Alle Artikel mit dem Schlagwort “online-lehren

Shruggie des Monats: der Live-Stream

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Der Live-Stream als Shruggie der Corona-Zeit hängt eng zusammen mit den Lehren, die ich hier notiert habe und den Interviews, die hier im Blog gesammelt sind.

Zu dem gesamten Themenkomplex plane ich hier einen Newsletter!

These: In ein oder zwei Jahren wird es normal sein, dass auf jeder Nachrichtenwebsite prominent im Kopf ein „live“-Button leuchtet. Die Corona-Krise zeigt uns gerade, wie virtuelle Verbindungen funktionieren. Zwar nicht so lebendig und greifbar wie der Austausch in physischer Nähe, aber doch besser als alle immer dachten. Vielleicht wird aus dem aktuellen Notnagel „Live-Stream“ in Zukunft ein echtes digitales Geschäftsmodell, das sich zum Beispiel darin zeigen könnte, dass Webseiten ein Live-Ressort bekommen, in dem vom Live-Ticker bis zum gemeinsamen Stream alles gebündelt wird, was als Echtzeit-Erlebnis das bisherige Angebot ergänzt.

¯\_(ツ)_/¯

Wie ich darauf komme, kann man in meinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ nachlesen. Ich glaube, dass wir kulturelle Produkte mehr als Prozess (wie Software) denken könnten – und damit bemerken: Das Internet ist nicht nur Dokumentationsmedium, sondern vor allen Dingen ein Erlebnismedium. Teil- und Einflussnahme am Entstehen sind hier wertvoller Bestandteil der bisher als abgeschlossen gedachten Inhalten in allen erdenklichen Formen. Durch die Corona-Krise wird dieser Wandel vom Produkt zum Prozess auch für vormals weniger digitale Menschen greif- und fühlbar. Der Live-Stream macht aus Text, Bild und Ton ein Erlebnis, aus dem womöglich neue Finanzierungsmethoden erwachsen können – wenn wir anfangen, „live“ zu denken (am 1. Mai werde ich in einem Insta-Live versuchen, der Frage nachzugehen „Wie sieht die Live-Version eines Buches aus?“)

Meine Behauptung basiert nicht nur auf persönlicher Beobachtung, sondern vor allem auf einer großen Ankündigung des Facebook-Konzerns, der sich ja schon länger auf dem Dark-Social-Weg von einem offenen Marktplatz zu einer großen Summe vieler kleiner privater Räume befinden. „Video-Präsenz“, hat Mark Zuckerberg an diesem Wochenende angekündigt, „ist keine neue Ära für uns, aber es ist eine Ära, in die wir tiefer einsteigen wollen.“

Über die wichtigsten Angebote des Facebook-Konzerns hinweg (Messenger, Portal, WhatsApp und Instagram) wird (in Varianten) ein Video-Call-Angebot ausgerollt, das auf den Namen „Messenger Rooms“ hört: „Einfach einen Raum direkt über Messenger oder Facebook erstellen und jeden gewünschten Teilnehmer zum Beitritt einladen, auch wenn die Person kein Facebook-Konto besitzt“, schreibt Stan Chudnovsky im Unternehmensblog.

Damit reagiert Facebook auf die weltweite soziale physische Distanz durch die Corona-Krise und kopiert das Angebot von Zoom, das durch den rapiden Aufstieg von Live-Streams extrem populär geworden ist – und beschleunigt damit eine Entwicklung, die sicher nach Corona bleiben wird: der Live-Stream wird immer wichtiger.

Gerade ist er die einzige Möglichkeit des direkten Austauschs, aber auch wenn dieser direkte Austausch wieder möglich wird, wird das Live-Gefühl bleiben. Hier im Blog hatte Gerd Leonhard zurecht prognostiziert: „Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.“

Dafür spricht auch ein Feature, das Facebook für seine Rooms ankündigt: „Um Kreative und kleine Unternhemen zu unterstützen, wollen wir die Möglichkeit ergänzen, Eintritt zu verlangen für den Zugang zu Events mit Live Videos auf Facebook.“

Um diese Entwicklung zu begleiten, plane ich hier einen Live-Newsletter. Außerdem werde ich meine eigenen Live-Experimente als Virtual-Keynote-Speaker dort dokumentieren. Denn die Corona-Krise zeigt sehr deutlich, wie der Live-Stream an Bedeutung gewinnt – dazu auch diese Schwerpunkte hier im Blog:

> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

„Entscheidend ist, jemanden in einem Stream zu halten und zu einem Fan zu verwandeln“ – Kunst im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 9: Kunst im Stream (Foto: unsplash)


