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WarTok, Avocado, Tommi Schmitt, Moin Ingo, Birds Aren’t Real (Netzkultur-Charts März)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: WarTok 🆕

Der Begriff stammt vom New York Magazine: „WarTok“ ist der Titel eines Textes, der kurz nach dem russischen Angriff auf die Unkraine erschien. Es ist ein besonders klingendes Beispiel für zahlreiche Texte, die den Angriffskrieg medial einordnen und erklären wollten – und dabei spielte immer wieder die vergleichsweise junge Plattform Tiktok eine angeblich bedeutsame Rolle. Ob das wirklich so ist, kann man nicht abschließend beurteilen. Es bleiben in jedem Fall Zweifel, wenn man diese Einordnung bei The Atlantic und vor allem den unbedingt empfehlenswerten Newsletter von Marcus Bösch zum Thema verfolgt (zur Rolle von Social-Media unbedingt diesen Thread lesen). Sicher ist jedoch, dass der Krieg auch eine Internet-Dimension hat. Der Informationskrieg wird in diesem Text bei Technology Review gut eingeordnet und über den Aspekt dessen, was man Cyberwar nennt, spricht „Holgi ruft an…“ hier im Übermedien-Podcast mit Linus Neumann.

Platz 2: Avocado und Glut-Theorie 🆕

Ein sogar im deutschsprachigen Internet alter Trend ist wieder da: Schon 2015 hatte der tolle Account Luksan Wunder im Rahmen seiner Aussprache-Clips das Wort Avocado verändert. Im Oktober 2021 lud er dann den gleichen Sound nahezu unbemerkt (unter 10.000 Views) auch auf Tiktok. Der Witz jedoch verbreitet sich seit Beginn des Jahres dank anderer Accounts auf der Plattform. Über vier Millionen Views hat der Account @diclassicx mit einer Adaption bereits erreicht. Die Stimme spricht die Frucht nicht nur falsch aus, sondern fragt auch „wie bereitet Ihr sie euch am liebsten zu?“ Dass dabei Tomatenmarkt auf die Avocado gestrichen wird, hilft offenbar dabei, noch mehr Menschen zu Widerspruch, Duetten und somit zu Algorithmus-Aufmerksamkeit anzustacheln. Im Rahmen des Kölner Kongress des Deutschlandfunks habe ich an dem Prinzip falsche Aussprache/Widerspruch die memetischen Muster der aktuellen Debatte zu skizzieren versucht. Denn manche politische Meinungsäußerung funktioniert nach dem gleichen Prinzip der falschen Aussprache: sie soll vor allem Widerspruch provozieren, um dem Algorithmus auf diese Weise Relevanz vorzugaukeln. Wie aufmerksamkeitsstark das funktioniert, sieht man an zahlreichen Firmen-Accounts, die auf den Avocado-Zug aufspringen – hier z.B. ein Supermarkt.

Platz 3: Audio-Zitate (Next Level) ⬇️

Dass der Podcaster und Latenight-Entertainer Tommi Schmitt gerade als Audiovorlage durch Reels und Tiktoks geistert, war vergangenen Monat schon Thema. Jetzt hat er zum Start seiner neuen Staffel „Studio Schmitt“ auf so eine tolle Art und Weise auf seinen Ruhm als Inspirational-Audio-Quote reagiert, dass ich dazu hier schon ausführlich bloggen musste: wie Schmitt seinen eigenen Podcast-Sound lippensynchron nun im Fernsehen persifliert, ist wirklich wundbar und wäre in jedem anderen Monat ganz sicher auf Platz 1 der Charts gelandet – in diesem Monat geht es einen Platz runter auf Platz 3.

Platz 4: Moin Ingo 🆕

PipomichoO „wollte eigentlich nur ’ne Pommes essen“ und hat damit einen der schönsten Duett-Trends des Jahres losgetreten. Der Nutzer, der die Duett-Funktion von Tiktok wiederholt auf bemerkenswerte Weise genutzt hat (hier mit den Elevatorboys), startete das Moin-Ingo-Movement mit einem Reaction-Video auf einen Clip der Tagesschau. Diese hatte auf eine Nutzer-Anfrage reagiert („Holt man den Ingo in ein Video“) und Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni für ein kurzes Video in Studio schreiten und „Hallo Tiktok“ sagen lassen. Pipomicho0 startete mit seinem Duett, in dem er seine Pommes-Geschichte erzählt und quasi beiläufig auf Zamperonis Gruß reagiert, eine Welle an fortführenden Duetten, die diese besondere Funktion in Tiktok nutzen und alle gemeinsam auf die Tagesschau reagieren. Das ist lustig, weil es so wirkt als würde auf den Gruß „Hallo Tiktok“ tatsächlich die Nutzer:innenschaft von Tiktok reagieren – beiläufig mit einem „Moin Ingo“.
Der gesamte Trend illustriert aber vor allem anschaulich, wie gut sich der Tagesschau-Account in dem digitalen Ökosystem von Tiktok bewegt.

Platz 5: Birds Aren’t Real ⬇️

Ich hatte es ja angekündigt: die „Birds Aren’t Real“-Bewegung wird uns weiter beschäftigen. Diesen Monat hat sie sogar den Wordle-Hype (Schon mal Heardle gespielt?) aus den Charts verdrängt. Zum einen weil jetzt auch die Tagesschau berichtet hat, aber vor allem weil sie eine Demo in LA organisierten und ankündigten, juristisch gegen Medien vorzugehen, die sie als Parodie vorstellen. Das Spiel geht also weiter.

Besondere Erwähung:

Außerdem erwähnenswert im März im Netz: der Commando Parachutiste de l’Air no 10″-Hoodie von Emanuel Macron im Vergleich zum Pulli von Olaf Scholz, der „Ich hab mir Pizza gemacht“-Sound, der mit auf das Video gelegten Texten in neue Kontexte gestellt wird und aus gegebenem Anlass dieser zwei Jahren dieser Text „Immerhin haben wir das Internet“!

Der kleine Junge, der im Publikum beim Bundesligaspiel Köln – Dortmund von den Kameras eingefangen wurde, hat erst den Dortmunder Torschützen Wolf beschmipft – und dann wegen des plötzlichen Ruhms besucht. Stephen Wilhite ist gestorben – er hatte das Gif-Format (mit-)erfunden.

Auf Tiktok gibt es einen neuen Kaffee-Trend. Nachdem vor zwei Jahren südkoreanischer Dalgona-Kaffee ständig gepostet und erwähnt wurde, gibt es seit Jahrsbeginn eine Espress-Orangensaft-Flut in meinen Timelines. Ich habe diese Kombination in diesem Monat ausprobiert und viel Widerspruch auf Twitter geerntet – so richtig gut fand ich sie nebenbei bemerkt auch nicht. Dafür hab ich ein richtig gutes Tiktok gedreht ;-)

Der Song „Tom’s Diner“ (hier erklärt ein Tiktoker die Entstehungsgeschichte des Susan-Vega-Lieds) geistert gerade in einer erstaunlichen Version von Giant Rooks und AnnenMayKantereit durch Tiktok. Vor allem der Gesangspart von Henning May fasziniert die Nutzer:innen und animiert sie zu Erklärungen, Duetten und Stitches.


Hans Rusinek sammelt Anführungszeichen. Öffentlich. Auf Instagram. Ich habe den Macher von Akward Anführungszeichen zu seinem „Buch“ (Anführungszeichen mitlesen) interviewt, das dieser Tage erscheint.

Auf Netflix startet dieser Tage eine Serie, die von dem „Ist das Kuchen“-Meme inspiriert ist. Passenderweise heißt sie auch so. Wem das zu kompliziert ist, kann auch schlicht durch Instagram klicken.

