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Another Love, #iranrevolution, Tiktok-Musikjournalismus, Duet-Chain, Excuse me Avocado (Netzkulturcharts Oktober 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: Tom Odell „Another Love“ 🆕

„Lege diesen Sound unter dein letztes Video“ fordern manche Tiktok-Challenges und versprechen dafür enorme Reichweiten – weil der Song oder Sound angeblich gerade kurz davor sei, viral zu gehen. Meist werden solche Aufforderungen von Accounts verbreitet, die sich als eine Art Viralitäts-Coaches in Tiktok positionieren wollen. Ein Song, den sie nie empfehlen, obwohl er seit Monaten unter unglaublich vielen Videos liegt, ist das Lied „Another Love“ von Tom Odell. Der britische Musiker veröffentlichte den Song 2012, zehn Jahre später ist er auch dank eines Konzerts im Bahnhof von Bukarest zu einem Hoffnungssong für Flüchtende aus der Ukraine geworden. Aber auch Protestvideos aus dem Iran werden mit der Klaviersound unterlegt, so dass eine Nutzerin unter einem Odell-Post auf Instagram kommentiert: „Your song has been our anthem in our protests. Be our voice. They are killing us in Iran. Be our voice. #mahsaamini

Platz 2: #iranrevolution 🆕

Aufmerksamkeit ist die zentrale Währung der digitalen Gegenwart. Wir verschenken Aufmerksamkeit, indem wir uns für bestimmte Dinge interessieren und für andere nicht. Die beiden TV-Moderatoren Joko und Klaas haben in diesem Monat ihre Reichweite in Instagram verschenkt – für das Aufbegehren der iranischen Bevölkerung gegen das Regime der Islamischen Republik. Nicht für ein Takeover, sondern für immer: So kündigen sie es in der 15-minütigen Sendung auf Pro7 an, die „Aufmerksamkeit für #IranRevolution“ heisst und mit den Worten endet: „Das einzige, was Iraner:innen zumindest etwas davor schützt, nicht getötet zu werden, ist die globale Aufmerksamkeit.“ Deswegen lenken @officiallyjoko (Hosted by Azam Jangravi Women’ rights activist) und @damitdasklaas (Hosted By Sarah Ramani, The Voice of the Streets) den Blick ab sofort den Blick auf die #IranRevolution.

Platz 3: Neuer Musikjournalismus 🆕

Dass Tiktok die Musik vielleicht sogar stärker verändert als Spotify es tut, ist an vielen Stellen zu lesen. Was dabei etwas untergeht: Tiktok verändert auch den Musikjournalismus auf erstaunliche Weise. Es gibt zahlreiche musikjournalistische Accounts in dem Netzwerk, die einerseits den Wandel der Musik beschreiben und dabei andererseits die Methoden und Muster der Tiktokisierung selbst nutzen. Besonders erstaunlich finde ich den Account des Musikproduzenten Luxxuryxx (siehe Bild), aber auch @jarredjermaine, @martinbeauregard und auch der deutsche Musik-Wissenschaftlicher Dr Rivers sind empfehlenswerte Beispiele für diese Form des neuen Musikjournalismus.

Platz 4: Duett-Chain 🆕

Wie provoziert man Widerspruch im Web? Einfach eine falsche Behauptung posten, diese Fortentwicklung von Cunninghams Law hat in diesem Monat dem Account Scumbag-Dad auf Tiktok eine schöne Duett-Berühmtheit beschert. Das Prinzip der Duet-Chain kennen Netzkultur-Freund:innen bereits aus dem Mai 2021, Scumbag-dad provozierte genau diese kopierende Beteiligungskultur – mit blankem Oberkörper und voller Absicht. Die Reaktionen sind dennoch genauso faszinierend wie schon im Mai 2021.
Hinter dem Account Scumbag-Dad steckt übrigens Brad Podray, der die Idee wiederum von dem Phänomen YourKoreanDad kopierte.

Platz 5: Excuse me, Avocado! 🆕

In den September-Charts war Linnea mit ihre zeitgemäßgen Entschuldigung „Excuse me, wir haben 2022“ noch auf Platz 2. Der fünfte Platz in den Oktobercharts ist allerdings kein Abstieg, sondern quasi ein Neu-Einstieg mit einem Remix. Nutzer:innen auf Tiktok haben nämlich Linneas Geständnis „ich bin Avocado-süchtig“ in Form einer Antwort-Referenz (Stitch) mit einem anderen Netzkultur-Trend des Jahres verbunden: sie korrigieren das Ursprungsvideo eingeleitet mit den Worten „excuse me, wir haben 2022“ in Bezug auf die Aussprache der Frucht: „Es heißt nicht Avocado, sondern Avocado“ (wie hier die Nutzerin Larissa). Die Referenz bezieht sich auf den im Februar beschriebenen Trend, dessen 2022er-Variante vom Account @diclassicx ausgelöst wurde. Antrieb ist das Phänomen der absichtsvollen (falschen) Aussprache, das ich im Rahmen der Gluttheorie der öffentliche Debatte in seiner Dynamik für memetische Meinungen analysiert habe.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Ski Aggu „Party Sahne“
2. Beyonce „Cuff it“
3. Rosa Linn „Snap“
4. Peter Fox „Zukunft Pink“
5. Rian „Schwarzes Schaf“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Barack Obama hat einen beeindruckenden Wahl-Aufruf an junge Amerikaner:innen gepostet. Er legt nicht nur zahlreiche unpeinliche Referenzen an die GenZ offen (hier eine lesenswerter Guide to GenZ), er endet auch mit dem Spitzenreiter der vergangenen Netzkulturcharts: dem Corn-Fan Tariq, der natürlich auch diesen Monat weiterhin wichtig bleibt. Aus dem Song sind weitere Adaptionen entstanden – beispielhaft die Londoner U-Bahn, die die Renovierung der Station „Bond-Street“ mit dem Sound feiert. Dass Peter Fox einen neuen Song veröffentlicht hat, hat in Tiktok ebenso für Aufsehen gesorgt wie der zweite Hit von Nina Chuba, die hier einen wunderbaren Jim Knopf-Wildberry-Lilleth-Mashup bekannt macht: „Lummerland Lillet“.

Der Account happy_paule hat sich Ende August mit ein paar Nudeln und einem Spezi vor einen Stream gesetzt – und sich dabei gefilmt. Sein „Jungs, gibts was besseres?“-Clip ist zu einer schönen Kopiervorlage geworden, mit der jede Menge Accounts interagieren.

Der österreichische Standard berichtet über die Nafo-Memes im Ukraine-Krieg (siehe dazu auch die September-Ausgabe)

Der Hashtag #NurDreiWorte auf Twitter nimmt auf schöne Weise Bezug auf die One-Word-Tweets, die hier schon mal Thema waren. Die ARD hat ein Kultur-Angebot namens „ARD Kultur“ gestartet, dabei auch ein digitale Format namens Pixelparty. Gawker erklärt, wie Promis Tiktok nutzen sollen.

Dass die Washington Post sich auf beeindruckende Weise mit dem Tiktok-Universum befasst, war hier wiederholt Thema (hier der Versuch auf Tiktok deren Filter zu umgehen). In diesem Monat gab es einen besonderen Schwerpunkt und dieser Text analysiert den Erfolg der Post auf Tiktok.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen. Wer keine Folge verpassen möchte, kann sie hier als eigenen Newsletter bestellen.

Tiktok Now – der BeReal-Klon jetzt in Deutschland

Dass erfolgreiche Social-Media-Plattformen sich von Angeboten anderer Apps inspirieren lassen, kannte man bisher vor allem von Meta-Facebook. Seit ein paar Tagen ist nun auch Tiktok, das bisher als Vorlagengeber für Instagram diente, auch selbst in der Inspirations-Adaption aktiv: mit dem Angebot Tiktok Now versucht die App ein Nutzungserlebnis zugänglich zu machen, das bei BeReal äußerst erfolgreich ist.

In den USA bietet Tiktok die sehr viel privatere und vermeintlich authentischere Social-Media-Experience innerhalb der klassischen Tiktok-App als so genannten now-Feed an. In einigen anderen Ländern, u.a. auch Deutschland, gibt es Tiktok Now als eigene App in den Stores. Beide Angebote (die vermutlich in einem interessanten A-B-Test ausprobiert werden) basieren auf der BeReal-Erfahrung, die auf einer etwas privateren Social-Media-Nutzung basiert. Um im Explore-Feed (For You Page) mit Reals/Nows auftauchen zu können, muss man bei Tiktok-Now z.B. mindestens 18 Jahre alt sein. Im Alter von 13 bis 15 Jahren können Nutzer:innen nur mit Freund:innen interagieren. Und selbst bei volljährigen Nutzer:innen ist der Default-Modus auf privat gestellt.

Es geht, das ist sehr deutlich um einen Test für eine andere Form von Social-Media, die nicht mehr auf Reichweiten und Austausch setzt, sondern eher Züge von Dark Social trägt: es geht um ein vermeintliche authentischeres Social-Media.

Warum BeReal interessant ist, habe ich hier beschrieben.

Die Kolleg:innen vom Social-Media-Watchblog sprechen übrigens von einem Vibe-Shift in Social Media.

Fünf Gründe für den Erfolg von BeReal – und die Antwort auf die Frage: Muss ich mich jetzt selbst filmen? (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Im Rückblick erscheint der Erfolg von Instagram logisch. Es war die erste App, die konsequent auf die damals noch neue Funktion „Kamera“ setzte.

Was also wäre, wenn nun eine App konsequent auf die zweite Kamera setzt, die Handys mittlerweile haben? Wir wären bei dem Hype der vergangenen Wochen, wir wären bei BeReal (wo wir uns hier anfreunden können)

BeReal setzt auf den Rückblick. Die App zeigt nicht nur das Bild, das die Frontkamera eines Telefons fotografiert, sondern zusätzlich oben links eingeklingt das Bild der Rückkamera. Ob das allein tatsächlich den Hype um die App rechtfertigt? Kaum. Aber man kann an BeReal diese fünf Mechanismen digitaler Aufmerksamkeit lernen, die unweigerlich zu der Abschlussfrage führen: Muss ich mich jetzt selbst filmen? (Antwort am Ende oder in der Hochformatvideo-Sprache: „Bleibt unbedingt dran“)

1. Verknappung

Zwei Minuten am Tag. So viel Zeit gesteht BeReal seinen Nutzer:innen zu – als „Time to be real“. In den zwei Minuten können sie Fotos mit Front- und Rückkamera machen (wer später dran ist, wird mit „late“ markiert). Das Besondere dabei: BeReal verrät vorher nicht, wann die zwei Minuten „Time to be real“ beginnen. Es gibt eine Nachricht aus der App und dann können Nutzer:innen ihren täglichen Beitrag posten, der dann wiederum 24 Stunden lang im Disovery-Feed sichtbar ist. Diese Form der Verknappung soll Authentizität (siehe 2.) garantieren, sie begrenzt aber vor allem die Möglichkeiten und schafft so Begehrlichkeiten (siehe dazu Weniger schafft mehr), dieses Muster ist nicht neu, die konkrete Ausgestaltung schon – und der vermutlich wichtigste Faktor für den Hype. (Symbolbild: Unsplash)

2. Authentizität

„Es gibt keine Filter und keine Videos, sondern nur einen Strom ehrlich wirkender Foto-Schnipsel, die alle verschwinden, sobald der nächste Alarm gesendet wird. Die strikten Beschränkungen und das Gefühl der Dringlichkeit, das dem Design von BeReal innewohnt, dienen nach Ansicht des Teams und der Fans der App dem Ziel, „Authentizität“ zu kultivieren – ein Wort, das in praktisch jedem Artikel über die App zu finden ist“, schrieb der New Yorker Anfang des Jahres über BeReal und nutzte dabei selbst das Wort, das den zweiten Treiber für den Hype bildet: das Ungefilterte verleiht BeReal nicht nur den Namen, sondern soll auch den Gegenentwurf zum Hochglanz von Instagram beschreiben.

3. Gemeinschaft

Anders als bei den hierachisch geordneten Social-Media-Feeds z.B. von Instagram, setzt BeReal auf den Aspekt der Gemeinsamkeit. Alle haben die gleichen zwei Minuten – weshalb der Netz-Experte Ryan Broderick die App auch eher mit dem Hype um Wordle als mit einem echten Instagram- oder Tiktok-Konkurrenten vergleicht: „BeReal ist kein Instagram-Konkurrent. Es ist eigentlich Teil desselben Trends wie Wordle. Die gleichzeitige Push-Benachrichtigung und das Zeitlimit für die Veröffentlichung bieten ein kurzes gemeinsames Online-Erlebnis in einem sehr zersplitterten sozialen Netz“

4. Botschafter:innen

Campus-Captains hießen die Botschafter:innen, mit deren Hilfe StudiVZ an deutschen Hochschulen Nutzer:innen einsammelte. Das Prinzip von Mini-Influencern ist nicht neu, Tupperware setzt schon seit Jahren drauf und auch bei BeReal hat das so genannte Ambassador-Programm genau dazu geführt, dass schnell neue Nutzer:innen auf die App gekommen sind. Diese Botschafter:innen sind das beste Symbol für Marketing nach dem Ende des Durchschnitts – es gibt keine für alle gleiche Werbebotschaft, sondern viele Botschafter:innen, die segmentiert Zielgruppen ansprechen.

