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Fünf Gründe, sich gerade jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er bezieht sich auf das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das gerade erschienen ist.

Dieser Tage beginnt der Herbst. Die Blätter verfärben sich, es regnet häufiger und es wird kälter. Unter veränderten klimatischen Bedingungen verändern sich auch unsere Kleidungsgewohnheiten. Statt zu Shorts greift man künftig zu warmen Socken – und zum guten Buch (Herbst-Symbolbild: unsplash).

Auch auf die Gefahr hin zu platt zu werden: Das digitale Ökosystem verändert Bedingungen für Kommunikation. Ich habe das am Beispiel eines Schneeballs beschrieben, der bei steigender Temperatur seinen Aggregatzustand verändert und ich glaube es gilt auch für die Prinzipien der Aufmerksamkeit und denen ihn folgenden Grundbedingungen der (politischen) Auseinandersetzung im digitalen Diskurs.

Wer verstehen will, welche Kleidung Haltung in diesem Ökosystem angemessen ist und welche Folgen die sich ändernden klimatischen Bedingungen haben, kann sich bestimmte „Muster der digitalen Kommunikation“ anschauen. Diesen Untertitel hat der Wagenbach-Verlag meinem gerade in der Digitale Bildkulturen-Reihe veröffentlichen Band „Meme“ gegeben. Das Büchlein versucht zu beschreiben, was Meme sind, weshalb sie gesellschaftspolitische Bedeutung haben und welche Schlüsse man aus der Beschäftigung mit Memen ziehen kann. Darin steckt viel mehr als der (nicht zu unterschätzende) Spaß an Internetquatsch, darin steckt eine Möglichkeit, aktuelle politische Entwicklungen besser zu verstehen.

Deshalb hier fünf Gründe, warum es sich jetzt lohnt, sich mit Memen und den ihnen zugrunde liegenden Mustern digitaler Kommunikation zu befassen:

Meme zeigen, dass …

… Kommunikation ein Prozess ist.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer im seriösen Fernsehen bemerkt, dass Friedrich Küppersbusch seit einer Weile auf YouTube eine Art Fernsehen macht, die ich als zukunftsweisend und seriös bezeichnen würde. In dieser Woche hat er dort „Die Wahrheit über Shitstorms“ thematisiert – und zwar am Beispiel eines Mannes, der im vermeintlich seriösen ARD-Fernsehen so genannte Witze machen darf und dieses Prinzip Nuhr mit Hilfe von vermeintlich provokanten Thesen am Laufen hält. Auch der selbst geglaubte Kanzlerkandidat Friedrich Merz oder der selbst geglaubte Medienerfinder Gabor Steingart bedienen sich dieser Methode, die Internet-Trolle für sie seit Jahren erprobt haben. These raushauen und im folgenden Prozess auf die Empörung der Gegenseite hoffen. Klappt so lange wie man nicht begreift: Deine Empörung ist Teil des Spiels derjenigen, über die Du dich gerade aufregst.

… Aufmerksamkeit vor dem Inhalt steht.
Die schönste und provokanteste These bleibt so lange wirkungslos, wie sie niemand aufnimmt. Anders formuliert: Es werden nur diejenigen Inhalte memefiziert, die es überhaupt wert sind, mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Wer sich schon länger im digitalen Ökosystem bewegt, weiß, dass die Kopie und die Referenz (und sei es in Form des Widerspruchs) das wichtigste Ziel ist. Man kann diese Aufmerksamkeit nicht planen, aber man kann sie provozieren – und dabei die Reaktionen einkalkulieren. Die Troll-Forscherin Whitney Phillips sagt dazu: „Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Es ist übrigens kein Zufall, dass auf Phillips‘ aktuellem Buch ein Shruggie auf dem Cover zu sehen ist ;-)

… vermeintliche Identität zu Polarisierung führt.
Sich zugehörig zu fühlen und sich damit von anderen abzugrenzen, kann als eines der Grundprinzipien von sozialen Medien gelesen werden. „Ich verstehe etwas, was du nicht verstehst“, ist zentraler Distinktions-Treiber für Internet-Memes. Diese Polarisierung basiert auf einer digitalen Vorstellung von Identität. Meme legen offen, wie diese Vorstellung mit Hilfe von auf Abgrenzung optimierten Inhalten gesteigert werden kann. Denn wenn es in einem Konflikt nicht mehr um einen Wettstreit von Meinungen geht, sondern um den Ausdruck der innersten und ureigensten Identität, dann ist ein Kompromiss nahezu unmöglich. Man kämpft nicht mehr um eine gemeinsame Lösung, sondern verteidigt das eigene Selbstbild. Meme zeigen, wie diese Polarisierung die Präferenzen verschiebt und die notwendige Trennung von Politik und Person auflöst. Dabei werden sie für einen Prozess genutzt den man – erinnert sich noch jemand an die Umweltsau – als Spektakelpolarisierung bezeichnen kann.

