Alle Artikel in der Kategorie “DVG

Wo bleibt die Titelseite für Internet-Seiten?

Das kann nur Print. Dieser Satz klingt bedeutsam in Anbetracht der aktuellen Titelseite der New York Times, die heute durch alle Timelines gereicht wurde und den Agenturen eigene Meldungen wert war. Und doch ist der Satz unwahr.

„We wanted to take over the entire page” erklärt Tom Bodkin, Art Director der New York Times, im Times Insider-Blog die Hintergründe für diese besondere Titelseite, die den Opfern der Corona-Pandemie gewidmet ist: „Die Zeitung hat in sechs Spalten ganzseitig die Namen von Hunderten Verstorbenen abgedruckt. In der Ausgabe stehen insgesamt 1.000 Namen aus veröffentlichten Nachrufen und jeweils ein persönlicher Satz zu den Opfern“, schreibt dpa und Willi Winkler ergänzt in der SZ: „Kein Corona-Opfer wird davon wieder lebendig, doch werden die Toten aus der nüchternen Sterbestatistik gehoben. Die Aktion, die vor einer Woche in ähnlicher Form auch die brasilianische Zeitung O Globo veranstaltet hat, ist natürlich auch ein politisches Statement gegen den amtierenden Präsidenten.“

Die Liste der Kurz-Nachrufe ist auch online aufbereitet, auch dort ist sie beeindruckend, erschütternd und traurig. Minutenlang scrollt man an 100.000 kleinen Figuren vorbei. Einige sind mit einem kurzen Satz beschrieben. Die Sätze haben die NYT-Journalist*innen aus Nachrufen, Todesanzeigen und Berichten zusammengetragen und sie geben der anonymen unvorstellbaren Zahl ein Gesicht. Das ist ein erstaunliches (daten-)journalistisches Projekt – aber es ist durch die Titelseite eben auch ein Symbol.

Womit wir beim Einstiegssatz und seinem Wahrheitsgehalt sind. Die Macht, die von einer Cover- oder Titelseite ausgeht, scheint fest mit Print verbunden zu sein. Dabei geht es bei dem, was die Amerikaner „Frontpage“ nennen, weniger um die Herstellungsform als um den Aufmerksamkeits-Fokus: „We wanted to take over the entire page” wäre durchaus ist auch im Web denkbar. Von der Werbung kann man lernen, wie Full-Page-Gestaltung aussieht. Redaktionell ist diese Form der ganzseitigen Aufmerksamkeits-Fokusierung aber noch ungewöhnlich. Das liegt vor allem daran, dass wir keine Titelseiten von Webseiten kennen. Warum eigentlich nicht?

Die Frage ist falsch gestellt. Denn in Wahrheit kann ich mir schon denken, warum Webseiten keine Cover haben: Weil es dafür eben kaum Vorbilder gibt. Mein Traum ist aber schon seit Jahren, dass auch Webangebote sich eine Verkaufs- und Aufmerksamkeits-Fläche suchen, die funktioniert wie das Magazin-Cover oder die Titelseite eines Print-Angebots. Ein Ort, an dem die relevantesten Themen eines Tages (oder jeder anderen Zeitspanne) auf neue Weise aufbereitet und präsentiert werden. Ich glaube, dass sich dieser Aufwand lohnen würde – die New York Times zeigt heute nur einen möglichen Grund.

Meine stille Hoffnung ist die taz, die angekündigt hat, ihre Print-Ausgabe in absehbarer Zeit einzustellen. Da deren Titelseite (und die dort getexteten Zeilen) aber eines der Alleinstellungs-Merkmale der taz ist, wird den Kolleg*innen sicher ein digitales Äquivalent zur Print-Seite-1 einfallen. Vielleicht ziehen dann andere nach – und am Ende posten dann alle ihre neuen digitalen Cover-Seiten auf Instagram.

Shruggie des Monats: Pure Vernunft

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Hätte diese Rubrik einen Soundtrack, es wäre vermutlich der Song „Neues vom Trickser“ der Band Tocotronic. 5:01 Minuten musikalischer Ausdruck eines Gefühls, das die Wissenschaft „Ambiguität“ nennt: die Mehr- oder Doppeldeutigkeit ist ein verbindendes Element aller Einträge.

„Eines ist doch sicher“, singt Dirk von Lowtzow in dem Song: „Eins zu eins ist jetzt vorbei.“ Und man fragt sich augenblicklich, ob sich dieses Ende nicht auch auf die besungene Sicherheit beziehen müsste. ¯\_(ツ)_/¯

Der Song würde in diesem Jahr volljährig. Das Spiel von parolenhaft-sicher besungener Unsicherheit ist dadurch aber nur besser geworden. Es zeigt (und das ist die Idee dieser Rubrik und die Haltung des damit verbundenen Buchs), dass die Wahrnehmung eines Inhalts von Mehrdeutigkeit geprägt sein kann – oder anders formuliert: dass die eigene Perspektive und der Kontext ebenso wichtig sind wie der Inhalt selbst.

In diesen wirren Corona-Tagen kann man das kaum besser illustrieren als an einem anderen Song, den die Band Tocotronic 2005 veöffentlichte. Er trägt den Titel „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und klingt so. In der zweiten Strophe heißt es:

Pure Vernunft darf niemals siegen
Wir brauchen dringend neue Lügen
Die uns den Schatz des Wahnsinns zeigen
Und sich danach vor uns verbeugen
Und die zu Königen uns krönen
Nur um uns heimlich zu verhöhnen
Und die uns in die Ohren zischen
Und über unsere Augen wischen
Die die, die uns helfen wollen bekriegen
Pure Vernunft darf niemals siegen

Wenn ich den Song in diesen Tagen wieder-höre, klingt daraus 4:21 Minuten musikalischer Ausdruck dessen, was Menschen gerade zu Wissenschafts-Zweifelnden werden lässt. Es sind dies Menschen, die mit der puren Vernunft der Wissenschaft hadern und die „dringend neue Lügen“ suchen, denen sie folgen und denen sie so glauben können, dass sie „zu Königen uns krönen“. Denn plötzlich verstehen sie die Welt wieder, durchblicken eine Verschwörung und erkennen gut und böse. Dabei trauen sie den Lügen so sehr, dass sie sogar „die, die uns helfen wollen bekriegen“.

Genau diese Haltung habe ich in den vergangenen Tagen in zahlreichen Mails gelesen, die ich als Antwort auf die beiden Texte erhielt, die ich in den vergangenen Wochen zum Thema Hygienedemo schrieb. Die fünf abschließenden Sätze wurden von Pocket auf die Startseite des deutschsprachigen Firefox-Internets gespült (Hintergründe zu der Dynamik hier*) und neben zahlreichen bestätigenden Mails erhielt ich auch eine Menge Widerspruch, ein wenig Hass und etwas Dummheit per Mail.

