Alle Artikel mit dem Schlagwort “digitale notizen

Die Ein-Wort-Tweet-Strategie (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Brauchen wir einen Tiktok-Kanal? (Ja)
Muss ich mich jetzt selbst filmen? (Ja)
Wie macht man eigentlich einen Newsletter? (So)

Wer den Eindruck vermittelt, sich intensiver mit dem Internet und den Entwicklungen von Kommunikation zu befassen, steht manchmal von merkwürdigen Fragen. Ich habe mich in diesem Jahr an einigen Antworten versucht: „Sie sollten sich mit Tiktok befassen“„Ja, Sie müssen sich selbst filmen“ und „Fünf Tipps für einen PROFI-Newsletter“ sind meine drei Antwortversuche auf die Einstiegsfragen.

Dabei fiel mir auf, dass hinter den meisten Fragen nach Social-Media-Strategien oder Newsletter-Ideen aber ein anderes Thema liegt. Es fühlt sich manchmal an, als würde man mit den Betreiber:innen eines Ladengeschäfts über die Ausstattung des Schaufensters reden – ohne über den Inhalt und das Geschäftsmodell des Ladens sprechen zu können. Dabei gilt spätestens seit Simon Sineks großer Warum-Rede: Kein Schaufenster kann erfolgreich gestaltet werden, wenn nicht das Warum des Geschäfts geklärt ist! Was ich damit meine: jede Newsletter- oder Social-Media-Strategie braucht eine inhaltliche Fokussierung (Symbolbild: unsplash), eine Antwort auf die Frage „Warum machen wir das eigentlich?“

Und um diese zu finden, muss man keine teuren Agenturen buchen oder Strategie-Meetings einberufen. Ich habe in diesem Jahr gelernt: man muss vor allem dem Account des US-Eisenbahn-Konzerns Amtrak folgen. Dieser twitterte im August schlicht das Wort „trains“ und löste damit eine kleinen Netztrend mit großer Wirkung für jede Kommunikationsstrategie aus. In den Netzkulturcharts bin ich schon genauer darauf eingegangen, welche Folgen der Tweet für die Netzkultur hatte: Zahlreiche prominente Accounts folgten dem Beispiel und veröffentlichten Hauptworte, die auf den Punkt bringen, wofür sie stehen bzw. womit sie assoziiert werden wollen. Wenn Olaf Scholz „respekt“, Amnesty „menschenrechte“ oder Joe Biden „democracy“ schreiben, dann steckt dahinter eine sehr gute Antwort auf die Frage: Brauchen wir einen Tiktok-Account?

Die Ein-Wort-Strategie ist meiner Einschätzung nach der Ausgangspunkt für jeden guten Social-Media-Account und/oder Newsletter. Nur wer weiß, wofür sie oder er stehen will, kann erfolgreich kommunizieren. Denn Reichweite und Bekanntheit sind kein Wert an sich. Es geht immer um Bekanntheit FÜR etwas, um Reichweite in bestimmten Zielgruppen. Die Ein-Wort-Tweet-Strategie kann dabei helfen, das eigene Warum? nach außen zu tragen und auf seinen Kern zu kondensieren – auf die Antwort auf die Frage: Wofür wollen wir bekannt sein?

Wenn diese Frage beantwortet ist, entfaltet sich die Kommunikationsstrategie quasi von alleine entlang einer Richtschnur, die immer wieder fragt: Und woran merkt man das? Woran merkt man, dass Ihr für ein-wort-tweet steht?

Diese Fragen funktionieren übrigens nicht nur für Unternehmungen, Vereine oder andere Projekte, die aktiv in der digitalen Welt kommunizieren wollen. Sie sind sogar für Personen-Accounts hilfreich, die nicht wissen was bzw. worüber sie schreiben sollen. Wer einen inhaltlichen Antrieb hat, tut sich viel leichter damit, Netzwerke zu knüpfen – darüber hatte ich hier schon mal geschrieben – auch weil es für andere schneller ersichtlich ist, wofür sich dieser Account eigentlich interessiert.

Und quasi nebenbei hilft die Ein-Wort-Tweet-Methode auch dabei, eine persönliche Fokussierung anzustoßen. Deshalb nutze ich die Jahrswechsel-Stimmung und lade Sie ein: Posten Sie auf Twitter und Mastodon gerne Ihr Wort des Jahres – für 2023!

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Zu meinem Buch „Anleitung zum Unkreativsein“ habe ich ein Newsletter-Experiment gemacht, über das ich hier geschrieben habe. Wenn Sie mehr über Newsletter- und Ein-Wort-Tweet-Beratung wissen wollen: Sprechen Sie mich an!

Das Einfluß-Paradox der Gegenwart (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Es ist menscheitsgeschichtlich noch gar nicht so lange her, dass Menschen auf die Frage „Wo wird die Weltmeisterschaft ausgetragen?“ oder „Welche energiepolitische Entscheidung wird in meinem Land getroffen?“ geantwortet hätten: „Keine Ahnung, das kann ich doch nicht entscheiden.“ Übersetzt in ein Bild, das später noch eine Rolle spielen wird, könnte man es auch so formulieren: „Keine Ahnung, das liegt doch außerhalb meines Einfluss-Kreises.“

Die Demokratisierung der Publikationsmittel hat aus dem Versprechen „das Private ist politisch“ eine Aufgabe gemacht – und Fragen wie jene nach dem Austragungsort einer Fußball-WM oder der Energieversorgung personalisiert. Das private Verhalten Einzelner ist damit in den politischen Bereich gerückt – was zur Folge hat, dass „Keine Ahnung“ keine Option mehr ist. Denn Personalisierung der politischen Debatte heißt nicht nur Du kannst dich dazu verhalten, es heißt auch Du musst dich dazu verhalten. Wir können nicht nur an politischen Debatten teilnehmen, wir empfinden es auch als Verpflichtung. „Wenn wir nur alle…, dann wird schon …“ so das Muster der partizipativen Perspektive auf Politik in Zeiten der memetischen Meinungsbildung.

Anfang des Jahres hatte ich über die so genannte Glut-Theorie geschrieben, die versucht zu beschreiben, was passiert, wenn Meinungen zu Memes werden – wenn wir Identität über unveränderliche Ansichten verhandeln. Wenn Meinung zu einem unveränderlichen Kennzeichen wird, sind diese nicht mehr vom Menschen zu trennen und Kompromisse sind nur noch Niederlage, nicht mehr Ziel einer Debatte. Ich glaube, dass dieser Prozess zu einer Überschätzung der eigenen (Meinungs-)Macht führt, die ich fast als „Memetischen Scheinriesen“ betitelt hätte: gemeinsam mit all den anderen, die meine Identitätsgruppe bilden, teile ich eine Meinung und plötzlich sind wir viele. Ich habe dieses Momentum im Bereich der Meme wiederholt mit dem Gefühl verglichen, das entsteht, wenn viele ein Feuerzeug auf einem Konzert in die Luft strecken. Auch hier passt das Bild des Scheinriesen, der von weitem größer und mächtiger scheint als er wirklich ist.

Im Rahmen der Debatte um die Reaktion der Bevölkerung auf die Austragung der Fußball-WM in Katar fiel mir auf, dass diese Form der scheinriesigen Meinungsmacht eine zweite Seite hat, die am bestem mit dieser Variante des Two Guys on a bus-Memes beschrieben ist.

