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Sprechstunde: Einladungs-Marketing bei Clubhouse

Die wichtigste These für digitales Marketing lautet:

Wenn du viel erreichen möchtest, musst du Begrenzung üben

Ich habe diese These unlängst hier schon mal beschrieben – und an diesem Wochenende hat der deutschsprachige Markt den perfekten Beweis dafür gesehen: das Einladungs-Marketing der Audio-App „Clubhouse“. Denn diese bisher nur für iOS nutzbare App ist nicht nur ein interessantes Produkt, spannend ist vor allem, wie die Macher:innen von Clubhouse den Eindruck erwecken, es könne sich um ein interessantes Produkt handeln: durch Begrenzung. (Foto: Unsplash)

Um das zu erklären, hier die wichtigsten Fragen zum Hype der Stunde – und zum Abschluss die wichtigste Antwort: Warum ist das eigentlich wichtig?

1. Was ist Clubhouse?

Clubhouse ist der Hype der Stunde – und eine Quatsch-App. Also eine App zum Quatschen, in der Fachsprache könnte man sie Social-Audio-App nennen. Clubhouse überträgt die Idee von digitalen Räumen auf Sprache, Nutzer:innen können sich dort in Räumen zum Sprechen verabreden. Salopp formuliert könnte man sagen: Was die Sprachnachricht für den Messenger ist, ist Clubhouse für Social-Media, also sowas wie die Messenger-Gruppe zum Reden.

Zentrales Feature sind Nutzer:innen-Rollen: Sie können als Zuhörer:in, Sprecher:in oder Moderator:in in einem Clubhouse-Raum auftreten. Weil die Macher:innen der App dafür in der Frühphase prominente Stimmen gewinnen konnten, wurde das Angebote schon früh hoch bewertet – was man zwingend als Bestandteil der Marketingstrategie lesen muss: eine anonyme Bewertungsmacht schreibt dem Angebot Wert zu, das ist dann besonders reizvoll, wenn man möglichst wenig versteht, worum es eigentlich gehen soll (Details bei t3n).

Meine These: Es geht um den Versuch, die Dynamik sozialer Netzwerke rund um das gesprochene Wort zu entfachen. Clubhouse bündelt damit die Hypethemen: Messenger (Dark Social), Audio (Podcast) und App-Netzwerke zu einem dreifach Hype, den sie dann auch noch beispielhaft vermarkten – über eine Invite-only-Strategie.

2. Wie kriege ich ein Invite zu Clubhouse?

Diese Frage zu stellen, zeigt bereits, dass die Begrenzungs-Mechanik hinter dem Marketing greift. Durch die Produkteinführung einzig über Einladungen dreht Clubhouse die Wahrnehmung neuer Produkte um. Klassischerweise versucht ein neues Produkt, deine Aufmerksamkeit zu erlangen. Marketing zielt genau darauf ab, dir die Eigenschaften und Besonderheiten des neuen Produkts zu zeigen. Durch die Begrenzungs-Mechanik bist jetzt du auf der Suche nach einem Invite. Du informierst dich über das Produkt und deine Aufmerksamkeit wird aktiv darauf gerichtet. Egal, ob du dich am Ende anmeldest oder nicht: das Marketing hat damit mehr erreicht als jede Plakat-Kampagne schaffen kann. Es hat das Produkt in deinem Kopf verankert – und mit einem Bedürfnis verbunden. Du willst eine Einladung haben.

Dabei sind die Produkteigenschaften erstmal zweitrangig. Wichtig ist: Nutzer:innen, die drin sind, müssen davon erzählen. Und auch hier greift die Begrenzungs-Mechanik, sie gibt denen, die einen Account haben, nämlich das Gefühl, ausgewählt oder etwas Besonderes zu sein. Distinktion at it’s best!

Aber Distinktion ist ja so lange wertlos, wie ich nicht drüber sprechen kann. Also werde ich davon erzählen – und um das zu unterstüzen, gibt Clubhouse jede:r Nutzer:in Einladungscodes zum Verschenken (Bemerkenswert bei dieser Form des Invites: jede:r Nutzer:in führt am Fuß der Profilseite den Hinweis auf seine Einladung). Diese kann man allerdings erst weitergeben, wenn man dem Dienst Zugriff aufs Telefonbuch gewährt. In der Sprache der App heißt dies: „Wir müssen nur nachschauen, wer schon drin ist“ in der Sprache des Marketings bedeutet es: „Erst durch das Netzwerk wird das Werk veredelt – also versuchen wir das Netzwerk unserer Nutzer:innen abzugreifen.“

3. Warum ist das wichtig?

Wegen der Begrenzungs-Mechanik. Sie ist das perfekte Beispiel dafür wie Aufmerksamkeit als zentrale Währung im digitalen Ökosystem verteilt wird.
Ob Clubhouse dabei tatsächlich auch ein interessantes Produkt ist? Das kann zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich niemand so richtig beurteilen. Sehr sicher kann man aber lernen, wie man einen Hype anzettelt: Wenn du viel erreichen willst, musst du den Eindruck erwecken, es gebe einen Lieferengpass.

Am Freitag 22.1. um 21 Uhr machen Lucas und ich einen Live-Test mit unserem Podcast Wirbt-Das? in und über Clubhouse

Mehr zum Thema:

Weniger schafft mehr – das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ (Digitale August-Notizen)

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Ungerecht! Weshalb Elizabeth aus Knoxville das perfekte Symbol der empörten Gegenwart ist

Es ist eine kleine Sequenz am Rande dessen, was diese tolle SZ-Langstrecke als Angriff aufs Herz der Demokratie beschreibt: „Es artete zu einem Sturm auf das Kapitol aus. Von Trump billigend in Kauf genommen. Seine Anhänger durchbrachen Barrikaden, verschafften sich Zugang in das Gebäude, in die beiden Kongresskammern. Sie ersetzten eine US-Flagge gegen eine Trump-Flagge und beschmutzten die Büros von Senatoren und Abgeordneten. Es gab Tote, Verletzte. Es war ein Akt der Demütigung.

