehr um eine gemeinsame Lösung, sondern verteidigt das eigene Selbstbild. Meme zeigen, wie diese Polarisierung die Präferenzen verschiebt und die notwendige Trennung von Politik und Person auflöst. Dabei werden sie für einen Prozess genutzt den man – erinnert sich noch jemand an die Umweltsau – als Spektakelpolarisierung bezeichnen kann.

… Teilhabe demokratisiert wurde.
Meme gibt es nur im Plural. Weil Meme nicht von Gatekeepern oder ausgewählten Stimmen formuliert werden, sondern theoretisch von allen. Am Beispiel von Memen lässt sich zeigen, wie das theoretische Recht auf Publikationsfreiheit zu einer praktischen Herausforderung wurde. Am Beispiel von Memen lässt sich aber auch zeigen, dass darin ein wunderbarer Zauber liegt. Meme sind auch deshalb nicht prognostizierbar, weil sich in ihnen der Kontrollverlust des digitalen Ökosystems zeigt. Es wäre falsch, dies einzig zu beklagen. Hier liegt auch eine große Chance. Denn zum einen finden so Stimmen Gehör, die zuvor jahrzehntelang ungehört blieben. Zum zweiten entstehen auf diese Weise auch neue Formen der politischen Kritik, die die Möglichkeiten des digitalen Ökosystems auf neue Weise nutzen. Ich bin sehr froh, dass Sarah Coopers Trump-Kritik noch Erwähnung im Meme-Buch finden konnten, denn sie zeigt für auf erstaunliche Weise, wie Kritik auch unter den veränderten Aufmerksamkeitsbedingungen möglich ist.

… die offene Gesellschaft überlegen ist.
Meme sind nicht nur Symbol für sich veränderende Prozesse. Meme sind an sich auch Beweis dafür, dass das Internet als grenzüberschreitende Verbindung gewonnen hat. Zwar mag es auf der Anwendungs-Ebene gerade von Kräften genutzt werden, die auf Abgrenzung, Nationalismen und Hass setzen, aber in seiner Grundstruktur sind das Netz und der Netz-Humor, der sich in Memen ausdrückt, nur möglich, weil die Idee der offenen, vernetzten Gesellschaft überlegen ist. Ich beschreibe in dem Buch ausführlich, wie rechte Kräfte Pepe the Frog kaperten und in der „Der Alt-Right Komplex“ genannten Ausstellung kann man sehen, wie diese Bewegungen an Kraft gewinnen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass das Internet in seiner Grundinfrakstruktur nur möglich ist, wenn man die Ideen von Abgrenzung und Hass hinter sich lässt. Meme als Ausdruck eines verbindenen Humors machen nicht nur Freude, sie sind auch der Beweis dafür, dass das Zeitalter der Ausgrenzung vorbei sein sollte.

Das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ ist diese Woche bei Wagenbach erschienen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das genannte Meme-Buch bestellen.

Meme-Kultur und das Memo-Monster aus dem Weißen Haus

Ein Mann steht im Garten des Weißen Hauses und erzählt in eine Kamera was er offenbar für eine herausragende Leistung hält: dass er fünf Begriffe in der richtigen Reihenfolge aufsagen kann. Dass ihm dies auch nach einigen Minuten noch gelingt, erfüllt ihn erkennbar mit Stolz. Die Begriffe scheinen aus der ersten Lektion eines Englischbuchs zu stammen. Sie lauten „Person, woman, man, camera, TV“. Seit dieser Woche sind sie, aber nur in dieser Reihenfolge, ins webweite Vokabular der Popkultur übergegangen. Denn der Mann, der hier mit schulkindlicher Freude wieder und wieder „Person, Frau, Mann, Kamera, Fernsehen“ sagt, bekleidet ein Amt, an dem seit Jahren der Zusatz „der wichtigste Mann der Welt“ klebt. Seit dieser Woche klebt an Donald Trump die Aufzählung aus einem kognitiven Test, mit dessen Ergebnissen sich Trump selbst so beeindruckt hat, dass er in zahlreichen Interviews davon spricht.

