Alle Artikel mit dem Schlagwort “Shruggie des Monats

Shruggie des Monats: Die digitale Präsenz

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Das da oben auf dem Bild ist Seoul, Südkorea. Ich sitze in einem Auto, höre einen lokalen Radionsender und fahre durch die Straßen der Millionenmetropole. Klar, in Wahrheit sitze ich in München im Homeoffice, aber die Seite Drive And Listen gibt mir das Gefühl, ich sei wieder in Südkorea.

Das ist wunderbar. Denn mit einem Klick kann ich auch durch Amsterdam oder Barcelona fahren. Und mit zwei weiteren Klicks finde ich raus: die Seite wurde in München gebaut. Von Erkam Şeker, der hier an der TU studiert und der Welt diese tolle Seite geschenkt hat, die einen Blick raus aus dem Lockdown gewährt (man kann ihm übrigens hier auf Instagram folgen und hier einen Kaffee kaufen. Und wer noch mehr lokale Radiostationen weltweit hören und sich via Google-Maps in die passende Städte begeben will, kann sich auch mal eine Weile durch Radiogarden klicken.)

Ich erzähle das, weil diese kleine Geschichte im doppelten Sinn der Beweis für die These ist, die im zu Beginn des ersten Lockdowns notierte: Immerhin haben wir das Internet. Mehr noch: Die vergangenen Monate haben uns gelehrt, dass das Internet mehr ist als ein Notlösung, dass digitale Präsenz eine ganz eigene auch wertvolle Form der Verbindung ist.

¯\_(ツ)_/¯

Was ich damit meine, könnte vermutlich Leander Wattig am besten beschreiben, der das Schweigen in Clubhouse erfunden hat: der Ruheraum zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen gemeinsam an einem virtuellen Ort sind und schweigen. Mittlerweile gibt es das Prinzip des „stillen Vernetzens“ in zahlreichen Varianten in Clubhouse und Leanders wunderbare Idee ist zu einem Symbol für das geworden, was ich digitale Präsenz nennen würde: das besondere Gefühl auf mehr als virtuelle Weise verbunden zu sein.

Beim so genannten Presence-Projekt wird der gemeinsame Raum nicht akustisch, sondern optisch erlebbar. Ich kann in der App sehen, wie jemand woanders ebenfalls den Bildschirm berüht – und wenn wir gemeinsam den gleichen Punkt auf dem Smartphone berühren, vibriert das Gerät leicht.

Die App Color Chat überträgt die Konversation in Textform auf Farben und in der Sonar-App kann ich gemeinsam mit anderen Musik hören und mich austauschen.

All diese kleinen Beispiele zeigen, dass die Art der Live-Verbindung übers Netz, die ich 2020 mal in diesem Schwerpunkt begleitet habe, kein Notlösung mehr ist, sondern zu einer Verbindungsform geworden ist. Telebier, gemeinsames virtuelles Fernsehen oder Kinoabende werden auch über die Pandemie hinweg die digitale Kultur prägen.

Und bis dahin können wir mit der Seite citywalk.live durch fremde Städte spazieren – und mit dem Feature „Group Walks“ sogar gemeinsam mit anderen in Echtzeit.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Shruggie des Monats: deine Stimme

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Während ich diese Zeilen tippe ist die Domain drop-in-audio.de noch frei. Das ist deshalb erstaunlich, weil ich diese Zeilen im Augen eines Hype-Orkans schreibe, in dem Drop-in-Audio das nächste große Dinge zu sein scheint (Symbolbild: Cooles Telefonieren bei Unsplash) Über die Hype-Mechanik habe ich hier schon geschrieben und hier gesprochen. Um das, was nach dem Hype bleiben wird, geht es in dieser Januar-Folge der Shruggie-Rubrik.

Denn natürlich lautet die korrekte Antwort hier (wie so oft):

¯\_(ツ)_/¯

Aber der Clubhouse-Hype erinnert uns in diesen deprimierenden Wintertagen der Pandemie daran, dass wir eine Stimme haben. Die Stimme als fast schon intimer Ausdruck der eigenen Persönlichkeit bildet den Kern dessen, was gerade eine etwas hektische Aufregungswelle erzeugt. Auf der surfen Sprachassistenten und Podcast-Boom(s) und alle sind sich einig: Audio wird total wichtig. Das gesprochene Wort wird als Bedien-Oberfläche für Geräte und Anwendungen ebenso Bedeutung erlangen wie in den Räumen, die Clubhouse eröffnet. Hier erzeugt es einen im Wortsinn eigenen Space, in dem heimatliche Gefühle entstehen. Man muss nicht Liebeslieder zitieren, um zu bemerken: Du kannst in vertrauten Stimmen versinken, dich heimisch und verstanden fühlen.

Diese Spaces, die die Stimme eröffnen kann, haben Twitter inspiriert (künftig) mit Drop-in-Audio das zu tun, was Instagram mit den Storys von Snapchat gemacht hat: Ein etabliertes Netzwerk übernimmt ein zentrales Feature eines Newcomers und macht es groß. Klar existiert Snapchat weiter, auch nachdem Instagram Storys kopiert hat. Und vermutlich wird auch Clubhouse nicht geschlossen nur weil Twitter die Quatschen-Funktion integriert. Aber Drop-in-Audio – und damit der Wert deiner Stimme – wird erst durch das etablierte Netzwerk volle digitale Reichweite entfalten.

