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Die Anderen anders sein lassen

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Dringlichkeit, das setze ich als bekannt voraus, besteht immer.

Deshalb hier ein kleiner, absichtsvoll undringlicher Zwischenruf von der Seite. Der Wunsch, bei diesem einen Thema, dieser einen Debatte kurz Recht zu haben, bleibt für die nächsten rund 3500 Zeichen unerfüllt. Die thematische Dringlichkeit bei jener Debatte und diesem Thema wird damit nicht bestritten, sie aber beständig zu erwähnen, ist womöglich ein Grund dafür, an einer langfristigen Perspektive zu scheitern. Dieses Dringlichkeits-Dilemma ist selten besser formuliert worden als in dem (von Stephen Corvey) geformten Bild des Holzfällers, der keine Zeit hat die Säge zu schärfen, weil er ja sägen muss.

Es geht, weniger metaphorisch gesprochen (mal wieder), um den Zustand der (digitalen) Debatte. Als ich in Die Zeit das Gespräch las, das Lars Weisbrod und Martin Eimermacher mit Tim Wolff führten, fühlte ich mich an einen fast zehn Jahre alten Text von Kathrin Passig erinnert. Und das kam so:

Tim Wolff ist Autor beim ZDF Magazin Royal, Ex-Chef von Titanic sowie „selbst ernannter Globalhistoriker wie Yuval Noah Harari und David Graeber“ (Best of Sapiens). Er spricht über eine besondere Form des Kontextbruchs durch digitale Kommunikation, die Humor auf neue Weise Menschen zugänglich macht, für die er eigentlich nicht gedacht ist: „Seit es Face­book, Twitter und so weiter gibt, werden aber ständig Leute mit Witzen konfrontiert, die gar nicht für sie gedacht sind. Und reagieren darauf. Und garantiert nicht immer inkompetent oder unberechtigt.“

Das ist eine interessante, weil widersprechende Perspektive auf all das, was im allgemeinen Internetgejammer stets als Filterblase bezeichnet wird. Vielleicht stimmt es also gar nicht, dass im Internet alle nur noch das vorgesetzt bekommen, was sie bestellt haben und nicht mehr mit gegenteiligen Perspektiven konfrontiert sind. Vielleicht ist es im Gegenteil eher so, dass das Internet uns die Andersartigkeit der Welt vollumfänglicher spiegelt als sie vor der digitalen Vernetzung sichtbar war. (Symbolbild: Unsplash)

Kathrin Passig hat dieses Phänomen schon 2013 Die Wir-Verwirrung genannt und eine „wachsende Kontextfusion“ bei gleichzeitig „schwindender Konsensillusion“ analysiert. Wolffs Beobachtung brachte mich dazu, den den Text nochmal zu lesen und mich über das Fazit zu freuen, das Kathrin zieht:

Anstatt den Glauben an die spezifische Gruppe der eigenen Freunde oder an die größere Gruppe der Nutzer des Internets oder der sozialen Netzwerke zu verlieren, müssten wir uns vom Glauben an Gruppen verabschieden, in denen dauerhafte Einigkeit über mehr als nur einige wenige Punkte herrscht. Wir bräuchten eine realistischere Einschätzung des allgemeinen Konsenses über unsere eigenen Ansichten. Es ist eine der zentralen Zumutungen der Vernetzung, dass die Anderen nicht nur so heißen, sondern auch wirklich anders sind.

Vielleicht ist das ein guter Vorsatz für alle Meinungs-Holzfäller:innen, sich der Zumutung der Vernetzung zu stellen und die Anderen anders sein zu lassen. Das geht natürlich nur wenn wir ein vernünftiges Bild von Gemeinschaft und Unterschieden haben (freue mich auf die Lektüre von Wolf Lotters „Unterschiede“-Buch) und abseits der jeweils zwingend drängenden Dringlichkeit des nächstens Themas, bei dem es geboten scheint, die Anderen davon zu überzeugen, ihre Andersartigkeit zu unterlassen.

Deshalb habe ich – sozusagen als Versuch und Erinnung – in den vergangenen Wochen hier einen kleinen Thread mit allgemeinen Vorsätzen gestartet:


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Was ist dein Trick? 50 Inspirations-Ideen (Digitale April-Notizen)

Die nachfolgende Liste ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Wer die Frage beantworten und einen eigenen Trick einsenden möchte: sehr gerne!

Spätestens seit Simone Buchholz im Jahr 2003 ein Buch mit dem tollen Titel „Der Trick ist zu atmen“ veröffentlichte, mag ich die Vorstellung, es gebe eine Form des gelebten Wissens, das man weitergeben und es damit leichter haben kann. Es geht dabei nicht um ein festes Regelwerk, das man befolgen muss, sondern um kleine Kniffe in der Anwendung, die von jenen stammen, die schon ein wenig länger rumprobieren – und wissen, wo man die Rettungsringe (Symbolbild: Unsplash) findet, wenn man sie braucht. Kevin Kelly sagte, sie seien nicht wie Gesetze, sondern wie Hüte: Wenn einer nicht passt, nimmt man einen anderen.

Ich weiß, dass ich mit diesem Faible für die unspektakulärste Dareichungsform der Weisheit nicht alleine bin. 2007 haben wir bei jetzt.de mal mit Leserinnen und Lesern eine Liste gemacht, die 50 Dinge versammelte, die man wissen sollte. Das hat Spaß gemacht. Auch manche der Interviews, die mein Freund Peter Wagner unter meisterstunde.de führt, kommen den Tricks dann und wann recht nahe, von denen ich ahne, dass es sie da draußen noch gibt.

2018 habe ich hier John Perry Barlows Liste zitiert, die er für ein erwachsenes Leben notiert hat – und seit Beginn des Jahres habe ich zum Beispiel kontinuierlich zwei Tabs offen, in die ich je nach Laune immer mal wieder reinklicke: Zum einen sind da diese 100 Punkte vom Guardian (100 ways to slightly improve your life without really trying), die eine charmante Mischung aus Lebenswert-Liste und Gute-Vorsätze-Erkenntnis sind. Und zum zweiten dieser Blogeintrag vom Familienbetrieb (99 Weisheiten und Unweisheiten für meine Tochter, die letzte Woche ausgezogen ist), der übrigens gerade ein neues Buch veröffentlicht hat. Zwischenzeitlich kam noch eine Liste von der Washington Post hinzu, die ihre Leser:innen zum Valentinstag nach Ratschlägen für die Liebe fragte.

