Alle Artikel mit dem Schlagwort “online-lehren

Geisterspiele und der beiläufige Zauber von Live-Events

Back in Black. Unter dieses Motto hat der VfL Bochum den Neustart in die Schlussphase der Corona-Rückrunde in der Zweiten Fußballbundesliga genannt. Es gab ein Sondertrikot, Heimtickets (mit denen man den Verein finanziell von daheim unterstützen kann) und jede Menge Diskussionen über die so genannten Geisterspiele. Ich lese jeden der Texte, die über das Verhältnis von fehlendem Publikum und dem Sport geschrieben werden, der ja im Mittelpunkt stehen sollte, aber doch ohne Fans an Bedeutung verliert. Der Zauber gehe verloren, wenn die Fans nicht da sind, habe ich gelesen und dass der Fußball ohenhin total drüber sei und eine Pause gut getan hätte. Womöglich ist beides richtig. Weil ich mich aber in den vergangenen Wochen hier viel mit dem Charakter von digitalisierten Live-Events befasst habe und den Fußball mag, hier drei Beobachtungen von diesem ersten Spieltag nach Corona. (Foto: Unsplash)

Ich bette diese ein in ein Format, das ich die Mutter aller Live-Events nennen würde: die Radioreportage beim Fußball. Ich liebe Fußball im Radio. Alles, was man über den Zauber von „Live“ und „Streaming“ wissen muss, kann man an der Radioreportage ablesen mithören. Fußball im Radio ist völlig anders als der Besuch im Stadion oder die Übertragung von TV-Bildern. Fußball im Radio schafft ein eigenes Ereignis, das ohne das Geschehen auf dem Rasen nicht möglich wäre, sich von dem aber maximal weit entfernt. Bei mir war das heute die Distanz vom Ruhrstadion in Bochum bis zum Olympiastadion in München. Während an der Ruhr Grönemeyers Loblied auf die Stadt ins leere Stadion gespielt wurde, lief ich durch den Olympiapark und hörte mir die Radioreportage im Live-Stream bei Amazon an. Ich hörte spürte diese lautlose Leere, die von den Geisterspielen ausgeht, die aber auch ein lauter Sehnsuchtsruf ist: der kindliche, naive Wunsch, dass all dieser Scheiß vorüber gehen soll. Wenn jetzt! sofort! bitte! schon nicht möglich ist, dann soll wenigstens die Erinnerung daran helfen, wie es vor ein paar Tagen war, die doch so unglaublich weit weg sind: als das ganze Stadion mitsang.

Ich habe diese Form des Sport-Machens und der gleichzeitigen Sport-Teilnahme in den vergangenen Jahren als perfekte Symbiose meiner Radio- und Laufbegeisterung lieben gelernt. Denn wenn Guido Hüsgen über das Geschehen in Bochum spricht, fühle ich mich auf eine erstaunliche Weise sportlich verbunden (und sogar angetrieben), vergesse dabei aber, dass ich in München laufe (was mir eines der nobleren Ziele des langen Laufens zu sein scheint, wie ich in der ersten Staffel vom Minutenmarathon beschreiben werde). Wenn dann der tollere Verein noch drei Treffer erzielt, wird der Lauf zu einer großen Freude. Denn in Wahrheit ist das Spiel eben trotzdem nur eine Nebensache (wenn auch die schönste der Welt). Im Sport ist diese Beobachtung zu einer bedeutsamen Fußballreporter-Floskel geworden, ich glaube sie gilt aber auch darüber hinaus für Live-Events:

1. Das Live-Event ist stets mehr Beiwerk als uns bewusst ist
Es ist dies vermutlich der blindeste Fleck von Menschen, die Inhalte erstellen: Der Inhalt ist wichtig, aber eben nur ein Bestandteil einer größeren Komposition. Wir gehen auf ein Konzert oder zu einer Lesung natürlich wegen des Inhalts, den die Künstler*innen auf der Bühne zeigen, aber eben nicht nur. Wir gehen auch wegen der Freundinnen und Freunde, um andere Menschen zu sehen, ein Bier zu trinken, uns auszutauschen. Der Inhalt fügt sich im besten Fall möglichst beiläufig in das soziale Event ein. Der gestreamten Lesung oder dem virtuellen Konzert fehlt diese Beiläufigkeit oft noch. Das Live-Event im Web will immer die ganze Aufmerksamkeit. Für Moderationen und Workshops ist das ein großer Vorteil, bei jeglicher Form der Kunst steht sich die Kunst damit so sehr im Weg, dass sich kein Zauber verbreiten kann. Deshalb nutzen manche Künster*innen zum Beispiel auf Twitch die Let’s play-Dynamik, die man vom Live-Event „ich schau anderen beim Computerspielen zu“ kennt.

