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Authentizität wird zu Autorität – zum Erfolg der Digitalcharta

Vom Werk zum Netzwerk, Symbolfoto: Unsplash

Nachdem ich Anfang der Woche kurz zur Idee einer Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union gebloggt hatte und anschließend ein wenig zum Thema auf Twitter diskutieren durfte, komme ich zu dem Ergebnis: Die Digitalcharta ist ein voller Erfolg!

Vermutlich nicht in dem Sinne, in dem die Initiatoren sich das ursprünglich gedacht haben, aber ganz sicher in dem Sinne, der in den FAQ beschrieben wird und vor allem weil der Entwurf und seine fortlaufende Behandlung uns zeigen, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert. Dieses Bild ist so gestochen scharf, dass die Frage, ob am Ende der Debatte ein wirklicher Vorschlag für eine Digitalcharta steht, für mich persönlich fast in den Hintergrund getreten ist.

Das Ziel der Charta, so heißt es in den FAQ, sei es „eine Debatte über die Zukunft der digitalen Gesellschaft und wie man sie politisch gestalten kann“ zu beginnen. Dieses Ziel ist in jedem Fall erreicht. „Die vorgestellte Digitalcharta versteht sich als Entwurf, der in der Öffentlichkeit reifen soll, dazu gehört essentiell die Diskussion um jedes einzelne Wort. Am Ende könnte so ein digitalgesellschaftliches Fundament der EU entstehen.

Der Prozess der Reifung lehrt eine Menge über den digitalen Wandel. Ich will dies an drei Schlagworten illustrieren, die ich in hier und da verwende um zu beschreiben, was für mich Digitalisierung bedeutet.

1. Vom Produkt zum Prozess
Die Idee, dass sich viele schlaue Menschen hinsetzen, ein Papier entwickeln und damit an die Öffentlichkeit gehen, ist nicht nur wegen des Begriffs „Papier“ eine durch und durch analoge Idee. Digitale Öffentlichkeit zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass Inhalte sich verflüssigen, dass Dokumente zu Dialog werden. Die vergangenen Tage zeigen dies sehr deutlich: Der Entwurf und die Debatte gehören zusammen. Das Produkt „Entwurf“ ist ohne den Prozess „Debatte“ nicht zu denken. Das ist neu: Früher sprach das Papier für sich, das eine Gruppe engagierter Bürger öffentlich machte. Es konnte kaum überhaupt und nie in diesem Tempo prozessiert werden.
Dieser Wandel führt aber auch zu einer grundlegenden Veränderung für diejenigen, die einen solchen Entwurf öffentlich machen:

2. Von der Rampe zum Raum
Das Veröffentlichen wird zu einem Prozess, damit wird das Medium (das früher Rampe war) zu einem Raum, in dem Interaktion zu einem bedeutsamen Bestandteil wird. Die Frage, wie jemand auf Vorschläge, Kritik und auch Beleidigungen reagiert, ist in diesem Raum plötzlich Bestandteil seiner Wahrnehmung. Und ja, das gilt auch für Schweigen. Man kann sehen, wer sich der Debatte stellt und wer nicht. Ich finde das in Teilen bewundernswert wie engagiert einige der Initiatoren die Debatte führen. Umgekehrt ist es aber auch bezeichnend, dass es eben nur einige sind. Beim Fußball würde man von Einzelaktionen sprechen, ein System ist nicht erkennbar. Ich finde daran zeigt sich am deutlichsten, dass die Charta zwar digital heißt, aber in ihrer Form kaum digital gedacht wurde.

Einen Ausweg sehe ich dafür übrigens am ehesten in der Raum-Metapher: Ich glaube die Initiatoren sollten sich mehr als Gastgeber verstehen und tatsächlich einen Raum öffnen – in echt, im analogen Leben. In diesen Raum laden sie Kritiker und Unterstützer ein und führen nach dem Prinzip eines Kirchen- oder Parteitags eine geordnete Debatte. In einem solchen Ansatz läge meiner Einschätzung nach auch die Chance, am Ende ein inhaltliches Ergebnis zu produzieren, das auf breite Zustimmung stößt. Das wird aber anstrengend und setzt einen dritten Wandel voraus:

3. Von der Autorität zur Authentizität
Wo Wert nicht mehr nur im Produkt, sondern auch im Prozess entsteht, verschieben sich auch die Muster der Autorität. Diese muss sich neu begründen – und am besten gelingt dies (die unter Neuigkeit geführten Blogeinträge beweisen es) immer dann, wenn die Antwort auf die Kritik authentisch ist. Diese Authentizität erhöht die Glaubwürdigkeit und am Ende auch die Autorität der Diskutanten. Das ist im Kern nicht neu, Martin Schulz kennt dies aus Wahlkämpfen, es gilt aber verstärkt auch im Netz. Konkret heißt dies: Er könnte hier z.B. in einem Live-Stream Fragen beantworten und damit Autorität in der Sache gewinnen.

