Alle Artikel in der Kategorie “DVG

Die Meinungsmodenschau (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Ist unsere Debattenkultur in Gefahr?“ fragte Bayern 2 im Rahmen des Zündfunk-Netzkongress und ich durfte mich an der Debatte über die Debatte beteiligen. Das kann man hier nachhören und demnächst wohl auch in ARD Alpha anschauen. Ich habe die Einstiegsfrage auf der Bühne des Münchner Volkstheater sehr deutlich mit „Nein“ beantwortet und möchte im Nachgang zu dem Gespräch drei Unterschiede deutlich machen, die vielleicht helfen könnten, künftige Debatten über Debatten leichter zu führen. Diese drei Unterschiede lauten:

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen
2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur
3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher

Um zu verstehen, was ich damit meine, lohnt sich ein Blick darauf, was ich für eine gute Diskussion halte. Denn die Debatten, die wir in Talkshows sehen, sind für mich keine guten Vorbilder für eine echte Diskussion, die als Wettstreit der Ideen tatsächlich im Kompromiss eine Antwort auf eine konkrete Frage sucht. Die TV-Formate hingegen wollen weder eine Frage beantworten noch einen Kompromiss finden. Sie gleichen eher einer Meinungsmodenschau, auf der Menschen ihre Ansichten wie Kleidung auf einem Laufsteg vorführen und dafür Applaus oder Widerspruch bekommen (Foto: unsplash). Dieses Zurschaustellen von Meinungen findet aber nicht mit dem Ziel statt, daraus einen Kompromiss zu formen oder gar seine Kleidung Meinung zu ändern. Die Meinungsmodenschau im TV-Talkshowformat dient einzig dem Zweck, Menschen in ihren Meinungen zu bestätigen. Dass darin in unsicheren Zeiten eine wichtige aber auch gefährliche Funktion stecken kann, habe ich unter dem Begriff Entpörung zu beschreiben versucht.

Die Meinungsmodenschau unterscheidet sich also von einer echten Diskussion. Auf diese Differenz hat Julia Reda in dem Film „Die empörte Republik“ hingewiesen und ich finde es wichtig, deutlich zu machen, was eine echte Diskussion ausmacht – und im Blick zu behalten: Bin ich auf einer Meinungsmodenschau oder in einer echten Debatte?

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen

Wer in einen Wettstreit der Ideen tritt, akzeptiert, dass es einen Unterschied zwischen Menschen und ihren Meinungen gibt. Jemand kann eine dumme oder falsche Meinung vertreten, aber dennoch ein toller, sympathischer Mensch sein. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Handeln und Sein. Es ist wichtig daran zu denken, wenn man in eine Diskussion einsteigt und es ist wichtig auch entsprechend zu diskutieren: Du verhältst Dich arschig ist immer besser als Du bist ein Arsch.

Um zivilisiert streiten zu können, ist es hilfreich Meinungen nicht als unveränderliche Kennzeichen zu betrachten. Ich glaube sogar im Gegenteil, dass der Wert der Meinungsfreiheit nicht im Äußern, sondern im Ändern einer Meinung besteht. Freie Gesellschaften zeichnen sich nämlich genau dadurch aus: Dass Du Deine Meinung ändern darfst. Darin liegt ein großes Privileg und wir sollten uns viel häufiger fragen, wann wir von diesem Privileg Gebrauch machen?

Dass man dabei die Sprechposition derjenigen Menschen nicht außer Acht lassen darf, die Meinungen äußern, bleibt bei der Trennung von Menschen und Meinungen weiterhin richtig. In diesem Punkt liegt meiner Einschätzung nach ein zentraler Streitanlass für zahlreiche Auseinandersetzungen – wie mein Kollege Jens-Christian Raabe in seinem Essay über Schneeflöckchen und den Schnee von gestern beschrieben hat.

2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur

Persönliche Beleidigungen, Drohungen und Diffamierungen sind ein großes Problem und man sollte viel mehr dagegen tun. Wer zu diesen Mitteln greift, verlässt den Raum einer Diskussion. Deshalb weigere ich mich, das Problem „Hate Speech“ im Zusammenhang mit der Frage nach guter Diskussionkultur zu behandeln. Denn die Hater sind an einer Diskussion ja gar nicht interessiert. Sie lehnen den Wettstreit der Ideen und die damit verbundende Trennung von Mensch und Meinung ab. Sie bewegen sich nicht mal auf dem Laufsteg der Meinungsmodenschau. Sie greifen zu Hass und Hetze. Dagegen muss man etwas tun, aber man sollte Menschen, die so agieren nicht dadurch adeln, dass man sie zum Teil der Diskussionskultur zählt. Durch die Wahl ihrer Mittel schließen sie selbst von der Debatte über Debatten aus.

3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher

Die dritte Unterscheidung, die ich festhalten möchte, ist eine zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wer behauptet man könne gewisse Dinge „nicht mehr“ sagen und deshalb die Meinungsgefahr in Gefahr sieht (unlängst zum Beispiel eine Focus-Titelgeschichte), hat ein falsches Bild von der Vergangenheit. Denn auch in der alten Bundesrepublik konnte man keineswegs alles sagen. Es gab früher jede Menge Stimmen, die überhaupt nichts sagen durften: Und zwar jene, die nicht zu weißen Männern gehörten.

Wer also behauptet, heute könne man viel weniger sagen als früher, zeigt damit vor allem, dass er einzig seinen beschränkten Blick zur Verfügung hat – und seine Privilegien nicht kennt. Denn selbstverständlich gibt es heute nicht weniger sondern mehr Meinungen als früher. Das Spektrum des Sag- und Meinbaren ist in jedem Fall größer geworden. Was sich verändert hat: Diejenigen, die bisher einzig Applaus bekommen haben, wenn sie ihre Meinung auf den Laufsteg getragen haben, erfahren nun öffentlichen Widerspruch. Das fühlt sich sicher unangenehm an, ist aber kein Zeichen für das Verschwinden der Meinungsfreiheit, sondern im Gegenteil Beweis für deren Existenz. Denn Widerspruch ist ja das Ziel einer Auseinandersetzung. Und davon gibt es heute mehr als in dem ominösen „früher“, das Menschen nun bemühen, wenn sie Angriffe auf ihre Meinung sofort als Angriff auf die Meinungsfreiheit interpretieren. Vielleicht sollte man also künftig die Klage, „das darf man gar nicht mehr sagen“ übersetzen in „das bekommt ja gar keinen Applaus mehr“.

Dass ich auf der Zündfunk-Bühne so deutlich „Nein“ auf die Frage geantwortet habe, ob die Debattenkultur in Gefahr sei, liegt aber vor allem daran, dass ich diese leicht kulturpessimistische Grundhaltung der Frage nicht mag: Die Diskussions- und Debattenkultur in diesem Land ist ja nicht wie das Wetter ein unbeeinflußbarer, externer Faktor. Diese Kultur entsteht durch unser Zutun. Demokratie ist ein Muskel und wir sollten ihn trainieren: „Wer die plurale Demokratie verteidigen will, muss beginnen, sie zu praktizieren. Wer die Grundideen der offenen Gesellschaft wertvoll findet, darf sie nicht bei der kleinsten Bewährungsprobe in Frage stellen.“

Hier geht es zum Test: Befinde ich mich auf einer Meinungsmodenschau oder in einem Wettstreit der Ideen?


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Lob der losen Verbindung: über den Unterschied zwischen Reichweiten- und Inhalts-Netzwerken

Wir kennen uns nicht, aber wir grüßen uns. Der ältere Herr, dem ich seit einem Jahr morgens im Park begegnet, trägt immer Walking-Stöcke an den Händen und ein Lächeln im Gesicht. Ich kenne seinen Namen nicht und doch nicken wir einander immer freundlich zu, wenn wir uns im Park sehen (dass ich laufe, habe ich hier ausführlicher beschrieben). Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich glaube wir freuen uns beide immer ein klein bisschen wenn wir uns über den Weg laufen.

Über diese äußerst lose Form der Verbindung möchte ich schreiben, weil ich am 28. Oktober im Rahmen der Medientage München über Vernetzung sprechen darf. Das Internet besteht als Infrastruktur aus Verbindungen und auf der Ebene der sozialen Vernetzungen sind diese Verbindungen häufig genau wie meine Lauffreundschaft: eher lose. (Symbolbild: unsplash)

In den Anfangstagen der sozialen Netzwerke gab es deshalb eine häufig wiederholte Klage darüber, dass „digitale Freundschaften“ ja gar nicht so zu bezeichnen seien, weil der Charakter der Verbindung dort nicht stabil und tiefgehend genug sei. Mich hat schon damals mehr interessiert, wie diese losen Verbindungen zustande kommen und was sie ausmacht. Denn diese Form der losen Verbindung im Netz ist eine eigene Form der Freundschaft, die besondere Fähigkeiten und besonderes Interesse verlangt.