Aus dem so mittellustigen Straßen-Videotrend scheinbare Passant:innen scheinbar beiläufig nach den Songs zu fragen, die sie hören, hat sich ein schöner Quatsch entwickelt, auf den Micorsoft zu Werbezwecken aufgesprungen ist. Begonnen hatte es mit der Quatsch-Antwort eben keine Lieder, sondern sinnlose Geräusche und Melodien zu hören – und Microsoft hat daraus diese Antwort gemacht: ein Hipster im gelben Pulli stampft durch die Straße, nimmt den Ohrhörer raus und gesteht, er höre den Startup-Sound von Windows XP.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Ein „Buch“ – Interview mit Awkward-Anführungszeichen-Macher Hans Rusinek

Hans Rusinek sammelt Anführungszeichen. Öffentlich. Auf Instagram. Sein Account awkward_anfuehrungszeichen ist eine beachtenswerte Sammlung verwirrter oder zumindest verwirrender Satzzeichen. Denn nahezu alle „Beiträge“ dokumentieren erstaunliche Missverständnisse in der Verwendung der Gänsefüßchen. Jetzt hat er aus der Sammlung ein „Buch“ (Anführungszeichen mitlesen) gemacht. Ich habe ihm dazu ein paar Fragen gemailt.

Du sammelst Anführungszeichen. Warum das denn?
Es fing damit an, dass ein Freund, der Schnapsgläser sammelt, mir predigte, dass doch jeder irgendetwas sammeln muss. Sammeln sei doch ein Urtrieb, die Überlebenstechnik per se und ein mutiges Veto gegen den Zahn der Zeit, besonders in digitalen Zeiten. Und so weiter, und so fort. Ich hörte ihn brav zu und beim Leeren des ein oder anderen Schnapsglases kam mir dann die Idee: Verhunzte Anführungszeichen! Gerade an diesem Tag war mir nämlich ein Schild an einem Parkautomaten aufgefallen: Dort stand, dass man im „Voraus“ zahlen sollte. Merkwürdig.

Wo findest du all die Anführungs-Fehler eigentlich?
Wenn der Blick erstmal geschärft ist, begegnen einem die Dinger wirklich überall! Es ist eine Sprach-, oder besser Satzzeichensensibilität, die die Sammlung antreibt. Eine Zeit lang griff das sogar auf meine Kommunikation im Alltag über: ich musste beim Sprechen immer mit meinen Fingern die Zeichen in die Luft malen. Und durch den Account greift dies auch auf andere Menschen über. Die meisten neuen Fundstücke sind Beiträge aus der Community, die ich kuratieren darf. Es kommen etwa 50 neue Stücke pro Tag rein und ich werde der Lage schon lange nicht mehr Herr. Im Buch kommen deshalb auch viele unveröffentlichte Stücke ans Licht!

Begonnen hast du in Amerika, im Buch sind die meisten „Beiträge“ auf deutsch. Gibt es kulturelle Unterschiede?
Das ist schwer zu sagen. Ich weiß es nicht. Was aber definitiv aus den USA kommt, sind eben diese „Air Quotes“, die man mit den Fingern malt. Das haben wir Joey von Friends zu verdanken.

Du schreibst, dass in Wien besonders viel in An- und Abführung geschrieben wird. Hast Du eine Ahnung, woran das liegt?
Das finde ich auch ganz faszinierend! Vielleicht hat es etwas mit dem Wiener Schmäh zu tun? Also mit diesem etwas zynischen Humor, der gerne mal etwas Distanz schafft und darum die Welt gerne mal ein wenig in Anführungszeichen setzt.

Hast Du mal mit Leuten gesprochen, die besonders falsche Anführungszeichen auf Plakaten oder Aushängen verwenden?
Ja, eine Person hat sich mal bei mir gemeldet, weil ich sein Plakat gepostet habe. Er sagte, dass er nicht wusste, ob er den richtigen Begriff verwendet hatte und deshalb setzte er ihn vorsichtshalber in Anführungszeichen. Anführungszeichen wiegen uns in Sicherheit! Eine Hintertür bleibt so immer offen.

Bei nahezu allen Beiträgen in deinem Buch dachte ich mir: die Schreibenden glauben, mit den Anführungszeichen würden sie einen Begriff besonders betonen und wir Lesenden sehen, dass sie sich genau davon distanzieren. Hast Du eine Idee, wie Leute darauf kommen, dass Anführungszeichen einen Begriff besonders unterstreichen würden?
Ganz viele Facetten, wozu die Forschung noch dringend Antworten finden muss! Bei manchen Fundstücken hat man eine ältere Generation vor sich, die vielleicht mal gelernt hat, dass Anführungszeichen etwas unterstreichen sollen (aber kann man dafür nicht eben genau das machen? Unterstreichen). Und doch gibt es eben auch den gegenteiligen Effekt: Anführungszeichen als zynische Distanzierung. Anführungszeichen bleiben ein verwirrendes Rätsel! Zu der Distanzierung haben wir in dem Buch auch spannende historische Beispiele: Etwa Zeitungsausschnitte vom Springer-Verlag, der die DDR bis 1989 immer in Anführungszeichen setzte.

Zum Abschluss noch eine Frage an dich als Experten: Hast Du eine Ahnung, weshalb man die Anführungszeichen in Deutschland auch „Gänsefüßchen“ nennt?
Ich glaube das soll „niedlich“ sein.

Das Buch der absurden Anführungszeichen ist im Seltmann-Verlag erschienen – hier kann man Hans‘ Account auf Instagram folgen

Was ist YouTube Shorts? Die Tiktokisierung des Web

Unlängst hat Tommi Schmitt in seiner empfehlenswerten Sendung „Studio Schmitt“ ehrliche Werbung gemacht. Der Slogan, den er dabei für Instagram präsentierte lautete: „Die Tiktok-Videos von gestern“. Das war lustig, weil Instagram mit seiner hochkantigen Tiktok-Kopie namens „Reels“ tatsächlich vor der Herausforderung steht, das Tiktok-Logo in den auch auf Instagram veröffentlichten Clips nicht zu prominent zu zeigen.

Der bekannteste Journalist auf Tiktok, Dave Jorgenson von der Washington Post, hat dazu unlängst einen schönen Clip gemacht, in dem er Reels und Tiktok in einen Austausch brachte. Würde er das gleiche mit Tiktok und Youtube machen, als YouTube würde er vermutlich kurze Hosen tragen. Denn YouTube nennt seinen Tiktok-Klon „Shorts“ (und Jorgenson schreckt von offensichtlichen und platten Witzen nicht zurück). Das Angebot „Shorts“ ist schon seit einer Weile online – und wird meiner Erfahrung nach vor allem von Menschen genutzt, die YouTube mobil nutzen.

Heute habe ich nun durch Zufall auf der Desktop-Startseite der YouTube-Mutter Google dieses Bild gesehen: Einen Werbehinweis für das Angebot Shorts. Das ist im doppelten Sinn erstaunlich. Denn erstens macht Google zwar fast überall Werbung, aber fast nie auf der Startseite. Und zweitens lässt sich daraus ableiten, dass Googles Videotochter YouTube wohl Sorge hat, hochkant aus dem Aufmerksamkeitsfenster der mobilen Tiktok-Fans zu fliegen, wenn nicht mehr Energie auf das eigene Angebot Shorts gelenkt wird.

Dass damit mit einem etwas ungelenkten Spruch geworben wird, bleibt allerdings verwirrend. Der Satz…

Mit YouTube Shorts kannst du eigene Kurzvideos ansehen und erstellen

… legt einen merkwürdigen Fokus auf „eigene Videos“. Die Besonderheit des Angebots ist es ja, dass bei Shorts erstens auch andere meine Kurzvideos sehen können und dass zweitens ich die Kurzvideos von anderen sehen kann. Aber gut.

Es spricht sehr viel dafür, dass Google nicht einfach so Werbung auf die eigene Startseite knallt, sondern damit ein Zeichen sendet: Die Tiktokisierung des Web hat begonnen. Sie scheint sogar soweit fortgeschritten, dass auch YouTube mitfahren will.