… Teilhabe demokratisiert wurde.
Meme gibt es nur im Plural. Weil Meme nicht von Gatekeepern oder ausgewählten Stimmen formuliert werden, sondern theoretisch von allen. Am Beispiel von Memen lässt sich zeigen, wie das theoretische Recht auf Publikationsfreiheit zu einer praktischen Herausforderung wurde. Am Beispiel von Memen lässt sich aber auch zeigen, dass darin ein wunderbarer Zauber liegt. Meme sind auch deshalb nicht prognostizierbar, weil sich in ihnen der Kontrollverlust des digitalen Ökosystems zeigt. Es wäre falsch, dies einzig zu beklagen. Hier liegt auch eine große Chance. Denn zum einen finden so Stimmen Gehör, die zuvor jahrzehntelang ungehört blieben. Zum zweiten entstehen auf diese Weise auch neue Formen der politischen Kritik, die die Möglichkeiten des digitalen Ökosystems auf neue Weise nutzen. Ich bin sehr froh, dass Sarah Coopers Trump-Kritik noch Erwähnung im Meme-Buch finden konnten, denn sie zeigt für auf erstaunliche Weise, wie Kritik auch unter den veränderten Aufmerksamkeitsbedingungen möglich ist.

… die offene Gesellschaft überlegen ist.
Meme sind nicht nur Symbol für sich veränderende Prozesse. Meme sind an sich auch Beweis dafür, dass das Internet als grenzüberschreitende Verbindung gewonnen hat. Zwar mag es auf der Anwendungs-Ebene gerade von Kräften genutzt werden, die auf Abgrenzung, Nationalismen und Hass setzen, aber in seiner Grundstruktur sind das Netz und der Netz-Humor, der sich in Memen ausdrückt, nur möglich, weil die Idee der offenen, vernetzten Gesellschaft überlegen ist. Ich beschreibe in dem Buch ausführlich, wie rechte Kräfte Pepe the Frog kaperten und in der „Der Alt-Right Komplex“ genannten Ausstellung kann man sehen, wie diese Bewegungen an Kraft gewinnen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass das Internet in seiner Grundinfrakstruktur nur möglich ist, wenn man die Ideen von Abgrenzung und Hass hinter sich lässt. Meme als Ausdruck eines verbindenen Humors machen nicht nur Freude, sie sind auch der Beweis dafür, dass das Zeitalter der Ausgrenzung vorbei sein sollte.

Das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ ist diese Woche bei Wagenbach erschienen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das genannte Meme-Buch bestellen.

Meme-Kultur und das Memo-Monster aus dem Weißen Haus

Ein Mann steht im Garten des Weißen Hauses und erzählt in eine Kamera was er offenbar für eine herausragende Leistung hält: dass er fünf Begriffe in der richtigen Reihenfolge aufsagen kann. Dass ihm dies auch nach einigen Minuten noch gelingt, erfüllt ihn erkennbar mit Stolz. Die Begriffe scheinen aus der ersten Lektion eines Englischbuchs zu stammen. Sie lauten „Person, woman, man, camera, TV“. Seit dieser Woche sind sie, aber nur in dieser Reihenfolge, ins webweite Vokabular der Popkultur übergegangen. Denn der Mann, der hier mit schulkindlicher Freude wieder und wieder „Person, Frau, Mann, Kamera, Fernsehen“ sagt, bekleidet ein Amt, an dem seit Jahren der Zusatz „der wichtigste Mann der Welt“ klebt. Seit dieser Woche klebt an Donald Trump die Aufzählung aus einem kognitiven Test, mit dessen Ergebnissen sich Trump selbst so beeindruckt hat, dass er in zahlreichen Interviews davon spricht.

Innerhalb von Minuten wurde Trumps Auftritt zum Rohmaterial für die Webverarbeitungsmaschine, die seit Jahren Limor Shifmans These bestätigt: „Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“: Tiktok-Parodistin Sarah Cooper, die seit ein paar Wochen mit dem lippensynchronen Nachsprechen präsidialer Merkwürdigkeiten zum bekanntesten Internet-Star des Jahres 2020 aufsteigt, zählt konzentriert und äußert humorvoll „Person, woman, man, camera, TV“. Und der britische Musikproduzent Brett Ewels erkennt als erster: In der Aufzählung steckt in Wahrheit die Reinkarnation eines Dancesongs aus dem Jahr 2001. Damals stand ein anderer Mann im Weißen Haus und hielt sich für herausragend. Als George W. Bush amerikanischer Präsident war, veröffentlichten Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo den Song „Harder, Better, Faster, Stronger“. Brett Ewels, der unter dem Namen LouisLaRoche selbst Musik macht, fügte diesen „Daft Punk“-Track nun mit den Worten des aktuellen US-Präsidenten zu einem Mashup zusammen. Das allein ist keine Meldung mehr wert, das ist Tagesgeschäft in der memifizierten Gegenwart.

Genau dadurch eröffnet es aber den Blick auf die Frage: Was unterscheidet ein gutes Mashup eigentlich von einem mäßigen?

