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Shruggie des Monats: das Web – Vague but exciting

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

In diesen Tage gab es einige Jubiläumsveranstaltungen und Veröffentlichungen mit dem Titel „30 Jahre Web“. Denn im März 1987 legte Tim Berners-Lee einen ersten Grundstein für das, was wir heute sehr selbstverständlich im Browser ansurfen: das World Wide Web. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, dass wir das seit 30 Jahren tun. Denn im März vor 30 Jahren reichte Berners-Lee einen ersten Vorschlag für ein Projekt ein, aus dem dann irgendwann mal das werden sollte, was wir als Web kennen. Bis eine erste Website online ging, dauerte es bis in den Dezember 1990 und erst im August 1991 wurde das Web einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dass all das aber nicht der Geburtstag des Internet (die zugrunde liegende Infrastruktur) ist, sondern der Beginn einer von zahlreichen auf dem Internet basierenden Anwendungen (eben dem Web), kann man im Detail in der Gebrauchsanweisung für das Internet nachlesen, in der es auch eine Übersicht über die zahlreichen Jahrestage gibt, die man in Bezug auf das Internet feiern kann.

Am Forschungsinstitut Cern, wo Berners-Lee damals arbeitete, wurde der Jahrestag des ersten Forschungsanstrags in diesem Monat gerade mit einem Festakt begangen und in London feierte das Science Museum den berühmten Sohn der Stadt mit einer prominent besetzten Veranstaltung. Tim Berners-Lee hielt dabei (ab ca 1:15 Std) einen Vortrag, der sich inhaltlich deckt mit dem, was er in einem offenen Brief notierte, der dieser Tage in zahlreichen internationalen Medien veröffentlicht wurde.

In dem Vortrag zeigt er auch das erste handschriftliche Feedback, das auf seinen Vorschlag erhielt: „Vague but exciting“ ist so eine schöne (perfekt zum Shrugggie passende) Beurteilung für nahezu alles im Digitalen, dass man die handschriftliche Notiz mittlerweile sogar auf einem T-Shirt gedruckt kaufen.

Unklar, aber spannend – ist eine gute Beschreibung für die Herausforderung, vor die das Web uns stellt. Leider ist das Web und die neue Welt, die sie uns öffnet nicht einfach und eindeutig. Sie ist (wie vermutlich jede Zukunft zu jeder Zeit) ein Raum voller Unsicherheiten und Widersprüche, aber ein spannender Raum. Wir können und wir sollten sie gestalten.

Wie wir das tun, ist leider etwas untergegangen in der Berichterstattung der vergangenen Tage. Denn neben einer recht umfangreichen Analyse dessen, was unklar ist am Web, bringen die Jubliäums-Veröffentlichungen durchaus eine erkennbare Beschreibungen dessen, was digitale Bürger*innen tun können. In der deutschen Übersetzung des Contract for the Web heißt es, Bürger*innen sollten sich folgendes vornehmen:

Gestalter und Mitwirkende im Web sein
Damit das Web für jeden Menschen umfangreiche und relevante Inhalte bereithält.

starke Gemeinschaften bilden, die den gesellschaftlichen Diskurs und die Menschenwürde respektieren
Damit sich jeder Mensch online sicher und willkommen fühlt.

für das Web kämpfen
Damit das Web offen und eine globale öffentliche Ressource für die Menschen bleibt – überall, heute und in Zukunft.

Ich finde in diesen drei zunächst vage klingenen Vorsätzen für digtale Bürgerschaft, steckt ein spannendes Potenzial. Denn was bedeutet dies vor dem Hintergrund der Debatten und Demonstrationen um das Urheberrecht, die wir in der kommenden Woche erleben werden? Was bedeutet es in Bezug auf die Frage, wie wir mit gewaltverherrlichender Propaganda und den Regeln der Aufmerksamkeit zum Beispiel nach dem Terroranschlag von Christchurch umgehen?

Berners-Lees Antwort darauf: Wir sollten Verantwortung übernehmen – für unser Handeln, aber eben auch für das Web als offene Infrastruktur. „Denn das Wichtigste von allem: Bürger*innen müssen Unternehmen und Regierungen in die Pflicht nehmen, sich an die Versprechen zu halten, die sie gegeben haben. Sie müssen von beiden einfordern, dass sie das Web als globale Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger respektieren. Wenn wir keine Politiker*innen wählen, die das freie und offenen Web verteidigen, wenn wir nicht unseren Teil dazu beitragen, eine konstruktive und gesunde Debattenkultur zu pflegen und wenn wir einfach „Zustimmen“ klicken ohne für unseren Datenschutz einzutreten, dann laufen wir vor unserer Verantwortung davon, diese Debatten auf die Agenda unserer Regierungen zu heben.“

Das digitale Klima, die Gesundheit des Web sind bedeutsame Aufgaben für die Zukunft. Mir scheint, dass selbst an einem Festtag wie in dieser Woche das öffentliche Bewusstsein dafür nicht gerade ausgeprägt ist. Entweder weil Menschen das Web ohnehin für böse halten oder weil sie nicht bemerken, wie bedeutsam die Idee einer offenen Infrastruktur ist. Beides halte ich für kurzsichtig. Es ist möglich, einen offenen nicht euphorischen Blick auf das Web zu werfen und zu erkennen, welche demokratische Gestaltungsmacht in dem liegt, was Tim Berners-Lee vor 30 Jahren in einer ersten Idee formulierte. Dies kann gelingen, wenn wir Gestalter und Mitwirkende an diesem gemeinsamen Projekt werden, die Menschenwürde respektieren und für das Web kämpfen.

