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Space Karen & Twitter, Taylor Swift, Mirror-Transition, 1001 Arabian Nights, Tom Böttcher (Netzkulturcharts November 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: Space Karen & Twitter 🤯 🆕

„Eine wahre Geschichte von Geld, Macht, Freundschaft und Verrat“ heißt das Buch, das Nick Bilton im Jahr 2013 über den Beginn des häufig Kurznachrichtendienst genannten Twitter veröffentlichte. Das Buch, das man über die Geschehnisse auf und rund um Twitter in diesen Tagen schreiben könnte, wäre sicher noch spannender – es ist immerhin schon Inhalt für einen eigenen Tiktok-Trend. Auf der Seite twitterisgoinggreat.com wird das Chaos dokumentiert, das sich seit dem Einstieg von Elon Musk „Space Karen“ bei Twitter passender Weise in Echtzeit zuträgt. Space Karen ist der Spitzname, den das selbsternannte Genie Elon Musk seit 2020 trägt, weil der SpaceX-Gründer in seinem Handeln erstaunliche Überschneidungen zum Verhalten der Meme-Karen aufweist, über die KnowYourMeme schreibt: „characterized as an irritating, entitled woman, sometimes as an ex-wife who took custody of „the kids.“ In 2020, the term was broadly applied to a swath of white women who had been filmed harassing people of color, including dialing the emergency services on them for no criminal reason.“ Das ist nicht ganz unpassend, selbst wenn Dr. Karen James sich dieser Tage zu Wort meldet. Sie ist zwar keine NASA-Astronautin, die Biologin bezeichnet sich aber als Space-Fan.
Bei Breitband in Deutschlandfunk Kultur durfte ich auch eine Einschätzung zur Frage beisteuern, ob dies nun eine Änderung in der Kultur oder gar das Ende von Social-Media wie wir es kennen sei. Besonders empfehlen möchte ich aber die Einschätzung von Trevor Noah in der Daily Show: „Everybody who is pro free speech, is not pro all speech. What they are pro, is the speech that they would like to use, that might offend other people. (…) Everyone thinks jokes are funny until the joke is about them.

Platz 2: „It’s me. Hi. I’m the problem.“ (Taylor Swift) 🆕

Taylor Swift in ein Phänomen. In diesem Monat haben ihre Songs zehn Plätze in den Top10 der US-Musikcharts belegt. Woran das musikalisch liegt, hat mein SZ-Kollege Jakob Biazza hier sehr lesenswert beschrieben. Welche Referenzen und Eastereggs sich in dem Album befinden, hat Emily Yar in der Washington Post untersucht. Dass und wie bedeutsam das „Midnights“-Album aber für die Netzkultur hat, beschreibt Caroline Mimbs Nyce bei The Atlantic so: „Das, was Swift mit dieser Albumveröffentlichung macht, als „Online-Know-how“, „Publikumsbindung“ oder „Marketing“ zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Sie hat gewissermaßen ein virtuelles Universum geschaffen, in dem die Fans die Veröffentlichung erleben können.“ Ein schönes Beispiel für die Integration der so genannten Swifties ist dieses Ankündigungsvideo, in dem den Swifties ein Terminplan für die Release-Woche gezeigt wird, mit der Bitte die Songs zu streamen.
Dass sie mit der Zeile „It’s me. Hi. I’m the problem“ quasi nebenbei eines der größten Memes des Jahres geschaffen hat (und hier direkt in der Begrüßung referenziert), ist nur ein Aspekt des Werkes, wie man es mit NLP weiter spielen kann, zeigt dieses sehr schönes Experiment: was passiert wenn man Swifts Texte berechnen lässt?

