Alle Artikel mit dem Schlagwort “Shruggie des Monats

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Shruggie des Monats: die Meinungsbremse

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre? Diese wichtigste Frage aus dem Pragmatismus-Buch will ich heute aus aktuellem Anlass auf ein Thema anwenden, bei dem sich offenbar alle einig sind: auf Online-Debatten! Ich frage mich: Was wäre eigentlich wenn Debatten im Internet zivilierter wären als jene im echten Leben – wie Menschen ohne gedanklichen Zugang es nennen? Ist das vorstellbar, dass das Internet ein Ort für hochwertige Debatten ist?

Ich glaube daran immer noch und immer wieder. Und vielleicht erleben wir gerade eine Art Wendepunkt in der Frage, wie wir Online-Kommentare bewerten. Instagram hat in dieser Woche ein neues Feature angekündigt, das die Debatte über Debatten verändern könnte. Man könnte es sehr banal als Meinungsbremse beschreiben. Es handelt sich um eine bewusste Verlangsamung des Affekts, den Menschen kennen, die sich schon mal gestritten haben. Im Streit sagt man Dinge, die einem danach leid tun. Genau an dem Punkt will Instagram ansetzen und zwei Dinge ermöglichen, die das so genannte echte Leben nicht bereit hält.

In besonderen Fällen will die Plattform wenige Sekunden Meinungsfreizeit verschenken, ein paar Augenblicke vor dem Abschicken eines womöglich hasserfüllten Beitrags, in denen Nutzer*innen gefragt werden: Willst du das wirklich posten? Es handelt sich dabei um eine kleine Hürde, die womöglich sehr hilfreich sein kann. Jedenfalls kann man auf den Gedanken kommen, wenn man dieses Gespräch zwischen Arthur Brooks und Simon Sinek anhört, in dem sie genau eine solche Meinungsbremse empfehlen (interessanter Nebenaspekt: Brooks empfiehlt sogar einen vergleichbaren Trick für streitende Paare. Bevor man sich gegenseitig kritisiert, soll man fünf Dinge in Erinnerung rufen, die man an dem oder der anderen mag).

Außerdem soll es für gewisse Kommentare auf Instagram eine Option geben, die auch Google unlängst für Mails eingeführt hat: wenige Augenblicke, in denen man die Zeit zurückdrehen bzw. eine E-Mail zurückholen kann. Wer also einen blöden Kommentar gepostet hat, soll in die Lage versetzt werden, diesen schnell und einfach wieder aus der Welt zu schaffen.

Beide Ansätze werden vielleicht nicht alle Probleme lösen, die sich rund um die Debatte um Online-Debatten ranken. Sie sind aber deshalb äußerst bemerkenswert, weil sie im besten Shruggie-Sinn die Perspektive drehen: Sie schaffen Möglichkeiten, die es außerhalb des Netzes so nicht gibt. Und diese Möglichkeiten öffnen vielleicht tatsächlich neue Räume, in denen wir dereinst sagen werden: Das ist so ein heikles Thema, das sollten wir besser online besprechen. Dort haben wir mehr Möglichkeiten zur zivilisierten Debatte.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
In Kategorie: DVG
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Shruggie des Monats: Das größte dezentrale Denkmal der Welt

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich weiß nicht, wie der Boden vor dem Wohnhaus von Walter Lübcke in Wolfhagen-Istha beschaffen ist. Ich habe keine Ahnung, ob es dort möglich ist, einen Betonwürfel von 100 Millimetern Höhe in den Boden einzulassen. Ich finde aber man könnte darüber nachdenken. Der Künster Günter Demnig verlegt seit 1992 solche so genannten Stolpersteine – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in 23 weiteren europäischen Ländern. (Foto: Axel Mauruszat, via Wikipedia; Stolperstein für Else Liebermann von Wahlendorf, Budapester Straße 45, Berlin)

Demnig erinnert mit seinem Projekt an die Opfer der NS-Zeit. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig auf der Website den Talmud. Und ich finde, Walter Lübcke, der nach allem, was man heute weiß von einem Nazi ermordert wurde, sollte nicht vergessen werden. Man sollte sich an seinen Namen erinnern. Er sollte vielleicht sogar als Name für eine Stiftung gegen den Hass, für Verständigung und die christlichen Werte von Nächstenliebe und Toleranz dienen (auf die sich perfider Weise gerade diejenigen berufen, die seinen Tod herbeiwünschten und bejubelten). Vielleicht fühlt sich gar die hessische Landesregierung berufen, Walter Lübcke zum Namensgeber für ein Bildungsprojekt zu machen, das Menschen davor bewahrt so verblendet und rechthaberisch zu werden, dass sie über ihre politische Meinung die grundlegende Menschlichkeit vergessen.

Mir scheint es in jedem Fall passend in dem Monat, in dem Deutschland von dem Mord an Lübcke erschüttert wird, an des Projekt von Gunter Demnig zu erinnern. Den Stolpersteinen ist mit dieser Form des vernetzten Gedenkens etwas geglückt ist, was die FAZ mal als „das größte dezentrale Denkmal der Welt“ bezeichnet hat. Über 70.000 Steine haben Demnig und seine zahllosen Helfer*innen bereits verlegt – und damit über 70.000 Zeichen gesetzt gegen die schreckliche Geschichte von Nazi-Deutschland.