2. Social ist viel wichtiger als gedacht Dass Fußball irgendwie geisterhaft wirkt, wenn kein Publikum zuschaut, bestätigt nicht nur die These von der Beiläufigkeit, sondern beweist: ohne den sozialen Austausch verliert das Hauptevent die Attraktivität. Erst der soziale Kontext macht den Content wertvoll. Wir haben in den vergangenen Jahren unter dem Schlagwort Social Media gelernt, wie Medien „social“ wurden, gerade lernen wir durch den Verzicht auf Fans, wie social die Inszenierung Fußball ist. Live-Events sind wie oben beschrieben schon immer Ort des sozialen Austauschs. Leider ist der digitalen Entsprechung bisher nur selten eine entsprechende soziale Komponente geglückt.

3. Die Prägung ist häufig bedeutsamer als die Möglichkeit Helge Schneider hat unlängst in einem Facebook-Video angekündigt, nicht im Live-Stream oder vor Autos auftreten zu wollen. So lange die physische Distanz Auftritte klassischer Prägung nicht zulasse, wolle er lieber gar nicht auftreten, weil ihm bei allen neue Varianten der soziale Austausch fehle. Das ist erstaunlich, weil nahezu alle, die ich für den Online-Only-Fragebogen sprach, lobten, dass der digitale Chat eine neue ganze andere Form des Austauschs ermögliche. Wir haben diese noch nicht richtig verstanden und ihre Möglichkeiten noch nicht richtig nutzen gelernt, aber der Austausch ist schon da. Wir erkennen ihn auch deshalb nicht, weil wir immer mehr auf das schauen, was wir gewöhnt sind als auf das, was die nächste Generation für normal hält.

Für das Dilemma, in dem der Fußball gerade steckt, ist das keine Lösung, deshalb tröste ich mich mit dem schönen Lauf (samt gutem Ergebnis), den ich heute hatte. Alles andere bleibt im Ungewissen: wir fahren auf Sicht.

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

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„Vielleicht ein bisschen üben vorher“ – Bandauftritt im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 13: Bandauftritt im Stream (Foto: unsplash)


Wikipedia nennt ihn „Autor, Musiker, Puppenspieler“, in Bayern weiß man aber: Richard Oehmann ist ein Held für eine ganze Generation Kinder (und in Wahrheit auch für deren Eltern). Gemeinsam mit Josef Parzevall hat er Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater erfunden. Das ist große Unterhaltung für Kinder, die Kinder aber nicht für dumm verkauft. Gleiches gilt für seine Band Cafe Unterzucker, die am Samstag in der Pasinger Fabrik ein Live-Stream-Konzert spielt. Beginn 15 Uhr!

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Ich mach das morgen zum zweiten Mal, Singen nur für eine Kamera, wobei man nicht weiß, wie viele Leute das überhaupt interessiert. Weil wir das als Combo machen, macht es dennoch Spaß. Es ist nur sehr seltsam, Lieder für Kinder zu spielen, die man nicht sieht. Beim zweiten Mal haben wir ein paar Kinder im Theaterraum verteilt sitzen. Eines reicht eigentlich schon, dann weiß man wie man es macht. Ohne jedes Gegenüber geht es mit den Kollegen zusammen schon irgendwie, alleine fänd ich es seltsam. Da muss man schon sehr ergriffen oder begeistert von sich selber sein, um das groß genug rüberzubringen.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Nur Technisches, das macht aber wer anderes, insofern eben das Vorstellen des Publikums.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Nein. Immerhin können wir vielleicht einzelne Lieder als Videos posten.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Ich krieg hinterher Mails, Smsereien, usw. das bestätigt, dass man es nicht im Nirwana gemacht hat. Unmittelbar hat man halt keine Reaktion bei Online-Live-Auftritten.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Für Musiker und Schauspieler: Vielleicht ein bisschen üben vorher. So eine Aufnahme hält sich ja womöglich eine Weile.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Stell mir doch nicht so schwere Fragen.

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> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
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> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
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Der Zauber von Online Only: Die Fünf-Minuten-Museums-Meditation der National Gallery

Ich gebe es zu: Ich kannte Joseph Mallord William Turner nicht. Ich musste Wikipedia bemühe um (wie peinlich!) zu lesen, dass er als der „bedeutendste bildende Künstler Englands in der Epoche der Romantik“ gilt. Landschaften und Seestücke waren seine bevorzugten Themen, dem Licht und der Atmosphäre galt dabei sein besonderes Interesse.“

Ich habe aber einen „gilt als“-Satz, den man dem Wikipedia-Eintrag des Malers ergänzen könnte. Denn (zumindest für mich) gilt Joseph Mallord William Turner als erster (und damit aktuell bedeutendster) Künstler eines erstaunlichen digitalen Museums-Zugangs. Sein Bild ‚Rain, Steam, and Speed – The Great Western Railway‘ aus dem Jahr 1844 war für mich das erste Motiv für das, was die National Gallery eine „Five Minute Meditation“ nennt. In eben dieser National Gallery in London hängt der Turner, man kann ihn dort aber gerade nicht besuchen, was dazu geführt hat, dass die National Gallery ihn einer viel größeren Zahl an Menschen auf eine ganz neue Weise zugänglich macht. Wem das irgendwie widersprüchlich erscheint, dass eine Schließung der physischen Galerie zu einem neuen potenziell größeren Publikum führt, ist dem zentralen Gefühl unserer Zeit auf der Spur: der Ambiguität!