Meine Erfahrung nach ein paar vorsichtigen Clubhouse-Versuchen und einem Reinhorchen in Twitter legt den deutlichen Verdacht nahe: Deine Stimme wird in den nächsten Monaten immer wichtiger. Womöglich wird die eingangs zitierte Domain nicht mehr lange frei bleiben wird. Im Gegenteil: Wir werden zusätzlich spannende Audio-Experimente sehen hören, von denen Philipp hier schon einige skizziert hat.

Und dazu teile ich die Prognose von Justin Jackson, der in diesem Blogpost Clubhouse und Twitter Spaces vergleicht und zu dem Schluss kommt:

However, my gut feel is that Twitter Spaces has a good chance of disrupting Clubhouse.

Bis es soweit ist, hier ein paar Programmtipps für Clubhouse in den kommenden Tagen:

> Donnerstag, 28.1., 18.30 Uhr: Christoph Koch von Keynoteria hat mich eingeladen übers Sprechen zu sprechen – hier ist der Clubhouse-Link

> Freitag, 29.1., 21 Uhr:
Lucas von Gwinner und ich nehmen die erste Folge der zweiten Staffel „Wirbt das?“ auf – hier ist der Clubhouse-Link & den Podcast gibt es hier

> Mittwoch, 3.2. 10 Uhr: Gemeinsam mit Kolleg:innen aus SZ und SWMH spreche ich über Kundenkontakt während Corona (Link folgt)

> Donnerstag, 4.2. 21 Uhr:
Gemeinsam mit Michele Loetzner und Christoph Koch spreche ich über Inspirierenden Journalismus (Link folgt)

> Freitag, 5.2., 21 Uhr: Lucas von Gwinner und ich nehmen die zweite Folge der zweiten Staffel „Wirbt das?“ auf – den Podcast gibt es hier

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Shruggie des Monats: der glottale Plosiv als hörbarer Unterschied zwischen gestern und morgen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Männer des Fortschritts“ heißt dieses Bild. Es stammt aus dem Jahr 1857. Der aus Frankreich in die USA ausgewanderte Maler Christian Schussele versammelt darauf 19 Männer, die als Innovatoren und Ideengeber ihrer Zeit galten. Heute würde man das Motiv als Mashup bezeichnen. Denn so wie sie hier unter dem Wandgemälde von Benjamin Franklin gemalt wurden, befanden sich die 19 Männer nie in einem Raum. Schussele versammelte sie an einem Ort, weil sie für ihn für den Fortschritt ihrer Zeit standen: Schreibtelegraphen (Samuel F. B. Morse), Hartgummi (Charles Goodyear) und Waffen (Samuel Colt) erfanden diese Herren – und schenkten ihren Erfindungen häufig auch einen Nachnamen.

Aus heutiger Perspektive fällt ein anderer Fortschritt auf, ein gesellschaftlicher. Würde ein Christian Schussele der Gegenwart ein Porträt der Köpfe des Fortschritts malen, die Personen würden weniger gleichförmig daher kommen. Es ist ein Fortschritt, dass Diversität in Geschlecht, Hautfarbe, Alter und Herkunft heute ein wichtiges gesellschaftliches Ziel ist. Doch genau wie die Erfindungen der „Männer des Fortschritts“ ist auch der Fortschritt der Gegenwart mit Widerstand konfrontiert. Auch die Tom Thumb (die erste amerikanische Lokomotive im Jahr 1830, erfunden von Peter Cooper) oder der Virgina-Reaper (Landmaschine, die Cyrus McCormick weltbekannte machte) galten Anfangs als Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge. Dennoch setzten sie sich durch. Denn das ist das Wesen des Fortschritts: Er macht einen Unterschied zwischen gestern und morgen deutlich.

Heute wird dieser Unterschied in einer hörbaren Lücke deutlich, die Menschen lassen, wenn sie zum Beispiel das Wort „Erfinder:innen“ sagen und an der Stelle, wo ich einen Doppelpunkt geschrieben habe, eine kurze Pause lassen. Man spricht von einem glottalen Plosiv und der „kommt im Deutschen im Grunde unentwegt vor“, schreibt mein Kollege Felix Stephan. „Etwa wenn zwei Vokale aufeinandertreffen, die sich nicht in derselben Silbe befinden. Zwischen dem „e“ und dem „a“ in „Theater“ zum Beispiel.“ An der Stelle jedoch, an der der glottale Plosiv seit einer Weile Verwendung findet, sorgt er für große Aufregung – und legt einen sehr tiefen Generationenkonflikt offen.

Kein Gespräch, das ich in den letzten zwei Jahren mit Menschen unter 30 führte, kam ohne den glottalen Plosiv aus. Die hörbare Lücke ist selbstverständlicher Bestandteil der Sprache geworden, um deutlich zu machen: das generische Maskulinum allein ist nicht gerecht. Erstaunlich daran: So selbstverständlich wie der glottale Plosiv genutzt wird, so wenig wird noch darüber diskutiert – im Kreis der jungen Menschen. In anderen Kreisen jedoch ist es zum Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge geworden, ein Beweis für den Untergang der Kultur.

