Alle Artikel mit dem Schlagwort “Inspirierender Journalismus

Das Buch als Newsletter (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Das Buch, um das es im folgenden geht, heißt Anleitung zum Unkreativsein.

Es geht! Dieses Ergebnis stelle ich der Zusammenfassung meines Buch-Newsletter-Experiments der vergangenen Wochen voraus. Es geht, es macht Freude und eröffnet neue Möglichkeiten, wenn man ein Buch digital denkt: als Newsletter, der wie ein Seminar oder ein Workshop über einige Wochen regelmäßig Leser:innen begleitet.

Darum geht es nämlich: Wie können wir Bücher digital denken? Zwei eher alte Techniken zu einem neuen, innovativen Ansatz verbinden – das ist die Idee dessen, was ich Buch-Briefing nenne. Ein Newsletter-Service, der Bücher in digitale Kapitel aufteilt, die ondemand und regelmäßig bezogen werden können. Im Sachbuchbereich ist die Referenz für diese Methode der Workshop bzw. das Seminar, in der Belletristik liefert die Idee des Fortsetzungsromans bzw. der Serie die Referenz fürs Buch-Briefing.

Vorteil für Produzierende wie Konsumierende: Es gibt eine Verbindung. Als Autor:in kenne ich meine Leser:innen – weil ich durch die regelmäßigen Mails in Kontakt stehe. Das erzeugt nicht nur Nähe, sondern liefert auch Kund:innen-Daten.

Das Experiment

Gerade ist mein Buch „Anleitung zum Unkreativsein – auf anderen Wegen zu neuen Ideen“ erschienen. Ein Reverse-Ratgeber, der mit Hilfe der Kopfstandmethode neue Zugänge zu kreativen Lösungen aufzeigt. Die zentrale These des Buches lautet: Wer neue Ideen will, muss lernen die Perspektive zu wechseln.

Diesen Gedanken habe ich in einen elfwöchigen Newsletter auf Steady gegossen. Da ich Akronyme mag, habe ich jeder Folge einen Buchstaben des Wortes PERSPEKTIVE vorangestellt: „Ein Wort, eine Übung, eine Frage – drei Gedanken zum Thema Kreativität“ lautet das Konzept des kurzen Newsletters, der jeden Montag um 19 Uhr einige Gläser aus dem großen Fass zapfte (Symbolbild: unsplash). Mit diesem Bild lässt sich vermutlich am besten das Verhältnis zwischen Buch (Fass) und Newsletter (Gläser) beschreiben. Der Newsletter zerlegt das große Granze in kleinere Einheiten, die leichter konsumierbar sind. Warum macht er das? Weil er auf diese Weise entweder Werbung für das Fass macht (Marketing fürs Buch) oder weil sich auf diese Weise vielleicht sogar Gläser verkaufen lassen (neues Geschäftsmodell Buchbriefing).

Um rauszufinden, welche Chance in dieser Form der Buch-Digitalisierung zum Newsletter liegen, habe ich die Anleitung zum Unkreativsein in einen Newsletter überführt und eine Nutzer:innen-Befragung angeschlossen, deren Ergebnisse ich unten zeige. Zunächt zum besseren Verständnis nochmal die Gegenüberstellung der beiden sich ergänzenden Ansätze „Buch“ und „Newsletter“

Das Buch
bietet den gesamten Inhalt auf einmal
Inhalt abgeschlossen
Einmaliger Kontaktpunkt
Keine weiteren Lese-Anreize
Lautsprecher-Prinzip
Kein Rückkanal
Keine Nutzer:innen-Daten
Leser:in kauft den Inhalt

Produkt als dominante Idee

Der Newsletter
zerlegt den Inhalt in Folgen
Inhalt aktualisierbar
Schafft wiederholte Kontaktpunkte
Regelmäßige Lese-Anreize
Kopfhörer-Prinzip
Rückkanal/Austausch möglich
Nutzer:innen-Daten
Leser:in kauft auch die Zeit zum Lesen

Prozess als dominante Idee

Das Ergebnis

Buch und Newsletter aus dem Experiment lassen sich nachlesen – das Buch am liebsten hier beim Rheinwerk-Verlag bestellen. Der Newsletter steht kostenfrei drüben bei Steady – und zwar mit diesen Folgen:

P wie Position
E wie Erwartung
R wie Ritual
S wie Spielen
P wie Paradox
E wie Erfolg
K wie Kombination
T wie Teilen
I wie Ideen
V wie Version

Die Erkenntnis

Und funktioniert das jetzt? Um Antworten auf diese Frage zu bekommen, habe ich die Leser:innen des Newsletter befragt. Hier eine Zusammenfassung der vier wichtigsten Erkenntnisse. Die qualitativen Antworten aus der Umfrage habe ich ausgelassen, sie beziehen sich vor allem auf die konkrete Ausgestaltung des Newsletters zum Buch, das quantivative Feedback lässt aber diese sehr positiven Schlüsse für die Idee Buchbriefing zu:

1. Es gibt eine überwiegende Mehrheit, die die Idee Bücher zu Newslettern zu machen, gut findet

2. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und Newsletter, überwiegend positiv für die Kaufabsicht des Buches

3. Der Newsletter erreicht offenbar andere Leser:innen als das Buch. Er kann also als Marketing für das Buch verstanden werden:

4. Es gibt eine überwiegende Kaufabsicht, für die neue Produkt-Kategorie „Buch-Newsletter“ in Zukunft Geld auszugeben

Die nächsten Schritte

Mich bestätigt dieses Experiment, den Grundgedanken von Buchbriefing fortzuführen. Besonders interessiert es mich, diese Idee mit dem so genannten Inspirierenden Journalismus zusammenzudenken. Denn hier liegt ein sehr kurzfristiger Mehrwert dieser Newsletter-Strategie. Aber auch in belletristischen Zusammenhängen sehe ich Potenzial in der seriellen Form des Lesens. Falls Sie sich für diese Ideen interessieren und Sie unterstützen wollen: melden Sie sich bei mir!

Perspektive lernen: der Workshop-Newsletter bei steady

Am 12. April startet drüben bei steady ein kleines Experiment: ich habe einen Teil meines Buches „Anleitung zum Unkreativsein“ in einen Newsletter überführt, der wie ein Workshop funktioniert.

Elf Wochen lang bis zum längsten Tag des Jahres versuche ich jeden Montag neue Perspektiven zu eröffnen. Zu jedem Buchstaben des Wortes PERSPEKTIVE gibt es eine Folge, die das jeweilige Schlagwort thematisiert, Lesetipps vermittelt und Fragen beantwortet.

Denn die Besonderheit an dem Newsletter-/Workshop-Konzept steckt auch im Austausch mit den Leserinnen und Lesern. Die ersten 500 Teilnehmer:innen können kostenfrei mitmachen – und ihre Fragen einschicken. Bis jetzt haben sich 308 Menschen in den Newsletter eingetragen. Deshalb hier meine Einladung an Dich: Trage dich hier ein und schicke mir gerne deine Frage, deine kreative Herausforderung oder Anmerkung zum Thema (Mail-Adresse im Kontakt)

Ich werde mich bemühen, in jeder Folge beispielhaft eine Frage aufzugreifen und (anonymisiert) zu beantworten. Dabei kann es um Feedback-Kultur gehen oder um die Frage wie man mit scheinbar ausweglosen Aufträgen umgeht. Spielerische Lösungsansätze für kreative Herausforderungen versuche ich ebenso in dem Newsletter aufzuzeigen wie die Ratschläge zur Unkreativität, die in dem Buch versammelt sind. Dazu haben mir unter anderem Christoph Niemann, Kathrin Passig, Alice Hasters und Susi Bumms Antworten auf die Frage geschickt: Was ist deine wichtigste Anleitung zum Unkreativsein? In der ersten Newsletter-Folge gibt es direkt ein paar Antworten von Teilnehmer:innen des Workshops.