Aber zurück zu Rain, Steam und Speed. Das Bild bildet die Oberfläche für eine fünf-minütige Meditation, die am Computerbildschirm das transporieren soll, was man manchmal in guten Ausstellungen in einem Museum erfährt: das Eintauchen in eine Bild.

Das bringt mich nicht nur dazu, mir den tollen Lunch-Talk der Gallery anzuschauen (der sofort das Gefühl erweckt, in London zu sein) und mehr über das Bild zu erfahren. Es erinnert mich auch an das Gespräch, das ich unlängst hier mit Maximilian Westphal von den Münchner Pinakotheken geführt habe, in dem es um Live-Stream von Museumsführungen ging. Wenn ich mir diese in Form einer Meditation vorstellen, eröffnen sich im Wortsinn ganz neue Räume für Museen: auf diese Weise in fünf Minuten in einem aufgezeichneten Clip in Bilder einzutauchen, ist schon toll. Aber wieviel besser noch wäre es, so etwas live gemeinsam mit anderen Menschen zu erleben?

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
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„Ich liebe beides, jedes auf seine Art!“ – Jasmin Schreiber über Lesungen und Live-Streams

Jasmin Schreiber hat im Frühjahr den Roman Marianengraben veröffentlicht. Die Lesetour zum Buch wurde von Corona unterbrochen. Sie begann Lesungen im Live-Stream und startete den Account Streamkultur, in dem sie Hinweise auf besondere Live-Streams kuratiert. Ich habe ihr ein paar Fragen zum Thema geschickt.

Du kümmerst dich seit Wochen um das Thema Live-Stream. Als Autorin, die vorliest aber auch als Kuratorin, die andere Streams empfiehlt. Deshalb die schwierigste Frage zu Beginn: Erleben wir gerade den Aufstieg des Live-Streams als kulturelles Format?
Livestreams spielen auf jeden Fall auf einmal in Bereichen eine Rolle, wo es bislang eher Berührungsängste mit solchen „Internetformaten“ gab. Ich erkenne auf jeden Fall neue Chancen! Als Beispiel: Die Live-Lesungen des Poetry-Slammers Fabian Navarro, der beim Lesen Hintergrundmusik einspielt und das alles in Richtung eines Livehörspiels verschiebt. So etwas hat das Potenzial, zu bleiben.

Es gibt immer wieder Kritik, dass ein virtueller Stream nur eine billige Kopie sei und ein echtes Erleben nicht ersetzen könne. Wie ist deine Haltung dazu?
Ich denke man sollte nicht einfach versuchen, etwas Analoges „zu ersetzen“. Einfach nur in die Kamera lesen, wie bei einer klassischen Vor-Ort-Lesung, funktioniert nicht. Man muss sich neue Formate überlegen, die maßgeschneidert für Livestreams ablaufen. Für mich ist das kein schnödes Ersetzen, es ist einfach ein ganz anderes Format. Abgesehen davon wehre ich mich generell gegen diese Unterscheidung von „echt“ und „Internet“. Das Internet ist auch „echt“, die Erlebnisse dort sind genau so real wie Vor-Ort-Events.

Was macht einen richtig guten Live-Stream aus?
Livestreams leben vom Live-Moment und der Interaktion, sonst könnte man ja auch einfach ein Video hochladen. Man muss das Publikum einbeziehen und damit Interaktivität schaffen, man muss sich neue Dinge ausdenken, die auf einer klassischen Lesung so vielleicht nicht möglich wären. Ich lese zum Beispiel immer im Pyjama und erwarte von meinem Publikum, ebenfalls im Pyjama zu streamen und mir Beweisfotos zu schicken. So bildet sich eine eingeschworene Community und ich denke, das ist wichtig.

Hast Du als Zuschauerin einen Lieblings-Stream und kannst Du erklären, was dich daran besonders fasziniert?
Tatsächlich der eben erwähnte Stream von Fabian Navarro. Er liest episodisch seinen Katzenkrimi vor, dabei spielt er Hintergrundmusik ein und hat sogar Werbejingles aus dieser Katzenwelt komponiert, mit denen er seine Streams mit Werbepausen unterbricht. Er liest auch nicht allein, sondern lässt immer mal Schauspieler*innen lesen. Das finde ich sehr kreativ, das alles erhöht die Spannung immens.

Ich habe hier im Blog ganz unterschiedliche Menschen befragt, die den Live-Stream nutzen, um ihren Job trotz physischer Distanz auszuüben. Dabei kommen sehr unterschiedliche Plattformen und Technologien zum Einsatz. Hast Du einen Favoriten an Technik und Plattform, die du selbst nutzt?
Ich finde tatsächlich Twitch sehr gut, weil sich da die Teilnehmer*innen im Chat austauschen können, außerdem ist es ein offenes Format, d.h. man muss sich nicht anmelden. Und man kann das am Fernseher schauen, das finde ich alles für die Zuschauenden sehr komfortabel. Meine Oma schaltet da regelmäßig ein!