Innerhalb von Minuten wurde Trumps Auftritt zum Rohmaterial für die Webverarbeitungsmaschine, die seit Jahren Limor Shifmans These bestätigt: „Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“: Tiktok-Parodistin Sarah Cooper, die seit ein paar Wochen mit dem lippensynchronen Nachsprechen präsidialer Merkwürdigkeiten zum bekanntesten Internet-Star des Jahres 2020 aufsteigt, zählt konzentriert und äußert humorvoll „Person, woman, man, camera, TV“. Und der britische Musikproduzent Brett Ewels erkennt als erster: In der Aufzählung steckt in Wahrheit die Reinkarnation eines Dancesongs aus dem Jahr 2001. Damals stand ein anderer Mann im Weißen Haus und hielt sich für herausragend. Als George W. Bush amerikanischer Präsident war, veröffentlichten Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo den Song „Harder, Better, Faster, Stronger“. Brett Ewels, der unter dem Namen LouisLaRoche selbst Musik macht, fügte diesen „Daft Punk“-Track nun mit den Worten des aktuellen US-Präsidenten zu einem Mashup zusammen. Das allein ist keine Meldung mehr wert, das ist Tagesgeschäft in der memifizierten Gegenwart.

Genau dadurch eröffnet es aber den Blick auf die Frage: Was unterscheidet ein gutes Mashup eigentlich von einem mäßigen?

In der Frühphase der memetischen Gegenwartskultur galt dafür stets nur ein Kriterium: Klicks und vermeintliche Reichweite. Im Fall von Brett Ewels ist dies nur ein unzureichender Maßstab, denn nach Likes und Views ist „Harder, Woman, Faster, Camera“ eher eine seltene B-Seite in der Popkultur des Web. Doch genau wie diese Fundstücke der Plattenkultur erschließt sich auch beim präsidialen Memo-Mashup der Wert erst beim genauen Hinsehenhören: „Harder, Stronger, Faster, Louder“ selbst ist nicht nur der musikalisch schönste Ausdruck der kompetitiven „schneller, größer, weiter“-Kultur, für die Trump steht und die ihn überhaupt dazu bringt, mit einer simplen Erinnerungsaufgabe angeben zu wollen. Ausgerechnet diese Begriffe zu referenzieren, ist also mehr als eine nur versteckte Botschaft, es ist, um es mit den Worten des Memo-Monsters aus dem Weißen Haus zu sagen: „amazing“. Denn der Song ist selbst schon so oft geremixt, adaptiert und referentiert worden, dass der US-amerikanische Musikkritiker Daniel Jaekins unlängst urteilte, ihm falle kaum ein Dancetrack ein, “der vergleichbar populär und einflussreich für die moderne elektronische Musik gewesen sei.“. Man kann also sagen: Ausgerechnet mit einem solch wuchtigen Song den mächtigsten Mann der Welt auszuhebeln, ist durchaus bemerkenswert.

Erscheint im September: ein neues Sachbuch über die Muster digitaler Kommunikation.

Dass Brett Ewels seinen YouTube-Clip mit den Worten kommentierte: “I made this in 30 minutes. I’m proud of my work“ ist genau in diesem Sinn zu verstehen: als eine wundervolle referenzbeladene Antwort auf die Angeberkultur aus dem Weißen Haus.

Mehr zum Thema:
> Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: Wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern
> Boss Baby: Deepfake Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des US-Präsidenten
> Lob der Kopie: Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern

Sie nennt sich die TikTok-Großmutter: Mary Jo Laupp ist eine ältere Nutzerin auf der Plattform, die gemeinhin als sehr jung bezeichnet wird. Frau Laupp ist aber auch auf anderen Plattformen aktiv und scheint sehr genau verstanden zu haben, wie Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter geformt wird.

