Alle Artikel mit dem Schlagwort “Shruggie des Monats

Shruggie des Monats: Wechselunterricht

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Die Frage wie eine Schule sein soll, um die besten Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen, ist in den vergangenen Monaten etwas überlagert worden. Wie eine Schule sein soll, damit sie die schlimmsten Möglichkeiten für die Gegenwart verhindert, bildet aktuell den Kern der Debatte um die beste Bildung in diesem Land. Wird es nach den Sommerferien wieder Wechselunterricht geben? ist nicht bloß eine Frage, sondern ein emotionales Schreckgespenst für alle an Bildung Beteiligten: Eltern, Kinder, Lehrer:innen – alle leiden an den wechselhaften Erfahrungen aus der Pandemie-Bekämpfung (Symbolbild: unsplash)

Bitte nie mehr sowas, scheint zum einzigen Leitmotiv für die häufig emotionalen Beiträge zum Thema geworden zu sein. Dabei wäre der historische Bruch, den die Pandemie bilden wird, doch eine große Chance die Perspektive umzudrehen und gestaltend zu fragen: Wie soll Schule sein, um die besten Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen?

Wer sich konstruktiv auf die Suche nach Antworten auf die Frage aus dieser Perspektive macht, landet bald bei Paul Reville, der als Bildungsforscher an der Harvard Universität arbeitet. Seit Jahren schon mahnt er Reformen am „one size fits all“-Bildungssystem an, das auch den Unterricht in Deutschland prägt. Aus dem Jahr 2017 stammt ein Gastbeitrag in der Washington Post, in dem Reville ein Bildungssytem fordert, das stärker an den individuellen Interessen und Fähigkeiten der Schüler:innen orientiert ist:

Es stellt sich heraus, dass ein Schulsystem nach dem Fabrikmodell des 20. Jahrhunderts einfach nicht den Anforderungen des 21. Jahrhunderts genügt, um alle Kinder auf hochqualifizierte, wissensintensive Berufe vorzubereiten.

Deshalb sei es wichtig, personalisierten Unterricht anzubieten, der mehr auf die einzelnen Schüler:innen eingehe – und nicht mehr zwingend immer im Klassenverbund und im Schulgebäude stattfindet. Auch Einzelgespräche über Videokonferenzen seien ein notwendiger Bestandteil dessen, was Reville im Gegensatz zum Fabrikmodell das medizinische Modell nennt – also ein Ansatz, der sich an der individuellen Anamnese des und der einzelnen Patient:innen Schüler:innen orientiert.

Wer mit diesem Wissen auf das Modell Wechselunterricht schaut, erkennt darin plötzlich nicht mehr nur Schrecken und ausgedruckte Arbeitsblätter. Wer Schüler:innen individuell fördern will, wird feststellen, dass remote Unterricht über Videokonferenzen dafür äußerst gut geeignet sein kann. Was an besseren Schulen mit gut ausgestattetem Lehrpersonal schon während der Pandemie-Bekämpfung sichtbar wurde, kann auch nach den Sommerferien Anwendung finden: eine andere Betreuung von Schüler:innen im Wechselmodell.

Kleinere Klassen, bessere Betreuung und individuelle Lernförderung sind ja Ziele, die auch völlig unabhängig von der Inzidenz besser sind als die überfüllten Klassenräume des Fabrik-Schul-Modells der Vor-Corona-Zeit. Der Economist hat diesem Ziel unlängst einen ganzen Schwerpunkt gewidmet, der zeigt wie konstruktiv überall bereits an der Schule der Zukunft gearbeitet wird. In den vergangenen Monaten haben Schüler:innen und Lehrer:innen gelernt, dass Unterricht auch digital möglich ist. Wer es sich leisten kann, greift schon heute auf individuelle Einzelförderung zurück, die mancherorts noch Nachhilfe heißt, aber in Wahrheit nichts anderes als Einzelcoaching im Videocall ist.

Damit so etwas auch im klassischen schulischen Kontext möglich wird, braucht es eine Reform des Schulsystem im Sinn des medizinischen Modells, mehr und besser bezahlte Lehrkräfte, die auch vor digitalen Instrumenten nicht zurückschrecken und vor allem einen Wechsel der Perspektive auf Wechselunterricht.

Schulen sind – egal bei welcher Inzidenz – keine Kinder-Verwahranstalten, sondern Orte des Lernens. Es wäre sicher kein Schritt in die falsche Richtung, den Fokus mal wieder auf die Frage zu legen, wie Lernen nicht nur in sondern mit der Schule Spaß machen kann.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Shruggie des Monats: die digitale Lösung der Gender-Debatte

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen digitalem und analogem Denken? Ich glaube ja. Und ich glaube, dass er sich an wenig so gut illustrieren lässt wie an der Debatte um das generische Maskulinum.

Dabei geht es mir gar nicht um die inhaltlichen Aspekte, die ich zum Beispiel hier und hier beleuchtet habe. Mir geht es ausschließlich um den Blick auf die Idee von Öffentlichkeit, die in der Debatte deutlich wird. Hier sieht man nämlich deutliche Differenzen zwischen dem digitalen Denken über Öffentlichkeit und jenem, das im 20. Jahrhundert verankert ist und als eher nicht-digital verstanden werden kann.

Ich habe diese Unterscheidung in meinem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ ausführlich beschrieben – und bevor ich erkläre, in welchem Zusammenhang diese Differenzierung mit der Gender-Debatte steht, hier die wichtigsten Eigenschaften des digitalen Denkens (Symbolbild: unsplash):

Analoges Denken…
… ist als Lautsprecher-Kultur zu verstehen.
Empfänger sind passiv.
Kommunikation geht nur in eine Richtung.
Botschaften entstehen nur beim Sender.
Massenkultur auf einer Bühne.
Publikationsmitteln in den Händen weniger.