Platz 3: Fröhliche Kinder filmen tanzende Eltern 🆕

So strahlt der Sohn des belgischen Fußball-Nationalspielers Kevin de Bryne, wenn er seinen Vater dabei filmt wie dieser vor der Kamera rumalbert. Das weiß ich, weil de Bryne es auf seinen Instagram-Account geladen hat – und damit ein besonders prominentes Beispiel für den Trend „fröhliche kinde filmen tanzende Eltern“ liefert. Das ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil der Sound, der unter alle diesen Clips zu hören ist, ebenfalls von Taylor Swift stammt. Dazu übrigens bitte unbedingt nochmal die Geschichte des Love-Story-Remix aus dem Sommer 2020 nachlesen. Das Kinder-Eltern-Tanz-Phänomen (das es übrigens auch in der Variante mit Haustieren gibt) macht deshalb so gute Laune, weil es auf fröhliche Art den filmenden Part hinter all den Clips sichtbar macht.

Platz 4: Mirror Transition 🆕

Sich selbst vor einem Spiegel zu filmen, führt zu erstaunlichen Aufnahmen für Tiktok und Reels. Bisher sah man Nutzer:innen wie sie ihre Smartphone fallen lassen und sich dabei wie durch Geisterhand verwandeln. Seit ein paar Wochen kommt die Mirror Transition jetzt aber in Bewegung – als mirror run sind Clips zu sehen, bei denen Nutzer:innen vermeintlich sehr schnell in sehr unterschiedlichen Outfits an ihrem Badezimmerspiegel vorbeirennen.

Platz 5: 7 vs Wild 🆕

Der aus dem Netz prominente Parfum-Influencer Jeremy Fragrance ist dieser Tage in das so genannte Promi-Big-Brother-Haus eingezogen – weil er über seine eigenen Kanäle hinaus bekannt werden will. Schöner kann man die Ironie dieses Formats vermutlich nicht auf den Punkt bringen. Das Netz schafft eigene Prominenz – und diese wird ins Fernsehen verlängert. Oder auch nicht. Bereits in der zweiten Staffel umgeht das Format 7 vs. Wild den Weg ins TV. Es nimmt einfach das Konzept einer Reality-Show und überträgt sie auf ein YouTube-Format: Sieben Teilnehmer sind sieben Tage lang in der Wildnis unterwegs – und filmen sich dabei. „Die mediale Ästhetik von 7 vs. Wild knüpft somit an den Stil von YouTuberinnen und Instagram-Influencern an, die sich von ihrer Selfie-Cam – und damit von ihren Followerinnen und Followern – auf Schritt und Tritt verfolgen lassen. Auf Kamerateams und Skripte wird bei der Low-Budget-Produktion verzichtet, stattdessen erinnert die Sendung an einen nicht enden wollenden Videoblog“, schreibt Till Wilhelm auf Zeit-Online. Und schon zur ersten Staffel kommentierte der MDR: „,7 vs. Wild‘ ist gefährlicher, überraschender, lebensnaher als es jede Show im Fernsehen sein kann. Trotzdem verstehen die Macher genau, wie das Spiel funktioniert: Sie sind Kenner der Selbstinszenierung, die wissen, wie sie sich am besten in Szene setzen – und wo man die Cliffhanger zur nächsten Folge setzen muss. Wahrscheinlich haben sie es vom Fernsehen gelernt.“ Seit in diesem Monat die zweite Staffel startete, gehen auch die Einschaltquoten Klickzahlen weiter hoch: die zweite Folge der neuen Staffel kommt auf 10 Millionen Aufrufe – ähnlich viele Aufrufe erhielten deutsche Fernsehgeräte übrigens auch während der Wetten-dass-Sendung

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Taylor Swift „Anti-Hero“
2. CHIPS „1001 Arabian Nights“
3. Rosa Linn „Snap“ Italian Version
4. Beyonce „Cuff it“
5. Ski Aggu „Party Sahne“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Was für ein Erfolg für die Eurodance-Band CH!PS aus den Niederlanden. Ihr Song „1001 Arabian Nights“ ist plötzlich ein Trend auf Tiktok – und bringt eine kontroverse Frage mit sich: welcher Move ist zeitgemäß? Jener, der gerade auf Tiktok sich verbreitet, bei dem Nutzer:innen die Zahlen 1-0-0-1 mit der Hand zeigen oder der, den die vier niederländischen Musiker in den Nullerjahren sich ausgedacht haben: mit den Armen einsen und nuller formend?