Wie ist es überhaupt für Dich als Autorin, nicht vor eine physischen Publikum bei einer Lesung aufzutreten? Gibt es auch etwas das besser ist?
Ich vermisse meine physischen Lesungen sehr, sehe aber die Livestreams nicht unbedingt als Ersatz. Für mich ist das wie Äpfel und Birnen zu vergleichen, also vergleiche ich das nicht. Das sind zwei unterschiedliche Formate, und ich denke, ich werde das Streamen auch später parallel zu physischen Lesungen beibehalten. Ich liebe beides, jedes auf seine Art!

In Streamkultur wählt Ihr wie eine Fernsehzeitung Programmhinweise für Live-Streams. Es gab früher mal den Satz, dass das Internet kein „Einschaltmedium“ sei. Ist der Satz womöglich Quatsch?
Tatsächlich finde ich ihn unsinnig, denn: Das Internet ist alles, was wir daraus machen. Selbst bei streamlined Inhalten wie Liveübertragungen gibt es einen großen Unterschied zu einem Fernsehprogramm, denn die Leute schauen diese Streams ja gemeinsam und können sich dabei in Chat und Co. austauschen. Es ist ein Gemeinschaftserlebnis.

Kannst Du eine Prognose wagen: Wie wird es mit der Live-Streamkultur weitergehen?
Ich denke viele Sachen werden sich im Sande verlaufen, das merkt man ja schon jetzt. Aber ich bin sicher, dass einige Streams bestehen bleiben und finde auch toll, wie selbstverständlich Konzerthäuser und Co. Sofort auf Livestreams umgestiegen sind. Ich bin sicher, dass sich das ein oder andere Format etablieren wird.

Dieses Interview ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
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> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
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> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
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„Sei mutig und experimentierfreudig, starte dennoch nicht völlig kopflos“ – Museum im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 12: Museumsführung im Stream (Foto: unsplash)

Maximilian Westphal ist für die Digitale Kommunikation der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen @pinakotheken verantwortlich und sucht regelmäßig das Gespräch mit Kunstvermittler*innen und Kurator*innen – in der Regel aber im Museumsraum vor Originalen. Bei den Live-Dialogführungen ist er alleine vor dem Original im Museum, die Gesprächspartner*in im Homeoffice, „Physical Distancing“ im Video-Call über Kunstwerke.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Ich habe gerade das unglaubliche Privileg, mich im Museum aufzuhalten, während es für die Öffentlichkeit geschlossen ist – an diesen Aspekt will ich mich garnicht gewöhnen, denn ich hoffe, dass die Museen bald wieder öffnen können. Da ich nun in der Rolle als neugieriger Besucher zwei mal in der Woche Kurator*in oder Vermittler*in zum Live-Dialog einlade, muss der (technische) Ablauf vorbesprochen werden – das ist mit allen aufregend, da es auch Partner*innen gibt, die noch nicht ganz so sicher im Umgang mit digitalen Medien sind. Die Nervosität, ob alles klappt, bleibt bis zum Ende der Führung. Trotz aller Tests kann „live“ in der Abhängigkeit von Technik und stabilem Internet auch mal etwas schiefgehen.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Tatsächlich wollte ich schon länger Live-Angebote mit @pinakotheken ausprobieren und die digitale Kommunikation enger mit der Kunstvermittlung in den Häusern verweben. Es fehlte vor allem an Mut, Zeit und Gelegenheit, diese Schritte zu wagen. Die Schließung der Museen beschleunigte diese Entwicklung nun, auch weil Unterstützung und Bereitschaft im Kollegium schnell gewonnen werden konnte.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Gestiegenes Engagement in unseren Social-Media-Kanälen, stärkere Wahrnehmung der digitalen Museumsangebote in der Öffentlichkeit und im Kollegium. Größere Aufgeschlossenheit von Kolleg*innen gegenüber digitalen Angeboten. Ich hoffe sehr, dass dieser Schwung auch nach Corona dazu führt, dass die Kulturvermittlung im digitalen Raum sich fruchtbar weiterentwickelt.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?

Ich finde, dass man im Chat von Livestreams sehr unmittelbare Rückmeldungen bekommen kann, sei es in Form von Herzchen & Emojis, aber auch zahlreichen Kommentaren und Fragen. Wir wünschen diese Teilhabe auch ausdrücklich. Eine Vermittlerin sagte, dass sie das große „Echo“ aus dem Publikum im digitalen Raum positiv überraschte.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Sei mutig und experimentierfreudig, setze den Anspruch nicht zu hoch und entwickel Dich von Termin zu Termin – starte dennoch nicht völlig kopflos, sondern mach Dir Gedanken über Ziele, Inhalte und wen Du damit erreichen willst. Was soll das Besondere an Deinem Livestream sein?

