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Fünf Gründe, sich gerade jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er bezieht sich auf das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das gerade erschienen ist.

Dieser Tage beginnt der Herbst. Die Blätter verfärben sich, es regnet häufiger und es wird kälter. Unter veränderten klimatischen Bedingungen verändern sich auch unsere Kleidungsgewohnheiten. Statt zu Shorts greift man künftig zu warmen Socken – und zum guten Buch (Herbst-Symbolbild: unsplash).

Auch auf die Gefahr hin zu platt zu werden: Das digitale Ökosystem verändert Bedingungen für Kommunikation. Ich habe das am Beispiel eines Schneeballs beschrieben, der bei steigender Temperatur seinen Aggregatzustand verändert und ich glaube es gilt auch für die Prinzipien der Aufmerksamkeit und denen ihn folgenden Grundbedingungen der (politischen) Auseinandersetzung im digitalen Diskurs.

Wer verstehen will, welche Kleidung Haltung in diesem Ökosystem angemessen ist und welche Folgen die sich ändernden klimatischen Bedingungen haben, kann sich bestimmte „Muster der digitalen Kommunikation“ anschauen. Diesen Untertitel hat der Wagenbach-Verlag meinem gerade in der Digitale Bildkulturen-Reihe veröffentlichen Band „Meme“ gegeben. Das Büchlein versucht zu beschreiben, was Meme sind, weshalb sie gesellschaftspolitische Bedeutung haben und welche Schlüsse man aus der Beschäftigung mit Memen ziehen kann. Darin steckt viel mehr als der (nicht zu unterschätzende) Spaß an Internetquatsch, darin steckt eine Möglichkeit, aktuelle politische Entwicklungen besser zu verstehen.

Deshalb hier fünf Gründe, warum es sich jetzt lohnt, sich mit Memen und den ihnen zugrunde liegenden Mustern digitaler Kommunikation zu befassen:

Meme zeigen, dass …

… Kommunikation ein Prozess ist.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer im seriösen Fernsehen bemerkt, dass Friedrich Küppersbusch seit einer Weile auf YouTube eine Art Fernsehen macht, die ich als zukunftsweisend und seriös bezeichnen würde. In dieser Woche hat er dort „Die Wahrheit über Shitstorms“ thematisiert – und zwar am Beispiel eines Mannes, der im vermeintlich seriösen ARD-Fernsehen so genannte Witze machen darf und dieses Prinzip Nuhr mit Hilfe von vermeintlich provokanten Thesen am Laufen hält. Auch der selbst geglaubte Kanzlerkandidat Friedrich Merz oder der selbst geglaubte Medienerfinder Gabor Steingart bedienen sich dieser Methode, die Internet-Trolle für sie seit Jahren erprobt haben. These raushauen und im folgenden Prozess auf die Empörung der Gegenseite hoffen. Klappt so lange wie man nicht begreift: Deine Empörung ist Teil des Spiels derjenigen, über die Du dich gerade aufregst.

… Aufmerksamkeit vor dem Inhalt steht.
Die schönste und provokanteste These bleibt so lange wirkungslos, wie sie niemand aufnimmt. Anders formuliert: Es werden nur diejenigen Inhalte memefiziert, die es überhaupt wert sind, mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Wer sich schon länger im digitalen Ökosystem bewegt, weiß, dass die Kopie und die Referenz (und sei es in Form des Widerspruchs) das wichtigste Ziel ist. Man kann diese Aufmerksamkeit nicht planen, aber man kann sie provozieren – und dabei die Reaktionen einkalkulieren. Die Troll-Forscherin Whitney Phillips sagt dazu: „Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Es ist übrigens kein Zufall, dass auf Phillips‘ aktuellem Buch ein Shruggie auf dem Cover zu sehen ist ;-)

… vermeintliche Identität zu Polarisierung führt.
Sich zugehörig zu fühlen und sich damit von anderen abzugrenzen, kann als eines der Grundprinzipien von sozialen Medien gelesen werden. „Ich verstehe etwas, was du nicht verstehst“, ist zentraler Distinktions-Treiber für Internet-Memes. Diese Polarisierung basiert auf einer digitalen Vorstellung von Identität. Meme legen offen, wie diese Vorstellung mit Hilfe von auf Abgrenzung optimierten Inhalten gesteigert werden kann. Denn wenn es in einem Konflikt nicht mehr um einen Wettstreit von Meinungen geht, sondern um den Ausdruck der innersten und ureigensten Identität, dann ist ein Kompromiss nahezu unmöglich. Man kämpft nicht mehr um eine gemeinsame Lösung, sondern verteidigt das eigene Selbstbild. Meme zeigen, wie diese Polarisierung die Präferenzen verschiebt und die notwendige Trennung von Politik und Person auflöst. Dabei werden sie für einen Prozess genutzt den man – erinnert sich noch jemand an die Umweltsau – als Spektakelpolarisierung bezeichnen kann.