Besonders deutlich wurde dies im letzten Interview, das Holger Stahlknecht in seiner Funktion als Innenminister von Sachsen-Anhalt gab. Nach dem Gespräch wurde der CDU-Landeschef entlassen, weshalb die Debatte um die Nähe zur AfD und eine mögliche Minderheitsregierung ein wenig davon abgelenkt hat, wie Holger Stahlknecht mit dem Fortschritt hadert. Selten hat jemand so deutlich auf den Punkt gebracht, dass er in seinem Leben keine Schreibtelegraphen, Hartgummi oder Landmaschinen will – und deshalb sein Leben zum Maßstab für alle erhebt.

Konkret erkennt man das an dem, was Stahlknecht „Gendersprache“ nennt. Was er wohl meint: eine gendergerechte Sprache. Er sagt:

Niemand spricht jeden Tag über Gendersprache. Und niemand überlegt sich jeden Tag, ob das, was er sagt, politisch immer so superkorrekt ist.

Meiner oben beschriebenen Erfahrung nach, gibt es viele junge Menschen, die gar nicht mehr über Gendersprache, sondern selbstverständlich gendergerecht sprechen – und sich auch bemühen, mit ihren Worten keine Verletzungen anzurichten. Für Holger Stahlknecht sind sie offenbar niemand, weil er sie schlicht nicht kennt – oder weil er sie nicht kennen will. Sonst würde seine Referenzgröße für politisches Handeln nicht mehr funktionieren. Stahlknecht beobachtet nämlich,

… dass wir zunehmend eine von einer intellektuellen Minderheit verordnete Moralisierung erleben. Diese entfernt sich völlig von dem, was das Alltagsleben der Menschen bestimmt.

Wer das „Alltagsleben der Menschen“ zum Maßstab politischen Handelns macht, hat im Kampf gegen den Fortschritt schlechte Karten. Da können Holger Stahlknecht und die anderen Feinde des glottalen Plosivs ja mal die Männer des Fortschritts fragen: all das Neue und anfangs Fremde wird nämlich irgendwann normal und so selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, dass man sich fragt: Wie konnten wir eigentlich ohne auskommen? Das galt für den Schreibtelegraphen, das Hartgummi und es gilt auch für den glottalen Plosiv.

Es ist keine besonders fortschrittsgläubige Prognose zu sagen: der glottale Plosiv bestimmt das Alltagsleben der Menschen bereits. Der Fortschritt ist schon unterwegs, er wird nicht aufzuhalten sein. Die Einlassungen von Holger Stahlknecht, die Annahme, die Verwendung des glottalen Plosivs sei Erziehung oder Bevormundung des Publikums oder all die anderen Reaktionen, die Übermedien auf „die kleine Pause, die einige aufregt“ gesammelt hat, muss man sich merken, denn innerhalb weniger Monate wird niemand mehr verstehen, wie man mal so denken konnte.

¯\_(ツ)_/¯

Deshalb ist es absichtsvolle Ironie, einen Text über geschlechtergerechte Sprache mit den „Männern des Fortschritts“ zu bebildern. Denn Samuel Morse, Charles Goodyear oder Samuel Colt haben sich auch nicht damit zufrieden gegeben, mitgemeint zu sein.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Shruggie des Monats: Das Meta-Meme 2020

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Kriege ich alle Beteiligten an diesem Meta-Meme in eine Zeile? „Cat Vibing zu Trump & Biden im Ievan Polkka auf einer Trump-Pressekonferenz“ müsste dieser Beitrag eigentlich heißen, der sich auf diesen Clip hier bezieht:

Dieser kurze Clip fasst für mich so viel von diesem Jahr aus Meme-Perspektive zusammen, dass ich ihn erstens als Shruggie des Monats, aber auch als Meta-Meme des Jahres auszeichnen möchte.

Die Referenz der Referenz legt diesen Aspekt in doppeltem Sinn nahe: Hier werden so viele Bezüge auf Meme genommen, dass es kaum möglich ist an dem Clip vorbeizukommen. Und all das geschieht auf eine Shruggie-hafte Weise, die wir im Frühjahr von Sara Cooper gelernt haben – und die für das Jahr 2020 stehen wird. Denn es ist das Schlussjahr der Trump-Amtszeit – und der damit verbundenen Anspielungen, Meme und Witzchen (hoffentlich).

Beginnen wir aber mit dem Mann, der dieses Meme ermöglicht – aber gar nicht im Bild zu sehen ist: Bilal Göregen ist in diesem Clip durch Joe Biden ersetzt worden. Im Ursprungs-Clip spielt der blinde Musiker aus der Türkei aber die Trommel (Tambourin), wie er in diesem Interview erzählt. Sein Clip blieb über ein Jahr relativ unbeobachtete im Web bis jemand auf die Idee kam, den Twitch-Charakter CatJam bzw. Vibing Cat in das Video zu montieren. Die musikalische Katze taucht in zahlreichen Videos auf, wie man auf dem Twitter-Account CatVibesTo sehen kann – aber besonders populär wurde sie in Kombination mit der Ievan Polkka von Bilal Göregen.

