Alle Artikel mit dem Schlagwort “digitale notizen

Warum „nur online“ in Wahrheit „nur überall“ heißt (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Dieser Text steht „nur online“. Es gibt keinen anderen Weg, über den er verbreitet wird. Er ist „nur im Internet“. (Symbolbild: unsplash)

Warum ich das erwähne, wo er doch erkennbar über eine Website und einen Newsletter zugänglich gemacht wird? Weil auch im Jahr 2022 (über 30 Jahre nach der Erfindung des WWW) diese einschränkende Beschreibung genutzt wird, meist um damit anzuzeigen, dass eine Dienstleistung oder ein Inhalt nicht auch auf andere Weise verfügbar ist. Das ist erstaunlich, weil nahezu jeder andere Zugang komplizierter ist als jener, der mit „nur“ eingeschränkt wird. Statt zu sagen, etwas sei „nur online“ verfügbar, könnte man auch sagen, es sei „nur überall“ verfügbar.
Das ergibt wenig Sinn, wird aber dennoch ständig getan.

Die digitale Verfügbarkeit gilt vielen nämlich noch immer als neu und nicht selten als weniger wertvoll. Etabliert sind andere Formen des Zugangs: auf Papier, im Geschäft oder im linearen Programm (TV oder Radio). Im Kontrast zu all diesen Kontexten wird „nur online“ genutzt – nicht selten mit einem abwertenden Ton. Denn „nur online“ heißt in diesem Duktus nicht „nur überall“, sondern vor allem „nicht auf gelernte Weise“.

Um das zu verstehen, muss man diese Weise gelernt haben. Man muss wissen, dass Inhalte, Produkte und Dienstleistungen vor der Digitalisierung anders distribuiert wurden als dies im Internet nun möglich ist. Man muss eine Sicht auf die Welt haben, die digitale Distribution mindestens als ungewöhnlich, vielleicht sogar als Einschränkung empfindet, nicht aber als selbstverständlichen ersten Schritt, wenn etwas publiziert werden, also öffentlich sein soll. Zu sagen, etwas sei „nur online“ ist also in erster Linie ein Satz, der Auskunft über den/die Sprechenden gibt – dann erst über den Inhalt. Denn dass etwas „nur überall“ verfügbar ist, muss ja eigentlich nicht gesagt werden.

Was häufig gemeint ist mit der „nur online“-Einschränkung ist vielmehr dies: dieses Produkt, dieser Inhalt zählen nicht zu den Auserwählten. Sie sind nicht kuratiert worden für die andere (nicht selten komplizierte) Form der Distribution. Das Problem dabei: es gibt für diese andere Form der Distribution meist keine wertversprechende Form der Beschreibung. „Dieser Song erscheint auf Kassette“, „dieser Beitrag wird nur zu einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlicht“ oder „jener Text ist nur einen Tag lang am Kiosk erhältlich“, ist keine Form der Beschreibung, die auf einen besonderen Wert schließen lässt. Dabei könnte sie das sein (oder werden), wenn man sie denn in ihrer Besonderheit betonen würde – und ihre Wertigkeit nicht einzig auf die Abwertung des Digitalen gründen würde. Dass weniger mehr sein kann, habe ich hier schon mal beschrieben – im Falle der „nur online“-Rede findet diese besondere Wertigkeit der nicht-digitalen Distribution aber gar keine Anwendung.

Und das ist auch der zentrale Grund, warum ich diesen Text schreibe und „nur online“ veröffentliche. Ich möchte, dass Sie ihn speichern und bei nächster Gelegenheit denjenigen senden, die sagen, etwas sei nur im Internet verfügbar. Fragen Sie sie doch mal, warum sie diese Einschränkung machen? Was wollen sie damit ausdrücken? Ist es tatsächlich eine fürs Publikum relevante Information oder verrät sie mehr über die Abläufe auf Sender-Seite? Über deren Kostenstellen oder Publikationssysteme?

Vielleicht kann durch diese Gedanken eine neue Debatte über Distributionsformen beginnen, die ihren Ausgangspunkt nicht im 20. Jahrhundert, sondern in der Gegenwart hat.

Bis dahin werde ich jedes „nur online“ gedanklich durch ein „nur überall“ ersetzen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit aktuellen Entwicklungen in Social Media befasse – zum Beispiel: „Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen“ (Juni 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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Fünf Gründe für den Erfolg von BeReal – und die Antwort auf die Frage: Muss ich mich jetzt selbst filmen? (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Im Rückblick erscheint der Erfolg von Instagram logisch. Es war die erste App, die konsequent auf die damals noch neue Funktion „Kamera“ setzte.

Was also wäre, wenn nun eine App konsequent auf die zweite Kamera setzt, die Handys mittlerweile haben? Wir wären bei dem Hype der vergangenen Wochen, wir wären bei BeReal (wo wir uns hier anfreunden können)

BeReal setzt auf den Rückblick. Die App zeigt nicht nur das Bild, das die Frontkamera eines Telefons fotografiert, sondern zusätzlich oben links eingeklingt das Bild der Rückkamera. Ob das allein tatsächlich den Hype um die App rechtfertigt? Kaum. Aber man kann an BeReal diese fünf Mechanismen digitaler Aufmerksamkeit lernen, die unweigerlich zu der Abschlussfrage führen: Muss ich mich jetzt selbst filmen? (Antwort am Ende oder in der Hochformatvideo-Sprache: „Bleibt unbedingt dran“)

1. Verknappung

Zwei Minuten am Tag. So viel Zeit gesteht BeReal seinen Nutzer:innen zu – als „Time to be real“. In den zwei Minuten können sie Fotos mit Front- und Rückkamera machen (wer später dran ist, wird mit „late“ markiert). Das Besondere dabei: BeReal verrät vorher nicht, wann die zwei Minuten „Time to be real“ beginnen. Es gibt eine Nachricht aus der App und dann können Nutzer:innen ihren täglichen Beitrag posten, der dann wiederum 24 Stunden lang im Disovery-Feed sichtbar ist. Diese Form der Verknappung soll Authentizität (siehe 2.) garantieren, sie begrenzt aber vor allem die Möglichkeiten und schafft so Begehrlichkeiten (siehe dazu Weniger schafft mehr), dieses Muster ist nicht neu, die konkrete Ausgestaltung schon – und der vermutlich wichtigste Faktor für den Hype. (Symbolbild: Unsplash)

2. Authentizität

„Es gibt keine Filter und keine Videos, sondern nur einen Strom ehrlich wirkender Foto-Schnipsel, die alle verschwinden, sobald der nächste Alarm gesendet wird. Die strikten Beschränkungen und das Gefühl der Dringlichkeit, das dem Design von BeReal innewohnt, dienen nach Ansicht des Teams und der Fans der App dem Ziel, „Authentizität“ zu kultivieren – ein Wort, das in praktisch jedem Artikel über die App zu finden ist“, schrieb der New Yorker Anfang des Jahres über BeReal und nutzte dabei selbst das Wort, das den zweiten Treiber für den Hype bildet: das Ungefilterte verleiht BeReal nicht nur den Namen, sondern soll auch den Gegenentwurf zum Hochglanz von Instagram beschreiben.

3. Gemeinschaft

Anders als bei den hierachisch geordneten Social-Media-Feeds z.B. von Instagram, setzt BeReal auf den Aspekt der Gemeinsamkeit. Alle haben die gleichen zwei Minuten – weshalb der Netz-Experte Ryan Broderick die App auch eher mit dem Hype um Wordle als mit einem echten Instagram- oder Tiktok-Konkurrenten vergleicht: „BeReal ist kein Instagram-Konkurrent. Es ist eigentlich Teil desselben Trends wie Wordle. Die gleichzeitige Push-Benachrichtigung und das Zeitlimit für die Veröffentlichung bieten ein kurzes gemeinsames Online-Erlebnis in einem sehr zersplitterten sozialen Netz“

4. Botschafter:innen

Campus-Captains hießen die Botschafter:innen, mit deren Hilfe StudiVZ an deutschen Hochschulen Nutzer:innen einsammelte. Das Prinzip von Mini-Influencern ist nicht neu, Tupperware setzt schon seit Jahren drauf und auch bei BeReal hat das so genannte Ambassador-Programm genau dazu geführt, dass schnell neue Nutzer:innen auf die App gekommen sind. Diese Botschafter:innen sind das beste Symbol für Marketing nach dem Ende des Durchschnitts – es gibt keine für alle gleiche Werbebotschaft, sondern viele Botschafter:innen, die segmentiert Zielgruppen ansprechen.

5. Selfie

„Wirklich interessant ist das Konzept eigentlich nur dann,“ bilanziert Kim Rixecker bei t3n, „wenn ihr BeReal mit euren Freund:innen verwendet.“ Deshalb glaube ich auch, dass die Doppelkamera-App gar kein Angriff auf Instagram ist (wenngleich die große Meta-Kopiermaschine das Feature schon als „Dual-Kamera“ integriert hat). BeReal spielt eher in der Liga von Snapchat – wird aber mindestens bei einem Thema größeren Einfluss haben: Es ist die erste App, die ihre Nutzer:innen konsequent vor die Kamera bringt. Das erkennt man zum Beispiel auch daran, dass BeReal nicht nur personalisierte Emojis anbietet (wie andere Apps), sondern ein RealMoji genanntes Feature, bei dem Nutzer:innen ihrer Reaktionen über die Rückkamera das Handys aufnehmen und als Antwort auf andere BeReal-Beiträge posten können.

Mehr über die Tiktokisieurng des Web auf hier im Blog unter tiktok-taktik.de – außerdem habe ich hier erklärt, warum Tiktok ein relevantes Feld für Journalist:innen ist. Besonders empfehle ich den englischsprachigen Newsletter von Marcus Bösch: Understanding Tiktok. Im Sommer 2019 habe ich in einem Selbstversuch mal 24 Stunden auf Tiktok verbracht. Die im Text behandelten Phänomene habe ich auch im Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation eingeordnet.

Und egal, ob BeReal am Ende real bleibt oder nicht, das wird die App leisten: BeReal bildet den Kipp-Punkt, an dem Social-Media zu Selfie-Media wird. Wobei ich damit etwas anderes meine als die oberflächliche Kritik derjenigen, die sich mit Social-Media nicht befassen wollen und es deshalb als Spielwiese für selbstsüchtige Selfie-Freund:innen beschrieben. Ich meine die Tiktokisierung von Social-Media, die man sehr vereinfacht als Selbstfilm-Trend beschreiben kann. Instagram priorisiert seine Reels genannten Tiktok-Klone (was nicht alle Instagram-Nutzer:innen mögen, es gibt inzwischen sogar eine Petition für das „alte Instagram“) und treibt damit eine Entwicklung voran, bei der Nutzer:innen sich selbst vor der Kamera zeigen müssen wenn sie Reichweite wünschen (der Mechanismus dahinter, ist hier gut beschrieben). Wer erfolgreiche Tiktoks (oder Reels oder Shorts) machen will, kommt nicht mehr mit schönen Bildern, Texttafeln oder Illustrationen aus. Fabian Schuetze schreibt dazu in seinem empfehlenswerten Low Budget High Spirit Newsletter (was meine Newsletter-These aus dem Juli bestärkt):

Im Bereich der visuellen Kunst herrscht gerade Fassungslosigkeit. Die über Jahre aufgebauten und teils immensen Followerzahlen sind auf einmal nichts mehr wert. Während eine schöne Illustration oder ein hochwertiges Foto von einem Gemälde jahrelang gute Reichweiten versprach, passiert jetzt: nichts. Accounts mit Followerzahlen über 100.000 Follower berichten, dass ihre Beiträge nur noch 300 bis 400 Personen gezeigt werden, von denen dann 50 den Beitrag liken.

Das Problem: Viele können nicht einfach so auf die Reichweite-versprechenden neuen Formate wie Reels und TikTok-Content umsteigen. Das kann kaum ein*e Fotograf*in oder Illustrator*in, genau so wenig die meisten Musiker*innen, ohne sich zu verbiegen oder Inhalte zu generieren, die dann nur noch leidlich wenig mit der eigenen Passion zu tun haben.

Beim letzten Punkt seiner Analyse bin ich unsicher. Ich glaube, dass Instagram und Tiktok denken: Es können alle auf die neuen Formate umsteigen – sie müssen quasi nur die Rückkamera einschalten und real werden bzw. mit ihre eigenen Gesicht ihre Inhalte authentischer werden lassen. Sich selbst vor der Kamera zu zeigen, ist also der nächste Schritt in der Social-Media-Entwicklung. Nach persönlichen Texten, nach Ich-Ansichten in Wort und dann im Bild, kommen sie jetzt im Bewegtbild. Nutzer:innen, die Social-Media als Reichweiten-Instrument einsetzten (wollen), werden nicht drumherum kommen, eine persönliche Haltung zu dieser Form von Selfie-Media zu finden (und einige tun das ja auch bereits) oder anders formuliert, die Antwort auf diese Frage ist eher naheliegend:

Muss ich mich jetzt selbst filmen?

Die Antwort ist sehr einfach und sehr offensichtlich: Ja!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit aktuellen Entwicklungen in Social Media befasse – zum Beispiel: „Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen“ (Juni 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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Follower-Dilemma: Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was viele Menschen wichtig finden, kann nicht unwichtig sein.

Diese Idee – hier als „Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit“ beschrieben – bestimmt nicht nur Suchalgorithmen, sondern sehr sicher auch Ihr Denken: Wer schon mal neugierig geworden ist, weil irgendwo viele Menschen in einer Schlange anstanden („was ist denn da los?“), kennt das Prinzip, das zahlreiche digitale Plattformen auf die Spitze getrieben haben. Sie haben dafür eine Währung erfunden, die allgemein anerkannt, aber in Wahrheit kaum wertvoll ist. Sie haben dafür das Prinzip „Follower“ erfunden – eine Einheit, die nicht unabhängig überprüfbar ist, die die Plattformen aber reich macht, weil wir sie glauben. Dabei ist diese Währung nahezu bedeutungslos – und es ist dringend an der Zeit, dies auch im allgemeinen Diskurs zu verankern. Und hier will ich kurz erklären, warum das so ist. (Symbolbild: unsplash)

Auslöser für meine Erklärung ist ein Wortbeitrag der sehr geschätzten Kollegin Eva Schulz auf der republica. Auf dem Panel Medienmachende als Marke spricht sie ab ca Minuten 17 über Follower und Reichweite. Sie erzählt die Geschichte einer jüngeren Kollegin, die keine Follower auf Instagram und deshalb kaum Chancen hat, an eine Moderatorionsrolle zu kommen, weil Verantwortliche in Medienhäuser diese Währung für relevant für eine Moderation halten. Eva sagt…

Es hört nie auf. Ich hab was, wo diese Kollegin hinguckt und sagt ,Scheiße, wie soll ich das je erreichen? Diese Followerzahlen, die Eva hat‘. Da ist mir erst bewusst geworden, was ich dann für einen Druck ausüben muss auf so viele Kolleginnen und Kollegen. Wegen einer Währung, die Medienhäuser gladly übernehmen, während es eigentlich ihre Aufgabe wäre, diese Leute selber aufzubauen. Und sich nicht einfach auf eine fremde Währung auf einer externen Plattform zu verlassen, die nicht mal von unserem Kontinent stammt.

… und kommt zu dem Schluss: „Da müssen sich Medienhaus-Verantwortliche wirklich mal überlegen, ob man sich auf diese Kennzahl verlassen will.“

Ich würde noch sehr viel deutlicher sagen: Nicht nur Medienhaus-Verantwortliche sollten sich von dieser Kennzahl verabschieden.

Warum glauben Menschen an den Wert der Follower? Weil sie annehmen, die Zahl treffe eine Aussage darüber, welche Reichweite ein Account hat. Darüber sagt die Zahl aber in Wahrheit sehr wenig aus – viel weniger jedenfalls als gemeinhin angenommen.

Jede:r, die/der mal in die Insights eines Accounts geschaut hat, weiß, dass kein Beitrag, der mit einer Followerzahl 100 gepostet wird, tatsächlich 100 andere Accounts erreicht. Spätestens mit Einführung des Timeline-Prinzips haben die Plattformen nämlich erkannt, dass nicht die postenden Accounts darüber entscheiden sollen, wessen Aufmerksamkeit sie bekommen – darüber wollen die Plattformen selbst bestimmen, um diese Aufmerksamkeit zu monetarisieren.

Mit der Tiktokisierung von Social-Media hat das Follower-Dilemma (Top-Illustration von mir rechts) eine neue Ebene erreicht: Plattformen priorisieren gut laufende Inhalte und versorgen diese mit Reichweite. Das heißt aber nicht, dass auch die Accounts zwingend mehr Reichweite bekommen – dafür müssen sie nämlich weiter gut laufende Inhalte produzieren; genau wie Accounts mit wenigen Followern auch.

Tiktoks relevanteste Bühne, die for you page, kommt sogar völlig ohne Follower aus. Hier spielt die Plattform Beiträge aus, die nicht darauf basieren, dass ein:e Nutzer:in bei Accounts „das plus weggemacht hat“ (Tiktok-Lingo für Follow). Auf der For You Page werden nach dem sprechender Hut-Prinzip Beiträge ausgespielt, die dann nahezu magisch irre Reichweiten bekommen können. Das gilt für einen Account mit wenigen Followern ebenso wie für einen vermeintlich reichweitenstärkeren Account, der bereits viele Follower hat.

Verlässlich aussagekräftig ist die Zahl der Follower auf Plattformen also nur in eine Richtung: in Bezug auf die Anzahl der Accounts (nicht unbedingt auch Menschen), die auf der Plattform den Account abonniert haben. Dass diese Zahl auch technisch verändert worden sein kann, lasse ich bewusst unerwähnt, denn meine Kritik bezieht sich gar nicht auf diesen Aspekt (der selbstredend erschwerend hinzukommt). Ob der Account diese anderen Accounts dann auch erreicht, darüber sagt die Follower-Anzahl eher wenig aus – maximal eine Wahrscheinlichkeit lässt sich aus der Gesamtzahl der Fans auf die Reichweite ermitteln.

Diese Wahrscheinlichkeit ist nicht null, aber sie ist ganz sicher auch nicht so bedeutsam, dass sie als relevante Währung in der öffentlichen Debatte genutzt werden sollte. Um ihre Flüchtigkeit zu illustrieren, muss man sich einen Account vorstellen, der zwar sehr viele Follower angesammelt hat, dann aber monatelang nichts postet. Dieser Account wird nach zwölf inaktiven Monaten nur eine sehr geringen Wahrscheinlichkeit auf hohe (organische) Reichweiten haben – es sei denn er kauft dafür Sichtbarkeit hinzu. Womit die Währung völlig wertlos wird, wenn sie lediglich zeigt, wieviel Geld ein Account ausgegeben hat, um sichtbar zu sein.

Sinnvoller erscheint es mir, Prominenz oder Sichtbarkeit im digitalen Ökosystem als fluide Währung zu betrachten – die immer nur sehr kurze Halbwertszeiten aufweist. Zu glauben, eine Angabe über Fans oder Follower könne daran etwas ändern, ist eine angenehme Vereinfachung, aber halt auch unangenehm falsch.

Nachtrag Es gibt übrigens eine Akteurin in dem Spiel, die großes Interesse daran hat, dass die Währung „Fans/Follower“ nicht an Bedeutung verliert: die Plattform selbst. Ohne eine unabhängige dritte Instanz, die ihre Zahlen kontrolliert, kann die Plattform den Nutzer:innen nämlich so ihre eigene vermeintliche Bedeutung vorführen. Das wäre doch schade, wenn sich daran etwas ändert…

Die Glut-Theorie im Deutschlandfunk (Digitale Juni-Notizen)

Ein Teil meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann, erscheint in diesem Monat beim Deutschlandfunk.

Im März war ich beim Kölner Kongress des Deutschlandfunk unter dem Titel „Erzähl mir was Neues“ eingeladen. Auf Basis meines Vortrags dort ist ein Essay entstanden, das vergangene Woche im Programm des Deutschlandfunk lief. Ich verweise auf den Beitrag, weil die Glut-Theorie der politischen Debatte (Symbolbild: Unsplash) auch Bezug nimmt auf einige Texte, die hier im Newsletter erschienen bzw. die hier verlinkt sind.

Grundlage für den Text war die Beobachtung, Impfverweigerung als Meme zu denken. Diese Analyse ist ebenso in Vortrag und Essay eingeflossen wie Teile der Mai-Folge der Digitalen Notizen sowie „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) und „Ich mag Twitter“ (November 2021).

Den neuen Blick auf Meme und memetische Muster verdanke ich aber vor allem der Arbeit an dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das bei Wagenbach erschienen ist.

Hier den Beitrag im Deutschlandfunk anhören

Die Anderen anders sein lassen

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Dringlichkeit, das setze ich als bekannt voraus, besteht immer.

Deshalb hier ein kleiner, absichtsvoll undringlicher Zwischenruf von der Seite. Der Wunsch, bei diesem einen Thema, dieser einen Debatte kurz Recht zu haben, bleibt für die nächsten rund 3500 Zeichen unerfüllt. Die thematische Dringlichkeit bei jener Debatte und diesem Thema wird damit nicht bestritten, sie aber beständig zu erwähnen, ist womöglich ein Grund dafür, an einer langfristigen Perspektive zu scheitern. Dieses Dringlichkeits-Dilemma ist selten besser formuliert worden als in dem (von Stephen Corvey) geformten Bild des Holzfällers, der keine Zeit hat die Säge zu schärfen, weil er ja sägen muss.

Es geht, weniger metaphorisch gesprochen (mal wieder), um den Zustand der (digitalen) Debatte. Als ich in Die Zeit das Gespräch las, das Lars Weisbrod und Martin Eimermacher mit Tim Wolff führten, fühlte ich mich an einen fast zehn Jahre alten Text von Kathrin Passig erinnert. Und das kam so:

Tim Wolff ist Autor beim ZDF Magazin Royal, Ex-Chef von Titanic sowie „selbst ernannter Globalhistoriker wie Yuval Noah Harari und David Graeber“ (Best of Sapiens). Er spricht über eine besondere Form des Kontextbruchs durch digitale Kommunikation, die Humor auf neue Weise Menschen zugänglich macht, für die er eigentlich nicht gedacht ist: „Seit es Face­book, Twitter und so weiter gibt, werden aber ständig Leute mit Witzen konfrontiert, die gar nicht für sie gedacht sind. Und reagieren darauf. Und garantiert nicht immer inkompetent oder unberechtigt.“

Das ist eine interessante, weil widersprechende Perspektive auf all das, was im allgemeinen Internetgejammer stets als Filterblase bezeichnet wird. Vielleicht stimmt es also gar nicht, dass im Internet alle nur noch das vorgesetzt bekommen, was sie bestellt haben und nicht mehr mit gegenteiligen Perspektiven konfrontiert sind. Vielleicht ist es im Gegenteil eher so, dass das Internet uns die Andersartigkeit der Welt vollumfänglicher spiegelt als sie vor der digitalen Vernetzung sichtbar war. (Symbolbild: Unsplash)

Kathrin Passig hat dieses Phänomen schon 2013 Die Wir-Verwirrung genannt und eine „wachsende Kontextfusion“ bei gleichzeitig „schwindender Konsensillusion“ analysiert. Wolffs Beobachtung brachte mich dazu, den den Text nochmal zu lesen und mich über das Fazit zu freuen, das Kathrin zieht:

Anstatt den Glauben an die spezifische Gruppe der eigenen Freunde oder an die größere Gruppe der Nutzer des Internets oder der sozialen Netzwerke zu verlieren, müssten wir uns vom Glauben an Gruppen verabschieden, in denen dauerhafte Einigkeit über mehr als nur einige wenige Punkte herrscht. Wir bräuchten eine realistischere Einschätzung des allgemeinen Konsenses über unsere eigenen Ansichten. Es ist eine der zentralen Zumutungen der Vernetzung, dass die Anderen nicht nur so heißen, sondern auch wirklich anders sind.

Vielleicht ist das ein guter Vorsatz für alle Meinungs-Holzfäller:innen, sich der Zumutung der Vernetzung zu stellen und die Anderen anders sein zu lassen. Das geht natürlich nur wenn wir ein vernünftiges Bild von Gemeinschaft und Unterschieden haben (freue mich auf die Lektüre von Wolf Lotters „Unterschiede“-Buch) und abseits der jeweils zwingend drängenden Dringlichkeit des nächstens Themas, bei dem es geboten scheint, die Anderen davon zu überzeugen, ihre Andersartigkeit zu unterlassen.

Deshalb habe ich – sozusagen als Versuch und Erinnung – in den vergangenen Wochen hier einen kleinen Thread mit allgemeinen Vorsätzen gestartet:


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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Was ist dein Trick? 50 Inspirations-Ideen (Digitale April-Notizen)

Die nachfolgende Liste ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Wer die Frage beantworten und einen eigenen Trick einsenden möchte: sehr gerne!

Spätestens seit Simone Buchholz im Jahr 2003 ein Buch mit dem tollen Titel „Der Trick ist zu atmen“ veröffentlichte, mag ich die Vorstellung, es gebe eine Form des gelebten Wissens, das man weitergeben und es damit leichter haben kann. Es geht dabei nicht um ein festes Regelwerk, das man befolgen muss, sondern um kleine Kniffe in der Anwendung, die von jenen stammen, die schon ein wenig länger rumprobieren – und wissen, wo man die Rettungsringe (Symbolbild: Unsplash) findet, wenn man sie braucht. Kevin Kelly sagte, sie seien nicht wie Gesetze, sondern wie Hüte: Wenn einer nicht passt, nimmt man einen anderen.

Ich weiß, dass ich mit diesem Faible für die unspektakulärste Dareichungsform der Weisheit nicht alleine bin. 2007 haben wir bei jetzt.de mal mit Leserinnen und Lesern eine Liste gemacht, die 50 Dinge versammelte, die man wissen sollte. Das hat Spaß gemacht. Auch manche der Interviews, die mein Freund Peter Wagner unter meisterstunde.de führt, kommen den Tricks dann und wann recht nahe, von denen ich ahne, dass es sie da draußen noch gibt.

2018 habe ich hier John Perry Barlows Liste zitiert, die er für ein erwachsenes Leben notiert hat – und seit Beginn des Jahres habe ich zum Beispiel kontinuierlich zwei Tabs offen, in die ich je nach Laune immer mal wieder reinklicke: Zum einen sind da diese 100 Punkte vom Guardian (100 ways to slightly improve your life without really trying), die eine charmante Mischung aus Lebenswert-Liste und Gute-Vorsätze-Erkenntnis sind. Und zum zweiten dieser Blogeintrag vom Familienbetrieb (99 Weisheiten und Unweisheiten für meine Tochter, die letzte Woche ausgezogen ist), der übrigens gerade ein neues Buch veröffentlicht hat. Zwischenzeitlich kam noch eine Liste von der Washington Post hinzu, die ihre Leser:innen zum Valentinstag nach Ratschlägen für die Liebe fragte.

Und genau das will ich hiermit auch tun: die Leser:innen meines Newsletters fragen, welchen Tricks sie nutzen? Hier sind 50 kleine Ideen zur Inspiration, die ich aus allen oben genannten Listen in den vergangenen Jahren gesammelt habe

  • Sei höflich zu unhöflichen Fremden – es ist mindestens aufregend.
  • Liebe, Vertrauen, Mut und Kreativität sind wie digitale Dateien: Sie werden mehr, wenn man sie teilt.
  • Beginne die Veränderung, die du dir wünschst, bei dir selbst.
  • Lache über deine Lieblingswitze! Sie sind wie das Lieblingsessen, das du gerne selbst kochst. Wenn du mich dazu einladen und selbst nicht mitessen würdest, fänd ich das äußerst suspekt.
  • Lerne ein Gedicht auswendig.
  • Es gibt nur einen Grund, mit Stützrädern Radfahren zu lernen: wenn du mit Stützrädern Radfahren willst. In allen anderen Fällen: Fang einfach an!
  • Wer schwimmen will, muss nass werden.
  • Bevor du etwas Wichtiges abschickst, lies es dir einmal laut vor. Gilt besonders bei hektischen Kommentaren in WhatsApp-Gruppen oder Social-Media-Diskussionen.
  • Wenn du die smarteste Person im Raum bist, bist du nicht im falschen Raum, sondern vermutlich sehr von dir überzeugt.
  • Überhaupt: Sich mit anderen zu vergleichen, führt nie zu mehr Zufriedenheit.
  • Sei äußerst vorsichtig bei Kritik von Menschen, denen du deine Kinder nicht mal kurz anvertrauen würdest. Wenn es Leute sind, die du nicht nach einem Ratschlag fragen würdest, solltest du ihre Kritik auch nicht persönlich nehmen.
  • Überhaupt sollte man nur die äußerst wenigen wirklich persönlichen Dinge im Leben persönlich nehmen. Das allermeiste, was im beruflichen oder schulischen Kontext kränkt, bezieht sich auf die Rolle, nicht auf die Person.
  • Je klarer, du dir deiner Rolle bist, umso besser.
  • Done is better than perfect.
  • Lerne Widerspruch auszuhalten.
  • Frage immer: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?
  • Menschen und Meinungen muss man trennen (können).
  • Vermeide Verachtung.
  • Anzunehmen, die Motive der anderen seien schlechter als die eigenen Motive, ist meistens falsch.
  • Das größte Geschenk der Meinungsfreiheit ist nicht die Möglichkeit, die eigene Meinung auszudrücken, sondern: sie zu ändern und das laut zu sagen.
  • Wenn möglich: Nimm die Treppe!
  • Mach jeden Tag einen Fehler, aber jeden Tag einen neuen.
  • Eine gute Idee ist eine gute Idee, völlig egal, ob sie umgesetzt wird oder nicht. Freu dich dran!
  • Ich habe noch nie einen kreativen Menschen getroffen, der nicht auch humorvoll gewesen wäre.
  • Es gibt jene Menschen, die über sich selbst lachen können und es gibt die anderen. Mehr Zeit mit jenen zu verbringen und weniger mit den anderen, ist vermutlich kein Fehler.
  • Es ist nicht falsch, von einer Sache Fan zu sein.
  • Keine Medien beim Essen!
  • Erziehung ist Vorbild und Liebe. Und sonst nichts.
  • Warte nicht auf den perfekten Moment.
  • Jede Entscheidung ist eine Chance, sagt Ted Lasso. (Aber ich kann keine Zeit damit verschwenden, mir eine Wiederholung all dessen zu wünschen. Denn so funktionieren Entscheidungen nicht. Nein Sir. Nein. Diese Wahl und meine Chicago Bulls Starter-Jacke, die ich Janelle Rhodes für mein zweites Jahr geliehen habe, weil sie sich mit Ketchup übergossen hat und es aussah, als wäre sie angeschossen worden, das sind zwei Dinge, die ich nicht zurückbekomme. Denn jede Entscheidung ist eine Chance, Jungs. Und ich habe mir nicht die Chance gegeben, weiteres Vertrauen zu euch allen aufzubauen. Um den großartigen College-Basketballtrainer der UCLA, John Obi-Wan Gandalf, zu zitieren: „Es sind unsere Entscheidungen, meine Herren, die zeigen, was wir wirklich sind, weit mehr als unsere Fähigkeiten.“ Nun, ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen, was ich getan habe.)
  • Sei neugierig, nicht bewertend („Be Curious, Not Judgmental„) heißt es Walt-Whitman-zitierend ebenfalls bei Ted Lasso. Einfacher formuliert: Stelle Fragen und höre dir die Antworten an.
  • Lerne zuzuhören. Immer wieder neu.
  • Wer sich bedanken und entschuldigen kann, ist langfristig besser dran.
  • Man sieht sich immer (mindestens) zweimal im Leben – nicht als Drohung, sondern als Vorfreude beim Abschied.
  • Rede gut über Menschen, die nicht anwesend sind. Irgendjemand wird es ihnen erzählen.
  • Nicht nur bei Überforderung: Denke kleiner!
  • Große Veränderungen entstehen (auch) durch kleine Rituale.
  • Gleichmut darf nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden.
  • Wer sich schlechter versteckt, kann besser gefunden werden. Zum Beispiel von guten Ideen.
  • Schlafen ist absolut unterschätzt.
  • Mache Backups.
  • Sport! Trotz allem und sei es nur, weil du dabei dich nicht mit Handy oder anderen Gedanken ablenken kannst.
  • Faustregel: Mindestens so viel Zeit selbst aktiv sein, wie du Sport anschaust.
  • Menschen sind nicht scheiße. Sie benehmen sich scheiße, haben scheiß Ansichten, handeln scheiße, aber es sind trotzdem Menschen.
  • Liebe ist ein Tätigkeitswort.
  • Show don’t tell!
  • Achte auf deine Aufmerksamkeit: Das, was du beachtest, wirst du beachten. Gilt nicht nur bei Nachrichten.
  • Keine Panik.
  • Übe Geduld. Das dauert.
  • Immer wieder aufstehen. Immer wieder sagen ,es geht doch‘.

Nach Versand des Newsletters habe ich einige Antworten erhalten, ich werde sie hier fortlaufend ergänzen:

  • 100 (Gesundheits-)Tipps um 100 Jahre alt zu werden
  • 100 Tipps für ein gutes Leben
  • Lebe mit der Natur, sei/werde eins mit ihr.
  • Die vier Grundregeln der Wölfe, zitiert aus Elli H. Radinger, Die Weisheit der Wölfe: liebe Deine Familie
    sorge gut für alle Dir Anvertrauten
    gib nie auf
    hör nicht auf zu spielen
  • Was du gibst, wird zu dir zurück kommen ..
  • Dem Ungeduldigen läuft alles davon, aber alles kommt zu dem, der warten kann. (Hans Bemmann)
  • Komödie = Tragödie + Zeit
  • Wie wichtig wird die Entscheidung gewesen sein, wenn ich mit dem Abstand von einer Woche darauf schaue? Von einem Monat? Von einem Jahr?
  • A little preparation saves a lot of frustration, Und wenn es mit der Vorbereitung nicht geklappt hat: 5 sind geladen, 10 sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle Willkommen
  • To make a prairie it takes a clover and one bee,
    One clover, and a bee.
    And revery.
    The revery alone will do,
    If bees are few.
    (Emily Dickinson – 1830-1886)
  • Gehen und wandern hat weniger damit zu tun, sich selbst zu finden, als sich selbst hinter sich zu lassen.
  • Unser Gehirn ist entstanden, damit wir uns bewegen können. Es funktioniert am besten, wenn wir uns bewegen.
  • Denke lieber an das, was du hast, als an das, was dir fehlt. (Marcus Aurelius)
  • Versuche nicht, immer mehr zu tun. Tu das, was notwendig ist.
  • 100 weitere Tipps
  • noch mal 100 Tipps

In der April-Folge meines monatlichen Newsletters Digitale Notizen habe ich nach Tricks, Kniffen und Merksätzen gefragt, die das Leben besser oder einfacher machen. Wenn du eine Antwort hast, schreib sie mir.

In Kategorie: DVG

Fünf Dinge, die ich durch die neuen NY-Times-Kampagne über den Journalismus von morgen gelernt habe

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Ich mag den Gedanken, Digitalisierung nicht allein als technologische, sondern vor allem als kulturelle Veränderung zu verstehen. Wer so denkt, erkennt im „Wandel von der Lautsprecher zur Kopfhörer-Kultur“ nicht nur Das Ende des Durchschnitts, sondern auch eine Verschiebung zum Interesse der Nutzer:innen. Im so genannten User-Centred-Design hat dieser Gedanke eine ganze Denkschule geprägt, die publizistische Prozesse stets auf der Seite des Publikums und nicht der Publizierenden zu denken beginnt. Was diese Veränderung für Folgen hat, kann man in der aktuellen Kampagne der Tageszeitung des Medienhauses New York Times beobachten: „Independent Journalism for an independent life“ heisst die neue Werbekampagne der Agentur Droga5 für die New York Times.

Ich interessiere mich für Werbekampagnen aus vielen Gründen. Im Journalismus belegen sie meiner Ansicht nach, dass die alte Weisheit „eine gute Geschichte findet ihre Leser“ so nicht mehr stimmt. Sie legen aber vor allem offen, wie die Werbenden gesehen werden wollen, welche Botschaften sie in den Mittelpunkt stellen und welche Assoziationen sie erwecken möchten.

Im Falle der New York Times ist das auch deshalb besonders interessant, weil das Medium während der Ära-Trump deutlich auf die Idee „Truth“ als Leitmotiv gesetzt und diese Ausrichtung nun verändert hat: „Independent Journalism for an independent life“ heisst es jetzt und ich finde, man kann daraus Ableitungen für das Selbstbild der New York Times und vielleicht sogar für den Journalismus von morgen ziehen. Ich sehe jedenfalls diese fünf:

1. Leser:innen stehen im Mittelpunkt
Fünf Abonennt:innen der New York Times stehen im Mittelpunkt der neuen Kampagne. „Wir haben die Story der Clips rund um die Überschriften der Beiträge gebaut, die sie gelesen haben und der Themen, die sie interessieren“, erklärt Toby Treyer-Evans von der Agentur Droga5. „Wir wollten einfache Momente einfangen, die einen in das Leben der Leser eintauchen lassen und zeigen, wie die Times dazu beiträgt, sie auf sehr persönliche Weise zu inspirieren.“ Die Aufzählungen, die dabei entstanden sind, sind nicht nur eine schöne Beschreibung dessen, was ich hier Inspirierenden Journalismus nannte, sie erinnern mich auf erstaunliche Weise an die Lebenswert-Liste, die das jetzt-Magazin vor mehr als zwanzig Jahren druckte. Es sind aber nicht nur inspirierende Momente, sondern konkrete Inhalte aus der Times – und deren Folgen für ihre Leser:innen.

2. Unabhängiger Journalismus ist nicht nur abstrakter Wert
Wenn über Journalismus und seinen Wert für die Gesellschaft gesprochen wird, fallen oft abstrakte Begriffe, nicht selten wird gar von der vierten Gewalt im Staate gesprochen. So wie die neue New-York-Times-Kamnpagne unabhängigen Journalismus positioniert, ist er nicht entfernte Referenz in präsidialen Ansprachen, sondern konkreter Mehrwert im Leben seiner Leserinnen und Leser. Ein in den Clips zitierter Text ist z.B. der Ratschlag zur Dankbarkeit aus einer Sonntagsausgabe aus dem Jahr 2015: Choose to be grateful ist auch unabhängiger Journalismus.

3. Das Themenspektrum wird erweitert
Die Kampagne stellt Leser:innen in den Mittelpunkt – und zeigt deren Interaktion mit konkreten Inhalten der New York Times. Daran erkennt man nicht nur wie klug und inspirierend die Headlines der Times sind, man stellt auch fest: Das Themenspektrum einer politischen Tageszeitung ist sehr viel breiter als man gemeinhin annimmt. Es geht nicht nur um die tagesaktuellen News. Wie hier schon vor einem Jahr beschrieben: die New York Times definiert sich mittlerweile als viel breiteres Angebot.

4. Service und Unabhängigkeit sind kein Widerspruch – im Gegenteil
In dem früheren, engeren Bild einer klassischen politischen Tageszeitung gab es die Unterscheidung zwischen harten und weichen Themen. Diese Kampagne zeigt: die Unterscheidung ist zumindest mit Blick auf den zentralen Wert der Unabhängigkeit unbedeutsam. Auch lebensnahe Service-Themen leben von der Unabhängigkeit der New York Times, dieser Wert drückt sich also nicht nur in der tagesaktuellen politischen Kommentierung aus. Diese Botschaft der Kampagne geht sicher über deren werblichen Charakter hinaus.

5. Eine gute Zeitung erkennt man an ihren Leser:innen
Die Menschen, die sich für ein Abo der New York Times entschieden haben, werben für die Zeitung. Dieser Satz ist nicht nur die Beschreibung der Kamapagne oder eine Annäherung an die Word-of-mouth genannte Mund-zu-Mund-Propaganda des Social-Media-Zeitalters. Der Satz liefert die Zusammenfassung dessen, was man Community nennt. „Das Ziel unserer gesamten Image-Werbung ist das gleiche: die Zahl der Leser zu erhöhen, die glauben, dass der Journalismus der Times es wert ist, dafür zu bezahlen“, erklärt Laurie Howell, executive creative director bei Droga5. „Hier haben wir einen einzigartigen Weg gefunden, die Unabhängigkeit und Neugier unserer Community zu zeigen, und wie sich diese Werte in dem widerspiegeln, was sie lesen.“ Dass dabei die Leser:innen im Mittelpunkt stehen, ist im doppelten Sinn zukunftsweisend.

UPDATE: Ein Einblick der Agentur in ihre Arbeit mit/für die New York Times

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Vor einem Jahr habe ich dabei schon mal über die New York Times geschrieben. Wer sich intensiver für die zum Medienhaus gewandelte Zeitung interessiert, sollte diese Analyse von Konrad Weber lesen.

Fünf Buchstaben für einen PROFI-Newsletter (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Mehr über Newsletter sammle ist unter briefingbriefing.de

Was gefällt dir an Newslettern? Diese Frage ist mir in den vergangenen Wochen aus unterschiedlichen Gründen gestellt worden. Zum ersten natürlich von denjenigen, die sich gute Mails als Lektüre empfehlen möchten (hier ein paar Tipps), aber auch von Menschen, die überlegen, selbst als Newsletter-Autor:in aktiv zu werden (Symbolbild: Unsplash). Als Antwort für alle, die künftig nicht mehr nur privat Mails schreiben wollen, habe ich mir ein Akronym ausgedacht, das beschreibt, was gute von sehr guten Newslettern unterscheidet. Es heißt …

P R O F I

… und steht für mindestens fünf Aspekte sehr guter Newsletter, die ich im folgenden zusammenfassen möchte. Dabei handelt es sich um eine persönliche Sammlung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit und schon gar nicht auf Ausschließlichkeit erhebt. Manchmal ist auch das Gegenteil dessen richtig, was ich nun notiere. Aber recht grundsätzlich gefallen mir diejenigen Newsletter besonders gut, die diese Eigenschaften haben. Sie sind…

Persönlich

Ein Newsletter ist ein Brief mit anderen Mitteln. Darin stecken zahlreiche Grundlagen fürs digitale Produzieren (Am wichtigsten: Du musst wissen, an wen du dich wendest!), aber vor allem die Erkenntnis: Dein Newsletter landet im Posteingang, in dem auch private Post steckt. Er sollte sich also entsprechend benehmen. Ein persönlicher Ton, eine freundliche Ansprache und eine menschliche Grundhaltung bilden meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung, um im Posteingang deiner Leserinnen und Leser verbleiben zu dürfen.
Merksatz: Mit einem Newsletter betrittst du einen äußerst persönlichen Bereich deiner Leser:innen. Verhalte dich entsprechend.

Regelmäßig

Im Minutenmarathon-Newsletter habe ich unlängst über die Laufweisheit „Rituale schlagen Resultate“ geschrieben und diese Haltung gilt nicht nur fürs Lauftraining. Auch Newsletter werden besser, wenn sie erwartbar und regelmäßig erscheinen. Wie beim Laufen wird das erste Mal dabei ziemlich überschätzt. Denn die erste Folge deines Newsletters beschäftigt dich vermutlich am meisten, wird aber ziemlich sicher die wenigsten Leser:innen finden. Richtig gut wird der Newsletter erst mit den folgenden Ausgaben: Lasse sie möglichst regelmäßig, fast schon ritualisiert folgen, dann kann die Lektüre zu einer schönen Gewohnheit werden (ich lese z.B. jeden Samstag nachmittag den Laufnewsletter der New York Times).
Merksatz: Sorge für gutes Erwartungsmanagement. Sage wann was zu erwarten ist, und versuche dich daran zu halten. Je ritualisierter, umso besser.

Organisiert

Kümmere dich um Details. Die Betreffzeile ist wichtig. Die Vorschauzeile, die bei manchen Mailanbietern angezeigt wird, entscheidet nicht selten darüber, ob deine Leser:innen den Newsletter öffnen. Kümmere dich um beides. Schau dir an, wie Leser:innen ihre Freude über deinen Newsletter teilen können. Und vor allem: Sprich mit deinen Leser:innen! Ein Newsletter ist ein Brief mit anderen Mitteln, also sollte man ihn auch als Kommunikations- nicht als Verkündigungswerkzeug verstehen. Dialog ist bei Newslettern kein Beiwerk, sondern der zentrale Antrieb. Organsiere diesen Dialog – über bewusste Befragungen und vor allem über die konsequente Beantworten von Replies.
Merksatz: Je klarer ein Newsletter sich um die vermeintlichen Details kümmert, um so deutlicher wird: Hier bin ich als Leser:in erwünscht.

Fokussiert

Konzentriere dich auf das Warum? deines Newsletters. Beantworte also mit jeder Folge die Frage „Warum lesen Menschen diesen Newsletter?“ Dieser Fokus auf das Nutzungs-Versprechen des Newsletters ist ein tauglicher Maßstab um vor lauter persönlicher Ansprache und Produktions-Details den großen Rahmen nicht aus den Augen zu verlieren. Im besten Fall hast du sogar vor dem Verfassen jeder neuen Folge das in einen Satz gegossene Produktversprechen des Newsletters im Kopf.
Merksatz: Finde heraus, was Menschen von deinem Newsletter erwarten. Verhalte dich dazu – am besten positiv ;-)

Inspirierend

Kein guter Newsletter ohne neue Idee. Jeder Newsletter, den ich gerne und regelmäßig lese, zeichnet sich dadurch aus, dass er mir eine Inspiration schenkt. Einen Gedanken, einen Link oder eine Frage, die mich weiterbringt. Deshalb wünsche ich mir von Newslettern, denen ich das PROFI-Siegel verleihe, genau das: Inspiration
Merksatz: Bringe deine Leser:innen auf neue Ideen, inspiriere sie!

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Zu meinem Buch „Anleitung zum Unkreativsein“ habe ich ein Newsletter-Experiment gemacht, über das ich hier geschrieben habe.

Danke für Ihren Verstand (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Fehler haben eine zauberhafte Eigenschaft: Sie weisen uns manchmal auf Aspekte hin, die wir sonst übresehen. Wenn wir sie denn bemerken. Dass da im letzten Wort des ersten Satzes ein Buchstaben-Dreher versteckt ist, übersehen wir manchmal, weil wir sehr gut und sehr schnell darin sind, Dinge in Formen zu gießen, die bekannt, gelernt und scheinbar sinnvoll sind. Fehler können dazu beitragen, die Perspektive zu ändern. Und wer hier regelmäßig mitliest, ahnt: Ich mag Perspektiv-Wechsel.

Deshalb mochte ich auch den Fehler, den ich unlängst in der Pizzeria meines Vertrauens entdeckte. An dem Abend, an dem ich ohne Smartphone (deshalb kein Foto) hinging, um Pizza abzuholen, war nur Barzahlung möglich. Ein Schild an der Eingangstür informierte die Besucher:innen darüber – versehen mit dem Abschluss: „Danke für Ihren Verstand“ (Symbolbild: Unsplash)

Der Google-Übersetzer behauptet, dass das italienische Wort comprensione sowohl Verstand als auch Verständnis bedeuten kann. Und dennoch beschäftigte mich das Pizza-Schild fast den ganzen Monat.

Danke für Ihren Verstand

Was für ein toller Satz. Er setzt voraus, dass der oder die Andere in der Lage ist, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Aber nicht nur das. Der Satz inkludiert auch die Dankbarkeit dafür. Es ist nicht selbstverständlich, es ist nicht ohne Mühe, dies zu tun. Die Wertschätzung dafür, den Verstand zu gebrauchen, bringt der Satz auf den Punkt.

Danke für Ihren Verstand

Diesen Satz würde ich gerne all den Menschen zurufen, die trotz aller Anstrengung und Belastung, vernünftig bleiben. Nach dem Post über Impfverweigerung als Meme im November habe ich viel über diejenigen nachgedacht, die diese Vernunft nicht aufbringen wollen oder können (in Deutschlandfunk-Kultur habe ich die These genauer erläutert). Und ich habe darüber nachgedacht, wie Verstand (und vermutlich auch Verständnis) unserer Aufmerksamkeit folgt. Nur das, was wir beachten, können wir auch für bedeutsam halten.

Als am 15. Dezember in München Menschen gegen die Corona-Maßnahmen im Rahmen einer nicht genehmigten Demonstration auf die Straße gingen, bekamen sie dafür sehr viel Aufmerksamkeit. Es waren offenbar 3500 Menschen, die dort Impfverweigerung als politisches Signal deuteten. Während die 3500 da spazierten, ich habe es im Impfdashboard nachgeschaut, wurden 3500 Menschen geimpft – innerhalb von fünf Minuten. Und in den nächsten fünf Minuten wieder 3500 Menschen. Den ganzen Tag lang. 1,5 Millionen Impfdosen wurden an diesem 15. Dezember verabreicht. Ich finde diese Zahl beeindruckend – auch weil sie viel weniger Aufmerksamkeit bekam als die Demonstrierenden. Dabei müsste man doch die Impfung auch als politische Signal interpretieren, wenn die Verweigerung eines ist.

Danke für Ihren Verstand

Der Bayerische Rundfunk hat in diesem Instagram-Post die Anzahl von demonstrierenden und geboosterten Menschen in Bayern in ein anschauliches Verhältnis gesetzt. „Danke für Ihren Verstand“, heißt für mich in diesem Zusammenhang die Relation nicht aus den Augen zu verlieren. „Danke für Ihren Verstand“ bedeutet, auch die Aufmerksamkeit angemessen zu verteilen – und zwischen bedeutsam und weniger bedeutsam zu unterscheiden: „Da marschieren alternative Esoterikfans und Linke Schulter an Schulter mit Rechtsradikalen“, analysiert die Psychaterin Heidi Kastner und fährt fort: „Sie brüllen „Freiheit“ und sind so verrannt, dass sie nicht einmal eine Sekunde darüber nachdenken, was Freiheit in einem demokratischen System bedeutet.“

Kastner hat – und damit sind wir beim Gegenteil vom Verstand – ein bemerkenswertes Buch über Dummheit geschrieben und dazu einige lesenswerte Interviews gegeben (hier in der SZ, hier in Die Zeit). Im Gespräch mit dem Standard definiert sie Dummheit so: „Dumm meint, ignorant zu sein, unglaublich selbstsicher oder nur „bei sich“ zu sein, wie es so schön heißt heutzutage, es bedeutet das Ausblenden von Verantwortungen, dass man keine Informationen vor Entscheidungsfindungen einholt, selbstzentriert und selbstherrlich zu sein, kein Gefühl dafür zu haben, dass man als Teil eines Ganzen auf der Welt ist und das Ganze mitbedenken muss, wenn man Entscheidungen trifft.

Danke für Ihren Verstand heißt in diesem Sinn also auch, nicht nur „ganz bei sich“ zu sein, sondern Verantwortung zu übernehmen, die soziale Interaktion einzubeziehen, vielleicht sogar solidarisch zu sein. Im SZ-Gespräch sagt Kastner: „Dumme Menschen verstehen sich nicht als Teil eines Gefüges, für sie kommen immer nur die eigenen Belange an erster Stelle.“

Ein wichtiger Schutz vor Dummheit ist nach Kastners Analyse die (Selbst-)Reflektion und die Fähigkeit zur Entpörung. Als Teil der Persönlichkeitsentwicklung solle man sich die Fähigkeit aneigenen, Emotionen zu definieren, zu hinterfragen und auch zu kontrollieren. Was passiert, wenn die eigenen Emotionen alles überlagern, konnte man zu Beginn des Jahres am Beispiel von Elizabeth aus Knoxville sehen, die ständig ungerecht behandelt wurde – sogar als sie das Kapitol stürmen wollte.

Sich selbst kontinuierlich als Opfer der Umstände zu sehen, das ständig ungerecht behandelt wird, ist kein Ausdruck ausgeprägter Selbstreflektion. Wer sein Handeln einzig auf das Ungerecht!-Gefühl begründet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, im Sinne Kastners dumm zu handeln.

Wenn es dann zu einer Radikalisierung kommt, hilft vermutlich auch kein Appell an den Verstand, so fasst Heidi Kastner am Ende des Standard-Gesprächs zusammen. Denn Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben und für diese auf die Straße gehen, „wollen ja nicht Fakten abgleichen, sondern recht haben“, sagt die Psychaterin. „Da braucht man nicht diskutieren, das ist sinnlos.“

Auch warnt sie davor, ein falsche Form der Toleranz denjenigen gegenüber zu üben, die sich auf diese Weise radikalisieren: „Dummheit ist aber auch eine völlig fehlverstandene Toleranz, die meint, man müsse alles gelten lassen. Das muss man nicht. Man muss auch nicht jede Meinung wertschätzen. Alles verstehen bedeutet bekanntlich, alles zu verzeihen – was W. S. Maugham als Mentalität des Teufels bezeichnet hat. Man muss sich positionieren und überlegen, warum man sich positioniert. Es reicht nicht zu sagen, dass das viele andere auch machen.“

Danke für Ihren Verstand!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Impfverweigerung als Identität – fünf Muster memetische Politik

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

In dieser Folge beschreibe ich Kommunikationsmuster hinter dem Prinzip der Impfverweigerung. Inhaltlich bin ich fürs Impfen (hier die wichtigsten Gründe zum Nachlesen) und halte auch nichts davon, emotionale Ablehnung und wissenschaftlichen Studien in der öffentlichen Debatte gleichberechtigt vorzustellen (False Balance). Der folgende Text ist keine Einladung zur Debatte über den Sinn der Impfung, sondern der Versuch, memetische Muster, die seit Jahren im Netz bekannt sind, auch in Diskursen außerhalb des Netzes zu beschreiben – und damit vielleicht eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb der Versuch einer sachlichen Auseinandersetzung über das Impfen so oft misslingt.

Ich mag das Internet und schätze die Kultur, die es hervorgebracht und befördert hat. Über Meme habe ich sogar ein ganzes Buch geschrieben – als Fan. Ich sehe aber auch, dass die memetischen Muster nicht nur auf schöne Weise die öffentliche Debatte und unser Bild von Öffentlichkeit verändern. Ich glaube, dass u.a. in ihnen begründet ist, warum manche Menschen das Gefühl haben, in einer polarisierten Gesellschaft zu leben. Die Mechanik, die Memes befördert hat, greift in immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens ein. Dabei geht es nicht nur im die Inhaltsebene, die häufig mit kleinen Internetwitzchen verbunden wird. Meme bestimmen auch auf der formalen Ebene Öffentlichkeit und Politik, was Limor Shifman in der These bündelte, „dass wir in einer Zeit leben, die von einer hypermemetischen Logik befeuert wird.“

Prinzipien dieser memetischen Muster sind seit Jahren bekannt und häufig mit Blick auf die Verbreitung von netzkulturellen Phänomenen beschrieben worden. Wie aber wäre es, wenn wir mit Hilfe dieser memetischen Muster zu beschreiben versuchen, warum ein relevanter Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung es ablehnt, sich impfen zu lassen? Wie wäre es, wenn wir Impfverweigerung als Meme denken? (Damit meine ich übrigens nicht Memes, die von Impfverweiger:innen genutzt werden, dazu steht hier am Beispiel der US-amerikanischen Szene einiges)

Mit Hilfe dieser Perspektive lässt sich auch erklären, warum „mehr sachliche Information übers Impfen“ nicht zu einer sachlicheren Debatte führt, sondern (siehe Punkt 5. unten) eher wie Öl im Feuer der Auseinandersetzung wirkt. Aus einer Meme-Perspektive sind Argumente fürs Impfen dann mit Versuchen vergleichbar, Hide the Pain Harold sachlich als Stockfoto-Modell zu beschreiben. Das mag vielleicht inhaltlich stimmen, als Anhänger des Harold-Memes will ich das aber natürlich nicht hören.

Um Impfverweigerung als Meme zu denken, konzenteriere ich mich deshalb auf die formalen Verbreitungsmechanismen und lasse die inhaltlichen Argumente der Debatte außen vor. Denn die Analysen, die ich dazu gelesen und gehört habe (hier z.B. ein Interview im WDR5-Morgenecho mit einem schon erschöpften Moderator), stoßen oft an den Punkt, an dem Wissenschaftlerinnen und Forscher davon sprechen, dass inhaltliche Argumente gar nicht mehr wahrgenommen werden. Diese hörenswerte Analyse des Soziologen Oliver Nachtwey im Deutschlandfunk ist beispielsweise mit den Worten überschrieben: „Mit sachlicher Aufklärung sind viele nicht zu erreichen.“

Wenn man Impfverweigerung als Meme denkt, geht es auch gar nicht um sachliche Argumente, es geht um einen (gar nicht lustigen) running gag, der Identität schafft. Wie beim Schibboleth ist das Ablehnen der Impfung in erster Linie ein Distinktionsmerkmal, um sich von „den anderen“ abzugrenzen, die einfach nicht verstehen, worum es geht. Egal, ob es dabei um die Lols (eher klassische Memes) oder die Wahrheit (Verschwörungs-Memes) geht: Es ist eine deutliche Trennung zwischen „Ich gegen die anderen“ erkennbar – und diese identitätsstifte Flamme kann man weiterreichen (Symbolbild: Unsplash). „We should look at rumors as an eco-system, not unlike a microbiome“, rät die englische Medizinerin Heidi Larson, die 2020 das Buch „Stuck: How Vaccine Rumors Start—and Why They Don’t Go Away“ veröffentlicht hat. Daran erkennt man – wie an dieser historischen Einordnung zur Pockenimpfung in Bayern – dass vieles an der aktuellen Impfverweigerung nicht neu ist. Neu ist aber ein Teil des Ökosystems – und zwar jener, der auf memetische Muster setzt.

Vielleicht muss man hier ansetzen um zu verstehen, wie Impfverweigerung als Meme funktioniert. Es gibt jedenfalls deutliche Zeichen, dass diese fünf Muster in der Impfverweigerungs-Debatte verfestigende Wirkung haben:

1. Individualisierung mit Ikea-Effekt

Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Massenkultur. Im 21. Jahrhundert verliert der Durchschnitt als dominantes Prinzip an Macht. Wir haben diese Form der Personalisierung häufig als Emanzipation des/der Einzelnen gelesen. Man muss aber auch festhalten: in einem Zeitalter der massenhaften Nischen ist es viel aufwändiger als in einer Durchschnittskultur, eine eigene Rolle, eine passende Subkultur und Idee von sich selbst zu finden. Dieser Aufwand wird noch unterstützt von der Annahme, das Private sei politisch, die persönliche Entscheidung über Pop- oder Konsumpräferenzen habe also nicht nur Einfluss auf die eigene Rolle, sondern auch auf die Politik.
Wer also einmal eine Idee von sich selbst gefunden hat, fühlt sich dieser heute vermutlich anders verbunden als Menschen dies taten, die sich an den größten Hits im Radio orientierten. Die Rollen, die der Durchschnitt anbot, waren bequemer und viel leichter zu erreichen als die hoch individualisierten Codes und Bezugssysteme der Gegenwart. Letztere sind wegen des so genannten Ikea-Effekts aber auch viel haltbarer. Denn was man sich mit viel Mühe aufgebaut hat, hält man gemeinhin für wertvoller und trennt sich nicht so gerne davon. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erklärt das im Spiegel-Interview so: „Wir wissen aus der Forschung, dass der Verschwörungsglaube mit einem starken Bedürfnis nach Einzigartigkeit einhergeht. Man will sich besonders fühlen, aus der Masse hervorstechen – da ist keine Maske tragen ein relativ einfaches Mittel, weil man meint, man sei offenbar im Widerstand.“

In diesem Ökosystem entsteht Impfverweigerung als Meme. Das Soziale wird hier nicht als Solidarsystem gedacht, sondern als Masse oder Reichweite. Bestimmender Faktor ist hier einzig das Individuum und dessen Entscheidung. Dass das zumindest zu kurz gedacht ist, kann man bei Heidi Kastner nachlesen, die gerade ein Buch über Dummheit geschrieben hat. Sie sagt: „Das zentrale Merkmal von dummen Leuten ist, dass sie ausschließlich die eigene Position priorisieren und alles andere ignorieren. Das sieht man auch in dieser ganzen Corona-Pandemie, wo die Leute sagen: ,Ich bleibe ganz bei mir.'“

2. Du kannst nur dir selbst trauen

Wer in Memes mehr sieht als Internetquatsch, erkennt schnell: mit Hilfe von Memes wird die eigene Rolle ausgehandelt. Impfverweigerung als Meme zu denken, heißt demnach auch: dieses Meme hilft, die eigene Rolle in einer komplexen, häufig beängstigenden Gegenwart zu finden. Auf dem Fundament des ,ich bleibe ganz bei mir‘ entstehen Distinktionsprozesse, die als unausgesprochene Übereinkunft des Innen funktionieren. Was man zum Beispiel daran erkennt, dass Menschen auf Querdenken-Demos sehr schnell benennen können, dass Kamerateams von der „Lügenpresse“ kommen, aber nicht die Frage beantworten, worin denn die Lüge besteht („Fragen Sie sich das mal selbst“).

Durch die immer gleiche Verwendung von Schlagworten und Codes wird das Innen definiert, die Abgrenzung greift aber erst dann richtig, wenn auch das Außen abgelehnt wird. Im Falle des Impfverweigerungs-Meme geht es dabei darum, das System als ganzes zu destabilisieren. Allein die Idee einer Systemveränderung (Neue Weltordnung) zeigt sehr deutlich: Es geht darum, alles anzuzweifeln, was als Bestandteil „des Systems“ gelesen werden kann. Die Grundmelodie der Impfverweigerung lautet deshalb: Man kann niemanden trauen. Die Eliten, die Lobby, die Politik – stets gibt es ein unspezifisches Feindbild, das Böses im Schilde führt; und nur diejenigen, die das Meme verstehen, haben Zugang zu dieser Erkenntnis. Bessere Abgrenzungsmechanismen sind kaum denkbar. Im Spiegel sagt Pia Lamberty: „Der Glaube an Verschwörung ist eine Art Vorurteil gegenüber all denen, die man als mächtig wahrnimmt. Das können Menschen sein, die wirklich mächtig sind, Politikerinnen und Politiker zum Beispiel. Es können aber auch Menschen sein, deren Macht überschätzt oder erst konstruiert wird. All denen begegnet man mit Misstrauen, mit Ablehnung, mit Feindseligkeit.“

Man muss dabei aber bedenken: Ohne „die Anderen“ greifen diese Muster nur schlecht. Der Widerspruch gegen das Weigerungsmeme ist also nicht nur eingepreist, sondern zwingend notwendig, um das Ich im Gegensatz zu den anderen zu definieren. Innerhalb der Gruppe, die sich über die Codes des Memes erkennt, gibt es fortan an nur noch eine vertrauenswürdige Kategorie kennt: die personalisierte Anektdote.

3. Eine persönliche Anektdote sticht jede wissenschaftliche Erhebung

Wissenschaft ist keine Privatsache. Wissenschaft braucht einen organisierten Rahmen, sie ist also per Definition Bestandteil dessen, was Impfverweigerung als „das System“ wahrnimmt. Das verbindende Element des Impfverweigerungs-Meme ist aber die Ablehnung, ja die Destabilisierung dieses Systems. Aus der Wissenschaft kann in dieser Logik also niemals eine glaubwürdige Erkenntnis kommen. Alle sachlichen Argumente müssen deshalb scheitern, weil sie ja aus dem System geboren werden. Um dieses Bild auch dann halten zu können, wenn die bloße Anzahl (sieben Milliarden Impfdosen sind bereits verimpft) oder statistische Erhebungen dagegen sprechen, greift das unter 1. skizzierte Individualisierungs-Prinzip: Ich bleibe ganz bei mir – und bei Menschen, die auch bei sich bleiben.

Die personalisierten Anekdoten werden so zu hochgereckten Feuerzeugen auf einem Live-Konzert. Mit diesem Bild habe ich das Teilhabe-Prinzip von klassischen Memes zu beschreiben versucht. Im Falle der Impfverweigerung ist jede neuerliche Individual-Anekdoten wichtiger Sauerstoff, um die Flamme auf Brennen zu halten. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob es die Schwiegermutter oder den Onkel der Nachbarin einer Arbeitskollegin wirklich gibt, wenn er nur belegt, was man mit so viel Aufwand glaubt. „Denen geht es doch genau wie mir. Und wir werden immer mehr“, ist halt viel anziehender als eine komplizierte Abwägung von Pro- und Contra-Argumenten.

4. Dark Pattern sorgen für Verbreitung

Bei klassischen Memes griff irgendwann das Clickbait-Prinzip der viralen Verbreitung, um sie bekannter zu machen. Bei der Impfverweigerungs-Erzählung gibt es diesen Mechanismus auch. Er scheint mir nur noch mehr über Dark-Social-Kanäle zu laufen – und dabei Muster zu nutzen, die man als Erweiterung von „Dark Pattern“ beschreiben kann. Besonders beliebt ist dabei die Annahme, jemand anderer (die Elite, die Lobby, die Politik) wolle nicht, dass man etwas erfährt. Nahezu alle persönlichen Anekdoten sind BTS-Erzählungen (Behind the scences), die gegen den erklärten Willen offizieller Stellen verbreitet werden. Die Sprachnachricht, die die Mama vom Poldi im Frühjahr 2020 verbreitete, erfüllte zahlreiche dieser Kriterien und wurde deshalb auch ausgiebig geteilt.

5. Es geht nicht um Meinungen, sondern um Identität

In meinem Meme-Buch greife ich auf die Definition von Limor Shifmann zurück, die Meme als „kreative Ausdrucksformen mit vielen Beteiligten“ beschreibt, „durch die kulturelle und politische Identitäten kommuniziert und verhandelt werden.“ Dieser Identitätsaspekt spielt vermutlich die wichtigste Rolle, um Impfverweigerung als Meme zu verstehen. Es geht hier nicht um eine Meinung zu einem Thema, es geht hier auch nicht um einen Wettstreit von Ideen oder um eine wissenschaftliche Debatte. Es geht hier um Identität.

Aufgrund der unter 1.-4. beschriebenen Prozesse ist die Impfverweigerung zu einem zentralen Bestandteil der eigenen Person geworden (was inhaltlich durch absonderliche Unfruchtbarkeits-Gerüchte noch stimuliert wird) und damit geht es nicht mehr um das Finden von Kompromissen oder um gesellschaftliche Debatte. Es geht die Verteidigung der eigenen Identität, die nicht Bestandteil eines Kompromisses sein kann, sondern immer absolut verteidigt werden muss – gegen die anderen.

Und wenn diese anderen widersprechen, bestätigen sie die eigene Identität noch. So wie Fans der einen Mannschaft, die gegenerischen Fans brauchen, um ihre eigene Rolle zu definieren, so brauchen auch memetische Kommunikationsmuster den Widerspruch. Beim Fußball heißt das dann zum Beispiel: „Euer Hass ist unser Stolz“ – was umgekehrt bedeutet: Ohne Hass auch kein Stolz mehr.

Withney Phillips hat dies an der Berichterstattung über Hasskampagnen nachgewiesen. In diesem Interview erklärt sie: „Hasskampagnen richten den größten Schaden an, wenn sie von Journalisten verstärkt werden. Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Die Parallele zu medialen Berichten zu ziehen, die Ansichten der Impfverweigerung wiederholen, verächtlich machen oder einordnen wollen, ist erkennbar.

Welche Schlüsse man daraus ziehen kann? Ich bin mir unsicher. Eher sicher bin ich mir aber, dass es sich lohnt, auf die memetischen Muster der Kommunikation zu schauen, um deren inhaltliches Scheitern zu verstehen.

Dieser Text stammt aus meinem Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Meme gibt es in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“.

Im Januar spreche ich auf Einladung von Martin Fehrensen in einer Lecture beim Social-Media-Watchblog zum Thema „Politik als Meme“.