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Bloss nichts falsch machen (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Es gab diesen Moment im Wahlkampf 2017 als sich in meinem Timeline genannten Bekanntenkreis der Gedanke zu verfestigen begann, die FDP als wählbare Partei wahrzunehmen. Ob nicht deren sehr digital geprägte Kampagne, die das neue Denken in den Mittelpunkt zu stellen versuchte, genau auf uns zugeschnitten sei, fragte einer – und bekam nicht wenig Unterstützung für den Ansatz. Es wäre, bemerkte eine andere, ja genau jetzt Zeit für eine wirkliche liberale Politik. Eine, die die Freiheit nicht bloß als wirtschaftliche Kategorie versteht, sondern als Gegenmittel gegen die Vereinfacher und Prediger von allen Seiten.

Es war dann die FDP selber, die mit ihrer Tagespolitik in NRW der Hoffnung auf einen solchen liberalen Ansatz einerseits und der Option, sie für wählbar zu halten andererseits, die Grundlage entzog. Und das Ende der Jamaika-Verhandlungen in der Nacht zu Montag bestätigt diesen Eindruck noch einmal. Dass die offenbar seit Donnerstag vorbereitete Inszenierung politisch verantwortungslos und skandlös ist, hat Heribert Prantl sehr anschaulich kommentiert. Mich interessiert an dem Jamaika-Ende aber vor allem der Slogan, den die Partei dem ganzen gegeben hat. Denn damit ist der FDP – vermutlich ohne Absicht – ein Kunststück geglückt. Mir fällt kein Satz ein, der die Verzagtheit, die Vergangenheitsverklärung und Mutlosigkeit dieses Landes besser auf den Punkt bringen könnte als Lindners Motto:

Lieber nicht regieren als falsch

ist das innerhalb von Minuten zum politischen Klassiker gewordene Symbol für den Zustand dieses Deutschlands im Jahr 2017. Nie ist die Liebe zum Status Quo und die damit verbundene „Bloß nichts falsch machen“-Haltung besser auf den Punkt gebracht worden als in diesem Satz, von dem die FDP absurderweise auch noch glaubt, sie drücke damit Standfestigkeit aus (dass sie dafür aber auch Grundwerte benennen müsste, darauf hat Mario Sixtus richtigerweise hingewiesen). Dieser Satz ist zum Leitmotiv für eine Haltung geworden, in der Zukunft eher als Bedrohung denn als gestaltbarer Raum wahrgenommen wird. Dort gibt es kaum etwas zu gewinnen, aber sehr viel zu verlieren.

Von den taktischen Ränkespielen in Berlin verstehe ich zuwenig um einzuschätzen, was genau die FDP dazu trieb, sich in diesen Satz zu versteigen. Ich verstehe aber, dass dieser Satz genau das Gegenteil dessen ist, was im Wahlkampf Teile meiner Timeline dazu brachte, kurzzeitig positiv über die FDP zu denken. Der Gestus, den die FDP mit Slogans wie „Digital First – Bedenken Second“ oder „Schulranzen verändern die Welt – nicht Aktentaschen“ zu imitieren versuchte, richtet sich exakt gegen den Satz, den Lindner nun zum Parteimotto erhoben hat. Die Startup-Mentalität des Ausprobierens, eine positive Fehlerkultur und die Bereitschaft, Dinge „falsch“ zu machen – all dies sind Ideen, die diejenigen schätzen, auf die es die FDP-Kampagne abgesehen hatte. Es gibt keinen Satz, der ihnen klarer machen könnte, dass all dies nur gespielt war, als das Lindner Mantra vom „lieber nicht als falsch“. (Foto: via Facebook)

Das Merkwürdige an diesem Satz ist, dass er sogar von den anderen Jamaika-Verhandler unterschreibbar wäre. Johannes analysiert sehr treffend: „Hinter all den Streitthemen – Klima, Flüchtlinge, Energiepolitik, Finanzen etc. – sehe ich aus der Ferne immer ein bisschen diesen parteiübergreifenden bundesbürgerlichen Wunsch hervorlugen: einen Status Quo, der auch in der Zukunft funktioniert.“ Und man kann ergänzen: Martin Schulz hat heute bewiesen, dass auch von der SPD kaum Gestaltungswille zu erwarten ist. Der Mann, der im Wahlkampf kurz so tat als wolle er Angela Merkel ablösen, hat heute ohne jegliche Verhandlung, die Option einer neuerlichen Großen Koalition ausgeschlossen. Warum eigentlich hat er das nicht vor der Wahl getan? Und warum eigentlich geht die SPD nicht mit echten Forderungen jetzt in eine solche Verhandlung? Hätte Schulz nicht zum Beispiel anbieten können, dass er nur ohne Merkel über eine Große Koalition verhandelt? Lieber nicht – nachher legt das noch jemand als falsch aus…

Das Ärgerliche an dem Lindner-Motto ist aber vor allem, dass es ein gängiges Missverständnis von Demokratie offenlegt: Der Wettstreit von Ideen, als den wir Politik verstehen, zielt nicht darauf ab, nur das zu tun, was einer für richtig hält. Der demokratische Wettstreit von Ideen ist im Gegenteil genau darauf angelegt, etwas falsch zu machen. Kompromisse sind per se das, was eine Seite für „nicht richtig“ hält. Wer nur dann regiert, wenn er alles richtig machen kann, hat eine zutiefst undemokratische Vorstellung vom Regieren. Deshalb ist der Satz abseits all der mutlosen Verzagheit so ärgerlich, er ist demokratisch falsch. Jenny Kallenbrunnen hat dies an Beispielen illustriert…

… die man um „Bewegen“ erweitern kann. Es ist nämlich eben nicht besser sich gar nicht zu bewegen als sich falsch zu bewegen. Und Demokratie funktioniert wie ein Muskel. Sie wird unter Belastung stärker. Dafür muss sie aber trainiert werden. Wer jedoch vor lauter „Bloss nichts falsch machen“ in Bewegungslosigkeit verfällt, lässt den Muskel verkommen.

Deshalb kann man auf eine sehr ironische Weise der FDP heute dankbar sein. Sie hat darauf hingewiesen, dass dem Land eine Idee davon fehlt, wie man in diesem Land mit dem Neuen, dem Ungewissen und Unbekannten umgehen will – selbst dann, wenn es den Status Quo herausfordert. ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Wie ist es für den Bundestag zu kandidieren? Interview mit dem Münchner SPD-Kandidaten Bernhard Goodwin

Wenn der Politiker, der von einem Wahlplakat blickt, ein Bekannter ist, schaut man mit anderen Augen auf den Wahlkampf: Zumal wenn es ein SPDler in Bayern ist. Ich kenne Dr. Bernhard Goodwin von der Uni und habe seinen Wahlkampf im Wahlkreis 220 München West/Mitte sehr genau verfolgt. Er hat in diesem Wahlkreis 23 Prozent der abgegebenen Erststimmen erhalten – und damit nicht gewonnen. Ich habe ihn dazu befragt, wie es ist, für den Bundestag zu kandidieren.

Fangen wir mit einer Offenlegung an: Du warst Bundestagskandidat in meinem Wahlkreis im Münchner Westen. Ich habe dir meine Stimme gegeben, du hast nicht gewonnen. Fühlst du dich als Verlierer?
Ich bin der Wahlverlierer. Da bin ich über anderthalb Jahre gerannt und am Ende hat ein anderer den Job. Aber mir haben auch fast 45.000 Leute ihre Stimme gegeben. Das ist der schönere Gedanke, ich versuche mich stärker daran zu halten.