Jedenfalls kann man darauf im besten Shruggiesinn hoffen ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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Shruggie des Monats: Auf die Straße gehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Wissen Sie,“ sagt Greta Thunberg im Gespräch mit dem Spiegel, „Ich darf nicht wählen, obwohl es hier um meine Zukunft geht. Und zur Schule muss ich gehen. Wenn ich dann schwänze, um gegen die Klimakrise zu protestieren, wird auf meine Stimme viel eher gehört.“ Greta Thunberg ist Vorbild für zahlreiche Schüler*innen und Student*innen, die europaweit freitags streiken. Statt zur Schule oder zur Uni gehen sie auf die Straße. Fridays for Future heißt die Aktion, die sich deutschlandweit vor allem über Dark-Social-Kanäle wie WhatsApp- und Telegram organisiert – wie einer der Mitorganisatoren in diesem Gastbeitrag auf Tagesschau.de erklärt (Details dazu auch in diesem Bento-Bericht)

Am 15. März wollen Klimaschützer*innen weltweit auf die Straße gehen – um für die Einhaltung der Pariser Klimaziele zu demonstrieren. Für acht Tage später ist eine Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform geplant (Hintergründe hier). Beide Themen scheinen die Kraft zu haben, viele junge Menschen auf die Straße zu bringen – um dort ihre Meinung kundzutun. (Foto: Twitter/Adora Belle)

Aber bringt das überhaupt was? Wird sich dadurch die Politik ändern? Die Hauptperson aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ antwortet darauf mit einem unterstützenden Schulterzucken. Denn der Shruggie ist kein teilnahmsloser Zyniker, sondern jemand, der den demokratischen Impuls unterstützt, für die eigenen Interessen auf die Straße zu gehen.

„Wir sind keine Bots“, rufen diejenigen, die am Wochenende gegen die Urheberrechtspläne in Köln auf die Straße gegangen sind. Sie wollen damit deutlich machen, dass sie eigene Interessen vertreten und nicht im Auftrag von Plattformen handeln. Ein CDU-Abgeordneter hatte dies mit einem Tweet nahegelegt. Mit ihrem Protest bringen sie aber auch ihre Lebensrealität, ihren Alltag und ihre Sprache auf die Straße – wie dieses tolle Plakat zeigt (weitere Plakate hat Buzzfeed gesammelt) Zu sehen ist das Table-Flip Emoticon, das dem Shruggie allein deshalb gefällt, weil er aus der gleichen Welt kommt. Details findet man auf der Seite jemoticons, die Emoticons aus japanischen Schriftzeichen versammelt.

Der Table-Flip (rechts der Tisch, den die Figur links aus Protest umgeworfen hat) ist ein Zeichen des Protests – auf neue Art. Vermutlich gab es bisher keine Demonstration in diesem Land, auf der ein solches Symbol gezeigt wurde. Und das allein gefällt dem Shruggie an den Demos des Frühjahrs 2019: Sie werden von einer neuen Generation getragen, die ihre eigenen Symbole und Zeichen prägt. Und die vielleicht auch ein neues Denken verlangt.

Rund um die Schulstreiks junger Menschen hat sich eine Debatte über die Frage entzündet, ob es denn erlaubt sei, freitags einfach nicht zur Schule zu gehen. Verweise und mindestens unentschuldige Fehlstunden drohen. Torsten Beeck hat deshalb schon den Verdacht geäußert, dass diese Hinweise in Zeugnissen künftig als Ausdruck einer politischen Haltung gelesen werden können.

Mich erinnert der Schulstreik an die Wehrdienstverweigerer der Vergangenheit. Die junge Generation des Jahres 2019 verweigert nicht die Wehrpflicht, sondern die Schulpflicht – nicht in Gänze, sondern aus symbolischen Gründen jeden Freitag. Als Wehrdienstverweigerer musste man die eigene Entscheidung schriftlich begründen und einen (längeren) Ersatzdienst leisten. Vielleicht wäre dies auch ein Option für die streikenden Schüler*innen der Gegenwart: Sie können offiziell verweigern – und damit ihren Protest gegen die verfehlte Klimapolitik der Regierung Merkel zum Ausdruck bringen.

Bei der Wehrpflicht hatte diese Form der persönlichen Verweigerung langfristig bedeutsame politische Folgen. Und darum geht es doch, wenn man auf die Straße geht…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Zum Thema Schulstreik empfehle ich den TED-Talk von Greta Thunberg aus dem August 2018 sowie die Übersichtsseite Fridays for Future. Bei Netzpolitik gibt es eine Übersicht der Demonstrationen gegen Artikel 13.

Shruggie des Monats: die Zehn-Jahres-Challenge

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn tatsächlich alles immer schneller und unübersichtlicher wird, dann ist das Veröffentlichen zehn Jahre alter Bilder vielleicht mehr als ein kurzlebiger Trend. Vielleicht ist die Tenyears-Challenge, die gerade Bildpaare aus den Jahren 2009 und 2019 in die Timelines spült, der Versucht, Übersicht zu schaffen. Oder Ordnung. Oder zumindest sowas wie digitale Historizität. Man setzt ins Bild, was Facebook seit einer Weile mit dem „heute vor x-Jahren“-Hinweis erzeugen will: ein Gefühl für die Zeitverfluggeschwindigkeit (Foto: Unsplash)

Die Geschichte des Memes illustriert einige Reflexe in der digitalen Wahrnehmungswelt: vom Aufkommen des Trends, über verstärkende mediale Berichte, die lautstarke Warnungen (Vorsicht: Gesichtserkennung!) und ähnlich laute, aber abschwächende Antworten (Hat Facebook überhaupt nicht mehr nötig). Aus mindestens zwei Gründen eignet sich die Dekaden-Challenge (die in Wahrheit natürlich keine wirkliche Herausforderung ist) als Shruggie-Referenz.

