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Inspirierender Sachbuchjournalismus als Begleiter – Gespräch mit Michèle Loetzner und Christoph Koch

Kann man ein Gespräch vor den Ohren von Publikum live auf Clubhouse aufzeichnen und dann später als Text zum Lesen zur Verfügung stellen? Dieses Experiment haben wir Anfang Februar in Clubhouse unternommen. Abseits vom Inhalt könnte diese Form des Drop-in-Audio das Produkt „Interview“ langfristig zu einem erlebbaren Prozess machen. Dazu habe ich hier unlängst mit Blick auf Clubhouse und Twitter-Spaces geschrieben – und in „Eine neue Version ist verfügbar“ sehr grundsätzlich nachgedacht.

Michèle Loetzner und Christoph Koch haben gerade Sachbücher veröffentlicht, die sich jeweils auf einer Wegstrecke (Symbolbild: Unsplash) mit dem persönlichen Wohlbefinden ihrer Leser:innen befassen. Es geht um Liebeskummer und Digitale Balance und beide haben sich dafür Tage als Lese-Distanz ausgesucht: Michèle hat sich mit 99 Tagen und Christoph mit einer 30-Tages-Challenge befasst. In einem Clubhouse-Talk im Februar habe ich die beiden zu diesen Ansätzen befragt – vor allem mit Blick auf die Idee des „Inspirierenden Journalismus“.

Sind Eure Bücher tatsächlich Beispiele für das was, ich „Inspirierenden Journalismus“ nennen würde, also eine Form von Sachbuch-Journalismus, der seine Leser:innen verändert?
Michèle: Ja. Das war tatsächlich die Idee des Buches direkt von Beginn an. Und das zeigt sich ja auch in dem doch sehr einfachen Titel. Man hätte sehr viel schönere und wortspielende Titel finden können und das hätte mein Literaturwissenschaftlerinnen-Herz auch mehr gefreut, aber auf dem Buch steht drauf, was drin ist.

„Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“ – war es schwierig den Verlag davon zu überzeugen oder war es umgekehrt so, dass der Verlag dich überzeugen musste?
Michèle: Letzteres. Das ist schön, dass Du fragst, weil ich jetzt endlich mal meinen wunderschönen eigentlichen Titel sagen. Eigentlich hätte das Buch „Ja, der kann weg“ heißen sollen.
Christoph: Super.
Michèle: Das Buch richtet sich hauptsächlich an Frauen und der Titel hätte nicht nur die Bedeutung gehabt, dass der Typ in der heteronormativen Beziehung weg kann, sondern eben auch der Liebeskummer selbst. Aber direkt im allerersten Telefonat mit der Lektorin, nachdem alles unterschrieben war – und da gab es schon den Untertitel „Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“ – meinte sie ganz deutlich: „Michèle, wir können jetzt lange rumtun, aber benennen wir es doch einfach mit dem Untertitel.“ Ich weiß noch, wie ich damals das Gefühl hatte, als hätte mir jemand einen Dolch ins Herz gestochen…

… wie fühlt es sich jetzt an? Das Buch ist seit Sommer auf dem Markt, empfindest du noch einen Schmerz?
Michèle: Nein. Das war die richtige Entscheidung für den Titel. Es war eine Marketing-Entscheidung, aber es war die richtige Entscheidung. Liebeskummer ist ein sehr spitzes Thema. Niemand kauft sich ein Buch, weil er gerade mal was Lustiges über Liebeskummer lesen möchte. Jemand, der das Buch kauft, steckt selbst in der Situation und sucht danach im Internet oder geht in den Buchladen und fragt: „Ich habe Liebeskummer. Können Sie mir da was empfehlen?“ Und wo Gelbwurst draufsteht, ist dann hoffentlich auch Gelbwurst drin. Wenn man jetzt bei Amazon „Liebeskummer“ eingibt, landet man automatisch bei meinem Buch.

Man kann also sagen: du hast beim Nutzer:innen-Interesse begonnen und hast daran entlang das Buch geschrieben. Du wolltest nicht eine Kulturgeschichte des Liebeskummers verfassen?
Michèle: Das wollte ich auf keinen Fall. Ich wollte ein Buch schreiben, das wirklich hilft. Es ist so, dass in Deutschland mehr Bücher von Frauen gekauft werden als von Männern. Und gerade im Ratgeberbereich sind es nochmal besonders viele Frauen, die kaufen. Deshalb war es schon alles so darauf zugeschnitten. Dass es am Ende 99 Tage geworden sind, hat noch einen anderen Hintergrund, aber den erzähle ich dann später… Viele Bücher, die in diesem Bereich erscheinen, funktionieren so, dass eine Autorin oder ein Autor aus dem eigenen Erleben schreibt und sagt: „Macht das so wie ich das gemacht habe, dann macht ihr das richtig.“ Das wollte ich aber genau nicht machen. Mich gibt es in diesem Buch nicht. Ich lasse nur die Wissenschaft sprechen. Es ist also von mir komplett von mir als Person losgelöst.

Das ist die perfekte Überleitung zu Christoph. Du hast zwei Bücher geschrieben, die sich mit dem Thema Digitales Leben befassen. Das eine ist schon erschienen, in dem du einen Ich-Erzähler als Blaupause wählst („Ich bin dann mal offline“) und jetzt eins, in dem du auch einen anderen Zugang wählst, auch über eine Challenge. Findest du dich wieder in dem, was Michèle sagt?
Christoph: Ich will ganz kurz einen Satz zu Michèle sagen, weil du gerade gesagt hast, der Titel war eine Marketing-Entscheidung. Aus Leser-Perspektive finde ich das aber total gut, weil es ein klares Versprechen gibt und ich weiß, was mich erwartet. Das ist eine gute Sache, und gar nichts, wofür man sich entschuldigen muss, weil es werblich ist oder so. Für mich als Leser ist das sehr angenehm, wenn es ein klares Versprechen gibt. Und bei den 99 Tagen bin ich natürlich auch sehr gespannt, aber da sprechen wir bestimmt gleich drüber…