Die Werbung führt übrigens auf diesen deutschsprachigen Clip, der mit kurzen Schnipseln für das Angebot wirbt. Tommi Schmitt würde dazu vermutlich texten: „YouTube Shorts die Reels von gestern“

In Fragen des Slogans hat eh Tiktok das Rennen gewonnen: It starts on Tiktok ist kaum zu überbieten.

Wer mehr über Tiktok wissen möchte, findet hier meine tiktok-taktik – und einmal im Monat die Netzkulturcharts, die die relevantesten Trends nicht nur hochkant zusammenfassen. Mehr über gute Slogans und Werbung im Podcast „Wirbt das?“

Was ist das Gegenteil von peinlich? Wenn es keiner sieht

Die beiden Männer auf diesem etwas peinlichen (?) Schnappschuss do oben (Foto: Instagram) heißen Xavier Di Petta und Nick Iavarone. Gemeinsam sind sie das DJ-Duos Partyshirt, das auf Tiktok so erfolgreich ist, dass die New York Times über sie berichtet. In dem Text fällt ein erstaunliches Zitat von Xavier, das die Frage, was eigentlich peinlich ist, in ein ziemlich neues Licht rückt.

Statt „peinlich“ verwenden manche Menschen übrigens auch den Begriff „cringe“ oder wie Phil Laude es hier (Ok Boomer!) formuliert: zum Fremdschämen. Das sollte man wissen, um Xaviers Einschätzung zum Thema Peinlichkeit besser zu übersetzen. Er sagt:

“Everything’s cringey until it gets views”

Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man bis vor ein paar Jahren als „peinlich“ beschrieben hätte. Denn so lange es keiner sah (oder es keine Views bekam), war nach damaliger Ansicht eine Sache eigentlich auch nicht peinlich. Sieht ja keiner. Heute, so interpretiere ich Xaviers Einschätzung, gibt es eine gegenteilige Haltung, die es für peinlich hält, wenn ein Clips, ein Foto oder Meme keine Views erhält. Anders formuliert: auch der peinlichste Inhalt kann durch seinen Kontext (hohe Verbreitung) in ein unpeinliches Licht gerückt werden.

Darin liegt nicht nur eine zufällige Veränderung der Zuschreibung des Begriffs der Peinlichkeit. Es ist, so kann man in dem NYT-Text weiter lesen, volle Absicht. Man könnte sogar sagen „Social-Media-Strategie“:

Both the men said it’s important to be bold online. Many people feel embarrassed by their videos, especially given that offline friends and contacts are likely to see them. The men said that shame is often the biggest hurdle, but it shouldn’t be.

Treiber ist das von Bühnen bekannte Rampensau-Phänomen, sich auch in peinlichen Situtationen zu zeigen. Hier wird es aber weiter ausgedehnt. In ihren Tiktok-Clips inszenieren die beiden eine derart beiläufige Gewöhnlichkeit, indem sie Lebensmittel testen oder allerlei Alltäglichkeiten in neue Kontexte rücken, dass es auch nicht verwundert, dass ihre „Website“ namens partshirt.co auf ein Google-Doc verweist, das vor ein paar Jahren vermutlich als cringe bewertet worden wäre (ohne den Begriff zu verwenden)

Die Welt, die sich hinter Xaviers Einschätzung öffnet, breitet vor allem einen Aspekt vor uns aus: Cringe ist keine Zuschreibung, die einzig und allein auf den Content eines Bildes oder einer Handlung zutrifft. Ob etwas Cringe ist, entscheidet sich offenbar auch am Kontext des jeweiligen Inhalts, also anhand der Metadaten, die die Inhaltsdaten ergänzen. Für Partyshirt spielen dabei Reichweite und Views offenbar eine so wichtige Rolle, dass sie sogar die gelernte Zuschreibung von Peinlichkeit auf den Kopf stellen.


Mehr Gegenteil gibt es in meinem Buch Anleitung zum Unkreativsein – dort ist auch erklärt, wie der Blick aufs Gegenteil die Perspektive erweitern kann. Mehr Netzkultur gibt es jeden Monat in der Rubrik Netzkulturcharts – und in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“

Digitale Nachbarschaft (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wie gut kennen Sie Ihre Nachbarn? Wissen Sie, welche Wendungen das Leben auf dem Balkon gebenüber nimmt?

Ich muss immer wieder an die lockere soziale Bindung zu den Menschen „next door“ denken, wenn ich Social-Media-Apps nutze. Egal, ob es sich um den Status in WhatsApp (lesenswert aufgeschrieben von meinem Kollegen Jan Stremmel), um Urlaubsbilder auf Instagram oder Tanzeinlagen auf Tiktok handelt: stets liefern soziale Medien einen virtuellen Blick in das Leben von fremden Menschen, in fremden Wohnungen. (Symbolbild: Unsplash)

Dieser private Blick ist neu und zuweilen noch immer verstörend (über die berufliche Verwendung von sozialen Netzwerken habe ich hier geschrieben). Warum filmen diese Menschen sich bei albernen Tanzeinlagen, weshalb teilt diese entfernte Bekannte ihre Autopanne auf Instagram und welchen Zweck verfolgt der Ex-Kollege mit diesen Videos, die er über seinen Status und YouTube verbreitet? Lange Zeit wurde diese Form des sozialen Austauschs als Oversharing verunglimpft: Selbstdarsteller:innen seien diese Menschen, die ihr Essen fotografieren oder Selfies produzieren. Das konnte man so häufig lesen, dass es mich skeptisch machte: Stimmt das wirklich oder ist die Behauptung von der Darstellungsssucht nicht nur ein Vorwand, sich nicht intensiver mit dieser neuen Form der sozialen Bindung befassen zu müssen? (Wie man sich tiefgehender mit solchen Fragen befassen kann, zeigt Sascha Lobo in dieser Kolumne über Kinderfotos im Internet)

Seit ich selbst anfing, Szenen auf Instagram zu fotografieren, die früher in einem privaten Fotoalbum gelandet wären, beschäftigt mich die Frage nach dem Warum? intensiver als die oberflächliche Antwort von der vemeintlichen Oberflächlichkeit reicht. Der soziale Austausch wird von anderen Treibern beflügelt als der Suche nach Likes oder Anerkennung. Das gilt on- wie offline, das gilt in sozialen Netzwerken wie im Gespräch mit dem Balkon gegenüber. Wir teilen uns mit, weil wir uns darin selbst erkennen. Wer seiner Nachbarin von der eigenen Urlaubsreise erzählt, kennt dieses Gefühl. Es wird nicht schlechter oder gar falsch, nur weil es im Internet stattfindet: Auch digitale Mitteilungen helfen dabei, die Welt einzuordnen und uns selbst zu verstehen. Genau so gut und genau so schlecht wie Gespräche auf dem Gang mit den Nachbar:innen.

Mir hilft das Bild von der digitalen Nachbar:innenschaft um besser zu verstehen, was wir da gemeinsam machen in den sozialen Netzwerken. Wir führen lockere virtuelle Beziehungen, die sehr handfeste (auch positive!) Folgen haben können. So wie Brot&Salz durch echte Fenster gereicht werden, können wir durch virtuelle Fenster Reisetipps, Nachmieter:innen oder Spendensammlungen organisieren. Ja, es gibt auch den Nachbarschaftsstreit am # Gartenzaun – im Internet heißt der Hashtag und beflügelt Auseinandersetzungen, die nicht so anders sind als die Debatte über einen überstehenden Ast im fremden Garten. Online steht ein Gender*sternchen zu hoch und weckt die gleichen „ich werde ungerecht behandelt“-Gefühle wie in der Offline-Nachbarschaft.

Keine Sorge, es geht mir mit dem Bild nicht um eine On- und Offline-Gleichmacherei. Die digitale Nachbarschaft ist selbstredend umfangreicher, vernetzter und breiter als die manchmal tiefer gehende Verbindung zu Menschen, die (fast) die gleiche Adresse haben. Aber beide haben einen positiven, verbindenen, freundlichen Kern. Allein um das nicht zu vergessen, lohnt es sich ein Herz zu drücken, wenn der Ex-Kollege ein Video postet oder die Bekannte Hilfe bei der Autopanne braucht. Wir sind nicht allein – wir sind digitale Nachbarn.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Hier habe ich schon mal über die berufliche Nutzung von sozialen Netzwerken nachgedacht.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären – das Beispiel The French Dispatch

Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray (im Bild oben vlnr) sind gerade in Cannes beim Filmfest. Sie stellen den Film „The French Dispatch“ (hier der Trailer) vor, der im Oktober in die Kinos kommen soll.

Im Rahmen der Vorstellung wurde im sommerlichen Cannes ein Foto gemacht, das sich auf eine bemerkenswerte Reise durchs Netz gemacht hat. Bei mir ist es angekommen, weil FM4 es auf seinem Instagram-Kanal neu kodiert veröffentlicht hat, seinen Ursprung hat es aber wohl in diesem Vulture-Post, der dazu auffordert, sich selbst den vier Charakteren zuzuordnen (bitte unbedingt den Beitrag anschauen, weil die Nutzer:innen darunter erstaunliche Details zu Tage fördern. Warum trägt Bill Murray zum Beispiel zwei Uhren!?). Die New York Times-Redakteurin Dodai Stewart kam dann auf die Idee, die Charaktere mit Sozialen Netzwerken in Verbindung zu bringen. Ihr Beitrag von gestern abend landete dann heute Nachmittag bei FM4.

Das ist nicht nur inhaltlich super, sondern eine wunderbare Referenz der Referenz. Denn die Idee, Filmcharaktere mit dem Wesen sozialer Netzwerke in Verbindung zu bringen, war vor ein paar Jahren am Beispiel des Breakfast-Club schon mal ein kleiner Internet-Hype. Ich habe dem ein ganzes Kapitel in der Gebrauchsanweisung für das Internet gewidmet und hier darüber gebloggt.

Der Unterschied ist: im aktuellen Fall sind nicht die Filmfiguren die Referenz für das Wesen der Netzwerke, sondern die Schauspieler und die Schauspielerin. Das macht den Fall noch etwas treffender, wie ich finde. Auch wenn Facebook – in Person von Bill Murray – vermutlich zu gut weg kommt.

Alle weiteren Kommentare und Bildbeschreibungen verbieten sich, weil allein das Betrachten des 25-jährigen Timothée Chalamet, der eine Sonnenbrille tragend – als Tiktok – neben dem 26 Jahre älteren Regisseur Wes Anderson steht, aussagekräftig genug ist. Anderson wiederum trägt einen hellblauen Anzug und weiße Schuhe und entstammt erkennbar einer anderen Generation (Twitter). Tilda Swindon im blauen Anzug mit Sonnenbrille ist mit Abstand am coolsten – und Instagram. Die Kleidung des Mannes neben ihr entfaltet ihre Ironie vor allem dadurch, dass sie von Bill Murray getragen wird. Die Gegenwärtigkeit von Facebook lässt sich kaum besser illustrieren als durch Kurzarmhemd und hellbaue Shorts.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Theophilus Junior Bestelmeyer

Es war der größte Fehler, meinen Namen gesagt zu haben. Jetzt nervt mich ganz Deutschland“, der Clip, in dem der Satz fällt, stammt vom Beginn der Woche. Der Mann, der ihn sagt, zeigt dazu Screenshots aus Kommentarspalten und lässt seiner Verwunderung freien Lauf: „Egal, auf welches Tiktok ich gehe: mein Name steht da.“ Es gibt keinen erkennbaren inhaltlichen Bezug für die Verwendung des Namens, aber er ist tatsächlich in unzähligen Kommentaren zu lesen. „Mein Name ist überall. Literally. Ich werd einfach fame wegen meinem Namen. Ich mach Musik, keiner kennt meine Musik, aber meinen Namen kennt ihr, oder was?

Der Clip stammt von Theophilus Junior Bestelmeyer und um den Hype um seinen Namen zu verstehen, muss man eigentlich nur diesen Clip* anschauen, in dem er sein Unverständnis über den Hype äußerst. Es gibt keine sinnvolle Erklärung. Daraus erwächst eine magnetische Wirkung, die den Quatsch nicht nur noch alberner, sondern auch noch attraktiver macht. Es ist ein running gag, basierend auf dem geheimen Gruppenwissen („Wir schreiben den Namen einfach überall hin“), das zum Zugangs-Code wird: „Du bist dabei, wenn du es verstehst.“ Denn alle anderen verstehen den Quatsch nicht. „Wie geil.“ Genau aus dieser Dynamik speisen sich Memes. Und hier kann man ein besonders unerklärliches im Entstehen beobachten.

Das Besondere dabei: Theophilus Junior Bestelmeyer lässt das Web an seiner eigenen Verwirrung teilhaben. Im Laufe der Woche war sein Kanal von Tiktok gesperrt, aber jetzt postet und repostet er Beiträge, die sich auf seinen Namen beziehen. Statt sich von der Welle überspülen zu lassen, versucht er sie zu reiten. Bis jetzt gibt es noch keinen Wikipedia-Eintrag zu seinem Namen, aber er wird sicher bald kommen: Lesen wird man dort, dass er unter dem Künstlernamen „Theo Junior“ Musik macht (aktueller Song „Mit vier Jahren“) und im Sommer 2021 im Mittelpunkt eines Hypes stand, weil sein echter Name vielen Nutzer:innen auf Tiktok ungewöhnlich für einen jungen Mann erschien. So versucht dieser reddit-Thread zu erklären, was nicht zu erklären, sondern nur nachzuerzählen ist: Am Montag veröffentlichte Theo Junior auf seinem Tiktok-Kanal einen Clip, in dem er seinen Klarnamen erwähnt: „Ich heiße Theophilus Junior Bestelmeyer. Mein Name ist einfach so geil, digga. Mein Leben ist einfach optimal. Mein Leben ist einfach optimal, digga.“

Warum diese Vorlage einen Welle auslöste, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Dass sie ein Meme produzierte, ist aber klar erkennbar: In Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina hat eine junge Mitarbeiterin der Firma Middletown Meyers jetzt zum Beispiel damit zu kämpfen, dass die Wette mit ihrem Chef um eine Tätowierung womöglich mit einem deutschen Internet-Meme in Verbindung treten könnte. In diesem Clip wird beschrieben, dass der Chef der Firma der jungen Frau 3500 Dollar zahlt, wenn sie sich tätowieren lässt, was das Internet sich wünscht. Derzeit führt „Theophilus Junior Bestelmeyer“ mit über 24.300 Likes.

Um wirklich zu verstehen, was es mit diesem Spiel von Distinktion und digitaler Vernetzung auf sich hat, muss man sich vielleicht zuerst von dem Wunsch lösen, darin einen tieferen Sinn zu erkennen. Womöglich ist es vor allem die Freude daran, mit dem digitalen Echo zu spielen, das die demokratisierten Publikationsmittel erzeugen können. Ganz so als würde man in einer Bahnunterführung sehr laut rufen – und sich dann am Echo erfreuen. Es gibt dafür keine weitere Erklärung.

Theo Junior hat sich jedenfalls mit seinem unerklärlichen Ruhm arrangiert und macht jetzt das, was bekannte Menschen in sozialen Medien tun: sie zeigen sich mit anderen bekannten Menschen. In diesem Clip ist er mit Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger zu sehen.

