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Das Phänomen Tiktok: ein Gespräch mit Philipp Meier – als Chat

Philipp Meier kenne ich schon aus seiner Zeit am Cabaret Voltaire in Zürich. Nach seiner Arbeit am Geburtsort des Dadaismus war er bei Watson und Swissinfo tätig, unlängst widmete der Tagesanzeiger ihm ein großes Porträt, weil Philipp einen beruflichen Neustart wagt.

Für mich ist metamythos, wie er auf Twitter heißt, einer der besten Tiktok-Kuratoren im deutschsprachigen Raum, in den Stories auf seinem Instagram-Account zeigt er immer wieder erstaunliche Clips – und schreibt auch darüber.

Deshalb habe ich ihn für ein Chat-Interview angefragt, das wir über ein paar Tage im Boomer-Messenger von Facebook geführt haben.

du bist ziemlich aktiv in social-media und zumindest für mich ein großartiger tiktok-kurator. kannst du dich noch erinnern, was dein erstes tiktok war?
an den ersten tiktok-clip kann ich mich leider nicht mehr erinnern. aber ich kann mich an den ersten clip auf musical.ly erinnern (das ist die vorläufer-app von tiktok), bei dem ich mitwirken durfte. meine tochter hatte da einen account und war sehr aktiv (obwohl sie mit knapp 10 theoretisch zu jung war, wie so viele damals;). dank boomer-fb konnte ich den clip für die nachwelt sichern. hier ist er

dann muss ich direkt auf das generationen-thema kommen: ist tiktok was für die ganz-jungen? bzw. was genau an tiktok ist jung und neu?
meine tochter hat denselbe jahrgang wie das iphone, 2007. sie zählt demnach zur ersten generation, die gänzlich mit dem smartphone sozialisiert wurde. es war faszinierend mitzuerleben, wie sie bereits als zweijährige das iphone bedienen konnte (diese intuitive ’simple‘ bedienung ist wohl der grundstein des erfolgs des iphones).

snapchat war dann die erste app, die auf menschen ausgerichtet war, die mit dem smartphone sozialisiert wurden. obwohl ich bei ’social apps‘ enorm neugierig bin, fiel mir der einstieg bei snapchat relativ schwer. für die generation meiner tochter war es jedoch scheinbar ein leichtes, sich darin zurechtzufinden. dasselbe dann bei musically; wobei da – wie auch später bei tiktok – zumindest der zugang zum ‚consumer feed‘ einfacher ist, als bei snapchat (wobei ich da nach wie vor genial finde, dass die kamera der startbildschirm ist).
es fällt mir jedoch schwer zu beschreiben, was nun genau die details sind, die hier quasi die generationen trennt (ausser, dass all die apps im hochformat genutzt werden und der inhalt fast gänzlich und relativ einfach in der app produziert werden kann).
eine unbelegte persönliche these meinerseits: einen generationenbruch stelle ich entlang von schrift vs. bild fest; wobei ich hier zwischen fb/twitter und insta/SC/TT unterscheiden würde (SC für snapchat und TT für tiktok;); denn instagram würde ich quasi ‚brückenapp‘ zwischen den social media plattformen der generation ‚digital immigrant‘ (fb/twitter) und der generation ‚digital native‘ (SC/TT) bezeichnen. interessanterweise schaffte youtube diesen shift zwischen den generation scheinbar extrem leichtfüssig (denn mein sohn mit dem jahrgang 2003 ist neben der game-konsole v.a. dort ‚zuhause‘). der erfolg von insta, SC und TT scheint aufzuzeigen, dass die vernetzung, die awareness und das empowernment bei den jüngeren generation viel stärker über bilder denn über text funktioniert (wobei ich grad realisiere, dass das früher mit den pop- und jugendmagazinen und den musikfernsehen ähnlich war; einfach ohne vernetzung und nur beschränktem austausch).

kannst du beschreiben was dich an tiktok fasziniert?
wieder ne kurze frage, die in mir mehrere gedankengänge auslöst. zum glück habe ich dazu schon das eine oder andere festgehalten. in diesem blogeintrag habe ich vor knapp zwei jahren beschrieben, wie TT zur globalen völkerverständigung beiträgt
und vor ein paar tagen habe ich auf twitter in einem kurzen thread ausgeführt, was mich aktuell interessiert (was meines wissens auch der auslöser für dieses interview war) weil TT monat für monat tiefer in die gesellschaft eindringt wird der inhalt immer diverser und bestärkt immer mehr menschen und deren situationen und milieus, respektive sorgt für deren relevanz und sichtbarkeit. im prinzip wird hier kompensiert, was viele massenmedien total verschlafen haben: die diversität der gesellschaft zur darstellung zu bringen; resp. demontiert sogar durch massenmedien zementierte klischees (z.b., dass sich in hijab oder chador gekleidete frauen für die queere community stark machen).

wie findest du dich auf tiktok zurecht? und wie findest du neue inspirierende clips, die sich von dem schrott (den es ja auch gibt) unterscheiden?
dass es diesen ’schrott‘ gibt – übrigens eine schrecklich abschätzige haltung gegenüber user generated content (kommt im journalismus leider immer noch zu oft vor;) – habe ich erst gemerkt, als ich mal für swissinfo vor gut einem jahr eine recherche zu schweizer inhalten auf TT machte. diese recherche entlang von schweiz-spezifischen hashtags liess mich etwas konsterniert zurück. ich bedauerte sehr, wie viele TT-clips es gibt (wohl milliarden), die kaum bis keine aufmerksamkeit erhalten. das machte mich in gewissem sinne auch traurig. so gesehen ist der TT-algorithmus in seiner genialität brutal. dank dem offenen ‚for-you-feed‘ kann zwar jede’r ohne follower einen clip produzieren, der viral geht. aber umgekehrt gibt es auch ungezählt viele accounts, deren inhalte so gut wie niemand sieht.
umgekehrt ist es jedoch auch genial, dass ich mit likes, verweildauer und sharings relativ genau steuern, welchen content ich sehen möchte. sprich: wenn mich ‚genderfluide‘ oder ‚migrantische‘ inhalte interessieren, dann werden mir auch solche angezeigt. um also gute TT-inhalte für meinen instagram-account zu kuratieren, muss ich oft nur kurz auf TT gehen. der algo ist wirklich genial perfekt und reagiert auch umgehen, wenn sich meine interessen ändern; und lässt sich auch easy steuern, indem in die audio- oder hashtag-feeds eingetaucht wird.

es ist also nicht nur traurig, dass du es ’schrott‘ nennst, sondern auch, dass er selten sichtbar wird (ab und an zeigt TT im for-you-feed auch clips mit weniger views/likes; und dann oft auch von leuten, denen ich eigentlich folgen würde).

die inhalte aus der schweiz sind übrigens im vergangenen jahr explodiert. das ist auch insofern spannend, weil die app mit den vielen schweizer-deutschen inhalten plötzlich sehr lokal ‚gelesen‘ wird (tauschte mich gerade gestern mit jemandem aus, der ne lokale app im TT-design launchen möchte, worauf ich realisierte, dass im prinzip TT als ’schweizer app‘ gelesen werden könnte)

dann kurz zum thema “schrott”: ich meinte damit nicht user-generated-content, sondern nazi-generated-content oder diese nervigen marketing-aktionen, bei denen nutzer:innen nach dem schneeball-prinzip abgezockt werden.
auch solche inhalte kriege ich kaum zu gesicht. die werbung finde ich jedoch aus drei gründen spannend, zu beobachten:

1. wie kann ich möglichst rasch erkennen, dass es werbung ist, um sie zu skipen? 😉
ist werbung nicht umgehend als solche erkennbar, ist es schon mal keine schlechte werbung. trotzdem nervt es mich, wenn ich mich verführen lasse (und z.b. zu schnell ein like hinterlasse;). deshalb schweift mein blick umgehend zur tonspur, wo jeweils der begriff ‚promo‘ sichtbar ist.