Marcus John Henry Brown ist Performance Künstler. Seit der Corona-Krise kann er live nur noch im Stream auftreten.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Ich habe die Möglichkeiten von Online-Videos bereits seit einiger Zeit auf YouTube erkundet. Auch Livestreaming ist mir nicht fremd. Ich entwickle seit einigen Jahren Livestream-Formate für Corporate-Kunden, die die Kosten und den CO2-Fußabdruck ihrer internen Veranstaltungen senken möchten. In Bezug auf die Denkweise, Formate, Hard- und Software war ich also startbereit. Die größte Herausforderung war und ist, dass das Live-Publikum fehlt. Als Performancekünstler brauche ich ein Live-Publikum. Ich brauche diese Energie. Meiner Meinung nach, brauchen Livestreams ein Live-Studio-Publikum, da sie in dem gleichen kulturellen Raum leben, der normalerweise mit einer Live-Fernsehsendung verbunden ist. Du hast vielleicht bemerkt, wie seltsam ein Format wie WWEs Wrestlemania oder ein ProSieben.Sat.1-Format wie „Wer Schläft Verliert“ oder RTLs „Let’s Dance“ ohne Live-Publikum ist. Als Fernsehpublikum haben wir gelernt, ein klatschendes, lachendes Live-Publikum im Studio zu sehen.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Für Leute wie mich oder Michael Praetorius, ein Livestream-Pioneer, der mir viel über die technischen Herausforderungen beim Livestreaming beigebracht hat, ist es lustig und interessant zu beobachten, wie Leute das Live-Streaming für sich entdecken. Als wäre es die Lösungen für alle unsere derzeitigen Kommunikations-Probleme. Jetzt haben wir Karl-Heinz von HR, alleine in seinem Homeoffice, mit einem halbstündigen Livestream zum Thema “WFH – Effektiv und Gemütlich!”
Es wäre verlockend zu behaupten, dass man mit Live-Streaming mehr Menschen erreichen kann, dass man sie schneller erreichen kann und dass es insgesamt kostengünstiger ist. Es ist aber nicht so. Livestreaming ist vieles, aber einfach und billig ist es nicht. Nicht, wenn man es richtig machen möchte. Sagen wir es so: Du kannst Dich jetzt schneller, billiger und vor einem breiteren Publikum zum Narren machen – und zwar live and direct aus Deinem Homeoffice.


Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?

I’m not going to lie: Ich kämpfe echt hart damit und ich denke, dass das mit Nachhaltigkeit und Engagement zu tun hat. Du musst ein Format entwickeln, ein Produkt erstellen und ein loyales Online-Publikum aufbauen, das bereit ist, Zeit in diesen Livestream-Unsinn zu investieren. Es ist relativ einfach, Stream-Views zu generieren, aber entscheidend ist es, jemanden in einem Stream zu halten und ihn zu einem Fan zu verwandeln. Nur so bekommt man dauerhaft Feedback. Es ist kein technisches Problem, das zu lösen ist, sondern ein Loyalitätsproblem. Man muss nur einen Nachmittag auf Twitch mit Leuten wie Dr. Dispect, Tim The Tatman, Nadeshot und all den anderen Online-Gamern verbringen, um zu sehen, dass es mehr als möglich ist, eine Rückkopplungsschleife vom Publikum zu erhalten. Da ist Stimmung im Chat! Aber das Publikum muss erstmal da sein. Und so eine Community aufzubaunen und zu halten braucht Zeit. Sehr viel Zeit.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Zunächst einmal: Frag Dich, ob der Livestream nur eine E-Mail sein könnte. Muss es wirklich ein Livestream sein? „Ja wirklich?“ OKAY. Dann zweitens: DO THE RESEARCH. Recherchiere bis Deine Augen blutig werden. Denke an den Kontext des Streams. Denke in Formaten. Talent imitates – genius steals: Stehle vom Live-Fernsehen. WWE Pay-per-Views, Frühstücksfernsehen, Tele-Shopping, Nachrichten oder alte MTV-Formaten, wie „MTV’s Most Wanted“ mit Ray Cokes. Verbringe Tage in TWITCH, YouTube oder MIXER. Denke daran: Das, was Du da planst, ist „Internet-Fernsehen”.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich habe die letzten 18 Monate damit verbracht, meine Ausrüstung aufzubauen, und das meiste davon wurde gekauft, um YouTube-Videos sowie Filmmaterial für meine Auftritte zu erstellen. Die LUMIX GH5 und die Canon EOS R sind jetzt meine Hauptkameras für Livestreams. Ich könnte Tage über Objektiven reden, tu ich hier aber nicht. Beleuchtung ist unglaublich wichtig und etwas, das fast jeder falsch macht oder gar nicht auf dem Schirm hat. Ich habe einen Lichtring (Du kennst sie ja, Influencer-rings. Den mag ich aber nicht, weil ich eine Brille trage und kein Influencer bin), LED-Lichtpaneele (die gut sind) und ein paar Aputure Amaran-Spots, die ich für Highlights verwende. Ich habe mir rund tausend Euro gespart, indem ich aus einer Backform und einem LED-Streifen eine Light-Box gebaut habe – und der Lichteffekt ist großartig. Ich verbinde die Kameras mit dem Elgato Cam Link 4K mit meinem iMac. Ich verwende OBS Studio zum Streamen, Adobe After Effects für die Segmentanimationen und Adobe Premiere Pro zum Bearbeiten und Colour-Grading des zusätzlichen Filmmaterials, das ich in meinen Streams verwende. Das Wichtigste ist der Ton. Wie ich das mache bleibt jedoch mein Geheimnis.