… Du hast dir ein Drittel gewählt: 30 Tage ist die Challenge bei dir.
Christoph: „Ich bin dann mal offline“ ist jetzt zehn Jahre her und ist als Buch unfassbar schlecht gealtert. Da kommt noch StudiVZ drin vor und Instagram gibt es noch gar nicht und Smartphones nutzen nur ganz wenige Menschen. Ich habe mich aber damals bei dem Buch, das ein erzählendes Sachbuch im Selbstversuch ist, immer wahnsinnig darum gedrückt, wirkliche Ratschläge zu geben. Ich habe immer gesagt: „Nein, ich kann das nur beschreiben, wie ich es erlebt habe und daraus muss jeder selbst seine Konsequenzen ziehen.“ Ich habe dann aber gemerkt, dass das eigentlich Quatsch ist, weil die Leute immer und immer wieder nach Tipps und Empfehlungen gefragt haben. Und als ich dann über das neue Buch nachgedacht habe, habe ich gedacht, vielleicht muss ich die Angst vor dem Vorschlagen und dem Unterstützen ablegen. Dann habe ich erst an einen klassischen Ratgeber gedacht, habe dann aber gemerkt, dass ich eigentlich relativ viele verschiedene Tipps habe, die man aber auch nicht alle auf einmal umsetzen kann, sondern über einen gewissen Zeitraum. So bin ich dann auf die 30 Tage gekommen. Weil es ja im Gegensatz zu dem Liebeskummer, wo man über etwas hinwegkommen will, bei der digitalen Balance auch eher um Gewohnheiten oder Lebensführung geht, die immer eine gewisse Zeit braucht. Wenn man nur einen Tag lang sagt, ich ernähre mich jetzt mal anders, dann bringt das ja nichts. Man muss das ja eine gewisse Zeit lang machen, bis sich neue Dinge angewöhnt hat und man einen gewissen Effekt sieht.

Warum bist du bei den 30 Tagen gelandet?
Christoph: Für das Offline-Buch hatte ich mir damals einen Monat vorgenommen. Ich fands dann aber so gut und hatte aber so viel Angst vor der E-Mail-Lawine, die kommt wenn man offline ist, dass es am Ende 40 Tage wurden. Was dann wiederum biblisch und die Dauer der Fastenzeit war. Das ist mir aber erst später gesagt worden. Eigentlich halte ich einen Monat für einen ganz guten Zeitraum. Erstens ist mir für 30 Tage für jeden Tag eine kleine Aufgabe eingefallen bzw. ein kleiner Hack, den man direkt anwenden kann. Und zum zweiten hatte ich das Gefühl, einen Monat lang kann man sich auch mal auf was einlassen. Ein Klassiker ist ja zum Beispiel, dass ganz viele Leute diesen „Dry January“ machen und auf Alkohol verzichten. Einen Monat lang kann man einer Sache eine Chance geben, aber wenn es nichts für mich ist, ist ein Monat auch nicht so lang.

Nach dem Monat hat man auch das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Vielleicht ist man sogar ein wenig stolz. Das funktioniert bei der Digitalen Balance vielleicht sogar noch etwas besser als beim Liebeskummer. Deshalb an dich die Frage, Michèle, weil wir so neugierig sind: Wie kam es zu den 99 Tagen? Und wie bist du mit der Herausforderung umgegangen, dass jede Liebesgeschichte ja dann doch individuell ist?
Michèle: Da geht tatsächlich noch eine Frage voraus. Nämlich: Wie konsumiere ich in einem solchen Zustand des Liebeskummers? In dem Moment, in dem ich in so einem Ausnahmezustand bin, und da bin ich von mir selbst ausgegangen, kann ich mir nicht vorstellen, ein 400-Seiten-Buch über die Liebe zu lesen. Da bin ich nicht so konzentriert, lang am Stück zu lesen. Deswegen war von vornherein klar, dass man das stückweise macht und die Leserin, ich spreche das hier mal als generische Femininum – Männer sind mitgemeint – nicht überfordere. Das Buch ist so aufgebaut: auf der linken Seite erkläre ich immer eine Studie oder einen Forschungsgegenstand zum Thema Liebeskummer und auf der rechten Seite kann man wie in so einem Arbeitsbuch Fragen beantworten. Das ist jetzt nicht neu, aber in den anderen Büchern, die ich so kenne, sind diese Fragen immer unfassbar dumm. Offenbar geht man davon aus, dass Frauen nicht besonders intelligent sind und automatisch ein gebrochenes Hirn haben, wenn sie ein gebrochenes Herz haben. Da stehen dann so Aufgaben wie „Male mit Lippenstift deinen Ex-Freund auf und zünde bei Vollmond das Papier an“. Solche Aufgaben gibt es bei mir natürlich nicht, aber man hat so eine Art Tagesbuch-Funktion, die man jeden Tag bearbeiten kann. Und das dann eben häppchenweise, 99 Tage lang. Und die 99 Tage sind aus einem Witz heraus entstanden. Die beziehen sich auf den Song „99 Problems“ von Jay-Z, darin heißt es: „I got 99 problems but a bitch ain’t one.“ Und ursprünglich hätte ich gerne so eine Banderole ums Buch gehabt, wo das draufsteht und die man dann abreißen kann. Aber leider ist so eine Banderole ganz schön teuer…

Die 99 hast du dennoch behalten?
Michèle: Ja, die 99 Tage sind aber dann auch nochmal in drei Drittel unterteilt, die sich mit Loslassen, Kompensieren und Zurückerinnern beschäftigen. Und dann ist es in sich nochmal aufgebaut in den fünf Phasen der Trauer. Das klingt jetzt komplizierter als es ist. Es ist eine innere Struktur, die mir beim Schreiben von Anfang an sehr geholfen hat.

Hast Du dabei eine konkrete Leserin im Kopf, für die du schreibst?
Michèle: Nee, das eher nicht. Tatsächlich hatte ich eher abstrakt eine heteronormative Frau im Kopf. Was aber vor allem daran liegt, dass die wissenschaftliche Forschung sich hauptsächlich mit heteronormativen Beziehungen beschäftigt. Es ist also nicht meine Ignoranz gegenüber anderen Beziehungen, sondern dazu gibt es das meiste Material. Natürlich wünsche ich mir, dass sich die Wissenschaft da mehr öffnet und andere Geschlechter- und Beziehungsformen auch und vor allem noch mehr untersucht.

Christoph, hattest Du eine Person im Kopf beim Schreiben?
Christoph: Ich habe eher versucht zu vermeiden, mich auf eine konkrete Person so einzuschießen. Denn sonst neigt man dazu, die eigenen Probleme zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen und dann womöglich auf alle zu übertragen. Das ist aber natürlich totaler Quatsch. Denn andere Leute hängen vielleicht nicht wie ich bei Twitter ab, sondern bei Candy Crush, was ich zum Beispiel noch nie in meinem Leben gespielt habe…
Michèle: … nix gegen Candy Crush.
Christoph: Natürlich nicht! Ich habe auch schon eine Menge Zeit in alle möglichen Spiele versenkt . Ich habe beim Schreiben versucht, mir unterschiedliche Personen vorzustellen. Ich habe mich also gefragt: Wie sieht problematische Smartphone-Nutzung für jemanden aus, der zwanzig Jahre jünger ist als ich, oder zwanzig Jahre älter, eine Frau ist, festangestellt und nicht Freiberufler so wie ich. Ich habe also immer versucht, meinen Tunnelblick aufzulösen und nicht nur von meiner Warte aus zu schreiben. Denn davon wollte ich ja weg, von dieser Selbstversuchs-Dynamik, die ich damals bei “Ich bin dann mal offline hatte. Denn 40 Tage harte Digital Detox war für mich persönlich interessant, ist aber für andere ist das komplett unpraktikabel. Und da wollte ich eben hin, dass es für mehr Leute zugänglich ist. Es gibt zum Beispiel in dem Buch auch ein Kapitel, das sich mit der ganzen Eltern- und Familienthematik beschäftigt, mit dem schönen Titel „so lang du dein Smartphone an meiner Steckdose auflädst.“

Hast Du das Gefühl, dass die Zeit für die Selbstversuch-Bücher und -Experimente ein bisschen vorbei ist?
Christoph: Kurze Antwort: Ja! Dieses Genre hat seinen Höhepunkt auf jeden Fall überschritten. Es ist auch fast alles gemacht worden an Selbstversuchen. Mein erklärtes Vorbild war ja immer AJ Jacobs, der amerikanische Esquire-Autor, der ganz viel mit der Selbstversuch-Mechanik gemacht hat – wie ein Jahr der Bibel aufs Wort gefolgt ist und ein Jahr versucht hat, absolut gesund zu leben. Aber auch der ist irgendwann an ein Ende gekommen. Und trotzdem habe ich mich immer davor gedrückt, mir anzumaßen, anderen zu sagen, wie sie es machen sollen. Das fand ich immer irgendwie doof. Weil es ja diese journalistische Haltung gibt, „sagen was ist“, aber dann soll der Leser sich schon bitte selbst ein Urteil bilden. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass diese Ratschläge und Tipps immer wieder eingefordert und nachgefragt wurden. Und dann wäre es ja auch irgendwie Quatsch, wenn man sich über Jahre mit Themen befasst und Studien liest, dann aber sagt: „Ich kann Ihnen hier nur die Forschung zitieren, darf dann aber keine Ratschläge daraus ableiten.“

Michèle, hast Du auch das Gefühl, dass du so im Kolleg:innen-Kreis noch mehr Reputation bekommen hättest, wenn du eine Kulturgeschichte des Liebeskummers, aber dafür weniger nutzwertig geschrieben hättest?
Michèle: Ja, vielleicht. Allerdings zahlen die ja auch nicht meine Miete… aber ich will noch einen Gedanken zu dem ergänzen, was Christoph gesagt hat. Denn ich werde auch ganz oft nach Ratschlägen gefragt, aber ich gebe bewusst keine konkreten Handlungsanweisungen. Ich sage auch was ist und wie der Stand der Forschung ist und stelle es in einen Zusammenhang und gebe Hintergrund und Kontext. Aber ich sage nicht „mach’s so“ oder „mach’s so“. Ich schreibe auch sehr deutlich in meinem Vorwort, dass es natürlich sein kann, dass manche Tage von den 99 Tagen überhaupt nicht zu der Leserin passen und dann kann sie die auch einfach überblättern. Aber ich bin ja eben Journalistin und keine Therapeutin, deshalb darf ich auch keinen Ratschlag geben und ich gebe auch keine. Und das liegt vielleicht auch ein wenig daran, Christoph sag mal wie du es siehst, dass es auf diesem Ratgeber-Markt auch wahnsinnig viele Scharlatane gibt, die wahnsinnig viel Quatsch erzählen und zu denen möchte ich nicht gehören.
Christoph: Absolut. Und es ehrt dich total, dass du da eine sehr gute Grenze ziehst. Denn es gibt unter dem Titel „Ratgeber“ tatsächlich auch jede Menge lieblos zusammengeklöppelte Küchenphilosophie.
Michèle: So mit einem Gummi-Cover. Ich weiß genau, was du meinst.
Christoph: Wir wollen jetzt keine Verlage dissen. Aber vielleicht ist das auch ein Unterschied, ob man sehr kurzfristig Ratgeber-Hilfe sucht, weil man bis übermorgen eine Bewerbung auf Englisch schreiben muss und dafür ein Büchlein kauft. Oder ob man sich intensiver mit einem Thema beschäftigen will.