Am Rande dieses Angriffs aufs Kapitol in Washington trägt sich eine Szene zu, die Hunter Walker (Korrespondent für Yahoonews) filmt und die nun als #ElizabethFromKnoxville Vorlage für zahlreiche Bearbeitungen geworden ist: dieser Clip ist viral gegangen.

Zu sehen ist eine junge Frau, die sich selbst als „Elizabeth from Knoxville“ vorstellt (Hunter Walker schreibt, dass sie vermutlich anders heißt) und anschließend zu einer erstaunlichen Klage ansetzt: Sie habe Tränengas abbekommen, äußert sie wiederholt und reibt sich dabei ein Handtuch durchs Gesicht (das Gerücht, dass es sich um ein Handtuch mit Zwiebel handelt, um Tränen zu provozieren, ist wohl falsch). Walker fragt sie, wie es dazu gekommen ist: „Sie haben versucht, ins Kapitol zu gelangen?“ Antwort: „Ja, ich schaffte es etwa einen Meter hinein und sie stießen mich hinaus und ich bekam Pfefferspray ab.“ Nachfrage: „Warum wollten sie hinein gehen?“ Antwort mit leichter Entrüstung in der Stimme: „Wir stürmen das Kapitol. Es ist eine Revolution.“

Neben den vielen veralbernden Reaktionen im Netz (auf Tiktok ist der Ton mittlerweile zur Kopiervorlage geworden), fragen sich viele Menschen vor allem, welche Vorstellung diese Frau wohl von einer Revolution hatte („Elizabeth wasn’t happy with her treatment at the revolution.“). SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach kommentiert: „Wenn es nicht so traurig wäre müsste man lachen, die Naivität und das Selbstmitleid dieser „Revolutionärin“ zeigen die entwaffnende Dummheit der Trump Bewegung.“

Meiner Einschätzung nach ist diese Szene eher Ausdruck einer selbstmitleidigen Empörung, die ich als typisch für die Gegenwart empfinden würde. Mit aller gebotenen Vorsicht weil ich keine weiteren Details über die Szene kenne, sehe ich in Elizabeth das perfekte Symbol für die sich stetig empörende Gegenwart. Alles an diesem Video sagt: „Ungerecht! Ich bin empört, weil ich ungerecht behandelt wurde“. Dass man so reagiert nachdem man gerade erkennbar gegen Gesetze verstoßen hat, macht die Absurdität dieser (selbstmitleidigen) Einschätzung besonders sichtbar. Das Problem: Für die Personen, die sich ungerecht behandelt fühlen, bleibt die Situation dennoch ungerecht. Für sachliche Argumente oder Reflektion sind sie in dieser Lage kaum zu erreichen. Und genau auf diesen Mechanismus setzt populistische Politik: Sie redet dir ein, die Welt wäre gegen dich. Elizabeth from Knoxville ist insofern Symbol einer besonders erfolgreichen populistischen Politik. Diese Frau scheint sich sogar dann als Opfer zu fühlen, wenn sie gerade gewaltsam gegen Gesetze verstößt. Sie hat offenbar nicht nur den Eindruck, es stehe ihr zu, das Kapitol zu stürmen. Sie glaubt sich dabei so sehr im Recht, dass sie nicht versteht, weshalb sie zurück gehalten wird.

All das ist meine Spekulation, ich habe mit ihr darüber nicht gesprochen. Und dennoch finde ich, dass man diese kurze memetische Sequenz als Mahnung für die Macht der Ungerecht!-Emotionalisierung lesen kann. Im vergangenen Frühjahr hatte ich nach der Umweltsau-Empörung genau über diese Machtmechanismen der Emotionalisierung geschrieben und mit Blick auf die in diesem Jahr anstehende Bundestagswahl lohnt es sich daran zu erinnern: Sei besonders aufmerksam, wenn dein Ungerechtigkeits-Gefühl getriggert wird!

Es ist schon klar, dass ich als privilegierter weißer Cis-Mann äußerst aufmerksam über das Thema Ungerechtigkeiten sprechen sollte. Denn natürlich steckt in der Bekämpfung struktureller Ungerechtigkeiten ein bedeutsamer politischer Antrieb. Mir geht es bei der Beobachtung aber vor allem um die Instrumentalisierung von politischen Emotionen. Dabei möchte ich auf diese vier P (Popularisierung, Polarisierung, Personalisierung und Prozess) zurückgreifen, die ich in „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ als typisch für den digitale Diskurs beschrieben habe. Man kann sie auch in der Instrumentatalisierung des Ungerecht-Triggers beobachten:

1. Popularisierung: Die wirksamte populistische Leistung der Gegenwart liegt darin, dir nachhaltig das Gefühl zu geben, die Welt sei gegen dich. „Du persönlich leidest unter den Umständen, du wirst ungerecht behandelt. Du bekommst nicht, was dir zusteht.“ Wenn dieses Gefühl verankert ist, ergibt sich quasi automatisch die Frage nach den Schuldigen:

2. Polarisierung: Es gibt eine Gegenseite. Eine Elite, eine Lobby, ein Establishment, das manchmal von geheimen Plänen geleitet wird, aber stets gegen dich ist. Dieses „Wir gegen Die“ ist einerseits ein Identitätstreiber in Social-Media, in ihm steckt aber vor allem die Grundlage für den dritten Punkt:

3. Personalisierung: Deine Gruppenzugehörigkeit spielt eine Rolle. Du bist nicht mehr nur Beobachter:in, Du bist aktiver Bestandteil der Debatte. Deine Meinungsäußerung ist wichtig, deine Kaufentscheidung spielt eine Rolle. Ein Schweigen oder gar eine Meinungslosigkeit kannst du dir nicht erlauben. Teile das unbedingt! ist ein politischer Schlachtruf geworden. Denn: Es geht immer weiter.