Dabei handelt es sich um ein Image-Macro des brasilianischen Zeichners Genildo Ronchi, das als moderne Form des zwei-Seiten-einer-Medaille-Sprichworts gelesen werden kann. In diesem Fall jedenfalls ist es die Illustration dessen, was Konrad Lischka hier als Paradox der Gegenwart beschreibt: „Einerseits sehen so viele Menschen ihre individuellen (Konsum)Bedürfnisse als das wichtigste Gut, als absolut schützenswert. (…) Andererseits erscheint genauso viele Menschen das Individuum ganz klein, wenn es darum geht, etwas zu verändern in der Welt.“

Um zu verstehen, wieso dieses Paradox mit dem Scheinriesen-Effekt der memetischen Meinungsäußerung verbunden ist, muss ich ein klein wenig ausholen und auf Steve Covery hinweisen. Von ihm stammt das Konzept der drei Kreise. Er beschreibt diese als Circle of Concern, Circle of Influence und Circle of Control. Man muss sich diese Kreise ineinander liegend vorstellen. Der äußere Kreis beschreibt Dinge, um die man sich sorgen kann (Concern), sehr viel kleiner ist der Kreis derjenigen Dinge, auf die man Einfluss (Influence) nehmen kann und noch kleiner ist jener Kreis, der Dinge umfasst, die man direkt tun kann. Ich finde dieses Muster ist hilfreich, um Grenzen zu ziehen – zwischen den Themen, die mich bedrücken können und jenen, auf die ich Einfluss nehmen kann:

Concern
Dinge, die dir Sorgen machen, bezieht sich oft auf
– allgemeine Stimmungen
– grundsätzliche Fragen

Wer sich nur hier bewegt, fühlt sich schnell überfordert

Influence
Dinge, auf die ich Einfluss habe, erfordert
– gemeinsame Diskussionen
– Kompromissfähigkeit

Wer sich nur hier bewegt, muss viel kämpfen

Controll
Dinge, die du konkret ändern kann, bezieht sich oft auf
– kleine Handlungen
– langsame Veränderung

Wer sich nur hier bewegt, erreicht wenig, spürt aber Selbstwirksamkeit

Covey beschreibt die Kreise mit dem Ziel, sie gut voneinander zu trennen. Er empfiehlt, im Sinn der geistigen Stabilität, genau zu differenzieren, in welchem Kreis sich welches Thema befindet. Anzuerkennen, dass ein Thema außerhalb des Circle of Controll liegt, kann zu einer Befreiung führen (im Meme-Bild oben rechts zu sehen).

Und genau hier sind wir wieder beim memetischen Meinungsaustausch: Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel ist die Wahrnehmung der Kreise verändert worden. Wer sich in einer zum Meme gewordenen Meinung eingerichtet hat, gewinnt den Eindruck, den Circle of Influence ausgeweitet zu haben. Andere von der Richtigkeit der eigenen Weltsicht zu überzeugen, wird zu einem wichtigen Antrieb. Man teilt Beiträge, die die eigene Meinung bestätigen – und erliegt damit dem Irrglauben, der Scheinriese habe wirkliche Macht. Das führt zu einer großen Enttäuschung und manchmal auch zu Schuldgefühlen, wenn man feststellt, dass z.B. der private Boykott der Fußball-WM in Katar nicht zur Veränderung der Strukturen der FIFA führen wird (im Meme-Bild oben links zu sehen). Ein ähnlicher Wahrnehmungsfehler liegt vor, wenn Menschen in Fernsehkameras sagen, dass sie nicht mehr wählen gehen, weil sie beim letzten Mal anders entschieden hätten als das Wahlergebnis – und sich deshalb nicht repräsentiert fühlen.

Neben einem Streit-Training und digitaler Alphabetisierung für die Debatte in memetischen Ökosystemen braucht eine gelingende Kommunikation vor allem demokratisches Erwartungsmanagement, ein gesundes Gefühl für die eigenen Circle, also für die Wirkung dessen, was man durch eigenes Handeln und Äußern verändern kann: es ist einfach ungesund, strukturelle Probleme einzig durch persönliche Entscheidungen lösen zu wollen. Politische Probleme können nicht einzig durch privates Handeln zu einer Lösung geführt werden – sie brauchen auch politische Entscheidungen. Diese Wahrnehmung von Privatem und Politischem, von konkret und strukturell, ist durch das zur Aufgabe gewordene Versprechen, das Private sei politisch ein wenig aus dem Blick geraten.

Als ich hier darüber schrieb, dass Menschen Meme-Meinung zur Identitätsbildung und als Methode zur persönlichen Sicherheit in unsicheren Zeiten nutzen, ergab sich daraus die Schlussfolgerung, sie nicht mit mehr Informationen oder Wahrheit zu versorgen, sondern die Frage zu stellen, woher die große Unsicherheit erwächst, die ihre Lösung in Meme-Meinungen sucht – und deshalb mehr in gesellschaftlichen Zusammenhalt und Stabilität zu investieren. Wenn wir nun das Einfluss-Paradox der Gegenwart betrachten, folgt daraus meiner Meinung nach die Förderung eines gesunden Erwartungsmanagements. Denn die Enttäuschung fördert Schuldgefühle, die wiederum einer wirklichen Form von Toleranz im Wege steht.

Unlängst las ich irgendwo den Satz „Ich kann die Welt nicht verändern, aber ich will es versuchen“ als Motivation zum politischen Handeln. Das klingt irgendwie nett, ist aber das Kernproblem des Dilemmas aus dem Meme-Bild oben: die übertriebene Erwartung, die Welt vielleicht doch ändern zu können, führt zu einer Überforderung und einer Missachtung der kleinen Veränderungen – und am Ende zum Hass auf all jene, die anderer Meinung sind.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: Die Glut-Theorie der öffentlichen Debatte (Juni 2022), „Die Anderen anders sein lassen“ (Mai 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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In Kategorie: DVG

Kopieren kapieren (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Der Titel dieses Beitrags ist mehr als ein schönes Wortspiel. „Kopieren kapieren“ ist die semantische Übertragung eines musikalischen Phänomens, das die Popkultur seit einigen Monaten auf erstaunliche Weise beschäftigt: Interpolation – der sich Arte hier, Deutschlandfunkkultur hier und der unbedingt empfehlenswerte Podcast „Switched on Pop“ hier gewidmet haben. (Symbolbild: Unsplash)

Dabei handelt es sich um eine besonders interessante Spielart der Kopier- und Referenzkultur. Anders als bei einem Sample, bei dem eine Sequenz eins-zu-eins aus der Original-Aufnahme kopiert wird, wird bei der Interpolation die Vorlage nachgespielt – meist mit einer kleinen Abwandlung. Zum Beispiel durch den Tausch eines Vokals direkt nach dem ersten Buchstaben: „Kopieren kapieren“ ist aber nicht nur Symbol für eine der jüngsten Spielarten der Referenzkultur, es ist auch der Imperativ der digitalen Gegenwart.

Durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie wurden erst die Daten von ihrem Träger gelöst und anschließend das vormals passive Publikum durch die Demokratisierung der Publikationsmittel zu aktiven Teilnehmer:innen an jener segmentierten Gesamtheit, die wir als Öffentlichkeit kannten. Wer sich für Kommunikation und die grundlegenden Veränderungen der strukturgewandelten Öffentlichkeit(en) interessiert, muss sich mit dem Phänomen der Kopie befassen – und zwar auf eine Art und Weise, die über klischeehafte Abwertung der vermeintlich minderwertigen Tätigkeit hinaus geht. Kopieren ist zur zentralen Kulturtechnik der Gegenwart geworden – allerdings ohne, dass der allgemeine Diskurs dazu mitgekommen wäre bzw. Einigkeit oder Wissen über die dazu notwendigen Fähigkeiten bestehen würde. Deshalb ist „Kopieren kapieren“ Angebot und Appell zugleich.

Die Forscher David und Diana Zulli beschreiben in ihrer Analyse „Extending the Internet meme: Conceptualizing technological mimesis and imitation publics on the TikTok platform“ das Kopieren als zentrale kulturelle Praxis auf der Plattform Tiktok. Diese von der chinesischen Firma Byte-Dance betriebene Plattform ist das jüngste und äußerst populäre Beispiel für die Kopierkultur der Gegenwart. Die Washington Post analysierte dieser Tage:

TikTok’s website was visited last year more often than Google. No app has grown faster past a billion users, and more than 100 million of them are in the United States, roughly a third of the country. The average American viewer watches TikTok for 80 minutes a day — more than the time spent on Facebook and Instagram, combined.