Zum ersten beweist sie: Man kann auch zu früh dran sein mit einer guten Idee. 2018 hat der Shruggie eine Art Zehn-Jahres-Challenge gestartet. Für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ bot er ein Zehn-Jahres-Abo an – leider nicht mit ausreichendem Erfolg. Und nur wenige Monate später spricht das Netz von nichts anderem mehr: die 10-Years-Challenge liefert gerade (unter unterschiedlichen Schlagworten) einen Überblick über optische Veränderungen der vergangenen zehn Jahre. Genau diesen Blick wollte der Shruggie 2018 auch eröffnen – nicht nur optisch.

Damit sind wir beim zweiten Grund, weshalb die Tenyears-Challenge zum ersten Shruggie des Monats 2019 taugt: Sie beweist nämlich wie nah zehn Jahre in Wahrheit ist. Eine Dekade klingt nach irrer zeitlicher Distanz, die Fotos zeigen aber: Zehn Jahre vergehen schneller als man denkt.

Der Shruggie lädt nun dazu ein, den Blick nach vorne zu richten. 2029 ist näher als man denkt. Wie wird die Welt dann sein? Welchen Fortschritt haben wir erzielt? Der Shruggie sieht in den Fotos, die gerade hochgeladen werden, deshalb vor allem eins: den Impuls, an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Denn es geht schneller als man denkt, da laden die Menschen des Jahres 2029 ihre Doppelbilder auf die Social-Media-Plattformen der Zukunft.

Was für eine Zukunft wird das sein? Arbeiten wir dran ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: die Deutsche Umweltwelthilfe (DUH)

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wer steckt eigentlich dahinter, dass wir gerade über Fahrverbote in deutschen Innenstädten reden? Die naheliegende, aber falsche Antwort lautet: die Deutsche Umwelthilfe e.V. Dabei handelt es sich um einen Verein mit Sitz am Bodensee. Dieser Verein ist in den vergangenen Monaten in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit gerückt, weil er vor Gericht gezogen ist und klagt, wenn in deutschen Städte die Stickoxid-Grenzwerten überschritten werden.

Dass diese Grenzwerte überschritten werden, liegt allerdings nicht an der DUH. Den Grund formuliert das Umweltbundesamt so: „Dennoch wäre der Luftgrenzwert an den meisten Orten einzuhalten gewesen, wenn die Realemissionen der Diesel-Pkw nicht in wachsendem Maße die Emissionen auf dem Rollenprüfstand überschritten hätten.“ Man könnte auch sagen: die Autos stoßen mehr giftige Gase aus als die Hersteller behauptet haben.

Deshalb wird Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, aktiv: „Vor einer Automesse ließ er sich im September mit einer Atemmaske fotografieren, darauf stand der Slogan „Diesel-Abgase töten!“. Im jüngsten Jahresbericht der DUH warnt er davor, dass „die Innenstädte auf viele Jahre nicht bewohnbar“ wären, falls es nicht gelänge, die Stickstoffdioxidbelastung zu reduzieren.“ So steht es in einem Bericht des Magazins Capital, der mit den Worten „Das fragwürdige Geschäftsmodell der Umwelthilfe“ überschrieben ist. Der Text meint es nicht gut mit Resch und urteilt: „Seine Kompromisslosigkeit verprellt selbst alte Mitstreiter wie Baden-Württembergs grünen Regierungschef Winfried Kretschmann, der nicht mehr mit Resch redet.“

Dass dies vielleicht auch daran liegen könnte, dass Kretschmann sich etwas zu kompromissbereit in eine eigenwillige Richtung verändert hat, erwähnt der Text nicht. Er liefert vielmehr Argumente für die Diskussion, die wenige Tage später auf dem CDU-Parteitag geführt wurde. Dabei fallen Begriffe wie Abmahnverein und die Gemeinnützigkeit der DUH wird in Frage gestellt. Dass darüber weder die Regierung und schon gar keine Partei zu entscheiden hat, ist vor lauter Auto-Wut bei der CDU niemandem aufgefallen. Und dass man die Erkenntnisse des Capital-Berichts schon 2017 in der SZ lesen konnte auch nicht: „Die DUH ist keine klassische Umweltorganisation mit Ortsgruppen, wie etwa der Bund für Umwelt- und Naturschutz. Sondern eher eine Art Öko-Firma, die Kampagnen, Klagen und Projekte initiiert, für Rußfilter in Autos, gegen Plastiktüten, oder eben gegen schmutzige Diesel. Und zur Finanzierung auch Umweltsünder per Abmahnung zur Kasse bittet. Letzteres brachte 2015 immerhin fast 2,5 Millionen Euro; führt aber dazu, dass der DUH auch der Ruf eines Abmahn-Vereins anhaftet. Zu Unrecht, wie Resch findet, der lieber von Verbraucherschutz redet. Firmen, die mit Falschaussagen über angeblich ökologisch unbedenkliche Produkte ihre Kunden in die Irre führten, müssten haften.

Diese ungewöhnliche Form der Finanzierung ist in den vergangenen Wochen zum zentralen medialen Thema geworden. Geschäftsführer Resch erkennt dahinter eine Kampagne der Autoindustrie, wie er in diesem Horizont-Interview erklärt.

In jedem Fall lässt sich an der Debatte ein bedeutsamer Shruggie-Punkt illustriert. Denn es ist sogar möglich, die Finanzierung der DUH bemerkenswert und ihre Aktionen gegen giftige Luft in deutschen Städte richtig zu finden. Ambiguitätstoleranz nennt man das – und diese Haltung war schon im Sommer mal Thema in dieser Rubrik hier. Deshalb stelle ich den Verein hier vor – und weil er zum Jahreswechsel auf einen weiteren wichtigen Punkt in Sachen Luftverschmutzung hingewiesen hat: Silvester-Feuerwerk ist eine enorme Belastung für die Luft und für die Umwelt. Bis zu 5000 Tonnen Feinstaub werden, so die DUH, durch Feuerwerkskörper freigesetzt. Deshalb fordert der Verein „einen Stopp von Feuerwerken in den mit Luftschadstoffen hoch belasteten Innenstädten“. (Foto: unsplash)

Eine Forderung, mit der man sich nicht nur Freunde macht – auch deshalb passt der Verein (den man übrigens hier als Fördermitglied unterstützen kann) in die Rubrik Shruggie des Monats

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: Der Advent

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Achtung, es könnte kurz kitschig werden. Denn die Adventsfolge der Rubrik „Shruggie des Monats“ möchte ich mit einem adventlichen Gedicht beginnen. Es stammt von Joseph von Eichendorff, heißt „Weihnachten“ und endet mit diesen Reimen:

„Sterne hoch die Kreise schlingen
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen:
O du gnadenreiche Zeit!“

Mir fielen die Zeilen (die ich tatsächlich mal in der Schule auswendig lernen musste) wieder ein als ich vor ein paar Tagen des Buch „Die Vereindeutigung der Welt“ von Thomas Bauer las. Bauer, Arabist und Islamwissenschaftler, beschreibt darin den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt (so der Untertitel) in der Gesellschaft. Das Buch ist ein Appell für Ambiguitätstoleranz und einen offenen Umgang mit Mehrdeutigkeiten. Bauer analysiert eine gesellschaftliche Entwicklung, die der Shruggie als das Aufkommen der einfachen Antworten beschreibt: „In vielen Lebensbereichen erscheinen deshalb Angebote als attraktiv, die Erlösung von der unhintergehbaren Ambiguität der Welt versprechen. Diese gelten ihren Anhängern und Jüngern als besonders zeitgemäß und fortschrittlich und haben vielfach die Diskurshoheit in ihrem jeweiligen Feld erobert. Demgegenüber wird Vielfalt, Komplexität und Pluralität nicht mehr als Bereicherung empfunden.

Das Aushalten von Vieldeutigkeit ist dem Shruggie ein Zeichen von Gelassenheit. Bauers Buch dreht diese Perspektive einen Schritt weiter bzw. um: Das Verweigerung von Vieldeutigkeit wächst sich zu einem gesellschaftlichen Problem aus.

Das ist lesenswert beschrieben und würde alleine für einen Buchtipp reichen.
Dann entdeckte ich aber einen Aspekt in dem Buch, der das Einstiegsgedicht auslöste. Bauer leitet nämlich her, dass Religion und Glauben per se ein Ausdruck von hoher Ambiguitätstoleranz ist. Denn wer an einen Gott glaubt, begibt sich damit automatisch in ein Feld der Mehrdeutigkeit (es sei denn er betreibt den Glauben fundamentalistisch). Bauer formuliert das schöner und auf den Punkt so:

Religion beruht auf dem Glauben an etwas, das größer und anders ist als wir. Und weil das so ist, ist es auch nicht restlos ausdeutbar. Wie sehr sich auch die klügsten Theologen und Religionsgelehrten bemühen, das Transzendente in Begriffe zu fassen, bleibt doch immer ein Rest an Vagheit, Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit, also an Ambiguität.

Diesen Rest an Ambigutität, den Religion offenlegt, möchte ich im November als Shruggie des Monats loben – und mit Blick auf all die kommerzialistierte Adventskultur, die in diesen Tagen aufgeladen mit Glühweinduft durch die Innenstädte wabert, will ich sogar einen Schritt weitergehen und den Advent als Ausdruck von Ambiguität loben. (Foto: Unsplash) In christlicher Tradition wird die Zeit, in der der „Ankunft des Herren“ gedacht wird, als Beginn des Kirchenjahres verstanden. Es ist die Zeit vor der Geburt Jesus Christus, also vor der Menschwerdung Gottes. Mit Blick auf die Ambigutität formuliert: Der Advent ist eine zentrale Zeit in der Vagheit der christlichen Religion. Es ist eine Vorbereitungsphase auf das Weihnachtsfest, das selber voller Mehrdeutigkeiten steckt.

Denn der Shruggie stimmt in keiner Weise in den Chor derjenigen ein, die ein Klagelied darüber singen, dass es Menschen gibt, die nur an Weihnachten in die Kirche gehen. Diese Vagheit, das Jahr über Kirchen zu meiden und an Weihnachten doch „O du Fröhliche“ dort singen zu wollen, ist ihm nicht verwerflich, sondern Ausdruck einer Form der Ambiguitätstoleranz, die man nicht mit Gleichgültigkeit verwechseln sollte. Dass ein Glauben – und sei es nur in kleinen Dosen – vorhanden ist, zeigt, dass die Bereitschaft zur Vagheit nicht ganz verloren gegangen ist. Denn vage oder unbestimmt zu sein, ist kein Zufallsprodukt, sondern eine Fähigkeit. Der Rest an Mehrdeutigkeit, der in dem Unausdeutbaren des Glaubens bleibt, ist eine Herausforderung, die man bewältigen muss – und übrigens nicht nur im Advent.

