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Lob der Kopie: Tommi Schmitt macht Meta-Tiktok mit Tommilosophy

Der erfolgreichste Podcast in Tiktok und Insta-Reels? Vermutlich Gemischtes Hack mit Tommi Schmitt und Felix Lobrecht. Jedenfalls gibt es auf beiden Plattformen unzählige Beiträge, die von kurzen Monologen von Tommi Schmitt aus Gemischtes Hack unterlegt sind. Der Podcaster und Fernsehmoderator macht sich dabei „Sinngedanken“ über „die zweite Ebene“ und „die gute Zeit“ – und liefert damit eines der bekanntesten deutschsprachigen Beispiele für ein Phänomen, das ich unlängst als Inspirational Audio Quotes bezeichnet habe.

Seit Anfang des Jahres geistern diese Sinngedanken durch Tiktok und Instagram und ich habe mich schon gefragt, ob oder wie die Podcaster darauf reagieren werden (Buch mit Julia Engelmann?)


Heute startet die erste reguläre Folge der dritten Staffel von Studio Schmitt und Tommi Schmitt eröffnet diese gemeinsam mit seinem Sidekick Gregor Ryl mit einer der tollsten Meta-Selbstkopien seit langem: eine Art Lipsync-Video zu seinem eigenen Sound gemacht.

In der ZDF-Mediathek trägt die kurze Sequenz einen Titel, zu dem es noch keinen einzigen Google-Treffer gibt: Tommilosophy

Das ist ein schöner Name für ein noch schöneres Phänomen. Denn in dem Clip sieht man Schmitt wie er seine eigenen Worte, die aus dem Podcast in Tiktok und Reels wanderten, zurückerobert indem er sich selbst synchronisiert. Das ist nicht nur eine wunderbare Form der Selbstkopie, sondern auch sowas wie Next-Level-Tiktok: die Meta-Ebene!

Dass er dabei gedankenversunken die Taschenbuchausgabe von „Das Cafe am Rande der Welt“ in der Hand hält und dass Ryl auf einem Radiogerät (nennt man das so?) rumdrückt und dann ausgerechnet das allgegenwärtige Tiktok „Oh No“ erzeugt, sind wunderbare kleine Details (übrigens wer sich dafür interessiert, kann hier nachlesen, dass der Sound ein Sample aus dem Jahr 1964 ist, in dem die Band The Shangri-Las in dem Song Remember (Walking in the sand) nutzten) – an denen ich mich sehr freuen kann.

Besonders macht dieser Einstieg für mich aber der doppelte Kontextbruch des Originalsounds. Denn natürlich können die Sinngedanken nur deshalb im Opener der Sendung auftauchen, weil sie vorher in anderen Kontexten zweckentfremdet wurden. Die Kopie hat ihnen also einen Aspekt hinzugefügt, durch den der völlig gleiche Inhalt einen neuen Wert bekommt. Dass dies doppelt ironisch gebrochen wird, indem Schmitt sich selbst persifliert, kommt noch hinzu und sorgt auf der Oberfläche für den Witz. In der Tiefe seiner Gedanke liegt aber der Beweis für das Lob der Kopie. Erst durch den Kontextbruch und die Rück-Referenz kann hier was Neues entstehen – und zwar (nix gegen die Tommilosophy) völlig unabhängig vom Inhalt.

Ich kann mich für so etwas begeistern seit ich 2011 das Lob der Kopie schrieb. Hier im Blog sammle ich seit dem kleine und größere Besonderheiten, die zeigen, warum die Kopie lobenswert ist. Einmal im Monat notiere ich hier zudem, was mir im Netz besonders gefällt.

In Kategorie: DVG

Wordle, Birds Aren’t Real, The Photo, Captain-Pfeifen, Emotional Damage, Eltern vs Kinder (Netzkulturcharts Januar)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Wordle 🆕

Fünf Buchstaben, sechs Versuche – das sind die Eckdaten für den Frühjahrs-Hype des Jahres 2022 im Netz: Wordle ist ein schlichtes Wortratespiel, dessen Ergebnis-Quadrate derzeit alle Timelines in grün, gelb und grau erstrahlen lassen (siehe Bild rechts). Wer einen richtigen Buchstaben errät, erhält ein gelbes Feld, wenn dieser auch noch auf der richtigen Stelle steht, erstrahlt das Feld grün. Mit diesen Hinweisen muss täglich ein – und nur ein – Wort erraten werden. Im WDR hat Dennis Horn den Hype erklärt und das deutschsprachige Angebote Wordle.at empfohlen. Das englischsprachige Original wurde im vergangenen Oktober von Josh Wardle gemeinsam mit seiner Freundin Palak Shah erfunden. In diesem Slate-Interview spricht er über den erstaunlichen Erfolg des Spiels, der unter anderem mit der Verlinkung in einem New York Times-Newsletter und Neuseeland zu tun hatte. Die NYT wiederum widmete sich in einer eigenen Hymne dem Spiel, das vor allem deshalb so toll ist, weil es so schlicht und so wenig auf den Hype hin erstellt wurde. Deshalb muss man genau diesen genau jetzt loben!

Platz 2: Birds Aren’t Real 🆕

Anfang Dezember machte die große Internetkultur-Übersetzerin Taylor Lorenz den Künstler und selbst-inszenierten Aktivisten Peter McIndoe auch außerhalb des Webs sehr bekannt: Lorenz stellte sein Projekt „Birds Aren’t Real“ in einem großen Porträt vor – und damit in den Mittelpunkt zahlreicher Folge-Berichte. Kern von McIndoes Idee: Er imitiert die Erzählmuster von Verschwörungsmythen und behauptet, die Vögel am Himmel seien in Wahrheit staatliche Überwachungsdrohnen. Als das Magazin Vice Anfang des Jahres „Die Wahrheit über Birds Aren’t Real“ in einer Dokumentation zeigt, reagiert McIndoes mit einem faszinierende Videoclip, in dem er behauptet der „Deep State“ habe nun „die Medien“ aktiviert. Für mich ist das ganze Projekt nicht nur äußerst erstaunlich, sondern auch die beste Medienkompetenz-Schulung seit langem. In jedem Fall wird es den Hype um Wordle überdauern – Platz 2 in den Charts mit deutlichem Dauerbrenner-Potenzial.

Platz 3: GPOY – THE Photo / DAS Foto 🆕

Ist das dort rechts das Foto einer Bibliothek? Mit das Foto meine ich: die in Pixel gegossene perfekte Vorstellung einer Bibliothek – als solche beschreibt die New York Times das Foto, das Don Winslow Anfang des Jahres sehr zur Freude von Twitter postete. Es ist die perfekte Illustration für einen Trend, der Tiktok dieser Tage beschäftigt – und der schon vor Jahren auf Tumblr als „gratuitous picture of yourself“ verhandelt wurde: Das GPOY ist „the photo you use for everything that doesn’t just perfectly capture your essence, but also seems to emphasize your best qualities“. Im Falle der oben zitierten Bibliothek ist das perfekte Foto übrigens eine reine Dokumentation, denn die Bibliothek existiert nicht mehr.

Platz 4: Captain-Pfeifen 🆕

Zwei bewährte und schöne Trends kombiniert der „Captain“-Move, mit dem sich Tiktok-Nutzer:innen dieser Tage verschwinden lassen (ob er so heißt, ist noch nicht klar zu benennen). Nach dem alten Wenn-dann-Prinzip, das man von Reaction-Gifs kennt (letztere hat das Magazin Vice übrigens gerade als „alt“ bezeichnet), nutzen sie den Sound einer Flöte aus dem Song von Nutcase22, um ihr Verschwinden in bestimmten Situationen zu zeigen. Wenn das passiert – mit einer Flötenbewegung illustriertes Pfeifen – dann verschwinde ich (Schnitt auf das Setting ohne Hauptperson) – das lässt sich in unendlichen Kombinationen spielen, wie man im Harald-Lesch „Wunderbare Frage“-Trend gesehen hat.

Platz 5: Eltern-Kinder auf Tiktok 🆕

Nahezu unbemerkt von den so genannte klassischen Medien findet gerade auf den so genannten sozialen Medien eine Art Wettstreit der Generationen statt: Alt vs. jung und jung vs. alt ist das immerwährende Motiv in zahlreichen Clips, die die Eigenheiten der jeweils anderen Generation „auf Korn nehmen“. So jedenfalls würde es der Alman-Vater sagen, den der Radiomoderator Paulomuc beispielsweise immer wieder zur Aufführung bringt. Clms Brock hat seine Vater-Parodie jetzt sogar mit einem Merch-Pulli versehen.
Aber es geht natürlich auch umgekehrt: Nicole DeRoy, die sich selbst als Tiktok-Mom beschreibt, hat ihren 14-jährigen Sohn 2021 so perfekt parodiert, dass ihr Clip nicht nur viral ging, sondern vom deutschen Tiktok-User Jucki Ha auch originalgetreu ins Deutsche übertragen wurde. Es ist also anzunehmen, dass hier noch jede Menge Generationen-Spaß zu erwarten ist.

Besondere Erwähnung

Nur knapp am Einzug in die Top5 gescheitert, ist der „Emotional Damage“-Trend – was mir allerdings äußerst passend erscheint. Denn genau darum geht es ja bei dem wiederholten „Emotional Damage“-Ausruf des Comedian Steven He: um den Umgang mit niederschmetternden Begebenheiten ;-)

Nachzutragen aus dem Jahr 2021 ist noch der Erfolg von Achim Reichelts „Aloha Heja He“ im interaktions Web in China (Der Rolling Stone fasst zusammen). Außerdem empfehle ich die Vokabeln, die Johannes Kuhn im Internet-Observatiorium zusammenfasst.
Ebenfalls neu lernen musste und durfte ich den Begriff „Bootega Boots“, den Dardan & Nino in ihrem Song B I B O (Blood in Blood out) so ohrwurmtauglich rappen, dass Tiktok einen schönen Trend draus gemacht hat:

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: DVG

Impfverweigerung als Identität – fünf Muster memetische Politik

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

In dieser Folge beschreibe ich Kommunikationsmuster hinter dem Prinzip der Impfverweigerung. Inhaltlich bin ich fürs Impfen (hier die wichtigsten Gründe zum Nachlesen) und halte auch nichts davon, emotionale Ablehnung und wissenschaftlichen Studien in der öffentlichen Debatte gleichberechtigt vorzustellen (False Balance). Der folgende Text ist keine Einladung zur Debatte über den Sinn der Impfung, sondern der Versuch, memetische Muster, die seit Jahren im Netz bekannt sind, auch in Diskursen außerhalb des Netzes zu beschreiben – und damit vielleicht eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb der Versuch einer sachlichen Auseinandersetzung über das Impfen so oft misslingt.

Ich mag das Internet und schätze die Kultur, die es hervorgebracht und befördert hat. Über Meme habe ich sogar ein ganzes Buch geschrieben – als Fan. Ich sehe aber auch, dass die memetischen Muster nicht nur auf schöne Weise die öffentliche Debatte und unser Bild von Öffentlichkeit verändern. Ich glaube, dass u.a. in ihnen begründet ist, warum manche Menschen das Gefühl haben, in einer polarisierten Gesellschaft zu leben. Die Mechanik, die Memes befördert hat, greift in immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens ein. Dabei geht es nicht nur im die Inhaltsebene, die häufig mit kleinen Internetwitzchen verbunden wird. Meme bestimmen auch auf der formalen Ebene Öffentlichkeit und Politik, was Limor Shifman in der These bündelte, „dass wir in einer Zeit leben, die von einer hypermemetischen Logik befeuert wird.“

Prinzipien dieser memetischen Muster sind seit Jahren bekannt und häufig mit Blick auf die Verbreitung von netzkulturellen Phänomenen beschrieben worden. Wie aber wäre es, wenn wir mit Hilfe dieser memetischen Muster zu beschreiben versuchen, warum ein relevanter Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung es ablehnt, sich impfen zu lassen? Wie wäre es, wenn wir Impfverweigerung als Meme denken? (Damit meine ich übrigens nicht Memes, die von Impfverweiger:innen genutzt werden, dazu steht hier am Beispiel der US-amerikanischen Szene einiges)

Mit Hilfe dieser Perspektive lässt sich auch erklären, warum „mehr sachliche Information übers Impfen“ nicht zu einer sachlicheren Debatte führt, sondern (siehe Punkt 5. unten) eher wie Öl im Feuer der Auseinandersetzung wirkt. Aus einer Meme-Perspektive sind Argumente fürs Impfen dann mit Versuchen vergleichbar, Hide the Pain Harold sachlich als Stockfoto-Modell zu beschreiben. Das mag vielleicht inhaltlich stimmen, als Anhänger des Harold-Memes will ich das aber natürlich nicht hören.

Um Impfverweigerung als Meme zu denken, konzenteriere ich mich deshalb auf die formalen Verbreitungsmechanismen und lasse die inhaltlichen Argumente der Debatte außen vor. Denn die Analysen, die ich dazu gelesen und gehört habe (hier z.B. ein Interview im WDR5-Morgenecho mit einem schon erschöpften Moderator), stoßen oft an den Punkt, an dem Wissenschaftlerinnen und Forscher davon sprechen, dass inhaltliche Argumente gar nicht mehr wahrgenommen werden. Diese hörenswerte Analyse des Soziologen Oliver Nachtwey im Deutschlandfunk ist beispielsweise mit den Worten überschrieben: „Mit sachlicher Aufklärung sind viele nicht zu erreichen.“

Wenn man Impfverweigerung als Meme denkt, geht es auch gar nicht um sachliche Argumente, es geht um einen (gar nicht lustigen) running gag, der Identität schafft. Wie beim Schibboleth ist das Ablehnen der Impfung in erster Linie ein Distinktionsmerkmal, um sich von „den anderen“ abzugrenzen, die einfach nicht verstehen, worum es geht. Egal, ob es dabei um die Lols (eher klassische Memes) oder die Wahrheit (Verschwörungs-Memes) geht: Es ist eine deutliche Trennung zwischen „Ich gegen die anderen“ erkennbar – und diese identitätsstifte Flamme kann man weiterreichen (Symbolbild: Unsplash). „We should look at rumors as an eco-system, not unlike a microbiome“, rät die englische Medizinerin Heidi Larson, die 2020 das Buch „Stuck: How Vaccine Rumors Start—and Why They Don’t Go Away“ veröffentlicht hat. Daran erkennt man – wie an dieser historischen Einordnung zur Pockenimpfung in Bayern – dass vieles an der aktuellen Impfverweigerung nicht neu ist. Neu ist aber ein Teil des Ökosystems – und zwar jener, der auf memetische Muster setzt.

Vielleicht muss man hier ansetzen um zu verstehen, wie Impfverweigerung als Meme funktioniert. Es gibt jedenfalls deutliche Zeichen, dass diese fünf Muster in der Impfverweigerungs-Debatte verfestigende Wirkung haben:

1. Individualisierung mit Ikea-Effekt

Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Massenkultur. Im 21. Jahrhundert verliert der Durchschnitt als dominantes Prinzip an Macht. Wir haben diese Form der Personalisierung häufig als Emanzipation des/der Einzelnen gelesen. Man muss aber auch festhalten: in einem Zeitalter der massenhaften Nischen ist es viel aufwändiger als in einer Durchschnittskultur, eine eigene Rolle, eine passende Subkultur und Idee von sich selbst zu finden. Dieser Aufwand wird noch unterstützt von der Annahme, das Private sei politisch, die persönliche Entscheidung über Pop- oder Konsumpräferenzen habe also nicht nur Einfluss auf die eigene Rolle, sondern auch auf die Politik.
Wer also einmal eine Idee von sich selbst gefunden hat, fühlt sich dieser heute vermutlich anders verbunden als Menschen dies taten, die sich an den größten Hits im Radio orientierten. Die Rollen, die der Durchschnitt anbot, waren bequemer und viel leichter zu erreichen als die hoch individualisierten Codes und Bezugssysteme der Gegenwart. Letztere sind wegen des so genannten Ikea-Effekts aber auch viel haltbarer. Denn was man sich mit viel Mühe aufgebaut hat, hält man gemeinhin für wertvoller und trennt sich nicht so gerne davon. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erklärt das im Spiegel-Interview so: „Wir wissen aus der Forschung, dass der Verschwörungsglaube mit einem starken Bedürfnis nach Einzigartigkeit einhergeht. Man will sich besonders fühlen, aus der Masse hervorstechen – da ist keine Maske tragen ein relativ einfaches Mittel, weil man meint, man sei offenbar im Widerstand.“

In diesem Ökosystem entsteht Impfverweigerung als Meme. Das Soziale wird hier nicht als Solidarsystem gedacht, sondern als Masse oder Reichweite. Bestimmender Faktor ist hier einzig das Individuum und dessen Entscheidung. Dass das zumindest zu kurz gedacht ist, kann man bei Heidi Kastner nachlesen, die gerade ein Buch über Dummheit geschrieben hat. Sie sagt: „Das zentrale Merkmal von dummen Leuten ist, dass sie ausschließlich die eigene Position priorisieren und alles andere ignorieren. Das sieht man auch in dieser ganzen Corona-Pandemie, wo die Leute sagen: ,Ich bleibe ganz bei mir.'“

2. Du kannst nur dir selbst trauen

Wer in Memes mehr sieht als Internetquatsch, erkennt schnell: mit Hilfe von Memes wird die eigene Rolle ausgehandelt. Impfverweigerung als Meme zu denken, heißt demnach auch: dieses Meme hilft, die eigene Rolle in einer komplexen, häufig beängstigenden Gegenwart zu finden. Auf dem Fundament des ,ich bleibe ganz bei mir‘ entstehen Distinktionsprozesse, die als unausgesprochene Übereinkunft des Innen funktionieren. Was man zum Beispiel daran erkennt, dass Menschen auf Querdenken-Demos sehr schnell benennen können, dass Kamerateams von der „Lügenpresse“ kommen, aber nicht die Frage beantworten, worin denn die Lüge besteht („Fragen Sie sich das mal selbst“).

Durch die immer gleiche Verwendung von Schlagworten und Codes wird das Innen definiert, die Abgrenzung greift aber erst dann richtig, wenn auch das Außen abgelehnt wird. Im Falle des Impfverweigerungs-Meme geht es dabei darum, das System als ganzes zu destabilisieren. Allein die Idee einer Systemveränderung (Neue Weltordnung) zeigt sehr deutlich: Es geht darum, alles anzuzweifeln, was als Bestandteil „des Systems“ gelesen werden kann. Die Grundmelodie der Impfverweigerung lautet deshalb: Man kann niemanden trauen. Die Eliten, die Lobby, die Politik – stets gibt es ein unspezifisches Feindbild, das Böses im Schilde führt; und nur diejenigen, die das Meme verstehen, haben Zugang zu dieser Erkenntnis. Bessere Abgrenzungsmechanismen sind kaum denkbar. Im Spiegel sagt Pia Lamberty: „Der Glaube an Verschwörung ist eine Art Vorurteil gegenüber all denen, die man als mächtig wahrnimmt. Das können Menschen sein, die wirklich mächtig sind, Politikerinnen und Politiker zum Beispiel. Es können aber auch Menschen sein, deren Macht überschätzt oder erst konstruiert wird. All denen begegnet man mit Misstrauen, mit Ablehnung, mit Feindseligkeit.“

Man muss dabei aber bedenken: Ohne „die Anderen“ greifen diese Muster nur schlecht. Der Widerspruch gegen das Weigerungsmeme ist also nicht nur eingepreist, sondern zwingend notwendig, um das Ich im Gegensatz zu den anderen zu definieren. Innerhalb der Gruppe, die sich über die Codes des Memes erkennt, gibt es fortan an nur noch eine vertrauenswürdige Kategorie kennt: die personalisierte Anektdote.

3. Eine persönliche Anektdote sticht jede wissenschaftliche Erhebung

Wissenschaft ist keine Privatsache. Wissenschaft braucht einen organisierten Rahmen, sie ist also per Definition Bestandteil dessen, was Impfverweigerung als „das System“ wahrnimmt. Das verbindende Element des Impfverweigerungs-Meme ist aber die Ablehnung, ja die Destabilisierung dieses Systems. Aus der Wissenschaft kann in dieser Logik also niemals eine glaubwürdige Erkenntnis kommen. Alle sachlichen Argumente müssen deshalb scheitern, weil sie ja aus dem System geboren werden. Um dieses Bild auch dann halten zu können, wenn die bloße Anzahl (sieben Milliarden Impfdosen sind bereits verimpft) oder statistische Erhebungen dagegen sprechen, greift das unter 1. skizzierte Individualisierungs-Prinzip: Ich bleibe ganz bei mir – und bei Menschen, die auch bei sich bleiben.

Die personalisierten Anekdoten werden so zu hochgereckten Feuerzeugen auf einem Live-Konzert. Mit diesem Bild habe ich das Teilhabe-Prinzip von klassischen Memes zu beschreiben versucht. Im Falle der Impfverweigerung ist jede neuerliche Individual-Anekdoten wichtiger Sauerstoff, um die Flamme auf Brennen zu halten. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob es die Schwiegermutter oder den Onkel der Nachbarin einer Arbeitskollegin wirklich gibt, wenn er nur belegt, was man mit so viel Aufwand glaubt. „Denen geht es doch genau wie mir. Und wir werden immer mehr“, ist halt viel anziehender als eine komplizierte Abwägung von Pro- und Contra-Argumenten.