Eine zweite Offenlegung: Ich habe deine Geschichte nach der Wahl einigen Grundschülern erzählt, die nach einer verlorenen Klassensprecherwahl deprimiert waren. Ich habe dich als Beispiel für eine funktionierende Demokratie angeführt, die eben nicht nur davon lebt, dass nur der- oder diejenige kandidiert, die am Ende auch gewählt wird. Sondern dass man die Wahl hat. Als Unbeteiligter kann man das aber natürlich auch leicht sagen. Hat sich die ganze Kandidatur auch mal so angefühlt für dich?
Das ist natürlich schon ein Aspekt, gerade am Ende der Wahl, wenn man alles gibt, auch wenn man sich ja die Chancen realistisch ausrechnen kann. Dann sprechen einen schon Leute an und sagen: Du weißt doch selbst, dass du es nicht schaffst. Dann habe ich geantwortet: Was wäre die Alternative? Nach Hause gehen und heulen? Nein: natürlich ziehe ich durch bis zum Ende und auch mit voller Kraft. Das hat mich übrigens auch an Martin Schulz beeindruckt, der das auch so gemacht hat. Ich habe übrigens selbst schon Klassensprecherwahlen verloren. Einmal war es dann so, dass unsere Klasse später im Schuljahr ein Problem mit unserer Englischlehrerin hatten und die gewählten Klassensprecher sich nicht getraut haben zu ihr gehen. Ich habe mich schon getraut. Dann hat unsere Klassenlehrerin Neuwahlen angesetzt und ich bin gewählt worden.

In der Zeit vor der Wahl warst du enorm präsent in meiner Nachbarschaft. Ich habe dich ständig gesehen: auf den Plakaten, auf Veranstaltungen, an Wahlkampfständen. Erzähl mal ein wenig vom Leben als Kandidat. Ist das so anstrengend wie es auf mich als Beobachter wirkt?
Ja, das ist schon sehr anstrengend. Von 6 Uhr morgens bei Frühverteilungen bis abends um 23 Uhr die Abendveranstaltung vorbei ist. Wobei der direkte Bürgerkontakt eher entspannend ist. Wenn du drei Stunden lang in der früh am S-Bahnhof stehst und Leute anlächelst, dann bist du irgendwann auch gut gelaunt. Meine Leute haben mir gesagt, dass ich manchmal zu lange mit Menschen geredet habe, die mich sowieso nicht wählen würden. Das ist ein taktischer Fehler, weil es ja Energieverschwendung ist. Aber mich interessiert halt, was die Menschen zu sagen haben. Pöbeleien steckt man weg, auch wenn man sich denkt: das ist schon ungerecht mir jetzt vorzuwerfen ich würde mir die Taschen voll machen. Anstrengend ist eher das Organisatorische. Da hatte ich aber glücklicherweise Leute, die mir sehr geholfen haben. Und man fragt sich immer: Ist es genug? Könnte ich nicht noch mehr machen? Das hat mir häufig auch den Schlaf geraubt – im Wortsinne. Zwischendrin habe ich ja noch in meinem sehr fordernden Beruf gearbeitet. In der Zeit war alles bei mir auf Kante genäht. Wenn dann privat etwas schmerzhaftes passiert, dann konnte ich das nicht mehr so gut ausgleichen, dann bin ich bei mir über meine Belastungsgrenze gegangen. So ist zum Beispiel vor einem Jahr ein lieber Freund und Kollege überraschend gestorben. Das hätte mich schon in normalen Zeiten aus der Bahn geworfen. Jetzt hat es mich niedergeschmettert. Ich habe vieles emotional auf nach der Wahl verschoben und bin jetzt dabei mich zu sortieren.

Und musstest du auch selber Geld zuschießen? Z.B. um Plakate zu drucken oder Helfer zu bezahlen?
Die SPD ist eine Arbeiterpartei. Da darf die Kandidatur nicht an Beiträge des Kandidaten gebunden sein. Ich habe trotzdem einen ordentlichen Betrag gespendet, weil ich es mir leisten konnte. Etwa einen Monatslohn von mir. Das Meiste hat die Partei bezahlt – also die Mitgliedsbeiträge meiner Genossinnen und Genossen hier vor Ort. Es gab auch Spenden. Insgesamt haben wir einen niedrigen fünfstelligen Betrag ausgegeben. Meine Helfer habe ich nicht bezahlt: das war die größte Spende: sicherlich 100.000-200.000 Euro in ehrenamtlicher Arbeit habe ich bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar und diese Unterstützung hat mich auch immer getragen, wenn es für mich hart war. Weil sie machen das ja wirklich selbstlos für die Partei und ein bisschen auch für mich.

Haben Leute dich auf der Straße erkannt? Hinter deinem Rücken getuschelt?
Ich habe nicht gemerkt, dass jemand über mich getuschelt hätte. Aber ich bin schon häufig erkannt worden. Das ist ja auch der Sinn von so Plakaten. Die hänge ich ja nicht auf, weil ich so ein hübscher Kerl bin. Die hänge ich auf, damit die Menschen mit mir ins Gespräch kommen. Häufig war es auch so, dass die Leute mich zwar erkannt haben, aber nicht genau wussten woher. Dann haben sie gefragt: Kennen wir uns aus dem Elternbeirat? Kennen wir uns von der Arbeit? Ich habe dann gesagt: Ich bin Ihr SPD-Bundestagskandidat. Ich habe auch häufig ein Namensschild getragen. Beim ersten Mal war mir das etwas peinlich in der U-Bahn. Ich habe mir dann aber gedacht: wenn dir das jetzt schon peinlich ist, dann warte erst bis dein Gesicht viele hundert Mal auf Plakaten im Stadtbild gedruckt ist.

Wie hat dein persönliches Umfeld reagiert als klar war, dass du für den Bundestag kandidierst?
Die meisten haben es kommen sehen und haben mich sehr unterstützt. In der Arbeit haben sie gesagt „Wir drücken dir die Daumen und du wirst das gut machen. Aber uns wirst du schon fehlen“ Einmal hat mir mein Neffe von einer Berlinreise ein Bild von der Reichstagskuppel geschickt mit dem Kommentar, da drunter ist dein Platz. Solche kleinen netten Gesten haben mir immer gut getan.

Und wie ist das Kandidatenleben in der Partei und der Bezug zur Bundespolitik? Hast du jetzt die Handy-Nummer von Martin Schulz?
Nein, die habe ich nicht. Aber ich wüsste, wie ich ihn erreichen kann. Es ist natürlich cool mit dem Kanzlerkandidat Miniatur-Windräder bei den Stadtwerken zusammenzulöten oder mit der Familienministerin auf der Auer Dult Kettenkarussell zu fahren. Wichtiger waren mir aber die langen Gespräche mit unserer Stadtspitze und anderen Vertretern unserer Stadtgesellschaft. Denn mir ging es immer darum, herauszukriegen, was München von Berlin braucht und nicht umgekehrt.