Diejenigen, die sich von den Texten angesprochen fühlten, verband etwas, was man beim Wiederhören von Pure Vernunft darf niemals siegen verstehen kann. Sie suchen Meinungen, „die uns in schönsten Schlummer singen“ und „die uns vor stumpfer Wahrheit warnen“. Ich will mich über diesen Wunsch nach Ansichten nicht erheben, „die uns durchs Universum leiten und uns das Fest der Welt bereiten“. Ich habe den eher verständnisvollen ersten Brief geschrieben, weil ich glaube, dass wir alle Gefahr laufen, dem süßen Zauber derjenigen Perspektiven zu erliegen, die uns bestätigen und uns die Angst nehmen – „nur um uns heimlich zu verhöhnen und die uns in die Ohren zischen und über unsere Augen wischen.“

Ein 15 Jahre alter Song liefert mir dafür jetzt eine Art Soundtrack: die konkrete Aufforderung, sich nicht über die Lügen der Hygienedemonstrierenden zu erheben, sich nicht für etwas Besseres zu halten und sich vor allem nicht auf das Spiel der Spaltung einzulassen. In der dritten Pure-Vernunft-Strophe heißt es nämlich:

Wir brauchen dringend neue Lügen
Die unsere Schönheit uns erhalten
Uns aber tief im Inneren spalten
Viel mehr noch, die uns fragmentieren
Und danach zärtlich uns berühren
Und uns hinein ins Dunkel führen

Mit dem Wissen von heute kann man das durchaus als Warnung lesen. Es bleibt in jedem Fall ein sehr guter Song. Denn wie gesagt: „Eines ist doch sicher. Eins zu eins ist jetzt vorbei.“

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

*Zur Dynamik der Pocket-Empfehlungen nochmal diesen Text lesen:

Shruggie des Monats: der „für später“-Button von Pocket

Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Ich habe gestern einen Beitrag vom Zeichner Janosch auf Facebook entdeckt. Es ist nur ein Satz, den er mit seinem Namen unterzeichnet hat: „Wer das hier liest, braucht sich vor nichts mehr zu fürchten“ steht da. „Mutmacher“ hat Janosch daneben geschrieben und dafür unzählige Herzchen bekommen.

Es ist eine wirklich schöne Vorstellung, etwas zu lesen, was uns die Angst nimmt. Keine Furcht mehr, einfach dadurch dass man etwas liest. Ich habe Angst in diesen Tagen und ich wäre deshalb fast reingefallen auf diesen Janosch-Satz. Denn wenn ich Angst habe, Unsicherheit verspüre oder keinen Ausweg sehe, dann sind Sätze wie jener von Janosch süße Versprechen. Sie bieten eine Lösung für Probleme, die mich überfordern. Sie beruhigen mich – auch wenn ich weiß, dass es diese sehr einfachen Sätze in Wahrheit nicht gibt. Trotzdem bin auch ich anfällig für die Dynamik, die Janosch mit seinem Beitrag anstößt. Diese Dynamik wird durch Social Media massiv verstärkt (Foto: Unsplash).

Deshalb schreibe ich Dir.

Wir haben uns in den vergangenen Jahren etwas aus den Augen verloren, Facebook hält uns aber in Verbindung und so habe ich in den vergangenen Wochen immer mal wieder Beiträge von dir gesehen. Du hast Interviews aus dem Kanal KenFM geteilt, eine Petition gegen die Maskenpflicht und gestern den Mut derjenigen gelobt, die „sich das Denken nicht verbieten lassen“ und in Stuttgart, Berlin und München „gegen den Gehorsam der Mainstream-Medien auf die Straße“ gegangen sind.

Ich sehe das entschieden anders als du, aber ich halte dich deshalb nicht für einen Nazi oder eine Verschwörungstheoretikerin. Ich nehme an, dass du diese Beiträge teilst, weil du dir ernsthaft Sorgen machst und ich kann das verstehen: Ich mache mir auch Sorgen. Vielleicht hat Facebook also gar nicht mal so Unrecht: Wir haben da eine Verbindung.

Diese Verbindung haben wir, obwohl ich sehr grundlegend anderer Meinung bin als du. Ich finde nicht, dass deine Ansichten unterdrückt werden in diesem Land oder dass deine Perspektive tot geschwiegen wird. Dass du diese Beiträge teilen kannst, dass Menschen auf die Straße gehen und auch Leute wie Ken Jebsen publizieren, zeigt, dass es Meinungsfreiheit gibt in diesem Land. Dass Leute wie er dennoch ständig so tun als würden sie gegen einen anders denkenden Mainstream kämpfen, ist Teil ihrer Strategie. Sie inszenieren sich als Vorkämpfer für die Wahrheit und deuten den inhaltlichen Widerspruch als Beweis dafür, dass sie unterdrückt oder zensiert werden. Es ist aber kein Ausdruck von Unterdrückung und Zensur, wenn man jemandem, der sich öffentlich äußert, deutlich macht, dass er Unsinn redet (hier und hier kann man das ausführlich nachlesen). Es ist im Gegenteil Beweis einer offenen Gesellschaft, um die Ihr Euch ja sorgt, dass eine Rede auch eine Widerrede erträgt.

Aber ich möchte dir hier gar nicht widersprechen, dich belehren oder gar beschimpfen. Ich habe ja gesagt: Wir haben vermutlich mehr gemein als uns gerade auffällt. Wir machen uns gerade beide Sorgen. Wir haben Angst, weil es so etwas wie diese Corona-Pandemie noch nie gab und wir alle nicht so genau wissen, wie es weitergeht. Diese Angst ist scheiße, aber wir können sie aushalten. Gemeinsam. Denn wir sind beide Menschen, uns verbindet die Sorge um unsere Lieben und wir wollen beide nicht, dass Menschen sterben müssen.

Ich glaube, dass viel mehr Menschen diese Sorge teilen als du denkst. Auch diejenigen Menschen, die du in „den Eliten“ oder „der Politik“ oder „in den Medien“ vermutest. Sogar Bill Gates teilt diese Sorge. Ich bin mir da sehr sicher und würde dich bitten, für einen Moment den Gedanken zuzulassen, dass auch die Leute am Robert-Koch-Institut, in der WHO und sogar die Bundeskanzlerin aus den gleichen guten Motiven handeln wie du und die anderen Leute, die auf die Straße gehen oder KenFM-Clips teilen. Stell dir mal vor wie es wäre, wenn wir allesamt gerade einfach nur scheiß Angst haben. Stell dir mal vor, dass „die da oben“ nicht gegen dich sind oder einen geheimen Plan verfolgen, sondern schlicht das Gleiche wollen wir du: dass dieser ganze Mist möglichst bald wieder aufhört.