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Smartphone auf Gimbal und Einbeinstativ, mit Headset. Der Stream läuft derzeit alleine über Instagram Live, weil uns die Plattform eine funktionierende technische Infrastruktur für Live-Dialogführungen bietet.
Wenn das Angebot weitergeführt werden soll, würde ich es gerne breiter ausspielen und vielleicht auch aufwändigere Bild- und Tonregie liefern. Hierfür bräuchte es kundige Unterstützung – und nicht zuletzt entsprechendes Budget.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

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„Das Wichtigste ist aber, eine gute Bindung zu den ZuschauerInnen aufzubauen“ Als DJ im Live-Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 11: DJ im Stream (Foto: unsplash)

Ivo Schweikhart ist Club-DJ. Als eavo trat er vor Corona-Krise regelmäßig in 16 Clubs bundesweit auf. Inzwischen streamt er seine Sets von seinem Wohnzimmer aus, zum Beispiel am 9.5. auf dringblieben.de. Mehr Termine unter facebook.com/neinmaschine.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Da bin ich eventuell eine Ausnahme, denn eigentlich finde ich den Austausch mit den Menschen beim Streaming viel intensiver und direkter als vorher. Im Club kommunizieren die Leute mit mir quasi nur über die Tanzfläche: Ich sehe, ob sie voll oder leer ist, ob die Leute tanzen oder – im schlimmsten Fall – einfach nur rumstehen. Direkten Austausch gibt es dort eigentlich nur selten. Das ist jetzt im Chat anders. Zwischen den Übergängen stehe ich oft in regem Kontakt mit den ZuhörerInnen im Chat. Dennoch fehlt mir der Blick auf die Tanzfläche …
Aber was mich an der neuen Situation am meisten irritiert, ist die fehlende Lautstärke. Ich kann in meiner Etagenwohnung natürlich nachts nicht so laut aufdrehen, so kann ich mich selbst bei den Übergängen manchmal kaum hören.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Meine größten Hürden waren technischer Natur. Ich habe mich Mitte März zum ersten Mal mit Streaming-Plattformen und -Programmen wie OBS beschäftigt. Zudem musste ich mit der mir zur Verfügung stehende Hardware improvisieren. Zum Glück gibt es im Internet überall leicht verständliche Tutorials.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Na klar, wie schon angesprochen, stehe ich in engerem Kontakt mit den Gästen. Ich habe zudem das Gefühl, dass die Leute in die Streams zumeist gezielter kommen als in die Clubs. Den Stream klicken sie vor allem wegen der Musik an. Das Trinken, Tanzen oder Andere-Leute-Kennenlernen spielen im Internet eher eine kleinere Rolle. So kann ich die Abende musikalisch abwechslungsreicher gestalten und mehr unbekannte Musik spielen, was mir viel besser gefällt als vorher.
Zudem kann ich neue Konzepte ausprobieren. Ich muss es sogar, um die Leute nicht zu langweilen, denn im Internet können mich dieselben Leute ständig sehen, während sie im Club meistens 2-3 Monate warten mussten, bis ich mal wieder in der Stadt war.
Ein großes Plus ist auch, dass mein Bett jetzt nur noch ein paar Schritte von meinem Arbeitsplatz entfernt steht.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Wie gesagt, der Chat hilft mir viel. Ich bin sehr froh, dass ich während des Auflegens meistens noch Zeit habe, mit den ZuschauerInnen zu kommunizieren, zumindest aber den Chat im Auge behalten kann.
Außerdem achte ich auf die laufenden Veränderungen bei den Viewer-Zahlen.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Ich mache das ja erst seit ein paar Wochen. Daher bin ich nicht in der Position, Ratschläge zu erteilen. Mir hat es geholfen, andere Streams anzuschauen und zu überlegen, was ich ähnlich machen kann, aber auch, was ich selbst eventuell besser machen könnte.
Besonders wichtig finde ich, im Blick zu behalten, dass man Offline-Konzepte nicht eins zu eins ins Internet übertragen kann. Streamings funktionieren einfach ganz anders.
Das Wichtigste für mich ist aber, eine gute Bindung zu den ZuschauerInnen aufzubauen. Und das macht mir auch viel Spaß.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich streame mit einem alten Macbook und OBS. Als Kamera verwende ich ein Ipad Pro. Den Sound bringe ich mit einer externen Soundkarte (Yamaha Audiogram 3) in den Streamingrechner.

