Alle Artikel mit dem Schlagwort “newsletter

Die Meinungsmodenschau (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Ist unsere Debattenkultur in Gefahr?“ fragte Bayern 2 im Rahmen des Zündfunk-Netzkongress und ich durfte mich an der Debatte über die Debatte beteiligen. Das kann man hier nachhören und demnächst wohl auch in ARD Alpha anschauen. Ich habe die Einstiegsfrage auf der Bühne des Münchner Volkstheater sehr deutlich mit „Nein“ beantwortet und möchte im Nachgang zu dem Gespräch drei Unterschiede deutlich machen, die vielleicht helfen könnten, künftige Debatten über Debatten leichter zu führen. Diese drei Unterschiede lauten:

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen
2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur
3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher

Um zu verstehen, was ich damit meine, lohnt sich ein Blick darauf, was ich für eine gute Diskussion halte. Denn die Debatten, die wir in Talkshows sehen, sind für mich keine guten Vorbilder für eine echte Diskussion, die als Wettstreit der Ideen tatsächlich im Kompromiss eine Antwort auf eine konkrete Frage sucht. Die TV-Formate hingegen wollen weder eine Frage beantworten noch einen Kompromiss finden. Sie gleichen eher einer Meinungsmodenschau, auf der Menschen ihre Ansichten wie Kleidung auf einem Laufsteg vorführen und dafür Applaus oder Widerspruch bekommen (Foto: unsplash). Dieses Zurschaustellen von Meinungen findet aber nicht mit dem Ziel statt, daraus einen Kompromiss zu formen oder gar seine Kleidung Meinung zu ändern. Die Meinungsmodenschau im TV-Talkshowformat dient einzig dem Zweck, Menschen in ihren Meinungen zu bestätigen. Dass darin in unsicheren Zeiten eine wichtige aber auch gefährliche Funktion stecken kann, habe ich unter dem Begriff Entpörung zu beschreiben versucht.

Die Meinungsmodenschau unterscheidet sich also von einer echten Diskussion. Auf diese Differenz hat Julia Reda in dem Film „Die empörte Republik“ hingewiesen und ich finde es wichtig, deutlich zu machen, was eine echte Diskussion ausmacht – und im Blick zu behalten: Bin ich auf einer Meinungsmodenschau oder in einer echten Debatte?

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen

Wer in einen Wettstreit der Ideen tritt, akzeptiert, dass es einen Unterschied zwischen Menschen und ihren Meinungen gibt. Jemand kann eine dumme oder falsche Meinung vertreten, aber dennoch ein toller, sympathischer Mensch sein. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Handeln und Sein. Es ist wichtig daran zu denken, wenn man in eine Diskussion einsteigt und es ist wichtig auch entsprechend zu diskutieren: Du verhältst Dich arschig ist immer besser als Du bist ein Arsch.

Um zivilisiert streiten zu können, ist es hilfreich Meinungen nicht als unveränderliche Kennzeichen zu betrachten. Ich glaube sogar im Gegenteil, dass der Wert der Meinungsfreiheit nicht im Äußern, sondern im Ändern einer Meinung besteht. Freie Gesellschaften zeichnen sich nämlich genau dadurch aus: Dass Du Deine Meinung ändern darfst. Darin liegt ein großes Privileg und wir sollten uns viel häufiger fragen, wann wir von diesem Privileg Gebrauch machen?

Dass man dabei die Sprechposition derjenigen Menschen nicht außer Acht lassen darf, die Meinungen äußern, bleibt bei der Trennung von Menschen und Meinungen weiterhin richtig. In diesem Punkt liegt meiner Einschätzung nach ein zentraler Streitanlass für zahlreiche Auseinandersetzungen – wie mein Kollege Jens-Christian Raabe in seinem Essay über Schneeflöckchen und den Schnee von gestern beschrieben hat.

2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur

Persönliche Beleidigungen, Drohungen und Diffamierungen sind ein großes Problem und man sollte viel mehr dagegen tun. Wer zu diesen Mitteln greift, verlässt den Raum einer Diskussion. Deshalb weigere ich mich, das Problem „Hate Speech“ im Zusammenhang mit der Frage nach guter Diskussionkultur zu behandeln. Denn die Hater sind an einer Diskussion ja gar nicht interessiert. Sie lehnen den Wettstreit der Ideen und die damit verbundende Trennung von Mensch und Meinung ab. Sie bewegen sich nicht mal auf dem Laufsteg der Meinungsmodenschau. Sie greifen zu Hass und Hetze. Dagegen muss man etwas tun, aber man sollte Menschen, die so agieren nicht dadurch adeln, dass man sie zum Teil der Diskussionskultur zählt. Durch die Wahl ihrer Mittel schließen sie selbst von der Debatte über Debatten aus.

3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher

Die dritte Unterscheidung, die ich festhalten möchte, ist eine zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wer behauptet man könne gewisse Dinge „nicht mehr“ sagen und deshalb die Meinungsgefahr in Gefahr sieht (unlängst zum Beispiel eine Focus-Titelgeschichte), hat ein falsches Bild von der Vergangenheit. Denn auch in der alten Bundesrepublik konnte man keineswegs alles sagen. Es gab früher jede Menge Stimmen, die überhaupt nichts sagen durften: Und zwar jene, die nicht zu weißen Männern gehörten.

Wer also behauptet, heute könne man viel weniger sagen als früher, zeigt damit vor allem, dass er einzig seinen beschränkten Blick zur Verfügung hat – und seine Privilegien nicht kennt. Denn selbstverständlich gibt es heute nicht weniger sondern mehr Meinungen als früher. Das Spektrum des Sag- und Meinbaren ist in jedem Fall größer geworden. Was sich verändert hat: Diejenigen, die bisher einzig Applaus bekommen haben, wenn sie ihre Meinung auf den Laufsteg getragen haben, erfahren nun öffentlichen Widerspruch. Das fühlt sich sicher unangenehm an, ist aber kein Zeichen für das Verschwinden der Meinungsfreiheit, sondern im Gegenteil Beweis für deren Existenz. Denn Widerspruch ist ja das Ziel einer Auseinandersetzung. Und davon gibt es heute mehr als in dem ominösen „früher“, das Menschen nun bemühen, wenn sie Angriffe auf ihre Meinung sofort als Angriff auf die Meinungsfreiheit interpretieren. Vielleicht sollte man also künftig die Klage, „das darf man gar nicht mehr sagen“ übersetzen in „das bekommt ja gar keinen Applaus mehr“.

Dass ich auf der Zündfunk-Bühne so deutlich „Nein“ auf die Frage geantwortet habe, ob die Debattenkultur in Gefahr sei, liegt aber vor allem daran, dass ich diese leicht kulturpessimistische Grundhaltung der Frage nicht mag: Die Diskussions- und Debattenkultur in diesem Land ist ja nicht wie das Wetter ein unbeeinflußbarer, externer Faktor. Diese Kultur entsteht durch unser Zutun. Demokratie ist ein Muskel und wir sollten ihn trainieren: „Wer die plurale Demokratie verteidigen will, muss beginnen, sie zu praktizieren. Wer die Grundideen der offenen Gesellschaft wertvoll findet, darf sie nicht bei der kleinsten Bewährungsprobe in Frage stellen.“

Hier geht es zum Test: Befinde ich mich auf einer Meinungsmodenschau oder in einem Wettstreit der Ideen?


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Fünf Gründe, sich gerade jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er bezieht sich auf das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das gerade erschienen ist.

Dieser Tage beginnt der Herbst. Die Blätter verfärben sich, es regnet häufiger und es wird kälter. Unter veränderten klimatischen Bedingungen verändern sich auch unsere Kleidungsgewohnheiten. Statt zu Shorts greift man künftig zu warmen Socken – und zum guten Buch (Herbst-Symbolbild: unsplash).

Auch auf die Gefahr hin zu platt zu werden: Das digitale Ökosystem verändert Bedingungen für Kommunikation. Ich habe das am Beispiel eines Schneeballs beschrieben, der bei steigender Temperatur seinen Aggregatzustand verändert und ich glaube es gilt auch für die Prinzipien der Aufmerksamkeit und denen ihn folgenden Grundbedingungen der (politischen) Auseinandersetzung im digitalen Diskurs.