4. Dark Pattern sorgen für Verbreitung

Bei klassischen Memes griff irgendwann das Clickbait-Prinzip der viralen Verbreitung, um sie bekannter zu machen. Bei der Impfverweigerungs-Erzählung gibt es diesen Mechanismus auch. Er scheint mir nur noch mehr über Dark-Social-Kanäle zu laufen – und dabei Muster zu nutzen, die man als Erweiterung von „Dark Pattern“ beschreiben kann. Besonders beliebt ist dabei die Annahme, jemand anderer (die Elite, die Lobby, die Politik) wolle nicht, dass man etwas erfährt. Nahezu alle persönlichen Anekdoten sind BTS-Erzählungen (Behind the scences), die gegen den erklärten Willen offizieller Stellen verbreitet werden. Die Sprachnachricht, die die Mama vom Poldi im Frühjahr 2020 verbreitete, erfüllte zahlreiche dieser Kriterien und wurde deshalb auch ausgiebig geteilt.

5. Es geht nicht um Meinungen, sondern um Identität

In meinem Meme-Buch greife ich auf die Definition von Limor Shifmann zurück, die Meme als „kreative Ausdrucksformen mit vielen Beteiligten“ beschreibt, „durch die kulturelle und politische Identitäten kommuniziert und verhandelt werden.“ Dieser Identitätsaspekt spielt vermutlich die wichtigste Rolle, um Impfverweigerung als Meme zu verstehen. Es geht hier nicht um eine Meinung zu einem Thema, es geht hier auch nicht um einen Wettstreit von Ideen oder um eine wissenschaftliche Debatte. Es geht hier um Identität.

Aufgrund der unter 1.-4. beschriebenen Prozesse ist die Impfverweigerung zu einem zentralen Bestandteil der eigenen Person geworden (was inhaltlich durch absonderliche Unfruchtbarkeits-Gerüchte noch stimuliert wird) und damit geht es nicht mehr um das Finden von Kompromissen oder um gesellschaftliche Debatte. Es geht die Verteidigung der eigenen Identität, die nicht Bestandteil eines Kompromisses sein kann, sondern immer absolut verteidigt werden muss – gegen die anderen.

Und wenn diese anderen widersprechen, bestätigen sie die eigene Identität noch. So wie Fans der einen Mannschaft, die gegenerischen Fans brauchen, um ihre eigene Rolle zu definieren, so brauchen auch memetische Kommunikationsmuster den Widerspruch. Beim Fußball heißt das dann zum Beispiel: „Euer Hass ist unser Stolz“ – was umgekehrt bedeutet: Ohne Hass auch kein Stolz mehr.

Withney Phillips hat dies an der Berichterstattung über Hasskampagnen nachgewiesen. In diesem Interview erklärt sie: „Hasskampagnen richten den größten Schaden an, wenn sie von Journalisten verstärkt werden. Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Die Parallele zu medialen Berichten zu ziehen, die Ansichten der Impfverweigerung wiederholen, verächtlich machen oder einordnen wollen, ist erkennbar.

Welche Schlüsse man daraus ziehen kann? Ich bin mir unsicher. Eher sicher bin ich mir aber, dass es sich lohnt, auf die memetischen Muster der Kommunikation zu schauen, um deren inhaltliches Scheitern zu verstehen.

Dieser Text stammt aus meinem Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Meme gibt es in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“.

Im Januar spreche ich auf Einladung von Martin Fehrensen in einer Lecture beim Social-Media-Watchblog zum Thema „Politik als Meme“.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären – das Beispiel The French Dispatch

Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray (im Bild oben vlnr) sind gerade in Cannes beim Filmfest. Sie stellen den Film „The French Dispatch“ (hier der Trailer) vor, der im Oktober in die Kinos kommen soll.

Im Rahmen der Vorstellung wurde im sommerlichen Cannes ein Foto gemacht, das sich auf eine bemerkenswerte Reise durchs Netz gemacht hat. Bei mir ist es angekommen, weil FM4 es auf seinem Instagram-Kanal neu kodiert veröffentlicht hat, seinen Ursprung hat es aber wohl in diesem Vulture-Post, der dazu auffordert, sich selbst den vier Charakteren zuzuordnen (bitte unbedingt den Beitrag anschauen, weil die Nutzer:innen darunter erstaunliche Details zu Tage fördern. Warum trägt Bill Murray zum Beispiel zwei Uhren!?). Die New York Times-Redakteurin Dodai Stewart kam dann auf die Idee, die Charaktere mit Sozialen Netzwerken in Verbindung zu bringen. Ihr Beitrag von gestern abend landete dann heute Nachmittag bei FM4.

Das ist nicht nur inhaltlich super, sondern eine wunderbare Referenz der Referenz. Denn die Idee, Filmcharaktere mit dem Wesen sozialer Netzwerke in Verbindung zu bringen, war vor ein paar Jahren am Beispiel des Breakfast-Club schon mal ein kleiner Internet-Hype. Ich habe dem ein ganzes Kapitel in der Gebrauchsanweisung für das Internet gewidmet und hier darüber gebloggt.

Der Unterschied ist: im aktuellen Fall sind nicht die Filmfiguren die Referenz für das Wesen der Netzwerke, sondern die Schauspieler und die Schauspielerin. Das macht den Fall noch etwas treffender, wie ich finde. Auch wenn Facebook – in Person von Bill Murray – vermutlich zu gut weg kommt.

Alle weiteren Kommentare und Bildbeschreibungen verbieten sich, weil allein das Betrachten des 25-jährigen Timothée Chalamet, der eine Sonnenbrille tragend – als Tiktok – neben dem 26 Jahre älteren Regisseur Wes Anderson steht, aussagekräftig genug ist. Anderson wiederum trägt einen hellblauen Anzug und weiße Schuhe und entstammt erkennbar einer anderen Generation (Twitter). Tilda Swindon im blauen Anzug mit Sonnenbrille ist mit Abstand am coolsten – und Instagram. Die Kleidung des Mannes neben ihr entfaltet ihre Ironie vor allem dadurch, dass sie von Bill Murray getragen wird. Die Gegenwärtigkeit von Facebook lässt sich kaum besser illustrieren als durch Kurzarmhemd und hellbaue Shorts.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Wie Sweet Caroline zu dem Song der Europameisterschaft wurde – woah oh oh

Bevor dieser Text beginnt, möchte ich mit den Worten von Jagoda Marinić darauf hinweisen, dass diese EM nicht in einem luftleeren, unpolitischen Raum stattfindet. Dass und wie sie stattfindet, ist extrem fragwürdig: „In der UEFA und in dieser EM werden die inhumanen Werte unserer Zeit, die Rücksichtslosigkeit, das Leistungsprinzip und das Gewinnstreben so schamlos und ambivalenzbefreit gefeiert wie in wenigen anderen Bereichen.“ Denn wie Werner Bartens analysiert: „Wer das kontinentale Fußballfest zugleich zum Virenfest macht, muss sich nicht wundern, wenn bald darauf die Nachspielzeit der Pandemie beginnt.“

Aber da die EM stattfindet, inspiriert sie auch Geschichten. Eine davon will ich hier kurz erzählen.

Die vielleicht bekannteste Verbindung von Fußball, Memes und Musik verdanken wir den Fans des Club Brugge in Belgien. Sie bezeichnen sich selbst als Blue Army – und als ihre Mannschaft im Winter 2003 in der Champions League gegen den AC Mailand spielte, nutzte die Blue Army erstmals einen Song, der mittlerweile als offizieller Torjubel in den EM-Stadien eingespielt wird. So jedenfalls erzählt es dieser Clip, der sich mit dem Werdegang des „White Stripes“-Songs befasst, der so gut zu der Blue Army als Brügge passt: „Seven Nation Army“.

Zwei Jahre später spielte Brügge in Rom gegen eine andere italienische Mannschaft und brachte den Fans des AS Rom den Song mit, den diese als „Po po po po“-Song adaptierten und ebenfalls anstimmten. Als die italienischen Nationalmannschaft ein Jahr später (nach Siegen gegen sieben Nationen) in Berlin Weltmeister wurde, war Seven Nation Army ein bekannter Stadion-Song.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Geschichte dieses fussballerischen Ohrwurms sich tatsächlich genau so zugetragen hat – es ist in Wahrheit aber auch gar nicht so bedeutsam. Denn der Zauber dieser Ohrwürmer besteht genau darin, dass es nicht einen linearen Weg gibt, über den sich nachvollziehen lässt, wie sie entstehen. Man kann nur Tipping Points ausmachen, an denen im Rückblick erkennbar wird, wie die Verbreitung beschleunigt wurde (diese Referenz zum Corona-Virus und der verantwortungslosen Uefa, siehe Vorbemerkung, ist hier unumgänglich).

Außer Seven Nation Army gibt es aber noch jede Menge mehr Songs und Gesänge, die rund um den Fußball die memetische Kraft der Masse illustrieren. Bei der letzten Europameisterschaft brachte es der nordirische Stürmer Will Grigg zu einigem Ruhm, weil das Mashup „Will Grigg’s on Fire“ in zahlreichen Stadien angestimmt wurde. Der Stürmer von Wigan Athletic war nicht mal besonders gut, der Song aber so eingängig, dass er sogar auf Platz 7 der britischen Download-Charts landete. Die Vorlage für den Fußball-Gesang stammt übrigens von der italienischen Sänger Gala und heißt „Freed from Desire“, daran lohnt es zu erinnern, weil der Song auch in zahlreichen anderen Varianten zu hören ist – von Frida Gold, Drenchill ft. Indiiana und auch Jul.

Das alles sollte man wissen, wenn man nun den Soundtrack hört, den Fans der englischen Nationalmannschaft ihrem Team auf dem Weg ins Finale schenken. Es ist ein Song aus dem Jahr 1969, dessen Mitgröl-Potenzial DJ Ötzi schon vor Jahren in einer Cover-Version bewiesen hat: „Sweet Caroline“ von Neil Diamond wurde in Wembley gesungen als England Deutschland 2:0 besiegte – und er wird auch während des Halbfinals und des Finals dort angestimmt werden.

In dem Video ist zu hören, dass der Song über die Stadionlautsprecher lief. Diese „offizielle“ Beschallung trifft allerdings auf eine lange Vorgeschichte, die gerade Fußballfans auf der Insel mit diesem Song haben. Schon bei der EM 2016 konnte man „Sweet Caroline“ hören – damals von Fans Nordirlands angestimmt. Denn der Song liefert eine wunderbare „Woah oh oh“-Pause, die jede und jeder mitsingen kann, egal ob sie sich für das Konzept der abkippenden Raute oder den kippenden Rausch interessieren. Deshalb wird er seit Jahren bei Sport-Events gesungen – hier zum Beispiel im Mai 2019 in der Kabine von Aston Villa.

„Good times never seemed so good“ scheint die aktuelle Stimmung der britische Fans aber nicht nur in Bezug auf den Fußball einzufangen. Der Song, der den Zauber vom zum Sommer werdenden Frühling beschreibt, kann auch als Metapher auf die Bevölkerung gelesen werden, die sich über die Lockerungen nach der Pandemie freut.

In jedem Fall hat es der Gesang in die Berichterstattung ÜBER das Spiel geschafft – die Fans sangen so laut, dass sie im Interview mit Harry Kane am Spielfeldrand hörbar waren. Trainer Gareth Southgate erwähnte den Gesang in der Pressekonferenz und das memetische Moment erhielt massenmediale Aufmerksamkeit.

Es bleibt der Ohwurm – Whoa oh oh – der sich unplanbar und unkoordiniert verbreitet. Dass man viraler Verbreitung spricht, hat in diesem Sommer eine doppelte, bittere Ironie – es zeigt aber auch viel über die Welt der Internet-Memes und der Massenkultur des 21. Jahrhundert. In „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ schreibe ich von den Ohrwürmern des Internet und wer das Buch lesen will, kann dazu – whoa oh oh – vielleicht einfach einen Song aus dem Jahr 1969 als Soundtrack wählen.

Tut nicht auf modern – macht sich ehrlich

Gerade als ich hier über die CDU schrieb und ihren traurigen Versuch, Anschluss an die Netzkultur zu finden, schickte Yannic mir diesen Spot aus Österreich. Beworben wird ein Jugendkonto der österreichischen Sparkassen, es trägt den Namen Spark 7 und ich habe wenig über dieses Produkt rausfinden können (was soll der Name!?). Mir gefällt der Spot aber, weil er das tut, was Lucas im „Wirbt das?“-Podcast immer „Ehrlich machen“ nennt.

Dieser Werbespot referenziert Internet-Memes und akzeptiert dabei die Rolle des Absenders: die österreichische Sparkasse reflektiert sich selbt. Der Spot nimmt eine Meta-Ebene ein und thematisiert das eigene Anbiedern an Netz- und Jugendkultur. Da dabei aber Selbstironie und Referenz spür- und sichtbar werden, ist der Spot kein Fremdköper gegenwärtiger Kultur, sondern referenziell eingebunden.

Unter dem Spot auf YouTube gibt es nur drei Kommentare. Das Ziel, Nutzer:innen-Interaktion im Aufzählen der kopierten Memes zu stimulieren, wird offenbar nicht erreicht. Aber erfolgreich ist der Spot meiner Meinung nach dennoch: Hier wird Netzkultur nicht einfach adaptiert oder als Transportmittel für die eigene Werbebotschaft genutzt. Hier wird ein Bezugsrahmen gesetzt, der die eigene Rolle einbezieht. Ausgerechnet einer Sparkasse gelingt, woran die CDU scheitert: Selbstironie.

Ich schreibe das auf, weil positive Beispiele mit helfen können, die Kritik an der CDU-Kampagne in einen Kontext zu stellen. Darum geht es übrigens auch in der Sendung Breitband im Deutschlandfunk, in der ich heute über Meme spreche.

Mehr zum Thema Meme im gleichnamigen Buch („Meme – Muster digitaler Kommunikation“), mehr Werbekritik im Podcast „Wirbt das?“, in dem ich mit Lucas von Gwinner über die ungeheuerliche Wirkung von Kommunikation spreche.

Internetquatsch: Nele Hirsch über die Frage, wie sich in einer Kultur der Digitalität gute Bildung gestalten lässt

Am Wochenende twitterte die Bildungswissenschaftlerin Nele Hirsch vom eBildungsslabor: Internetquatsch ist online Dahinter steckt eine schöne Doppeldeutigkeit. Denn natürlich ist das Internet per se online. Neu ist hingegen, dass Neles pädagogisches Projekt internetquatsch.de im World Wide Web zugänglich ist. Ich habe ihr ein paar Fragen gemailt.

Warum Quatsch? All die Sachen, die du auf der Seite versammelst, sind sehr schöne Beispiele für eine völkerverbindende Netzkultur. Warum denken wir dennoch, es handele sich irgendwie um Quatsch?
Für mich ist Quatsch sehr positiv konnotiert. Bei Quatsch geht um Lachen, Spielen und Erkunden außerhalb von normierten Nützlichkeitserwägungen. Internetquatsch sind für mich demnach Anstöße zum neu und selber Denken. Zudem hat Quatsch ein verbindendes und oft auch kollaboratives Moment.

Ich selbst verwende den Begriff Internetquatsch auch oft und verstehe deshalb intuitiv deine Freude daran. Kannst Du dennoch nochmal für alle, die sich nicht so sehr für Memes und Netzkultur begeistern, zusammenfassen, was dich daran reizt?
Mich reizt daran vor allem die unglaubliche Kreativität, die darin ihren Ausdruck findet. Wie kommt zum Beispiel jemand dazu, eine Katze ins Netz zu stellen, mit der man auf Bongos und anderen Instrumenten trommeln kann?
Neben solchem Spaß ist Internetquatsch oft auch einfach wunderschön. Zum Beispiel, wenn per Zufallsgenerator Planetenbilder generiert und geteilt werden.
Und richtig großartig wird Internetquatsch mit Kollaboration. Ich liebe beispielsweise, die Sammlung von Waldgeräuschen, die Menschen auf der ganzen Welt aufgenommen und über eine Online-Karte geteilt haben. Oder das Projekt Colornames, bei dem für jede Internetfarbe eine Bezeichnung gesucht wird. Schon über 2 Millionen Farbbezeichnungen sind inzwischen eingegangen. Darunter ‚Murky Purple‘ für ein dunkles Violett oder ‚Peppermint Mints‘ für ein leuchtendes Grün.

An wen richtet sich deine Seite hauptsächlich: eher an Lernende oder eher an Lehrende? Und was sollen sie mit der Seite machen?
Gute Lehrende sind ja immer auch Lernende. In diesem Sinne hatte ich bei der Erstellung der Seite als Zielgruppe vor allem ‚lernende Lehrende‘ im Blick. Also Menschen, die neugierig darauf sind, wie sich in einer Kultur der Digitalität gute Bildung gestalten lässt.
Mit der Seite möchte ich erstens dabei unterstützen, überhaupt Einblicke in Internetquatsch zu bekommen. Denn außerhalb bestimmter Communities ist dieser ja oft eher versteckt oder unbekannt. Manchmal ist hier auch das in der Netzkultur vorherrschende Englisch eine Barriere, bei deren Überwindung ich durch die kurzen deutschsprachigen Beschreibungen helfen will.
Zweitens ergänze ich zu jeder kuratierten Quatsch-Website mögliche pädagogische Einsatzszenarien. Diese sind mit einem Zwinkersmiley versehen, denn es geht ja gerade nicht darum, die Offenheit des Internetquatsches gleich wieder in ein bestimmtes Schema oder gar in einen Lehrplan zu pressen. Gerne möchte ich damit aber beispielhaft zeigen, was damit alles möglich ist – und auf diese Weise Lust machen, eigene Ideen zur Nutzung zu entwickeln.

Ich persönlich mag die Seite „Shruggie basteln“ besonders. Dort schreibst du: „Zeitgemäße Bildung ist für alle ein Lernprozess. Wenn man also wieder mal an die Stelle kommt, wo es mehr Fragen als Antworten gibt, kann man kurz Pause machen und alle denken nach, während sie – unterstützend dazu – einen Shruggie zusammensetzen.“ Kannst du mal den pädagogischen Ansatz erklären, der dahinter und damit auch hinter dem Internetquatsch steckt?
Bei zeitgemäßer Bildung gibt nicht eine Person (meist die Lehrperson), die auf alles die Antworten hat und den Lernenden die Welt erklärt. Stattdessen geht es darum, gemeinsam zu lernen und auf diesem Weg auch neue Ideen zu entwickeln. Zeitgemäße Bildung hat in diesem Sinne ein sehr ermächtigendes Potential. Denn indem wir Lernenden ermöglichen, sich erkundend auf ihren Lernweg zu begeben, ist das Lernziel nicht mehr vorrangig eine Anpassung an bestehende Strukturen. Stattdessen lernen sie zu hinterfragen. Sie werden gefordert, bestehende Strukturen neu und anders zu denken und perspektivisch auch zu gestalten. In der Pädagogik spricht man hier von den so genannten 4K-Kompetenzen als den Schlüsselkompetenzen, die Lernende heute vor allem entwickeln sollen: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. All das steckt auch in Internetquatsch.

Wie reagierst du, wenn Pädagoginnen und Pädagogen sagen, dass das alles sehr gefährlich ist und Kinder sowieso viel zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen?
Wenn wir Kinder und Jugendliche stark machen wollen, sich gegen etwaige Gefahren zu wehren, dann müssen wir uns mit ihnen gemeinsam mit diesen Gefahren auseinandersetzen. Das gilt nicht nur für das Internet, sondern für alle gesellschaftlichen Bereiche. Wegsperren und verbieten führt stattdessen dazu, dass man Kinder und Jugendliche allein lässt. Deshalb ist das aus meiner Sicht der schlechteste Weg.

Und zur Bildschirmzeit: Es ist doch immer die Frage, was da vor dem Bildschirm gemacht wird. Netzkultur hat mit Verblödung und Passivität überhaupt nichts gemein. Ganz im Gegenteil: Wenn wir Kinder und Jugendliche dabei begleiten und unterstützen wollen, sich zu kreativen, schlauen, kommunikativen und sozialen Erwachsenen zu entwickeln, dann ist Internetquatsch dafür perfekt geeignet. Und überhaupt stammt ganz viel Internetquatsch ohnehin von Jugendlichen selbst.

Wie geht es weiter mit dem Internetquatsch? Also sowohl mit der Seite als auch mit der Netzkultur?
Netzkultur ist aus meiner Sicht gerade sehr lebendig. Ich kann mir vorstellen, dass die soziale Distanz an physischen Orten im Zuge der Corona-Pandemie dazu einiges beiträgt. Denn umso mehr freuen sich Menschen gerade in so einer Zeit, wenn das Internet für alle ein schöner, kreativer und spaßiger Ort ist.
Bei meiner Seite habe ich vor, in der nächsten Zeit jeden Tag mindestens einen weiteren Beitrag mit Internetquatsch zu teilen. Über Vorschläge freue ich mich sehr! Und dann bin ich neugierig darauf, was Menschen mit all dem Quatsch anfangen und wie sie das nutzen werden. Das Schöne am offenem Teilen ist ja gerade, dass daraus oft völlig unerwartete Ideen entstehen.

Und zum Abschluss: Was wünschst du dir in Bezug auf digitale Bildung?
In Bezug auf digitale Bildung wünsche ich mir, dass wir den Transformationsprozess als Katalysator nutzen, um Herausforderungen im Bildungssystem endlich anzugehen. Wichtige Fragen sind dazu: Wie muss Bildung gestaltet sein, dass sie soziale Ungleichheit verringert statt zu verstärken? Wie können wir Lernende dazu ermutigen, selbst zu denken statt nachzuplappern? Und wie ermöglichen wir Schulen und Lehrkräften mehr Freiräume für die Gestaltung personalisierter Lernprozesse?

Mehr unter internetquatsch.de

Dass ich mich für Internetquatsch begeistern kann, liegt auch an dem Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation, das gerade in der Reihe Digitale Bildkulturen im Wagenbach-Verlag erschienen ist. Am Mittwoch 17.3. gibt es in Berlin eine Buchpremiere – gemeinsam mit dem wunderbaren Band „Gifs“ von Tilmann Baumgärtel

Shruggie des Monats: Das Meta-Meme 2020

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Kriege ich alle Beteiligten an diesem Meta-Meme in eine Zeile? „Cat Vibing zu Trump & Biden im Ievan Polkka auf einer Trump-Pressekonferenz“ müsste dieser Beitrag eigentlich heißen, der sich auf diesen Clip hier bezieht:

Dieser kurze Clip fasst für mich so viel von diesem Jahr aus Meme-Perspektive zusammen, dass ich ihn erstens als Shruggie des Monats, aber auch als Meta-Meme des Jahres auszeichnen möchte.

Die Referenz der Referenz legt diesen Aspekt in doppeltem Sinn nahe: Hier werden so viele Bezüge auf Meme genommen, dass es kaum möglich ist an dem Clip vorbeizukommen. Und all das geschieht auf eine Shruggie-hafte Weise, die wir im Frühjahr von Sara Cooper gelernt haben – und die für das Jahr 2020 stehen wird. Denn es ist das Schlussjahr der Trump-Amtszeit – und der damit verbundenen Anspielungen, Meme und Witzchen (hoffentlich).

Beginnen wir aber mit dem Mann, der dieses Meme ermöglicht – aber gar nicht im Bild zu sehen ist: Bilal Göregen ist in diesem Clip durch Joe Biden ersetzt worden. Im Ursprungs-Clip spielt der blinde Musiker aus der Türkei aber die Trommel (Tambourin), wie er in diesem Interview erzählt. Sein Clip blieb über ein Jahr relativ unbeobachtete im Web bis jemand auf die Idee kam, den Twitch-Charakter CatJam bzw. Vibing Cat in das Video zu montieren. Die musikalische Katze taucht in zahlreichen Videos auf, wie man auf dem Twitter-Account CatVibesTo sehen kann – aber besonders populär wurde sie in Kombination mit der Ievan Polkka von Bilal Göregen.

Das alles geschah zeitlich rund um die US-Wahl so dass es wenig verwunderlich ist, dass kurz darauf die Idee ins Bild gesetzt wurde Bilal Göregen durch Joe Biden zu ersetzen: Fortan trommelt der künftige US-Präsident neben dem bisherigen – denn natürlich bietet es sich an, dass Trump-Tanz-Meme hier zu ergänzen.

Doch damit nicht genug: dieses schöne Trump/Biden-Video wird im Meta-Meme in einen Kontext eingebettet, der ebenfalls bestimmend war für das Jahr. Eine Trump-Pressekonferenz dient als Vorlage, weil wie beiden Bildschirme einfach zu schön und zu weiß darum betteln, als Vorlage genutzt zu werden. Ergänzt wird der Clip um den erneuten – quasi als Meta-Referenz zu lesenden – Auftritt von Tanz-Trump und Vibing Cat im Weißen Haus. Das ist nicht nur eine tolle Referenz an die Referenz, sondern auch ein guter Abschluss für diese merkwürdige Meme-Jahr ¯\_(ツ)_/¯.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:

Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: Wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern

Meme-Kultur und das Memo-Monster aus dem Weißen Haus

Boss-Baby Deepfake: Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des Präsidenten

Ich chille mit der Crew Digga

M to the B – das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Fünf Gründe, sich gerade jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er bezieht sich auf das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das gerade erschienen ist.

Dieser Tage beginnt der Herbst. Die Blätter verfärben sich, es regnet häufiger und es wird kälter. Unter veränderten klimatischen Bedingungen verändern sich auch unsere Kleidungsgewohnheiten. Statt zu Shorts greift man künftig zu warmen Socken – und zum guten Buch (Herbst-Symbolbild: unsplash).

Auch auf die Gefahr hin zu platt zu werden: Das digitale Ökosystem verändert Bedingungen für Kommunikation. Ich habe das am Beispiel eines Schneeballs beschrieben, der bei steigender Temperatur seinen Aggregatzustand verändert und ich glaube es gilt auch für die Prinzipien der Aufmerksamkeit und denen ihn folgenden Grundbedingungen der (politischen) Auseinandersetzung im digitalen Diskurs.

Wer verstehen will, welche Kleidung Haltung in diesem Ökosystem angemessen ist und welche Folgen die sich ändernden klimatischen Bedingungen haben, kann sich bestimmte „Muster der digitalen Kommunikation“ anschauen. Diesen Untertitel hat der Wagenbach-Verlag meinem gerade in der Digitale Bildkulturen-Reihe veröffentlichen Band „Meme“ gegeben. Das Büchlein versucht zu beschreiben, was Meme sind, weshalb sie gesellschaftspolitische Bedeutung haben und welche Schlüsse man aus der Beschäftigung mit Memen ziehen kann. Darin steckt viel mehr als der (nicht zu unterschätzende) Spaß an Internetquatsch, darin steckt eine Möglichkeit, aktuelle politische Entwicklungen besser zu verstehen.

Deshalb hier fünf Gründe, warum es sich jetzt lohnt, sich mit Memen und den ihnen zugrunde liegenden Mustern digitaler Kommunikation zu befassen:

Meme zeigen, dass …

… Kommunikation ein Prozess ist.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer im seriösen Fernsehen bemerkt, dass Friedrich Küppersbusch seit einer Weile auf YouTube eine Art Fernsehen macht, die ich als zukunftsweisend und seriös bezeichnen würde. In dieser Woche hat er dort „Die Wahrheit über Shitstorms“ thematisiert – und zwar am Beispiel eines Mannes, der im vermeintlich seriösen ARD-Fernsehen so genannte Witze machen darf und dieses Prinzip Nuhr mit Hilfe von vermeintlich provokanten Thesen am Laufen hält. Auch der selbst geglaubte Kanzlerkandidat Friedrich Merz oder der selbst geglaubte Medienerfinder Gabor Steingart bedienen sich dieser Methode, die Internet-Trolle für sie seit Jahren erprobt haben. These raushauen und im folgenden Prozess auf die Empörung der Gegenseite hoffen. Klappt so lange wie man nicht begreift: Deine Empörung ist Teil des Spiels derjenigen, über die Du dich gerade aufregst.

… Aufmerksamkeit vor dem Inhalt steht.
Die schönste und provokanteste These bleibt so lange wirkungslos, wie sie niemand aufnimmt. Anders formuliert: Es werden nur diejenigen Inhalte memefiziert, die es überhaupt wert sind, mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Wer sich schon länger im digitalen Ökosystem bewegt, weiß, dass die Kopie und die Referenz (und sei es in Form des Widerspruchs) das wichtigste Ziel ist. Man kann diese Aufmerksamkeit nicht planen, aber man kann sie provozieren – und dabei die Reaktionen einkalkulieren. Die Troll-Forscherin Whitney Phillips sagt dazu: „Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Es ist übrigens kein Zufall, dass auf Phillips‘ aktuellem Buch ein Shruggie auf dem Cover zu sehen ist ;-)

… vermeintliche Identität zu Polarisierung führt.
Sich zugehörig zu fühlen und sich damit von anderen abzugrenzen, kann als eines der Grundprinzipien von sozialen Medien gelesen werden. „Ich verstehe etwas, was du nicht verstehst“, ist zentraler Distinktions-Treiber für Internet-Memes. Diese Polarisierung basiert auf einer digitalen Vorstellung von Identität. Meme legen offen, wie diese Vorstellung mit Hilfe von auf Abgrenzung optimierten Inhalten gesteigert werden kann. Denn wenn es in einem Konflikt nicht mehr um einen Wettstreit von Meinungen geht, sondern um den Ausdruck der innersten und ureigensten Identität, dann ist ein Kompromiss nahezu unmöglich. Man kämpft nicht mehr um eine gemeinsame Lösung, sondern verteidigt das eigene Selbstbild. Meme zeigen, wie diese Polarisierung die Präferenzen verschiebt und die notwendige Trennung von Politik und Person auflöst. Dabei werden sie für einen Prozess genutzt den man – erinnert sich noch jemand an die Umweltsau – als Spektakelpolarisierung bezeichnen kann.

… Teilhabe demokratisiert wurde.
Meme gibt es nur im Plural. Weil Meme nicht von Gatekeepern oder ausgewählten Stimmen formuliert werden, sondern theoretisch von allen. Am Beispiel von Memen lässt sich zeigen, wie das theoretische Recht auf Publikationsfreiheit zu einer praktischen Herausforderung wurde. Am Beispiel von Memen lässt sich aber auch zeigen, dass darin ein wunderbarer Zauber liegt. Meme sind auch deshalb nicht prognostizierbar, weil sich in ihnen der Kontrollverlust des digitalen Ökosystems zeigt. Es wäre falsch, dies einzig zu beklagen. Hier liegt auch eine große Chance. Denn zum einen finden so Stimmen Gehör, die zuvor jahrzehntelang ungehört blieben. Zum zweiten entstehen auf diese Weise auch neue Formen der politischen Kritik, die die Möglichkeiten des digitalen Ökosystems auf neue Weise nutzen. Ich bin sehr froh, dass Sarah Coopers Trump-Kritik noch Erwähnung im Meme-Buch finden konnten, denn sie zeigt für auf erstaunliche Weise, wie Kritik auch unter den veränderten Aufmerksamkeitsbedingungen möglich ist.

… die offene Gesellschaft überlegen ist.
Meme sind nicht nur Symbol für sich veränderende Prozesse. Meme sind an sich auch Beweis dafür, dass das Internet als grenzüberschreitende Verbindung gewonnen hat. Zwar mag es auf der Anwendungs-Ebene gerade von Kräften genutzt werden, die auf Abgrenzung, Nationalismen und Hass setzen, aber in seiner Grundstruktur sind das Netz und der Netz-Humor, der sich in Memen ausdrückt, nur möglich, weil die Idee der offenen, vernetzten Gesellschaft überlegen ist. Ich beschreibe in dem Buch ausführlich, wie rechte Kräfte Pepe the Frog kaperten und in der „Der Alt-Right Komplex“ genannten Ausstellung kann man sehen, wie diese Bewegungen an Kraft gewinnen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass das Internet in seiner Grundinfrakstruktur nur möglich ist, wenn man die Ideen von Abgrenzung und Hass hinter sich lässt. Meme als Ausdruck eines verbindenen Humors machen nicht nur Freude, sie sind auch der Beweis dafür, dass das Zeitalter der Ausgrenzung vorbei sein sollte.

Das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ ist diese Woche bei Wagenbach erschienen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das genannte Meme-Buch bestellen.

Meme-Kultur und das Memo-Monster aus dem Weißen Haus

Ein Mann steht im Garten des Weißen Hauses und erzählt in eine Kamera was er offenbar für eine herausragende Leistung hält: dass er fünf Begriffe in der richtigen Reihenfolge aufsagen kann. Dass ihm dies auch nach einigen Minuten noch gelingt, erfüllt ihn erkennbar mit Stolz. Die Begriffe scheinen aus der ersten Lektion eines Englischbuchs zu stammen. Sie lauten „Person, woman, man, camera, TV“. Seit dieser Woche sind sie, aber nur in dieser Reihenfolge, ins webweite Vokabular der Popkultur übergegangen. Denn der Mann, der hier mit schulkindlicher Freude wieder und wieder „Person, Frau, Mann, Kamera, Fernsehen“ sagt, bekleidet ein Amt, an dem seit Jahren der Zusatz „der wichtigste Mann der Welt“ klebt. Seit dieser Woche klebt an Donald Trump die Aufzählung aus einem kognitiven Test, mit dessen Ergebnissen sich Trump selbst so beeindruckt hat, dass er in zahlreichen Interviews davon spricht.

Innerhalb von Minuten wurde Trumps Auftritt zum Rohmaterial für die Webverarbeitungsmaschine, die seit Jahren Limor Shifmans These bestätigt: „Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“: Tiktok-Parodistin Sarah Cooper, die seit ein paar Wochen mit dem lippensynchronen Nachsprechen präsidialer Merkwürdigkeiten zum bekanntesten Internet-Star des Jahres 2020 aufsteigt, zählt konzentriert und äußert humorvoll „Person, woman, man, camera, TV“. Und der britische Musikproduzent Brett Ewels erkennt als erster: In der Aufzählung steckt in Wahrheit die Reinkarnation eines Dancesongs aus dem Jahr 2001. Damals stand ein anderer Mann im Weißen Haus und hielt sich für herausragend. Als George W. Bush amerikanischer Präsident war, veröffentlichten Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo den Song „Harder, Better, Faster, Stronger“. Brett Ewels, der unter dem Namen LouisLaRoche selbst Musik macht, fügte diesen „Daft Punk“-Track nun mit den Worten des aktuellen US-Präsidenten zu einem Mashup zusammen. Das allein ist keine Meldung mehr wert, das ist Tagesgeschäft in der memifizierten Gegenwart.

Genau dadurch eröffnet es aber den Blick auf die Frage: Was unterscheidet ein gutes Mashup eigentlich von einem mäßigen?

In der Frühphase der memetischen Gegenwartskultur galt dafür stets nur ein Kriterium: Klicks und vermeintliche Reichweite. Im Fall von Brett Ewels ist dies nur ein unzureichender Maßstab, denn nach Likes und Views ist „Harder, Woman, Faster, Camera“ eher eine seltene B-Seite in der Popkultur des Web. Doch genau wie diese Fundstücke der Plattenkultur erschließt sich auch beim präsidialen Memo-Mashup der Wert erst beim genauen Hinsehenhören: „Harder, Stronger, Faster, Louder“ selbst ist nicht nur der musikalisch schönste Ausdruck der kompetitiven „schneller, größer, weiter“-Kultur, für die Trump steht und die ihn überhaupt dazu bringt, mit einer simplen Erinnerungsaufgabe angeben zu wollen. Ausgerechnet diese Begriffe zu referenzieren, ist also mehr als eine nur versteckte Botschaft, es ist, um es mit den Worten des Memo-Monsters aus dem Weißen Haus zu sagen: „amazing“. Denn der Song ist selbst schon so oft geremixt, adaptiert und referentiert worden, dass der US-amerikanische Musikkritiker Daniel Jaekins unlängst urteilte, ihm falle kaum ein Dancetrack ein, “der vergleichbar populär und einflussreich für die moderne elektronische Musik gewesen sei.“. Man kann also sagen: Ausgerechnet mit einem solch wuchtigen Song den mächtigsten Mann der Welt auszuhebeln, ist durchaus bemerkenswert.

Erscheint im September: ein neues Sachbuch über die Muster digitaler Kommunikation.

Dass Brett Ewels seinen YouTube-Clip mit den Worten kommentierte: “I made this in 30 minutes. I’m proud of my work“ ist genau in diesem Sinn zu verstehen: als eine wundervolle referenzbeladene Antwort auf die Angeberkultur aus dem Weißen Haus.

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