Kannst du dir nicht vorstellen? Verstehe ich. Es gibt dafür sogar einen wissenschaftlichen Begriff. Man nennt das „Motive attribution asymmetry“. Der Begriff beschreibt das Gefühl, dass wir immer denken, diejenigen, die anderer Meinung sind als wir selbst würde ihre falsche Meinung aus boshafter Intention vertreten. Deshalb funktionieren die Beiträge von KenFM und anderen so gut: Sie reden uns ein, die anderen hätten einen bösen Plan. Wenn wir das glauben, erzeugen diese Beiträge genau das Gefühl von dem obigen Janosch-Satz. Wir müssen uns plötzlich nicht mehr fürchten. Denn es gibt jetzt einen Gegner, jemanden, dessen boshafte Pläne man bekämpfen kann. Damit gibt es etwas zu tun, man kann streiten und kämpfen – und zwar für das Gute, denn wenn die anderen das Böse planen, ist man ja automatisch auf der guten Seite.

Ich schreibe das nicht als Vorwurf, sondern als Bekenntnis: Ich kenne dieses Gefühl. Es ist „wie eine Kompassnadel, die immer in eine Richtung deutet: auf das Böse, das Falsche, das Ärgerliche. Das ist gut, denn dann bilde ich mir ein, wieder zu wissen, wie alles ist. Dann habe ich wieder Übersicht. Zumindest glaube ich das in diesem Moment der Empörung. Ich kann auf das Falsche zeigen, auf das, was ich anprangere. Das gibt mir nicht nur Orientierung, es bedeutet unausgesprochen natürlich auch immer: Ich stehe auf der richtigen Seite, bei den Guten, bei denen, die die richtigen Intentionen haben, das Richtige wollen.

Was aber, wenn es die anderen gar nicht gibt? Was wenn die, die wir für die anderen halten auch einfach nur das Beste wollen (halt auf einem anderen Weg)? Sobald du diesen Verdacht zulässt, fallen alle Beiträge von KenFM und den anderen in sich zusammen. Plötzlich verschwindet die mutmachende Kraft des „wer das liest, braucht sich nicht mehr zu fürchten“. Plötzlich steht man nackt da, ohne Gegenseite, ohne Kompassnadel und Orientierung.

Das ist scheiße. Und ich glaube, dass viele Menschen deshalb zu Covidioten werden, weil sie nicht mit der Angst umgehen können. Das will ich ihnen gar nicht vorwerfen. Wir haben schließlich alle Angst. Ich will dich aber bitten (weil wir uns kennen, weil wir eine Verbindung haben), lass dich nicht auf dieses Spiel mit der Spaltung ein. Es löst keine Probleme, wenn du ständig in wir und die denkst. Es hilft nicht weiter, wenn du in Microsoft Word ein Pamphlet gegen Bill Gates verfasst – selbst wenn du dich dann für einen kurzen Moment besser fühlst.

Mir hilft in diesen Situationen der Angst und Orientierungslosigkeit das Buch, das KenFM ständig in die Kamera hält. Das Grundgesetz sagt nämlich, dass wir die anderen als Menschen mit Würde wahrnehmen sollen. Dass wir ihnen zubilligen, eine andere Meinung zu haben und sie dennoch wertschätzend zu behandeln. Wenn dir das auch wichtig ist, hast du jetzt eine gute Möglichkeit damit zu beginnen. Stell dir zum Beispiel einfach mal vor, dass es Menschen gibt, die Masken nicht aus Gehorsam tragen, sondern aus Nächstenliebe. Sie wollen ihren Mitmenschen damit deutlich machen: „Falls ich das Virus in mir trage, möchte ich dich damit nicht anstecken.“ Ich finde das ein schönes Zeichen, das kraftvoller ist als alle Petitionen. Es ist Ausdruck von Vernunft – und darum geht es mir, wenn ich dir hier schreibe: Ich weiß, dass Du kein Covidiot bist. Ich weiß, dass du wie wir alle Angst hast und vielleicht an ein oder zwei Stellen unvernünftig abgebogen bist. Das ist kein Grund, unsere Facebook-Freundschaft zu beenden. Aber es ist ein Grund, nochmal darüber nachzudenken, von wem die Sätze eigentlich stammen, die das schöne aber trügerische Gefühl verbreiten, wir müssten uns nicht mehr fürchten.

Lass uns vernünftig bleiben! Auf dass dieser Scheiß bald vorbei ist

Mehr zum Thema:
> Auf Coronapause.de erklärt Heiko, wie er mal auf Fake-News reingefallen ist und diese weiterverbreitet hat
> eine kleine Anleitung Gegen die Panik und
> Zehn Tipps gegen Falschmeldungen im Netz

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Konstruktives Feedback für Ideen-Ausdauer

Arbeiten Sie in einem kreativen Unternehmen? Unterstützt Ihr berufliches Umfeld neue Ideen? Bei der Antwort auf diese Fragen spielen viele Faktoren eine Rolle: Wertschätzung für ungewöhnliche Wege, eine reflektierte Führungs-Ebene und eine grundsätzlich offene Atmosphäre im Unternehmen. In den vergangenen Wochen ist mir persönlich aber noch eine häufig unterschätzte wichtige Komponente für kreative Unternehmen aufgefallen, über die ich hier ein paar Sätze schreiben will: die (konstruktive) Feedback-Kultur (Foto: Unsplash)

Wer häufiger in diesem Blog mitliest, weiß, dass ich Sport-Metaphern schätze. Besonders gerne wähle ich Bilder aus dem Fußball oder nehme das Laufen als Symbol für eine außersportliche Entwicklung. Wenn ich im Folgenden erläutern möchte, wie konstruktives Feedback zu einer kreativen Unternehmenskultur beitragen kann, nehme ich natürlich wieder den Sport als Bild, denn es geht auch um eine läuferische Idee, die gerade bei der Süddeutschen Zeitung realisiert wurde: der Minutenmarathon.

Bis ich im vergangenen Herbst den Halbmarathon beim München-Marathon gelaufen bin, habe ich nicht verstanden, welche Kraft von den Trommel-Gruppen und Zuschauenden ausgehen kann, die einen Lauf begleiten. Für Außenstehende ist kaum nachvollziehbar was für Läufer*innen eine echte Superkraft werden kann: Menschen, die an der Laufstrecke stehen, trommeln, lachen und anfeuern. Die Strecke wird dadurch nicht kürzer, man braucht nicht weniger Kraft und doch wird alles viel leichter, wenn man Menschen an der Laufstrecke sieht, die gute Laune verbreiten. Vermutlich braucht man kein abgeschlossenes Psychologie-Studium um die Zusammenhänge zu verstehen, die von der besonderen Atmosphäre ausgehen, die durch Zuschauer-Support entstehen kann. Plötzlich läuft man leichter, die Beine sind auf einmal nicht mehr so schwer und das Ziel wirkt irgendwie näher oder zumindest erreichbar.

