Alle Artikel mit dem Schlagwort “digitale notizen

Kommentare 0

#internetbriefmarke (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer herausfinden will, was diesem Land wichtig ist, muss sich Briefmarken anschauen. Die so genannten Postwertzeichen sind nämlich weit mehr als das reine Porto für den Transport von Briefen, Pakten und Postkarten. Durch so genannte Sondermarken werden Briefmarken zum Ausdruck von Wertschätzung und öffentlicher Erinnerungskultur.

So gibt es in diesem Land zum Beispiel Postwertzeichen, die die Deutsche Brotkultur würdigen oder das Farbfernsehen. Es gibt Dauerserien wie jene, die Blumen wie das Wiesenschankkraut zeigt oder jene, die Legendäre Olympiamomente in Erinnerung halten möchte.

Es gibt allerdings keine Marke, die das Digitale würdigt. Zumindest habe ich in Deutschland keine gefunden*. Ist Österreich ist gerade eine Blockchain-Briefmarke auf den Markt gebracht worden, aber in Deutschland habe ich etwas Vergleichbares nicht entdeckt. Das ist merkwürdig, denn das Bundesfinanzministerium erklärt auf seiner Website:

Das Ziel aller Marken-Ausgaben ist, wichtige historische und aktuelle Ereignisse, bedeutende Persönlichkeiten und „runde“ Jubiläen in Deutschland zu würdigen. Auch die verschiedenen Regionen sowie bedeutsame gesellschaftspolitische Themenfelder sollen ausgewogen und breit gefächert vertreten sein.

Ich würde annehmen, dass das Internet ein bedeutsames gesellschaftspolitische Themenfeld ist, dessen Würdigung auf einem Postwertzeichen angezeigt wäre. Weniger bürokratisch formuliert: Warum gibt es eigentlich keine Briefmarke, die das Internet würdigt?

Wir als Gesellschaft verdanken dem Internet sehr viel. Es hat uns gezeigt, dass multikulturelle Zusammenarbeit über Landes-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg möglich ist. Die grundlegende Infrastruktur des Internets hat bewiesen, dass die Idee von Abgrenzung, Nationalismus und Rassimus ein überholtes Konzept ist. Menschen können sich hier verbinden, Wissen austauschen und vermehren und völlig neue Ideen entwickeln. All das ist wertvoll und bedeutsam. Leider vergessen wir das in der täglichen Nutzung nicht nur, es wird auch oft absichtsvoll übersehen. Der gesellschaftspolitische Wert des Internet für eine offene Gesellschaft sollte deshalb an einem Ort gewürdigt werden, der auch für Netzskeptiker bedeutsam ist. Deshalb haben wir vor kurzen das Projekt Internet-Straße gestartet** – und deshalb werde ich am Ende des Sommers einen Brief ans Bundesfinanzministerium schreiben und darum bitten, das Internet auf mindestens einer Briefmarke zu würdigen (besser noch wäre eine ganze Serie, die auch die Möglichkeit bieten würde, Einzelaspekte wie die Netzneutralität, Emojis oder die Memekultur zu würdigen).

Die Entscheidung über die thematische Auswahl für Sondermarken trifft in Deutschland der Bundesminister der Finanzen. Das ist aktuell Olaf Scholz. Und sollte der SPD-Politiker dieses Amt auch im Herbst noch ausüben, wird ihm der Programmbeirat hoffentlich meinen Vorschlag vorlegen, eine Internet-Briefmarke aufzulegen. Denn leider ist das Verfahren für die Sondermarken etwas zäh: Jeweils im Herbst wird für das übernächste Jahr entschieden, welche Themen auf einem kleinen gezackten Wertzeichen gewürdigt werden.

Für das Jubliläum 50 Jahre Internet sind wir also leider zu spät dran.
Deshalb brauche ich Eure Hilfe: Unter dem Hashtag #internetbriefmarke würde ich gerne Argumente für das Internet auf Briefmarken sammeln. Vielleicht liest hier sogar jemand mit, die oder der eine Idee für das gestalterische Motiv für die Internet-Briefmarke hat. Bitte schicke mir deine Vorschläge oder poste sie unter dem Hashtag #internetbriefmarke!! Ich nehme alle Beiträge, Likes, Retweets mit auf, um der Bitte beim Finanzministerium Nachdruck zu verleihen.

Dann kann es vielleicht klappen, dass das Internet auf einer Briefmarke gewürdigt wird. Verdient wäre es!

* Dieser ganze Beitrag ist natürlich ein bisschen überflüssig, wenn es bereits eine solche Marke geben sollte oder sie in den nächsten Tagen auf den Markt kommt. Sollte das sein bzw. passieren, möchte ich diesen Beitrag als unbedingten Support für diese Marke verstanden wissen ;-)

** Wer mehr Argumente für die Web-Würdigung sucht, kann auf Internet-Straße nachlesen oder dort sogar mitmachen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich auch schon häufiger mit dem gesellschaftlichen Wert des Internet befasst habe – z.B. „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018) oder „Heimatverein für das Internet“ (Oktober 2017). Hier kann man den Newsletter kostenfrei bestellen – und hier kann man meine Gebrauchsanweisung für das Internet lesen.

Nachtrag: Nicola Wessinghage hat Briefmarken mit Beispielmotiven erstellt

Es bleibt, was du tust (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Ehrendoktor für Pragmatismus“ überschrieb die SZ die Meldung zu der Verleihung der Ehrendoktor-Würde an Angela Merkel. Aus diesem Anlass hielt die Bundeskanzlerin vor Absolventinnen und Absolventen der Uni eine Rede, die man hier nachlesen kann und „die ihre Biografen vermutlich dereinst als eine Art politisches Vermächtnis interpretieren werden“, urteilt Christian Zaschke in der SZ. Meine Timeline ist voll des Lobes für Angela Merkel und für die weitsichtigen Worte, die sie in Harvard gewählt hat. Und nicht nur wegen des Pragmatismus-Bezugs finde auch ich Gefallen an einigem, wofür sie Applaus bekommt.

Wenn sie zum Beispiel mit diesen Worten für die Idee der Toleranz wirbt …

„Ich habe gelernt, dass auch für schwierige Fragen Antworten gefunden werden können, wenn wir die Welt immer auch mit den Augen des anderen sehen. Wenn wir Respekt vor der Geschichte, der Tradition, der Religion und der Identität anderer haben.“

… dann finde ich das richtig und gut. Oder wenn sie am Ende ihrer Rede dazu auffordert, eine offene Haltung dem Neuen gegenüber zu entwickeln, dann wäre ich – wie das Publikum – auch aufgestanden um zu applaudieren, wenn sie sagt…

„Tear down walls of ignorance and narrowmindedness, for nothing has to stay as it is.“

Ich teile ihre Haltung, Probleme als lösbar zu denken. Ich mag wie sie dabei ihren eigenen „Wir schaffen das“-Satz zum Abschluss eines sehr tatkräftigen Absatzes kopiert:

Wenn wir die Mauern, die uns einengen, einreißen, wenn wir ins Offene gehen und Neuanfänge wagen, dann ist alles möglich. Mauern können einstürzen. Diktaturen können verschwinden. Wir können die Erderwärmung stoppen. Wir können den Hunger besiegen. Wir können Krankheiten ausrotten. Wir können den Menschen, insbesondere Mädchen, Zugang zu Bildung verschaffen. Wir können die Ursachen von Flucht und Vertreibung bekämpfen. Das alles können wir schaffen.

Das ist alles so motivierend, dass man fast vergisst, wer eigentlich in Deutschland in den vergangenen Jahren die Regierung geführt hat. Zum Glück erwähnt sie das selber als sie sich ihre eigene erste Regierungserklärung aus dem Jahr 2005 zitiert:

Fragen wir deshalb nicht zuerst, was nicht geht oder was schon immer so war. Fragen wir zuerst, was geht, und suchen wir nach dem, was noch nie so gemacht wurde.

Das ist eine großartige Haltung.
Allein: Nichts aus diesen zwei Sätzen entdecke ich, wenn ich die Regierungsarbeit aller Merkel-Regierungen anschaue. Im Gegenteil: Ich habe eher das Gefühl, dass diese beiden Sätze im direkten Widerspruch zu dem Grundgefühl in diesem Land stehen. Denn genau deshalb bricht dieser Tage doch der Generationenkonflikt gegen Merkel und ihre Partei auf. Menschen, die eben zuerst fragen, was geht und was noch nicht gemacht wurde, rebellieren gegen die Politik, die vom Rednerpult in Harvard aus weit weg scheint, die aber auch zu Angela Merkel gehört.

