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Bin ich auf einer Meinungsmodenschau oder in einer Diskussion?

Dieser Artikel ist eine Entscheidungshilfe für bessere Debatten. Er begleitet den Text Meinungsmodenschau aus meinem monatlichen Newsletter Digitale Notizen – und beantwortet die Frage: Bin ich gerade in einer Meinungsmodenschau oder in einer inhaltlichen Diskussion? (Foto: Unsplash)

Die Antwort auf diese Frage ist wichtig, um die eigenen Erwartungen an die jeweilige Auseinandersetzung anzupassen. Denn Meinungsmodenschau und Diskussion haben unterschiedliche Ziele und verlangen unterschiedliches Auftreten. Dass es sinnvoll sein kann, hier zu differenzieren, hat Julia Reda in dem Film „Die empörte Republik“ vorgeschlagen und ich finde die Unterscheidung sehr hilfreich.

Als Meinungsmodenschau definiere ich Auseinandersetzungen, in denen „Menschen ihre Ansichten wie Kleidung auf einem Laufsteg vorführen und dafür Applaus oder Widerspruch bekommen. Dieses Zurschaustellen von Meinungen findet aber nicht mit dem Ziel statt, daraus einen Kompromiss zu formen oder gar seine Kleidung Meinung zu ändern. Die Meinungsmodenschau im TV-Talkshowformat dient einzig dem Zweck, Menschen in ihren Meinungen zu bestätigen.

1. Worin besteht der Unterschied?

Meinungsmodenschau
… will Bandbreite der Ansichten zeigen.
Ist ein fortlaufender Prozess.
Sprechposition spielt eine große Rolle.
Bespricht ein Thema.
Nutzt Pro & Contra (Schwarz-Weiß)

Gefahr: False Balance
Ziel ist Sichtbarkeit der Meinung.

Wettstreit der Ideen
… sucht einen Kompromiss.
Hat Anfang und Ende.
Trennt zwischen Menschen und Meinungen.
Beantwortet eine konkrete Frage.
Differenziert (Graustufen)

Gefahr: Langweilige Sachdiskussion
Ziel ist ein Kompromiss.

Die meisten öffentlichen Debatten, die wir im Netz oder TV kennen, zählen zur Kategorie Meinungsmodenschau. Denn diese Kategorie ist aufmerksamkeitsstärker und schematischer. Für Zuschauer:innen finden sich in dieser Kategorie sehr zugängliche Anknüpfungspunkte („endlich sagt es mal einer“) und Identifikationsmöglichkeiten, die häufig in Empörungswellen umschlagen können. Vielleicht bildet die Meinungsmodenschau sogar die Voraussetzung für inhaltliches Diskussionen, weil auf den Modenschauen tatsächlich das Meinungsspektrum deutlich wird.

Beide Formate haben jedoch unterschiedliche Ziele, die auch die Stimmung und das Klima vorgeben, die in Meinungsmodenschau und Diskussion herrschen.

2. Wie verhalte ich mich am besten?

Meinungsmodenschau
Checke (deine) Privilegien
Frage sachlich nach
> Habe ich dich richtig verstanden?
Zeige dich empathisch
> Verstehen heißt nicht Verständnis haben*

Nimm die gegenteilige Perspektive ein
Versuche deren Bedürfnis* zu verstehen

Vermeide Verachtung
Egal wie aggressiv die Gegenseite ist,
vergiss nicht: Ihr seid Menschen

Achte auf den Rahmen
Wer Hassrede und körperliche Drohungen
ausspricht, verlässt den Rahmen der
Meinungsmodenschau

Wettstreit der Ideen
Checke die Spielregeln
Kläre die Leitfrage
> Welches Problem wollen wir lösen?
Zeige dich kompromissbereit
> Nachgeben heißt nicht verlieren

Nimm die gegenteilige Perspektive ein
Versuche deren Ziel zu verstehen

Vermeide Verachtung
Egal wie dumm der Vorschlag sein mag,
vergiss nicht: Ihr sucht gemeinsam eine Lösung

Achte auf den Rahmen
Wer persönlich beleidigt, sucht keinen
Kompromiss und verlässt den Rahmen
des Wettstreits der Ideen

* nach dem Konzept der vier Schritte in der Gewaltfreien Kommunikation

Ich glaube, dass die Unterscheidung zwischen den genannten Formaten sinnvoll sein kann, um die Diskussionskultur in Gänze zu heben. Welche Differenzierung dafür nötig sind, habe ich hier beschrieben:

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen
2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur
3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher


Dieser Text ist Teil meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.