Ich bin optimistisch, dass es dem Charta-Team gelingt, die Idee des Digitalen nicht nur auf den Inhalt ihrer Charta zu beziehen, sondern auch für dessen Rahmen. Wenn es ihnen gelingt, die Initiative zu digitalisieren, kann dabei auch ein gutes Ergebnis geschaffen werden. Wie gesagt: Ich sehe dies als Chance!

#digitalcharta: Nutzen wir die Chance!

digital_charta

Ja, mir fallen auch ganz viele Dinge ein, die ich an der Digital Charta kritisieren könnte. Aber nein, ich habe in den vergangenen Jahren noch keinen Ansatz gesehen, der so umfassend und auf so hoher Ebene versucht hat, digitale Grundrechte zu formulieren (und diese heute im Europaparlament vorstellt) Deshalb freue ich mich darüber, dass es die Idee #digitalcharta gibt – und finde, wir sollten nach Tagen der Kritik nun endlich anfangen, ernstzunehmen, was die Initiatorinnen und Initatoren dieser Idee vorgeschlagen haben: gemeinsam mit ihnen eine digitale Zivilgesellschaft formen!

Dazu zählt, dass z.B. die Debatte über die Sinnlosigkeit der Vorratsdatenspeicherung künftig nicht mehr nur von den Menschen geführt wird, die sich bisher dagegen engagiert haben, sondern auch von dem Mann, den zumindest Gabor Steingart für einen potenziellen Kanzlerkandidaten der SPD hält. Martin Schulz zählt zu den Initiatoren dieser Charta, die den Satz enthält: „Eine anlasslose Massenüberwachung findet nicht statt.“

Ich lese das als Einladung, ihn in dem Moment daran zu erinnern, in dem die SPD wieder anfängt, über Vorratsdaten zu diskutieren. Ich lese den Vorschlag als Ermutigung an alle Internetskeptiker, sich zu engagieren in der digitalen Zivilgesellschaft. Anders kann ich mir nicht erklären, wofür die Unterscheidung zwischen Unterzeichner und Initiator gut sein soll: Es ist die Einladung, diese 27 Frauen und Männer beim Wort zu nehmen, wenn es um die digitale Gesellschaft sind:

Jan Philipp Albrecht
Gerhart R. Baum
Heinz Bude
Rebecca Casati
Johannes Caspar
Giovanni di Lorenzo
Michael Göring
Johnny Haeusler
Götz Hamann
Byung-Chul Han
Wolfgang Hoffmann-Riem
Jeanette Hofmann ·
Yvonne Hofstetter
Christoph Keese
Wolfgang Kleinwächter
Sascha Lobo
Christoph Möllers
Daniel Opper
Bernhard Pörksen
Frank Rieger
Nikolaus Schneider
Martin Schulz
Malte Spitz
Beate Wagner
Heinrich Wefing
Ulrich Wilhelm
Juli Zeh

Es handelt sich dabei um z.T. sehr tolle und allesamt sehr einflussreiche Menschen, die zum Teil schon heute als Streiter fürs Digitale und für digitale Grundrechte bekannt sind. Zum Teil aber eben noch nicht und nicht immer. Dass sie das mit dem Entwurf der Charta ändern, finde ich bemerkenswert, erfreulich und absolut unterstützenswert. Denn abseits der Diskussion um den Inhalt, zeigt der Ansatz der Charta doch: Diese Menschen wollen nicht mehr diskutieren, ob wir das Digitale brauchen, sie wollen gestalten, wie es eingesetzt wird.

Wie ernst sie dies meinen, wird sich meiner Meinung nach an zwei Entwicklungen zeigen, die wir in den nächsten Tagen und Wochen beobachten können. Zum einen werden wir sehen, ob sie das Angebot einer Debatte ernst meinen und ob sie einsteigen in den Austausch über den Inhalt ihres Entwurfs – oder ob sie dies auf die wenigen Schultern derjenigen laden, die eh schon im Netz debattieren. Und zum zweiten können all die einflussreichen Menschen der Initiatoren-Liste in ihrer täglichen Arbeit in den Gremien, Stiftungen und Medien, die sie führen beweisen, wie ernst sie es meinen mit dem Digitalen. Ich freue mich drauf!

PS: Wenn sie es ernst meinen, finden sie sicher auch Gefallen an der Idee, einen Heimat- und Brauchtumsverein fürs Internet zu gründen ;-)