… Teilhabe demokratisiert wurde.
Meme gibt es nur im Plural. Weil Meme nicht von Gatekeepern oder ausgewählten Stimmen formuliert werden, sondern theoretisch von allen. Am Beispiel von Memen lässt sich zeigen, wie das theoretische Recht auf Publikationsfreiheit zu einer praktischen Herausforderung wurde. Am Beispiel von Memen lässt sich aber auch zeigen, dass darin ein wunderbarer Zauber liegt. Meme sind auch deshalb nicht prognostizierbar, weil sich in ihnen der Kontrollverlust des digitalen Ökosystems zeigt. Es wäre falsch, dies einzig zu beklagen. Hier liegt auch eine große Chance. Denn zum einen finden so Stimmen Gehör, die zuvor jahrzehntelang ungehört blieben. Zum zweiten entstehen auf diese Weise auch neue Formen der politischen Kritik, die die Möglichkeiten des digitalen Ökosystems auf neue Weise nutzen. Ich bin sehr froh, dass Sarah Coopers Trump-Kritik noch Erwähnung im Meme-Buch finden konnten, denn sie zeigt für auf erstaunliche Weise, wie Kritik auch unter den veränderten Aufmerksamkeitsbedingungen möglich ist.

… die offene Gesellschaft überlegen ist.
Meme sind nicht nur Symbol für sich veränderende Prozesse. Meme sind an sich auch Beweis dafür, dass das Internet als grenzüberschreitende Verbindung gewonnen hat. Zwar mag es auf der Anwendungs-Ebene gerade von Kräften genutzt werden, die auf Abgrenzung, Nationalismen und Hass setzen, aber in seiner Grundstruktur sind das Netz und der Netz-Humor, der sich in Memen ausdrückt, nur möglich, weil die Idee der offenen, vernetzten Gesellschaft überlegen ist. Ich beschreibe in dem Buch ausführlich, wie rechte Kräfte Pepe the Frog kaperten und in der „Der Alt-Right Komplex“ genannten Ausstellung kann man sehen, wie diese Bewegungen an Kraft gewinnen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass das Internet in seiner Grundinfrakstruktur nur möglich ist, wenn man die Ideen von Abgrenzung und Hass hinter sich lässt. Meme als Ausdruck eines verbindenen Humors machen nicht nur Freude, sie sind auch der Beweis dafür, dass das Zeitalter der Ausgrenzung vorbei sein sollte.

Das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ ist diese Woche bei Wagenbach erschienen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das genannte Meme-Buch bestellen.

loading: Buzzard, das Online-Medium für Perspektiven-Vielfalt

„Demokratie braucht Diskurs“ sagen die Macher*innen von Buzzard, einer App, die Perspektiven-Vielfalt für ein demokratisches Miteinander bieten will. Dazu ist heute ein Crowdfunding gestartet, zu dem die Buzzard-Macher*innen den loading-Fragebogen beantwortet haben.

Was macht Ihr?
Wir arbeiten an einer Newsapp, die auf einen Blick Medien vom ganzen Meinungsspektrum im Überblick zeigt – unvoreingenommen und transparent. Wir wollen damit Menschen motivieren, sich wieder öfter mit anderen Positionen als der eigenen zu beschäftigen. Und einen neuen Blick auf die Nachrichtenwelt bieten.
Unser Prototyp war zwei Jahre lang erfolgreich, wurde mit zahlreichen Gründerpreisen und Förderungen ausgezeichnet. Jetzt arbeiten wir an einer Newsapp, die Perspektivenvielfalt im Alltag möglich macht. Jeden Tag, auf dem Smartphone, auch für Menschen, die wenig Zeit haben.
Um das möglich zu machen, starten wir zum 8. Dezember eine groß angelegte Crowdfundingkampagne. Unser Ziel: 4500 Unterstützer*innen und 250 000 Euro, um das erste Jahr des neuen Online-Mediums zu finanzieren. Jetzt, da unsere Prototyp-Phase abgeschlossen ist. Uns ist wichtig, dass wir uns über unsere Leserinnen und Leser finanzieren und so unabhängigen und werbefreien Journalismus machen können.
Im Rahmen der Crowdfunding-Kampagne sind wir zurzeit in ganz Deutschland unterwegs. Wir sprechen in Gründungszentren und Universitäten über Debattenkultur in Deutschland und stellen unsere App vor.