Ich probiere diese Form des Newsletters nicht nur aus, weil er mir passend zum Buch erscheint. Mich reizt vor allem der Aspekt, den ich unlängst unter dem Schlagwort „Inspirierender Journalismus“ notiert habe. Darüber werde ich innerhalb der elf Folgen und bestimmt auch danach reflektieren: Wie kann man ein Buch in einen Workshop übertragen?

Hier anmelden und mitlesen!

Was ist inspirierender Journalismus? (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Sie ist inspieriert von meiner Arbeit im Laufnewsletter Minutenmarathon für die SZ – und von dem Workshop-Newsletter, den ich am 12.4. auf Steady starten möchte.

Das breite Spektrum journalistischer Arbeitsformen wird seit ein paar Jahren von einem neuen Ansatz bereichert. Neben dem dokumentarischen Journalismus, der eine Art Chronistenpflicht verfolgt, und dem erlebenden Journalismus, der seine Leserinnen und Leser in fremde Welten mitnehmen will, hat sich einen Form entwickelt, die ich Inspirierende Journalismus nenne (Symbolbild: Unsplash). Dieser zeichnet sich in der digitalen Aufmerksamkeits-Ökonomie dadurch aus, dass er das Interesse der Nutzer:innen in den Mittelpunkt stellt. Inspirierender Journalismus bezeichnet all jene journalistischen Ansätze, die das Ziel verfolgen, Leser:innen mit neuen Ideen zu konfrontieren, überraschende Perspektiven zu vermitteln und zu anderen Möglichkeiten zu inspirieren.

Ich habe zu dem Thema hier bereits geschrieben und Interviews geführt. Nun möchte ich elf definitorische Punkte sammeln, die meiner Meinung nach beschreiben, was Inspirierenden Journalismus ausmacht. Er…

… macht einen Unterschied
Inspirierender Journalismus schließt die Reaktionen seiner Leserinnen und Leser ein. Sein Ziel ist es, einen Unterschied zwischen dem Moment vor der Nutzung und dem Moment nach der Nutzung zu schaffen. Genau in dieser Differenz zeigt sich das, was wir „Inspiration“ nennen: ein zentraler Anreiz, um für Journalismus zu bezahlen.

… schafft einen greifbaren Mehrwert
Inspirierender Journalismus ist ein Sammelbegriff für alle Formen des Journalismus, die ihren Leserinnen und Leser einen greifbaren Mehrwert schaffen möchten. Dabei geht es nicht nur um den aus Service- und Ratgeber-Stücken be‐ kannten Nutzwert. Auch eine überraschende Idee, ein neuer Gedanken oder Perspektivwechsel können als Denkwert in‐ spirieren. Immer beginnt Inspirierender Journalismus mit der Antwort auf die Frage aus Nutzer-Perspektive: Warum ist das für mich wichtig?

… sagt, was er tut
Für (fast) jeden Beitrag, der dem Inspirierenden Journalismus zugerechnet werden kann, könnte man eine ankündigende Zusammenfassung formulieren, die das zentrale Produktversprechen des Beitrags bündelt und die Frage nach dem Warum beantwortet: „In diesem Text lernst du, wie die Bundeskanzlerin ihre Entscheidungen trifft und welche Folgen das für die Regierungspolitik hat“ ist natürlich kein Satz, den man veröffentlichen würde. Es hilft aber, ihn vor dem Erstellen eines Beitrags im Kopf zu haben. Anschauliche Bei‐ spiele für diese Form der ankündigenden Zusammenfassung liefert zum Beispiel der YouTuber Rezo, der alle seine Videos so beginnt. Für digitale publizierte Texte bietet diese Form zudem Vorteile für die Sichtbarkeit in Suchmaschinen.

… zeigt mehr Möglichkeiten
Inspirierender Journalismus führt zu einem Mehr an Erkenntnis und eröffnet seinen Leserinnen und Lesern Gestal‐ tungsräume. Sie haben nach der Lektüre mehr Möglichkeiten als davor, sie sehen mehr Dinge, Perspektiven und viel‐ leicht auch Lösungen. Das kann durch konkrete Tipps geschehen, aber auch durch besondere sprachliche Formulie‐ rungen oder neue Stimmen, die ein „So habe ich das noch gar nicht gesehen“ anstoßen.

… bleibt unparteiisch
Neue Perspektiven und Wege zu zeigen, heißt bewusst nicht, aktivistisch oder parteiisch zu sein. Am Konzept des konstruktiven Journalismus wurde oft kritisiert, er verlasse die neutrale Position. Darum geht es beim Inspirierenden Jour‐ nalismus bewusst nicht. Die Werte des Qualitätsjournalismus gelten uneingeschränkt, sie werden erweitert um Ein‐ ordnung dessen, was berichtet wird. Zum „Sagen, was ist“ kommt ein „Sagen, was mache ich damit“, das in auch kon‐ krete Handlungen beschreiben kann.

… hilft bei der Entscheidungsfindung
Die Floskel „Bleibt abzuwarten“ war schon immer sprachlich unschön. Im Inspirierenden Journalismus ist sie aber auch inhaltlich nicht angebracht. Ziel des Inspirierenden Journalismus ist es, seinen Leserinnen und Lesern Methoden und Erkenntnisse an die Hand zu geben, die sie und ihn in die Lage versetzen, bessere Entscheidungen zu treffen.

… überfordert. Ein wenig.
Ein Missverständnis im Journalismus lautet: „Wir dürfen unsere Leserinnen und Leser nicht überfordern.“ Mit diesem Satz wird Detailtiefe verhindert, es werden Informationen auf Durchschnittsniveau gehalten. Inspirierender Journalis‐ mus fordert sein Publikum heraus, d.h. er überfordert es auch – ein wenig. Denn nur aus dem Trainingsreiz, der sich aus einer Überforderung ergibt, erwächst eine Verbesserung – und damit ein Erkenntnisgewinn.

… wird konkret
Inspiration gelingt dann leichter, wenn sie sich an konkreten Fragestellungen orientiert. Das „Sagen, was mache ich damit“ ist ohne die Perspektive der Leserinnen und Leser nicht machbar. Deshalb folgt der Inspirierende Journalismus auch hier den Regeln, die schon immer für guten Journalismus galten: Mache es greifbar, mach es konkret!

… ist ein Prozess nicht nur ein Produkt
Veränderung dauert. Das gilt auch für die beschrieben Differenz zwischen dem Vorher und Nachher in der Nutzung von Inspirierendem Journalismus. Wer einen Text über die Kaffeebohnen liest, ist deshalb nicht sofort Barista. Deshalb nutzt dieses Genre häufig Serien oder Challenges um Veränderungsprozesse anzustoßen, zu begleiten und erfolgreich zu machen. Wer auf diese Weise seine Leserinnen und Leser auf dem Weg einer Veränderung begleitet, verdient sich Vertrauen und erzeugt eine enge, langfristige Bindung.

… ist dialogisch
Digitaler Journalismus ist per Definition dialogisch. Es gibt Rückkanäle, auch wenn manche Journalistinnen und Journalisten davon keinen Gebrauch machen. Inspirierender Journalismus macht sich die Dialog-Option zu Nutze, bindet seine Leserinnen und Leser ein – allein schon um mehr über deren Interessen und Bedürfnisse zu lernen.

… zielt auf einen Call to Inspiration
Erfolg beginnt mit der klaren Definition dessen,, was angestrebt wird. Inspirierender Journalismus formuliert als Ziel, seine Leserinnen und Leser zu inspirieren. Analog zum “Call to Action” aus dem Marketing, könnte man hier von einem “Call to Inspiration” sprechen, auf den Beiträge des Inspirie‐ rende Journalismus zu laufen. Sie fassen die Mission eines journalistischen Projekts und orientieren sich stets an den Erwartungen der Leserinnen und Leser. Der Economist formuliert zum Beispiel eine Mission, die als ,Call to Inspiration’ gelesen werden kann: „Our readers expect us to keep them well informed about the world.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen

>> Inspirierender Sachbuchjournalismus als Begleiter – Gespräch mit Michèle Loetzner und Christoph Koch

>> Die ankündigende Zusammenfassung

>> Inspirierender Journalismus (Digitale November-Notizen)

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen.