Das alles geschah zeitlich rund um die US-Wahl so dass es wenig verwunderlich ist, dass kurz darauf die Idee ins Bild gesetzt wurde Bilal Göregen durch Joe Biden zu ersetzen: Fortan trommelt der künftige US-Präsident neben dem bisherigen – denn natürlich bietet es sich an, dass Trump-Tanz-Meme hier zu ergänzen.

Doch damit nicht genug: dieses schöne Trump/Biden-Video wird im Meta-Meme in einen Kontext eingebettet, der ebenfalls bestimmend war für das Jahr. Eine Trump-Pressekonferenz dient als Vorlage, weil wie beiden Bildschirme einfach zu schön und zu weiß darum betteln, als Vorlage genutzt zu werden. Ergänzt wird der Clip um den erneuten – quasi als Meta-Referenz zu lesenden – Auftritt von Tanz-Trump und Vibing Cat im Weißen Haus. Das ist nicht nur eine tolle Referenz an die Referenz, sondern auch ein guter Abschluss für diese merkwürdige Meme-Jahr ¯\_(ツ)_/¯.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:

Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: Wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern

Meme-Kultur und das Memo-Monster aus dem Weißen Haus

Boss-Baby Deepfake: Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des Präsidenten

Ich chille mit der Crew Digga

M to the B – das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: Das unter der Maske lächelnde Emoji

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Es ist derzeit gar nicht so leicht gute Nachrichten in Bezug auf Corona zu finden. Auf Emojipedia gibt es eine Meldung, die nicht nur mich, sondern auch Emojis lächeln lässt: mit dem nächsten Update wird Apple in seinem Ökosystem Emojis zeigen, die unter ihrer Mund-Nase-Bedeckung lächeln.

Ich hatte unlängst im Spaß nach einem „wegen Maske beschlagene Brille“-Emoji gefragt und freue mich jetzt, dass Apple mit dieser Emoji-Ankündigung einen Schritt in Richtung Normalisierung der Masken in Zeiten einer globalen Pandemie geht. Diese Ankündigung ist aber nicht nur mit Blick auf Corona-Leugner:innen und Masken-Verweiger:innen bedeutsam. Es steckt in diesem Alleingang von Apple auch ein Emoji-politischer Aspekt, den ich am Beispiel der Wasserpistole auch in der Gebrauchsanweisung für das Internet beschrieb. Emojipedia kommt aber zu dem Schluss, den ich teilen würde:

If anything, this is a sign of support from Apple on mask-wearing.

Für mich ist diese Entscheidung ein Shruggie des Monats wert, denn auch der Shruggie blickt lächelnd auf die Welt – menschenfreundlich, zugewandt und hoffnungvoll. Auch wenn die Situation anders wirkt.

¯\_(ツ)_/¯

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:
> Im Gegenteil! Drei Versuche über Vernunft (Digitale September-Notizen)
> Vom Umgang mit gefühlter Spaltung und Widerspruch
> Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline
> Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

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Shruggie des Monats: Gott*

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Woran denkst du wenn du an Gott denkst?

Marc-Uwe Kling hat diese Frage in seinen Känguru-Büchern auf eine wie ich finde gute Art beantwortet. Es gibt eine junge Frau, die sich „Gott“ nennt, was zu allerlei sprachlicher Verwirrung führt (Gott ist eine Frau und heißt Maria) und zu im Sinn dieser Rubrik sehr gutem Zweifel: Stimmt der erste Eindruck? Ist unser erlerntes Bild eigentlich richtig?

Genau diese Fragen stellt der Shruggie im Pragmatismus-Prinzip und genau diese Fragen hat die Katholische Studierende Jugend (KJS) in dieser Woche mit einer großen Kampagne aufgeworfen. Dabei verbinden sie die Einstiegsfrage mit der Debatte und das so genannten Gendersternchen und schlagen vor, Gott künftig nur noch mit Stern zu schreiben um damit daran zu erinnern, dass “ Gott* keinem Geschlecht oder anderen menschlichen Kategorien“ zuzuordnen ist. Deshalb wollen sie „das Denken über Gott* weiten, damit mehr Menschen Zugang zu einer umfassenderen Beziehung zu Gott* erreichen können. Mit dem Verweis auf die Übergeschlechtlichkeit Gottes* möchten wir darauf aufmerksam machen, was der Mensch Gott* andichtet.“

Ich bin kein Experte für den Diskurs innerhalb der katholischen Kirche, aber auch shruggieperspektive mag ich diesen Ansatz. Einerseits überspringt er die gegenwartsleugnende Debatte über eine geschlechtergerechte Sprache und andererseits weitet er tatsächlich den Blick und hilft das zu tun, was man „Reframing“ nennt: neue Perspektive einzunehmen. (Foto: Unsplash). Wie schwierig das manchmal ist, ist an der Kritik ablesbar, die gegen den Vorschlag angebracht wird. Eine Theologin stimmt hier beispielsweise der weiten Sicht auf Gott* zu, kommt aber zu dem Schluss, deshalb dürfe man kein Sternchen verwenden.

Ich hingegen mag die Kamapgne, die den Hashtag #whoisgodtoday trägt und finden den Perspektiv-Wechsel sehr sinnvoll. Ich frage mich mit Blick auf den Hashstag einzig: Was soll der Zeitbezug? Denn folgt man diesem neuen Blick, dann war Gott* doch schon immer was sie/er auch künftig sein wird: keiner Kategorie zugeordnet.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: der sprechende Hut

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wer es einfach mag, wird den folgenden Satz mögen: „Es gibt Menschen, die Harry Potter mögen und Menschen, die sich nicht für Harry Potter interessieren.“ Bis vor ein paar Monaten dachte ich (eher Gruppe zwei), dass das stimmt. Aus unterschiedlichen Gründen bin ich auf eine merkwürdige halbe Weise in die Welt von Harry Potter gezogen worden und habe damit diese binäre Trennung gesprengt. Ein Grund dafür ist u.a. der wirklich sehr lustige Podcast „Fünf Minuten Harry Podcast“ von Coldmirror, der so lustig ist, dass ich deshalb weiß, welche Rolle der sprechende Hut in der Zauberer-Geschichte hat.

Der sprechende Hut ist eine magische Macht, die die Schülerinnen und Schüler der Zaubererschule Hogwarts in ihre Häuser zuteilt. Er wird den Schülerinnen und Schülern auf den Kopf gesetzt und ermittelt dann auf magische Weise welchen Weg die Schülerinnen und Schüler gehen sollen. Coldmirror vergleicht diesen Hut mit einer Erfindung aus einer Black Mirror-Folge:

Das ist ein super-mächtiger Gegenstand, der auch empfindungsfähig ist und die geballte Intelligenz der Hogwarts-Gründer in sich vereint – und der wird einfach nur ganz casual zum Sortieren benutzt. Der kann sich anscheindend auch nicht selber bewegen, er wird rumgetragen und aufgesetzt. Er wird nur einmal im Jahr zum Sortieren rausgeholt und liegt sonst nur die ganze Zeit im Büro im Schrank. Was ist das für ein Dasein?

An diese Frage musste ich denken als ich in diesem erstaunlichen Blogtext (via Kopfzeiler) das Bild las, der Algorithmus (von Tiktok) sei wie der sprechende Hut aus Hogwarts:

TikTok’s algorithm is the Sorting Hat from the Harry Potter universe. Just as that magical hat sorts students at Hogwarts into the Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw, and Slytherin houses, TikTok’s algorithm sorts its users into dozens and dozens of subcultures. Not two FYP feeds are alike.

Ich finde dieses Bild ist auf zahlreichen Ebenen so stark, dass es sich lohnt, einen Moment innezuhalten: Algorithmen als sprechenden Hut zu verstehen, eröffnet vielleicht einen neuen besseren Blick auf all die Fragen, die sich zum Beispiel in der Algorithmen-Ethik stellen.

¯\_(ツ)_/¯

Eugene Wei beschreibt diesen sprechenden Hut in seiner langen und lesenswerten Tiktok-Analyse als die zentrale Besonderheit an dem Dienst, der gerade wegen zahlreicher anderer Dinge in der Debatte ist (zu den geopolitischen Fragen empfehle ich diese Analyse aus The Atlantic)

Der sprechende Hut von Tiktok ist in der Lage, Menschen in Häuser einzusortieren ohne dass diese dafür selbst anderen Accounts folgen müssen. Was der Stuhl in Hogwarts ist, ist in Tiktok die so genannte For You Page (Details zu Tiktok zum Beispiel hier), auf der Inhalte auf eine Weise personalisiert werden, die auch eher widerstrebenden Häusern Subkulturen das Gefühl gibt, hier heimisch werden zu können:

To help a network break out from its early adopter group, you need both to bring lots of new people/subcultures into the app—that’s where the massive marketing spend helps—but also ways to help these disparate groups to 1) find each other quickly and 2) branch off into their own spaces.
More than any other feed algorithm I can recall, Bytedance’s short video algorithm fulfilled these two requirements. It is a rapid, hyper-efficient matchmaker. Merely by watching some videos, and without having to follow or friend anyone, you can quickly train TikTok on what you like. In the two sided entertainment network that is TikTok, the algorithm acts as a rapid, efficient market maker, connecting videos with the audiences they’re destined to delight. The algorithm allows this to happen without an explicit follower graph.

Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen für Inhalte-erstellende und -konsumierende Menschen oder um es etwas größer zu machen: für Medien und die Gesellschaft.

Menschen, die für diesen Hut Algorithmus Inhalte produzieren (also: die Medien) sind dabei lediglich austauschbare Lieferanten, mit deren Hilfe Interesse gesammelt und gehalten werden kann. Wie die Schülerinnen und Schüler in Hogwarts bringen sie natürlich selbst etwas mit (der Hut liest angeblich die Gedanken und trifft die Entscheidung auf dieser Basis), aber darum geht es in Wahrheit gar nicht wie Ian Bogost in The Atlantic festhält:

… just as the Viners who vanished when Twitter shut down that service did, or the YouTubers who were demonetized, or the Tumblrers who were banned. No matter how liberating or delightful the posts feel, content creators are also puppets of the platform owners, who in turn vie for temporary dominance over one another.

Menschen, die sich diese Inhalte vom Hut Algorithmus sortieren lassen (also die Gesellschaft), werden dadurch nicht nur selbst sortiert (über die Spaltung der Gesellschaft ist hinlänglich gesprochen worden), sie stehen langfristig vielleicht auch vor einem völlig neuen Gesellschaftsbild. Denn noch lebt das Gespräch über Social-Media-Networks von der Annahme, dass der Streit dort darauf basiert, dass polarisierte Gruppen aufeinandertreffen und streiten. Folgt man Eugene Weis Hut-Theorie könnte sich diese Form der Gesellschaftswahrnehmung durchaus ändern. Ich muss ja vielleicht gar nicht mehr sehen, was mich stört

Just as importantly, by personalizing everyone’s FYP feeds, TikTok helped to keep these distinct subcultures, with their different tastes, separated. One person’s cringe is another person’s pleasure, but figuring out which is which is no small feat.

Wenn sich diese Prognose bewahrheitet, müsste man das Bild vom Hut, der eine öffentliche Auswahl trifft womöglich anders denken: Es ist dann eher eine im Geheimen getroffene Entscheidung, die lediglich die Häuser in ihren eigenen Gruppen wahrnehmen (siehe: Dark Social) und langfristig ein neues Gesellschaftsbild nach sich zieht. Wie nehme ich künftig noch wahr, dass es Menschen gibt, die anderer Meinung sind als ich?

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: Anwesend

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Im Wikipedia-Artikel zum Schlagwort „Präsenz“ steht ein großartiger Satz. Mitten im Corona-Chaos lohnt es, sich diesen vermeintlich widersprüchlichen Satz wirken zu lassen. In ihm steckt eine Menge Weisheit über den Umgang mit dem, was man Remote-Office oder Präsenzkultur nennt. Der Satz lautet:

Präsent ist etwas deshalb, weil keine Zeit vergeht, bis es zur Verfügung steht, und es vergeht dafür deshalb keine Zeit, weil es anwesend ist.

Geschrieben wurde der Satz weit bevor wir anfingen über Anwesenheiten und digitale Verbindungen zu sprechen (Hintergründe dazu im April-Shruggie zum Thema Live-Stream). Der Satz befasst sich mit der etymologischen Herkunft des Wortes Präsenz, das die räumliche Anwesenheit und zeitliche Gegenwart beschreiben soll. Präsent war jahrelang nur das, was auch räumlich vorhanden war. Als Kind des Ruhrgebiets weiß ich, dass die Beschreibung jemand sei „vor Ort“ nichts mit Büro-Anwesenheit zu tun hat, sondern etymologisch mit dem Stollen unter Tage, an dem „vor Ort“ abgebaut wird.

Unter Tage kann man nicht durch digitale Vernetzung anwesend sein. In einer Bürobesprechung ist das aber durchaus möglich. Ist man dann „in Echt“ anwesend oder gilt das nur, wenn man auch körperlich im Raum zugegen ist?

Über diese Frage kann man jetzt stundenlang essay-philosophieren. Das Hadern mit der Transformation kann man in jeder Zeile dieser Betrachtungen über Videokonferenzen und vermeintlich echte Austausch lesen. Man kann die Frage aber auch wie die Werbung beantworten, die ich unlängst „in echt“ und „out of home“ gesehen habe: „Digital? Real? Egal!“ hat Pokemon auf diese Plakate geschrieben, die ich nicht weiter beschreibe, weil es nicht um die Werbebotschaft, sondern um diese Haltung geht.

Digital?
Real?
Egal

finde ich deshalb so schön, weil mein erster Reflex so lautete: „Digital ist doch auch real.“ Doch genau in dem Moment als ich das dachte, las ich „Egal“.

Genau darin liegt der historische Wendungpunkt, an dem ich aufhöre diese Diskussion zu führen: Ich will nicht mehr besprechen, ob du eine virtuelle Besprechung weniger wertvoll findest als eine mit körperlicher Anwesenheit. Mich interessiert nicht, ob dir ein ausgedruckter Text wertvoller erscheint als ein digitaler. Die Zeit, die ich hatte, um mich damit zu befassen, ist spätestens mit dem durch Corona ausgelösten Digitalisierungs-Schub abgelaufen.

Für mich fühlt sich diese Debatte wie die Frage an, ob ein übers Telefon gesagter Satz weniger „real“ ist als einer in körperlicher Anwesenheit.

Das ist doch nun wirklich ¯\_(ツ)_/¯
Willkommen in der Gegenwart, die genau in diesem Egal eine Lösung gefunden hat: Real und Digital ergeben ein neues Bild!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: Immer wieder aufstehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

In diesen Tagen ist das Magazin Spiegel Wissen mit dem Titelthema „Stark durch die Krise“ erschienen. Es geht um Corona und den Umgang mit den Folgen. Die Redaktion wählt das Bild eines Gummis um einen elastischen Weg der Krisenbewältigung zu beschreiben: „Gummi hat die Eigenschaft, einem Druck nachzugeben, aber ebenso in seine ursprüngliche Form zurückzufinden, sobald dieser Druck nachlässt. Solche Elastizität kann auch unsere Seele haben, nur heißt sie dann Resilienz.

