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Bongo Cha Cha Cha, Chopping Dance, Rezo, Khaby Lame und Frozen Honey – die Netzkulturcharts August 2021

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts vom Juli stehen hier und begründen die Emjois hinter dem Namen.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1 Bongo Cha-Cha-Cha 🆕

Im Jahr 1959 kam ein Film in die Kinos, der den Titel „Du bist wunderbar“ trägt. Es ist die Geschichte der Näherin Caterina, die in einer französischen Hafenstadt den deutschen Seemann Willi Schultz kennenlernt. Gespielt wird Caterina von Caterina Valente, die in dem Film das Lied „Bongo Cha-Cha-Cha“ singt. Der Song wird parallel auf deutsch und italienisch veröffentlicht. Dass er 62 Jahre später diese Sommer-Ausgabe der Netzkulturcharts anführt, hat nicht nur mit der Cover-Version zu tun, die der sagenumwobene El Professor gerade veröffentlicht hat und die Chancen auf den Sommerheit 2021 hat. Der Grund für den Ruhm von Bongo-Cha-Cha-Cha ist ein Hashtag-Trend, der Clips aus dem Jahr 2021 mit dem Sound aus dem Jahr 1959 vertont. Das begann bereits vor ein paar Monaten. Anfangs in der Variante, die Nutzer:innen tanzend dabei zeigt, wie sie mit bedeutsamen Lebensentscheidungen die Erwartungen ihrer Eltern enttäuschen. Doch diese Anfangsphase ist lange vorbei. Mittlerweile dient der Sound als Untermalung für zahlreiche Tänze. In Italien steigerte sich die virale Begeisterung beispielsweise als die italienische Olympia-Schwimmerin Ferderice Pelligrini Cha-Cha unter Dusche tanzte.

Platz 2 Chopping Dance (Questions I Get Asked) 🆕

Die Anleitung ist auf den ersten Blick etwas kompliziert: vier Mal die Hände parallel vor dem Körper auf und ab hacken, zwei Mal die Fäuste vor dem Körper ballen und dann fünf Mal wie ein Hammer aufeinander schlagen. So gehen die ersten Moves des Chopping Dance, der seit einer Weile nicht nur ein musikalischer Trend ist. Zu der Musik des vietnamesischen Produzenten Hoàng Read tanzen Nutzer:innen nämlich nicht nur, sie nutzen den „Magic Bomb“-Sound auch um Fragen zu beantworten, die ihnen immer wieder gestellt werden. Dieser Questions I Get Asked-Trend ist mindestens so spannend wie die steile Karriere des Sounds, der im Frühjahr vom niederländischen Ladel Spinnin‘ Records veröffentlicht wurde. Durch die antwortende Haltung erreicht dem Selbstdarstellungs-Aspekt von Tiktok ein neues Level. Nutzer:innen zeigen ihre Identität auf Basis von Antworten auf besonders häufiger Fragen. Dass das auch politische Dimensionen haben kann, zeigen hier die Aktivist:innen von Fridays for Future.

Platz 3 Rezo 🔃

„Ja es ist wieder Zeit für so ein Video“ – Rezo liefert in diesem Monat einen Wiedereinstieg in die Netzkulturcharts. Zwei Jahre und drei Monate nach seiner „Zerstörung der CDU“ nimmt er sich erneut die Christlich-Demokratische Union (sowie ihre bayerische Schwester) und die deutsche Politik vor. Dieses Mal widmet sich der Aachener Rezo ausführlich der Arbeit eines anderen Aacheners: Armin Laschet. „Laschet Why U Do Dis?“ heißt das in dem Clip, es bleibt aber so entlarvend wie vor zwei Jahren. Details dazu gibt es in diesem Podcast mit meinen Kolleggen Jean-Marie Magro, der Rezo in Aachen besucht hat. Ob das Rezo-Video Einfluß auf den Wahlausgang hat oder nur Nutzer:innen erreicht, die ohnenhin keine Unions-Anhänger:innen sind? Allein, dass es die Seite enkelkinderbriefe.de gibt, könnte man bei CDU/CSU zum Anlass nehmen, Netzkultur künftig anders zu behandeln.