Inspirierender Sachbuchjournalismus als Begleiter – Gespräch mit Michèle Loetzner und Christoph Koch

Kann man ein Gespräch vor den Ohren von Publikum live auf Clubhouse aufzeichnen und dann später als Text zum Lesen zur Verfügung stellen? Dieses Experiment haben wir Anfang Februar in Clubhouse unternommen. Abseits vom Inhalt könnte diese Form des Drop-in-Audio das Produkt „Interview“ langfristig zu einem erlebbaren Prozess machen. Dazu habe ich hier unlängst mit Blick auf Clubhouse und Twitter-Spaces geschrieben – und in „Eine neue Version ist verfügbar“ sehr grundsätzlich nachgedacht.

Michèle Loetzner und Christoph Koch haben gerade Sachbücher veröffentlicht, die sich jeweils auf einer Wegstrecke (Symbolbild: Unsplash) mit dem persönlichen Wohlbefinden ihrer Leser:innen befassen. Es geht um Liebeskummer und Digitale Balance und beide haben sich dafür Tage als Lese-Distanz ausgesucht: Michèle hat sich mit 99 Tagen und Christoph mit einer 30-Tages-Challenge befasst. In einem Clubhouse-Talk im Februar habe ich die beiden zu diesen Ansätzen befragt – vor allem mit Blick auf die Idee des „Inspirierenden Journalismus“.

Sind Eure Bücher tatsächlich Beispiele für das was, ich „Inspirierenden Journalismus“ nennen würde, also eine Form von Sachbuch-Journalismus, der seine Leser:innen verändert?
Michèle: Ja. Das war tatsächlich die Idee des Buches direkt von Beginn an. Und das zeigt sich ja auch in dem doch sehr einfachen Titel. Man hätte sehr viel schönere und wortspielende Titel finden können und das hätte mein Literaturwissenschaftlerinnen-Herz auch mehr gefreut, aber auf dem Buch steht drauf, was drin ist.

„Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“ – war es schwierig den Verlag davon zu überzeugen oder war es umgekehrt so, dass der Verlag dich überzeugen musste?
Michèle: Letzteres. Das ist schön, dass Du fragst, weil ich jetzt endlich mal meinen wunderschönen eigentlichen Titel sagen. Eigentlich hätte das Buch „Ja, der kann weg“ heißen sollen.
Christoph: Super.
Michèle: Das Buch richtet sich hauptsächlich an Frauen und der Titel hätte nicht nur die Bedeutung gehabt, dass der Typ in der heteronormativen Beziehung weg kann, sondern eben auch der Liebeskummer selbst. Aber direkt im allerersten Telefonat mit der Lektorin, nachdem alles unterschrieben war – und da gab es schon den Untertitel „Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“ – meinte sie ganz deutlich: „Michèle, wir können jetzt lange rumtun, aber benennen wir es doch einfach mit dem Untertitel.“ Ich weiß noch, wie ich damals das Gefühl hatte, als hätte mir jemand einen Dolch ins Herz gestochen…

… wie fühlt es sich jetzt an? Das Buch ist seit Sommer auf dem Markt, empfindest du noch einen Schmerz?
Michèle: Nein. Das war die richtige Entscheidung für den Titel. Es war eine Marketing-Entscheidung, aber es war die richtige Entscheidung. Liebeskummer ist ein sehr spitzes Thema. Niemand kauft sich ein Buch, weil er gerade mal was Lustiges über Liebeskummer lesen möchte. Jemand, der das Buch kauft, steckt selbst in der Situation und sucht danach im Internet oder geht in den Buchladen und fragt: „Ich habe Liebeskummer. Können Sie mir da was empfehlen?“ Und wo Gelbwurst draufsteht, ist dann hoffentlich auch Gelbwurst drin. Wenn man jetzt bei Amazon „Liebeskummer“ eingibt, landet man automatisch bei meinem Buch.

Man kann also sagen: du hast beim Nutzer:innen-Interesse begonnen und hast daran entlang das Buch geschrieben. Du wolltest nicht eine Kulturgeschichte des Liebeskummers verfassen?
Michèle: Das wollte ich auf keinen Fall. Ich wollte ein Buch schreiben, das wirklich hilft. Es ist so, dass in Deutschland mehr Bücher von Frauen gekauft werden als von Männern. Und gerade im Ratgeberbereich sind es nochmal besonders viele Frauen, die kaufen. Deshalb war es schon alles so darauf zugeschnitten. Dass es am Ende 99 Tage geworden sind, hat noch einen anderen Hintergrund, aber den erzähle ich dann später… Viele Bücher, die in diesem Bereich erscheinen, funktionieren so, dass eine Autorin oder ein Autor aus dem eigenen Erleben schreibt und sagt: „Macht das so wie ich das gemacht habe, dann macht ihr das richtig.“ Das wollte ich aber genau nicht machen. Mich gibt es in diesem Buch nicht. Ich lasse nur die Wissenschaft sprechen. Es ist also von mir komplett von mir als Person losgelöst.

Das ist die perfekte Überleitung zu Christoph. Du hast zwei Bücher geschrieben, die sich mit dem Thema Digitales Leben befassen. Das eine ist schon erschienen, in dem du einen Ich-Erzähler als Blaupause wählst („Ich bin dann mal offline“) und jetzt eins, in dem du auch einen anderen Zugang wählst, auch über eine Challenge. Findest du dich wieder in dem, was Michèle sagt?
Christoph: Ich will ganz kurz einen Satz zu Michèle sagen, weil du gerade gesagt hast, der Titel war eine Marketing-Entscheidung. Aus Leser-Perspektive finde ich das aber total gut, weil es ein klares Versprechen gibt und ich weiß, was mich erwartet. Das ist eine gute Sache, und gar nichts, wofür man sich entschuldigen muss, weil es werblich ist oder so. Für mich als Leser ist das sehr angenehm, wenn es ein klares Versprechen gibt. Und bei den 99 Tagen bin ich natürlich auch sehr gespannt, aber da sprechen wir bestimmt gleich drüber…

… Du hast dir ein Drittel gewählt: 30 Tage ist die Challenge bei dir.
Christoph: „Ich bin dann mal offline“ ist jetzt zehn Jahre her und ist als Buch unfassbar schlecht gealtert. Da kommt noch StudiVZ drin vor und Instagram gibt es noch gar nicht und Smartphones nutzen nur ganz wenige Menschen. Ich habe mich aber damals bei dem Buch, das ein erzählendes Sachbuch im Selbstversuch ist, immer wahnsinnig darum gedrückt, wirkliche Ratschläge zu geben. Ich habe immer gesagt: „Nein, ich kann das nur beschreiben, wie ich es erlebt habe und daraus muss jeder selbst seine Konsequenzen ziehen.“ Ich habe dann aber gemerkt, dass das eigentlich Quatsch ist, weil die Leute immer und immer wieder nach Tipps und Empfehlungen gefragt haben. Und als ich dann über das neue Buch nachgedacht habe, habe ich gedacht, vielleicht muss ich die Angst vor dem Vorschlagen und dem Unterstützen ablegen. Dann habe ich erst an einen klassischen Ratgeber gedacht, habe dann aber gemerkt, dass ich eigentlich relativ viele verschiedene Tipps habe, die man aber auch nicht alle auf einmal umsetzen kann, sondern über einen gewissen Zeitraum. So bin ich dann auf die 30 Tage gekommen. Weil es ja im Gegensatz zu dem Liebeskummer, wo man über etwas hinwegkommen will, bei der digitalen Balance auch eher um Gewohnheiten oder Lebensführung geht, die immer eine gewisse Zeit braucht. Wenn man nur einen Tag lang sagt, ich ernähre mich jetzt mal anders, dann bringt das ja nichts. Man muss das ja eine gewisse Zeit lang machen, bis sich neue Dinge angewöhnt hat und man einen gewissen Effekt sieht.

