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Die Erfindung der langfristigen Innovation

Schon länger wollte ich über die wunderbare Hörbuch-App „Eary“ von Fabian Frey schreiben. Mit dem Angebot für iOS gelingt es, ungehörte Schätze in Spotify zu heben. Der Streaming-Dienst enthält nämlich nicht nur Musik und Podcasts, sondern auch tolle Hörbücher, die aber manchmal nur für ein paar Wochen verfügbar sind. Eary findet diese Hörbücher aus dem riesigen Spotify-Angebot und macht sie zugänglich. Dieses Kontext-Angebot ist kostenfrei, man kann den Entwickler aber hier mit einer Spende unterstützen.

Ohne Eary, sondern über die Instagram-Story von Tom Hillenbrand habe ich erfahren, dass sein Essay „Die Erfindung des Essens“ gerade in Spotify als Autor-gelesenes-Hörbuch verfügbar ist (Spotify-Link). Man kann es auch als digitales Buch für 0,99 Euro auf der Kiwi-Verlagsseite laden, in jedem Fall lohnt es sich, Toms Analyse zu folgen.

Die „Erfindung des Essens“ illustriert am Beispiel der menschlichen Nahrungsaufnahme ein grundlegendes Missverständnis beim Thema Innovation: Wir neigen dazu kurzfristige Veränderungen zu überschätzen und die langfristigen Folgen zu unterschätzen (Amaras Law). Es lohnt sich, das Essay allein für die historisch sehr anschauliche Beschreibung dieser Wahrnehmungs-Verzerrung zu lesen (oder eben zu hören). Darüberhinaus gibt es aber noch einen sehr aktuellen Grund, zur „Erfindung des Essens“ zu greifen. Tom Hillenbrand zeigt darin nämlich, welche merkwürdige Vezerrung hinter dem Begriff „natürlich“ steckt. Ähnlich wie der Begriff der Normalität ist auch die vermeintliche Natürlichkeit zu einer Art Kampfbegriff geworden. Beide Begriffe beschreiben einen scheinbar per se guten Zustand, den es zu bewahren oder zu verteidigen gilt. Dabei wird häufig vergessen, dass all das, was wir für „natürlich“ oder „normal“ halten, keineswegs so normal-natürlich ist, wie wir es gerne hätten.

Wenn das nächste Mal jemand etwas Neues ablehnt, weil es vermeintlich nicht natürlich sei, kann man mit Frage kontern, welche natürliche Farbe eigentlich Karotten haben? (Foto: unsplash) Die Antwort kann man ausführlich bei Tom nachlesen – und in einer Kurzfassung in diesem 3sat-Video. Ergebnis: Die Farbe der Kartotte ist Ergebnis einer unnatürlichen menschlichen Züchtung. Die organe-verliebten Niederländerinnen und Niederländer veränderten die Farbe des Wurzelgemüses, um damit ihre Landesfarbe zu ehren.

Geduldtraining: Veränderung ist Marathon nicht Sprint (Digitale Mai-Notizen)

„Bis die so weit sind, haben wir Herdenimmunität erreicht“ – Tom Hillenbrand über Lesungen im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der ?Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 1: Lesung im Stream (Foto: unsplash)

Tom Hillenbrand ist Autor in München. Seit ein paar Tagen liest er regelmäßig im Netz. So auch wieder am Dienstag 7.4. unter tomhillenbrand.de/live.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Bei Lesungen und Vorträgen ist mein Trick, mir jemand im Publikum zu suchen, der nett aussieht und ihn dann immer wieder anzuschauen. Das vermittelt mir Zuversicht, gibt Halt. Das geht jetzt natürlich nicht. Und auch das für Lesungen so wichtige akustische Feedback durch Lacher oder Raunen fällt weg.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Technik ist schon eine Hürde. Im Prinzip macht Twitch, wo ich meine Lesungen streame, es einem aber ziemlich einfach. Aber natürlich hängt der Stream mal oder er läuft nicht synchron. Da die Probleme stets während des Livestreams auftreten, ist der Stressfaktor recht hoch. Ich vermute, dass Agenturen, die auf so etwas spezialisiert sind, gerade gutes Geld verdienen.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Die Anreise ist deutlich kürzer.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Es gibt ja non-stop Rückmeldungen über den Chat, der neben dem Stream langtickert. Und mit der Zeit lernt man auch, den zu parsen, eine Stimmung zu erahnen. Ansonsten versuche ich, die Lesung etwas offener zu gestalten, mich auch immer wieder zwischendrin mit den Leuten zu unterhalten und nicht erst am Ende im Q&A. Anderes Medium, andere Vortragsform, wobei ich noch nicht sagen kann, wie genau das am Besten wäre.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Just do it. Perfektion wird von niemand erwartet, die Zuschauer wissen, dass Du experimentierst. Das macht auch eine Teil des Reizes aus. Und vor allem nicht darauf warten, dass Dein Musiklabel, Dein Tourpromoter oder Dein Buchverlag das für Dich aufgleist. Bis die so weit sind, haben wir Herdenimmunität erreicht.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich streame auf Twitch, mit Streamlabs, das ist eine Open-Source-Streaming-Software. Als Kamera verwende ich ein iPhone XR mit Zehn-Euro-Stativ. Investiert habe ich lediglich beim Sound, in ein Studiomikro von Røde, weil eine gut klingende Stimme natürlich wichtig ist.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!