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Sprechstunde: Clubhouse oder Twitter Spaces?

Es ist dieser Moment auf einer Konferenz, den man eigentlich nicht planen kann, der aber den Reiz des physischen Zusammentreffens ausmacht: Nach einem Vortrag oder in einer Pause stehen plötzlich ein paar Leute zusammen und beginnen ein Gespräch. Eher inoffiziell, eher ohne Agenda und deutliche Hierachie, dafür interessiert und thematisch verbunden. Mit diesem Bild habe ich versucht mir selbst den Hype rund um die Quatschen-Funktion Drop-In-Audio zu erklären. In einer Zeit, in der physische Treffen nicht stattfinden, wird dadurch vielleicht auch verständlich, warum sich derzeit so viele Menschen mit dieser Form der Telefonkonferenz befassen.

Seit Beginn des Jahres nehmen Lucas von Gwinner und ich die zweite Staffel unseres kleinen Werbepodcasts „Wirbt das?“ vor den Ohren des Publikums auf: Freitag 21 Uhr waren wir bisher stets in Clubhouse. Das verändert nicht nur die Produktion des Podcasts (weil z.B. die an die offizielle Aufzeichnung angeschlossene Debatte erstaunliche Erkenntnisse bringt), es macht sogar auch Freude – und hat mir den Reiz des Drop-in-Audio deutlich gemacht. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass mediale Angebote künftig Nutzer:innen anbieten, an der Produktion beteiligt zu sein. Fans könnten dann also bei der Aufzeichnung ihres Lieblings-Podcasts live dabei sein oder mithören wenn Menschen sozusagen auf den Second Ear (als Äquivalent zur medialen Begleitung durch den Second Screen) TV-Sendungen besprechen. Wie dieser Begleitungsprozess Medien verändern kann, habe ich in meinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ beschrieben.

In dieser Woche nun haben wir im Beta-Test einen „Audiobereich“ in Twitter eröffnet (Peter Wittkamp sagte, dass sich alle Begriffe anfühlen als habe ein Lehrer Clubhouse übersetzt) und dabei einige Unterschiede zu Clubhouse bemerkt. Zumindest im Beta-Test scheint Twitter durch die Spaces-Anwendung mehr Strom zu benötigen, das Handy wurde bei einigen Teilnehmer:innen erstaunlich warm. Auch gab es anfangs einige Latenz-Verzögerungen, gerade wenn Teilnehmer:innen aus der Rolle „Zuhörer“ in die Rolle „Sprecher“ befördert wurden.

Weil ich selbst den Reiz des digitalen Quatschens mag, will ich hier die zentralen Differenzen zwischen den beiden Gesprächsräumen Clubhouse und Twitter-Spaces festhalten (Stand: 6. März 2021 im Beta-Test, Beitragsillustration via Visuals/Unsplash)

Clubhouse
👋 neue App, die Zugriff aufs Telefonbuch verlangt
👋 funktioniert derzeit ausschließlich auf iOS
👋 mehrere Gastgeber/Hosts sind möglich
👋 keine andere Reaktion als Mitsprechen
👋 Mikro an- und ausschalten für andere sichtbar
👋 der/die Sprechende wird farbig markiert
👋 keine Verfikation oder User-Rollen
👋 Direkt-Kontakt unter Teilnehmer:innen während des Gesprächs aktuell nicht möglich
👋 Terminierung und Vorausplanung möglich
👋 andere Medien können nicht eingebunden werden

Twitter-Spaces
💯 in Twitter über die Fleets-Leiste am Kopf
💯 offiziell im Beta-Stadium auf iOS und Android
💯 aktuell nur ein:e Gastgeber:in möglich
💯 lässt Reaktionen in Form von Emojis zu
💯 Mikro an- und ausschalten für andere nicht sichtbar
💯 der/die Sprechende wird durch Audiogram markiert
💯 Verifikation und User-Roller (zB nur für Follower)
💯 Direkt-Kontakt unter Teilnehmer:innen während des Gesprächs per Emoji und DM möglich
💯 Terminierung und Vorausplanung aktuell nicht möglich
💯 Tweets können eingebunden werden

Diese Beobachtungen basieren auf dem persönlichen Test in der ersten März-Woche 2021. Der Feature-Umfang in den beiden Apps kann sich jederzeit ändern. Stand heute ist durch die genannten Unterschiede aber erkennbar, dass die beiden Ansätze auf zwei Ziele hinaus laufen:

Clubhouse scheint ein Ökosystem rund um ein zentrales Angebot anzustreben (so wie Snapchat und Storys) und Twitter scheint sein bestehendes Ökosystem um ein Angebot ausbauen zu wollen (so wie Instagram mit Storys).