5. Selfie

„Wirklich interessant ist das Konzept eigentlich nur dann,“ bilanziert Kim Rixecker bei t3n, „wenn ihr BeReal mit euren Freund:innen verwendet.“ Deshalb glaube ich auch, dass die Doppelkamera-App gar kein Angriff auf Instagram ist (wenngleich die große Meta-Kopiermaschine das Feature schon als „Dual-Kamera“ integriert hat). BeReal spielt eher in der Liga von Snapchat – wird aber mindestens bei einem Thema größeren Einfluss haben: Es ist die erste App, die ihre Nutzer:innen konsequent vor die Kamera bringt. Das erkennt man zum Beispiel auch daran, dass BeReal nicht nur personalisierte Emojis anbietet (wie andere Apps), sondern ein RealMoji genanntes Feature, bei dem Nutzer:innen ihrer Reaktionen über die Rückkamera das Handys aufnehmen und als Antwort auf andere BeReal-Beiträge posten können.

Mehr über die Tiktokisieurng des Web auf hier im Blog unter tiktok-taktik.de – außerdem habe ich hier erklärt, warum Tiktok ein relevantes Feld für Journalist:innen ist. Besonders empfehle ich den englischsprachigen Newsletter von Marcus Bösch: Understanding Tiktok. Im Sommer 2019 habe ich in einem Selbstversuch mal 24 Stunden auf Tiktok verbracht. Die im Text behandelten Phänomene habe ich auch im Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation eingeordnet.

Und egal, ob BeReal am Ende real bleibt oder nicht, das wird die App leisten: BeReal bildet den Kipp-Punkt, an dem Social-Media zu Selfie-Media wird. Wobei ich damit etwas anderes meine als die oberflächliche Kritik derjenigen, die sich mit Social-Media nicht befassen wollen und es deshalb als Spielwiese für selbstsüchtige Selfie-Freund:innen beschrieben. Ich meine die Tiktokisierung von Social-Media, die man sehr vereinfacht als Selbstfilm-Trend beschreiben kann. Instagram priorisiert seine Reels genannten Tiktok-Klone (was nicht alle Instagram-Nutzer:innen mögen, es gibt inzwischen sogar eine Petition für das „alte Instagram“) und treibt damit eine Entwicklung voran, bei der Nutzer:innen sich selbst vor der Kamera zeigen müssen wenn sie Reichweite wünschen (der Mechanismus dahinter, ist hier gut beschrieben). Wer erfolgreiche Tiktoks (oder Reels oder Shorts) machen will, kommt nicht mehr mit schönen Bildern, Texttafeln oder Illustrationen aus. Fabian Schuetze schreibt dazu in seinem empfehlenswerten Low Budget High Spirit Newsletter (was meine Newsletter-These aus dem Juli bestärkt):

Im Bereich der visuellen Kunst herrscht gerade Fassungslosigkeit. Die über Jahre aufgebauten und teils immensen Followerzahlen sind auf einmal nichts mehr wert. Während eine schöne Illustration oder ein hochwertiges Foto von einem Gemälde jahrelang gute Reichweiten versprach, passiert jetzt: nichts. Accounts mit Followerzahlen über 100.000 Follower berichten, dass ihre Beiträge nur noch 300 bis 400 Personen gezeigt werden, von denen dann 50 den Beitrag liken.

Das Problem: Viele können nicht einfach so auf die Reichweite-versprechenden neuen Formate wie Reels und TikTok-Content umsteigen. Das kann kaum ein*e Fotograf*in oder Illustrator*in, genau so wenig die meisten Musiker*innen, ohne sich zu verbiegen oder Inhalte zu generieren, die dann nur noch leidlich wenig mit der eigenen Passion zu tun haben.

Beim letzten Punkt seiner Analyse bin ich unsicher. Ich glaube, dass Instagram und Tiktok denken: Es können alle auf die neuen Formate umsteigen – sie müssen quasi nur die Rückkamera einschalten und real werden bzw. mit ihre eigenen Gesicht ihre Inhalte authentischer werden lassen. Sich selbst vor der Kamera zu zeigen, ist also der nächste Schritt in der Social-Media-Entwicklung. Nach persönlichen Texten, nach Ich-Ansichten in Wort und dann im Bild, kommen sie jetzt im Bewegtbild. Nutzer:innen, die Social-Media als Reichweiten-Instrument einsetzten (wollen), werden nicht drumherum kommen, eine persönliche Haltung zu dieser Form von Selfie-Media zu finden (und einige tun das ja auch bereits) oder anders formuliert, die Antwort auf diese Frage ist eher naheliegend:

Muss ich mich jetzt selbst filmen?

Die Antwort ist sehr einfach und sehr offensichtlich: Ja!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit aktuellen Entwicklungen in Social Media befasse – zum Beispiel: „Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen“ (Juni 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Follower-Dilemma: Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was viele Menschen wichtig finden, kann nicht unwichtig sein.

Diese Idee – hier als „Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit“ beschrieben – bestimmt nicht nur Suchalgorithmen, sondern sehr sicher auch Ihr Denken: Wer schon mal neugierig geworden ist, weil irgendwo viele Menschen in einer Schlange anstanden („was ist denn da los?“), kennt das Prinzip, das zahlreiche digitale Plattformen auf die Spitze getrieben haben. Sie haben dafür eine Währung erfunden, die allgemein anerkannt, aber in Wahrheit kaum wertvoll ist. Sie haben dafür das Prinzip „Follower“ erfunden – eine Einheit, die nicht unabhängig überprüfbar ist, die die Plattformen aber reich macht, weil wir sie glauben. Dabei ist diese Währung nahezu bedeutungslos – und es ist dringend an der Zeit, dies auch im allgemeinen Diskurs zu verankern. Und hier will ich kurz erklären, warum das so ist. (Symbolbild: unsplash)