Warum macht Ihr es (so)?
Der Diskurs in Deutschland verroht. Politiker erhalten Mordrohungen, Shitstorms und Hassrede sind für viele Menschen Alltag und radikalen Worten folgen mittlerweile radikale Taten. Das kann nicht so weitergehen. Wir brauchen einen Diskurswandel. Wir brauchen Argumente statt Emotionen und sachlichen Diskurs statt Schubladendenken und Beleidigungen.
Und aus unserer Sicht haben Medien hier eine große Verantwortung. Denn Medien prägen, wie wir die Welt sehen. Und oftmals auch, wie wir über Andersdenkende urteilen. Deshalb reicht es nicht aus, wenn Journalist*innen sich über Hatespeech beschweren. Damit ist das Problem nicht gelöst. Wir als Journalistinnen und Journalisten müssen uns fragen, wo die Radikalisierung herkommt. Sie ist nicht zuletzt auch ein Medienproblem.
Was kann man tun? Unser Ansatz ist, Buzzard zu gründen. Denn ein Grund, warum viele Menschen immer weniger Geduld für andere Meinungen haben, ist, dass sie sich an die Bestätigung ihres eigenen Weltbildes gewöhnen. Viele Menschen sprechen im Alltag kaum noch mit Andersdenkenden. Fragen Sie mal einen Grünen-Wähler, wie oft er sich ernsthaft mit AfD-Wählern unterhält? Sehr selten. Daran muss sich etwas ändern.
Aber es wird sich nur ändern, wenn es möglich ist, sich im Alltag öfter mit Positionen von Andersdenkenden zu beschäftigen. Vielen Menschen fehlt dafür schlichtweg die Zeit. Deshalb braucht es dringend Buzzard.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle, die etwas dagegen tun wollen, dass der Diskurs immer weiter verroht und die Gesellschaft weiter auseinanderdriftet. Alle, die wieder sachlich diskutieren wollen, anstatt sich mit Beleidigungen niederschreien zu lassen. Alle, die sich für Meinungen und Perspektiven außerhalb ihrer Filterblasen interessieren. Und alle, die sich eine Welt wünschen, in der Menschen wieder mehr Verständnis füreinander haben.
Außerdem ist Buzzard auch einfach ein sehr nützliches Tool in der täglichen Nachrichtenflut. Wer Buzzard nutzt, spart Zeit. Zu wichtigen aktuellen Themen, kann man sich mit Buzzard innerhalb kürzester Zeit differenziert informieren, hat den Überblick und findet Meinungsbeiträge vom ganzen Meinungsspektrum ohne lange zu suchen. Buzzard hilft einem dadurch, im Alltag gelassener aufzutreten, interessantere Gespräche zu führen und neue Debatten anzustoßen, öfter die Punkte nennen zu können, von denen andere sagen: Wow, so habe ich das noch nie gesehen.

Wie geht es weiter?
Alles entscheidet sich jetzt mit der aktuellen Crowdfunding-Kampagne. Mit ihr steht und fällt Buzzard. Wenn wir unser Ziel von 4500 Unterstützer*innen erreichen, können wir als werbefreies und unabhängiges Journalismus-Projekt weiterarbeiten. Ist die Kampagne erfolgreich, geht im Frühjahr 2020 die Buzzard-App an den Start, die Nachrichtenleser*innen täglich den Überblick bietet und die Möglichkeit den eigenen Horizont zu erweitern.
Mit dem Budget von 250 000 Euro bezahlen wir die Tagesredaktion sowie Entwicklung und Design für ein Jahr. Alle Ausgaben sind transparent einsehbar. Es geht uns nicht um Profit, sondern um Kostendeckung.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Öfter abseits der eigenen Blase unterwegs zu sein, hat nichts mit Idealismus oder Gutmenschentum zu tun. Und es ist auch kein „Nice-to-Have“. Es ist essentiell. Wir brauchen einen vernünftigen, differenzierten Überblick über das Weltgeschehen, wenn wir vernünftige Entscheidungen treffen wollen.