Und genau das will ich hiermit auch tun: die Leser:innen meines Newsletters fragen, welchen Tricks sie nutzen? Hier sind 50 kleine Ideen zur Inspiration, die ich aus allen oben genannten Listen in den vergangenen Jahren gesammelt habe

  • Sei höflich zu unhöflichen Fremden – es ist mindestens aufregend.
  • Liebe, Vertrauen, Mut und Kreativität sind wie digitale Dateien: Sie werden mehr, wenn man sie teilt.
  • Beginne die Veränderung, die du dir wünschst, bei dir selbst.
  • Lache über deine Lieblingswitze! Sie sind wie das Lieblingsessen, das du gerne selbst kochst. Wenn du mich dazu einladen und selbst nicht mitessen würdest, fänd ich das äußerst suspekt.
  • Lerne ein Gedicht auswendig.
  • Es gibt nur einen Grund, mit Stützrädern Radfahren zu lernen: wenn du mit Stützrädern Radfahren willst. In allen anderen Fällen: Fang einfach an!
  • Wer schwimmen will, muss nass werden.
  • Bevor du etwas Wichtiges abschickst, lies es dir einmal laut vor. Gilt besonders bei hektischen Kommentaren in WhatsApp-Gruppen oder Social-Media-Diskussionen.
  • Wenn du die smarteste Person im Raum bist, bist du nicht im falschen Raum, sondern vermutlich sehr von dir überzeugt.
  • Überhaupt: Sich mit anderen zu vergleichen, führt nie zu mehr Zufriedenheit.
  • Sei äußerst vorsichtig bei Kritik von Menschen, denen du deine Kinder nicht mal kurz anvertrauen würdest. Wenn es Leute sind, die du nicht nach einem Ratschlag fragen würdest, solltest du ihre Kritik auch nicht persönlich nehmen.
  • Überhaupt sollte man nur die äußerst wenigen wirklich persönlichen Dinge im Leben persönlich nehmen. Das allermeiste, was im beruflichen oder schulischen Kontext kränkt, bezieht sich auf die Rolle, nicht auf die Person.
  • Je klarer, du dir deiner Rolle bist, umso besser.
  • Done is better than perfect.
  • Lerne Widerspruch auszuhalten.
  • Frage immer: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?
  • Menschen und Meinungen muss man trennen (können).
  • Vermeide Verachtung.
  • Anzunehmen, die Motive der anderen seien schlechter als die eigenen Motive, ist meistens falsch.
  • Das größte Geschenk der Meinungsfreiheit ist nicht die Möglichkeit, die eigene Meinung auszudrücken, sondern: sie zu ändern und das laut zu sagen.
  • Wenn möglich: Nimm die Treppe!
  • Mach jeden Tag einen Fehler, aber jeden Tag einen neuen.
  • Eine gute Idee ist eine gute Idee, völlig egal, ob sie umgesetzt wird oder nicht. Freu dich dran!
  • Ich habe noch nie einen kreativen Menschen getroffen, der nicht auch humorvoll gewesen wäre.
  • Es gibt jene Menschen, die über sich selbst lachen können und es gibt die anderen. Mehr Zeit mit jenen zu verbringen und weniger mit den anderen, ist vermutlich kein Fehler.
  • Es ist nicht falsch, von einer Sache Fan zu sein.
  • Keine Medien beim Essen!
  • Erziehung ist Vorbild und Liebe. Und sonst nichts.
  • Warte nicht auf den perfekten Moment.
  • Jede Entscheidung ist eine Chance, sagt Ted Lasso. (Aber ich kann keine Zeit damit verschwenden, mir eine Wiederholung all dessen zu wünschen. Denn so funktionieren Entscheidungen nicht. Nein Sir. Nein. Diese Wahl und meine Chicago Bulls Starter-Jacke, die ich Janelle Rhodes für mein zweites Jahr geliehen habe, weil sie sich mit Ketchup übergossen hat und es aussah, als wäre sie angeschossen worden, das sind zwei Dinge, die ich nicht zurückbekomme. Denn jede Entscheidung ist eine Chance, Jungs. Und ich habe mir nicht die Chance gegeben, weiteres Vertrauen zu euch allen aufzubauen. Um den großartigen College-Basketballtrainer der UCLA, John Obi-Wan Gandalf, zu zitieren: „Es sind unsere Entscheidungen, meine Herren, die zeigen, was wir wirklich sind, weit mehr als unsere Fähigkeiten.“ Nun, ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen, was ich getan habe.)
  • Sei neugierig, nicht bewertend („Be Curious, Not Judgmental„) heißt es Walt-Whitman-zitierend ebenfalls bei Ted Lasso. Einfacher formuliert: Stelle Fragen und höre dir die Antworten an.
  • Lerne zuzuhören. Immer wieder neu.
  • Wer sich bedanken und entschuldigen kann, ist langfristig besser dran.
  • Man sieht sich immer (mindestens) zweimal im Leben – nicht als Drohung, sondern als Vorfreude beim Abschied.
  • Rede gut über Menschen, die nicht anwesend sind. Irgendjemand wird es ihnen erzählen.
  • Nicht nur bei Überforderung: Denke kleiner!
  • Große Veränderungen entstehen (auch) durch kleine Rituale.
  • Gleichmut darf nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden.
  • Wer sich schlechter versteckt, kann besser gefunden werden. Zum Beispiel von guten Ideen.
  • Schlafen ist absolut unterschätzt.
  • Mache Backups.
  • Sport! Trotz allem und sei es nur, weil du dabei dich nicht mit Handy oder anderen Gedanken ablenken kannst.
  • Faustregel: Mindestens so viel Zeit selbst aktiv sein, wie du Sport anschaust.
  • Menschen sind nicht scheiße. Sie benehmen sich scheiße, haben scheiß Ansichten, handeln scheiße, aber es sind trotzdem Menschen.
  • Liebe ist ein Tätigkeitswort.
  • Show don’t tell!
  • Achte auf deine Aufmerksamkeit: Das, was du beachtest, wirst du beachten. Gilt nicht nur bei Nachrichten.
  • Keine Panik.
  • Übe Geduld. Das dauert.
  • Immer wieder aufstehen. Immer wieder sagen ,es geht doch‘.

Nach Versand des Newsletters habe ich einige Antworten erhalten, ich werde sie hier fortlaufend ergänzen:

  • Lebe mit der Natur, sei/werde eins mit ihr.
  • Die vier Grundregeln der Wölfe, zitiert aus Elli H. Radinger, Die Weisheit der Wölfe: liebe Deine Familie
    sorge gut für alle Dir Anvertrauten
    gib nie auf
    hör nicht auf zu spielen
  • Was du gibst, wird zu dir zurück kommen ..
  • Dem Ungeduldigen läuft alles davon, aber alles kommt zu dem, der warten kann. (Hans Bemmann)
  • Komödie = Tragödie + Zeit
  • Wie wichtig wird die Entscheidung gewesen sein, wenn ich mit dem Abstand von einer Woche darauf schaue? Von einem Monat? Von einem Jahr?
  • A little preparation saves a lot of frustration, Und wenn es mit der Vorbereitung nicht geklappt hat: 5 sind geladen, 10 sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle Willkommen
  • To make a prairie it takes a clover and one bee,
    One clover, and a bee.
    And revery.
    The revery alone will do,
    If bees are few.
    (Emily Dickinson – 1830-1886)
  • Gehen und wandern hat weniger damit zu tun, sich selbst zu finden, als sich selbst hinter sich zu lassen.
  • Unser Gehirn ist entstanden, damit wir uns bewegen können. Es funktioniert am besten, wenn wir uns bewegen.
  • Denke lieber an das, was du hast, als an das, was dir fehlt. (Marcus Aurelius)

In der April-Folge meines monatlichen Newsletters Digitale Notizen habe ich nach Tricks, Kniffen und Merksätzen gefragt, die das Leben besser oder einfacher machen. Wenn du eine Antwort hast, schreib sie mir.