Zum Abschluss würde ich Euch gerne einladen zu spekulieren. Werden wir solche Bücher, wie Ihr sie geschrieben habt, auch in anderen Feldern kennenlernen. Zum Beispiel im Politik-Journalismus: „In 99 Tage Friedrich Merz verstehen“ oder als Challenge „30 Tage Anna-Lena Baerbock und das Grünen-Programm kennen lernen“?
Christoph: Ein Gedanken, der mich schon fasziniert, ist diese Idee der Challenge. Die älteste Challenge der Welt ist ja vielleicht die Fastenzeit, dass man also für 40 Tage auf etwas verzichtet. Und wenn man das geschafft hat, hat man das Gefühl eines Erfolgs – und es ist irgendwie auch befriedigender, als wenn man sich einfach nur vornimmt, irgendwie weniger Schokolade zu essen. Und diese Challenge-Mechanik hat zumindest bei mir einen eigenen Drive und einen eigenen Ansporn. Und wenn man das gut nutzen kann, werden wir davon vermutlich auch mehr sehen. Wie man das jetzt in den Politik-Betrieb integriert, weiß ich nicht, ich kann es mir aber schon vorstellen bei Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Dieses unklare Gefühl „ich möchte weniger Energie verbrauchen“, kann so viel greifbarer werden, wenn man sich vornimmt, ich mach diese 10 konkreten Dinge jetzt mal für ein Jahr anders. So eine Begrenzung macht vieles greifbarer und damit auch einfacher, glaube ich.
Michèle: Diese Challenges gibt es ja schon eine ganze Weile. Und wenn man viel im Magazin-Bereich arbeitet, was Christoph und ich ja beide tun, ist man es glaube ich gewohnt, viele Texte als Challenge zu verpacken. Weil so eine Challenge einen Anfang und ein Ende hat. Und ich glaube schon, dass wir als Menschen gerne einen Anfang und ein Ende haben. Und wie sehr das mürbe macht, wenn kein Ende absehbar ist, sieht man ja auch gerade mit den Corona-Maßnahmen. Wir wollen halt gerne wissen, wann etwas vorbei ist. Ob das dann auch für politische Themen klappen kann, weiß ich nicht. Vermutlich kaufen die Leute dann doch eher „Merz für Dummys“ als „In 30 Tagen Merz verstehen“. Aber eigentlich möchte ich, dass sich gar niemand mehr mit Merz beschäftigen muss in Zukunft.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:

– Die Idee „Inspirierender Journalismus“
– Das Format „Ankündigende Zusammenfassung“
Shruggie des Monats: Deine Stimme
Shruggie des Monats: Digitale Präsenz
Der Hype um Clubhouse
Ruhe in Frieden, Ruheraum! Abschieds-Interview mit Erfinder Leander Wattig

Sprechstunde: Clubhouse oder Twitter Spaces?

Es ist dieser Moment auf einer Konferenz, den man eigentlich nicht planen kann, der aber den Reiz des physischen Zusammentreffens ausmacht: Nach einem Vortrag oder in einer Pause stehen plötzlich ein paar Leute zusammen und beginnen ein Gespräch. Eher inoffiziell, eher ohne Agenda und deutliche Hierachie, dafür interessiert und thematisch verbunden. Mit diesem Bild habe ich versucht mir selbst den Hype rund um die Quatschen-Funktion Drop-In-Audio zu erklären. In einer Zeit, in der physische Treffen nicht stattfinden, wird dadurch vielleicht auch verständlich, warum sich derzeit so viele Menschen mit dieser Form der Telefonkonferenz befassen.

Seit Beginn des Jahres nehmen Lucas von Gwinner und ich die zweite Staffel unseres kleinen Werbepodcasts „Wirbt das?“ vor den Ohren des Publikums auf: Freitag 21 Uhr waren wir bisher stets in Clubhouse. Das verändert nicht nur die Produktion des Podcasts (weil z.B. die an die offizielle Aufzeichnung angeschlossene Debatte erstaunliche Erkenntnisse bringt), es macht sogar auch Freude – und hat mir den Reiz des Drop-in-Audio deutlich gemacht. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass mediale Angebote künftig Nutzer:innen anbieten, an der Produktion beteiligt zu sein. Fans könnten dann also bei der Aufzeichnung ihres Lieblings-Podcasts live dabei sein oder mithören wenn Menschen sozusagen auf den Second Ear (als Äquivalent zur medialen Begleitung durch den Second Screen) TV-Sendungen besprechen. Wie dieser Begleitungsprozess Medien verändern kann, habe ich in meinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ beschrieben.

In dieser Woche nun haben wir im Beta-Test einen „Audiobereich“ in Twitter eröffnet (Peter Wittkamp sagte, dass sich alle Begriffe anfühlen als habe ein Lehrer Clubhouse übersetzt) und dabei einige Unterschiede zu Clubhouse bemerkt. Zumindest im Beta-Test scheint Twitter durch die Spaces-Anwendung mehr Strom zu benötigen, das Handy wurde bei einigen Teilnehmer:innen erstaunlich warm. Auch gab es anfangs einige Latenz-Verzögerungen, gerade wenn Teilnehmer:innen aus der Rolle „Zuhörer“ in die Rolle „Sprecher“ befördert wurden.

Weil ich selbst den Reiz des digitalen Quatschens mag, will ich hier die zentralen Differenzen zwischen den beiden Gesprächsräumen Clubhouse und Twitter-Spaces festhalten (Stand: 6. März 2021 im Beta-Test, Beitragsillustration via Visuals/Unsplash)

Clubhouse
👋 neue App, die Zugriff aufs Telefonbuch verlangt
👋 funktioniert derzeit ausschließlich auf iOS
👋 mehrere Gastgeber/Hosts sind möglich
👋 keine andere Reaktion als Mitsprechen
👋 Mikro an- und ausschalten für andere sichtbar
👋 der/die Sprechende wird farbig markiert
👋 keine Verfikation oder User-Rollen
👋 Direkt-Kontakt unter Teilnehmer:innen während des Gesprächs aktuell nicht möglich
👋 Terminierung und Vorausplanung möglich
👋 andere Medien können nicht eingebunden werden

Twitter-Spaces
💯 in Twitter über die Fleets-Leiste am Kopf
💯 offiziell im Beta-Stadium auf iOS und Android
💯 aktuell nur ein:e Gastgeber:in möglich
💯 lässt Reaktionen in Form von Emojis zu
💯 Mikro an- und ausschalten für andere nicht sichtbar
💯 der/die Sprechende wird durch Audiogram markiert
💯 Verifikation und User-Roller (zB nur für Follower)
💯 Direkt-Kontakt unter Teilnehmer:innen während des Gesprächs per Emoji und DM möglich
💯 Terminierung und Vorausplanung aktuell nicht möglich
💯 Tweets können eingebunden werden

Diese Beobachtungen basieren auf dem persönlichen Test in der ersten März-Woche 2021. Der Feature-Umfang in den beiden Apps kann sich jederzeit ändern. Stand heute ist durch die genannten Unterschiede aber erkennbar, dass die beiden Ansätze auf zwei Ziele hinaus laufen:

Clubhouse scheint ein Ökosystem rund um ein zentrales Angebot anzustreben (so wie Snapchat und Storys) und Twitter scheint sein bestehendes Ökosystem um ein Angebot ausbauen zu wollen (so wie Instagram mit Storys).

UPDATE:
The Verge meldet, dass Twitter seine Spaces ab April für alle Nutzer:innen öffnen will

Mehr zum Thema Cluhouse, Twitter Spaces und Drop-In-Audio gibt es in den Digitalen Notizen:
Shruggie des Monats: Deine Stimme
Shruggie des Monats: Digitale Präsenz
Der Hype um Clubhouse
Ruhe in Frieden, Ruheraum! Abschieds-Interview mit Erfinder Leander Wattig

Meta goes beta: Das Lese-Experiment auf log.os

Ich mag Experimente: Mit Eine neue Version ist verfügbar probierte ich aus, ob Crowdfunding nicht auch für die Buchbranche möglich ist (Spoiler: ist es!), mit Meta! testeten wir, ob Bücher nicht auch in Versionen erschienen können (Spoiler: geht auch!) und gemeinsam mit Log.os probieren wir nun ob Lesen nicht auch ein Gemeinschaftserlebnis sein kann. Wie schon beim SZ-Lesesalon ist dies ein weiterer Schritt in Richtung Livejournalismus als Social Reading.

Ab 1. März lesen wir in einer Lesegruppe das Buch auf der Plattform Log.os. Dafür muss man sich dort einen Account anlegen und kann die digitale Fassung der Standard-Version kaufen. Zusätzlich zum Inhalt erhält man Zugang zum Social-Reading-Experiment. Dieses wird rund einen Monat dauern und etwa so ablaufen.

Wir starten am 1. März mit einem gemeinsam kleinen virtuellen Event, zur Buchmesse in Leipzig wird es ein Vor-Ort-Event geben (das natürlich auch auf der Plattform gezeigt wird) und zum Abschluss gibt es noch eine gemeinsame Veranstaltung am Ende des Monats.
Hier Mitglied bei Log.os und in der Meta!-Lesegruppe werden

Authentizität wird zu Autorität – zum Erfolg der Digitalcharta

Vom Werk zum Netzwerk, Symbolfoto: Unsplash

Nachdem ich Anfang der Woche kurz zur Idee einer Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union gebloggt hatte und anschließend ein wenig zum Thema auf Twitter diskutieren durfte, komme ich zu dem Ergebnis: Die Digitalcharta ist ein voller Erfolg!

Vermutlich nicht in dem Sinne, in dem die Initiatoren sich das ursprünglich gedacht haben, aber ganz sicher in dem Sinne, der in den FAQ beschrieben wird und vor allem weil der Entwurf und seine fortlaufende Behandlung uns zeigen, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert. Dieses Bild ist so gestochen scharf, dass die Frage, ob am Ende der Debatte ein wirklicher Vorschlag für eine Digitalcharta steht, für mich persönlich fast in den Hintergrund getreten ist.

Das Ziel der Charta, so heißt es in den FAQ, sei es „eine Debatte über die Zukunft der digitalen Gesellschaft und wie man sie politisch gestalten kann“ zu beginnen. Dieses Ziel ist in jedem Fall erreicht. „Die vorgestellte Digitalcharta versteht sich als Entwurf, der in der Öffentlichkeit reifen soll, dazu gehört essentiell die Diskussion um jedes einzelne Wort. Am Ende könnte so ein digitalgesellschaftliches Fundament der EU entstehen.

Der Prozess der Reifung lehrt eine Menge über den digitalen Wandel. Ich will dies an drei Schlagworten illustrieren, die ich in hier und da verwende um zu beschreiben, was für mich Digitalisierung bedeutet.

1. Vom Produkt zum Prozess
Die Idee, dass sich viele schlaue Menschen hinsetzen, ein Papier entwickeln und damit an die Öffentlichkeit gehen, ist nicht nur wegen des Begriffs „Papier“ eine durch und durch analoge Idee. Digitale Öffentlichkeit zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass Inhalte sich verflüssigen, dass Dokumente zu Dialog werden. Die vergangenen Tage zeigen dies sehr deutlich: Der Entwurf und die Debatte gehören zusammen. Das Produkt „Entwurf“ ist ohne den Prozess „Debatte“ nicht zu denken. Das ist neu: Früher sprach das Papier für sich, das eine Gruppe engagierter Bürger öffentlich machte. Es konnte kaum überhaupt und nie in diesem Tempo prozessiert werden.
Dieser Wandel führt aber auch zu einer grundlegenden Veränderung für diejenigen, die einen solchen Entwurf öffentlich machen:

2. Von der Rampe zum Raum
Das Veröffentlichen wird zu einem Prozess, damit wird das Medium (das früher Rampe war) zu einem Raum, in dem Interaktion zu einem bedeutsamen Bestandteil wird. Die Frage, wie jemand auf Vorschläge, Kritik und auch Beleidigungen reagiert, ist in diesem Raum plötzlich Bestandteil seiner Wahrnehmung. Und ja, das gilt auch für Schweigen. Man kann sehen, wer sich der Debatte stellt und wer nicht. Ich finde das in Teilen bewundernswert wie engagiert einige der Initiatoren die Debatte führen. Umgekehrt ist es aber auch bezeichnend, dass es eben nur einige sind. Beim Fußball würde man von Einzelaktionen sprechen, ein System ist nicht erkennbar. Ich finde daran zeigt sich am deutlichsten, dass die Charta zwar digital heißt, aber in ihrer Form kaum digital gedacht wurde.

Einen Ausweg sehe ich dafür übrigens am ehesten in der Raum-Metapher: Ich glaube die Initiatoren sollten sich mehr als Gastgeber verstehen und tatsächlich einen Raum öffnen – in echt, im analogen Leben. In diesen Raum laden sie Kritiker und Unterstützer ein und führen nach dem Prinzip eines Kirchen- oder Parteitags eine geordnete Debatte. In einem solchen Ansatz läge meiner Einschätzung nach auch die Chance, am Ende ein inhaltliches Ergebnis zu produzieren, das auf breite Zustimmung stößt. Das wird aber anstrengend und setzt einen dritten Wandel voraus:

3. Von der Autorität zur Authentizität
Wo Wert nicht mehr nur im Produkt, sondern auch im Prozess entsteht, verschieben sich auch die Muster der Autorität. Diese muss sich neu begründen – und am besten gelingt dies (die unter Neuigkeit geführten Blogeinträge beweisen es) immer dann, wenn die Antwort auf die Kritik authentisch ist. Diese Authentizität erhöht die Glaubwürdigkeit und am Ende auch die Autorität der Diskutanten. Das ist im Kern nicht neu, Martin Schulz kennt dies aus Wahlkämpfen, es gilt aber verstärkt auch im Netz. Konkret heißt dies: Er könnte hier z.B. in einem Live-Stream Fragen beantworten und damit Autorität in der Sache gewinnen.

Ich bin optimistisch, dass es dem Charta-Team gelingt, die Idee des Digitalen nicht nur auf den Inhalt ihrer Charta zu beziehen, sondern auch für dessen Rahmen. Wenn es ihnen gelingt, die Initiative zu digitalisieren, kann dabei auch ein gutes Ergebnis geschaffen werden. Wie gesagt: Ich sehe dies als Chance!

The Godfather-Notebook: Notizen der Entstehung

Vor vier Jahren startete ich ein Experiment, in dem ich die These aufstellte, dass die Digitalisierung uns dazu bringt, Kultur als Software zu denken. Eine neue Version ist verfügbar wurde ein Buch und der Beleg dafür, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch dessen spezifischer Entstehungsrahmen, also die Versionierung, Bedeutung haben kann. Steve Jobs-Biograph Walter Issaccson bewies bereits 2013 wie diese neuen Möglichkeiten, das Schreiben verändern können.

Dieser Tage nun wird ein Buch angekündigt, dass zeigt, dass die Entstehungsnotizen hoch interessant sein können: The Godfather Notebook kostet 50 Dollar und bringt dafür (im November) die Notizen des Pate-Regisseurs Francis Ford Coppola in Buchform.

via
Mehr dazu in „Eine neue Version ist verfügbar“

Livejournalismus: Twitch macht Atelierbesuche

twitch

Im Interview für das Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ sagte mir der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich dieses Sätze, von denen ich nicht dachte, dass ich sie mal unter ein Foto des Streaming-Dienst Twitch schreiben würde:

„Das Privileg des Atelierbesuches ist uralt. Das haben wir natürlich bei den Salonmalern im späten 19. Jahrhundert, da gab es einzelne Stunden in der Woche, in denen das Atelier öffentlich besuchbar war, natürlich nur gegen Voranmeldung, aber immerhin. In der Zeit der Hofkünstler war es üblich, dass der Herrscher jederzeit mal reinschauen durfte. Michelangelo versuchte, dem Papst zu verbieten, dass der sich vor Ort umguckt, wie die Fortschritte in der Sixtina sind. Das war ein Machtkampf.“

Der obige Screenshot stammt von einem Atelierbesuch – bei der Malerin zLadyLuthien, die auf Twitter als ElvishAtHeart aktiv ist. Sie nutzt den Dienst, der unter Gamern bisher bekannt war, weil man hier Live-Streams von Computerspielen verfolgten konnte, um Kunst erlebbar zu machen. Seit kurzem nämlich bietet Twitch ein Ressort für Kunst und Kultur. Der Kanal heißt Creative und trägt einer Bewegung Rechnung, die Bill Moorier von Twitch so beschreibt: „A couple years ago I started to notice a new type of stream happening. Broadcasters would get tired of gaming and fire up photoshop and start sketching game related art.“

Anders ausgedrückt: Kreative Menschen vernetzten sich und ihre Kunst im Erleben durchs Internet. Es ist sozusagen ein Atelierbesuch im Digitalen, ein Beweis für die These, dass die Digitalisierung aus Produkten Prozesse macht, dass das Erlebnis dem Ergebnis ergänzt wird. All das habe ich in Eine neue Version ist verfügbar beschrieben und mit dem Begriff Livejournalismus zu fassen versucht. Nun zeigt der Erlebnisdienstleister Twitch, der im Sommer 2014 von Amazon gekauft wurde, welche konkreten Optionen sich dadurch ergeben.

#fbm15: Sechs Dinge, die ich auf der Buchmesse gelernt habe

In Frankfurt endet an diesem Wochenende die Buchmesse. Eine Veranstaltung, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass unfassbar viele Papierbücher in unterschiedlicher Größe und Güte in Messehallen rein- und anschließend wieder rausgeschleppt werden. Allerdings frage ich mich jedes Jahr wieder: Warum eigentlich tut man das? Kaufen kann man die Bücher an den allermeisten Ständen jedenfalls nicht. Und so habe ich eine gewisse Sympathie für die Sage, es gehe eigentlich darum, sich Bücher klauen zu lassen – als Indikator fürs Publikumsinteresse. Ich kann das nicht beurteilen, bilde mir aber ein bei meinem (Kurz-)Besuch in diesem Jahr etwas gelernt zu haben. Deshalb hier sechs Dinge, die ich auf der #fbm15 gelernt habe:

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1. Wir könn(t)en Bücher anders denken
Es ist mir in diesem Jahr so sehr wie selten zuvor aufgefallen: Buch heißt für diese Messe fast überall Papierbuch-Messe. Das sagt niemand, aber man gewinnt auf Schritt und Tritt den Eindruck. Dabei erscheint es mir durchaus geboten, die Idee Buch vielleicht auch mal anders zu denken. Der Lichtblick des Jahres war für mich in diesem Bereich Logos – das Projekt von Volker Oppmann, das genau dies wagt: Bücher anders zu denken.