* es scheint weiterhin Probleme mit dem Account zu geben. Zeitweilig waren die Videos nicht zu sehen

Mich faszinieren solche Geschichten – wie auch jene von der Zeile „Ich chille mit der Crew digga“ oder jene vom M to the B-Sound. Sie zeigen den Zauber dessen, was mich zu diesem Buch brachte. Darin versuche ich zu beschreiben, was nur schwer zu erklären ist: Wie Memes entstehen und warum sie sich fortführen – wie Ohrwürmer im Internet.
Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de

Shruggie des Monats: Das Selbst-Duett-Video

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was bedeutet es, wenn Sie sich ein Handtuch auf den Kopf legen und sich dabei filmen? Klar: Sie spielen eine Person mit langen Haaren.

Diese sehr einfache Form der Ausstattung findet in den vergangenen Monaten häufig in Rollenvideos im Internet Anwendung. Die Monate der Corona-Pandemie haben ein Genre im Netz begünstigt, das eine Person im schnellen Schnitt in zwei oder mehreren Rollen zeigt (im Bild Paulomuc im Junge-Mädchen-Dialog). Um die unterschiedlichen Rollen deutlich zu machen, braucht es Markierung, Beschriftung oder eben ein Handtuch auf dem Kopf. Zu sehen sind dann Dialoge in Form von nachgesprochenen oder nachgesungenen Sätzen („You want me baby“) – oder auch wirklich neue gespielte Szenen.

Vorreiter dieses Genres ist der YouTuber Varion, der „häufiger mit sich selbst spricht als ein exzentrischer Bauchredern in Corona-Quarantäne“, wie es Philipp Walulis zusammengefasst hat. Varion spielt kurze Sketche vor allem auf YouTube, in denen er alle Rollen mit sich selbst besetzt. Die Figuren tragen unterscheidbare Kleidung und Perücken und tauchen mittlerweile auch regelmäßig in den Clips auf.

Diese Form der Selbstdialog-Clips gab es schon vor der Pandemie, meiner Einschätzung nach stehen sie aber symbolhaft für die Selbstbeschäftigung in Lockdown-Zeiten. Ich konnte nicht ergründen, ob es für diese Form der Clips einen Genre-Begriff gibt, ich bin mir aber sicher: Sie stehen für ein besonderes visuelles Zeitgeist-Phänomen.

Das hat nicht nur mit dem eher offensichtlichen „Ich kann keine anderen Menschen treffen, ich spreche mit mir selbst“-Aspekt zu tun, sondern vor allem mit einer Funktion, die Tiktok „Duett“ nennt. Dabei handelt es sich um ein Interaktions-Instrument, das Reaktionen und Kontextbrüche mit bestehenden Clips erlaubt. Der Name bezieht sich auf den gemeinsamen Gesang eines Duetts, die Kreativität des Social-Web hat daraus aber sehr erstaunliche Crowd-Kollaborationen entstehen lassen.

Der Begriff „Duet-Chain“ ist sogar schon auf Know Your Meme gelandet. Tiktok-Userin Fran Johnson hatte einen mittlerweile auf ihrer Seite gelöschten Clip hochgeladen, in dem sie sich über das Phänomen beschwert, dass andere Nutzer:innen Duette ohne wirkliche Reaktion erstellen: „Can we stop dueting videos when we have absolutely nothing to add to them?“ wurde so zur Vorlage für zahlreiche Duett-Reaktionen, die den Ursprungsclip in neue Kontexte stellte.

Die deutschsprachige Variante dieses Phänomens läuft übrigens seit ein paar Tagen mit einem Ursprungsclip von Diademlori („die erste Influencerin Deutschlands, die einen Amazon Original Podcast veröffentlicht„) durch Tiktok – hier sieht man User, die auf die Ausgangsfrage: „Warum macht man ein Duett wenn man nicht darauf reagiert?“ mit Nicht-Reaktion reagieren – was durchaus als Referenz zur Duet-Chain von Fran Johnson verstanden werden kann.

Der Kontextbruch war schon immer der Haupttreiber für virale Phänomene im Web, bei den Duetten entstehen daraus erstaunliche neue Clips wie Anfang des Monats das Video von Marcus Diapola, das zur Vorlage für eine weitere Duett-Kette wurde.

Auch der Erfolg der Sea Shanties Anfang des Jahres wurde durch die Duett-Funktion begünstigt – wobei der gemeinsame Gesang tatsächlich eher an die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs erinnert.

In die Gruppe dieser Dialog-Clips zählen meiner Meinung nach zudem auch die Duette, die Matthias Renger auf seinem Tiktok- und Instagram-Kanal verbreitet. Er spielt darin einen PR-Berater, der in einen vermeintlichen Dialog mit Politiker:innen tritt. Die Videos imitieren die Duett-Funktion und erschaffen mit Hilfe des Kontextbruchs neue Gespräche, die durchaus als politische Kommentare gelesen werden können. So „spricht“ Rengers PR-Berater zum Beispiel im jüngsten Clip mit dem angeschlagenen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz zu dessen möglichen Falschaussagen und schaltet dann – Stichwort Duet-Chain – auch noch Jan Böhmermann dazu, der vergangene Woche ausführlich über die Situation in Österreich berichtet hatte.

Wie bei fast allen Zeitgeist-Phänomenen haben sich auch diese Dialog-Duett-Clips so unmerklich in unsere Aufmerksamkeit Timelines geschlichen, dass man gar nicht mehr sagen kann, wann genau das es anfing, dass wir Gespräch-Videos sahen. Gerade deshalb will ich es kurz festhalten, denn vor zwei Jahren hätte niemand verstanden, was das mit dem Handtuch auf dem Kopf eigentlich soll…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Gerade ist das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ in der Reihe „Digitale Bildkulturen“ erschienen, in dem ich mich mit Bildern und ihrer Wirkung im Web befasse. Für Tiktok- und Meme-Fans gibt es hier im Blog noch ein paar interessante Texte: Ein Gespräch mit Metastar Philip über das Phänomen Tiktok, eine Einschätzung zum erfolgreichsten Tiktok aller Zeiten, Tiktok-Sounds als politische Kritik sowie mein Selbstversuch 24 Stunden auf Tiktok.

Auf tiktok-taktik.de versammle ich weitere spannende Links zum Thema – und empfehle den Newsletter von Marcus Bösch „Understanding Tiktok“.

Bist du eine Marke? Tipps zum Personal Branding

Für die aktuelle Ausgabe des Medium Magazin hat mir der Strategiecoach Julian Heck eine Anfrage geschickt. Es geht um „Personal Branding“ – so der Titel der „Journalisten-Werkstatt“-Beilage, in der Julian die Grundlagen dessen vorstellt, was man als Marke bezeichnet.

Die Tipps zur Selbstvermarktung im Journalismus sind meiner Einschätzung nach äußerst gelungen – und ich freue mich, dass ich meine Meinung zum Thema Position und öffentliches Auftreten beisteuern durfte. Ich dokumentiere meine Antworten auf Julians Fragen im Folgenden, empfehle aber den Kauf des Heftes, in dem u.a. auch die Kolleginnen und Kollegen Franziska Bluhm, Kristine Schmidt, Laura Lewandowski, Astrid Csuraji, Malcolm Ohanwe und Andreas Rickmann zu Wort kommen.


1. Wie würden Sie sich als eigene Marke beschreiben? Was waren bzw. sind für Sie wichtige Schritte für die eigene Positionierung als journalistische Marke?

Ich würde mich gar nicht als Marke beschreiben, sondern als Journalist und Autor, der die Themen Internet, Veränderung und Transformation in Form und Inhalt begleitet. Ich äußere mich öffentlich und das versuche ich aus einer nachvollziehbaren Position heraus zu tun. Diese Haltung hat sich bei mir eher über den Inhalt meiner Beiträge ergeben als über eine langfristige Markenpositionierung. Ich interesssiere mich für das Digitale, für Veränderung und bin neugierig auf gesellschaftlichen Fortschritt. Erst im nächsten Schritt habe ich eine Website ins Netz gestellt, habe angefangen zu bloggen, Newsletter zu schreiben und auszuprobieren, was technisch möglich ist. Der Inhalt war die Grundlage für Bücher, Vorträge und alles, was man dann als Marke bezeichnet.