Die Frage, wie es aussehen würde, wenn die Augsburger Puppenkiste auf Tiktok wäre, wird seit ein paar Wochen sehr erfolgreich vom deutschen Schauspieler Tom Böttcher beantwortet. Seit Ende Oktober spielt er auf seinem Tiktok-Account Marionetten-Szenen so beeindruckend nach, dass er nicht nur immer mehr Views sammelt, sondern auch andere Accounts zur Nachahmung und Interaktion animiert.

Die BBC erklärt in unter 60 Sekunden was meiner Einschätzung nach eines der beeindruckendsten Memes des Jahres ist: der Jiggle-Jiggle-Erfolg (mehr dazu in der Mai-Ausgabe der Netzkulturcharts). Zum Thema Dark Social hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine interessante Studie veröffentlicht. Die US-Demokraten haben nach den Midterms eine Übersicht über Politiker:innen auf Tiktok gepostet. Der italienische Programmierer Gianluca Mauro hat ein Tiktok-Video darüber gemacht, welche Signale der Tiktok-Algorithmus für seine Berechnungen nutzt.

In dem sehr empfehlenswerten Gespräch von Greta Thunberg mit Russell Howard gibt es eine schöne kleine Sequenz über Memes.

Shruggie des Monats: NFTs und die Hochzeit von Kana

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich liebe NFTs. Ich bin regelrecht begeistert von der Idee der so genannten non-fungible token, die gerade als Hype durch die digitale Kunstwelt geistern. In der Welt der digitalen Kopie, in der dauernd Daten dupliziert werden, versprechen NFTs etwas Einzigartiges: Unkopierbarkeit!

NFTs sind nicht tauschbare Bestandteile eines so genannten Tokens, der in der Blockchain gespeichert und über Plattformen wie SuperRare, Nifty Gateway, OpenSea und Makersplace als Zuschreibung von Kunstwerken gehandelt werden kann. Sie wollen digitale Einzigartigkeit erzeugen und versprechen, Eigentum über digitale Daten zu beanspruchen. Aus diesem Anspruch kann man anders als bei physischen Gütern keine Rechte und schon gar keine Exklusivität ableiten, aber man kann die Zuschreibung in der Blockchain festhalten. Sehr vereinfacht kann man sagen: ein NFT ist der einzigartige Beipackzettel zu einem digitalen File, der unveränderbar sagt: „dieses File soll ab sofort jener Person gehören“.

Menschen sind bereit, für diesen Vorgang, sehr hohe Summen zu zahlen. Sie können dann mit Hilfe des NFT-Beipackzettels behaupten, Eigentümer eines Tweets oder eines digitalen Kunstwerks wie eines Gifs zus ein. Die digitalen Dokumente selbst bleiben davon unberührt, können also weiter kopiert und verändert werden, die NFTs sagen aber: Für diese Pixel gibt es jemanden, die/der Eigentums-Ansprüche anmelden möchte.

Zwei bedeutsame Hype-Treiber sorgen dafür, dass die digitalen Originalitäts-Zettelchen und das damit verbundene Besitzdenken gerade Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Neuheit und viel Geld! NFTs basieren erstens auf der Kryptogeld-Idee, weshalb sie für manche nicht sofort vollumfänglich verständlich aber in jedem Fall neu sind. Die digitalen Zuschreibungen sind aber zweitens selbst Bestandteil einer hypestimulierenden Zuschreibung: Es werden hohe Summen gezahlt. „69 Millionen US-Dollar“ brüllte es in den vergangenen Tagen von zahlreichen Websites. Diese Summe wurde im Auktionshaus Christies für das Kunstwerk „Everydays: The First 5000 Days“ erlöst. Der als Beeple bekannte Künstler Mike Winkelmann hatte dafür ab 1. Mai 2007 jeden Tag ein digitales Kunstwerk online gestellt und daraus ein 21.069 × 21.069 Pixel großes Werk geschaffen, dessen Beipackzettel Christies nun versteigert hat.

Dass ich NFTs liebe und sie in dieser Rubrik als Shruggie des Monats ehren will, hat aber nichts mit der durchaus spannenden Referenz- und Remix-Kunst von Beeple oder gar mit dem Hype um Blockchains und Elon Musk zu tun, sondern mit dem Prinzip der Zuschreibung: NFTs bringen auf den Punkt, was ich vor ein paar Jahren in Mashup zu beschreiben versuchte: Original und Kopie sind keine objektiven Eigenschaften, die am Werk hängen. Original und Kopie sind soziale Konstruktionen, die erst durch die Rezeption des Werks entstehen!

Das Buch, in dem ich mich mit der digitalen Kopie und ihren tiefgreifenden Konsequenzen für Kunst und Kultur befasste, heißt Mashup – Lob der Kopie und ist vor zehn Jahren bei Suhrkamp erschienen. Neben dem Hinweis auf die Relevanz der Referenz für unsere Idee von Kunst und Kultur (Lob der Kopie!) enthält das Buch vor allem eine Annährung an die Frage, was wir in der Welt der dauernden Duplizierbarkeit eigentlich noch für Original halten wollen.

Besonders anschaulich kann man dies an Paolo Veronese illustrieren, der eine Art Beeples des 16. Jahrhundert war: ein weltbekannter Künstler, der die biblische Geschichte in Szene setzte, in der Jesus Wasser zu Wein verwandelt. Die Hochzeit von Kana (die oben am Kopf der Seite zu sehen ist) ist nicht nur wegen ihre Entstehung ein interessantes Gemälde, vor allem ihre Rezeption legt erstaunliche Prozesse offen, die mich sehr an NFTs erinnern. In Mashup heißt es:

Das Besondere an dem Gemälde, das heute im Pariser Louvre hängt, ist die Form des – heute würde man sagen – Samplens und Remixens, die Veronese angewandt hat. Auf dem fast zehn Meter breiten Bild sind inmitten der Hochzeitsgesellschaft auch drei Musiker mit Streichinstrumenten zu sehen. Es wird spekuliert, dass es sich bei den Männern um Veronese selbst sowie die Maler Tizian und Tintoretto handelt. Dieser Verdacht stützt sich unter anderem auf die Tatsache, dass Veronese seinen Bruder ebenfalls auf dem Gemälde verewigt hat. Aber nicht nur der Inhalt, vor allem die Verbreitungsgeschichte der »Hochzeit von Kana« ist im Hinblick auf die Diskussion um Original und Kopie aufschlussreich: Das Gemälde wurde nämlich im Jahr 1797 von napoleonischen Truppen zusammen mit Werken von Giovanni Bellini, Tizian und anderen geraubt und nach Paris geschafft. 210 Jahre später, am 11. September 2007, feierte die Stadt Venedig im ehemaligen Benediktinerkloster San Giorgio Maggiore die Rückkehr des Bildes – allerdings in Form einer Kopie, die eine Madrider Firma aufwendig produziert hatte. Der italienische Kunstexperte Salvatore Settis stellte dabei in seiner Eröffnungsansprache die These auf, die nun nach Venedig heimgekehrte Kopie sei in Wahrheit das Original.

Selbstverständlich spricht die Kunstwelt bei dem Gemälde, das nun in Venedig gezeigt wird, nicht von einer Kopie, sondern von einem Faksimile. Das ändert aber nichts an dem Prinzip der sozialen Zuschreibung, die bei Beeples wie bei Veronese deutlich wird: Ob etwas als Original oder als Kopie angesehen wird, hat weniger mit dem Werk selbst als viel mehr mit der Wahrnehmung zu tun. NFTs legen diesen Prozess der Zuschreibung auf wunderbare Weise offen.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.