Wer verstehen will, welche Kleidung Haltung in diesem Ökosystem angemessen ist und welche Folgen die sich ändernden klimatischen Bedingungen haben, kann sich bestimmte „Muster der digitalen Kommunikation“ anschauen. Diesen Untertitel hat der Wagenbach-Verlag meinem gerade in der Digitale Bildkulturen-Reihe veröffentlichen Band „Meme“ gegeben. Das Büchlein versucht zu beschreiben, was Meme sind, weshalb sie gesellschaftspolitische Bedeutung haben und welche Schlüsse man aus der Beschäftigung mit Memen ziehen kann. Darin steckt viel mehr als der (nicht zu unterschätzende) Spaß an Internetquatsch, darin steckt eine Möglichkeit, aktuelle politische Entwicklungen besser zu verstehen.

Deshalb hier fünf Gründe, warum es sich jetzt lohnt, sich mit Memen und den ihnen zugrunde liegenden Mustern digitaler Kommunikation zu befassen:

Meme zeigen, dass …

… Kommunikation ein Prozess ist.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer im seriösen Fernsehen bemerkt, dass Friedrich Küppersbusch seit einer Weile auf YouTube eine Art Fernsehen macht, die ich als zukunftsweisend und seriös bezeichnen würde. In dieser Woche hat er dort „Die Wahrheit über Shitstorms“ thematisiert – und zwar am Beispiel eines Mannes, der im vermeintlich seriösen ARD-Fernsehen so genannte Witze machen darf und dieses Prinzip Nuhr mit Hilfe von vermeintlich provokanten Thesen am Laufen hält. Auch der selbst geglaubte Kanzlerkandidat Friedrich Merz oder der selbst geglaubte Medienerfinder Gabor Steingart bedienen sich dieser Methode, die Internet-Trolle für sie seit Jahren erprobt haben. These raushauen und im folgenden Prozess auf die Empörung der Gegenseite hoffen. Klappt so lange wie man nicht begreift: Deine Empörung ist Teil des Spiels derjenigen, über die Du dich gerade aufregst.

… Aufmerksamkeit vor dem Inhalt steht.
Die schönste und provokanteste These bleibt so lange wirkungslos, wie sie niemand aufnimmt. Anders formuliert: Es werden nur diejenigen Inhalte memefiziert, die es überhaupt wert sind, mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Wer sich schon länger im digitalen Ökosystem bewegt, weiß, dass die Kopie und die Referenz (und sei es in Form des Widerspruchs) das wichtigste Ziel ist. Man kann diese Aufmerksamkeit nicht planen, aber man kann sie provozieren – und dabei die Reaktionen einkalkulieren. Die Troll-Forscherin Whitney Phillips sagt dazu: „Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Es ist übrigens kein Zufall, dass auf Phillips‘ aktuellem Buch ein Shruggie auf dem Cover zu sehen ist ;-)

… vermeintliche Identität zu Polarisierung führt.
Sich zugehörig zu fühlen und sich damit von anderen abzugrenzen, kann als eines der Grundprinzipien von sozialen Medien gelesen werden. „Ich verstehe etwas, was du nicht verstehst“, ist zentraler Distinktions-Treiber für Internet-Memes. Diese Polarisierung basiert auf einer digitalen Vorstellung von Identität. Meme legen offen, wie diese Vorstellung mit Hilfe von auf Abgrenzung optimierten Inhalten gesteigert werden kann. Denn wenn es in einem Konflikt nicht mehr um einen Wettstreit von Meinungen geht, sondern um den Ausdruck der innersten und ureigensten Identität, dann ist ein Kompromiss nahezu unmöglich. Man kämpft nicht mehr um eine gemeinsame Lösung, sondern verteidigt das eigene Selbstbild. Meme zeigen, wie diese Polarisierung die Präferenzen verschiebt und die notwendige Trennung von Politik und Person auflöst. Dabei werden sie für einen Prozess genutzt den man – erinnert sich noch jemand an die Umweltsau – als Spektakelpolarisierung bezeichnen kann.

… Teilhabe demokratisiert wurde.
Meme gibt es nur im Plural. Weil Meme nicht von Gatekeepern oder ausgewählten Stimmen formuliert werden, sondern theoretisch von allen. Am Beispiel von Memen lässt sich zeigen, wie das theoretische Recht auf Publikationsfreiheit zu einer praktischen Herausforderung wurde. Am Beispiel von Memen lässt sich aber auch zeigen, dass darin ein wunderbarer Zauber liegt. Meme sind auch deshalb nicht prognostizierbar, weil sich in ihnen der Kontrollverlust des digitalen Ökosystems zeigt. Es wäre falsch, dies einzig zu beklagen. Hier liegt auch eine große Chance. Denn zum einen finden so Stimmen Gehör, die zuvor jahrzehntelang ungehört blieben. Zum zweiten entstehen auf diese Weise auch neue Formen der politischen Kritik, die die Möglichkeiten des digitalen Ökosystems auf neue Weise nutzen. Ich bin sehr froh, dass Sarah Coopers Trump-Kritik noch Erwähnung im Meme-Buch finden konnten, denn sie zeigt für auf erstaunliche Weise, wie Kritik auch unter den veränderten Aufmerksamkeitsbedingungen möglich ist.

… die offene Gesellschaft überlegen ist.
Meme sind nicht nur Symbol für sich veränderende Prozesse. Meme sind an sich auch Beweis dafür, dass das Internet als grenzüberschreitende Verbindung gewonnen hat. Zwar mag es auf der Anwendungs-Ebene gerade von Kräften genutzt werden, die auf Abgrenzung, Nationalismen und Hass setzen, aber in seiner Grundstruktur sind das Netz und der Netz-Humor, der sich in Memen ausdrückt, nur möglich, weil die Idee der offenen, vernetzten Gesellschaft überlegen ist. Ich beschreibe in dem Buch ausführlich, wie rechte Kräfte Pepe the Frog kaperten und in der „Der Alt-Right Komplex“ genannten Ausstellung kann man sehen, wie diese Bewegungen an Kraft gewinnen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass das Internet in seiner Grundinfrakstruktur nur möglich ist, wenn man die Ideen von Abgrenzung und Hass hinter sich lässt. Meme als Ausdruck eines verbindenen Humors machen nicht nur Freude, sie sind auch der Beweis dafür, dass das Zeitalter der Ausgrenzung vorbei sein sollte.

Das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ ist diese Woche bei Wagenbach erschienen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das genannte Meme-Buch bestellen.

Im Gegenteil! Drei Versuche über Vernunft (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Die Zeit aus den Fugen. Das ist keine neue Erkenntnis, auch wenn sie sich anfühlt wie eine Zusammenfassung für den Zustand der Welt im Jahr 2020. Doch schon mehr als 400 Jahre vor Corona und Klimakrise ließ Shakespeare den Hamlet klagen: „Die Zeit ist aus den Fugen; Fluch der Pein, Muß ich sie herzustelln geboren sein!“ Auch die Pein, die Verfugung wiederherzustellen, hat sich seit Hamlet kaum abgemildert. Im Gegenteil, in durch soziale Medien beschleunigten öffentlichen Debatten findet sich immer jemand, die oder der im Weg steht, wenn es darum geht, etwas wieder in die Fugen zu bringen. Das ist ein großes Problem für alle, die aus welchen Gründen auch immer nach Verfugung streben.

Die Folge: Polarisierung, Streit-Stress und in Summe weiterwachsende Fugenlosigkeit der Zeit. (Foto: unsplash)

Über die Frage wie dem zu begegnen sei, kann man heftigen Streit anzetteln. Schulterzucken als Antwort gehört bisher nicht dazu. Vielleicht sollten wir aber für einen Moment den Mut aufbringen, die Zeit nicht weiter in ihre vermeintlichen Fugen stopfen zu wollen. Auch wenn das absurd bis tollkühn klingt: Vielleicht findet sich ein Weg die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen, wenn wir aufhören, eine Lösung finden zu wollen – und stattdessen akzeptieren: Die Zeit ist aus den Fugen. Das ist vielleicht gar kein so großes Problem, sondern eine historische Konstante, in deren Kern die Erkenntnis wohnt: Früher war gar nicht alles besser.

