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10 Wege, um (online) immer Recht zu haben (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was ist nur mit der Diskussionskultur los? Seit Jahren wird über sie diskutiert, es wird geklagt und nostalgisch zurückgeblickt – und trotzdem wird nichts besser. In diesem Monat sorgte z.B. der Abschied von SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert von Twitter für eine neuerliche Debatten-Debatte. Dabei ist es doch gar nicht so schwer, sich online absolut richtig zu verhalten. Deshalb hier eine ausschließlich und vollständig ernst gemeinte Anleitung für alle, die gerne glücklicher online debattieren möchten (Symbolfoto: Unsplash). Mit den folgenden zehn Ratschlägen gelingt es, jederzeit im Recht zu bleiben:

Ändern Sie niemals Ihre Meinung
Die eigenen Ansichten der Gegenwart anzupassen, gleicht einer Niederlage. Wer so etwas tut, ist im Unrecht. Das ist Ihnen zuwider. Niemals werden Sie Ihre Meinung ändern. Sie gehört zu Ihnen, ist ein unveränderliches Kennzeichen, das Ihre Identität prägt. Dass man Menschen und Meinungen trennen kann, ist Ihnen fremd. Sie stehen für Ihre Meinung ein und knüpfen dies eng an Ihre Persönlichkeit. Widerspruch ist deshalb für Sie auch kein sachliches Gegenargument, sondern ein Angriff auf Ihre Person, den Sie mit allen Mitteln abwehren müssen.

Unterstellen Sie stets böse Absichten
Weil Sie selbst Mensch und Meinung nicht trennen wollen, tun Sie das auch bei Ihrem Gegenüber nicht. Sie ziehen deren Motive in Zweifel, unterstellen konsequent böse Absichten und finden negative Eigenschaften, die Ihnen ad hominem helfen, Sachargumente konsequent abzulehnen.

Sprechen Sie anderen Meinung stets die Kompetenz ab
Es gibt also nur einen Grund, eine andere Ansicht zu haben als Sie: Dummheit. Einzig fehlende Kompetenz ist für Sie eine Erklärung für abweichende Meinungen. Andere Möglichkeiten schließen Sie aus. Angenehmer Nebeneffekt: Wenn Sie die anderen für dumm erklären, sind Sie quasi automatisch nicht nur auf der richtigen Seite, sondern auch sehr klug. Sie teilen ja Ihre Meinung!

Nutzen Sie Medien einzig als Meinungsverstärker
Der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt hat seine Vorstellung vom Publikum unlängst so beschrieben: „Sie wollen Superstars, die ihre eigene Meinung bestätigen.“ Geben Sie ihm Recht, wählen Sie einzig Medien, die Ihre Ansichten verstärken. Vermeiden Sie Medienkonsum, der Sie auf andere Gedanken bringt, Ihnen neue Perspektiven aufzeigt oder Sie womöglich ins Zweifeln bringt.

Gehen Sie stets davon aus, dass alles genau so ist wie es wirkt
Der Zweifel ist Gift fürs Rechthaben. Seien Sie deshalb möglichst selbstsicher. Das gilt auch in Bezug auf Beschreibungen, Accounts und vermeintliche Fakten: Vermeiden Sie in jedem Fall die Frage „Und wenn das Gegenteil richtig wäre?“ Unterdrücken Sie unbedingt den Gedanken, dass manche Beiträge vielleicht von Fake-Accounts oder Bots kommen könnten (hier schreibt Ronen Steinke sehr lesenswert über virtuelle V-Leute im Netz).

Halten Sie Twitter-Trends konsequent für die Bevölkerungsmeinung
Da alles so ist, wie es wirkt, nehmen Sie auch Likes, Follower und Trends auf Plattformen stets für voll. Muss ja stimmen! Als Journalist:in können Sie zum Beispiel Twitter-Trends nicht nur als Abbild der Gesellschaft lesen, sondern durch „hat ja viele likes“- auch in klassischen Medien noch weiter verbreiten. Keinesfalls sollten Sie sich mit dem Mediamanipulation-Book oder der Mechanik von Meme-Wars befassen. Die Autor:innen des gleichnamigen Buches sagen mit Blick auf die Meme-Mechanik: „They’re the activation of people’s confirmation bias and stereotypes. As we watched political opponents begin to memeify one another and push these tropes — some with the intention of sowing disinformation, others with the intention of spreading propaganda — I think many journalists were initially very dismissive.“

Achten Sie auf ohrenbetäubendes Schweigen
Um Recht zu behalten, muss Ihr Thema in der Debatte bleiben. Sonst merkt ja keiner, dass Sie Recht haben. Achten Sie dabei stets darauf, dass die Diskussion sich nicht zu weit, von Ihren Interessen entfernt. Neben der klassischen Themen-Erinnerung (vulgo: Whataboutism) bieten sich hier auch anklangende Meinungsäußerungen an, in denen Sie kritisieren, dass manche Leute (gerne markieren!) sich noch nicht zu einem aktuellen Ereignis geäußert haben. Brandmarken Sie dieses Schweigen als „ohrenbetäubend“!

Lassen Sie keine Gelegenheit zum Widerspruch ungenutzt
Aber nicht nur Schweigen fordert Ihren Widerspruch heraus. Jede abweichende Meinungsäußerung provoziert Sie persönlich. Dass Sie überhaupt öffentlich geäußert wird, ist eine Frechheit und Beweis für die katastrophale Debattenkultur, für die natürlich ausschließlich die anderen verantwortlich sind. Sie hingegen tun nur, was Ihr gutes Recht ist: Sie widersprechen. Immer und jederzeit! Denn irgendwo ist immer jemand im Unrecht, wenn Sie dem Gedanken konsequent folgen, wird Ihre Glut nie ausgehen.

Denken Sie konsequent und ausnahmeslos schwarz-weiß
Zwischentöne lehnen Sie ab. Ziehen Sie klare Linien: Wer nicht Ihrer Meinung ist, ist gegen Sie. Persönlich. Genau so reagieren Sie auch: ablehnend, geringschätzend, beleidigend. Dass manchmal vermeintlich gegenteilige Dinge gleichzeitig eine Berechtigung haben, halten Sie für eine Erfindung. Ambiguitätstolerenz hat für Sie – wie Toleranz überhaupt – ihre Grenzen.

Halten Sie sich für den Mittelpunkt der Welt
Beurteilen Sie alle Ereignisse des Weltgeschehens konsequent ausschließlich aus Ihrer eigenen Perspektive. Ihre Prägung oder Ihre nostalgische Erinnerung sollten zum alleinigen Maßstab Ihrer Meinungen werden. Andere sollen das bitte auch anerkennen: Sie sind jetzt mal dran, Ihre Meinung, ihre Ansicht kamen jahrenlang nicht angemessen zur Geltung. Jetzt ist Ihre Zeit! Das ist Ihr gutes Recht und Sie haben Recht!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: Impfverweigerung als Meme, „Die Anderen anders sein lassen“ (April 2022) „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Seit Jahren befasse ich mich auch in Büchern und Vorträgen mit dem Thema, in dem Zusammenhang besonders zu empfehlen: „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ und den Vortrag „Die Gluttheorie der öffentlichen Debatte“ im Deutschlandfunk.

Bin ich auf einer Meinungsmodenschau oder in einer Diskussion?

Dieser Artikel ist eine Entscheidungshilfe für bessere Debatten. Er begleitet den Text Meinungsmodenschau aus meinem monatlichen Newsletter Digitale Notizen – und beantwortet die Frage: Bin ich gerade in einer Meinungsmodenschau oder in einer inhaltlichen Diskussion? (Foto: Unsplash)

Die Antwort auf diese Frage ist wichtig, um die eigenen Erwartungen an die jeweilige Auseinandersetzung anzupassen. Denn Meinungsmodenschau und Diskussion haben unterschiedliche Ziele und verlangen unterschiedliches Auftreten. Dass es sinnvoll sein kann, hier zu differenzieren, hat Julia Reda in dem Film „Die empörte Republik“ vorgeschlagen und ich finde die Unterscheidung sehr hilfreich.