Durchschnitt als dominantes Prinzip

Digitales Denken…
… ist als Kopfhörer-Kultur zu verstehen.
Empfänger spielen eine aktive Rolle.
Kommunikation geht in beide Richtungen.
Botschaften entstehen auch beim Empfänger.
Massenhafte Nischen.
Demokratisierung der Publikationsmittel.

Durchschnitt verliert an Bedeutung

Ich glaube, dass diese Unterscheidung sehr starke gesellschaftliche Folgen hat, die in Deutschland nahezu ausschließlich auf Basis von Bewertungen diskutiert werden. Es gibt jede Menge Meinungs-Beiträge darüber, ob diese Differenz gut oder schlecht sei – es gibt aber wenige pragmatische Perspektiven darauf, wie diese neuen Möglichkeiten denn konkret genutzt werden können.

Diese Behauptung begründet sich darauf, dass ich nur wenige Ansätze kenne, die die Folgen der Digitalisierungs-Differenz auf die Gender-Debatte übertragen. Konkret meine ich diesen Gedanken: Was würde eigentlich passieren, wenn wir digital über die Gender-Debatte nachdenken: wenn nicht Sender, sondern Empfänger:innen über das generische Maskulinum entscheiden?

Die Kolleg:innen der SZ haben an diesem Wochenende konkret gezeigt, was ich mit dieser abstrakten Frage meine: Bei diesem #langstrecke-Text über das generische Maskulinum haben sie einen Schalter eingebaut, der die Leserinnen und Leser in die Lage versetzt, selbst zu entscheiden, ob sie den Text ge-gendert oder mit generischem Maskulinum lesen wollen

Dass das technisch noch nicht ganz einfach ist, eine Wahlmöglichkeit zu lassen, kann man am Browser-Plugin „Gender-Changer“ sehen. Es geht mir mit dem Beispiel aber auch weniger um die konkreten Texte, sondern vielmehr um die Perspektive auf das Streitfeld. Mir scheint die Debatte um das Gendersternchen auch deshalb so hitzig zu sein, weil sie aus der Haltung der 20. Jahrhunderts geführt wird. Ganz so als sei die ganze Welt ein Papiertext, der für alle gleich nur eine Lösung erlaubt. Wir leben im 21. Jahrhundert, es ist möglich, den Text beim Empfänger und bei der Empfängerin anzupassen.

Wer weitere Hintergründe zu dieser Form der digitalen Medienproduktion verstehen möchte, kann ja mal in den Zukunftsreport schauen, den der WDR in Kooperation mit Third Wave Berlin zum Thema Synthetische Medien erstellt hat (Hintergründe im Blog von Johannes). Dabei geht es um Optionen für Zukünfte, die auf der Idee von Digitalisierung basieren, dass Botschaften auf Empfänger:innen-Seite entstehen bzw. entwickelt werden können. Dafür braucht es aber vielleicht gar keinen virtuellen Tom Buhrow (der in der Beschreibung des Reports zitiert wird), sondern erstmal eine Anpassung der Sprache je nach Nutzer:innen-Präferenz.

Wer einwendet, damit würde das Problem ja nicht gelöst, sondern nur verschoben, liefert damit übrigens den perfekten Rahmen für analoges Denken: Vielleicht braucht die Gender-Debatte ja gar nicht die EINE Lösung, vielleicht löst sie sich wenn jede Nutzerin und jeder Nutzer selbst entscheiden kann.

¯\_(ツ)_/¯

Mehr zum Thema hier im Blog:

Shruggie des Monats: der glottale Plosiv als hörbarer Unterschied zwischen gestern und morgen

Shruggie des Monats: Q und das Gendersternchen mit doppeltem i-Punkt

Mehr über die Veränderung von Öffentlichkeit im Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: Das Selbst-Duett-Video

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was bedeutet es, wenn Sie sich ein Handtuch auf den Kopf legen und sich dabei filmen? Klar: Sie spielen eine Person mit langen Haaren.

Diese sehr einfache Form der Ausstattung findet in den vergangenen Monaten häufig in Rollenvideos im Internet Anwendung. Die Monate der Corona-Pandemie haben ein Genre im Netz begünstigt, das eine Person im schnellen Schnitt in zwei oder mehreren Rollen zeigt (im Bild Paulomuc im Junge-Mädchen-Dialog). Um die unterschiedlichen Rollen deutlich zu machen, braucht es Markierung, Beschriftung oder eben ein Handtuch auf dem Kopf. Zu sehen sind dann Dialoge in Form von nachgesprochenen oder nachgesungenen Sätzen („You want me baby“) – oder auch wirklich neue gespielte Szenen.

Vorreiter dieses Genres ist der YouTuber Varion, der „häufiger mit sich selbst spricht als ein exzentrischer Bauchredern in Corona-Quarantäne“, wie es Philipp Walulis zusammengefasst hat. Varion spielt kurze Sketche vor allem auf YouTube, in denen er alle Rollen mit sich selbst besetzt. Die Figuren tragen unterscheidbare Kleidung und Perücken und tauchen mittlerweile auch regelmäßig in den Clips auf.

Diese Form der Selbstdialog-Clips gab es schon vor der Pandemie, meiner Einschätzung nach stehen sie aber symbolhaft für die Selbstbeschäftigung in Lockdown-Zeiten. Ich konnte nicht ergründen, ob es für diese Form der Clips einen Genre-Begriff gibt, ich bin mir aber sicher: Sie stehen für ein besonderes visuelles Zeitgeist-Phänomen.