2. wie entwickelt sich werbung lokal? vor einem jahr gab es noch keine möglichkeit, schweizer werbung anzuzeigen. das hat sich im vergangenen jahr rasant verändert. ich finde es interessant mitzuverfolgen, welche firmen auf tiktok in welcher form aktiv werden.

3. welche qualitative unterschiede gibt es?
sprich: ich finde es spannend zu beobachten, welche firmen das konzept verstehen und dadurch einen glaubwürdigen auftritt haben (in der schweiz haben u.a. die accounts von coop und postfinance einen sehr authentischen auftritt)

und bezüglich ’nazi-content‘: hatte diesbezüglich im letzten herbst ein längeres telefonat mit einem deutschen vertreter des jüdischen weltkongresses. er hat mich wegen meinem TT-artikel bei swissinfo kontaktiert. zuerst war er sehr begeistert, weil ich im deutschsprachigen der erste medienmensch sei, der TT verstehe. obwohl ich seine sorge verstehe und in gewissem sinne auch teile, liess ich mich nicht zur aussage bewegen, dass TT eine gigantische nazi-verführungsmaschine sei. im gegenteil: dieser fokus auf alles böse eines neuen medien-angebotes verschüttet viel zu oft die positiven oder einfach mal verblüffendsten auswirkungen, die sie auf die menschen und deren (medialen) verhaltens auch noch haben. ich vermittelte ihm dann schweizer journalist’innen, die möglicherweise eher an seiner sorge interessiert sein könnten. in diesem twitter-thread habe ich unser gespräch kurz zusammengefasst.

was ich jedenfalls bis jetzt bestätigen kann: wer an ‚genderfluidem‘ oder lgbt+-content interessiert ist, wird nie antisemitismus-inhalte zu sehen kriegen (was nun als blind machende filterbubble verschrien oder als zentralen mechanismus des empowernments gefeiert werden kann;)

ich nehme den ball gerne auf: ich möchte den blick auch lieber auf das neue und kreative richten als gefahren herbeizuschreiben. als ich vor zwei jahren einen kleinen selbstversuch unternahm, war ich vor allem von der magnetischen wirkung des dienstes fasziniert. jeder swipe verspricht was neues, lustiges. so dass ich echt dazu neige, dort viel zeit zu verbringen. geht es dir auch so?
ich mochte deine ausführungen und beobachtungen sehr. kenne in ‚den medien‘ relativ wenig leute, die sich derart neugierig auf neue ‚phänomene‘ stürzen. finde das sehr erfrischend und würde auch einer journalistischen berichterstattung gut anstehen (siehe zb. ‚konstruktiven journalismus‘).

weil ich online oft sehr intuitiv unterwegs bin, kann das bei mir sehr schwanken. zum beispiel ärgert es mich ein wenig, dass ich kurz nach meinem kürzlichen twitter-thread zu TT im insta-story-feed (und auf twitter) in die kritische reflektion meines kürzlichen medien-features abgedriftet bin. sprich: ich erhielt (auch dank deinem RT) einige neue insta-follower und sie könnten nun enttäuscht sein, weil es aktuell neben den TT-clips noch viel andere storys hat, die sie womöglich nicht interessieren könnten.

zum einen mag ich es sehr, dass ich mich v.a. zwischen facebook, insta, twitter und TT verzettle, zum anderen beneide ich jedoch auch menschen, die sich ganz bewusst auf eine plattform beschränken können.

aber zurück zu deiner frage: ja, TT kann süchtig machen und ich kenne einige, die ihren account deswegen wieder gelöscht haben und froh sind, dass sie auf instag ne kuratierte auswahl von mir kriegen, ohne selber weiterswipen zu können.

was ich übrigens besonders schön finde: ich bastle mir nen soundtrack für bestimmte situationen oder momente. das geht so: wenn ich unterwegs bin (wegen corona trotz kälte oft auf einer parkbank) und einen TT-clip entdecke, den ich sehr mag, dann tauche ich in den sound-feed ein (ist übrigens sensationell, dass hier ne tonspur quasi zum hashtag wird). und von diesen unterschiedlichen clips zur selben tonspur teile ich dann ein paar in meinem insta-feed, damit die leute wissen, welche variationen möglich sind. du merkst, (auch) ich bin ziemlich angefixt 😉

diesen musik-aspekt kenn ich auch. mich fasziniert dieser moment, wenn man songs hinter den schnipseln erkennt. das ist wie eine kleine erleuchtung, wie das verstehen eines witzes. dank TT bin ich wieder viel tiefer in dieses pop-ding eingetaucht. was glaubst du wie TT langfristig musik verändern wird?
interessanterweise ist musik für mich bei tiktok insofern nur zweitrangig, weil ich sie nicht sehr zentral wahrnahme (obwohl sie natürlich teilweise sehr zentral ist). es gibt ja auch viele tonspuren mit stimmen von TT-nutzenden, die dann von anderen lautlos nachgesprochen werden oder quasi als duett benutzt werden (z.b. ‚mach einen finger runter, wenn du das und das schon mal erlebt hast‘ oder in textform sachen einblenden, die jemand in der via tonspur abfragt).

natürlich ist es spannend, wenn zu aktuellen hits umgehend challenges entstehen und wie diese teils mehr, teils weniger den inhalt thematisieren. oder auch, wenn kurze ausschnitte von älteren, teils gänzlich unbekannten, stücken auftauchen und quasi viral gehen. mich persönlich interessiert auch hier die globale komponente; wenn ich zb. auf einen rumänischen pophit stosse und mir dann alle die adaptionen anschaue. so entdeckte ich z.b. den letzten sommerhit ‚jerusalema‘ oder die somalische volksmusik dhaanto.
aber abschätzen, wie sich dadurch die musik verändern wird, fällt mir schwer. ich denke, dass TT die k-pop-welle ‚im westen‘ massgeblich verstärkt hat. vielleicht ist TT der anfang vom ende der angelsächsischen dominanz in der europäischen musik. ganz grundsätzlich sehe ich bezüglich popkultur zwei sehr gegensätzliche megatrends: grosse hits, die quasi die welt eint, und eine enorme verästelung in kleinstszenen (womöglich in der musik, wei bei den memes: es gibt memes, die alle verstehen, und es gibt memes, die nur ganz wenige verstehen). ich kenne jemand, die oft nur engl. memes ins schweizerdeutsche übersetzt und finde faszinierend, wie es dadurch in gewissem sinne ’stärker‘ wird. nun bin ich aber etwas abgeschweift…

überhaupt nicht. gerade die verästelung finde ich sehr spannend: im vergangenen Jahr bin ich u.a. über TT auf den slogan: „Ich chille mit der Crew Digga“ gestoßen, der aus einem song namens „mafia“ stammt. das für mich erstaunliche daran war: ich fand fast nichts über diesen song in den teilen des web, die ich normalerweise nutze bzw. durchsuchen kann. gleichzeitig schien der song auf den schulhöfen und auf tiktok äußerst populär zu sein. ich lese darin nicht nur eine bestätigung für „Das Ende des Durchschnitts“, sondern vor allem einen erstaunlichen neuen aspekt von popkultur, die sich völlig abseits von googlebaren orten abspielt. auch die geschichte von TT-nutzenden, die trump im vergangene sommer trollten, kann man so lesen. meine kurze frage nach langer herleitung: teilst du diese einschätzung?

es ist hoffentlich oke, wenn ich nochmals kurz auf meine these eingehe, dass TT die ‚völkerverständigung‘ fördert; auch innerhalb eines landes, resp. eines sprachraums. wer nämlich auf TT durch den soundfeed von ‚ich chille mit der crew, digga‘ scrollt, erhält den eindruck, dass sich hier eine sehr bunte deutschsprachige community vereint und sich teilweise in den kommentaren gegenseitig abfeiert. aufgfallen ist mir das im clip dieser ‚kleinbürgerlichen‘ familie, die sich in einem deutschen einfamilienhausquartier vor ihrem auto filmte (und eine längere sequenz des stückes benutzt). ich mag auch sehr die ironie, die in dieser tonspur steckt.

aber zurück zu deiner frage: als ich im laufe der letzten jahre realisierte, dass das allumfassend offene, demokratisierende, allwissende, grosse, weite web scheinbar eine utopie bleibt, stimmte mich das sehr traurig. inzwischen freunde ich mich mit dem gedanken an, dass sich das web dadurch insofern unserem ‚real live‘ anpasst, als dass es völlig normal ist, dass es privatere und öffentlichere zonen gibt. mit informellen ‚klassen-chats‘ gibt es ja längst quasi nen ‚digitalen schulhof‘, den nur die involvierten mitschneiden können. in meiner (zürcher) bubble wird z.b. telegram immer grösser und wichtiger. bin da in diversen chats zur critical mass und velofahren/-politik oder auch zu einem lokalen, unkommerziellen marktplatz. diese beispiele zeigen: telegram und und anderen gruppenchats sind überhaupt nicht nur so ‚böse‘, wie sie aktuell von den massenmedien gerne dargestellt werden. womöglich sind sie die vorläufer dazu, dass sich zum globalen ausbreiten des webs nun eine lokale verästelung entstehen. dazu ein kleines beispiel: vor ein paar tagen zeigte mir jemand eine (‚zürcher‘) app, die quasi ein TT-klon wird und extrem geolokalisiert auf städte oder grössere orte funktionieren soll (geplanter fokus: flohmarkt, tauschen, services). im prinzip können wir nun betrauern, dass sich das offene, grosse, weite web derart zersplittert. umgekehrt sind es jedoch auch in gewissem sinne gegenöffentlichkeiten zu den grossen, kommerziell kolonialisierten bereiche des webs, die wir aktuell massgeblich nutzen. wieder auf eine stadt oder grössere gemeinde runtergebrochen: wir realisieren langsam aber sicher, dass die grossen einkaufszentren auf der grünen wiese ausserhalb der stadt, die innenstädte aussterben lässt. nun sind wir daran, die balance zu finden, zum einen die milieus-verbindenen grossplattformen zu nutzen und uns kleinteilig(er) zu vernetzen und auszutauschen. wobei ich gerade bei TT faszinierend finde, wie schnell eine solch gigantischen plattform ‚lokal gefühlt‘ werden kann (mit den inzwischen extrem vielen schweizerdeutschen inhalten und mit werbung von hiesigen firmen). auch das hat TT mit seinem algo (brutal) gut hingekriegt.


sehr spannender gedanke. ich hab mich sofort gefragt, ob diese verästelung nicht früher in foren stattfand und sich jetzt halt in messenger-gruppen zeigt. ein faszinosum an TT ist für mich mit seiner foryouPage eine Art hauptbühne auf diesem sehr verästelten festivalgelände gebaut hat. wenn dieses schiefe bild gestattet ist. denn natürlich ist diese Page “foryou”, aber es gibt trends, die schnittmengen bilden. deshalb sprechen wir ja überhaupt über TT als phänomen. siehst du das auch so? und gibt es noch einen gedanken zu TT, den wir vergessen haben?

stimmt, mit den foren und blogs gabs diese (teil)privaten bereiche im web schon immer. das vergessen wir sowieso viel zu oft. auch twitter ist nur ne teilöffentlichkeit; sogar facebook (meines wissens ist die hälfte der in der schweiz lebenden menschen nicht auf fb).

ansonsten bin ich ein grosser fan von metaphern und (auch assoziativen oder gar verqueren) vergleichen. es hilft mir sehr, etwas einzuordnen oder auch, um etwas zu erklären.

vielleicht können wir unseren TT-chat mit folgendem vergleich schliessen, der möglicherweise deine und meine thesen zusammenführt (das einende sollte eigentlich viel öfters wieder unser aller fokus sein, statt uns aufs trennende zu konzentrieren): im prinzip ist TT für die heutige ‚jugend‘ was ähnliches, wie für uns damals die bravo und das musikfernsehen; jedoch mit dem massgeblichen unterschied, dass es im ‚mitmach-web‘ viel ausufernder und umfassender ist (so, wie z.b. auch wikipedia viel umfassender und aktueller ist als jede enzyklopädie davor je war). und statt eine’n dr. sommer gibt es heute für jedes ‚problem‘ irgendwo einen menschen, der das sogar aus eigener warte viel glaubwürdiger thematisieren kann. dazu fällt mir eine asiatisch aussehende deutsche ein, die sehr selbstbewusst und selbstironisch ihre (sehr) kleinen brüste thematisiert (und in einem halben nebensatz auch die klimakrise anspricht). verkörpert sie nicht auf verschiedenen ebenen das ende des durchschnitts?

Philipp kuratiert Clips in den Storys in seinem Instagram-Account @metakoenig

Nicht die Plattform, auf der du bist zum Beruf erklären – Oğuz Yılmaz über das Influencer:innen-Handbuch

Oğuz Yılmaz war Teil von Y-Titty. Heute ist er als Künstler:innen-Manager tätig, gemeinsam mit Felix Hummel betreibt er die Agentur YilmazHummel. Die beiden haben gerade „Das Influencer*innen-Handbuch“ veröffentlicht. Ich habe Oğuz dazu ein paar Fragen gemailt.

Die wichtigste These Eures Buches scheint mir (für manche Teile der Öffentlichkeit) zu sein: Influencer:in ist ein künstlerischer Beruf. Seht Ihr das auch so?
Jein. Wir finden, dass man als Künstler:in Influencer:in sein kann, aber es gibt genug Influencer:innen, die sich nicht als Künstler:in sehen. Sie sind Sportler:innen, Musiker:innen, Comedians oder Fashion-Expert:innen, die mit ihrer Leidenschaft eine eigene Community auf Social Media Netzwerken aufbauen.

Mich interessieren beide Teile an der Definition. Der künstlerische und der Job-Aspekt. Beginnen wir mit der These: Influencer:innen sind Künstler:innen. Könnt Ihr das erklären?

Laut Wikipedia bezeichnet Kunst jede Tätigkeit von Menschen, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist. Warum sollten hier Influencer:innen nicht inkludiert sein?

Hast recht. Dann zum Job-Aspekt. Kann ich als Berufsanfänger:in in der Berufsberatung sagen: Ich will Influencer:in werden?

Zunächst einmal müssen wir sagen, dass Influencer:in ein Begriff ist, den die Marketingbranche YouTuber*innen, Blogger*innen und anderen Künstler:innen auf Social Media gegeben hat. So gesehen ist es also Quatsch zu sagen: Ich will Influencer*in werden. Du kannst Blogger:in, YouTuber:in oder Instagrammer:in werden, aber auch hier gilt es zu differenzieren. Du bist ja kein YouTuber*in von Beruf, sondern du liebst z.B. Upcycling und zeigst dein Können auf YouTube. Ich glaube wir sollten mehr dabei bleiben auf den Inhalt zu schauen, anstatt die Plattform, auf der du bist zum Beruf zu erklären. Geld verdient wird dann mit Videoproduktion, Modeln, Moderation, Schauspiel etc. und unterscheidet sich heruntergebrochen nicht von “vorher” als es kein YouTube und Instagram gab.


Ihr schreibt: Es gibt eigentlich keinen anständigen Ratgeber, der beschreibt wie man Influencer:in werden kann. Warum eigentlich nicht?

Zumindest gab es unserer Meinung nach keinen, den wir empfehlen konnten. Das sind dann Bücher, die entweder von Menschen aus der Marketing-Branche geschrieben wurden, um nur übers Geldverdienen zu sprechen oder à la “So wirst du superreich als Influencer:in”. Wir wollten mal die Basics aufbereiten. Das, was immer wieder fehlt, egal ob schon lange im Business oder nicht. Hunderttausende Follower:innen und trotzdem werden schreckliche Verträge unterschrieben, sie werden gehackt und verkaufen sich unter Wert. Hier wollen wir helfen.