In Kategorie: DVG

WarTok, Avocado, Tommi Schmitt, Moin Ingo, Birds Aren’t Real (Netzkultur-Charts März)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: WarTok 🆕

Der Begriff stammt vom New York Magazine: „WarTok“ ist der Titel eines Textes, der kurz nach dem russischen Angriff auf die Unkraine erschien. Es ist ein besonders klingendes Beispiel für zahlreiche Texte, die den Angriffskrieg medial einordnen und erklären wollten – und dabei spielte immer wieder die vergleichsweise junge Plattform Tiktok eine angeblich bedeutsame Rolle. Ob das wirklich so ist, kann man nicht abschließend beurteilen. Es bleiben in jedem Fall Zweifel, wenn man diese Einordnung bei The Atlantic und vor allem den unbedingt empfehlenswerten Newsletter von Marcus Bösch zum Thema verfolgt (zur Rolle von Social-Media unbedingt diesen Thread lesen). Sicher ist jedoch, dass der Krieg auch eine Internet-Dimension hat. Der Informationskrieg wird in diesem Text bei Technology Review gut eingeordnet und über den Aspekt dessen, was man Cyberwar nennt, spricht „Holgi ruft an…“ hier im Übermedien-Podcast mit Linus Neumann.

Platz 2: Avocado und Glut-Theorie 🆕

Ein sogar im deutschsprachigen Internet alter Trend ist wieder da: Schon 2015 hatte der tolle Account Luksan Wunder im Rahmen seiner Aussprache-Clips das Wort Avocado verändert. Im Oktober 2021 lud er dann den gleichen Sound nahezu unbemerkt (unter 10.000 Views) auch auf Tiktok. Der Witz jedoch verbreitet sich seit Beginn des Jahres dank anderer Accounts auf der Plattform. Über vier Millionen Views hat der Account @diclassicx mit einer Adaption bereits erreicht. Die Stimme spricht die Frucht nicht nur falsch aus, sondern fragt auch „wie bereitet Ihr sie euch am liebsten zu?“ Dass dabei Tomatenmarkt auf die Avocado gestrichen wird, hilft offenbar dabei, noch mehr Menschen zu Widerspruch, Duetten und somit zu Algorithmus-Aufmerksamkeit anzustacheln. Im Rahmen des Kölner Kongress des Deutschlandfunks habe ich an dem Prinzip falsche Aussprache/Widerspruch die memetischen Muster der aktuellen Debatte zu skizzieren versucht. Denn manche politische Meinungsäußerung funktioniert nach dem gleichen Prinzip der falschen Aussprache: sie soll vor allem Widerspruch provozieren, um dem Algorithmus auf diese Weise Relevanz vorzugaukeln. Wie aufmerksamkeitsstark das funktioniert, sieht man an zahlreichen Firmen-Accounts, die auf den Avocado-Zug aufspringen – hier z.B. ein Supermarkt.

Platz 3: Audio-Zitate (Next Level) ⬇️

Dass der Podcaster und Latenight-Entertainer Tommi Schmitt gerade als Audiovorlage durch Reels und Tiktoks geistert, war vergangenen Monat schon Thema. Jetzt hat er zum Start seiner neuen Staffel „Studio Schmitt“ auf so eine tolle Art und Weise auf seinen Ruhm als Inspirational-Audio-Quote reagiert, dass ich dazu hier schon ausführlich bloggen musste: wie Schmitt seinen eigenen Podcast-Sound lippensynchron nun im Fernsehen persifliert, ist wirklich wundbar und wäre in jedem anderen Monat ganz sicher auf Platz 1 der Charts gelandet – in diesem Monat geht es einen Platz runter auf Platz 3.

Platz 4: Moin Ingo 🆕

PipomichoO „wollte eigentlich nur ’ne Pommes essen“ und hat damit einen der schönsten Duett-Trends des Jahres losgetreten. Der Nutzer, der die Duett-Funktion von Tiktok wiederholt auf bemerkenswerte Weise genutzt hat (hier mit den Elevatorboys), startete das Moin-Ingo-Movement mit einem Reaction-Video auf einen Clip der Tagesschau. Diese hatte auf eine Nutzer-Anfrage reagiert („Holt man den Ingo in ein Video“) und Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni für ein kurzes Video in Studio schreiten und „Hallo Tiktok“ sagen lassen. Pipomicho0 startete mit seinem Duett, in dem er seine Pommes-Geschichte erzählt und quasi beiläufig auf Zamperonis Gruß reagiert, eine Welle an fortführenden Duetten, die diese besondere Funktion in Tiktok nutzen und alle gemeinsam auf die Tagesschau reagieren. Das ist lustig, weil es so wirkt als würde auf den Gruß „Hallo Tiktok“ tatsächlich die Nutzer:innenschaft von Tiktok reagieren – beiläufig mit einem „Moin Ingo“.
Der gesamte Trend illustriert aber vor allem anschaulich, wie gut sich der Tagesschau-Account in dem digitalen Ökosystem von Tiktok bewegt.

Platz 5: Birds Aren’t Real ⬇️

Ich hatte es ja angekündigt: die „Birds Aren’t Real“-Bewegung wird uns weiter beschäftigen. Diesen Monat hat sie sogar den Wordle-Hype (Schon mal Heardle gespielt?) aus den Charts verdrängt. Zum einen weil jetzt auch die Tagesschau berichtet hat, aber vor allem weil sie eine Demo in LA organisierten und ankündigten, juristisch gegen Medien vorzugehen, die sie als Parodie vorstellen. Das Spiel geht also weiter.

Besondere Erwähung:

Außerdem erwähnenswert im März im Netz: der Commando Parachutiste de l’Air no 10″-Hoodie von Emanuel Macron im Vergleich zum Pulli von Olaf Scholz, der „Ich hab mir Pizza gemacht“-Sound, der mit auf das Video gelegten Texten in neue Kontexte gestellt wird und aus gegebenem Anlass dieser zwei Jahren dieser Text „Immerhin haben wir das Internet“!

Der kleine Junge, der im Publikum beim Bundesligaspiel Köln – Dortmund von den Kameras eingefangen wurde, hat erst den Dortmunder Torschützen Wolf beschmipft – und dann wegen des plötzlichen Ruhms besucht. Stephen Wilhite ist gestorben – er hatte das Gif-Format (mit-)erfunden.