Jedenfalls gilt sie als eine Urheberin eines Phänomens, das im Sinne vieler Internet-Meme gar keine singuläre Urheberschaft hat, sondern von vielen ausführt wird. Im aktuellen Fall sollte man allerdings eher sagen: von vielen nicht ausgeführt wird. Es geht um reservierte Tickets für eine Wahlkampf-Veranstaltung, die offenbar von vielen tausend jungen Trump-Gegnern bestellt aber nicht abgeholt wurden. Die Folge: Leere Ränge im und vor dem BOK Centre in Tulsa, Oklahoma, bei Trumps erstem Auftritt nach den Corona-Beschränkungen.

Tiktok-Großmutter Mary Jo Laupp hat dazu heute früh ein Video auf Tiktok gepostet, in dem sie ihrer Freude darüber Ausdruck verleiht, dass sie (und viele tausende junge Nutzer*innen) den US-Präsidenten geärgert haben: „Was habt Ihr gemacht?“ fragt sie an das Internet gerichtet. „Ernsthaft? Erinnert euch an diesen Moment. Erinnert an diese Gefühl, weil es sich nicht immer so anfühlen wird. Es wird auch Momente geben, in denen ihr frustriert seid. Aber erinnert euch daran, dass es eine Wirkung haben kann, wenn ihr eine Information verbreitet und etwas tut. Erhebt eure Stimme und hört nicht damit auf!“

Was war passiert? Donald Trump hatte sich für den ersten Wahlkampf-Auftritt nach den Corona-Beschränkungen ausgerechnet den 19. Juni ausgesucht, den so genannten Juneteenth, „der jährlich in Erinnerung an die Befreiung der afroamerikanischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten aus der Sklaverei begangen wird.“ Das ist „ein Schlag ins Gesicht der Black-Community“, kommentierte Mary Jo Laupp im Vorfeld und schlug vor: Man könne ja auf der Website zu der Veranstaltung jeweils zwei Freitickets reservieren – und anschließend einfach nicht hingehen.

Sehr viele Leute registrierten sich für die Veranstaltung. Jedenfalls twitterte der zuständige Wahlkampf-Mitarbeiter von Donald Trump „Going to be epic“. Episch waren aber offenbar nur die Anmelde- nicht die Besuchszahlen. Denn US-Medien wie die New York Times berichten heute: Sehr viele Plätze blieben leer!

Der Korrespondent der Washington Post zeigt eine deprimierend leere Bühne vor der Halle (Screenshot oben), die zusätzlich angemietet worden war, weil so viele Besucher*innen erwartet worden waren. Denn offenbar waren viele der Idee der Tiktok-Großmutter gefolgt – und hatten ihre bestellten Ticket nichts abgeholt.

Bei CNN kommt eine Wahlkampf-Mangerin von Trump zu Wort, die dieses Verhalten für wenig ungewöhnlich erklärt: „Linke machen das oft“, sagt sie und dann sinngemäß: Das schadet uns gar nicht, wir bekommen lediglich ihre Kontaktinformationen.

Die Öffentlichkeit (in der SZ schreibt der Kollege Thorsten Denkler von einem Neustart der Peinlichkeiten) und vor allem Tiktok-Nutzerschaft sowie die Tiktok-Großmutter scheinen das anders zu sehen. Seit Mary Jo Laupp heute Nacht ihren Clip gepostet hat, gibt es schon jede Menge so genannte Duette auf Tiktok, in denen sehr positiv auf sie Bezug genommen wird.

Mehr über Trump-Kritik auf Tikotok in diesem Text über Sarah Coopers Lipsync-Protest

UPDATE: Auf Twitter weist die Autorin Claire Ryan in einem lesenswerten Thread darauf hin, dass die ungenutzten Anmeldungen nicht nur zu leeren Plätzen in der Arena geführt haben können, sondern vor allem die für Marketing bedeutsame Unterstützer-Datenbank nachhaltig versaut haben könnten. Sie geht davon aus, dass die angeblichen Trump-Interessierten temporäre Mailadressen und Google-Voice-Nummer eingetragen haben und somit nun in großer Zahl in der Datenbank stehen, die Trump für den Kontakt zu seinen tatsächlichen Unterstützer*innen benötigt. Ihr Fazit: „you don’t know how fucking genius this is“