Euer Buch richtet sich an Menschen, die Influencer:in werden wollen. Könnt Ihr mal sagen, was so toll an diesem Beruf ist?
Das Schöne an dem Beruf sind für uns vor allem zwei Aspekte. Auf der einen Seite ist das Thema Communitybuilding. Du baust dir eine Community auf, die dir wegen deinen Inhalten folgt und dir ständig direktes Feedback gibt. Der Austausch und das gemeinsame Wachsen und Entwickeln einer Community zwischen Influencer:in und Follower:innen macht unglaublich viel Spaß und motiviert jeden Tag etwas neues auszuprobieren.

Und der zweite Aspekt?

Ein weiterer Vorteil dieses Berufes ist, dass man nicht auf sogenannte Gatekeeper angewiesen ist. Die Barrieren für sowohl den Start als auch für Erfolg sind somit bedeutend niedriger als bei den “klassischen” Medien. Das Tolle am Influencer:in-Sein ist auch, dass es keine bestimmte Tätigkeit gibt sondern man im Endeffekt aussuchen kann, wie genau Geld verdient wird. Idealerweise erstellt man Inhalte, die einem selbst gefallen, erreicht damit Gleichgesinnte und kann davon leben. Im Idealfall ist das wirklich eine super Arbeit.

Ihr unterscheidet zwischen: Mikro-, Upcoming- und Makro-Influencer*innen. Könnt Ihr den Unterschied mal erklären?
Diese grobe Unterteilung teilt Influencer*innen in drei Arten ein, die ihrer Größe nach sortiert sind. Mikro-Influencer:innen weisen unter 20.000 Follower*innen auf, Upcoming-Influencer*innen haben eine Followerschaft bestehend aus bis zu 250.000 Follower*innen und Makro-Influencer:innen sind dann diejenigen, die von mehr als 250.000 verfolgt werden. Diese Einteilung ist jedoch sehr einfach und heruntergebrochen. Die Anzahl an Follower:innen verliert immer mehr an Aussagekraft, wenn es um die Relevanz und den Erfolg geht. Es gibt jedoch noch weitere Möglichkeiten, Influencer*innen zu gruppieren und zu differenzieren: YouTuber:innen, Blogger:innen, Instagrammer:innen, TikTok-Influencer:innen und viele weitere.

Sind Buchautor:innen oder Speaker:innen nach der Definition dann auch eine Form der Influencer:innen? Also Menschen, die man früher vielleicht als Publizist:innen beschrieben hätte?
Nicht alle sind automatisch Influencer:innen. Was diese auszeichnet ist ja vor allem, dass sie eine eigene organische Reichweite erzielen können und einen Einfluss auf die Follower:innen haben und Kaufentscheidungen triggern können. Wenn man den Begriff des Influencens aber weiter fasst und wirklich den Einfluss meint, dann nehmen natürlich auch Autor*innen und Speaker*innen Einfluss. So würden sich die meisten aber wohl nicht selbst bezeichnen.


In einem Kapitel beschreibt Ihr das Marketing-Ökosystem, in dem sich Influencer:innen bewegen.Könnt Ihr mal einen Einblick in diese Feld geben: In was für eine Welt kommen Influencer:innen?

Die Marketingwelt ist groß und für Außenstehende recht komplex. Sie weist viele verschiedene Bereiche und Begriffe auf – ein regelrechter Dschungel, in dem es sich zurechtzufinden gilt. Die Branche besteht bereits seit langer Zeit und ist fest etabliert. Das Influencer:innen-Sein ist dabei bloß ein neues Berufsbild, das sich in dieser komplexen Welt entwickelt hat und diese komplexe Landschaft nun bereichert. Die ersten Influencer:innen trugen dazu bei, sich in der Marketingwelt zu etablieren, nun gilt es, das eigene Berufsbild zu professionalisieren. Dies ist nicht immer leicht, unser Ratgeber möchte dabei Orientierung und Unterstützung bieten.

Wird die Arbeit in dieser Branche für Influencer:innen nun eigentlich leichter (weil die Branche sich professionalisiert) oder schwieriger (weil mehr Influencer:innen auf den Markt drängen)?

Einfachste Antwort wäre: beides oder etwas in der Mitte. Für die Influencer:innen, die es schaffen sich aus der Masse hervorzuheben und ein Talent besitzen, gute Geschichten zu erzählen und authentisch (sorry für das Wort) sind, ist es aktuell immer noch einfacher, sich zu etablieren und gutes Geld zu verdienen als in den “traditionellen Medien” wie im linearen Fernsehen. Da gibt es die Gatekeeper und sie entscheiden, wer eine Bühne bekommt. Auf YouTube, Instagram und TikTok gibt es die Gatekeeper nur indirekt; Aufrufe, Interaktionen und Follower:innenzuwachs müssen eine gute Tendenz aufzeigen und schon ist man auf einem guten Weg nach oben, zumindest aktuell ist das noch so.

Das Handbuch gibt es auf der Website influencerhandbuch.de

Weniger schafft mehr – das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was kann ich tun, um Sie davon zu überzeugen, dass Sie die nun folgenden Zeilen über den Wert von Verknappung lesen? Sie haben viel zu tun, da kommt gerade eine Mail rein. Sie könnten den Text in Pocket speichern. Aber jetzt lesen? Das wird schwierig, aber es gibt eine vermeintlich paradoxe Möglichkeit, Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen: Ich kann diesen Text verknappen. Ich lösche ihn nach 24 Stunden oder sperre ihn nach 1000 Aufrufen. Danach ist er verschwunden und Sie können nicht mehr nachlesen, wie im digitalen Ökosystem das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ unsere Aufmerksamkeit lenkt.

Da Sie aber diesen Einstieg schon gelesen haben, haben Sie die Grundzüge der Kernthese schon verstanden. Das ist ein bisschen Meta, aber auch eine schöne Illustration für eine Methode, die das Internet als vermeintlich unbegrenzter Raum in den vergangenen Jahren perfektioniert hat. Im Schatten des Versprechens der schier grenzenlosen Reichweite hat sich eine Form der Aufmerksamkeitssteuerung entwickelt, die auf Exklusivität in den Dimensionen Raum (280 Zeichen), Zeit (24 Stunden) oder Zugang (Invite-Codes) setzt. Wo theoretisch alles kopierbar ist, wird Begrenzung zum Ausweis der Distinktion. Dass sich daraus Formen der Wertschätzung und dann auch Wertschöpfung ableiten lassen, ist nicht verwunderlich, denn Angebot und Nachfrage bestimmten schon vor der Digitalsierung den wahrgenommenen und den wirklichen Preis von Angeboten. (Symbolbild: Unsplash)

Der Weg aus der Welt der begrenzten, analogen Waren (Tonträger, Papierbücher etc.) durch den Überfluss der digitalen Vervielfältigung zurück zur künstlichen Verknappung war lang. Große Teile der Medienbranche folgen auch weiterhin der Logik der grenzenlosen Reichweiten, die durch die kostenfreie Vervielfältigung noch stimuliert wird. Nahezu alle Plattformen des Social-Web bedienen diese Logik, in dem sie im Kern wertlose Zahlen wie Fans oder Likes zu einer Währung erheben. Der Wettkampf um die Steigerung dieser Kennzahlen bildet die Grundlage ihres Geschäftsmodells, führt die Wettkämpfenden aber nicht zwingend zum Erfolg. In erster Linie vernebelt diese Messung den Blick für das, was man eigentlich erreichen will: Sind viele Likes tatsächlich das Ziel?