4. Prozess: Memetische Kultur ist stets dynamisch, sie geht über die Aussagen hinaus und kalkuliert Reaktionen und Empörungen mit ein. „Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen“, sagt Whitney Phillips in diesem Interview und richtet damit den Blick auf den prozesshaften Charakter der Empörungskommunikation.

All das kann man meine ich in diesem Clip zu erkennen. Diese 28 Sekunden sind ein erstaunliches Symbol für gegenwärtige Kommunikationsmuster, die natürlich von Polarisierung und den Emotionalisierungs-Mechanismen der sozialen Medien geprägt sind. Die Grundlage dafür bildet meiner Einschätzung nach das dieses Gefühl, überall und ständig ungerecht behandelt zu werden – sogar wenn man gerade einfach nur das Kapitol stürmen will.

Mehr zum Thema hier im Blog: Die Empörung der Anderen, Freiheit zum Andersdenken, Fünf Fitness-Übungen für Demokratie sowie Social-Media-Gelassenheit

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Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor, Vortragsredner – und Virtual Keynote-Speaker (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (gerade ist das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ erschienen), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Aktuell überlege ich, einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die im Internet Zuhause sind. Hier kann man sich dafür eintragen

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

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Kultur wird flüssig: das Beispiel „Sing Mine Song“

Was heißt das eigentlich, wenn wir sagen die Digitalisierung verändert die Kultur? Ich habe dazu im Jahr 2012 ein Buch begonnen, in dem ich beschrieben habe, „wie das Ablösen der Daten von ihrem Träger auch ihre Form verändert. Sie tauen dadurch auf, verflüssigen sich. Die Digitalisierung macht Kunst und Kultur zu Software – zumindest sollten wir sie, um die veränderten Bedingungen im Digitalen verstehen und nutzen zu können, wie Software denken. Wir sollten den Begriff der Version dem des abgeschlossenen Original-Werkstücks entgegenstellen.

Heute ist ein Projekt gestartet, das diese Idee der Verflüssigung und das Verhältnis von Version und Original perfekt auf den Punkt bringt. Es heißt Sing Mine Song und ist leider kaum googlebar, weil die Suchmaschine den Namen der Sängerin Mine in dem Zusammenhang nicht versteht (dies nur als Hinweis an die Intelligenz, die zwar künstlich sein mag, aber an einfachsten Wortspielen scheitert).

Mine stellt bei dem Projekt Lyrics, Cords und Noten ihres Songs „Unfall“ zur Verfügung bevor sie ihre eigene Interpretation des Songs veröffentlicht. Trotzdem sagt sie in dem Video „Mein neue Single ist draußen, aber der Song erscheint nicht wie sonst als Audio-Version“. Die wird nämlich erst am 29. Januar veröffentlicht. Bis dahin sind Zuhörer:innen aufgefordert, selbst aktiv zu werden:

Wie klingt mein neuer Song, wenn du ihn spielst? Das würde ich gerne wissen. Die Noten sind nur ein Anhaltspunkt. Verändere, wenn du Etwas verändern willst. Tonart, Voicings, Tempo & Rhythmik – Hauptsache man erkennt noch einigermaßen was auf dem Blatt steht.

Ich finde diesen Ansatz großartig, weil er Musik endlich in dem Sinne digital denkt, wie ich es in „Eine neue Version ist verfügbar“ versucht habe zu beschreiben: als Spiel der Versionen.

Mehr zu dem Projekt auf singminesong.de und auf Mines Instagram-, YouTube– und Twitter-Kanal

Shruggie des Monats: der glottale Plosiv als hörbarer Unterschied zwischen gestern und morgen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Männer des Fortschritts“ heißt dieses Bild. Es stammt aus dem Jahr 1857. Der aus Frankreich in die USA ausgewanderte Maler Christian Schussele versammelt darauf 19 Männer, die als Innovatoren und Ideengeber ihrer Zeit galten. Heute würde man das Motiv als Mashup bezeichnen. Denn so wie sie hier unter dem Wandgemälde von Benjamin Franklin gemalt wurden, befanden sich die 19 Männer nie in einem Raum. Schussele versammelte sie an einem Ort, weil sie für ihn für den Fortschritt ihrer Zeit standen: Schreibtelegraphen (Samuel F. B. Morse), Hartgummi (Charles Goodyear) und Waffen (Samuel Colt) erfanden diese Herren – und schenkten ihren Erfindungen häufig auch einen Nachnamen.

Aus heutiger Perspektive fällt ein anderer Fortschritt auf, ein gesellschaftlicher. Würde ein Christian Schussele der Gegenwart ein Porträt der Köpfe des Fortschritts malen, die Personen würden weniger gleichförmig daher kommen. Es ist ein Fortschritt, dass Diversität in Geschlecht, Hautfarbe, Alter und Herkunft heute ein wichtiges gesellschaftliches Ziel ist. Doch genau wie die Erfindungen der „Männer des Fortschritts“ ist auch der Fortschritt der Gegenwart mit Widerstand konfrontiert. Auch die Tom Thumb (die erste amerikanische Lokomotive im Jahr 1830, erfunden von Peter Cooper) oder der Virgina-Reaper (Landmaschine, die Cyrus McCormick weltbekannte machte) galten Anfangs als Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge. Dennoch setzten sie sich durch. Denn das ist das Wesen des Fortschritts: Er macht einen Unterschied zwischen gestern und morgen deutlich.