2. Welche Kanäle nutzen Sie dafür bevorzugt und warum?
Gespräche. Diese führe ich auf unterschiedlichen Wegen, am liebsten persönlich, das kann auf Twitter, Instagram oder in meinem Blog sein. Wichtig ist stets die Offenheit zum Dialog und zum Austausch. Deshalb ist ein für mich sehr bedeutsamer Kanal mein Newsletter. Aber auch hier gilt: Der Inhalt steht vor dem Verbreitungsweg. Ich muss wissen, worüber ich sprechen möchte, bevor ich ein Mikrofon und Kopfhörer kaufe. Wenn ich das weiß, gibt es ein paar Grundregeln, die ich zum Einstieg empfehlen würde: Versuche möglichst unter deinem Namen auffindbar zu sein. Das klingt banal, ich kenne aber viele Kolleginnen und Kollegen, die sich „Hoppelhase Hans“ in Instagram nennen und sich wundern, warum sie nicht als seriöse journalistische Stimme wahrgenommen werden.

3. Aus welchen früheren Fehlern und Hürden haben Sie gelernt – und was?
Ich hoffe, ich habe aus möglichst vielen Fehlern gelernt. Da sind große wie kleine Fehler dabei, allen ist aber eins gemeinsam: Ich kann nur aus ihnen lernen, wenn ich bereit bin mich selbst zu reflektieren und mich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

4. Wie schützen Sie sich gegen persönliche Angriffe / Shitstorms im Netz?
Als weißer mittelalter Mann bedeutet der Begriff Shitstorm für mich etwas ganz anderes als für all die Menschen, die absichtsvoll und abgestimmt angegriffen und zum Schweigen gebracht werden sollen. Ein wichtiger Schutz vor Shitstorms besteht deshalb meiner Meinung nach auch darin, strukturell gegen diejenigen vorzugehen, die die wunderbaren Möglichkeiten des Web pervertieren und zu Hass und Hetze aufrufen. Deshalb sollte man Organisationen wie HateAid unterstützen und sich in der politischen Debatte immer bemühen, Menschen und Meinungen zu trennen.

5. Welche drei Tipps würden Sie Kolleginnen und Kollegen zur Arbeit am persönlichen Markenaufbau geben?
Ich kann nur sagen, wie ich es machen würde: Ich würde mir ein Thema suchen, das mich interessiert und würde beginnen dazu zu bloggen. Das kontinuierliche Publizieren in einem eher persönlichen Rahmen war für mich ein wichtiger Lern- und Reflektionsschritt. Darüber hinaus finde ich es nicht falsch, sich zu bemühen, stets glaubwürdig und souverän zu bleiben ¯\_(ツ)_/¯

Hier kann man die Ausgabe inklusive der Journalisten-Werkstatt kaufen.

Das Phänomen Tiktok: ein Gespräch mit Philipp Meier – als Chat

Philipp Meier kenne ich schon aus seiner Zeit am Cabaret Voltaire in Zürich. Nach seiner Arbeit am Geburtsort des Dadaismus war er bei Watson und Swissinfo tätig, unlängst widmete der Tagesanzeiger ihm ein großes Porträt, weil Philipp einen beruflichen Neustart wagt.

Für mich ist metamythos, wie er auf Twitter heißt, einer der besten Tiktok-Kuratoren im deutschsprachigen Raum, in den Stories auf seinem Instagram-Account zeigt er immer wieder erstaunliche Clips – und schreibt auch darüber.

Deshalb habe ich ihn für ein Chat-Interview angefragt, das wir über ein paar Tage im Boomer-Messenger von Facebook geführt haben.

du bist ziemlich aktiv in social-media und zumindest für mich ein großartiger tiktok-kurator. kannst du dich noch erinnern, was dein erstes tiktok war?
an den ersten tiktok-clip kann ich mich leider nicht mehr erinnern. aber ich kann mich an den ersten clip auf musical.ly erinnern (das ist die vorläufer-app von tiktok), bei dem ich mitwirken durfte. meine tochter hatte da einen account und war sehr aktiv (obwohl sie mit knapp 10 theoretisch zu jung war, wie so viele damals;). dank boomer-fb konnte ich den clip für die nachwelt sichern. hier ist er

dann muss ich direkt auf das generationen-thema kommen: ist tiktok was für die ganz-jungen? bzw. was genau an tiktok ist jung und neu?
meine tochter hat denselbe jahrgang wie das iphone, 2007. sie zählt demnach zur ersten generation, die gänzlich mit dem smartphone sozialisiert wurde. es war faszinierend mitzuerleben, wie sie bereits als zweijährige das iphone bedienen konnte (diese intuitive ’simple‘ bedienung ist wohl der grundstein des erfolgs des iphones).

snapchat war dann die erste app, die auf menschen ausgerichtet war, die mit dem smartphone sozialisiert wurden. obwohl ich bei ’social apps‘ enorm neugierig bin, fiel mir der einstieg bei snapchat relativ schwer. für die generation meiner tochter war es jedoch scheinbar ein leichtes, sich darin zurechtzufinden. dasselbe dann bei musically; wobei da – wie auch später bei tiktok – zumindest der zugang zum ‚consumer feed‘ einfacher ist, als bei snapchat (wobei ich da nach wie vor genial finde, dass die kamera der startbildschirm ist).
es fällt mir jedoch schwer zu beschreiben, was nun genau die details sind, die hier quasi die generationen trennt (ausser, dass all die apps im hochformat genutzt werden und der inhalt fast gänzlich und relativ einfach in der app produziert werden kann).
eine unbelegte persönliche these meinerseits: einen generationenbruch stelle ich entlang von schrift vs. bild fest; wobei ich hier zwischen fb/twitter und insta/SC/TT unterscheiden würde (SC für snapchat und TT für tiktok;); denn instagram würde ich quasi ‚brückenapp‘ zwischen den social media plattformen der generation ‚digital immigrant‘ (fb/twitter) und der generation ‚digital native‘ (SC/TT) bezeichnen. interessanterweise schaffte youtube diesen shift zwischen den generation scheinbar extrem leichtfüssig (denn mein sohn mit dem jahrgang 2003 ist neben der game-konsole v.a. dort ‚zuhause‘). der erfolg von insta, SC und TT scheint aufzuzeigen, dass die vernetzung, die awareness und das empowernment bei den jüngeren generation viel stärker über bilder denn über text funktioniert (wobei ich grad realisiere, dass das früher mit den pop- und jugendmagazinen und den musikfernsehen ähnlich war; einfach ohne vernetzung und nur beschränktem austausch).

kannst du beschreiben was dich an tiktok fasziniert?
wieder ne kurze frage, die in mir mehrere gedankengänge auslöst. zum glück habe ich dazu schon das eine oder andere festgehalten. in diesem blogeintrag habe ich vor knapp zwei jahren beschrieben, wie TT zur globalen völkerverständigung beiträgt
und vor ein paar tagen habe ich auf twitter in einem kurzen thread ausgeführt, was mich aktuell interessiert (was meines wissens auch der auslöser für dieses interview war) weil TT monat für monat tiefer in die gesellschaft eindringt wird der inhalt immer diverser und bestärkt immer mehr menschen und deren situationen und milieus, respektive sorgt für deren relevanz und sichtbarkeit. im prinzip wird hier kompensiert, was viele massenmedien total verschlafen haben: die diversität der gesellschaft zur darstellung zu bringen; resp. demontiert sogar durch massenmedien zementierte klischees (z.b., dass sich in hijab oder chador gekleidete frauen für die queere community stark machen).