UPDATE:
The Verge meldet, dass Twitter seine Spaces ab April für alle Nutzer:innen öffnen will

Mehr zum Thema Cluhouse, Twitter Spaces und Drop-In-Audio gibt es in den Digitalen Notizen:
Shruggie des Monats: Deine Stimme
Shruggie des Monats: Digitale Präsenz
Der Hype um Clubhouse
Ruhe in Frieden, Ruheraum! Abschieds-Interview mit Erfinder Leander Wattig

Ruhe in Frieden, Ruheraum! Abschieds-Interview mit Erfinder Leander Wattig

Damals als Clubhouse noch neu und cool war, waren alle im Ruheraum. Über die Grenzen des deutschsprachigen Raums (sic!) hinweg, hat Leander Wattig mit seiner Idee des „Schweigen als Gemeinschaft“ in dem Hype der vergangenen Wochen einen besonderen Trend gesetzt. Ich habe ihm zum Thema Ruheraum ein paar Fragen geschickt, die sich im Laufe der Zeit als Abschieds-Interview entpuppten.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Raum zu erfinden, der das Gegenteil dessen in den Mittelpunkt stellt, worum es ursprünglich beim Clubhouse geht?
Ich bin notorisch neugierig und mag es, Dinge um die Ecke zu denken. Zudem ist das Rumdenken auf möglichen Inhalte- und Community-Formaten ohnehin mein Job. Insofern habe ich auch bei Clubhouse überlegt, wie man es gegen den Strich bürsten kann, was ja gerade in Frühphasen solcher Plattformen immer gut geht. Und das Prinzip Ruheraum ist ja ein altbekanntes, das kenne ich schon aus „alten Zeiten“ beispielsweise von Kirchentagen. Bei Clubhouse war es aber komplett neu und überraschend, als ich es am 22. Januar gestartet hab, und schlug entsprechend ein mit sofortiger großer Aufmerksamkeit bis hin zu Presseartikeln.

Mittlerweile wird das Konzept in unzähligen Facetten imitiert. Kannst du erklären, was der Reiz am gemeinsamen Schweigen ist?
Ich bekam dann auch sofort ständig Zuschriften von völlig irritierten Leuten, die den Sinn nicht verstanden und ihn komplett abgesprochen haben. Ich hatte es ja bewusst offen gelassen mit dem „Ruheraum“, was den gewünschten Effekt mindenstens verstärkt hat. Aber es steckte eben doch etwas dahinter. Ich habe es gern Schweigen als Gemeinschaft genannt. Also, man ist beisammen, ohne aktiv zu sprechen, aber eben doch verbunden. Und diese Verbindung bleibt immer besonders, weil gefährdet, indem jederzeit Lärm entstehen kann (was ab und an auch passiert) seitens der zahlreichen Leute auf der Bühne, die ich ihrerseits immer gezielt kuratiert habe auf Vielfalt hin in jeder Hinsicht. Viele Leute, die es erst für völligen Quatsch hielten, waren dann nach dem Ausprobieren schnell fest dabei. Nach einer Woche und bis wir dann gesperrt wurden hatten wir entsprechend hohe und stabile Teilnehmerzahlen von 1.000 bis 2.000 Menschen zu jeder Zeit am Tage. Selbst nachts blieben bis zu 1.000 Leute dabei, was es umso besonderer macht. Der Reichweitenerfolg führte nicht nur dazu, dass ungefähr jeder in der Clubhouse-Welt den Ruheraum gesehen hat, sondern auch zu zahllosen Copycats – zu Beginn von Leuten, die allesamt bei uns abhingen oder nicht auf die Bühne durften. :)
Die Kopien verspielten für mich aber den eigentlichen Zauber, indem sie das vordergründig Nutzwertige eines aufwandsarmen „stillen“ Vernetzens in den Vordergrund rückten und es wohl auch noch tun. Ich habe das nicht mehr so genau verfolgt, seit wir seitens der Plattform gesperrt wurden.

In deinen Social-Media-Accounts zeigst du immer mal wieder äußerst merkwürdige Folgen und Reaktionen auf deine Idee – auch die Sperrung. Was hat dich am meisten beschäftigt, seit der Ruheraum in der Welt ist?
Ich liebe vor allem die fröhliche Irritation, die der Raum gestiftet hat. Am meisten macht die Leute immer fertig, wenn sie etwas nicht gleich verstehen und es auf den ersten Blick keinen Nutzen hat. Das hat mich auch im Kern angetrieben, das Ding weiterlaufen zu lassen, was ja auch einiges an Aufwand im Hintergrund bedeutet hat. Am Ende ist es ja auch das Moment, welches heute im Internet und in Social Media oft fehlt – das freundlich Verspielte im Miteinander. Jedenfalls gab es unzählige Tweets und Botschaften als Beispiele dafür und eben jene Dynamik führte hin bis zu Artikel in den Printausgaben u.a. von NZZ, DerStandard und Meedia.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Ruheraum?
Erst wurden wir wegen einer erfolgreichen Vermarktungsaktion von der Plattform gesperrt (irgendwelche Neider müssen mich gemeldet haben) und ich habe es jetzt auch nicht mehr neu aufgesetzt, weil die Aktion für mich rund ist. Seit dem 6. Februar ist der originale Ruheraum damit final beendet und aktuell ist da auch nichts geplant. Aber wer weiß, auf welche Ideen ich noch so komme. Der Raum selbst war ja auch nicht geplant, sondern eine fixe Idee beim Essen am Strand in meinem OstseeOffice.