Heute wird dieser Unterschied in einer hörbaren Lücke deutlich, die Menschen lassen, wenn sie zum Beispiel das Wort „Erfinder:innen“ sagen und an der Stelle, wo ich einen Doppelpunkt geschrieben habe, eine kurze Pause lassen. Man spricht von einem glottalen Plosiv und der „kommt im Deutschen im Grunde unentwegt vor“, schreibt mein Kollege Felix Stephan. „Etwa wenn zwei Vokale aufeinandertreffen, die sich nicht in derselben Silbe befinden. Zwischen dem „e“ und dem „a“ in „Theater“ zum Beispiel.“ An der Stelle jedoch, an der der glottale Plosiv seit einer Weile Verwendung findet, sorgt er für große Aufregung – und legt einen sehr tiefen Generationenkonflikt offen.

Kein Gespräch, das ich in den letzten zwei Jahren mit Menschen unter 30 führte, kam ohne den glottalen Plosiv aus. Die hörbare Lücke ist selbstverständlicher Bestandteil der Sprache geworden, um deutlich zu machen: das generische Maskulinum allein ist nicht gerecht. Erstaunlich daran: So selbstverständlich wie der glottale Plosiv genutzt wird, so wenig wird noch darüber diskutiert – im Kreis der jungen Menschen. In anderen Kreisen jedoch ist es zum Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge geworden, ein Beweis für den Untergang der Kultur.

Besonders deutlich wurde dies im letzten Interview, das Holger Stahlknecht in seiner Funktion als Innenminister von Sachsen-Anhalt gab. Nach dem Gespräch wurde der CDU-Landeschef entlassen, weshalb die Debatte um die Nähe zur AfD und eine mögliche Minderheitsregierung ein wenig davon abgelenkt hat, wie Holger Stahlknecht mit dem Fortschritt hadert. Selten hat jemand so deutlich auf den Punkt gebracht, dass er in seinem Leben keine Schreibtelegraphen, Hartgummi oder Landmaschinen will – und deshalb sein Leben zum Maßstab für alle erhebt.

Konkret erkennt man das an dem, was Stahlknecht „Gendersprache“ nennt. Was er wohl meint: eine gendergerechte Sprache. Er sagt:

Niemand spricht jeden Tag über Gendersprache. Und niemand überlegt sich jeden Tag, ob das, was er sagt, politisch immer so superkorrekt ist.

Meiner oben beschriebenen Erfahrung nach, gibt es viele junge Menschen, die gar nicht mehr über Gendersprache, sondern selbstverständlich gendergerecht sprechen – und sich auch bemühen, mit ihren Worten keine Verletzungen anzurichten. Für Holger Stahlknecht sind sie offenbar niemand, weil er sie schlicht nicht kennt – oder weil er sie nicht kennen will. Sonst würde seine Referenzgröße für politisches Handeln nicht mehr funktionieren. Stahlknecht beobachtet nämlich,

… dass wir zunehmend eine von einer intellektuellen Minderheit verordnete Moralisierung erleben. Diese entfernt sich völlig von dem, was das Alltagsleben der Menschen bestimmt.

Wer das „Alltagsleben der Menschen“ zum Maßstab politischen Handelns macht, hat im Kampf gegen den Fortschritt schlechte Karten. Da können Holger Stahlknecht und die anderen Feinde des glottalen Plosivs ja mal die Männer des Fortschritts fragen: all das Neue und anfangs Fremde wird nämlich irgendwann normal und so selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, dass man sich fragt: Wie konnten wir eigentlich ohne auskommen? Das galt für den Schreibtelegraphen, das Hartgummi und es gilt auch für den glottalen Plosiv.

Es ist keine besonders fortschrittsgläubige Prognose zu sagen: der glottale Plosiv bestimmt das Alltagsleben der Menschen bereits. Der Fortschritt ist schon unterwegs, er wird nicht aufzuhalten sein. Die Einlassungen von Holger Stahlknecht, die Annahme, die Verwendung des glottalen Plosivs sei Erziehung oder Bevormundung des Publikums oder all die anderen Reaktionen, die Übermedien auf „die kleine Pause, die einige aufregt“ gesammelt hat, muss man sich merken, denn innerhalb weniger Monate wird niemand mehr verstehen, wie man mal so denken konnte.

¯\_(ツ)_/¯

Deshalb ist es absichtsvolle Ironie, einen Text über geschlechtergerechte Sprache mit den „Männern des Fortschritts“ zu bebildern. Denn Samuel Morse, Charles Goodyear oder Samuel Colt haben sich auch nicht damit zufrieden gegeben, mitgemeint zu sein.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Ausdauer – immer weiter, ohne Ziel

Ich habe in diesem Jahr sehr viel übers Laufen geschrieben und ich bin auch sehr viel gelaufen. Deshalb nimmt dieser Text das Laufen zum Anlass für die Frage: Wie geht man mit andauernder Belastung um? Wer mehr übers Laufen lesen möchte: Es gibt einen wöchentlichen Newsletter zum Thema.

Wenn der etwas überstrapazierte Vergleich, eine Herausforderung sei kein Sprint, sondern ein Marathon, jemals zutraf, dann auf das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie. Dieses Jahr ist wahrlich kein Sprint, sondern eine echte Herausforderung an Geduld, Gelassenheit und Ausdauer. Der Ausdauer-Autor Alex Hutchinson (dessen Texte im Outside-Magazin ebenfalls empfehlenswert sind) hat diesen Vergleich zu einem erstaunlichen Beitrag in der kanadischen The Globe and Mail genutzt, in dem er der Frage nachgeht, was man aus sportwissenschaftlicher und psychologischer Sicht über die Ausdauer-Herausforderung Covid lernen kann: Welche Tricks vom echten Marathon-Lauf kann man für den Pandemie-Marathon nutzen?