Aber nichts davon ist wichtig. Du könntest ein Broadcast-Grade-Studio haben und trotzdem wird Dein Stream scheiße werden, wenn Du kein Format, keine Idee, nichts wirklich Interessantes zu erzählen hast oder kein Publikum, das bereit ist, Dich dauerhaft zu sehen.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

Hier kannst Du meinen Newsletter zum Live-Thema bestellen

„Als Chance sehen, sich gegenseitig aufmerksamer zuzuhören“ – Musikunterricht im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 8: Musikunterricht im Stream (Foto: unsplash)

Maria ist Musikerin in Bayern. Sie unterricht ihre Instrumente jetzt im Stream.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Es geht erstaunlich gut, besser als ich dachte, allerdings kann man weniger an der Tonqualität arbeiten, und es gibt eine leichte Zeitverzögerung – gleichzeitig spielen fällt also flach.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest? (Hardware, Software, Ausstattung, kulturelle Bedenken – alles möglich)
Das Einrichten. Das ist mit einem Cello nochmal ein bisschen komplizierter als zb mit einer Geige, die kleiner ist, und bei der man näher hin kann. Beim Cello muss man drauf achten, dass zumindestens beide Hände, also Greif- und Streichhand gut zu sehen sind. Allerdings hab ich da Glück, denn mit einem großen Mac is das ziemlich entspannt.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Keine Anfahrt. Weder für Schüler noch für Lehrer.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Man muss sich gegenseitig mehr Zeit geben, kann nicht unmittelbar unterbrechen, Feedback geben, und Ungeduld funktioniert hier nicht. Da das Bild manchmal hängen bleibt etc. Mit Humor nehmen, und das Beste draus machen, man kann es auch als Chance sehen, sich gegenseitig aufmerksamer zuzuhören, aussprechen und ausspielen zu lassen.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Geduld mitbringen, und sich drauf einstellen, dass mal was ruckelt, und die zeitverzögerung nicht vergessen. Einen Rhythmus mitklopfen oder zum Animieren die Phrase mitsingen geht zb nicht mehr ;)

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Zoom. Aber da es da Datenschutzlücken gibt, schau ich mich mal weiter um. Doozzoo sollte gut sein.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

„Was über Jahre belächelt wurde ist jetzt Alltag“ – Workshops im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 7: Workshops im Stream (Foto: unsplash)

Michael Praetorius ist Moderator, Podcaster und Dozent in München. Sein Podcast-Seminar, das er gemeinsam mit Viktor Worms geben wollte, hat er wegen der Corona-Krise ins Web verlegt.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Ich habe das Gefühl, dass wir alle gerade mit der Effizienz der Digitalisierung überfordert sind. Auf einmal sind Formate möglich, die bisher immer an Zweifeln scheiterten. In dieser Situation machen wir es einfach. Ohne vorherigen Meeting-Marathon, ohne Termine für die man durch die Republik reist. Die Reisezeit fällt weg. Termine via Videokonferenz sind enorm auf den Punkt und die gewonnene Zeit verbringe ich mit dem nächsten Projekt.
Meine Kunden machen mit mir Workshops, bei denen sie zu mir ins TV-Studio zugeschaltet sind, statt Content mit großen Freigabeschleifen, produziere ich tägliche YouTube Livestreams, virtuelle Konferenzen oder Online-Kurse aus dem Studio. So ist zum Beispiel mit Viktor Worms, dem früheren Wetten dass…?-Produzenten ein Podcast-Kurs entstanden, der mein Prototyp für weitere Online-Kurse ist. Eigentich hätte der Kurs im April bei Antenne Bayern stattfinden sollen, stattdessen sind Viktor und ich mit viel räumlicher Distanz ins Studio.

Auch ein zweites Format ist nur entstanden, weil alle Geschäfte geschlossen sind:
Mit meinem Kunden Märklin (dem Hersteller der berühmten Modellbahnen) haben wir in den letzten Woche eine tägliche Live-Sendung produziert, um Familien zuhause mit dem Bau einer Modellbahn im YouTube Livestream zu beschäftigen. Und um Musikfestivals nicht ausfallen zu lassen, habe ich einen Mobilfunkanbieter bei der Produktion von Musik-Konzerten unterstützt, bei denen die Künstler aus dem Wohnzimmer senden.

Bei mir sind allerdings dagegen alle klassischen Aufträge bis in den September weggebrochen. Umsatz, der komplett fehlt. Also nehme ich mit, was gerade an schnellen Aufträgen reinkommt oder versuche Prototypen zu bauen, mit denen ich womöglich in 6 Monaten Geld verdiene. Das einzige, was derzeit noch Geld reinspült ist das, was vorher schon 100% digital war. Der Rest fehlt. Ich glaube, das wird möglicherweise lange so bleiben.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Technisch bin ich zum Glück bestens ausgestattet. Ich habe in München zwei komplett eingerichtete Social TV Studios, in denen normalerweise Podcasts oder Videoformate für digitale Plattformen entstehen. Diese Studios sind jetzt entweder Drehort für mich alleine für meine Workshops und Webinare oder Dienen als Live-Regie für virtuelle Konferenzen.