Wenn ich das Wort Resilienz lese, muss ich immer an Patrick Fabian denken. Der Verteidiger des VfL Bochum beendet an diesem Sonntag seine aktive Fußballer-Karriere, die aus unterschiedlichen Gründen außergewöhnlich ist. Nicht weil Fabian wahnsinnig viele Titel errungen oder besonders viele Tore erzielt hätte. Patrick Fabian spielt beim VfL Bochum, da gibt es eh fast nie Titel. Außergewöhnlich ist seine Karriere, weil er seit dem Jahr 2000 an der Castroper Straße tätig ist: 20 Jahre – 1 Klub hat die Sportschau geschrieben und damit betont: Diese Treue ist im Fußball selten.

Fabian passt zum VfL Bochum weil er wie vermutlich kaum ein anderer Sportler für die Philosophie des Vereins steht: Unbeugsam zu sein, sich von Widerständen nicht unterkriegen zu lassen, steht im Leitbild des Vereins für Leistungssport, den manche Fans (inklusive mir) nicht selten eher für einen Verein fürs Leidenssport halten. Patrick Fabians Leiden ist genauso ungewöhnlich wie seine Treue: Er hatte vier Kreuzband-Risse und sechs Knie-Operationen im Laufe seiner Karriere – und ist dennoch am vergangenen Sonntag im Ruhrstadion eingewechselt worden.

Der SZ-Kollege Ulrich Hartmann beschrieb Fabians Leidensgeschichte nach dem vierten Kreuzband-Riss (dem ersten im linken Knie) so:

Im rechten Knie war ihm das vordere Kreuzband zuvor nämlich bereits drei Mal gerissen – wobei das medizinisch so nicht ganz korrekt ist. Denn nachdem ihm im März 2011 das Kreuzband im rechten Knie gerissen war, haben ihm die Ärzte dort seine Semitendinosus-Sehne eingesetzt, und nachdem auch diese Ersatzsehne im Januar 2012 gerissen war, haben sie ihm dort seine Quadrizeps-Sehne eingesetzt, und seit auch diese zweite Ersatzsehne im Juli 2012 gerissen war, trägt Fabian im rechten Kniegelenk nun seine Patella-Sehne.
Der Innenverteidiger des VfL Bochum weiß nicht, welche Sehne man noch als Kreuzband hätte benutzen können oder ob sich das rechte Knie überhaupt noch einmal erholt hätte – aber im linken Knie, da war die Sache relativ einfach. Man setzte ihm diesmal gleich die Patella-Sehne als neues Kreuzband ein. Danach absolvierte Fabian halbwegs routiniert zum vierten Mal in seinem Sportleben die mehrmonatige Rehabilitation.

Dazu muss man wissen, dass ein Kreuzband-Riss vermutlich zu den schwerwiegendsten Sportverletzungen zählt, die man sich vorstellen kann. „Horrorblessur“ steht in dem SZ-Text und dass es nicht viele Sportler:innen gibt, die nach vier Rissen noch aktiv sind. Patrick Fabian zählt dazu. Und das muss – so merkwürdig das klingt – mit der Gummi-Metapher zu tun haben: mit Resilienz, mit der Widerstandsfähigkeit und der Kraft, immer wieder aufzustehen.

Auf seinen Social-Media-Kanälen hat Patrick Fabian nach der Verabschiedung am vergangenen Sonntag nach dem letzten Bochumer Heimspiel der Saison ein Video veröffentlicht, in dem er sagt:

Es lohnt sich im Leben, Widerstände auszuhalten, an sich zu glauben, weiter zu machen, immer wieder aufzustehen. Weil man am Ende dafür belohnt werden kann. Es gibt keine Garantie, aber es gibt immer die Option – und die sollte man nie unberücksichtigt lassen, sondern es immer wieder versuchen. Und sich nicht von Widerständen aus dem Weg räumen lassen, sondern sie einfach akzeptieren und nur das tun, was in der eigenen Macht steht und sich dafür entscheiden, den Weg gegen solche Widerstände zu gehen.

Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, dass ich den Fußball als Metapher häufiger nutze. Deshalb fällt es mir leicht, in Fabians Worten eine Nähe zur Grundhaltung des Shruggie zu finden: Widerstände zu akzeptieren und trotzdem nicht aufzugeben. Das steckt in dem Song „Immer wieder aufstehen“, den die Krautrockband Herne 3 in den 1980er Jahren veröffentlicht hat – und den ich irgendwie symapthischer finde als die Rede von der Fehlerkultur und dem Feiern des Scheiterns (Foto: unsplash).

Im Kern geht es aber um das gleiche: Es geht darum, immer wieder aufzustehen.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer sich für meine Vorliebe für Sport-Metaphern interessiert: ich habe hier über das Prinzip Unbeugsam zu sein beim VfL Bochum geschrieben (was übrigens durchaus einen Zusammenhang zu Sascha Lobo hat), hier ein Zitat des ehemaligen Bochumer Trainers Verbeek über Angst notiert und hier Lauflehren für die Medienbranche gezogen.

Shruggie des Monats: Pure Vernunft

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Hätte diese Rubrik einen Soundtrack, es wäre vermutlich der Song „Neues vom Trickser“ der Band Tocotronic. 5:01 Minuten musikalischer Ausdruck eines Gefühls, das die Wissenschaft „Ambiguität“ nennt: die Mehr- oder Doppeldeutigkeit ist ein verbindendes Element aller Einträge.

„Eines ist doch sicher“, singt Dirk von Lowtzow in dem Song: „Eins zu eins ist jetzt vorbei.“ Und man fragt sich augenblicklich, ob sich dieses Ende nicht auch auf die besungene Sicherheit beziehen müsste. ¯\_(ツ)_/¯

Der Song würde in diesem Jahr volljährig. Das Spiel von parolenhaft-sicher besungener Unsicherheit ist dadurch aber nur besser geworden. Es zeigt (und das ist die Idee dieser Rubrik und die Haltung des damit verbundenen Buchs), dass die Wahrnehmung eines Inhalts von Mehrdeutigkeit geprägt sein kann – oder anders formuliert: dass die eigene Perspektive und der Kontext ebenso wichtig sind wie der Inhalt selbst.

In diesen wirren Corona-Tagen kann man das kaum besser illustrieren als an einem anderen Song, den die Band Tocotronic 2005 veöffentlichte. Er trägt den Titel „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und klingt so. In der zweiten Strophe heißt es:

Pure Vernunft darf niemals siegen
Wir brauchen dringend neue Lügen
Die uns den Schatz des Wahnsinns zeigen
Und sich danach vor uns verbeugen
Und die zu Königen uns krönen
Nur um uns heimlich zu verhöhnen
Und die uns in die Ohren zischen
Und über unsere Augen wischen
Die die, die uns helfen wollen bekriegen
Pure Vernunft darf niemals siegen

Wenn ich den Song in diesen Tagen wieder-höre, klingt daraus 4:21 Minuten musikalischer Ausdruck dessen, was Menschen gerade zu Wissenschafts-Zweifelnden werden lässt. Es sind dies Menschen, die mit der puren Vernunft der Wissenschaft hadern und die „dringend neue Lügen“ suchen, denen sie folgen und denen sie so glauben können, dass sie „zu Königen uns krönen“. Denn plötzlich verstehen sie die Welt wieder, durchblicken eine Verschwörung und erkennen gut und böse. Dabei trauen sie den Lügen so sehr, dass sie sogar „die, die uns helfen wollen bekriegen“.

Genau diese Haltung habe ich in den vergangenen Tagen in zahlreichen Mails gelesen, die ich als Antwort auf die beiden Texte erhielt, die ich in den vergangenen Wochen zum Thema Hygienedemo schrieb. Die fünf abschließenden Sätze wurden von Pocket auf die Startseite des deutschsprachigen Firefox-Internets gespült (Hintergründe zu der Dynamik hier*) und neben zahlreichen bestätigenden Mails erhielt ich auch eine Menge Widerspruch, ein wenig Hass und etwas Dummheit per Mail.

Diejenigen, die sich von den Texten angesprochen fühlten, verband etwas, was man beim Wiederhören von Pure Vernunft darf niemals siegen verstehen kann. Sie suchen Meinungen, „die uns in schönsten Schlummer singen“ und „die uns vor stumpfer Wahrheit warnen“. Ich will mich über diesen Wunsch nach Ansichten nicht erheben, „die uns durchs Universum leiten und uns das Fest der Welt bereiten“. Ich habe den eher verständnisvollen ersten Brief geschrieben, weil ich glaube, dass wir alle Gefahr laufen, dem süßen Zauber derjenigen Perspektiven zu erliegen, die uns bestätigen und uns die Angst nehmen – „nur um uns heimlich zu verhöhnen und die uns in die Ohren zischen und über unsere Augen wischen.“

Ein 15 Jahre alter Song liefert mir dafür jetzt eine Art Soundtrack: die konkrete Aufforderung, sich nicht über die Lügen der Hygienedemonstrierenden zu erheben, sich nicht für etwas Besseres zu halten und sich vor allem nicht auf das Spiel der Spaltung einzulassen. In der dritten Pure-Vernunft-Strophe heißt es nämlich:

Wir brauchen dringend neue Lügen
Die unsere Schönheit uns erhalten
Uns aber tief im Inneren spalten
Viel mehr noch, die uns fragmentieren
Und danach zärtlich uns berühren
Und uns hinein ins Dunkel führen

Mit dem Wissen von heute kann man das durchaus als Warnung lesen. Es bleibt in jedem Fall ein sehr guter Song. Denn wie gesagt: „Eines ist doch sicher. Eins zu eins ist jetzt vorbei.“

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

*Zur Dynamik der Pocket-Empfehlungen nochmal diesen Text lesen:

Shruggie des Monats: der „für später“-Button von Pocket