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In Kategorie: DVG

„Das Seminar ist jetzt eher eine Art Vorlesung“ – Kreatives Schreiben im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 10: Kreatives Schreiben im Stream (Foto: unsplash)

Pierre Jarawan ist Autor, Poetry-Slammer und Workshop-Leiter. In den vergangenen Tagen hat er seinen ersten Workshop zum Thema „Kreatives Schreiben“ im Live-Stream gehalten.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Es ist schon ein Umstellung, da es einer anderen Arbeits- und Herangehensweise bedarf, allerdings sind das kleinere Anpassungen, nichts, was mich groß umtreibt. Wobei ich feststelle, dass ältere Teilnehmer*innen durchaus ihre Anpassungsschwierigkeiten haben, aber die sind technischer Natur und nach ein paar Erläuterungen ebenfalls schnell behoben.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Ich unterrichte jetzt kreatives Schreiben online. Normalerweise gestalte ich diese Art von Unterricht möglichst interaktiv mit vielen Diskussionen und Schreibübungen, Feedbackrunden. Das ist jetzt schwieriger. Wenn in einem Online-Meeting alle durcheinander reden ist an produktives Arbeiten nicht mehr zu denken. Insofern musste ich das Konzept an die Gegebenheiten anpassen. Schreibübungen schicke ich jetzt vorab, lasse während des Seminars alle ihre Mikrofone ausschalten und arbeite mit Handzeichen. Fragen können mir im Chatfenster gestellt werden. Insofern ähnelt das Seminar jetzt eher einer Art Vorlesung. Ich habe das Gefühl, dass diese Form des Unterrichts einer völlig anderen Art der Konzentration bedarf. In einem Raum hast du schnell ein Gefühl dafür, ob du die Teilnehmer*innen auch wirklich erreichst, das ist hier nicht so.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Ein Vorteil ist natürlich, dass ich jetzt das Haus nicht verlassen muss (auch wenn ich den direkten Kontakt mit den Menschen immer der Onlinevariante vorziehen würde). Und natürlich hat sich das Einzugsgebiet vergrößert. Bei einem Online-Seminar können Menschen von überallher teilnehmen, während bei einem Workshop im Literaturhaus oder an der Uni nur Menschen aus der Gegend mitmachen können.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?

Die Antwort hierauf ist ja in 2. enthalten :)

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Ich weiß nicht, ob ich in der Position bin, Ratschläge geben zu können. Auch für mich ist diese Form neu. In meinem Fall hat sich hier eine Alternative eröffnet, mit der ich mein Einkommen zumindest teilweise erhalten kann, denn meine Lesereise für meinen neuen Roman ist komplett abgesagt worden. Insofern hat das Online-Streaming etwas Rettendes für mich.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Die Schreibwerkstatt findet mit Cisco Webex statt. Mir fehlen die Vergleiche – aber das Programm tut, was es soll, läuft halbwegs stabil und wenn alle Kopfhörer tragen geht auch die Soundqualität in Ordnung. Der größte Vorteil für mich liegt in der Möglichkeit, Dokumente für alle sichtbar hochzuladen oder meinen Desktop freizugeben, um z.B. Schreibübungen zu zeigen oder etwas an bestimmten Textstellen zu verdeutlichen. Das ist dann das Äquivalent zur Tafel im Klassenraum, und mehr bräuchte ich auch „da draußen“ nicht, um meine Arbeit zu machen.

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In Kategorie: DVG

Shruggie des Monats: der Live-Stream

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Der Live-Stream als Shruggie der Corona-Zeit hängt eng zusammen mit den Lehren, die ich hier notiert habe und den Interviews, die hier im Blog gesammelt sind.

Zu dem gesamten Themenkomplex plane ich hier einen Newsletter!

These: In ein oder zwei Jahren wird es normal sein, dass auf jeder Nachrichtenwebsite prominent im Kopf ein „live“-Button leuchtet. Die Corona-Krise zeigt uns gerade, wie virtuelle Verbindungen funktionieren. Zwar nicht so lebendig und greifbar wie der Austausch in physischer Nähe, aber doch besser als alle immer dachten. Vielleicht wird aus dem aktuellen Notnagel „Live-Stream“ in Zukunft ein echtes digitales Geschäftsmodell, das sich zum Beispiel darin zeigen könnte, dass Webseiten ein Live-Ressort bekommen, in dem vom Live-Ticker bis zum gemeinsamen Stream alles gebündelt wird, was als Echtzeit-Erlebnis das bisherige Angebot ergänzt.

¯\_(ツ)_/¯

Wie ich darauf komme, kann man in meinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ nachlesen. Ich glaube, dass wir kulturelle Produkte mehr als Prozess (wie Software) denken könnten – und damit bemerken: Das Internet ist nicht nur Dokumentationsmedium, sondern vor allen Dingen ein Erlebnismedium. Teil- und Einflussnahme am Entstehen sind hier wertvoller Bestandteil der bisher als abgeschlossen gedachten Inhalten in allen erdenklichen Formen. Durch die Corona-Krise wird dieser Wandel vom Produkt zum Prozess auch für vormals weniger digitale Menschen greif- und fühlbar. Der Live-Stream macht aus Text, Bild und Ton ein Erlebnis, aus dem womöglich neue Finanzierungsmethoden erwachsen können – wenn wir anfangen, „live“ zu denken (am 1. Mai werde ich in einem Insta-Live versuchen, der Frage nachzugehen „Wie sieht die Live-Version eines Buches aus?“)