>>> Das Projekt hier unterstützen

Update: Übermedien berichtet über Kritik am Projekt
Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen: Freiheit zum Andersdenken, Unser Land, unsere Regeln, Was wäre wenn Seehofer Recht hätte?, Streiten lernen, Warum ich nicht mehr an den Masterplan glaube – und natürlich beim Shruggie ¯\_(ツ)_/¯.

Der Unterschied zwischen einer Debatte und einer Diskussion

Jakob Augstein spaziert gemeinsam mit Julia Reda durch einen sonnigen Park in Brüssel. Die beide sprechen über den demokratischen Streit. Und nach ein paar Schritten macht Julia Reda einen Vorschlag, den ich bedenkenswert finde. Es ist der Unterschied zwischen einer Debatte, die öffentlich mit dem Ziel geführt wird, den eigenen Standpunkt deutlich zu machen, aber keinesfalls zu ändern. Und auf der anderen Seite einer Diskussion, die auf die Kraft des besseren Arguments setzt und anerkennt, dass die Gegenposition richtig sein könnte – also einschließt, dass man die eigene Meinung ändern kann.

Die Szene stammt aus dem Film „Die empörte Republik“, der diesen Samstag in 3Sat läuft. Für dieses Filmessay hat Tim Klimes* den Journalisten und Verleger Jakob Augstein nach München, Berlin und eben Brüssel begleitet – auf der Suche nach den Grundlagen und Treibern deutscher Debattenkultur.

Herausgekommen ist ein unbedingt sehenswerter Film, in dem man eine Menge Dinge über den deutschen Journalismus lernen kann (im Garten von Jan Fleischhauers Haus steht ein Lastenfahrrad), aber vor allem über die Art und Weise wie die Gesellschaft ihre Debatten führt. Augstein besucht dabei neben Stefan Aust und Jan Fleischhauer auch die Kulturwissenschaftlerin Inge Baxmann, Isabelle Sonnenfeld von Google und eben Julia Reda in Brüssel. Zwischendrin kommentiert er und ordnet die Besuche ein. Das ist auf eine angenehme Weise gefärbt und lässt die Offenheit, auch andere Schlüsse als Augstein zu ziehen.

Denn darum geht es in diesem Beitrag: dass der demokratische Austausch davon lebt, andere Positionen zu kennen und anzuerkennen. Augstein selber schlägt dabei im Gespräch in Brüssel die Abstufung „Verstehen, Verständnis und Einverständnis“ vor und warnt davor, dies gleichzusetzen. Ein Thema, das auch hier im Blog und im Debatten-Experiment mit der SZ immer mal wieder Thema war. Dabei finde ich die Unterscheidung, die Julia Reda vorschlägt, besonders hilfreich. Auch weil sie daran erinnert, dass die Frage, wo der Hass im Netz herkommt auch eine ist, die man Google, Facebook und Twitter stellen muss – aber zunächst mal ein gesellschaftliches Phänomen, das vielleicht auch von den bewussten Provokationen stimuliert wird, von den Jan Fleischhauer spricht. Denn vielleicht sind die öffentlichen Debatten gar nicht darauf angelegt, die eigene Meinung in Frage zu stellen. Vielleicht geht es dabei tatsächlich einzig darum, den eigenen Standpunkt zu vertreten und öffentlich bekannter zu machen. Vielleicht ist das der Grund, warum Talkshows so oft scheitern. Wenn das so ist, müsste man privatere Räume schaffen, in denen man sich in Diskussionen rausnimmt, unrecht zu haben. Räume für Diskussionen, in denen es darum geht, die eigene Meinung auch zu ändern.

*Offenlegung: Ich bin persönlich mit Tim Klimes bekannt und würde womöglich auch schlechte Filme von ihm gut finden. Da ich ihn aber schon lange kenne, kann ich mit Gewissheit sagen: er würde keine schlechten Filme machen. Deshalb und weil die Kollegin Elisa Britzelmeier hier eine unabhängigere Empfehlung ausgesprochen hat: Angucken ;-)

Mehr Humor!