Religion im Allgemeinen und die feierlich beleuchtete Vorweihnachtszeit im Besonderen sind Symbol einer Uneindeutigkeit, die man aushalten ja sogar lernen muss.
Denn sie ist die Voraussetzung für Vielfalt und Mehrdeutigkeit – wie man bei Bauer nachlesen kann. Für den Shruggie ist diese Ambiguitätstoleranz die Basis für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen – der Advent kann uns auf erstaunliche Weise daran erinnern.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

In Kategorie: DVG

Shruggie des Monats: Das Mitgliedschaftsmodell des Guardian

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Umsonstkultur. Wann immer über Geschäftsmodelle im digitalen Raum gesprochen wird, taucht das Wort auf: Die Umsonstkultur des Internet wird dann stets als Problem beschrieben. Sie sei Geburtsfehler und auf jeden Fall schuld an den aktuellen Herausforderungen, die das Internet uns bringt. Mir ist aufgefallen, dass ich schon 2009 hier im Blog über den Mythos vom Geburtsfehler geschrieben habe. Und schon damals wollte ich dem Wort Umsonstkultur nicht glauben.

Dieser Tage habe ich ein Zitat gelesen, das vor dem Hintergrund der Umsonstkultur eine besondere Kraft entwickelt: „Die Annahme, nur weil der Guardian seine Inhalte kostenfrei in Netz stellt, könne man die Leserschaft nicht von dem Wert überzeugen, für den sie auch bereits sind zu bezahlen, hat sich als falsch erwiesen.“
Das Zitat stammt von Anna Bateson, sie ist beim Guardian für das zuständig ist, was Menschen, die das Wort Umsonstkultur mögen, Paid Content nennen würden. Beim Guardian wäre der passende Job-Titel eigentlich „Chief Supporter Officer“ gewesen, erzählt sie in diesem Interview. Da das aber merkwürdig klingt, wählte man den Titel „Chief Customer Officer“ als die Stelle 2017 für sie geschaffen wurde. Bateson war vorher bei Google beschäftigt – als „Director of Global Consumer Marketing“ bei der Videoplattform YouTube.

Und als sie zum Guardian wechselte, schaute sie sich an, wie Wohltätigkeitsorganisationen und politische Bewegungen organisiert sind. Denn für Bateson geht es nicht in erster Linie darum, Inhalte eines Medienhauses zu verkaufen. Sie bittet vielmehr um Unterstützung für eine globale Bewegung. So beschreibt sie ihren Job, der sich auf die Kunst des Bittens stützt, die Amanda Palmer schon 2013 beschrieben hat (wobei Art of Asking natürlich besser und vielschichtiger klingt). In jedem Fall liegt genau in diesem Unterschied zwischen Abo und Mitgliedschaft ein Grund dafür, warum Menschen (wie z.B. auch ich) den Guardian finanziell unterstützen – und zwar nicht obwohl er seine Inhalte frei ins Netz stellt, sondern gerade weil er das tut.

Das klingt zunächst unlogisch, begründet sich aber auf der Besonderheit des Digitalen und ist aus beiden Gründen die perfekte Situation für den Shruggie des Monats ¯\_(ツ)_/¯

Inhalte können im Netz identisch dupliziert werden, sie zu teilen ist eine Grundidee des Web (Man kann nicht nicht kopieren). Der Guardian hat darauf reagiert und einen Weg eingeschlagen, auf dessen Straßenschild im Englischen Donation steht. Es einzig mit Spende zu übersetzen, würde aber zu kurz greifen. Es geht vielmehr um eine Mitgliedschaft, die sich auf mehr begründet als auf den Zugang zum Inhalt. Es geht um Teilhabe und um die persönliche Antwort auf die Frage: Auf welcher Seite stehst du?

Vermutlich lässt sich darin am besten der Unterschied zwischen einem Abo- und einem Mitgliedschaftsmodell fassen. Dazu twitterte diese Woche Rob Wjinberg, Gründer der niederländischen Plattform The Correspondent, einige spannende Gedanken:

Let’s be clear on what we see as the core difference between subscription and membership. Subscribers pay money to get a product (i.e. access to a site). Members join your (journalistic) cause. How do you get people to “join a journalistic cause”? Well, a good start is: hire journalists who are deeply engaged with and care about their subject of expertise. And then: allow them to *express* their deeply felt convictions in all kinds of ways. (…) we ask our correspondents to write *a mission statement*. That’s right. We have them write down why they are so passionate about their subject matter, how they hope to inspire you to care too, and what they hope to find out once they start their research.

Ein journalistisches Mission Statement!? Wer hat so etwas? Wer hat (für sich oder andere) aufgeschrieben, warum sie sich für dieses oder jenes Thema begeistern? Wie sie die Leserschaft inspirieren und dafür gewinnen wollen, sich auch für das Thema zu interessieren? Und was sie hoffen herauszufinden, wenn sie sich diesem Thema widmen? Die Antworten bilden den Kern dessen, was Wjinberg „your journalistic cause“ nennt. Beim Guardian haben wir auf ganz großer Bühne gesehen, was dies im Fall Snowden bedeuten kann, De Correspondent beweist, dass es auch auf kleinerer Bühne funktionieren kann.

Ich habe hier im Blog immer wieder auf diese andere Perspektive auf das Thema Leserfinanzierung hingewiesen. Als ich dann aber diese Woche den Text las, aus dem das obige Zitat von Anne Bateson stammt, hatte ich das Gefühl: Das ist keine theoretische Spinnerei, sondern handfeste Geschäftsgrundlage für die weltweite Medienmarke The Guardian.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: das Magazin Economist

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen.

Sollte man Steve Bannon eine Bühne bieten? Über diese Frage wird in angelsächsischen Medien gerade heftig gestritten. Anlass ist eine Ein- und wieder Ausladung des ehemaligen Beraters von Donald Trump durch das Magazin New Yorker. Bannon hätte im Rahmen des New Yorker Festivals vom angesehenen Chefredakteur David Remnick interviewt werden sollen. Wenige Minuten nach der Ankündigung, regte sich heftiger Widerstand und prominente Teilnehmer*innen kündigten an, nicht beim Festival aufzutreten, sollte Bannon dort auftreten. Daraufhin zog Remnick die Einladung zurück:

Im Guardian kommentierte Arwa Mahdawi die Entscheidung sehr klar als doppelt falsch. Sie schrieb:

The New Yorker’s decision to give Bannon a platform was irresponsible and immoral. While it has rescinded the invitation, harm has already been done. Indeed, I imagine that getting invited and then uninvited from the festival was Bannon’s dream scenario. First he gained intellectual legitimacy by having the New Yorker announce him as a headliner. Then he got to do what the far right seems to enjoy doing the most: play the victim. No doubt extremists everywhere are dashing off opinion pieces about how conservative views are being censored by the liberal media.

Auch in meiner Timeline und im direkten Umfeld hörte ich viele, die genau diese Meinung teilen. Ich bin allerdings sehr unsicher: Löst es das Problem, wenn man Bannon einfach nicht zuhört?

¯\_(ツ)_/¯

Zanny Minton Beddoes hat darauf heute eine beeindruckende und wie ich finde richtige Antwort gegeben. Sie ist die Chefredakteurin des Magazins Economist. Dort hat man im Frühjahr ein Debattenformat namens Open Future gestartet – und im Rahmen dieser Debatten hatte man ebenfalls Steve Bannon eingeladen. Doch anders als der Remnick hält Minton Beddoes an ihrer Einladung fest – und die Begründung dafür halte ich für souveräner und vor allem liberaler als Remnicks Entscheidung. Minton Beddoes schreibt:

Mr Bannon stands for a world view that is antithetical to the liberal values The Economist has always espoused. We asked him to take part because his populist nationalism is of grave consequence in today’s politics. He helped propel Donald Trump to the White House and he is advising the populist far-right in several European countries where they are close to power or in government. Worryingly large numbers of people are drawn to nativist nationalism. And Mr Bannon is one of its chief proponents.

The future of open societies will not be secured by like-minded people speaking to each other in an echo chamber, but by subjecting ideas and individuals from all sides to rigorous questioning and debate. This will expose bigotry and prejudice, just as it will reaffirm and refresh liberalism. That is the premise The Economist was founded on.

Ich glaube, sie hat recht. Demokratisch zu sein, heißt doch eben nicht einfach nur Recht zu haben. Es heißt auszuhalten, dass es andere Meinungen gibt, Pluralismus zu leben und den kritischen Austausch zu suchen. Es ist anstrengend das auszuhalten, es ist eine Herausforderung, aber ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktioniert: dass man sie trainieren muss.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: der „für später“-Button von Pocket

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext, das Stories-Format sowie die Özil-Debatte beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen.

Heute nun: der „für später“-Button des Dienstes Pocket ¯\_(ツ)_/¯

Wann genau ist eigentlich dieses „später“? Wann kommt also der Zeitpunkt, an dem ich die Ruhe finde all das zu lesen, was ich da per Mausklick speichere? Die Frage stelle ich mir seit geraumer Zeit. Zeit fast zehn Jahren nämlich sammle ich Lesetipps für später – mit einem Dienst, der Instapaper heißt und anfangs von dem sehr umtriebigen Programmierer Marco Arment quasi alleine auf die Beine gestellt wurde. Arment verkaufte Instapaper irgendwann und zuletzt sorgte der Dienst für Aufmerksamkeit, weil er Probleme mit dem europäischen Datenschutz hatte. Ich jedenfalls nutze ihn sehr lange und mindestens so häufig wie ich mich übers Archivieren und Wiederfinden von guten Texten freue, frage ich mich auch: Wann ist eigentlich später?

Die Antwort ist – natürlich – ein fröhliches Schulterzucken. ¯\_(ツ)_/¯

Denn auch wenn es in der Hektik des „schnell-speichern-und-vergessen“-Alltags manchmal untergeht: Es gibt diese guten Später-Momente durchaus. Eine lange Zugfahrt, auf der ich mich freue, all die Texte lesen zu können, die ich mal so spannend fand, dass ich sie speicherte. Deshalb sind Dienste wie Instapaper (und eben Pocket, auf das ich gleich komme) eben sehr tolle Erfindungen und deshalb ist das Klicken auf den „für später“-Button auch immer eine kleine Hoffnung auf ein besseres Morgen – verbunden mit dem Versprechen dereinst Zeit zu haben all das auch zu lesen.

Dass ich diese buttongewordene Hoffnung auf ein besseres Morgen genau jetzt als Shruggie des Monats auswähle, hängt mit der letzten Folge meines Newsletters zusammen. Anfang August drückten nämlich so viele Menschen bei dem Text Fünf Fitness-Übungen für Demokratie auf den „für später“-Button, dass meine Zugriffsstatistiken verrückt spielten.

Schuld daran ist der Instapaper-Konkurrent Pocket. Der hieß früher mal Read it later. Aber anders als Instapaper verkaufte der Gründer Nate Weiner den Dienst nicht, sondern entwickelte ihn weiter und betreibt ihn jetzt unter dem Dach der Mozilla-Foundation, die unter anderem auch den Browser Firefox entwickelt. Und der Firefox ist der Grund für den Traffic-Anstieg auf meinem Blog.

Mozilla möchte mit Hilfe von Pocket (und dem eingebauten „für später“-Button) ein Projekt realisieren, das sie Context Graph nennen. Sie wollen Nutzer*innen in Firefox auf Basis von Pocket-Empfehlungen Lesetipps ausspielen, die zu deren Interessen passen. Wie das gelingen kann, ohne Nutzerdaten zu speichern, wird hier erklärt. Wie das angenommen wird, kann ich auf Basis meines letzten Newsletters erklären: ziemlich gut.

Mein Text landete offenbar bei so vielen Firefox-Nutzer*innen auf der Startseite in den Pocket-Empfehlungen, dass nicht nur die Zugriffe auf dieser Seite in die Höhe gingen – auch die Abozahlen in meinem Newsletter stiegen massiv an. Das freut mich natürlich – und erinnert mich ein wenig an die Anfänge von Social-Media als derartige Reichweiten-Sprünge aus anfangs unerklärlichen Gründen noch häufiger passierten. Vielleicht steckt in der Pocket-Firefox-Entwicklung ähnliches Potenzial. In jedem Fall zeigt sie: Inhalte alleine sind immer weniger wert. Der Kontext wird immer wichtiger.

Wer sich für Hintergründe zu dieser Entwicklung interessiert, kann mal in mein Buch „Das Ende des Durchschnitts“ schauen oder sich bei The Verge dieses Interview mit Pocket-Chef Nate Weiner anhören.

Ich habe jedenfalls in diesem Monat meinen „für später“-Button von Instapaper zu Pocket umgezogen (das geht dank Export bei Instaper und Import bei Pocket recht einfach). Hier kann man meine öffentlichen Lese-Empfehlungen anschauen – ganz oben in der Liste sind gerade alte Folgen meines Newsletters. Denn auch hier im Blog gibt es ab sofort einen „für später“-Button von Pocket unter jedem Text. Denn kann man künftig gerne drücken – in der stillen Hoffnung auf ein gutes später mit mehr Zeit zur Lektüre

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Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: Die Özil-Debatte

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext sowie das Stories-Format beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich bin Mesut Özil dankbar. Denn es gibt einen Aspekt an der gerade in aller Heftigkeit laufenden Debatte, den ich uneingeschränkt und ohne jegliche Abwägung und Einordnung dank Mesut Özil betonen kann: So einfach ist es nicht. Mit diesem Satz liegt man in nahezu jeglicher Debatte über den Nationalspieler nicht falsch. Und das ist schon ziemlich viel Wert: nicht völlig falsch zu liegen.

Denn die Özil-Debatte präsentiert in aller Anschaulichkeit eine der definierenden Grundeigenschaften zahlreicher gegenwärtiger Herausforderungen, die man ebenfalls mit dem Satz „So einfach ist das nicht“ zusammenfassen kann. Bei immer mehr Problemen sind die Abhängigkeiten und Verknüpfungen so unübersichtlich und komplex geworden, dass wir mit einfachen Antworten nicht mehr weiter kommen – auch und gerade nicht in der Özil-Debatte. Sie ist, wie der Kollege Friedemann Karig es sehr treffend auf den Punkt gebracht hat, eine (wie ich finde:) großangelegte Übung in „Ambiguitätstoleranz“

Wir müssen lernen, mit Widersprüchen und Mehrdeutigkeiten umzugehen. Das drückt der Begriff Ambiguitätstoleranz aus – und die Özil-Debatte zwingt uns genau dazu. Denn sie ist voll von „Aber andererseits“-Argumenten, die es zu bedenken gilt, wenn man sich von den Verfechtern der einfachen Schuldzuweisungen distanzieren will. Das menschenfreundliche Schulterzucken des Shruggie ist für mich das perfekte Symbol für Ambiguitätstoleranz – und die aktuelle laufende Debatte um Mesut Özil eignet sich deshalb so gut für eine Übung genau darin, weil sie voll ist von Meinungen und Gewissheiten. Nahezu jeder Wortbeitrag zum Thema ist voll von festen Standpunkten und Ansichten. Aber fast kein Wortbeitrag bringt die Offenheit und die Toleranz auf, nachzufragen was ständiger Antrieb des Shruggie ist: Was, wenn das Gegenteil richtig wäre?

Dieser Pluralismus ist Grundlage für ein weltoffenes, tolerantes Land und die Debatte um Mesut Özil erinnert uns alle daran, dass es etwas gibt, was wichtiger ist als einfach nur recht zu haben: der Wettstreit der Ideen. Dafür einzutreten heißt eben auch, den Verdacht zuzulassen, dass die Gegenseite Recht haben könnte – oder schlimmer noch, dass mehrere Aspekte richtig sein könnte. (Foto: Unsplash/Ozan Safak)

Genau davon handelt die Haltung des Shruggie – und er hat sie diese Woche in einem Mehr Ratlosigkeit wagen überschriebenen Essay im Deutschlandfunk ausführlich dargelegt. Der Beitrag wurde an dem Tag veröffentlicht, an dem nachmittags viele tausend Menschen gegen Hetze und für eine menschenfreundliche Politik in München auf die Straße gegangen sind und an dem abends Mesut Özil seine III/III Stellungnahmen veröffentlichte.

Die CSU empfindet das Eintreten für eine menschliche Politik als Angriff auf ihre Vertreter*innen. Das klingt nicht nur entlarvend, es legt auch ein demokratisches Defizit offen: Die CSU hat sich ausführlich mit der #ausgehetzt-Demo befasst, sie hat dafür Plakate gedruckt und im Anschluss auch eine absonderliche #WirsindCSU-Kampagne gestartet, in der sie sich als Opfer von linker Hetze sieht. Ich frage mich, wieviel sinnvoller diese Energie investiert gewesen wäre, hätte ein CSU-Landtagsabgeordneter das getan, was die Vertreter*innen anderer Parteien bei der Demo am Sonntag auf dem Königsplatz getan haben: Fünf Minuten vor den Demonstranten zu sprechen. Für das demokratische Klima in diesem Land (und vermutlich sogar für die Wahlergebnisse der CSU) wäre ein solcher Auftritt sicher hilfreicher gewesen als die etwas merkwürdige Kampagne, die man jetzt zu starten versucht.

Denn Ambiguitätstoleranz zu praktizieren, heißt ja nicht nur festzustellen, dass es keine einfachen Lösungen mehr gibt. Es heißt auch, auszuhalten, dass es Widerspruch gibt – von der Bühne und vor der Bühne. Meiner Meinung nach müssen wir hier allesamt noch etwas üben. Mesut Özil hat das sehr eindrücklich offen gelegt.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: das Stories-Format

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen und die Plattform Startnext beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich verstehs nicht. Das Format widerspricht allem, was ich meinte über Social Media verstanden zu haben: Man kann es nur für kurze Zeit (24 Stunden) ansehen, es gibt keine Möglichkeit zu öffentlichen Likes oder Kommentaren, keinen sichtbaren Austausch und maximal 15 Sekunden Zeit. Die im Hochformat gefilmten Sequenzen, die Snapchat unter dem Namen Stories erfand, sind mir ein Rätsel – aber ein faszinierendes. Seit Instagram das Format kopiert hat, versuche ich zu verstehen, was den Reiz der Stories ausmacht – mit mäßigem Erfolg. Bis ich mich meiner Ratlosigkeit stellte, einfach selber konsequent Stories zu nutzen begann und einen tollen Text dazu las.

Dabei soll ich hier gar nicht so sehr darum gehen, dass Ian Bogost in diesem the Atlantic-Text Stories als erstes Smartphone-Medienformat beschreibt. Als Shruggie des Monats wähle ich das Story-Format, weil ich eine Menge Leute kennen, die meine Ratlosigkeit ihnen gegenüber teilen. Sie verstehen einfach nicht so genau, was dieses Format will oder soll. Und genau diese Verstörung ist Ausgangspunkt für Neues – behauptet jedenfalls der Shruggie. Er fordert gar dazu auf, sich dieser Irritation bewusst auszusetzen. Eben um auf neue Ideen zu kommen.

Ich bin weit davon entfernt, auf Story-Ideen zu kommen. Seit ich aber aus der Ratlosigkeit heraus begonnen habe, selber kleine Sequenzen zu filmen und zu veröffentlichen, habe ich eine erstaunliche Shruggie-Beobachtung gemacht: Die Verwirrung verschwindet.

Durch die Benutzung habe ich selber verstanden, was ich vorher nur von außen geahnt habe: Die zeitliche Verknappung der Stories sind die grundlegende Basis ihres Erfolgs. Um auf dem Laufenden zu bleiben, was meine Freunde beschäftigt, muss ich sehr regelmäßig ihre Stories anschauen. Denn wenn es blöd läuft, verpasse ich sonst eine zentrale Information – die eben nach 24 Stunden verschwunden ist. So wie Twitter auf die unbegrenzte Möglichkeit der Veröffentlichung mit einer Begrenzung der Zeichenzahl reagiert, so setzt das Stories-Format in Zeiten der ständigen Verfügbarkeit von Online-Inhalten auf deren zeitliche Begrenzung. „Gibts halt nur 24 Stunden, musst du jetzt gucken“ ist die Online-Entsprechung zur Schlange am angesagten Club – eine Verknappung, die das Interesse steigert.

Richtig begriffen habe ich das erst, als ich über meine eigenen Ratlosigkeit hinweg begonnen habe, selber Stories zu veröffentlichen. Denn natürlich bleiben diese nicht ohne Reaktion – die Reaktionen geschehen aber nicht mehr öffentlich. Es gibt einen privateren Austausch als jener auf der Social-Media-Bühne. Auch das ist ein interessanter Aspekt, den ich als außenstehender Beobachter vermutlich nicht erkannt hätte.

Und abseits der formalen Aspekte, eröffnet das Format tatsächlich ein neues Erzählmuster und veränderte filmische Narrative. Ob es – wie Ian Bogost schreibt – wirklich das erste Smartphone-Medienformat ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube er liegt nicht falsch, wenn er analysiert:

“Photography is not about the thing photographed,” Winogrand once said. “It is about how that thing looks photographed.” And likewise, a Story is not about the things sequenced in the story. It is about how those things look through the sensors and software of a smartphone. It’s a dubious sensation, to stare down the barrel of that future.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen