Alle Artikel mit dem Schlagwort “Avocado

Another Love, #iranrevolution, Tiktok-Musikjournalismus, Duet-Chain, Excuse me Avocado (Netzkulturcharts Oktober 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: Tom Odell „Another Love“ 🆕

„Lege diesen Sound unter dein letztes Video“ fordern manche Tiktok-Challenges und versprechen dafür enorme Reichweiten – weil der Song oder Sound angeblich gerade kurz davor sei, viral zu gehen. Meist werden solche Aufforderungen von Accounts verbreitet, die sich als eine Art Viralitäts-Coaches in Tiktok positionieren wollen. Ein Song, den sie nie empfehlen, obwohl er seit Monaten unter unglaublich vielen Videos liegt, ist das Lied „Another Love“ von Tom Odell. Der britische Musiker veröffentlichte den Song 2012, zehn Jahre später ist er auch dank eines Konzerts im Bahnhof von Bukarest zu einem Hoffnungssong für Flüchtende aus der Ukraine geworden. Aber auch Protestvideos aus dem Iran werden mit der Klaviersound unterlegt, so dass eine Nutzerin unter einem Odell-Post auf Instagram kommentiert: „Your song has been our anthem in our protests. Be our voice. They are killing us in Iran. Be our voice. #mahsaamini

Platz 2: #iranrevolution 🆕

Aufmerksamkeit ist die zentrale Währung der digitalen Gegenwart. Wir verschenken Aufmerksamkeit, indem wir uns für bestimmte Dinge interessieren und für andere nicht. Die beiden TV-Moderatoren Joko und Klaas haben in diesem Monat ihre Reichweite in Instagram verschenkt – für das Aufbegehren der iranischen Bevölkerung gegen das Regime der Islamischen Republik. Nicht für ein Takeover, sondern für immer: So kündigen sie es in der 15-minütigen Sendung auf Pro7 an, die „Aufmerksamkeit für #IranRevolution“ heisst und mit den Worten endet: „Das einzige, was Iraner:innen zumindest etwas davor schützt, nicht getötet zu werden, ist die globale Aufmerksamkeit.“ Deswegen lenken @officiallyjoko (Hosted by Azam Jangravi Women’ rights activist) und @damitdasklaas (Hosted By Sarah Ramani, The Voice of the Streets) den Blick ab sofort den Blick auf die #IranRevolution.

Platz 3: Neuer Musikjournalismus 🆕

Dass Tiktok die Musik vielleicht sogar stärker verändert als Spotify es tut, ist an vielen Stellen zu lesen. Was dabei etwas untergeht: Tiktok verändert auch den Musikjournalismus auf erstaunliche Weise. Es gibt zahlreiche musikjournalistische Accounts in dem Netzwerk, die einerseits den Wandel der Musik beschreiben und dabei andererseits die Methoden und Muster der Tiktokisierung selbst nutzen. Besonders erstaunlich finde ich den Account des Musikproduzenten Luxxuryxx (siehe Bild), aber auch @jarredjermaine, @martinbeauregard und auch der deutsche Musik-Wissenschaftlicher Dr Rivers sind empfehlenswerte Beispiele für diese Form des neuen Musikjournalismus.

Platz 4: Duett-Chain 🆕

Wie provoziert man Widerspruch im Web? Einfach eine falsche Behauptung posten, diese Fortentwicklung von Cunninghams Law hat in diesem Monat dem Account Scumbag-Dad auf Tiktok eine schöne Duett-Berühmtheit beschert. Das Prinzip der Duet-Chain kennen Netzkultur-Freund:innen bereits aus dem Mai 2021, Scumbag-dad provozierte genau diese kopierende Beteiligungskultur – mit blankem Oberkörper und voller Absicht. Die Reaktionen sind dennoch genauso faszinierend wie schon im Mai 2021.
Hinter dem Account Scumbag-Dad steckt übrigens Brad Podray, der die Idee wiederum von dem Phänomen YourKoreanDad kopierte.