Die größte Hürde ist, alles wirklich allein machen zu wollen. Ich würde gerne mit Kolleginnen und Kollegen an meinen Formaten arbeiten, aber das Studio ist tabu. Jetzt haben wir innerhalb einer Woche ein Setup gebaut, in dem Kameras und die gesamte Regie ferngesteuert werden können. Die Regie steuert ein Kollege von mir vom Küchentisch aus. Im Studio schalten wir alle Signale von Skype, Zoom, Teams etc. zusammen und werfen sie z.B. als Livestream wieder in die Welt. Vor ein paar Jahren wurde ich mit meinem YouTube-Kram als Kisten-TV belächelt. Jetzt klingelt andauernd das Telefon oder der Messenger, und Leute wollen, dass ich ihnen schnell ein Studio baue oder mit meiner Remote-Regie ihre Online-Konferenz produzieren. Erstes geht gerade nicht, zweiteres ist gerade eine Ressourcenfrage.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Digital ist das neue normal. Was über Jahre belächelt wurde ist jetzt Alltag. Chatrooms heißen jetzt virtuelle Konferenzen und aus jedem Telefonat wird auf einmal ein Zoom-Meeting. Es ist zwar anstrengend und irritierend zuzusehen, wie viele mit der neuen Technik umgehen, als gäbe es das erst seit zwei Monaten und gleichzeitig erfrischend zu sehen, dass es offenbar doch klappt. Statt „hier nur Bargeld“ heißt es jetzt „Bitte lieber Kartenzahlung“. Die Gärtnerei um die Ecke macht jetzt „same day delivery“ – und sogar Gemüse und der Einzelhandel, so habe ich das Gefühl, sieht das Internet endlich nicht mehr als Bedrohung, sondern Chance seine Kunden besser zu versorgen. Besser als vorher ist das allerdings nicht, der Preis, den wir dafür bezahlen ist zu groß. Viele Tote, eine gesundheitliche Ungewissheit, wochenlange Isolation von Menschen, die dringend „analogen“ sozialen Kontakt brauchen und viele Menschen, die Angst um ihre Existenz haben.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Ich glaube, die Stimmung im Raum ist kaum zu ersetzen. Es fehlt der Geruch, die Nähe. Aber wir können dennoch Reaktionen zeigen. Ich mache das bei mir mit einer Videowall. Ich versuche in Webinaren, den anderen zu zeigen, dass ich zuhöre und nicht einfach nur am Rechner sitze. Das kennt man aus dem TV: Der Moderator sieht sein Gegenüber in voller menschlicher Größe auf einer Videowall. Das habe ich mir im Studio nachgebaut und mache so meine Workshops. Das macht es etwas besser.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Für Live-Streaming ist mehr Vorbereitung notwendig als man oft denkt. Entscheidend ist der Ton. Damit ist nicht nur ein gutes Mikro gemeint, sondern auch die Akustik im eigenen Raum. Das Licht muss ebenfalls stimmen und der Kamerawinkel. Manchmal hilft es schon den Kamerawinkel zu optimieren, in dem man einfach den Notebook-Deckel einen Zentimeter nach vorne zieht und tata! schon hat man den richtigen Headroom im Bild.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich nehme selten das Smartphone, meistens den Laptop mit externe Kamera (Blackmagic Cimema Pocket 6K) – nicht die eigebaute. Damit ist der Winkel so, dass du siehst dass ich mich auf dich konzentriere und nicht nebenbei auf meinem Computer schaue, das macht viel aus. Ich verwende viel Hardware von Blackmagic Design, einem Ausrüster für TV-Studios z.B. eine ATEM Mini oder einen Web Presenter oder einen Ultra Studio Recorder, als Mikro verwende ich hochwertige Studiomikros, ein Ansteckmikro oder Richtmikro von Sennheiser, das über ein Soundcraft UI Audio-Mischpult an der Bild-Regie hängt. Damit kann ich mit quasi jeder Software Skye, Zoom, Teams, oder Facetime eine Webcam simulieren. Das ist allerdings teure Studio-Hardware, das klingt für viele möglichweise übertrieben. Ich finde es aber genau richtig. Wer mich bisher bei Terminen als Referenz oder Experten eingeladen hat, soll die gleiche Qualität auch online bekommen. Das ist derzeit mein Credo.

Für meine Webinare hab ich mir mit Unterstützung von NOEO (Software-Unternehmen) zudem auf der Website eine Plattform zum Verkauf von Online-Kursen gebaut, so dass man meine Seminare auch als Online-Kurs buchen und direkt bezahlen kann. Diese Plattform bzw. Software werde ich (zusammen mit NOEO) jetzt auch anderen zur Verfügung stellen, die online aufzeichnete Kurse mit Prüfungsfragen verkaufen können.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

In Kategorie: DVG

„Eine Möglichkeit, trotzdem den Beruf auszuüben“ – Friseur im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 6: Friseur im Stream (Foto: unsplash)