Die Tatsache, dass sich viele Medienhäuser darauf konzentrieren zahlende Leserinnen und Leser zu binden, ist ein erster Schritt raus aus der Reichweitenfalle. Ihm geht der Schritt voraus, Klarheit darüber zu erlangen, welche Ziele tatsächlich von Bedeutung sind: Zahlende Kund:innen sind dabei ebenfalls als Beispiel für eine Methode der Verknappung zu lesen – und zwar in der Dimension Preis: „Du kommst hier nur rein, wenn du bezahlst“, sagen die Türsteher:innen vor den Bezahlangeboten. Vor anderen Angeboten haben sich Gatekeeper aufgebaut, die wie bei Storys auf Instagram oder in Shopping-Clubs nach 24 Stunden das Angebot verschwinden lassen. Bei Twitter wiederum achten die Wächter:innen darauf, dass kein Angebot über die Grenze von 280 Zeichen hinausgeht. All das ergibt aus der reinen Machbarkeits-Logik des Web keinen Sinn. Es gibt keinen äußeren Grund für diese Begrenzungen – außer der Tatsache, dass die Begrenzung einen Wert schafft. Wer in einem ausverkauften Stadion einen Sitzplatz bekommt, fühlt sich besser als alle, die nicht mehr reingekommen sind.

Dieses Wissen scheint vor lauter Reichweiten-Zauber verloren gegangen zu sein. In der Frühphase wurden immer neue Zusatzstühle in den Räume gestellt. Vor lauter „mehr mehr“ verstummte aber die Frage nach dem Grund für den Besuch im Stadion. In der Sprache der Werbetreibenden lässt sich dieses Bild auflösen in dem Widerspruch zwischen Reach und Impact. Denn in Wahrheit ist die Reichweite stets nur Mittel zu einem anderen Zweck, den man mit Auswirkung, Wert oder Bedeutung übersetzen kann.

Um diesen Impact geht es in dem Newsletter, aus dem dieser Text hier stammt. Seit 66 Folgen schreibe ich die monatlichen Digitalen Notizen. Im Dezember 2014 führte ich den Newsletter mit einer Einladungs-Logik ein. Anfangs konnte man sich nur mit Invite-Codes in die Liste eintragen. Nun ist es an der Zeit, diese Logik auf eine nächste Ebene zu heben. Denn das Ziel dieses Newsletters ist nicht reine Reichweite, der Impact der Mails liegt darin, thematische Vernetzung zu schaffen. Dafür werde ich ab sofort den Versand des Newsletters reglementieren – und diejenigen von der Liste löschen, die seit fünf Folgen keine Mails mehr geöffnet haben.

Auslöser für diese Idee ist die Begrenzung des Newsletter-Dienstleisters Mailchimp. Dort gibt es eine Grenze bis zu der man kostenfrei Mails verschicken kann. Die anfallenden Kosten könnte ich weitergeben, aber ich möchte den Newsletter kostenfrei halten. Deshalb werde ich die Liste der Empfänger:innen der Digitalen Notizen begrenzen. Für die bisherigen Leser:innen ändert sich dadurch nichts – sofern sie den Newsletter auch tatsächlich öffnen. Etwas weniger als 50 Prozent derjenigen, die aktuell auf der Liste stehen, lesen den Newsletter gar nicht*. Die Auswertung in Mailchimp zeigt mir diese so genannte Öffnungsquote an. Der Branchenblick sagt, dass diese Quote für eine aktive Leserinnenschaft spricht. Das heißt aber auch: Durchschnittlich 50 Prozent auf der Liste öffnen den Newsletter nicht. Das ist ihr gutes Recht. Gleichzeitig möchte ich aber für diese Nicht-Leser:innen nicht bezahlen müssen. Deshalb beschränkte ich mein Newsletter-Angebot ab sofort auf diejenigen, die den Newsletter auch wirklich öffnen. Wer dies fünf Folgen lang nicht gemacht hat, wird von der Liste gestrichen.

Mir ist klar, dass ich damit meine potenzielle Reichweite beschränke. Denn in der Logik der Massenreichweite sind Mailadressen das höchste Gut, Kontakte sind das Ziel aller Aktivität. Sie zu löschen, gilt als falsch. Ich sehe das anders: Mir geht es nicht um Adressen und Reichweite. Mir geht es um den inhaltlichen Austausch – in einem interessierten Kreis. (…) im Mail-Newsletter folgen hier ein paar Zeilen über die Art der Exklusivität, die ich hier ausspare. Sie können sich aber jetzt noch hier eintragen, dann können Sie künftig auch Einblick in diesen Kreis erhalten (…) Um dies in einem Bild zu fassen, bietet sich das einer Abendveranstaltung an. Wenn ich Lesungen oder Vorträge halte, spreche ich mit Veranstalter:innen manchmal über die Anzahl der zu erwartenden Besucher:innen. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass sich darin nur selten auch eine Kennzahl über den Wert des Abends ablesen lässt. Ich habe schon sehr inspirierende Abende mit nur drei Gästen erlebt, die für mich keineswegs schlechter waren als Vorträge vor 1000 Menschen.


* Danke für die Hinweise auf die Messungenauigkeit bei der Öffnungsquote. Das ist mir durchaus bewusst, aber eben ein Problem dieser Kennzahlen. Ich werde mich auf die Suche nach einer Alternative machen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Wo bleibt die Titelseite für Internet-Seiten?

Das kann nur Print. Dieser Satz klingt bedeutsam in Anbetracht der aktuellen Titelseite der New York Times, die heute durch alle Timelines gereicht wurde und den Agenturen eigene Meldungen wert war. Und doch ist der Satz unwahr.

„We wanted to take over the entire page” erklärt Tom Bodkin, Art Director der New York Times, im Times Insider-Blog die Hintergründe für diese besondere Titelseite, die den Opfern der Corona-Pandemie gewidmet ist: „Die Zeitung hat in sechs Spalten ganzseitig die Namen von Hunderten Verstorbenen abgedruckt. In der Ausgabe stehen insgesamt 1.000 Namen aus veröffentlichten Nachrufen und jeweils ein persönlicher Satz zu den Opfern“, schreibt dpa und Willi Winkler ergänzt in der SZ: „Kein Corona-Opfer wird davon wieder lebendig, doch werden die Toten aus der nüchternen Sterbestatistik gehoben. Die Aktion, die vor einer Woche in ähnlicher Form auch die brasilianische Zeitung O Globo veranstaltet hat, ist natürlich auch ein politisches Statement gegen den amtierenden Präsidenten.“

Die Liste der Kurz-Nachrufe ist auch online aufbereitet, auch dort ist sie beeindruckend, erschütternd und traurig. Minutenlang scrollt man an 100.000 kleinen Figuren vorbei. Einige sind mit einem kurzen Satz beschrieben. Die Sätze haben die NYT-Journalist*innen aus Nachrufen, Todesanzeigen und Berichten zusammengetragen und sie geben der anonymen unvorstellbaren Zahl ein Gesicht. Das ist ein erstaunliches (daten-)journalistisches Projekt – aber es ist durch die Titelseite eben auch ein Symbol.

Womit wir beim Einstiegssatz und seinem Wahrheitsgehalt sind. Die Macht, die von einer Cover- oder Titelseite ausgeht, scheint fest mit Print verbunden zu sein. Dabei geht es bei dem, was die Amerikaner „Frontpage“ nennen, weniger um die Herstellungsform als um den Aufmerksamkeits-Fokus: „We wanted to take over the entire page” wäre durchaus ist auch im Web denkbar. Von der Werbung kann man lernen, wie Full-Page-Gestaltung aussieht. Redaktionell ist diese Form der ganzseitigen Aufmerksamkeits-Fokusierung aber noch ungewöhnlich. Das liegt vor allem daran, dass wir keine Titelseiten von Webseiten kennen. Warum eigentlich nicht?

Die Frage ist falsch gestellt. Denn in Wahrheit kann ich mir schon denken, warum Webseiten keine Cover haben: Weil es dafür eben kaum Vorbilder gibt. Mein Traum ist aber schon seit Jahren, dass auch Webangebote sich eine Verkaufs- und Aufmerksamkeits-Fläche suchen, die funktioniert wie das Magazin-Cover oder die Titelseite eines Print-Angebots. Ein Ort, an dem die relevantesten Themen eines Tages (oder jeder anderen Zeitspanne) auf neue Weise aufbereitet und präsentiert werden. Ich glaube, dass sich dieser Aufwand lohnen würde – die New York Times zeigt heute nur einen möglichen Grund.