Ich glaube, dass der Weg von einer Idee zu einem neuen Produkt mit einer langen Laufstrecke vergleichbar ist. Irgendwer hat den Spruch geprägt Ideen seien wertlos, die Umsetzung sei entscheidend. Ich glaube, dass das klug klingt, aber nicht stimmt. Es gilt umgekehrt: Ohne Ideen ist alles nichts. Jede gute Idee beginnt mit einem mutigen Gedanken. Und kreative Unternehmen erkennt man daran, dass Menschen sich dort trauen, mutige Gedanken zu formulieren. Denn manchmal meistens sind diese mutigen Gedanken vor allem dies: unpassend, ein bisschen albern, dumm und undenkbar. Irrigerweise denken deshalb manche, alles was unpassend, ein bisschen albern oder dumm ist, sei deshalb sofort mutig. Das stimmt nun auch wieder nicht. Richtig ist aber, dass kreative Unternehmen Menschen brauchen, die mutig genug sind, das Unpassende auszusprechen – und auch umzusetzen.

Ein Minutenmarathon überträgt die zentrale Zahl eines klassischen Marathons von der Distanz auf die Dauer des Laufs: ein Minutenmarathon dauert 42,195 Minuten – und ist damit der beste Marathon für Laufanfänger*innen. Mehr zum Thema unter minutenmarathon.de

Um diesen Weg zu bewältigen, gibt es unterschiedliche Strategien. Eine meiner Einschätzung nach häufig übersehende Methode ist die des konstruktiven Feedback. Dieses fühlt sich an wie der Support bei einem langen Lauf an der Wegstrecke. Nein, damit meine ich nicht ein kritikloses Zujubeln. Ich meine dieses Gefühl, das sich beim Lauf einstellt, wenn man am Wegesrand einen ausgestreckten Daumen sieht: da sind Leute, die dir zutrauen, dass du ins Ziel kommst.

Für mich persönlich fühlt sich konstruktives Feedback in einem Team genau so an: da sind Leute, die einer Idee zutrauen, dass sie ins Ziel kommt. Meist sind dies nur kleine Zeichen, die aber sehr große Wirkung entfalten. Ich hatte hier eine ganze Liste unterstützender Hilfe beim konkreten Minutenmarathon-Projekt notiert, habe die aber gerade alle gelöscht, weil die Kolleg*innen schon wissen, dass ich sie meine, wenn ich schreibe: Es ist die Bereitschaft im Team und über Team-Grenzen hinweg, auch etwas zu tun, was man nicht zwingend tun muss. Es ist die Offenheit, eine Kritik nicht mit einem abwehrenden aber, sondern mit einem gestaltenden und zu formulieren. Es ist die Geduld, eine Idee bis zum Ende anzuhören, auch wenn es nicht das persönliche Lieblingsthema ist. Es ist die Offenheit, daran zu glauben, dass die Idee ins Ziel kommen kann.

Klar, diese Idee muss auch mit entsprechendem Engagement vorgetragen werden. Wer konstruktives Feedback wünscht, muss auch offen dafür sein und Kritik aushalten. Aber die entscheidende Superkraft, die kreative Unternehmen von den weniger kreativen Umfeldern unterscheidet, sind nicht Post-its oder Boards oder Chefs, die Agilität kennen. Die Superkraft für kreative Umfelder entsteht aus den vielen kleinen Rückmeldungen, die gestaltend sind und nicht destruktiv. Das sind Bemerkungen, die von Freundlichkeit getrieben sind, nicht von Missgunst. Das sind Hinweise und Tipps auf weiterführende Ideen und auch Warnungen vor Umwegen. Aber nie sind sie aus einer Ablehnung oder Arroganz heraus formuliert, sondern stets aus dem Glauben an ein gemeinsames, erreichbares Ziel (wie man gutes Feedback lernt? Bei Neue Narrative gibt es ein paar Vorschläge.)

Bei dem aktuellen Projekt ist mir wegen der Corona-Krise besonders aufgefallen, welche Energie in diesen vermeintlich kleinen Gesten des konstruktiven Feedbacks steckt. Die vergangenen Wochen waren nicht einfach und ein neues Projekt nicht gerade passend. Es ist trotzdem ins Ziel gekommen – und heute wird der erste Laufnewsletter verschickt.

Deshalb habe ich mir selber vorgenommen, in Zukunft viel besser zu überlegen, wie ich Feedback gebe. Denn auf diese Weise kann jede und jeder eine Menge dafür tun, ein offenes Umfeld zu schaffen. Anders formliert: ob ich in einem kreativen Unternehmen arbeite, hängt auch davon ab, wie ich Feedback gebe und auf neue Ideen reagiere…

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„Das Wichtigste ist aber, eine gute Bindung zu den ZuschauerInnen aufzubauen“ Als DJ im Live-Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 11: DJ im Stream (Foto: unsplash)

Ivo Schweikhart ist Club-DJ. Als eavo trat er vor Corona-Krise regelmäßig in 16 Clubs bundesweit auf. Inzwischen streamt er seine Sets von seinem Wohnzimmer aus, zum Beispiel am 9.5. auf dringblieben.de. Mehr Termine unter facebook.com/neinmaschine.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Da bin ich eventuell eine Ausnahme, denn eigentlich finde ich den Austausch mit den Menschen beim Streaming viel intensiver und direkter als vorher. Im Club kommunizieren die Leute mit mir quasi nur über die Tanzfläche: Ich sehe, ob sie voll oder leer ist, ob die Leute tanzen oder – im schlimmsten Fall – einfach nur rumstehen. Direkten Austausch gibt es dort eigentlich nur selten. Das ist jetzt im Chat anders. Zwischen den Übergängen stehe ich oft in regem Kontakt mit den ZuhörerInnen im Chat. Dennoch fehlt mir der Blick auf die Tanzfläche …
Aber was mich an der neuen Situation am meisten irritiert, ist die fehlende Lautstärke. Ich kann in meiner Etagenwohnung natürlich nachts nicht so laut aufdrehen, so kann ich mich selbst bei den Übergängen manchmal kaum hören.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Meine größten Hürden waren technischer Natur. Ich habe mich Mitte März zum ersten Mal mit Streaming-Plattformen und -Programmen wie OBS beschäftigt. Zudem musste ich mit der mir zur Verfügung stehende Hardware improvisieren. Zum Glück gibt es im Internet überall leicht verständliche Tutorials.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Na klar, wie schon angesprochen, stehe ich in engerem Kontakt mit den Gästen. Ich habe zudem das Gefühl, dass die Leute in die Streams zumeist gezielter kommen als in die Clubs. Den Stream klicken sie vor allem wegen der Musik an. Das Trinken, Tanzen oder Andere-Leute-Kennenlernen spielen im Internet eher eine kleinere Rolle. So kann ich die Abende musikalisch abwechslungsreicher gestalten und mehr unbekannte Musik spielen, was mir viel besser gefällt als vorher.
Zudem kann ich neue Konzepte ausprobieren. Ich muss es sogar, um die Leute nicht zu langweilen, denn im Internet können mich dieselben Leute ständig sehen, während sie im Club meistens 2-3 Monate warten mussten, bis ich mal wieder in der Stadt war.
Ein großes Plus ist auch, dass mein Bett jetzt nur noch ein paar Schritte von meinem Arbeitsplatz entfernt steht.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Wie gesagt, der Chat hilft mir viel. Ich bin sehr froh, dass ich während des Auflegens meistens noch Zeit habe, mit den ZuschauerInnen zu kommunizieren, zumindest aber den Chat im Auge behalten kann.
Außerdem achte ich auf die laufenden Veränderungen bei den Viewer-Zahlen.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Ich mache das ja erst seit ein paar Wochen. Daher bin ich nicht in der Position, Ratschläge zu erteilen. Mir hat es geholfen, andere Streams anzuschauen und zu überlegen, was ich ähnlich machen kann, aber auch, was ich selbst eventuell besser machen könnte.
Besonders wichtig finde ich, im Blick zu behalten, dass man Offline-Konzepte nicht eins zu eins ins Internet übertragen kann. Streamings funktionieren einfach ganz anders.
Das Wichtigste für mich ist aber, eine gute Bindung zu den ZuschauerInnen aufzubauen. Und das macht mir auch viel Spaß.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich streame mit einem alten Macbook und OBS. Als Kamera verwende ich ein Ipad Pro. Den Sound bringe ich mit einer externen Soundkarte (Yamaha Audiogram 3) in den Streamingrechner.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

Hier kannst Du meinen Newsletter zum Live-Thema bestellen

In Kategorie: DVG
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Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer hat die Digitalisierung in deinem Unternehmen in den vergangenen Jahren entscheidend voran gebracht? Es folgen drei Abkürzungen zum Ankreuzen: Variante a) der CEO (was die Abkürzung für den obersten Chef ist), b) der CTO (steht für Chief Technology Officer) oder c) COVID_19 (was keine Berufsbezeichnung ist, sondern die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte Viruskrankheit, die gerade die Welt wie wir sie kannten sehr grundsätzlich verändert). Jemand im Internet hat sich den Spaß gemacht, COVID_19 anzukreuzen und dieses Bild ins Netz zu stellen. Die Botschaft ist deutlich: die Coronakrise ist der bedeutsamste Digitalisierungs-Treiber der vergangenen Jahren. Plötzlich entdecken Menschen den Zauber der digitalen Vernetzung, die das Internet eigentlich ablehnen. Plötzlich ist möglich, was jahrelang verschleppt wurde – weil es schlicht die einzige Möglichkeit ist, jetzt und sehr vollständig auf das Digitale zu setzen. „Die Corona-Krise ist ein gesellschaftlicher Umkipp-Punkt, an dem auch die skeptischen Teile der Gesellschaft die seit Jahren beschriebenen Möglichkeiten in die Tat umsetzen“, so mein Urteil am Beginn der Krise, als die Gesellschaft feststellte: Immerhin gibt es das Internet.

Mit jedem Tag, den die Krise dauert, wird aber deutlicher, dass sich gerade nicht nur auf der Anwendungsebene Grundsätzliches ändert. Corona treibt die Digitalisierung nicht nur in der selbstverständlichen Nutzung, sondern auch im Denken voran: Ich meine beobachtet zu haben, wie die Corona-Krise der Gesellschaft ein „Digital Mindset“ nahebringt. Das Leben in der Ungewissheit macht die vormals abstrakte Rede von der VUCA-Welt (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguitität) sehr konkret greif- und fühlbar. Deshalb glaube ich, dass man der Corona-Krise mit Denkmustern begegnen kann, die aus dem Digitalen stammen. Es sind Muster, die noch nie auf Gewissheiten bauen konnten, die auf Lernen und Entwicklung setzen und keine Masterpläne mehr suchen. Ich habe diese Muster in meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ beschrieben und fasse hier die fünf wichtigsten zusammen, die beim Denken in der Corona-Krise helfen können

1. Auf Sicht fahren

Der Weg vor uns liegt im Nebel (Symbolbild: unsplash). Die Corona-Krise zeigt deutlich, was im Digitalen so ähnlich schon immer galt: Wir können nur bedingt planen. Wir bewegen uns in kleinen Schritten und bringen jederzeit die Bereitschaft mit, Anpassungen vorzunehmen. Die Idee, in Sprints zu arbeiten, ist eine Reaktion auf genau diese Ungewissheit. Darin steckt die Bereitschaft, nicht immer „das große Ganze“ lösen zu wollen, sondern sich in Iterationen vorwärts zu bewegen und aus Fehlern zu lernen. Auch auf die Corona-Krise mit diesem agilen Denken zu reagieren, scheint mir ein sinnvoller Weg zu sein. Denn wie absonderlich „der langfristige Plan“ in diesen Zeiten wirkt, merken wir wenn wir überlegen, was wir Anfang März über Corona und die nächsten Wochen sagten…

2. Ausprobieren

Nicht nur in der Corona-Krise gilt: Es gibt nicht den einen Masterplan zur Bewältigung dieser Herausforderung. Es ist eine neue Situation, für die es keine Blaupause aus der Vorgänger-Generation gibt, die Älteren sind nicht automatisch die Klügsten im Raum, sondern genauso ratlos wie wir alle. Wir sind wohl oder übel aufs Ausprobieren angewiesen. Das bedeutet aber auch: wir sollten aufhören, nach Masterplänen zu suchen und beginnen, Menschen zu loben, die Fehler korrigieren und neue Entscheidungen treffen. Lernende System zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf neue Gegebenheiten reagieren, sich anpassen. Wenn der Weg beim beim Gehen, braucht man dafür einen grundlegende Offenheit: Build, Meassure, Learn – der Imperativ auf „Lean Startup“ ist digital denkenden Menschen schon länger ein Leitbild. In der Corona-Krise wird er auf Infektionszahlen und Reproduktions-Statistiken ausgedehnt.