Auf Tiktok gibt es einen neuen Kaffee-Trend. Nachdem vor zwei Jahren südkoreanischer Dalgona-Kaffee ständig gepostet und erwähnt wurde, gibt es seit Jahrsbeginn eine Espress-Orangensaft-Flut in meinen Timelines. Ich habe diese Kombination in diesem Monat ausprobiert und viel Widerspruch auf Twitter geerntet – so richtig gut fand ich sie nebenbei bemerkt auch nicht. Dafür hab ich ein richtig gutes Tiktok gedreht ;-)

Der Song „Tom’s Diner“ (hier erklärt ein Tiktoker die Entstehungsgeschichte des Susan-Vega-Lieds) geistert gerade in einer erstaunlichen Version von Giant Rooks und AnnenMayKantereit durch Tiktok. Vor allem der Gesangspart von Henning May fasziniert die Nutzer:innen und animiert sie zu Erklärungen, Duetten und Stitches.


Hans Rusinek sammelt Anführungszeichen. Öffentlich. Auf Instagram. Ich habe den Macher von Akward Anführungszeichen zu seinem „Buch“ (Anführungszeichen mitlesen) interviewt, das dieser Tage erscheint.

Auf Netflix startet dieser Tage eine Serie, die von dem „Ist das Kuchen“-Meme inspiriert ist. Passenderweise heißt sie auch so. Wem das zu kompliziert ist, kann auch schlicht durch Instagram klicken.

Aus dem so mittellustigen Straßen-Videotrend scheinbare Passant:innen scheinbar beiläufig nach den Songs zu fragen, die sie hören, hat sich ein schöner Quatsch entwickelt, auf den Micorsoft zu Werbezwecken aufgesprungen ist. Begonnen hatte es mit der Quatsch-Antwort eben keine Lieder, sondern sinnlose Geräusche und Melodien zu hören – und Microsoft hat daraus diese Antwort gemacht: ein Hipster im gelben Pulli stampft durch die Straße, nimmt den Ohrhörer raus und gesteht, er höre den Startup-Sound von Windows XP.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Lob der Kopie: Tommi Schmitt macht Meta-Tiktok mit Tommilosophy

Der erfolgreichste Podcast in Tiktok und Insta-Reels? Vermutlich Gemischtes Hack mit Tommi Schmitt und Felix Lobrecht. Jedenfalls gibt es auf beiden Plattformen unzählige Beiträge, die von kurzen Monologen von Tommi Schmitt aus Gemischtes Hack unterlegt sind. Der Podcaster und Fernsehmoderator macht sich dabei „Sinngedanken“ über „die zweite Ebene“ und „die gute Zeit“ – und liefert damit eines der bekanntesten deutschsprachigen Beispiele für ein Phänomen, das ich unlängst als Inspirational Audio Quotes bezeichnet habe.

Seit Anfang des Jahres geistern diese Sinngedanken durch Tiktok und Instagram und ich habe mich schon gefragt, ob oder wie die Podcaster darauf reagieren werden (Buch mit Julia Engelmann?)


Heute startet die erste reguläre Folge der dritten Staffel von Studio Schmitt und Tommi Schmitt eröffnet diese gemeinsam mit seinem Sidekick Gregor Ryl mit einer der tollsten Meta-Selbstkopien seit langem: eine Art Lipsync-Video zu seinem eigenen Sound gemacht.

In der ZDF-Mediathek trägt die kurze Sequenz einen Titel, zu dem es noch keinen einzigen Google-Treffer gibt: Tommilosophy

Das ist ein schöner Name für ein noch schöneres Phänomen. Denn in dem Clip sieht man Schmitt wie er seine eigenen Worte, die aus dem Podcast in Tiktok und Reels wanderten, zurückerobert indem er sich selbst synchronisiert. Das ist nicht nur eine wunderbare Form der Selbstkopie, sondern auch sowas wie Next-Level-Tiktok: die Meta-Ebene!

Dass er dabei gedankenversunken die Taschenbuchausgabe von „Das Cafe am Rande der Welt“ in der Hand hält und dass Ryl auf einem Radiogerät (nennt man das so?) rumdrückt und dann ausgerechnet das allgegenwärtige Tiktok „Oh No“ erzeugt, sind wunderbare kleine Details (übrigens wer sich dafür interessiert, kann hier nachlesen, dass der Sound ein Sample aus dem Jahr 1964 ist, in dem die Band The Shangri-Las in dem Song Remember (Walking in the sand) nutzten) – an denen ich mich sehr freuen kann.

Besonders macht dieser Einstieg für mich aber der doppelte Kontextbruch des Originalsounds. Denn natürlich können die Sinngedanken nur deshalb im Opener der Sendung auftauchen, weil sie vorher in anderen Kontexten zweckentfremdet wurden. Die Kopie hat ihnen also einen Aspekt hinzugefügt, durch den der völlig gleiche Inhalt einen neuen Wert bekommt. Dass dies doppelt ironisch gebrochen wird, indem Schmitt sich selbst persifliert, kommt noch hinzu und sorgt auf der Oberfläche für den Witz. In der Tiefe seiner Gedanke liegt aber der Beweis für das Lob der Kopie. Erst durch den Kontextbruch und die Rück-Referenz kann hier was Neues entstehen – und zwar (nix gegen die Tommilosophy) völlig unabhängig vom Inhalt.

Ich kann mich für so etwas begeistern seit ich 2011 das Lob der Kopie schrieb. Hier im Blog sammle ich seit dem kleine und größere Besonderheiten, die zeigen, warum die Kopie lobenswert ist. Einmal im Monat notiere ich hier zudem, was mir im Netz besonders gefällt.

In Kategorie: DVG

Warum Tiktok ein relevantes journalistisches Feld ist

Im Magazin des Presseclubs München (hier als PDF) durfte ich eine Einschätzung zu der Frage schreiben, wie sich Journalist:innen zu Tiktok verhalten sollten. Mein Ratschlag – trotz allem: „Sie sollten sich mit Tiktok befassen“

Der erste Satz. Der Einstieg. Der Moment, in dem das Interesse geweckt wird.

Jede gute Geschichte lebt davon. Egal, ob sie gedruckt im Magazin des Presseclubs München erscheint oder in wenigen Sekunden auf der Plattform Tiktok erzählt wird. Die Dramaturgie verlangt einen Einstieg, der nicht nur fesselt, sondern den Wunsch weckt, mehr zu erfahren. So werden Leserinnen ebenso wie Tiktok-Nutzer reingezogen in den Inhalt.

Bei der als Musik-Videoplattform gestarteten Social-Media-App Tiktok kann man das in diesen Tagen an einem Schnipsel sehen und miterleben, der so etwas wie der Urahn der guten Einstiege ist. Er basiert auf einem Prinzip, das in Filmen und Serien häufig genutzt und „Record Scratch / Freeze Frame“ genannt wird. Dabei hört man das Kratzen einer Schallplatte, die gestoppt wird, während das Bild, in dem die Hauptperson zu sehen ist, einfriert. Eine Erzählstimme sagt: „Jepp, das bin ich. Und vermutlich wundern Sie sich, wie ich in dieser Situation gelandet bin.“

Dieser Satz ist so perfekt, er braucht fast keine folgende Geschichte. Die Geschichte entsteht im Kopf der Zuschauerinnen und Zuschauer. Diese fügen sich aus den Hinweisen in dem eingefrorenen Bild eine Geschichte zusammen, in der die Hauptperson meist nicht sehr gut dasteht. Dieses uralte Prinzip des Aufmerksamkeits-Angelns wird gerade in seiner demokratisierten Form auf jener Plattform aufgeführt, die als das nächste große Ding für die Medienbranche gehandelt wird. Dabei ist Tiktok spannend, weil es genau diese alten Erzählmuster in neuer Form zu Tage fördert. Man kann Nutzerinnen und Nutzer dabei beobachten, wie sie zu dem Sound-Schnipsel unvorteilhafte Szenen von sich selbst zeigen. Diese Form der inszenierten Selbstironie zu den Worten „Yup that’s me; you’re probably wondering how I ended up in this situation“ ist eine weitere Möglichkeit im nahezu unendlichen Spiel, die eigene Identität in sozialen Medien auszudrücken.