Meine stille Hoffnung ist die taz, die angekündigt hat, ihre Print-Ausgabe in absehbarer Zeit einzustellen. Da deren Titelseite (und die dort getexteten Zeilen) aber eines der Alleinstellungs-Merkmale der taz ist, wird den Kolleg*innen sicher ein digitales Äquivalent zur Print-Seite-1 einfallen. Vielleicht ziehen dann andere nach – und am Ende posten dann alle ihre neuen digitalen Cover-Seiten auf Instagram.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Betonen wir auf unterschiedlichen sozialen Netzwerken unterschiedliche Aspekte unserer Persönlichkeit? Diese Frage hat die Country-Sängerin Dolly Parton in dieser Woche auf Instagram gestellt. Sie hat sie nicht wörtlich formuliert, sondern in Form von vier Porträts gestellt, die jeweils typische Posen für LinkedIn, Facebook, Instagram und Tinder darstellen sollen. Sehr viele Menschen haben diese Frage aufgenommen und ebenfalls Bilder gepostet, die zu den Netzwerken passen. Dolly Parton Challenge heißt das ganze und mein SZ-Magazin-Kollege Marc Baumann hat ein paar Hintergründe dazu notiert.

Mich erinnert diese Challenge an den Film Breakfast Club. Der Film von John Hughes aus dem Jahr 1985 war nämlich vor ein paar Jahren schon mal so eine Art filmische Dolly-Parton-Challenge. Einem Reddit-Nutzer war aufgefallen, dass die Hauptfiguren des Films erstaunliche Ähnlichkeit zu den Charakteren haben, die man auf bestimmten sozialen Netzwerken findet. Sport-Ass Andrew (Facebook), die Prinzessin Claire (Instagram), die Außenseiterin Allison (Tumblr), der Rebell John (Twitter) und der Streber Brian (LinkedIn) tauchen deshalb auch in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ auf. Ich illustriere an ihnen und ihrer Geschichte wie die Netzwerke sich positionieren. Im Buch heißt es:

„Ich habe die Analogie zum Film Breakfast Club auch deshalb gewählt, weil er zeigt, dass es gewisse Konstanten in der Jugendkultur gibt. Die Schülertypen aus dem Jahr 1985 finden sich auch im Jahr 2018 wieder. Im Umgang mit Social Media wird allerdings immer mal wieder die These aufgestellt, das Internet stelle die Identitätsbildung der Jugend völlig auf den Kopf. Urs Gasser und John Palfrey stellen in ihrem Buch Generation Internet dazu fest: »Natürlich verändert das Internet nicht alles grundlegend. So hat sich der Begriff der Identität durch das Internet nicht entscheidend verändert. Ebenso sind nicht sämtliche seiner Auswirkungen für uns gänzlich neu oder unbekannt. In gewisser Weise ähnelt das Wesen der Identität im Internetzeitalter also dem in unserer agrarischen Vergangenheit. Persönliche Identität bleibt weitgehend das, was sie einst war. Und sogar die erhöhte Dynamik hinsichtlich der sozialen Identität im Internetzeitalter birgt noch immer bestimmte Parallelen zu den Veränderungsprozessen der Vergangenheit.« Dennoch gibt es, so analysieren die Wissenschaftler, erstaunliche Transformationen: »Die Veränderungen hinsichtlich der sozialen Identität sind dabei weitaus größer als in Bezug auf die persönliche Identität.« Denn durch die sogenannten sozialen Netzwerke ist es möglich, seine persönliche Identität stärker als zuvor in den sozialen Austausch mit anderen treten zu lassen“

Mein persönlicher Beitrag zur Dolly-Parton-Challenge steht übrigens drüben auf Instagram – und ist inspiriert vom Shruggie, der Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“

Shruggie des Monats: die Facebook-Gruppe

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich mag Werbung. Sie ist zentraler Bestandteil unserer Gegenwarts-Kultur, wird aber kaum als solche wahrgenommen (weshalb ich überlege, meine Wahrnehmung künftig stärker auf Werbung zu richten). Die meisten Menschen fühlen sich von Werbung vor allem gestört. Was auch daran liegt, dass die meisten Kampagnen genau darauf abzielen: Unterbrechung und Störung. Ich verstehe solche Werbung immer als leisen Hilferuf. Ich höre dann stets die Stimme der werbenden Marke, die etwas verzweifelt sagt: „Mein Angebot A ist echt kaum bekannt“ oder „Mein Angebot C könnte noch viel mehr Leute erreichen.“

Als ich diesen Monat durch die Stadt geradelt bin, hörte ich erstaunlich oft die leise Werbestimme von Facebook. Das ist deshalb erstaunlich, weil man sonst wenig von Facebook hört – und weil die meisten Menschen dachten: Facebook bräuchte doch gar keine Werbung. Braucht Facebook offenbar doch. Jedenfalls sah ich an einer Münchner Bushaltestelle ein Plakat, das mir Hamburger Hundehalter zeigte (unter einem Schirm, der mich fatal an die Versicherungskammer Bayern erinnerte). Wenige Busstationen weiter sah ich „Schwangere Echte Mamas“, die für Facebook werben. Denn Hundehalte wie Mamas haben sich auf Facebook in so genannten Gruppen organisiert. Und die Facebook-Werbestimme sagt: „Viel mehr Leute sollten sich für mein Angebot ,Facebook-Gruppen‘ interessieren.“

Diese Kampagne ist das sichtbarste Zeichen für eine Entwicklung, die ich Anfang des Jahres als „Dark Social“ beschrieb: Social Media wird privater. Mit der Werbung für die Gruppen-Funktion versucht Facebook auf einen Trend zu reagieren, der mancherorts auch als Messengerisierung beschrieben wurde. Im April hatte Mark Zuckerberg (dem noch vor wenigen Jahren der Spruch zugeschrieben wurde, Privatsphäre sei eine überholte Idee) angekündigt: „The future is private. I believe that a private social platform will be even more important to our lives than our digital town squares. So today, we’re going to start talking about what it means to have your social experience be more intimate.“

Was diese Gespräche bei Facebook bedeuten, kann man jetzt an deutschen Bushaltestelle sehen: Facebook möchte kein Marktplatz mehr sein, sondern ein gemütlicher Ort, an dem sich Gleichgesinnte treffen. Ich finde das eine spannende Beobachtung, weil sie zeigt, dass selbst Facebook um seine Ausrichtung und Relevanz kämpfen muss. Das Unternehmen, das vielen als unangreif- und besiegbar gilt, sucht nach einer neuen Bedeutung im Leben seiner Nutzer*innen – und dabei ist keineswegs sicher, ob das gelingt (was man im Techlash-Eintrag aus dem vergangenen Frühjahr nachlesen kann).

Doch selbst wenn es dem Mutterkonzern Facebook nicht gelingt auf den Privat-Trend in Social-Media zu reagieren: die Töchter WhatsApp und Instagram haben sich auf diese Entwicklung bereits eingestellt, bzw. treiben sie mit der angekündigten Threads-App aktiv voran.

Dennoch zeigt die Werbung für Facebook-Gruppen vor allem dies: die Welt im Web ist massiv in Bewegung. Wer da mithalten will, braucht die richtige Haltung zum Neuen ¯\_(ツ)_/¯

Mehr über „Dark Social“ hier im Blog

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Ringlicht – der Gegenstand der digitalen Gegenwart

Der Selfiestick steht vor einem riesigen Problem: das beliebteste Symbol für die vermeintlich selbstbezügliche Gegenwartskultur wackelt, nicht mehr lang und der Selfiestick wird fallen. Rausfallen aus all den kulturpessimistischen Analysen, die mit Hilfe des Selfiesticks illustrieren, wie Ich-bezogen die Jugend, das Internet und überhaupt die Gesellschaft doch sei. Wer diesen Eindruck auf einfache Weise erwecken will, muss lediglich hier oder da einen Selfiestick auftauchen lassen. Schon ist klar: die auf diese Weise beschriebene Person muss dümmer sein als man selbst.