Auslöser für meine Erklärung ist ein Wortbeitrag der sehr geschätzten Kollegin Eva Schulz auf der republica. Auf dem Panel Medienmachende als Marke spricht sie ab ca Minuten 17 über Follower und Reichweite. Sie erzählt die Geschichte einer jüngeren Kollegin, die keine Follower auf Instagram und deshalb kaum Chancen hat, an eine Moderatorionsrolle zu kommen, weil Verantwortliche in Medienhäuser diese Währung für relevant für eine Moderation halten. Eva sagt…

Es hört nie auf. Ich hab was, wo diese Kollegin hinguckt und sagt ,Scheiße, wie soll ich das je erreichen? Diese Followerzahlen, die Eva hat‘. Da ist mir erst bewusst geworden, was ich dann für einen Druck ausüben muss auf so viele Kolleginnen und Kollegen. Wegen einer Währung, die Medienhäuser gladly übernehmen, während es eigentlich ihre Aufgabe wäre, diese Leute selber aufzubauen. Und sich nicht einfach auf eine fremde Währung auf einer externen Plattform zu verlassen, die nicht mal von unserem Kontinent stammt.

… und kommt zu dem Schluss: „Da müssen sich Medienhaus-Verantwortliche wirklich mal überlegen, ob man sich auf diese Kennzahl verlassen will.“

Ich würde noch sehr viel deutlicher sagen: Nicht nur Medienhaus-Verantwortliche sollten sich von dieser Kennzahl verabschieden.

Warum glauben Menschen an den Wert der Follower? Weil sie annehmen, die Zahl treffe eine Aussage darüber, welche Reichweite ein Account hat. Darüber sagt die Zahl aber in Wahrheit sehr wenig aus – viel weniger jedenfalls als gemeinhin angenommen.

Jede:r, die/der mal in die Insights eines Accounts geschaut hat, weiß, dass kein Beitrag, der mit einer Followerzahl 100 gepostet wird, tatsächlich 100 andere Accounts erreicht. Spätestens mit Einführung des Timeline-Prinzips haben die Plattformen nämlich erkannt, dass nicht die postenden Accounts darüber entscheiden sollen, wessen Aufmerksamkeit sie bekommen – darüber wollen die Plattformen selbst bestimmen, um diese Aufmerksamkeit zu monetarisieren.

Mit der Tiktokisierung von Social-Media hat das Follower-Dilemma (Top-Illustration von mir rechts) eine neue Ebene erreicht: Plattformen priorisieren gut laufende Inhalte und versorgen diese mit Reichweite. Das heißt aber nicht, dass auch die Accounts zwingend mehr Reichweite bekommen – dafür müssen sie nämlich weiter gut laufende Inhalte produzieren; genau wie Accounts mit wenigen Followern auch.

Tiktoks relevanteste Bühne, die for you page, kommt sogar völlig ohne Follower aus. Hier spielt die Plattform Beiträge aus, die nicht darauf basieren, dass ein:e Nutzer:in bei Accounts „das plus weggemacht hat“ (Tiktok-Lingo für Follow). Auf der For You Page werden nach dem sprechender Hut-Prinzip Beiträge ausgespielt, die dann nahezu magisch irre Reichweiten bekommen können. Das gilt für einen Account mit wenigen Followern ebenso wie für einen vermeintlich reichweitenstärkeren Account, der bereits viele Follower hat.

Verlässlich aussagekräftig ist die Zahl der Follower auf Plattformen also nur in eine Richtung: in Bezug auf die Anzahl der Accounts (nicht unbedingt auch Menschen), die auf der Plattform den Account abonniert haben. Dass diese Zahl auch technisch verändert worden sein kann, lasse ich bewusst unerwähnt, denn meine Kritik bezieht sich gar nicht auf diesen Aspekt (der selbstredend erschwerend hinzukommt). Ob der Account diese anderen Accounts dann auch erreicht, darüber sagt die Follower-Anzahl eher wenig aus – maximal eine Wahrscheinlichkeit lässt sich aus der Gesamtzahl der Fans auf die Reichweite ermitteln.

Diese Wahrscheinlichkeit ist nicht null, aber sie ist ganz sicher auch nicht so bedeutsam, dass sie als relevante Währung in der öffentlichen Debatte genutzt werden sollte. Um ihre Flüchtigkeit zu illustrieren, muss man sich einen Account vorstellen, der zwar sehr viele Follower angesammelt hat, dann aber monatelang nichts postet. Dieser Account wird nach zwölf inaktiven Monaten nur eine sehr geringen Wahrscheinlichkeit auf hohe (organische) Reichweiten haben – es sei denn er kauft dafür Sichtbarkeit hinzu. Womit die Währung völlig wertlos wird, wenn sie lediglich zeigt, wieviel Geld ein Account ausgegeben hat, um sichtbar zu sein.

Sinnvoller erscheint es mir, Prominenz oder Sichtbarkeit im digitalen Ökosystem als fluide Währung zu betrachten – die immer nur sehr kurze Halbwertszeiten aufweist. Zu glauben, eine Angabe über Fans oder Follower könne daran etwas ändern, ist eine angenehme Vereinfachung, aber halt auch unangenehm falsch.

Nachtrag Es gibt übrigens eine Akteurin in dem Spiel, die großes Interesse daran hat, dass die Währung „Fans/Follower“ nicht an Bedeutung verliert: die Plattform selbst. Ohne eine unabhängige dritte Instanz, die ihre Zahlen kontrolliert, kann die Plattform den Nutzer:innen nämlich so ihre eigene vermeintliche Bedeutung vorführen. Das wäre doch schade, wenn sich daran etwas ändert…

WarTok, Avocado, Tommi Schmitt, Moin Ingo, Birds Aren’t Real (Netzkultur-Charts März)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: WarTok 🆕

Der Begriff stammt vom New York Magazine: „WarTok“ ist der Titel eines Textes, der kurz nach dem russischen Angriff auf die Unkraine erschien. Es ist ein besonders klingendes Beispiel für zahlreiche Texte, die den Angriffskrieg medial einordnen und erklären wollten – und dabei spielte immer wieder die vergleichsweise junge Plattform Tiktok eine angeblich bedeutsame Rolle. Ob das wirklich so ist, kann man nicht abschließend beurteilen. Es bleiben in jedem Fall Zweifel, wenn man diese Einordnung bei The Atlantic und vor allem den unbedingt empfehlenswerten Newsletter von Marcus Bösch zum Thema verfolgt (zur Rolle von Social-Media unbedingt diesen Thread lesen). Sicher ist jedoch, dass der Krieg auch eine Internet-Dimension hat. Der Informationskrieg wird in diesem Text bei Technology Review gut eingeordnet und über den Aspekt dessen, was man Cyberwar nennt, spricht „Holgi ruft an…“ hier im Übermedien-Podcast mit Linus Neumann.