Platz 5: Excuse me, Avocado! 🆕

In den September-Charts war Linnea mit ihre zeitgemäßgen Entschuldigung „Excuse me, wir haben 2022“ noch auf Platz 2. Der fünfte Platz in den Oktobercharts ist allerdings kein Abstieg, sondern quasi ein Neu-Einstieg mit einem Remix. Nutzer:innen auf Tiktok haben nämlich Linneas Geständnis „ich bin Avocado-süchtig“ in Form einer Antwort-Referenz (Stitch) mit einem anderen Netzkultur-Trend des Jahres verbunden: sie korrigieren das Ursprungsvideo eingeleitet mit den Worten „excuse me, wir haben 2022“ in Bezug auf die Aussprache der Frucht: „Es heißt nicht Avocado, sondern Avocado“ (wie hier die Nutzerin Larissa). Die Referenz bezieht sich auf den im Februar beschriebenen Trend, dessen 2022er-Variante vom Account @diclassicx ausgelöst wurde. Antrieb ist das Phänomen der absichtsvollen (falschen) Aussprache, das ich im Rahmen der Gluttheorie der öffentliche Debatte in seiner Dynamik für memetische Meinungen analysiert habe.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Ski Aggu „Party Sahne“
2. Beyonce „Cuff it“
3. Rosa Linn „Snap“
4. Peter Fox „Zukunft Pink“
5. Rian „Schwarzes Schaf“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Barack Obama hat einen beeindruckenden Wahl-Aufruf an junge Amerikaner:innen gepostet. Er legt nicht nur zahlreiche unpeinliche Referenzen an die GenZ offen (hier eine lesenswerter Guide to GenZ), er endet auch mit dem Spitzenreiter der vergangenen Netzkulturcharts: dem Corn-Fan Tariq, der natürlich auch diesen Monat weiterhin wichtig bleibt. Aus dem Song sind weitere Adaptionen entstanden – beispielhaft die Londoner U-Bahn, die die Renovierung der Station „Bond-Street“ mit dem Sound feiert. Dass Peter Fox einen neuen Song veröffentlicht hat, hat in Tiktok ebenso für Aufsehen gesorgt wie der zweite Hit von Nina Chuba, die hier einen wunderbaren Jim Knopf-Wildberry-Lilleth-Mashup bekannt macht: „Lummerland Lillet“.

Der Account happy_paule hat sich Ende August mit ein paar Nudeln und einem Spezi vor einen Stream gesetzt – und sich dabei gefilmt. Sein „Jungs, gibts was besseres?“-Clip ist zu einer schönen Kopiervorlage geworden, mit der jede Menge Accounts interagieren.

Der österreichische Standard berichtet über die Nafo-Memes im Ukraine-Krieg (siehe dazu auch die September-Ausgabe)

Der Hashtag #NurDreiWorte auf Twitter nimmt auf schöne Weise Bezug auf die One-Word-Tweets, die hier schon mal Thema waren. Die ARD hat ein Kultur-Angebot namens „ARD Kultur“ gestartet, dabei auch ein digitale Format namens Pixelparty. Gawker erklärt, wie Promis Tiktok nutzen sollen.

Dass die Washington Post sich auf beeindruckende Weise mit dem Tiktok-Universum befasst, war hier wiederholt Thema (hier der Versuch auf Tiktok deren Filter zu umgehen). In diesem Monat gab es einen besonderen Schwerpunkt und dieser Text analysiert den Erfolg der Post auf Tiktok.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen. Wer keine Folge verpassen möchte, kann sie hier als eigenen Newsletter bestellen.