In den Kommentaren unter dem Beitrag, in dem er auf seinen Text in der gestrigen Ausgabe der gedruckten Frankfurter Allgemeinen Zeitung verweist, schreibt donalphonso, laut FAZ (für die er bloggt, was da nicht steht) „einer der bekanntesten deutschen Blogger“ das hier:

Es gibt jeden Tag irgendwo einen Beitrag, der das Berliner Lebensmodell preist und bejubelt und alle auslacht, die es anders machen. Die Texte, die die alter Erwerbsarbeit begraben, sind Legion. Die treten an, meine Welt abzuschaffen, und ich muss mir anhören, das sei cool, das habe man jetzt so.


donalphonso
scheint diese Beiträge nicht zu mögen. Vermutlich deshalb hat Rainer Mayer einen Text geschrieben, in dem er seinem Unmut über Piraten, Berliner und Verfechter des Bedinungslosen Grundeinkommens (BGE) in einer Art Luft macht, dass man merkt wie sehr hier eine laute Debatte herbeigewünscht wird. Dabei schlägt er den Bogen von Michael Seemann und Jens Best über Christian Heller und Johannes Ponader bis zu Sascha Lobo und den Samwer Brüder. Sie alle sind Ausweis für die Schlechtigkeit Berlins:

Außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, Berlin sei die Stadt, in der man kreativ noch etwas in Deutschland bewegen könne. Blogs. Podcasts. Twitter. Websites. Labels. Platten. Buchverlage. Start-ups. Medien. Jeder kennt jemanden, der etwas aufgezogen hat. Sogar Suhrkamp ging nach Berlin.

Erstaunlich ist, dass dieser mittelgute Blogeintrag so banalen Kulturpessimismus gegens Netz bedient. Dass er das so humorlos tut und vor allem: dass er in einer Zeitung erschienen ist. Das könnte man ausführlich besprechen und mit Bezügen zu den Blogeinträgen des Kontrollverlust-Bloggers bei der FAZ versehen. Man könnte die journalistische Regel ansprechen, immer auch die zweite Seite zu hören (das gilt meiner Einschätzung nach auch dann wenn Personen ein Parteiamt bekleiden oder ihre Eigentumsverhältnisse bloggen).

Man kann aber auch ganz einfach fragen: Warum fehlt all dem der Humor?

Der in dem Text ebenfalls erwähnte Sascha Lobo hat nicht nur vor zwei Jahren in einem vergleichbaren Rant bewiesen, wie man so etwas mit Humor macht, er hat in seiner Spiegel Online Kolumne auch genau das gefordert: Eine bessere Beleidigungskultur.

Ich will solchen Texten einfach nicht mehr anmerken, dass da jemand seine eigene Welt verteidigt. Ich will, dass mit größerer Souveräntität geschimpft wird. Mit dem Stil, der im FAZ-Text im Schlussabschnitt anklingen soll, wenn Autor und anonymisierter Freund nach Italien fahren und übers Essen sprechen. Dabei erfährt man nicht mal, mit welchem Automobil sie reisen. Dabei wäre das doch das Mindeste.

Sascha Lobo, Du hässlicher Eierkopf!

Was wir oft vergessen, wenn wir über emotionale Debatten im Netz sprechen: Schimpfen kann eine äußerst humorvolle Tätigkeit sein. Der allein dafür zu lobende Sascha Lobo hat dies heute eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Felix Schwenzel hatte ihn mit einer buchfrage herausgefordert und so eine Fortsetzung der Filesharing-Debatte angezettelt. Die ging dann ein wenig hin und her und endete heute in einer anwortantwortantwort, die Mario Sixtus zurecht als „Rant des Tages, wenn nicht des Jahres“ lobte. Denn mit dem Thema Filesharing von Büchern hat diese wunderbare Tirade nicht mehr viel zu tun. Es handelt sich viel mehr um einen Schimpfstreifzug durchs deutschsprachige Internet: von Kathrin Passig bis Jochen Wegner – keiner ist vor Sascha Lobos Schimpfen sicher. Ich bin mir nicht sicher, was es zu bedeuten hat, dass auch ich darin einen kleinen Abschnitt bekomme, in dem irrig behauptet wird, ich würde beim Essen in der Kantine reden – was ich natürlich allein aus Gründen des Anstands ablehne. Ich gehe davon aus, dass Sascha mir damit indirekt sagen will, dass ihm in der Sache die Argumente ausgegangen sind.

In den Kommentaren unter dem Text (die sich wegen Überlastung zwischenzeitlich in Marios Buzz-Post ausgelagert haben), wird darauf hingewiesen, dass Sascha hier ja nur „Web 2.0 Marionetten“ zum Zwecke der Werbung für sein Buch tanzen lasse. Und dass mit jeder Reaktion darauf, die Aufmerksamkeit dafür noch gesteigert würde.