Diese Form des vernetzten Protests passt zu den Ideen des Shruggie. Denn es ist kein teilnahmsloser Protest, es ist ein aktives Eingreifen und Erinnern. Und es ist dezentral und vernetzt. Es ist auf eine erstaunliche Weise digital – wenngleich die Steine genau das nicht sind (es wäre in der Tat spannend, über eine digitale Nutzung nachzudenken, die nicht nur Pokemon-Go-Spieler*innen nutzt).

Auf der Stolpersteine-Website steht unter dem Punkt „Spenden“

Stolpersteine werden in der Regel über Patenschaften finanziert. Wenn Sie Pate eines Stolpersteines werden möchten, wenden Sie sich an die entsprechende Stadt und schreiben Sie die dortige Initiative an. Einen Überblick aller Initiativen finden Sie unter „Kontakt“.

Man kann das Projekt aber auch ganz banal mit Geldspenden unterstützen!

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Shruggie des Monats: der Fußball-Botschafter 2019

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich habe eine Schwäche für Fußball-Metaphern. Ich mag es, den Sport als Bild für gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen und daraus ungefragt Schlüsse zu ziehen. Im Digitale-Notizen-Newsletter habe ich das hier schon mal anhand des Begriffs Unbeugsam und der allgegenwärtigen Fehlerkultur getan. Und genau in diesem Sinne möchte ich ein Zitat nutzen, das ich unlängst vom Deutschen Fußballbotschafter 2019 gelesen habe. Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, ist vor ein paar Tagen auf diese Weise ausgezeichnet worden – und Ende April sprach er im Interview mit der Deutschen Welle dieses Worte als er auf das Klischee des ewigen Finalverlierers angesprochen wurde:

Ich stand bereits sechsmal mit einem Team in einem Endspiel und habe sechsmal verloren. Aber das macht mich nicht zu einer gebrochenen Person oder so. Für mich bedeutet das Leben, es immer wieder zu versuchen. Wenn nur Gewinner überleben dürfen, können wir alle einpacken (…) Wenn der liebe Gott mich dafür braucht, um zu zeigen, dass jemand sechs Endspiele in Folge verliert und er es tatsächlich auch noch ein siebtes Mal versucht, dann bin ich die perfekte Person dafür. Keine Ahnung, wer das entschieden hat, aber offensichtlich ist das ein lustiger Kerl.

Diese Worte wurden gesprochen bevor Klopps Mannschaft erst ein sensationelles Spiel mit epischer Niederlage in Camp Nou und anschließend ein Rückspielwunder gegen Barcelona ablieferte. Als Klopp diese Perspektive eröffnete, war überhaupt nicht klar, ob Liverpool überhaupt ein weiteres Mal ein Finale erreichen könnte. Jetzt stehen sie im Endspiel von Madrid – und können die Champions League gewinnen. Manche sagen, Klopp müsse jetzt auch mal ein Finale gewinnen, sonst bleibe er der ewige Zweite.

Ich habe mit großem Interesse die Klopp-Biografie von Raphael Honigstein gelesen (der vor einer Ewigkeit auch schon mal hier im Blog zu Gast war) und das DW-Interview und ich finde, dass Klopp auf wunderbare Weise den Eindruck vermittelt, dass ihm egal ist, was andere über ihn denken könnten. Über die Finalniederlagen sagt er: „Ich kann ich damit leben. Es waren nicht gerade die besten Tage meines Lebens, sie schaffen es auch nicht in meine Top-Five. Aber trotzdem sind es sehr wichtige Erfahrungen für mich, und ich will sie für die Zukunft nutzen.“ ¯\_(ツ)_/¯

Das allein wäre angetan, um als Shruggie des Monats in den Tagen vor dem entscheidenden Spiel gegen Tottenham ausgewählt zu werden. Aber Klopp schließt noch eine Botschaft an diesen shruggiehaften Umgang mit Sieg und Niederlage an. Und wenn Fußball eine Botschaft hat (und einen Botschafter, der sich übermittelt), dann sind Klopps Ratschläge, die er für junge Spieler hat, vielleicht nicht die schlechtesten Ideen um etwas im Sinne des Shruggie „für die Zukunft“ zu nutzen. Er rät:

Sei offen und lerne die Sprache so schnell du kannst! Das Wichtigste ist: Sei offen und lerne, lerne, lerne! Das hören junge Menschen vermutlich nicht gerne. Aber Lernen heißt tatsächlich vom Leben lernen.

Ich würde mir wünschen, dass Klopp das Finale gewinnt. Aber irgendwie geht es darum in Wahrheit gar nicht.

¯\_(ツ)_/¯

Hier das ganze DW-Gespräch auf englisch anschauen:

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: Q und das Gendersternchen mit doppeltem i-Punkt

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich war unlängst im Podcast von Christoph Keese zu Besuch. Darin habe ich mich in das etwas schiefe Bild verstrickt, die Digitalisierung als Mensch zu denken, der in den Raum tritt. Christoph Keese hat mich dann gefragt, wie wir uns die Digitalisierung vorstellen müssten und ich habe geantwortet: „Vermutlich so wie Q“.

