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Glück auf! Wir sind nicht allein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist der etwas ungewöhnliche Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er steht in diesem Monat unter dem Eindruck der 🦠Corona-Ausnahmesituation.

Ich komme gebürtig aus dem Ruhrgebiet. Das finde ich ziemlich gut. Auch wenn Menschen von woanders nicht sofort auf „ziemlich gut“ kommen, wenn sie aufs Ruhrgebiet angesprochen werden. Das ist aber das Problem von woanders.

Trotzdem gibt es nur wenig, was mir unangenehmer ist, als Ruhrpottkitsch, also die Romantisierung von Dingen, die man für irgendwie „typisch“ hält – für die aber meist gilt, was Frank Goosen völlig zurecht auf den Punkt gebracht hat als: „Woanders ist auch scheiße“.

Besonders anfällig für Ruhrpottkitsch sind alle Dinge, die mit dem Bergbau zusammenhängen (Foto: feinster 🦠Ruhrpottkitsch aus der Schalke-Arena, wo 60.000 Menschen das Steigerlied singen, das mit „Glück auf, der Steiger kommt“ beginnt). Ehrlich gesagt hätte ich bis vor wenigen Tagen sogar zugestimmt, wenn jemand gesagt hätte, dass jede Anspielung auf den Bergbau voller Ruhrpottkitsch steckt. Dass ich mittlerweile eine Ausnahme für den Gruß Glück auf! machen würde, hängt mit der Ausnahmesituation zusammen, in der die Gesellschaft durch das Coronavirus und seine Folgen steckt.

Mit Glück auf! grüßten sich Bergleute unter Tage, also in den Kohlestollen tief unter der Erde. Glück auf! war Selbstbeschwörung und Wunsch für die anderen gleichmaßen. Glück auf! war Ausdruck der gemeinsamen Hoffnung, bald wieder „nach oben“ zu kommen: also sicher und gesund die beklemmende Enge in den Stollen zu verlassen, in der man nicht mal die Arme ausstrecken geschweige denn aufrecht stehen konnte. Kauern Sie sich bis zum Ende dieser Lektüre einfach mal auf den Boden, dann können Sie verstehen, was für eine Befreiung in diesem Gruss steckt: Glück auf! war das gegenseitige Versprechen von Sonne und Licht in der tiefen Dunkelheit.

Sie können wieder aufstehen. Denn Glück auf! ist vor allem noch heute der freundlichste Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung, die leider viel zu oft in der Augenhöhe-Floskel verhunzt wird. Mit jedem Glück auf! wird greifbar, dass hier zwei ein Schicksal teilen. Es sagt: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“ In jedem Glück auf! klingt deshalb immer sehr deutlich das Versprechen: Wir sind nicht allein!

„We are in it together“ ist das dominierende Gefühl, das ich mit der aktuellen Ausnahmesituation verbinde. Wir stecken alle zusammen hier fest. Und mit wir meine ich die tatsächlich nichts weniger als „die Menschheit“. All die Grenzen, die man uns hinsozialisiert hat, sind plötzlich wertlos: Dem Virus ist egal, woran der Kopf auf dem Körper glaubt, den es infiziert. Auch die Hautfarbe, das Geschlecht, das Gewicht, die Größe und all die anderen Dinge, von denen wir glauben, dass sie uns irgendwie bestimmen, spielen für das Virus keine Rolle. Sprache? Nationalität? Politische oder sexuelle Präferenzen? Für das Virus: alle gleich!

Noch vorsichtiger als mit Ruhrpottkitsch sollte man mit Botschaften sein, die man irgendwo rauslesen will. Aber hier muss man nicht mal genau hingucken um zu erkennen: All die Spaltungen der vergangenen Jahre sind mit einem unachtsamen Husten neben die Ellenbeuge hinfällig. All die Nationalisten und religiösen Fanatiker, die daran glaubten, etwas Besseres zu sein, verlieren ihre Grundlage. Im Angesicht des Virus spielt es keine Rolle, was du zu Thema x meinst oder ob du womöglich (Skandal!11!!!) anderer Meinung bist als ich.

Ich markiere mir genau diese Erinnerung in Pocket (oder einem anderen Readit-Later-Dienst) um wieder dran zu denken, wenn demnächst irgendeine Umweltsau durchs Dorf gejagt wird. Denn ich glaube fest daran, dass wir diese beklemmende Enge der Corona-Ausnahmesituation irgendwann wieder verlassen können. Und wenn wir dann wieder über Tage sind, will ich mich genau daran erinnern können – und ein wenig wie das Virus auf all die Konflikte und Spaltungen gucken: Sind halt alles Menschen!

Als kleine Erinnerung daran verwende ich deshalb den Gruß Glück auf! wenn ich Menschen in räumlicher (nicht sozialer) Distanz signalisieren will: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“
Das ist so ähnlich wie das freundliche Bleiben Sie gesund!, das ich in diesen unruhigen Tagen immer wieder höre – und das mich jedes Mal kurz zucken lässt. Diese drei Worte wecken bei mir stets den Eindruck, Gesundheit sei etwas, das man sich vornehmen kann, das davon abhängt, dass man es aktiv tut. Klar, es gibt einige Regeln für die aktuelle Corona-Lage, die im Sinne der Gesundheit verbreitet werden. Aber grundsätzlich zeigt die aktuelle Situation doch vor allem das: Gesundheit ist nichts, was man sich vornehmen kann.

Der Wunsch besagt natürlich viel mehr. Er sagt: Kommen Sie gut durch diese Zeit. Er ist ein Ausdruck von Empathie und Freundlichkeit. Und er ist auch deshalb so erstaunlich, weil man ihn in Zusammenhängen hört, wo bisher weniger Platz war für Empathie und Freundlichkeit. Deshalb denke ich mir bei jedem Bleiben Sie gesund! immer ein kleines Bleiben Sie menschlich! hinten dran. Weil das für mich einschließt, dass man daheim bleibt, auch wenn man selber nicht zur Risikogruppe zählt. Weil es daran erinnert, dass man anderen hilft, dass man nur soviel kauft wie man selber braucht und keine unsinnige Gerüchte verbreitet.

Bleiben Sie menschlich, bleiben Sie gesund – das beides und noch einiges mehr steckt in dem Gruß, den ich mit diesem Newsletter verschicken will: Glück auf! ist in diesen dunklen, engen Tagen ein Versprechen von Licht, Weite und Menschlichkeit!

„E-Mail ist die neue Homepage“ – über bessere Newsletter

Kennen Sie Morning Brew? Haben Sie schon mal von TheSkimm gehört oder von Next Draft? Dabei handelt es sich um Angebote, die man als „newsletter first media“ beschreiben kann. Als Medien also, die Newsletter nicht als verlängerte Marketingmaßnahme oder Digitalverstärker für einen davon unabhängigen Inhalt ansehen, sondern im Newsletter selbst das Angebot erkennen, das das Interesse von Nutzer*innen erfüllt.

Im digital interessierten Deutschland ist das irrigerweise Blog genannte Socialmediawatchblog von Martin, Simon und Tilman das bekannteste Beispiel für diese Form von Newsletter-Medien. Für ihren unbedingt empfehlenswerten Newsletter (hier bestellen) haben sie den hierzulande populären Namen Briefing gewählt. Auch das Handelsblatt (Morningbriefing), der Tagesspiegel (Entscheider-Briefing) mein ehemaliger Kollege Nikolaus Röttger (Ki-Briefing), die Mediapioneers (Tech-Briefing etc.) und viele andere nutzen den vom englischen „Einsatzbesprechung“ abgeleiteten Begriff, der kurze, handlungsbezogene Informationen versprechen soll (Foto: unsplash).

„Email hat die klassische Zeitung ersetzt und aus einer digitalen Perspektive ist Email die neue Homepage“, zitiert digiday den Marketingchef von Morning Brew, der in dem Text den staunenden Medienmachern erklärt, dass man allein mit Newslettern Geld verdienen kann. „Newsletter“, so sein Fazit, „sind der Schlüssel um ein Verhältnis zu den Leser*innen aufzubauen.“
Anlass für den Bericht waren aktuelle Zahlen, die die Marketing-Abteilung von Morning Brew veröffentlicht hatte: deren täglicher Wirtschaftsnewsletter, der aus einer Uni-Idee zweier Studenten entstand, kommt aktuell auf 1,8 Millionen Abonennten und will bis zum Ende des ersten Quartals 2020 auf zwei Millionen Abonennten kommen.

Das ist erstaunlich und taugt zu Meldungen über den Erfolg des eigentlich ja alten Mediums „Email“ (mein Liebesbrief an die Technologie steht hier). Richtig spannend sind diese Zahlen aber erst, wenn man der Frage nachgeht: Wo kommen sie her?

Die Antwort auf diese Frage legt das grundlegene Missverständnis des Journalismus offen: Ich bin sozialisiert mit der Haltung „gute Geschichten finden ihre Leser“. Daraus leiten manche Kolleg*innen die Annahme ab, dass guter Journalismus sich einzig auf gute Geschichten konzentrieren müsse und dann schon Erfolg haben wird. Dass die Kunst, Leser*innen zu gewinnen und zu begeistern ebenfalls eine journalistische Aufgabe ist, gerät dabei manchmal etwas aus dem Blick.