Übertragen auf diesen Text könnte ich nach der Aufforderung in der Überschrift, Sie sollten sich mit Tiktok befassen, genau diesen „Record Scratch / Freeze Frame“-Satz nachschieben. Denn in Wahrheit spricht so viel gegen die Benutzung von Tiktok, dass Sie an dieser Stelle des Textes das Kratzen einer Schallplatte und aus dem Off eine Stimme hören müssten, die die Überschrift mit den Worten kommentiert:

„Jepp, das bin ich. Und vermutlich wundern Sie sich, wie ich in dieser Situation gelandet bin.“

Tiktok gehört zum chinesischen Konzern ByteDance, der schon länger wegen seines Umgangs mit Nutzerdaten in der Kritik steht. Im April 2021 wurde bekannt, dass die chinesische Regierung sich mit einer einprozentigen Unternehmensbeteiligung an einer Tochterfirma an ByteDance beteiligt. Schon im Sommer 2020 wollte der damalige US-Präsident Donald Trump die App in den USA verbieten lassen, weil er sie verdächtigte, Daten von Amerikanern an chinesische Behörden weiterzureichen. Der Jurist Malte Engeler sagte der Süddeutschen Zeitung bereits im Jahr 2019: „In China muss man mit dem unbeschränktem und anlasslosen Zugriff der Behörden auf die Daten rechnen. Damit ist der Wesensgehalt des Grundrechts auf Achtung des Privatlebens verletzt.“ Auch mit der Meinungsfreiheit gibt es auf Tiktok wiederholt Probleme. Als eine Nutzerin in einem Clip die Verfolgung muslimischer Uiguren in China anprangerte, verschwand ihr Video plötzlich von der Plattform. ByteDance sprach von einem „menschlichen Fehler“. Das Portal Netzpolitik kam nach Einsicht interner so genannter Moderationsregeln von Tiktok zu dem Ergebnis: „Unsere Recherchen zur Content Moderation bei TikTok zeigen, wie wenig politische Meinungsfreiheit auf der Plattform respektiert wird. Das chinesische Unternehmen kontrolliert und manipuliert intransparent wie bisher kein anderer marktdominanter Konkurrent diese neue Öffentlichkeit.“

Müsste die einzig mögliche Schlussfolgerung aus diesem Wissen nicht lauten: Meiden Sie diese App? Wer kommt danach dennoch auf die Idee, Tiktok für interessant für gegenwärtigen Journalismus zu halten? „Yup that’s me“ – und ich schreibe diese Sätze im Wissen um ihre Widersprüchlichkeit. Ich habe im Jahr 2020 ein Buch über „Muster digitaler Kommunikation“ im Wagenbach-Verlag veröffentlicht – und bei der Recherche zu „Meme“ habe ich festgestellt: Tiktok ist nicht nur eine politisch problematische App, Tiktok ist auch eine der wichtigsten Plattformen für gegenwärtige Netzkultur.

Begonnen hat Tiktok mit einem der magnetischsten Stoffe der kulturellen Identitätsprägung: mit der Musik. Die App startete unter dem Namen musical.ly und bot Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit, sich mit Hilfe von Song-Schnipseln zu verbinden. Das lippensynchrone Nachsingen von Lieblingsliedern wurde aus der Einsamkeit vor dem Badezimmerspiegel befreit und zu einer sozialen Interaktion – denn andere nutzen das gleiche Song-Zitat, um ganz ähnlich oder auch ganz anders damit zu interagieren. Das funktionierte so erfolgreich, dass die hinter musical.ly stehende chinesische Firma ByteDance dem Angebot einen neuen Namen und eine etwas erwachsenere Markenausrichtung schenkte: Tiktok gilt zwar immer noch als jung, aber nicht mehr zwingend als albern oder kindisch.

Das hängt auch damit zusammen, dass die ursprüngliche Nachsing-Option erstaunlich erweitert wurde. Spätestens als im Frühjahr 2020 die US-Comedian Sarah Cooper weltweiten Ruhm mit ihren Imitationen von Originalzitaten von Donald Trump erlangte, war klar: Tiktok ist weit mehr als der digitale Badezimmerspiegel für junge Menschen. Wer sich heute mit gegenwärtiger Popkultur befasst, kommt um die Handy-App, die via Hochswipe immer neue Kurzclips zeigt, nicht mehr herum. Der US-Journalist Ryan Broderick hält Tiktok in den Vereinigten Staaten mittlerweile sogar für kulturell bedeutsamer als Facebook (über dessen politische Einordnung man ja übrigens auch streiten kann).

Der Hauptgrund für diesen Erfolg ist das hochformatigen Kurzvideo, das Tiktok popularisiert hat. Die Konkurrenzplattform Instagram hat diese Schnipsel unter dem Namen „Reels“ adaptiert und die zu Google zählende Videoplattform Youtube bietet das Format unter dem Namen „Shorts“ an. Diese Kurzclips sind zu einer verbindenden Kommunikationswährung einer jungen, digitalen Generation geworden. Sie werden in erster Linie mobil konsumiert und dort auch weitergereicht. In diesen Kurzclips wird kulturelle Identität ebenso verhandelt wie politische Debatten oder musikalische Lieblingssongs. Die meisten dieser Videos nehmen nicht nur ihren Anfang in Tiktok, das seinen Nutzern eine sehr intuitiv zu bedienende Videoschnittsoftware anbietet. Diese Filmschnipsel werden vor allem über Tiktok zugänglich gemacht. Anders als bei anderen sozialen Netzwerken wie Facebook oder LinkedIn braucht man bei Tiktok keinen Account. Tiktok zeigt auf seiner so genannten „For you page“ auch denjenigen Nutzerinnen und Nutzern Inhalte an, die gar nicht in der App angemeldet sind. Dennoch schneidet die App auf der „For You Page“ Videos auf die Präferenzen derjenigen zu, die entweder schnell weiterswipen oder länger zuschauen. So entfaltet die App eine magnetische Wirkung, weil sie mit dem nächsten Swipe einen neuen vielleicht spannenden Inhalt nicht nur verspricht, sondern auf Basis von Nutzer-Interessen häufig auch zeigen kann.

Auf diese Weise schafft Tiktok eine Form der sozialen Bindung, die früher das Dudelradio erzeugte. Die Heavy Rotation als das wiederholte Abspielen bestimmter Hits im Radio heißt bei Tiktok „For you Page“ und bezieht sich nicht mehr nur auf Musik. Aber wie beim Pop im Radio verlangen auch die Inhalte auf Tiktok nach einer kulturellen Begleitung durch gegenwärtigen Journalismus. Denn trotz aller Kritik bietet Tiktok damit einen Raum für sozialen Austausch, in dem zumindest der junge und digitale Teil der Gesellschaft relevante (und auch weniger relevante) Fragen behandelt. Wer sich damit befasst, wird nach kurzer Zeit vermutlich ins Tiktok-Universum reingezogen – und zumindest still bei sich denken: „Jepp, das bin ich“, und sich wundern, „Wie bin ich nur hier gelandet.“

Mehr über Tiktok hier im Blog unter tiktok-taktik.de. Besonders empfehle ich den englischsprachigen Newsletter von Marcus Bösch: Understanding Tiktok. Im Sommer 2019 habe ich in einem Selbstversuch mal 24 Stunden auf Tiktok verbracht. Die im Text behandelten Phänomene habe ich auch im Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation eingeordnet.

Thats Not My Name, Inspirational Audio-Quotes, Wordle, Birds Aren’t Real, der Pulli von Olaf Scholz (Netzkulturcharts)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: That’s Not My Name 🆕

Im Jahr 2008 rückte ein Songschnipsel von Sängerin Katie White (rechts im Bild) und Schlagzeuger Jules De Martino ins Blickfeld internationaler Öffentlichkeit: Apple hatte den Song „Shut Up And Let Me Go“ für die Werbung für den iPod ausgewählt und die The Ting Tings damit einer sehr breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Der Song stammt vom Debütalbum „We Started Nothing“, das in Großbritannien auf Platz 1 der Albumcharts landete – inklusive einer Single, an der dieser Tage niemand auf Tiktok vorbei kommt: That’s Not My Name ist schon 2007 veröffentlicht worden – und dient dieser Tage als großer Promi-Trend des Monats. Zu den Zeilen „They call me hell / They call me Stacey / They call me Her / They call me Jane“ zeigen vor allem prominente Accounts das Spektrum ihrer Persönlichkeit bzw. Rollen. Alicia Silverstone war eine der ersten, die den Ting Tings-Sound nutzte, es folgten Drew Barrymore, Will Smith, Jennifer Garner und viele andere (in Deutschland z.B. Sarah Kim Gries oder Thomas Sattelberger), Für die Meme-Journalistin Kate Lindsay ist „That’s not my name“ die „einmalige Gelegenheit für Prominente, in den sozialen Medien ihre Zielgruppe anzusprechen“. That’s Not My Name ist aber vor allem auch ein erstaunlicher Ohrwurm – allein deshalb: Platz 1 der Februar-Charts.

Platz 2: Audio-Zitate 🆕

Früher als Instagram noch eine reine Bilder-Community war, fand man dort jede Menge Texttafeln mit schlauen, nachdenklichen und nicht selten banalen Sprüchen. Häufig wollen diese Sprüche einen tieferen Sinn transportieren, motivieren oder nur ganz allgemein eine Weisheit übers Leben verkünden. Und nicht selten tauchen diese „Inspirational Quotes“ auch heute noch auf Instagram (und Pinterest!) auf. Viel häufiger finden die Inspirations-Zitate ihren Weg aber übers Ohr in den Kopf der Nutzer:innen. Ein sehr bekanntes Audio-Zitat stammt von der US-Motivations-Coachin Mel Robbins. Es ist ein Ausschnitt aus einem TED-Talk, den sie zum Thema Glück und Motivation gehalten hat. Ihr Aufruf: „No one’s coming. No one. No one’s coming to push you; no one’s coming to tell you to turn the TV off; no one’s coming to tell you to get out the door and exercise; nobody’s coming to tell you to apply for that job that you’ve always dreamt about; nobody’s coming to write the business plan for you. It’s up to you.“ hat sich aus dem TED-Talk aus dem Jahr 2011 zu einem aktuellen Web-Hit gewandelt. Menschen nutzen die kurze Audio-Sequenz und zeigen dazu Bilder von ihrem unbändigen Trainings- und Optimierungswillen. Zahlreiche Nachahmer-Clips nutzen andere Sounds. In der deutschsprachigen Welt der Tiktok-Kopien namens Reels hat sich dabei der sehr erfolgreiche Podcast Gemischtes Hack von Tommi Schmitt und Felix Lobrecht zu einer Zitate-Quelle entwickelt. Besonders populär in diesem Monat: Tommi Schmitts Erkenntnis, die sich in diesen Worten ausdrückt: „… dass man immer denkt, bald beginnt die gute Zeit, bald beginnt das Leben. Wenn ich das erreiche, dann gehts gut. Wenn ich den Job bekomme, dann gehts gut. Wenn ich den Studienplatz bekomme, die Ausbildung… aber das geht ja immer so weiter. Ich glaube, das Prinzip oder das Dilemma gleichzeitig am Leben ist, dass das gar nicht einsetzt.

Platz 3: Wordle ⬇️

Der Frühjahrs-Hype des Jahres 2022 hält an. Nach einem Spitzenplatz in den Januar-Charts hat es Wordle nicht nur auf die Einkaufsliste der New York Times geschafft, sondern vor allem unzählige Imitationen inspiriert. Das Netz rätselt im Wordle-Stil. Es geht dabei um Schimpfworte (Lewdle is a game about rude words. If you’re likely to be offended by the use of profanity, vulgarity or obscenity, go play Wordle instead!), um Geografie-Wissen (Länder-Wordle), Verwirrung (With each guess, Absurdle reveals as little information as possible, changing the secret word if need be.) oder Mathematik (Nerdle lässt Rechnungen erraten) – und am Ende geht es stets um die Schönheit des Zufalls, dass aus der kleinen Idee von Erfinder Josh Wardle ein weltweiter Hype wurde – obwohl er doch eigentlich nur seiner Freundin Palak Shah einen Gefallen tun wollte.

Platz 4: Birds Aren’t Real ⬇️

Die Theorie von den erfundenen Vögeln ist in den deutschsprachigen Raum geflogen: Tagesspiegel, RND, NZZ, Berliner Zeitung, NZZ am Sonntag haben nach den Januar-Charts über das Phänomen berichtet. Birds Aren’t Real-Erfinder Peter McIndoe war unterdessen Gast in Howard Sterns Radioshow und twitterte drüber.