So nennen ihre Macher*innen die erste geschlecherneutrale Computerstimme. Anders als Siri (weiblich) ist Q keinem Geschlecht klar zuzuordnen. Es lohnt sich, Q anzuhören, weil erst dann klar wird, wie prägend die geschlechtliche Konnotation in den bisher bekannten Computerstimmen ist. Q legt das auf eine erstaunliche Weise offen und würde der Shruggie sprechen können: er hätte vermutlich die Stimme von Q.

Womit wir auch bei einem Fehler sind, den ich der Hauptperson meines Buches zugeschrieben habe: das Geschlecht. Ich habe das im „Was würde der Shruggie tun?“-Podcast schon mal erwähnt: Würde ich das Buch nochmal schreiben, das Shruggie wäre wie Q – nicht eindeutig zuzuordnen. Oder zumindest so wie das Känguru in Marc-Uwe Klings Epos über das Leben mit dem Beuteltier.

Aber Q ist eine gute Ratgeberstimme, um sich der Frage zu nähern, wie man denn eine gendergerechte Sprache erhalten könne. Eine Lösung besteht in dem kürzlich als Anglizismus des Jahres ausgezeichneten Gendersternchen. Ich benutze das Gendersternchen auch hier im Blog gelegentlich um Leser*innen anzusprechen und nicht nur mitzumeinen. Es gibt aus unterschiedlichen Richtungen Kritik an diesem kleinen Symbol. So zementierte der Verein für deutsche Sprache im März seine Rolle, in dem er diesen Tweet formulierte, der vor allem klar macht: An einer konstruktiven Lösung des Problems gibt es offenbar wenig Interesse. (Wer im Detail nachlesen, was alles gaga ist an diesem Verein und der Sprachkritik, kann diese hier und hier tun).

Dass man durchaus Kritik am Gendersternchen formulieren kann, hat Luise Pusch im jetzt-Gespräch sehr anschaulich formuliert. Dennoch möchte ich das Gendersternchen als Shruggie des Monats loben, weil es trotz der Kritik meiner Meinung nach ein Zeichen des Fortschritts ist – wie auch diese Petition für gendergerechte Sprache in der Wikipedia.

Denn dieser Fortschritt ist nicht nur erkenn-, sondern auch hörbar. Man spricht in der Phonetik von einem glottalen Plosiv, um zu beschreiben, dass es durchaus möglich ist, ein Gendersternchen (oder eine Variante) auszusprechen. Felix Stephan beschreibt dies in der heutigen Ausgabe der SZ sehr lesenswert: „Die Lösung, die zunehmend zu hören ist, besteht darin, vor dem gedachten Binnen-I eine kurze Pause einzulegen, wobei ein neuer Laut entsteht: ein kurzer, trockener, kaum wahrnehmbarer Kehllaut, an der Stelle, an der hier der Bindestrich ist: Künstler-innen.“ Felix schreibt, so etwas „kommt im Deutschen im Grunde unentwegt vor. Etwa wenn zwei Vokale aufeinandertreffen, die sich nicht in derselben Silbe befinden. Zwischen dem „e“ und dem „a“ in „Theater“ zum Beispiel.“ Das ist interessant, weil es das gängige Gegenargument gegen das Gendersternchen aufhebt, dass man dieses nicht aussprechen könne. Es passiert im Gegensteil sogar ständig – zum Beispiel im Französischen, wo für solche Fälle der doppelte i-Punkt im Einsatz ist (Dass also das „a“ und das „i“ in „naïve“ getrennt gesprochen werden und nicht wie in „Flair“, erkennt man an den zwei Punkten über dem i.), was ja auch als Ersatz für das Gendersternchen denkbar wäre: „Das wäre dann nicht nur linguistisch begründbar, sondern auch ästhetisch ein erheblicher Gewinn: Künstlerïnnen. Redakteurïnnen. Seglerïnnen. Was für eine Zukunft wäre das, in der deutsche Wörter aussehen könnten wie das französische „coïncidence“? Sicher keine schlechte.“

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: das Web – Vague but exciting

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

In diesen Tage gab es einige Jubiläumsveranstaltungen und Veröffentlichungen mit dem Titel „30 Jahre Web“. Denn im März 1987 legte Tim Berners-Lee einen ersten Grundstein für das, was wir heute sehr selbstverständlich im Browser ansurfen: das World Wide Web. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, dass wir das seit 30 Jahren tun. Denn im März vor 30 Jahren reichte Berners-Lee einen ersten Vorschlag für ein Projekt ein, aus dem dann irgendwann mal das werden sollte, was wir als Web kennen. Bis eine erste Website online ging, dauerte es bis in den Dezember 1990 und erst im August 1991 wurde das Web einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dass all das aber nicht der Geburtstag des Internet (die zugrunde liegende Infrastruktur) ist, sondern der Beginn einer von zahlreichen auf dem Internet basierenden Anwendungen (eben dem Web), kann man im Detail in der Gebrauchsanweisung für das Internet nachlesen, in der es auch eine Übersicht über die zahlreichen Jahrestage gibt, die man in Bezug auf das Internet feiern kann.

Am Forschungsinstitut Cern, wo Berners-Lee damals arbeitete, wurde der Jahrestag des ersten Forschungsanstrags in diesem Monat gerade mit einem Festakt begangen und in London feierte das Science Museum den berühmten Sohn der Stadt mit einer prominent besetzten Veranstaltung. Tim Berners-Lee hielt dabei (ab ca 1:15 Std) einen Vortrag, der sich inhaltlich deckt mit dem, was er in einem offenen Brief notierte, der dieser Tage in zahlreichen internationalen Medien veröffentlicht wurde.