Dies gilt umso mehr als sie aktuell die Corona-konformste Art des Austauschs ist. Deshalb will ich sie – immerhin haben wir das Internet – zunächst und unbedingt loben. Gleichzeitig gelten auch für diese Form des Kontakts einige Infrasstrukturbedingungen, die manchmal nicht beachtet werden. Bei Zeit Online beschrieb Lisa Hegemann diese Woche wie das Netzwerk LinkedIn sich gerade zu einem Selbstdarstellungs- und Nerv-Netzwerk entwickelt:

Inzwischen ist der Rauch der Selbstdarstellung auf LinkedIn im Vergleich mit anderen sozialen Netzwerken besonders dicht. Ein Beitrag dort beginnt klassischerweise mit einer Alltagsbanalität oder einem Ghandi-Zitat, dann berichtet der Autor oder die Autorin über eine grob damit zusammenhängende, im besten Fall berufliche Frage, garniert mit dem daraus resultierenden learning. Und zum Ende folgt der call to action an die Followerinnen und Follower, der sie dazu bringen soll, möglichst zahlreich zu kommentieren: Geht es euch so? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Ich würde dieser Beobachtung nicht widersprechen, glaube aber, dass das Problem dabei nicht so sehr die „Selbstdarstellung“ genannte Haltung ist, sondern vielmehr die Absicht hinter solchen Beiträgen: Hier geht es nicht um lose Verbindungen, hier geht es um Reichweite.

Solche Beiträge sind nicht aus inhaltlichem Interesse, sondern für den Algorithmus geschrieben: Fragen und möglichst viele Antworten gaukeln dem Algorithmus Interaktion vor, die dieser in Bedeutung übersetzt. Dass das nicht stimmt, ist der Kern aller Debatten um Relevanz und soziale Netzwerke – und zeigt: Wer lose Verbindungen nur eingeht, um damit Reichweite zu steigern, ist an Verbindung nur als Mittel zu einem anderen Zweck interessiert. Das kann in Ordnung sein, es verändert aber den Rahmen. Zielorientiert zu netzwerken, heißt nur dann beim zum Einstieg zitierten Lauf zu grüßen, wenn es auch „was bringt“. Dagegen stelle ich das Konzept des inhaltsorientierten Netzwerks, das kein qualitatives Ziel, sondern ein Thema verfolgt: Ich verbinde mich mit Menschen, mit denen ich ein inhaltliches Interesse teile. Und mit Inhalt meine ich das, was nach den Buzzwords kommt. Ich meine das, was man sagt, wenn man gefragt wird, warum interessierst du dich eigentlich für [New Sleep] oder [Agile Quatsching]? (Buzzword gerne nach eigner Branche einsetzen)

Nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen die von Lisa Hegamann beschriebene Form des Reichweiten-Netzwerkens, ich finde aber, dass man sie auch als solche beschreiben sollte. Deshalb habe ich mal sehr holzschnittartig die beiden Ansätze gegenüber gestellt, die man meiner Einschätzung nach in sozialen Netzwerken wählen kann. Dabei schicke ich voraus: Die Graustufen sind viel spannender als das klare Schwarz-Weiß, das ich aus Gründen der Übersicht so deutlich herausstelle wie es in der Realität fast nie auftaucht. Der Vorteil daran: Jede und jeder kann sich fragen, wohin sie und er tendiert und mit welcher Form des Netzwerks sie/er sich eher verbinden und interagieren möchte

Reichweiten-Netzwerk…
… zielt auf viele Views für eigene Beiträge.
Nutzt Inhalte, um Traffic zu generieren.
Schreibt für den Algorithmus.
Sponsort eigene Beiträge.
Verfolgt eine User-Action
(Call to Action)

Erfolgsfaktoren sind quantitativ zu messen.

Inhalts-Netzwerk…
… zielt auf thematischen Austausch.
Stellt Verbindung über Traffic.
Schreibt aus Interesse.
Hat noch nie Beiträge gesponsort.
Verfolg inhaltliche Ziele
(Call to Content)

Erfolgsfaktoren sind qualitativ zu messen.

Das Interessante an dieser klaren Gegenüberstellung: Der Begriff „Selbstdarstellung“ kommt gar nicht drin vor. Denn dass sich jemand selbst darstellt ist meiner Meinung nach überhaupt kein Problem. Wenn ich eine persönliche und/oder inhaltliche Verbindung (und sei sie auch nur lose) zu dieser Person habe, finde ich die Darstellung nämlich interessant. Sie schafft eine Verbindung zwischen uns beiden.
Genau darüber werde ich auf den Medientagen sprechen: Dass die Corona-Zeit mir gezeigt hat, wie bedeutsam eine selbstdarstellende Instagram-Story oder ein persönlicher Eintrag sein kann – weil genau dadurch lose Verbindungen erst geschaffen werden. Für mich ist die wichtigste Voraussetzung dafür aber: Es muss ein gemeinsames Interesse geben.

So wie ich den Walker im Park auch nicht mehr grüßen würde, wenn ich feststelle, dass er dort nur rumläuft um mir etwas zu verkaufen. Wenn ich aber merke, dass wir das Interesse an sportlicher Aktivität im Wald teilen, haben wir eine Verbindung. Eine lose zwar, aber ich finde sie dennoch wertvoll.

Wer sich laufend mit mir verbinden möchte: unter minutenmarathon.de schreibe ich für die SZ einen Newsletter für Menschen, die gerne laufen (und mit dem Laufen anfangen wollen). Und wer sich für meine Theorie von Reichweiten- und Inhalts-Netzwerken interessiert: Ich spreche auf den Medientagen dazu.

Shruggie des Monats: Das unter der Maske lächelnde Emoji

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Es ist derzeit gar nicht so leicht gute Nachrichten in Bezug auf Corona zu finden. Auf Emojipedia gibt es eine Meldung, die nicht nur mich, sondern auch Emojis lächeln lässt: mit dem nächsten Update wird Apple in seinem Ökosystem Emojis zeigen, die unter ihrer Mund-Nase-Bedeckung lächeln.

Ich hatte unlängst im Spaß nach einem „wegen Maske beschlagene Brille“-Emoji gefragt und freue mich jetzt, dass Apple mit dieser Emoji-Ankündigung einen Schritt in Richtung Normalisierung der Masken in Zeiten einer globalen Pandemie geht. Diese Ankündigung ist aber nicht nur mit Blick auf Corona-Leugner:innen und Masken-Verweiger:innen bedeutsam. Es steckt in diesem Alleingang von Apple auch ein Emoji-politischer Aspekt, den ich am Beispiel der Wasserpistole auch in der Gebrauchsanweisung für das Internet beschrieb. Emojipedia kommt aber zu dem Schluss, den ich teilen würde:

If anything, this is a sign of support from Apple on mask-wearing.

Für mich ist diese Entscheidung ein Shruggie des Monats wert, denn auch der Shruggie blickt lächelnd auf die Welt – menschenfreundlich, zugewandt und hoffnungvoll. Auch wenn die Situation anders wirkt.

¯\_(ツ)_/¯

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:
> Im Gegenteil! Drei Versuche über Vernunft (Digitale September-Notizen)
> Vom Umgang mit gefühlter Spaltung und Widerspruch
> Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline
> Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Der Erfolg von Cory Doctorows Audiobook ist auch ein Sieg gegen Amazon

Welcher Satz klingt richtiger?

„Die größte Buchmesse der Welt findet dieses Jahr nicht statt“

oder

„Die größte Buchmesse der Welt findet dieses Jahr im Internet statt.“

Die Sätze stimmen beide. Irgendwie. Und je nach Perspektive lässt sich an beiden Sätzen etwas über den Buchmarkt lernen. Denn das mit dem Internet und der größten Buchmesse war schon vor Corona so eine Sache. Bei jedem Besuch in Frankfurt wurde ich Zeuge eines Gesprächs, das vom Internet handelte und innerhalb weniger Augenblicke bei Amazon landete. Amazon, das ist ein „börsennotierter US-amerikanischer Onlineversandhändler“ (Wikipedia) und nicht ganz zu Unrecht der Lieblingsfeind vieler Buchmessen-Besucherinnen und -Besucher. Zu Amazon gehört auch die Audio- und Hörbuchabteilung Audible. Und beide haben sich den Zorn vieler Buchfreund:innen u.a. auch dadurch zugezogen, dass sie ihre Dominanz im Markt auf eine Weise nutzen, für die wohl niemand die im Feedback-Manager vorgeschlagene „positive Bewertung“ vergeben würde.