Das mag stimmen. Andererseits ist diese Form der Schimpf-Aufmerksamkeit doch viel amüsanter als jene, die vor einer Woche von Moritz von Uslar, der Welt, der FAZ und den tazblogs verbreitet wurde. Dabei ging es nur um eine simple SMS-Beschimpfung („Du hässlicher Eierkopf“), mit der Aufmerksamkeit für ein Buch erzeugt wurde. Heute jedoch wird in epischer Breite und mit echtem Elan geschimpft. Das verdient doch eine Reaktion.

Und sei es nur, um beide Fälle mit der obigen Überschrift zusammenzuführen.

P.S.: Moritz von Uslars Buch heißt übrigens Deutschboden. Saschas Buch trägt den Titel Strohfeuer ist im Buchhandel und als App erhältlich – und vielleicht auch in der ein oder anderen Tauschbörse.

P.P.S.: Gelesen habe ich beide nicht. Dazu fehlt mir vor lauter Feuilleton- und Internetdebatte einfach die Zeit. Wer dennoch ein gutes Buch lesen mag, dem empfehle ich Nick Biltons fulminantes I live in the future & here’s how it works!

T2E: Debatten im Netz

Im Juni lobte die Jury des Scoop-Ideenwettbewerbs des Axel-Springer-Verlags, das Projekt Talk2enemy habe das Potenzial, „eine neue Streitkultur zu entwickeln und so auch eine junge Zielgruppe anzusprechen“. Heute nun ist das Debatten-Portal offiziell gestartet.

Via Facebook und vor allem auf YouTube konnte man schon vorher auch als unbeteiligter Zuschauer Einblick in die vermeintlich neue Debatten-Kultur nehmen. Zu sehen bekommt man Videoblogger, die in zwei Lager geteilt über eine Frage diskutieren – und zwar in Form von jeweils etwa dreiminütigen Clips. Angeleitet wird das ganze von einem „erfahrenen Konfliktcoach“ als Moderator.

Ich bin durchaus gespannt, wie sich diese Versuchsanordnung entwickeln wird. Denn die „neue Debatten- und Streitkultur im Netz“, die T2E verspricht, würde mich sehr interessieren. Doch gelingt diese tatsächlich, wenn man schon im Titel einen „Enemy“ beschwört und am Ende nicht die besseren Argumente gewinnen lässt, sondern einen Diskutanten als Sieger küren will?

Auch frage ich mich, ob die Konzentration auf das Format Video tatsächlich im Sinne einer Netzdebatte ist oder ob dieses nicht eher der „Dokumentation auf dem ZDF Infokanal“ dient, die „den Verlauf der Debatte“ anschließend abbilden soll? Netzdebatten, die mir bisher bekannt sind, laufen in Kommentaren und selten in Clips. Das macht sie häufig so schwer steuerbar, weil sie spontan und oftmals emotional sind. Die Einstiegshürde ist niedrig.

Bei Talk2Enemy ist die Einstiegshürde hoch. Man muss sich als Videoblogger bewerben oder ausgewählt werden, wird dann mit Laptop und Kamera ausgestattet und geschult. Anschließend diskutieren die zehn Teilnehmer drei Monate lang in „zwei gegensätzlichen Lagern“, die mich auch durch die zumindest verbesserungswürdige Einstiegsdebatte (Lager arm und Lager reich zur These: In Deutschland gibt es keine Armut!) fatal an das RTL2-Bigbrother-Haus erinnern. Das wiederum kann aber auch an der Dauer der Debatte liegen, deren Ziel mir genauso unklar bleibt wie die netzuntypische Debatten-Distanz: Wird man sich wirklich 12 Wochen lang für dieses Thema begeistern, während das Land gerade über einen Bahnhof in Stuttgart, die Integration in Deutschland und die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken diskutiert?

Ich würde mir wünschen, dass von T2E ein Impuls für die Netzdebatte in Deutschland ausginge, habe daran aber erhebliche Zweifel. Denn das Netz wird hier als der Ort gesehen, an dem die Auseinandersetzungen ausgetragen werden, sondern eher wie der Verbreitungskanal verstanden, über den eine (dank vorheriger Schulung) durchaus gelenkte Debatte versendet wird. Welche Rolle dabei die wirklichen Leser spielen, wird sich zeigen. Bisher gibt es ganze fünf Leserkommentare, einer davon stammt von der Agentur Mediaturns, die an der Umsetzung des Projekts beteiligt war.

In Kategorie: Netz