WarTok, Avocado, Tommi Schmitt, Moin Ingo, Birds Aren’t Real (Netzkultur-Charts März)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: WarTok 🆕

Der Begriff stammt vom New York Magazine: „WarTok“ ist der Titel eines Textes, der kurz nach dem russischen Angriff auf die Unkraine erschien. Es ist ein besonders klingendes Beispiel für zahlreiche Texte, die den Angriffskrieg medial einordnen und erklären wollten – und dabei spielte immer wieder die vergleichsweise junge Plattform Tiktok eine angeblich bedeutsame Rolle. Ob das wirklich so ist, kann man nicht abschließend beurteilen. Es bleiben in jedem Fall Zweifel, wenn man diese Einordnung bei The Atlantic und vor allem den unbedingt empfehlenswerten Newsletter von Marcus Bösch zum Thema verfolgt (zur Rolle von Social-Media unbedingt diesen Thread lesen). Sicher ist jedoch, dass der Krieg auch eine Internet-Dimension hat. Der Informationskrieg wird in diesem Text bei Technology Review gut eingeordnet und über den Aspekt dessen, was man Cyberwar nennt, spricht „Holgi ruft an…“ hier im Übermedien-Podcast mit Linus Neumann.

Platz 2: Avocado und Glut-Theorie 🆕

Ein sogar im deutschsprachigen Internet alter Trend ist wieder da: Schon 2015 hatte der tolle Account Luksan Wunder im Rahmen seiner Aussprache-Clips das Wort Avocado verändert. Im Oktober 2021 lud er dann den gleichen Sound nahezu unbemerkt (unter 10.000 Views) auch auf Tiktok. Der Witz jedoch verbreitet sich seit Beginn des Jahres dank anderer Accounts auf der Plattform. Über vier Millionen Views hat der Account @diclassicx mit einer Adaption bereits erreicht. Die Stimme spricht die Frucht nicht nur falsch aus, sondern fragt auch „wie bereitet Ihr sie euch am liebsten zu?“ Dass dabei Tomatenmarkt auf die Avocado gestrichen wird, hilft offenbar dabei, noch mehr Menschen zu Widerspruch, Duetten und somit zu Algorithmus-Aufmerksamkeit anzustacheln. Im Rahmen des Kölner Kongress des Deutschlandfunks habe ich an dem Prinzip falsche Aussprache/Widerspruch die memetischen Muster der aktuellen Debatte zu skizzieren versucht. Denn manche politische Meinungsäußerung funktioniert nach dem gleichen Prinzip der falschen Aussprache: sie soll vor allem Widerspruch provozieren, um dem Algorithmus auf diese Weise Relevanz vorzugaukeln. Wie aufmerksamkeitsstark das funktioniert, sieht man an zahlreichen Firmen-Accounts, die auf den Avocado-Zug aufspringen – hier z.B. ein Supermarkt.

Platz 3: Audio-Zitate (Next Level) ⬇️

Dass der Podcaster und Latenight-Entertainer Tommi Schmitt gerade als Audiovorlage durch Reels und Tiktoks geistert, war vergangenen Monat schon Thema. Jetzt hat er zum Start seiner neuen Staffel „Studio Schmitt“ auf so eine tolle Art und Weise auf seinen Ruhm als Inspirational-Audio-Quote reagiert, dass ich dazu hier schon ausführlich bloggen musste: wie Schmitt seinen eigenen Podcast-Sound lippensynchron nun im Fernsehen persifliert, ist wirklich wundbar und wäre in jedem anderen Monat ganz sicher auf Platz 1 der Charts gelandet – in diesem Monat geht es einen Platz runter auf Platz 3.

Platz 4: Moin Ingo 🆕

PipomichoO „wollte eigentlich nur ’ne Pommes essen“ und hat damit einen der schönsten Duett-Trends des Jahres losgetreten. Der Nutzer, der die Duett-Funktion von Tiktok wiederholt auf bemerkenswerte Weise genutzt hat (hier mit den Elevatorboys), startete das Moin-Ingo-Movement mit einem Reaction-Video auf einen Clip der Tagesschau. Diese hatte auf eine Nutzer-Anfrage reagiert („Holt man den Ingo in ein Video“) und Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni für ein kurzes Video in Studio schreiten und „Hallo Tiktok“ sagen lassen. Pipomicho0 startete mit seinem Duett, in dem er seine Pommes-Geschichte erzählt und quasi beiläufig auf Zamperonis Gruß reagiert, eine Welle an fortführenden Duetten, die diese besondere Funktion in Tiktok nutzen und alle gemeinsam auf die Tagesschau reagieren. Das ist lustig, weil es so wirkt als würde auf den Gruß „Hallo Tiktok“ tatsächlich die Nutzer:innenschaft von Tiktok reagieren – beiläufig mit einem „Moin Ingo“.
Der gesamte Trend illustriert aber vor allem anschaulich, wie gut sich der Tagesschau-Account in dem digitalen Ökosystem von Tiktok bewegt.

Platz 5: Birds Aren’t Real ⬇️

Ich hatte es ja angekündigt: die „Birds Aren’t Real“-Bewegung wird uns weiter beschäftigen. Diesen Monat hat sie sogar den Wordle-Hype (Schon mal Heardle gespielt?) aus den Charts verdrängt. Zum einen weil jetzt auch die Tagesschau berichtet hat, aber vor allem weil sie eine Demo in LA organisierten und ankündigten, juristisch gegen Medien vorzugehen, die sie als Parodie vorstellen. Das Spiel geht also weiter.

Besondere Erwähung:

Außerdem erwähnenswert im März im Netz: der Commando Parachutiste de l’Air no 10″-Hoodie von Emanuel Macron im Vergleich zum Pulli von Olaf Scholz, der „Ich hab mir Pizza gemacht“-Sound, der mit auf das Video gelegten Texten in neue Kontexte gestellt wird und aus gegebenem Anlass dieser zwei Jahren dieser Text „Immerhin haben wir das Internet“!

Der kleine Junge, der im Publikum beim Bundesligaspiel Köln – Dortmund von den Kameras eingefangen wurde, hat erst den Dortmunder Torschützen Wolf beschmipft – und dann wegen des plötzlichen Ruhms besucht. Stephen Wilhite ist gestorben – er hatte das Gif-Format (mit-)erfunden.

Auf Tiktok gibt es einen neuen Kaffee-Trend. Nachdem vor zwei Jahren südkoreanischer Dalgona-Kaffee ständig gepostet und erwähnt wurde, gibt es seit Jahrsbeginn eine Espress-Orangensaft-Flut in meinen Timelines. Ich habe diese Kombination in diesem Monat ausprobiert und viel Widerspruch auf Twitter geerntet – so richtig gut fand ich sie nebenbei bemerkt auch nicht. Dafür hab ich ein richtig gutes Tiktok gedreht ;-)

Der Song „Tom’s Diner“ (hier erklärt ein Tiktoker die Entstehungsgeschichte des Susan-Vega-Lieds) geistert gerade in einer erstaunlichen Version von Giant Rooks und AnnenMayKantereit durch Tiktok. Vor allem der Gesangspart von Henning May fasziniert die Nutzer:innen und animiert sie zu Erklärungen, Duetten und Stitches.


Hans Rusinek sammelt Anführungszeichen. Öffentlich. Auf Instagram. Ich habe den Macher von Akward Anführungszeichen zu seinem „Buch“ (Anführungszeichen mitlesen) interviewt, das dieser Tage erscheint.

Auf Netflix startet dieser Tage eine Serie, die von dem „Ist das Kuchen“-Meme inspiriert ist. Passenderweise heißt sie auch so. Wem das zu kompliziert ist, kann auch schlicht durch Instagram klicken.

Aus dem so mittellustigen Straßen-Videotrend scheinbare Passant:innen scheinbar beiläufig nach den Songs zu fragen, die sie hören, hat sich ein schöner Quatsch entwickelt, auf den Micorsoft zu Werbezwecken aufgesprungen ist. Begonnen hatte es mit der Quatsch-Antwort eben keine Lieder, sondern sinnlose Geräusche und Melodien zu hören – und Microsoft hat daraus diese Antwort gemacht: ein Hipster im gelben Pulli stampft durch die Straße, nimmt den Ohrhörer raus und gesteht, er höre den Startup-Sound von Windows XP.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.