Bei aller Begeisterung, die jetzt über Merkel zu hören ist, muss man schon genau daran erinnern: Dass Parteien den Draht zu jungen Wählerinnen und Wählern verloren haben, liegt auch an ihr.

Denn so klangvoll eine solche Rede ist, es gibt etwas, was Biografen noch wichtiger finden fürs politische Vermächtnis: die Taten! Vielleicht darf man hoffe, dass sie ihre eigene Rede ernst nimmt. Die endet mit diesen Worten:

Surprise yourself with what is possible. Remember that openness always involves risks. Letting go of the old is part of a new beginning. And above all: Nothing can be taken for granted, everything is possible.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in diesem sind zuletzt u.a. erschienen: „Bewahren vs. Gestalten“ (Mai 2019), 70 Jahre Grundgesetz (April 2019) „Warum die Urheberrechtsdebatte ein Fortschritt ist (März 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016)

Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bedeutung. Am Ende geht es einzig und allein um unsere eigenen Bedeutung. Das jedenfalls sagt Jason Feifer in seinem Text „Warum ältere Menschen schon immer über jüngere Menschen schimpfen“, der zur Grundlage für die aktuelle Episode des Pessimists Archive-Podcast wurde, die auf deutsch „Die Jugend von heute“ heißen würde (und auf Twitter vermutlich #diesejungenleute). „Wir können nicht anerkennen, dass das Leben ohne uns weitergeht. Und statt den Lauf der Welt zu akzeptieren, geben wir einfach der kommenden Generation die Schuld.

Für Feifer liegt genau in dieser Angst vor der eigenen Sterblichkeit der Hauptgrund für das Hadern der Alten mit der Jugend – und zwar nicht nur mit der Jugend von heute, sondern auch mit jener von gestern, vorgestern und auch der davor. Er erkennnt ein wiederkehrendes Muster, das man Beschuldigungs-Vererbung nennen könnte. Stets auf Neue klagen dabei die Älteren über die Jüngeren: Weil es diesen an Anstand fehle oder an Wissen oder weil sie schlicht nicht so sind wie das Früher™️, an das sich mancher zu erinnern glaubt. In der Podcast-Folge kann man dazu ein kleines Ratespiel spielen, für das Feifer Jugend-Beschimpfungen aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen hat, die sich frapierend ähneln und deshalb kaum unterscheidbar sind. Als aktuell fallen die Beschimpfung dieser Tage nur deshalb auf, weil sie häufig von der angeblich unsachgemäßen Handy-Nutzung (Symbolbild: Unsplash) handeln. Davon abgesehen scheint es eine Art Ur-Misstrauen der Alten in Bezug auf das Neue zu geben. Umberto Eco spricht deshalb davon, dass es sich beim Hadern der Jugend von gestern über die Jugend von heute um eine Art wiederkehrenden Menschheitstraum handle.

Es ist dies kein besonders schöner Traum – und der abgelaufene Monat war für mich voll von Beispielen für diese Konfliktlinie zwischen den Generationen. Ich durfte (wie hier berichtet) auf Einladung des Goethe-Instituts in Seoul an einer Veranstaltung teilnehmen, die Generationenkonflikte in einem internationalen Kontext beleuchtete. Dabei lernte ich, dass z.B. auch in Korea greifbar wird, wie Alte und Junge sowie Junge und Alte aneinander vorbei reden – und sich dabei auf äußerst unschöne Weise beleidigen, wie man in diesem Text von Korea Expose nachlesen kann – dazu in der aktuellen Ausgabe von The Economist über den Begriff kkondae Und kaum war ich zurück, lieferte ein YouTube-Video den Beweis dafür, dass auch Deutschland diese Konflikte kennt: zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.

Zur Europawahl gab es diesen Konflikt dann auch in handfesten Zahlen, die zeigen: Diejenigen Wähler*innen die erstmals wählten, entschieden sich grundlegend anders als jene, die schon häufiger an Wahlen teilnahmen. Konkret stimmten bei den Wähler*innen unter 30 Jahren mehr Menschen für die Grünen als für SPD, CDU/CSU und FDP zusammen. Das passt zu einer Analyse über die Kluft zwischen den Generationen, die Jagoda Marinic schon im vergangenen Jahr in der New York Times beschrieb. Bernd Ulrich diagnostizierte am Sonntag, diese Europawahl habe „eine so nie da gewesene Spaltung zwischen der jungen Generation und den Älteren bloßgelegt“, was durchaus an seine Prognose aus dem März erinnert, als er schrieb: „Wenn die Politik so weitermacht, dann läuft nicht nur Deutschland in einen Generationenkonflikt hinein, gegen den 68 ein Kindergeburtstag war. Damals ging es vor allem um die deutsche Vergangenheit (und den Krieg in Vietnam), heute geht es um die globale Zukunft.“

Das mögliche Ausmaß dieses Generationenkonflikts konnte man unlängst im Atlantic nachlesen, wo ein Professor und ein Student gemeinsam analysierten, „der Bruch zwischen den Generationen in der amerikanischen Politik wächst so stark, dass er wichtiger werden könnte als die Differenzen zwischen Klassen oder Hautfarben, die traditioneller Weise als Grundlage der Analyse dienen“. Auch Georg Diez, der den Text in der taz zitiert, argumentiert ähnlich. Er fordert: „Es wird sich mehr verändern müssen als nur die inhaltliche Debatte von Politik, ob im EU-Parlament oder im Deutschen Bundestag, so viel scheint klar. Die Schüler, die den Protest auf die Straße getragen haben, was zu zum Teil krassen und hässlichen Abwehrreaktionen von Teilen der Politik und der Medien geführt hat, die mehr darüber aussagen, wie verzweifelt hier um das eigene Überleben, sprich die eigene Karriere oder die Interessen, die dahinter stehen, gekämpft wird – die Schüler sind jedenfalls geprägt von einer anderen Welt, wie sie sie wahrnehmen, bedroht in ihrem Wesen, erschaffen durch die Technologien, die sie benutzen. Das verändert Theorie und Praxis von Politik, wie es etwa Fridays for Future zeigt. Es geht nun darum, die Demokratie in Europa für das digitale Zeitalter und eine andere Generation neu zu erfinden.“

Womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Bedeutung sind. Denn noch deutlicher als am Lebensalter ist die Differenz an einer Frage erkennbar, die ich hier und hier schon mal gestellt habe: Kann es (noch) besser werden? Die Konfliktlinie des neuen Generationenstreits zwischen denen, die etwas zu verlieren und jenen, die etwas zu gewinnen haben, verläuft zwischen der „Generation Bewahren“ und der „Generation Gestalten“ – und das hat natürlich mit dem Alter zu tun, aber eben nicht nur. Es hat damit zu tun, ob man die von Feifer eingangs zitierte eigene Bedeutung aus der Vergangenheit begründet oder ob man Zukunft gestalten will. Das geht womöglich beides und auch zusammen, aber es ist eine Frage der Priorisierung. Jede und jeder muss sich die Frage stellen: Trage ich dazu bei, Hoffnung für eine bessere Zukunft wachsen zu lassen?

Darin liegt vielleicht ein Ansatz, den wiederkehrenden Traum des Generationenkonflikts zu beenden. Denn: „Die Kraft diesen Zirkel zu durchbrechen, liegt in unseren Händen“, ereifert Feifer sich in seinem Podcast. Schließlich haben wir Alten Älteren, ja schon mal bewiesen, dass die Generationen-Beschuldigung falsch war. Was die Alten Sehr Alten über uns sagten, war doch erkennbar falsch, also durchbrechen wir den Kreislauf und hören auf, auf die Jungen zu schimpfen – schlägt Feifer vor und kommt zu dem Schluss: „Wir sind nichts Besonderes. Wir sind lediglich die letzte Generation in einer ganzen Reihe.“ Wir sollten uns von dem Wunsch verabschieden, dass man sich an uns erinnert. „Wir sind genauso gut und genauso schlecht wie die vor uns – auch wie die, die nach uns kommen. Wir sind eingeklemmt zwischen zwei Generationen. Das Beste was wir daraus machen können: Wir sollten unsere Zeit klug nutzen und diejenigen unterstützen, die uns mal nachfolgen werden.“

Besonders schön ist dieser Vorsatz übrigens in einem Kinderbuch zusammengefasst, das ich auch in diesem Monat gelesen habe. Es stammt von Rebecca Solnit, von der ich einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft gelernt habe und die sich die Mühe gemacht hat, Aschenputtel in eine moderne Form zu bringen (Cinderella Liberator). Sie sagt, sie habe irgendwann gemerkt, dass es in der Geschichte gar nicht so sehr darum gehe, einen Prinzen zu heiraten, sondern viel mehr um die Verwandlung und die Transformation. Deshalb lässt sie die gute Fee in dem Buch an einer Stelle auch sagen, dass die wahre Magie darin liege, dazu beizutragen, dass jedes Ding sein bestes und möglichst freies Selbst entwickeln kann.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, dessen Mai-Ausgabe in den kommenden Tagen verschickt wird. Mehr zum Thema Generationenkonflikt gibt es auch in dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip – zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“

70 Jahre Grundgesetz (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Wäre dieses Land ein Mensch, wäre es eine rüstige Dame, die demnächst einen runden Geburtstag feiert. 70 Jahre wird die Bundesrepublik in diesem Jahr alt, am 23. Mai 1949 ist das Grundgesetz verabschiedet und verkündet worden, am 24. Mai trat es in Kraft. Ein schönes Jubiläum. Es wird angestoßen, jemand hält eine Rede und das Land denkt zurück. Ganz sicher auch wehmütig.“

Mit diesen Worten habe ich unlängst ein Essay in der SZ begonnen und mit diesem Bild möchte ich auch in diesen Newsletter starten, der in den Geburtstagsmonat verschickt wird: Das Grundgesetz feiert demnächst einen runden Geburtstag – und ich mag die Vorstellung, das Land (und seine Verfassung) als Mensch zu denken.

Wie geht es diesem Mensch gerade? Wer kommt zum Geburtstagsfest? Was wird verschenkt?

Diese Fragen sind auch deshalb spannend, weil in diesem Land gerade ein Generationenkonflikt entsteht, „gegen den 68 ein Kindergeburtstag war“. Das jedenfalls glaubt Bernd Ulrich in seinem Kommentar zur Fridays for Future-Bewegung in Die Zeit, in der New York Times schreibt Anna Sauerbrey von einem „New Culture War“, der durch die Proteste ausgelöst wird (dass wir zu dem Thema gerade bei der SZ einen Newsletter machen, habe ich erwähnt, oder?).

Diese Fragen öffnen aber auch den Blick auf das Bild, das wir von diesem Land haben und von den zentralen Regeln, die dem Zusammenleben hier zugrunde liegen (dazu Unser Land unsere Regeln). Mit der Metapher vom Geburtstag kann man sich vielleicht dem nähern, was in diesem Land gut läuft und was nicht (wer das genauer haben will, kann hier nachlesen, wie robust unsere Verfassung in Wahrheit ist.)

Oliver Wurm hat auf die Frage nach dem Jubiläumsbild geantwortet: „Sicher ist, dass der Mensch deutlich vitaler wäre als es sein Geburtsdatum vermuten läßt. Ob Frau oder Mann – schwer zu sagen. Sicher ist, dass er oder sie über eine erstaunliche Weisheit verfügt, über ein intaktes Wertesystem und über eine beeindruckende Fähigkeit: nämlich die, mit der Zeit zu gehen – ohne sich dabei zu sehr vom jeweiligen Zeitgeist treiben, geschweige denn beunruhigen zu lassen.“ Oliver kommt zu dieser Einschätzung auf Basis der Lektüre der Verfassung. Er hat sie so gut gelesen, dass er daraus ein Magazin gemacht hat. Seit November ist Das Grundgesetz als Magazin am Kiosk – und es ist ein toller Erfolg (das Magazin wie die Verfassung).

Ich habe ihm ein paar Fragen zu dem Magazin-Projekt gestellt – denn sein Heft ist richtig gut geworden. Ich kann es jedem nur empfehlen.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum ich das Thema in diesem Monat in meinem Newsletter anspreche. Ich bin im Mai auf Einladung des Goethe-Instituts in Seoul. Bei dem Besuch geht es auch um Deutschland in der Welt. Und ich habe mir überlegt, ich nehme Sie, liebe Leserinnen und Leser des Newsletters einfach mit – in Form von Antworten. Ich werde in Seoul nämlich u.a. beschreiben, wie ein Geburtstagsfest aussehen würde, wenn die Jubilarin tatsächlich ein Mensch wäre. Dazu gibt es eine Antwort von mir, aber das Spektrum ist ja viel breiter.

Deshalb frage ich Sie: Welches Bild von der Jubilarin haben Sie? Erzählen Sie es mir – in den Kommentaren unter diesem Text oder per Mail (Adresse im Kontakt). Unter allen die mitmachen, verlose ich sieben Exemplare des Grundgesetz-Magazins von Oliver Wurm (hier hat er erzählt, wie er auf die Idee gekommen ist)

Ich freue mich auf Ihre Antworten – und werde spätestens im nächsten Newsletter davon berichten, wie sie in Südkorea angekommen sind.

Hier geht es zu meinem Essay in der SZ


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Warum die Urheberrechtsdebatte ein Fortschritt ist (März 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016)

Warum die Urheberechtsdebatte schon jetzt ein Fortschritt ist (Digitale März-Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Erinnern Sie sich noch an den 11. Februar 2012? Das war der Tag, an dem die Tagesschau um 20 Uhr mit einer Urheberrechts-Meldung eröffnet wurde. „In vielen deutschen Städten haben Zehntausende Menschen gegen das Urheberrechts-Abkommen ACTA demonstriert“, sagte Ellen Arnold, dann sah man Bilder von demonstrierenden Menschen (viele mit Anonymous-Masken) und hörte den Satz: „Der massive Protest dürfte die Bundesregierung überrascht haben.“

Dieser 11. Februar 2012 war vermutlich der letzte Tag, an dem das etwas sperrige Rechtsgebiet „Urheberrecht“ derart prominent medial erwähnt wurde. Denn die Überraschung in der Bundesregierung führte dazu, dass sich niemand mehr an das unbedingt wichtige Rechtsgebiet heranwagte. Jedenfalls nicht im Sinne einer gestaltenden Reform. Im Gegenteil: in einem vertraulichen Gespräch sagte mir mal jemand im politischen Berlin, das Urheberrecht sei vielleicht wichtig, aber ein Gebiet, bei dem man nichts gewinnen könne als Politiker.

An diesem Wochenende war das Urheberrecht wieder die erste Meldung in der Tagesschau. Viele Zehntausend Menschen haben demonstriert. Und wer nicht genau hinschaut könnte den Eindruck gewinnen, dass die Einschätzung der Acta-Jahre noch immer stimmt. Das glaube ich nicht. Die Debatte der vergangenen Tage, die mit den Samstagsdemos (mit allein in München 40.000 Teilnehmer*innen) einen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat, zeigt einen Fortschritt. Am Dienstag wird im Europaparlament über das neue Urheberrecht abgestimmt, das neben dem umstrittenen Artikel 13 (der Uploadfilter zur Folge haben würde) noch durchaus mehr Streitpotenzial in sich trägt. Egal wie die Abstimmung ausgeht: Danach warte eine Menge Arbeit! Denn es gilt, was Reto Hilty in diesem Interview sehr sachlich auf den Punkt bringt: Für das Thema gibt es keine einfache Lösung! Ich glaube aber, dass die vergangenen Wochen uns einer Lösung näher gebracht haben, deshalb ist bisherige Debatte für mich schon jetzt ein Fortschritt. Ich will das an fünf Punkten erläutern:

1. Sobald ein Thema relevant wird, wird es auch kontrovers

Dass wir jetzt über das Urheberrecht streiten, ist an sich schon ein Erfolg. Es beweist, dass das Thema in der gesellschaftlichen Mitte angekommen ist. Und in der gesellschaftlichen Mitte reicht es nicht mehr einfach nur Recht zu haben. Denn dort gibt es die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, dafür muss jede Seite ihre Komfortzone verlassen – und sich erklären. Das Urheberrecht (als kleinste Einheit der noch größeren Debatte über die Digitalisierung) kommt so auf den Marktplatz der Ideen. Das führt zu Auseinandersetzungen, es legt Wissensunterschiede offen und lässt unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen aufeinandertreffen. Streit ist unausweichlich, aber das ist der Sinn von Demokratie.
Wir haben gelernt: Die Debatte der vergangenen Wochen zeigt, dass das Mitmach-Internet zum Gegenstand politischer Debatten geworden ist. Das ist überfällig, aber es ist auf jeden Fall ein Fortschritt. Es zwingt diejenigen, die man verallgemeinernd als Netzgemeinde bezeichnet in den politischen Wettstreit und es zwingt Beckenrandsitzer, sich nicht mehr nur symbolisch fürs Digitale zu interessieren. Die Sache mit dem Internet wird jetzt ernst!

2. Wissensdefizite werden klar erkennbar

Dafür, dass es ernst wird, fehlt in weiten Teilen relevanter Entscheidergremien aber schlicht digitale Kompetenz. Das ist ein Floskel, aber die Debatte der vergangenen Wochen hat gezeigt, wie sehr diese Floskel stimmt. Axel Voss wurde dabei persönlich vom Hohn und Spott aus dem Internet getroffen. Der Hashtag #axelsurft mag dabei beleidigend gewesen sein und kein konstruktiver Beitrag zur Debatte. Erstaunlich ist dabei aber zweierlei: zum einen wurde genau dies unter dem Hashtag auch thematisiert und zum zweiten muss man sich für einen Moment vorstellen, ein prominenter Politiker und seine Fraktion hätten einen solchen fachlichen Unsinn in einem Themenbereich getwittert, der Boulevard-Medien und nicht die auch reflektierten Twitter-Nutzer*innen ärgert: Was hätten Voss und seine Fraktion erlebt, wenn sie zum Beispiel öffentlich bemerkt hätten, dass es sehr wohl auch Autos mit zwei Rädern gibt – auf denen tragen die Leute sogar Helme! Er wäre politisch erledigt gewesen.
Wir haben gelernt: Dass fachlich ähnlich kompetente Äußerungen in der Urheberrechts-Debatte aber folgenlos bleiben, zeigt, worin die gesellschaftliche und politische Aufgabe besteht, wenn wir nachhaltige Digitalpolitik machen wollen: Wir brauchen dringend bessere Erklärformate in allen Programmen – und verpflichtende Schulungen für Entscheidungsträger*innen! Digitalpolitik muss raus aus der Flugtaxi-Bällebad-Welt, sie muss an den Kabinettstisch!

3. Wir fangen endlich an, das Problem zu definieren

Guter Streit muss von einem Thema handelt, für das es auch eine Lösung gibt. Mit jedem Tag, den die Urheberrechts-Debatte dauert, habe ich das Gefühl, dass die Lösung für den Streit, der gerade geführt wird, gar nicht im Urheberrecht liegt. Denn der Impuls vieler, die für den aktuellen Vorschlag kämpfen, lautet: „Wir müssen Internetmonopole besser kontrollieren„, so formuliert es Helga Trüpel und in dem unter anderem von ihr unterzeichneten Manifest für diese Urheberrechtsreform heißt es: „Es gibt keine Freiheit ohne Regeln! Sonst setzt sich nur der Stärkste durch, wie mit den Internet-Giganten geschehen! Wir sind keine Maschinenstürmer, wir wollen eine Ordnungspolitik für die digitale Welt! Wir wollen ein offenes und faires Netz.“ Warum dafür ausgerechnet das Urheberrecht das richtige Werkzeug sein soll, steht da nicht. Das muss man aber mal fragen, denn der Jurist Martin Kretschmer sagt: „Wenn man wirklich bei den Plattformen ansetzen und dort Geld holen will, dann muss man über das Steuerrecht vorgehen und man muss das Wettbewerbsrecht anwenden. Das ist völlig klar, das wissen alle.“ Unjuristisch formuliert: Was wäre eigentlich, wenn man Teile der Streit-Energie der vergangenen Wochen nutzt, um dafür zu sorgen, dass die „Internet-Giganten“ angemessen Steuern zahlen?
Wir haben gelernt: Wenn wir wirklich über das Urheberrecht sprechen wollen, und nicht nur über das Unwohlsein mit „amerikanischen Internet-Unternehmen“, dann könnte man sich zum Beispiel von Cory Doctorow inspirieren lassen: Der erklärt in diesem Interview nicht nur, warum man dafür auch die Verwertungsgesellschaften refomieren müsste, sondern auch wie Pauschallizenzen funktionieren könnten: „Wir könnten Pauschallizenzen einführen, und zwar per Gesetz. Für jedes Abspielen eines Liedes oder Videos zahlen die Plattformen dann einen Betrag an die Künstler, egal, was für einen Vertrag sie mit ihrem Label haben.“

4. Die Debatten-Kultur im Internet kann besser sein als im TV

Kann das stimmen? Hören wir nicht überall wie schlimm die Diskussionskultur im Netz ist. Vielleicht ist das Gegenteil richtig: Jedenfalls hat mir die Urheberrechtsauseinandersetzung der vergangenen Tage gezeigt, dass das Netz (auch) fähig ist zu einem offenen Meinungsaustausch. Immerhin fand die meiner Einschätzung nach schlimmste Entgleisung in der Debatte in der Bild-Zeitung statt, wo ein Unions-Abgeordneter unkommentiert spekulieren durfte, die Demonstrierenden seien gekauft worden (die beste Antwort darauf hat meiner Meinung nach Henning Tillmann gegeben) – und der YouTuber Rezo hat hier noch ein paar mehr aus klassischen Medien aufgedeckt. Rezo nahm dann auch an dem erstaunlichen Talk-Format #jetztwirdgeredet teil, bei dem aus unterschiedlicher Perspektive über das Thema gestritten wurde, aber (wie ich finde) ausgesucht höflich und ohne die aus dem Fernsehen gelernte „jetzt lassen Sie aber mich mal ausreden“-Anbrüll-Logik. Leser*innen dieses Blogs wissen, dass mich das Thema einer medialen Streitkultur jenseits der populistischen TV-Formate umtreibt, deshalb habe ich mich in diesem Monat sehr gefreut – über die Debattenkultur im Netz.
Wir haben gelernt: Das Internet kann ein offener, toleranter im besten Sinn pluralistischer Ort sein. Es lohnt sich dafür zu kämpfen!

5. Europäische Politik war selten so greifbar wie jetzt

Bei Tagesschau.de hat Samuel Jackisch dieser Tage einen wenig optimistischen Kommentar zur Debatte verfasst. Er kommt darin zu dem Schluss: „Kurz vor der Europawahl vergrault die Mehrheit des Europäischen Parlaments eine überwiegend junge pro-europäische Wählergruppe. Ihr bleibt der Eindruck, dass andere über Gesetze von für sie zentraler Bedeutung entscheiden: nämlich lobbygelenkte Schreibtischtäter mit Faxgeräten im Büro und einer eigenen Referentin für den Twitter-Account.“ Daran ist vieles richtig, ich glaube aber, dass das Wort „vergrault“ falsch ist. Im Sinne des guten alten Spruchs „Ihr werdet Euch noch wünschen wir seien politiverdrossen“ würde ich im Gegenteil behaupten: Die Debatte ums Urheberrecht hat (gemeinsam mit der Klima-Debatte) einen junge Wählerschaft auf eine Weise politisiert, die man am 26. Mai spüren wird. Dann nämlich wird ein neues europäisches Parlament gewählt!
Wir haben gelernt: Politik ist ein Wettstreit von Ideen. Es lohnt sich zu streiten – und dabei sachlich und fair zu bleiben und auf ein Ziel hin zu diskutieren. Die Urheberrechtsdebatte wird uns noch eine Menge Möglichkeiten bieten, unsere demokratische Streitkultur zu beweisen. Es lohnt sich also, diese weiter einzuüben.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. Über das Thema Urheberrecht denke ich nach seit ich 2011 das Buch „Mashup – Lob der Kopie“ bei Suhrkamp veröffentlichte.

Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Das größte Dilemma des Digitalen hat mit einer Ressource zu tun, die nur wenige als solche erkennen. Sie ist für alle gleich, kann nicht vererbt, aufgespart oder vermehrt werden. Sie ist die Vorausssetzung für alle Arten von Bezahl- und Geschäftsmodell im Web und wird doch nur selten beachtet. Ich spreche von Ihrer Aufmerksamkeit!

Zum Dilemma wird die Zeit durch das ständig steigende Angebot an Zeitvertreib. Denn auf dem Verhältnis von Inhalt und Aufmerksamkeit basiert unsere Wertschätzung. Wir kommen aus einer Welt, in der sehr wenig Inhalt eher viel Aufmerksamkeit traf: Es gab maximal drei Fernsehprogramme, Zeitungen, Magazine und vor allem keine einzige E-Mail. Niemand schrieb Chat-Nachrichten und Urlaubsfotos von Freunden sah man höchstens auf Dia-Abenden. Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel hat sich das Verhältnis umgedreht: Auf unsere gleiche Aufmerksamkeitsspanne trifft heute ungleich viel mehr Inhalt. Denn zu den Fernsehprogrammen, Zeitungen und Magazinen von damals sind ja noch all die Websites, Info-Radios und Spezialangebote hinzugetreten, die alleine in keinen Tag passen würden. Doch darüberhinaus verlangen auch all die Tweets, Posts und Mails nach Aufmerksamkeit.

Diesem neuen Verhältnis von Zeit und Zeitvertreib ist es zu verdanken, dass die Dienstleistung, die Welt zu ordnen und Informationen zu sortieren, heute nicht mehr einzig von Inhalte-Anbietern vorgenommen wird, sondern vor allem von Plattformen und deren Filtern. Das kann man mögen oder nicht, dieses neue Verhältnis verschiebt aber die Wertschätzung. Es wird der Anbieter erfolgreich sein, dem es gelingt, Angebote zielgenau und zeitsparend zuzuschneiden. Das Ende des Durchschnitts bedeutet dabei auch: Dienstleistung für Leser*innen zu schaffen, das jeweils beste Angebot zu liefern und nicht nur möglichst viel zu produzieren oder möglichst breit zu informieren.

Diese Verschiebung bedeutet aber vor allem, dass der beliebte Satz „Eine gute Geschichte findet ihre Leser“ vielleicht gar nicht (mehr) stimmt. Denn es kommt auf mehr an als auf den guten Inhalt. Eine gute Geschichte bleibt am Ende trotzdem Wasser, das in den (Info-)Ozean geschüttet wird. Das allein bringt nichts, selbst wenn es Qualitätswasser ist.

Beobachten Sie! Bewerten Sie nicht!

Eine gute Geschichte findet ihre Leser nur dann, wenn sie auch danach sucht. Dazu gibt es zahlreiche Ansätze, eine besondere weil unterschätzte Möglichkeit heißt: Verknappung (deshalb der Titel!). Zahlreiche erfolgreiche Digital-Angebote nutzen das Prinzip der zeitlichen und räumlichen Verknappung, um Aufmerksamkeit zu generieren. Beim Crowdfunding – wie beim besten Sportmagazin der Welt – werden besondere Angebote für einen kurzen Zeitraum offeriert, die es nachher nicht mehr gibt. Bei Insta-Stories werden Bilder nur für 24 Stunden sichtbar angezeigt, TikTok-Filme dürfen nicht länger als 15 Sekunden sein und auf Twitter sind Beiträge auf 280 Zeichen begrenzt.

Ist das nicht ein totaler Fehler? Dachte man nicht immer, im Internet gebe es keine Begrenzung?

Eben! Gerade weil es kaum natürliche Grenzen gibt, nutzen die genannten Ansätze künstliche Verknappungen um ihr Angebot attraktiv zu machen. Sie vermarkten die vermeintliche Schwäche als Alleinstellungsmerkmal. Das ist bemerkenswert, denn im Prinzip funktioniert die Homepage eines Nachrichtenangebots wie sz.de nach dem gleichen Verknappungsmuster wie eine Insta-Story: man kann sie maximal 24 Stunden in dieser Form sehen. Dann ändert sie sich. Die Homepage vom vergangenen Freitag gibt es nicht mehr. Aber kein Nachrichtenangebot, das mir bekannt ist, vermarktet diese vermeintliche Schwäche so wie Instagram oder der Erfinder Snapchat es tun.

Denn oft wird Verknappung fälschlicherweise als unnötige Einschränkung wahrgenommen. Ich kann das Feedback förmlich hören, das man in einem klassischen Medienhaus bekommen hätte, hätte man dort vorgeschlagen, ein Angebot nach 24 Stunden nicht mehr anzuzeigen. „Wieso denn? Damit beschränken wir uns doch unnötig, das machen wir nicht.“ Auch Twitter hätte man in einem solchen Umfeld niemals erfinden können, denn das Alleinstellungsmerkmal Zeichenbegrenzung wäre als unnötig durchgefallen.

Dabei ist der Trick hinter den Verknappungsansätze nicht besonders kompliziert. Es geht eher darum, das Muster zu verstehen. Und das gelingt, wenn man den Fokus weg vom Inhalt hin zur Aufmerksamkeit verschiebt. Sie ist die Voraussetzung für alle folgenden Geschäftsmodelle im digitalen Raum. Deshalb lohnt es sich, das Muster der Verknappung zu verstehen – und achtsam (sic!) zu beobachten, wie und wo Aufmerksamkeit schon heute ein bedeutsamer Faktor ist.

Im Podcast von Digg-Gründer Kevin Rose habe ich dazu ein interessantes Gespräch mit Jake Knapp gehört (in einer ersten Version des Textes habe ich ihn mit Instagram-Gründer Kevin Systrom verwechselt). Das ist der Mann, der die Idee des Design-Sprints erstmals aufgeschrieben hat. Jetzt ist sein neues Buch raus, es heißt „Make Time“ und widmet sich der Aufmerksamkeit von der anderen Seite: Knapp und seinem Co-Autor John Zeratsky geht es Konzentration und Klarheit, es geht um Fokus und Achtsamkeit.

Es ist interessant, welchen Blick Rose und Knapp in dem Gespräch auf die Technik-Anbieter werfen, deren Geschäft stets auf dem Gegenteil beruht. Es öffnet aber einen Blick auf die andere Seite der Aufmerksamkeit, auf die Frage: Worauf richten Sie Ihre Aufmerksamkeit? Kevin Rose hat dafür eine App entwickelt. Sie heißt Oak und soll Menschen helfen, sich zu konzentrieren. Ich finde es ist das sympathischste Angebot im wachsenden Markt der Meditations-Apps (über die es am Wochenende einen sehr guten Text in der SZ gab).

Atmen Sie ein und aus – beobachten Sie, bewerten Sie nicht.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man beobachten kann, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten kann.

Meinungsvirus: das bessere Bild für einen Shitstorm (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Kennen Sie die „Warum wurde ich nicht gefragt?“-Theorie? Sie stammt aus dem Jahr 2011 und ich musste an diese Idee denken, als ich unlängst im Kino war. Ich schaute mir „Chaos im Netz“ an, der tatsächlich ein ziemlich gelungener Film über das Internet ist. Denn er ist voller guter Bilder für das, was man so schwer erklären kann: Im Internet sein! Für die Kinderzeitung der Samstags-SZ habe ich das an drei Beispielen beschrieben. Man könnte aber unzählige weitere ergänzen: Packet-Switching, den Unterschied zwischen Web und Internet, die Idee des Hyperlinks, das Konzept Algorithmus, Autovervollständigung, Dark Net und sogar Viralkultur werden in dem Film so kindgerecht ins Bild gesetzt, dass auch Erwachsene sich den Film anschauen sollten (für Details können Sie danach dann die Gebrauchsanweisung lesen).

Und im hinteren Drittel des Films gibt es auch ein Bild für jene Form der Empörungswelle, die man in Deutschland (und nur in Deutschland) Vulgär-Englisch Shitstorm nennt. Dieses Bild (Screenshot links) ist so gut, dass ich mir sogar vorstellen kann, dass es langfristig in der Lage wäre, den merkwürdigen Begriff Shitstorm zu ersetzen. Das Bild ist ein Meinungsvirus. Und dieser Meinungsvirus hängt sehr eng mit der eingangs zitierten „Why wasn’t I consulted?“-Theorie zusammen. Aber eins nach dem anderen.

Zum Abschluss des Films muss die Hauptfigur Randale-Ralph (der im ersten Teil namens Ralph reicht’s aus einem Computerspiel ausbricht) gegen ein Computervirus kämpfen. Er hat dieses Virus selber miterschaffen und in ein Computerspiel eingeschleußt. Herkunft und Details des Schadprogramms erspare ich aus Spannungsgründen, wichtig ist nur: Das Programm macht sich durch beständiges Kopieren selbstständig. Es dupliziert Randale-Ralph immer und immer wieder, so lange bis dieser sich zu einer riesigen bedrohlichen Figur aufgetürmt hat, die nicht nur den Ursprungs-Ralph, sondern das ganze Internet bedroht. Bis hierhin gleicht der überdimensionierte Angreifer eher einer DDOS-Attacke als einem Shitstorm. Doch dann wird ein winziger Aspekt ergänzt, der mit der eingans zitierten Theorie zusammenhängt und offenlegt: Der Angreifer ist ein Meinungsvirus.

Denn der Ursprungs-Ralph besiegt den Virus-Ralph am Ende durch einen simplen Trick: indem er sich seiner Unsicherheit stellt. Denn diese war der Auslöser für das Duplikations-Virus und erst als er sie anerkennt, wird der Angriff und das beständige Kopieren gestoppt. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Empörungswellen, die sich ebenfalls aufbäumen können wie das Virus im Film. Sie werden zu einer überlebensgroßen Bedrohung und vermehren sich auch immer weiter. Wie ein Meinungsvirus setzen sie den Angegriffenen unter Druck. Und wie im Film scheint die Lösung im Umgang mit Unsicherheiten zu liegen. Einerseits auf Seiten der Angreifer (Virus-Ralph) wie auf Seiten derjenigen, die vom Meinungsvirus bedroht werden (Ursprungs-Ralph).

Die Frage, wie man mit Unsicherheiten umgeht, scheint mir eine der zentralen der digitalen Gegenwart zu sein. Dabei geht es nicht nur darum, dass in komplexen Situationen so genannte Masterpläne nicht mehr greifen. Es geht auch darum, wie Menschen damit umgehen, dass sie sich ungefragt fühlen. Schon 2011 stellte der NPR-Redakteur Paul Ford die These auf, dass die zentrale Frage des Web laute „Warum wurde ich nicht gefragt?“ Menschen fühlen sich übergangen – in banalen Entscheidungen (welchen Film soll ich mir anschauen?) wie in komplexen politischen Debatten. Das Gefühl nicht angemessen befragt und eingebunden worden zu sein, ist in sehr vielen Fällen von Meinungsviren der Ausgangspunkt für das, was sich dann zu dem auftürmt, was man früher einen Shitstorm nannte. Ford listet in seinem Text jede Menge auch positive Beispiele auf, die aus der Energie entstanden, die sich durch den WWIC-Impuls freisetzen kann. Es verschweigt aber auch die Aspekte nicht, die sich aus enttäuschten Erwartungen ergeben – und die sich mittlerweile zu handfesten gesellschaftlichen Problemen entwickelt haben (auch deshalb wählte die letzte Digitale-Notizen-Ausgabe die URL erwartungs-management.de).

Die Sorge nicht gefragt worden zu sein (oder in Zukunft an Bedeutung zu verlieren), ist einer der zentralen Treiber für das, was Online-Debatten heute so unschön machen. Selten sind Menschen emotionaler bei der Sache als in den Situationen, in denen sie das Gefühl haben, etwas nicht zu bekommen, was ihnen zusteht. Fast immer geht es um Zuneigung, aber manchmal drückt sich das auch in – im Verhältnis – so banalen Dingen wie Kindergeld aus, von dem man vermutet, andere könnten es zu Unrecht und damit auf „unsere Kosten“ beziehen. Es ist dies überhaupt die wirksamste Methode, um Menschen zu steuern: indem man ihnen das Gefühl gibt, irgendwer würde ihnen vorenthalten, was ihnen zusteht. Mir ist niemand bekannt, die oder der vor diesem Gefühl gefeit wäre. Nur wenn es poopulistisch ausgeschlachtet wird, kann es sich wie das Computervirus im Film zu einer echten Empörungswelle auswachsen: zu einem Meinungsvirus.

Das Bild vom Meinungsvirus ist deshalb so tauglich, weil es eine Option so zusagen ein Anti-Viren-Programm mitliefert. Leider ist dieses Gegenmittel aber viel schwerer in die Tat umzusetzen. Denn es besteht aus Empathie und Reflektion. Die Fähigkeit, die Shruggie-Frage zu stellen „Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?“, muss immer und immer wieder geübt werden. Wie schwierig es ist, digitale Empathie zu leben, hat Richard Gutjahr in seinen beeindruckenden Vorträgen der vergangenen Jahre demonstriert (wie hier beim Zündfunk Netzkongress). Richard hat aber auch bewiesen, wie wichtig diese Fähigkeit ist.

Ich habe die Hoffnung, dass ein Gegenmittel gegen die umgreifenden Meinungsviren auch in Reflektion liegen könnte. Deshalb habe ich in diesem Monat eine URL reserviert, die man sich für solche Situationen merken sollte, in denen Debatten sich auftürmen wie die Virus-Version von Ralph. Sie heißt meinungsfreizeit.de – und behauptet: Wenn eine Diskussion aus dem Ruder läuft, hilft manchmal eine Pause. Wie ein Timeout beim Sport: kurz unterbrechen, sich sammeln und reflektieren. Meinungsfreizeit will keine Diskussionen abbrechen, sondern Reflektion ermöglichen.

Wenn das gelingt, passiert vielleicht das gleiche wie mit dem Virus-Ralph im Film als der echte Ralph sich seiner Unsicherheit stellt: das Meinungsvirus bricht in sich zusammen.

Probieren Sie es aus – unter meinungsfreizeit.de


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter ging es in den vergangenen Monaten häufiger schon um das Thema Debattenkultur und Streit – z.B. „Was wäre, wenn Seehofer Recht hätte?“ (September 2018), Fünf Fitness-Übungen für Demokratie (Juli 2018), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017)

In Kategorie: DVG

Erwartungsmanagement – bessere Ergebnisse mit mehr ¯\_(ツ)_/¯ (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

So wie man keinen Witz erzählen sollte, dessen Pointe man nicht kennt, sollte man auch kein Gespräch, keine Beziehung und keinen Job beginnen, ohne sich vorher über die Erwartungen klar zu werden. Und auch ein neues Jahr beginnt man am besten, indem man Erwartungsmanagement in eigener Sache betreibt. (Foto: unsplash)

Das ablaufende Jahr war für mich (aufgrund der ¯\_(ツ)_/¯ Veröffentlichung) geprägt von Gesprächen darüber wie wir mit dem Unbekannten und Neuen umgehen. Dabei habe ich festgestellt, dass wir häufig zuerst auf das schauen, was kommt und weniger auf das, was wir schon mitbringen: Unsere Erwartungen und Prägungen bestimmen auf erstaunliche Weise was wir von dem Unbekannten und Neuen halten. Um diesen gedrehten Blick auf das vermeintlich Fremde zu dokumentieren habe ich die Domain erwartungs-management.de registriert (und hierhin gelenkt). Denn mir scheint, dass ein sinnvolles Erwartungsmanagement dazu angetan ist, Zufriedenheit, Selbstwirksamkeit und vielleicht sogar Hoffnung zu steigern.

Meinem Eindruck nach erwachsen nämlich die nachhaltigsten Kränkungen (und damit verbundenen Probleme) aus enttäuschten Erwartungen. Das gilt auf persönlicher Ebene genauso wie im politischen Raum: Das Gefühl zu kurz zu kommen, erzeugt einen sehr tiefsitzende Schmerz – den besonders populistische Bewegungen geschickt für sich nutzen. Man kann das in allen Schattierungen des politischen Spektrums sehen. Wer z.B. der Meinung ist, dass die Bundestagswahl doch eh sinnlos sei, weil sich nach der Wahl ja gar nichts geändert habe, sollte Erwartungsmanagement betreiben. Denn der Anspruch an eine demokratische Wahl, die eigenen Vorstellungen eins-zu-eins in die Tat umzusetzen ist schlicht falsch. Es ist das Prinzip der Demokratie, dass sie auf Kompromissen basiert (ausführlich dazu im Juli-Newsletter).

Doch wenn wir über enttäuschte Erwartungen sprechen, reden wir häufig nur über die Enttäuschung und die damit verbundenen Ungerechtigkeit. Nur selten schauen wir auf den Teil der enttäuschten Erwartungen, auf den man auch als enttäuschte Person aktiv Einfluss nehmen könnte: auf die eigenen Erwartungen.

Ich glaube, dass hier ein wichtiges Werkzeug zur eigenen Zufriedenheit liegen kann. Erwartungsmanagement kann ein ein zentraler Hebel dafür sein, gelassener durchs Leben zu gehen. Und damit meine ich nicht das Bonmot, das besagt, dass man nur keine Erwartungen haben soll, weil man dann ja auch nicht enttäuscht werden kann. Ich meine, dass man sich vorab darüber klar wird, was man eigentlich erwartet. Selbstwirksamkeit in dem Sinne wie Meike Winnemuth sie unlängst im Stern beschrieben hat, basiert darauf, sich vorher Gedanken darüber gemacht zu haben, wo man eigentlich hinwill – oder um es im Sinne der Domain zu sagen: Es geht darum, Erwartungsmanagement zu betreiben. Damit meine ich diese vier Punkte

1. Beginne mit deinem Warum!

Um am Ende ein Ergebnis bewerten zu können, sollte man zunächst klären, warum man eigentlich beginnt. Simon Sinek nennt diesen Ansatz „Start with why“ – also: Beginne mit der Frage nach dem „Warum?“ und nicht mit dem Inhalt (Was?) oder der Form (Wie?) dessen, was du tust. Um diesen Ansatz auf die Idee des Erwartungsmanagements zu übertragen, muss man seinen zentralen Satz („Menschen kaufen nicht was du machst, sie kaufen warum du es machst“) nach innen richten – und herausfinden, welche abstrakte Intention oder konkrete Motivation dich antreibt. Ich glaube, dass diese Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation wichtig ist, um am Ende Ergebnisse zu messen. Tue ich etwas, um anderen zu gefallen? Um Aufgaben oder Zwänge zu erfüllen? Oder dient mein Handeln einem höheren Ziel? Beantwortet es ein Warum?, das über „Geld verdienen“ hinaus geht?

Ich glaube es ist nahezu unmöglich, Ergebnisse angemessen zu bewerten, ohne diese Fragen vorher zumindest gestellt zu haben. Sie bilden die Grundlage für jegliche Form der Ergebniskontrolle und -bewertung. Erwartungsmanagement ist in diesem Sinne nichts anderes als die Klärung der Ziele, die man erreichen will. Das klingt viel leichter als es häufig ist.

2. Definiere deine Ergebnisse

Um die Wirkung eines Projekts zu messen, muss man den Grad der Veränderung zum vorherigen Zustand messbar machen können. Man spricht von Wirkungslogik – und kann diese Methode nicht nur für Fragen der Transformation von Unternehmen und Organisationen oder für Innovationsmanagement anwenden, sie hilft auch um persönliches Erwartungsmanagement zu betreiben.

Dabei sollte man zunächst der sprachlichen Unterscheidung folgen, die es im Englischen für das gibt, was am Ende rauskommt: Output (reines Ergebnis), Outcome (Direkte Auswirkung des Resultats auf einen bestimmen Kreis) und Impact (gesellschaftliche bzw. langfristige Auswirkung des Resultats) beschreiben allesamt Ergebnisse eines Prozesses, aber alle drei Begriffe beziehen sich auf unterschiedliche Aspekte dessen, was man erreichen kann. Outcome und Impact beschreiben die Wirkungsebene des Resultats (Output) und verlangen deshalb immer nach einer Bezugsgruppe und einem Zeitraum, für die bzw. auf die sie Wirkung zeitigt. Diese Differenzierung ist bedeutsam, weil in ihr auch angelegt ist, auf welche Bereiche man tatsächlich Einfluss nehmen kann und welche vor allem vom Zusammenspiel anderer Faktoren und Personen abhängen. Das Prinzip dahinter ist in dem von der Bertelsmann-Stiftung finanzierten Projekt Wirkung lernen anschaulich beschrieben – und es ist im Sinne eines guten Erwartungsmanagements dienlich sich dessen bewusst zu werden.

3. Begreife deine Belohnung

Der Wert eines Projekts hängt aber nicht nur an den Resultaten und deren Auswirkungen. Auch das Feedback und die Anerkennung, die man während des Projekts erhält, spielen bei der Bewertung eine wichtige Rolle – sie sind unter Umständen sogar bedeutsamer als die reinen Resultate. Denn mit jedem Projekt ist stets auch der Wunsch nach positivem Feedback verbunden. Diese Anerkennung kommt dabei im besten Fall sowohl von innen wie von außen. Die Belohnung in Bezug auf die intrinsische und extrinsische Motivation (siehe Punkt 1) ist dann im Gleichgewicht. Um Erwartungsmanagement zu betreiben, sollte man also vorher klären, woher Belohnungen kommen können – und aufmerksam dafür bleiben, wie diese Einfluss nehmen, sich also ernsthaft „darum kümmern, wie viel Anerkennung kriege ich gerade von draußen, wie viel Anerkennung muss ich mir selber geben, und habe ich die Ressourcen, das hinzukriegen?“ so jedenfalls hat es der Coach Jens Braak unlängst in einem Interview in Deutschlandfunk Kultur formuliert.

Das Bewusstsein um (ausbleibende) Belohnungen und ihre Folgen spielt eine zentrale Rolle im Erwartungsmanagement. Es geht um die Geschichte, die man anschließend erzählen kann und es geht um die Motivationsfaktoren, die daraus erwachsen können. In einem gut geführten Projekt (im Sinne von Leadership) gelingt dies durch das Team, es kann aber auch mal vorkommen, dass man sich selber darum kümmern muss: gerade dann sollte man Erwartungsmanagement in eigener Sache betreiben.

4. Frage dich: „Was würde der Shruggie tun?“

Menschen, die die Ruhe, Zeit und finanzielle Ausstattung haben, sich externe Beratung in Form eines Coachings einzuholen, erwerben damit vor allem eins: Abstand. Denn das Ziel eines jeden Coachings liegt darin, mit Abstand auf das aktuelle Problem zu schauen – und daraus neue Optionen zu ziehen. Gutes Coaching eröffnet somit mehr Möglichkeiten, gerade dann, wenn eine Situation ausweglos scheint.

Diese Perspektive des Erwartungsmanagements ist für mich perfekt im fröhlichen Schulterzucken des Shruggie gefasst. Seine kontinuierliche Frage: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre? inspiriert dazu, eine andere, distanzierte Perspektive einzunehmen. Der Shruggie ist so auf eine hoffnungsvolle Weise der beste Erwartungsmanager, den man sich wünschen kann.

Sein Ziel ist es, sich nicht hinter Pessimismus oder Optimismus zu verstecken, sondern den Blick zu öffnen für eine Form der aktiven Beteiligung. Für ihn ist Zukunft gestaltbar. Er sagt: Es spielt eine Rolle, dass und wie du dich beteiligst. In dem Sinne wie Rebecca Solnit Hoffnung als Umarmung des Unbekannten definiert hat, gestaltet der Shruggie die Erwartung auf die Ergebnisse eines Projekts – im besten Sinne hoffnungsvoll.

Denn dieser abschließende Punkt steckt auch in dem, was ich Erwartungsmanagement nenne: die Bereitschaft aktiv in das jeweilige Gespräch, in die Beziehung oder den Job einzusteigen. Das Schulterzucken des Shruggie ist für mich Ausdruck der Offenheit, sich einzulassen und mitzumachen. Auf diese Weise kann gutes Erwartungsmanagement helfen, gelassener und vielleicht sogar zufriedener durch Projekte oder in ein neues Jahr zu gehen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Was der Jahresrückblick mit Indiana Jones zu tun hat (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Das Jahresende ist nicht nur die Zeit der adventlichen Ambiguität. Es eignet sich auch für sinnstiftende Sprüche wie jenen von Sören Kierkegaard, der mal anmerkte, dass man das Leben nur rückwärts verstehen kann, aber vorwärts leben muss. Das ist schön und wenn in den nächsten Tagen die vergangenen Monate im Jahresrückblick-Schnelldurchlauf abgespielt werden (und Sie vielleicht hier bei der Newsletter-Rückblick-Umfrage mitmachen), passt das irgendwie auch ganz gut – aber irgendwie auch nur halb. (Foto: Unsplash)

Und das liegt am Känguru.
Kennen Sie das Känguru?

Es lebt mit Marc-Uwe Kling zusammen und ist für ihn so etwas wie der Shruggie für mich. Jedenfalls sagt das Känguru ziemlich oft ziemlich interessante Dinge – und Kling schreibt das auf. Im konkreten Fall kann man das in einer alten Radio-Fritz-Folge unter dem Titel „Ford-Selleck-Theorie“ nachhören – und im ganz aktuell veröffentlichten jüngsten Band der Känguru-Folgen nachlesen.

Vereinfacht zusammengefasst geht es dabei um die Besetzung des Dr. Henry Walton Jones Jr. in der Filmreihe Indiana Jones. Das Känguru erzählt, dass ursprünglich Tom Selleck als Besetzung geplant gewesen sei und nicht Harisson Ford, den im Rückblick nach vier Filmen alle für den legitimen Indiana Jones halten. Und genau um diesen Rückblick geht es in der Theorie des Kängurus:

Wenn Tom Selleck Indiana Jones gespielt hätte und jemand würde erzählen, dass eigentlich Harisson Ford die Rolle hätte übernehmen sollen, dann würden sich alle über ihre Schnauzbärte streichen und sagen: Waaas!? Harisson Ford? Das passt ja überhaupt nicht.

Denn der Rückblick erweckt den falschen Eindruck eines kausalen Zusammenhangs. Im Blick auf das, was hinter uns liegt, fügen wir Dinge, die vielleicht nur aus Zufall entstanden zu einer logischen Geschichte zusammen und erheben diese zum Maßstab. Besonders gut kann man das bei Biografien beobachten. Plötzlich ist da ein Sinn und ein Plan, vor vorher nur ein Suchen war.

Das an sich wäre noch kein Problem. Erst wenn dieser vermeintliche Plan sich zum dominanten Muster erhebt, wird es problematisch. Tim Harford spricht dann vom Gott-Komplex, von der Falle also, den eigenen Weg für den einzig richtigen zu halten und diesen auch anderen vorzuschreiben. Aber nicht nur andere schränken wir mit diesem Rückwärts-Plan-Denken ein, vor allem uns selber: Wir reden uns nämlich im Rückblick ein, dass Dinge eben so kommen mussten. Oder um es mit dem Känguru zu sagen:

Nahezu alles, was geworden ist, erscheint uns als zwangsläufig, alternativlos, geradezu nicht anders denkbar. Das Ford-Selleck-Theorem allerdings macht klar: dass nichts je zwangsläufig, alternativlos oder gar nicht anders denkbar war, ist oder sein wird.

Das Känguru erinnert uns damit an ein Prinzip, das sich gerne dem kreativen Denken in den Weg stellt. Man spricht von der funktionalen Fixierung und meint damit den gedanklichen Kurzschluss Gegenstände nur in einer funktionalen Verwendung zu betrachten. Wer allerdings auf neue Ideen kommen will, muss diese Fixierung durchbrechen können. Muss – mit dem Shruggie – denken: Was wäre, wenn es anders wäre: Wenn dieser Stuhl ein Flugzeug wäre? Oder dieser Zug ein Konferenzraum?

Womit wir wieder bei Kierkegaard sind: Wenn wir nach vorne leben wollen, dann müssen wir uns vom Rückblick emanzipieren – und das neue Jahr als Raum denken, in dem es auch anders sein könnte. ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind in diesem Jahr (Achtung, Rückblick!) sortiert nach der Anzahl der Aufrufe erschienen:

1. „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018 – vor allem wg. Pocket)
2. „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018)
3. „Altland“ (April 2018)
4. „Was wäre, wenn Seehofer recht hätte? (September 2018)
5. „Warum gibt es in Ihrer Stadt keine Internet-Straße? (Oktober 2018)
6. „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018)
7. „#smarterphone“ (März 2018)
8. „Ein öffentlich-rechtlicher RSS-Reader“ (Februar 2018)
9. „Das Ende der Schlusskonferenz“ (Mai 2018)
10. „Was ist Dein Bild vom Internet?“ (August 2018)

In Kategorie: DVG

Warum gibt es in Ihrer Stadt eigentlich keine Internet-Straße? (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wie wertvoll ist das Internet? Es ist an der Zeit die Diskussion über diese Frage in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen: Raus aus dem Internet, rein in die Stadtparlamente, in Lokalzeitungen und an die Stammtische. Ich wünsche mir nämlich, dass die Idee, um die es heute geht, genau dort besprochen wird.

Auslösen sollen diese Debatte die rund 600 Menschen, die sich in den vergangenen Monaten hier für die Idee „Heimatverein Internet“ eingetragen haben (hier der erste Eintrag im Newsletter dazu, hier ein ausführliches Essay aus der SZ). Sie interessieren sich für den Vorschlag, das Internet als Heimat zu verstehen. Und der erste Schritt auf dem Weg zur Gründung dieses Heimatvereins heißt internet-strasse.de.

Die Website ist der Ausgangspunkt für eine digitale Bewegung, die sich dafür einsetzt, das Internet als menschheitshistorische Erfindung auf Straßenschildern zu würdigen.

Menschen, Ideen und Orte, die einer Stadt oder Gemeinde besonders wertvoll erscheinen, erhalten diese gesellschaftliche Würdigung, indem sie auf einem Straßenschild genannt werden. Es gibt Straßen, die nach Wissenschaftlerinnen und Autoren benannt sind. Es gibt Brücken, die den Namen berühmter Persönlichkeiten tragen. Es gibt Plätze des Friedens und der Freiheit – aber es gibt keinen Platz des Internet. Es gibt keine Internet-Strasse.

Noch nicht. Denn wir sind der Meinung, dass auch dem Internet diese Würdigung zuteil werden sollte. Wir setzen uns dafür ein, dass jede Stadt und jede Gemeinde eine Internet-Strasse oder einen Platz des Internet bekommt. Und dabei geht es nicht darum, dass an diesen Orten besonders starkes Wlan verfügbar ist. Es geht darum, das Internet als ortlosen Ort zu würdigen, als Heimat für Menschen, die sich in der Verbindung über Länder-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg heimisch fühlen.

Die unterschiedlichen Landeskommunalordnungen organisieren, wie die Ratsversammlungen in Städten und Gemeinden über die Namen der Straßen und Plätze auf ihrem Gebiet bestimmen. Stets wird dabei aber ausdrücklich der Wunsch einer Beteiligung der Bürger*innen geäußert. Dem wollen wir nachkommen: Auf der Seite internet-strasse.de haben wir eine Argumentationshilfe veröffentlichen, die jede und jeder nutzen kann, um in ihrer und seiner Stadt und Gemeinde den Vorschlag einzureichen: Meine Stadt soll eine Internet-Strasse bekommen!

Selbstverständlich sind dabei Kooperationen und Allianzen mit Mitgliedern der Stadtparlamente erwünscht – und zwar über Parteigrenzen hinweg. Das Projekt Internetstrasse ist unabhängig und überparteilich – es ist aber den demokratischen, pluralen Prinzipien des Internet verpflichtet. Denn dass es das Internet überhaupt gibt, ist uns Beweis dafür, dass die Ideen von Völkerverständigung, Menschlichkeit und Demokratie stärker sind als Ausgrenzung und Diskriminierung. Wer sich selber, seine Nationalität, sein Geschlecht oder Religion für etwas Bessere hält, kann das Internet eigentlich gar nicht nutzen. Denn es basiert auf der Verbindung sehr unterschiedlicher Geräte und Systeme ohne Bewertung und Ausgrenzung.

Statt nur über negativen Aspekte der Digitalisierung zu sprechen, sollten wir uns wieder daran erinnern, wie wunderbar und verbindend das Internet ist. Eine gute Erinnerung scheint uns die Erwähnung auf einem Straßenschild. Damit es dazu kommt, wünschen wir uns lebhafte Diskussionen – in den Stadtparlamenten und Lokalzeitungen, an den Stammtischen und in Gemeindeversammlungen. Und wir wünschen uns mindestens einen guten Ausgang: eine Straße oder einen Platz, die nach dem Internet benannt werden.

Im Herbst 2019 jährt sich ein Ereignis, das manche für eine Geburtsstunde des Internet halten: am 29.10.1969 wurde über dessen Vorläufer Apranet erstmals eine Verbindung zwischen zwei Computern hergestellt. Fünfzig Jahre danach wollen wir den Heimatverein Internet gründen – bis dahin sollte es doch gelingen, mindestens auf einem Straßenschild in diesem Land das Wort „Internet“ zu lesen.

Helfen Sie mit!

PS: Am Wochenende habe ich die Idee auf dem Zündfunk-Netzkongress in München vorgestellt. Diese Sketchnote von @kleinerW4hnsinn fasst den Vortrag ganz gut zusammen.


Ich meine das übrigens wirklich ernst. Denn das Internet liegt mir tatsächlich am Herzen. Gerade erst habe ich deshalb eine Gebrauchsanweisung geschrieben. Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018) „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016)

In Kategorie: DVG