Mehr zum Thema Cluhouse und Drop-In-Audio gibt es in den Digitalen Notizen:
Shruggie des Monats: Deine Stimme
Shruggie des Monats: Digitale Präsenz
Der Hype um Clubhouse

Shruggie des Monats: deine Stimme

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Während ich diese Zeilen tippe ist die Domain drop-in-audio.de noch frei. Das ist deshalb erstaunlich, weil ich diese Zeilen im Augen eines Hype-Orkans schreibe, in dem Drop-in-Audio das nächste große Dinge zu sein scheint (Symbolbild: Cooles Telefonieren bei Unsplash) Über die Hype-Mechanik habe ich hier schon geschrieben und hier gesprochen. Um das, was nach dem Hype bleiben wird, geht es in dieser Januar-Folge der Shruggie-Rubrik.

Denn natürlich lautet die korrekte Antwort hier (wie so oft):

¯\_(ツ)_/¯

Aber der Clubhouse-Hype erinnert uns in diesen deprimierenden Wintertagen der Pandemie daran, dass wir eine Stimme haben. Die Stimme als fast schon intimer Ausdruck der eigenen Persönlichkeit bildet den Kern dessen, was gerade eine etwas hektische Aufregungswelle erzeugt. Auf der surfen Sprachassistenten und Podcast-Boom(s) und alle sind sich einig: Audio wird total wichtig. Das gesprochene Wort wird als Bedien-Oberfläche für Geräte und Anwendungen ebenso Bedeutung erlangen wie in den Räumen, die Clubhouse eröffnet. Hier erzeugt es einen im Wortsinn eigenen Space, in dem heimatliche Gefühle entstehen. Man muss nicht Liebeslieder zitieren, um zu bemerken: Du kannst in vertrauten Stimmen versinken, dich heimisch und verstanden fühlen.

Diese Spaces, die die Stimme eröffnen kann, haben Twitter inspiriert (künftig) mit Drop-in-Audio das zu tun, was Instagram mit den Storys von Snapchat gemacht hat: Ein etabliertes Netzwerk übernimmt ein zentrales Feature eines Newcomers und macht es groß. Klar existiert Snapchat weiter, auch nachdem Instagram Storys kopiert hat. Und vermutlich wird auch Clubhouse nicht geschlossen nur weil Twitter die Quatschen-Funktion integriert. Aber Drop-in-Audio – und damit der Wert deiner Stimme – wird erst durch das etablierte Netzwerk volle digitale Reichweite entfalten.

Meine Erfahrung nach ein paar vorsichtigen Clubhouse-Versuchen und einem Reinhorchen in Twitter legt den deutlichen Verdacht nahe: Deine Stimme wird in den nächsten Monaten immer wichtiger. Womöglich wird die eingangs zitierte Domain nicht mehr lange frei bleiben wird. Im Gegenteil: Wir werden zusätzlich spannende Audio-Experimente sehen hören, von denen Philipp hier schon einige skizziert hat.

Und dazu teile ich die Prognose von Justin Jackson, der in diesem Blogpost Clubhouse und Twitter Spaces vergleicht und zu dem Schluss kommt:

However, my gut feel is that Twitter Spaces has a good chance of disrupting Clubhouse.

Bis es soweit ist, hier ein paar Programmtipps für Clubhouse in den kommenden Tagen:

> Donnerstag, 28.1., 18.30 Uhr: Christoph Koch von Keynoteria hat mich eingeladen übers Sprechen zu sprechen – hier ist der Clubhouse-Link

> Freitag, 29.1., 21 Uhr:
Lucas von Gwinner und ich nehmen die erste Folge der zweiten Staffel „Wirbt das?“ auf – hier ist der Clubhouse-Link & den Podcast gibt es hier

> Mittwoch, 3.2. 10 Uhr: Gemeinsam mit Kolleg:innen aus SZ und SWMH spreche ich über Kundenkontakt während Corona (Link folgt)

> Donnerstag, 4.2. 21 Uhr:
Gemeinsam mit Michele Loetzner und Christoph Koch spreche ich über Inspirierenden Journalismus (Link folgt)

> Freitag, 5.2., 21 Uhr: Lucas von Gwinner und ich nehmen die zweite Folge der zweiten Staffel „Wirbt das?“ auf – den Podcast gibt es hier

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.