Platz 4 Khaby Lame ⏺️

Derzeit ist viel von der Creators Economy die Rede, von der Tatsache also, dass die Plattformen besonders attraktive Inhalte-Produzent:innen halten und hofieren wollen. Im Falle von Khaby Lame ist das in diesem Monat sehr deutlich geworden: Tiktok hat einem seiner prominentesten Nutzer ein eigenes Promo-Video geschenkt, in dem die Geschichte des viralen Aufsteigers erzählt wird – und damit natürlich irgendwie auch die Geschichte von Tiktok selbst. Denn die Followerzahl des jungen Mannes wächst ja auch deshalb – so die Botschaft von Tiktok – weil die App immer populärer wird. Zudem gönnt sich Khaby keine Sommerpause, sondern produziert unbeirrt weiter. Deshalb hält er sich den dritten Monat in Folge in den Netzkulturcharts.

Platz 5 Frozen Honey 🆕

Endlich mal ein Food-Trend in den Charts: Es war Sommer, es war heiß, deshalb widmet sich die Netzkultur dem Gefrierschrank. Es gab schon unterschiedliche coole Trends zu dem Thema (erinnert sich noch jemand an Dalgona Coffee?) und jetzt ist es also gefrorener Honig. Und wie bei vielen Hypes zuvor greift auch dieses Mal ein Mechanismus, den man „aber Vorsicht“ nennen könnte (siehe dazu #MilkCrateChallenge). Denn es werden nicht nur die Clips wie jener von Tiktok-Nutzer Dave Ramirez gezeigt, der versucht gefrorenen Honig aus einer Plastikflasche zu drücken. Es wird auch direkt gewarnt, dass zuviel Honig zu Magenproblemen führen kann. Die New York Times berichtet und erklärt: „Some creators have partnered with candy businesses offering their products as the next sweet treat to be placed in the half-frozen, half-gelatinous mixture in the videos. Still, honey remains the foundation on which all other flavors were created.“ Süß!

Besondere Erwähnung

Die Frage nach dem Internet-Wort des Monats sollten wir nicht aus dem Auge verlieren. Außerdem schon im August wichtig: die Berichte zur Bundestagswahl (hier meine Einschätzung zur Kooperation mit Tiktok). Und weil mit Studio Schmitt auch Kurt Prödel aus der Sommerpause zurückgekehrt ist: Seine „We Need To Talk About“-Form der Powerpoint-Präsentationen (siehe Aditotoro) werden wir noch ausführlicher würdigen!

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

CDU-Connect: Anschluss verloren (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Mehr über Netzkultur gibt es in meinem Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation.

Im Lichte der aktuellen Web-Geschehnisse um die CDU muss man sagen: Der christlichen Rockmusik ist viel Unrecht getan worden. All die Witze und all der Widerspruch gegen den Versuch, Jugendkultur im Sinne einer christlichen Botschaft zu okkupieren, laufen ins Leere im Vergleich zu dem, was die CDU verdient hätte für ihren traurigen Versuch, sich an die Netzkultur anzubiedern.

Die Rede ist von der Seite @connectcdu, die auf Instagram versucht, das „Vater unser“ mit Stromgitarren zu vertonen, die CDU digital wirken zu lassen. Dabei handelt es sich – Sascha Lobo hat gerade auf der republica nochmal dran erinnert – um die Partei, die seit Jahren die Bundesregierung stellt und Digitalisierung seitdem einzig als (leeres) Versprechen versteht. Sascha sagte deshalb den schönen und merkenswerten Satz:

Es kann nach Corona nicht mehr sein, dass die Digital-Aversen, die Selbstzufriedenen, die mit dem kohlenstofflichen Status-Quo Zufriedenen dieses Land und alle kommenden Generationen aufhalten.

Dabei geht es hier gar nicht in erster Linie um die verfehlte Digitalpolitik der CDU und es geht auch nicht um den Datenskandal, der an der gleichnamigen App hängt. Es geht hier einzig und allein um den Umgang der CDU mit Memes.

Ich mag die Netzkultur, ich liebe Memes. Seit Jahren schreibe ich drüber und ich freue mich, wenn Menschen und Organisationen sie für sich entdecken – sogar wenn ich mit diesen Menschen und Organisationen nicht einer Meinung bin.

Deshalb freue ich mich, wenn die CDU die Welt der Memes entdecken will. Ich hänge nicht der Theorie von Internet-Verstehern und -Erklärern an (bewusst nicht gegendert), die das Digitale als eine Art Geheimwissen betrachten und Digital-Distinktion als Mittel der Abgrenzung brauchen. Netzkultur ist umarmend und hält sogar einen unverschämten Elon Musk aus.

Was aber schwer erträglich ist, sind Texttafeln, auf denen steht, dass ihr Verfasser sich tüchtig toll findet. Selbst wenn sie die gleiche Photoshop-Vorlage nutzen wie Beiträge der Netzkultur: Das sind keine Memes. Das ist peinlich.

Neben dem Offensichtlichsten – dem Fehlen der memetischen Verbreitung – lassen diese Beiträge den grundlegenden Zauber von Memes vermissen: die Bereitschaft zur Selbstironie. Ohne die Fähigkeit, sich zu reflektieren und womöglich über sich selbst zu lachen, wird ein Anschluss an gegenwärtige Netzkultur misslingen. Natürlich kann man auch einfach unreflektiert auf Image-Macros schreiben, dass man sich geil findet. Das ist dann aber keine Netzkultur des 21. Jahrhunderts, sondern Mackertum des 20. Jahrhunderts. Ein ironischer Umgang mit vermeintlichen eigenen Schwächen ist schon nötig, um die Sprache, den Dialekt des Digitalen zu sprechen. (die falsche Verwendung der 1 in diesem Söder-Posting hier ist für mich übrigens schwerer zu ertragen als alle Gendersterne für Friedrich Merz)

Es folgen nun die gängigsten Floskeln aus dem langsamsten Zug für digitale Kommunikation, an den man bei CDU-Connect aber offenbar trotzdem keinen Anschluss gefunden hat: Zeige dich authentisch, humorvoll und vielleicht sogar verletzlich. Lasse einen Blick hinter die Kulissen zu, sei nahbar und reflektiert.

CDU-Connect ist deshalb so ärgerlich, weil es innerhalb der Union durchaus Menschen gibt, die das verstanden haben: Norbert Röttgen hat mit seinem Ansteckringlicht im Wahlkampf um den CDU-Vorsitz einen Weg ausgeleuchtet, der genau auf diese Bereichtschaft zu Reflektion gesetzt hat. Dieses Licht bringt bei CDU-Connect aber keine Erkenntnis, es bleibt stockfinster im Rausch der Selbstbesoffenheit.

Ja, es gibt viel schlimmeren Missbrauch an der weltoffenen, verbindenden Meme-Kultur. Und ja, man kann diesen Instagram-Kanal schlicht als das betrachten, was er ist: traurig und ein wenig bemitleidenswert. Es tritt hier aber etwas anderes zu Tage: die fehlende Bereitschaft eines offiziellen CDU-Kanals, sich auf die Gepflogenheiten der digitalen Welt einzulassen. Dieses digitale Brauchtum ist nicht ausschließend, es lädt ein zur Teilhabe und dennoch wird es hier missachtet. Deshalb fällt es schwer in diesem Auftritt etwas anderes zu erkennen, als die enttäuschte Frage: Wenn die nicht mal ein paar Memes verstehen, wie wollen die Deutschland digital zukunftsfähig machen?

Norbert Röttgen formulierte das übrigens so: „Es ist nicht egal, wie wir uns selber präsentieren. Im Gegenteil: Die Menschen schauen sich an, wer macht da mit und kann ich mich mit denen identifizieren?“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Fünf Gründe, sich jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen“ (Oktober 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation bestellen.