Warum bist du bei den 30 Tagen gelandet?
Christoph: Für das Offline-Buch hatte ich mir damals einen Monat vorgenommen. Ich fands dann aber so gut und hatte aber so viel Angst vor der E-Mail-Lawine, die kommt wenn man offline ist, dass es am Ende 40 Tage wurden. Was dann wiederum biblisch und die Dauer der Fastenzeit war. Das ist mir aber erst später gesagt worden. Eigentlich halte ich einen Monat für einen ganz guten Zeitraum. Erstens ist mir für 30 Tage für jeden Tag eine kleine Aufgabe eingefallen bzw. ein kleiner Hack, den man direkt anwenden kann. Und zum zweiten hatte ich das Gefühl, einen Monat lang kann man sich auch mal auf was einlassen. Ein Klassiker ist ja zum Beispiel, dass ganz viele Leute diesen „Dry January“ machen und auf Alkohol verzichten. Einen Monat lang kann man einer Sache eine Chance geben, aber wenn es nichts für mich ist, ist ein Monat auch nicht so lang.

Nach dem Monat hat man auch das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Vielleicht ist man sogar ein wenig stolz. Das funktioniert bei der Digitalen Balance vielleicht sogar noch etwas besser als beim Liebeskummer. Deshalb an dich die Frage, Michèle, weil wir so neugierig sind: Wie kam es zu den 99 Tagen? Und wie bist du mit der Herausforderung umgegangen, dass jede Liebesgeschichte ja dann doch individuell ist?
Michèle: Da geht tatsächlich noch eine Frage voraus. Nämlich: Wie konsumiere ich in einem solchen Zustand des Liebeskummers? In dem Moment, in dem ich in so einem Ausnahmezustand bin, und da bin ich von mir selbst ausgegangen, kann ich mir nicht vorstellen, ein 400-Seiten-Buch über die Liebe zu lesen. Da bin ich nicht so konzentriert, lang am Stück zu lesen. Deswegen war von vornherein klar, dass man das stückweise macht und die Leserin, ich spreche das hier mal als generische Femininum – Männer sind mitgemeint – nicht überfordere. Das Buch ist so aufgebaut: auf der linken Seite erkläre ich immer eine Studie oder einen Forschungsgegenstand zum Thema Liebeskummer und auf der rechten Seite kann man wie in so einem Arbeitsbuch Fragen beantworten. Das ist jetzt nicht neu, aber in den anderen Büchern, die ich so kenne, sind diese Fragen immer unfassbar dumm. Offenbar geht man davon aus, dass Frauen nicht besonders intelligent sind und automatisch ein gebrochenes Hirn haben, wenn sie ein gebrochenes Herz haben. Da stehen dann so Aufgaben wie „Male mit Lippenstift deinen Ex-Freund auf und zünde bei Vollmond das Papier an“. Solche Aufgaben gibt es bei mir natürlich nicht, aber man hat so eine Art Tagesbuch-Funktion, die man jeden Tag bearbeiten kann. Und das dann eben häppchenweise, 99 Tage lang. Und die 99 Tage sind aus einem Witz heraus entstanden. Die beziehen sich auf den Song „99 Problems“ von Jay-Z, darin heißt es: „I got 99 problems but a bitch ain’t one.“ Und ursprünglich hätte ich gerne so eine Banderole ums Buch gehabt, wo das draufsteht und die man dann abreißen kann. Aber leider ist so eine Banderole ganz schön teuer…

Die 99 hast du dennoch behalten?
Michèle: Ja, die 99 Tage sind aber dann auch nochmal in drei Drittel unterteilt, die sich mit Loslassen, Kompensieren und Zurückerinnern beschäftigen. Und dann ist es in sich nochmal aufgebaut in den fünf Phasen der Trauer. Das klingt jetzt komplizierter als es ist. Es ist eine innere Struktur, die mir beim Schreiben von Anfang an sehr geholfen hat.

Hast Du dabei eine konkrete Leserin im Kopf, für die du schreibst?
Michèle: Nee, das eher nicht. Tatsächlich hatte ich eher abstrakt eine heteronormative Frau im Kopf. Was aber vor allem daran liegt, dass die wissenschaftliche Forschung sich hauptsächlich mit heteronormativen Beziehungen beschäftigt. Es ist also nicht meine Ignoranz gegenüber anderen Beziehungen, sondern dazu gibt es das meiste Material. Natürlich wünsche ich mir, dass sich die Wissenschaft da mehr öffnet und andere Geschlechter- und Beziehungsformen auch und vor allem noch mehr untersucht.

Christoph, hattest Du eine Person im Kopf beim Schreiben?
Christoph: Ich habe eher versucht zu vermeiden, mich auf eine konkrete Person so einzuschießen. Denn sonst neigt man dazu, die eigenen Probleme zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen und dann womöglich auf alle zu übertragen. Das ist aber natürlich totaler Quatsch. Denn andere Leute hängen vielleicht nicht wie ich bei Twitter ab, sondern bei Candy Crush, was ich zum Beispiel noch nie in meinem Leben gespielt habe…
Michèle: … nix gegen Candy Crush.
Christoph: Natürlich nicht! Ich habe auch schon eine Menge Zeit in alle möglichen Spiele versenkt . Ich habe beim Schreiben versucht, mir unterschiedliche Personen vorzustellen. Ich habe mich also gefragt: Wie sieht problematische Smartphone-Nutzung für jemanden aus, der zwanzig Jahre jünger ist als ich, oder zwanzig Jahre älter, eine Frau ist, festangestellt und nicht Freiberufler so wie ich. Ich habe also immer versucht, meinen Tunnelblick aufzulösen und nicht nur von meiner Warte aus zu schreiben. Denn davon wollte ich ja weg, von dieser Selbstversuchs-Dynamik, die ich damals bei “Ich bin dann mal offline hatte. Denn 40 Tage harte Digital Detox war für mich persönlich interessant, ist aber für andere ist das komplett unpraktikabel. Und da wollte ich eben hin, dass es für mehr Leute zugänglich ist. Es gibt zum Beispiel in dem Buch auch ein Kapitel, das sich mit der ganzen Eltern- und Familienthematik beschäftigt, mit dem schönen Titel „so lang du dein Smartphone an meiner Steckdose auflädst.“

Hast Du das Gefühl, dass die Zeit für die Selbstversuch-Bücher und -Experimente ein bisschen vorbei ist?
Christoph: Kurze Antwort: Ja! Dieses Genre hat seinen Höhepunkt auf jeden Fall überschritten. Es ist auch fast alles gemacht worden an Selbstversuchen. Mein erklärtes Vorbild war ja immer AJ Jacobs, der amerikanische Esquire-Autor, der ganz viel mit der Selbstversuch-Mechanik gemacht hat – wie ein Jahr der Bibel aufs Wort gefolgt ist und ein Jahr versucht hat, absolut gesund zu leben. Aber auch der ist irgendwann an ein Ende gekommen. Und trotzdem habe ich mich immer davor gedrückt, mir anzumaßen, anderen zu sagen, wie sie es machen sollen. Das fand ich immer irgendwie doof. Weil es ja diese journalistische Haltung gibt, „sagen was ist“, aber dann soll der Leser sich schon bitte selbst ein Urteil bilden. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass diese Ratschläge und Tipps immer wieder eingefordert und nachgefragt wurden. Und dann wäre es ja auch irgendwie Quatsch, wenn man sich über Jahre mit Themen befasst und Studien liest, dann aber sagt: „Ich kann Ihnen hier nur die Forschung zitieren, darf dann aber keine Ratschläge daraus ableiten.“

Michèle, hast Du auch das Gefühl, dass du so im Kolleg:innen-Kreis noch mehr Reputation bekommen hättest, wenn du eine Kulturgeschichte des Liebeskummers, aber dafür weniger nutzwertig geschrieben hättest?
Michèle: Ja, vielleicht. Allerdings zahlen die ja auch nicht meine Miete… aber ich will noch einen Gedanken zu dem ergänzen, was Christoph gesagt hat. Denn ich werde auch ganz oft nach Ratschlägen gefragt, aber ich gebe bewusst keine konkreten Handlungsanweisungen. Ich sage auch was ist und wie der Stand der Forschung ist und stelle es in einen Zusammenhang und gebe Hintergrund und Kontext. Aber ich sage nicht „mach’s so“ oder „mach’s so“. Ich schreibe auch sehr deutlich in meinem Vorwort, dass es natürlich sein kann, dass manche Tage von den 99 Tagen überhaupt nicht zu der Leserin passen und dann kann sie die auch einfach überblättern. Aber ich bin ja eben Journalistin und keine Therapeutin, deshalb darf ich auch keinen Ratschlag geben und ich gebe auch keine. Und das liegt vielleicht auch ein wenig daran, Christoph sag mal wie du es siehst, dass es auf diesem Ratgeber-Markt auch wahnsinnig viele Scharlatane gibt, die wahnsinnig viel Quatsch erzählen und zu denen möchte ich nicht gehören.
Christoph: Absolut. Und es ehrt dich total, dass du da eine sehr gute Grenze ziehst. Denn es gibt unter dem Titel „Ratgeber“ tatsächlich auch jede Menge lieblos zusammengeklöppelte Küchenphilosophie.
Michèle: So mit einem Gummi-Cover. Ich weiß genau, was du meinst.
Christoph: Wir wollen jetzt keine Verlage dissen. Aber vielleicht ist das auch ein Unterschied, ob man sehr kurzfristig Ratgeber-Hilfe sucht, weil man bis übermorgen eine Bewerbung auf Englisch schreiben muss und dafür ein Büchlein kauft. Oder ob man sich intensiver mit einem Thema beschäftigen will.

Zum Abschluss würde ich Euch gerne einladen zu spekulieren. Werden wir solche Bücher, wie Ihr sie geschrieben habt, auch in anderen Feldern kennenlernen. Zum Beispiel im Politik-Journalismus: „In 99 Tage Friedrich Merz verstehen“ oder als Challenge „30 Tage Anna-Lena Baerbock und das Grünen-Programm kennen lernen“?
Christoph: Ein Gedanken, der mich schon fasziniert, ist diese Idee der Challenge. Die älteste Challenge der Welt ist ja vielleicht die Fastenzeit, dass man also für 40 Tage auf etwas verzichtet. Und wenn man das geschafft hat, hat man das Gefühl eines Erfolgs – und es ist irgendwie auch befriedigender, als wenn man sich einfach nur vornimmt, irgendwie weniger Schokolade zu essen. Und diese Challenge-Mechanik hat zumindest bei mir einen eigenen Drive und einen eigenen Ansporn. Und wenn man das gut nutzen kann, werden wir davon vermutlich auch mehr sehen. Wie man das jetzt in den Politik-Betrieb integriert, weiß ich nicht, ich kann es mir aber schon vorstellen bei Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Dieses unklare Gefühl „ich möchte weniger Energie verbrauchen“, kann so viel greifbarer werden, wenn man sich vornimmt, ich mach diese 10 konkreten Dinge jetzt mal für ein Jahr anders. So eine Begrenzung macht vieles greifbarer und damit auch einfacher, glaube ich.
Michèle: Diese Challenges gibt es ja schon eine ganze Weile. Und wenn man viel im Magazin-Bereich arbeitet, was Christoph und ich ja beide tun, ist man es glaube ich gewohnt, viele Texte als Challenge zu verpacken. Weil so eine Challenge einen Anfang und ein Ende hat. Und ich glaube schon, dass wir als Menschen gerne einen Anfang und ein Ende haben. Und wie sehr das mürbe macht, wenn kein Ende absehbar ist, sieht man ja auch gerade mit den Corona-Maßnahmen. Wir wollen halt gerne wissen, wann etwas vorbei ist. Ob das dann auch für politische Themen klappen kann, weiß ich nicht. Vermutlich kaufen die Leute dann doch eher „Merz für Dummys“ als „In 30 Tagen Merz verstehen“. Aber eigentlich möchte ich, dass sich gar niemand mehr mit Merz beschäftigen muss in Zukunft.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:

– Die Idee „Inspirierender Journalismus“
– Das Format „Ankündigende Zusammenfassung“
Shruggie des Monats: Deine Stimme
Shruggie des Monats: Digitale Präsenz
Der Hype um Clubhouse
Ruhe in Frieden, Ruheraum! Abschieds-Interview mit Erfinder Leander Wattig

Fünf Dinge, die ich durch mein NYTimes-Abo über den Journalismus der Zukunft gelernt habe

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Kann man mit hochwertigem Journalismus im Web Geld verdienen? Die Geschichte der New York Times ist Antrieb und Vorbild für viele Medienhäuser auf der Welt. Denn die Gray Lady (zum Bleiwüsten-Spitzenamen diesen Times-Insider lesen) hat sich in den vergangenen Jahren zum blühenden Branchenvorbild entwickelt. Der Einstieg ins digitale Abo-Geschäft im Jahr 2011 trägt erstaunliche Früchte, wie man in dieser Titelzeile aus dem Winter 2020 nachlesen kann: „People spent the summer freaking out and subscribing to the paper of record.“

In diesem Interview beschrieb der scheidende CEO Mark Thompson im Winter 2020 wie für diesen Erfolg das Unternehmen umgebaut wurde (Take-Away: guter Inhalt ist viel mehr als Schreiben, in der New York Times-Sprache: „No newsroom in the world has more journalists who can code.“).

Seine Nachfolgerin Meredith Levien erläuterte ihre Ziele dieser Tage im gleichen Podcastformat. Dabei betonte sie zwei zugrunde liegende Prinzipien:

1. Man braucht einen großen Aufmerksamkeits-Trichter, durch den man Leser:innen zu zahlenden Kund:innen machen kann
2. Man muss in die Inhalte investieren, um diese gut zu halten und beständig besser zu machen

Vor allem über den zweiten Punkt denke ich nach, seit ich seit ein paar Wochen ein äußerst günstiges Einstiegs-Abo bei der NYTimes abgeschlossen habe (das Beitragsfoto oben stammt aus dem Werbe-Newsletter, der mich nach Monaten des Cookie-Löschens überzeugte). Die zentrale Frage, die mich dabei treibt, lautet: Was ist guter Inhalt im Zeitalter digitaler Abos?

Auf der Suche nach der Antwort habe ich in der Nutzung der NYTimes-Website und -App in den vergangenen Wochen ein paar Beobachtungen gemacht, die ich notierenswert finde – und die mit dem zu tun haben, was ich hier schon mal inspirierenden Journalismus nannte.

1. „Zeitung“ ist mehr als Nachrichten:

Die App der New York Times hat auch News, aber in erster Linie fühlt sie sich an wie eine vertauensvolle Begleiterin, die über weit mehr Bescheid weiß als über das tagesaktuelle Geschehen. Das führt nicht nur zu anderen Themen und Ressorts (siehe 2.), es bietet auch Zugang zu anderen Nutzer:innen-Bedürfnissen: in der iOS-App-Vorschau steht das „Mini-Puzzle“ zum Beispiel ganz oben im Schnellzugriff.
Dass man mit einer Zeitung spielen kann, ist nicht neu. Wer regelmäßig zum Papier greift, findet diesen rätselnden Zugang zur Zeitung, im Digitalen hat die New York Times daraus sogar ein Geschäftsmodell gemacht, das vor allem auf dem genauen Erkennen von Zielgruppen basiert. Wie stark diese Nutzer:innen-Zentrierung bei der New York Times ausgeprägt ist, kann man in dieser internen Analyse des Medienredakteurs Ben Smith nachlesen, der der Frage nachgeht, warum der renommierter Redakteur Donald G. McNeil Jr. das Haus verlasssen musste.

2. Es entstehen neue Ressorts

Im Ausblick aus dem Jahr 2016 formulierte die New York Times als Vorgabe eine Ausweitung des Themenspektrums:

Our readers are hungry for advice from The Times. Too often, we don’t offer it, or offer it only in print-centric forms. Our ability to collaborate with The Wirecutter, the company’s newest acquisition, and the advent of Smarter Living are promising first steps in rethinking The Times’s role as a guide, but we remain far from reaching our potential here.

Wer heute durch die App klickt, findet neben den klassischen Ressorts, die man aus Zeitungen kennt, populäre Rubiken wie „Well: Nutrition & Fitness“, „Parenting“ oder das „Learning Network“. Es handelt sich dabei um Themenfelder, die quer zu klassischen Politik-Wirtschaft-Kultur-Sport-Ressorts liegen und eher aus der Nutzer:innen- als aus der Produzent:innen-Perspektive auf die Welt blicken.

Es ist für die große New York Times deshalb sehr selbstverständlich möglich, der Frage nachzugehen, was man gegen schlechten Schlaf tun kann. Und zwar sehr konkret anhand von fünf Ratschlägen, die Jessica Grose aus den fünf S ableitet, die Eltern an die Hand gegeben werden, um ihren Kindern einen besseren Schlaf zu ermöglichen (Swaddle, Side or stomach Position, Shush, Swing, Suck). Journalismus beschränkt sich hier also nicht mehr auf die Politik-Wirtschaft-Kultur-Sport-Perspektive, sondern versucht im Leben der Leser:innen Bedeutung zu erlangen.

3. Neue Themen ziehen neue Leser:innen

Solche Texte erweitern nicht nur das Themenspektrum dessen, was man als harten Journalismus bezeichnet. Sie erweitern auch die Leser:innenschaft wie Axios dieser Tage berichtet. Neue Leser:innen kommen immer häufiger zur New York Times, weil sie sich für die vermeintlich weichen Themen und das Spiel und Koch-Angebot der Zeitung interessieren.

4. Guter Inhalt schafft Rituale

Wer auf dieser Weise Inhalte an den Interessen der Leser:innen entlang entwickelt, muss ein anderes Verhältnis zur Aktualität entwickeln: was bedeutsam und heute relevant ist, hängt nicht mehr an einem externen Terminplan, dem man folgen kann. Es muss eine Aktualität bedient werden, die von den Leser:innen abhängt. Dieser Unterschied zwischen äußerere Aktualität und Rezipienten-Aktualität ist vermutlich der von außen sichtbarste Wandel in der Struktur der Zeitung App.

Hier spielt die planbare Ritualisierung von Inhalten eine wichtige Rolle. Der empfehlenswerte Laufnewsletter wird zum Beispiel stets am Samstag nachmittag deutscher Zeit verschickt.

5. Übersicht ist alles

Ganz viel an der NY Times mag ich sehr. Meine Lieblings-Entdeckung rund um das Zeitungs-Abo stammt aber nicht von den Journalist:innen in New York selbst, sondern von Matt Thomas, der einmal in der Woche einen sehr schlichten, aber genau deshalb guten Newsletter verschickt: Er kuratiert gute Inhalte aus dem Angebot der NYTimes – und schafft damit Übersicht und Zugang. Hier kann man ihn bestellen.

Ich erwähne das, weil ich glaube, dass der nächste Schritt in der Entwicklung einer nutzer:innen-zentrierten Angebotsstruktur in Richtung Kuration und Übersicht gehen muss.

Mehr zum Thema Inspirierender Journalismus hier im Blog
Was ist ein ankündigende Zusammefassung?
– der Newsletter zum Begriff „Inspirierender Journalismus“

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen.

Mega-Trend Newsletter: Fünf Gründe warum der Hype berechtigt ist

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was ist der wichtigste publizistische Trend im Frühjahr 2021? Nein, ich spreche nicht von Clubhouse. Auch die wachsende Bedeutung von datenjournalistischen Formaten meine ich nicht. Ich spreche von der ältesten Innovation des digitalen Journalismus: Newsletter.

Schon im Februar 2020 sprachen wir hier über eine Entwicklung, die man als „newsletter first media“ bezeichnen kann. Ein Jahr später kann man festhalten: diese Entwicklung kommt jetzt auch bei den Medienhäusern und Plattformen an. Denn gerade eben haben sowohl Twitter als auch Facebook angekündigt, dass sie Newsletter für sich entdeckt haben. Die beiden Plattformen, die mal angetreten waren, Mails abzuschaffen (Botschaften, Messenger etc.) versuchen jetzt mit dem Kauf von Revue (Twitter) und dem Aufbau eines eigenes Newsletter-Netzes (Facebook) in den Posteingang von Leser:innen zu kommen.

An diesem Ort soll sich der Kampf um die Aufmerksamkeit entscheiden – darauf wetten Dienste wie Substack (zum Hintergrund diese sehr gute Breitband-Sendung oder den Axios-Podcast zum Thema hören) oder in Deutschland steady aber auch Medienhäuser wie Forbes, das gerade angekündigt hat, 20-30 Autor:innen anzustellen, die nichts anderes tun sollen als Newsletter schreiben. Genau damit versucht das Autor:innen-Kollektive Every ein Geschäft aufzubauen. Die Newsletter-Schreiber:innen haben zum Teil auf Substack erste Erfolge erzielt und bündeln ihre Inhalte nun neu.

Was steckt hinter der nicht abkühlenden Begeisterung für die im Kern sehr alte Technologie Mail und Newsletter? Ich glaube mindestens diese fünf Entwicklungen, die für Erfolg im digitalen Ökosystem entscheiden sein können:

1. Das höchste Gut ist deine Verbindung zu den Kund:innen

Newsletter basieren auf der wunderbaren dezentralen Infrastruktur von E-Mails, d.h. sie kommen ohne zentrale Plattform aus, sie sind auf allen Endgeräten und allen Betriebssystemen nutzbar und bringen seit Jahren ungebrochen erfolgreich die zentrale Erkenntnis des weltweiten Netzwerkes auf den Punkt: das höchste Gut im digitalen Ökosystem ist deine Verbindung zu deinen Nutzer:innen. (Foto: unsplash) Es gibt keinen Mittler, die sich zwischen Anbieter:in und Nutzer:in drängt. Das kann zur Grundlage für neue journalistische Formen, aber vor allem zu einem neuen Dialog führen.

Be smart: Nur wer seine Kund:innen kennt, kann deren Interessen befriedigen.

2. Newsletter sind alt, aber eine neue Form von Social Media

Die Besonderheit an Stories als Darstellungsform in Social Media war unter anderem: dass man nicht öffentlich, sondern nur in Direktnachrichten darauf reagieren konnte. Newsletter haben dieses Feature schon immer: Newsletter sind Mails, auf die man antworten kann. Und genau darin unterscheiden sich gute von sehr guten Newslettern, dass sie diese Möglichkeit zu direkter Kommunikation erkennen und auf Basis dessen Nutzer:innen-Bedürfnis befriedigen. Darin steckt einerseits die Anforderungen, so zu schreiben, dass man in den Posteingang der Leser:innen passt, aber dazu gehört auch, die Verbindung, die das Internet ist, anzuerkennen und Reaktionen auf die eigene Arbeit nicht als lästige Ergänzung, sondern als zentralen Bestandteil des Publizierens zu erkennen.

Be smart: Digitales Publizieren ist dialogisches Publizieren.

3. Newsletter brauchen Leser:innen

Die Idee, Produkte nutzer:innenzentriert zu entwickeln, führt im Journalismus dazu, Inhalte mindestens inspirierend, aber stets am klaren Interesse der Adressat:innen orientiert zu erstellen. Die Betreffzeile eines Newsletters ist die in wenige Zeichen kondensierte Aufforderung: Sage mir worum es geht und warum ich es lesen sollte! Wer Newsletter konzipiert, schreibt und umsetzt, kommt an der Frage nach dem Mehrwert für Leser:innen nicht herum. Wer Medien als Newsletter denkt, denkt in Produkten, die erst durch die Aufmerksamkeit ihrer Leser:innen entstehen. Hier erkennt man die Grundlage für das, was ich Inspirierenden Journalismus nenne. Journalismus in dieser Leseart braucht das Interesse der Leser:innen und liefert ihnen einen Mehrwert („Er muss nicht zwingend Nutzwert, aber stets Denkwert liefern: eine Idee, einen Gedanken oder Perspektivwechsel inspirieren.“). Jede Mail muss diesen Mehrwert immer wieder neu beweisen. Denn auch wenn das Eintragen in eine Newsletter-Liste den Kontakt ermöglicht, die Öffnung des Newsletters muss mit jeder Folge wieder neu erarbeitet werden – und macht so den Unterschied zwischen vor und nach der Mail erkennbar: die Inspiration, die die Mail ihren Leser:innen bringt.

Be smart: Wer einen Newsletter schreibt, muss vorher das eigene Produktversprechen kennen.

4. Newsletter begleiten ihre Leser:innen

Ein gedrucktes Buch ist eine abgeschlossene Inhalte-Einheit, ein Newsletter ist eine Folge von Inhalte-Einheiten, die durch ihren chronologischen Verlauf eher wie ein Workshop-Kurs oder eine Begleitung wirken können. Was ich damit meine: Newsletter können Bücher zu einem Prozess machen, zu einem Erlebnis. Darin steckt viel von dem, was ich als „Kultur als Software denken“ beschreibe, aber noch viel mehr Nutzer:innen-Fokus. Ein Newsletter kann mich als Leser auf einer Entwicklung begleiten (mein Lieblingsbeispiel: Mit dem SZ-Minutenmarathon kannst du Läufer:in werden) und ein Newsletter kann Bücher in wöchentliche Portionen zerlegen, die mir regelmäßig zu einer bestimmten Zeit geschickt werden. Ich nenne das Buch-Brief-Ing und glaube, dass darin nur ein Ansatz für den prozesshaften Charakter von Newslettern liegt.

Be smart: Gute Newsletter sind wie ein Workshop oder Kurs gedacht – und damit bestes Beispiele für inspirierenden Journalismus.

5. Die technische Entwicklung von Newslettern steht noch ganz am Anfang

Das klingt zunächst absurd, eine so etablierte Technik wie Mail als „am Anfang“ zu beschreiben. Was ich damit meine: Die Idee, Newsletter ungefiltert im Posteingang zu lesen, wird sich entwickeln. Wir werden erstens als Gesellschaft lernen, unseren Posteingang filtersouverän zu strukturieren (hier kann man nachlesen, wie man Filter in Gmail setzt), aber wir werden auch technische Angebote sehen, die Newsletter wie Podcasts darstellen. Dabei wird eine Technik zum Einsatz kommen, die ähnlich alt ist wie das Mailprotokoll: RSS-Feeds. Ich persönlich bin großer Fan von RSS und freue mich deshalb über Seiten wie kill-the-newsletter.com, den Substack-Reader oder die Stoop-App, die Newsletter aus dem Posteingang befreien wollen.

Be smart: Newsletter sind eines der wichtigsten Instrumente für die Zukunft des (digitalen) Journalismus.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem schon häufiger Beiträge über Newsletter erschienen sind. Einige stehen unter briefingbriefing.de verlinkt.

Die ankündigende Zusammenfassung (IJ02)

In diesem Blogeintrag wirst du lernen, warum derartige Vorbemerkungen (die ich ankündigende Zusammenfassungen nenne) zur Zeit überall auftauchen und welche Rolle sie beim Konzept des inspirierenden Journalismus spielen. Mehr zum Thema Inspirierender Journalismus gibt es hier im Blog:

Inhaltsverzeichnis
> Definition: Was ist inspirierender Journalismus?
> Zusammenfassung
> Sprungmarken für die SEO-Optimierung

Es reichen sechzig Sekunden.
Das „Die Zerstörung der CDU“ genannte Video dauert zwar insgesamt fast 55 Minuten, doch um zu verstehen, wie Rezo den Journalismus nachhaltig verändert hat, reichen die ersten Sekunden seines Videos. Er beginnt die Zerstörung nämlich mit der Ankündigung dessen, was er im Folgenden tun wird: Zerstören. Im Original-Ton klingt das so…

„Ich werde in diesem Video zeigen, wie CDU-Leute lügen, wie ihnen grundsätzliche Kompetenzen für ihren Job fehlen, wie sie gegen deutliche Experten-Meinung Politik machen, wie sie sich augenscheinlich an verschiedenen Kriegsverbrechen beteiligen, wie sie Propaganda und Unwahrheiten gegen die junge Generation einsetzen, wie bei ihrer Politik in den letzten Jahrzehnten die Reichen immer mehr gewinnen und alle anderen immer mehr ablosen und ich zeige, dass nach der Experten-Meinung von zigtausenden deutschen Wissenschaftlern, die CDU aktuell unser Leben und unsere Zukunft zerstört.“

… und fasst auf diese Weise vorab zusammen, was nun folgen wird. Ich nenne diese Form der vorangestellten Bewertung: Ankündigende Zusammenfassung. Rezo nutzt diese Form in zahlreichen seiner Videos und auch außerhalb von Clips sehen wir die ankündigende Zusammenfassung, die auch in wissenschaftlichen Texten, in der so genannten Management Summary oder ganz banal in einem „Take away“ genannten Wissenskondensat (Foto: Unsplash) Anwendung findet, immer häufiger.

Warum ist das so?
Ich sehe dafür zwei Hauptgründe. Der erste ist technischer, der zweite inhaltlicher Natur.

Der technische Grund liegt an den Suchmaschine genannten Filter-Robotern, die durchs Web krabbeln, Informationen einsammeln und bewerten. Für die Gewichtung sind ankündigende Zusammenfassungen Gold wert. Am besten so wie im oberen grauen Kasten: mit Definition, Sprungmarken und Schlagworten, die eine interne Verlinkung und Bezugnahme zeigen und möglichst alle relevanten Begriffe in dem Kontext „Was ist eine ankündigende Zusammenfassung?“ oder „Definition: Ankündigende Zusammenfassung“.

Dieses Inhaltsverzeichnis spiegelt dem menschlichen Auge eine Art Übersichtlichkeit vor, sie zeigt, was auf dieser Seite zu erwarten ist und bringt die wichtigsten Begriffe auf den Punkt – aber es ist gar nicht fürs menschliche Auge geschrieben. Diese ankündigende Zusammenfassung ist für die Suchmaschinen geschrieben worden. Sie sollen helfen, Menschen auf die entsprechenden Seiten zu führen. Das funktioniert so gut, dass man ankündigende Zusammenfassungen mittlerweile auf allen Seiten findet, die so genannten evergreen-content in so genannten verticals sammeln. So nennt man nämlich Inhalte, die nicht tagesaktuell sind und hohes Suchvolumen versprechen. Menschen, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren (das in den Schlagworten möglichst umfänglich eingegrenzt werden sollte), werden auf diesem Weg von ihrem Suchinteresse auf Webseiten geführt. Klassische journalistische Nachrichtenfaktoren wie Aktualität oder Nähe spielen hier eine immer geringere Rolle, wichtiger sind Schlagwort-Dichte, glaubwürdige Aufmachung und ein deutliches Nutzungsversprechen, das in der ankündigenden Zusammenfassung ausformuliert wird.

Damit kommen wir zum inhaltlichen Grund für den Siegeszug der ankündigenden Zusammenfassung: Sie stellt das Interesse der Nutzer:in in den Mittelpunkt und zeigt – in your face! – warum es diesen Text oder Beitrag überhaupt gibt. Wer ein konkretes Beispiel für die von Simon Sinek formulierte „Start with the Why?“-Theorie sucht: die ankündigende Zusammenfassung liefert genau dies, die Antwort auf das Warum? für diesen Beitrag oder Text.

Warum veröffentlicht Rezo ein Video wie Die Zerstörung der CDU? Die Antwort findet sich in den ersten sechzig Sekunden seines Clips. Und genau in diesen sechzig Sekunden kann man deshalb auch ablesen, was inspirierenden Journalismus ausmacht: er liefert seinen Leser:innen einen Grund, eine Antwort auf die Frage „Warum soll ich das jetzt lesen?“.

Ich habe zum Thema Inspirierender Journalismus bereits hier geschrieben und werde 2021 noch mehr dazu veröffentlichen. Wenn Sie sich dafür interessieren, empfehle ich Ihnen meinen kostenfreien monatlichen Newsletter. Wenn Sie zu dem Thema etwas beitragen möchten oder eine Anmerkung haben, lade ich Sie ein: Schreiben Sie mir (die Kontaktadresse finden Sie im Impressum). Einige Leser:innen haben mir (vielen Dank!) bereits geschrieben. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Austausch im Jahr 2021 hier im Blog Niederschlag finden wird.

Inspirierender Journalismus (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Sie ist inspieriert von meiner Arbeit im Laufnewsletter Minutenmarathon für die SZ.

Gute Produkte schaffen Veränderung. Als Konsument spüre ich während und nach der Nutzung einen Unterschied: eine gute Pizza schmeckt mir und macht mich satt. Dafür bin ich bereit zu bezahlen.

Journalismus, der nach neuen Geschäftsmodellen sucht, muss in dem Sinn zu einem guten Produkt werden. Er muss eine Veränderung bei seinen Nutzer:innen schaffen. Sie müssen sich nachher anders fühlen als vorher: informierter, erfrischter, schlauer. (Foto: unsplash)

Dieses beide Erkenntnisse stehen am Ende eines Jahres, das im deutschsprachigen Journalismus einen deutlichen Trend sichtbar gemacht hat: Digitales Bezahlen wird immer wichtiger. Alle relevanten Player im deutschsprachigen Journalismus (Disclaimer: Ja, auch mein Arbeitgeber) haben in den vergangenen Monaten ihre digitalen Abos inhaltlich erweitert und in der Masse ausgebaut. Neben der Frage nach der Zugänglichkeit und Usability der Angebote wird in dem Zug künftig ein Aspekt in den Mittelpunkt rücken, der bisher eher am Rand steht: die Frage nach den Inhalten. Wie muss Journalismus beschaffen sein, damit er einen Unterschied zwischen vorher und nachher schafft?

Die (über die reine Nachricht hinausgehende) Antwort, mit der die Branche bisher arbeitet, stammt von der New York Times und lautet: „Stories to help you understand the world – and make the most of it.“ Das ist die Unterzeile des Smarter Living Angebots aus New York, das man in Abwandlungen seit einigen Monaten auch in Hamburg, Berlin und München findet. Früher hätte man von Nutzwert gesprochen, heute geht es um Smarter Living-Ideen. Beides ist irgendwie richtig, aber dennoch nicht umfassend genug. Denn diese Form des Ratgeber- oder Beratungs-Journalismus, der in Fach-Interviews, Ich-Geschichten oder Produktlisten mithelfen will, den Alltag irgendwie besser zu gestaltet, ist nur ein Aspekt (meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema können Sie übrigens im Minutenmarathon verfolgen). Ich würde mir darüberhinaus einen Journalismus wünschen, der nicht nur in Fragen der Wohnzimmergestaltung, Lebensführung oder des Liebeslebens hilft „most of it“ zu machen. Damit rücken die großen Medienmarken immer weiter in den Bereich der Fachtitel vor – und etablieren eine Beratungskraft für private Selbstoptimierung. Auf der Ebene dessen, was man Gesellschaft oder Politik nennt, bleibt aber die Frage, die ich eingangs gestellt habe: Wie muss politischer Journalismus beschaffen sein, damit er einen Unterschied zwischen vorher und nachher schafft?

Seit etwa zehn Jahren geistert ein Begriff durch die Branche, der immer wieder und immer noch für Diskussionen sorgt: Konstruktiver Journalismus hat es sich zur Aufgabe gemacht, Berichterstattung lösungsorientiert zu machen: „Konstruktiver Journalismus will zum Ausdruck bringen, wie Veränderung möglich ist, und hebt die Rolle hervor, die jedes Mitglied der Gesellschaft spielen kann, um sie zu fördern“, heißt es auf der Wikipedia-Seite und in dem Satz ist das gesamte Konfliktpotenzial angedeutet, das die Diskussionen über Konstruktiven Journalismus prägt. Ich will diese Diskussionen hier nicht wiederholen, weil sie selbst kaum mehr konstruktiv scheinen. Ich glaube, es braucht im Gegenteil einen Begriff, der weniger schönfärbend klingt und gleichzeitig das Potenzial hat, den Smarter Living-Ansatz auf den klassischer Weise als hart bezeichneten Journalismus zu übertragen.

Mein Vorschlag lautet: Journalismus, der langfristig digitale Bezahlmodelle begründen will, muss inspirierender Journalismus sein. Er muss nicht zwingend Nutzwert, aber stets Denkwert liefern: eine Idee, einen Gedanken oder Perspektivwechsel inspirieren. Er muss seinen Leser:innen das Gefühl geben, nachher mehr Möglichkeiten zu haben, mehr Dinge (und vielleicht auch Lösungen) zu sehen. Das kann durch konkrete Tipps geschehen, aber auch durch besondere sprachliche Formulierung oder neue Stimmen, die ein „So habe ich das noch gar nicht gesehen“ anstoßen. Journalismus auf diese Weise zu denken, schließt die Emotionen ein, die er bei seinen Leser:innen auslöst. Zum „Sagen, was ist“ kommt ein „Was macht das mit mir?“, das in guten Fällen sogar konkrete Handlungen beschreiben kann. Das schließt erstens die Reflektion des aktuellen Geschehens ein und führt zweitens zu der automatischen Frage, die man aus guten weil zielorientierten Meetings kennt: „Wie geht es weiter?“ Journalismus, der sich so positioniert, macht Inspiration zum Call-to-Action für gegenwärtigen Berichterstattung.

Im digitalen Marketing spricht man davon, dass Kontaktpunkte zu einem Aktionsaufruf führen sollen: Der CTA genannte Call to Action soll meist zu einem (Kauf-)Abschluss führen. Ich glaube, dass gegenwärtiger Journalismus einen Call to Inspiration braucht. Wer so denkt, kommt nicht umhin sich intensiver mit seiner Leser:innenschaft zu befassen: „Wen will ich erreichen?“ ist die Ausgangsfrage für jedes öffentliche Projekt. Journalismus bildet da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Guter Journalismus muss darüberhinaus fragen „Wen will ich inspirieren?“ – und dann Wege und Worte finden, um diese Inspiration zu erzeugen, nachzuweisen und fortzuführen.

Deshalb endet auch dieser Text mit einem Inspirations-Aufruf: Schreiben Sie mir (Kontakt finden Sie, aber kein Bot, im Impressum) und sagen Sie mir, wo Sie inspirierenden Journalismus finden? Und wenn Sie mögen können Sie im zweiten Schritt auch ergänzen wie Sie das finden. Denn das Thema wird nicht nur die gesamte Branche in 2021 begleiten, auch mein Newsletter „Digitale Notizen“ wird künftig davon handeln. Den können Sie hier kostenfrei bestellen.