Platz 5: Der Pulli von Olaf Scholz 🆕

Nachdem der Bundeskanzler zu Beginn des Monats im Mittelpunkt eines „Wo ist eigentlich Olaf Scholz?“-Memes stand, gelang Olaf Scholz mit einem grauen Schlapperpulli auf seiner Washington-Reise ein neues mediales Narrativ. Alle Medien (soziale wie terrestrische) waren voll von Einschätzungen über die Strickware des Kanzlers, die die Fragen nach Politik (Corona, Russland, Ampel) überdeckten. Der wie der Pulli aus Hamburg stammende stern fand heraus, dass „der Pulli mit dem Junkernamen „Jörg“, zurzeit für rund 300 Euro im Sale zu erstehen“ sei: „Es ist genau das Modell, das vor wenigen Tagen am slimfitten Kanzlerkörper in der Luftwaffen-Boeing zu Berühmtheit gelangt ist.“ Fazit der stern-Pullover-Betrachtung: „Sollte Olaf Scholz den „Omen“-Pulli mit Bedacht gewählt haben, um sich locker vor die mitreisende Presse zu stellen, wäre es inhaltlich eigentlich eine Punktlandung gewesen. Vermutlich aber hat er nicht nachgedacht, sondern darüber, was in den USA und nun in Russland politisch zu bewegen sein könnte. Denn worum es jetzt gehen muss, ist kein Look – sondern die Aussicht, Krieg zu verhindern.

Besondere Erwähnung

Februar ist ein schrecklicher Monat. Das hat jedenfalls Kevin Killeen, Reporter aus St Louis, herausgefunden – und ist damit zu einem wiederkehrenden viralen Phänomen geworden. Killeen ist deshalb Mittelpunkt eines lesenswertens Porträts im Guardian geworden, das sich auch der Frage widmet, weshalb seine Februar-Einschätzung Jahr für Jahr geteilt wird.

Mit genau einem Jahr Verspätung ist auch bei mir der Baked-Feta-Pasta-Trend bei mir angekommen. Das Ofen-Nudelgericht wird schon seit Jahren im Web gekocht, hat sich seit Februar 2021 aber zu einem erstaunlichen Netztrend in Tiktok und Instagram entwickelt. In der Washington Post gibt es die wichtigsten Hintergründe – und Zutaten. Da ich in der Foodblogging-Szene nicht so Zuhause bin, danke ich besonders für den Tipp auf Uncle Roger, den ich diesen Monaten erhalten habe: Nigel Ng kombiniert Comedy und Kochen auf erstaunliche Weise.

Mein digitaler Fortschrittzähler: das bidt-SZ-Digitalbarometer

In dieser Woche wurde in den beeindruckenden Räumlichkeiten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften am Münchner Hofgarten eine Idee vorgestellt, die mich schon sehr lange beschäftigt. Gemeinsam mit dem bidt (Bayerisches Forschungsinstitut für digitale Transformation) hat das SZ-Institut ein Instrument entwickelt, das hilft, aus der abstrakten Forderung nach mehr Digitalisierung konkrete Potenziale aufzuzeigen: das bidt-SZ-Digitalbarometer ermittelt auf Basis des DigCompSAT einen Maßstab für die eigenen digitalen Stärken und Schwächen.

In allen Gesprächen, die ich über das Internet und seine Folgen für die Gesellschaft geführt habe (und ich spreche oft genau darüber), tauchte immer wieder eine Frage auf, für die es keine Antwort gab: Wo genau stehen wir denn? Denn eine Grundlage für eine Einschätzung der eigenen Fähigkeiten gab es bisher nicht (war mir jedenfalls nicht bekannt). Dank des bidt-SZ-Digitalbarometer gibt es jetzt nicht nur einen Gradmessser für die eigenen Fähigkeiten – es gibt auch einen repräsentativen Vergleichswert.

So kann nicht nur jede:r für sich selbst messen, welche Fähigkeiten in den Kompetenzbereichen Umgang mit Informationen und Daten, Kommunikation und Zusammenarbeit, Erzeugen von digitalen Inhalten, Sicherheit und Problemlösungs-Kompetenz vorliegen – es gibt auch die Möglichkeit, sich mit dem deutschen Durchschnitt zu vergleichen.

Hier das Digitalbarometer selbst ausprobieren

Erzähl (dir) deine Lösung rückwärts

Es ist ein langer Weg. So sehr ich bei jeder kreativen Reise wieder hoffe, blitzgescheit und schnell einen Heureka-Moment finden zu können, so schmerzhaft muss ich jedes Mal wieder feststellen: Ohne Ausdauer keine Auswege aus kreativen Aufgaben! Geduld ist ein wichtiger Bestandteil kreativer Arbeit. Ideen müssen wachsen können, sich wandeln und Verbindungen eingehen.

Eine gute Übung für mein kreatives Ausdauer-Training ist das Nachlesen fremder Entstehungsgeschichten. Es motiviert mich, nachzuvollziehen wie andere von der Idee zum Produkt gekommen sind. Mich inspirieren die Umwege und Entwicklungen, die sie beschreiben. „Genau deshalb versuche ich, relativ wahllos alle Hintergrundberichte zu kreativen Prozessen zu verfolgen,“ habe ich in der Anleitung zum Unkreativsein notiert, „selbst wenn mich die jeweiligen Ergebnisse nicht interessieren. Das britische Nachrichtenmagazin »The Economist« verschickt zum Beispiel einen wöchentlichen Newsletter an Abonnent*innen, in dem die Redakteur*innen und Designer*innen erklären, wie sie auf das aktuelle Titelbild gekommen sind. Sie dokumentieren in unterschiedlichen Skizzen und Entwürfen den kreativen Weg, den sie zurückgelegt haben. Egal wie gut das Ergebnis auch ist, das am Ende auf dem gedruckten Magazin als Cover gedruckt wird: Die ersten Entwürfe sind stets etwas unbeholfen, ungenau und weniger gut. Ich finde das beruhigend, weil es zeigt, dass es keine Abkürzungen zur Kreativität gibt. Auch ein richtig gutes Cover beginnt mit einem mittelguten Entwurf. Auch andere müssen den langen Weg durch den Wald der Kreativität gehen.“

Dass dieser Weg auch wunderbar klingen kann, habe ich in der aktuellen Folge des Songexplorer-Podcast anhören können: Dort erzählt die Band Franz Ferdinand, wie ihr Hit „Take Me Out“ entstand. Das ist deshalb unbedingt hörenswert, weil in den ersten akustischen Skizzen deutlich durchschimmert wie der spätere Song mal klingen wird. Das weiß man aber nur, wenn man den Song kennt. Dieses Wissen hatte die Band beim Schreiben nicht, sie sah den Weg noch nicht, der sich mal durch den Wald bahnen sollte.

Selten habe ich das akustische Durchschimmern von Ideen und Ansätzen so klingend nachvollziehen können wie in diesem besonderen Interview mit Sänger und Gitarrist Alex Kapranos. Der Podcast ist nicht nur eine inspirierende Kreativitäts-Motivation, Kapranos erzählt auch mindestens zwischen den Zeilen die Geschichte von Kopie und Referenz, die ich im Lob der Kopie beschrieben habe.

Neben dem Podcast-Tipp habe ich aus der Take-Me-Out-Episode aber diese Lehre mitgenommen: Das Erzählen der eigenen Geschichte kann motivierend sein. Blicke zurück auf Ideen und deren Umsetzung (und deren Scheitern) und versuche im Rückblick den Weg zu erkennen, den du dir durch den Wald gebahnt hast (oder eben nicht). Das wird nicht immer so klingend gelingen wie bei Take Me Out, aber es ist in jedem Fall lehrreich!