In dem Vortrag zeigt er auch das erste handschriftliche Feedback, das auf seinen Vorschlag erhielt: „Vague but exciting“ ist so eine schöne (perfekt zum Shrugggie passende) Beurteilung für nahezu alles im Digitalen, dass man die handschriftliche Notiz mittlerweile sogar auf einem T-Shirt gedruckt kaufen.

Unklar, aber spannend – ist eine gute Beschreibung für die Herausforderung, vor die das Web uns stellt. Leider ist das Web und die neue Welt, die sie uns öffnet nicht einfach und eindeutig. Sie ist (wie vermutlich jede Zukunft zu jeder Zeit) ein Raum voller Unsicherheiten und Widersprüche, aber ein spannender Raum. Wir können und wir sollten sie gestalten.

Wie wir das tun, ist leider etwas untergegangen in der Berichterstattung der vergangenen Tage. Denn neben einer recht umfangreichen Analyse dessen, was unklar ist am Web, bringen die Jubliäums-Veröffentlichungen durchaus eine erkennbare Beschreibungen dessen, was digitale Bürger*innen tun können. In der deutschen Übersetzung des Contract for the Web heißt es, Bürger*innen sollten sich folgendes vornehmen:

Gestalter und Mitwirkende im Web sein
Damit das Web für jeden Menschen umfangreiche und relevante Inhalte bereithält.

starke Gemeinschaften bilden, die den gesellschaftlichen Diskurs und die Menschenwürde respektieren
Damit sich jeder Mensch online sicher und willkommen fühlt.

für das Web kämpfen
Damit das Web offen und eine globale öffentliche Ressource für die Menschen bleibt – überall, heute und in Zukunft.

Ich finde in diesen drei zunächst vage klingenen Vorsätzen für digtale Bürgerschaft, steckt ein spannendes Potenzial. Denn was bedeutet dies vor dem Hintergrund der Debatten und Demonstrationen um das Urheberrecht, die wir in der kommenden Woche erleben werden? Was bedeutet es in Bezug auf die Frage, wie wir mit gewaltverherrlichender Propaganda und den Regeln der Aufmerksamkeit zum Beispiel nach dem Terroranschlag von Christchurch umgehen?

Berners-Lees Antwort darauf: Wir sollten Verantwortung übernehmen – für unser Handeln, aber eben auch für das Web als offene Infrastruktur. „Denn das Wichtigste von allem: Bürger*innen müssen Unternehmen und Regierungen in die Pflicht nehmen, sich an die Versprechen zu halten, die sie gegeben haben. Sie müssen von beiden einfordern, dass sie das Web als globale Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger respektieren. Wenn wir keine Politiker*innen wählen, die das freie und offenen Web verteidigen, wenn wir nicht unseren Teil dazu beitragen, eine konstruktive und gesunde Debattenkultur zu pflegen und wenn wir einfach „Zustimmen“ klicken ohne für unseren Datenschutz einzutreten, dann laufen wir vor unserer Verantwortung davon, diese Debatten auf die Agenda unserer Regierungen zu heben.“

Das digitale Klima, die Gesundheit des Web sind bedeutsame Aufgaben für die Zukunft. Mir scheint, dass selbst an einem Festtag wie in dieser Woche das öffentliche Bewusstsein dafür nicht gerade ausgeprägt ist. Entweder weil Menschen das Web ohnehin für böse halten oder weil sie nicht bemerken, wie bedeutsam die Idee einer offenen Infrastruktur ist. Beides halte ich für kurzsichtig. Es ist möglich, einen offenen nicht euphorischen Blick auf das Web zu werfen und zu erkennen, welche demokratische Gestaltungsmacht in dem liegt, was Tim Berners-Lee vor 30 Jahren in einer ersten Idee formulierte. Dies kann gelingen, wenn wir Gestalter und Mitwirkende an diesem gemeinsamen Projekt werden, die Menschenwürde respektieren und für das Web kämpfen.

Jedenfalls kann man darauf im besten Shruggiesinn hoffen ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: Auf die Straße gehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Wissen Sie,“ sagt Greta Thunberg im Gespräch mit dem Spiegel, „Ich darf nicht wählen, obwohl es hier um meine Zukunft geht. Und zur Schule muss ich gehen. Wenn ich dann schwänze, um gegen die Klimakrise zu protestieren, wird auf meine Stimme viel eher gehört.“ Greta Thunberg ist Vorbild für zahlreiche Schüler*innen und Student*innen, die europaweit freitags streiken. Statt zur Schule oder zur Uni gehen sie auf die Straße. Fridays for Future heißt die Aktion, die sich deutschlandweit vor allem über Dark-Social-Kanäle wie WhatsApp- und Telegram organisiert – wie einer der Mitorganisatoren in diesem Gastbeitrag auf Tagesschau.de erklärt (Details dazu auch in diesem Bento-Bericht)

Am 15. März wollen Klimaschützer*innen weltweit auf die Straße gehen – um für die Einhaltung der Pariser Klimaziele zu demonstrieren. Für acht Tage später ist eine Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform geplant (Hintergründe hier). Beide Themen scheinen die Kraft zu haben, viele junge Menschen auf die Straße zu bringen – um dort ihre Meinung kundzutun. (Foto: Twitter/Adora Belle)

Aber bringt das überhaupt was? Wird sich dadurch die Politik ändern? Die Hauptperson aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ antwortet darauf mit einem unterstützenden Schulterzucken. Denn der Shruggie ist kein teilnahmsloser Zyniker, sondern jemand, der den demokratischen Impuls unterstützt, für die eigenen Interessen auf die Straße zu gehen.

„Wir sind keine Bots“, rufen diejenigen, die am Wochenende gegen die Urheberrechtspläne in Köln auf die Straße gegangen sind. Sie wollen damit deutlich machen, dass sie eigene Interessen vertreten und nicht im Auftrag von Plattformen handeln. Ein CDU-Abgeordneter hatte dies mit einem Tweet nahegelegt. Mit ihrem Protest bringen sie aber auch ihre Lebensrealität, ihren Alltag und ihre Sprache auf die Straße – wie dieses tolle Plakat zeigt (weitere Plakate hat Buzzfeed gesammelt) Zu sehen ist das Table-Flip Emoticon, das dem Shruggie allein deshalb gefällt, weil er aus der gleichen Welt kommt. Details findet man auf der Seite jemoticons, die Emoticons aus japanischen Schriftzeichen versammelt.

Der Table-Flip (rechts der Tisch, den die Figur links aus Protest umgeworfen hat) ist ein Zeichen des Protests – auf neue Art. Vermutlich gab es bisher keine Demonstration in diesem Land, auf der ein solches Symbol gezeigt wurde. Und das allein gefällt dem Shruggie an den Demos des Frühjahrs 2019: Sie werden von einer neuen Generation getragen, die ihre eigenen Symbole und Zeichen prägt. Und die vielleicht auch ein neues Denken verlangt.

Rund um die Schulstreiks junger Menschen hat sich eine Debatte über die Frage entzündet, ob es denn erlaubt sei, freitags einfach nicht zur Schule zu gehen. Verweise und mindestens unentschuldige Fehlstunden drohen. Torsten Beeck hat deshalb schon den Verdacht geäußert, dass diese Hinweise in Zeugnissen künftig als Ausdruck einer politischen Haltung gelesen werden können.

Mich erinnert der Schulstreik an die Wehrdienstverweigerer der Vergangenheit. Die junge Generation des Jahres 2019 verweigert nicht die Wehrpflicht, sondern die Schulpflicht – nicht in Gänze, sondern aus symbolischen Gründen jeden Freitag. Als Wehrdienstverweigerer musste man die eigene Entscheidung schriftlich begründen und einen (längeren) Ersatzdienst leisten. Vielleicht wäre dies auch ein Option für die streikenden Schüler*innen der Gegenwart: Sie können offiziell verweigern – und damit ihren Protest gegen die verfehlte Klimapolitik der Regierung Merkel zum Ausdruck bringen.

Bei der Wehrpflicht hatte diese Form der persönlichen Verweigerung langfristig bedeutsame politische Folgen. Und darum geht es doch, wenn man auf die Straße geht…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Zum Thema Schulstreik empfehle ich den TED-Talk von Greta Thunberg aus dem August 2018 sowie die Übersichtsseite Fridays for Future. Bei Netzpolitik gibt es eine Übersicht der Demonstrationen gegen Artikel 13.

Shruggie des Monats: die Zehn-Jahres-Challenge

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn tatsächlich alles immer schneller und unübersichtlicher wird, dann ist das Veröffentlichen zehn Jahre alter Bilder vielleicht mehr als ein kurzlebiger Trend. Vielleicht ist die Tenyears-Challenge, die gerade Bildpaare aus den Jahren 2009 und 2019 in die Timelines spült, der Versucht, Übersicht zu schaffen. Oder Ordnung. Oder zumindest sowas wie digitale Historizität. Man setzt ins Bild, was Facebook seit einer Weile mit dem „heute vor x-Jahren“-Hinweis erzeugen will: ein Gefühl für die Zeitverfluggeschwindigkeit (Foto: Unsplash)

Die Geschichte des Memes illustriert einige Reflexe in der digitalen Wahrnehmungswelt: vom Aufkommen des Trends, über verstärkende mediale Berichte, die lautstarke Warnungen (Vorsicht: Gesichtserkennung!) und ähnlich laute, aber abschwächende Antworten (Hat Facebook überhaupt nicht mehr nötig). Aus mindestens zwei Gründen eignet sich die Dekaden-Challenge (die in Wahrheit natürlich keine wirkliche Herausforderung ist) als Shruggie-Referenz.

Zum ersten beweist sie: Man kann auch zu früh dran sein mit einer guten Idee. 2018 hat der Shruggie eine Art Zehn-Jahres-Challenge gestartet. Für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ bot er ein Zehn-Jahres-Abo an – leider nicht mit ausreichendem Erfolg. Und nur wenige Monate später spricht das Netz von nichts anderem mehr: die 10-Years-Challenge liefert gerade (unter unterschiedlichen Schlagworten) einen Überblick über optische Veränderungen der vergangenen zehn Jahre. Genau diesen Blick wollte der Shruggie 2018 auch eröffnen – nicht nur optisch.