Platz 2: Avocado und Glut-Theorie 🆕

Ein sogar im deutschsprachigen Internet alter Trend ist wieder da: Schon 2015 hatte der tolle Account Luksan Wunder im Rahmen seiner Aussprache-Clips das Wort Avocado verändert. Im Oktober 2021 lud er dann den gleichen Sound nahezu unbemerkt (unter 10.000 Views) auch auf Tiktok. Der Witz jedoch verbreitet sich seit Beginn des Jahres dank anderer Accounts auf der Plattform. Über vier Millionen Views hat der Account @diclassicx mit einer Adaption bereits erreicht. Die Stimme spricht die Frucht nicht nur falsch aus, sondern fragt auch „wie bereitet Ihr sie euch am liebsten zu?“ Dass dabei Tomatenmarkt auf die Avocado gestrichen wird, hilft offenbar dabei, noch mehr Menschen zu Widerspruch, Duetten und somit zu Algorithmus-Aufmerksamkeit anzustacheln. Im Rahmen des Kölner Kongress des Deutschlandfunks habe ich an dem Prinzip falsche Aussprache/Widerspruch die memetischen Muster der aktuellen Debatte zu skizzieren versucht. Denn manche politische Meinungsäußerung funktioniert nach dem gleichen Prinzip der falschen Aussprache: sie soll vor allem Widerspruch provozieren, um dem Algorithmus auf diese Weise Relevanz vorzugaukeln. Wie aufmerksamkeitsstark das funktioniert, sieht man an zahlreichen Firmen-Accounts, die auf den Avocado-Zug aufspringen – hier z.B. ein Supermarkt.

Platz 3: Audio-Zitate (Next Level) ⬇️

Dass der Podcaster und Latenight-Entertainer Tommi Schmitt gerade als Audiovorlage durch Reels und Tiktoks geistert, war vergangenen Monat schon Thema. Jetzt hat er zum Start seiner neuen Staffel „Studio Schmitt“ auf so eine tolle Art und Weise auf seinen Ruhm als Inspirational-Audio-Quote reagiert, dass ich dazu hier schon ausführlich bloggen musste: wie Schmitt seinen eigenen Podcast-Sound lippensynchron nun im Fernsehen persifliert, ist wirklich wundbar und wäre in jedem anderen Monat ganz sicher auf Platz 1 der Charts gelandet – in diesem Monat geht es einen Platz runter auf Platz 3.

Platz 4: Moin Ingo 🆕

PipomichoO „wollte eigentlich nur ’ne Pommes essen“ und hat damit einen der schönsten Duett-Trends des Jahres losgetreten. Der Nutzer, der die Duett-Funktion von Tiktok wiederholt auf bemerkenswerte Weise genutzt hat (hier mit den Elevatorboys), startete das Moin-Ingo-Movement mit einem Reaction-Video auf einen Clip der Tagesschau. Diese hatte auf eine Nutzer-Anfrage reagiert („Holt man den Ingo in ein Video“) und Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni für ein kurzes Video in Studio schreiten und „Hallo Tiktok“ sagen lassen. Pipomicho0 startete mit seinem Duett, in dem er seine Pommes-Geschichte erzählt und quasi beiläufig auf Zamperonis Gruß reagiert, eine Welle an fortführenden Duetten, die diese besondere Funktion in Tiktok nutzen und alle gemeinsam auf die Tagesschau reagieren. Das ist lustig, weil es so wirkt als würde auf den Gruß „Hallo Tiktok“ tatsächlich die Nutzer:innenschaft von Tiktok reagieren – beiläufig mit einem „Moin Ingo“.
Der gesamte Trend illustriert aber vor allem anschaulich, wie gut sich der Tagesschau-Account in dem digitalen Ökosystem von Tiktok bewegt.

Platz 5: Birds Aren’t Real ⬇️

Ich hatte es ja angekündigt: die „Birds Aren’t Real“-Bewegung wird uns weiter beschäftigen. Diesen Monat hat sie sogar den Wordle-Hype (Schon mal Heardle gespielt?) aus den Charts verdrängt. Zum einen weil jetzt auch die Tagesschau berichtet hat, aber vor allem weil sie eine Demo in LA organisierten und ankündigten, juristisch gegen Medien vorzugehen, die sie als Parodie vorstellen. Das Spiel geht also weiter.

Besondere Erwähung:

Außerdem erwähnenswert im März im Netz: der Commando Parachutiste de l’Air no 10″-Hoodie von Emanuel Macron im Vergleich zum Pulli von Olaf Scholz, der „Ich hab mir Pizza gemacht“-Sound, der mit auf das Video gelegten Texten in neue Kontexte gestellt wird und aus gegebenem Anlass dieser zwei Jahren dieser Text „Immerhin haben wir das Internet“!

Der kleine Junge, der im Publikum beim Bundesligaspiel Köln – Dortmund von den Kameras eingefangen wurde, hat erst den Dortmunder Torschützen Wolf beschmipft – und dann wegen des plötzlichen Ruhms besucht. Stephen Wilhite ist gestorben – er hatte das Gif-Format (mit-)erfunden.

Auf Tiktok gibt es einen neuen Kaffee-Trend. Nachdem vor zwei Jahren südkoreanischer Dalgona-Kaffee ständig gepostet und erwähnt wurde, gibt es seit Jahrsbeginn eine Espress-Orangensaft-Flut in meinen Timelines. Ich habe diese Kombination in diesem Monat ausprobiert und viel Widerspruch auf Twitter geerntet – so richtig gut fand ich sie nebenbei bemerkt auch nicht. Dafür hab ich ein richtig gutes Tiktok gedreht ;-)

Der Song „Tom’s Diner“ (hier erklärt ein Tiktoker die Entstehungsgeschichte des Susan-Vega-Lieds) geistert gerade in einer erstaunlichen Version von Giant Rooks und AnnenMayKantereit durch Tiktok. Vor allem der Gesangspart von Henning May fasziniert die Nutzer:innen und animiert sie zu Erklärungen, Duetten und Stitches.


Hans Rusinek sammelt Anführungszeichen. Öffentlich. Auf Instagram. Ich habe den Macher von Akward Anführungszeichen zu seinem „Buch“ (Anführungszeichen mitlesen) interviewt, das dieser Tage erscheint.

Auf Netflix startet dieser Tage eine Serie, die von dem „Ist das Kuchen“-Meme inspiriert ist. Passenderweise heißt sie auch so. Wem das zu kompliziert ist, kann auch schlicht durch Instagram klicken.

Aus dem so mittellustigen Straßen-Videotrend scheinbare Passant:innen scheinbar beiläufig nach den Songs zu fragen, die sie hören, hat sich ein schöner Quatsch entwickelt, auf den Micorsoft zu Werbezwecken aufgesprungen ist. Begonnen hatte es mit der Quatsch-Antwort eben keine Lieder, sondern sinnlose Geräusche und Melodien zu hören – und Microsoft hat daraus diese Antwort gemacht: ein Hipster im gelben Pulli stampft durch die Straße, nimmt den Ohrhörer raus und gesteht, er höre den Startup-Sound von Windows XP.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Ein „Buch“ – Interview mit Awkward-Anführungszeichen-Macher Hans Rusinek

Hans Rusinek sammelt Anführungszeichen. Öffentlich. Auf Instagram. Sein Account awkward_anfuehrungszeichen ist eine beachtenswerte Sammlung verwirrter oder zumindest verwirrender Satzzeichen. Denn nahezu alle „Beiträge“ dokumentieren erstaunliche Missverständnisse in der Verwendung der Gänsefüßchen. Jetzt hat er aus der Sammlung ein „Buch“ (Anführungszeichen mitlesen) gemacht. Ich habe ihm dazu ein paar Fragen gemailt.

Du sammelst Anführungszeichen. Warum das denn?
Es fing damit an, dass ein Freund, der Schnapsgläser sammelt, mir predigte, dass doch jeder irgendetwas sammeln muss. Sammeln sei doch ein Urtrieb, die Überlebenstechnik per se und ein mutiges Veto gegen den Zahn der Zeit, besonders in digitalen Zeiten. Und so weiter, und so fort. Ich hörte ihn brav zu und beim Leeren des ein oder anderen Schnapsglases kam mir dann die Idee: Verhunzte Anführungszeichen! Gerade an diesem Tag war mir nämlich ein Schild an einem Parkautomaten aufgefallen: Dort stand, dass man im „Voraus“ zahlen sollte. Merkwürdig.

Wo findest du all die Anführungs-Fehler eigentlich?
Wenn der Blick erstmal geschärft ist, begegnen einem die Dinger wirklich überall! Es ist eine Sprach-, oder besser Satzzeichensensibilität, die die Sammlung antreibt. Eine Zeit lang griff das sogar auf meine Kommunikation im Alltag über: ich musste beim Sprechen immer mit meinen Fingern die Zeichen in die Luft malen. Und durch den Account greift dies auch auf andere Menschen über. Die meisten neuen Fundstücke sind Beiträge aus der Community, die ich kuratieren darf. Es kommen etwa 50 neue Stücke pro Tag rein und ich werde der Lage schon lange nicht mehr Herr. Im Buch kommen deshalb auch viele unveröffentlichte Stücke ans Licht!

Begonnen hast du in Amerika, im Buch sind die meisten „Beiträge“ auf deutsch. Gibt es kulturelle Unterschiede?
Das ist schwer zu sagen. Ich weiß es nicht. Was aber definitiv aus den USA kommt, sind eben diese „Air Quotes“, die man mit den Fingern malt. Das haben wir Joey von Friends zu verdanken.

Du schreibst, dass in Wien besonders viel in An- und Abführung geschrieben wird. Hast Du eine Ahnung, woran das liegt?
Das finde ich auch ganz faszinierend! Vielleicht hat es etwas mit dem Wiener Schmäh zu tun? Also mit diesem etwas zynischen Humor, der gerne mal etwas Distanz schafft und darum die Welt gerne mal ein wenig in Anführungszeichen setzt.

Hast Du mal mit Leuten gesprochen, die besonders falsche Anführungszeichen auf Plakaten oder Aushängen verwenden?
Ja, eine Person hat sich mal bei mir gemeldet, weil ich sein Plakat gepostet habe. Er sagte, dass er nicht wusste, ob er den richtigen Begriff verwendet hatte und deshalb setzte er ihn vorsichtshalber in Anführungszeichen. Anführungszeichen wiegen uns in Sicherheit! Eine Hintertür bleibt so immer offen.

Bei nahezu allen Beiträgen in deinem Buch dachte ich mir: die Schreibenden glauben, mit den Anführungszeichen würden sie einen Begriff besonders betonen und wir Lesenden sehen, dass sie sich genau davon distanzieren. Hast Du eine Idee, wie Leute darauf kommen, dass Anführungszeichen einen Begriff besonders unterstreichen würden?
Ganz viele Facetten, wozu die Forschung noch dringend Antworten finden muss! Bei manchen Fundstücken hat man eine ältere Generation vor sich, die vielleicht mal gelernt hat, dass Anführungszeichen etwas unterstreichen sollen (aber kann man dafür nicht eben genau das machen? Unterstreichen). Und doch gibt es eben auch den gegenteiligen Effekt: Anführungszeichen als zynische Distanzierung. Anführungszeichen bleiben ein verwirrendes Rätsel! Zu der Distanzierung haben wir in dem Buch auch spannende historische Beispiele: Etwa Zeitungsausschnitte vom Springer-Verlag, der die DDR bis 1989 immer in Anführungszeichen setzte.

Zum Abschluss noch eine Frage an dich als Experten: Hast Du eine Ahnung, weshalb man die Anführungszeichen in Deutschland auch „Gänsefüßchen“ nennt?
Ich glaube das soll „niedlich“ sein.

Das Buch der absurden Anführungszeichen ist im Seltmann-Verlag erschienen – hier kann man Hans‘ Account auf Instagram folgen

Was ist YouTube Shorts? Die Tiktokisierung des Web

Unlängst hat Tommi Schmitt in seiner empfehlenswerten Sendung „Studio Schmitt“ ehrliche Werbung gemacht. Der Slogan, den er dabei für Instagram präsentierte lautete: „Die Tiktok-Videos von gestern“. Das war lustig, weil Instagram mit seiner hochkantigen Tiktok-Kopie namens „Reels“ tatsächlich vor der Herausforderung steht, das Tiktok-Logo in den auch auf Instagram veröffentlichten Clips nicht zu prominent zu zeigen.