In der Frühphase der memetischen Gegenwartskultur galt dafür stets nur ein Kriterium: Klicks und vermeintliche Reichweite. Im Fall von Brett Ewels ist dies nur ein unzureichender Maßstab, denn nach Likes und Views ist „Harder, Woman, Faster, Camera“ eher eine seltene B-Seite in der Popkultur des Web. Doch genau wie diese Fundstücke der Plattenkultur erschließt sich auch beim präsidialen Memo-Mashup der Wert erst beim genauen Hinsehenhören: „Harder, Stronger, Faster, Louder“ selbst ist nicht nur der musikalisch schönste Ausdruck der kompetitiven „schneller, größer, weiter“-Kultur, für die Trump steht und die ihn überhaupt dazu bringt, mit einer simplen Erinnerungsaufgabe angeben zu wollen. Ausgerechnet diese Begriffe zu referenzieren, ist also mehr als eine nur versteckte Botschaft, es ist, um es mit den Worten des Memo-Monsters aus dem Weißen Haus zu sagen: „amazing“. Denn der Song ist selbst schon so oft geremixt, adaptiert und referentiert worden, dass der US-amerikanische Musikkritiker Daniel Jaekins unlängst urteilte, ihm falle kaum ein Dancetrack ein, “der vergleichbar populär und einflussreich für die moderne elektronische Musik gewesen sei.“. Man kann also sagen: Ausgerechnet mit einem solch wuchtigen Song den mächtigsten Mann der Welt auszuhebeln, ist durchaus bemerkenswert.

Erscheint im September: ein neues Sachbuch über die Muster digitaler Kommunikation.

Dass Brett Ewels seinen YouTube-Clip mit den Worten kommentierte: “I made this in 30 minutes. I’m proud of my work“ ist genau in diesem Sinn zu verstehen: als eine wundervolle referenzbeladene Antwort auf die Angeberkultur aus dem Weißen Haus.

Mehr zum Thema:
> Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: Wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern
> Boss Baby: Deepfake Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des US-Präsidenten
> Lob der Kopie: Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern

Sie nennt sich die TikTok-Großmutter: Mary Jo Laupp ist eine ältere Nutzerin auf der Plattform, die gemeinhin als sehr jung bezeichnet wird. Frau Laupp ist aber auch auf anderen Plattformen aktiv und scheint sehr genau verstanden zu haben, wie Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter geformt wird.

Jedenfalls gilt sie als eine Urheberin eines Phänomens, das im Sinne vieler Internet-Meme gar keine singuläre Urheberschaft hat, sondern von vielen ausführt wird. Im aktuellen Fall sollte man allerdings eher sagen: von vielen nicht ausgeführt wird. Es geht um reservierte Tickets für eine Wahlkampf-Veranstaltung, die offenbar von vielen tausend jungen Trump-Gegnern bestellt aber nicht abgeholt wurden. Die Folge: Leere Ränge im und vor dem BOK Centre in Tulsa, Oklahoma, bei Trumps erstem Auftritt nach den Corona-Beschränkungen.

Tiktok-Großmutter Mary Jo Laupp hat dazu heute früh ein Video auf Tiktok gepostet, in dem sie ihrer Freude darüber Ausdruck verleiht, dass sie (und viele tausende junge Nutzer*innen) den US-Präsidenten geärgert haben: „Was habt Ihr gemacht?“ fragt sie an das Internet gerichtet. „Ernsthaft? Erinnert euch an diesen Moment. Erinnert an diese Gefühl, weil es sich nicht immer so anfühlen wird. Es wird auch Momente geben, in denen ihr frustriert seid. Aber erinnert euch daran, dass es eine Wirkung haben kann, wenn ihr eine Information verbreitet und etwas tut. Erhebt eure Stimme und hört nicht damit auf!“

Was war passiert? Donald Trump hatte sich für den ersten Wahlkampf-Auftritt nach den Corona-Beschränkungen ausgerechnet den 19. Juni ausgesucht, den so genannten Juneteenth, „der jährlich in Erinnerung an die Befreiung der afroamerikanischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten aus der Sklaverei begangen wird.“ Das ist „ein Schlag ins Gesicht der Black-Community“, kommentierte Mary Jo Laupp im Vorfeld und schlug vor: Man könne ja auf der Website zu der Veranstaltung jeweils zwei Freitickets reservieren – und anschließend einfach nicht hingehen.

Sehr viele Leute registrierten sich für die Veranstaltung. Jedenfalls twitterte der zuständige Wahlkampf-Mitarbeiter von Donald Trump „Going to be epic“. Episch waren aber offenbar nur die Anmelde- nicht die Besuchszahlen. Denn US-Medien wie die New York Times berichten heute: Sehr viele Plätze blieben leer!

Der Korrespondent der Washington Post zeigt eine deprimierend leere Bühne vor der Halle (Screenshot oben), die zusätzlich angemietet worden war, weil so viele Besucher*innen erwartet worden waren. Denn offenbar waren viele der Idee der Tiktok-Großmutter gefolgt – und hatten ihre bestellten Ticket nichts abgeholt.

Bei CNN kommt eine Wahlkampf-Mangerin von Trump zu Wort, die dieses Verhalten für wenig ungewöhnlich erklärt: „Linke machen das oft“, sagt sie und dann sinngemäß: Das schadet uns gar nicht, wir bekommen lediglich ihre Kontaktinformationen.

Die Öffentlichkeit (in der SZ schreibt der Kollege Thorsten Denkler von einem Neustart der Peinlichkeiten) und vor allem Tiktok-Nutzerschaft sowie die Tiktok-Großmutter scheinen das anders zu sehen. Seit Mary Jo Laupp heute Nacht ihren Clip gepostet hat, gibt es schon jede Menge so genannte Duette auf Tiktok, in denen sehr positiv auf sie Bezug genommen wird.