Das hat nicht nur mit dem eher offensichtlichen „Ich kann keine anderen Menschen treffen, ich spreche mit mir selbst“-Aspekt zu tun, sondern vor allem mit einer Funktion, die Tiktok „Duett“ nennt. Dabei handelt es sich um ein Interaktions-Instrument, das Reaktionen und Kontextbrüche mit bestehenden Clips erlaubt. Der Name bezieht sich auf den gemeinsamen Gesang eines Duetts, die Kreativität des Social-Web hat daraus aber sehr erstaunliche Crowd-Kollaborationen entstehen lassen.

Der Begriff „Duet-Chain“ ist sogar schon auf Know Your Meme gelandet. Tiktok-Userin Fran Johnson hatte einen mittlerweile auf ihrer Seite gelöschten Clip hochgeladen, in dem sie sich über das Phänomen beschwert, dass andere Nutzer:innen Duette ohne wirkliche Reaktion erstellen: „Can we stop dueting videos when we have absolutely nothing to add to them?“ wurde so zur Vorlage für zahlreiche Duett-Reaktionen, die den Ursprungsclip in neue Kontexte stellte.

Die deutschsprachige Variante dieses Phänomens läuft übrigens seit ein paar Tagen mit einem Ursprungsclip von Diademlori („die erste Influencerin Deutschlands, die einen Amazon Original Podcast veröffentlicht„) durch Tiktok – hier sieht man User, die auf die Ausgangsfrage: „Warum macht man ein Duett wenn man nicht darauf reagiert?“ mit Nicht-Reaktion reagieren – was durchaus als Referenz zur Duet-Chain von Fran Johnson verstanden werden kann.

Der Kontextbruch war schon immer der Haupttreiber für virale Phänomene im Web, bei den Duetten entstehen daraus erstaunliche neue Clips wie Anfang des Monats das Video von Marcus Diapola, das zur Vorlage für eine weitere Duett-Kette wurde.

Auch der Erfolg der Sea Shanties Anfang des Jahres wurde durch die Duett-Funktion begünstigt – wobei der gemeinsame Gesang tatsächlich eher an die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs erinnert.

In die Gruppe dieser Dialog-Clips zählen meiner Meinung nach zudem auch die Duette, die Matthias Renger auf seinem Tiktok- und Instagram-Kanal verbreitet. Er spielt darin einen PR-Berater, der in einen vermeintlichen Dialog mit Politiker:innen tritt. Die Videos imitieren die Duett-Funktion und erschaffen mit Hilfe des Kontextbruchs neue Gespräche, die durchaus als politische Kommentare gelesen werden können. So „spricht“ Rengers PR-Berater zum Beispiel im jüngsten Clip mit dem angeschlagenen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz zu dessen möglichen Falschaussagen und schaltet dann – Stichwort Duet-Chain – auch noch Jan Böhmermann dazu, der vergangene Woche ausführlich über die Situation in Österreich berichtet hatte.

Wie bei fast allen Zeitgeist-Phänomenen haben sich auch diese Dialog-Duett-Clips so unmerklich in unsere Aufmerksamkeit Timelines geschlichen, dass man gar nicht mehr sagen kann, wann genau das es anfing, dass wir Gespräch-Videos sahen. Gerade deshalb will ich es kurz festhalten, denn vor zwei Jahren hätte niemand verstanden, was das mit dem Handtuch auf dem Kopf eigentlich soll…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Gerade ist das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ in der Reihe „Digitale Bildkulturen“ erschienen, in dem ich mich mit Bildern und ihrer Wirkung im Web befasse. Für Tiktok- und Meme-Fans gibt es hier im Blog noch ein paar interessante Texte: Ein Gespräch mit Metastar Philip über das Phänomen Tiktok, eine Einschätzung zum erfolgreichsten Tiktok aller Zeiten, Tiktok-Sounds als politische Kritik sowie mein Selbstversuch 24 Stunden auf Tiktok.

Auf tiktok-taktik.de versammle ich weitere spannende Links zum Thema – und empfehle den Newsletter von Marcus Bösch „Understanding Tiktok“.

Shruggie des Monats: Erfahrung

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Friedrich Küppersbusch beginnt die aktuelle Folge seiner unbedingt empfehlenswerten Videokolumne Küppersbusch TV mit folgendem Bild: Er begrüßt die Zusehenden an Bord der Grünhansa, also in einem symbolischen Flugzeug, das nun von Annalena Baerbock gesteuert wird, die zwar noch nie geflogen ist, aber ein Angebot dazu macht.

Das ist ein bisschen lustig, aber auch ein bisschen falsch.

Denn das dieser Tage ausführlich referenzierte Ausbleiben von Regierungserfahrung der grünen Spitzenkandidatin ist nur vordergründig vergleichbar mit fehlenden Flugstunden einer Kapitänin in einem Flugzeug. Für letzteres gibt es so klare Regeln, dass diese nicht nur unterrichtet, sondern in amtlichen Prüfungen auch nachgewiesen werden müssen. Damit es am Ende eigentlich egal ist, welche:r Pilot:in das Flugzeug steuert. Politik ist anders als die Arbeit im Cockpit aber nicht das bloße Anwenden von Regeln, sondern das Gestalten innerhalb dieser Regeln. Genau deshalb wird ja gewählt, welche Person ab sofort fliegen regieren soll.