Mehr zum Thema Kreativität, Kopie und Inspiration im Buch „Anleitung zum Unkreativsein„, zu dem ich im vergangenen Jahr auch ein besonderes Newsletter-Experiment gewagt habe.

Fünf Buchstaben für einen PROFI-Newsletter (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Mehr über Newsletter sammle ist unter briefingbriefing.de

Was gefällt dir an Newslettern? Diese Frage ist mir in den vergangenen Wochen aus unterschiedlichen Gründen gestellt worden. Zum ersten natürlich von denjenigen, die sich gute Mails als Lektüre empfehlen möchten (hier ein paar Tipps), aber auch von Menschen, die überlegen, selbst als Newsletter-Autor:in aktiv zu werden (Symbolbild: Unsplash). Als Antwort für alle, die künftig nicht mehr nur privat Mails schreiben wollen, habe ich mir ein Akronym ausgedacht, das beschreibt, was gute von sehr guten Newslettern unterscheidet. Es heißt …

P R O F I

… und steht für mindestens fünf Aspekte sehr guter Newsletter, die ich im folgenden zusammenfassen möchte. Dabei handelt es sich um eine persönliche Sammlung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit und schon gar nicht auf Ausschließlichkeit erhebt. Manchmal ist auch das Gegenteil dessen richtig, was ich nun notiere. Aber recht grundsätzlich gefallen mir diejenigen Newsletter besonders gut, die diese Eigenschaften haben. Sie sind…

Persönlich

Ein Newsletter ist ein Brief mit anderen Mitteln. Darin stecken zahlreiche Grundlagen fürs digitale Produzieren (Am wichtigsten: Du musst wissen, an wen du dich wendest!), aber vor allem die Erkenntnis: Dein Newsletter landet im Posteingang, in dem auch private Post steckt. Er sollte sich also entsprechend benehmen. Ein persönlicher Ton, eine freundliche Ansprache und eine menschliche Grundhaltung bilden meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung, um im Posteingang deiner Leserinnen und Leser verbleiben zu dürfen.
Merksatz: Mit einem Newsletter betrittst du einen äußerst persönlichen Bereich deiner Leser:innen. Verhalte dich entsprechend.

Regelmäßig

Im Minutenmarathon-Newsletter habe ich unlängst über die Laufweisheit „Rituale schlagen Resultate“ geschrieben und diese Haltung gilt nicht nur fürs Lauftraining. Auch Newsletter werden besser, wenn sie erwartbar und regelmäßig erscheinen. Wie beim Laufen wird das erste Mal dabei ziemlich überschätzt. Denn die erste Folge deines Newsletters beschäftigt dich vermutlich am meisten, wird aber ziemlich sicher die wenigsten Leser:innen finden. Richtig gut wird der Newsletter erst mit den folgenden Ausgaben: Lasse sie möglichst regelmäßig, fast schon ritualisiert folgen, dann kann die Lektüre zu einer schönen Gewohnheit werden (ich lese z.B. jeden Samstag nachmittag den Laufnewsletter der New York Times).
Merksatz: Sorge für gutes Erwartungsmanagement. Sage wann was zu erwarten ist, und versuche dich daran zu halten. Je ritualisierter, umso besser.

Organisiert

Kümmere dich um Details. Die Betreffzeile ist wichtig. Die Vorschauzeile, die bei manchen Mailanbietern angezeigt wird, entscheidet nicht selten darüber, ob deine Leser:innen den Newsletter öffnen. Kümmere dich um beides. Schau dir an, wie Leser:innen ihre Freude über deinen Newsletter teilen können. Und vor allem: Sprich mit deinen Leser:innen! Ein Newsletter ist ein Brief mit anderen Mitteln, also sollte man ihn auch als Kommunikations- nicht als Verkündigungswerkzeug verstehen. Dialog ist bei Newslettern kein Beiwerk, sondern der zentrale Antrieb. Organsiere diesen Dialog – über bewusste Befragungen und vor allem über die konsequente Beantworten von Replies.
Merksatz: Je klarer ein Newsletter sich um die vermeintlichen Details kümmert, um so deutlicher wird: Hier bin ich als Leser:in erwünscht.

Fokussiert

Konzentriere dich auf das Warum? deines Newsletters. Beantworte also mit jeder Folge die Frage „Warum lesen Menschen diesen Newsletter?“ Dieser Fokus auf das Nutzungs-Versprechen des Newsletters ist ein tauglicher Maßstab um vor lauter persönlicher Ansprache und Produktions-Details den großen Rahmen nicht aus den Augen zu verlieren. Im besten Fall hast du sogar vor dem Verfassen jeder neuen Folge das in einen Satz gegossene Produktversprechen des Newsletters im Kopf.
Merksatz: Finde heraus, was Menschen von deinem Newsletter erwarten. Verhalte dich dazu – am besten positiv ;-)

Inspirierend

Kein guter Newsletter ohne neue Idee. Jeder Newsletter, den ich gerne und regelmäßig lese, zeichnet sich dadurch aus, dass er mir eine Inspiration schenkt. Einen Gedanken, einen Link oder eine Frage, die mich weiterbringt. Deshalb wünsche ich mir von Newslettern, denen ich das PROFI-Siegel verleihe, genau das: Inspiration
Merksatz: Bringe deine Leser:innen auf neue Ideen, inspiriere sie!

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Zu meinem Buch „Anleitung zum Unkreativsein“ habe ich ein Newsletter-Experiment gemacht, über das ich hier geschrieben habe.

Digital Literacy – Nachdenken über digitale Bildung

Diese Bibliothek über dem Titel des Beitrags scheint so etwas wie das perfekte Bildungs-Symbolbild zu sein (habe ich hier beschrieben). Doch Bildung für das 21. Jahrhundert ist vermutlich etwas mehr als das Lernen in einer Bibliothek. Darüber spricht Bernhard Pörksen in diesem lesenswerten Interview auf rnd.de:

Es braucht ein eigenes Schulfach, das auf drei Säulen ruht. Zum einen auf der Medien- und Machtanalyse. Zum anderen braucht es die Medienpraxis, es gilt also, die Kunst der Rhetorik an die Schulen zurückzuholen und die Auseinandersetzung mit dem Wert des seriösen Arguments und die Auswahl von vertrauenswürdigen Quellen einzuüben. Und schließlich wäre eine Disziplin zu trainieren, die man „angewandte Irrtumswissenschaft“ nennen könnte. Hier ginge es darum, sich mit der ungeheuren Irrtumsanfälligkeit des Menschen zu befassen, um sich der Verführbarkeit durch Gerüchte, Falschnachrichten und Desinformation bewusst zu werden.

Meiner Einschätzung nach beschreibt er mit dieser Forderung eine Fähigkeit, die man als Digital Literacy beschreiben könnte – also auch die selbstbestimmte Verwendung digitaler Werkzeuge. Davon handelt ein Projekt, das wir gemeinsam mit dem Bayerischen Institut für digitale Transformation (BIDT) umgesetzt haben. Das bidt-SZ-Digitalbarometer wird am Montag virtuell vorgestellt – hier kann man sich dafür anmelden.