wie findest du dich auf tiktok zurecht? und wie findest du neue inspirierende clips, die sich von dem schrott (den es ja auch gibt) unterscheiden?
dass es diesen ’schrott‘ gibt – übrigens eine schrecklich abschätzige haltung gegenüber user generated content (kommt im journalismus leider immer noch zu oft vor;) – habe ich erst gemerkt, als ich mal für swissinfo vor gut einem jahr eine recherche zu schweizer inhalten auf TT machte. diese recherche entlang von schweiz-spezifischen hashtags liess mich etwas konsterniert zurück. ich bedauerte sehr, wie viele TT-clips es gibt (wohl milliarden), die kaum bis keine aufmerksamkeit erhalten. das machte mich in gewissem sinne auch traurig. so gesehen ist der TT-algorithmus in seiner genialität brutal. dank dem offenen ‚for-you-feed‘ kann zwar jede’r ohne follower einen clip produzieren, der viral geht. aber umgekehrt gibt es auch ungezählt viele accounts, deren inhalte so gut wie niemand sieht.
umgekehrt ist es jedoch auch genial, dass ich mit likes, verweildauer und sharings relativ genau steuern, welchen content ich sehen möchte. sprich: wenn mich ‚genderfluide‘ oder ‚migrantische‘ inhalte interessieren, dann werden mir auch solche angezeigt. um also gute TT-inhalte für meinen instagram-account zu kuratieren, muss ich oft nur kurz auf TT gehen. der algo ist wirklich genial perfekt und reagiert auch umgehen, wenn sich meine interessen ändern; und lässt sich auch easy steuern, indem in die audio- oder hashtag-feeds eingetaucht wird.

es ist also nicht nur traurig, dass du es ’schrott‘ nennst, sondern auch, dass er selten sichtbar wird (ab und an zeigt TT im for-you-feed auch clips mit weniger views/likes; und dann oft auch von leuten, denen ich eigentlich folgen würde).

die inhalte aus der schweiz sind übrigens im vergangenen jahr explodiert. das ist auch insofern spannend, weil die app mit den vielen schweizer-deutschen inhalten plötzlich sehr lokal ‚gelesen‘ wird (tauschte mich gerade gestern mit jemandem aus, der ne lokale app im TT-design launchen möchte, worauf ich realisierte, dass im prinzip TT als ’schweizer app‘ gelesen werden könnte)

dann kurz zum thema “schrott”: ich meinte damit nicht user-generated-content, sondern nazi-generated-content oder diese nervigen marketing-aktionen, bei denen nutzer:innen nach dem schneeball-prinzip abgezockt werden.
auch solche inhalte kriege ich kaum zu gesicht. die werbung finde ich jedoch aus drei gründen spannend, zu beobachten:

1. wie kann ich möglichst rasch erkennen, dass es werbung ist, um sie zu skipen? 😉
ist werbung nicht umgehend als solche erkennbar, ist es schon mal keine schlechte werbung. trotzdem nervt es mich, wenn ich mich verführen lasse (und z.b. zu schnell ein like hinterlasse;). deshalb schweift mein blick umgehend zur tonspur, wo jeweils der begriff ‚promo‘ sichtbar ist.

2. wie entwickelt sich werbung lokal? vor einem jahr gab es noch keine möglichkeit, schweizer werbung anzuzeigen. das hat sich im vergangenen jahr rasant verändert. ich finde es interessant mitzuverfolgen, welche firmen auf tiktok in welcher form aktiv werden.

3. welche qualitative unterschiede gibt es?
sprich: ich finde es spannend zu beobachten, welche firmen das konzept verstehen und dadurch einen glaubwürdigen auftritt haben (in der schweiz haben u.a. die accounts von coop und postfinance einen sehr authentischen auftritt)

und bezüglich ’nazi-content‘: hatte diesbezüglich im letzten herbst ein längeres telefonat mit einem deutschen vertreter des jüdischen weltkongresses. er hat mich wegen meinem TT-artikel bei swissinfo kontaktiert. zuerst war er sehr begeistert, weil ich im deutschsprachigen der erste medienmensch sei, der TT verstehe. obwohl ich seine sorge verstehe und in gewissem sinne auch teile, liess ich mich nicht zur aussage bewegen, dass TT eine gigantische nazi-verführungsmaschine sei. im gegenteil: dieser fokus auf alles böse eines neuen medien-angebotes verschüttet viel zu oft die positiven oder einfach mal verblüffendsten auswirkungen, die sie auf die menschen und deren (medialen) verhaltens auch noch haben. ich vermittelte ihm dann schweizer journalist’innen, die möglicherweise eher an seiner sorge interessiert sein könnten. in diesem twitter-thread habe ich unser gespräch kurz zusammengefasst.

was ich jedenfalls bis jetzt bestätigen kann: wer an ‚genderfluidem‘ oder lgbt+-content interessiert ist, wird nie antisemitismus-inhalte zu sehen kriegen (was nun als blind machende filterbubble verschrien oder als zentralen mechanismus des empowernments gefeiert werden kann;)

ich nehme den ball gerne auf: ich möchte den blick auch lieber auf das neue und kreative richten als gefahren herbeizuschreiben. als ich vor zwei jahren einen kleinen selbstversuch unternahm, war ich vor allem von der magnetischen wirkung des dienstes fasziniert. jeder swipe verspricht was neues, lustiges. so dass ich echt dazu neige, dort viel zeit zu verbringen. geht es dir auch so?
ich mochte deine ausführungen und beobachtungen sehr. kenne in ‚den medien‘ relativ wenig leute, die sich derart neugierig auf neue ‚phänomene‘ stürzen. finde das sehr erfrischend und würde auch einer journalistischen berichterstattung gut anstehen (siehe zb. ‚konstruktiven journalismus‘).

weil ich online oft sehr intuitiv unterwegs bin, kann das bei mir sehr schwanken. zum beispiel ärgert es mich ein wenig, dass ich kurz nach meinem kürzlichen twitter-thread zu TT im insta-story-feed (und auf twitter) in die kritische reflektion meines kürzlichen medien-features abgedriftet bin. sprich: ich erhielt (auch dank deinem RT) einige neue insta-follower und sie könnten nun enttäuscht sein, weil es aktuell neben den TT-clips noch viel andere storys hat, die sie womöglich nicht interessieren könnten.

zum einen mag ich es sehr, dass ich mich v.a. zwischen facebook, insta, twitter und TT verzettle, zum anderen beneide ich jedoch auch menschen, die sich ganz bewusst auf eine plattform beschränken können.

aber zurück zu deiner frage: ja, TT kann süchtig machen und ich kenne einige, die ihren account deswegen wieder gelöscht haben und froh sind, dass sie auf instag ne kuratierte auswahl von mir kriegen, ohne selber weiterswipen zu können.

was ich übrigens besonders schön finde: ich bastle mir nen soundtrack für bestimmte situationen oder momente. das geht so: wenn ich unterwegs bin (wegen corona trotz kälte oft auf einer parkbank) und einen TT-clip entdecke, den ich sehr mag, dann tauche ich in den sound-feed ein (ist übrigens sensationell, dass hier ne tonspur quasi zum hashtag wird). und von diesen unterschiedlichen clips zur selben tonspur teile ich dann ein paar in meinem insta-feed, damit die leute wissen, welche variationen möglich sind. du merkst, (auch) ich bin ziemlich angefixt 😉

diesen musik-aspekt kenn ich auch. mich fasziniert dieser moment, wenn man songs hinter den schnipseln erkennt. das ist wie eine kleine erleuchtung, wie das verstehen eines witzes. dank TT bin ich wieder viel tiefer in dieses pop-ding eingetaucht. was glaubst du wie TT langfristig musik verändern wird?
interessanterweise ist musik für mich bei tiktok insofern nur zweitrangig, weil ich sie nicht sehr zentral wahrnahme (obwohl sie natürlich teilweise sehr zentral ist). es gibt ja auch viele tonspuren mit stimmen von TT-nutzenden, die dann von anderen lautlos nachgesprochen werden oder quasi als duett benutzt werden (z.b. ‚mach einen finger runter, wenn du das und das schon mal erlebt hast‘ oder in textform sachen einblenden, die jemand in der via tonspur abfragt).