Über Erfahrung als relevante Kategorie zu sprechen, geht aber über die Kandidatur der vermeintich unerfahrenen Annalena Baerbock hinaus. Erfahrung ist Ausdruck eines Vertrauens-Mechanismus, den wir in vielen Bereichen der Gesellschaft sehen und der manchmal verzerrend wirkt. Man spricht von einer Form des so genannten „Social Proof“, der uns den Eindruck aufdrängt, weil jemand etwas schon einmal erreicht habe, sei sie oder er deshalb besonders qualifiziert das nochmal zu erreichen. Das muss nicht zwingend falsch sein, aber gerade in sich schnell verändernden Zusammenhängen ist es auch nicht zwingend richtig: In seinem Buch „Die Fußball-Matrix“ beschreibt der Journalist Christoph Biermann wie der Social Proof im Sport den Blick trüben kann. Weil jemand früher viele Tore geschossen hat, muss er nicht zwingend heute noch torgefährlich sein. In der Wahrnehmung wird dieser Eindruck aber wiederholt vermittelt, indem z.B. früher erfolgreiche Trainer als besonders geeignet für neue Aufgaben beschrieben werden. Dabei handelt es sich um die Rückseite dessen, was als mangelnde Erfahrung beschrieben wird. Beides ist in Wahrheit aber vor allem ein „weitverbreiteter Wahrnehmungsfehler“, der dazu führt, „dass wir Dinge so machen, wie wir sie immer schon gemacht haben und weil andere sie auch so machen“.

Ich finde es interessant, sich diesen Mechanismus bewusst zu machen. Das muss keine Folgen fürs eigene Handeln haben, aber es verändert die Perspektive und legt eigene Vorurteile offen.

Wem es im politischen Handeln um das Verändern und Gestalten geht, muss Erfahrung also gar nicht zwingend als Bonus sehen. Man könnte im Gegenteil auch fragen, ob manche Politiker:in nicht zu erfahren ist, um noch auf neue Ideen zu kommen.

Folgt man diesem Gedanken wäre die besondere Fähigkeit, die eine Führungsfigur auszeichnet also nicht das Lebensalter oder die damit verbundene Erfahrung, sondern die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und zu lernen. Denn egal, wie erfahren ein:e Politiker:in ist: Die Herausforderungen, die in der kommenden Legislaturperiode auf dieses Land zukommen, sind für alle neu. Anders formuliert: in Bezug auf das Neue sind wir alle unerfahren.

Vertrauen sollte also die- oder derjenige bekommen, die oder der glaubhaft beschreiben kann, wie sie oder er sich auf neue Anforderungen einstellt. Statt Regierungsjahre zu zählen, könnte man im Vergleich der Kandidat:innen also auch fragen: Welche Methoden wendest du an, um neue Zusammenhänge zu erschließen? Auf welches Team vertraust du, wenn du in fremden Gelände unterwegs bist? Welches Netzwerk nutzt du, um Problem zu bewältigen?

Wenn es um andere Jobs als um das Kanzler:innen-Amt geht, ist es übrigens keineswegs ungewöhnlich, so zu fragen. Die zur Floskel verkommene richtige Forderung nach dem Lebenslangen Lernen (Foto: unsplash) meint ja nichts anderes als die Bereitschaft, immer wieder neu lernend zu sein – und Lernen beschreibt nichts anders als den persönlichen Prozess im Umgang mit Unerfahrenheit.

Und in Bezug auf das eingangs gewählte Pilot:innen-Bild: Neben der Erfahrungsfrage geht es natürlich auch um die inhaltliche Richtung. Es hilft auch der erfahrenste Mensch im Cockpit wenig, wenn sie oder er das falsche Ziel ansteuert.

¯\_(ツ)_/¯

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Shruggie des Monats: NFTs und die Hochzeit von Kana

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich liebe NFTs. Ich bin regelrecht begeistert von der Idee der so genannten non-fungible token, die gerade als Hype durch die digitale Kunstwelt geistern. In der Welt der digitalen Kopie, in der dauernd Daten dupliziert werden, versprechen NFTs etwas Einzigartiges: Unkopierbarkeit!

NFTs sind nicht tauschbare Bestandteile eines so genannten Tokens, der in der Blockchain gespeichert und über Plattformen wie SuperRare, Nifty Gateway, OpenSea und Makersplace als Zuschreibung von Kunstwerken gehandelt werden kann. Sie wollen digitale Einzigartigkeit erzeugen und versprechen, Eigentum über digitale Daten zu beanspruchen. Aus diesem Anspruch kann man anders als bei physischen Gütern keine Rechte und schon gar keine Exklusivität ableiten, aber man kann die Zuschreibung in der Blockchain festhalten. Sehr vereinfacht kann man sagen: ein NFT ist der einzigartige Beipackzettel zu einem digitalen File, der unveränderbar sagt: „dieses File soll ab sofort jener Person gehören“.

Menschen sind bereit, für diesen Vorgang, sehr hohe Summen zu zahlen. Sie können dann mit Hilfe des NFT-Beipackzettels behaupten, Eigentümer eines Tweets oder eines digitalen Kunstwerks wie eines Gifs zus ein. Die digitalen Dokumente selbst bleiben davon unberührt, können also weiter kopiert und verändert werden, die NFTs sagen aber: Für diese Pixel gibt es jemanden, die/der Eigentums-Ansprüche anmelden möchte.

Zwei bedeutsame Hype-Treiber sorgen dafür, dass die digitalen Originalitäts-Zettelchen und das damit verbundene Besitzdenken gerade Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Neuheit und viel Geld! NFTs basieren erstens auf der Kryptogeld-Idee, weshalb sie für manche nicht sofort vollumfänglich verständlich aber in jedem Fall neu sind. Die digitalen Zuschreibungen sind aber zweitens selbst Bestandteil einer hypestimulierenden Zuschreibung: Es werden hohe Summen gezahlt. „69 Millionen US-Dollar“ brüllte es in den vergangenen Tagen von zahlreichen Websites. Diese Summe wurde im Auktionshaus Christies für das Kunstwerk „Everydays: The First 5000 Days“ erlöst. Der als Beeple bekannte Künstler Mike Winkelmann hatte dafür ab 1. Mai 2007 jeden Tag ein digitales Kunstwerk online gestellt und daraus ein 21.069 × 21.069 Pixel großes Werk geschaffen, dessen Beipackzettel Christies nun versteigert hat.

Dass ich NFTs liebe und sie in dieser Rubrik als Shruggie des Monats ehren will, hat aber nichts mit der durchaus spannenden Referenz- und Remix-Kunst von Beeple oder gar mit dem Hype um Blockchains und Elon Musk zu tun, sondern mit dem Prinzip der Zuschreibung: NFTs bringen auf den Punkt, was ich vor ein paar Jahren in Mashup zu beschreiben versuchte: Original und Kopie sind keine objektiven Eigenschaften, die am Werk hängen. Original und Kopie sind soziale Konstruktionen, die erst durch die Rezeption des Werks entstehen!

Das Buch, in dem ich mich mit der digitalen Kopie und ihren tiefgreifenden Konsequenzen für Kunst und Kultur befasste, heißt Mashup – Lob der Kopie und ist vor zehn Jahren bei Suhrkamp erschienen. Neben dem Hinweis auf die Relevanz der Referenz für unsere Idee von Kunst und Kultur (Lob der Kopie!) enthält das Buch vor allem eine Annährung an die Frage, was wir in der Welt der dauernden Duplizierbarkeit eigentlich noch für Original halten wollen.

Besonders anschaulich kann man dies an Paolo Veronese illustrieren, der eine Art Beeples des 16. Jahrhundert war: ein weltbekannter Künstler, der die biblische Geschichte in Szene setzte, in der Jesus Wasser zu Wein verwandelt. Die Hochzeit von Kana (die oben am Kopf der Seite zu sehen ist) ist nicht nur wegen ihre Entstehung ein interessantes Gemälde, vor allem ihre Rezeption legt erstaunliche Prozesse offen, die mich sehr an NFTs erinnern. In Mashup heißt es:

Das Besondere an dem Gemälde, das heute im Pariser Louvre hängt, ist die Form des – heute würde man sagen – Samplens und Remixens, die Veronese angewandt hat. Auf dem fast zehn Meter breiten Bild sind inmitten der Hochzeitsgesellschaft auch drei Musiker mit Streichinstrumenten zu sehen. Es wird spekuliert, dass es sich bei den Männern um Veronese selbst sowie die Maler Tizian und Tintoretto handelt. Dieser Verdacht stützt sich unter anderem auf die Tatsache, dass Veronese seinen Bruder ebenfalls auf dem Gemälde verewigt hat. Aber nicht nur der Inhalt, vor allem die Verbreitungsgeschichte der »Hochzeit von Kana« ist im Hinblick auf die Diskussion um Original und Kopie aufschlussreich: Das Gemälde wurde nämlich im Jahr 1797 von napoleonischen Truppen zusammen mit Werken von Giovanni Bellini, Tizian und anderen geraubt und nach Paris geschafft. 210 Jahre später, am 11. September 2007, feierte die Stadt Venedig im ehemaligen Benediktinerkloster San Giorgio Maggiore die Rückkehr des Bildes – allerdings in Form einer Kopie, die eine Madrider Firma aufwendig produziert hatte. Der italienische Kunstexperte Salvatore Settis stellte dabei in seiner Eröffnungsansprache die These auf, die nun nach Venedig heimgekehrte Kopie sei in Wahrheit das Original.

Selbstverständlich spricht die Kunstwelt bei dem Gemälde, das nun in Venedig gezeigt wird, nicht von einer Kopie, sondern von einem Faksimile. Das ändert aber nichts an dem Prinzip der sozialen Zuschreibung, die bei Beeples wie bei Veronese deutlich wird: Ob etwas als Original oder als Kopie angesehen wird, hat weniger mit dem Werk selbst als viel mehr mit der Wahrnehmung zu tun. NFTs legen diesen Prozess der Zuschreibung auf wunderbare Weise offen.

¯\_(ツ)_/¯

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Shruggie des Monats: Die digitale Präsenz

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Das da oben auf dem Bild ist Seoul, Südkorea. Ich sitze in einem Auto, höre einen lokalen Radionsender und fahre durch die Straßen der Millionenmetropole. Klar, in Wahrheit sitze ich in München im Homeoffice, aber die Seite Drive And Listen gibt mir das Gefühl, ich sei wieder in Südkorea.

Das ist wunderbar. Denn mit einem Klick kann ich auch durch Amsterdam oder Barcelona fahren. Und mit zwei weiteren Klicks finde ich raus: die Seite wurde in München gebaut. Von Erkam Şeker, der hier an der TU studiert und der Welt diese tolle Seite geschenkt hat, die einen Blick raus aus dem Lockdown gewährt (man kann ihm übrigens hier auf Instagram folgen und hier einen Kaffee kaufen. Und wer noch mehr lokale Radiostationen weltweit hören und sich via Google-Maps in die passende Städte begeben will, kann sich auch mal eine Weile durch Radiogarden klicken.)

Ich erzähle das, weil diese kleine Geschichte im doppelten Sinn der Beweis für die These ist, die im zu Beginn des ersten Lockdowns notierte: Immerhin haben wir das Internet. Mehr noch: Die vergangenen Monate haben uns gelehrt, dass das Internet mehr ist als ein Notlösung, dass digitale Präsenz eine ganz eigene auch wertvolle Form der Verbindung ist.

¯\_(ツ)_/¯

Was ich damit meine, könnte vermutlich Leander Wattig am besten beschreiben, der das Schweigen in Clubhouse erfunden hat: der Ruheraum zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen gemeinsam an einem virtuellen Ort sind und schweigen. Mittlerweile gibt es das Prinzip des „stillen Vernetzens“ in zahlreichen Varianten in Clubhouse und Leanders wunderbare Idee ist zu einem Symbol für das geworden, was ich digitale Präsenz nennen würde: das besondere Gefühl auf mehr als virtuelle Weise verbunden zu sein.

Beim so genannten Presence-Projekt wird der gemeinsame Raum nicht akustisch, sondern optisch erlebbar. Ich kann in der App sehen, wie jemand woanders ebenfalls den Bildschirm berüht – und wenn wir gemeinsam den gleichen Punkt auf dem Smartphone berühren, vibriert das Gerät leicht.

Die App Color Chat überträgt die Konversation in Textform auf Farben und in der Sonar-App kann ich gemeinsam mit anderen Musik hören und mich austauschen.

All diese kleinen Beispiele zeigen, dass die Art der Live-Verbindung übers Netz, die ich 2020 mal in diesem Schwerpunkt begleitet habe, kein Notlösung mehr ist, sondern zu einer Verbindungsform geworden ist. Telebier, gemeinsames virtuelles Fernsehen oder Kinoabende werden auch über die Pandemie hinweg die digitale Kultur prägen.

Und bis dahin können wir mit der Seite citywalk.live durch fremde Städte spazieren – und mit dem Feature „Group Walks“ sogar gemeinsam mit anderen in Echtzeit.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Shruggie des Monats: deine Stimme

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Während ich diese Zeilen tippe ist die Domain drop-in-audio.de noch frei. Das ist deshalb erstaunlich, weil ich diese Zeilen im Augen eines Hype-Orkans schreibe, in dem Drop-in-Audio das nächste große Dinge zu sein scheint (Symbolbild: Cooles Telefonieren bei Unsplash) Über die Hype-Mechanik habe ich hier schon geschrieben und hier gesprochen. Um das, was nach dem Hype bleiben wird, geht es in dieser Januar-Folge der Shruggie-Rubrik.

Denn natürlich lautet die korrekte Antwort hier (wie so oft):

¯\_(ツ)_/¯

Aber der Clubhouse-Hype erinnert uns in diesen deprimierenden Wintertagen der Pandemie daran, dass wir eine Stimme haben. Die Stimme als fast schon intimer Ausdruck der eigenen Persönlichkeit bildet den Kern dessen, was gerade eine etwas hektische Aufregungswelle erzeugt. Auf der surfen Sprachassistenten und Podcast-Boom(s) und alle sind sich einig: Audio wird total wichtig. Das gesprochene Wort wird als Bedien-Oberfläche für Geräte und Anwendungen ebenso Bedeutung erlangen wie in den Räumen, die Clubhouse eröffnet. Hier erzeugt es einen im Wortsinn eigenen Space, in dem heimatliche Gefühle entstehen. Man muss nicht Liebeslieder zitieren, um zu bemerken: Du kannst in vertrauten Stimmen versinken, dich heimisch und verstanden fühlen.

Diese Spaces, die die Stimme eröffnen kann, haben Twitter inspiriert (künftig) mit Drop-in-Audio das zu tun, was Instagram mit den Storys von Snapchat gemacht hat: Ein etabliertes Netzwerk übernimmt ein zentrales Feature eines Newcomers und macht es groß. Klar existiert Snapchat weiter, auch nachdem Instagram Storys kopiert hat. Und vermutlich wird auch Clubhouse nicht geschlossen nur weil Twitter die Quatschen-Funktion integriert. Aber Drop-in-Audio – und damit der Wert deiner Stimme – wird erst durch das etablierte Netzwerk volle digitale Reichweite entfalten.

Meine Erfahrung nach ein paar vorsichtigen Clubhouse-Versuchen und einem Reinhorchen in Twitter legt den deutlichen Verdacht nahe: Deine Stimme wird in den nächsten Monaten immer wichtiger. Womöglich wird die eingangs zitierte Domain nicht mehr lange frei bleiben wird. Im Gegenteil: Wir werden zusätzlich spannende Audio-Experimente sehen hören, von denen Philipp hier schon einige skizziert hat.

Und dazu teile ich die Prognose von Justin Jackson, der in diesem Blogpost Clubhouse und Twitter Spaces vergleicht und zu dem Schluss kommt:

However, my gut feel is that Twitter Spaces has a good chance of disrupting Clubhouse.

Bis es soweit ist, hier ein paar Programmtipps für Clubhouse in den kommenden Tagen:

> Donnerstag, 28.1., 18.30 Uhr: Christoph Koch von Keynoteria hat mich eingeladen übers Sprechen zu sprechen – hier ist der Clubhouse-Link

> Freitag, 29.1., 21 Uhr:
Lucas von Gwinner und ich nehmen die erste Folge der zweiten Staffel „Wirbt das?“ auf – hier ist der Clubhouse-Link & den Podcast gibt es hier

> Mittwoch, 3.2. 10 Uhr: Gemeinsam mit Kolleg:innen aus SZ und SWMH spreche ich über Kundenkontakt während Corona (Link folgt)

> Donnerstag, 4.2. 21 Uhr:
Gemeinsam mit Michele Loetzner und Christoph Koch spreche ich über Inspirierenden Journalismus (Link folgt)

> Freitag, 5.2., 21 Uhr: Lucas von Gwinner und ich nehmen die zweite Folge der zweiten Staffel „Wirbt das?“ auf – den Podcast gibt es hier

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Shruggie des Monats: der glottale Plosiv als hörbarer Unterschied zwischen gestern und morgen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Männer des Fortschritts“ heißt dieses Bild. Es stammt aus dem Jahr 1857. Der aus Frankreich in die USA ausgewanderte Maler Christian Schussele versammelt darauf 19 Männer, die als Innovatoren und Ideengeber ihrer Zeit galten. Heute würde man das Motiv als Mashup bezeichnen. Denn so wie sie hier unter dem Wandgemälde von Benjamin Franklin gemalt wurden, befanden sich die 19 Männer nie in einem Raum. Schussele versammelte sie an einem Ort, weil sie für ihn für den Fortschritt ihrer Zeit standen: Schreibtelegraphen (Samuel F. B. Morse), Hartgummi (Charles Goodyear) und Waffen (Samuel Colt) erfanden diese Herren – und schenkten ihren Erfindungen häufig auch einen Nachnamen.

Aus heutiger Perspektive fällt ein anderer Fortschritt auf, ein gesellschaftlicher. Würde ein Christian Schussele der Gegenwart ein Porträt der Köpfe des Fortschritts malen, die Personen würden weniger gleichförmig daher kommen. Es ist ein Fortschritt, dass Diversität in Geschlecht, Hautfarbe, Alter und Herkunft heute ein wichtiges gesellschaftliches Ziel ist. Doch genau wie die Erfindungen der „Männer des Fortschritts“ ist auch der Fortschritt der Gegenwart mit Widerstand konfrontiert. Auch die Tom Thumb (die erste amerikanische Lokomotive im Jahr 1830, erfunden von Peter Cooper) oder der Virgina-Reaper (Landmaschine, die Cyrus McCormick weltbekannte machte) galten Anfangs als Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge. Dennoch setzten sie sich durch. Denn das ist das Wesen des Fortschritts: Er macht einen Unterschied zwischen gestern und morgen deutlich.

Heute wird dieser Unterschied in einer hörbaren Lücke deutlich, die Menschen lassen, wenn sie zum Beispiel das Wort „Erfinder:innen“ sagen und an der Stelle, wo ich einen Doppelpunkt geschrieben habe, eine kurze Pause lassen. Man spricht von einem glottalen Plosiv und der „kommt im Deutschen im Grunde unentwegt vor“, schreibt mein Kollege Felix Stephan. „Etwa wenn zwei Vokale aufeinandertreffen, die sich nicht in derselben Silbe befinden. Zwischen dem „e“ und dem „a“ in „Theater“ zum Beispiel.“ An der Stelle jedoch, an der der glottale Plosiv seit einer Weile Verwendung findet, sorgt er für große Aufregung – und legt einen sehr tiefen Generationenkonflikt offen.

Kein Gespräch, das ich in den letzten zwei Jahren mit Menschen unter 30 führte, kam ohne den glottalen Plosiv aus. Die hörbare Lücke ist selbstverständlicher Bestandteil der Sprache geworden, um deutlich zu machen: das generische Maskulinum allein ist nicht gerecht. Erstaunlich daran: So selbstverständlich wie der glottale Plosiv genutzt wird, so wenig wird noch darüber diskutiert – im Kreis der jungen Menschen. In anderen Kreisen jedoch ist es zum Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge geworden, ein Beweis für den Untergang der Kultur.

Besonders deutlich wurde dies im letzten Interview, das Holger Stahlknecht in seiner Funktion als Innenminister von Sachsen-Anhalt gab. Nach dem Gespräch wurde der CDU-Landeschef entlassen, weshalb die Debatte um die Nähe zur AfD und eine mögliche Minderheitsregierung ein wenig davon abgelenkt hat, wie Holger Stahlknecht mit dem Fortschritt hadert. Selten hat jemand so deutlich auf den Punkt gebracht, dass er in seinem Leben keine Schreibtelegraphen, Hartgummi oder Landmaschinen will – und deshalb sein Leben zum Maßstab für alle erhebt.

Konkret erkennt man das an dem, was Stahlknecht „Gendersprache“ nennt. Was er wohl meint: eine gendergerechte Sprache. Er sagt:

Niemand spricht jeden Tag über Gendersprache. Und niemand überlegt sich jeden Tag, ob das, was er sagt, politisch immer so superkorrekt ist.

Meiner oben beschriebenen Erfahrung nach, gibt es viele junge Menschen, die gar nicht mehr über Gendersprache, sondern selbstverständlich gendergerecht sprechen – und sich auch bemühen, mit ihren Worten keine Verletzungen anzurichten. Für Holger Stahlknecht sind sie offenbar niemand, weil er sie schlicht nicht kennt – oder weil er sie nicht kennen will. Sonst würde seine Referenzgröße für politisches Handeln nicht mehr funktionieren. Stahlknecht beobachtet nämlich,

… dass wir zunehmend eine von einer intellektuellen Minderheit verordnete Moralisierung erleben. Diese entfernt sich völlig von dem, was das Alltagsleben der Menschen bestimmt.

Wer das „Alltagsleben der Menschen“ zum Maßstab politischen Handelns macht, hat im Kampf gegen den Fortschritt schlechte Karten. Da können Holger Stahlknecht und die anderen Feinde des glottalen Plosivs ja mal die Männer des Fortschritts fragen: all das Neue und anfangs Fremde wird nämlich irgendwann normal und so selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, dass man sich fragt: Wie konnten wir eigentlich ohne auskommen? Das galt für den Schreibtelegraphen, das Hartgummi und es gilt auch für den glottalen Plosiv.