Unter Druck gerät der Selfiestick nicht etwa durch die Erkenntnis, dass Kulturpessimismus auf Dauer langweilig ist – sondern durch eine technische Erfindung, die bisher nicht mal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, für mich aber durchaus so etwas wie der Gegenstand der Gegenwart ist. Ich spreche von einem Ringlicht (hier Beispiel-Foto von Unsplash). Das Ring-Light wird in der Fotografie eingesetzt, um so genannte Beauty-Shots, Makro-Aufnahme und vor allem Porträts schattenfrei zu beleuchten. In der Mitte der Ringleuchte wird die Kamera angebracht, so dass vor der Linse kein Schatten das Bild stört. In den Augen der auf diese Weise fotografierten Person erkennt man das Ringlicht dann in der Spiegelung in den Pupillen.

Außer bei professionellen Fotograf*innen leuchtet das Ringlicht vor allem bei Menschen, die gerne gut ausgeleuchtete Kurzfilme und Porträts erstellen. Instagram und vor allem Tiktok machen ohne Ringlicht nur halb so viel Spaß bzw. die Bilder, die man dort hochladen kann, sind ohne die Ringleuchte nur halb so schön. Diese Popularität wird meiner Meinung nach dazu führen, dass schon bald erste Kulturpessimist*innen dazu übergehen werden, ihr Unwohlsein an der Gegenwart nicht mehr an Selfiesticks zu illustrieren – sondern am Ringlicht.

Wenn es dann so weit ist, kann man diesen Text verlinken – mit dem Hinweis darauf, dass die Verbesserung von Bildern keineswegs ein Ausdruck für den Niedergang der Kultur ist, sondern schon im 18. Jahrhundert praktiziert wurde – wie man am Beispiel des Claude-Glass nachlesen kann.

Mehr zum Thema Tiktok hier in den Digitalen Notizen: Was ich nach 24 Stunden TikTok gelernt habe (es waren fast 24 Stunden)

Shruggie des Monats: die Meinungsbremse

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre? Diese wichtigste Frage aus dem Pragmatismus-Buch will ich heute aus aktuellem Anlass auf ein Thema anwenden, bei dem sich offenbar alle einig sind: auf Online-Debatten! Ich frage mich: Was wäre eigentlich wenn Debatten im Internet zivilierter wären als jene im echten Leben – wie Menschen ohne gedanklichen Zugang es nennen? Ist das vorstellbar, dass das Internet ein Ort für hochwertige Debatten ist?

Ich glaube daran immer noch und immer wieder. Und vielleicht erleben wir gerade eine Art Wendepunkt in der Frage, wie wir Online-Kommentare bewerten. Instagram hat in dieser Woche ein neues Feature angekündigt, das die Debatte über Debatten verändern könnte. Man könnte es sehr banal als Meinungsbremse beschreiben. Es handelt sich um eine bewusste Verlangsamung des Affekts, den Menschen kennen, die sich schon mal gestritten haben. Im Streit sagt man Dinge, die einem danach leid tun. Genau an dem Punkt will Instagram ansetzen und zwei Dinge ermöglichen, die das so genannte echte Leben nicht bereit hält.

In besonderen Fällen will die Plattform wenige Sekunden Meinungsfreizeit verschenken, ein paar Augenblicke vor dem Abschicken eines womöglich hasserfüllten Beitrags, in denen Nutzer*innen gefragt werden: Willst du das wirklich posten? Es handelt sich dabei um eine kleine Hürde, die womöglich sehr hilfreich sein kann. Jedenfalls kann man auf den Gedanken kommen, wenn man dieses Gespräch zwischen Arthur Brooks und Simon Sinek anhört, in dem sie genau eine solche Meinungsbremse empfehlen (interessanter Nebenaspekt: Brooks empfiehlt sogar einen vergleichbaren Trick für streitende Paare. Bevor man sich gegenseitig kritisiert, soll man fünf Dinge in Erinnerung rufen, die man an dem oder der anderen mag).

Außerdem soll es für gewisse Kommentare auf Instagram eine Option geben, die auch Google unlängst für Mails eingeführt hat: wenige Augenblicke, in denen man die Zeit zurückdrehen bzw. eine E-Mail zurückholen kann. Wer also einen blöden Kommentar gepostet hat, soll in die Lage versetzt werden, diesen schnell und einfach wieder aus der Welt zu schaffen.

Beide Ansätze werden vielleicht nicht alle Probleme lösen, die sich rund um die Debatte um Online-Debatten ranken. Sie sind aber deshalb äußerst bemerkenswert, weil sie im besten Shruggie-Sinn die Perspektive drehen: Sie schaffen Möglichkeiten, die es außerhalb des Netzes so nicht gibt. Und diese Möglichkeiten öffnen vielleicht tatsächlich neue Räume, in denen wir dereinst sagen werden: Das ist so ein heikles Thema, das sollten wir besser online besprechen. Dort haben wir mehr Möglichkeiten zur zivilisierten Debatte.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
In Kategorie: DVG

Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Das größte Dilemma des Digitalen hat mit einer Ressource zu tun, die nur wenige als solche erkennen. Sie ist für alle gleich, kann nicht vererbt, aufgespart oder vermehrt werden. Sie ist die Vorausssetzung für alle Arten von Bezahl- und Geschäftsmodell im Web und wird doch nur selten beachtet. Ich spreche von Ihrer Aufmerksamkeit!

Zum Dilemma wird die Zeit durch das ständig steigende Angebot an Zeitvertreib. Denn auf dem Verhältnis von Inhalt und Aufmerksamkeit basiert unsere Wertschätzung. Wir kommen aus einer Welt, in der sehr wenig Inhalt eher viel Aufmerksamkeit traf: Es gab maximal drei Fernsehprogramme, Zeitungen, Magazine und vor allem keine einzige E-Mail. Niemand schrieb Chat-Nachrichten und Urlaubsfotos von Freunden sah man höchstens auf Dia-Abenden. Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel hat sich das Verhältnis umgedreht: Auf unsere gleiche Aufmerksamkeitsspanne trifft heute ungleich viel mehr Inhalt. Denn zu den Fernsehprogrammen, Zeitungen und Magazinen von damals sind ja noch all die Websites, Info-Radios und Spezialangebote hinzugetreten, die alleine in keinen Tag passen würden. Doch darüberhinaus verlangen auch all die Tweets, Posts und Mails nach Aufmerksamkeit.

Diesem neuen Verhältnis von Zeit und Zeitvertreib ist es zu verdanken, dass die Dienstleistung, die Welt zu ordnen und Informationen zu sortieren, heute nicht mehr einzig von Inhalte-Anbietern vorgenommen wird, sondern vor allem von Plattformen und deren Filtern. Das kann man mögen oder nicht, dieses neue Verhältnis verschiebt aber die Wertschätzung. Es wird der Anbieter erfolgreich sein, dem es gelingt, Angebote zielgenau und zeitsparend zuzuschneiden. Das Ende des Durchschnitts bedeutet dabei auch: Dienstleistung für Leser*innen zu schaffen, das jeweils beste Angebot zu liefern und nicht nur möglichst viel zu produzieren oder möglichst breit zu informieren.

Diese Verschiebung bedeutet aber vor allem, dass der beliebte Satz „Eine gute Geschichte findet ihre Leser“ vielleicht gar nicht (mehr) stimmt. Denn es kommt auf mehr an als auf den guten Inhalt. Eine gute Geschichte bleibt am Ende trotzdem Wasser, das in den (Info-)Ozean geschüttet wird. Das allein bringt nichts, selbst wenn es Qualitätswasser ist.

Beobachten Sie! Bewerten Sie nicht!