Mehr über Trump-Kritik auf Tikotok in diesem Text über Sarah Coopers Lipsync-Protest

UPDATE: Auf Twitter weist die Autorin Claire Ryan in einem lesenswerten Thread darauf hin, dass die ungenutzten Anmeldungen nicht nur zu leeren Plätzen in der Arena geführt haben können, sondern vor allem die für Marketing bedeutsame Unterstützer-Datenbank nachhaltig versaut haben könnten. Sie geht davon aus, dass die angeblichen Trump-Interessierten temporäre Mailadressen und Google-Voice-Nummer eingetragen haben und somit nun in großer Zahl in der Datenbank stehen, die Trump für den Kontakt zu seinen tatsächlichen Unterstützer*innen benötigt. Ihr Fazit: „you don’t know how fucking genius this is“

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Betonen wir auf unterschiedlichen sozialen Netzwerken unterschiedliche Aspekte unserer Persönlichkeit? Diese Frage hat die Country-Sängerin Dolly Parton in dieser Woche auf Instagram gestellt. Sie hat sie nicht wörtlich formuliert, sondern in Form von vier Porträts gestellt, die jeweils typische Posen für LinkedIn, Facebook, Instagram und Tinder darstellen sollen. Sehr viele Menschen haben diese Frage aufgenommen und ebenfalls Bilder gepostet, die zu den Netzwerken passen. Dolly Parton Challenge heißt das ganze und mein SZ-Magazin-Kollege Marc Baumann hat ein paar Hintergründe dazu notiert.

Mich erinnert diese Challenge an den Film Breakfast Club. Der Film von John Hughes aus dem Jahr 1985 war nämlich vor ein paar Jahren schon mal so eine Art filmische Dolly-Parton-Challenge. Einem Reddit-Nutzer war aufgefallen, dass die Hauptfiguren des Films erstaunliche Ähnlichkeit zu den Charakteren haben, die man auf bestimmten sozialen Netzwerken findet. Sport-Ass Andrew (Facebook), die Prinzessin Claire (Instagram), die Außenseiterin Allison (Tumblr), der Rebell John (Twitter) und der Streber Brian (LinkedIn) tauchen deshalb auch in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ auf. Ich illustriere an ihnen und ihrer Geschichte wie die Netzwerke sich positionieren. Im Buch heißt es:

„Ich habe die Analogie zum Film Breakfast Club auch deshalb gewählt, weil er zeigt, dass es gewisse Konstanten in der Jugendkultur gibt. Die Schülertypen aus dem Jahr 1985 finden sich auch im Jahr 2018 wieder. Im Umgang mit Social Media wird allerdings immer mal wieder die These aufgestellt, das Internet stelle die Identitätsbildung der Jugend völlig auf den Kopf. Urs Gasser und John Palfrey stellen in ihrem Buch Generation Internet dazu fest: »Natürlich verändert das Internet nicht alles grundlegend. So hat sich der Begriff der Identität durch das Internet nicht entscheidend verändert. Ebenso sind nicht sämtliche seiner Auswirkungen für uns gänzlich neu oder unbekannt. In gewisser Weise ähnelt das Wesen der Identität im Internetzeitalter also dem in unserer agrarischen Vergangenheit. Persönliche Identität bleibt weitgehend das, was sie einst war. Und sogar die erhöhte Dynamik hinsichtlich der sozialen Identität im Internetzeitalter birgt noch immer bestimmte Parallelen zu den Veränderungsprozessen der Vergangenheit.« Dennoch gibt es, so analysieren die Wissenschaftler, erstaunliche Transformationen: »Die Veränderungen hinsichtlich der sozialen Identität sind dabei weitaus größer als in Bezug auf die persönliche Identität.« Denn durch die sogenannten sozialen Netzwerke ist es möglich, seine persönliche Identität stärker als zuvor in den sozialen Austausch mit anderen treten zu lassen“

Mein persönlicher Beitrag zur Dolly-Parton-Challenge steht übrigens drüben auf Instagram – und ist inspiriert vom Shruggie, der Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“

Musik als Meme und Mashup: Was der Sommerhit „Old Town Road“ übers Internet erzählt

Ich habe den Verdacht bei der Analyse der musikalischen Jahresrückblicke 2018 schon mal geäußert: Die Spitze der Charts ist zwar populär, aber nicht zwingend bekannt. Man kann das jetzt gerade an einem Lied sehen, das die allermeisten Menschen für den Sommerhit 2019 halten. Es ist ein Song, der vor ein paar Tagen rekordausgezeichnete 143 Millionen Mal pro Woche gestreamt wurde. Er stand mehrere Wochen in Deutschland an der Spitze der Charts und in den USA noch immer. Und trotzdem ist der Song in meinem Umfeld nahezu unbekannt. Ich glaube allerdings, dass das weniger über mein Umfeld als über das sich ändere Pop-Umfeld aussagt – wie hier am Beispiel von RAF Camora schon mal erläutert.

Das Besondere an Old Town Road, das selbst ein Remix der 2018 produzierten Vorlage ist, ist nicht nur, dass Miley Cyrus‘ Vater, der Country-Sänger Billy Ray Cyrus mitsingt. Es ist die durch und durch digitale Darstellungs- und Distributionsform (dass der Erfolg von Lil Nas X auch Auslöser für größere Debatten in den USA war, hat Jan Kedves hier in der SZ aufgeschrieben). Das Lied, das u.a. ein Banjo-Sample aus dem Nine-Inch-Nails-Song „34 Ghosts IV“ nutzt, verbreitete sich fast schon wie ein Meme durchs Netz. Es wurde zur Vorlage für eine Challenge auf Tiktok, über die Alyssa Abereznak in einer lesenswerten Analyse schrieb:

The song’s Wild West imagery struck a chord among its young users, inspiring them to include it in 15-second challenge videos where they cosplayed as cowboys. The groundswell of enthusiasm on the social network bled out into the public and eventually launched the song to the top of the Billboard Hot 100 chart.

An dieser Chartspitze steht Old Town Road noch immer und schickt sich an zum erfolgreichsten Song in der Geschichte der Billboard-Charts nach dem 1942-Hit „White Christmas“ zu werden. Daran ist nicht nur interessant, dass ihm dieses Kunststück quasi abseits einer Aufmerksamkeit in den Bereichen gelingt, die man früher Mainstream genannt hätte. Der Erfolg basiert neben der memetischen Verbreitung in z.B. Tiktok auch auf dem Prinzip der Kopie und des Remixes. Heute wurde der 79ste Remix des Liedes veröffentlichte, zu dem Rapper Lil Nas X das Versprechen twittert, dies sei nun aber versprochen der letzte Remix.

Erstaunlich ist dieser angeblich letzte Remix weil er von jemanden gefertigt wurde, der im deutschen Mainstream noch unbekannter ist, dem Song aber einen enormen Schub garantieren wird. Es handelt sich um den Rapper Kim Nam Joon, der unter dem Namen RM Kopf der K-Popband BTS ist. Die Boyband ist nicht nur in Südkorea äußerst populär und wird mit dem Remix, der den Namen Seoul Town Road trägt und ein südkoreanisches Gartenwerkzeug namens Homi referenziert, dafür sorgen, dass Lil Nas X auch in Asien noch bekannter wird.

Diese Form des musikalischen Netzwerks ist nachvollziehbar, sie zeigt aber vor allem sehr konkret, wie die Digitalisierung eine Entwicklung beschleunigt hat, die man als Weg vom Werk zu Netzwerk bezeichnen kann. Es geht nicht mehr einzig um den Song, der als unveränderliches Werk in der Mitte stehen soll, es geht um das Netzwerk und die Bezüge drumherum. Es wird kopiert und referenziert, um Bekanntheit in unterschiedlichen Märkten zu schaffen. Die Kopie als Treiber der Remix-Kultur ist selbstverständliche Grundlage des Erfolgs. Keiner der Beteiligten will die Kopie bekämpfen, es geht im Gegenteil darum, möglichst viele Kopien und Remixes zu fertigen, weil diese Aufmerksamkeit nach sich ziehen.

Und dass all das nahezu abseits dessen stattfindet, was man mal als Mainstream bezeichnet hat, macht die drei digitalen Lehren aus „Old Town Road“ noch interessanter:

1. Die Kopie ist die Grundlage digitaler Kultur
2. Kultur verflüssigt sich, besteht immer mehr aus Referenzen
3. Die Idee von Mainstream löst sich dabei auf.

Shruggie des Monats: die Zehn-Jahres-Challenge

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn tatsächlich alles immer schneller und unübersichtlicher wird, dann ist das Veröffentlichen zehn Jahre alter Bilder vielleicht mehr als ein kurzlebiger Trend. Vielleicht ist die Tenyears-Challenge, die gerade Bildpaare aus den Jahren 2009 und 2019 in die Timelines spült, der Versucht, Übersicht zu schaffen. Oder Ordnung. Oder zumindest sowas wie digitale Historizität. Man setzt ins Bild, was Facebook seit einer Weile mit dem „heute vor x-Jahren“-Hinweis erzeugen will: ein Gefühl für die Zeitverfluggeschwindigkeit (Foto: Unsplash)

Die Geschichte des Memes illustriert einige Reflexe in der digitalen Wahrnehmungswelt: vom Aufkommen des Trends, über verstärkende mediale Berichte, die lautstarke Warnungen (Vorsicht: Gesichtserkennung!) und ähnlich laute, aber abschwächende Antworten (Hat Facebook überhaupt nicht mehr nötig). Aus mindestens zwei Gründen eignet sich die Dekaden-Challenge (die in Wahrheit natürlich keine wirkliche Herausforderung ist) als Shruggie-Referenz.

Zum ersten beweist sie: Man kann auch zu früh dran sein mit einer guten Idee. 2018 hat der Shruggie eine Art Zehn-Jahres-Challenge gestartet. Für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ bot er ein Zehn-Jahres-Abo an – leider nicht mit ausreichendem Erfolg. Und nur wenige Monate später spricht das Netz von nichts anderem mehr: die 10-Years-Challenge liefert gerade (unter unterschiedlichen Schlagworten) einen Überblick über optische Veränderungen der vergangenen zehn Jahre. Genau diesen Blick wollte der Shruggie 2018 auch eröffnen – nicht nur optisch.

Damit sind wir beim zweiten Grund, weshalb die Tenyears-Challenge zum ersten Shruggie des Monats 2019 taugt: Sie beweist nämlich wie nah zehn Jahre in Wahrheit ist. Eine Dekade klingt nach irrer zeitlicher Distanz, die Fotos zeigen aber: Zehn Jahre vergehen schneller als man denkt.

Der Shruggie lädt nun dazu ein, den Blick nach vorne zu richten. 2029 ist näher als man denkt. Wie wird die Welt dann sein? Welchen Fortschritt haben wir erzielt? Der Shruggie sieht in den Fotos, die gerade hochgeladen werden, deshalb vor allem eins: den Impuls, an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Denn es geht schneller als man denkt, da laden die Menschen des Jahres 2029 ihre Doppelbilder auf die Social-Media-Plattformen der Zukunft.

Was für eine Zukunft wird das sein? Arbeiten wir dran ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Meme in den Unterricht! Das Tincon-Zeugnis

Ich durfte heute in meiner Funktion als Phänomeme-Blogger auf der Tincon sprechen. Es ging um Internet-Quatsch, Meme und den aktivsten Teil der Popkultur: die Netzkultur. Es war ein Spaß und alles prüfungsrelevant. Teilnehmer*innen können sich unten ihr Zeugnis herunterladen!

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Verbunden mit dem Zeugnis ist eine Forderung, die ich den jugendlichen Besucher*innen der Tincon mit auf den Weg gegeben habe: Ich finde, Meme gehören in den Unterricht, Internet-Quatsch gehört auf den Lehrplan!

„Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“, schreibt Limor Shifman in ihrem Buch „Meme – Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter“ und Felix Stalder spricht in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kultur der Digitalität“ gar von einer „digitalen Volkskultur des Remix und Mashups“(…), die „von unzähligen Personen mit sehr unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Anspruch betrieben“ wird. „Die Gemeinsamkeit mit der traditionellen Volkskultur, im Gesangsverein oder anderswo, liegt darin, dass Produktion und Rezeption, aber auch Reproduktion und Kreation weitgehend zusammenfallen.“

Weil ich das genau so sehe, halte ich es für überfällig, diese digitale Volkskultur auch auf den Lehrplan zu heben. Egal ob in Heimat- und Sachkunde (Mein Zuhause ist das Internet), in Geschichte oder womöglich gar in einem eigenen Fach – es ist dringend nötig, die Kultur des Netzes auch im Unterricht zu behandeln. Mit der gleichen Berechtigung, mit der Schüler*innen Musikinstrumente im Schulunterricht einsetzen, sollen sie auch digitale Kreativitätsinstrument (Mashup, Remix, Referenz) in der Schule kennenlernen.

Vielleicht wird das unten stehende Zeugnis, das Tincon-Teilnehmer*innen ausdrucken und ausfüllen können, ein erster Schritt zur inhaltlichen Digitalisierung des Lehrplans. Vielleicht gehen sie mit dem Zeugnis zu ihren Lehrer*innen und fordern eine inhaltliche Digitalisierung des Unterrichts ein.

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PDF-Download

Mehr zum Thema Internet-Quatsch auch auf Phänomeme.de – wo auch der Begriff Phänomeme erklärt ist

Kontexte brechen: Wie Internet-Meme die Remixkultur demokratisieren – und jetzt auch das Fernsehen verändern

Im Rahmen der Eröffnung des Remixmuseum Anfang Mai in Berlin wurde auch das Buch „Generation Remix“ vorgestellt, das Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch zusammengstellt haben. Neben Beiträgen von Cornelia Sollfranck, Till Kreutzer und Lawrence Lessig enthält „Generation Remix“ auch einen Text von mir, den ich hier dokumentiere – weil das Buch jetzt auch als Print-Version erhältlich ist.

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Es gab mal eine Zeit, da wurde Fernsehen, das frech sein wollte, vor allem mit Hilfe von ahnungslosen Passanten gemacht. Moderatoren, die von der Kritik anschließend als „respektlos“ bezeichnet wurden, lauerten ihnen auf und stellten merkwürdige Fragen. Dieses Prinzip hat sich weitgehend überlebt – Fernsehen, das wirklich als frech gelten kann, bedient sich heute bei Methoden des Web, genauer gesagt: bei Internet-Memen.

Respektlosigkeit gilt dabei nicht mehr dem ahnungslosen Passanten auf der Straße, sondern dem Kontext. Mit dem zu spielen, ihn zu verändern und zu zerstören ist oberste Pflicht und Freude der Remixkultur, deren populärste und drängendste Form sich aktuell im Netz findet. Unter dem von Richard Dawkins geprägten Begriff der Meme ist eine digitale Ausprägung der Volkskunst entstanden, die den Remix demokratisiert hat. Der Biologe Dawkins übertrug schon in den 1980er Jahren die Idee der Gene auf die Welt der Ideen und Trends. Als Internet-Meme beschreibt man deshalb Inhalte, die sich schnell und wie von alleine durch das Netz bewegen. Sie werden kopiert, verändert und so schnell weitergereicht, dass man nicht mehr sagen kann, wer sie eigentlich erfunden hat. So wie der Ostfriesenwitz in der analogen Welt in immer neuen Spielarten weitererzählt wurde, finden sich heute ständig neue Meme im Netz: Bilder, Sätze oder Töne, die in neue Zusammenhänge gestellt und von den zu Nutzern gewandelten Zuschauern weitergereicht werden. Jeder kann zum Sender werden – das ist der bedeutsame Antrieb für die virale Verbreitung von Memen. Wie mächtig diese für die jüngste Form der Popkultur sind, sieht man zum Beispiel daran, dass das Fernsehen sie nun entdeckt.