Damit sind wir beim zweiten Grund, weshalb die Tenyears-Challenge zum ersten Shruggie des Monats 2019 taugt: Sie beweist nämlich wie nah zehn Jahre in Wahrheit ist. Eine Dekade klingt nach irrer zeitlicher Distanz, die Fotos zeigen aber: Zehn Jahre vergehen schneller als man denkt.

Der Shruggie lädt nun dazu ein, den Blick nach vorne zu richten. 2029 ist näher als man denkt. Wie wird die Welt dann sein? Welchen Fortschritt haben wir erzielt? Der Shruggie sieht in den Fotos, die gerade hochgeladen werden, deshalb vor allem eins: den Impuls, an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Denn es geht schneller als man denkt, da laden die Menschen des Jahres 2029 ihre Doppelbilder auf die Social-Media-Plattformen der Zukunft.

Was für eine Zukunft wird das sein? Arbeiten wir dran ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: die Deutsche Umweltwelthilfe (DUH)

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wer steckt eigentlich dahinter, dass wir gerade über Fahrverbote in deutschen Innenstädten reden? Die naheliegende, aber falsche Antwort lautet: die Deutsche Umwelthilfe e.V. Dabei handelt es sich um einen Verein mit Sitz am Bodensee. Dieser Verein ist in den vergangenen Monaten in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit gerückt, weil er vor Gericht gezogen ist und klagt, wenn in deutschen Städte die Stickoxid-Grenzwerten überschritten werden.

Dass diese Grenzwerte überschritten werden, liegt allerdings nicht an der DUH. Den Grund formuliert das Umweltbundesamt so: „Dennoch wäre der Luftgrenzwert an den meisten Orten einzuhalten gewesen, wenn die Realemissionen der Diesel-Pkw nicht in wachsendem Maße die Emissionen auf dem Rollenprüfstand überschritten hätten.“ Man könnte auch sagen: die Autos stoßen mehr giftige Gase aus als die Hersteller behauptet haben.

Deshalb wird Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, aktiv: „Vor einer Automesse ließ er sich im September mit einer Atemmaske fotografieren, darauf stand der Slogan „Diesel-Abgase töten!“. Im jüngsten Jahresbericht der DUH warnt er davor, dass „die Innenstädte auf viele Jahre nicht bewohnbar“ wären, falls es nicht gelänge, die Stickstoffdioxidbelastung zu reduzieren.“ So steht es in einem Bericht des Magazins Capital, der mit den Worten „Das fragwürdige Geschäftsmodell der Umwelthilfe“ überschrieben ist. Der Text meint es nicht gut mit Resch und urteilt: „Seine Kompromisslosigkeit verprellt selbst alte Mitstreiter wie Baden-Württembergs grünen Regierungschef Winfried Kretschmann, der nicht mehr mit Resch redet.“

Dass dies vielleicht auch daran liegen könnte, dass Kretschmann sich etwas zu kompromissbereit in eine eigenwillige Richtung verändert hat, erwähnt der Text nicht. Er liefert vielmehr Argumente für die Diskussion, die wenige Tage später auf dem CDU-Parteitag geführt wurde. Dabei fallen Begriffe wie Abmahnverein und die Gemeinnützigkeit der DUH wird in Frage gestellt. Dass darüber weder die Regierung und schon gar keine Partei zu entscheiden hat, ist vor lauter Auto-Wut bei der CDU niemandem aufgefallen. Und dass man die Erkenntnisse des Capital-Berichts schon 2017 in der SZ lesen konnte auch nicht: „Die DUH ist keine klassische Umweltorganisation mit Ortsgruppen, wie etwa der Bund für Umwelt- und Naturschutz. Sondern eher eine Art Öko-Firma, die Kampagnen, Klagen und Projekte initiiert, für Rußfilter in Autos, gegen Plastiktüten, oder eben gegen schmutzige Diesel. Und zur Finanzierung auch Umweltsünder per Abmahnung zur Kasse bittet. Letzteres brachte 2015 immerhin fast 2,5 Millionen Euro; führt aber dazu, dass der DUH auch der Ruf eines Abmahn-Vereins anhaftet. Zu Unrecht, wie Resch findet, der lieber von Verbraucherschutz redet. Firmen, die mit Falschaussagen über angeblich ökologisch unbedenkliche Produkte ihre Kunden in die Irre führten, müssten haften.

Diese ungewöhnliche Form der Finanzierung ist in den vergangenen Wochen zum zentralen medialen Thema geworden. Geschäftsführer Resch erkennt dahinter eine Kampagne der Autoindustrie, wie er in diesem Horizont-Interview erklärt.

In jedem Fall lässt sich an der Debatte ein bedeutsamer Shruggie-Punkt illustriert. Denn es ist sogar möglich, die Finanzierung der DUH bemerkenswert und ihre Aktionen gegen giftige Luft in deutschen Städte richtig zu finden. Ambiguitätstoleranz nennt man das – und diese Haltung war schon im Sommer mal Thema in dieser Rubrik hier. Deshalb stelle ich den Verein hier vor – und weil er zum Jahreswechsel auf einen weiteren wichtigen Punkt in Sachen Luftverschmutzung hingewiesen hat: Silvester-Feuerwerk ist eine enorme Belastung für die Luft und für die Umwelt. Bis zu 5000 Tonnen Feinstaub werden, so die DUH, durch Feuerwerkskörper freigesetzt. Deshalb fordert der Verein „einen Stopp von Feuerwerken in den mit Luftschadstoffen hoch belasteten Innenstädten“. (Foto: unsplash)

Eine Forderung, mit der man sich nicht nur Freunde macht – auch deshalb passt der Verein (den man übrigens hier als Fördermitglied unterstützen kann) in die Rubrik Shruggie des Monats

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: Der Advent

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Achtung, es könnte kurz kitschig werden. Denn die Adventsfolge der Rubrik „Shruggie des Monats“ möchte ich mit einem adventlichen Gedicht beginnen. Es stammt von Joseph von Eichendorff, heißt „Weihnachten“ und endet mit diesen Reimen:

„Sterne hoch die Kreise schlingen
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen:
O du gnadenreiche Zeit!“

Mir fielen die Zeilen (die ich tatsächlich mal in der Schule auswendig lernen musste) wieder ein als ich vor ein paar Tagen des Buch „Die Vereindeutigung der Welt“ von Thomas Bauer las. Bauer, Arabist und Islamwissenschaftler, beschreibt darin den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt (so der Untertitel) in der Gesellschaft. Das Buch ist ein Appell für Ambiguitätstoleranz und einen offenen Umgang mit Mehrdeutigkeiten. Bauer analysiert eine gesellschaftliche Entwicklung, die der Shruggie als das Aufkommen der einfachen Antworten beschreibt: „In vielen Lebensbereichen erscheinen deshalb Angebote als attraktiv, die Erlösung von der unhintergehbaren Ambiguität der Welt versprechen. Diese gelten ihren Anhängern und Jüngern als besonders zeitgemäß und fortschrittlich und haben vielfach die Diskurshoheit in ihrem jeweiligen Feld erobert. Demgegenüber wird Vielfalt, Komplexität und Pluralität nicht mehr als Bereicherung empfunden.

Das Aushalten von Vieldeutigkeit ist dem Shruggie ein Zeichen von Gelassenheit. Bauers Buch dreht diese Perspektive einen Schritt weiter bzw. um: Das Verweigerung von Vieldeutigkeit wächst sich zu einem gesellschaftlichen Problem aus.

Das ist lesenswert beschrieben und würde alleine für einen Buchtipp reichen.
Dann entdeckte ich aber einen Aspekt in dem Buch, der das Einstiegsgedicht auslöste. Bauer leitet nämlich her, dass Religion und Glauben per se ein Ausdruck von hoher Ambiguitätstoleranz ist. Denn wer an einen Gott glaubt, begibt sich damit automatisch in ein Feld der Mehrdeutigkeit (es sei denn er betreibt den Glauben fundamentalistisch). Bauer formuliert das schöner und auf den Punkt so:

Religion beruht auf dem Glauben an etwas, das größer und anders ist als wir. Und weil das so ist, ist es auch nicht restlos ausdeutbar. Wie sehr sich auch die klügsten Theologen und Religionsgelehrten bemühen, das Transzendente in Begriffe zu fassen, bleibt doch immer ein Rest an Vagheit, Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit, also an Ambiguität.

Diesen Rest an Ambigutität, den Religion offenlegt, möchte ich im November als Shruggie des Monats loben – und mit Blick auf all die kommerzialistierte Adventskultur, die in diesen Tagen aufgeladen mit Glühweinduft durch die Innenstädte wabert, will ich sogar einen Schritt weitergehen und den Advent als Ausdruck von Ambiguität loben. (Foto: Unsplash) In christlicher Tradition wird die Zeit, in der der „Ankunft des Herren“ gedacht wird, als Beginn des Kirchenjahres verstanden. Es ist die Zeit vor der Geburt Jesus Christus, also vor der Menschwerdung Gottes. Mit Blick auf die Ambigutität formuliert: Der Advent ist eine zentrale Zeit in der Vagheit der christlichen Religion. Es ist eine Vorbereitungsphase auf das Weihnachtsfest, das selber voller Mehrdeutigkeiten steckt.

Denn der Shruggie stimmt in keiner Weise in den Chor derjenigen ein, die ein Klagelied darüber singen, dass es Menschen gibt, die nur an Weihnachten in die Kirche gehen. Diese Vagheit, das Jahr über Kirchen zu meiden und an Weihnachten doch „O du Fröhliche“ dort singen zu wollen, ist ihm nicht verwerflich, sondern Ausdruck einer Form der Ambiguitätstoleranz, die man nicht mit Gleichgültigkeit verwechseln sollte. Dass ein Glauben – und sei es nur in kleinen Dosen – vorhanden ist, zeigt, dass die Bereitschaft zur Vagheit nicht ganz verloren gegangen ist. Denn vage oder unbestimmt zu sein, ist kein Zufallsprodukt, sondern eine Fähigkeit. Der Rest an Mehrdeutigkeit, der in dem Unausdeutbaren des Glaubens bleibt, ist eine Herausforderung, die man bewältigen muss – und übrigens nicht nur im Advent.

Religion im Allgemeinen und die feierlich beleuchtete Vorweihnachtszeit im Besonderen sind Symbol einer Uneindeutigkeit, die man aushalten ja sogar lernen muss.
Denn sie ist die Voraussetzung für Vielfalt und Mehrdeutigkeit – wie man bei Bauer nachlesen kann. Für den Shruggie ist diese Ambiguitätstoleranz die Basis für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen – der Advent kann uns auf erstaunliche Weise daran erinnern.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

In Kategorie: DVG

Shruggie des Monats: Das Mitgliedschaftsmodell des Guardian

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Umsonstkultur. Wann immer über Geschäftsmodelle im digitalen Raum gesprochen wird, taucht das Wort auf: Die Umsonstkultur des Internet wird dann stets als Problem beschrieben. Sie sei Geburtsfehler und auf jeden Fall schuld an den aktuellen Herausforderungen, die das Internet uns bringt. Mir ist aufgefallen, dass ich schon 2009 hier im Blog über den Mythos vom Geburtsfehler geschrieben habe. Und schon damals wollte ich dem Wort Umsonstkultur nicht glauben.

Dieser Tage habe ich ein Zitat gelesen, das vor dem Hintergrund der Umsonstkultur eine besondere Kraft entwickelt: „Die Annahme, nur weil der Guardian seine Inhalte kostenfrei in Netz stellt, könne man die Leserschaft nicht von dem Wert überzeugen, für den sie auch bereits sind zu bezahlen, hat sich als falsch erwiesen.“
Das Zitat stammt von Anna Bateson, sie ist beim Guardian für das zuständig ist, was Menschen, die das Wort Umsonstkultur mögen, Paid Content nennen würden. Beim Guardian wäre der passende Job-Titel eigentlich „Chief Supporter Officer“ gewesen, erzählt sie in diesem Interview. Da das aber merkwürdig klingt, wählte man den Titel „Chief Customer Officer“ als die Stelle 2017 für sie geschaffen wurde. Bateson war vorher bei Google beschäftigt – als „Director of Global Consumer Marketing“ bei der Videoplattform YouTube.

Und als sie zum Guardian wechselte, schaute sie sich an, wie Wohltätigkeitsorganisationen und politische Bewegungen organisiert sind. Denn für Bateson geht es nicht in erster Linie darum, Inhalte eines Medienhauses zu verkaufen. Sie bittet vielmehr um Unterstützung für eine globale Bewegung. So beschreibt sie ihren Job, der sich auf die Kunst des Bittens stützt, die Amanda Palmer schon 2013 beschrieben hat (wobei Art of Asking natürlich besser und vielschichtiger klingt). In jedem Fall liegt genau in diesem Unterschied zwischen Abo und Mitgliedschaft ein Grund dafür, warum Menschen (wie z.B. auch ich) den Guardian finanziell unterstützen – und zwar nicht obwohl er seine Inhalte frei ins Netz stellt, sondern gerade weil er das tut.

Das klingt zunächst unlogisch, begründet sich aber auf der Besonderheit des Digitalen und ist aus beiden Gründen die perfekte Situation für den Shruggie des Monats ¯\_(ツ)_/¯

Inhalte können im Netz identisch dupliziert werden, sie zu teilen ist eine Grundidee des Web (Man kann nicht nicht kopieren). Der Guardian hat darauf reagiert und einen Weg eingeschlagen, auf dessen Straßenschild im Englischen Donation steht. Es einzig mit Spende zu übersetzen, würde aber zu kurz greifen. Es geht vielmehr um eine Mitgliedschaft, die sich auf mehr begründet als auf den Zugang zum Inhalt. Es geht um Teilhabe und um die persönliche Antwort auf die Frage: Auf welcher Seite stehst du?

Vermutlich lässt sich darin am besten der Unterschied zwischen einem Abo- und einem Mitgliedschaftsmodell fassen. Dazu twitterte diese Woche Rob Wjinberg, Gründer der niederländischen Plattform The Correspondent, einige spannende Gedanken:

Let’s be clear on what we see as the core difference between subscription and membership. Subscribers pay money to get a product (i.e. access to a site). Members join your (journalistic) cause. How do you get people to “join a journalistic cause”? Well, a good start is: hire journalists who are deeply engaged with and care about their subject of expertise. And then: allow them to *express* their deeply felt convictions in all kinds of ways. (…) we ask our correspondents to write *a mission statement*. That’s right. We have them write down why they are so passionate about their subject matter, how they hope to inspire you to care too, and what they hope to find out once they start their research.

Ein journalistisches Mission Statement!? Wer hat so etwas? Wer hat (für sich oder andere) aufgeschrieben, warum sie sich für dieses oder jenes Thema begeistern? Wie sie die Leserschaft inspirieren und dafür gewinnen wollen, sich auch für das Thema zu interessieren? Und was sie hoffen herauszufinden, wenn sie sich diesem Thema widmen? Die Antworten bilden den Kern dessen, was Wjinberg „your journalistic cause“ nennt. Beim Guardian haben wir auf ganz großer Bühne gesehen, was dies im Fall Snowden bedeuten kann, De Correspondent beweist, dass es auch auf kleinerer Bühne funktionieren kann.

Ich habe hier im Blog immer wieder auf diese andere Perspektive auf das Thema Leserfinanzierung hingewiesen. Als ich dann aber diese Woche den Text las, aus dem das obige Zitat von Anne Bateson stammt, hatte ich das Gefühl: Das ist keine theoretische Spinnerei, sondern handfeste Geschäftsgrundlage für die weltweite Medienmarke The Guardian.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“