Es ist keine besonders fortschrittsgläubige Prognose zu sagen: der glottale Plosiv bestimmt das Alltagsleben der Menschen bereits. Der Fortschritt ist schon unterwegs, er wird nicht aufzuhalten sein. Die Einlassungen von Holger Stahlknecht, die Annahme, die Verwendung des glottalen Plosivs sei Erziehung oder Bevormundung des Publikums oder all die anderen Reaktionen, die Übermedien auf „die kleine Pause, die einige aufregt“ gesammelt hat, muss man sich merken, denn innerhalb weniger Monate wird niemand mehr verstehen, wie man mal so denken konnte.

¯\_(ツ)_/¯

Deshalb ist es absichtsvolle Ironie, einen Text über geschlechtergerechte Sprache mit den „Männern des Fortschritts“ zu bebildern. Denn Samuel Morse, Charles Goodyear oder Samuel Colt haben sich auch nicht damit zufrieden gegeben, mitgemeint zu sein.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Shruggie des Monats: Das Meta-Meme 2020

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Kriege ich alle Beteiligten an diesem Meta-Meme in eine Zeile? „Cat Vibing zu Trump & Biden im Ievan Polkka auf einer Trump-Pressekonferenz“ müsste dieser Beitrag eigentlich heißen, der sich auf diesen Clip hier bezieht:

Dieser kurze Clip fasst für mich so viel von diesem Jahr aus Meme-Perspektive zusammen, dass ich ihn erstens als Shruggie des Monats, aber auch als Meta-Meme des Jahres auszeichnen möchte.

Die Referenz der Referenz legt diesen Aspekt in doppeltem Sinn nahe: Hier werden so viele Bezüge auf Meme genommen, dass es kaum möglich ist an dem Clip vorbeizukommen. Und all das geschieht auf eine Shruggie-hafte Weise, die wir im Frühjahr von Sara Cooper gelernt haben – und die für das Jahr 2020 stehen wird. Denn es ist das Schlussjahr der Trump-Amtszeit – und der damit verbundenen Anspielungen, Meme und Witzchen (hoffentlich).

Beginnen wir aber mit dem Mann, der dieses Meme ermöglicht – aber gar nicht im Bild zu sehen ist: Bilal Göregen ist in diesem Clip durch Joe Biden ersetzt worden. Im Ursprungs-Clip spielt der blinde Musiker aus der Türkei aber die Trommel (Tambourin), wie er in diesem Interview erzählt. Sein Clip blieb über ein Jahr relativ unbeobachtete im Web bis jemand auf die Idee kam, den Twitch-Charakter CatJam bzw. Vibing Cat in das Video zu montieren. Die musikalische Katze taucht in zahlreichen Videos auf, wie man auf dem Twitter-Account CatVibesTo sehen kann – aber besonders populär wurde sie in Kombination mit der Ievan Polkka von Bilal Göregen.

Das alles geschah zeitlich rund um die US-Wahl so dass es wenig verwunderlich ist, dass kurz darauf die Idee ins Bild gesetzt wurde Bilal Göregen durch Joe Biden zu ersetzen: Fortan trommelt der künftige US-Präsident neben dem bisherigen – denn natürlich bietet es sich an, dass Trump-Tanz-Meme hier zu ergänzen.

Doch damit nicht genug: dieses schöne Trump/Biden-Video wird im Meta-Meme in einen Kontext eingebettet, der ebenfalls bestimmend war für das Jahr. Eine Trump-Pressekonferenz dient als Vorlage, weil wie beiden Bildschirme einfach zu schön und zu weiß darum betteln, als Vorlage genutzt zu werden. Ergänzt wird der Clip um den erneuten – quasi als Meta-Referenz zu lesenden – Auftritt von Tanz-Trump und Vibing Cat im Weißen Haus. Das ist nicht nur eine tolle Referenz an die Referenz, sondern auch ein guter Abschluss für diese merkwürdige Meme-Jahr ¯\_(ツ)_/¯.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:

Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: Wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern

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Ich chille mit der Crew Digga

M to the B – das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: Das unter der Maske lächelnde Emoji

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Es ist derzeit gar nicht so leicht gute Nachrichten in Bezug auf Corona zu finden. Auf Emojipedia gibt es eine Meldung, die nicht nur mich, sondern auch Emojis lächeln lässt: mit dem nächsten Update wird Apple in seinem Ökosystem Emojis zeigen, die unter ihrer Mund-Nase-Bedeckung lächeln.

Ich hatte unlängst im Spaß nach einem „wegen Maske beschlagene Brille“-Emoji gefragt und freue mich jetzt, dass Apple mit dieser Emoji-Ankündigung einen Schritt in Richtung Normalisierung der Masken in Zeiten einer globalen Pandemie geht. Diese Ankündigung ist aber nicht nur mit Blick auf Corona-Leugner:innen und Masken-Verweiger:innen bedeutsam. Es steckt in diesem Alleingang von Apple auch ein Emoji-politischer Aspekt, den ich am Beispiel der Wasserpistole auch in der Gebrauchsanweisung für das Internet beschrieb. Emojipedia kommt aber zu dem Schluss, den ich teilen würde:

If anything, this is a sign of support from Apple on mask-wearing.

Für mich ist diese Entscheidung ein Shruggie des Monats wert, denn auch der Shruggie blickt lächelnd auf die Welt – menschenfreundlich, zugewandt und hoffnungvoll. Auch wenn die Situation anders wirkt.

¯\_(ツ)_/¯

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:
> Im Gegenteil! Drei Versuche über Vernunft (Digitale September-Notizen)
> Vom Umgang mit gefühlter Spaltung und Widerspruch
> Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline
> Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.