„Natürlich ist der Inhalt super wichtig“, erklärt Annemarie Dooling, die bei Vox Media (und jetzt beim Wall Street Journal) für Enagement über Newsletter zuständig war, in diesem Interview. „Aber es gibt diesen riesigen Bereich mit Dinge, an die niemand im Unternehmen dachte, weil sie zu technisch oder marketinglastig sind.“

Wie die Macher*innen von Morning Brew das gemacht haben, kann man in diesem Medium-Post nachlesen. Dort beschreibt Tyler Denk, Produktchef von Morning Brew, wie sie mit Hilfe eines „Leser werben Leser“-Programms neue Abonent*innen gewonnen haben. In der Sprache des Web nennt man dieses Empfehlungs-System „Referral-Marketing“ und beschreibt damit die Möglichkeiten, über Links, die man persönlich zuordnen kann, diejenigen zu identifizieren und zu belohnen, die viele neue Leser*innen angeworben haben. Wer dabei besonders erfolgreich war, hat Produktvorteile zum Beispiel bei Dropbox bekommen, konnte aber vor allem einen zusätzlichen exklusiven Sonntags-Newsletter bestellen. Das Referreal-Programm ist ziemlich ausgefeilt, es zeigt aber vor allem: Newsletter sind nicht nur ein Kommunikationstool um mit Leser*innen in Kontakt zu bleiben, Newsletter können auch Leser*innen zu Werbenden für den Inhalt machen:

It’s helped turn readers into evangelists and evangelists into walking advertisements. It’s the ultimate 1 + 1 = 3 scenario that makes all of our acquisition channels X times more effective.

Ich finde das aus einer journalistischen Perspektive äußerst spannend. Es öffnet den Blick auf die Möglichkeiten, die sich abseits des Inhalts ergeben, wenn man das vernetzte Umfeld des Internet ernst nimmt. Das möchte ich künftig etwas genauer verfolgen, deshalb habe ich die Domain briefingbriefing.de reserviert und sammle dort interessante Links und Interviews zum Thema Newsletter und Emails im journalistischen Kontext. Neuigkeiten auf der Seite verlinke ich hier im Blog – aber natürlich vor allem in meinem eigenen monatlichen Digitale-Notizen-Briefing.

Zehn (digitale) Dinge, die ich in den Zehnern gelernt habe (Digitale Januar Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Eine Liste! Natürlich muss ein Text über die Erkenntnisse der Zehnerjahre dieses Format nutzen. Denn die vergangene Dekade war geprägt von den Listicles genannten Aufzählungen, die erst viel Freude – und dann Clickbait den Boden bereiteten. Diese nun folgende Liste will einen digitalen Zwischenstand (Foto: Unsplash) zusammenfassen: Zehn Dinge, die ich glaube verstanden zu haben im vergangenen Jahrzehnt – über das Internet und den digitalen Wandel. Und wie die Form ist auch der Inhalt geprägt von seiner Zeit: Denn keiner der folgenden Punkte will abschließende Wahrheit für sich beanspruchen. Die Punkte basieren im Gegenteil auf der prozesshaften Grundhaltung, am Wahrheiten zu sein, also in Bewegung und offen für Veränderung.

1. Es spielt eine Rolle, was Du tust
2. Transformation ist weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Frage
3. Das Internet (und seine Folgen) geht nicht mehr weg
4. Veränderung ist nicht nur möglich, sondern beständig
5. Wir stecken mitten in einem wuchtigen Generationenkonflikt
6. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung der Gegenwart
7. Kontext schlägt Content: Meta-Daten sind die unterschätzten Treiber des Jahrzehnts
8. Der Durchschnitt als dominantes Prinzip verliert an Bedeutung
9. Ohne digitale Kopie keine Digitalisierung
10. Das Gegenteil könnte stimmen

1. Es spielt eine Rolle, was Du tust

Die Nacht auf den 23. Juli 2016 war in München geprägt von Angst und Panik. Das lag zum einen an dem – wie wir heute wissen – rechtsradikalen Terroranschlag am Olympia-Einkaufzentrum. Es lag aber vor allem daran, dass die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung in dieser Nacht zu einem Panik-Beschleuniger wurden: Timeline der Panik heißt die #langstrecke-Rekonstruktion der Kolleg*innen, die nachzeichnet, wie Gerüchte und Halbwahrheiten sich durch die Stadt gefressen haben. Man kann eine Menge aus dieser Nacht lernen (gemeinsam mit Manuel Kostrzynski und Heiko Bielinski haben wir deshalb die Medienkompetenz-Schulung gegen-die-panik.de ins Netz gestellt), aber vor allem dies: Es spielt eine Rolle, was Du tust. Du kannst Einfluss darauf nehmen, ob Gerüchte sich verbreiten. Die Art wie du dich in Dark-Social-Gruppen verhältst, hat Folgen. Dein Beitrag ist wichtig! Der New York Times Kolumnist Farhad Manjoo hat dies so zusammengefasst: „Die Lehre der vergangenen Dekade lautet, dass unsere privaten Entscheidungen über Technologie Geschäftsmodelle und Gesellschaften verändern können. Sie spielen eine Rolle.“

Diese Erkenntnis hat deshalb Bedeutung weil sie nicht nur in digitalen Ökosystemen gilt. Greta Thunberg und die ebenfalls durchs Digitale beschleunigte Fridays-for-Future-Bewegung haben gezeigt, dass dies auch für andere Politik-Bereiche gilt. Die größte Gefahr der Zehnerjahre scheint es mir deshalb zu sein, sich Machtlosigkeit einreden zu lassen: Mag die Aufgabe auch noch so groß oder noch so komplex sein: Lass Dir nicht einreden, dass Du zu klein bist, um Dich damit zu befassen!

2. Transformation ist weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Frage

Am Anfang der Zehnerjahre dachte ich bei der digitalen Transformation ginge es vor allem um technische Fragen. Die folgenden Punkte handeln auch genau davon: wie die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ganze Branchen verändert, wie Kultur zu Software wird und wie die Öffentlichkeit sich segmentiert. Dahinter stecken tiefgreifende Transformationen, die bei weitem noch nicht abgeschlossen sind. Aber vor diesen eher technischen Aspekten steht die kulturelle Frage: Wie gehst du mit dem Neuen um? Bist du offen für Veränderung?

Denn alle technische Innovation bleibt so lange wertlos, wie sie auf kulturelle Widerstände trifft. Die Verteidigungs- und Verweigerungskräfte sind dort besonders ausgeprägt, wo die Frage „Kann es (noch) besser werden?“ beständigt verneint wird. Digitales Denken zeichnet sich meiner Einschätzung nach deshalb auch weniger einzig durch das technische Verständnis als vielmehr durch die Bereitschaft zur Verständigung und zur Veränderung aus. Dazu zählt die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive des und der anderen wahrzunehmen: ¯\_(ツ)_/¯

3. Das Internet (und seine Folgen) geht nicht mehr weg

„Die Unterscheidung zwischen einer irgendwie echten analogen Welt auf der einen Seite und einer irgendwie neuen digitalen Welt auf der anderen Seite hat sich aufgelöst. Anders formuliert: Die Mitte der Gesellschaft bemerkt gerade, dass sie sich vielleicht anders mit dem Internet befassen sollte.“ Diese Sätze habe ich erst am Ende der Dekade in die SZ geschrieben – nachdem ein junger Digitalpublizist (in Medien oft noch als YouTuber beschrieben) mit einem ernorm reichweitenstarken Video gezeigt hatte, dass sich #diesejungeleute mehr für Politik interessieren als die etablierten Generationen erwartet hatten. Doch das Erstaunen war noch größer weil der Generationenkonflikt auch greifbare Ergebnisse bei der Europawahl produzierte und damit auch den Skeptiker*innen zeigte: Das Internet ist nichts, was man der Gesellschaft optional hinzufügen kann, es ist die Gesellschaft. Denn das heißt auch: Wer sich nicht für das Internet interessiert, verliert den Anschluss an die Gegenwart – und an gegenwärtige Gesellschaft.

Nicht wenige Menschen reagieren darauf mit Angst und Ablehnung. Der Economist diagnostiziert „eine Orgie der Nostalgie“, die nicht nur den Westen erfasst hat und die sich auch darin ausdrückt, dass Menschen ständig Sorgen aussprechen, statt Hoffnungen zu formulieren. Wer jedoch hoffnungsvoll auf Veränderungen blickt, kann eine Fähigkeit trainieren, die man mit Robert Musil als „Möglichkeitssinn“ beschreiben könnte.

4. Veränderung ist nicht nur möglich, sondern beständig

Die Welt verändert verbessert sich schneller als vielen es bewusst ist. Gerade darin begründet sich ja die Angst derjenigen, die spüren, dass ihr Wissen an Bedeutung verliert. Der Bildungsforscher Andreas Schleicher formuliert den Wandel so: „Kompetenz ist die wichtigste Währung des 21. Jahrhunderts. Aber es ist eine Währung mit einem hohen Grad an Inflation.“ Der Inflationsprozess verläuft für ihn so: „Ich nutze meine Kompetenzen nicht. Die Welt verändert sich. Ich kann im Grunde jeden Tag weniger.“ (zitiert nach „Das Pragmatismus-Prinzip“)

Denkt man diesen Wandel zusammen mit dem oben erwähnten Generationenkonflikt ist man mitten drin in der zentralen Herausforderung dieser (und der kommenden Dekade): Autorität muss sich neu begründen. Lebensalter alleine ist in einer Zeit, die durch lebenslanges Lernen geprägt ist, keine Autoritätsbegründung mehr. Es geht vielmehr darum, wie man beständig mit dem Neuen und Verstörenden umgeht, ohne das Lernen nun mal nicht auskommt. Auf diese Überforderung gibt es zwei Reaktionsmuster: Man kann sich auf die vermeintlich bessere Vergangenheit und dort vermutete einfache Antworten zurückziehen (Früher weiß alles besser) oder man kann versuchen, eine Fähigkeit zu erlernen, die Christoph Kucklick „Überforderungsbewältigungskompetenz“ nennt und die ich dem Shruggie zugeschrieben habe: ein gestaltendes Schulterzucken.

5. Wir stecken mitten in einem wuchtigen Generationenkonflikt

Am Beginn der Dekade war oft die Rede vom digitalen Graben, der die Gesellschaft trennt. Mittlerweile hat er sich zu einem riesigen Problem ausgewachsen – wie sich in diesem Jahr an der Klimadebatte und an der Auseinandersetzung ums Urheberrecht gezeigt hat. Der Konflikt zwischen denen, die bewahren und jenen, die gestalten wollen, also „zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.“

Ich glaube wir erleben gerade den Anfang dieser Auseinandersetzungen (mit Umweltsau und Ok Boomer) und daraus erwächst eine Herausforderung, die für das gesamte digitale Ökosystem gilt: Wir sollten weniger Recht haben müssen. Anders formuliert: Medienkompetenz ist immer auch Streitkompetenz – und damit die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive eines anderen zu betrachten.

6. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung der Gegenwart

„In einer Welt voller Informationen bedeutet diese Fülle zugleich einen Mangel an etwas anderem: eine Knappheit von dem, was Informationen verbrauchen. Was das ist, liegt auf der Hand: Informationen verbrauchen die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger. Folglich erzeugt ein Reichtum an Informationen eine Armut an Aufmerksamkeit.“ Dieses Zitat stammt aus dem Jahr 1972 vom Sozialwissenschaftler Herbert Simon. Und es beschreibt das Verhältnis von Information und Aufmerksamkeit in einem Zeitalter, in dem Publikationsmittel demokratisiert werden. Jede und jeder kann publizieren. Die spannende Frage ist heute nicht mehr, wer sich öffentlich äußert, sondern wer gehört wird. Und damit kommen wir zum ersten Punkt der Liste zurück und zu der ganz persönlichen Frage: Wem schenkst du Aufmerksamkeit?

Diese Dekade hat uns vor Augen geführt, dass in der Antwort auf diese Frage eine politische Ebene stecken kann – das gilt für den Umgang mit weltweitem Terror und für die Debatte um Ok Boomer. Wer auf diese Weise auf das Zusammenspiel von Information und Aufmerksamkeit blickt, kommt nicht umhin festzustellen:

7. Kontext schlägt Content: Meta-Daten sind die unterschätzten Treiber des Jahrzehnts

Wir haben bei der Betrachtung der digitalen Kopie in den Zehnerjahren einen Fehler gemacht. Wir haben stets auf den Inhalt geschaut und gedacht, die Kopie sei ein Raub am Original. Wir hätten vielmehr und viel früher den Blick auf das richten sollen, was beim Kopieren neu entsteht: die Metadaten. Dann hätten wir erkannt: „Die Kopie raubt nicht Content, sie produziert: Kontext!“ (zitiert nach Meta!)

Die Beziehung von Inhaltsdaten zueinander kann wertvoller sein als die Inhaltsdaten selber – das hat nicht zuletzt Edward Snowden mit seinen Enthüllungen der Welt vor Augen geführt. Auf dieser Beobachtung basiert aber auch der Plattform-Kapitalismus, der diese Dekade geprägt hat. Sie erklärt, warum Kontext-Anbieter mächtiger geworden sind als Inhalte-Anbieter.

8. Der Durchschnitt als dominantes Prinzip verliert an Bedeutung

Die Macht des Kontext greift auch ein Konzept an, das Chris Anderson mal als „Diktat des kleinsten gemeinsamen Nenners“ beschrieben hat: die Mainstream- oder Durchschnittskultur, die auf dem Prinzip „Ein Sender – eine Botschaft – viele Empfänger“ basiert. Diese Form der Massenkultur hat das 20. Jahrhundert geprägt. Das 21. Jahrhundert hingegen ist von einer massenhaften Nischenkultur geprägt, die eine Segmentierung der Öffentlichkeit nach sich zieht: Ich nenne es „Das Ende des Durchschnitts„, denn eben durch Metadaten können nicht nur Botschaft nach Empfänger gefiltert werden, sie werden zum Teil auch erst durch die Metadaten des Empfängers geschaffen.

Spotify zeigt mit seinem Daily Drive genannten Versuch, Musik und Wortbeiträge auf die Interessen der Hörer*innen zuzuschneiden, wie sich die Idee des „Beste Hits“-Radios in Zukunft verändern wird. Viele weitere Bereiche werden von dieser Entwicklung betroffen sein, die in den vergangenen zehn Jahren ihren Anfang nahm.

9. Ohne digitale Kopie keine Digitalisierung

Ich nenne sie die historische Ungeheuerlichkeit und sehe in der Kopie die Grundlage für das, was wir digitale Transformation nennen. Die Möglichkeit, Inhalte identisch zu duplizieren, kann nicht hoch genug bewertet (ich würde sogar sagen gelobt) werden. Sie ist die Voraussetzung für die Versionierung von Inhalten (Kultur wird zur Software) und für den wachsenden Wert von Kontext. Meine Einschätzung ist: Wer die Kopie als Funktionsprinzip verstanden hat, erhält tieferen Einblick in die digitale Gegenwart. Denn die Kopie hat sich mittlerweile weit über das Ökosystem Internet hinaus bewegt und prägt die politische Kommunikation auf erstaunliche Weise. Limor Shifman spricht von der Memefizierung der Gegenwart und öffnet damit die Tür, um sowohl die kurzlebigen Hashtag-Debatten als auch die sehr grundlegenden Debatten-Trends zu verstehen.

Dass die Möglichkeit, nahezu kostenfrei Inhalte vom Träger zu lösen und zu vervielfältigen, auch ganze Geschäftsmodelle auf den Kopf stellt, kommt noch hinzu. Die Musik- und Medienbranche hat in den vergangenen zehn Jahren hier erstaunliche Wandlungen durchlaufen – und vieles spricht dafür, dass dies in den kommenden zehn Jahren weiter gehen wird. Eine der wenigen Konstanten, die ich dabei sehe: die Kopie wird nicht verschwinden.

10. Das Gegenteil könnte stimmen

Ich finde man kann keine glaubwürdige gegenwärtige Äußerung treffen, ohne deren Gegenteil mitzubedenken. Wer am Wahrheiten ist (s.o.), ist dies selbstverständlich gewöhnt, es lohnt sich aber immer wieder daran zu erinnern, dass das Gegenteil stimmen könnte. Kurt Tucholsky wird (vermutlich falscherweise) das Zitatz zugeschrieben, Toleranz sei der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte. In diesem Sinne tolerant zu bleiben, scheint mir eine Voraussetzung für die offenen Gesellschaft (natürlich mit dem Verweis auf Popper und die Grenzen der Toleranz). Auszuhalten, dass man nicht immer nur Recht haben muss, lässt sich etwas wissenschaftlicher mit den Begriff „Ambiguitätstoleranz“ zusammenfassen. Das bedeutet auch, dass man anerkennt, dass die Gegenwart widersprüchlich ist, dass man am Anspruch stets alles richtig machen zu wollen, scheitern muss.

In diesem Sinne ist auch diese Liste zu lesen, die sich ihrer eigenen Unzulänglichkeit bewusst ist. Details zu den Punkten findet man in den Büchern, die ich in den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht habe: „Mashup – Lob der Kopie“ (2011, Suhrkamp), „Eine neue Version ist verfügbar“ (2013, metrolit), „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ (2017, Matthes&Seitz), „Das Pragmatismus-Prinzip“ (2018, Piper), „Gebrauchsanweisung für das Internet“ (2018, Piper)

Dieser Text ist Teil meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. In diesem Jahr sind in diesem Newsletter folgende Texte erschienen:
> 12 Dinge, die erfolgreiche Tiktoker tun (Dezember)
> Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (November)
> 50 Dinge, die man zum 50. Geburtstag übers Internet wissen könnte (Oktober)
> Essen ist fertig – online (September)
> Handeln vs. Sein (August)
> #internetbriefmarke (Juli)
> Es bleibt was du tust (Juni)
> Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai)
> 70 Jahre Grundgesetz (April)
> Warum die Urheberechtsdebatte schon jetzt ein Fortschritt ist (März)
> Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Februar)
> Meinungsvirus: das bessere Bild für einen Shitstorm (Januar)

Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Es ist eines der großen Probleme unserer Zeit, dass Medien manchmal über Dinge berichten (müssen), die eben durch die Berichterstattung zu einem Thema oder manchmal auch zu einem handfesten Problem werden. Ich nenne dieses Phänomen die Ambiguität der Aufmerksamkeit und es führt – wie hier und hier beschrieben – dazu, dass das bewusste Ignorieren von bestimmten Abläufen, eine politische Entscheidung sein kann. Denn wenn es blöd läuft, sorgt ausgerechnet die Dokumentationspflicht, die manche Medien empfinden, dafür, dass Marketingpläne aufgehen und die Berichterstattung als Teil einer Kampagne genutzt wird.

Ich will dies im Folgenden am Beispiel des Spins illustrieren, den der Betrüger Claas Relotius und seine Anwälte seiner Lügen-Geschichte gegeben haben. Diese Kampagne war so offensichtlich, dass sie als Lehrbeispiel in Sachen Medienkompetenz und Krisenkommunikation gelesen werden kann.
Ich wähle dabei das Bild eines Spins, weil die Kampagne funktioniert wie das gleichnamige Prinzip aus dem Ball-Sport (Symbolbild: unsplash): ein Tischtennis- oder Tennisball wird mit soviel Spin oder Effet geschlagen, dass die Gegenseite manchmal einfach nur den Schläger hinhalten muss und so einen Fehler begeht – weil der Ball dann ins Aus geht und der Spin-Treibende einen Punkt macht. Genau das ist diese Woche passiert.
In der Rolle der Spin-Geber: Relotius und seine Anwälte.
In der Rolle der Schlägerhaltenden: Die Zeit und Teile der deutschen Öffentlichkeit.

Ich äußere mich bewusst nicht zum Inhalt der Vorwürfe, die Relotius erhebt (komme allerdings später nochmal indirekt darauf). Denn indem man sich das Thema aufdrängen lässt, ist man dem Spin schon verfallen. Henriette Löwisch, Schulleiterin der Deutschen Journalistenschule, hat das in diesem Twitter-Thread perfekt zusammengefasst

Lehrstunde Medienkompetenz: Fünf Fragen zum durchsichtigen Plan des Betrügers Claas Relotius

Worin genau besteht der Spin?
Welche Möglichkeiten könnte es geben, um das Ansehen von Claas Relotius in der Öffentlichkeit zu heben? Klar, er könnte sich entschuldigen – zuerst bei denen, die „unwahre Interpretationen und Falschbehauptungen“ von Claas Relotius über sich hinnnehmen mussten, aber natürlich auch bei der Öffentlichkeit und bei den redlich arbeitenden Journalist*innen, deren Reputation er nachhaltig beschädigt hat. Wer aber einfach nur sein Image heben will, ohne selber etwas zu tun, wählt einen anderen Weg, einen, den man aus Wahlkämpfen kennt: Man versucht zunächst, das Problem zu personalisieren und eine Gegenseite zu konstruieren. Hier lohnt es sich kurz inne zu halten: Denn allein die Tatsache, dass wir glauben, es gebe einen Fall „Relotius gegen Moreno“ ist schon Teil des Spins, den wir gerade erleben. Fallen Sie bitte nicht erneut auf Claas Relotius rein: Wenn überhaupt lautet der Fall „Relotius gegen die Öffentlichkeit“, also gegen uns alle!

Es ist schon eine Leistung, der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, die Gegenseite sei eine konkrete andere Person (eben Juan Moreno). Auf dieser Leistung baut der zweite Schritt auf, in dem es darum geht, die Glaubwürdigkeit der vermeintlichen Gegenseite so nachhaltig wie möglich zu erschüttern. Dafür gibt es unterschiedliche Methoden, in Wahlkämpfen wird der persönliche Hintergrund durchleuchtet, um dort Verfehlungen zu finden und in die Öffentlichkeit zu zerren. Das Ziel bei all dem: Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Person streuen. Im konkreten Fall soll damit beim Publikum der Eindruck erweckt werden „die schummeln ja alle“. Folge: Das Image des Fälschers Relotius hebt sich automatisch, seine singuläre widerwärtige Betrugsgeschichte wird relativiert. Das Besondere an diesem Vorgehen: Es gelingt völlig unabhängig davon, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Der Spingeber muss nur jemanden finden, der den Schläger hinhält, also seine Zweifel öffentlich macht und anschließend Juan Moreno öffentlich vielleicht sogar noch damit konfrontiert. Wenn das passiert, ist der Spin geglückt. Relotius selber muss sich nicht erklären, er wird nicht konfrontiert, sondern kann beobachten wie Christof Siemes in Die Zeit ein Raunen verbreitet und Juan Moreno auf der Medientage-Bühne zu den „Vorwürfen“ von Relotius befragt wird. Klarer Punktgewinn für Relotius und seine Anwälte.

Aber ist es nicht die journalistische Pflicht, dieser Geschichte nachzugehen?
Unbedingt. Es ist jedoch auch die journalistische Pflicht, Zeitpunkt, Zusammenhang und Sprache „dieser Geschichte“ einzuordnen. Es ist Teil des beschriebenen Spins, darauf zu hoffen, dass ein Medium möglichst ohne Nachfrage oder Einordnung, Zitate desjenigen verbreitet, dessen Image gehoben werden soll. Er muss sich dann keinen nervigen Fragen stellen, die seine Sicht der Dinge einordnen könnten und kann auch den Zeitpunkt bestimmen, zu dem der Angriff auf die Glaubwürdigkeit der Gegenseite gestartet wird. Es ist durchaus möglich, erst dann groß über Unterlassungserklärungen zu berichten, wenn über ihren Gegenstand entschieden wurde – und nicht zu dem Zeitpunkt, den der Anwalt gerne hätte. Im konkreten Fall bekommt der Betrüger Claas Relotius die Bühne und darf ohne jegliche Einordnung behaupten, er stelle sich allem wofür er verantwortlich sei und er wolle nicht ablenken. Statt ein einfaches „hihi“ zu ergänzen oder vielleicht sogar eine kritische Frage, lässt Die Zeit diese Aussage unkommentiert und kommt zu dem Schluss: „Warum Relotius tat, was er tat, darüber kann wahrscheinlich nicht einmal er selbst schlüssig Auskunft geben.“ Wenn es einen Satz als Beleg dafür braucht, dass Christof Siemes durch und durch dem Spin der Anwälte erlegen ist, dann diese im doppelten Sinn mitleiderregende Spekulation.

Was ist eigentlich eine Unterlassungserklärung?
Darauf gibt es eine juristische Antwort und eine aus der Krisenkommunikation. Juristisch ist das Fordern einer Unterlassungserklärung nicht mehr als der Hinweis darauf, dass Partei A möchte, dass Partei B ein Verhalten in Zukunft unterlässt, das Partei A für rechtswidrig hält. Das Zivilrecht sieht dafür das Instrument der strafbewährten Unterlassung vor. Diese zu fordern heißt aber keineswegs, dass damit auch schon geklärt sei, ob das Verhalten von Partei B tatsächlich rechtswidrig ist. Deshalb ist die Unterlassungserklärung auch ein populäres Mittel in der Krisenkommunikation. Denn diese zu lautstark öffentich zu fordern, kann unabhängig vom juristischen Ausgang auch Teil eines Spins sein, der dabei helfen soll, Partei A wieder kommunikative Macht in einer Situation zu geben. Im Sinne einer guten journalistischen Einordnung der Geschehnisse hätte man erklären können, was die Forderung einer Unterlassung bedeutet.
Denn diese einfach nur zu erwähnen und uneingeordnet zu berichten, kann man auch als Google-Teil des Spins deuten. Wie das funktioniert, kann man am Beispiel von Boris Johnson sehen. Weil der mit den Google-Suchergebnissen zu seiner Person in Kombination mit dem Wort Bus nicht zufrieden war (Details dazu hier), begann er in Interviews zu behaupten, er sammle leidenschaftlich gerne Miniaturbusse. Die Folge: genau diese Artikel und Interviews fanden sich plötzlich weiter oben in den Suchergebnis-Seiten – und nicht mehr jene mit den Brexit-Kampagnenbussen, die Johnson gerne verschwinden lassen würde. Wer im konkreten Fall nach den Namen der Beteiligten und den Begriffen Lüge oder Betrug sucht, wird künftig auch andere Ergebnisse bekommen. Die über den Ausgangsbetrug des Betrügers Claas Relotius werden verdrängt von Ergebnissen, in denen es um vermeintliche Verfehlungen einer anderen Person geht. Auch hier: Spin geglückt.

Wie kann man sich dagegen wehren?
Mit der auch öffentlichen Reflektion dessen, ob, was und wann man veröffentlicht. Und damit meine ich nicht nur die Medien, die nicht einfach ungefiltert, den Spin einer Seite übernehmen sollten. Ich meine auch jede und jeden einzelnen, die oder der Informationen im Netz verbreitet. Es spielt eine Rolle, wie das geschieht – gerade in den angesprochenen Fragen der Optimnierung Beeinflussung von Suchmaschinen, fällt da auch dem einzelnen große Macht zu.

Aber wenn Relotius vielleicht doch Recht hat?
Diese Frage ist völlig berechtigt und es zeichnet guten Journalismus aus, diese Frage zu stellen. In der aktuellen Situation kann man darauf zwei Antworten geben. Die erste habe ich oben von Henriette Löwisch schon zitiert: Das kann man ja abwarten. Mit dem zweiten Teil der Antwort beziehe mich ausdrücklich nicht auf die aktuelle Situation, sondern grundsätzlich auf Kommunikationsstrategen, die in anderen Konstellationen auf diese Form des Spins zurückgreifen. Wer die Glaubwürdigkeit der Gegenseite in Frage stellen will, wird dafür nach allem suchen, was sie oder er finden kann: im Privatleben, in alten Geschichten, in früheren Interviews oder alten Reportagen. Denn je mehr sich finden lässt, umso besser funktioniert der beschriebene Spin. Umgekehrt heißt das aber auch: Wenn sich nicht mehr als Stilfragen finden, dann würde ich vermutlich nicht widersprechen wenn jemand behaupten würde: Die haben einfach in alten Geschichten von Moreno nix gefunden, weil der immer sauber gearbeitet hat.

Es ist übrigens auch Teil der Ambiguität, dass durch die Kampagne gegen Juan Moreno sein Buch noch mehr im Gespräch ist. Es heißt „Tausend Zeilen Lüge“ und ich halte es für unbedingt empfehlenswert.


UPDATE 7.11.:
Der Tagesanzeiger dokumentiert, wie in der Wikipedia nicht verifizierbare Accounts daran arbeiten, das Bild von Claas Relotius genau in der Form zu drehen wie oben beschrieben:

Sukzessive tauchen mehr als ein halbes Dutzend weitere Wikipedia-Debütanten auf. Sie gehen dreist vor. Und raffiniert. Die Manipulatorengruppe, die nicht als Gruppe wahrgenommen werden soll, beschönigt nach und nach Stellen zu Relotius’ Fälschungen. Den Rest des Lexikons ignoriert sie weitgehend. Nur da und dort werden Passagen über vergleichsweise kleine Fehler journalistischer Hochkaräter ausgeschmückt. Zu den so Angeschwärzten gehören Rechercheur Hans Leyendecker oder «Spiegel»-Kadermann Dirk Kurbjuweit. Der Tenor: Die ganze Branche fälscht, Relotius ist einfach einer der genialsten unter vielen Schriftstellern im Journalismus. Kein Vergleich ist den Manipulatoren zu klein, um ihn ins Onlinelexikon zu übernehmen: Relotius wird als «Karl May unserer Tage» verharmlost; er habe auch etwas von Tom Wolfe, Paul Auster und Truman Capote, den ganz grossen US-Literaten.