Tiktok erschafft etwas, was Zulli und Zulli „imitation publics“ nennen und der Begriff beschreibt ganz gut, welche kommunikationswissenschaftlichen und soziologischen Schlüsse ich aus der Kopierkultur des digitalen Zeitalters ziehen würde. Deshalb hier – völlig unabhängig vom aktuellen Erfolg von Tiktok und dessen geopolitischer Bewertung – die fünf Aspekte dessen, was hinter dem Hype steckt.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit der Remix- und Referenzkultur des Digitalen befasse.

Fünf grundlegenden Entwicklungen, die begründen, weshalb man kopieren kapieren sollte:

1. Ohne Aufmerksamkeit ist alles nichts

Wie sich das Verhältnis von Aufmerksamkeit zu Inhalt verändert hat, lässt sich kaum besser illustrieren als mit dem Zitat des DJ-Duos „Partyshirt“, die über peinliche Situationen das hier gesagt haben: “Everything’s cringey until it gets views” Früher ging man davon aus, dass Dinge so lange nicht cringey (peinlich) sind wie sie nicht gesehen werden. Es gehört zur besonderen Logik digitaler Öffentlichkeit(en), dass sich dieses Verhältnis heute gedreht hat – wie auch das Zusammenspiel von Inhalt zu Aufmerksamkeit. Diese hat sich nicht geändert, sie trifft aber heute auf so viel mehr Inhalt, dass sie die wichtigere, weil wertvollere Währung geworden ist. Sie ist die Voraussetzung für jegliche Form öffentlichen Erfolgs. In Abwandlung des Partyshirt-Zitats könnte man sagen: „Alles bleibt ein Tagebuch, solange es nicht gesehen wird.“

2. Der Werk wird wertvoll durchs Netzwerk

Das veröffenltichte Werk, auch das ist für werkschaffende Künstler:innen nicht ganz leicht, gewinnt seinen Wert erst durch das Netzwerk seiner Nutzung. Nicht nur die Aufmerksamkeit, auch die weitergehende Interaktion machen die Öffentlichkeit aus. Durch das Netzwerk Internet, in dem viele miteinander verbunden sind, ist der öffentliche Raum tatsächlich ein Raum geworden – nicht mehr nur eine Rampe, über die Künstler:innen, Journalist:innen und Medien ihre Inhalte abwerfen. Der öffentliche Raum basiert auf Interaktion und Wertschätzung sowie Wertschöpfung entstehen hier durch Vernetzung. Anders formuliert: der Content (über den sich Künstler:innen definieren) braucht den Kontext (der zu weiten Teilen den Plattformen überlassen wird) um Wirkung zu erzeugen.

3. Alle sind keine Zielgruppe

Wirkung ensteht nicht mehr vor einer Hauptbühne, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Digitale Öffentlichkeiten definieren sich stattdessen an einer Entwicklung, die manb „Das Ende des Durchschnitts“ nennen könnte und segmentieren Aufmerksamkeit auf viele Nebenbühnen. Wer Wirkung erzeugen will, muss sich auf Nebenbühnen konzentrieren statt eine Hauptbühne zu suchen. Aus der Welt der Massenkultur ist eine Welt der massenhaften Nischen geworden – diese zu bespielen, ist die Voraussetzung für öffentlichen Erfolg. Gerade dann wenn man „alle“ erreichen will. Damit dies gelingt, muss man mit den Zielgruppen beginnen, die man erreichen kann.

4. Der Werk ist ein Werkstoff, der bearbeitet wird

Die Idee des einen Publikums ist ebenso überholt wie die Idee des einen abgeschlossenen Werks. Digitale Produkte sind Prozesse, niemals fertig. Sie werden zu Werkstoffen, die in Form von Remix, Interpolation oder Cover weiterverarbeitet werden. Dieses RIC erweitert den Aufnahmeknopf des 20. Jahrhunderts (REC). Referenziert zu werden ist dabei kein Diebstahl am Original, sondern hilft diesem am Leben zu bleiben. In der „Switched on Pop“-Folge lernen wir, dass Rechteinhaber:innen extra Referenz- und Kopier-Angebote machen, um ihre Werke in der Öffentlichkeit zu halten.

5. Der Zauber des Unkopierbaren entsteht in der Vernetzung

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem großen Moment und einer nachhaltigen Karriere“, sagt der Musikexperte Larry Miller (Professor und Host von Musonomics) in dieser Folge des vergecast über die Zukunft der Musikindustrie. Plattformen seien gut darin, große Momente zu schaffen und singuläre Inhalte viral gehen zu lassen. Nachhaltige Karrieren hingegen sieht er bei Plattenlabels eingelöst. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist jedoch, dass für diese Karrieren eines unerlässlich ist: die Verbindung von Star und Publikum, die Vernetzung von Künstler:innen und Zuschauer:in. Dieses Verhältnis sorgt nicht nur dafür, unkopierbare Erlebnisse (z.B. auch im Metaverse) entstehen zu lassen. Diese Verbindung bildet auch die Grundlage für den ersten Punkt dieser Liste: Sie schafft Aufmerksamkeit.

Wer kopieren-kapieren.de möchte, kann auch mal in diese Bücher schauen:

10 Wege, um (online) immer Recht zu haben (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was ist nur mit der Diskussionskultur los? Seit Jahren wird über sie diskutiert, es wird geklagt und nostalgisch zurückgeblickt – und trotzdem wird nichts besser. In diesem Monat sorgte z.B. der Abschied von SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert von Twitter für eine neuerliche Debatten-Debatte. Dabei ist es doch gar nicht so schwer, sich online absolut richtig zu verhalten. Deshalb hier eine ausschließlich und vollständig ernst gemeinte Anleitung für alle, die gerne glücklicher online debattieren möchten (Symbolfoto: Unsplash). Mit den folgenden zehn Ratschlägen gelingt es, jederzeit im Recht zu bleiben:

Ändern Sie niemals Ihre Meinung
Die eigenen Ansichten der Gegenwart anzupassen, gleicht einer Niederlage. Wer so etwas tut, ist im Unrecht. Das ist Ihnen zuwider. Niemals werden Sie Ihre Meinung ändern. Sie gehört zu Ihnen, ist ein unveränderliches Kennzeichen, das Ihre Identität prägt. Dass man Menschen und Meinungen trennen kann, ist Ihnen fremd. Sie stehen für Ihre Meinung ein und knüpfen dies eng an Ihre Persönlichkeit. Widerspruch ist deshalb für Sie auch kein sachliches Gegenargument, sondern ein Angriff auf Ihre Person, den Sie mit allen Mitteln abwehren müssen.

Unterstellen Sie stets böse Absichten
Weil Sie selbst Mensch und Meinung nicht trennen wollen, tun Sie das auch bei Ihrem Gegenüber nicht. Sie ziehen deren Motive in Zweifel, unterstellen konsequent böse Absichten und finden negative Eigenschaften, die Ihnen ad hominem helfen, Sachargumente konsequent abzulehnen.

Sprechen Sie anderen Meinung stets die Kompetenz ab
Es gibt also nur einen Grund, eine andere Ansicht zu haben als Sie: Dummheit. Einzig fehlende Kompetenz ist für Sie eine Erklärung für abweichende Meinungen. Andere Möglichkeiten schließen Sie aus. Angenehmer Nebeneffekt: Wenn Sie die anderen für dumm erklären, sind Sie quasi automatisch nicht nur auf der richtigen Seite, sondern auch sehr klug. Sie teilen ja Ihre Meinung!

Nutzen Sie Medien einzig als Meinungsverstärker
Der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt hat seine Vorstellung vom Publikum unlängst so beschrieben: „Sie wollen Superstars, die ihre eigene Meinung bestätigen.“ Geben Sie ihm Recht, wählen Sie einzig Medien, die Ihre Ansichten verstärken. Vermeiden Sie Medienkonsum, der Sie auf andere Gedanken bringt, Ihnen neue Perspektiven aufzeigt oder Sie womöglich ins Zweifeln bringt.