3. Kleiner denken

Wenn es keinen Masterplan gibt, kann man auch aufhören, nach einem stimmigen Fünf-Jahres-Konzept zu suchen. Wichtiger als detaillierte Milestones ist ein grundsätzliche Übereinkunft über die gemeinsame Richtung. Kein einzelner Schritt wird das Gesamtproblem lösen, aber ohne die einzelnen Schritte, kommen wir nicht voran. Wer im digitalen Denken sozialisiert ist, hat sich schon vor Jahren von der Perspektive verabschiedet, alle Probleme auf einmal und vor allem perfekt lösen zu wollen. In agilen Zusammehängen sagt man deshalb: „Done is better than perfect“. Mit Corona-Stimme gesprochen heißt das: Es kann schon ein Erfolg sein, wenn man einen Tag schadenfrei überstanden hat und Schlüsse für den nächsten Tag zieht.

4. Ambiguität aushalten

Komplexe Probleme zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine einfachen Lösungen beinhalten. Schlimmer noch: Manchmal können widersprüchliche Antworten richtig sein bzw. Berechtigung haben. Damit umzugehen nennt mit Ambiguitätstoleranz. Diese Fähigkeit lernt man an keiner Schule, sie basiert auf dem Mut, eigene Wahrheiten in Frage zu stellen – und mit einem ¯\_(ツ)_/¯ immer die Frage zu stellen: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?

5. Vernünftig bleiben

Das süßeste Gift in komplexen Zeiten ist das beruhigende Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Social Media katalysiert diese Form von Selbstvergewisserung in einer Weise, die bedrohliche Züge annehmen kann. Was die Seife im Kampf gegen das Virus ist, ist die Vernunft im Kampf gegen die einfachen Wahrheiten: Sie hilft, die gefährliche Verbreitung zu unterbinden. Dazu zählt, allen Schuldzuweisungen zu misstrauen, die „die Medien“, „die Eliten“ oder „die Pharma-Industrie“ als Strippenzieher eines geheimen Plans „enttarnen“. Die Unterstellung, alle anderen würden nur Böses im Sinn haben und dieses Böse durch die Reaktionen auf die Corona-Krise umsetzen, ist vielleicht beruhigend, aber leider vor allem eins: unvernünftig (Mehr über das „Motive attribution asymmetry“ genannten Phänomen hier).

Vernunft basiert auf dem Mut, sich nicht den Emotionen hinzugeben. Die Fähigkeit, die man dafür immer wieder aufbringen muss, hat Christoph Kucklick mal als „Überforderungsbewältigungskompetenz“ beschrieben. Also als die Fähigkeit, die eigene Überforderung nicht durch einfach Antworten zu bekämpfen, sondern sich der Ratlosigkeit zu stellen und pragmatisch auf sie zu reagieren. Für mich bringt das Schulterzucken des ¯\_(ツ)_/¯ diese Haltung perfekt auf den Punkt. Im Umgang mit den digitalen Herausforderungen habe ich es als enorm hilfreich kennengelernt. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Haltung auch in Bezug auf die Corona-Krise lernen – auch wenn es schwierig ist.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich häufiger mit dem Thema „Digitales Denken“ befasse. Dazu sind zuletzt erschienen: „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Wer mehr über das Thema Digitales Denken wissen möchte: mein Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ handelt genau davon, wie man auf unsichere und komplexe Situationen reagiert.

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„Das Seminar ist jetzt eher eine Art Vorlesung“ – Kreatives Schreiben im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 10: Kreatives Schreiben im Stream (Foto: unsplash)

Pierre Jarawan ist Autor, Poetry-Slammer und Workshop-Leiter. In den vergangenen Tagen hat er seinen ersten Workshop zum Thema „Kreatives Schreiben“ im Live-Stream gehalten.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Es ist schon ein Umstellung, da es einer anderen Arbeits- und Herangehensweise bedarf, allerdings sind das kleinere Anpassungen, nichts, was mich groß umtreibt. Wobei ich feststelle, dass ältere Teilnehmer*innen durchaus ihre Anpassungsschwierigkeiten haben, aber die sind technischer Natur und nach ein paar Erläuterungen ebenfalls schnell behoben.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Ich unterrichte jetzt kreatives Schreiben online. Normalerweise gestalte ich diese Art von Unterricht möglichst interaktiv mit vielen Diskussionen und Schreibübungen, Feedbackrunden. Das ist jetzt schwieriger. Wenn in einem Online-Meeting alle durcheinander reden ist an produktives Arbeiten nicht mehr zu denken. Insofern musste ich das Konzept an die Gegebenheiten anpassen. Schreibübungen schicke ich jetzt vorab, lasse während des Seminars alle ihre Mikrofone ausschalten und arbeite mit Handzeichen. Fragen können mir im Chatfenster gestellt werden. Insofern ähnelt das Seminar jetzt eher einer Art Vorlesung. Ich habe das Gefühl, dass diese Form des Unterrichts einer völlig anderen Art der Konzentration bedarf. In einem Raum hast du schnell ein Gefühl dafür, ob du die Teilnehmer*innen auch wirklich erreichst, das ist hier nicht so.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Ein Vorteil ist natürlich, dass ich jetzt das Haus nicht verlassen muss (auch wenn ich den direkten Kontakt mit den Menschen immer der Onlinevariante vorziehen würde). Und natürlich hat sich das Einzugsgebiet vergrößert. Bei einem Online-Seminar können Menschen von überallher teilnehmen, während bei einem Workshop im Literaturhaus oder an der Uni nur Menschen aus der Gegend mitmachen können.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?

Die Antwort hierauf ist ja in 2. enthalten :)

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Ich weiß nicht, ob ich in der Position bin, Ratschläge geben zu können. Auch für mich ist diese Form neu. In meinem Fall hat sich hier eine Alternative eröffnet, mit der ich mein Einkommen zumindest teilweise erhalten kann, denn meine Lesereise für meinen neuen Roman ist komplett abgesagt worden. Insofern hat das Online-Streaming etwas Rettendes für mich.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Die Schreibwerkstatt findet mit Cisco Webex statt. Mir fehlen die Vergleiche – aber das Programm tut, was es soll, läuft halbwegs stabil und wenn alle Kopfhörer tragen geht auch die Soundqualität in Ordnung. Der größte Vorteil für mich liegt in der Möglichkeit, Dokumente für alle sichtbar hochzuladen oder meinen Desktop freizugeben, um z.B. Schreibübungen zu zeigen oder etwas an bestimmten Textstellen zu verdeutlichen. Das ist dann das Äquivalent zur Tafel im Klassenraum, und mehr bräuchte ich auch „da draußen“ nicht, um meine Arbeit zu machen.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

Hier kannst Du meinen Newsletter zum Live-Thema bestellen

In Kategorie: DVG
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Shruggie des Monats: der Live-Stream

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Der Live-Stream als Shruggie der Corona-Zeit hängt eng zusammen mit den Lehren, die ich hier notiert habe und den Interviews, die hier im Blog gesammelt sind.

Zu dem gesamten Themenkomplex plane ich hier einen Newsletter!