Warum das im Falle von Hörbüchern besonders ärgerlich ist, bringt der Autor Cory Doctorow hier auf den Punkt:

Unfortunately, audiobooks are also a monopoly: Audible, Amazon’s audiobook division, controls 90% of the market. What’s more, Audible won’t allow you to sell your audiobooks through their store unless you allow them to wrap your books in their DRM, which cannot be removed without committing a felony under Section 1201 of the Digital Millennium Copyright Act. Every audiobook you buy from Audible is locked to Amazon’s platform…forever. They can revoke access to the book (they’ve done this with Kindle ebooks, starting with — I shit you not — George Orwell’s Nineteen Eighty-Four… You can’t make this stuff up!).
I really hate DRM. A lot. It’s kind of my thing. I’m even involved in a lawsuit to invalidate Section 1201 of the DMCA, the law that bans removing DRM. The idea that a company gets to decide how you use your property, after you buy it from them? Fuck that. That’s not property. That’s feudalism.

Aber anders als bei den Frankfurter Gesprächen artikuliert Doctorow seine Wut nicht bei einem Glas Weißwein, sondern auf Kickstarter, das ist sowas wie das englischsprachige Startnext – also ein Ort, an dem Produzent:innen in direktem Austausch mit Konsument:innen Inhalte erstellen können.

Und genau das macht Cory Doctorow: Er bittet seine Leser:innen, den dritten Band seiner äußerst erfolgreichen Little-Brother-Reihe als DRM-freies Audiobuch zu kaufen. Der Grund dafür: Er will mit dem Hörbuch nicht im Amazon-Ökosystem auftauchen. Deshalb schmipft er nicht auf die Möglichkeiten der Digitalisierung, sondern nutzt diese: für seine eigenen Interessen und auch gegen Amazon. 220.000 Euro hat er damit kurz vor Ende des Crowdfundings eingenommen. Vorschuss würde man das in der Welt der Weißwein-Trinker:innen nennen. Im Internet nennt man es: Vorbestellungen.

Am Ende seines kurzen Pitchvideos (an einer Theke?!?) formuliert Doctorow zwei Botschaften, die er mit dem Crowdfunding verbindet. Zum einen will er die Vorbestellungen als Fingerzeig an Amazon verstanden wissen: „Hey Audible“, soll das Crowdfunding sagen, „uns allen ist euer DRM-System nicht egal. Wir mögen es nicht.“ Und zum zweiten sieht er darin ein Vorbild für all die Verlage auf der Welt, die gerne auf Amazon schimpfen: Nutzt die Möglichkeiten mit Hilfe von Crowdfunding, eine direkte Verbindung zu euren Kund:innen aufzubauen.

Eine schöne Erinnerung, in dem Jahr, in dem die größte Buchmesse der Welt im Internet stattfindet.

Mehr zum Thema im loading-Bereich hier im Blog:
Wie verdient man in digitalen Zeiten mit Kultur Geld?
Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer
– im Crowdfunding-Fazit zu Neue Version in sechs Punkten
– im der Text Reden wir über Geld: Über Wertschätzung und Wertschöpfung
– im Text Wie verdient man in digitalen Zeiten mit Kultur Geld?
– in den Hintergründen zum Projekt Langstrecke
– in meinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“

Fünf Gründe, sich gerade jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er bezieht sich auf das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das gerade erschienen ist.

Dieser Tage beginnt der Herbst. Die Blätter verfärben sich, es regnet häufiger und es wird kälter. Unter veränderten klimatischen Bedingungen verändern sich auch unsere Kleidungsgewohnheiten. Statt zu Shorts greift man künftig zu warmen Socken – und zum guten Buch (Herbst-Symbolbild: unsplash).

Auch auf die Gefahr hin zu platt zu werden: Das digitale Ökosystem verändert Bedingungen für Kommunikation. Ich habe das am Beispiel eines Schneeballs beschrieben, der bei steigender Temperatur seinen Aggregatzustand verändert und ich glaube es gilt auch für die Prinzipien der Aufmerksamkeit und denen ihn folgenden Grundbedingungen der (politischen) Auseinandersetzung im digitalen Diskurs.

Wer verstehen will, welche Kleidung Haltung in diesem Ökosystem angemessen ist und welche Folgen die sich ändernden klimatischen Bedingungen haben, kann sich bestimmte „Muster der digitalen Kommunikation“ anschauen. Diesen Untertitel hat der Wagenbach-Verlag meinem gerade in der Digitale Bildkulturen-Reihe veröffentlichen Band „Meme“ gegeben. Das Büchlein versucht zu beschreiben, was Meme sind, weshalb sie gesellschaftspolitische Bedeutung haben und welche Schlüsse man aus der Beschäftigung mit Memen ziehen kann. Darin steckt viel mehr als der (nicht zu unterschätzende) Spaß an Internetquatsch, darin steckt eine Möglichkeit, aktuelle politische Entwicklungen besser zu verstehen.

Deshalb hier fünf Gründe, warum es sich jetzt lohnt, sich mit Memen und den ihnen zugrunde liegenden Mustern digitaler Kommunikation zu befassen:

Meme zeigen, dass …

… Kommunikation ein Prozess ist.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer im seriösen Fernsehen bemerkt, dass Friedrich Küppersbusch seit einer Weile auf YouTube eine Art Fernsehen macht, die ich als zukunftsweisend und seriös bezeichnen würde. In dieser Woche hat er dort „Die Wahrheit über Shitstorms“ thematisiert – und zwar am Beispiel eines Mannes, der im vermeintlich seriösen ARD-Fernsehen so genannte Witze machen darf und dieses Prinzip Nuhr mit Hilfe von vermeintlich provokanten Thesen am Laufen hält. Auch der selbst geglaubte Kanzlerkandidat Friedrich Merz oder der selbst geglaubte Medienerfinder Gabor Steingart bedienen sich dieser Methode, die Internet-Trolle für sie seit Jahren erprobt haben. These raushauen und im folgenden Prozess auf die Empörung der Gegenseite hoffen. Klappt so lange wie man nicht begreift: Deine Empörung ist Teil des Spiels derjenigen, über die Du dich gerade aufregst.

… Aufmerksamkeit vor dem Inhalt steht.
Die schönste und provokanteste These bleibt so lange wirkungslos, wie sie niemand aufnimmt. Anders formuliert: Es werden nur diejenigen Inhalte memefiziert, die es überhaupt wert sind, mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Wer sich schon länger im digitalen Ökosystem bewegt, weiß, dass die Kopie und die Referenz (und sei es in Form des Widerspruchs) das wichtigste Ziel ist. Man kann diese Aufmerksamkeit nicht planen, aber man kann sie provozieren – und dabei die Reaktionen einkalkulieren. Die Troll-Forscherin Whitney Phillips sagt dazu: „Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Es ist übrigens kein Zufall, dass auf Phillips‘ aktuellem Buch ein Shruggie auf dem Cover zu sehen ist ;-)

… vermeintliche Identität zu Polarisierung führt.
Sich zugehörig zu fühlen und sich damit von anderen abzugrenzen, kann als eines der Grundprinzipien von sozialen Medien gelesen werden. „Ich verstehe etwas, was du nicht verstehst“, ist zentraler Distinktions-Treiber für Internet-Memes. Diese Polarisierung basiert auf einer digitalen Vorstellung von Identität. Meme legen offen, wie diese Vorstellung mit Hilfe von auf Abgrenzung optimierten Inhalten gesteigert werden kann. Denn wenn es in einem Konflikt nicht mehr um einen Wettstreit von Meinungen geht, sondern um den Ausdruck der innersten und ureigensten Identität, dann ist ein Kompromiss nahezu unmöglich. Man kämpft nicht mehr um eine gemeinsame Lösung, sondern verteidigt das eigene Selbstbild. Meme zeigen, wie diese Polarisierung die Präferenzen verschiebt und die notwendige Trennung von Politik und Person auflöst. Dabei werden sie für einen Prozess genutzt den man – erinnert sich noch jemand an die Umweltsau – als Spektakelpolarisierung bezeichnen kann.

… Teilhabe demokratisiert wurde.
Meme gibt es nur im Plural. Weil Meme nicht von Gatekeepern oder ausgewählten Stimmen formuliert werden, sondern theoretisch von allen. Am Beispiel von Memen lässt sich zeigen, wie das theoretische Recht auf Publikationsfreiheit zu einer praktischen Herausforderung wurde. Am Beispiel von Memen lässt sich aber auch zeigen, dass darin ein wunderbarer Zauber liegt. Meme sind auch deshalb nicht prognostizierbar, weil sich in ihnen der Kontrollverlust des digitalen Ökosystems zeigt. Es wäre falsch, dies einzig zu beklagen. Hier liegt auch eine große Chance. Denn zum einen finden so Stimmen Gehör, die zuvor jahrzehntelang ungehört blieben. Zum zweiten entstehen auf diese Weise auch neue Formen der politischen Kritik, die die Möglichkeiten des digitalen Ökosystems auf neue Weise nutzen. Ich bin sehr froh, dass Sarah Coopers Trump-Kritik noch Erwähnung im Meme-Buch finden konnten, denn sie zeigt für auf erstaunliche Weise, wie Kritik auch unter den veränderten Aufmerksamkeitsbedingungen möglich ist.