In Amerika nutzen Late-Night-Talker wie Jimmy Kimmel oder Jimmy Fallon das Prinzip des kalkulierten Kontext-Bruchs und seiner viralen Verbreitung schon länger für ihre Fernsehsendungen. Kimmel sorgte zum Beispiel 2013 mit einem inszenierten Twerking-Video für sehr große Aufmerksamkeit. Der Fernsehmoderator inszenierte dabei einen Unfall einer jungen Frau, die beim aufreizenden Po-Wackeln (Twerking) sehr kunstvoll stürzt und dabei Feuer fängt. Die Bilder des vermeintlichen Missgeschicks verbreiteten sich in hoher Geschwindigkeit durchs Netz. Menschen sahen die missglückte Tanzeinlage, adaptierten sie zum Teil und teilten sie in sozialen Netzwerken. Die Filmsequenz wurde zum animierten Gif kondensiert. In diesem Retro-Format werden bewegte Bilder leicht teilbar gemacht und so auf erstaunliche Art geadelt. Als der professionell erstellte, aber zufällig wirkende Youtube-Clip die Grenze von zehn Millionen Aufrufen überschritt, löste Fernsehmoderator Kimmel auf, dass er hinter dem Tanzfilmchen steckt. Er hatte die Stuntfrau Daphne Avalon beauftragt und mit ihr gemeinsam die Weböffentlichkeit an der Nase herumgeführt – man könnte sagen gehackt.

„Wir haben das Magische passieren lassen“, kommentierte Kimmel anschließend nicht ohne Selbstlob. Und in der Tat war ihm etwas Besonderes geglückt: Er hatte keine ahnungslosen Passanten in der Fußgängerzone in die Irre geführt, sondern mit den gängigen Mechanismen der Web-Öffentlichkeit gespielt. Das ist auch deshalb spannender, weil es das Risiko des Scheiterns in sich trägt. Es war aber erst der Anfang: Während der Winterspiele in Sotschi hackte Kimmel gemeinsam mit der US-amerikanischen Rennrodlerin Kate Hansen nicht nur das Web, sondern auch das Fernsehen selber. Hansen hatte in seinem Auftrag einen Film ins Netz gestellt, der vermeintlich ihren Hotelflur in Russland zeigt, auf dem ein freilaufender Wolf zu sehen ist. Nachdem zahlreiche Sender den Clip der Sportlerin gezeigt hatten, löste Kimmel auf: Die Szene wurde in seinem Studio mit dem dressierten Wolf Rugby gedreht. Allein der Auflösungsclip brachte es auf fast zwei Millionen Aufrufe im Netz.

Im deutschen Fernsehen adaptiert eine Sendung diese Prinzipien am besten, die Jan Böhmermann nicht durch Zufall gerne als „im zweiten deutschen Internet“ anmoderiert: Das von ihm gestaltete „Neo Magazin“ im ZDF-Spartenkanal „ZDF neo“ bedient sich kenntnis- und facettenreich der Mem- und Remixkultur. Böhmermann verwendet nicht nur oberflächlich durch einen wöchentlich wechselnden Hashtag zur Sendung die Mechanismen des Web, er hat vor allem deren Grundbedingungen verstanden: den Kontextbruch. Die beiden vermutlich populärsten Szenen der ersten Staffel des Neo-Magazins sind als direkte Referenz auf Jimmy Kimmel und als Hochamt der Remix- und Memkultur zu lesen. Zunächst versammelte Böhmermann für seine „Hymne auf die 90er“ bekannte Akteure des Jahrzehnts zu einem musikalischen und popkulturellen Remix auf vier Minuten Länge. Dabei werden nicht nur unterschiedliche Songs verbunden und vermischt, der Clip ist selber so reich an Referenzen und Adaptionen auf die Popkultur der 1990er Jahre, dass er eine eigene wissenschaftliche Untersuchung rechtfertigen würde. Noch bekannter wurde aber Böhmermanns Hack der Pro7-Sendung „TV Total“ von Stefan Raab. Hier gelang es den Machern des Neo-Magazins, eine vermeintliche Sequenz aus dem chinesischen Fernsehen in Raabs Sendung zu schmuggeln. Es handelt sich um eine Kopie des Formats „Blamieren oder Kassieren“, das in „TV Total“ von Elton moderiert wird. Die angebliche Kopie aus China moderiert ein asiatisch aussehender Mann, der von albernen Stofftieren unterstützt wird. Die erfundene Sequenz wurde im Programm von Pro7 gesendet und Raab und Elton spielten sie als „Blamielen odel kassielen“ nach. Dass Raab – der mit der Verwendung von Filmschnipseln, die er in neue Kontexte übertrug bekannt wurde – sich dabei selbst blamierte, machte den Fernseh-Hack nur noch lustiger. Böhmermann löste die Remixattacke eine Woche später in seiner Sendung auf.
Die Referenz zu Jimmy Kimmel ist klar erkennbar und sie steht für eine Tendenz, die Vertreter der reinen Lehre der Memkultur durchaus mit Sorge betrachten: Die Massenkultur des Fernsehens beugt sich mit großem Brennglas über die Remixkultur der Netznischen. Das mag entzündend wirken, kann aber zu einem Ausbrennen der ursprünglichen Ansätze führen. Zumal diese einen Teil ihrer Motivation stets auch daraus zogen, eben nicht von der Popkultur des Mainstream verstanden zu werden. Wie eine Geheimsprache wurden Formulierungen oder Begriffe zum Erkennungszeichen derjenigen, die Bescheid wissen. Das geheime Wissen um Katzenbilder oder Slang-Ausdrücke wird nun von der Massenkultur des Fernsehens aufgesogen, die lediglich die Idee von Straßenfegern des Schwarz-Weiß-Fernsehens auf die Kultur der Timelines übertragen wollen.