Was wir brauchen um dies anzuerkennen, ist die womöglich wichtigste Erfindung aufgeklärter Gesellschaften: den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. In Zeiten der emotionalen Unsicherheit vernünftig zu bleiben, ist Ausdruck dieses aufklärerischen Mutes. Denn wer sich inneren und äußeren Widerständen entgegenstellt – und dabei auch persönlich negative Folge in Kauf nimmt, ist mutig (1). Wer auf das angenehme Gefühl verzichtet, die Welt stets in gut und böse einordnen zu können und nicht dem Zauber der einfachen Antworten verfällt, bleibt mutig (2). Und wer darüber hinaus den Möglichkeiten und Chancen der Zukunft mehr Raum gibt als den Begrenzungen und Fehlern der Vergangenheit, inspiriert gar andere zum mutigen Handeln (3). Diese Überwindung ist aber kein Selbstzweck und beschränkt sich nicht im bloßen Widerspruch gegen das, was man je nach Perspektive als „Mainstream“ wahrnehmen möchte. Aufklärerischer Mut dient dem Ziel, Sinn und Verstand in hoffnungslosen und manchmal auch unsinnigen Zeiten zu fördern. Wie dies konkret aussehen kann, lässt sich am mutig sein (1), mutig bleiben (2) und der Inspiration zum Mut (3) beschreiben.

Beginnen wir mit der Fugenlosigkeit: Wir leben in einer Welt, die sich durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität auszeichnet. Nichts ist einfach, verlässlich oder eindeutig – nicht mal die Antwort auf die Frage ob das je anders war. Das Akronym aus den vier für Ratlosigkeit stehenden (englischen) Begriffen heißt VUCA. Die Generationen vor uns kannten diese VUCA-Welt sicher nicht, das Gefühl, das sie beschreibt, aber vermutlich schon. Denn stabil, sicher, übersichtlich und einfach wird die Welt immer erst im Rückblick. Umberto Eco hat in einem Essay mal rhetorisch gefragt: „Wie sollen wir diejenigen, die das Ende der Welt kommen sehen, davon überzeugen, dass andere, in der Vergangenheit, es auch schon so gesehen haben, und das in jeder Generation?“ Eco spricht von einem wiederkehrenden Menschheitstraum, der das gegenwärtige, eigene Schicksal als ohne Vergleich wahrnimmt. Damit ist nicht gesagt, dass die jeweilige Bedrohung nicht real sei. Damit ist vor allem gesagt: Sie ist nicht so einmalig wie manche glauben mögen. Sie ist neu und herausfordernd – wie die Bedrohung für die Generationen zuvor auch.
Auf die Frage, ob die ständige Erreichbarkeit durch Mobiltelefone nicht ein riesiges Problem sei, antwortete der Psychiater und Buchautor Manfred Lütz zum Beispiel in einem Interview: „Im Dreißigjährigen Krieg waren die Leute rund um die Uhr für die Schweden erreichbar. Das war viel unangenehmer.“ Ein Problem der auf die Einzigartigkeit gegenwärtiger Probleme fixierten Perspektive ist, dass sie dazu neigt, unbestreitbare Verbesserungen zu übersehen.

Es zählt zu den Grundbedingungen offener Gesellschaften, sich von neuen Perspektiven verstören zu lassen. Ein anderer historischer Blick auf die vermeintlich so polarisierte und apokalyptische Gegenwart gehört dazu. Vielleicht ist das Gegenteil richtig? Mutig zu sein (1) heißt, sich diese Frage immer wieder und nicht nur in Bezug auf die Beschreibung der unsicheren Gegenwart zu stellen. Doch es ist vielleicht leichter, dem Gefühl der Überforderung mit einem festen Schema zu begegnen, in das man die Welt ordnet und fortan nur noch nach Bestätigung für die eigene Weltsicht zu sucht. So lässt sich das Prinzip personalisierter Medien beschreiben. Sie sind darauf optimiert, Nutzerinnen und Leser möglichst lange im eigenen Ökosystem zu halten – und zeigen deshalb besonders viel von dem, was deren Weltsicht bestätigt. Das Gegenteil findet hier nur noch als Folie statt, vor der das eigene Rechthaben heller leuchtet. Der Andersdenkende dient als emotionaler Trigger, der Empörung stimuliert, was wiederum dazu beiträgt, dass Nutzer und Leserinnen länger auf der jeweiligen Plattform bleiben. Sich des eigenen Verstandes zu bedienen, heißt deshalb: den Verdacht zuzulassen, dass die eigene Meinung nicht die einzig richtige sein könnte. Sich offen mit den Ansichten derjenigen zu befassen, die abzulehnen so viel leichter (aber eben nicht hilfreich) wäre. Dazu zählt auch, Medien zu konsumieren, die unverlangt neue Perspektiven liefern. Sie tragen dazu bei, auch das Fremde, das Verstörende und Neue besser zu verstehen. Amerikanische Psychologen haben schon 2014 festgestellt, dass wir dazu neigen, die Ziele politisch widerstrebender Menschen für minderwertig zu halten – und zwar gegenseitig. Die so genannte „Motive Attribution Asymmetry“ beschreibt, wie diese Überschätzung der eigenen und die Abwertung fremder Ziele, Feindbilder verfestigt, die so deutlich gar nicht existieren.

Darin unterscheiden sich die besseren von den nur mittelguten Medien: dass sie fremde Perspektiven zeigen, Neues entdecken und im besten Sinn verstören. Das ist das Gegenteil dessen, was manche Zeitungen als Alleinstellungsmerkmal meinen erkannt zu haben. Sie versprechen das Ende der Verstörung und nennen es Übersicht oder gar Wahrheit. Derart lautstark mit der Wahrheit zu hantieren, befördert aber vor allem den gegenseitigen Vorwurf zu lügen. Dem Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, geht es um nachprüfbare Fakten und um Wahrhaftigkeit. Den Begriff der Wahrheit wiederum kennt er – im Sinne des kritischen Rationalismus – nur in der Verlaufsform: Am Wahrheiten zu sein, bedeutet, dass Erkenntnis immer wieder neu hinterfragt und begründet werden muss. Genau diese Haltung bildet die Grundlagen für wissenschaftlichen Fortschritt. Mutig zu bleiben (2) heißt, die Unsicherheit auszuhalten, die sich ergibt, wenn man nicht im Besitz des vollständigen Überblicks oder gar einer abgeschlossenen Wahrheit ist. (dass es nicht per se richtig ist „einfach nur zu fragen“, kann man übrigens in diesem Zeit-Essay sehr schön nachlesen)

In diesem Mut steckt die Bereitschaft anders mit Fehlern umzugehen: Es ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern der Größe, Fehleinschätzungen einzugestehen – auch öffentlich. Vielleicht zeigt sich genau darin die aktuelle Form dessen, was Hannah Ahrend als „Wagnis der Öffentlichkeit“ beschrieb. Politikerinnen und öffentliche Akteure aber, die stets betonen, dass sie schon seit Jahren dieser oder jener Meinung sind, bedienen eine Welt-in-die-Fugen-Erzählung, die Politik nicht als Wettstreit von Ideen versteht, sondern Meinungen zu unveränderlichen Kennzeichen erhebt. Solches Denken befördert den gesellschaftlichen Wunsch nach Masterplänen und einfachen Antworten. Dabei zeichnen sich komplexe Situationen genau dadurch aus: dass es für sie keine einfachen Masterpläne gibt. Es verlangt den Mut der Vernunft, dies auszusprechen – und dennoch weiter nach Lösungsansätzen zu suchen.

Denn wenn die eingangs zitierte historische Perspektive nicht ganz falsch ist, dann wird die Menschheit Lösungen für die Probleme finden, die ihr heute unlösbar und aus den Fugen erscheinen. Und so undenkbar das auch wirken mag: diejenigen Menschen, die solche Lösungsansätze finden werden, leben heute schon. Sie auf der Suche nach neuen Ansätzen nicht zu blockieren, wäre der geringste Beitrag, den man zum menschlichen Fortschritt und gegen die Überforderung leisten kann. Sie zum Mut zu inspirieren (3), heißt einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft zu richten – gerade wenn die Gegenwart nicht dazu angetan ist. Denn auf gutes Wetter zu hoffen, wenn die Sonne scheint, ist kein Ausdruck von Hoffnung. Es braucht Mut, gerade in hoffnungslosen Situationen für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Die amerikanische Essayisten Rebecca Solnit hat diesen Appell an aktiven Mut so auf den Punkt gebracht: „Hoffnung ist die Umarmung des Unbekannten und dessen, was man nicht wissen kann. Hoffnung ist eine Alternative zu der Gewissheit, die Optimisten und Pessimisten gleichermaßen ausdrücken. Optimisten denken alles werde sich zum Guten wenden ganz ohne unser Zutun; Pessimisten nehmen die gegenteilige Haltung ein – beide finden darin eine Entschuldigung dafür, nicht selber aktiv zu werden.“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

In Kategorie: DVG

Weniger schafft mehr – das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was kann ich tun, um Sie davon zu überzeugen, dass Sie die nun folgenden Zeilen über den Wert von Verknappung lesen? Sie haben viel zu tun, da kommt gerade eine Mail rein. Sie könnten den Text in Pocket speichern. Aber jetzt lesen? Das wird schwierig, aber es gibt eine vermeintlich paradoxe Möglichkeit, Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen: Ich kann diesen Text verknappen. Ich lösche ihn nach 24 Stunden oder sperre ihn nach 1000 Aufrufen. Danach ist er verschwunden und Sie können nicht mehr nachlesen, wie im digitalen Ökosystem das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ unsere Aufmerksamkeit lenkt.

Da Sie aber diesen Einstieg schon gelesen haben, haben Sie die Grundzüge der Kernthese schon verstanden. Das ist ein bisschen Meta, aber auch eine schöne Illustration für eine Methode, die das Internet als vermeintlich unbegrenzter Raum in den vergangenen Jahren perfektioniert hat. Im Schatten des Versprechens der schier grenzenlosen Reichweite hat sich eine Form der Aufmerksamkeitssteuerung entwickelt, die auf Exklusivität in den Dimensionen Raum (280 Zeichen), Zeit (24 Stunden) oder Zugang (Invite-Codes) setzt. Wo theoretisch alles kopierbar ist, wird Begrenzung zum Ausweis der Distinktion. Dass sich daraus Formen der Wertschätzung und dann auch Wertschöpfung ableiten lassen, ist nicht verwunderlich, denn Angebot und Nachfrage bestimmten schon vor der Digitalsierung den wahrgenommenen und den wirklichen Preis von Angeboten. (Symbolbild: Unsplash)

Der Weg aus der Welt der begrenzten, analogen Waren (Tonträger, Papierbücher etc.) durch den Überfluss der digitalen Vervielfältigung zurück zur künstlichen Verknappung war lang. Große Teile der Medienbranche folgen auch weiterhin der Logik der grenzenlosen Reichweiten, die durch die kostenfreie Vervielfältigung noch stimuliert wird. Nahezu alle Plattformen des Social-Web bedienen diese Logik, in dem sie im Kern wertlose Zahlen wie Fans oder Likes zu einer Währung erheben. Der Wettkampf um die Steigerung dieser Kennzahlen bildet die Grundlage ihres Geschäftsmodells, führt die Wettkämpfenden aber nicht zwingend zum Erfolg. In erster Linie vernebelt diese Messung den Blick für das, was man eigentlich erreichen will: Sind viele Likes tatsächlich das Ziel?

Die Tatsache, dass sich viele Medienhäuser darauf konzentrieren zahlende Leserinnen und Leser zu binden, ist ein erster Schritt raus aus der Reichweitenfalle. Ihm geht der Schritt voraus, Klarheit darüber zu erlangen, welche Ziele tatsächlich von Bedeutung sind: Zahlende Kund:innen sind dabei ebenfalls als Beispiel für eine Methode der Verknappung zu lesen – und zwar in der Dimension Preis: „Du kommst hier nur rein, wenn du bezahlst“, sagen die Türsteher:innen vor den Bezahlangeboten. Vor anderen Angeboten haben sich Gatekeeper aufgebaut, die wie bei Storys auf Instagram oder in Shopping-Clubs nach 24 Stunden das Angebot verschwinden lassen. Bei Twitter wiederum achten die Wächter:innen darauf, dass kein Angebot über die Grenze von 280 Zeichen hinausgeht. All das ergibt aus der reinen Machbarkeits-Logik des Web keinen Sinn. Es gibt keinen äußeren Grund für diese Begrenzungen – außer der Tatsache, dass die Begrenzung einen Wert schafft. Wer in einem ausverkauften Stadion einen Sitzplatz bekommt, fühlt sich besser als alle, die nicht mehr reingekommen sind.

Dieses Wissen scheint vor lauter Reichweiten-Zauber verloren gegangen zu sein. In der Frühphase wurden immer neue Zusatzstühle in den Räume gestellt. Vor lauter „mehr mehr“ verstummte aber die Frage nach dem Grund für den Besuch im Stadion. In der Sprache der Werbetreibenden lässt sich dieses Bild auflösen in dem Widerspruch zwischen Reach und Impact. Denn in Wahrheit ist die Reichweite stets nur Mittel zu einem anderen Zweck, den man mit Auswirkung, Wert oder Bedeutung übersetzen kann.

Um diesen Impact geht es in dem Newsletter, aus dem dieser Text hier stammt. Seit 66 Folgen schreibe ich die monatlichen Digitalen Notizen. Im Dezember 2014 führte ich den Newsletter mit einer Einladungs-Logik ein. Anfangs konnte man sich nur mit Invite-Codes in die Liste eintragen. Nun ist es an der Zeit, diese Logik auf eine nächste Ebene zu heben. Denn das Ziel dieses Newsletters ist nicht reine Reichweite, der Impact der Mails liegt darin, thematische Vernetzung zu schaffen. Dafür werde ich ab sofort den Versand des Newsletters reglementieren – und diejenigen von der Liste löschen, die seit fünf Folgen keine Mails mehr geöffnet haben.

Auslöser für diese Idee ist die Begrenzung des Newsletter-Dienstleisters Mailchimp. Dort gibt es eine Grenze bis zu der man kostenfrei Mails verschicken kann. Die anfallenden Kosten könnte ich weitergeben, aber ich möchte den Newsletter kostenfrei halten. Deshalb werde ich die Liste der Empfänger:innen der Digitalen Notizen begrenzen. Für die bisherigen Leser:innen ändert sich dadurch nichts – sofern sie den Newsletter auch tatsächlich öffnen. Etwas weniger als 50 Prozent derjenigen, die aktuell auf der Liste stehen, lesen den Newsletter gar nicht*. Die Auswertung in Mailchimp zeigt mir diese so genannte Öffnungsquote an. Der Branchenblick sagt, dass diese Quote für eine aktive Leserinnenschaft spricht. Das heißt aber auch: Durchschnittlich 50 Prozent auf der Liste öffnen den Newsletter nicht. Das ist ihr gutes Recht. Gleichzeitig möchte ich aber für diese Nicht-Leser:innen nicht bezahlen müssen. Deshalb beschränkte ich mein Newsletter-Angebot ab sofort auf diejenigen, die den Newsletter auch wirklich öffnen. Wer dies fünf Folgen lang nicht gemacht hat, wird von der Liste gestrichen.

Mir ist klar, dass ich damit meine potenzielle Reichweite beschränke. Denn in der Logik der Massenreichweite sind Mailadressen das höchste Gut, Kontakte sind das Ziel aller Aktivität. Sie zu löschen, gilt als falsch. Ich sehe das anders: Mir geht es nicht um Adressen und Reichweite. Mir geht es um den inhaltlichen Austausch – in einem interessierten Kreis. (…) im Mail-Newsletter folgen hier ein paar Zeilen über die Art der Exklusivität, die ich hier ausspare. Sie können sich aber jetzt noch hier eintragen, dann können Sie künftig auch Einblick in diesen Kreis erhalten (…) Um dies in einem Bild zu fassen, bietet sich das einer Abendveranstaltung an. Wenn ich Lesungen oder Vorträge halte, spreche ich mit Veranstalter:innen manchmal über die Anzahl der zu erwartenden Besucher:innen. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass sich darin nur selten auch eine Kennzahl über den Wert des Abends ablesen lässt. Ich habe schon sehr inspirierende Abende mit nur drei Gästen erlebt, die für mich keineswegs schlechter waren als Vorträge vor 1000 Menschen.


* Danke für die Hinweise auf die Messungenauigkeit bei der Öffnungsquote. Das ist mir durchaus bewusst, aber eben ein Problem dieser Kennzahlen. Ich werde mich auf die Suche nach einer Alternative machen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Von den anvertrauten Talenten“ ist die Geschichte überschrieben, die im 25. Kapitel des Matthäus-Evangelium erzählt wird. Das Gleichnis beschreibt den Umgang mit Talenten Silbergeld, die sinnvoll eingesetzt bzw. unproduktiv versteckt werden. In biblischer Interpretation ist die Geschichte ein Bild für den Glauben: Wer diesen annimmt, so das Gleichnis, wird damit zu höherer Erkenntnis gelangen.

Abseits der biblischen Auslegung hat diese Geschichte größere Popularität erfahren, weil ihr Fazit einen Effekt beschreibt, den man als „Erfolg begünstigt Erfolg“ zusammenfassen kann. In Vers 29 heißt es:

„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“

Der so genannte Matthäus-Effekt wurde erstmals vom Soziologe Robert K. Merton beschrieben. Dieser beobachtete, dass bekannte wissenschaftliche Autor:innen auch häufiger zitiert werden – und gab der Beobachtung den Namen, der sich auf das genannte Gleichnis bezieht. Man kann dieses Phänomen in unterschiedlichen Bereichen sehen und eine besonders auffällige Ausprägung ist der so genannte positive Netzwerk-Effekt. Dabei steigt der Nutzen für einzelne Konsument:innen dadurch, dass mehr Konsument:innen ein Produkt nutzen. Nahezu alle Angebote im Plattform-Kapitalismus leben von diesem Effekt. (Foto: unsplash)

Dieser Tage wird wieder viel über die Macht und die Bedeutung von Plattformen und Netzwerken diskutiert. Das Spektrum reicht dabei von „Twitter hat sich mit Trump angelegt“ bis zu „New York Times löst sich von Apple News“. Gerne wird dabei darauf hingewiesen, dass die digitalen Plattformen (von Twitter über Airbnb bis Lieferando) selbst gar nichts herstellten und nur von den Inhalten anderer profitieren. Ebenfalls häufig erwähnt wird, dass alle Plattformen verbinde, dass sie einzig kommerziellen Interessen genügten und man deshalb über eine eigene Plattform nachdenken müsse, die ganz anders strukturiert sei.

Ich frage mich dann immer, wie eine nicht-kommerzielle Plattform wohl aussehen würde. Leider habe ich bisher keine befriedigende Antwort gehört bzw. keine, die nicht am Ende auch wieder in Kapitel 25 des Matthäus-Evangelium landet. Denn die sagenumwobenden Algorithmen der kapitalistischen Plattformen (die allüberall kritisiert werden) tun vor allem dies: Sie bilden den Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit ab. Sehr vereinfacht gesprochen folgen sie dem Prinzip: Was viele wichtig finden, kann nicht unwichtig sein. In der Sprache der Bibel formuliert: „Wer da bereits Aufmerksamkeit hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe.“

Dieses Prinzip finden wir auf Google-Ergebnisseiten und in den Timelines von nahezu allen Netzwerken: Wo viel los ist, darauf wird die Aufmerksamkeit gerichtet. Große Debatte, Empörung und Aufregung zieht neue Debatte, mehr Empörung und weitere Aufregung nach sich. Eli Pariser („Die Filterbuble“) hat die Mechanik der Plattformen dabei mal mit einem Beobachter verglichen, der bei einem Vortrag mit dem Rücken zur Sprecherin ins Auditorium schaut und nur auf Basis der Publikumsreaktionen die Rede bewertet. Der Inhalt des Vortrags ist ihm nicht nur egal, er versteht ihn auch nicht (weil er die Sprache der Rednerin nicht spricht). Was er bewertet sind Reaktionen. Auf Basis dieser Reaktionen sucht er neue Inhalte heraus – und diese Inhalte dienen nur dem einen Zweck: Die Nutzer:innen möglichst lange im Raum also in der jeweiligen Plattform zu halten.

Das dieser Logik zugrunde liegende Prinzip heißt außerhalb des Web übrigens Einschaltquote. Und die öffentlich-rechtlichen Anbieter, aus deren Reihen häufig die Rede von einer alternativen Plattform geführt wird, messen diese Einschaltquote genau wie kommerzielle Anbieter es tun. Wenn man genau hinschaut, kann man sogar erkennen, dass sie auch die Themen ihrer TV-Talkshows nach dem Prinzip auswählen. Vermutlich würden sie also auch auf einer alternativen digitalen Plattform diesem Muster folgen. Denn im Kern ist der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit („Was viel Aufmerksamkeit erfährt, wird mit weiterer Aufmerksamkeit bedacht“) ja kein digitales Phänomen, sondern ein journalistisches Reaktionsmuster, das völlig unabhängig vom Web existiert. Die Plattformen, über die wir streiten, haben aus diesem Effekt ein sehr erfolgreiches Geschäft gemacht, das man kritisieren, womöglich reglementieren und schließlich sogar mit Konkurrenzangeboten angreifen kann. Man sollte darüber aber nicht vergessen, dass das zugrunde liegende Prinzip nicht von Google oder Facebook erfunden wurde, es handelt sich vielmehr um ein Muster wie Aufmerksamkeit verteilt wird.

Die Schlüsse, die man daraus ziehen kann, können helfen, die Plattform-Kritik auf ein anderes Niveau zu heben. Sie können den Blick dafür schärfen, was mögliche alternative Plattformen tatsächlich anders als Facebook oder Twitter machen könnten. Dazu müssten wir alle gemeinsam versuchen, den blinden Fleck der digitalen Mediendebatte etwas zu erhellen: den Inhalt. Das zitierte Bild vom Beobachter, der mit dem Rücken zur Bühne ins Auditorium schaut, ist deshalb so stark weil es zeigt: Den erfolgreichen Plattformen geht es zuerst um Kontext dann erst um Content. Eine alternative Plattform müsste davon lernen und unbedingt den Blick auf Meta-Daten richten.

978-3-95757-246-2-x160xx400x-1466586213Das zu schreiben ist aber viel einfach als es auch zu tun: Denn aus der Perspektive von Medien (und ich schreibe das als Journalist!) sind Inhalte noch immer das Wichtigste. Im Eli-Pariser-Bild gesprochen: Wenn Medien ins Auditorium schauen, sehen sie stets zuerst ihr Redemanuskript und dann erst das Publikum. Das Dilemma, das sich daraus ergibt: Medien sehen Content vor Kontext, Plattformen aber sehen Kontext vor Content. (Wie man damit umgehen könnte, habe ich in „Meta – das Ende des Durchschnitts“ versucht zu beschreiben)

Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten wird am Ende überigens derjenige bestraft, der aus Angst seine Talente versteckt und nicht einsetzt. Er will einzig bewahren, was er zu haben glaubt und wird genau dafür von Gott gerügt. Er nimmt ihm die Talente und gibt diese denen, die schon haben. Nach dem obigen Zitat endet das Gleichnis mit den Worten: „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Mehr über den Wert von Kontext und die Bedeutung von Meta-Daten in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“, das man hier im Shop des Verlags Matthes&Seitz bestellen kann.

„Ein Newsletter ist ein Marathon, kein Sprint“ – David Streit von Shelfd

David Streit, Media Strategist bei der Empfehlungsplattform Shelfd, hat diese Woche fünf Lehren beschrieben, die er aus 250 Newsletter-Wochen in den vergangenen fünf Jahren gezogen hat. Zu den Schlagworten Kontinuitität, Unabhängigkeit, Team, Gesicht zeigen und Inaktive User beschreibt er seine Perspektiven auf gute Newsletter. Ich habe ihm dazu ein paar Fragen geschickt.

Herzlichen Glückwunsch zu 250 Newsletter-Wochen. Erinnerst Du Dich noch an den ersten? Was hat sich seitdem geändert?
Dankeschön! In den knapp fünf Jahren seit dem Start ist viel passiert. Unsere allererste Ausgabe der wöchentlichen Mediathekentipps ging an acht Freunde. Damals haben wir sechs Inhalte empfohlen und nur mit einem einzigen Satz zusammengefasst. „Oh Boy“ mit Tom Schilling war zum Beispiel dabei. Und weil der Film seit dem immer mal wieder in der Mediathek erscheint, haben wir ihn insgesamt auch schon sieben Mal empfohlen. Das ist natürlich absolut die Ausnahme.

Was hättest Du ganz am Anfang schon gerne gewusst?
Dass so ein Newsletter (plus Indie-Startup, das ja daraus erwachsen ist) kein Sprint ist, sondern ein Marathon. Und der soll im besten Fall nie enden! Darum bin ich froh, dass ich noch immer genauso euphorisch werde, wenn ich wieder einen tollen Film, eine unterhaltsame Serie oder eine informative Doku entdecke und weiterempfehlen kann. Ich würde jedem raten eine große Neugierde für sein Interessenfeld mitzubringen, wenn man einen Newsletter starten. Wenn man es nur auf den Marketingaspekt abgesehen hat, geht einem nach wenigen Wochen die Luft aus.

Du hast jetzt fünf Lehren aus deinen Newsletter-Erfahrungen notiert und im Newsletter selbst geteilt. Ist das nicht sehr meta?
Ein bisschen. Aber welchen besseren Ort gibt es dafür? Ich habe mich damit ja auch gezielt an Medienpartner gewandt, die womöglich selbst Newsletter schreiben und damit von den Insights profieren könnten. Den Newsletter-Kanal nutze ich gezielt als ein Tagebuch mit Learnings, um sie an unserem Weg teilhaben zu lassen und der Marke Shelfd ein Gesicht mit Auf und Abs zu verleihen.

Mal abstrakt gesprochen: Was macht für dich einen Newsletter erfolgreich?
Aus der Perspektive des Newsletter-Autoren ist es definitiv die enge Verbindung zu den Leser*innen. Ich nutze den Newsletter als verlängertes User Research, stelle Fragen und will wissen, was die Menschen am Streaming stört und was ihnen besonders gefällt. Das kann ich dann für die Entwicklung neuer Produktideen nutzen. Als Leser von Newslettern bleibe ich gerne dabei, wenn meine Welt mit jeder Ausgabe ein Stückchen größer wird.

Gibt es Beispiele, die das deiner Einschätzung nach besonders gut umsetzen?
Da fallen mir sofort die monothematischen Ausflüge in Tech und Journalismus von Johannes Klingebiel ein, der neue Weltraum-Newsletter Spacewalk von Henning Bulka, For The Interested mit Tipps für Content-Creatoren von Josh Spector und No Merci / No Malice von Marketing-Guru Scott Galloway.

Der Newsletter an sich hat gerade mal wieder einen Hype. Deiner Meinung nach zurecht?
Na klar! Welcher andere Kanal bietet schließlich so viele Gestaltungsmöglichkeiten?

Davids Newsletter bei Shelfd kann man hier bestellen. Mehr über gute Newsletter auf briefingbriefing.de, dort ist auch das Interview mit Thomas Marban von Briefingday verlinkt. Falls jemand meinen Newsletter lesen möchte: hier!

Briefingday – wie man einen täglichen Newsletter spannend macht

Thomas Marban schickt mir jeden Tag zehn englischsprachige „Finds“ aus dem Web, die mich stets überraschen. Sein Briefinday ist eine meiner Newsletter-Entdeckungen des vergangenen halben Jahres. Das Besondere: die Links werden in Wien kuratiert. Thomas ist Österreicher – und hat meine Mail mit Fragen zu dem Newsletter deshalb auch auf deutsch beantwortet.

Jeden Tag zehn echt interessante Fundstücke aus dem englischsprachigen Web. Wie kriegst du das hin?
Ich arbeite seit über zwanzig Jahren an verschiedensten Formaten von News Aggregatoren und habe damals auch das Format eines Single Page Aggregators populär gemacht (aktuell hvper.com). Bei meinem Newsletter setze ich allerdings zu 100% auf manuelle Arbeit und lese tatsächlich jeden Tag an die 300 der populärsten US News Sites, aus denen ich die besten 15 Stories zusammenstelle.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen solchen Newsletter starten?
Im Laufe der Jahre hatte ich immer wieder von Usern das Feedback erhalten, daß sie zusätzlich zu einem 100% automatisierten Newsletter auch gerne eine Human-Curated Edition hätten. Der Anstoß dazu kam also schon lange vor dem aktuellen Hype, der letztlich nur das zunehmende Verlangen nach Menschen statt Algorithmen widerspiegelt.

Auf der Landingpage zum Newsletter hast du ziemlich prominente Leser aufgeführt. Was weißt du über die Leserinnen und Leser deines Newsletters?
Ich konnte durch meine Kontakte in die US News Industrie tatsächlich mit einigen großen Namen starten, man sollte allerdings nicht annehmen, daß sie maßgeblich zum Wachstum beitragen. Statistisch halte ich nur die üblichen Indikatoren wie Open/Click Rates und teilweise Kampagnen im Auge. Alles andere halte ich für wenig zielbringend. Im Falle von Briefingday ist die Open Rate von ~62% meiner Meinung nach in diesem Segment aber überdurchschnittlich hoch.

Was ist dein zentraler Ratschlag: Was macht einen guten Newsletter aus?
– Konsistenz, d.h. Täglich zur selben Uhrzeit um den Dopamine fix hoch zu halten.
– Qualität der Inhalte, wobei ich hier immer auf einen 60% „Serious stuff“, 30% „Interesting stuff“ und 10% „Fun stuff“ Mix achte.
– Bewußte Reduktion bzw. Closure — Als eine Balance, den User nicht zu erschöpfen, als auch das Gefühl zu vermitteln, daß er komplett informiert ist.

Neben dem Inhalt fasziniert mich das Empfehlungssystem, das du „Briefingday Referral Rewards“ nennst. Wie funktioniert es?
Relativ simpel: Je nachdem wieviel User einen weiteren erfolgreich einlädt erhält er zunehmend Upgrades wie eine Sonntags-Edition oder den Newsletter 2h früher als der Rest. Anzumerken ist hier daß ich das Referral System komplett selbst gebaut habe da es zwar einige Anbieter wie Substack dafür gibt, jedoch am Ende alles sehr zusammengeflickt wirkt und ich gerne die Ownership über die komplette Kette inkl. aller Daten haben möchte.

Verdienst du mit dem Briefingday Geld?
Nein, es gibt allerdings einige Sponsor-Angebote, die in Zukunft evtl. eingemischt werden. Desweiteren habe ich für Briefingday vom US Inkubator Idealab eine Seed Runde aufgestellt die diese Start- und Entwicklungsphase erleichtert.

Alle sprechen jetzt davon Newsletter seien (mal wieder) das nächste große Ding. Siehst Du das auch so?
Ich denke, daß es vor allem für Journalisten, die sich zunehmend im Bedrängnis einer sterbenden Medienlandschaft sehen, eine Chance ist, sich als eigenständige Stimme zu positionieren — und in weiterer Folge ein Verbund ähnlich einer medium.com Publication entsteht, der Raum für neue Content Micro Brands schafft. Was Monetization betrifft, sollte man sich aber nicht von erfolgreichen Ausreißern wie Stratechery oder The Hustle blenden lassen. Da hier bei ersterem wirklich hochwertige Analysen geboten werden und bei letzterem das starke Wachstum + Revenue auf gekauften Subscribern beruht. Fraglich ist natürlich, ob nicht irgendwann auch bei Newslettern eine Subscription Fatigue einsetzt wie wir sie schon von Streaming Diensten kennen. Bis dahin sehe ich es aber als willkommenen Retro Trend zurück zum Open Web, der ja auch bereits durch eine „raus aus Social Media und zurück zu Weblogs“-Bewegung ergänzt wird.

Mehr über gute Newsletter auf briefingbriefing.de

In Kategorie: DVG

Ausgezeichnete Newsletter

Was braucht ein ausgezeichneter Newsletter? Wenn ich die seit ein paar Tagen laufende Einreichungsfrist beim Online Journalism Award richtig lese, dann geht es vor allem um diese Aspekte:

– eine eigene Stimme
– textliche Qualität
– gutes Design
– passende Frequenz

Erstmals zeichnet der Preis für Online-Journalismus in diesem Jahr Newsletter aus. In der Ausschreibung heißt es:

This category honors single email newsletters that serve as a conduit to delivering news and information. Entries should showcase a unique voice, whether the newsletter is issued by an individual or organization. Entries may span the increasingly wide array of newsletter formats, such as providing a digest of news or events, curating resources, sharing ideas or opinions from individual columnists, providing insight on topical issues or containing original reporting and exclusive content. Submitters should make note of any visual elements that regularly accompany stories and/or provide context. Entries may consist of daily, weekly or other regularly delivered offerings (and we all miss an issue or two, there is no penalty for a reasonable number of gaps). Judges will consider quality of writing, design, frequency, length of content based on the material, subject matter and overall strategy and impact of the newsletter. Please include up to five links of examples or archives or a single .pdf of your newsletter.

Mehr zum Thema unter briefingbriefing.de

In Kategorie: Netz

Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.


Wer hat die Digitalisierung in deinem Unternehmen in den vergangenen Jahren entscheidend voran gebracht? Es folgen drei Abkürzungen zum Ankreuzen: Variante a) der CEO (was die Abkürzung für den obersten Chef ist), b) der CTO (steht für Chief Technology Officer) oder c) COVID_19 (was keine Berufsbezeichnung ist, sondern die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte Viruskrankheit, die gerade die Welt wie wir sie kannten sehr grundsätzlich verändert). Jemand im Internet hat sich den Spaß gemacht, COVID_19 anzukreuzen und dieses Bild ins Netz zu stellen. Die Botschaft ist deutlich: die Coronakrise ist der bedeutsamste Digitalisierungs-Treiber der vergangenen Jahren. Plötzlich entdecken Menschen den Zauber der digitalen Vernetzung, die das Internet eigentlich ablehnen. Plötzlich ist möglich, was jahrelang verschleppt wurde – weil es schlicht die einzige Möglichkeit ist, jetzt und sehr vollständig auf das Digitale zu setzen. „Die Corona-Krise ist ein gesellschaftlicher Umkipp-Punkt, an dem auch die skeptischen Teile der Gesellschaft die seit Jahren beschriebenen Möglichkeiten in die Tat umsetzen“, so mein Urteil am Beginn der Krise, als die Gesellschaft feststellte: Immerhin gibt es das Internet.

Mit jedem Tag, den die Krise dauert, wird aber deutlicher, dass sich gerade nicht nur auf der Anwendungsebene Grundsätzliches ändert. Corona treibt die Digitalisierung nicht nur in der selbstverständlichen Nutzung, sondern auch im Denken voran: Ich meine beobachtet zu haben, wie die Corona-Krise der Gesellschaft ein „Digital Mindset“ nahebringt. Das Leben in der Ungewissheit macht die vormals abstrakte Rede von der VUCA-Welt (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguitität) sehr konkret greif- und fühlbar. Deshalb glaube ich, dass man der Corona-Krise mit Denkmustern begegnen kann, die aus dem Digitalen stammen. Es sind Muster, die noch nie auf Gewissheiten bauen konnten, die auf Lernen und Entwicklung setzen und keine Masterpläne mehr suchen. Ich habe diese Muster in meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ beschrieben und fasse hier die fünf wichtigsten zusammen, die beim Denken in der Corona-Krise helfen können

1. Auf Sicht fahren

Der Weg vor uns liegt im Nebel (Symbolbild: unsplash). Die Corona-Krise zeigt deutlich, was im Digitalen so ähnlich schon immer galt: Wir können nur bedingt planen. Wir bewegen uns in kleinen Schritten und bringen jederzeit die Bereitschaft mit, Anpassungen vorzunehmen. Die Idee, in Sprints zu arbeiten, ist eine Reaktion auf genau diese Ungewissheit. Darin steckt die Bereitschaft, nicht immer „das große Ganze“ lösen zu wollen, sondern sich in Iterationen vorwärts zu bewegen und aus Fehlern zu lernen. Auch auf die Corona-Krise mit diesem agilen Denken zu reagieren, scheint mir ein sinnvoller Weg zu sein. Denn wie absonderlich „der langfristige Plan“ in diesen Zeiten wirkt, merken wir wenn wir überlegen, was wir Anfang März über Corona und die nächsten Wochen sagten…

2. Ausprobieren

Nicht nur in der Corona-Krise gilt: Es gibt nicht den einen Masterplan zur Bewältigung dieser Herausforderung. Es ist eine neue Situation, für die es keine Blaupause aus der Vorgänger-Generation gibt, die Älteren sind nicht automatisch die Klügsten im Raum, sondern genauso ratlos wie wir alle. Wir sind wohl oder übel aufs Ausprobieren angewiesen. Das bedeutet aber auch: wir sollten aufhören, nach Masterplänen zu suchen und beginnen, Menschen zu loben, die Fehler korrigieren und neue Entscheidungen treffen. Lernende System zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf neue Gegebenheiten reagieren, sich anpassen. Wenn der Weg beim beim Gehen, braucht man dafür einen grundlegende Offenheit: Build, Meassure, Learn – der Imperativ auf „Lean Startup“ ist digital denkenden Menschen schon länger ein Leitbild. In der Corona-Krise wird er auf Infektionszahlen und Reproduktions-Statistiken ausgedehnt.

3. Kleiner denken

Wenn es keinen Masterplan gibt, kann man auch aufhören, nach einem stimmigen Fünf-Jahres-Konzept zu suchen. Wichtiger als detaillierte Milestones ist ein grundsätzliche Übereinkunft über die gemeinsame Richtung. Kein einzelner Schritt wird das Gesamtproblem lösen, aber ohne die einzelnen Schritte, kommen wir nicht voran. Wer im digitalen Denken sozialisiert ist, hat sich schon vor Jahren von der Perspektive verabschiedet, alle Probleme auf einmal und vor allem perfekt lösen zu wollen. In agilen Zusammehängen sagt man deshalb: „Done is better than perfect“. Mit Corona-Stimme gesprochen heißt das: Es kann schon ein Erfolg sein, wenn man einen Tag schadenfrei überstanden hat und Schlüsse für den nächsten Tag zieht.

4. Ambiguität aushalten

Komplexe Probleme zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine einfachen Lösungen beinhalten. Schlimmer noch: Manchmal können widersprüchliche Antworten richtig sein bzw. Berechtigung haben. Damit umzugehen nennt mit Ambiguitätstoleranz. Diese Fähigkeit lernt man an keiner Schule, sie basiert auf dem Mut, eigene Wahrheiten in Frage zu stellen – und mit einem ¯\_(ツ)_/¯ immer die Frage zu stellen: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?

5. Vernünftig bleiben

Das süßeste Gift in komplexen Zeiten ist das beruhigende Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Social Media katalysiert diese Form von Selbstvergewisserung in einer Weise, die bedrohliche Züge annehmen kann. Was die Seife im Kampf gegen das Virus ist, ist die Vernunft im Kampf gegen die einfachen Wahrheiten: Sie hilft, die gefährliche Verbreitung zu unterbinden. Dazu zählt, allen Schuldzuweisungen zu misstrauen, die „die Medien“, „die Eliten“ oder „die Pharma-Industrie“ als Strippenzieher eines geheimen Plans „enttarnen“. Die Unterstellung, alle anderen würden nur Böses im Sinn haben und dieses Böse durch die Reaktionen auf die Corona-Krise umsetzen, ist vielleicht beruhigend, aber leider vor allem eins: unvernünftig (Mehr über das „Motive attribution asymmetry“ genannten Phänomen hier).

Vernunft basiert auf dem Mut, sich nicht den Emotionen hinzugeben. Die Fähigkeit, die man dafür immer wieder aufbringen muss, hat Christoph Kucklick mal als „Überforderungsbewältigungskompetenz“ beschrieben. Also als die Fähigkeit, die eigene Überforderung nicht durch einfach Antworten zu bekämpfen, sondern sich der Ratlosigkeit zu stellen und pragmatisch auf sie zu reagieren. Für mich bringt das Schulterzucken des ¯\_(ツ)_/¯ diese Haltung perfekt auf den Punkt. Im Umgang mit den digitalen Herausforderungen habe ich es als enorm hilfreich kennengelernt. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Haltung auch in Bezug auf die Corona-Krise lernen – auch wenn es schwierig ist.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich häufiger mit dem Thema „Digitales Denken“ befasse. Dazu sind zuletzt erschienen: „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Wer mehr über das Thema Digitales Denken wissen möchte: mein Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ handelt genau davon, wie man auf unsichere und komplexe Situationen reagiert.

Glück auf! Wir sind nicht allein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist der etwas ungewöhnliche Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er steht in diesem Monat unter dem Eindruck der ?Corona-Ausnahmesituation.

Ich komme gebürtig aus dem Ruhrgebiet. Das finde ich ziemlich gut. Auch wenn Menschen von woanders nicht sofort auf „ziemlich gut“ kommen, wenn sie aufs Ruhrgebiet angesprochen werden. Das ist aber das Problem von woanders.

Trotzdem gibt es nur wenig, was mir unangenehmer ist, als Ruhrpottkitsch, also die Romantisierung von Dingen, die man für irgendwie „typisch“ hält – für die aber meist gilt, was Frank Goosen völlig zurecht auf den Punkt gebracht hat als: „Woanders ist auch scheiße“.

Besonders anfällig für Ruhrpottkitsch sind alle Dinge, die mit dem Bergbau zusammenhängen (Foto: feinster ?Ruhrpottkitsch aus der Schalke-Arena, wo 60.000 Menschen das Steigerlied singen, das mit „Glück auf, der Steiger kommt“ beginnt). Ehrlich gesagt hätte ich bis vor wenigen Tagen sogar zugestimmt, wenn jemand gesagt hätte, dass jede Anspielung auf den Bergbau voller Ruhrpottkitsch steckt. Dass ich mittlerweile eine Ausnahme für den Gruß Glück auf! machen würde, hängt mit der Ausnahmesituation zusammen, in der die Gesellschaft durch das Coronavirus und seine Folgen steckt.

Mit Glück auf! grüßten sich Bergleute unter Tage, also in den Kohlestollen tief unter der Erde. Glück auf! war Selbstbeschwörung und Wunsch für die anderen gleichmaßen. Glück auf! war Ausdruck der gemeinsamen Hoffnung, bald wieder „nach oben“ zu kommen: also sicher und gesund die beklemmende Enge in den Stollen zu verlassen, in der man nicht mal die Arme ausstrecken geschweige denn aufrecht stehen konnte. Kauern Sie sich bis zum Ende dieser Lektüre einfach mal auf den Boden, dann können Sie verstehen, was für eine Befreiung in diesem Gruss steckt: Glück auf! war das gegenseitige Versprechen von Sonne und Licht in der tiefen Dunkelheit.

Sie können wieder aufstehen. Denn Glück auf! ist vor allem noch heute der freundlichste Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung, die leider viel zu oft in der Augenhöhe-Floskel verhunzt wird. Mit jedem Glück auf! wird greifbar, dass hier zwei ein Schicksal teilen. Es sagt: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“ In jedem Glück auf! klingt deshalb immer sehr deutlich das Versprechen: Wir sind nicht allein!

„We are in it together“ ist das dominierende Gefühl, das ich mit der aktuellen Ausnahmesituation verbinde. Wir stecken alle zusammen hier fest. Und mit wir meine ich die tatsächlich nichts weniger als „die Menschheit“. All die Grenzen, die man uns hinsozialisiert hat, sind plötzlich wertlos: Dem Virus ist egal, woran der Kopf auf dem Körper glaubt, den es infiziert. Auch die Hautfarbe, das Geschlecht, das Gewicht, die Größe und all die anderen Dinge, von denen wir glauben, dass sie uns irgendwie bestimmen, spielen für das Virus keine Rolle. Sprache? Nationalität? Politische oder sexuelle Präferenzen? Für das Virus: alle gleich!

Noch vorsichtiger als mit Ruhrpottkitsch sollte man mit Botschaften sein, die man irgendwo rauslesen will. Aber hier muss man nicht mal genau hingucken um zu erkennen: All die Spaltungen der vergangenen Jahre sind mit einem unachtsamen Husten neben die Ellenbeuge hinfällig. All die Nationalisten und religiösen Fanatiker, die daran glaubten, etwas Besseres zu sein, verlieren ihre Grundlage. Im Angesicht des Virus spielt es keine Rolle, was du zu Thema x meinst oder ob du womöglich (Skandal!11!!!) anderer Meinung bist als ich.

Ich markiere mir genau diese Erinnerung in Pocket (oder einem anderen Readit-Later-Dienst) um wieder dran zu denken, wenn demnächst irgendeine Umweltsau durchs Dorf gejagt wird. Denn ich glaube fest daran, dass wir diese beklemmende Enge der Corona-Ausnahmesituation irgendwann wieder verlassen können. Und wenn wir dann wieder über Tage sind, will ich mich genau daran erinnern können – und ein wenig wie das Virus auf all die Konflikte und Spaltungen gucken: Sind halt alles Menschen!

Als kleine Erinnerung daran verwende ich deshalb den Gruß Glück auf! wenn ich Menschen in räumlicher (nicht sozialer) Distanz signalisieren will: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“
Das ist so ähnlich wie das freundliche Bleiben Sie gesund!, das ich in diesen unruhigen Tagen immer wieder höre – und das mich jedes Mal kurz zucken lässt. Diese drei Worte wecken bei mir stets den Eindruck, Gesundheit sei etwas, das man sich vornehmen kann, das davon abhängt, dass man es aktiv tut. Klar, es gibt einige Regeln für die aktuelle Corona-Lage, die im Sinne der Gesundheit verbreitet werden. Aber grundsätzlich zeigt die aktuelle Situation doch vor allem das: Gesundheit ist nichts, was man sich vornehmen kann.

Der Wunsch besagt natürlich viel mehr. Er sagt: Kommen Sie gut durch diese Zeit. Er ist ein Ausdruck von Empathie und Freundlichkeit. Und er ist auch deshalb so erstaunlich, weil man ihn in Zusammenhängen hört, wo bisher weniger Platz war für Empathie und Freundlichkeit. Deshalb denke ich mir bei jedem Bleiben Sie gesund! immer ein kleines Bleiben Sie menschlich! hinten dran. Weil das für mich einschließt, dass man daheim bleibt, auch wenn man selber nicht zur Risikogruppe zählt. Weil es daran erinnert, dass man anderen hilft, dass man nur soviel kauft wie man selber braucht und keine unsinnige Gerüchte verbreitet.

Bleiben Sie menschlich, bleiben Sie gesund – das beides und noch einiges mehr steckt in dem Gruß, den ich mit diesem Newsletter verschicken will: Glück auf! ist in diesen dunklen, engen Tagen ein Versprechen von Licht, Weite und Menschlichkeit!