… die offene Gesellschaft überlegen ist.
Meme sind nicht nur Symbol für sich veränderende Prozesse. Meme sind an sich auch Beweis dafür, dass das Internet als grenzüberschreitende Verbindung gewonnen hat. Zwar mag es auf der Anwendungs-Ebene gerade von Kräften genutzt werden, die auf Abgrenzung, Nationalismen und Hass setzen, aber in seiner Grundstruktur sind das Netz und der Netz-Humor, der sich in Memen ausdrückt, nur möglich, weil die Idee der offenen, vernetzten Gesellschaft überlegen ist. Ich beschreibe in dem Buch ausführlich, wie rechte Kräfte Pepe the Frog kaperten und in der „Der Alt-Right Komplex“ genannten Ausstellung kann man sehen, wie diese Bewegungen an Kraft gewinnen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass das Internet in seiner Grundinfrakstruktur nur möglich ist, wenn man die Ideen von Abgrenzung und Hass hinter sich lässt. Meme als Ausdruck eines verbindenen Humors machen nicht nur Freude, sie sind auch der Beweis dafür, dass das Zeitalter der Ausgrenzung vorbei sein sollte.

Das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ ist diese Woche bei Wagenbach erschienen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das genannte Meme-Buch bestellen.

Shruggie des Monats: Gott*

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Woran denkst du wenn du an Gott denkst?

Marc-Uwe Kling hat diese Frage in seinen Känguru-Büchern auf eine wie ich finde gute Art beantwortet. Es gibt eine junge Frau, die sich „Gott“ nennt, was zu allerlei sprachlicher Verwirrung führt (Gott ist eine Frau und heißt Maria) und zu im Sinn dieser Rubrik sehr gutem Zweifel: Stimmt der erste Eindruck? Ist unser erlerntes Bild eigentlich richtig?

Genau diese Fragen stellt der Shruggie im Pragmatismus-Prinzip und genau diese Fragen hat die Katholische Studierende Jugend (KJS) in dieser Woche mit einer großen Kampagne aufgeworfen. Dabei verbinden sie die Einstiegsfrage mit der Debatte und das so genannten Gendersternchen und schlagen vor, Gott künftig nur noch mit Stern zu schreiben um damit daran zu erinnern, dass “ Gott* keinem Geschlecht oder anderen menschlichen Kategorien“ zuzuordnen ist. Deshalb wollen sie „das Denken über Gott* weiten, damit mehr Menschen Zugang zu einer umfassenderen Beziehung zu Gott* erreichen können. Mit dem Verweis auf die Übergeschlechtlichkeit Gottes* möchten wir darauf aufmerksam machen, was der Mensch Gott* andichtet.“

Ich bin kein Experte für den Diskurs innerhalb der katholischen Kirche, aber auch shruggieperspektive mag ich diesen Ansatz. Einerseits überspringt er die gegenwartsleugnende Debatte über eine geschlechtergerechte Sprache und andererseits weitet er tatsächlich den Blick und hilft das zu tun, was man „Reframing“ nennt: neue Perspektive einzunehmen. (Foto: Unsplash). Wie schwierig das manchmal ist, ist an der Kritik ablesbar, die gegen den Vorschlag angebracht wird. Eine Theologin stimmt hier beispielsweise der weiten Sicht auf Gott* zu, kommt aber zu dem Schluss, deshalb dürfe man kein Sternchen verwenden.

Ich hingegen mag die Kamapgne, die den Hashtag #whoisgodtoday trägt und finden den Perspektiv-Wechsel sehr sinnvoll. Ich frage mich mit Blick auf den Hashstag einzig: Was soll der Zeitbezug? Denn folgt man diesem neuen Blick, dann war Gott* doch schon immer was sie/er auch künftig sein wird: keiner Kategorie zugeordnet.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Im Gegenteil! Drei Versuche über Vernunft (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Die Zeit aus den Fugen. Das ist keine neue Erkenntnis, auch wenn sie sich anfühlt wie eine Zusammenfassung für den Zustand der Welt im Jahr 2020. Doch schon mehr als 400 Jahre vor Corona und Klimakrise ließ Shakespeare den Hamlet klagen: „Die Zeit ist aus den Fugen; Fluch der Pein, Muß ich sie herzustelln geboren sein!“ Auch die Pein, die Verfugung wiederherzustellen, hat sich seit Hamlet kaum abgemildert. Im Gegenteil, in durch soziale Medien beschleunigten öffentlichen Debatten findet sich immer jemand, die oder der im Weg steht, wenn es darum geht, etwas wieder in die Fugen zu bringen. Das ist ein großes Problem für alle, die aus welchen Gründen auch immer nach Verfugung streben.

Die Folge: Polarisierung, Streit-Stress und in Summe weiterwachsende Fugenlosigkeit der Zeit. (Foto: unsplash)

Über die Frage wie dem zu begegnen sei, kann man heftigen Streit anzetteln. Schulterzucken als Antwort gehört bisher nicht dazu. Vielleicht sollten wir aber für einen Moment den Mut aufbringen, die Zeit nicht weiter in ihre vermeintlichen Fugen stopfen zu wollen. Auch wenn das absurd bis tollkühn klingt: Vielleicht findet sich ein Weg die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen, wenn wir aufhören, eine Lösung finden zu wollen – und stattdessen akzeptieren: Die Zeit ist aus den Fugen. Das ist vielleicht gar kein so großes Problem, sondern eine historische Konstante, in deren Kern die Erkenntnis wohnt: Früher war gar nicht alles besser.

Was wir brauchen um dies anzuerkennen, ist die womöglich wichtigste Erfindung aufgeklärter Gesellschaften: den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. In Zeiten der emotionalen Unsicherheit vernünftig zu bleiben, ist Ausdruck dieses aufklärerischen Mutes. Denn wer sich inneren und äußeren Widerständen entgegenstellt – und dabei auch persönlich negative Folge in Kauf nimmt, ist mutig (1). Wer auf das angenehme Gefühl verzichtet, die Welt stets in gut und böse einordnen zu können und nicht dem Zauber der einfachen Antworten verfällt, bleibt mutig (2). Und wer darüber hinaus den Möglichkeiten und Chancen der Zukunft mehr Raum gibt als den Begrenzungen und Fehlern der Vergangenheit, inspiriert gar andere zum mutigen Handeln (3). Diese Überwindung ist aber kein Selbstzweck und beschränkt sich nicht im bloßen Widerspruch gegen das, was man je nach Perspektive als „Mainstream“ wahrnehmen möchte. Aufklärerischer Mut dient dem Ziel, Sinn und Verstand in hoffnungslosen und manchmal auch unsinnigen Zeiten zu fördern. Wie dies konkret aussehen kann, lässt sich am mutig sein (1), mutig bleiben (2) und der Inspiration zum Mut (3) beschreiben.

Beginnen wir mit der Fugenlosigkeit: Wir leben in einer Welt, die sich durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität auszeichnet. Nichts ist einfach, verlässlich oder eindeutig – nicht mal die Antwort auf die Frage ob das je anders war. Das Akronym aus den vier für Ratlosigkeit stehenden (englischen) Begriffen heißt VUCA. Die Generationen vor uns kannten diese VUCA-Welt sicher nicht, das Gefühl, das sie beschreibt, aber vermutlich schon. Denn stabil, sicher, übersichtlich und einfach wird die Welt immer erst im Rückblick. Umberto Eco hat in einem Essay mal rhetorisch gefragt: „Wie sollen wir diejenigen, die das Ende der Welt kommen sehen, davon überzeugen, dass andere, in der Vergangenheit, es auch schon so gesehen haben, und das in jeder Generation?“ Eco spricht von einem wiederkehrenden Menschheitstraum, der das gegenwärtige, eigene Schicksal als ohne Vergleich wahrnimmt. Damit ist nicht gesagt, dass die jeweilige Bedrohung nicht real sei. Damit ist vor allem gesagt: Sie ist nicht so einmalig wie manche glauben mögen. Sie ist neu und herausfordernd – wie die Bedrohung für die Generationen zuvor auch.
Auf die Frage, ob die ständige Erreichbarkeit durch Mobiltelefone nicht ein riesiges Problem sei, antwortete der Psychiater und Buchautor Manfred Lütz zum Beispiel in einem Interview: „Im Dreißigjährigen Krieg waren die Leute rund um die Uhr für die Schweden erreichbar. Das war viel unangenehmer.“ Ein Problem der auf die Einzigartigkeit gegenwärtiger Probleme fixierten Perspektive ist, dass sie dazu neigt, unbestreitbare Verbesserungen zu übersehen.

Es zählt zu den Grundbedingungen offener Gesellschaften, sich von neuen Perspektiven verstören zu lassen. Ein anderer historischer Blick auf die vermeintlich so polarisierte und apokalyptische Gegenwart gehört dazu. Vielleicht ist das Gegenteil richtig? Mutig zu sein (1) heißt, sich diese Frage immer wieder und nicht nur in Bezug auf die Beschreibung der unsicheren Gegenwart zu stellen. Doch es ist vielleicht leichter, dem Gefühl der Überforderung mit einem festen Schema zu begegnen, in das man die Welt ordnet und fortan nur noch nach Bestätigung für die eigene Weltsicht zu sucht. So lässt sich das Prinzip personalisierter Medien beschreiben. Sie sind darauf optimiert, Nutzerinnen und Leser möglichst lange im eigenen Ökosystem zu halten – und zeigen deshalb besonders viel von dem, was deren Weltsicht bestätigt. Das Gegenteil findet hier nur noch als Folie statt, vor der das eigene Rechthaben heller leuchtet. Der Andersdenkende dient als emotionaler Trigger, der Empörung stimuliert, was wiederum dazu beiträgt, dass Nutzer und Leserinnen länger auf der jeweiligen Plattform bleiben. Sich des eigenen Verstandes zu bedienen, heißt deshalb: den Verdacht zuzulassen, dass die eigene Meinung nicht die einzig richtige sein könnte. Sich offen mit den Ansichten derjenigen zu befassen, die abzulehnen so viel leichter (aber eben nicht hilfreich) wäre. Dazu zählt auch, Medien zu konsumieren, die unverlangt neue Perspektiven liefern. Sie tragen dazu bei, auch das Fremde, das Verstörende und Neue besser zu verstehen. Amerikanische Psychologen haben schon 2014 festgestellt, dass wir dazu neigen, die Ziele politisch widerstrebender Menschen für minderwertig zu halten – und zwar gegenseitig. Die so genannte „Motive Attribution Asymmetry“ beschreibt, wie diese Überschätzung der eigenen und die Abwertung fremder Ziele, Feindbilder verfestigt, die so deutlich gar nicht existieren.

Darin unterscheiden sich die besseren von den nur mittelguten Medien: dass sie fremde Perspektiven zeigen, Neues entdecken und im besten Sinn verstören. Das ist das Gegenteil dessen, was manche Zeitungen als Alleinstellungsmerkmal meinen erkannt zu haben. Sie versprechen das Ende der Verstörung und nennen es Übersicht oder gar Wahrheit. Derart lautstark mit der Wahrheit zu hantieren, befördert aber vor allem den gegenseitigen Vorwurf zu lügen. Dem Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, geht es um nachprüfbare Fakten und um Wahrhaftigkeit. Den Begriff der Wahrheit wiederum kennt er – im Sinne des kritischen Rationalismus – nur in der Verlaufsform: Am Wahrheiten zu sein, bedeutet, dass Erkenntnis immer wieder neu hinterfragt und begründet werden muss. Genau diese Haltung bildet die Grundlagen für wissenschaftlichen Fortschritt. Mutig zu bleiben (2) heißt, die Unsicherheit auszuhalten, die sich ergibt, wenn man nicht im Besitz des vollständigen Überblicks oder gar einer abgeschlossenen Wahrheit ist. (dass es nicht per se richtig ist „einfach nur zu fragen“, kann man übrigens in diesem Zeit-Essay sehr schön nachlesen)

In diesem Mut steckt die Bereitschaft anders mit Fehlern umzugehen: Es ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern der Größe, Fehleinschätzungen einzugestehen – auch öffentlich. Vielleicht zeigt sich genau darin die aktuelle Form dessen, was Hannah Ahrend als „Wagnis der Öffentlichkeit“ beschrieb. Politikerinnen und öffentliche Akteure aber, die stets betonen, dass sie schon seit Jahren dieser oder jener Meinung sind, bedienen eine Welt-in-die-Fugen-Erzählung, die Politik nicht als Wettstreit von Ideen versteht, sondern Meinungen zu unveränderlichen Kennzeichen erhebt. Solches Denken befördert den gesellschaftlichen Wunsch nach Masterplänen und einfachen Antworten. Dabei zeichnen sich komplexe Situationen genau dadurch aus: dass es für sie keine einfachen Masterpläne gibt. Es verlangt den Mut der Vernunft, dies auszusprechen – und dennoch weiter nach Lösungsansätzen zu suchen.

Denn wenn die eingangs zitierte historische Perspektive nicht ganz falsch ist, dann wird die Menschheit Lösungen für die Probleme finden, die ihr heute unlösbar und aus den Fugen erscheinen. Und so undenkbar das auch wirken mag: diejenigen Menschen, die solche Lösungsansätze finden werden, leben heute schon. Sie auf der Suche nach neuen Ansätzen nicht zu blockieren, wäre der geringste Beitrag, den man zum menschlichen Fortschritt und gegen die Überforderung leisten kann. Sie zum Mut zu inspirieren (3), heißt einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft zu richten – gerade wenn die Gegenwart nicht dazu angetan ist. Denn auf gutes Wetter zu hoffen, wenn die Sonne scheint, ist kein Ausdruck von Hoffnung. Es braucht Mut, gerade in hoffnungslosen Situationen für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Die amerikanische Essayisten Rebecca Solnit hat diesen Appell an aktiven Mut so auf den Punkt gebracht: „Hoffnung ist die Umarmung des Unbekannten und dessen, was man nicht wissen kann. Hoffnung ist eine Alternative zu der Gewissheit, die Optimisten und Pessimisten gleichermaßen ausdrücken. Optimisten denken alles werde sich zum Guten wenden ganz ohne unser Zutun; Pessimisten nehmen die gegenteilige Haltung ein – beide finden darin eine Entschuldigung dafür, nicht selber aktiv zu werden.“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

In Kategorie: DVG

„Es gibt glücklicherweise nicht mehr die eine Person, die dich anschreit oder motiviert“ – Martin Wiens (Neue Narrative) über agiles Publizieren

Die Frage wie aus einem Text eine guter Text wird, zählt zu magischen Herausforderungen im Journalismus. Dabei ist der Prozess der Textarbeit vielleicht gar nicht so magisch, sondern Teil eines guten Lektoratprozesses. Als ich im Jahr 2013 in dem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ den Vorschlag notierte, Kultur als Software zu denken, war es gar nicht so einfach eine Lektor:in zu finden, die bereit war, den Lektoratsprozess zu dem Buch offen und transparent zu gestalten. Dabei glaube ich (übrigens mittlerweile sogar noch klarer), dass im Entstehungsprozess jeder Form von Kultur ein Mehrwert stecken kann. „Vom Produkt zum Prozess“ zu denken, beschäftigt meine Arbeit deshalb seit Jahren (dazu gibt es im Dezember eine spannende Konferenz in Dortmund).

Entsprechend erstaunt war ich, als ich in diesem Sommer einen Text für das Magazin „Neue Narrative“ schreiben durfte. Das „Magazin für neues Arbeiten“ hat einen Prozess für die Textarbeit entwickelt, der bemerkenswert ist und auf eine andere Form der Lektorats- und Redaktionsarbeit setzt. Ich fand das so erstaunlich, dass ich Martin Wiens nach Abgabe des Textes (der in der aktuellen Ausgabe erscheint) um ein Interview bat, in dem wir über Rollen, agiles Publizieren und das romantisierte Bild von genialistischen Autor:innen sprachen.

Martin, ich möchte mir Dir über das Lektorieren von Texten und Organisation von Verlagen sprechen: Wann hast du dich das letzte Mal in der „Änderungen nachverfolgen“-Funktion von Microsoft Word bewegt?
Ich kenne so eine Funktion aus GoogleDocs, aber in Word arbeite ich eigentlich nie. Wobei, an eine Sache erinnere ich mich: Letztes Jahr habe ich an einem Buchprojekt mitgearbeitet …

„Der Loop-Approach“ bei Campus.
Genau, und dabei haben wir am Ende sehr lange Dokumente hin- und hergeschickt.

Deshalb habe ich gefragt: Ich kenne nahezu keine Verlage, die bei Büchern und sehr langen Texten, auf das Verschicken von Word-Dokumenten verzichten. Bei „Neue Narrative“ macht Ihr das ganz anders.
Unser Magazin kommt dreimal im Jahr heraus, was bedeutet: Wir machen dreimal im Jahr genau dasselbe. Wenn man häufig dasselbe macht, bietet es sich an, die Prozesse zu optimieren. Deshalb haben wir viel Zeit darauf verwendet, genaue, kleinteilige Phasen bei der Texterstellung zu definieren. Es reicht nicht zu sagen „Jetzt wird der Text geschrieben“. Da gehören so viele Schritte dazu, dass wir versucht haben, das Ganze zu formalisieren und in eine Prozesslogik zu packen.

Wenn man für Euch schreibt, kriegt man ein GoogleDoc, in dem Ihr die Idee für den Text beschreibt, in dem technische Grundlagen geklärt werden und in dem am Ende auch geschrieben und redigiert wird…
… damit Arbeit transparent wird. Das Ziel ist es, dass alle Beteiligten jederzeit wissen, wo man gerade steht und welcher Schritt der nächste ist.

Ich bin als Autor mit der Idee sozialisiert: „Der Inhalt ist das wichtigste und alles andere hat sich dem unterzuordnen.“ Ihr kommt sehr deutlich vom Prozess und weniger vom Produkt, oder?
Ich liebe Produkte, aber ich glaube es kommt sehr selten etwas Gutes dabei raus, wenn man nicht über den Prozess nachdenkt. Wenn man Abläufe hat, die Spaß machen, ergibt sich quasi automatisch ein gutes Produkt. Oder anders gesagt: Wenn Leute das tun können, worin sie richtig gut sind und was sie richtig gerne machen, dann passiert das Produkt. Insofern hast du recht: Ich bin sehr stark mit der Idee sozialisiert, über das Wie? nachzudenken und das Was? geschehen zu lassen.

Es gibt viele gerade schreibende Leute, die sagen, Prozesse sind doch total langweilig. Du achtest sehr auf stimmige Prozesse. Wann machen Prozesse Spaß?
Für mich sind Prozesse dann gut, wenn sie dafür sorgen, dass alle Leute ihre Stärken einbringen können, Wertschätzung dafür erfahren und wenn Kollaboration geschehen kann. Gute Prozesse sind auch dafür da, das Ego ein bisschen unwahrscheinlicher zu machen. Sie legen beispielsweise fest: „An der Stelle passiert halt jetzt das und du kannst nicht einfach so durchrennen und ganz allein dein Ding machen.“

Woher kommt dann die Angst vor Prozessen?
Vielleicht liegt es daran, dass man in gut definierten Prozessen die eigene Arbeit transparent machen muss und nicht nur das Ego durchbringen kann. Meine Erfahrung ist, dass alle, die wirklich gute Produkte entwickeln wollen, auch kein Problem mit guten Prozessen haben.

Wenn man mit Verlagen redet, hört man oft Einschätzung: Die Autorin und der Autor stehen im Mittelpunkt und um die müssen wir alles drumherum bauen. Das würdest du ganz anders sehen, oder?
Das ist aber vielleicht auch unserem Produkt geschuldet. Wir haben lange überlegt, ob wir nicht komplett auf Autor:innen-Namen verzichten wollen. Und gerade denken wir darüber nach, ob wir künftig alle Rollen, die an einem Text beteiligt sind, über dem Text erwähnen sollten. Ich finde diese Autor:innen-Fokusierung eine merkwürdige Heroisierung einer Person, die in keiner Weise dem Rechnung trägt, wie ein Text in der Praxis entsteht.

In der Musik ist das ganz anders. Dort spielt es eine große Rolle, welche Produzent:in hinter einer Künster:in steht und deren Song produziert hat. In der Entstehung von Büchern sind die Produzent:innen, also die Lektor:innen, fast nie sichtbar. Hast du eine Erklärung warum das so ist?
Ich beobachte eine starke Romantisierung der Autor:innenschaft. Dieses Momentum „Ich sitze abends am Schreibtisch, bejammer mich selbst weil mein Leben als Autor so hart ist, aber gleichzeitig finde ich es auch geil“ kenne ich auch gut von mir selbst. Über die Jahre habe ich für mich gemerkt, dass mir diese Art des Schreibens nicht gut tut und versucht, die Perspektive zu verändern.

Ich durfte für die aktuelle Neue Narrative-Ausgabe was schreiben und ich fänd es wirklich gut, wenn unter dem Text auch all diejenigen aufgeführt würden, die daran mitgearbeitet haben. Erzähl mal, welche Rollen bei euch eingebunden sind?
Jeder Magazinprozess beginnt mit dem Sprint Exploration, einer Art Vorrecherche, in der Team-Mitglieder, die besonders gut darin sind, schnell Informationen zu überblicken, alle relevanten Aspekte des Heftthemas zusammentragen. Auf der Basis der Recherche entwickeln wir dann in einem Kick-off erste Themenideen für Artikel. Ein Text schafft es aber nur dann wirklich ins Heft, wenn eine Person aus der festen Redaktion auch bereit ist, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Und ein Thema bei dem aktuellen Schwerpunkt „Wirksamkeit“ war die Frage, wie wir digital Verbindungen eingehen können, die gemeinsam und kollaborativ wirksam werden können. Dazu hätte ich was schreiben können…

… aber dann hast du dir gedacht: das macht besser der Dirk?
Naja, fast. Ich habe mir halt gedacht, dazu bin ich vielleicht nicht die kompetenteste Person. Wir haben eine Liste an Autor:innen, die wir gerne mal im Heft hätten und da bist du drauf. Und dann habe ich dir eine Nachricht geschrieben, mit einer total schwammigen Themenbeschreibung.

Ich erinnere mich.
Aber das ist auch gut so, denn die Autor:innen sollen ja ihre eigenen Gedanken einbringen können. Gemeinsam mit der Rolle „Sparring“ entwickeln die Autor:innen dann die Kernaussage ihres Textes und eine klare Struktur.

Das ist in der Tat erstaunlich: Ihr habt wirklich in dem Doc schon Zwischentitel, die vor dem Text formuliert werden sollen.
Wir glauben, dass die wichtigsten Argumente und das Gerüst des Textes stehen sollten, bevor der eigentliche Schreibprozess beginnt. Deshalb stellen wir uns immer Kästchen vor, die uns dabei helfen, den Text zu strukturieren. Bevor die oder der Autor:in eine Zeile am Text schreibt, sollten alle Titel und Zwischentitel formuliert sein.

Gab es Leute, die das als Einschränkung empfinden und sagen: „Ich bin so ein Genie, ich mach das nicht mit“?
Wir haben noch nicht mit solchen Leuten zusammengearbeitet, aber es gibt sie sicherlich. Unser Glück ist, dass wir sehr wenig mit Leuten zusammenarbeiten, die sich für Starautor:innen halten, sondern nur mit Leuten, die Starautor:innen sind, aber von denen das noch niemand weiß. Die haben relativ wenig Allüren und wollen in erster Linie einen guten Text schreiben.

Für mich war es nicht nur sehr erstaunlich (deshalb wollte ich mit dir auch drüber sprechen), sondern auf eine Art auch sehr befreiend, weil es mir Klarheit darüber gegeben hat, was Ihr als Auftraggeber Euch vorstellt.
Jede:r Autor:in bekommt zu Beginn des Prozesses ein eigenes Template für den Text. Darin machen wir unter anderem explizit, was wir mit dem Text erreichen wollen und warum es ihn überhaupt braucht. Am Ende geht es uns darum, den genialischen Black-Box-Textentstehungsprozess aufzubrechen und möglichst sicherzustellen, dass genau der Text entsteht, den wir für unser Magazin brauchen..

Lass uns noch einmal über die Rolle Sparring reden. Die ist sehr nah an dem, was klassische Redakteur:innen machen, die Texte beauftragen.
Die Rolle ist dafür da, den Text so lange zu begleiten, bis eine 80-Prozent-Version steht. Danach übernimmt die Rolle Lektorat.

Worin besteht der Unterschied zur Rolle Sparring?
Die Rolle Sparring stellt durch Feedbackschleifen sicher, dass jeder Text eine klare Aussage und eine funktionierende Struktur hat. Das geschieht in der Regel in einem offenen Austausch. Die Rolle Lektorat hingegen soll kein Feedback mehr ohne ganz konkrete Änderungsvorschläge geben. Sie greift eher stilistisch ein und bringt den Text von 80 auf 95 Prozent. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, die Rollen Sparring und Lektorat zu trennen, damit die Nähe zum Text nicht zu groß wird.

Die fehlende fünf Prozent kommen von der Schlussredaktion?
Genau, am Ende wird die Rolle Korrektorat aktiv. Das sind zwei externe Personen, die dafür sorgen, dass kein einziger Fehler mehr im Text ist. Der Prozessschritt findet zunächst noch im GoogleDoc statt. Ganz am Ende gibt es noch eine Fahnenkorrektur in der finalen PDF.

Man kann also sagen, jeder Text wird bei Euch wie ein Ticket in einem Sprint behandelt, oder?
Ja, genau. Die Tickets schieben wir am Ende von jedem Sprint eine Spalte weiter, bis sie irgendwann am Ende angekommen sind. Dann geht das Magazin in Druck.

Wie kommt man auf ein solches Prinzip?
Mein Kollege Sebastian Klein hat Blinkist mitgegründet und sich da viel mit der Frage beschäftigt, wie Content entsteht. Deshalb haben wir von Anfang an alle in Google Docs gearbeitet und unsere Zwischenergebnisse transparent gemacht. Ein wichtiger Schritt war dann, dass ich für eine Weile ins Ausland gehen wollte. Damit kein Chaos ausbricht, habe ich mich mit Sebastian an ein Whiteboard gestellt und aufgeschrieben, welche wiederkehrenden Aufgaben ich habe und welche Prozessschritte wir immer wieder durchlaufen. So ist der erste Prototyp unseres Magazinprozesses und unserer Rollenstruktur entstanden. Seitdem machen wir nach jedem Heftdurchlauf ein Retro-Meeting und ein Governance-Meeting, um den Prozess und unsere Zusammenarbeit zu verbessern.

Governance-Meeting?
Das ist dafür da, an der Organisation zu arbeiten: also neue Rollen zu schaffen und die Struktur der Organisation zu verändern.

Ist das agiles Publizieren?
Wir würden es vermutlich nicht „agil“ nennen, weil der Begriff so ausgelutscht ist, dass er kaum noch etwas bedeutet. Aber klar, das Vorgehen folgt agilen Prinzipien und ist teilweise an Scrum angelehnt. Wichtiger ist aber, dass der Prozess zu uns passt und dabei hilft, möglichst gute Ergebnisse zu erzielen.

Was hast du in dieser Zeit über Publizieren gelernt?
Das klingt alles immer so fancy, aber ich glaube, das Wichtigste ist, sich selbst und den eigenen Arbeitsprozess jeden Tag zu reflektieren. Und ich finde es fahrlässig, wenn Redaktionen das so selten tun.

Womit wir wieder bei der Langeweile von Prozesse sind. Warum sind Redaktionen und Verlage da nicht offener?
Es ist vermutlich eine Mischung aus Gründen: Zum einen liegt es an dem, was du anfangs gesagt hast: dass alle nur über Produkte nachdenken und nur ungern über Prozesse. Hinzu kommt, dass der Druck im Tagesgeschäft oft so hoch ist, dass keine Zeit bleibt, das eigene Vorgehen zu reflektieren. Außerdem passen egofreie Prozesse nicht zu dem romantisierten Bild von Journalist:innen, das immer noch dominant ist: der Star-Autor, die Star-Autorin, der:die bei Kerzenschein einsam auf einen Einfall wartet und ihn dann im Alarmmodus aufschreibt.

Ihr habt in Eurem Magazin Stellungen und Machtpositionen aufgelöst, indem Ihr rollenbasiert arbeitet. Chefs, Eckbüros und Dienstwagen gibt es bei euch so gar nicht…
… aber es gibt natürlich Hierachie und Macht. Wir versuchen, eine Kompetenzhierachie zu erreichen, sprich: Jede Rolle wird von der Person ausgefüllt, die am kompetentesten ist. Wir glauben nicht daran, dass eine Person all die Aufgaben am besten kann, die zum Beispiel einer Chefredakteurin zugeschrieben werden. Häufig ist eine Person zum Beispiel gut darin zu organisieren, aber eher schlecht darin zu schreiben. Deshalb arbeiten wir mit Rollen, also klaren, kleinen Verantwortungsbereichen.

Das geht nur mit einem gemeinsamen Ziel.
Absolut. Es gibt glücklicherweise nicht mehr die eine Person, die dich anschreit oder motiviert. Stattdessen übernimmt jede Person Verantwortung für das, was sie zum gemeinsamen Ziel beitragen kann – natürlich ohne dabei von der Organisation allein gelassen zu werden. Dafür haben wir einen übergreifenden Purpose formuliert, den jede Person bei uns kennt und nach dem wir uns steuern können.

Was ist euer Purpose?
„Wir befähigen mit hammerguten Content-Produkten Menschen dazu, eine Wirtschaft zu gestalten, die für alle gut ist.“ Man merkt, dass der Satz nicht von einer Werbetexter:in stammt. Aber er beschreibt das, worauf wir uns alle einigen konnten.

Die aktuelle Ausgabe von Neue Narrative hat den Schwerpunkt Wirksamkeit. Vor ein paar Tagen hat das Magazin angekündigt: „Nach unserem Wissen sind wir seit Juli das erste Medienunternehmen in Deutschland, das in Verantwortungseigentum geführt wird. Und wir hoffen, dass uns viele weitere folgen werden.“ In dem Blogeintrag ist auch erwähnt, dass sie offene Stellen haben, aber natürlich rollenbasiert in den Bereichen: „Recherchieren und Schreiben von journalistischen Inhalten, CRM, Kampagnenentwicklung und datengetriebenes Wachstum sowie B2B-Vertrieb und Kooperationen.“ Außerdem hat Neue Narrative vor ein paar Tagen seine Kiosk-Bilanz offengelegt – und damit gezeigt, vor welchen Problemen die klassische Print-Distribution steht.

Mehr zum Thema Korrigieren und zur These, Kultur als Software zu denken, gibt es auf dieser Konferenz im November sowie in dem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“.

Vom Umgang mit gefühlter Spaltung und Widerspruch

In der aktuellen Ausgabe des Magazin Der Spiegel gibt es ein Interview mit dem Münchner Soziologen Armin Nassehi. Ich empfinde es als eine schöne Meta-Anspielung, den Hinweis auf das Interview mit einem Bild zu illustrieren, das er gepostet hat, um auf das Interview hinzuweisen.

Jetzt aber zu der Sache, über die Nassehi spricht: die Hygienedemos. Er sagt dabei einen großartigen Satz, der selbst so meta ist, dass ich den Hinweis auf das Interview inhaltlich damit einleiten muss:

Selbst in einem Interview die Relevanz der Proteste zu bezweifeln, weist paradoxerweise auf diese Relevanz hin.

Es liegt in diesem scheinbaren Paradox eine Antwort auf die Frage, wie man denn mit den Hygienedemos umzugehen habe. Klar, eine offene Gesellschaft muss es aushalten, dass Menschen sich absichtsvoll unvernünftig verhalten. Nassehi nennt dies: „Jeder hat das Recht auch auf abwegige Positionen.“ Aber muss man deshalb auch das Gespräch mit denjenigen suchen? Das geht nicht, wer das Virus leugnet oder behauptet Bill Gates habe es erfunden, entzieht sich einem rationalen Gepräch – so Nassehis Einschätzung, die der Zeit-Redakteur David Hugendick diese Woche noch etwas lustiger auf den Punkt gebracht hat.

Dennoch muss man sich zu diesen Demos verhalten, zumal wenn sie digital in die Timelines und Postfächer gespült werden. Für Nassehi sind diese Proteste ein Seismograph für das tiefer liegende Problem der Gesellschaft, die Verunsicherung der Gesellschaft durch die Pandemie. Er warnt aber davon, sie zu ernst zu nehmen. Denn, so der Soziologe:

Die meisten Deutschen unterstützen die Anti-Corona-Maßnahmen, und sogar gut ein Viertel findet, dass sie nicht weit genug gehen. Neun von zehn Deutschen stimmen der Maskenpflicht zu, wie wir sie gerade haben. Wann gab es so was jemals? Auf den Corona-Demos geht es um marginalisierte Positionen.

Sich daran zu erinnern, ist vielleicht gar nicht unerheblich um einen Umgang mit den aktiven Akteurinnen und Akteuren zu finden, die digitalen Lärm für ihre Corona-leugnende Sache machen. Das Gefühl der Spaltung, das sie erzeugen wollen, ist womöglich stärker als der tatsächliche gesellschaftliche Zustand. Daran zu denken, dass neun von zehn Deutschen der Maskenpflicht zustimmen, kann ein Mittel der Gelassenheit sein, wenn irgendwo mal wieder jemand vom Maulkorb redet. Daran zu denken, dass das Narrativ der Spaltung selbst schon eine politische Perspektive ist, hilft zudem dabei, anders auf die verstörende aktuelle Lage zu schauen. Dazu nochmal David Hugendick, der Anfang der Woche twitterte:

Vielleicht stimmt es also, dass man diejenigen, die für Vernunft und Empathie noch zugänglich sind, nicht abschreiben sollte:

Wir haben vermutlich mehr gemein als uns gerade auffällt. Wir machen uns gerade beide Sorgen. Wir haben Angst, weil es so etwas wie diese Corona-Pandemie noch nie gab und wir alle nicht so genau wissen, wie es weitergeht. Diese Angst ist scheiße, aber wir können sie aushalten. Gemeinsam. Denn wir sind beide Menschen, uns verbindet die Sorge um unsere Lieben und wir wollen beide nicht, dass Menschen sterben müssen.

Update: nach dem ich diese Zeilen schrieb, wurden mir diese Bilder von einer Hygiene-Demo in Stuttgart in die Timeline gespült: Florian Schröder hat dort heute über Meinungsfreiheit gesprochen

Er beendet seine Ansprache mit den Worten: „Freiheit heißt, vernünftig sein und sich nicht verleiten lassen von falschen Propheten, die glauben die Wahrheit zu haben. Maske auf, Abstand halten, Nachdenken“

Zum Thema im Blog:
Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freundinnen
Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifeldnde Hygiene-Demonstrierende
Shruggie des Monats: Pure Vernunft darf niemals siegen

Weniger schafft mehr – das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was kann ich tun, um Sie davon zu überzeugen, dass Sie die nun folgenden Zeilen über den Wert von Verknappung lesen? Sie haben viel zu tun, da kommt gerade eine Mail rein. Sie könnten den Text in Pocket speichern. Aber jetzt lesen? Das wird schwierig, aber es gibt eine vermeintlich paradoxe Möglichkeit, Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen: Ich kann diesen Text verknappen. Ich lösche ihn nach 24 Stunden oder sperre ihn nach 1000 Aufrufen. Danach ist er verschwunden und Sie können nicht mehr nachlesen, wie im digitalen Ökosystem das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ unsere Aufmerksamkeit lenkt.

Da Sie aber diesen Einstieg schon gelesen haben, haben Sie die Grundzüge der Kernthese schon verstanden. Das ist ein bisschen Meta, aber auch eine schöne Illustration für eine Methode, die das Internet als vermeintlich unbegrenzter Raum in den vergangenen Jahren perfektioniert hat. Im Schatten des Versprechens der schier grenzenlosen Reichweite hat sich eine Form der Aufmerksamkeitssteuerung entwickelt, die auf Exklusivität in den Dimensionen Raum (280 Zeichen), Zeit (24 Stunden) oder Zugang (Invite-Codes) setzt. Wo theoretisch alles kopierbar ist, wird Begrenzung zum Ausweis der Distinktion. Dass sich daraus Formen der Wertschätzung und dann auch Wertschöpfung ableiten lassen, ist nicht verwunderlich, denn Angebot und Nachfrage bestimmten schon vor der Digitalsierung den wahrgenommenen und den wirklichen Preis von Angeboten. (Symbolbild: Unsplash)

Der Weg aus der Welt der begrenzten, analogen Waren (Tonträger, Papierbücher etc.) durch den Überfluss der digitalen Vervielfältigung zurück zur künstlichen Verknappung war lang. Große Teile der Medienbranche folgen auch weiterhin der Logik der grenzenlosen Reichweiten, die durch die kostenfreie Vervielfältigung noch stimuliert wird. Nahezu alle Plattformen des Social-Web bedienen diese Logik, in dem sie im Kern wertlose Zahlen wie Fans oder Likes zu einer Währung erheben. Der Wettkampf um die Steigerung dieser Kennzahlen bildet die Grundlage ihres Geschäftsmodells, führt die Wettkämpfenden aber nicht zwingend zum Erfolg. In erster Linie vernebelt diese Messung den Blick für das, was man eigentlich erreichen will: Sind viele Likes tatsächlich das Ziel?

Die Tatsache, dass sich viele Medienhäuser darauf konzentrieren zahlende Leserinnen und Leser zu binden, ist ein erster Schritt raus aus der Reichweitenfalle. Ihm geht der Schritt voraus, Klarheit darüber zu erlangen, welche Ziele tatsächlich von Bedeutung sind: Zahlende Kund:innen sind dabei ebenfalls als Beispiel für eine Methode der Verknappung zu lesen – und zwar in der Dimension Preis: „Du kommst hier nur rein, wenn du bezahlst“, sagen die Türsteher:innen vor den Bezahlangeboten. Vor anderen Angeboten haben sich Gatekeeper aufgebaut, die wie bei Storys auf Instagram oder in Shopping-Clubs nach 24 Stunden das Angebot verschwinden lassen. Bei Twitter wiederum achten die Wächter:innen darauf, dass kein Angebot über die Grenze von 280 Zeichen hinausgeht. All das ergibt aus der reinen Machbarkeits-Logik des Web keinen Sinn. Es gibt keinen äußeren Grund für diese Begrenzungen – außer der Tatsache, dass die Begrenzung einen Wert schafft. Wer in einem ausverkauften Stadion einen Sitzplatz bekommt, fühlt sich besser als alle, die nicht mehr reingekommen sind.

Dieses Wissen scheint vor lauter Reichweiten-Zauber verloren gegangen zu sein. In der Frühphase wurden immer neue Zusatzstühle in den Räume gestellt. Vor lauter „mehr mehr“ verstummte aber die Frage nach dem Grund für den Besuch im Stadion. In der Sprache der Werbetreibenden lässt sich dieses Bild auflösen in dem Widerspruch zwischen Reach und Impact. Denn in Wahrheit ist die Reichweite stets nur Mittel zu einem anderen Zweck, den man mit Auswirkung, Wert oder Bedeutung übersetzen kann.

Um diesen Impact geht es in dem Newsletter, aus dem dieser Text hier stammt. Seit 66 Folgen schreibe ich die monatlichen Digitalen Notizen. Im Dezember 2014 führte ich den Newsletter mit einer Einladungs-Logik ein. Anfangs konnte man sich nur mit Invite-Codes in die Liste eintragen. Nun ist es an der Zeit, diese Logik auf eine nächste Ebene zu heben. Denn das Ziel dieses Newsletters ist nicht reine Reichweite, der Impact der Mails liegt darin, thematische Vernetzung zu schaffen. Dafür werde ich ab sofort den Versand des Newsletters reglementieren – und diejenigen von der Liste löschen, die seit fünf Folgen keine Mails mehr geöffnet haben.

Auslöser für diese Idee ist die Begrenzung des Newsletter-Dienstleisters Mailchimp. Dort gibt es eine Grenze bis zu der man kostenfrei Mails verschicken kann. Die anfallenden Kosten könnte ich weitergeben, aber ich möchte den Newsletter kostenfrei halten. Deshalb werde ich die Liste der Empfänger:innen der Digitalen Notizen begrenzen. Für die bisherigen Leser:innen ändert sich dadurch nichts – sofern sie den Newsletter auch tatsächlich öffnen. Etwas weniger als 50 Prozent derjenigen, die aktuell auf der Liste stehen, lesen den Newsletter gar nicht*. Die Auswertung in Mailchimp zeigt mir diese so genannte Öffnungsquote an. Der Branchenblick sagt, dass diese Quote für eine aktive Leserinnenschaft spricht. Das heißt aber auch: Durchschnittlich 50 Prozent auf der Liste öffnen den Newsletter nicht. Das ist ihr gutes Recht. Gleichzeitig möchte ich aber für diese Nicht-Leser:innen nicht bezahlen müssen. Deshalb beschränkte ich mein Newsletter-Angebot ab sofort auf diejenigen, die den Newsletter auch wirklich öffnen. Wer dies fünf Folgen lang nicht gemacht hat, wird von der Liste gestrichen.

Mir ist klar, dass ich damit meine potenzielle Reichweite beschränke. Denn in der Logik der Massenreichweite sind Mailadressen das höchste Gut, Kontakte sind das Ziel aller Aktivität. Sie zu löschen, gilt als falsch. Ich sehe das anders: Mir geht es nicht um Adressen und Reichweite. Mir geht es um den inhaltlichen Austausch – in einem interessierten Kreis. (…) im Mail-Newsletter folgen hier ein paar Zeilen über die Art der Exklusivität, die ich hier ausspare. Sie können sich aber jetzt noch hier eintragen, dann können Sie künftig auch Einblick in diesen Kreis erhalten (…) Um dies in einem Bild zu fassen, bietet sich das einer Abendveranstaltung an. Wenn ich Lesungen oder Vorträge halte, spreche ich mit Veranstalter:innen manchmal über die Anzahl der zu erwartenden Besucher:innen. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass sich darin nur selten auch eine Kennzahl über den Wert des Abends ablesen lässt. Ich habe schon sehr inspirierende Abende mit nur drei Gästen erlebt, die für mich keineswegs schlechter waren als Vorträge vor 1000 Menschen.


* Danke für die Hinweise auf die Messungenauigkeit bei der Öffnungsquote. Das ist mir durchaus bewusst, aber eben ein Problem dieser Kennzahlen. Ich werde mich auf die Suche nach einer Alternative machen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.