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Betonen wir auf unterschiedlichen sozialen Netzwerken unterschiedliche Aspekte unserer Persönlichkeit? Diese Frage hat die Country-Sängerin Dolly Parton in dieser Woche auf Instagram gestellt. Sie hat sie nicht wörtlich formuliert, sondern in Form von vier Porträts gestellt, die jeweils typische Posen für LinkedIn, Facebook, Instagram und Tinder darstellen sollen. Sehr viele Menschen haben diese Frage aufgenommen und ebenfalls Bilder gepostet, die zu den Netzwerken passen. Dolly Parton Challenge heißt das ganze und mein SZ-Magazin-Kollege Marc Baumann hat ein paar Hintergründe dazu notiert.

Mich erinnert diese Challenge an den Film Breakfast Club. Der Film von John Hughes aus dem Jahr 1985 war nämlich vor ein paar Jahren schon mal so eine Art filmische Dolly-Parton-Challenge. Einem Reddit-Nutzer war aufgefallen, dass die Hauptfiguren des Films erstaunliche Ähnlichkeit zu den Charakteren haben, die man auf bestimmten sozialen Netzwerken findet. Sport-Ass Andrew (Facebook), die Prinzessin Claire (Instagram), die Außenseiterin Allison (Tumblr), der Rebell John (Twitter) und der Streber Brian (LinkedIn) tauchen deshalb auch in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ auf. Ich illustriere an ihnen und ihrer Geschichte wie die Netzwerke sich positionieren. Im Buch heißt es:

„Ich habe die Analogie zum Film Breakfast Club auch deshalb gewählt, weil er zeigt, dass es gewisse Konstanten in der Jugendkultur gibt. Die Schülertypen aus dem Jahr 1985 finden sich auch im Jahr 2018 wieder. Im Umgang mit Social Media wird allerdings immer mal wieder die These aufgestellt, das Internet stelle die Identitätsbildung der Jugend völlig auf den Kopf. Urs Gasser und John Palfrey stellen in ihrem Buch Generation Internet dazu fest: »Natürlich verändert das Internet nicht alles grundlegend. So hat sich der Begriff der Identität durch das Internet nicht entscheidend verändert. Ebenso sind nicht sämtliche seiner Auswirkungen für uns gänzlich neu oder unbekannt. In gewisser Weise ähnelt das Wesen der Identität im Internetzeitalter also dem in unserer agrarischen Vergangenheit. Persönliche Identität bleibt weitgehend das, was sie einst war. Und sogar die erhöhte Dynamik hinsichtlich der sozialen Identität im Internetzeitalter birgt noch immer bestimmte Parallelen zu den Veränderungsprozessen der Vergangenheit.« Dennoch gibt es, so analysieren die Wissenschaftler, erstaunliche Transformationen: »Die Veränderungen hinsichtlich der sozialen Identität sind dabei weitaus größer als in Bezug auf die persönliche Identität.« Denn durch die sogenannten sozialen Netzwerke ist es möglich, seine persönliche Identität stärker als zuvor in den sozialen Austausch mit anderen treten zu lassen“

Mein persönlicher Beitrag zur Dolly-Parton-Challenge steht übrigens drüben auf Instagram – und ist inspiriert vom Shruggie, der Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“

Musik als Meme und Mashup: Was der Sommerhit „Old Town Road“ übers Internet erzählt

Ich habe den Verdacht bei der Analyse der musikalischen Jahresrückblicke 2018 schon mal geäußert: Die Spitze der Charts ist zwar populär, aber nicht zwingend bekannt. Man kann das jetzt gerade an einem Lied sehen, das die allermeisten Menschen für den Sommerhit 2019 halten. Es ist ein Song, der vor ein paar Tagen rekordausgezeichnete 143 Millionen Mal pro Woche gestreamt wurde. Er stand mehrere Wochen in Deutschland an der Spitze der Charts und in den USA noch immer. Und trotzdem ist der Song in meinem Umfeld nahezu unbekannt. Ich glaube allerdings, dass das weniger über mein Umfeld als über das sich ändere Pop-Umfeld aussagt – wie hier am Beispiel von RAF Camora schon mal erläutert.

Das Besondere an Old Town Road, das selbst ein Remix der 2018 produzierten Vorlage ist, ist nicht nur, dass Miley Cyrus‘ Vater, der Country-Sänger Billy Ray Cyrus mitsingt. Es ist die durch und durch digitale Darstellungs- und Distributionsform (dass der Erfolg von Lil Nas X auch Auslöser für größere Debatten in den USA war, hat Jan Kedves hier in der SZ aufgeschrieben). Das Lied, das u.a. ein Banjo-Sample aus dem Nine-Inch-Nails-Song „34 Ghosts IV“ nutzt, verbreitete sich fast schon wie ein Meme durchs Netz. Es wurde zur Vorlage für eine Challenge auf Tiktok, über die Alyssa Abereznak in einer lesenswerten Analyse schrieb:

The song’s Wild West imagery struck a chord among its young users, inspiring them to include it in 15-second challenge videos where they cosplayed as cowboys. The groundswell of enthusiasm on the social network bled out into the public and eventually launched the song to the top of the Billboard Hot 100 chart.

An dieser Chartspitze steht Old Town Road noch immer und schickt sich an zum erfolgreichsten Song in der Geschichte der Billboard-Charts nach dem 1942-Hit „White Christmas“ zu werden. Daran ist nicht nur interessant, dass ihm dieses Kunststück quasi abseits einer Aufmerksamkeit in den Bereichen gelingt, die man früher Mainstream genannt hätte. Der Erfolg basiert neben der memetischen Verbreitung in z.B. Tiktok auch auf dem Prinzip der Kopie und des Remixes. Heute wurde der 79ste Remix des Liedes veröffentlichte, zu dem Rapper Lil Nas X das Versprechen twittert, dies sei nun aber versprochen der letzte Remix.

Erstaunlich ist dieser angeblich letzte Remix weil er von jemanden gefertigt wurde, der im deutschen Mainstream noch unbekannter ist, dem Song aber einen enormen Schub garantieren wird. Es handelt sich um den Rapper Kim Nam Joon, der unter dem Namen RM Kopf der K-Popband BTS ist. Die Boyband ist nicht nur in Südkorea äußerst populär und wird mit dem Remix, der den Namen Seoul Town Road trägt und ein südkoreanisches Gartenwerkzeug namens Homi referenziert, dafür sorgen, dass Lil Nas X auch in Asien noch bekannter wird.

Diese Form des musikalischen Netzwerks ist nachvollziehbar, sie zeigt aber vor allem sehr konkret, wie die Digitalisierung eine Entwicklung beschleunigt hat, die man als Weg vom Werk zu Netzwerk bezeichnen kann. Es geht nicht mehr einzig um den Song, der als unveränderliches Werk in der Mitte stehen soll, es geht um das Netzwerk und die Bezüge drumherum. Es wird kopiert und referenziert, um Bekanntheit in unterschiedlichen Märkten zu schaffen. Die Kopie als Treiber der Remix-Kultur ist selbstverständliche Grundlage des Erfolgs. Keiner der Beteiligten will die Kopie bekämpfen, es geht im Gegenteil darum, möglichst viele Kopien und Remixes zu fertigen, weil diese Aufmerksamkeit nach sich ziehen.

Und dass all das nahezu abseits dessen stattfindet, was man mal als Mainstream bezeichnet hat, macht die drei digitalen Lehren aus „Old Town Road“ noch interessanter:

1. Die Kopie ist die Grundlage digitaler Kultur
2. Kultur verflüssigt sich, besteht immer mehr aus Referenzen
3. Die Idee von Mainstream löst sich dabei auf.