Ist das Image von Politikern tatsächlich so schlecht wie immer alle sagen? Hattest du mit Anfeindundungen zu kämpfen?
Ich hatte einmal folgendes Erlebnis bei einem Infostand in Laim. Ein Typ Mitte vierzig läuft an mir vorbei und raunt: Volksverräter! Ich frage: Was haben Sie gesagt? Er: Arschloch! Ich: Was ist ihr Problem? Er reckt nur noch einen Stinkefinger in die Höhe und ist davon. In den Moment nimmt eine ältere Bürgerin eine meiner Broschüren schaut sich mein Bild darauf an und sagt: ein schöner Mann. Ich werde mich an diese positiven Erinnerungen halten. Die Einstellung gegenüber den Politikern ist leider meist eher allgemein negativ – nicht auf mich als einzelnen Kandidaten bezogen. Ich finde das ungerecht, jetzt wo ich selbst erlebt habe, was es bedeutet sich so einer Wahl zu stellen. Klar gibt es auch unter den Politikern unangenehme Typen. Aber ich habe jetzt viele kennengelernt die wirklich dass Wohl ihrer Mitmenschen im Blick haben, die natürlich Macht wollen, aber eben um das Land besser zu machen. Ich habe in allen demokratischen Parteien solche Menschen kennengelernt. Es ist für mich ein Versagen unserer Medien, dass diese Realität als Normalfall nicht bei den Menschen ankommt. Ich plädiere nicht für Kuscheljournalismus, sondern für eine korrekte Vermittlung dieser Realität, dass unsere Politikerinnen und Politiker unter Einsatz von körperlicher und seelischer Gesundheit, unter Gefährdung ihrer Beziehungen, ihrer beruflichen Chancen und unter Verzicht auf mögliche lukrativere Angebote für die Gestaltung unserer Welt einsetzen.

Ab wann wusstest du, dass es nicht reichen wird?
Erst am Wahlabend – ich habe bis zuletzt gehofft. Aber ich habe es natürlich vorher geahnt. Bei aller berechtigten Kritik an Umfragen geben sie schon den wahrscheinlichsten Wahlausgang wieder und, dass ich in meinem Wahlkreis kein komplett anderes Ergebnis als im Rest des Landes haben werde, war mir auch klar. Ich denke nach dem versemmelten TV-Duell war das nicht mehr zu gewinnen.

Kannst du einen oder mehrere Gründe benennen, weshalb du jetzt nicht in Berlin bist?
Die Bundeskampagne war nicht gut. Sie war zu wirr und nicht mutig genug. Wir haben nicht verloren, weil wir etwas falsch gemacht hätten, sondern weil wir nichts falsch machen wollten. Martin Schulz war ein super Kandidat, hat sich aber nicht getraut mit den 100 Prozent im Rücken sich auch im Willy-Brandt-Haus durchzusetzen. Auch nicht gegen Hannelore Kraft in NRW, die gemeint hat sie könne im Schlafwagen die Wahlen gewinnen. In München hätte ich die Wahl nicht gewinnen können, aber ich hätte sie auch nicht so sehr verlieren müssen. Ich denke ich habe zwar mit Wohnen, Infrastruktur, Betreuung und Einkommen in dieser teuren wachsenden Stadt auf die richtigen Themen gesetzt, aber ich habe keine Lösungen angeboten, die die Leute leicht verstehen konnten. Es ist so in München: wenn du eine günstige Wohnung hast, dann freust du dich über dein Glück. Wenn du keine günstige Wohnung hast, dann ist es für viele die Schuld der SPD. Das liegt daran, weil wir schon so lange Verantwortung tragen hier. Die Wahrheit liegt dazwischen. Aber wir müssen das, was wir für diese Stadt durchsetzen besser kommunizieren und wir müssen grundsätzliche Antworten finden auf das Wohnraumproblem und die anderen von mir angesprochenen Probleme. Da habe ich schon Lösungen, aber die passen nicht so leicht auf ein Plakat.

Gibt es etwas, was du im Rückblick anders machen würdest?
Ganz viel. Aber wenn ich mir ehrlich in die Augen gucke, dann weiß ich, dass ich vermutlich auch kein substanziell anderes Ergebnis hätte erreichen können. Ich fand, dass ich zum Beispiel eine überraschend passive Pressearbeit gemacht habe. Das hätte ich besser machen können. Aber die Frage ist auch: was hätte ich dann stattdessen weggelassen?

Hattest du nach der Wahl nochmal Kontakt mit einem deiner Gegenkandidaten? Vielleicht sogar mit dem neuen MdB Stefan Pilsinger von der CSU?
Ich habe allen drei gewählten Kandidaten aus meinem Wahlkreis gratuliert und freue mich auch darauf in Kontakt zu bleiben. Stephan Pilsinger und ich hatten ein höfliches und distanziertes Verhältnis. Ich bin nicht wirklich mit ihm warm geworden. Mit Lukas Köhler von der FDP habe ich mich am besten verstanden – nicht politisch aber menschlich und intellektuell. Ich glaube er ist ein guter Abgeordneter für seine Partei.

Du hast erzählt, dass du weiter Politik machen wirst. Kannst du mal den Hauptgrund sagen, warum du in den Bundestag willst?
Ich glaube, ich wäre ein guter Abgeordneter für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und für meine Partei. Ich bin jemand der gut Probleme lösen kann, der seine eigenen Interessen hintan stellt, der gut mit Menschen umgehen kann. Viele in meiner Partei sagen mir, dass sie meinen Wahlkampf gut fanden, weil ich mich nicht ausgeruht habe, sondern mit vollem Engagement und voller Kraft – von Umfragen und Rückschlägen unbeirrt – das durchgezogen habe. Mit einem ehrlichen freundlichen Lächeln auf den Lippen.

Gibt es so etwas wie eine wichtige Lehre, die du aus der Kandidatur gezogen hast?
Die soziale Spaltung dieser Stadt ist real und sie gefährdet unser aller Wohlstand. Eine ältere Dame hat mir erzählt: ich habe eine gute Rente und eigentlich keine Probleme – ich kann mir alles leisten. Aber jetzt merke ich, wie ich einsam werde, weil es meinen Freundinnen nicht so geht. Ich kann mit ihnen nicht in Urlaub fahren, weil sie sich das nicht leisten können. Wenn ich frage, ob wir in ein Kaffee gehen wollen, dann haben sie keine Zeit. Ich weiß, dass es eigentlich am Geld liegt. Ich würde sie ja einladen, aber dafür schämen sie sich. Diese Geschichte und ähnliche Geschichten zeigen mir, dass Armut unsere Gesellschaft zerstört. Es geht nicht nur um die Menschen, die keine Teilhabe an unserer Gesellschaft haben, sondern auch um die Gesellschaft, die von diesen Menschen abgetrennt wird. Ein Polizist hat das in einem Gespräch mit mir verschämte Armut genannt. Nur weil wir sie nicht offen sehen in München, heißt es nicht, dass sie nicht da ist.

Mehr über Dr. Bernhard Goodwin auf seiner Website goodwin.de

Wir sind unbeugsam (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Wenn Menschen übers Scheitern sprechen, dann meist so wie Fans des FC Bayern über Ole Gunnar Solskjær sprechen: Es geht dann um epische Katastrophen, um absolute Tiefpunkte und herausragende Niederlagen. Der 26. Mai 1999 war ein solcher Epic Fail – für Bayern-Fans auf ewig verbunden mit dem Namen des norwegischen Fußballers: Ole Gunnar Solskjær erzielte in der Nachspielzeit des Champions-League-Finals den 2:1-Siegtreffer für Manchester United. Und das nachdem die Bayern seit der 6. Minute (und bis zur 90. Minuten) mit 1:0 geführt hatten. „Bayern hatte die Hand schon am Silber“, kommentierte Marcel Reif in dieser historischen Nacht von Barcelona – die Beispiel ist für ein außerordentliches Scheitern.