Als Meinungsmodenschau definiere ich Auseinandersetzungen, in denen „Menschen ihre Ansichten wie Kleidung auf einem Laufsteg vorführen und dafür Applaus oder Widerspruch bekommen. Dieses Zurschaustellen von Meinungen findet aber nicht mit dem Ziel statt, daraus einen Kompromiss zu formen oder gar seine Kleidung Meinung zu ändern. Die Meinungsmodenschau im TV-Talkshowformat dient einzig dem Zweck, Menschen in ihren Meinungen zu bestätigen.

1. Worin besteht der Unterschied?

Meinungsmodenschau
… will Bandbreite der Ansichten zeigen.
Ist ein fortlaufender Prozess.
Sprechposition spielt eine große Rolle.
Bespricht ein Thema.
Nutzt Pro & Contra (Schwarz-Weiß)

Gefahr: False Balance
Ziel ist Sichtbarkeit der Meinung.

Wettstreit der Ideen
… sucht einen Kompromiss.
Hat Anfang und Ende.
Trennt zwischen Menschen und Meinungen.
Beantwortet eine konkrete Frage.
Differenziert (Graustufen)

Gefahr: Langweilige Sachdiskussion
Ziel ist ein Kompromiss.

Die meisten öffentlichen Debatten, die wir im Netz oder TV kennen, zählen zur Kategorie Meinungsmodenschau. Denn diese Kategorie ist aufmerksamkeitsstärker und schematischer. Für Zuschauer:innen finden sich in dieser Kategorie sehr zugängliche Anknüpfungspunkte („endlich sagt es mal einer“) und Identifikationsmöglichkeiten, die häufig in Empörungswellen umschlagen können. Vielleicht bildet die Meinungsmodenschau sogar die Voraussetzung für inhaltliches Diskussionen, weil auf den Modenschauen tatsächlich das Meinungsspektrum deutlich wird.

Beide Formate haben jedoch unterschiedliche Ziele, die auch die Stimmung und das Klima vorgeben, die in Meinungsmodenschau und Diskussion herrschen.

2. Wie verhalte ich mich am besten?

Meinungsmodenschau
Checke (deine) Privilegien
Frage sachlich nach
> Habe ich dich richtig verstanden?
Zeige dich empathisch
> Verstehen heißt nicht Verständnis haben*

Nimm die gegenteilige Perspektive ein
Versuche deren Bedürfnis* zu verstehen

Vermeide Verachtung
Egal wie aggressiv die Gegenseite ist,
vergiss nicht: Ihr seid Menschen

Achte auf den Rahmen
Wer Hassrede und körperliche Drohungen
ausspricht, verlässt den Rahmen der
Meinungsmodenschau

Wettstreit der Ideen
Checke die Spielregeln
Kläre die Leitfrage
> Welches Problem wollen wir lösen?
Zeige dich kompromissbereit
> Nachgeben heißt nicht verlieren

Nimm die gegenteilige Perspektive ein
Versuche deren Ziel zu verstehen

Vermeide Verachtung
Egal wie dumm der Vorschlag sein mag,
vergiss nicht: Ihr sucht gemeinsam eine Lösung

Achte auf den Rahmen
Wer persönlich beleidigt, sucht keinen
Kompromiss und verlässt den Rahmen
des Wettstreits der Ideen

* nach dem Konzept der vier Schritte in der Gewaltfreien Kommunikation

Ich glaube, dass die Unterscheidung zwischen den genannten Formaten sinnvoll sein kann, um die Diskussionskultur in Gänze zu heben. Welche Differenzierung dafür nötig sind, habe ich hier beschrieben:

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen
2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur
3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher


Dieser Text ist Teil meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.