Gehen Sie stets davon aus, dass alles genau so ist wie es wirkt
Der Zweifel ist Gift fürs Rechthaben. Seien Sie deshalb möglichst selbstsicher. Das gilt auch in Bezug auf Beschreibungen, Accounts und vermeintliche Fakten: Vermeiden Sie in jedem Fall die Frage „Und wenn das Gegenteil richtig wäre?“ Unterdrücken Sie unbedingt den Gedanken, dass manche Beiträge vielleicht von Fake-Accounts oder Bots kommen könnten (hier schreibt Ronen Steinke sehr lesenswert über virtuelle V-Leute im Netz).

Halten Sie Twitter-Trends konsequent für die Bevölkerungsmeinung
Da alles so ist, wie es wirkt, nehmen Sie auch Likes, Follower und Trends auf Plattformen stets für voll. Muss ja stimmen! Als Journalist:in können Sie zum Beispiel Twitter-Trends nicht nur als Abbild der Gesellschaft lesen, sondern durch „hat ja viele likes“- auch in klassischen Medien noch weiter verbreiten. Keinesfalls sollten Sie sich mit dem Mediamanipulation-Book oder der Mechanik von Meme-Wars befassen. Die Autor:innen des gleichnamigen Buches sagen mit Blick auf die Meme-Mechanik: „They’re the activation of people’s confirmation bias and stereotypes. As we watched political opponents begin to memeify one another and push these tropes — some with the intention of sowing disinformation, others with the intention of spreading propaganda — I think many journalists were initially very dismissive.“

Achten Sie auf ohrenbetäubendes Schweigen
Um Recht zu behalten, muss Ihr Thema in der Debatte bleiben. Sonst merkt ja keiner, dass Sie Recht haben. Achten Sie dabei stets darauf, dass die Diskussion sich nicht zu weit, von Ihren Interessen entfernt. Neben der klassischen Themen-Erinnerung (vulgo: Whataboutism) bieten sich hier auch anklangende Meinungsäußerungen an, in denen Sie kritisieren, dass manche Leute (gerne markieren!) sich noch nicht zu einem aktuellen Ereignis geäußert haben. Brandmarken Sie dieses Schweigen als „ohrenbetäubend“!

Lassen Sie keine Gelegenheit zum Widerspruch ungenutzt
Aber nicht nur Schweigen fordert Ihren Widerspruch heraus. Jede abweichende Meinungsäußerung provoziert Sie persönlich. Dass Sie überhaupt öffentlich geäußert wird, ist eine Frechheit und Beweis für die katastrophale Debattenkultur, für die natürlich ausschließlich die anderen verantwortlich sind. Sie hingegen tun nur, was Ihr gutes Recht ist: Sie widersprechen. Immer und jederzeit! Denn irgendwo ist immer jemand im Unrecht, wenn Sie dem Gedanken konsequent folgen, wird Ihre Glut nie ausgehen.

Denken Sie konsequent und ausnahmeslos schwarz-weiß
Zwischentöne lehnen Sie ab. Ziehen Sie klare Linien: Wer nicht Ihrer Meinung ist, ist gegen Sie. Persönlich. Genau so reagieren Sie auch: ablehnend, geringschätzend, beleidigend. Dass manchmal vermeintlich gegenteilige Dinge gleichzeitig eine Berechtigung haben, halten Sie für eine Erfindung. Ambiguitätstolerenz hat für Sie – wie Toleranz überhaupt – ihre Grenzen.

Halten Sie sich für den Mittelpunkt der Welt
Beurteilen Sie alle Ereignisse des Weltgeschehens konsequent ausschließlich aus Ihrer eigenen Perspektive. Ihre Prägung oder Ihre nostalgische Erinnerung sollten zum alleinigen Maßstab Ihrer Meinungen werden. Andere sollen das bitte auch anerkennen: Sie sind jetzt mal dran, Ihre Meinung, ihre Ansicht kamen jahrenlang nicht angemessen zur Geltung. Jetzt ist Ihre Zeit! Das ist Ihr gutes Recht und Sie haben Recht!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: Impfverweigerung als Meme, „Die Anderen anders sein lassen“ (April 2022) „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Seit Jahren befasse ich mich auch in Büchern und Vorträgen mit dem Thema, in dem Zusammenhang besonders zu empfehlen: „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ und den Vortrag „Die Gluttheorie der öffentlichen Debatte“ im Deutschlandfunk.

Warum „nur online“ in Wahrheit „nur überall“ heißt (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Dieser Text steht „nur online“. Es gibt keinen anderen Weg, über den er verbreitet wird. Er ist „nur im Internet“. (Symbolbild: unsplash)

Warum ich das erwähne, wo er doch erkennbar über eine Website und einen Newsletter zugänglich gemacht wird? Weil auch im Jahr 2022 (über 30 Jahre nach der Erfindung des WWW) diese einschränkende Beschreibung genutzt wird, meist um damit anzuzeigen, dass eine Dienstleistung oder ein Inhalt nicht auch auf andere Weise verfügbar ist. Das ist erstaunlich, weil nahezu jeder andere Zugang komplizierter ist als jener, der mit „nur“ eingeschränkt wird. Statt zu sagen, etwas sei „nur online“ verfügbar, könnte man auch sagen, es sei „nur überall“ verfügbar.
Das ergibt wenig Sinn, wird aber dennoch ständig getan.

Die digitale Verfügbarkeit gilt vielen nämlich noch immer als neu und nicht selten als weniger wertvoll. Etabliert sind andere Formen des Zugangs: auf Papier, im Geschäft oder im linearen Programm (TV oder Radio). Im Kontrast zu all diesen Kontexten wird „nur online“ genutzt – nicht selten mit einem abwertenden Ton. Denn „nur online“ heißt in diesem Duktus nicht „nur überall“, sondern vor allem „nicht auf gelernte Weise“.

Um das zu verstehen, muss man diese Weise gelernt haben. Man muss wissen, dass Inhalte, Produkte und Dienstleistungen vor der Digitalisierung anders distribuiert wurden als dies im Internet nun möglich ist. Man muss eine Sicht auf die Welt haben, die digitale Distribution mindestens als ungewöhnlich, vielleicht sogar als Einschränkung empfindet, nicht aber als selbstverständlichen ersten Schritt, wenn etwas publiziert werden, also öffentlich sein soll. Zu sagen, etwas sei „nur online“ ist also in erster Linie ein Satz, der Auskunft über den/die Sprechenden gibt – dann erst über den Inhalt. Denn dass etwas „nur überall“ verfügbar ist, muss ja eigentlich nicht gesagt werden.

Was häufig gemeint ist mit der „nur online“-Einschränkung ist vielmehr dies: dieses Produkt, dieser Inhalt zählen nicht zu den Auserwählten. Sie sind nicht kuratiert worden für die andere (nicht selten komplizierte) Form der Distribution. Das Problem dabei: es gibt für diese andere Form der Distribution meist keine wertversprechende Form der Beschreibung. „Dieser Song erscheint auf Kassette“, „dieser Beitrag wird nur zu einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlicht“ oder „jener Text ist nur einen Tag lang am Kiosk erhältlich“, ist keine Form der Beschreibung, die auf einen besonderen Wert schließen lässt. Dabei könnte sie das sein (oder werden), wenn man sie denn in ihrer Besonderheit betonen würde – und ihre Wertigkeit nicht einzig auf die Abwertung des Digitalen gründen würde. Dass weniger mehr sein kann, habe ich hier schon mal beschrieben – im Falle der „nur online“-Rede findet diese besondere Wertigkeit der nicht-digitalen Distribution aber gar keine Anwendung.

Und das ist auch der zentrale Grund, warum ich diesen Text schreibe und „nur online“ veröffentliche. Ich möchte, dass Sie ihn speichern und bei nächster Gelegenheit denjenigen senden, die sagen, etwas sei nur im Internet verfügbar. Fragen Sie sie doch mal, warum sie diese Einschränkung machen? Was wollen sie damit ausdrücken? Ist es tatsächlich eine fürs Publikum relevante Information oder verrät sie mehr über die Abläufe auf Sender-Seite? Über deren Kostenstellen oder Publikationssysteme?

Vielleicht kann durch diese Gedanken eine neue Debatte über Distributionsformen beginnen, die ihren Ausgangspunkt nicht im 20. Jahrhundert, sondern in der Gegenwart hat.

Bis dahin werde ich jedes „nur online“ gedanklich durch ein „nur überall“ ersetzen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit aktuellen Entwicklungen in Social Media befasse – zum Beispiel: „Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen“ (Juni 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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In Kategorie: DVG

Fünf Gründe für den Erfolg von BeReal – und die Antwort auf die Frage: Muss ich mich jetzt selbst filmen? (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Im Rückblick erscheint der Erfolg von Instagram logisch. Es war die erste App, die konsequent auf die damals noch neue Funktion „Kamera“ setzte.

Was also wäre, wenn nun eine App konsequent auf die zweite Kamera setzt, die Handys mittlerweile haben? Wir wären bei dem Hype der vergangenen Wochen, wir wären bei BeReal (wo wir uns hier anfreunden können)

BeReal setzt auf den Rückblick. Die App zeigt nicht nur das Bild, das die Frontkamera eines Telefons fotografiert, sondern zusätzlich oben links eingeklingt das Bild der Rückkamera. Ob das allein tatsächlich den Hype um die App rechtfertigt? Kaum. Aber man kann an BeReal diese fünf Mechanismen digitaler Aufmerksamkeit lernen, die unweigerlich zu der Abschlussfrage führen: Muss ich mich jetzt selbst filmen? (Antwort am Ende oder in der Hochformatvideo-Sprache: „Bleibt unbedingt dran“)

1. Verknappung

Zwei Minuten am Tag. So viel Zeit gesteht BeReal seinen Nutzer:innen zu – als „Time to be real“. In den zwei Minuten können sie Fotos mit Front- und Rückkamera machen (wer später dran ist, wird mit „late“ markiert). Das Besondere dabei: BeReal verrät vorher nicht, wann die zwei Minuten „Time to be real“ beginnen. Es gibt eine Nachricht aus der App und dann können Nutzer:innen ihren täglichen Beitrag posten, der dann wiederum 24 Stunden lang im Disovery-Feed sichtbar ist. Diese Form der Verknappung soll Authentizität (siehe 2.) garantieren, sie begrenzt aber vor allem die Möglichkeiten und schafft so Begehrlichkeiten (siehe dazu Weniger schafft mehr), dieses Muster ist nicht neu, die konkrete Ausgestaltung schon – und der vermutlich wichtigste Faktor für den Hype. (Symbolbild: Unsplash)

2. Authentizität

„Es gibt keine Filter und keine Videos, sondern nur einen Strom ehrlich wirkender Foto-Schnipsel, die alle verschwinden, sobald der nächste Alarm gesendet wird. Die strikten Beschränkungen und das Gefühl der Dringlichkeit, das dem Design von BeReal innewohnt, dienen nach Ansicht des Teams und der Fans der App dem Ziel, „Authentizität“ zu kultivieren – ein Wort, das in praktisch jedem Artikel über die App zu finden ist“, schrieb der New Yorker Anfang des Jahres über BeReal und nutzte dabei selbst das Wort, das den zweiten Treiber für den Hype bildet: das Ungefilterte verleiht BeReal nicht nur den Namen, sondern soll auch den Gegenentwurf zum Hochglanz von Instagram beschreiben.

3. Gemeinschaft

Anders als bei den hierachisch geordneten Social-Media-Feeds z.B. von Instagram, setzt BeReal auf den Aspekt der Gemeinsamkeit. Alle haben die gleichen zwei Minuten – weshalb der Netz-Experte Ryan Broderick die App auch eher mit dem Hype um Wordle als mit einem echten Instagram- oder Tiktok-Konkurrenten vergleicht: „BeReal ist kein Instagram-Konkurrent. Es ist eigentlich Teil desselben Trends wie Wordle. Die gleichzeitige Push-Benachrichtigung und das Zeitlimit für die Veröffentlichung bieten ein kurzes gemeinsames Online-Erlebnis in einem sehr zersplitterten sozialen Netz“

4. Botschafter:innen

Campus-Captains hießen die Botschafter:innen, mit deren Hilfe StudiVZ an deutschen Hochschulen Nutzer:innen einsammelte. Das Prinzip von Mini-Influencern ist nicht neu, Tupperware setzt schon seit Jahren drauf und auch bei BeReal hat das so genannte Ambassador-Programm genau dazu geführt, dass schnell neue Nutzer:innen auf die App gekommen sind. Diese Botschafter:innen sind das beste Symbol für Marketing nach dem Ende des Durchschnitts – es gibt keine für alle gleiche Werbebotschaft, sondern viele Botschafter:innen, die segmentiert Zielgruppen ansprechen.

5. Selfie

„Wirklich interessant ist das Konzept eigentlich nur dann,“ bilanziert Kim Rixecker bei t3n, „wenn ihr BeReal mit euren Freund:innen verwendet.“ Deshalb glaube ich auch, dass die Doppelkamera-App gar kein Angriff auf Instagram ist (wenngleich die große Meta-Kopiermaschine das Feature schon als „Dual-Kamera“ integriert hat). BeReal spielt eher in der Liga von Snapchat – wird aber mindestens bei einem Thema größeren Einfluss haben: Es ist die erste App, die ihre Nutzer:innen konsequent vor die Kamera bringt. Das erkennt man zum Beispiel auch daran, dass BeReal nicht nur personalisierte Emojis anbietet (wie andere Apps), sondern ein RealMoji genanntes Feature, bei dem Nutzer:innen ihrer Reaktionen über die Rückkamera das Handys aufnehmen und als Antwort auf andere BeReal-Beiträge posten können.

Mehr über die Tiktokisieurng des Web auf hier im Blog unter tiktok-taktik.de – außerdem habe ich hier erklärt, warum Tiktok ein relevantes Feld für Journalist:innen ist. Besonders empfehle ich den englischsprachigen Newsletter von Marcus Bösch: Understanding Tiktok. Im Sommer 2019 habe ich in einem Selbstversuch mal 24 Stunden auf Tiktok verbracht. Die im Text behandelten Phänomene habe ich auch im Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation eingeordnet.

Und egal, ob BeReal am Ende real bleibt oder nicht, das wird die App leisten: BeReal bildet den Kipp-Punkt, an dem Social-Media zu Selfie-Media wird. Wobei ich damit etwas anderes meine als die oberflächliche Kritik derjenigen, die sich mit Social-Media nicht befassen wollen und es deshalb als Spielwiese für selbstsüchtige Selfie-Freund:innen beschrieben. Ich meine die Tiktokisierung von Social-Media, die man sehr vereinfacht als Selbstfilm-Trend beschreiben kann. Instagram priorisiert seine Reels genannten Tiktok-Klone (was nicht alle Instagram-Nutzer:innen mögen, es gibt inzwischen sogar eine Petition für das „alte Instagram“) und treibt damit eine Entwicklung voran, bei der Nutzer:innen sich selbst vor der Kamera zeigen müssen wenn sie Reichweite wünschen (der Mechanismus dahinter, ist hier gut beschrieben). Wer erfolgreiche Tiktoks (oder Reels oder Shorts) machen will, kommt nicht mehr mit schönen Bildern, Texttafeln oder Illustrationen aus. Fabian Schuetze schreibt dazu in seinem empfehlenswerten Low Budget High Spirit Newsletter (was meine Newsletter-These aus dem Juli bestärkt):

Im Bereich der visuellen Kunst herrscht gerade Fassungslosigkeit. Die über Jahre aufgebauten und teils immensen Followerzahlen sind auf einmal nichts mehr wert. Während eine schöne Illustration oder ein hochwertiges Foto von einem Gemälde jahrelang gute Reichweiten versprach, passiert jetzt: nichts. Accounts mit Followerzahlen über 100.000 Follower berichten, dass ihre Beiträge nur noch 300 bis 400 Personen gezeigt werden, von denen dann 50 den Beitrag liken.

Das Problem: Viele können nicht einfach so auf die Reichweite-versprechenden neuen Formate wie Reels und TikTok-Content umsteigen. Das kann kaum ein*e Fotograf*in oder Illustrator*in, genau so wenig die meisten Musiker*innen, ohne sich zu verbiegen oder Inhalte zu generieren, die dann nur noch leidlich wenig mit der eigenen Passion zu tun haben.

Beim letzten Punkt seiner Analyse bin ich unsicher. Ich glaube, dass Instagram und Tiktok denken: Es können alle auf die neuen Formate umsteigen – sie müssen quasi nur die Rückkamera einschalten und real werden bzw. mit ihre eigenen Gesicht ihre Inhalte authentischer werden lassen. Sich selbst vor der Kamera zu zeigen, ist also der nächste Schritt in der Social-Media-Entwicklung. Nach persönlichen Texten, nach Ich-Ansichten in Wort und dann im Bild, kommen sie jetzt im Bewegtbild. Nutzer:innen, die Social-Media als Reichweiten-Instrument einsetzten (wollen), werden nicht drumherum kommen, eine persönliche Haltung zu dieser Form von Selfie-Media zu finden (und einige tun das ja auch bereits) oder anders formuliert, die Antwort auf diese Frage ist eher naheliegend:

Muss ich mich jetzt selbst filmen?

Die Antwort ist sehr einfach und sehr offensichtlich: Ja!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit aktuellen Entwicklungen in Social Media befasse – zum Beispiel: „Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen“ (Juni 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Follower-Dilemma: Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was viele Menschen wichtig finden, kann nicht unwichtig sein.

Diese Idee – hier als „Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit“ beschrieben – bestimmt nicht nur Suchalgorithmen, sondern sehr sicher auch Ihr Denken: Wer schon mal neugierig geworden ist, weil irgendwo viele Menschen in einer Schlange anstanden („was ist denn da los?“), kennt das Prinzip, das zahlreiche digitale Plattformen auf die Spitze getrieben haben. Sie haben dafür eine Währung erfunden, die allgemein anerkannt, aber in Wahrheit kaum wertvoll ist. Sie haben dafür das Prinzip „Follower“ erfunden – eine Einheit, die nicht unabhängig überprüfbar ist, die die Plattformen aber reich macht, weil wir sie glauben. Dabei ist diese Währung nahezu bedeutungslos – und es ist dringend an der Zeit, dies auch im allgemeinen Diskurs zu verankern. Und hier will ich kurz erklären, warum das so ist. (Symbolbild: unsplash)

Auslöser für meine Erklärung ist ein Wortbeitrag der sehr geschätzten Kollegin Eva Schulz auf der republica. Auf dem Panel Medienmachende als Marke spricht sie ab ca Minuten 17 über Follower und Reichweite. Sie erzählt die Geschichte einer jüngeren Kollegin, die keine Follower auf Instagram und deshalb kaum Chancen hat, an eine Moderatorionsrolle zu kommen, weil Verantwortliche in Medienhäuser diese Währung für relevant für eine Moderation halten. Eva sagt…

Es hört nie auf. Ich hab was, wo diese Kollegin hinguckt und sagt ,Scheiße, wie soll ich das je erreichen? Diese Followerzahlen, die Eva hat‘. Da ist mir erst bewusst geworden, was ich dann für einen Druck ausüben muss auf so viele Kolleginnen und Kollegen. Wegen einer Währung, die Medienhäuser gladly übernehmen, während es eigentlich ihre Aufgabe wäre, diese Leute selber aufzubauen. Und sich nicht einfach auf eine fremde Währung auf einer externen Plattform zu verlassen, die nicht mal von unserem Kontinent stammt.

… und kommt zu dem Schluss: „Da müssen sich Medienhaus-Verantwortliche wirklich mal überlegen, ob man sich auf diese Kennzahl verlassen will.“

Ich würde noch sehr viel deutlicher sagen: Nicht nur Medienhaus-Verantwortliche sollten sich von dieser Kennzahl verabschieden.

Warum glauben Menschen an den Wert der Follower? Weil sie annehmen, die Zahl treffe eine Aussage darüber, welche Reichweite ein Account hat. Darüber sagt die Zahl aber in Wahrheit sehr wenig aus – viel weniger jedenfalls als gemeinhin angenommen.

Jede:r, die/der mal in die Insights eines Accounts geschaut hat, weiß, dass kein Beitrag, der mit einer Followerzahl 100 gepostet wird, tatsächlich 100 andere Accounts erreicht. Spätestens mit Einführung des Timeline-Prinzips haben die Plattformen nämlich erkannt, dass nicht die postenden Accounts darüber entscheiden sollen, wessen Aufmerksamkeit sie bekommen – darüber wollen die Plattformen selbst bestimmen, um diese Aufmerksamkeit zu monetarisieren.

Mit der Tiktokisierung von Social-Media hat das Follower-Dilemma (Top-Illustration von mir rechts) eine neue Ebene erreicht: Plattformen priorisieren gut laufende Inhalte und versorgen diese mit Reichweite. Das heißt aber nicht, dass auch die Accounts zwingend mehr Reichweite bekommen – dafür müssen sie nämlich weiter gut laufende Inhalte produzieren; genau wie Accounts mit wenigen Followern auch.

Tiktoks relevanteste Bühne, die for you page, kommt sogar völlig ohne Follower aus. Hier spielt die Plattform Beiträge aus, die nicht darauf basieren, dass ein:e Nutzer:in bei Accounts „das plus weggemacht hat“ (Tiktok-Lingo für Follow). Auf der For You Page werden nach dem sprechender Hut-Prinzip Beiträge ausgespielt, die dann nahezu magisch irre Reichweiten bekommen können. Das gilt für einen Account mit wenigen Followern ebenso wie für einen vermeintlich reichweitenstärkeren Account, der bereits viele Follower hat.

Verlässlich aussagekräftig ist die Zahl der Follower auf Plattformen also nur in eine Richtung: in Bezug auf die Anzahl der Accounts (nicht unbedingt auch Menschen), die auf der Plattform den Account abonniert haben. Dass diese Zahl auch technisch verändert worden sein kann, lasse ich bewusst unerwähnt, denn meine Kritik bezieht sich gar nicht auf diesen Aspekt (der selbstredend erschwerend hinzukommt). Ob der Account diese anderen Accounts dann auch erreicht, darüber sagt die Follower-Anzahl eher wenig aus – maximal eine Wahrscheinlichkeit lässt sich aus der Gesamtzahl der Fans auf die Reichweite ermitteln.

Diese Wahrscheinlichkeit ist nicht null, aber sie ist ganz sicher auch nicht so bedeutsam, dass sie als relevante Währung in der öffentlichen Debatte genutzt werden sollte. Um ihre Flüchtigkeit zu illustrieren, muss man sich einen Account vorstellen, der zwar sehr viele Follower angesammelt hat, dann aber monatelang nichts postet. Dieser Account wird nach zwölf inaktiven Monaten nur eine sehr geringen Wahrscheinlichkeit auf hohe (organische) Reichweiten haben – es sei denn er kauft dafür Sichtbarkeit hinzu. Womit die Währung völlig wertlos wird, wenn sie lediglich zeigt, wieviel Geld ein Account ausgegeben hat, um sichtbar zu sein.

Sinnvoller erscheint es mir, Prominenz oder Sichtbarkeit im digitalen Ökosystem als fluide Währung zu betrachten – die immer nur sehr kurze Halbwertszeiten aufweist. Zu glauben, eine Angabe über Fans oder Follower könne daran etwas ändern, ist eine angenehme Vereinfachung, aber halt auch unangenehm falsch.

Nachtrag Es gibt übrigens eine Akteurin in dem Spiel, die großes Interesse daran hat, dass die Währung „Fans/Follower“ nicht an Bedeutung verliert: die Plattform selbst. Ohne eine unabhängige dritte Instanz, die ihre Zahlen kontrolliert, kann die Plattform den Nutzer:innen nämlich so ihre eigene vermeintliche Bedeutung vorführen. Das wäre doch schade, wenn sich daran etwas ändert…

Die Glut-Theorie im Deutschlandfunk (Digitale Juni-Notizen)

Ein Teil meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann, erscheint in diesem Monat beim Deutschlandfunk.

Im März war ich beim Kölner Kongress des Deutschlandfunk unter dem Titel „Erzähl mir was Neues“ eingeladen. Auf Basis meines Vortrags dort ist ein Essay entstanden, das vergangene Woche im Programm des Deutschlandfunk lief. Ich verweise auf den Beitrag, weil die Glut-Theorie der politischen Debatte (Symbolbild: Unsplash) auch Bezug nimmt auf einige Texte, die hier im Newsletter erschienen bzw. die hier verlinkt sind.

Grundlage für den Text war die Beobachtung, Impfverweigerung als Meme zu denken. Diese Analyse ist ebenso in Vortrag und Essay eingeflossen wie Teile der Mai-Folge der Digitalen Notizen sowie „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) und „Ich mag Twitter“ (November 2021).

Den neuen Blick auf Meme und memetische Muster verdanke ich aber vor allem der Arbeit an dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das bei Wagenbach erschienen ist.

Hier den Beitrag im Deutschlandfunk anhören

Die Anderen anders sein lassen

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Dringlichkeit, das setze ich als bekannt voraus, besteht immer.

Deshalb hier ein kleiner, absichtsvoll undringlicher Zwischenruf von der Seite. Der Wunsch, bei diesem einen Thema, dieser einen Debatte kurz Recht zu haben, bleibt für die nächsten rund 3500 Zeichen unerfüllt. Die thematische Dringlichkeit bei jener Debatte und diesem Thema wird damit nicht bestritten, sie aber beständig zu erwähnen, ist womöglich ein Grund dafür, an einer langfristigen Perspektive zu scheitern. Dieses Dringlichkeits-Dilemma ist selten besser formuliert worden als in dem (von Stephen Corvey) geformten Bild des Holzfällers, der keine Zeit hat die Säge zu schärfen, weil er ja sägen muss.

Es geht, weniger metaphorisch gesprochen (mal wieder), um den Zustand der (digitalen) Debatte. Als ich in Die Zeit das Gespräch las, das Lars Weisbrod und Martin Eimermacher mit Tim Wolff führten, fühlte ich mich an einen fast zehn Jahre alten Text von Kathrin Passig erinnert. Und das kam so:

Tim Wolff ist Autor beim ZDF Magazin Royal, Ex-Chef von Titanic sowie „selbst ernannter Globalhistoriker wie Yuval Noah Harari und David Graeber“ (Best of Sapiens). Er spricht über eine besondere Form des Kontextbruchs durch digitale Kommunikation, die Humor auf neue Weise Menschen zugänglich macht, für die er eigentlich nicht gedacht ist: „Seit es Face­book, Twitter und so weiter gibt, werden aber ständig Leute mit Witzen konfrontiert, die gar nicht für sie gedacht sind. Und reagieren darauf. Und garantiert nicht immer inkompetent oder unberechtigt.“

Das ist eine interessante, weil widersprechende Perspektive auf all das, was im allgemeinen Internetgejammer stets als Filterblase bezeichnet wird. Vielleicht stimmt es also gar nicht, dass im Internet alle nur noch das vorgesetzt bekommen, was sie bestellt haben und nicht mehr mit gegenteiligen Perspektiven konfrontiert sind. Vielleicht ist es im Gegenteil eher so, dass das Internet uns die Andersartigkeit der Welt vollumfänglicher spiegelt als sie vor der digitalen Vernetzung sichtbar war. (Symbolbild: Unsplash)

Kathrin Passig hat dieses Phänomen schon 2013 Die Wir-Verwirrung genannt und eine „wachsende Kontextfusion“ bei gleichzeitig „schwindender Konsensillusion“ analysiert. Wolffs Beobachtung brachte mich dazu, den den Text nochmal zu lesen und mich über das Fazit zu freuen, das Kathrin zieht:

Anstatt den Glauben an die spezifische Gruppe der eigenen Freunde oder an die größere Gruppe der Nutzer des Internets oder der sozialen Netzwerke zu verlieren, müssten wir uns vom Glauben an Gruppen verabschieden, in denen dauerhafte Einigkeit über mehr als nur einige wenige Punkte herrscht. Wir bräuchten eine realistischere Einschätzung des allgemeinen Konsenses über unsere eigenen Ansichten. Es ist eine der zentralen Zumutungen der Vernetzung, dass die Anderen nicht nur so heißen, sondern auch wirklich anders sind.

Vielleicht ist das ein guter Vorsatz für alle Meinungs-Holzfäller:innen, sich der Zumutung der Vernetzung zu stellen und die Anderen anders sein zu lassen. Das geht natürlich nur wenn wir ein vernünftiges Bild von Gemeinschaft und Unterschieden haben (freue mich auf die Lektüre von Wolf Lotters „Unterschiede“-Buch) und abseits der jeweils zwingend drängenden Dringlichkeit des nächstens Themas, bei dem es geboten scheint, die Anderen davon zu überzeugen, ihre Andersartigkeit zu unterlassen.

Deshalb habe ich – sozusagen als Versuch und Erinnung – in den vergangenen Wochen hier einen kleinen Thread mit allgemeinen Vorsätzen gestartet:


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Was ist dein Trick? 50 Inspirations-Ideen (Digitale April-Notizen)

Die nachfolgende Liste ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Wer die Frage beantworten und einen eigenen Trick einsenden möchte: sehr gerne!

Spätestens seit Simone Buchholz im Jahr 2003 ein Buch mit dem tollen Titel „Der Trick ist zu atmen“ veröffentlichte, mag ich die Vorstellung, es gebe eine Form des gelebten Wissens, das man weitergeben und es damit leichter haben kann. Es geht dabei nicht um ein festes Regelwerk, das man befolgen muss, sondern um kleine Kniffe in der Anwendung, die von jenen stammen, die schon ein wenig länger rumprobieren – und wissen, wo man die Rettungsringe (Symbolbild: Unsplash) findet, wenn man sie braucht. Kevin Kelly sagte, sie seien nicht wie Gesetze, sondern wie Hüte: Wenn einer nicht passt, nimmt man einen anderen.

Ich weiß, dass ich mit diesem Faible für die unspektakulärste Dareichungsform der Weisheit nicht alleine bin. 2007 haben wir bei jetzt.de mal mit Leserinnen und Lesern eine Liste gemacht, die 50 Dinge versammelte, die man wissen sollte. Das hat Spaß gemacht. Auch manche der Interviews, die mein Freund Peter Wagner unter meisterstunde.de führt, kommen den Tricks dann und wann recht nahe, von denen ich ahne, dass es sie da draußen noch gibt.

2018 habe ich hier John Perry Barlows Liste zitiert, die er für ein erwachsenes Leben notiert hat – und seit Beginn des Jahres habe ich zum Beispiel kontinuierlich zwei Tabs offen, in die ich je nach Laune immer mal wieder reinklicke: Zum einen sind da diese 100 Punkte vom Guardian (100 ways to slightly improve your life without really trying), die eine charmante Mischung aus Lebenswert-Liste und Gute-Vorsätze-Erkenntnis sind. Und zum zweiten dieser Blogeintrag vom Familienbetrieb (99 Weisheiten und Unweisheiten für meine Tochter, die letzte Woche ausgezogen ist), der übrigens gerade ein neues Buch veröffentlicht hat. Zwischenzeitlich kam noch eine Liste von der Washington Post hinzu, die ihre Leser:innen zum Valentinstag nach Ratschlägen für die Liebe fragte.

Und genau das will ich hiermit auch tun: die Leser:innen meines Newsletters fragen, welchen Tricks sie nutzen? Hier sind 50 kleine Ideen zur Inspiration, die ich aus allen oben genannten Listen in den vergangenen Jahren gesammelt habe

  • Sei höflich zu unhöflichen Fremden – es ist mindestens aufregend.
  • Liebe, Vertrauen, Mut und Kreativität sind wie digitale Dateien: Sie werden mehr, wenn man sie teilt.
  • Beginne die Veränderung, die du dir wünschst, bei dir selbst.
  • Lache über deine Lieblingswitze! Sie sind wie das Lieblingsessen, das du gerne selbst kochst. Wenn du mich dazu einladen und selbst nicht mitessen würdest, fänd ich das äußerst suspekt.
  • Lerne ein Gedicht auswendig.
  • Es gibt nur einen Grund, mit Stützrädern Radfahren zu lernen: wenn du mit Stützrädern Radfahren willst. In allen anderen Fällen: Fang einfach an!
  • Wer schwimmen will, muss nass werden.
  • Bevor du etwas Wichtiges abschickst, lies es dir einmal laut vor. Gilt besonders bei hektischen Kommentaren in WhatsApp-Gruppen oder Social-Media-Diskussionen.
  • Wenn du die smarteste Person im Raum bist, bist du nicht im falschen Raum, sondern vermutlich sehr von dir überzeugt.
  • Überhaupt: Sich mit anderen zu vergleichen, führt nie zu mehr Zufriedenheit.
  • Sei äußerst vorsichtig bei Kritik von Menschen, denen du deine Kinder nicht mal kurz anvertrauen würdest. Wenn es Leute sind, die du nicht nach einem Ratschlag fragen würdest, solltest du ihre Kritik auch nicht persönlich nehmen.
  • Überhaupt sollte man nur die äußerst wenigen wirklich persönlichen Dinge im Leben persönlich nehmen. Das allermeiste, was im beruflichen oder schulischen Kontext kränkt, bezieht sich auf die Rolle, nicht auf die Person.
  • Je klarer, du dir deiner Rolle bist, umso besser.
  • Done is better than perfect.
  • Lerne Widerspruch auszuhalten.
  • Frage immer: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?
  • Menschen und Meinungen muss man trennen (können).
  • Vermeide Verachtung.
  • Anzunehmen, die Motive der anderen seien schlechter als die eigenen Motive, ist meistens falsch.
  • Das größte Geschenk der Meinungsfreiheit ist nicht die Möglichkeit, die eigene Meinung auszudrücken, sondern: sie zu ändern und das laut zu sagen.
  • Wenn möglich: Nimm die Treppe!
  • Mach jeden Tag einen Fehler, aber jeden Tag einen neuen.
  • Eine gute Idee ist eine gute Idee, völlig egal, ob sie umgesetzt wird oder nicht. Freu dich dran!
  • Ich habe noch nie einen kreativen Menschen getroffen, der nicht auch humorvoll gewesen wäre.
  • Es gibt jene Menschen, die über sich selbst lachen können und es gibt die anderen. Mehr Zeit mit jenen zu verbringen und weniger mit den anderen, ist vermutlich kein Fehler.
  • Es ist nicht falsch, von einer Sache Fan zu sein.
  • Keine Medien beim Essen!
  • Erziehung ist Vorbild und Liebe. Und sonst nichts.
  • Warte nicht auf den perfekten Moment.
  • Jede Entscheidung ist eine Chance, sagt Ted Lasso. (Aber ich kann keine Zeit damit verschwenden, mir eine Wiederholung all dessen zu wünschen. Denn so funktionieren Entscheidungen nicht. Nein Sir. Nein. Diese Wahl und meine Chicago Bulls Starter-Jacke, die ich Janelle Rhodes für mein zweites Jahr geliehen habe, weil sie sich mit Ketchup übergossen hat und es aussah, als wäre sie angeschossen worden, das sind zwei Dinge, die ich nicht zurückbekomme. Denn jede Entscheidung ist eine Chance, Jungs. Und ich habe mir nicht die Chance gegeben, weiteres Vertrauen zu euch allen aufzubauen. Um den großartigen College-Basketballtrainer der UCLA, John Obi-Wan Gandalf, zu zitieren: „Es sind unsere Entscheidungen, meine Herren, die zeigen, was wir wirklich sind, weit mehr als unsere Fähigkeiten.“ Nun, ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen, was ich getan habe.)
  • Sei neugierig, nicht bewertend („Be Curious, Not Judgmental„) heißt es Walt-Whitman-zitierend ebenfalls bei Ted Lasso. Einfacher formuliert: Stelle Fragen und höre dir die Antworten an.
  • Lerne zuzuhören. Immer wieder neu.
  • Wer sich bedanken und entschuldigen kann, ist langfristig besser dran.
  • Man sieht sich immer (mindestens) zweimal im Leben – nicht als Drohung, sondern als Vorfreude beim Abschied.
  • Rede gut über Menschen, die nicht anwesend sind. Irgendjemand wird es ihnen erzählen.
  • Nicht nur bei Überforderung: Denke kleiner!
  • Große Veränderungen entstehen (auch) durch kleine Rituale.
  • Gleichmut darf nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden.
  • Wer sich schlechter versteckt, kann besser gefunden werden. Zum Beispiel von guten Ideen.
  • Schlafen ist absolut unterschätzt.
  • Mache Backups.
  • Sport! Trotz allem und sei es nur, weil du dabei dich nicht mit Handy oder anderen Gedanken ablenken kannst.
  • Faustregel: Mindestens so viel Zeit selbst aktiv sein, wie du Sport anschaust.
  • Menschen sind nicht scheiße. Sie benehmen sich scheiße, haben scheiß Ansichten, handeln scheiße, aber es sind trotzdem Menschen.
  • Liebe ist ein Tätigkeitswort.
  • Show don’t tell!
  • Achte auf deine Aufmerksamkeit: Das, was du beachtest, wirst du beachten. Gilt nicht nur bei Nachrichten.
  • Keine Panik.
  • Übe Geduld. Das dauert.
  • Immer wieder aufstehen. Immer wieder sagen ,es geht doch‘.

Nach Versand des Newsletters habe ich einige Antworten erhalten, ich werde sie hier fortlaufend ergänzen:

  • 100 (Gesundheits-)Tipps um 100 Jahre alt zu werden
  • 100 Tipps für ein gutes Leben
  • Lebe mit der Natur, sei/werde eins mit ihr.
  • Die vier Grundregeln der Wölfe, zitiert aus Elli H. Radinger, Die Weisheit der Wölfe: liebe Deine Familie
    sorge gut für alle Dir Anvertrauten
    gib nie auf
    hör nicht auf zu spielen
  • Was du gibst, wird zu dir zurück kommen ..
  • Dem Ungeduldigen läuft alles davon, aber alles kommt zu dem, der warten kann. (Hans Bemmann)
  • Komödie = Tragödie + Zeit
  • Wie wichtig wird die Entscheidung gewesen sein, wenn ich mit dem Abstand von einer Woche darauf schaue? Von einem Monat? Von einem Jahr?
  • A little preparation saves a lot of frustration, Und wenn es mit der Vorbereitung nicht geklappt hat: 5 sind geladen, 10 sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle Willkommen
  • To make a prairie it takes a clover and one bee,
    One clover, and a bee.
    And revery.
    The revery alone will do,
    If bees are few.
    (Emily Dickinson – 1830-1886)
  • Gehen und wandern hat weniger damit zu tun, sich selbst zu finden, als sich selbst hinter sich zu lassen.
  • Unser Gehirn ist entstanden, damit wir uns bewegen können. Es funktioniert am besten, wenn wir uns bewegen.
  • Denke lieber an das, was du hast, als an das, was dir fehlt. (Marcus Aurelius)
  • Versuche nicht, immer mehr zu tun. Tu das, was notwendig ist.
  • Ein Thread mit 22 Dingen von 2022
  • Ein fortlaufender Thread mit weiteren Antworten.
  • 100 weitere Tipps
  • noch mal 100 Tipps
  • 27 tägliche Rituale, die dein Leben besser machen

In der April-Folge meines monatlichen Newsletters Digitale Notizen habe ich nach Tricks, Kniffen und Merksätzen gefragt, die das Leben besser oder einfacher machen. Wenn du eine Antwort hast, schreib sie mir.

In Kategorie: DVG