In der Dramaturgie der klassischen Scheitern-Geschichte dauert es dann eine Weile bis sich der tragische Held aufrappelt und gestärkt weiter macht – und kurz danach ein strahlender Held wird. Bei den Bayern dauerte diese Phase zwei Jahre und endete am 25. Mai 2001 in Mailand. Dort hielt Oliver Kahn den entscheidenden Elfmeter von Valencias Angreifer Mauricio Pellegrino und aus dem tragischen Zweiten von 1999 wurde 2001 ein strahlender Sieger.

Scheitern betrachtet im Lichte großer Erfolge – auf dieser Ebene funktionieren Failgeschichten sehr gut. Auf dieser Ebene strahlen sie hell, illustrieren eine gelebte Fehlerkultur und die Silicon Valley-These vom „Fail often, fail fast“. Was aber, wenn man gar keine epischen Niederlagen und schon gar keine darauf folgenden historischen Erfolge vorzuweisen hat? (Darüber habe ich nachgedacht, weil ich zur Epicfail-Night am 9.11. in München eingeladen bin)

Ich bin Fan vom VfL Bochum. Aus meiner Perspektive ist dies der großartigste Fußballverein der Welt. Aus Perspektive derjenigen, die Champions League schauen, muss das nicht unbedingt stimmen. Und dennoch ist der VfL Bochum (zumal aktuell) weit davon entfernt, ein Champions-League-Finale auch nur verlieren zu können. Als die Mannschaft zu Beginn der Saison 2002/2003 den historischen Erfolg der Bundesliga-Tabellenführung feierte (nein, nicht am Ende der Saison), schrieb der wunderbare Fußball-Autor Christoph Biermann diese Sätze über den VfL Bochum – und über das Scheitern als Prinzip:

Die Welt des VfL Bochum ist ewiger Abstiegskampf, Fahrstuhlfahrten zwischen den Ligen, Schmerz, Trauer – und immer wieder Hoffnung. Ein zähes „Ihr da oben, wir hier unten“ ordnet die Welt seit Anbeginn. (…) Sieger waren mir aber immer schon langweiliger als jene, die interessant zu scheitern wissen. Deshalb fand ich es auch besonders cool, Anhänger des VfL Bochum zu sein, weil es im Grunde haltlos uncool ist.

Es ist zudem keine gute Grundlage für Scheitern-Geschichten, an deren Ende ein strahlender Held steht. Anhänger des VfL Bochum zu sein ist aber eine wunderbare Grundlage, um eine andere Geschichte vom Scheitern zu erzählen. Nicht jene, bei der man eine Niederlage wegsteckt und dann glanzvoll siegt, sondern diese hier: Die Geschichte vom beständigen Scheitern, vom „immer wieder“ und vom „wir sind immer noch da“; die Geschichte vom „nicht unterkriegen lassen“ und vom „trotzdem“ (siehe dazu auch The Age of Trotzdem)

In Bochum hat man dafür den Begriff „Unbeugsam“ gefunden. So ist es im Leitbild des Vereins notiert, das man sich beim VfL genau vor zehn Jahren (und als erste Bundesliga-Mannschaft überhaupt) gab. Aus demjenigen, was Biermann „haltlos uncool“ nannte, hat man so ein Alleinstellungsmerkmal gemacht. Das, was aus der Perspektive des Rasenballs als Defizit gilt, hat man zu einer Qualität entwickelt. Ressourcenorientiert kann man das nennen, was im Leitbild unter dem Schlagwort: „Wir sind unbeugsam“ notiert ist

Die Geschichte unseres VfL Bochum 1848 ist ein Spiegel der Geschichte des Ruhrpotts: oft unterschätzt, von Großen bedrängt und geprägt durch Widrigkeiten, Rückschläge und Niederlagen – aber immer noch da!
Gestern, heute und morgen: Wir trotzen selbstbewusst den Widrigkeiten, kämpfen gemeinsam gegen Rückschläge und bleiben auch bei Niederlagen fair!
„Nicht unter kriegen lassen“ ist unser Antrieb, „immer wieder aufstehen“ unser Prinzip, „trotzdem“ unser Motto!

Ich mag diese Perspektive auf Erfolg und Scheitern, weil sie anders ist als jene des epischen Versagens als Vorstufe zum Sieg. Ich mag sie, weil sie für Beharrlichkeit steht, für Ausdauer und Aushalten. In der unübersichtlichen, komplexen Welt, in der uns Prognosen und klare Zuschreibungen immer schwerer fallen, ist mir das fast schon bockige „Trotzdem“ zudem eine angemessene Richtschnurr für Pluralität. Den Widrigkeiten zu trotzen, Rückschläge zu meistern und am Ende den Kopf oben zu behalten und festzustellen: Wir sind immer noch da – das ist eine andere Geschichte als jene des großen Erfolgs. Der Umgang mit dem Scheitern ist hier nicht herausragend, sondern alltäglich. „Immer wieder aufstehen“ ist hier ein Prinzip, das einrechnet, dass man verliert, sich beständig korrigieren muss – aber das eben auch kann.

Denn das ist doch der Grund, warum wir in Wahrheit übers Scheitern sprechen: Weil es nicht mehr reicht, einfach nur im Recht zu sein. Weil die Welt so komplex geworden ist, dass man nicht selten überfordert ist und deshalb oftmals eben falsch liegt. Das geht aber nur, wenn man sich selber eingesteht, sich zu korrigieren. Wenn man seine Meinung nicht rausbrüllt, sondern ändern kann. Scheitern in diesem alltäglichen, nicht epischen Sinne interpretiert, ist ein Plädoyer für Pluralität – für die Annahme, dass man selber falsch und der andere richtig liegen könnte. Und bei diesem Verständnis von Scheitern geht es nicht darum, dass man sich einmal ganz doll geirrt hat und dann ganz richtig lag, sondern um einen kontinuierlichen Zweifel. Und um die Fähigkeit, trotzdem und immer wieder die Hoffnung nicht zu verlieren. Denn das scheint mir dringend überfällig: Hoffnungen ernst zu nehmen – und nicht nur Sorgen.

Deshalb: Am Montag besiegt der VfL Bochum im Abendspiel den Tabellenführer – ich hoffe jedenfalls drauf. Trotzdem!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Hoffnung für besorgte Bürger

Am Wochenende durfte ich im Rahmen des Zündfunk Netzkongress ein Lob auf das Smartphone singen. Es geht in dem Beitrag – der hier im Netz steht – auch um das Smartphone, aber vor allem geht es um ein anderes Verhältnis zum Neuen, zum Unbekannten.

Der Vortrag basiert in weiten Teilen auf dem, was ich im in einem Buch zusammengefasst habe, das im Januar 2018 bei Piper erscheint. Es heißt „Das Pragmatismus-Prinzip“ und fasst im Untertitel zusammen, worum es mir in Vortrag und Buch geht: „Zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“

Ich glaube, dass es an einem hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft fehlt. Das Morgen ist Optimisten wie hierzulande vor allem Pessimisten ein mit ihren Wünschen und vor allem Sorgen beschriebenes Blatt und viel zu selten ein offener, ein gestaltbarer Raum. Um es mit den Worten der sehr tollen Rebecca Solnit zusammenzusammen: Wir brauchen mehr Hoffnung. Sie schreibt:

Hoffnung ist die Umarmung des Unbekannten und dessen, was man nicht wissen kann. Hoffnung ist eine Alternative zu der Gewissheit, die Optimisten und Pessimisten gleichermaßen ausdrücken. Optimisten denken alles werde sich zum Guten wenden ganz ohne unser Zutun; Pessimisten nehmen die gegenteilige Haltung ein – beide finden darin eine Entschuldigung dafür, nicht selber aktiv zu werden.