Denny Leo Kinder ist Inhaber von Denny K Friseure in Berlin. Seit ein paar Tagen ist er ist auf der Plattform personalbeautycoach.de aktiv und berät Kunden virtuell.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Als Friseur gehört es dazu, jeden Tag mit neuen Menschen in Kontakt zu treten und diese in einer kurzen Zeit kennen zu lernen. Anders ist es jetzt durch die PBC Plattform nicht wirklich. Jedoch ist es Gewöhnungssache, den Kunden/User nicht in 3D zu sehen oder das Haar anzufassen und zu erklären, dass er sich beispielsweise perfekt vor der Handykamera positionieren muss, um eine Typanalyse machen zu können. Aber bis jetzt hat es immer funktioniert.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Normalerweise tritt man ja zu Hause von der Couch nicht mit fremden Menschen via Video in Kontakt. Es ist keine direkte Hürde, jedoch muss man sein professionelles Setting auch zu Hause aufbauen können, um im Moment der Beratung 100% dabei zu sein.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Viele Fragen kommen einem oft dann, wenn man nicht gerade auf dem Stuhl vom Friseur & Kosmetiker sitzt. Der Vorteil bei der PBC Plattform ist, dass es die Möglichkeit bietet, diese persönlichen Fragen direkt oder bei einer Wunschzeit beantwortet zu bekommen, ohne dass man aus dem Haus muss. Sich irgendetwas unpersönliches oder verallgemeinertes aus dem Internet zu ziehen, löst meistens keine individuellen Probleme.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Ich denke, dass die jahrelange menschliche Erfahrung von jedem unserer Beautycoaches das optimal auffangen. Dabei ist es nicht relevant ob im Salon oder daheim über das Smartphone. Ebenfalls bietet der Onlinekalender die Möglichkeit, die Zeit der Beratung zu bestimmen. Da ist die Stimmung automatisch positiver, da man sich darauf einstellen kann.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Ich würde raten, dem ganzen offen gegenüber zu stehen. Es bietet gerade in der aktuellen Zeit die Möglichkeit trotzdem mit seinem Beruf und auch Kunden in Kontakt zu stehen.
Zudem unterstützt man das Unternehmen in dem man tätig ist, diese Krise besser zu überstehen.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Um neue Partner anzuschließen und Buchungen zu generieren, nutzen wir eine Website mit integrierter Buchungsmaske und der Möglichkeit, Gutscheine zu erwerben. Für das Coaching selber nutzen wir Whatsapp. Ziel ist es, eine App zu haben, wo User und Coach sich gleichzeitig einwählen können und weitere Features eingearbeitet werden in die Beratung.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

„Nah an die Kamera ran, nah ans Mikro ran“ – Lesungen im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 5: Tägliche Lesung im Stream (Foto: unsplash)

Wolfgang Tischer ist Gründer von Literaturcafe.de. In den vergangenen zwei Wochen hat er »Die Pest« von Albert Camus im Live-Stream vorgelesen.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Meistens lese ich als Sprecher live vor Publikum die Texte andere Menschen vor. Und ich mache auch YouTube-Videos. Immer noch ist es etwas irritierend, dass eine Live-Lesung via Stream irgendwo dazwischen liegt. Man muss voll konzentriert sein, weil man nicht wie beim normalen YouTube-Video sagen kann: »Fand ich nicht so gut, ich lese die letzten beiden Absätze nochmal und schneide dann.«
Auf der anderen Seite sitzt man aber dennoch allein vor Kamera und Mikro in einem relativ kleinen Raum.
Ich habe die letzten zwei Wochen jeden Tag um 10 Uhr »Die Pest« von Albert Camus gelesen. Und es war schön zu sehen, wenn kurz vor 10 Uhr die Zuschauerzahl nach oben katapultiert wird, die 100 überspringt und YouTube am Ende meist 500 bis 600 Leute ausweist, die pro Folge live dabei waren. Die sind dabei, aber ich kann sie nicht sehen. Das ist immer noch etwas irritierend. Es macht aber auch Spaß, sich auf diese Situation einzulassen.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Mein Perfektionismus. Ich selbst kann mittlerweile diese ganzen Videos aus den Wohn- und Arbeitszimmern der Menschen nicht mehr sehen. Diese Videos mit den unaufgeräumten Buchregalen oder in denen Menschen vor irgendwelchen Bildern sitzen und der Ton hallt. Das entzaubert so viel. Man muss derzeit selbst im Fernsehen Skype-Videos von ungeschminkten Promis sehen. Das ist so deprimierend.
Ok, geschminkt bin ich auch nicht, aber ich wollte eine gute Bildqualität. Das Licht muss stimmen, vor allen Dingen der Ton. Der Hintergrund sollte neutral sein. Eine sogenannte »Bauchbinde« sollte am unteren Bildschirmrand Infos anzeigen. Bei der Hölderlin-Lesung wollte ich auch mal ein Video einblenden, damit die Leute sehen, von wo aus ich streame. Daher habe ich noch eine Ringleuchte besorgt und vor allen Dingen geeignete Software, mehrere Mikro-Optionen aus meinem Podcast-Studio ausprobiert. Ich wollte nicht einfach nur mit dem Smartphone streamen. Es sollte schon besser aussehen.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Ich habe mich zum ersten Mal getraut, einen Spenden-Button auf der Lesungs-Seite zu platzieren. Schon länger hatten mir Leute dazu geraten, dass doch einfach mal zu machen. Nun habe ich es ausprobiert, weil die Camus-Lizenz ja auch etwas gekostet hat, und ich bin überwältigt, wie viele Menschen Geld gespendet haben.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Man hat natürlich den Chat. Aber da kann und will ich in der Konzentration der Lesung nicht draufschauen. Und ich will ja mit meiner Stimme erreichen, dass die Leute von der Lesung gebannt sind und nicht chatten. Ich begrüßte die Leute und fordere sie am Ende aktiv zu Rückmeldungen auf. Es hat mich schon bewegt und gerührt, was da an Rückmeldungen und Lob kam. Jemand schrieb, dass er immer zur Lesung Tetris spiele, jemand anderes meinte, ich solle nicht immer so sehr überziehen, da sie sich nur eine Stunde frei nehmen könne, um zuzuhören. Durch all dieses Feedback habe ich mir so eine Vorstellung von den Menschen aufgebaut, die mich sehen und hören, wenn ich in die Kamera blicke.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Erst mal machen. Ausprobieren. Dann besser werden. In die Kamera schauen und sich klar machen, dass man zu Menschen spricht. Aber schon darauf achten, dass Bild und Ton möglichst optimal sind. Nah an die Kamera ran, nah ans Mikro ran. Die Zahl der Streaming-Angebote ist mittlerweile sehr groß geworden, man sollte sich also irgendein kreatives Alleinstellungsmerkmal ausdenken.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Bei der Hölderlin-Lesung hatte ich noch zu viele drahtlose Verbindungen: Mit dem iPhone wurde gefilmt und das Signal per EpocCam-App drahtlos auf ein Notebook zur Streaming-Software übertragen. Da ich die Technik für meine »echten« Lesungen habe, war auch das Mikro über eine Funkstrecke mit dem Notebook verbunden, so dass ich freier agieren konnte. Ich trage ein kleines Earmic direkt am Kopf, damit ich den Abstand zur Kamera variieren kann, ohne dass der Ton leidet. Aber Funkstrecken sind fehleranfällig.
Bei der Camus-Lesung ist daher per Kabelverbindung eine externe Logitech-Webcam inmitten einer Ringleuchte angebracht, die sich auf meiner Augenhöhe befindet, um nicht den typischen »von unten Blick« einer eingebauten Webcam zu haben. Das Mikro ist mittlerweile ebenfalls per Kabel mit dem Notebook verbunden, allerdings habe ich ein kleines Mischpult dazwischengeschaltet, um den Ton zu optimieren und um vor allen Dingen live einen Kompressor-Effekt auf die Stimme zu legen, sodass sie näher und druckvoller klingt und der Unterschied zwischen lauten und leisen Passagen geringer ist. Als Streaming-Software auf dem Notebook läuft die Open-Source »OBS«, die sich mit YouTube verbindet. Als Streaming-Kanal nutze ich YouTube, weil das die meisten Leute kennen, weil die Zuhörerinnen und Zuhörer keine Zusatzsoftware installieren oder sich zwingend vorher registrieren müssen.

Bild rechts: Das aktuelle Setup in der derzeit menschenleeren Lounge der Black Forest Lodge für die tägliche Camus-Lesung: Webcam auf Augenhöhe im Ringlicht, das Earmic (unten links) ist über ein Mischpult ans Notebook angeschlossen. Der Zoom H1, rechts auf dem roten Stativ, nimmt den Ton zusätzlich für interne Archivzwecke direkt vom Mischpult auf. Auf dem Notebook läuft die Streaming-Software OBS. Zur Dämpfung liegt eine weiche Decke auf dem Tisch.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

„Gnädig mit sich selbst und den anderen zu sein“ – Kirche im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 4: Kirche im Stream (Foto: unsplash)

Miriam Hechler ist Pfarrerin in der evangelischen Kirchengemeinde in Stuttgart-Vaihingen.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt?
Nein, da hab ich mich noch nicht dran gewöhnt. Es sind auch sehr unterschiedliche Settings: Besprechungen per Videokonferenz, Trauergespräche am Telefon, aufgezeichnete Gottesdienste. Was mich irritiert, ist, dass das mit der Intuition nur noch sehr eingeschränkt hinhaut. Normalerweise wäre ich beim Trauergespräch bei den Angehörigen zu Hause, und würde über die Wohnung, gerahmte Bilder, die Stimmung schon sehr viel intuitiv mitkriegen. Das hilft mir, mich auf die Menschen emotional einzustellen. Jetzt geht es hauptsächlich um Informationen, ist kognitiver. Und da sind auch weniger Pausen dabei, es muss gefühlt immer jemand reden, weil das Gespräch sonst zu schnell beendet wird. Gemeinsam zu schweigen, ohne sich zu sehen, da muss man sich vorher schon gut kennen dafür.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest? (Hardware, Software, Ausstattung, kulturelle Bedenken – alles möglich)
Dass alle dieselben Möglichkeiten haben, an einer Besprechung teilzunehmen. Die Ausstattung daheim ist im Ehrenamt sehr unterschiedlich: Es braucht Headsets und eine Datenübertragung mit genügend Geschwindigkeit, und man muss es schaffen, in den virtuellen Konferenzraum zu kommen.

Dann hängt in eins-zu-eins-Gesprächen auch viel davon ab, wie es der andere gewöhnt ist, sich sprachlich auszudrücken und auch Emotionen im Gespräch zu transportieren. Das ist ohne direkten Kontakt schwerer aufzufangen, wenn jemand generell oder in dem Moment einfach nicht gut reden kann.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Wenn ich nicht selbst die Besprechung leite und ein Thema dran ist, das mich wenig angeht, dann kann ich nebenher auch in meiner Wohnung rumlaufen und aufräumen – und ich bin dadurch geduldiger… Das klappt ohne Bild natürlich noch besser! Alle sind auch konzentrierter, die Leitung ist straffer, dadurch dauert es nicht so lang. Kleine Nebenchats, die keinen stören und die keiner bemerkt, sind nun auch möglich.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
In Besprechungen starten wir jetzt oft mit einer Runde, in der jeder sagt, wie es ihm oder ihr gerade geht, wie der Alltag ist. So können wir uns besser auf einander einstellen.
Bei seelsorgerlichen Gesprächen achte ich darauf, dass mich nichts ablenken kann, und stelle daheim ungefähr das Setting her, das ich im direkten Kontakt hätte. Z.B. eine Kerze anzünden, schwarze Kleidung tragen, und das Gegenüber erzählen lassen, wer gerade noch da ist, in welchem Raum sie gerade sind usw. Da mache ich dann auch nichts anderes nebenher.
Bei den Gottesdiensten stelle ich mir eine konkrete Person vor, die auf der anderen Seite der Kamera sitzt, aber nachsteuern, wenn jemand die Stirn runzelt, das geht halt nicht. Ich formuliere meine Texte von vornherein sorgfältiger, damit sie schlichter und klarer sind.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Gnädig mit sich selbst und den anderen zu sein. Es sind alle gerade etwas dünnhäutiger, und den Gemeinschaftsaspekt können wir einander nicht so geben wie sonst. Wenn etwas technisch nicht klappt, man etwas wiederholen muss, weil gerade der Ton weg war oder wenn man gerade nur die Hälfte verstanden hat, stresst das zusätzlich. Ich finde, man darf nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen gerade, aber mir selber muss ich das auch immer wieder sagen…

Und vor größeren Besprechungen vielleicht einen technischen Testlauf mit möglichst vielen machen, damit nicht in der Situation selbst einzelne abgehängt werden.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Hardware: Laptop oder Smartphone mit Headset. Software: Teams oder Jitsi.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

In Kategorie: Netz

„Wenn das Bild einfriert, wenn gerade jemand weint“ – Therapie im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 3: Therapie im Stream (Foto: unsplash)

Imke Herrmann und Lars Auszra sind Psychotherapeuten und Coaches in München. Seit die Corona-Krise den direkten Kontakt untersagt, führen sie viele Gespräche übers Internet.

Ihr macht jetzt etwas, das Ihr vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht habt, über eine digitale Verbindung. Habt Ihr Euch schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Euch immer
noch?

Lars: Wir haben das teilweise auch schon vorher gemacht. Jetzt machen wir es natürlich in größerem Umfang. Mich stresst, dass die Technik nicht immer reibungslos funktioniert. Wenn
zum Beispiel das Bild einfriert, wenn gerade jemand weint.
Imke: Ja, das macht es manchmal anstrengend, wenn mitten im Gespräch plötzlich die
Verbindung weg ist und das eingefrorene Bild eines streitenden Paares sieht und man nicht
mehr eingreifen kann. Außerdem kostet es mehr Energieaufwand, um die gleiche Gesprächstiefe herzustellen.

Was war die größte Hürde, die Ihr überwinden musstest?
Lars: Ich finde, die wichtigste Hürde ist in mir: Erlaube ich mir mit der gleichen Intensität auf emotionale Themen zu fokussieren oder nicht?
Imke: Ja, das hat manchmal Aspekte einer gefühlten Normverletztung. Man macht etwas, was
man sonst zum Beispiel in einem Skype-Gespräch nicht macht. Allerdings ist unsere Erfahrung:
wenn wir es mit einer gewissen Selbstverständlichkeit tun, ist es teilweise nicht anders als
vorher live in der Sitzung.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Imke: Manche Patienten, gerade die, die eher Probleme mit Nähe haben, finden es sogar
besser, die sagen teilweise: Können wir das nicht so lassen?
Lars: In Einzelfällen könnte es auch Sinn machen, es fortzuführen, aber die Frage ist halt auch: Nimmt man Ihnen so nicht auch eine Entwicklungschance?
Etwas anderes, das ich positiv finde ist: Es schafft gerade mit den Menschen, mit denen wir
schon länger arbeiten, auch eine neue Form der Verbundenheit in dieser Krise bei denen zu
Hause aufzutauchen. Ich finde es vertieft die Beziehungen.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im
Raum. Wie löst Ihr das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?

Lars: Interessanterweise empfinde ich das gar nicht so, zumindest bislang nicht. In unserer Arbeit fokussieren wir sehr auf das emotionale Erleben des Patenten, somit ist das ohnehin sehr präsent.
Imke: Die wichtigste Quelle hierfür ist neben dem was gesagt wird, explizit oder implizit, zwischen den Zeilen, ja der Gesichtsausruck und den sieht man sogar noch deutlicher.
Lars: ein wenig stört, dass man sich nicht direkt in die Augen sehen kann, aber trotzdem erlebe
ich in besonders emotionalen Moment dennoch ein Gefühl der Verbundenheit.

Welchen Ratschlag würdet Ihr jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming
einsteigt?

Imke: Gerade in unserem Bereich: Unbedingt ein Backup haben, also die Möglichkeit, den
anderen schnell übers Telefon zu erreichen, falls die Verbindung zusammenkracht.
Lars: Und mir scheint, gerade wegen dem fehlenden Augenkontakt, ist es wichtig seine Präsenz sehr aktiv verbal zu kommunizieren, sich nicht darauf zu verlassen, dass der andere an unserem Gesichtsausdruck merkt, dass wir „da“ sind, wirklich zuhören.

Zum Abschluss: Könnt Ihr noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) Ihr jetzt online geht?
Imke: Über ein von der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV) zugelassenen und zertifizierten Videodienst für Ärzte und Therapeuten: sprechstunde.Online von der Deutschen Arzt AG. Jetzt in der Krise ist der sogar umsonst.

Für das Blog Coronapause.de habe ich Imke und Lars zum Thema Stress in der Familie befragt. Ihre Praxisgemeinschaft für Psychotherapie ist in München-Neuhausen.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

„Es braust weniger Empörung auf“ – Philippe Wampfler über Unterricht im Live-Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der ?Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 2: Unterricht im Stream (Foto: unsplash)

Philippe Wampfler ist Experte für das Lernen mit neuen Medien. Der Lehrer und Autor begleitet seinen digitalen Unterricht während der Corona-Krise auf einem eigenen Youtube-Channel.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Wenn ich Videokonferenzen mit Klassen durchführe (im Schnitt mache ich das einmal pro Woche mit jeder Klasse), dann rede ich oft einfach in den Bildschirm rein. Das geht, ich kann damit umgehen und habe mich daran gewöhnt. Ich versuche, nicht zu glatte Vorbereitungen zu erzeugen, sondern auch mal direkt im Browser was zu suchen, damit die Klasse auch etwas Pause zum Mitdenken erhält. In einem Schulzimmer kann ich aber die Stimmung direkt fühlen und merke, ob ich eher länger oder kürzer sprechen sollte, schneller oder langsamer oder vielleicht direkt zur nächsten Phase übergehen muss. Diese Wahrnehmung habe ich vor dem Rechner (noch) nicht.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Ich habe voll losgelegt: Einerseits, um die Gedanken an die Pandemie zu verdrängen, andererseits, weil ich Lust hatte, Ideen umzusetzen und die Situation zu nutzen. Als Hürde habe ich eher die Vorstellung von Kolleginnen und Kollegen empfunden, möglichst intensiv weiterzumachen und ihre Stunden einfach als Videomeeting abzuhalten, mit Absenzenkontrolle und Frontalunterricht. Da fehlte manchmal die Einsicht, dass es sich um eine veränderte Situation handelt.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Die informellen Gespräche an der Schule sind weggefallen. Das ist nicht generell besser, aber in einer Hinsicht schon: Es braust weniger Empörung auf, kurzfristige Anfragen und Umstellungen sind weniger gut möglich. Ich kann meine Arbeit etwas besser planen und bestimmen. Zudem haben die Schüler*innen mehr Freiheit: Sie konzentrieren sich auf das, was Sie als wichtig einschätzen. Weil der Notendruck im Moment weg ist, erlebe ich sie auch als gelöster.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Ich telefoniere mehr, baue immer Feedback-Phasen ein, wenn ich mit jemandem rede. Oft führe ich auch in Chats ganz kleine Umfragen durch, meist nur eine Frage, damit alle auch etwas abschätzen können, ob sie mit einem Gefühl alleine sind oder nicht.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Nicht zu lange Sequenzen planen, die Möglichkeiten von Chats nutzen, keine Perfektion erzielen wollen. Improvisieren ist charmant und lernwirksam.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich nutze einen Standard-Laptop mit einem Bluetooth Headset. Manchmal nehme ich auch mit dem Handy an Calls teil. An der Schule benutze ich Microsoft Teams, sonst oft Zoom.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

„Bis die so weit sind, haben wir Herdenimmunität erreicht“ – Tom Hillenbrand über Lesungen im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der ?Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 1: Lesung im Stream (Foto: unsplash)

Tom Hillenbrand ist Autor in München. Seit ein paar Tagen liest er regelmäßig im Netz. So auch wieder am Dienstag 7.4. unter tomhillenbrand.de/live.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Bei Lesungen und Vorträgen ist mein Trick, mir jemand im Publikum zu suchen, der nett aussieht und ihn dann immer wieder anzuschauen. Das vermittelt mir Zuversicht, gibt Halt. Das geht jetzt natürlich nicht. Und auch das für Lesungen so wichtige akustische Feedback durch Lacher oder Raunen fällt weg.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Technik ist schon eine Hürde. Im Prinzip macht Twitch, wo ich meine Lesungen streame, es einem aber ziemlich einfach. Aber natürlich hängt der Stream mal oder er läuft nicht synchron. Da die Probleme stets während des Livestreams auftreten, ist der Stressfaktor recht hoch. Ich vermute, dass Agenturen, die auf so etwas spezialisiert sind, gerade gutes Geld verdienen.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Die Anreise ist deutlich kürzer.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Es gibt ja non-stop Rückmeldungen über den Chat, der neben dem Stream langtickert. Und mit der Zeit lernt man auch, den zu parsen, eine Stimmung zu erahnen. Ansonsten versuche ich, die Lesung etwas offener zu gestalten, mich auch immer wieder zwischendrin mit den Leuten zu unterhalten und nicht erst am Ende im Q&A. Anderes Medium, andere Vortragsform, wobei ich noch nicht sagen kann, wie genau das am Besten wäre.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Just do it. Perfektion wird von niemand erwartet, die Zuschauer wissen, dass Du experimentierst. Das macht auch eine Teil des Reizes aus. Und vor allem nicht darauf warten, dass Dein Musiklabel, Dein Tourpromoter oder Dein Buchverlag das für Dich aufgleist. Bis die so weit sind, haben wir Herdenimmunität erreicht.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich streame auf Twitch, mit Streamlabs, das ist eine Open-Source-Streaming-Software. Als Kamera verwende ich ein iPhone XR mit Zehn-Euro-Stativ. Investiert habe ich lediglich beim Sound, in ein Studiomikro von Røde, weil eine gut klingende Stimme natürlich wichtig ist.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!