Dabei geht es bei der Remixkultur der Mem-Welt um viel mehr als um Reichweite. Wie in jeder Form der Populärkultur geht es um Identität, Teilhabe und Verstandenwerden. Distinktion funktioniert in dieser Form aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Wird diese überschritten, muss man neue Nischen finden, die nur den Wissenden bekannt sind. Das führt zum Beispiel dazu, dass es in dem bekannten Webboard reddit mittlerweile eine „true reddit“-Abteilung gibt. Sozusagen ein „Früher war alles besser“ des Web.

Dass die Wege aber vermutlich kaum dorthin zurück führen, gilt fürs Web wie fürs TV. Die Aufgabe der Zukunft ist es vielmehr, die Demokratisierung der Remixkultur zu begleiten. Denn dadurch, dass allen gleichermaßen die Möglichkeiten zum Kontextbruch zur Verfügung stehen, befinden sie sich nun auch im Portfolio der Werbeindustrie. Diese folgt der Verlockung der Reichweite, die in der viralen Verbreitung steckt, und begibt sich damit auf spannendes Terrain. Denn außer der Chance, dass viele zu Sendern der eigenen Botschaft werden, bietet das Remix-Web für die Werbenden eben auch das Risiko des Kontrollverlusts: Wo viele zu Sendern werden, werden auch viele zu möglichen Remixern – die Botschaften rekombinieren und rekontextualisieren und Werbetreibende auch sehr ärgern können. Wenn man so will: Die Rache der Web-Passanten am frechen Fernsehen der Vergangenheit.

genremix Der Text stammt aus dem Buch „Generation Remix“ von Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch (Hrsg.). Die Bezüge zur Netz-Kultur stammen aus dem Blog Phänomeme, das ich für die Süddeutsche Zeitung betreibe. Hintergründe zu der Idee Recht auf Remix und dem virtuellen Remix-Museum gibt es auf den Seiten. Im Phänomeme-Blog habe ich zudem einen Text geremixt, der sich mit der wachsenden Bedeutung der Meme befasst.

Warum ich über Phänomeme blogge

Es verändert sich gerade etwas im Internet. Das ist ein absonderlicher Satz, weil sich ja ständig was ändert. Die Entwicklung, die ich zu beobachten glaube, ist aber etwas tiefgreifender als der stete Wandel im Web. Es ist vielleicht nur ein Trend, aber es ist erkennbar: Die Prinzipien der Phänomeme ziehen Kreise.

buzzfeed

Was ich damit meine: Die Netzkultur und deren Verbreitungsmechanismen setzen sich auch in vermeintlich seriösen Bereichen durch. Das beste Beispiel dafür liefert aktuell Buzzfeed, die BNW-Nachrichtensite, die Nachrichten „sozial“ machen will:

Buzzfeed steht für ein Segment im Nachrichtengeschäft, das Peretti als BWN beschreibt: “Bored at Work Network” steht für die Haltung seiner Leser, die gelangweilt in der Arbeit vor einem Bildschirm hocken und nach Ablenkung suchen. Dieses Grundgefühl ist einer der Hauptantriebe für den Erfolg von Internet-Phänomemen und es beschreibt die Haltung, aus der heraus Peretti das Nachrichtengeschäft betreib

Ich notierte dies in dem kleinen Internet-Memeblog, das ich seit einer Weile für die SZ führe. Es trägt den programmatischen Titel „Phänomeme“ und befasst sich mit Ausnahmeerscheinungen der Netzkultur. Bekannte Beispiele wie das Gangnam-Style Mem oder der Harlem Shake sind dabei nur die Oberfläche einer tiefgreifenden Veränderung der Netzkultur:

Zappeln als Distinktion steht nicht nur als globale Gruppendynamik für eine neue kulturelle Ordnung. Der Harlem Shake verschiebt auch die gelernten Muster von Popularität und Wertschöpfung.
(…)
Beim Aufkommen der Popmusik gab es im Klischee überzeichnete Plattenbosse, die an den Erfolgen und der Hysterie um ihre plötzlich populären Stars verdient haben. Es ist nicht so, dass heute nichts verdient würde, die Muster und die Nutznießer sind allerdings mittlerweile andere. Der Harlem Shake zeigt auch das.

Das Verständnis sozialer Nachrichten, das man bei Buzzfeed pflegt, die Entwicklung der Seite Upworthy und die genannten Meme stehen für diesen Wandel. Da ich diesen schon seit einer kleinen Weile auf Phänomeme begleite (am Wochenende die 30.000-Tumblr-Follower-Grenze überschritten), erschien es mir an der Zeit, auch hier mal auf das Blog und den zugehörigen Twitter-Account zu verweisen.