Braucht man das? Noch bevor man mir nach dem Vortrag am Freitag die Frage stellen konnte, beantwortete die Bild-Zeitung sie übrigens per Titelzeile: „Deutschlands Schüler immer schlechter“ stand auf der Seite eins der Samstags-Ausgabe. Die Zeile sollte eine „Alarm-Studie zum Schreiben, Rechnen, Zuhören“ verkaufen und lieferte den perfekten Beweis für das, was ich in Vortrag und Buch kritisiere: Den Alarmismus, der vor allem darauf basiert, dass nach uns immer nur Niedergang kommt. Niemals würde irgendjemand behaupten, dass die nachfolgende Schülergeneration jetzt aber mal wirklich klüger und smarter sei als man selber. Immer wird behauptet, dass früher noch richtig gelernt, geschrieben, gerechnet und zugehört wurde. Muss ja auch so sein: Denn früher war man ja selber dabei.

Ich traue diesem Alarmismus nicht. Wo immer Hysterie und Panik geschürt werden, antworte ich mit dem Shruggie: ¯\_(ツ)_/¯ und frage mich: Und wenn das Gegenteil richtig wäre?

Diese Frage und die zugrunde liegende Haltung, die ich in Das Pragmatismus-Prinzip in zehn Gründen zusammnengefasst habe, scheint mir die beste Versicherung gegen den selbstgerechten Alterungsprozess zu sein, bei dem am Ende immer nur die eigene Vergangenheit als Maßstabe gilt – und nie die Zukunft als gestaltbarer Raum. Deshalb gilt: Für mehr ¯\_(ツ)_/¯!

Unser Land, unsere Regeln (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ Diese Worte stammen von Jens Stoltenberg aus dem Jahr 2011. Damals war der heutige Nato-Generalsekretär Ministerpräsident von Norwegen. Er sagte diese Worte als Reaktion auf den terroristischen Angriff in Oslo und auf der Insel Utøya. Die Zeit schrieb damals: „Er verteidigte genau jene offene und freie Gesellschaft Norwegens, die der Attentäter mit seinen Waffen und Bomben bekämpfen wollte. Dessen Hass und Destruktivität setzte Stoltenberg eine fast trotzige Zuversicht entgegen.“

Ich glaube, es ist auch in Deutschland Zeit für mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Der Angriff, den wir hierzuland auf die freie und offene Gesellschaft erlebten, ist zwar in keinerweise vergleichbar mit den Ereignissen in Norwegen – die Reaktion darauf ist es aber schon. Denn ich bin überzeugt davon, dass die nachhaltigste Antwort auf den Wahlerfolg der rechtsnationalen AfD darin besteht, die Regeln der offenen und freien Gesellschaft zu benennen und vorzuleben.

Die Art und Weise wie Teile der Union im Nachklang der Wahl versuchen, die Wähler*innen der AfD zurückzugewinnen, legt den Verdacht nahe, dass der Rassismus und das Gedankengut der AfD nun nicht zum ersten Mal ins Parlament einziehen. Es gab sie dort – wie auch in der Gesellschaft – schon vorher, vielleicht nur nicht so klar erkennbar als eigene Fraktion. Vielleicht müssen wir nach der Wahl anerkennen: Nationales und rassistisches Gedankengut „rechts von der Union“ gehören zu diesem Land. Und es die Aufgabe, einer freien und offenen Gesellschaft damit umzugehen, dafür zu werben, dass ein plurales Land die im Wortsinn bessere Alternative ist. Wer will, dass Rassismus im Parlament keinen Platz hat, darf nicht rechte Flanken schließen, sondern muss dafür sorgen, dass Rassismus aus den Köpfen verschwindet.

Und vielleicht kann dabei ausgerechnet ein Plakatslogan der AfD helfen, an dem ich in den vergangenen Wochen immer wieder vorbeifahren musste – eh er kurz nach der Wahl umfiel: „Unser Land – unsere Regeln“ steht auf dem Plakat. Und vielleicht geht es jetzt genau darum: die Spielregeln der Demokratie deutlich zu machen. Ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktioniert – unter Belastung wird sie stärker. Wir müssen sie trainieren. Das Wahlergebnis vom 24. September ist eine klare Aufforderung!

Mir ist schon klar, dass der Slogan als Abgrenzung gegen das Fremde gedacht ist. Aber warum nutzen wir ihn nicht als Erinnerung daran, was Demokratie und Pluralismus in diesem Land bedeuten?
Unser Land – unsere Regeln bedeutet für mich deshalb zuerst: der Bezug aufs Grundgesetz, auf die Würde des Menschen, auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Es bedeutet, Pluralismus und Toleranz nicht nur in Sonntagsreden anzusprechen, sondern im täglichen, inklusiven Miteinander zu leben und zu fördern. Freiheit ist in diesem Land immer auch die Freiheit des Andersdenkenden – und zum Andersdenken. Es heißt nicht, dass man immer Recht hat, es heißt auszuhalten, dass man unrecht haben kann. Wahrheit – ein Begriff, der auch auf dem Plakat steht – ist nichts, was man unumstößlich besitzen kann. Wahrheit muss sich immer wieder neu beweisen.
Das sage übrigens nicht ich, die Idee stammt von Karl Popper, der den Begriff „offene Gesellschaft“ prägte – und völlig zurecht immer dann skeptisch wurde, wenn Ideen totalitär wurden. Es scheint mir an der Zeit, Popper neu zu lesen – und sich mit einem ¯\_(ツ)_/¯ gegen diejenigen zu wappnen, die auf Angstmache und einfache Antworten setzen (ausführlich beschreibe ich das in meinen Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, das im Januar erscheint)

Unser Land – unsere Regeln bedeutet, dass nicht entscheidend ist, wo jemand herkommt. Das Grundgesetz spricht nicht durch Zufall von der Würde des Menschen und nicht von der Würde des Deutschen. Es bedeutet, dass wir auf Menschlichkeit setzen und auf die christlich-abendländische Tradition der Nächstenliebe. Die verträgt sich nicht mit Abgrenzung, Nationalismen und Rassismus. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist der Garant für das Unreine, für das Carolin Emcke in ihrem sehr empfehlenswerten Buch „Gegen den Hass“ plädiert. Unser Land – unsere Regeln ist auf diese Weise verstanden ein Aufruf zur Toleranz, zum Aushalten der gegenteiligen Meinung – in den Worten Jens Stoltenbergs: Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Wir haben in diesem Sommer – aufmerksame Newsletterleser*innen haben es verfolgt – im Rahmen des DemocracyLab der SZ ein Experiment in Sachen Demokratie, Offenheit und auch Menschlichkeit gewagt: Wir haben versucht, unsere demokratische Streitkultur zu verbessern.

Ich glaube, dass darin jetzt eine zentrale Aufgabe liegt: Streiten zu lernen! Wir müssen demokratische Spielregeln vorleben. Dem Fernsehen kommt dabei eine besondere Vorbildfunktion zu. Hier muss demokratische Streitkultur zu sehen sein, die den Perspektivwechsel salonfähig macht und mehr Pluralismus und Demokratie wagt. Nicht aus Naivität, sondern weil das beste Mittel gegen Hass eben nicht neuer Hass ist, sondern ein engagiertes Eintreten für das Unreine und eine „Kultur des aufgeklärten Zweifels und der Ironie“.

Lesen Sie es nach bei Carolin Emcke und werden Sie demokratisch aktiv – zur Inspiration kann diese tolle Liste vom „Was machen“-Team dienen, die seit Juni einen aktivierenden Newsletter verschicken!

PS: Es ist vermutlich kein Zufall, dass ich ausgerechnet in diesem Monat auf ein Gif des Illustrators Magoz gestoßen bin, das diese Haltung perfekt auf den Punkt bringt – übrigens über Sprach- und Nationalgrenzen hinweg.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

loading: Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND)

Die Vernetzung von Social Entrepreneuren und Social Startups in Deutschland ist das Ziel von Markus Sauerhammer und seinem Verein SEND. Dazu hat er diese Woche ein Crowdfunding-Projekt auf Startnext begonnen – und den loading-Fragebogen ausgefüllt.

Was macht ihr?
Wir bauen mit dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) eine Dachorganisation für Sozialunternehmer*innen auf. Die vordergründigen Ziele ist es, die Akteure der Branche zu vernetzen, mehr Sichtbarkeit für deren Lösungen zu generieren sowie die inhaltliche Zusammenarbeit zu verbessern. Gemeinsam mit dem Bundesverband Deutsche Startups (BVDS) werden wir zudem die Interessen der Branche gegenüber der Politik vertreten.

Warum macht ihr es (so)?
Bei all den aktuellen und vor uns liegenden Herausforderungen ist es wichtig die Mehrwerte des Fortschritts auf deren Lösung zu fokussieren. Gerade von politischer Seite wurde eine Unterstützung sozialer und gesellschaftlicher Innovationen in Deutschland viel zu lange verschlafen. Es wird Zeit zu handeln, damit wir endlich an ganzheitlichen Lösungen arbeiten.
Der Start über eine Crowdfunding-Kampagne bietet uns gleich mehrere Vorteile: Wir können darüber eine erste Mitgliederbasis aufbauen, sammeln die Finanzierung für den Aufbau unserer Arbeit ein und sorgen insgesamt für eine höhere Sichtbarkeit von Social Entrepreneurship und den damit verbundenen Akteuren. Es ist ein bisschen wie die eierlegende Wollmilchsau der digitalen Zeit.

Wer soll sich dafür interessieren?
Unsere Kernzielgruppe sind Sozialunternehmer*innen, die durch innovative Ansätze gesellschaftliche Herausforderungen lösen. Doch natürlich können Sozialunternehmen alleine nur bedingt erfolgreich sein. Wir brauchen das Engagement von Unternehmen, Stiftungen, Wohlfahrtsorganisataionen oder Privatpersonen, um positiven gesellschaftlichen Wandel und soziale Innovationen voranzubringen. Jeder kann sich bei SEND – zum Beispiel als Fördermitglied – einbringen. t.Hier noch einmal die konkreten Mehrwerte für die einzelnen Zielgruppen:
Mehrwerte für Sozialunternehmer*innen:
– Politische Interessenvertretung (über den BVDS) und damit eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Sozialunternehmer*innen
– Öffentlichkeitsarbeit für Social Entrepreneurship und Deine Arbeit
– Vernetzung, Bildung und Qualifizierung über Fachgruppen, Workshops und Events
– Vernetzung mit Akteuren aus Wohlfahrt, Politik und Wirtschaft

Mehrwerte für die Gesellschaft:
– Entwicklung zeitgemäßer Lösungen für drängende Herausforderungen
– Transformation hin zu einer Wirtschaft, bei der gesellschaftliche vor finanzieller Rendite steht

Mehrwerte für Politik, Wohlfahrt und Wirtschaft:
– Wirkungssteigerung eingesetzter Mittel durch Zusammenarbeit mit Sozialunternehmen
– Unterstützung bei der Weiterentwicklung eigener Lösungen
– Verzahnung von Stärken: effektive Zusammenarbeit zwischen etablierten Strukturen und agilen Social Startups zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen

Wie geht es weiter?
Aktuell liegt der Fokus auf dem Aufbau von SEND und unserer Auftakt-Kampagne. Neben dem Crowdfunding werden wir in den nächsten Wochen immer wieder Beiträge zu Sozialunternehmer*innen teilen und vor der Bundestagswahl die Antworten der Parteien auf unsere Wahlprüfsteine veröffentlichen.

Unsere Kernziele nach der Aufbauarbeit sind:
– Eine enge Vernetzung aller Akteure der Szene um effektiver den sozialen Herausforderungen zu begegnen
– Einen direkten Zugang zur Politik erzielen und gemeinsam mit dem Bundesverband Deutsche Startups e.V. die Interessen von Social Entrepreneurship vertreten
– Fachgruppen für Austausch und Qualifizierung aufbauen
– Regionalgruppen und -initiativen unterstützen
– Vernetzung und Kooperationen von Sozialunternehmer*innen mit Politik, Wohlfahrt und Wirtschaft
– Sichtbarkeit von Sozialunternehmer*innen und deren Lösungen erhöhen

Was sollten mehr Menschen wissen?
Sieht man sich die Geschichte an, geht mit dem technologischen Wandel auch immer ein gesellschaftlicher Wandel einher. Aktuell fokussiert man sich vor allem auf technologische und ökonomische Innovationen. In meinen Augen sind wir durch die Digitalisierung in ein Zeitalter des permanenten Wandels eingetreten. Es ist also wichtig, dass wir auch die Instrumente für die Lösung unserer gesellschaftlichen Herausforderungen weiterentwickeln. Global gewinnt hier Social Entrepreneurship zunehmend an Bedeutung. Die Herausforderung ist aber, dass diese Entwicklung von Seiten der deutschen Politik bislang größtenteils ignoriert wird. Die internationale Studie „The best place to be a Social Entrepreneur“ hat die 45 stärksten Wirtschaftsnationen auf ihre Ausgangsvoraussetzungen für Sozialunternehmer*innen untersucht. Insgesamt landet Deutschland auf Rang 12. Beim Punkt „Unterstützung durch die Politik der jeweiligen Regierung“ aber nur noch auf Rang 34 – zwischen Griechenland und Mexiko. Das Ergebnis verdeutlicht gut, wie groß der Unterschied zwischen unseren gewachsenen Werten und der aktuellen Politik ist. Während man in anderen Ländern den Wandel ernst nimmt und gestaltet, verharren wir im Status quo. Das wollen wir verändern! Gemeinsam mit der Crowd. Mit Dir.

Hier SEND auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Autor und Journalist und lebe in München. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (gerade ist „Meta! Das Ende des Durchschnitts“ erschienen), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Aktuell überlege ich, einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die im Internet Zuhause sind. Hier kann man sich dafür eintragen

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

Selbstverpflichtung gegen den Terror (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Die Waffe, mit der ein 22jähriger Marokkaner den Terror nach Barcelona brachte, war ein weißer Lieferwagen von Fiat. Er steuerte ihn am späten Nachmittag des 17. August über La Rambla und tötete und verletzte unzählige Menschen.
Ein schrecklicher Anschlag, der einen Mechanismus in Gang setzte, den man als zweite Waffe der Attentäter beschreiben könnte: die Prinzipien der weltweiten Aufmerksamkeit sorgten dafür, dass das Signal, das die Terroristen senden wollten, in Eilmeldungs-Geschwindigkeit in die Welt getragen wurde – illustriert von verwackelten Handybildern, die Menschen in Panik zeigen, Krankenwagen, die durchs Bild rasen und Opfern, die auf dem Boden liegen.

„Und wieder steckt die Berichterstattung der Massenmedien in einer Schleife fest – und spielt diese Bilder wieder und wieder auf unsere Bildschirme“, beschreibt Zeynep Tufeki die mediale Eskalation von Angst und Schrecken durch den internationalen Terrorismus. Dieser verfolgt eine Medienstrategie, die „genau darauf abzielt, diese Art der Berichterstattung zu erzeugen“, schrieb die Soziologin nach dem Anschlag von Manchester im Mai – und zeigte dabei ein Dilemma auf, über das wir – als freie Gesellschaft, der die Anschläge gelten – dringend weiter nachdenken sollten: „Wir spielen ihnen in die Karten, und sie bestimmen die Regeln.“

Wenn man sich der Frage widmet, wie man dem Terror angemessen begegnet, wird vor allem über mehr Polizei und ausgebaute Kompetenz der Sicherheitsbehörden gesprochen. Eingriffe in Grundrechte stehen zur Debatte, um in der Vereitelung von Terrorplänen erfolgreicher zu sein. Was aber wäre, wenn man an anderer Stelle ansetzt und die die Medienstrategie der Terroristen zerstört? (Testbild-Foto von Unplash)

Wie bei jeder Veränderung kann man auch diese Frage schon im Keim als naiv ersticken. Man kann sich aber auch die Mühe machen und nachfragen, was eigentlich wäre, wenn die westlichen Gesellschaften, deren Grundrechte und Ideen vom Terror angegriffen werden, sich auf ihre Fähigkeit zum Pluralismus und demokratischen Austausch besinnen und darüber diskutieren, wie sie einen Ausweg aus der (medialen) Spirale von Angst und Schrecken finden: Könnte man den Mechanismus der Eskalation nicht durchbrechen, indem man weniger und anders über den Terror berichtet?

Es ist das eine, die eigene Social-Media-Nutzung in Eilmeldungslagen Gegen die Panik auszurichten. Das ändere wäre, auch die mediale Berichterstattung zu überdenken: Muss jeder Attentäter die Prominenz der Seite eins erhalten? Muss das Programm unterbrochen werden, um in Sondersendungen zu berichten? Braucht es die Dauerschleife der oben beschriebenen Bilder?

Anders formulieren: Kann man einen Weg der Berichterstattung finden, der das Interesse der Öffentlichkeit bedient und den Opfern gerecht wird, ohne den Terroristen mit der Art und Intensität der Berichterstattung weiter in die Karten zu spielen?

Dieser Ansatz stellt nicht die Freiheit der Presse in Frage. Er zielt vielmehr auf die Grundfragen publizistischer Ethik in einem Zeitalter, in dem sich die Prinzipien von Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit verschoben haben. Wenn alle alles veröffentlichen können, braucht es Mittel und Wege, gerade im Nicht-Beachten und Nicht-Verbreiten seine Haltung auszudrücken. Von Christian Stöcker stammt der Begriff Ignorestorm, der den Versuch unternimmt, einer bewussten öffentlichen Provokation nicht auch noch dadurch zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, dass man sie thematisiert. Im Ursprung ging es dabei um Werbeformen, die absichtlich sexistisch oder rassistisch sind, um so auch die Aufmerksamkeit der Empörung und des Widerspruchs auf sich zu ziehen. Ich glaube, dass verantwortungsvolle Medien (und auch Menschen) genau hier vor einer zentralen Herausforderung im digitalen Zeitalter stehen – im Umgang mit Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit. Die zweite zentrale Herausforderung in diesem Zusammenspiel ergibt sich übrigens aus der Frage, wie man Relevanz abseits von Reichweite messbar machen kann.

Zu sagen, dass das alles keine Rolle spielt, weil irgendwer die Bilder ja doch zeigen wird, ist übrigens die Kapitulation vor jeglicher Verantwortung – und kommt nicht in Frage. Verantwortung zu übernehmen, heißt hier vielmehr z.B. über eine Selbstverpflichtung der Medien nachzudenken, wie wir sie zum Beispiel aus der Berichterstattung über Suizide kennen. Um Nachahmungen (den so genannten Werther-Effekt) zu vermeiden rät eine Richtlinie des deutschen Presserats zur Zurückhaltung in der „Berichterstattung über Selbsttötung“. Und im Schweizer Presserat betont die entsprechende Leitlinie sogar, die Folgen der Berichterstattung zu bedenken: „Die Frage der Medienwirkung ist bei Entscheid über die Publikation oder die Ausstrahlung eines Berichts über einen Suizidfall mit zu berücksichtigen.“

Warum sollte es eigentlich unmöglich sein, über eine vergleichbare Selbstverpflichtung gegen den Terror nachzudenken? („Die Frage der Medienwirkung ist zu berücksichtigen“) Klar, ich kenne die Bandbreite der Argumente, die von der berechtigten Befürchtung um Pressefreiheit bis zur Sorge ums blanke Geschäft reichen. Ich kenne aber auch das mal George Orwell und mal Lord Northcliffe zugeschriebene Zitat, nachdem Journalismus (oder Nachrichten) nur das ist, „was jemand irgendwo nicht veröffentlicht haben will. Alles andere ist Reklame bzw. Propaganda.“ Mit diesem Gedanken lohnt es sich erneut, den Text von Zeynep Tufeki zu lesen.

Nein, ich habe keine einfache Antwort auf die Fragen, die sich hier stellen. Aber noch viel weniger habe ich Lust, tatenlos mitanzusehen, wie Terroristen nicht nur einen Lieferwagen, sondern vor allem die Mechanismen der westlichen Medien für ihre Zwecke missbrauchen.

Es muss möglich sein, sich vor allem gegen den zweiten Teil entschieden zu wehren. Schließlich gelingt es, z.B. den europäischen Broadcastern einmal im Jahr, eine Veranstaltung wie den Europäischen Gesangswettbewerb zu organisieren. Könnte man sich nicht genau auf dieser Ebene zusammensetzen und eine Selbstverpflichtung diskutieren, die einige Regeln für Art und Intensität der Berichterstattung über den Terror festlegt – öffentlich diskutiert und zeitlich begrenzt. Ich weiß nicht, wie diese Regeln im Detail aussehen könnten, nehme aber an, dass man sich darauf einigen könnte, keine Bilder von den Attentätern zu zeigen und grundsätzlich auf heroisierende Berichterstattung zu verzichten. Wie weit die Selbstverpflichtung darüber hinaus gehen kann, muss öffentlich ausgehandelt werden. Und anschließend sollten die Ergebnisse als Medien-Manifest gegen den Terror veröffentlicht werden – mit Ablaufdatum, zu dem erneut verhandelt wird. Organisationen wie der Presserat sollten einbezogen werden, um auch die Diskussion in die Welt zu tragen – als Zeichen der pluralistisch geführten Debatte in einer wehrhaften Demokratie!

Ebenfalls zum Thema: Die Seite Gegen die Panik! und der zugehörige Hashtag #gegendiepanik


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Webdesign-Sommercamp in München

In den Ferien ins Internet: das ist die Ziel des Webdesign-Sommercamps, das Alexander Hoffmann und Philip Frank Anfang September in München anbieten. Das Besondere dabei: die beiden wollen Jugendlichen zwischen 10 und 15 Jahren Wege ins Netz zeigen. Ich habe Alexander dazu ein paar Fragen gestellt.

Zur Zeit sind in Bayern Sommerferien. Ihr bietet trotzdem einen Kurs für Jugendliche von 10 bis 15 Jahre an. Warum?
Der Kurs findet in der letzten Woche der Sommerferien statt, wenn die meisten Jugendlichen wieder aus dem „Urlaub“ zurück sind. Wenn ich mich an die wenigen Tage vor Schulbeginn zurückerinnere, habe ich sie zum Zocken von Computerspielen genutzt.

Wir möchten daher die Zeit nutzen und den Jugendlichen ohne Ablenkungen aus dem Schulalltag ein qualitativ hochwertiges Programm bieten, um einerseits Berührungsängste abzubauen und natürlich um zu zeigen, wie spannend die Welt der Programmierung sein kann.

Das ganze heißt „Webdesign Sommercamp“. Es gibt Leute, die behaupten, dass Jugendliche eh zuviel Zeit im Internet verbringen. Warum sollen sie jetzt auch noch Webdesign lernen?
Gerade deshalb glauben wir daran, dass Jugendliche zumindest die Grundlagen des Internets verstehen sollten, da sie es tagtäglich nutzen: Was passiert eigentlich, wenn man eine Website aufruft? Was sind Cookies, IP-Adressen oder Webserver? Wo liegen eigentlich die Daten, wenn man eine Website im Internet veröffentlichen will? Denn nur wer die Grundlagen versteht, kann sich besser vor Gefahren und Sicherheitsrisiken schützen.
Zudem eignet sich Webdesign hervorragend, um schnelle Erfolgserlebnisse bei der Programmierung zu erzielen und um ein langfristiges Interesse zu wecken. Zwar ist jetzt HTML streng genommen keine Programmiersprache, aber hier bekommen die Jugendlichen bereits ein Gefühl dafür, was es eigentlich bedeutet, wenn sie sich nur in ein paar Zeichen vertippen oder mal ein Zeichen vergessen. Das Ergebnis sehen sie sofort im Browser.

Und was sagst Du denjenigen, die finden, dass Kinder und Jugendliche möglichst wenig Zeit im Netz verbringen sollen?
Theoretisch brauchen die Jugendlichen kein Internet, um Programmieren zu lernen. Wir unterrichten z. B. an einer Schule bei der wir (leider) ohne Wlan auskommen müssen, weil externe Partner keinen Zugriff darauf haben dürfen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Es kommt natürlich immer darauf an, was die Kinder und Jugendlichen im Netz machen. Ich kenne z. B. einen geflüchteten Jugendlichen, der das Internet wortwörtlich aufsaugt und sich Webdesign und Grafikdesign selbst beibringt, weil er dort die Lerninhalte in seiner Sprache findet.
Oder ein anderer Fall: ein 12-Jähriger, der bereits mehrere Open Source Projekte unterstützt hat und damit so viel IT-Wissen angesammelt hat, dass er locker die Prüfung zum IHK Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung bestehen könnte. All das mithilfe des Internets.

Kannst Du ein bisschen was zu den Kurs-Inhalten sagen? Was zum Beispiel ist ein Twitter-Bootstrap?
Das ist ein Framework, mit dem man viel schneller und einfacher eine Website umsetzen kann, die sich auch auf mobile Endgeräte anpasst. Also responsive ist.


Ein Punkt heißt „Wie funktioniert das Internet?“…

Du öffnest deinen Browser und besuchst eine Website. Klingt simpel, aber was steckt eigentlich dahinter und woraus besteht dieses weltweite Netzwerk? Wir vermitteln den Jugendlichen einen Überblick über die Technologie, Geschichte und Politik des Internets und wie es uns in Echtzeit mit Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Hier erfährst du woraus sich dieses fast schon magische Phänomen in den letzten 25 Jahren entwickelt hat.

Und die anderen Inhalte?
HTML Grundlagen
Die Teilnehmer lernen, wie man Inhalte in einer Website definiert, die Website damit strukturiert und sie von Anfang an suchmaschinenfreundlich gestaltet.

CSS Grundlagen
In dem Abschnitt lernen die Jugendlichen, wie einfach es ist, die Schriftfarben oder Hintergrundbilder auszutauschen oder der Website ein schönes Layout zu verpassen.

JavaScript / Scratch
Die Jugendlichen erlernen hier die typischen Elemente einer Programmiersprache am Beispiel von JavaScript oder Scratch. Das ist besonders interessant für ihre Zukunft, da sich die Programmierkonzepte (Bedingungen, Schleifen, Variablen) in fast allen Programmiersprachen sehr ähneln.
Kennen sie eine Programmiersprache, erlernen sie damit sehr schnell eine weitere. Und sind die Konzepte einmal verinnerlicht, ändert sich auch die Denkweise hinsichtlich der Konzeption und Entwicklung von Algorithmen.
Die Jugendlichen bauen mit den gelernten JavaScript-Grundlagen ihren eigenen Vokabel-Test, um danach noch besser ihre Vokabeln aus der Schule üben zu können und um eigene Gamification-Ansätze auszuprobieren. Z. B. Vokabel-Test auf Zeit, Multiplayer-Modus, usw. Die Jugendlichen können selbst entscheiden, wie sie ihren Vokabel-Test anpassen.

Was ist das übergeordnete Ziel eurer Kurse: Was wollt ihr damit erreichen?
Wir wollen Berührungsängste abbauen und Menschen für IT-Themen begeistern.

Das Webdesign-Sommercamp vom 4. bis 9. September ist kostenlos. Es wird gemeinsam von Alexander Hoffmann, Gründer von COOK and CODE (Programmierkurse) und CHECK24 veranstaltet. Der Kreisjugendring München-Stadt stellt das Café Netzwerk als Location zur Verfügung. Hier kann man sich anmelden!

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen: Ein Interview mit den Machern des Hamburg App Camps

Freiheit zum Andersdenken (Digitale Juli-Notizen)

Die aktuelle Folge des Digitale-Notizen-Newsletters widmet sich dem demokratischen Wettstreit. Im Rahmen des DemocracyLab der SZ haben wir den ideologischen Turing-Test ausprobiert. Es handelt sich dabei um einen Rollentausch in der Diskussion, den regelmäßige Blog-Leser*innen bereits hier kennengelernt haben.

In dieser Woche haben wir dazu ein besonderes Streit-Experiment namens „Das ist Deine Meinung“ durchgeführt, in dessen Einladung es heißt:

Es sollte zur demokratischen Grundbildung zählen, auf tolerante Art streiten zu lernen. Dazu laden wir Sie ein: Probieren Sie es mit uns aus!

Am Mittwoch haben sich dazu rund vierzig Diskutanten in München getroffen und „Das ist Deine Meinung“ ausprobiert. Hier gibt es auf SZ.de ein Videofazit zu der Diskussion!

Im Text, den ich nach der Veranstaltung schrieb, steht:

Es ist die Idee des demokratischen Streits, dass auch die Minderheiten zu Wort kommen. Pluralismus in einer Demokratie bedeutet: die Bereitschaft, auch gegenteilige Meinungen auszuhalten. Denn erst diese Toleranz macht aus einem bloßen Wortgefecht ein echtes Gespräch. „Freiheit“, hat Rosa Luxemburg gesagt, „ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ An diesem Abend erfahren vierzig Frauen und Männer, dass man diesen Satz nicht nur als Appell an undemokratische Regime richten muss, die zum Beispiel Journalistinnen und Journalisten einsperren (#freedeniz). Die Diskutanten spüren, dass der Satz auch auf diese Weise funktioniert: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken.

Links:
Ankündigung
Video
Fazit


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).