Meine Behauptung basiert nicht nur auf persönlicher Beobachtung, sondern vor allem auf einer großen Ankündigung des Facebook-Konzerns, der sich ja schon länger auf dem Dark-Social-Weg von einem offenen Marktplatz zu einer großen Summe vieler kleiner privater Räume befinden. „Video-Präsenz“, hat Mark Zuckerberg an diesem Wochenende angekündigt, „ist keine neue Ära für uns, aber es ist eine Ära, in die wir tiefer einsteigen wollen.“

Über die wichtigsten Angebote des Facebook-Konzerns hinweg (Messenger, Portal, WhatsApp und Instagram) wird (in Varianten) ein Video-Call-Angebot ausgerollt, das auf den Namen „Messenger Rooms“ hört: „Einfach einen Raum direkt über Messenger oder Facebook erstellen und jeden gewünschten Teilnehmer zum Beitritt einladen, auch wenn die Person kein Facebook-Konto besitzt“, schreibt Stan Chudnovsky im Unternehmensblog.

Damit reagiert Facebook auf die weltweite soziale physische Distanz durch die Corona-Krise und kopiert das Angebot von Zoom, das durch den rapiden Aufstieg von Live-Streams extrem populär geworden ist – und beschleunigt damit eine Entwicklung, die sicher nach Corona bleiben wird: der Live-Stream wird immer wichtiger.

Gerade ist er die einzige Möglichkeit des direkten Austauschs, aber auch wenn dieser direkte Austausch wieder möglich wird, wird das Live-Gefühl bleiben. Hier im Blog hatte Gerd Leonhard zurecht prognostiziert: „Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.“

Dafür spricht auch ein Feature, das Facebook für seine Rooms ankündigt: „Um Kreative und kleine Unternhemen zu unterstützen, wollen wir die Möglichkeit ergänzen, Eintritt zu verlangen für den Zugang zu Events mit Live Videos auf Facebook.“

Um diese Entwicklung zu begleiten, plane ich hier einen Live-Newsletter. Außerdem werde ich meine eigenen Live-Experimente als Virtual-Keynote-Speaker dort dokumentieren. Denn die Corona-Krise zeigt sehr deutlich, wie der Live-Stream an Bedeutung gewinnt – dazu auch diese Schwerpunkte hier im Blog:

> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

„Entscheidend ist, jemanden in einem Stream zu halten und zu einem Fan zu verwandeln“ – Kunst im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 9: Kunst im Stream (Foto: unsplash)


Marcus John Henry Brown ist Performance Künstler. Seit der Corona-Krise kann er live nur noch im Stream auftreten.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Ich habe die Möglichkeiten von Online-Videos bereits seit einiger Zeit auf YouTube erkundet. Auch Livestreaming ist mir nicht fremd. Ich entwickle seit einigen Jahren Livestream-Formate für Corporate-Kunden, die die Kosten und den CO2-Fußabdruck ihrer internen Veranstaltungen senken möchten. In Bezug auf die Denkweise, Formate, Hard- und Software war ich also startbereit. Die größte Herausforderung war und ist, dass das Live-Publikum fehlt. Als Performancekünstler brauche ich ein Live-Publikum. Ich brauche diese Energie. Meiner Meinung nach, brauchen Livestreams ein Live-Studio-Publikum, da sie in dem gleichen kulturellen Raum leben, der normalerweise mit einer Live-Fernsehsendung verbunden ist. Du hast vielleicht bemerkt, wie seltsam ein Format wie WWEs Wrestlemania oder ein ProSieben.Sat.1-Format wie „Wer Schläft Verliert“ oder RTLs „Let’s Dance“ ohne Live-Publikum ist. Als Fernsehpublikum haben wir gelernt, ein klatschendes, lachendes Live-Publikum im Studio zu sehen.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Für Leute wie mich oder Michael Praetorius, ein Livestream-Pioneer, der mir viel über die technischen Herausforderungen beim Livestreaming beigebracht hat, ist es lustig und interessant zu beobachten, wie Leute das Live-Streaming für sich entdecken. Als wäre es die Lösungen für alle unsere derzeitigen Kommunikations-Probleme. Jetzt haben wir Karl-Heinz von HR, alleine in seinem Homeoffice, mit einem halbstündigen Livestream zum Thema “WFH – Effektiv und Gemütlich!”
Es wäre verlockend zu behaupten, dass man mit Live-Streaming mehr Menschen erreichen kann, dass man sie schneller erreichen kann und dass es insgesamt kostengünstiger ist. Es ist aber nicht so. Livestreaming ist vieles, aber einfach und billig ist es nicht. Nicht, wenn man es richtig machen möchte. Sagen wir es so: Du kannst Dich jetzt schneller, billiger und vor einem breiteren Publikum zum Narren machen – und zwar live and direct aus Deinem Homeoffice.


Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?

I’m not going to lie: Ich kämpfe echt hart damit und ich denke, dass das mit Nachhaltigkeit und Engagement zu tun hat. Du musst ein Format entwickeln, ein Produkt erstellen und ein loyales Online-Publikum aufbauen, das bereit ist, Zeit in diesen Livestream-Unsinn zu investieren. Es ist relativ einfach, Stream-Views zu generieren, aber entscheidend ist es, jemanden in einem Stream zu halten und ihn zu einem Fan zu verwandeln. Nur so bekommt man dauerhaft Feedback. Es ist kein technisches Problem, das zu lösen ist, sondern ein Loyalitätsproblem. Man muss nur einen Nachmittag auf Twitch mit Leuten wie Dr. Dispect, Tim The Tatman, Nadeshot und all den anderen Online-Gamern verbringen, um zu sehen, dass es mehr als möglich ist, eine Rückkopplungsschleife vom Publikum zu erhalten. Da ist Stimmung im Chat! Aber das Publikum muss erstmal da sein. Und so eine Community aufzubaunen und zu halten braucht Zeit. Sehr viel Zeit.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Zunächst einmal: Frag Dich, ob der Livestream nur eine E-Mail sein könnte. Muss es wirklich ein Livestream sein? „Ja wirklich?“ OKAY. Dann zweitens: DO THE RESEARCH. Recherchiere bis Deine Augen blutig werden. Denke an den Kontext des Streams. Denke in Formaten. Talent imitates – genius steals: Stehle vom Live-Fernsehen. WWE Pay-per-Views, Frühstücksfernsehen, Tele-Shopping, Nachrichten oder alte MTV-Formaten, wie „MTV’s Most Wanted“ mit Ray Cokes. Verbringe Tage in TWITCH, YouTube oder MIXER. Denke daran: Das, was Du da planst, ist „Internet-Fernsehen”.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich habe die letzten 18 Monate damit verbracht, meine Ausrüstung aufzubauen, und das meiste davon wurde gekauft, um YouTube-Videos sowie Filmmaterial für meine Auftritte zu erstellen. Die LUMIX GH5 und die Canon EOS R sind jetzt meine Hauptkameras für Livestreams. Ich könnte Tage über Objektiven reden, tu ich hier aber nicht. Beleuchtung ist unglaublich wichtig und etwas, das fast jeder falsch macht oder gar nicht auf dem Schirm hat. Ich habe einen Lichtring (Du kennst sie ja, Influencer-rings. Den mag ich aber nicht, weil ich eine Brille trage und kein Influencer bin), LED-Lichtpaneele (die gut sind) und ein paar Aputure Amaran-Spots, die ich für Highlights verwende. Ich habe mir rund tausend Euro gespart, indem ich aus einer Backform und einem LED-Streifen eine Light-Box gebaut habe – und der Lichteffekt ist großartig. Ich verbinde die Kameras mit dem Elgato Cam Link 4K mit meinem iMac. Ich verwende OBS Studio zum Streamen, Adobe After Effects für die Segmentanimationen und Adobe Premiere Pro zum Bearbeiten und Colour-Grading des zusätzlichen Filmmaterials, das ich in meinen Streams verwende. Das Wichtigste ist der Ton. Wie ich das mache bleibt jedoch mein Geheimnis.

Aber nichts davon ist wichtig. Du könntest ein Broadcast-Grade-Studio haben und trotzdem wird Dein Stream scheiße werden, wenn Du kein Format, keine Idee, nichts wirklich Interessantes zu erzählen hast oder kein Publikum, das bereit ist, Dich dauerhaft zu sehen.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

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„Als Chance sehen, sich gegenseitig aufmerksamer zuzuhören“ – Musikunterricht im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 8: Musikunterricht im Stream (Foto: unsplash)

Maria ist Musikerin in Bayern. Sie unterricht ihre Instrumente jetzt im Stream.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Es geht erstaunlich gut, besser als ich dachte, allerdings kann man weniger an der Tonqualität arbeiten, und es gibt eine leichte Zeitverzögerung – gleichzeitig spielen fällt also flach.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest? (Hardware, Software, Ausstattung, kulturelle Bedenken – alles möglich)
Das Einrichten. Das ist mit einem Cello nochmal ein bisschen komplizierter als zb mit einer Geige, die kleiner ist, und bei der man näher hin kann. Beim Cello muss man drauf achten, dass zumindestens beide Hände, also Greif- und Streichhand gut zu sehen sind. Allerdings hab ich da Glück, denn mit einem großen Mac is das ziemlich entspannt.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Keine Anfahrt. Weder für Schüler noch für Lehrer.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Man muss sich gegenseitig mehr Zeit geben, kann nicht unmittelbar unterbrechen, Feedback geben, und Ungeduld funktioniert hier nicht. Da das Bild manchmal hängen bleibt etc. Mit Humor nehmen, und das Beste draus machen, man kann es auch als Chance sehen, sich gegenseitig aufmerksamer zuzuhören, aussprechen und ausspielen zu lassen.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Geduld mitbringen, und sich drauf einstellen, dass mal was ruckelt, und die zeitverzögerung nicht vergessen. Einen Rhythmus mitklopfen oder zum Animieren die Phrase mitsingen geht zb nicht mehr ;)

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Zoom. Aber da es da Datenschutzlücken gibt, schau ich mich mal weiter um. Doozzoo sollte gut sein.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!