natürlich ist es spannend, wenn zu aktuellen hits umgehend challenges entstehen und wie diese teils mehr, teils weniger den inhalt thematisieren. oder auch, wenn kurze ausschnitte von älteren, teils gänzlich unbekannten, stücken auftauchen und quasi viral gehen. mich persönlich interessiert auch hier die globale komponente; wenn ich zb. auf einen rumänischen pophit stosse und mir dann alle die adaptionen anschaue. so entdeckte ich z.b. den letzten sommerhit ‚jerusalema‘ oder die somalische volksmusik dhaanto.
aber abschätzen, wie sich dadurch die musik verändern wird, fällt mir schwer. ich denke, dass TT die k-pop-welle ‚im westen‘ massgeblich verstärkt hat. vielleicht ist TT der anfang vom ende der angelsächsischen dominanz in der europäischen musik. ganz grundsätzlich sehe ich bezüglich popkultur zwei sehr gegensätzliche megatrends: grosse hits, die quasi die welt eint, und eine enorme verästelung in kleinstszenen (womöglich in der musik, wei bei den memes: es gibt memes, die alle verstehen, und es gibt memes, die nur ganz wenige verstehen). ich kenne jemand, die oft nur engl. memes ins schweizerdeutsche übersetzt und finde faszinierend, wie es dadurch in gewissem sinne ’stärker‘ wird. nun bin ich aber etwas abgeschweift…

überhaupt nicht. gerade die verästelung finde ich sehr spannend: im vergangenen Jahr bin ich u.a. über TT auf den slogan: „Ich chille mit der Crew Digga“ gestoßen, der aus einem song namens „mafia“ stammt. das für mich erstaunliche daran war: ich fand fast nichts über diesen song in den teilen des web, die ich normalerweise nutze bzw. durchsuchen kann. gleichzeitig schien der song auf den schulhöfen und auf tiktok äußerst populär zu sein. ich lese darin nicht nur eine bestätigung für „Das Ende des Durchschnitts“, sondern vor allem einen erstaunlichen neuen aspekt von popkultur, die sich völlig abseits von googlebaren orten abspielt. auch die geschichte von TT-nutzenden, die trump im vergangene sommer trollten, kann man so lesen. meine kurze frage nach langer herleitung: teilst du diese einschätzung?

es ist hoffentlich oke, wenn ich nochmals kurz auf meine these eingehe, dass TT die ‚völkerverständigung‘ fördert; auch innerhalb eines landes, resp. eines sprachraums. wer nämlich auf TT durch den soundfeed von ‚ich chille mit der crew, digga‘ scrollt, erhält den eindruck, dass sich hier eine sehr bunte deutschsprachige community vereint und sich teilweise in den kommentaren gegenseitig abfeiert. aufgfallen ist mir das im clip dieser ‚kleinbürgerlichen‘ familie, die sich in einem deutschen einfamilienhausquartier vor ihrem auto filmte (und eine längere sequenz des stückes benutzt). ich mag auch sehr die ironie, die in dieser tonspur steckt.

aber zurück zu deiner frage: als ich im laufe der letzten jahre realisierte, dass das allumfassend offene, demokratisierende, allwissende, grosse, weite web scheinbar eine utopie bleibt, stimmte mich das sehr traurig. inzwischen freunde ich mich mit dem gedanken an, dass sich das web dadurch insofern unserem ‚real live‘ anpasst, als dass es völlig normal ist, dass es privatere und öffentlichere zonen gibt. mit informellen ‚klassen-chats‘ gibt es ja längst quasi nen ‚digitalen schulhof‘, den nur die involvierten mitschneiden können. in meiner (zürcher) bubble wird z.b. telegram immer grösser und wichtiger. bin da in diversen chats zur critical mass und velofahren/-politik oder auch zu einem lokalen, unkommerziellen marktplatz. diese beispiele zeigen: telegram und und anderen gruppenchats sind überhaupt nicht nur so ‚böse‘, wie sie aktuell von den massenmedien gerne dargestellt werden. womöglich sind sie die vorläufer dazu, dass sich zum globalen ausbreiten des webs nun eine lokale verästelung entstehen. dazu ein kleines beispiel: vor ein paar tagen zeigte mir jemand eine (‚zürcher‘) app, die quasi ein TT-klon wird und extrem geolokalisiert auf städte oder grössere orte funktionieren soll (geplanter fokus: flohmarkt, tauschen, services). im prinzip können wir nun betrauern, dass sich das offene, grosse, weite web derart zersplittert. umgekehrt sind es jedoch auch in gewissem sinne gegenöffentlichkeiten zu den grossen, kommerziell kolonialisierten bereiche des webs, die wir aktuell massgeblich nutzen. wieder auf eine stadt oder grössere gemeinde runtergebrochen: wir realisieren langsam aber sicher, dass die grossen einkaufszentren auf der grünen wiese ausserhalb der stadt, die innenstädte aussterben lässt. nun sind wir daran, die balance zu finden, zum einen die milieus-verbindenen grossplattformen zu nutzen und uns kleinteilig(er) zu vernetzen und auszutauschen. wobei ich gerade bei TT faszinierend finde, wie schnell eine solch gigantischen plattform ‚lokal gefühlt‘ werden kann (mit den inzwischen extrem vielen schweizerdeutschen inhalten und mit werbung von hiesigen firmen). auch das hat TT mit seinem algo (brutal) gut hingekriegt.


sehr spannender gedanke. ich hab mich sofort gefragt, ob diese verästelung nicht früher in foren stattfand und sich jetzt halt in messenger-gruppen zeigt. ein faszinosum an TT ist für mich mit seiner foryouPage eine Art hauptbühne auf diesem sehr verästelten festivalgelände gebaut hat. wenn dieses schiefe bild gestattet ist. denn natürlich ist diese Page “foryou”, aber es gibt trends, die schnittmengen bilden. deshalb sprechen wir ja überhaupt über TT als phänomen. siehst du das auch so? und gibt es noch einen gedanken zu TT, den wir vergessen haben?

stimmt, mit den foren und blogs gabs diese (teil)privaten bereiche im web schon immer. das vergessen wir sowieso viel zu oft. auch twitter ist nur ne teilöffentlichkeit; sogar facebook (meines wissens ist die hälfte der in der schweiz lebenden menschen nicht auf fb).

ansonsten bin ich ein grosser fan von metaphern und (auch assoziativen oder gar verqueren) vergleichen. es hilft mir sehr, etwas einzuordnen oder auch, um etwas zu erklären.

vielleicht können wir unseren TT-chat mit folgendem vergleich schliessen, der möglicherweise deine und meine thesen zusammenführt (das einende sollte eigentlich viel öfters wieder unser aller fokus sein, statt uns aufs trennende zu konzentrieren): im prinzip ist TT für die heutige ‚jugend‘ was ähnliches, wie für uns damals die bravo und das musikfernsehen; jedoch mit dem massgeblichen unterschied, dass es im ‚mitmach-web‘ viel ausufernder und umfassender ist (so, wie z.b. auch wikipedia viel umfassender und aktueller ist als jede enzyklopädie davor je war). und statt eine’n dr. sommer gibt es heute für jedes ‚problem‘ irgendwo einen menschen, der das sogar aus eigener warte viel glaubwürdiger thematisieren kann. dazu fällt mir eine asiatisch aussehende deutsche ein, die sehr selbstbewusst und selbstironisch ihre (sehr) kleinen brüste thematisiert (und in einem halben nebensatz auch die klimakrise anspricht). verkörpert sie nicht auf verschiedenen ebenen das ende des durchschnitts?

Philipp kuratiert Clips in den Storys in seinem Instagram-Account @metakoenig