Das Perfide an den Eingriffen auf Wikipedia: Hier werden die oben genannten Presse-Meldungen als Referenz genannt (hier die Debatte nachlesen) Nächster Spin geglückt…


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in diesem sind zuletzt u.a. erschienen: „Bewahren vs. Gestalten“ (Mai 2019), 70 Jahre Grundgesetz (April 2019) „Warum die Urheberrechtsdebatte ein Fortschritt ist (März 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016)

Essen ist fertig – online (Digitale September Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Kann man ein Restaurant eröffnen ohne einen Gastraum zu besitzen, wo die verkauften Speisen gegessen werden? An der Antwort auf diese Frage kann man den Wandel greifbar machen, den das Internet ausgelöst hat und der gerade überall zu einem tiefen Konflikt führt. Auf der einen Seite stehen im Fall des gastraumlosen Restaurants diejenigen, für die ein Wirtshaus eine feste Adresse braucht. Weil das schon immer so war. Und weil uns die Dinge eben prägen, die schon immer so waren. Auf der anderen Seite befinden sich Menschen, die eher Möglichkeiten als Prägungen sehen wollen und der Meinung sind: Es muss doch noch andere Wege geben, um das Essen eines Restaurants zugänglich zu machen.

Ich stehe staunend dazwischen und lese in der New York Times diesen Artikel über den Aufstieg der so genannten „Ghost Kitchens“. Dabei handelt es sich um Restaurants ganz ohne Gastraum. Es sind Küchen, deren Produkte einzig über Liefer-Apps vertrieben werden (Foto: unsplash). Man nennt sie auch „Dark Kitchens“ (Guardian) oder „Virtual Kitchens“ (Forbes) und all diese Adjektive sollen andeuten: diese Küchen existieren „nur“ online. Über diese vermeintliche Beschränkungen hatte ich hier schon mal geschrieben als es darum ging, dass ein Magazin „nur noch“ online existiert. Nun trifft es auch Restaurants, die quasi ihre gedruckte Ausgabe einstellen müssen (wie man in dem sehr ausgewogenen NYT-Artikel nachlesen kann).

Die Parallelen gehen aber über die Medienbranche hinaus, sie legen offen, dass wir uns mitten in einem Wandel befinden, für den die „Ghost Kitchens“ ein sehr schöner Begriff sind, den man in eine Liste ergänzen könnte, die ich im Pragmatismus-Prinzip aufgezählt habe: „das pferdlose Fahrzeug (Auto), das schnurlose Telefon (Handy) oder das kabellose Internet (WLAN) sind Begriffe des Übergangs, die illustrieren, wie definitionsmächtig die Vertrautheit der Vergangenheit ist, wenn wir mit dem Neuen konfrontiert sind.“

Ich glaube es ist schon viel gewonnen, wenn wir uns über diese Definitionsmacht bewusst werden. Denn natürlich ist mit „nur online“ viel mehr möglich als den Download eines Buch-PDFs zu realisieren. Am Beispiel des virtuellen 5-Kilometer-Laufs, an dem ich mit mehreren Hundertausenden teilnahm, ohne dass auch nur eine Straße gesperrt werden musste, habe ich beschrieben, welche Optionen sich ergeben – und wie dadurch eine Entwicklung entsteht, die ich „Das Ende des Durchschnitts“ nenne.

„Das Internet ist nichts Fremdes, nichts Anderes mehr, das der Gesellschaft ergänzt wird wie eine Webadresse, die am Ende einer Fernsehsendung durchgesagt wird“, schrieb ich nach der großen Generationen-Debatte nach der Europawahl in der SZ. Dabei ging es um eine gesellschaftliche Debatte, die Schlussfolgerung trifft aber auch auf die „Ghost Kitchens“: „Die Unterscheidung zwischen einer irgendwie echten analogen Welt auf der einen Seite und einer irgendwie neuen digitalen Welt auf der anderen Seite hat sich aufgelöst. Anders formuliert: Die Mitte der Gesellschaft bemerkt gerade, dass sie sich vielleicht anders mit dem Internet befassen sollte.“

Damals ging es unter anderem um das Rezo-Video, das das politische Berlin auf Aufregung versetzte. Während ich diesen Newsletter tippe gibt es wieder ein Video, in dem Rezo auftritt, das für Debatten zwischen Etablierten und Neuen sorgt. Die Space Frogs hatten Rezo eingeladen und über Zeitungen Bild und BZ gesprochen. Das Video ist sehr interessant und dauert auch nur 15 Minuten – dennoch hat man den Eindruck, dass manche, die anschließend darüber schrieben, es nicht angeschaut haben.

Offenbar auch der DJV-Vorsitzende Frank Überall, dessen Aktivitäten Boris Rosenkranz im Übermedien-Newsletter* so zusammenfasst: „Er warf Rezo „billige Stimmungsmache“ vor, die an „Hetze“ grenze. Überall unterstellte auch Dinge, die Rezo gar nicht gesagt hatte. Als dann mal ein paar Leute beim DJV nachgefragt haben, wie viele Tassen noch im Schrank sind, haben Überall und der DJV die Mitteilung flugs wieder zurückgezogen. Weil es „eine ganze Bandbreite von Ansichten zum Video“ gebe im Verband, was eine freundliche Umschreibung ist für: Das war echt richtiger Mist und ein Bärendienst für die gesamte Branche, gerade in einer Zeit, in der permanent über Fakten und Verfälschungen geredet wird.“

Dem ist wenig hinzuzufügen – außer dem Hinweis** auf Minute 6.45 im Original-Clip, in der Rezo einen sehr interessanten Aspekt anspricht: den der eigenen Prägungen, die häufig so stark sind, dass sie wertsetzend werden. „Wir werden auch irgendwann alt sein und diesen psychologischen Fehler haben“, sagt Rezo da über die Definitionsmacht der eigenen Vergangenheit. „Das ist wichtig, dass man sich das vor Augen hält, dass es Eigenschaften sind, die in uns verankert sind.“

Vielleicht ist das die wichtigste Fähigkeit, die der Wandel von uns verlangt: Unsere Prägungen zu reflektieren. Ich würde die dafür notwendige Haltung Kulturpragmatismus nennen – und wer sie üben will, kann ja mal einer Geisterküche ein Essen bestellen.

¯\_(ツ)_/¯

* In dem Newsletter gibt es auch noch einen schönen Witz mit einer Bananen-Schale, aber dafür sollte man Übermedien abonnieren, denn nicht nur guter Journalismus, sondern auch guter Humor hat seinen Preis.
** Ich füge noch den zweiten Hinweis hinzu, dass Rick und Steve am Ende ihres Antwort-Videos eine Einladung an Zeitungsjournalist*innen aussprechen, die nicht wissen, was Dank Memes sind. Die beiden Space Frogs wollen sie gemeinsam mit ihren Gästen anschauen und übers Internet sprechen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge zum Verhältnis von On- und Offline erschienen – z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018), „Altland – eigentlich sollten wir online sein“ (April 2018). Das Thema findet sich aber auch in anderen Beiträgen im Blog – wie z.B. Deutschland und das Internet oder Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool

In Kategorie: DVG

Zeit für zivilen Ungehorsam: Greta Thunberg und The 1975

Was für ein Bild! Im Polaroid-Stil fotografiert von Jordan Curtis. Es zeigt Greta Thunberg an einer grauen Wand lehnend. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt. Eine Converse-Mashup-Kopie. „Antifa Allstars“ steht da. Schwarz auf weiß. In der Mitte ein schwarzer Stern. An Gretas Schulter lehnt ein junger Mann. Gelbes T-Shirt, strubbeliges Haar. Er wirkt fast kleiner als sie. Matty Healy ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Band The 1975. Und alles auf diesem Bild ruft: Das hier ist Pop! Pop des Jahres 2019, aus dem Jahr, in dem das Klima politisch wurde. Dabei verströmt es – natürlich wegen der Polaroid-Ästhetik – die Aura eines augenblicklichen Klassikers.

Die Band The 1975 hat das Bild auf Instagram gepostet. Man kann es auf allen relevanten Musikportalen sehen – als Bebilderung für die Zusammenarbeit zwischen der schwedischen Klima-Aktivistin und der britischen Band. Denn diese ist in Wahrheit noch beeindruckender als das Bild (das aber nicht zu unterschätzen ist). Und das liegt nur oberflächlich daran, dass hier eine Zusammenarbeit im Sinne eines musikalischen Features vorliegt. Auch die These, dass Musik die Welt verändern kann, trifft in diesem Fall nicht unbedingt zu. Denn der Song ist im klassischen Sinn kein Song und er wird auch die Lücke der musikalischen Begleitung der „Fridays-for-Futures“-Bewegung nicht füllen. Diese Kooperation ist mehr und sie ist etwas anderes. Sie ist eben Pop des Jahres 2019.

Es ist eine Kollaboration, die die neuen digitalen Aufmerksamkeitsregeln des Musikbusiness erstmals bzw. erstmals so deutlich für politische Anliegen nutzt. Klar, wir haben in den vergangenen Monaten immer mal wieder darüber gesprochen wie der Entzug von Aufmerksamkeit als politisches Signal gewertet werden kann. Aber hier geht es ja um das genaue Gegenteil: Hier drängt ein politisches Thema in die Liste der Neuveröffentlichungen, die aktive Spotify-Nutzer*innen jeden Freitag augespielt bekommen. Im Release Radar gibt es in dieser Woche sehr direkte Politik, vorgestragen, in einem Song, der einzig aus einem politischen Appell von Greta Thunberg besteht. Zu sehr zurückgenommenen orchestralen Klängen spricht sie ihren Text ein. Das ist Pop, der auf Codes und Anspielungen fast vollständig verzichtet. Der Text, den Greta Thunberg spricht, ist eine klare politische Aufforderung. Keine Zwischentöne, keine Anspielungen, direkter politischer Appell.

Pop des Jahres 2019? In jedem Fall Politik im Jahr 2019.

Im Guardian analysiert Laura Snapes die Zusammenarbeit jedenfalls genau in diese Richtung

They may not be the world’s most commercially successful band, but – with their stylish aesthetic, unfiltered intimacy with fans and success with a post-genre mix of everything from soft rock to emo – they are one of the most mimicked, and so Thunberg’s message could spread far beyond their network. Spotify’s recommendation algorithms work by assigning thousands of intricate data points to every song, then using that data to link a track you already like, to another one you haven’t heard but would probably like as well.

Das klingt stimmig: die politische Aktivistin, die von den Popularität der Band profitiert. Aber spätestens, wenn man auf die Website kommt, die The 1975 zur ersten Single ihres neuen Albums geschaltet haben, kann man die Frage auch andersrum stellen: Ist das Werbung für eine politische Bewegung? Oder ist es nicht eher Werbung für die Band? Denn auf der Website steht nichts von Extention Rebellion, der Bewegung, der Greta Thunberg die Einnahmen spenden will. Auf der Website steht einzig ein Submit-Feld für die Mailingliste der Band. Damit man informiert werden kann, wenn im Frühjahr das neue Album erscheint. Auch das ist Pop der Gegenwart. Ein Newsletter.

Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Das größte Dilemma des Digitalen hat mit einer Ressource zu tun, die nur wenige als solche erkennen. Sie ist für alle gleich, kann nicht vererbt, aufgespart oder vermehrt werden. Sie ist die Vorausssetzung für alle Arten von Bezahl- und Geschäftsmodell im Web und wird doch nur selten beachtet. Ich spreche von Ihrer Aufmerksamkeit!

Zum Dilemma wird die Zeit durch das ständig steigende Angebot an Zeitvertreib. Denn auf dem Verhältnis von Inhalt und Aufmerksamkeit basiert unsere Wertschätzung. Wir kommen aus einer Welt, in der sehr wenig Inhalt eher viel Aufmerksamkeit traf: Es gab maximal drei Fernsehprogramme, Zeitungen, Magazine und vor allem keine einzige E-Mail. Niemand schrieb Chat-Nachrichten und Urlaubsfotos von Freunden sah man höchstens auf Dia-Abenden. Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel hat sich das Verhältnis umgedreht: Auf unsere gleiche Aufmerksamkeitsspanne trifft heute ungleich viel mehr Inhalt. Denn zu den Fernsehprogrammen, Zeitungen und Magazinen von damals sind ja noch all die Websites, Info-Radios und Spezialangebote hinzugetreten, die alleine in keinen Tag passen würden. Doch darüberhinaus verlangen auch all die Tweets, Posts und Mails nach Aufmerksamkeit.

Diesem neuen Verhältnis von Zeit und Zeitvertreib ist es zu verdanken, dass die Dienstleistung, die Welt zu ordnen und Informationen zu sortieren, heute nicht mehr einzig von Inhalte-Anbietern vorgenommen wird, sondern vor allem von Plattformen und deren Filtern. Das kann man mögen oder nicht, dieses neue Verhältnis verschiebt aber die Wertschätzung. Es wird der Anbieter erfolgreich sein, dem es gelingt, Angebote zielgenau und zeitsparend zuzuschneiden. Das Ende des Durchschnitts bedeutet dabei auch: Dienstleistung für Leser*innen zu schaffen, das jeweils beste Angebot zu liefern und nicht nur möglichst viel zu produzieren oder möglichst breit zu informieren.

Diese Verschiebung bedeutet aber vor allem, dass der beliebte Satz „Eine gute Geschichte findet ihre Leser“ vielleicht gar nicht (mehr) stimmt. Denn es kommt auf mehr an als auf den guten Inhalt. Eine gute Geschichte bleibt am Ende trotzdem Wasser, das in den (Info-)Ozean geschüttet wird. Das allein bringt nichts, selbst wenn es Qualitätswasser ist.

Beobachten Sie! Bewerten Sie nicht!

Eine gute Geschichte findet ihre Leser nur dann, wenn sie auch danach sucht. Dazu gibt es zahlreiche Ansätze, eine besondere weil unterschätzte Möglichkeit heißt: Verknappung (deshalb der Titel!). Zahlreiche erfolgreiche Digital-Angebote nutzen das Prinzip der zeitlichen und räumlichen Verknappung, um Aufmerksamkeit zu generieren. Beim Crowdfunding – wie beim besten Sportmagazin der Welt – werden besondere Angebote für einen kurzen Zeitraum offeriert, die es nachher nicht mehr gibt. Bei Insta-Stories werden Bilder nur für 24 Stunden sichtbar angezeigt, TikTok-Filme dürfen nicht länger als 15 Sekunden sein und auf Twitter sind Beiträge auf 280 Zeichen begrenzt.

Ist das nicht ein totaler Fehler? Dachte man nicht immer, im Internet gebe es keine Begrenzung?

Eben! Gerade weil es kaum natürliche Grenzen gibt, nutzen die genannten Ansätze künstliche Verknappungen um ihr Angebot attraktiv zu machen. Sie vermarkten die vermeintliche Schwäche als Alleinstellungsmerkmal. Das ist bemerkenswert, denn im Prinzip funktioniert die Homepage eines Nachrichtenangebots wie sz.de nach dem gleichen Verknappungsmuster wie eine Insta-Story: man kann sie maximal 24 Stunden in dieser Form sehen. Dann ändert sie sich. Die Homepage vom vergangenen Freitag gibt es nicht mehr. Aber kein Nachrichtenangebot, das mir bekannt ist, vermarktet diese vermeintliche Schwäche so wie Instagram oder der Erfinder Snapchat es tun.

Denn oft wird Verknappung fälschlicherweise als unnötige Einschränkung wahrgenommen. Ich kann das Feedback förmlich hören, das man in einem klassischen Medienhaus bekommen hätte, hätte man dort vorgeschlagen, ein Angebot nach 24 Stunden nicht mehr anzuzeigen. „Wieso denn? Damit beschränken wir uns doch unnötig, das machen wir nicht.“ Auch Twitter hätte man in einem solchen Umfeld niemals erfinden können, denn das Alleinstellungsmerkmal Zeichenbegrenzung wäre als unnötig durchgefallen.

Dabei ist der Trick hinter den Verknappungsansätze nicht besonders kompliziert. Es geht eher darum, das Muster zu verstehen. Und das gelingt, wenn man den Fokus weg vom Inhalt hin zur Aufmerksamkeit verschiebt. Sie ist die Voraussetzung für alle folgenden Geschäftsmodelle im digitalen Raum. Deshalb lohnt es sich, das Muster der Verknappung zu verstehen – und achtsam (sic!) zu beobachten, wie und wo Aufmerksamkeit schon heute ein bedeutsamer Faktor ist.

Im Podcast von Digg-Gründer Kevin Rose habe ich dazu ein interessantes Gespräch mit Jake Knapp gehört (in einer ersten Version des Textes habe ich ihn mit Instagram-Gründer Kevin Systrom verwechselt). Das ist der Mann, der die Idee des Design-Sprints erstmals aufgeschrieben hat. Jetzt ist sein neues Buch raus, es heißt „Make Time“ und widmet sich der Aufmerksamkeit von der anderen Seite: Knapp und seinem Co-Autor John Zeratsky geht es Konzentration und Klarheit, es geht um Fokus und Achtsamkeit.

Es ist interessant, welchen Blick Rose und Knapp in dem Gespräch auf die Technik-Anbieter werfen, deren Geschäft stets auf dem Gegenteil beruht. Es öffnet aber einen Blick auf die andere Seite der Aufmerksamkeit, auf die Frage: Worauf richten Sie Ihre Aufmerksamkeit? Kevin Rose hat dafür eine App entwickelt. Sie heißt Oak und soll Menschen helfen, sich zu konzentrieren. Ich finde es ist das sympathischste Angebot im wachsenden Markt der Meditations-Apps (über die es am Wochenende einen sehr guten Text in der SZ gab).

Atmen Sie ein und aus – beobachten Sie, bewerten Sie nicht.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man beobachten kann, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten kann.

Meinungsvirus: das bessere Bild für einen Shitstorm (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Kennen Sie die „Warum wurde ich nicht gefragt?“-Theorie? Sie stammt aus dem Jahr 2011 und ich musste an diese Idee denken, als ich unlängst im Kino war. Ich schaute mir „Chaos im Netz“ an, der tatsächlich ein ziemlich gelungener Film über das Internet ist. Denn er ist voller guter Bilder für das, was man so schwer erklären kann: Im Internet sein! Für die Kinderzeitung der Samstags-SZ habe ich das an drei Beispielen beschrieben. Man könnte aber unzählige weitere ergänzen: Packet-Switching, den Unterschied zwischen Web und Internet, die Idee des Hyperlinks, das Konzept Algorithmus, Autovervollständigung, Dark Net und sogar Viralkultur werden in dem Film so kindgerecht ins Bild gesetzt, dass auch Erwachsene sich den Film anschauen sollten (für Details können Sie danach dann die Gebrauchsanweisung lesen).

Und im hinteren Drittel des Films gibt es auch ein Bild für jene Form der Empörungswelle, die man in Deutschland (und nur in Deutschland) Vulgär-Englisch Shitstorm nennt. Dieses Bild (Screenshot links) ist so gut, dass ich mir sogar vorstellen kann, dass es langfristig in der Lage wäre, den merkwürdigen Begriff Shitstorm zu ersetzen. Das Bild ist ein Meinungsvirus. Und dieser Meinungsvirus hängt sehr eng mit der eingangs zitierten „Why wasn’t I consulted?“-Theorie zusammen. Aber eins nach dem anderen.

Zum Abschluss des Films muss die Hauptfigur Randale-Ralph (der im ersten Teil namens Ralph reicht’s aus einem Computerspiel ausbricht) gegen ein Computervirus kämpfen. Er hat dieses Virus selber miterschaffen und in ein Computerspiel eingeschleußt. Herkunft und Details des Schadprogramms erspare ich aus Spannungsgründen, wichtig ist nur: Das Programm macht sich durch beständiges Kopieren selbstständig. Es dupliziert Randale-Ralph immer und immer wieder, so lange bis dieser sich zu einer riesigen bedrohlichen Figur aufgetürmt hat, die nicht nur den Ursprungs-Ralph, sondern das ganze Internet bedroht. Bis hierhin gleicht der überdimensionierte Angreifer eher einer DDOS-Attacke als einem Shitstorm. Doch dann wird ein winziger Aspekt ergänzt, der mit der eingans zitierten Theorie zusammenhängt und offenlegt: Der Angreifer ist ein Meinungsvirus.

Denn der Ursprungs-Ralph besiegt den Virus-Ralph am Ende durch einen simplen Trick: indem er sich seiner Unsicherheit stellt. Denn diese war der Auslöser für das Duplikations-Virus und erst als er sie anerkennt, wird der Angriff und das beständige Kopieren gestoppt. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Empörungswellen, die sich ebenfalls aufbäumen können wie das Virus im Film. Sie werden zu einer überlebensgroßen Bedrohung und vermehren sich auch immer weiter. Wie ein Meinungsvirus setzen sie den Angegriffenen unter Druck. Und wie im Film scheint die Lösung im Umgang mit Unsicherheiten zu liegen. Einerseits auf Seiten der Angreifer (Virus-Ralph) wie auf Seiten derjenigen, die vom Meinungsvirus bedroht werden (Ursprungs-Ralph).

Die Frage, wie man mit Unsicherheiten umgeht, scheint mir eine der zentralen der digitalen Gegenwart zu sein. Dabei geht es nicht nur darum, dass in komplexen Situationen so genannte Masterpläne nicht mehr greifen. Es geht auch darum, wie Menschen damit umgehen, dass sie sich ungefragt fühlen. Schon 2011 stellte der NPR-Redakteur Paul Ford die These auf, dass die zentrale Frage des Web laute „Warum wurde ich nicht gefragt?“ Menschen fühlen sich übergangen – in banalen Entscheidungen (welchen Film soll ich mir anschauen?) wie in komplexen politischen Debatten. Das Gefühl nicht angemessen befragt und eingebunden worden zu sein, ist in sehr vielen Fällen von Meinungsviren der Ausgangspunkt für das, was sich dann zu dem auftürmt, was man früher einen Shitstorm nannte. Ford listet in seinem Text jede Menge auch positive Beispiele auf, die aus der Energie entstanden, die sich durch den WWIC-Impuls freisetzen kann. Es verschweigt aber auch die Aspekte nicht, die sich aus enttäuschten Erwartungen ergeben – und die sich mittlerweile zu handfesten gesellschaftlichen Problemen entwickelt haben (auch deshalb wählte die letzte Digitale-Notizen-Ausgabe die URL erwartungs-management.de).

Die Sorge nicht gefragt worden zu sein (oder in Zukunft an Bedeutung zu verlieren), ist einer der zentralen Treiber für das, was Online-Debatten heute so unschön machen. Selten sind Menschen emotionaler bei der Sache als in den Situationen, in denen sie das Gefühl haben, etwas nicht zu bekommen, was ihnen zusteht. Fast immer geht es um Zuneigung, aber manchmal drückt sich das auch in – im Verhältnis – so banalen Dingen wie Kindergeld aus, von dem man vermutet, andere könnten es zu Unrecht und damit auf „unsere Kosten“ beziehen. Es ist dies überhaupt die wirksamste Methode, um Menschen zu steuern: indem man ihnen das Gefühl gibt, irgendwer würde ihnen vorenthalten, was ihnen zusteht. Mir ist niemand bekannt, die oder der vor diesem Gefühl gefeit wäre. Nur wenn es poopulistisch ausgeschlachtet wird, kann es sich wie das Computervirus im Film zu einer echten Empörungswelle auswachsen: zu einem Meinungsvirus.

Das Bild vom Meinungsvirus ist deshalb so tauglich, weil es eine Option so zusagen ein Anti-Viren-Programm mitliefert. Leider ist dieses Gegenmittel aber viel schwerer in die Tat umzusetzen. Denn es besteht aus Empathie und Reflektion. Die Fähigkeit, die Shruggie-Frage zu stellen „Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?“, muss immer und immer wieder geübt werden. Wie schwierig es ist, digitale Empathie zu leben, hat Richard Gutjahr in seinen beeindruckenden Vorträgen der vergangenen Jahre demonstriert (wie hier beim Zündfunk Netzkongress). Richard hat aber auch bewiesen, wie wichtig diese Fähigkeit ist.

Ich habe die Hoffnung, dass ein Gegenmittel gegen die umgreifenden Meinungsviren auch in Reflektion liegen könnte. Deshalb habe ich in diesem Monat eine URL reserviert, die man sich für solche Situationen merken sollte, in denen Debatten sich auftürmen wie die Virus-Version von Ralph. Sie heißt meinungsfreizeit.de – und behauptet: Wenn eine Diskussion aus dem Ruder läuft, hilft manchmal eine Pause. Wie ein Timeout beim Sport: kurz unterbrechen, sich sammeln und reflektieren. Meinungsfreizeit will keine Diskussionen abbrechen, sondern Reflektion ermöglichen.

Wenn das gelingt, passiert vielleicht das gleiche wie mit dem Virus-Ralph im Film als der echte Ralph sich seiner Unsicherheit stellt: das Meinungsvirus bricht in sich zusammen.

Probieren Sie es aus – unter meinungsfreizeit.de


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter ging es in den vergangenen Monaten häufiger schon um das Thema Debattenkultur und Streit – z.B. „Was wäre, wenn Seehofer Recht hätte?“ (September 2018), Fünf Fitness-Übungen für Demokratie (Juli 2018), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017)

In Kategorie: DVG

Erwartungsmanagement – bessere Ergebnisse mit mehr ¯\_(ツ)_/¯ (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

So wie man keinen Witz erzählen sollte, dessen Pointe man nicht kennt, sollte man auch kein Gespräch, keine Beziehung und keinen Job beginnen, ohne sich vorher über die Erwartungen klar zu werden. Und auch ein neues Jahr beginnt man am besten, indem man Erwartungsmanagement in eigener Sache betreibt. (Foto: unsplash)

Das ablaufende Jahr war für mich (aufgrund der ¯\_(ツ)_/¯ Veröffentlichung) geprägt von Gesprächen darüber wie wir mit dem Unbekannten und Neuen umgehen. Dabei habe ich festgestellt, dass wir häufig zuerst auf das schauen, was kommt und weniger auf das, was wir schon mitbringen: Unsere Erwartungen und Prägungen bestimmen auf erstaunliche Weise was wir von dem Unbekannten und Neuen halten. Um diesen gedrehten Blick auf das vermeintlich Fremde zu dokumentieren habe ich die Domain erwartungs-management.de registriert (und hierhin gelenkt). Denn mir scheint, dass ein sinnvolles Erwartungsmanagement dazu angetan ist, Zufriedenheit, Selbstwirksamkeit und vielleicht sogar Hoffnung zu steigern.

Meinem Eindruck nach erwachsen nämlich die nachhaltigsten Kränkungen (und damit verbundenen Probleme) aus enttäuschten Erwartungen. Das gilt auf persönlicher Ebene genauso wie im politischen Raum: Das Gefühl zu kurz zu kommen, erzeugt einen sehr tiefsitzende Schmerz – den besonders populistische Bewegungen geschickt für sich nutzen. Man kann das in allen Schattierungen des politischen Spektrums sehen. Wer z.B. der Meinung ist, dass die Bundestagswahl doch eh sinnlos sei, weil sich nach der Wahl ja gar nichts geändert habe, sollte Erwartungsmanagement betreiben. Denn der Anspruch an eine demokratische Wahl, die eigenen Vorstellungen eins-zu-eins in die Tat umzusetzen ist schlicht falsch. Es ist das Prinzip der Demokratie, dass sie auf Kompromissen basiert (ausführlich dazu im Juli-Newsletter).

Doch wenn wir über enttäuschte Erwartungen sprechen, reden wir häufig nur über die Enttäuschung und die damit verbundenen Ungerechtigkeit. Nur selten schauen wir auf den Teil der enttäuschten Erwartungen, auf den man auch als enttäuschte Person aktiv Einfluss nehmen könnte: auf die eigenen Erwartungen.

Ich glaube, dass hier ein wichtiges Werkzeug zur eigenen Zufriedenheit liegen kann. Erwartungsmanagement kann ein ein zentraler Hebel dafür sein, gelassener durchs Leben zu gehen. Und damit meine ich nicht das Bonmot, das besagt, dass man nur keine Erwartungen haben soll, weil man dann ja auch nicht enttäuscht werden kann. Ich meine, dass man sich vorab darüber klar wird, was man eigentlich erwartet. Selbstwirksamkeit in dem Sinne wie Meike Winnemuth sie unlängst im Stern beschrieben hat, basiert darauf, sich vorher Gedanken darüber gemacht zu haben, wo man eigentlich hinwill – oder um es im Sinne der Domain zu sagen: Es geht darum, Erwartungsmanagement zu betreiben. Damit meine ich diese vier Punkte

1. Beginne mit deinem Warum!

Um am Ende ein Ergebnis bewerten zu können, sollte man zunächst klären, warum man eigentlich beginnt. Simon Sinek nennt diesen Ansatz „Start with why“ – also: Beginne mit der Frage nach dem „Warum?“ und nicht mit dem Inhalt (Was?) oder der Form (Wie?) dessen, was du tust. Um diesen Ansatz auf die Idee des Erwartungsmanagements zu übertragen, muss man seinen zentralen Satz („Menschen kaufen nicht was du machst, sie kaufen warum du es machst“) nach innen richten – und herausfinden, welche abstrakte Intention oder konkrete Motivation dich antreibt. Ich glaube, dass diese Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation wichtig ist, um am Ende Ergebnisse zu messen. Tue ich etwas, um anderen zu gefallen? Um Aufgaben oder Zwänge zu erfüllen? Oder dient mein Handeln einem höheren Ziel? Beantwortet es ein Warum?, das über „Geld verdienen“ hinaus geht?

Ich glaube es ist nahezu unmöglich, Ergebnisse angemessen zu bewerten, ohne diese Fragen vorher zumindest gestellt zu haben. Sie bilden die Grundlage für jegliche Form der Ergebniskontrolle und -bewertung. Erwartungsmanagement ist in diesem Sinne nichts anderes als die Klärung der Ziele, die man erreichen will. Das klingt viel leichter als es häufig ist.

2. Definiere deine Ergebnisse

Um die Wirkung eines Projekts zu messen, muss man den Grad der Veränderung zum vorherigen Zustand messbar machen können. Man spricht von Wirkungslogik – und kann diese Methode nicht nur für Fragen der Transformation von Unternehmen und Organisationen oder für Innovationsmanagement anwenden, sie hilft auch um persönliches Erwartungsmanagement zu betreiben.

Dabei sollte man zunächst der sprachlichen Unterscheidung folgen, die es im Englischen für das gibt, was am Ende rauskommt: Output (reines Ergebnis), Outcome (Direkte Auswirkung des Resultats auf einen bestimmen Kreis) und Impact (gesellschaftliche bzw. langfristige Auswirkung des Resultats) beschreiben allesamt Ergebnisse eines Prozesses, aber alle drei Begriffe beziehen sich auf unterschiedliche Aspekte dessen, was man erreichen kann. Outcome und Impact beschreiben die Wirkungsebene des Resultats (Output) und verlangen deshalb immer nach einer Bezugsgruppe und einem Zeitraum, für die bzw. auf die sie Wirkung zeitigt. Diese Differenzierung ist bedeutsam, weil in ihr auch angelegt ist, auf welche Bereiche man tatsächlich Einfluss nehmen kann und welche vor allem vom Zusammenspiel anderer Faktoren und Personen abhängen. Das Prinzip dahinter ist in dem von der Bertelsmann-Stiftung finanzierten Projekt Wirkung lernen anschaulich beschrieben – und es ist im Sinne eines guten Erwartungsmanagements dienlich sich dessen bewusst zu werden.

3. Begreife deine Belohnung

Der Wert eines Projekts hängt aber nicht nur an den Resultaten und deren Auswirkungen. Auch das Feedback und die Anerkennung, die man während des Projekts erhält, spielen bei der Bewertung eine wichtige Rolle – sie sind unter Umständen sogar bedeutsamer als die reinen Resultate. Denn mit jedem Projekt ist stets auch der Wunsch nach positivem Feedback verbunden. Diese Anerkennung kommt dabei im besten Fall sowohl von innen wie von außen. Die Belohnung in Bezug auf die intrinsische und extrinsische Motivation (siehe Punkt 1) ist dann im Gleichgewicht. Um Erwartungsmanagement zu betreiben, sollte man also vorher klären, woher Belohnungen kommen können – und aufmerksam dafür bleiben, wie diese Einfluss nehmen, sich also ernsthaft „darum kümmern, wie viel Anerkennung kriege ich gerade von draußen, wie viel Anerkennung muss ich mir selber geben, und habe ich die Ressourcen, das hinzukriegen?“ so jedenfalls hat es der Coach Jens Braak unlängst in einem Interview in Deutschlandfunk Kultur formuliert.

Das Bewusstsein um (ausbleibende) Belohnungen und ihre Folgen spielt eine zentrale Rolle im Erwartungsmanagement. Es geht um die Geschichte, die man anschließend erzählen kann und es geht um die Motivationsfaktoren, die daraus erwachsen können. In einem gut geführten Projekt (im Sinne von Leadership) gelingt dies durch das Team, es kann aber auch mal vorkommen, dass man sich selber darum kümmern muss: gerade dann sollte man Erwartungsmanagement in eigener Sache betreiben.

4. Frage dich: „Was würde der Shruggie tun?“

Menschen, die die Ruhe, Zeit und finanzielle Ausstattung haben, sich externe Beratung in Form eines Coachings einzuholen, erwerben damit vor allem eins: Abstand. Denn das Ziel eines jeden Coachings liegt darin, mit Abstand auf das aktuelle Problem zu schauen – und daraus neue Optionen zu ziehen. Gutes Coaching eröffnet somit mehr Möglichkeiten, gerade dann, wenn eine Situation ausweglos scheint.

Diese Perspektive des Erwartungsmanagements ist für mich perfekt im fröhlichen Schulterzucken des Shruggie gefasst. Seine kontinuierliche Frage: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre? inspiriert dazu, eine andere, distanzierte Perspektive einzunehmen. Der Shruggie ist so auf eine hoffnungsvolle Weise der beste Erwartungsmanager, den man sich wünschen kann.

Sein Ziel ist es, sich nicht hinter Pessimismus oder Optimismus zu verstecken, sondern den Blick zu öffnen für eine Form der aktiven Beteiligung. Für ihn ist Zukunft gestaltbar. Er sagt: Es spielt eine Rolle, dass und wie du dich beteiligst. In dem Sinne wie Rebecca Solnit Hoffnung als Umarmung des Unbekannten definiert hat, gestaltet der Shruggie die Erwartung auf die Ergebnisse eines Projekts – im besten Sinne hoffnungsvoll.

Denn dieser abschließende Punkt steckt auch in dem, was ich Erwartungsmanagement nenne: die Bereitschaft aktiv in das jeweilige Gespräch, in die Beziehung oder den Job einzusteigen. Das Schulterzucken des Shruggie ist für mich Ausdruck der Offenheit, sich einzulassen und mitzumachen. Auf diese Weise kann gutes Erwartungsmanagement helfen, gelassener und vielleicht sogar zufriedener durch Projekte oder in ein neues Jahr zu gehen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Was der Jahresrückblick mit Indiana Jones zu tun hat (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Das Jahresende ist nicht nur die Zeit der adventlichen Ambiguität. Es eignet sich auch für sinnstiftende Sprüche wie jenen von Sören Kierkegaard, der mal anmerkte, dass man das Leben nur rückwärts verstehen kann, aber vorwärts leben muss. Das ist schön und wenn in den nächsten Tagen die vergangenen Monate im Jahresrückblick-Schnelldurchlauf abgespielt werden (und Sie vielleicht hier bei der Newsletter-Rückblick-Umfrage mitmachen), passt das irgendwie auch ganz gut – aber irgendwie auch nur halb. (Foto: Unsplash)

Und das liegt am Känguru.
Kennen Sie das Känguru?

Es lebt mit Marc-Uwe Kling zusammen und ist für ihn so etwas wie der Shruggie für mich. Jedenfalls sagt das Känguru ziemlich oft ziemlich interessante Dinge – und Kling schreibt das auf. Im konkreten Fall kann man das in einer alten Radio-Fritz-Folge unter dem Titel „Ford-Selleck-Theorie“ nachhören – und im ganz aktuell veröffentlichten jüngsten Band der Känguru-Folgen nachlesen.

Vereinfacht zusammengefasst geht es dabei um die Besetzung des Dr. Henry Walton Jones Jr. in der Filmreihe Indiana Jones. Das Känguru erzählt, dass ursprünglich Tom Selleck als Besetzung geplant gewesen sei und nicht Harisson Ford, den im Rückblick nach vier Filmen alle für den legitimen Indiana Jones halten. Und genau um diesen Rückblick geht es in der Theorie des Kängurus:

Wenn Tom Selleck Indiana Jones gespielt hätte und jemand würde erzählen, dass eigentlich Harisson Ford die Rolle hätte übernehmen sollen, dann würden sich alle über ihre Schnauzbärte streichen und sagen: Waaas!? Harisson Ford? Das passt ja überhaupt nicht.

Denn der Rückblick erweckt den falschen Eindruck eines kausalen Zusammenhangs. Im Blick auf das, was hinter uns liegt, fügen wir Dinge, die vielleicht nur aus Zufall entstanden zu einer logischen Geschichte zusammen und erheben diese zum Maßstab. Besonders gut kann man das bei Biografien beobachten. Plötzlich ist da ein Sinn und ein Plan, vor vorher nur ein Suchen war.

Das an sich wäre noch kein Problem. Erst wenn dieser vermeintliche Plan sich zum dominanten Muster erhebt, wird es problematisch. Tim Harford spricht dann vom Gott-Komplex, von der Falle also, den eigenen Weg für den einzig richtigen zu halten und diesen auch anderen vorzuschreiben. Aber nicht nur andere schränken wir mit diesem Rückwärts-Plan-Denken ein, vor allem uns selber: Wir reden uns nämlich im Rückblick ein, dass Dinge eben so kommen mussten. Oder um es mit dem Känguru zu sagen:

Nahezu alles, was geworden ist, erscheint uns als zwangsläufig, alternativlos, geradezu nicht anders denkbar. Das Ford-Selleck-Theorem allerdings macht klar: dass nichts je zwangsläufig, alternativlos oder gar nicht anders denkbar war, ist oder sein wird.

Das Känguru erinnert uns damit an ein Prinzip, das sich gerne dem kreativen Denken in den Weg stellt. Man spricht von der funktionalen Fixierung und meint damit den gedanklichen Kurzschluss Gegenstände nur in einer funktionalen Verwendung zu betrachten. Wer allerdings auf neue Ideen kommen will, muss diese Fixierung durchbrechen können. Muss – mit dem Shruggie – denken: Was wäre, wenn es anders wäre: Wenn dieser Stuhl ein Flugzeug wäre? Oder dieser Zug ein Konferenzraum?

Womit wir wieder bei Kierkegaard sind: Wenn wir nach vorne leben wollen, dann müssen wir uns vom Rückblick emanzipieren – und das neue Jahr als Raum denken, in dem es auch anders sein könnte. ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind in diesem Jahr (Achtung, Rückblick!) sortiert nach der Anzahl der Aufrufe erschienen:

1. „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018 – vor allem wg. Pocket)
2. „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018)
3. „Altland“ (April 2018)
4. „Was wäre, wenn Seehofer recht hätte? (September 2018)
5. „Warum gibt es in Ihrer Stadt keine Internet-Straße? (Oktober 2018)
6. „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018)
7. „#smarterphone“ (März 2018)
8. „Ein öffentlich-rechtlicher RSS-Reader“ (Februar 2018)
9. „Das Ende der Schlusskonferenz“ (Mai 2018)
10. „Was ist Dein Bild vom Internet?“ (August 2018)

In Kategorie: DVG