Der bekannteste Journalist auf Tiktok, Dave Jorgenson von der Washington Post, hat dazu unlängst einen schönen Clip gemacht, in dem er Reels und Tiktok in einen Austausch brachte. Würde er das gleiche mit Tiktok und Youtube machen, als YouTube würde er vermutlich kurze Hosen tragen. Denn YouTube nennt seinen Tiktok-Klon „Shorts“ (und Jorgenson schreckt von offensichtlichen und platten Witzen nicht zurück). Das Angebot „Shorts“ ist schon seit einer Weile online – und wird meiner Erfahrung nach vor allem von Menschen genutzt, die YouTube mobil nutzen.

Heute habe ich nun durch Zufall auf der Desktop-Startseite der YouTube-Mutter Google dieses Bild gesehen: Einen Werbehinweis für das Angebot Shorts. Das ist im doppelten Sinn erstaunlich. Denn erstens macht Google zwar fast überall Werbung, aber fast nie auf der Startseite. Und zweitens lässt sich daraus ableiten, dass Googles Videotochter YouTube wohl Sorge hat, hochkant aus dem Aufmerksamkeitsfenster der mobilen Tiktok-Fans zu fliegen, wenn nicht mehr Energie auf das eigene Angebot Shorts gelenkt wird.

Dass damit mit einem etwas ungelenkten Spruch geworben wird, bleibt allerdings verwirrend. Der Satz…

Mit YouTube Shorts kannst du eigene Kurzvideos ansehen und erstellen

… legt einen merkwürdigen Fokus auf „eigene Videos“. Die Besonderheit des Angebots ist es ja, dass bei Shorts erstens auch andere meine Kurzvideos sehen können und dass zweitens ich die Kurzvideos von anderen sehen kann. Aber gut.

Es spricht sehr viel dafür, dass Google nicht einfach so Werbung auf die eigene Startseite knallt, sondern damit ein Zeichen sendet: Die Tiktokisierung des Web hat begonnen. Sie scheint sogar soweit fortgeschritten, dass auch YouTube mitfahren will.

Die Werbung führt übrigens auf diesen deutschsprachigen Clip, der mit kurzen Schnipseln für das Angebot wirbt. Tommi Schmitt würde dazu vermutlich texten: „YouTube Shorts die Reels von gestern“

In Fragen des Slogans hat eh Tiktok das Rennen gewonnen: It starts on Tiktok ist kaum zu überbieten.

Wer mehr über Tiktok wissen möchte, findet hier meine tiktok-taktik – und einmal im Monat die Netzkulturcharts, die die relevantesten Trends nicht nur hochkant zusammenfassen. Mehr über gute Slogans und Werbung im Podcast „Wirbt das?“

Was ist das Gegenteil von peinlich? Wenn es keiner sieht

Die beiden Männer auf diesem etwas peinlichen (?) Schnappschuss do oben (Foto: Instagram) heißen Xavier Di Petta und Nick Iavarone. Gemeinsam sind sie das DJ-Duos Partyshirt, das auf Tiktok so erfolgreich ist, dass die New York Times über sie berichtet. In dem Text fällt ein erstaunliches Zitat von Xavier, das die Frage, was eigentlich peinlich ist, in ein ziemlich neues Licht rückt.

Statt „peinlich“ verwenden manche Menschen übrigens auch den Begriff „cringe“ oder wie Phil Laude es hier (Ok Boomer!) formuliert: zum Fremdschämen. Das sollte man wissen, um Xaviers Einschätzung zum Thema Peinlichkeit besser zu übersetzen. Er sagt:

“Everything’s cringey until it gets views”

Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man bis vor ein paar Jahren als „peinlich“ beschrieben hätte. Denn so lange es keiner sah (oder es keine Views bekam), war nach damaliger Ansicht eine Sache eigentlich auch nicht peinlich. Sieht ja keiner. Heute, so interpretiere ich Xaviers Einschätzung, gibt es eine gegenteilige Haltung, die es für peinlich hält, wenn ein Clips, ein Foto oder Meme keine Views erhält. Anders formuliert: auch der peinlichste Inhalt kann durch seinen Kontext (hohe Verbreitung) in ein unpeinliches Licht gerückt werden.

Darin liegt nicht nur eine zufällige Veränderung der Zuschreibung des Begriffs der Peinlichkeit. Es ist, so kann man in dem NYT-Text weiter lesen, volle Absicht. Man könnte sogar sagen „Social-Media-Strategie“:

Both the men said it’s important to be bold online. Many people feel embarrassed by their videos, especially given that offline friends and contacts are likely to see them. The men said that shame is often the biggest hurdle, but it shouldn’t be.

Treiber ist das von Bühnen bekannte Rampensau-Phänomen, sich auch in peinlichen Situtationen zu zeigen. Hier wird es aber weiter ausgedehnt. In ihren Tiktok-Clips inszenieren die beiden eine derart beiläufige Gewöhnlichkeit, indem sie Lebensmittel testen oder allerlei Alltäglichkeiten in neue Kontexte rücken, dass es auch nicht verwundert, dass ihre „Website“ namens partshirt.co auf ein Google-Doc verweist, das vor ein paar Jahren vermutlich als cringe bewertet worden wäre (ohne den Begriff zu verwenden)

Die Welt, die sich hinter Xaviers Einschätzung öffnet, breitet vor allem einen Aspekt vor uns aus: Cringe ist keine Zuschreibung, die einzig und allein auf den Content eines Bildes oder einer Handlung zutrifft. Ob etwas Cringe ist, entscheidet sich offenbar auch am Kontext des jeweiligen Inhalts, also anhand der Metadaten, die die Inhaltsdaten ergänzen. Für Partyshirt spielen dabei Reichweite und Views offenbar eine so wichtige Rolle, dass sie sogar die gelernte Zuschreibung von Peinlichkeit auf den Kopf stellen.


Mehr Gegenteil gibt es in meinem Buch Anleitung zum Unkreativsein – dort ist auch erklärt, wie der Blick aufs Gegenteil die Perspektive erweitern kann. Mehr Netzkultur gibt es jeden Monat in der Rubrik Netzkulturcharts – und in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“

Digitale Nachbarschaft (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wie gut kennen Sie Ihre Nachbarn? Wissen Sie, welche Wendungen das Leben auf dem Balkon gebenüber nimmt?