These: In ein oder zwei Jahren wird es normal sein, dass auf jeder Nachrichtenwebsite prominent im Kopf ein „live“-Button leuchtet. Die Corona-Krise zeigt uns gerade, wie virtuelle Verbindungen funktionieren. Zwar nicht so lebendig und greifbar wie der Austausch in physischer Nähe, aber doch besser als alle immer dachten. Vielleicht wird aus dem aktuellen Notnagel „Live-Stream“ in Zukunft ein echtes digitales Geschäftsmodell, das sich zum Beispiel darin zeigen könnte, dass Webseiten ein Live-Ressort bekommen, in dem vom Live-Ticker bis zum gemeinsamen Stream alles gebündelt wird, was als Echtzeit-Erlebnis das bisherige Angebot ergänzt.

¯\_(ツ)_/¯

Wie ich darauf komme, kann man in meinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ nachlesen. Ich glaube, dass wir kulturelle Produkte mehr als Prozess (wie Software) denken könnten – und damit bemerken: Das Internet ist nicht nur Dokumentationsmedium, sondern vor allen Dingen ein Erlebnismedium. Teil- und Einflussnahme am Entstehen sind hier wertvoller Bestandteil der bisher als abgeschlossen gedachten Inhalten in allen erdenklichen Formen. Durch die Corona-Krise wird dieser Wandel vom Produkt zum Prozess auch für vormals weniger digitale Menschen greif- und fühlbar. Der Live-Stream macht aus Text, Bild und Ton ein Erlebnis, aus dem womöglich neue Finanzierungsmethoden erwachsen können – wenn wir anfangen, „live“ zu denken (am 1. Mai werde ich in einem Insta-Live versuchen, der Frage nachzugehen „Wie sieht die Live-Version eines Buches aus?“)

Meine Behauptung basiert nicht nur auf persönlicher Beobachtung, sondern vor allem auf einer großen Ankündigung des Facebook-Konzerns, der sich ja schon länger auf dem Dark-Social-Weg von einem offenen Marktplatz zu einer großen Summe vieler kleiner privater Räume befinden. „Video-Präsenz“, hat Mark Zuckerberg an diesem Wochenende angekündigt, „ist keine neue Ära für uns, aber es ist eine Ära, in die wir tiefer einsteigen wollen.“

Über die wichtigsten Angebote des Facebook-Konzerns hinweg (Messenger, Portal, WhatsApp und Instagram) wird (in Varianten) ein Video-Call-Angebot ausgerollt, das auf den Namen „Messenger Rooms“ hört: „Einfach einen Raum direkt über Messenger oder Facebook erstellen und jeden gewünschten Teilnehmer zum Beitritt einladen, auch wenn die Person kein Facebook-Konto besitzt“, schreibt Stan Chudnovsky im Unternehmensblog.

Damit reagiert Facebook auf die weltweite soziale physische Distanz durch die Corona-Krise und kopiert das Angebot von Zoom, das durch den rapiden Aufstieg von Live-Streams extrem populär geworden ist – und beschleunigt damit eine Entwicklung, die sicher nach Corona bleiben wird: der Live-Stream wird immer wichtiger.

Gerade ist er die einzige Möglichkeit des direkten Austauschs, aber auch wenn dieser direkte Austausch wieder möglich wird, wird das Live-Gefühl bleiben. Hier im Blog hatte Gerd Leonhard zurecht prognostiziert: „Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.“

Dafür spricht auch ein Feature, das Facebook für seine Rooms ankündigt: „Um Kreative und kleine Unternhemen zu unterstützen, wollen wir die Möglichkeit ergänzen, Eintritt zu verlangen für den Zugang zu Events mit Live Videos auf Facebook.“

Um diese Entwicklung zu begleiten, plane ich hier einen Live-Newsletter. Außerdem werde ich meine eigenen Live-Experimente als Virtual-Keynote-Speaker dort dokumentieren. Denn die Corona-Krise zeigt sehr deutlich, wie der Live-Stream an Bedeutung gewinnt – dazu auch diese Schwerpunkte hier im Blog:

> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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Lob der Kopie: Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Wie reagiert man angemessen auf den Schwachsinn, den Donald Trump in seinen so genannten Pressekonferenzen von sich gibt? Über das letzte Treffen mit Vertretern der Presse schreibt die SZ:

Trumps Statement war wie üblich von Lob für die eigene Regierung und von wissenschaftlich haarsträubenden Aussagen gespickt, wie etwa der Idee, an Covid-19 erkrankten Patienten Desinfektionsmittel zu injizieren oder sie mit ultraviolettem Licht zu bestrahlen.

Die Deutsche-Presse-Agentur berichtet, dass offizielle Stellen und sogar die Hersteller von Desinfektionsmitteln sich daraufhin veranlasst sahen, Warnungen auszusprechen, den „Ideen“ des US-Präsidenten nicht zu folgen.

Die Katastrophenschutzbehörde des US-Bundesstaats Washington warnte die Bürger im Anschluss auf Twitter vor der Einnahme von Reinigungs- oder Desinfektionsmitteln: «Machen Sie eine schlechte Situation nicht schlimmer.» Der britische Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser, zu dessen Marken Sagrotan gehört, erklärte, dass Desinfektionsmittel «unter keinen Umständen» verabreicht werden sollten.

Man bleibt fassungslos zurück und fragt sich: Wie kann man auf diesen Schwachsinn noch angemessen reagieren? Wie kann man diese Aussagen des US-Präsidenten noch einordnen, kritisieren oder gar parodieren? Eine Antwort gibt es seit einer Weile auf Tiktok. Der Dienst, der mit dem Nachsingen von Sounds begonnen hat, hat quasi nebenbei die effektivste Form der Trump-Kritik erfunden: ihn selbst zu Wort kommen lassen!

Künstlerinnen wie Sarah Cooper tiktoken den Präsidenten, d.h. sie nehmen den Originalton seiner Pressekonferenz und bewegen dazu auf Tiktok ihre Lippen. Das sieht dann so aus und ist sehr sehr lustig:

Andere Nutzer*innen verwenden ihre Soundvorlage mit dem Trump-Quatsch und spielen ihn ebenfalls nach. Das ist zuvor schon bei anderen Presse-Statement des Präsidenten passiert – und ich werde den Eindruck nicht los: Tiktok scheint gerade die beste Möglichkeit zu bieten, den Quatsch, den Trump von sich gibt, zu kommentieren.

@kyscottt

ur doing great sweetie ##antibiotics ##covid19 ##covid ##quarantine ##intheclub ##drunkwords ##trump

♬ original sound – iampeterchao

Mehr über Tiktok gibt es hier im Blog und unter tiktok-taktik.de – und wer verstehen will, warum das Kopieren schon immer eine wunderbare Form der Kritik war: Ein Lob der Kopie!

Update: The Atlantic hat Sarah Cooper zu der Trump-Parodie interviewt. Im Gespräch sagt sie: Somebody [pointed out] that this is the emperor without his clothes, because when you see Trump, and he’s behind that podium with the presidential seal, and he has people nodding behind him, you might think that what he’s saying makes sense. But you take all of that away, and you have those words coming out of my mouth? It just brings to light even more how ridiculous it is.

Update2: Auf Twitter sammeln Menschen gerade unter dem Hashstag #HeilenWieTrump allerlei weitere absonderliche „Heil-Methoden“. Ich gebs zu, das ist auch lustig:

„Entscheidend ist, jemanden in einem Stream zu halten und zu einem Fan zu verwandeln“ – Kunst im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 9: Kunst im Stream (Foto: unsplash)


Marcus John Henry Brown ist Performance Künstler. Seit der Corona-Krise kann er live nur noch im Stream auftreten.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Ich habe die Möglichkeiten von Online-Videos bereits seit einiger Zeit auf YouTube erkundet. Auch Livestreaming ist mir nicht fremd. Ich entwickle seit einigen Jahren Livestream-Formate für Corporate-Kunden, die die Kosten und den CO2-Fußabdruck ihrer internen Veranstaltungen senken möchten. In Bezug auf die Denkweise, Formate, Hard- und Software war ich also startbereit. Die größte Herausforderung war und ist, dass das Live-Publikum fehlt. Als Performancekünstler brauche ich ein Live-Publikum. Ich brauche diese Energie. Meiner Meinung nach, brauchen Livestreams ein Live-Studio-Publikum, da sie in dem gleichen kulturellen Raum leben, der normalerweise mit einer Live-Fernsehsendung verbunden ist. Du hast vielleicht bemerkt, wie seltsam ein Format wie WWEs Wrestlemania oder ein ProSieben.Sat.1-Format wie „Wer Schläft Verliert“ oder RTLs „Let’s Dance“ ohne Live-Publikum ist. Als Fernsehpublikum haben wir gelernt, ein klatschendes, lachendes Live-Publikum im Studio zu sehen.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Für Leute wie mich oder Michael Praetorius, ein Livestream-Pioneer, der mir viel über die technischen Herausforderungen beim Livestreaming beigebracht hat, ist es lustig und interessant zu beobachten, wie Leute das Live-Streaming für sich entdecken. Als wäre es die Lösungen für alle unsere derzeitigen Kommunikations-Probleme. Jetzt haben wir Karl-Heinz von HR, alleine in seinem Homeoffice, mit einem halbstündigen Livestream zum Thema “WFH – Effektiv und Gemütlich!”
Es wäre verlockend zu behaupten, dass man mit Live-Streaming mehr Menschen erreichen kann, dass man sie schneller erreichen kann und dass es insgesamt kostengünstiger ist. Es ist aber nicht so. Livestreaming ist vieles, aber einfach und billig ist es nicht. Nicht, wenn man es richtig machen möchte. Sagen wir es so: Du kannst Dich jetzt schneller, billiger und vor einem breiteren Publikum zum Narren machen – und zwar live and direct aus Deinem Homeoffice.


Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?

I’m not going to lie: Ich kämpfe echt hart damit und ich denke, dass das mit Nachhaltigkeit und Engagement zu tun hat. Du musst ein Format entwickeln, ein Produkt erstellen und ein loyales Online-Publikum aufbauen, das bereit ist, Zeit in diesen Livestream-Unsinn zu investieren. Es ist relativ einfach, Stream-Views zu generieren, aber entscheidend ist es, jemanden in einem Stream zu halten und ihn zu einem Fan zu verwandeln. Nur so bekommt man dauerhaft Feedback. Es ist kein technisches Problem, das zu lösen ist, sondern ein Loyalitätsproblem. Man muss nur einen Nachmittag auf Twitch mit Leuten wie Dr. Dispect, Tim The Tatman, Nadeshot und all den anderen Online-Gamern verbringen, um zu sehen, dass es mehr als möglich ist, eine Rückkopplungsschleife vom Publikum zu erhalten. Da ist Stimmung im Chat! Aber das Publikum muss erstmal da sein. Und so eine Community aufzubaunen und zu halten braucht Zeit. Sehr viel Zeit.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Zunächst einmal: Frag Dich, ob der Livestream nur eine E-Mail sein könnte. Muss es wirklich ein Livestream sein? „Ja wirklich?“ OKAY. Dann zweitens: DO THE RESEARCH. Recherchiere bis Deine Augen blutig werden. Denke an den Kontext des Streams. Denke in Formaten. Talent imitates – genius steals: Stehle vom Live-Fernsehen. WWE Pay-per-Views, Frühstücksfernsehen, Tele-Shopping, Nachrichten oder alte MTV-Formaten, wie „MTV’s Most Wanted“ mit Ray Cokes. Verbringe Tage in TWITCH, YouTube oder MIXER. Denke daran: Das, was Du da planst, ist „Internet-Fernsehen”.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich habe die letzten 18 Monate damit verbracht, meine Ausrüstung aufzubauen, und das meiste davon wurde gekauft, um YouTube-Videos sowie Filmmaterial für meine Auftritte zu erstellen. Die LUMIX GH5 und die Canon EOS R sind jetzt meine Hauptkameras für Livestreams. Ich könnte Tage über Objektiven reden, tu ich hier aber nicht. Beleuchtung ist unglaublich wichtig und etwas, das fast jeder falsch macht oder gar nicht auf dem Schirm hat. Ich habe einen Lichtring (Du kennst sie ja, Influencer-rings. Den mag ich aber nicht, weil ich eine Brille trage und kein Influencer bin), LED-Lichtpaneele (die gut sind) und ein paar Aputure Amaran-Spots, die ich für Highlights verwende. Ich habe mir rund tausend Euro gespart, indem ich aus einer Backform und einem LED-Streifen eine Light-Box gebaut habe – und der Lichteffekt ist großartig. Ich verbinde die Kameras mit dem Elgato Cam Link 4K mit meinem iMac. Ich verwende OBS Studio zum Streamen, Adobe After Effects für die Segmentanimationen und Adobe Premiere Pro zum Bearbeiten und Colour-Grading des zusätzlichen Filmmaterials, das ich in meinen Streams verwende. Das Wichtigste ist der Ton. Wie ich das mache bleibt jedoch mein Geheimnis.

Aber nichts davon ist wichtig. Du könntest ein Broadcast-Grade-Studio haben und trotzdem wird Dein Stream scheiße werden, wenn Du kein Format, keine Idee, nichts wirklich Interessantes zu erzählen hast oder kein Publikum, das bereit ist, Dich dauerhaft zu sehen.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

Hier kannst Du meinen Newsletter zum Live-Thema bestellen