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„Bis die so weit sind, haben wir Herdenimmunität erreicht“ – Tom Hillenbrand über Lesungen im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der ?Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 1: Lesung im Stream (Foto: unsplash)

Tom Hillenbrand ist Autor in München. Seit ein paar Tagen liest er regelmäßig im Netz. So auch wieder am Dienstag 7.4. unter tomhillenbrand.de/live.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Bei Lesungen und Vorträgen ist mein Trick, mir jemand im Publikum zu suchen, der nett aussieht und ihn dann immer wieder anzuschauen. Das vermittelt mir Zuversicht, gibt Halt. Das geht jetzt natürlich nicht. Und auch das für Lesungen so wichtige akustische Feedback durch Lacher oder Raunen fällt weg.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Technik ist schon eine Hürde. Im Prinzip macht Twitch, wo ich meine Lesungen streame, es einem aber ziemlich einfach. Aber natürlich hängt der Stream mal oder er läuft nicht synchron. Da die Probleme stets während des Livestreams auftreten, ist der Stressfaktor recht hoch. Ich vermute, dass Agenturen, die auf so etwas spezialisiert sind, gerade gutes Geld verdienen.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Die Anreise ist deutlich kürzer.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Es gibt ja non-stop Rückmeldungen über den Chat, der neben dem Stream langtickert. Und mit der Zeit lernt man auch, den zu parsen, eine Stimmung zu erahnen. Ansonsten versuche ich, die Lesung etwas offener zu gestalten, mich auch immer wieder zwischendrin mit den Leuten zu unterhalten und nicht erst am Ende im Q&A. Anderes Medium, andere Vortragsform, wobei ich noch nicht sagen kann, wie genau das am Besten wäre.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Just do it. Perfektion wird von niemand erwartet, die Zuschauer wissen, dass Du experimentierst. Das macht auch eine Teil des Reizes aus. Und vor allem nicht darauf warten, dass Dein Musiklabel, Dein Tourpromoter oder Dein Buchverlag das für Dich aufgleist. Bis die so weit sind, haben wir Herdenimmunität erreicht.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich streame auf Twitch, mit Streamlabs, das ist eine Open-Source-Streaming-Software. Als Kamera verwende ich ein iPhone XR mit Zehn-Euro-Stativ. Investiert habe ich lediglich beim Sound, in ein Studiomikro von Røde, weil eine gut klingende Stimme natürlich wichtig ist.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

Livejournalismus: Twitch macht Atelierbesuche

twitch

Im Interview für das Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ sagte mir der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich dieses Sätze, von denen ich nicht dachte, dass ich sie mal unter ein Foto des Streaming-Dienst Twitch schreiben würde:

„Das Privileg des Atelierbesuches ist uralt. Das haben wir natürlich bei den Salonmalern im späten 19. Jahrhundert, da gab es einzelne Stunden in der Woche, in denen das Atelier öffentlich besuchbar war, natürlich nur gegen Voranmeldung, aber immerhin. In der Zeit der Hofkünstler war es üblich, dass der Herrscher jederzeit mal reinschauen durfte. Michelangelo versuchte, dem Papst zu verbieten, dass der sich vor Ort umguckt, wie die Fortschritte in der Sixtina sind. Das war ein Machtkampf.“

Der obige Screenshot stammt von einem Atelierbesuch – bei der Malerin zLadyLuthien, die auf Twitter als ElvishAtHeart aktiv ist. Sie nutzt den Dienst, der unter Gamern bisher bekannt war, weil man hier Live-Streams von Computerspielen verfolgten konnte, um Kunst erlebbar zu machen. Seit kurzem nämlich bietet Twitch ein Ressort für Kunst und Kultur. Der Kanal heißt Creative und trägt einer Bewegung Rechnung, die Bill Moorier von Twitch so beschreibt: „A couple years ago I started to notice a new type of stream happening. Broadcasters would get tired of gaming and fire up photoshop and start sketching game related art.“

Anders ausgedrückt: Kreative Menschen vernetzten sich und ihre Kunst im Erleben durchs Internet. Es ist sozusagen ein Atelierbesuch im Digitalen, ein Beweis für die These, dass die Digitalisierung aus Produkten Prozesse macht, dass das Erlebnis dem Ergebnis ergänzt wird. All das habe ich in Eine neue Version ist verfügbar beschrieben und mit dem Begriff Livejournalismus zu fassen versucht. Nun zeigt der Erlebnisdienstleister Twitch, der im Sommer 2014 von Amazon gekauft wurde, welche konkreten Optionen sich dadurch ergeben.