Ich muss auf diesen unbedingt empfehlenswerten Text etwas ausführlicher eingehen, weil ich glaube, dass das Jahr 2020 ein besonderes Anrecht auf Lauf-Vergleiche hat. Im Frühjahr entbrannte als Reaktion auf die ersten Einschränkungen in Folge der Pandemie ein Boom des Laufsports, in dessen Folge auch ich häufiger über das Laufen geschrieben haben – und dies noch immer tue.

Zu den Texten, die man als laufinteressierter Mensch im Laufboom-Jahr 2020 gelesen haben sollte, zählt neben dem Ausrufen des Boomes in der New York Times auch dieser wunderbare Text der griechischen Läuferin Alexi Pappas in Sports Illustrated, in dem sie beschreibt, wie das Alleine-Laufen in der Pandemie dennoch zu einer verbindenden Bewegung werden kann. Als ich vor Jahren erstmals über Virtual Runs schrieb, hätte ich mir nicht ausmalen können, dass aus dieser digital gedachten Bewegung mal eine Art Volkssport werden könnten – auch dass ich daraufhin gar einen Laufnewsletter beginnen würde, hätte ich mir erst recht nicht vorstellen können.

Das Laufen ist aber im Jahr 2020 nicht nur ein gute Verarbeitungsmittel im Umgang mit der Pandemie gewesen. Das Laufen ist auch ein gutes Bild, um mit deren andauernden Forderungen umzugehen. Denn ein Grund, warum uns der Umgang mit der Pandemie so anstrengend liegt im Fehlen eines Ziels. Hutchinson zitiert in seinem Text die Forschung des deutschen Psychologen Hans-Volkhart Ulmer, der 1996 nachweisen konnte, dass die Vorstellung eines Ziels (teleoanticipation) sich sehr positiv auf die Bewältigung schwieriger Belastung auswirken kann. Hutchinson kommt mit Blick auf die Hoffnung auf eine Impfung aber zu dem Punkt:

Using endurance sports as their medium, researchers in this subfield have probed what happens when you hide the finish line, surreptitiously move it or take it away entirely. For those of us tempted by promising vaccine updates to start fantasizing about an end to the pandemic, these researchers have some advice: don’t.

Denn neben den unbestreitbaren Vorteilen, die im Setzen von Zielen liegen können, limitiert das Ziel auch unsere Vorstellungskraft. Hutchinson beschreibt dies so:

This fixation on the end creates a somewhat circular sense of what it means to be completely spent. We’re fully drained when we cross the finish line, but it was the act of approaching and crossing the line that did the final draining. Without that anchor, it becomes surprisingly hard to figure out how close we are to our limits.

Jason Kottke, über dessen Blog ich den Text gefunden habe, weist stattdessen auf das Prinzip von Mini-Zielen hin, die nicht als Abschluss der Gesamtanstrengung verstanden werden. Er zitiert dabei die nicht gerade wissenschaftliche Quelle Kimmy Schmitz, die die Hauptfigur einer TV-Serie ist, aber dennoch einen erstaunlichen Gedanken zum Umgang mit Belastungen formuliert hat:

“You can stand anything for 10 seconds,” says Kimmy Schmidt. “Then you just start on a new 10 seconds.”

Ob man daraus etwas für den Umgang mit der Pandemie lernen kann, fragt Hutchinson abschließend und gibt einen Ratschlag, den er selbst als fast schon zu banal bezeichnet. Aber er gilt für das Laufen wie für den Umgang mit der Pandemie:

Stay in the moment

Mehr über das Thema Laufen, Medien und Psychologie hier im Blog

Crowdlauf: Mit Virtual Runs laufend Gutes tun

Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

? Fünf Entwicklungen, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann (Digitale Mai-Notizen)

Laufen macht glücklich! (Interview zu den Digitalen Mai-Notizen)

Helfen nach dem Durchschnitt: der #global6k von Worldvision

„Man möchte nicht abgehört werden, nech?“

Vielleicht ist dieser Dezember 2020 ein guter Zeitpunkt endlich die nervige Rede vom Neuland zu verabschieden. Das Kanzlerinnen-Wort sollte abgelöst werden von einem Satz, den Angela Merkel im Rahmen der so genannten Exponate-Besichtigung beim digitalen Digitalgipfel gesagt hat. Er klingt sehr salopp ist aber eine umgangssprachliche Formulierung für etwas, was man früher mal Fernmeldegeheimnis genannte hat. Angela Merkel spricht sich für Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in Messengern aus.

Zu verdanken haben wir dieses Fundstück dem Team von Netzpolitik, das sehr genau hingehört hat bei dem Digitalgipfel und danach öffentlich machte, was eigentlich gar nicht so erstaunlich sein sollte: Die Bundeskanzlerin findet die Grundrechte in diesem Land wichtig – sogar dann wenn sie im Digitalen durchgesetzt werden sollen. Dass es ein wenig erstaunlich ist, kann man in diesem Kommentar meines Kollegen Jannis Brühl nachlesen, den er schrieb als Parteifreunde und Kabinettsmitglieder der Kanzlerin forderten, die Verschlüsselung in Messenger-Apps umgehen zu können:

Algorithmen in Gratis-Apps können auch lange Texte, Bilder und Videos in Sekundenbruchteilen unlesbar für diejenigen machen, die die Kommunikation abfangen.Bei Ende-zu-Ende-Verschlüsselung können nur Sender und Empfänger die Nachrichten lesen. Wenn Ermittler den Datenverkehr abgreifen, sehen sie nur Zeichensalat. Auch die Anbieter der Apps können Chats ihrer eigenen Nutzer nicht mitlesen, sie haben ihre Systeme sogar absichtlich so gebaut.

Aber nicht nur Innenpolitiker:inner der Union wollen die Verschlüsselung aufweichen. Gerade diese Woche wurde bekannt, dass auch auf EU-Ebene darüber nachgedacht wird:

Die EU-Staaten sollen künftig eng mit der angelsächsischen Geheimdienstallianz der „Five Eyes“ zusammenarbeiten, um sichere Verschlüsselung in digitaler Kommunikation zu umgehen. Das geht aus Dokumenten der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hervor, die diese an die Mitgliedsstaaten verschickt hat

All diesen Plänen kann man künftig mit einem einfachen Kanzlerinnen-Wort begegnen, das als klares Plädoyer für Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu lesen ist:

„Man möchte nicht abgehört werden, nech?“

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Kann es sein, dass Angela Merkel mehr vom digitalen Denken verstanden hat als dein Chef?

Die Meinungsmodenschau (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Ist unsere Debattenkultur in Gefahr?“ fragte Bayern 2 im Rahmen des Zündfunk-Netzkongress und ich durfte mich an der Debatte über die Debatte beteiligen. Das kann man hier nachhören und demnächst wohl auch in ARD Alpha anschauen. Ich habe die Einstiegsfrage auf der Bühne des Münchner Volkstheater sehr deutlich mit „Nein“ beantwortet und möchte im Nachgang zu dem Gespräch drei Unterschiede deutlich machen, die vielleicht helfen könnten, künftige Debatten über Debatten leichter zu führen. Diese drei Unterschiede lauten:

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen
2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur
3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher

Um zu verstehen, was ich damit meine, lohnt sich ein Blick darauf, was ich für eine gute Diskussion halte. Denn die Debatten, die wir in Talkshows sehen, sind für mich keine guten Vorbilder für eine echte Diskussion, die als Wettstreit der Ideen tatsächlich im Kompromiss eine Antwort auf eine konkrete Frage sucht. Die TV-Formate hingegen wollen weder eine Frage beantworten noch einen Kompromiss finden. Sie gleichen eher einer Meinungsmodenschau, auf der Menschen ihre Ansichten wie Kleidung auf einem Laufsteg vorführen und dafür Applaus oder Widerspruch bekommen (Foto: unsplash). Dieses Zurschaustellen von Meinungen findet aber nicht mit dem Ziel statt, daraus einen Kompromiss zu formen oder gar seine Kleidung Meinung zu ändern. Die Meinungsmodenschau im TV-Talkshowformat dient einzig dem Zweck, Menschen in ihren Meinungen zu bestätigen. Dass darin in unsicheren Zeiten eine wichtige aber auch gefährliche Funktion stecken kann, habe ich unter dem Begriff Entpörung zu beschreiben versucht.

Die Meinungsmodenschau unterscheidet sich also von einer echten Diskussion. Auf diese Differenz hat Julia Reda in dem Film „Die empörte Republik“ hingewiesen und ich finde es wichtig, deutlich zu machen, was eine echte Diskussion ausmacht – und im Blick zu behalten: Bin ich auf einer Meinungsmodenschau oder in einer echten Debatte?

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen

Wer in einen Wettstreit der Ideen tritt, akzeptiert, dass es einen Unterschied zwischen Menschen und ihren Meinungen gibt. Jemand kann eine dumme oder falsche Meinung vertreten, aber dennoch ein toller, sympathischer Mensch sein. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Handeln und Sein. Es ist wichtig daran zu denken, wenn man in eine Diskussion einsteigt und es ist wichtig auch entsprechend zu diskutieren: Du verhältst Dich arschig ist immer besser als Du bist ein Arsch.

Um zivilisiert streiten zu können, ist es hilfreich Meinungen nicht als unveränderliche Kennzeichen zu betrachten. Ich glaube sogar im Gegenteil, dass der Wert der Meinungsfreiheit nicht im Äußern, sondern im Ändern einer Meinung besteht. Freie Gesellschaften zeichnen sich nämlich genau dadurch aus: Dass Du Deine Meinung ändern darfst. Darin liegt ein großes Privileg und wir sollten uns viel häufiger fragen, wann wir von diesem Privileg Gebrauch machen?

Dass man dabei die Sprechposition derjenigen Menschen nicht außer Acht lassen darf, die Meinungen äußern, bleibt bei der Trennung von Menschen und Meinungen weiterhin richtig. In diesem Punkt liegt meiner Einschätzung nach ein zentraler Streitanlass für zahlreiche Auseinandersetzungen – wie mein Kollege Jens-Christian Raabe in seinem Essay über Schneeflöckchen und den Schnee von gestern beschrieben hat.

2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur

Persönliche Beleidigungen, Drohungen und Diffamierungen sind ein großes Problem und man sollte viel mehr dagegen tun. Wer zu diesen Mitteln greift, verlässt den Raum einer Diskussion. Deshalb weigere ich mich, das Problem „Hate Speech“ im Zusammenhang mit der Frage nach guter Diskussionkultur zu behandeln. Denn die Hater sind an einer Diskussion ja gar nicht interessiert. Sie lehnen den Wettstreit der Ideen und die damit verbundende Trennung von Mensch und Meinung ab. Sie bewegen sich nicht mal auf dem Laufsteg der Meinungsmodenschau. Sie greifen zu Hass und Hetze. Dagegen muss man etwas tun, aber man sollte Menschen, die so agieren nicht dadurch adeln, dass man sie zum Teil der Diskussionskultur zählt. Durch die Wahl ihrer Mittel schließen sie selbst von der Debatte über Debatten aus.

3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher

Die dritte Unterscheidung, die ich festhalten möchte, ist eine zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wer behauptet man könne gewisse Dinge „nicht mehr“ sagen und deshalb die Meinungsgefahr in Gefahr sieht (unlängst zum Beispiel eine Focus-Titelgeschichte), hat ein falsches Bild von der Vergangenheit. Denn auch in der alten Bundesrepublik konnte man keineswegs alles sagen. Es gab früher jede Menge Stimmen, die überhaupt nichts sagen durften: Und zwar jene, die nicht zu weißen Männern gehörten.

Wer also behauptet, heute könne man viel weniger sagen als früher, zeigt damit vor allem, dass er einzig seinen beschränkten Blick zur Verfügung hat – und seine Privilegien nicht kennt. Denn selbstverständlich gibt es heute nicht weniger sondern mehr Meinungen als früher. Das Spektrum des Sag- und Meinbaren ist in jedem Fall größer geworden. Was sich verändert hat: Diejenigen, die bisher einzig Applaus bekommen haben, wenn sie ihre Meinung auf den Laufsteg getragen haben, erfahren nun öffentlichen Widerspruch. Das fühlt sich sicher unangenehm an, ist aber kein Zeichen für das Verschwinden der Meinungsfreiheit, sondern im Gegenteil Beweis für deren Existenz. Denn Widerspruch ist ja das Ziel einer Auseinandersetzung. Und davon gibt es heute mehr als in dem ominösen „früher“, das Menschen nun bemühen, wenn sie Angriffe auf ihre Meinung sofort als Angriff auf die Meinungsfreiheit interpretieren. Vielleicht sollte man also künftig die Klage, „das darf man gar nicht mehr sagen“ übersetzen in „das bekommt ja gar keinen Applaus mehr“.

Dass ich auf der Zündfunk-Bühne so deutlich „Nein“ auf die Frage geantwortet habe, ob die Debattenkultur in Gefahr sei, liegt aber vor allem daran, dass ich diese leicht kulturpessimistische Grundhaltung der Frage nicht mag: Die Diskussions- und Debattenkultur in diesem Land ist ja nicht wie das Wetter ein unbeeinflußbarer, externer Faktor. Diese Kultur entsteht durch unser Zutun. Demokratie ist ein Muskel und wir sollten ihn trainieren: „Wer die plurale Demokratie verteidigen will, muss beginnen, sie zu praktizieren. Wer die Grundideen der offenen Gesellschaft wertvoll findet, darf sie nicht bei der kleinsten Bewährungsprobe in Frage stellen.“

Hier geht es zum Test: Befinde ich mich auf einer Meinungsmodenschau oder in einem Wettstreit der Ideen?


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Lob der losen Verbindung: über den Unterschied zwischen Reichweiten- und Inhalts-Netzwerken

Wir kennen uns nicht, aber wir grüßen uns. Der ältere Herr, dem ich seit einem Jahr morgens im Park begegnet, trägt immer Walking-Stöcke an den Händen und ein Lächeln im Gesicht. Ich kenne seinen Namen nicht und doch nicken wir einander immer freundlich zu, wenn wir uns im Park sehen (dass ich laufe, habe ich hier ausführlicher beschrieben). Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich glaube wir freuen uns beide immer ein klein bisschen wenn wir uns über den Weg laufen.

Über diese äußerst lose Form der Verbindung möchte ich schreiben, weil ich am 28. Oktober im Rahmen der Medientage München über Vernetzung sprechen darf. Das Internet besteht als Infrastruktur aus Verbindungen und auf der Ebene der sozialen Vernetzungen sind diese Verbindungen häufig genau wie meine Lauffreundschaft: eher lose. (Symbolbild: unsplash)

In den Anfangstagen der sozialen Netzwerke gab es deshalb eine häufig wiederholte Klage darüber, dass „digitale Freundschaften“ ja gar nicht so zu bezeichnen seien, weil der Charakter der Verbindung dort nicht stabil und tiefgehend genug sei. Mich hat schon damals mehr interessiert, wie diese losen Verbindungen zustande kommen und was sie ausmacht. Denn diese Form der losen Verbindung im Netz ist eine eigene Form der Freundschaft, die besondere Fähigkeiten und besonderes Interesse verlangt.

Dies gilt umso mehr als sie aktuell die Corona-konformste Art des Austauschs ist. Deshalb will ich sie – immerhin haben wir das Internet – zunächst und unbedingt loben. Gleichzeitig gelten auch für diese Form des Kontakts einige Infrasstrukturbedingungen, die manchmal nicht beachtet werden. Bei Zeit Online beschrieb Lisa Hegemann diese Woche wie das Netzwerk LinkedIn sich gerade zu einem Selbstdarstellungs- und Nerv-Netzwerk entwickelt:

Inzwischen ist der Rauch der Selbstdarstellung auf LinkedIn im Vergleich mit anderen sozialen Netzwerken besonders dicht. Ein Beitrag dort beginnt klassischerweise mit einer Alltagsbanalität oder einem Ghandi-Zitat, dann berichtet der Autor oder die Autorin über eine grob damit zusammenhängende, im besten Fall berufliche Frage, garniert mit dem daraus resultierenden learning. Und zum Ende folgt der call to action an die Followerinnen und Follower, der sie dazu bringen soll, möglichst zahlreich zu kommentieren: Geht es euch so? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Ich würde dieser Beobachtung nicht widersprechen, glaube aber, dass das Problem dabei nicht so sehr die „Selbstdarstellung“ genannte Haltung ist, sondern vielmehr die Absicht hinter solchen Beiträgen: Hier geht es nicht um lose Verbindungen, hier geht es um Reichweite.

Solche Beiträge sind nicht aus inhaltlichem Interesse, sondern für den Algorithmus geschrieben: Fragen und möglichst viele Antworten gaukeln dem Algorithmus Interaktion vor, die dieser in Bedeutung übersetzt. Dass das nicht stimmt, ist der Kern aller Debatten um Relevanz und soziale Netzwerke – und zeigt: Wer lose Verbindungen nur eingeht, um damit Reichweite zu steigern, ist an Verbindung nur als Mittel zu einem anderen Zweck interessiert. Das kann in Ordnung sein, es verändert aber den Rahmen. Zielorientiert zu netzwerken, heißt nur dann beim zum Einstieg zitierten Lauf zu grüßen, wenn es auch „was bringt“. Dagegen stelle ich das Konzept des inhaltsorientierten Netzwerks, das kein qualitatives Ziel, sondern ein Thema verfolgt: Ich verbinde mich mit Menschen, mit denen ich ein inhaltliches Interesse teile. Und mit Inhalt meine ich das, was nach den Buzzwords kommt. Ich meine das, was man sagt, wenn man gefragt wird, warum interessierst du dich eigentlich für [New Sleep] oder [Agile Quatsching]? (Buzzword gerne nach eigner Branche einsetzen)

Nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen die von Lisa Hegamann beschriebene Form des Reichweiten-Netzwerkens, ich finde aber, dass man sie auch als solche beschreiben sollte. Deshalb habe ich mal sehr holzschnittartig die beiden Ansätze gegenüber gestellt, die man meiner Einschätzung nach in sozialen Netzwerken wählen kann. Dabei schicke ich voraus: Die Graustufen sind viel spannender als das klare Schwarz-Weiß, das ich aus Gründen der Übersicht so deutlich herausstelle wie es in der Realität fast nie auftaucht. Der Vorteil daran: Jede und jeder kann sich fragen, wohin sie und er tendiert und mit welcher Form des Netzwerks sie/er sich eher verbinden und interagieren möchte

Reichweiten-Netzwerk…
… zielt auf viele Views für eigene Beiträge.
Nutzt Inhalte, um Traffic zu generieren.
Schreibt für den Algorithmus.
Sponsort eigene Beiträge.
Verfolgt eine User-Action
(Call to Action)

Erfolgsfaktoren sind quantitativ zu messen.

Inhalts-Netzwerk…
… zielt auf thematischen Austausch.
Stellt Verbindung über Traffic.
Schreibt aus Interesse.
Hat noch nie Beiträge gesponsort.
Verfolg inhaltliche Ziele
(Call to Content)

Erfolgsfaktoren sind qualitativ zu messen.

Das Interessante an dieser klaren Gegenüberstellung: Der Begriff „Selbstdarstellung“ kommt gar nicht drin vor. Denn dass sich jemand selbst darstellt ist meiner Meinung nach überhaupt kein Problem. Wenn ich eine persönliche und/oder inhaltliche Verbindung (und sei sie auch nur lose) zu dieser Person habe, finde ich die Darstellung nämlich interessant. Sie schafft eine Verbindung zwischen uns beiden.
Genau darüber werde ich auf den Medientagen sprechen: Dass die Corona-Zeit mir gezeigt hat, wie bedeutsam eine selbstdarstellende Instagram-Story oder ein persönlicher Eintrag sein kann – weil genau dadurch lose Verbindungen erst geschaffen werden. Für mich ist die wichtigste Voraussetzung dafür aber: Es muss ein gemeinsames Interesse geben.

So wie ich den Walker im Park auch nicht mehr grüßen würde, wenn ich feststelle, dass er dort nur rumläuft um mir etwas zu verkaufen. Wenn ich aber merke, dass wir das Interesse an sportlicher Aktivität im Wald teilen, haben wir eine Verbindung. Eine lose zwar, aber ich finde sie dennoch wertvoll.

Wer sich laufend mit mir verbinden möchte: unter minutenmarathon.de schreibe ich für die SZ einen Newsletter für Menschen, die gerne laufen (und mit dem Laufen anfangen wollen). Und wer sich für meine Theorie von Reichweiten- und Inhalts-Netzwerken interessiert: Ich spreche auf den Medientagen dazu.

Shruggie des Monats: Das unter der Maske lächelnde Emoji

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Es ist derzeit gar nicht so leicht gute Nachrichten in Bezug auf Corona zu finden. Auf Emojipedia gibt es eine Meldung, die nicht nur mich, sondern auch Emojis lächeln lässt: mit dem nächsten Update wird Apple in seinem Ökosystem Emojis zeigen, die unter ihrer Mund-Nase-Bedeckung lächeln.

Ich hatte unlängst im Spaß nach einem „wegen Maske beschlagene Brille“-Emoji gefragt und freue mich jetzt, dass Apple mit dieser Emoji-Ankündigung einen Schritt in Richtung Normalisierung der Masken in Zeiten einer globalen Pandemie geht. Diese Ankündigung ist aber nicht nur mit Blick auf Corona-Leugner:innen und Masken-Verweiger:innen bedeutsam. Es steckt in diesem Alleingang von Apple auch ein Emoji-politischer Aspekt, den ich am Beispiel der Wasserpistole auch in der Gebrauchsanweisung für das Internet beschrieb. Emojipedia kommt aber zu dem Schluss, den ich teilen würde:

If anything, this is a sign of support from Apple on mask-wearing.

Für mich ist diese Entscheidung ein Shruggie des Monats wert, denn auch der Shruggie blickt lächelnd auf die Welt – menschenfreundlich, zugewandt und hoffnungvoll. Auch wenn die Situation anders wirkt.

¯\_(ツ)_/¯

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:
> Im Gegenteil! Drei Versuche über Vernunft (Digitale September-Notizen)
> Vom Umgang mit gefühlter Spaltung und Widerspruch
> Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline
> Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.