Eine gute Geschichte findet ihre Leser nur dann, wenn sie auch danach sucht. Dazu gibt es zahlreiche Ansätze, eine besondere weil unterschätzte Möglichkeit heißt: Verknappung (deshalb der Titel!). Zahlreiche erfolgreiche Digital-Angebote nutzen das Prinzip der zeitlichen und räumlichen Verknappung, um Aufmerksamkeit zu generieren. Beim Crowdfunding – wie beim besten Sportmagazin der Welt – werden besondere Angebote für einen kurzen Zeitraum offeriert, die es nachher nicht mehr gibt. Bei Insta-Stories werden Bilder nur für 24 Stunden sichtbar angezeigt, TikTok-Filme dürfen nicht länger als 15 Sekunden sein und auf Twitter sind Beiträge auf 280 Zeichen begrenzt.

Ist das nicht ein totaler Fehler? Dachte man nicht immer, im Internet gebe es keine Begrenzung?

Eben! Gerade weil es kaum natürliche Grenzen gibt, nutzen die genannten Ansätze künstliche Verknappungen um ihr Angebot attraktiv zu machen. Sie vermarkten die vermeintliche Schwäche als Alleinstellungsmerkmal. Das ist bemerkenswert, denn im Prinzip funktioniert die Homepage eines Nachrichtenangebots wie sz.de nach dem gleichen Verknappungsmuster wie eine Insta-Story: man kann sie maximal 24 Stunden in dieser Form sehen. Dann ändert sie sich. Die Homepage vom vergangenen Freitag gibt es nicht mehr. Aber kein Nachrichtenangebot, das mir bekannt ist, vermarktet diese vermeintliche Schwäche so wie Instagram oder der Erfinder Snapchat es tun.

Denn oft wird Verknappung fälschlicherweise als unnötige Einschränkung wahrgenommen. Ich kann das Feedback förmlich hören, das man in einem klassischen Medienhaus bekommen hätte, hätte man dort vorgeschlagen, ein Angebot nach 24 Stunden nicht mehr anzuzeigen. „Wieso denn? Damit beschränken wir uns doch unnötig, das machen wir nicht.“ Auch Twitter hätte man in einem solchen Umfeld niemals erfinden können, denn das Alleinstellungsmerkmal Zeichenbegrenzung wäre als unnötig durchgefallen.

Dabei ist der Trick hinter den Verknappungsansätze nicht besonders kompliziert. Es geht eher darum, das Muster zu verstehen. Und das gelingt, wenn man den Fokus weg vom Inhalt hin zur Aufmerksamkeit verschiebt. Sie ist die Voraussetzung für alle folgenden Geschäftsmodelle im digitalen Raum. Deshalb lohnt es sich, das Muster der Verknappung zu verstehen – und achtsam (sic!) zu beobachten, wie und wo Aufmerksamkeit schon heute ein bedeutsamer Faktor ist.

Im Podcast von Digg-Gründer Kevin Rose habe ich dazu ein interessantes Gespräch mit Jake Knapp gehört (in einer ersten Version des Textes habe ich ihn mit Instagram-Gründer Kevin Systrom verwechselt). Das ist der Mann, der die Idee des Design-Sprints erstmals aufgeschrieben hat. Jetzt ist sein neues Buch raus, es heißt „Make Time“ und widmet sich der Aufmerksamkeit von der anderen Seite: Knapp und seinem Co-Autor John Zeratsky geht es Konzentration und Klarheit, es geht um Fokus und Achtsamkeit.

Es ist interessant, welchen Blick Rose und Knapp in dem Gespräch auf die Technik-Anbieter werfen, deren Geschäft stets auf dem Gegenteil beruht. Es öffnet aber einen Blick auf die andere Seite der Aufmerksamkeit, auf die Frage: Worauf richten Sie Ihre Aufmerksamkeit? Kevin Rose hat dafür eine App entwickelt. Sie heißt Oak und soll Menschen helfen, sich zu konzentrieren. Ich finde es ist das sympathischste Angebot im wachsenden Markt der Meditations-Apps (über die es am Wochenende einen sehr guten Text in der SZ gab).

Atmen Sie ein und aus – beobachten Sie, bewerten Sie nicht.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man beobachten kann, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten kann.

Shruggie des Monats: das Stories-Format

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen und die Plattform Startnext beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich verstehs nicht. Das Format widerspricht allem, was ich meinte über Social Media verstanden zu haben: Man kann es nur für kurze Zeit (24 Stunden) ansehen, es gibt keine Möglichkeit zu öffentlichen Likes oder Kommentaren, keinen sichtbaren Austausch und maximal 15 Sekunden Zeit. Die im Hochformat gefilmten Sequenzen, die Snapchat unter dem Namen Stories erfand, sind mir ein Rätsel – aber ein faszinierendes. Seit Instagram das Format kopiert hat, versuche ich zu verstehen, was den Reiz der Stories ausmacht – mit mäßigem Erfolg. Bis ich mich meiner Ratlosigkeit stellte, einfach selber konsequent Stories zu nutzen begann und einen tollen Text dazu las.

Dabei soll ich hier gar nicht so sehr darum gehen, dass Ian Bogost in diesem the Atlantic-Text Stories als erstes Smartphone-Medienformat beschreibt. Als Shruggie des Monats wähle ich das Story-Format, weil ich eine Menge Leute kennen, die meine Ratlosigkeit ihnen gegenüber teilen. Sie verstehen einfach nicht so genau, was dieses Format will oder soll. Und genau diese Verstörung ist Ausgangspunkt für Neues – behauptet jedenfalls der Shruggie. Er fordert gar dazu auf, sich dieser Irritation bewusst auszusetzen. Eben um auf neue Ideen zu kommen.

Ich bin weit davon entfernt, auf Story-Ideen zu kommen. Seit ich aber aus der Ratlosigkeit heraus begonnen habe, selber kleine Sequenzen zu filmen und zu veröffentlichen, habe ich eine erstaunliche Shruggie-Beobachtung gemacht: Die Verwirrung verschwindet.

Durch die Benutzung habe ich selber verstanden, was ich vorher nur von außen geahnt habe: Die zeitliche Verknappung der Stories sind die grundlegende Basis ihres Erfolgs. Um auf dem Laufenden zu bleiben, was meine Freunde beschäftigt, muss ich sehr regelmäßig ihre Stories anschauen. Denn wenn es blöd läuft, verpasse ich sonst eine zentrale Information – die eben nach 24 Stunden verschwunden ist. So wie Twitter auf die unbegrenzte Möglichkeit der Veröffentlichung mit einer Begrenzung der Zeichenzahl reagiert, so setzt das Stories-Format in Zeiten der ständigen Verfügbarkeit von Online-Inhalten auf deren zeitliche Begrenzung. „Gibts halt nur 24 Stunden, musst du jetzt gucken“ ist die Online-Entsprechung zur Schlange am angesagten Club – eine Verknappung, die das Interesse steigert.

Richtig begriffen habe ich das erst, als ich über meine eigenen Ratlosigkeit hinweg begonnen habe, selber Stories zu veröffentlichen. Denn natürlich bleiben diese nicht ohne Reaktion – die Reaktionen geschehen aber nicht mehr öffentlich. Es gibt einen privateren Austausch als jener auf der Social-Media-Bühne. Auch das ist ein interessanter Aspekt, den ich als außenstehender Beobachter vermutlich nicht erkannt hätte.

Und abseits der formalen Aspekte, eröffnet das Format tatsächlich ein neues Erzählmuster und veränderte filmische Narrative. Ob es – wie Ian Bogost schreibt – wirklich das erste Smartphone-Medienformat ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube er liegt nicht falsch, wenn er analysiert:

“Photography is not about the thing photographed,” Winogrand once said. “It is about how that thing looks photographed.” And likewise, a Story is not about the things sequenced in the story. It is about how those things look through the sensors and software of a smartphone. It’s a dubious sensation, to stare down the barrel of that future.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen