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Danke für Ihren Verstand (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Fehler haben eine zauberhafte Eigenschaft: Sie weisen uns manchmal auf Aspekte hin, die wir sonst übresehen. Wenn wir sie denn bemerken. Dass da im letzten Wort des ersten Satzes ein Buchstaben-Dreher versteckt ist, übersehen wir manchmal, weil wir sehr gut und sehr schnell darin sind, Dinge in Formen zu gießen, die bekannt, gelernt und scheinbar sinnvoll sind. Fehler können dazu beitragen, die Perspektive zu ändern. Und wer hier regelmäßig mitliest, ahnt: Ich mag Perspektiv-Wechsel.

Deshalb mochte ich auch den Fehler, den ich unlängst in der Pizzeria meines Vertrauens entdeckte. An dem Abend, an dem ich ohne Smartphone (deshalb kein Foto) hinging, um Pizza abzuholen, war nur Barzahlung möglich. Ein Schild an der Eingangstür informierte die Besucher:innen darüber – versehen mit dem Abschluss: „Danke für Ihren Verstand“ (Symbolbild: Unsplash)

Der Google-Übersetzer behauptet, dass das italienische Wort comprensione sowohl Verstand als auch Verständnis bedeuten kann. Und dennoch beschäftigte mich das Pizza-Schild fast den ganzen Monat.

Danke für Ihren Verstand

Was für ein toller Satz. Er setzt voraus, dass der oder die Andere in der Lage ist, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Aber nicht nur das. Der Satz inkludiert auch die Dankbarkeit dafür. Es ist nicht selbstverständlich, es ist nicht ohne Mühe, dies zu tun. Die Wertschätzung dafür, den Verstand zu gebrauchen, bringt der Satz auf den Punkt.

Danke für Ihren Verstand

Diesen Satz würde ich gerne all den Menschen zurufen, die trotz aller Anstrengung und Belastung, vernünftig bleiben. Nach dem Post über Impfverweigerung als Meme im November habe ich viel über diejenigen nachgedacht, die diese Vernunft nicht aufbringen wollen oder können (in Deutschlandfunk-Kultur habe ich die These genauer erläutert). Und ich habe darüber nachgedacht, wie Verstand (und vermutlich auch Verständnis) unserer Aufmerksamkeit folgt. Nur das, was wir beachten, können wir auch für bedeutsam halten.

Als am 15. Dezember in München Menschen gegen die Corona-Maßnahmen im Rahmen einer nicht genehmigten Demonstration auf die Straße gingen, bekamen sie dafür sehr viel Aufmerksamkeit. Es waren offenbar 3500 Menschen, die dort Impfverweigerung als politisches Signal deuteten. Während die 3500 da spazierten, ich habe es im Impfdashboard nachgeschaut, wurden 3500 Menschen geimpft – innerhalb von fünf Minuten. Und in den nächsten fünf Minuten wieder 3500 Menschen. Den ganzen Tag lang. 1,5 Millionen Impfdosen wurden an diesem 15. Dezember verabreicht. Ich finde diese Zahl beeindruckend – auch weil sie viel weniger Aufmerksamkeit bekam als die Demonstrierenden. Dabei müsste man doch die Impfung auch als politische Signal interpretieren, wenn die Verweigerung eines ist.

Danke für Ihren Verstand

Der Bayerische Rundfunk hat in diesem Instagram-Post die Anzahl von demonstrierenden und geboosterten Menschen in Bayern in ein anschauliches Verhältnis gesetzt. „Danke für Ihren Verstand“, heißt für mich in diesem Zusammenhang die Relation nicht aus den Augen zu verlieren. „Danke für Ihren Verstand“ bedeutet, auch die Aufmerksamkeit angemessen zu verteilen – und zwischen bedeutsam und weniger bedeutsam zu unterscheiden: „Da marschieren alternative Esoterikfans und Linke Schulter an Schulter mit Rechtsradikalen“, analysiert die Psychaterin Heidi Kastner und fährt fort: „Sie brüllen „Freiheit“ und sind so verrannt, dass sie nicht einmal eine Sekunde darüber nachdenken, was Freiheit in einem demokratischen System bedeutet.“

Kastner hat – und damit sind wir beim Gegenteil vom Verstand – ein bemerkenswertes Buch über Dummheit geschrieben und dazu einige lesenswerte Interviews gegeben (hier in der SZ, hier in Die Zeit). Im Gespräch mit dem Standard definiert sie Dummheit so: „Dumm meint, ignorant zu sein, unglaublich selbstsicher oder nur „bei sich“ zu sein, wie es so schön heißt heutzutage, es bedeutet das Ausblenden von Verantwortungen, dass man keine Informationen vor Entscheidungsfindungen einholt, selbstzentriert und selbstherrlich zu sein, kein Gefühl dafür zu haben, dass man als Teil eines Ganzen auf der Welt ist und das Ganze mitbedenken muss, wenn man Entscheidungen trifft.

Danke für Ihren Verstand heißt in diesem Sinn also auch, nicht nur „ganz bei sich“ zu sein, sondern Verantwortung zu übernehmen, die soziale Interaktion einzubeziehen, vielleicht sogar solidarisch zu sein. Im SZ-Gespräch sagt Kastner: „Dumme Menschen verstehen sich nicht als Teil eines Gefüges, für sie kommen immer nur die eigenen Belange an erster Stelle.“

Ein wichtiger Schutz vor Dummheit ist nach Kastners Analyse die (Selbst-)Reflektion und die Fähigkeit zur Entpörung. Als Teil der Persönlichkeitsentwicklung solle man sich die Fähigkeit aneigenen, Emotionen zu definieren, zu hinterfragen und auch zu kontrollieren. Was passiert, wenn die eigenen Emotionen alles überlagern, konnte man zu Beginn des Jahres am Beispiel von Elizabeth aus Knoxville sehen, die ständig ungerecht behandelt wurde – sogar als sie das Kapitol stürmen wollte.

Sich selbst kontinuierlich als Opfer der Umstände zu sehen, das ständig ungerecht behandelt wird, ist kein Ausdruck ausgeprägter Selbstreflektion. Wer sein Handeln einzig auf das Ungerecht!-Gefühl begründet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, im Sinne Kastners dumm zu handeln.

Wenn es dann zu einer Radikalisierung kommt, hilft vermutlich auch kein Appell an den Verstand, so fasst Heidi Kastner am Ende des Standard-Gesprächs zusammen. Denn Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben und für diese auf die Straße gehen, „wollen ja nicht Fakten abgleichen, sondern recht haben“, sagt die Psychaterin. „Da braucht man nicht diskutieren, das ist sinnlos.“

Auch warnt sie davor, ein falsche Form der Toleranz denjenigen gegenüber zu üben, die sich auf diese Weise radikalisieren: „Dummheit ist aber auch eine völlig fehlverstandene Toleranz, die meint, man müsse alles gelten lassen. Das muss man nicht. Man muss auch nicht jede Meinung wertschätzen. Alles verstehen bedeutet bekanntlich, alles zu verzeihen – was W. S. Maugham als Mentalität des Teufels bezeichnet hat. Man muss sich positionieren und überlegen, warum man sich positioniert. Es reicht nicht zu sagen, dass das viele andere auch machen.“

Danke für Ihren Verstand!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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Impfverweigerung als Identität – fünf Muster memetische Politik

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

In dieser Folge beschreibe ich Kommunikationsmuster hinter dem Prinzip der Impfverweigerung. Inhaltlich bin ich fürs Impfen (hier die wichtigsten Gründe zum Nachlesen) und halte auch nichts davon, emotionale Ablehnung und wissenschaftlichen Studien in der öffentlichen Debatte gleichberechtigt vorzustellen (False Balance). Der folgende Text ist keine Einladung zur Debatte über den Sinn der Impfung, sondern der Versuch, memetische Muster, die seit Jahren im Netz bekannt sind, auch in Diskursen außerhalb des Netzes zu beschreiben – und damit vielleicht eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb der Versuch einer sachlichen Auseinandersetzung über das Impfen so oft misslingt.

Ich mag das Internet und schätze die Kultur, die es hervorgebracht und befördert hat. Über Meme habe ich sogar ein ganzes Buch geschrieben – als Fan. Ich sehe aber auch, dass die memetischen Muster nicht nur auf schöne Weise die öffentliche Debatte und unser Bild von Öffentlichkeit verändern. Ich glaube, dass u.a. in ihnen begründet ist, warum manche Menschen das Gefühl haben, in einer polarisierten Gesellschaft zu leben. Die Mechanik, die Memes befördert hat, greift in immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens ein. Dabei geht es nicht nur im die Inhaltsebene, die häufig mit kleinen Internetwitzchen verbunden wird. Meme bestimmen auch auf der formalen Ebene Öffentlichkeit und Politik, was Limor Shifman in der These bündelte, „dass wir in einer Zeit leben, die von einer hypermemetischen Logik befeuert wird.“

Prinzipien dieser memetischen Muster sind seit Jahren bekannt und häufig mit Blick auf die Verbreitung von netzkulturellen Phänomenen beschrieben worden. Wie aber wäre es, wenn wir mit Hilfe dieser memetischen Muster zu beschreiben versuchen, warum ein relevanter Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung es ablehnt, sich impfen zu lassen? Wie wäre es, wenn wir Impfverweigerung als Meme denken? (Damit meine ich übrigens nicht Memes, die von Impfverweiger:innen genutzt werden, dazu steht hier am Beispiel der US-amerikanischen Szene einiges)

Mit Hilfe dieser Perspektive lässt sich auch erklären, warum „mehr sachliche Information übers Impfen“ nicht zu einer sachlicheren Debatte führt, sondern (siehe Punkt 5. unten) eher wie Öl im Feuer der Auseinandersetzung wirkt. Aus einer Meme-Perspektive sind Argumente fürs Impfen dann mit Versuchen vergleichbar, Hide the Pain Harold sachlich als Stockfoto-Modell zu beschreiben. Das mag vielleicht inhaltlich stimmen, als Anhänger des Harold-Memes will ich das aber natürlich nicht hören.

Um Impfverweigerung als Meme zu denken, konzenteriere ich mich deshalb auf die formalen Verbreitungsmechanismen und lasse die inhaltlichen Argumente der Debatte außen vor. Denn die Analysen, die ich dazu gelesen und gehört habe (hier z.B. ein Interview im WDR5-Morgenecho mit einem schon erschöpften Moderator), stoßen oft an den Punkt, an dem Wissenschaftlerinnen und Forscher davon sprechen, dass inhaltliche Argumente gar nicht mehr wahrgenommen werden. Diese hörenswerte Analyse des Soziologen Oliver Nachtwey im Deutschlandfunk ist beispielsweise mit den Worten überschrieben: „Mit sachlicher Aufklärung sind viele nicht zu erreichen.“

Wenn man Impfverweigerung als Meme denkt, geht es auch gar nicht um sachliche Argumente, es geht um einen (gar nicht lustigen) running gag, der Identität schafft. Wie beim Schibboleth ist das Ablehnen der Impfung in erster Linie ein Distinktionsmerkmal, um sich von „den anderen“ abzugrenzen, die einfach nicht verstehen, worum es geht. Egal, ob es dabei um die Lols (eher klassische Memes) oder die Wahrheit (Verschwörungs-Memes) geht: Es ist eine deutliche Trennung zwischen „Ich gegen die anderen“ erkennbar – und diese identitätsstifte Flamme kann man weiterreichen (Symbolbild: Unsplash). „We should look at rumors as an eco-system, not unlike a microbiome“, rät die englische Medizinerin Heidi Larson, die 2020 das Buch „Stuck: How Vaccine Rumors Start—and Why They Don’t Go Away“ veröffentlicht hat. Daran erkennt man – wie an dieser historischen Einordnung zur Pockenimpfung in Bayern – dass vieles an der aktuellen Impfverweigerung nicht neu ist. Neu ist aber ein Teil des Ökosystems – und zwar jener, der auf memetische Muster setzt.

Vielleicht muss man hier ansetzen um zu verstehen, wie Impfverweigerung als Meme funktioniert. Es gibt jedenfalls deutliche Zeichen, dass diese fünf Muster in der Impfverweigerungs-Debatte verfestigende Wirkung haben:

1. Individualisierung mit Ikea-Effekt

Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Massenkultur. Im 21. Jahrhundert verliert der Durchschnitt als dominantes Prinzip an Macht. Wir haben diese Form der Personalisierung häufig als Emanzipation des/der Einzelnen gelesen. Man muss aber auch festhalten: in einem Zeitalter der massenhaften Nischen ist es viel aufwändiger als in einer Durchschnittskultur, eine eigene Rolle, eine passende Subkultur und Idee von sich selbst zu finden. Dieser Aufwand wird noch unterstützt von der Annahme, das Private sei politisch, die persönliche Entscheidung über Pop- oder Konsumpräferenzen habe also nicht nur Einfluss auf die eigene Rolle, sondern auch auf die Politik.
Wer also einmal eine Idee von sich selbst gefunden hat, fühlt sich dieser heute vermutlich anders verbunden als Menschen dies taten, die sich an den größten Hits im Radio orientierten. Die Rollen, die der Durchschnitt anbot, waren bequemer und viel leichter zu erreichen als die hoch individualisierten Codes und Bezugssysteme der Gegenwart. Letztere sind wegen des so genannten Ikea-Effekts aber auch viel haltbarer. Denn was man sich mit viel Mühe aufgebaut hat, hält man gemeinhin für wertvoller und trennt sich nicht so gerne davon. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erklärt das im Spiegel-Interview so: „Wir wissen aus der Forschung, dass der Verschwörungsglaube mit einem starken Bedürfnis nach Einzigartigkeit einhergeht. Man will sich besonders fühlen, aus der Masse hervorstechen – da ist keine Maske tragen ein relativ einfaches Mittel, weil man meint, man sei offenbar im Widerstand.“

In diesem Ökosystem entsteht Impfverweigerung als Meme. Das Soziale wird hier nicht als Solidarsystem gedacht, sondern als Masse oder Reichweite. Bestimmender Faktor ist hier einzig das Individuum und dessen Entscheidung. Dass das zumindest zu kurz gedacht ist, kann man bei Heidi Kastner nachlesen, die gerade ein Buch über Dummheit geschrieben hat. Sie sagt: „Das zentrale Merkmal von dummen Leuten ist, dass sie ausschließlich die eigene Position priorisieren und alles andere ignorieren. Das sieht man auch in dieser ganzen Corona-Pandemie, wo die Leute sagen: ,Ich bleibe ganz bei mir.'“

2. Du kannst nur dir selbst trauen

Wer in Memes mehr sieht als Internetquatsch, erkennt schnell: mit Hilfe von Memes wird die eigene Rolle ausgehandelt. Impfverweigerung als Meme zu denken, heißt demnach auch: dieses Meme hilft, die eigene Rolle in einer komplexen, häufig beängstigenden Gegenwart zu finden. Auf dem Fundament des ,ich bleibe ganz bei mir‘ entstehen Distinktionsprozesse, die als unausgesprochene Übereinkunft des Innen funktionieren. Was man zum Beispiel daran erkennt, dass Menschen auf Querdenken-Demos sehr schnell benennen können, dass Kamerateams von der „Lügenpresse“ kommen, aber nicht die Frage beantworten, worin denn die Lüge besteht („Fragen Sie sich das mal selbst“).

Durch die immer gleiche Verwendung von Schlagworten und Codes wird das Innen definiert, die Abgrenzung greift aber erst dann richtig, wenn auch das Außen abgelehnt wird. Im Falle des Impfverweigerungs-Meme geht es dabei darum, das System als ganzes zu destabilisieren. Allein die Idee einer Systemveränderung (Neue Weltordnung) zeigt sehr deutlich: Es geht darum, alles anzuzweifeln, was als Bestandteil „des Systems“ gelesen werden kann. Die Grundmelodie der Impfverweigerung lautet deshalb: Man kann niemanden trauen. Die Eliten, die Lobby, die Politik – stets gibt es ein unspezifisches Feindbild, das Böses im Schilde führt; und nur diejenigen, die das Meme verstehen, haben Zugang zu dieser Erkenntnis. Bessere Abgrenzungsmechanismen sind kaum denkbar. Im Spiegel sagt Pia Lamberty: „Der Glaube an Verschwörung ist eine Art Vorurteil gegenüber all denen, die man als mächtig wahrnimmt. Das können Menschen sein, die wirklich mächtig sind, Politikerinnen und Politiker zum Beispiel. Es können aber auch Menschen sein, deren Macht überschätzt oder erst konstruiert wird. All denen begegnet man mit Misstrauen, mit Ablehnung, mit Feindseligkeit.“

Man muss dabei aber bedenken: Ohne „die Anderen“ greifen diese Muster nur schlecht. Der Widerspruch gegen das Weigerungsmeme ist also nicht nur eingepreist, sondern zwingend notwendig, um das Ich im Gegensatz zu den anderen zu definieren. Innerhalb der Gruppe, die sich über die Codes des Memes erkennt, gibt es fortan an nur noch eine vertrauenswürdige Kategorie kennt: die personalisierte Anektdote.

3. Eine persönliche Anektdote sticht jede wissenschaftliche Erhebung

Wissenschaft ist keine Privatsache. Wissenschaft braucht einen organisierten Rahmen, sie ist also per Definition Bestandteil dessen, was Impfverweigerung als „das System“ wahrnimmt. Das verbindende Element des Impfverweigerungs-Meme ist aber die Ablehnung, ja die Destabilisierung dieses Systems. Aus der Wissenschaft kann in dieser Logik also niemals eine glaubwürdige Erkenntnis kommen. Alle sachlichen Argumente müssen deshalb scheitern, weil sie ja aus dem System geboren werden. Um dieses Bild auch dann halten zu können, wenn die bloße Anzahl (sieben Milliarden Impfdosen sind bereits verimpft) oder statistische Erhebungen dagegen sprechen, greift das unter 1. skizzierte Individualisierungs-Prinzip: Ich bleibe ganz bei mir – und bei Menschen, die auch bei sich bleiben.

Die personalisierten Anekdoten werden so zu hochgereckten Feuerzeugen auf einem Live-Konzert. Mit diesem Bild habe ich das Teilhabe-Prinzip von klassischen Memes zu beschreiben versucht. Im Falle der Impfverweigerung ist jede neuerliche Individual-Anekdoten wichtiger Sauerstoff, um die Flamme auf Brennen zu halten. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob es die Schwiegermutter oder den Onkel der Nachbarin einer Arbeitskollegin wirklich gibt, wenn er nur belegt, was man mit so viel Aufwand glaubt. „Denen geht es doch genau wie mir. Und wir werden immer mehr“, ist halt viel anziehender als eine komplizierte Abwägung von Pro- und Contra-Argumenten.

4. Dark Pattern sorgen für Verbreitung

Bei klassischen Memes griff irgendwann das Clickbait-Prinzip der viralen Verbreitung, um sie bekannter zu machen. Bei der Impfverweigerungs-Erzählung gibt es diesen Mechanismus auch. Er scheint mir nur noch mehr über Dark-Social-Kanäle zu laufen – und dabei Muster zu nutzen, die man als Erweiterung von „Dark Pattern“ beschreiben kann. Besonders beliebt ist dabei die Annahme, jemand anderer (die Elite, die Lobby, die Politik) wolle nicht, dass man etwas erfährt. Nahezu alle persönlichen Anekdoten sind BTS-Erzählungen (Behind the scences), die gegen den erklärten Willen offizieller Stellen verbreitet werden. Die Sprachnachricht, die die Mama vom Poldi im Frühjahr 2020 verbreitete, erfüllte zahlreiche dieser Kriterien und wurde deshalb auch ausgiebig geteilt.

5. Es geht nicht um Meinungen, sondern um Identität

In meinem Meme-Buch greife ich auf die Definition von Limor Shifmann zurück, die Meme als „kreative Ausdrucksformen mit vielen Beteiligten“ beschreibt, „durch die kulturelle und politische Identitäten kommuniziert und verhandelt werden.“ Dieser Identitätsaspekt spielt vermutlich die wichtigste Rolle, um Impfverweigerung als Meme zu verstehen. Es geht hier nicht um eine Meinung zu einem Thema, es geht hier auch nicht um einen Wettstreit von Ideen oder um eine wissenschaftliche Debatte. Es geht hier um Identität.

Aufgrund der unter 1.-4. beschriebenen Prozesse ist die Impfverweigerung zu einem zentralen Bestandteil der eigenen Person geworden (was inhaltlich durch absonderliche Unfruchtbarkeits-Gerüchte noch stimuliert wird) und damit geht es nicht mehr um das Finden von Kompromissen oder um gesellschaftliche Debatte. Es geht die Verteidigung der eigenen Identität, die nicht Bestandteil eines Kompromisses sein kann, sondern immer absolut verteidigt werden muss – gegen die anderen.

Und wenn diese anderen widersprechen, bestätigen sie die eigene Identität noch. So wie Fans der einen Mannschaft, die gegenerischen Fans brauchen, um ihre eigene Rolle zu definieren, so brauchen auch memetische Kommunikationsmuster den Widerspruch. Beim Fußball heißt das dann zum Beispiel: „Euer Hass ist unser Stolz“ – was umgekehrt bedeutet: Ohne Hass auch kein Stolz mehr.

Withney Phillips hat dies an der Berichterstattung über Hasskampagnen nachgewiesen. In diesem Interview erklärt sie: „Hasskampagnen richten den größten Schaden an, wenn sie von Journalisten verstärkt werden. Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Die Parallele zu medialen Berichten zu ziehen, die Ansichten der Impfverweigerung wiederholen, verächtlich machen oder einordnen wollen, ist erkennbar.

Welche Schlüsse man daraus ziehen kann? Ich bin mir unsicher. Eher sicher bin ich mir aber, dass es sich lohnt, auf die memetischen Muster der Kommunikation zu schauen, um deren inhaltliches Scheitern zu verstehen.

Dieser Text stammt aus meinem Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Meme gibt es in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“.

Im Januar spreche ich auf Einladung von Martin Fehrensen in einer Lecture beim Social-Media-Watchblog zum Thema „Politik als Meme“.

Ich mag Twitter (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wann waren Sie zuletzt auf einem Fußballplatz? Ich meine nicht jene, auf denen Millionäre Werbung auf dem Shirt herumtragen, sondern die Plätze, auf denen junge Menschen mit- bzw. gegeneinander spielen. Ich frage das, weil der Besuch an einem solchen Ort jede Menge Erkenntnisse zu Tage fördert. Eine will ich heute teilen, sie hat einen Bezug zur Netzkultur:

Wer jemals Eltern auf einem Fußballplatz gesehen hat, wird sich nie mehr über die Diskussionskultur auf Twitter beschweren!

Fußball ist ein wunderbares Spiel, ein tolles Hobby und ein nahezu unerschöpfliches Reservoir für Metaphern aufs Leben (Symbolbild: unsplash). Man lernt beim Fußball Resilienz und es macht meistens Freude, sogar dann wenn man mit Anstand verliert.

Dass man das lernen muss, kann man Woche für Woche auf deutschen Fußballplätzen beobachten. Als ich unlängst Zeuge folgender Szene wurde, dachte ich mir: Der Diskurs über die Diskussionskultur im Netz hat mindestens einen blinden Fleck. Vielleicht ist es nämlich gar nicht so sehr „das Internet“, das uns vor Probleme stellt, sondern Defizite in der Streitkultur in Gänze.

Auf zwei nebeneinander liegenden Spielfeldern einer Bezirkssportanlage wurden Spiele ausgetragen. Die jüngeren Spieler auf der einen Seite gingen respektvoll miteinander um, sie spielten durchaus körperlich, sie kämpften um jeden Ball – aber sie akzeptierten die Entscheidungen des Schiedsrichters, hielten sich an die Regeln. Stress wurde einzig von außen aufs Spielfeld getragen. Eltern, die auf Höhe des einen Strafraums eine Abseitsstellung am anderen Strafraum nicht nur erkannten, sondern auch lauthals einforderten. Sowohl die spielenden Kinder als auch der junge Schiedsrichter ließen sich davon nicht beeindrucken. Was die Eltern nicht davon abhielt, mehr Härte („hau ihn um“) und grundsätzlich mehr Einsatz zu fordern.

Wozu dieses Reinrufen der Vorbild-Generation führen kann, konnte ich auf dem nebenliegenden Spielfeld beobachten. Die Spieler, die hier wetteiferten waren rund zehn Jahre älter und hatten deutlich hörbar Probleme damit, die Autorität des Schiedsrichters zu akzeptieren. Jede seiner Entscheidungen wurde kommentiert und kritisiert – mit lautem Echo von außen. Denn auch hier standen Eltern und Betreuer am Spielfeldrand.

Als einer von ihnen eine Beleidigung aufs Spielfeld rief, sah ich einen der Spieler quer über den Platz laufen. Als er die Seitenlinie erreichte, hinter der er den Reinrufer angehen wollte, zog er sich hektisch das Trikot über den Kopf, warf es auf den Boden und sprang vor den rufenden Mann. Nur mit Mühe konnte er zurück gehalten werden. Die Wut stand ihm im roten Gesicht. Er wollte seinen Bruder verteidigen, den er durch den Ruf beleidigt sah. Er fühlte sich ungerecht behandelt – und zwar in einem Bereich, der nicht Meinung oder Ansicht oder Einschätzung war, sondern seine tiefste Identität. Seine Familie war beleidigt worden, das traf ihn sichtbar in der vollen Person und mit der ganzen Person ging er in diese Auseinandersetzung. Als er mit Mühe beruhigt wurde, ginge er schimpfend zurück auf den Platz, zog das Trikot wieder über den Kopf und erhielt dann vom Schiedsrichter eine rote Karte unter das immer noch ähnlich farbige Gesicht gehalten. Wieder packte ihn die Wut. Erst neben und jetzt auf dem Platz sah er sich ungerecht behandelt. Er musste geblockt werden, um all seine Wut jetzt nicht am Schiedsrichter auszulassen. Mitspieler begleiteten ihn vom Platz und schimpfend verließ er das Gelände in Richtung Kabine. Dort ging der Streit nach Spielende weiter.

Es gibt Auseinandersetzung auf Twitter, die kaum sachlicher ablaufen. Auch in Netzdebatten treffen unterschiedliche Meinungen (kann man ändern) auf persönliche Identität (steht nicht zur Debatte) und führen zu heftigen Streitereien. Mir sind nur wenige Vorbilder bekannt, denen es gelingt, solche Diskussionen mit Anstand zu führen. Hier gibt es eine breites gesellschaftliches Defizit, das man vermutlich am besten so zusammenfasst: Wir können nicht streiten. Es gibt dieses Problem aber nicht wegen des Internets, das Internet macht es nur besser sichtbar.

Wenn es im Rahmen von Veranstaltungen, die der weltgrößte nationalen Sportverband außerhalb des Web organisiert, zu solchen Ausfällen kommt, liegen diese vielleicht nicht ausschließlich an der „Debattenkultur auf Twitter“. Vielleicht macht Twitter nur sichtbar, was gesellschaftlich ungeklärt ist – und wo sich Training der Medienkompetenz lohnen würde: in Fragen des demokratischen Streits.

Mit jedem erneuten kulturpessimistischen Naserümpfen über den Diskurspöbel auf Twitter bewegt man sich einen Schritt weg von einer Lösung. Diese beständig vorgetragene Klage verfestigt nämlich die Annahme, dass sich auf der Ebene des Symtpoms eine Lösung finde. Dabei liegt die Ursache vermutlich gar nicht im Digitalen, das zu sagen, klingt aber nicht so eingängig wie die Twitter-Beschimpfung.

Deshalb hier und heute mein Lob auf Twitter – nicht um das Digitale gegen diese Klage zu verteidigen. Sondern als Erinnerung daran, dass man im Diskursraum Twitter trotz aller Probleme wunderbar recherchieren und Verbindungen knüpfen kann. Genau wie Fußball nicht nur aus den Schimpfern am Rand besteht, ist auch Twitter viel mehr als das Bild, das leichtfertig erzeugt wird.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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Minimal Possible Change (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bevor man einordnen kann, was diese Bundestagswahl jetzt wohl zu bedeuten habe, sollte man vermutlich abwarten, welches Ergebnis sie wirklich zu Tage gefördert hat. Noch wird in Berlin sondiert und taktiert, dennoch erlaube ich mir, hier einen halbfertigen Gedanken aus dem „Digital-Viral-Germany“-Post etwas weiter zu denken. Er handelt von dem Grad der Veränderung, die aus der Wahl hervorgehen wird. Er handelt von dem Mut, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen und er handelt vom Erwartungsmanagement derjenigen, die sich Wandel wünschen.

Beginnen wir mit dem Veränderungswillen: diejenigen, die bei der #btw21 (Tommi Schmitts Vorschlag BuTaWa hat sich leider nicht durchgesetzt) erstmals wählen durften, haben sich mehrheitlich für die Parteien entschieden, die heute ein Selfie posteten. FDP und Grüne haben bei den Erstwähler:innen gewonnen. Die tagesschau führt dies in einer Analyse mit Einschätzungen des Politikwissenschaftlers Uwe Jun auf die Themen Corona und Digitalisierung zurück – und auf den Wunsch, dort eine Alternative zur Großen Koalition zu unterstützen:

Die Corona-Krise habe die Schwächen in den Bereichen Bildung und Digitalisierung gnadenlos offengelegt – davon profitiere die FDP nun. Zudem seien die Gemeinsamkeiten mit den Grünen in diesen Bereichen recht hoch, so dass die Chancen auf eine Umsetzung in den bevorstehenden Sondierungs- und Koalitionsgesprächen laut Jun gar nicht so schlecht stünden.

Das Bild, das heute durchs Netz gereicht wurde, gibt diesen Chancen ein Gesicht. Ich glaube, dass es zu einem langfristigen Symbol für den Wunsch nach einer Alternative zur Politik der GroKo werden kann. Es liefert in all seinen Rahmendaten die Voraussetzungen für ein den Tag überdauerndes Motiv: Bildkomposition, die Kleidung sowie die Position der Personen, die scheinbar beiläufige Aufnahmesituation – all das macht aus dem Schnappschuss einen Startschuss. „Wir sind bereit für Veränderung“ sagt alles an dem Bild – „für den kleinsten Grad an Veränderung“ möchte man ergänzen.

Denn bei allem Aufbruch, den FDP und Grüne mit dem Selfie erzeugen wollen, muss man auch festhalten: Zusammen kommen die beiden Fraktionen nur auf 14 Sitze mehr als die SPD, die als Wahlsiegerin gilt. Denn anders als bei den Erstwähler:innen ist der Wunsch nach Veränderung in der Gesamtbevölkerung bei weitem nicht so ausgeprägt. Der Veränderungswunsch, den man aus diesem Wahlergebnis lesen kann, geht so:

Die Partei, die seit 16 Jahren in Deutschland die Regierung anführt, wird vermutlich von der Partei abgelöst, die aktuell den Vizekanzler stellt und von den vergangenen sechs Regierungen an fünf beteiligt war.

Ich glaube diese Form der „Wechselstimmung“ (Anführungszeichen mit Absicht gesetzt, Symbolbild: Unsplash) lässt sich vermutlich am besten als: Minimal Possible Change (MPC) bezeichnen. „Wenn es denn sein muss“, sagt dieses Wahlergebnis zum Thema Veränderung. Es ist Ausdruck von großer Vorsicht; als Fortbewegungsart ist es eher ein vorsichtiges Tasten als ein schwungvoller Gang. Die Sorge etwas zu verlieren, ist stets größer als der Wunsch etwas zu gewinnen.

Die gegenteilige Haltung, die ich gerne als Möglichkeitssinn bezeichne, drückt sich vor allem darin aus, dass man positiv auf die Frage antwortet: Kann es (noch) besser werden? Die deutschen Wähler:innen haben darauf äußerst vorsichtig „vielleicht“ geantwortet. MPC ist so gelesen der allerkleinste Bruder des Möglichkeitssinn.

Das kann man beklagen oder gut finden, ich möchte es aber vor allem bemerken: denn wichtiger als das Urteil scheint mir die Schlussfolgerung, die man aus dieser geringen Veränderungsbereitschaft für all die Projekte ziehen kann, die etwas bewegen wollen: MPC bestimmt das Erwartungsmanagement, lenkt den Blick auf die langfristige Veränderung und führt auf das Prinzip des „leistbaren Verlusts“ wie es die Methode Effectuation nennt. Wer gelernt hat, mit dem MPC umzugehen, braucht keine Mondreden, keine Visionen oder langfristige Bilder, sondern den zupackenden Pragmatismus dessen, was den MPC kurzfristig gestaltet und in die Tat umsetzt.

Egal, welche Folgen aus dem Wahlergebnis vom Sonntag entstehen, für mich war allein diese Erkenntnis wertvoll, denn auch wenn MPC eine englische Abkürzung ist, sie scheint ein sehr deutsches Phänomen zu beschreiben.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Hier habe ich schon mal über den Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Veränderungen nachgedacht. In dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ habe ich den Umgang mit dem Neuen – und auch die Methode Effectuation beschrieben.

Digitale Nachbarschaft (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wie gut kennen Sie Ihre Nachbarn? Wissen Sie, welche Wendungen das Leben auf dem Balkon gebenüber nimmt?

Ich muss immer wieder an die lockere soziale Bindung zu den Menschen „next door“ denken, wenn ich Social-Media-Apps nutze. Egal, ob es sich um den Status in WhatsApp (lesenswert aufgeschrieben von meinem Kollegen Jan Stremmel), um Urlaubsbilder auf Instagram oder Tanzeinlagen auf Tiktok handelt: stets liefern soziale Medien einen virtuellen Blick in das Leben von fremden Menschen, in fremden Wohnungen. (Symbolbild: Unsplash)

Dieser private Blick ist neu und zuweilen noch immer verstörend (über die berufliche Verwendung von sozialen Netzwerken habe ich hier geschrieben). Warum filmen diese Menschen sich bei albernen Tanzeinlagen, weshalb teilt diese entfernte Bekannte ihre Autopanne auf Instagram und welchen Zweck verfolgt der Ex-Kollege mit diesen Videos, die er über seinen Status und YouTube verbreitet? Lange Zeit wurde diese Form des sozialen Austauschs als Oversharing verunglimpft: Selbstdarsteller:innen seien diese Menschen, die ihr Essen fotografieren oder Selfies produzieren. Das konnte man so häufig lesen, dass es mich skeptisch machte: Stimmt das wirklich oder ist die Behauptung von der Darstellungsssucht nicht nur ein Vorwand, sich nicht intensiver mit dieser neuen Form der sozialen Bindung befassen zu müssen? (Wie man sich tiefgehender mit solchen Fragen befassen kann, zeigt Sascha Lobo in dieser Kolumne über Kinderfotos im Internet)

Seit ich selbst anfing, Szenen auf Instagram zu fotografieren, die früher in einem privaten Fotoalbum gelandet wären, beschäftigt mich die Frage nach dem Warum? intensiver als die oberflächliche Antwort von der vemeintlichen Oberflächlichkeit reicht. Der soziale Austausch wird von anderen Treibern beflügelt als der Suche nach Likes oder Anerkennung. Das gilt on- wie offline, das gilt in sozialen Netzwerken wie im Gespräch mit dem Balkon gegenüber. Wir teilen uns mit, weil wir uns darin selbst erkennen. Wer seiner Nachbarin von der eigenen Urlaubsreise erzählt, kennt dieses Gefühl. Es wird nicht schlechter oder gar falsch, nur weil es im Internet stattfindet: Auch digitale Mitteilungen helfen dabei, die Welt einzuordnen und uns selbst zu verstehen. Genau so gut und genau so schlecht wie Gespräche auf dem Gang mit den Nachbar:innen.

Mir hilft das Bild von der digitalen Nachbar:innenschaft um besser zu verstehen, was wir da gemeinsam machen in den sozialen Netzwerken. Wir führen lockere virtuelle Beziehungen, die sehr handfeste (auch positive!) Folgen haben können. So wie Brot&Salz durch echte Fenster gereicht werden, können wir durch virtuelle Fenster Reisetipps, Nachmieter:innen oder Spendensammlungen organisieren. Ja, es gibt auch den Nachbarschaftsstreit am # Gartenzaun – im Internet heißt der Hashtag und beflügelt Auseinandersetzungen, die nicht so anders sind als die Debatte über einen überstehenden Ast im fremden Garten. Online steht ein Gender*sternchen zu hoch und weckt die gleichen „ich werde ungerecht behandelt“-Gefühle wie in der Offline-Nachbarschaft.

Keine Sorge, es geht mir mit dem Bild nicht um eine On- und Offline-Gleichmacherei. Die digitale Nachbarschaft ist selbstredend umfangreicher, vernetzter und breiter als die manchmal tiefer gehende Verbindung zu Menschen, die (fast) die gleiche Adresse haben. Aber beide haben einen positiven, verbindenen, freundlichen Kern. Allein um das nicht zu vergessen, lohnt es sich ein Herz zu drücken, wenn der Ex-Kollege ein Video postet oder die Bekannte Hilfe bei der Autopanne braucht. Wir sind nicht allein – wir sind digitale Nachbarn.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Hier habe ich schon mal über die berufliche Nutzung von sozialen Netzwerken nachgedacht.

Pandemie-Nostalgie: Die scheiß-gute alte Zeit (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Hinter meinem Schreibtisch im Hochhaus der Süddeutschen Zeitung hängt der Ausdruck einer Internetseite. 50 Cognitive Biases in the Modern World heißt die Seite, die ich kurz vor dem ersten Lockdown ausgedruckt und aufgehängt habe. In sechs Unterkapiteln aufgeteilt werden gänige Verzerrungen aufgelistet, die unsere Perspektive auf die Welt und womöglich sogar unser Entscheidungen beeinflussen. Man kann diese Verzerrungen nicht abschalten, aber man kann sich bewusst darüber werden, dass und wie sie wirken.

Mir ist der Ausdruck am Schreibtisch aufgefallen, weil ich seit einer Weile häufiger mal wieder im Büro bin. Die Pandemie ist noch nicht vorüber, aber mit steigender Impfrate zeichnet sich so etwas wie eine mögliche Post-Pandemie am Ende des Tunnels ab. Auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist, in den USA gibt es bereits eine Verklärung der Lockdown-Zeit, die Jason Feifer als „Covid Nostalgia“ bezeichnet. Unter diesem Titel hat er dieser Tage eine Podcast-Folge veröffentlicht, die sich mit der Frage befasst: Wie kann es sein, dass die Zeit des Lockdowns verklärt wird? (Symbolbild: unsplash)

Die Antwort auf diese Frage hat mit einer Verzerrung zu tun, die unter diesem Namen nicht auf Ausdruck hinter meinem Schreibtisch auftaucht: Fading affect bias (FAB) nennt man eine Verzerrung, die schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit im Rückblick in einem besseren Licht erscheinen lässt. Als allgemeine Form der Erinnerungs-Verzerrung steht sie zumindest indirekt auch auf dieser Liste.

Wie sehr muss die eigene Wahrnehmung verzerrt werden, um die unbestritten anstrengende und schlechte Zeit des Lockdowns in ein verklärtes Licht zu rücken und als gute alte Zeit erstrahlen zu lassen? Gar nicht mal so sehr, muss man feststellen wenn man die Mechanik des Fading affect bias (FAB) nachliest. Es ist nämlich ein menschlicher Reflex, vergangene Ereignissse besser zu erinnern als sie tatsächlich wahren. Und ich verwende den Begriff erinnern hier absichtsvoll leicht pastoral ohne Reflexivpronomen. Denn Erinnern ist ein aktiver Prozess, eine Geschichte, die wir nicht nur uns selbst, sondern auch anderen erzählen. Diese Geschichte dient mehr noch als dem vermeintlichen Konservieren von Geschehenem diesem Ziel: Uns selbst in der Gegenwart zu helfen.

Erinnerung auf diese Weise als Bestandteil der eigenen Gegenwart zu betrachten, erweitert auf erstaunliche Weise den Blick. Jason Feifer illustrierrt dies in seinem „Covid Nostalgia“-Podcast anhand zahlreicher Beispiele.

Denn dieses Prinzip findet nicht nur in der Traumbewältigung Anwendung, sondern auch in jeder alltäglichen „früher war alles besser“-Erläuterung. Genau wie die Verklärung der objektiv schlechten Lockdown-Zeit ist auch das Runtermachen der Gegenwart nur vordergründig paradox. Im Hintergrund eröffnen beide Verzerrungen eine Aufwertung des- bzw. derjenigen, der/die die Geschichte erzählt. Die Verzerrung untermauert die eigene Argumentation z.B. zu der Frage, was eigentlich als „normal“ oder „natürlich“ zu gelten haben (dazu hier eine interessante Perspektive: Welche natürliche Farben haben eigentlich Karotten?) – und ist deshalb äußerst verlockend.

Der Versuch Verzerrung bekämpfen zu wollen, gleicht dem Ansatz dem flugverängstigten Menschen zu sagen, dass es sich dabei um ein irrationales Gefühl handelt. Es ist wenig zielführend. Sich aber über Verzerrungen bewusst zu werden, kann eine große Hilfe sein, mit sich selbst nicht zu schnell einig zu sein. Deshalb habe ich diese Übersicht ausgedruckt. Sie erinnert mich an die Haltung, die ich im Pragmatismus-Prinzip so formuliert habe:

„Das wäre ein Ziel, das der Shruggie verfolgt: Dass wir uns bewusst werden darüber, dass nicht alles zwingend so sein muss, wie wir es wahrnehmen. Dass wir geprägt sind von den Abkürzungen, die unser Gehirn nimmt. Dass unsere Prägungen unbewusst Einfluss darauf nehmen, was wir für wahr halten, es also im Wortsinn: wahrnehmen.“

Wenn demnächst die ersten Texte auch auf deutsch erscheinen, die die Zeit des Lockdowns verklären, kurz innen zu halten und zu überlegen, wie verzerrt dieser Blick wohl sein mag.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen.

Das Buch als Newsletter (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Das Buch, um das es im folgenden geht, heißt Anleitung zum Unkreativsein.

Es geht! Dieses Ergebnis stelle ich der Zusammenfassung meines Buch-Newsletter-Experiments der vergangenen Wochen voraus. Es geht, es macht Freude und eröffnet neue Möglichkeiten, wenn man ein Buch digital denkt: als Newsletter, der wie ein Seminar oder ein Workshop über einige Wochen regelmäßig Leser:innen begleitet.

Darum geht es nämlich: Wie können wir Bücher digital denken? Zwei eher alte Techniken zu einem neuen, innovativen Ansatz verbinden – das ist die Idee dessen, was ich Buch-Briefing nenne. Ein Newsletter-Service, der Bücher in digitale Kapitel aufteilt, die ondemand und regelmäßig bezogen werden können. Im Sachbuchbereich ist die Referenz für diese Methode der Workshop bzw. das Seminar, in der Belletristik liefert die Idee des Fortsetzungsromans bzw. der Serie die Referenz fürs Buch-Briefing.

Vorteil für Produzierende wie Konsumierende: Es gibt eine Verbindung. Als Autor:in kenne ich meine Leser:innen – weil ich durch die regelmäßigen Mails in Kontakt stehe. Das erzeugt nicht nur Nähe, sondern liefert auch Kund:innen-Daten.

Das Experiment

Gerade ist mein Buch „Anleitung zum Unkreativsein – auf anderen Wegen zu neuen Ideen“ erschienen. Ein Reverse-Ratgeber, der mit Hilfe der Kopfstandmethode neue Zugänge zu kreativen Lösungen aufzeigt. Die zentrale These des Buches lautet: Wer neue Ideen will, muss lernen die Perspektive zu wechseln.

Diesen Gedanken habe ich in einen elfwöchigen Newsletter auf Steady gegossen. Da ich Akronyme mag, habe ich jeder Folge einen Buchstaben des Wortes PERSPEKTIVE vorangestellt: „Ein Wort, eine Übung, eine Frage – drei Gedanken zum Thema Kreativität“ lautet das Konzept des kurzen Newsletters, der jeden Montag um 19 Uhr einige Gläser aus dem großen Fass zapfte (Symbolbild: unsplash). Mit diesem Bild lässt sich vermutlich am besten das Verhältnis zwischen Buch (Fass) und Newsletter (Gläser) beschreiben. Der Newsletter zerlegt das große Granze in kleinere Einheiten, die leichter konsumierbar sind. Warum macht er das? Weil er auf diese Weise entweder Werbung für das Fass macht (Marketing fürs Buch) oder weil sich auf diese Weise vielleicht sogar Gläser verkaufen lassen (neues Geschäftsmodell Buchbriefing).

Um rauszufinden, welche Chance in dieser Form der Buch-Digitalisierung zum Newsletter liegen, habe ich die Anleitung zum Unkreativsein in einen Newsletter überführt und eine Nutzer:innen-Befragung angeschlossen, deren Ergebnisse ich unten zeige. Zunächt zum besseren Verständnis nochmal die Gegenüberstellung der beiden sich ergänzenden Ansätze „Buch“ und „Newsletter“

Das Buch
bietet den gesamten Inhalt auf einmal
Inhalt abgeschlossen
Einmaliger Kontaktpunkt
Keine weiteren Lese-Anreize
Lautsprecher-Prinzip
Kein Rückkanal
Keine Nutzer:innen-Daten
Leser:in kauft den Inhalt

Produkt als dominante Idee

Der Newsletter
zerlegt den Inhalt in Folgen
Inhalt aktualisierbar
Schafft wiederholte Kontaktpunkte
Regelmäßige Lese-Anreize
Kopfhörer-Prinzip
Rückkanal/Austausch möglich
Nutzer:innen-Daten
Leser:in kauft auch die Zeit zum Lesen

Prozess als dominante Idee

Das Ergebnis

Buch und Newsletter aus dem Experiment lassen sich nachlesen – das Buch am liebsten hier beim Rheinwerk-Verlag bestellen. Der Newsletter steht kostenfrei drüben bei Steady – und zwar mit diesen Folgen:

P wie Position
E wie Erwartung
R wie Ritual
S wie Spielen
P wie Paradox
E wie Erfolg
K wie Kombination
T wie Teilen
I wie Ideen
V wie Version

Die Erkenntnis

Und funktioniert das jetzt? Um Antworten auf diese Frage zu bekommen, habe ich die Leser:innen des Newsletter befragt. Hier eine Zusammenfassung der vier wichtigsten Erkenntnisse. Die qualitativen Antworten aus der Umfrage habe ich ausgelassen, sie beziehen sich vor allem auf die konkrete Ausgestaltung des Newsletters zum Buch, das quantivative Feedback lässt aber diese sehr positiven Schlüsse für die Idee Buchbriefing zu:

1. Es gibt eine überwiegende Mehrheit, die die Idee Bücher zu Newslettern zu machen, gut findet

2. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und Newsletter, überwiegend positiv für die Kaufabsicht des Buches

3. Der Newsletter erreicht offenbar andere Leser:innen als das Buch. Er kann also als Marketing für das Buch verstanden werden:

4. Es gibt eine überwiegende Kaufabsicht, für die neue Produkt-Kategorie „Buch-Newsletter“ in Zukunft Geld auszugeben

Die nächsten Schritte

Mich bestätigt dieses Experiment, den Grundgedanken von Buchbriefing fortzuführen. Besonders interessiert es mich, diese Idee mit dem so genannten Inspirierenden Journalismus zusammenzudenken. Denn hier liegt ein sehr kurzfristiger Mehrwert dieser Newsletter-Strategie. Aber auch in belletristischen Zusammenhängen sehe ich Potenzial in der seriellen Form des Lesens. Falls Sie sich für diese Ideen interessieren und Sie unterstützen wollen: melden Sie sich bei mir!

CDU-Connect: Anschluss verloren (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Mehr über Netzkultur gibt es in meinem Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation.

Im Lichte der aktuellen Web-Geschehnisse um die CDU muss man sagen: Der christlichen Rockmusik ist viel Unrecht getan worden. All die Witze und all der Widerspruch gegen den Versuch, Jugendkultur im Sinne einer christlichen Botschaft zu okkupieren, laufen ins Leere im Vergleich zu dem, was die CDU verdient hätte für ihren traurigen Versuch, sich an die Netzkultur anzubiedern.

Die Rede ist von der Seite @connectcdu, die auf Instagram versucht, das „Vater unser“ mit Stromgitarren zu vertonen, die CDU digital wirken zu lassen. Dabei handelt es sich – Sascha Lobo hat gerade auf der republica nochmal dran erinnert – um die Partei, die seit Jahren die Bundesregierung stellt und Digitalisierung seitdem einzig als (leeres) Versprechen versteht. Sascha sagte deshalb den schönen und merkenswerten Satz:

Es kann nach Corona nicht mehr sein, dass die Digital-Aversen, die Selbstzufriedenen, die mit dem kohlenstofflichen Status-Quo Zufriedenen dieses Land und alle kommenden Generationen aufhalten.

Dabei geht es hier gar nicht in erster Linie um die verfehlte Digitalpolitik der CDU und es geht auch nicht um den Datenskandal, der an der gleichnamigen App hängt. Es geht hier einzig und allein um den Umgang der CDU mit Memes.

Ich mag die Netzkultur, ich liebe Memes. Seit Jahren schreibe ich drüber und ich freue mich, wenn Menschen und Organisationen sie für sich entdecken – sogar wenn ich mit diesen Menschen und Organisationen nicht einer Meinung bin.

Deshalb freue ich mich, wenn die CDU die Welt der Memes entdecken will. Ich hänge nicht der Theorie von Internet-Verstehern und -Erklärern an (bewusst nicht gegendert), die das Digitale als eine Art Geheimwissen betrachten und Digital-Distinktion als Mittel der Abgrenzung brauchen. Netzkultur ist umarmend und hält sogar einen unverschämten Elon Musk aus.

Was aber schwer erträglich ist, sind Texttafeln, auf denen steht, dass ihr Verfasser sich tüchtig toll findet. Selbst wenn sie die gleiche Photoshop-Vorlage nutzen wie Beiträge der Netzkultur: Das sind keine Memes. Das ist peinlich.

Neben dem Offensichtlichsten – dem Fehlen der memetischen Verbreitung – lassen diese Beiträge den grundlegenden Zauber von Memes vermissen: die Bereitschaft zur Selbstironie. Ohne die Fähigkeit, sich zu reflektieren und womöglich über sich selbst zu lachen, wird ein Anschluss an gegenwärtige Netzkultur misslingen. Natürlich kann man auch einfach unreflektiert auf Image-Macros schreiben, dass man sich geil findet. Das ist dann aber keine Netzkultur des 21. Jahrhunderts, sondern Mackertum des 20. Jahrhunderts. Ein ironischer Umgang mit vermeintlichen eigenen Schwächen ist schon nötig, um die Sprache, den Dialekt des Digitalen zu sprechen. (die falsche Verwendung der 1 in diesem Söder-Posting hier ist für mich übrigens schwerer zu ertragen als alle Gendersterne für Friedrich Merz)

Es folgen nun die gängigsten Floskeln aus dem langsamsten Zug für digitale Kommunikation, an den man bei CDU-Connect aber offenbar trotzdem keinen Anschluss gefunden hat: Zeige dich authentisch, humorvoll und vielleicht sogar verletzlich. Lasse einen Blick hinter die Kulissen zu, sei nahbar und reflektiert.

CDU-Connect ist deshalb so ärgerlich, weil es innerhalb der Union durchaus Menschen gibt, die das verstanden haben: Norbert Röttgen hat mit seinem Ansteckringlicht im Wahlkampf um den CDU-Vorsitz einen Weg ausgeleuchtet, der genau auf diese Bereichtschaft zu Reflektion gesetzt hat. Dieses Licht bringt bei CDU-Connect aber keine Erkenntnis, es bleibt stockfinster im Rausch der Selbstbesoffenheit.

Ja, es gibt viel schlimmeren Missbrauch an der weltoffenen, verbindenden Meme-Kultur. Und ja, man kann diesen Instagram-Kanal schlicht als das betrachten, was er ist: traurig und ein wenig bemitleidenswert. Es tritt hier aber etwas anderes zu Tage: die fehlende Bereitschaft eines offiziellen CDU-Kanals, sich auf die Gepflogenheiten der digitalen Welt einzulassen. Dieses digitale Brauchtum ist nicht ausschließend, es lädt ein zur Teilhabe und dennoch wird es hier missachtet. Deshalb fällt es schwer in diesem Auftritt etwas anderes zu erkennen, als die enttäuschte Frage: Wenn die nicht mal ein paar Memes verstehen, wie wollen die Deutschland digital zukunftsfähig machen?

Norbert Röttgen formulierte das übrigens so: „Es ist nicht egal, wie wir uns selber präsentieren. Im Gegenteil: Die Menschen schauen sich an, wer macht da mit und kann ich mich mit denen identifizieren?“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Fünf Gründe, sich jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen“ (Oktober 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation bestellen.

Geduldtraining: Veränderung ist Marathon nicht Sprint (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Ich mag Friedrich Merz. Nein, nicht weil ich inhaltlich mit dem CDU-Politiker übereinstimmen würde. Es ist im Gegenteil so, dass ich häufig völlig anderer Ansicht bin als der Sauerländer. Wann immer ich Merz aber in einer Talkshow sehe, erkenne ich gesellschaftlichen Fortschritt – nicht in seinen Aussagen, sondern vor dem Hintergrund seiner Aussagen.

Um zu erklären, was ich damit meine, möchte ich zwei häufig zitierte Gedanken verbinden. Der eine hat viel mit der aktuellen Krise und dem Umgang mit Corona zu tun, der zweite stammt vom Zukunftsforscher Roy Amara.

Beginnen wir mit der Corona-Bewältigungsstrategie, die sehr ausdauernd mit dem Satz „ist ein Marathon, kein Sprint“ beschrieben wird. Nicht nur weil der Marathon im kommenden Monat Geburtstag feiert, empfinde ich folgende Roy Amara zugeschriebene Beobachtung dazu äußerst passend. Er schrieb schon in den 1980er Jahren, dass die Gesellschaft in der Bewertung technischer Entwicklungen dazu neigt, die kurzfristigen Folgen zu über- und die langfristigen Auswirkungen zu unterschätzen. Der Satz ist als Amaras Law zu einer Art Meme und Referenzvorlage der Zukunftsforschung geworden.

Im Zusammenhang mit dem aktuellen Corona-Marathon empfinde ich seine Einschätzung als beruhigend. Und das kommt so:

Ich kenne das von Sascha Lobo treffend beschriebende Phänomen der Groll-Bürger:innen, die mütend sind ob der zähen und wenig nachvollziehbaren Bewältigungsstrategien. Ich empfinde diese Form der Verdrossenheit, das Hadern mit der Bürokratie und das Verzweifeln an der fehlenden Veränderungsbereitschaft als Sprint-Perspektive, als kurzfristige Bewertung der aktuellen Veränderungen. Es gab in den vergangenen Tagen jede Menge Texte, die sich genau mit diesem Gefühl der Resignation befassten und heute hat Danger Dan auf seinem herausragenden Album „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ den Song „Beginne jeden Tag mit einem Lächeln“ veröffentlicht, der auf erstaunliche Weise mit platter Instagram-Poesie als Antwort auf die Überforderung aufräumt.

In der langfristigen Marathon-Perspektive auf die Corona-Krise erkenne ich dennoch die unterschätzten langfristigen Folgen des epochenmachenden Umbruchs. Weiter so! ist keine tragfähige politische Parole mehr. Wir leben am Vorabend grundlegender Veränderungen. Die Welt nach Corona, die sich als Hoffnungschimmer am Horizont zeigt, wird eine andere sein. Der Digitalisierungsschub, die Reduzierung unnötiger (Dienst-)Reisen, die weit überwiegende Übereinkunft über den Wert wissenschaftlicher Forschung, verlässlicher Nachrichten, einem stabilen Allgemeinwesens und einem angemessen honorierten Gesundheitssystems werden die Gesellschaft langfristig mehr verändern als wir es in der mütenden aktuellen Lage ahnen.

Das mag aus der Perspektive der Symbolbild-Schildkröte (Unsplash) übertrieben optimistisch klingen, aber eben nur wenn man keine Menschen vom Schlage Friedrich Merz kennt: Gesellschaftlicher Fortschritt lässt sich am besten an denjenigen ablesen, die gegen die Veränderungen durch Gendern, Gleichberechtigung oder Klimagerechtigkeit kämpfen. Die Welt des Jahres 2021 ist eine andere als jene der frühen 1990er Jahre – und besonders gut erkennt man dies stets an jenen, die gedanklich in den 1990er Jahren stehen geblieben sind.

Von Tahnee (die übrigens gerade eine sehr tolle Serie in der ARD-Mediathek hat) habe ich im Podcast mit Bettina Boettinger eine erstaunliche Einschätzung zum Thema Identität gehört. Sie sagt: „Alles, was wir denken, fühlen, was uns umgibt, ist immer etwas, was sich bewegt: wie ein Computer, der sich immer updatet. Alles ist immer in Bewegung und wir lernen immer dazu. Entwicklung passiert unumgänglich.“ Für mich drückt sich darin sehr viel von dem aus, was Maren Urner vor kurzem im Spiegel als dynamisches Denken als Bewältigungsstrategie beschrieben hat.

Klar, die Frage ist, ob die Schildkröte schnell genug ist. Aber dass sie sich bewegt, ist unbestreitbar. Und bei Ausdauerprojekten wie einem Marathon halten Sport-Psycholog:innen genau diese Erkenntnis für einen wichtigen Motivator: das Gefühl, dass es sich bewegt, dass man vorwärts kommt, dass es besser wird. Was es dazu braucht? Geduld!

Der Sportpsychologe und Ausdauer-Experte Brand Stulberg hat dies in einem Text in der New York Times mit vier P beschrieben, die den Marathon nicht nur als Metapher für die Corona-Krise, sondern als Bild für gesellschaftliche Veränderungen schlechthin lesbar macht. Stulberg schreibt von Patience, Pacing, Process (Over Outcome) und Purpose – um Ausdauerprojekte zu gestalten.

Wer Veränderungen schaffen möchte, braucht Geduld, ein gutes Gefühl für Geschwindigkeit (schnell kann nur sein, wer auch langsam sein kann), Wertschätzung für den Fortschritt (unabhängig vom Ergebnis) und ein langfristiges Ziel, das Sinn stiftet. Dass es der Gesellschaft gelingt, gemeinsam eine Herausforderung wie Corona zu bewältigen und Schlüsse aus den Fehlern zu ziehen, das ist doch gar nicht so schlecht als Ziel für den Marathon. Oder anders formuliert: dass es in Zukunft gerechter, diverser, inklusiver, digitaler, friedlicher und klimagerechter zugeht als in den 1990er Jahren, kann eine gute Motivation fürs Geduldtraining sein, das alle dieser Tage besonders üben müssen.

Was ist inspirierender Journalismus? (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Sie ist inspieriert von meiner Arbeit im Laufnewsletter Minutenmarathon für die SZ – und von dem Workshop-Newsletter, den ich am 12.4. auf Steady starten möchte.

Das breite Spektrum journalistischer Arbeitsformen wird seit ein paar Jahren von einem neuen Ansatz bereichert. Neben dem dokumentarischen Journalismus, der eine Art Chronistenpflicht verfolgt, und dem erlebenden Journalismus, der seine Leserinnen und Leser in fremde Welten mitnehmen will, hat sich einen Form entwickelt, die ich Inspirierende Journalismus nenne (Symbolbild: Unsplash). Dieser zeichnet sich in der digitalen Aufmerksamkeits-Ökonomie dadurch aus, dass er das Interesse der Nutzer:innen in den Mittelpunkt stellt. Inspirierender Journalismus bezeichnet all jene journalistischen Ansätze, die das Ziel verfolgen, Leser:innen mit neuen Ideen zu konfrontieren, überraschende Perspektiven zu vermitteln und zu anderen Möglichkeiten zu inspirieren.

Ich habe zu dem Thema hier bereits geschrieben und Interviews geführt. Nun möchte ich elf definitorische Punkte sammeln, die meiner Meinung nach beschreiben, was Inspirierenden Journalismus ausmacht. Er…

… macht einen Unterschied
Inspirierender Journalismus schließt die Reaktionen seiner Leserinnen und Leser ein. Sein Ziel ist es, einen Unterschied zwischen dem Moment vor der Nutzung und dem Moment nach der Nutzung zu schaffen. Genau in dieser Differenz zeigt sich das, was wir „Inspiration“ nennen: ein zentraler Anreiz, um für Journalismus zu bezahlen.

… schafft einen greifbaren Mehrwert
Inspirierender Journalismus ist ein Sammelbegriff für alle Formen des Journalismus, die ihren Leserinnen und Leser einen greifbaren Mehrwert schaffen möchten. Dabei geht es nicht nur um den aus Service- und Ratgeber-Stücken be‐ kannten Nutzwert. Auch eine überraschende Idee, ein neuer Gedanken oder Perspektivwechsel können als Denkwert in‐ spirieren. Immer beginnt Inspirierender Journalismus mit der Antwort auf die Frage aus Nutzer-Perspektive: Warum ist das für mich wichtig?

… sagt, was er tut
Für (fast) jeden Beitrag, der dem Inspirierenden Journalismus zugerechnet werden kann, könnte man eine ankündigende Zusammenfassung formulieren, die das zentrale Produktversprechen des Beitrags bündelt und die Frage nach dem Warum beantwortet: „In diesem Text lernst du, wie die Bundeskanzlerin ihre Entscheidungen trifft und welche Folgen das für die Regierungspolitik hat“ ist natürlich kein Satz, den man veröffentlichen würde. Es hilft aber, ihn vor dem Erstellen eines Beitrags im Kopf zu haben. Anschauliche Bei‐ spiele für diese Form der ankündigenden Zusammenfassung liefert zum Beispiel der YouTuber Rezo, der alle seine Videos so beginnt. Für digitale publizierte Texte bietet diese Form zudem Vorteile für die Sichtbarkeit in Suchmaschinen.

… zeigt mehr Möglichkeiten
Inspirierender Journalismus führt zu einem Mehr an Erkenntnis und eröffnet seinen Leserinnen und Lesern Gestal‐ tungsräume. Sie haben nach der Lektüre mehr Möglichkeiten als davor, sie sehen mehr Dinge, Perspektiven und viel‐ leicht auch Lösungen. Das kann durch konkrete Tipps geschehen, aber auch durch besondere sprachliche Formulie‐ rungen oder neue Stimmen, die ein „So habe ich das noch gar nicht gesehen“ anstoßen.

… bleibt unparteiisch
Neue Perspektiven und Wege zu zeigen, heißt bewusst nicht, aktivistisch oder parteiisch zu sein. Am Konzept des konstruktiven Journalismus wurde oft kritisiert, er verlasse die neutrale Position. Darum geht es beim Inspirierenden Jour‐ nalismus bewusst nicht. Die Werte des Qualitätsjournalismus gelten uneingeschränkt, sie werden erweitert um Ein‐ ordnung dessen, was berichtet wird. Zum „Sagen, was ist“ kommt ein „Sagen, was mache ich damit“, das in auch kon‐ krete Handlungen beschreiben kann.

… hilft bei der Entscheidungsfindung
Die Floskel „Bleibt abzuwarten“ war schon immer sprachlich unschön. Im Inspirierenden Journalismus ist sie aber auch inhaltlich nicht angebracht. Ziel des Inspirierenden Journalismus ist es, seinen Leserinnen und Lesern Methoden und Erkenntnisse an die Hand zu geben, die sie und ihn in die Lage versetzen, bessere Entscheidungen zu treffen.

… überfordert. Ein wenig.
Ein Missverständnis im Journalismus lautet: „Wir dürfen unsere Leserinnen und Leser nicht überfordern.“ Mit diesem Satz wird Detailtiefe verhindert, es werden Informationen auf Durchschnittsniveau gehalten. Inspirierender Journalis‐ mus fordert sein Publikum heraus, d.h. er überfordert es auch – ein wenig. Denn nur aus dem Trainingsreiz, der sich aus einer Überforderung ergibt, erwächst eine Verbesserung – und damit ein Erkenntnisgewinn.

… wird konkret
Inspiration gelingt dann leichter, wenn sie sich an konkreten Fragestellungen orientiert. Das „Sagen, was mache ich damit“ ist ohne die Perspektive der Leserinnen und Leser nicht machbar. Deshalb folgt der Inspirierende Journalismus auch hier den Regeln, die schon immer für guten Journalismus galten: Mache es greifbar, mach es konkret!

… ist ein Prozess nicht nur ein Produkt
Veränderung dauert. Das gilt auch für die beschrieben Differenz zwischen dem Vorher und Nachher in der Nutzung von Inspirierendem Journalismus. Wer einen Text über die Kaffeebohnen liest, ist deshalb nicht sofort Barista. Deshalb nutzt dieses Genre häufig Serien oder Challenges um Veränderungsprozesse anzustoßen, zu begleiten und erfolgreich zu machen. Wer auf diese Weise seine Leserinnen und Leser auf dem Weg einer Veränderung begleitet, verdient sich Vertrauen und erzeugt eine enge, langfristige Bindung.

… ist dialogisch
Digitaler Journalismus ist per Definition dialogisch. Es gibt Rückkanäle, auch wenn manche Journalistinnen und Journalisten davon keinen Gebrauch machen. Inspirierender Journalismus macht sich die Dialog-Option zu Nutze, bindet seine Leserinnen und Leser ein – allein schon um mehr über deren Interessen und Bedürfnisse zu lernen.

… zielt auf einen Call to Inspiration
Erfolg beginnt mit der klaren Definition dessen,, was angestrebt wird. Inspirierender Journalismus formuliert als Ziel, seine Leserinnen und Leser zu inspirieren. Analog zum “Call to Action” aus dem Marketing, könnte man hier von einem “Call to Inspiration” sprechen, auf den Beiträge des Inspirie‐ rende Journalismus zu laufen. Sie fassen die Mission eines journalistischen Projekts und orientieren sich stets an den Erwartungen der Leserinnen und Leser. Der Economist formuliert zum Beispiel eine Mission, die als ,Call to Inspiration’ gelesen werden kann: „Our readers expect us to keep them well informed about the world.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen

>> Inspirierender Sachbuchjournalismus als Begleiter – Gespräch mit Michèle Loetzner und Christoph Koch

>> Die ankündigende Zusammenfassung

>> Inspirierender Journalismus (Digitale November-Notizen)

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen.