„Was über Jahre belächelt wurde ist jetzt Alltag“ – Workshops im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 7: Workshops im Stream (Foto: unsplash)

Michael Praetorius ist Moderator, Podcaster und Dozent in München. Sein Podcast-Seminar, das er gemeinsam mit Viktor Worms geben wollte, hat er wegen der Corona-Krise ins Web verlegt.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Ich habe das Gefühl, dass wir alle gerade mit der Effizienz der Digitalisierung überfordert sind. Auf einmal sind Formate möglich, die bisher immer an Zweifeln scheiterten. In dieser Situation machen wir es einfach. Ohne vorherigen Meeting-Marathon, ohne Termine für die man durch die Republik reist. Die Reisezeit fällt weg. Termine via Videokonferenz sind enorm auf den Punkt und die gewonnene Zeit verbringe ich mit dem nächsten Projekt.
Meine Kunden machen mit mir Workshops, bei denen sie zu mir ins TV-Studio zugeschaltet sind, statt Content mit großen Freigabeschleifen, produziere ich tägliche YouTube Livestreams, virtuelle Konferenzen oder Online-Kurse aus dem Studio. So ist zum Beispiel mit Viktor Worms, dem früheren Wetten dass…?-Produzenten ein Podcast-Kurs entstanden, der mein Prototyp für weitere Online-Kurse ist. Eigentich hätte der Kurs im April bei Antenne Bayern stattfinden sollen, stattdessen sind Viktor und ich mit viel räumlicher Distanz ins Studio.

Auch ein zweites Format ist nur entstanden, weil alle Geschäfte geschlossen sind:
Mit meinem Kunden Märklin (dem Hersteller der berühmten Modellbahnen) haben wir in den letzten Woche eine tägliche Live-Sendung produziert, um Familien zuhause mit dem Bau einer Modellbahn im YouTube Livestream zu beschäftigen. Und um Musikfestivals nicht ausfallen zu lassen, habe ich einen Mobilfunkanbieter bei der Produktion von Musik-Konzerten unterstützt, bei denen die Künstler aus dem Wohnzimmer senden.

Bei mir sind allerdings dagegen alle klassischen Aufträge bis in den September weggebrochen. Umsatz, der komplett fehlt. Also nehme ich mit, was gerade an schnellen Aufträgen reinkommt oder versuche Prototypen zu bauen, mit denen ich womöglich in 6 Monaten Geld verdiene. Das einzige, was derzeit noch Geld reinspült ist das, was vorher schon 100% digital war. Der Rest fehlt. Ich glaube, das wird möglicherweise lange so bleiben.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Technisch bin ich zum Glück bestens ausgestattet. Ich habe in München zwei komplett eingerichtete Social TV Studios, in denen normalerweise Podcasts oder Videoformate für digitale Plattformen entstehen. Diese Studios sind jetzt entweder Drehort für mich alleine für meine Workshops und Webinare oder Dienen als Live-Regie für virtuelle Konferenzen.

Die größte Hürde ist, alles wirklich allein machen zu wollen. Ich würde gerne mit Kolleginnen und Kollegen an meinen Formaten arbeiten, aber das Studio ist tabu. Jetzt haben wir innerhalb einer Woche ein Setup gebaut, in dem Kameras und die gesamte Regie ferngesteuert werden können. Die Regie steuert ein Kollege von mir vom Küchentisch aus. Im Studio schalten wir alle Signale von Skype, Zoom, Teams etc. zusammen und werfen sie z.B. als Livestream wieder in die Welt. Vor ein paar Jahren wurde ich mit meinem YouTube-Kram als Kisten-TV belächelt. Jetzt klingelt andauernd das Telefon oder der Messenger, und Leute wollen, dass ich ihnen schnell ein Studio baue oder mit meiner Remote-Regie ihre Online-Konferenz produzieren. Erstes geht gerade nicht, zweiteres ist gerade eine Ressourcenfrage.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Digital ist das neue normal. Was über Jahre belächelt wurde ist jetzt Alltag. Chatrooms heißen jetzt virtuelle Konferenzen und aus jedem Telefonat wird auf einmal ein Zoom-Meeting. Es ist zwar anstrengend und irritierend zuzusehen, wie viele mit der neuen Technik umgehen, als gäbe es das erst seit zwei Monaten und gleichzeitig erfrischend zu sehen, dass es offenbar doch klappt. Statt „hier nur Bargeld“ heißt es jetzt „Bitte lieber Kartenzahlung“. Die Gärtnerei um die Ecke macht jetzt „same day delivery“ – und sogar Gemüse und der Einzelhandel, so habe ich das Gefühl, sieht das Internet endlich nicht mehr als Bedrohung, sondern Chance seine Kunden besser zu versorgen. Besser als vorher ist das allerdings nicht, der Preis, den wir dafür bezahlen ist zu groß. Viele Tote, eine gesundheitliche Ungewissheit, wochenlange Isolation von Menschen, die dringend „analogen“ sozialen Kontakt brauchen und viele Menschen, die Angst um ihre Existenz haben.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Ich glaube, die Stimmung im Raum ist kaum zu ersetzen. Es fehlt der Geruch, die Nähe. Aber wir können dennoch Reaktionen zeigen. Ich mache das bei mir mit einer Videowall. Ich versuche in Webinaren, den anderen zu zeigen, dass ich zuhöre und nicht einfach nur am Rechner sitze. Das kennt man aus dem TV: Der Moderator sieht sein Gegenüber in voller menschlicher Größe auf einer Videowall. Das habe ich mir im Studio nachgebaut und mache so meine Workshops. Das macht es etwas besser.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Für Live-Streaming ist mehr Vorbereitung notwendig als man oft denkt. Entscheidend ist der Ton. Damit ist nicht nur ein gutes Mikro gemeint, sondern auch die Akustik im eigenen Raum. Das Licht muss ebenfalls stimmen und der Kamerawinkel. Manchmal hilft es schon den Kamerawinkel zu optimieren, in dem man einfach den Notebook-Deckel einen Zentimeter nach vorne zieht und tata! schon hat man den richtigen Headroom im Bild.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich nehme selten das Smartphone, meistens den Laptop mit externe Kamera (Blackmagic Cimema Pocket 6K) – nicht die eigebaute. Damit ist der Winkel so, dass du siehst dass ich mich auf dich konzentriere und nicht nebenbei auf meinem Computer schaue, das macht viel aus. Ich verwende viel Hardware von Blackmagic Design, einem Ausrüster für TV-Studios z.B. eine ATEM Mini oder einen Web Presenter oder einen Ultra Studio Recorder, als Mikro verwende ich hochwertige Studiomikros, ein Ansteckmikro oder Richtmikro von Sennheiser, das über ein Soundcraft UI Audio-Mischpult an der Bild-Regie hängt. Damit kann ich mit quasi jeder Software Skye, Zoom, Teams, oder Facetime eine Webcam simulieren. Das ist allerdings teure Studio-Hardware, das klingt für viele möglichweise übertrieben. Ich finde es aber genau richtig. Wer mich bisher bei Terminen als Referenz oder Experten eingeladen hat, soll die gleiche Qualität auch online bekommen. Das ist derzeit mein Credo.

Für meine Webinare hab ich mir mit Unterstützung von NOEO (Software-Unternehmen) zudem auf der Website eine Plattform zum Verkauf von Online-Kursen gebaut, so dass man meine Seminare auch als Online-Kurs buchen und direkt bezahlen kann. Diese Plattform bzw. Software werde ich (zusammen mit NOEO) jetzt auch anderen zur Verfügung stellen, die online aufzeichnete Kurse mit Prüfungsfragen verkaufen können.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!