2. Google Books ist Fair Use
Das ist zwar keine Erkenntnis, die in den Messehallen ausgestellt wurde, sie erreichte mich aber während der Messe. Bei Netzpolitik schreibt Leonhard Dobusch: „Im Rechtsstreit zwischen Google und der US-Autorenvereinigung Author’s Guild hat auch das Berufungsgericht entschieden, dass der Dienst Google Books von der Fair-Use-Klausel des US-Copyrights gedeckt ist.“

3. Sascha Lobo ist eine Erfindung
Die hochanerkannte und unter Digital-Experten seit langem geschätzte Autorin Carol Felt („Cybris“) hat sich den Buchkritiker Sascha Lobo ausgedacht – und der Spiegel ist darauf reingefallen.

4. Wir können in Netzwerken denken
Christiane Frohmann und Leander Wattig haben es in diesem Jahr gezeigt: Ihr Orbanism Space war eine tolle kleine Messe in der Messe. Vor der Bühne, die die beiden aufgebaut hatten und auf der kein einziges Papierbuch rumstand, trafen sich meinem Eindruck nach irgendwann im Laufe der Messe all die Leute, die Bücher anders denken wollen.

5. Wir können Bücher anders (ver)kaufen
buchhandel Ich habe mich schon vor der Buchmesse gefragt, warum Verlage nicht eigentlich selber tun, was Amazon angeblich so gut macht: Bücher verkaufen. Dann stieß ich auf das Buch Philosophie des Laufens und stellte fest: es gibt Verlage, die das sogar besser machen. Beim Mairisch-Verlag konnte ich das Buch jedenfalls versandkostenfrei bestellen und sehr einfach per Paypal bezahlen. Das klingt sehr einfach, scheint für Verlage aber sehr schwierig zu sein: vielleicht sollten Buchhändler und Verleger sich mal austauschen.

Das haben sie offenbar für die App Buchhandel.de getan, die ebenfalls auf der Messe vorgestellt wurde – und den Buchkauf leichter machen soll. Mehr zum Thema Kaufen und Versenden auch in diesem Artikel aus der SZ.

6. Es gibt einen ungenutzten Bereich (Marktlücke?) zwischen langen Texten und kurzen Büchern
Ich selber war vor allem auf der Messe um unser kleines Projekt Langstrecke vorzustellen: „Journalismus, der fast schon Literatur ist“ gehört natürlich auf die Buchmesse. Und dabei ist mir etwas aufgefallen: das Versprechen, das mit den digitalen Verbreitungswegen auch Platz für neue Formen sei, ist bisher nur halb eingelöst. Denn verlegerisch wird die Möglichkeit bisher kaum genutzt, Bücher zu machen, die kürzer sind als Papierbücher und länger als journalistische Texte. Veröffentlichungen also, die ein mittleres Format haben. Dafür sehe ich einen Bedarf – auch wenn man sie nicht im nächsten Jahr in die Frankfurter Messehalle reinschleppen kann.

Schreiben im Digitalen – Digitales Schreiben

Wie schreiben wir in Zukunft? Viele Projekte, an denen ich in den vergangenen Jahren beteiligt war, befassen sich genau mit dieser Frage – und mit dem Unwohlsein, das sich bei mir einstellt, wenn ich ein Dokument in einem gängigen Textverarbeitungsprogramm öffne und ein Blatt Papier sehe. Computerschreiben ist technisch digitales Schreiben – die allermeisten Programme erwecken aber beständig den Eindruck, der Computer funktioniere wie eine Schreibmaschine. Ich glaube, dass in dieser antiquierten Metaphorik einer der Gründe liegt, warum wir nicht richtig Frisbee werfen können es uns nicht gelingt, die Dimensionen des digitalen Schreibens zu erfassen. Ich glaube, dass wir beginnen müssten Kultur als Software zu verstehen und beim Schreiben von Text Methoden zu übernehmen, die bei der Erstellung von Quelltext Anwendung finden.

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Diesen Glauben trage ich seit Eine neue Version ist verfügbar lautstark vor mir her – und manchmal finde ich dabei Menschen, die ihn teilen oder zumindest darüber diskutieren wollen. Gemeinsam mit Dorothee Werner (Börsenverein) und Gerrit Pohl (Microsoft) habe ich in den vergangenen Monaten sehr ausführlich über die Frage gesprochen, wie man die Möglichkeiten des digitalen Schreibens besser nutzen kann. Deshalb haben wir zu dritt eine Arbeitskonferenz ins Leben gerufen, die am 24.9. im Hochhaus der SZ in München stattfinden wird.

Sehr spannende Menschen haben sich dazu bereits angemeldet. Trotzdem gibt es noch einige wenige Plätze für diese kostenlose Veranstaltung, auf die ich hiermit gerne hinweisen möchte. Vielleicht fühlt sich jemand angesprochen. Dabei geht es nicht nur um Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die bereits fertige Ideen im Kopf haben. Angesprochen sind auch Studierende, die sich literaturwissenschaftlich mit dem Wandel befassen oder in der Wirtschaftinformatik tätig und an Kultur interessiert sind.

Details gibt es auf der Seite vom Börsenverein. Und für alle, die nicht kommen können/wollen: ich werde zu diesen Themen weiter berichten. Außerdem gibt es am Abend ein Pub’n’Pup im Fraunhofer in München, der sich auch um das Thema dreht. Am Vorabend öffnet übrigens der Hanser-Verlag seine Türen – zur Eisbrecher-Veranstaltung.

„Ach, wir sind ganz glücklich über das Internet“ – Ein Zwischenfazit zu „A Forest“

Die Digitalisierung verändert Medien und Musik. Aber wie? Wird es besser oder ist die Musik bedroht? Man kann darauf zahlreiche Antworten finden, aber nur selten von Musikern. Fabian Schütze von der Band A Forest ist ein Musiker, der dazu etwas zu sagen hat (was man hier im loading-Fragebogen schon lesen konnte).

Jetzt ziehen „A Forest“ ein Zwischenfazit zu ihrem Projekt „I Am A Forest“ (hier als PDF laden) – u.a. im Radiointerview mit Radio Fritz. Weil ich das transparente Vorgehen der Musiker sehr spannend finde und die Musik mag, habe ich Fabian zum Fazit einige Fragen gemailt.

Vor über einem Jahr habt ein Manifest online gestellt. Darin erklärt Ihr „A Forest wird zum Labor“. Eine Band als Labor – warum das?
Weil was Neues auszuprobieren immer erstmal besser ist, als beim Altbewährten zu bleiben. Egal, ob das dann scheitert oder nicht. Weil das „Altbewährte“ in der heutigen Zeit sehr viel schneller als früher nicht mehr „altbewährt“, sondern überkommen ist.

Und welche Erfahrungen habt Ihr im vergangenen Jahr gemacht?
Viele Gute. Wir haben viel mehr Gespräch und Feedback mit Hörern, Unterstützern und Konzertbesuchern. Wir haben ein paar Sachen in unserem Selbstverständnis geändert und gemerkt, dass es sich lohnt, Sachen transparent zu machen und vorhandene Strukturen zu hinterfragen.

Gab es auch negative Erlebnisse?
Viel zu viel Arbeit. Und klar muss mal erstmal schlucken, wenn jemand das Angebot, das Album zum Pay-What-you-want-Preis, als Chance sieht sein Kleingeld in der Tasche zusammenkramen und es kommen 17 Cent raus. Aber damit muss man leben. Der Durchschnitt gleicht es aus.

In dem Clip zum Manifest sagst du an die Hörer gerichtet: „Kommentiert, fragt, ladet euch Samples und Spuren zum Remixen, seid Teil des Prozesses“. Haben das viele Leute gemacht? (Spielt es überhaupt eine Rolle, ob es viele Leute machen?)
Klar ist es auch wichtig, dass das Leute dann auch machen, aber sicher geht es überhaupt erstmal darum das Angebot überhaupt erstmal zu machen. Und jetzt haben wir mehr als 20 tolle Remixe und darüber hinaus tolle Leute kennengelernt, das Netzwerk ausgebaut und gestärkt.

Ihr versteht Musik nicht mehr als abgeschlossenes Produkt, sondern als Prozess, der weiterlebt. Das finde ich persönlich großartig. Welche Reaktionen habt Ihr auf diesen Ansatz bekommen?
Gar nicht soviel konkrete. Aber da zeigt sich, dass manche Sachen auch immer erstmal für einen selbst sind. Und das ist auch wichtig. Da den Druck rauszunehmen und wirklich zu begreifen, dass ein Song einem nicht gehört, sondern sich jeden Abend auf der Bühne verändert, man ihn problemlos neu bearbeiten kann, wenn man da Lust drauf hat, dass das auch jeder andere machen kann. Auch da gehts viel um die Möglichkeit an sich.

Ihr experimentiert viel und wollt den direkten Draht zu Euren Hörern. Trotzdem erscheint Eure neue EP „selbstverständlich auch auf Spotify und iTunes.“ Nach den Debatten der letzten Wochen um Streaming und Bezahlung von Musikern ist das nicht wirklich selbstverständlich. Warum macht Ihr es trotzdem?
Wenn die Leute Musik hören und das auf legalem Weg, dann finde ich das grundlegend gut. Und das mehr aktiv Musik gehört wird denn je, ist auch Spotify und Co zuzuschreiben. Wir mögen den Gedanken, dass jeder erstmal das Album hören kann. Deswegen finden wir Streaming gut. Im nächsten Schritt versuchen wir dann zu vermitteln, das es eventuell noch weitere und vielleicht auch bessere Möglichkeiten gibt, das Projekt zu unterstützen, wenn man es gut findet. Wir wollen auch nicht gegen die große, böse Industrie arbeiten, sondern den Hörern erstmal bessere Möglichkeiten anbieten. Und wenn man sich dann trotzdem für iTunes als Downloadmöglichkeit entscheidet, weil dort die ganze Musiksammlung liegt und das bequem ist, dann ist das absolut legitim.

Ich habe den Eindruck, dass Ihr sehr aktiv den digitalen Wandel der Musik mitgestalten und lernen wollt. Das ist sicher auch anstrengend. Wünscht ihr euch manchmal die gute alte Zeit zurück, von der ältere Musiker manchmal erzählen?
Ach, wir sind ganz glücklich über das Internet. Klar haben die in den 80er und 90er Jahren viel verdient, aber dafür auch nur eine handvoll Leute. Heute steht jedem erstmal der „Zugang zum Markt“ offen, und das ist gut so. Und ja, wir wollen das mitgestalten, das ist ein zentraler Gedanke.

Und wenn Ihr einen anderen Wunsch frei hättet: Was würdet Ihr – von der Politik, von der Industrie, vom Publikum, von wem auch immer – wünschen?
Strukturförderung ist sicherlich ein Stichwort an die Politik. Popkultur fällt schon immer noch hintenrunter, trotz Initiative Musik oder lokalen Initiativen, die in den letzten Jahren dazugekommen sind. Vom Publikum und Presse wünschen wir uns weiter den Blick über den Tellerrand und freuen uns über jeden, der bewusst konsumiert.

Eine Prognose bitte: Wie geht das weiter mit der Musik und der Digitalisierung?
Zum einen wird es glaube ich erst in den nächsten Jahren wirklich dazu führen, dass die Möglichkeiten und Digitalisierung echte innovative und neue Genres hervorbringen, dass Devices und Vertriebswege auch die Herstellung, den Konsum, die Konzerte und die Art und Weise von Musik nennenswert verändern. Da ist nämlich bislang gar nicht so viel. Ein Konzert ist ein Konzert, Musikhören über Smartphones auch nichts anderes als Kassetten im Walkman, Songs sind immer noch 3 1/2 Minuten lang. Wir werden dazu bei Analogsoul (dem Kollektiv hinter der Band) im nächsten Jahr ein Projekt anschieben, das sich auch diesen Fragen stellt.

A Forest sind ab Oktober wieder auf Tour, dabei spielen sie sicher auch Songs ihrer neuen EP 5 Fruits / The King Speechs, die man auch auf Spotify und iTunes anhören kann.