Ich muss immer wieder an die lockere soziale Bindung zu den Menschen „next door“ denken, wenn ich Social-Media-Apps nutze. Egal, ob es sich um den Status in WhatsApp (lesenswert aufgeschrieben von meinem Kollegen Jan Stremmel), um Urlaubsbilder auf Instagram oder Tanzeinlagen auf Tiktok handelt: stets liefern soziale Medien einen virtuellen Blick in das Leben von fremden Menschen, in fremden Wohnungen. (Symbolbild: Unsplash)

Dieser private Blick ist neu und zuweilen noch immer verstörend (über die berufliche Verwendung von sozialen Netzwerken habe ich hier geschrieben). Warum filmen diese Menschen sich bei albernen Tanzeinlagen, weshalb teilt diese entfernte Bekannte ihre Autopanne auf Instagram und welchen Zweck verfolgt der Ex-Kollege mit diesen Videos, die er über seinen Status und YouTube verbreitet? Lange Zeit wurde diese Form des sozialen Austauschs als Oversharing verunglimpft: Selbstdarsteller:innen seien diese Menschen, die ihr Essen fotografieren oder Selfies produzieren. Das konnte man so häufig lesen, dass es mich skeptisch machte: Stimmt das wirklich oder ist die Behauptung von der Darstellungsssucht nicht nur ein Vorwand, sich nicht intensiver mit dieser neuen Form der sozialen Bindung befassen zu müssen? (Wie man sich tiefgehender mit solchen Fragen befassen kann, zeigt Sascha Lobo in dieser Kolumne über Kinderfotos im Internet)

Seit ich selbst anfing, Szenen auf Instagram zu fotografieren, die früher in einem privaten Fotoalbum gelandet wären, beschäftigt mich die Frage nach dem Warum? intensiver als die oberflächliche Antwort von der vemeintlichen Oberflächlichkeit reicht. Der soziale Austausch wird von anderen Treibern beflügelt als der Suche nach Likes oder Anerkennung. Das gilt on- wie offline, das gilt in sozialen Netzwerken wie im Gespräch mit dem Balkon gegenüber. Wir teilen uns mit, weil wir uns darin selbst erkennen. Wer seiner Nachbarin von der eigenen Urlaubsreise erzählt, kennt dieses Gefühl. Es wird nicht schlechter oder gar falsch, nur weil es im Internet stattfindet: Auch digitale Mitteilungen helfen dabei, die Welt einzuordnen und uns selbst zu verstehen. Genau so gut und genau so schlecht wie Gespräche auf dem Gang mit den Nachbar:innen.

Mir hilft das Bild von der digitalen Nachbar:innenschaft um besser zu verstehen, was wir da gemeinsam machen in den sozialen Netzwerken. Wir führen lockere virtuelle Beziehungen, die sehr handfeste (auch positive!) Folgen haben können. So wie Brot&Salz durch echte Fenster gereicht werden, können wir durch virtuelle Fenster Reisetipps, Nachmieter:innen oder Spendensammlungen organisieren. Ja, es gibt auch den Nachbarschaftsstreit am # Gartenzaun – im Internet heißt der Hashtag und beflügelt Auseinandersetzungen, die nicht so anders sind als die Debatte über einen überstehenden Ast im fremden Garten. Online steht ein Gender*sternchen zu hoch und weckt die gleichen „ich werde ungerecht behandelt“-Gefühle wie in der Offline-Nachbarschaft.

Keine Sorge, es geht mir mit dem Bild nicht um eine On- und Offline-Gleichmacherei. Die digitale Nachbarschaft ist selbstredend umfangreicher, vernetzter und breiter als die manchmal tiefer gehende Verbindung zu Menschen, die (fast) die gleiche Adresse haben. Aber beide haben einen positiven, verbindenen, freundlichen Kern. Allein um das nicht zu vergessen, lohnt es sich ein Herz zu drücken, wenn der Ex-Kollege ein Video postet oder die Bekannte Hilfe bei der Autopanne braucht. Wir sind nicht allein – wir sind digitale Nachbarn.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Hier habe ich schon mal über die berufliche Nutzung von sozialen Netzwerken nachgedacht.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären – das Beispiel The French Dispatch

Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray (im Bild oben vlnr) sind gerade in Cannes beim Filmfest. Sie stellen den Film „The French Dispatch“ (hier der Trailer) vor, der im Oktober in die Kinos kommen soll.

Im Rahmen der Vorstellung wurde im sommerlichen Cannes ein Foto gemacht, das sich auf eine bemerkenswerte Reise durchs Netz gemacht hat. Bei mir ist es angekommen, weil FM4 es auf seinem Instagram-Kanal neu kodiert veröffentlicht hat, seinen Ursprung hat es aber wohl in diesem Vulture-Post, der dazu auffordert, sich selbst den vier Charakteren zuzuordnen (bitte unbedingt den Beitrag anschauen, weil die Nutzer:innen darunter erstaunliche Details zu Tage fördern. Warum trägt Bill Murray zum Beispiel zwei Uhren!?). Die New York Times-Redakteurin Dodai Stewart kam dann auf die Idee, die Charaktere mit Sozialen Netzwerken in Verbindung zu bringen. Ihr Beitrag von gestern abend landete dann heute Nachmittag bei FM4.

Das ist nicht nur inhaltlich super, sondern eine wunderbare Referenz der Referenz. Denn die Idee, Filmcharaktere mit dem Wesen sozialer Netzwerke in Verbindung zu bringen, war vor ein paar Jahren am Beispiel des Breakfast-Club schon mal ein kleiner Internet-Hype. Ich habe dem ein ganzes Kapitel in der Gebrauchsanweisung für das Internet gewidmet und hier darüber gebloggt.

Der Unterschied ist: im aktuellen Fall sind nicht die Filmfiguren die Referenz für das Wesen der Netzwerke, sondern die Schauspieler und die Schauspielerin. Das macht den Fall noch etwas treffender, wie ich finde. Auch wenn Facebook – in Person von Bill Murray – vermutlich zu gut weg kommt.

Alle weiteren Kommentare und Bildbeschreibungen verbieten sich, weil allein das Betrachten des 25-jährigen Timothée Chalamet, der eine Sonnenbrille tragend – als Tiktok – neben dem 26 Jahre älteren Regisseur Wes Anderson steht, aussagekräftig genug ist. Anderson wiederum trägt einen hellblauen Anzug und weiße Schuhe und entstammt erkennbar einer anderen Generation (Twitter). Tilda Swindon im blauen Anzug mit Sonnenbrille ist mit Abstand am coolsten – und Instagram. Die Kleidung des Mannes neben ihr entfaltet ihre Ironie vor allem dadurch, dass sie von Bill Murray getragen wird. Die Gegenwärtigkeit von Facebook lässt sich kaum besser illustrieren als durch Kurzarmhemd und hellbaue Shorts.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge