Alle Artikel in der Kategorie “DVG

„Gender-Gegner missachten die Freiheit der Sprache“

Die gute Nachricht zu Beginn: Die Debatte ums Gendern ist entschieden. Über die Frage, ob das generische Maskulinum eingesetzt oder durch einen Stern, ein Doppelpunkt oder möglichst viele „und“-Kopplungen ersetzt werden soll, muss nicht mehr gestritten werden!

Die Lösung findet, wer nicht nur gegendert, sondern auch die Perspektive geändert hat – und anfängt digital zu denken, also beginnend auf der Seite des Publikums. Statt auf der Seite der Publizierenden nach der einen Lösung zu suchen, findet die Lösung wer das Publikum ermächtigt, viele Antworten zu geben. Die Leser:innen werden in naher Zukunft entscheiden, welche Variante sie bevorzugen. Wie in diesem SZ-Text zum Thema händisch vorgeführt, werden in wenigen Jahren technische Lösungen zur Verfügung stehen, die Texte automatisch in die Form bringen, die das Publikum wünscht. (Das Prinzip dahinter nenne ich „Das Ende des Durchschnitts“)

Wer heute Browser-Erweiterungen für Fremdsprachen nutzt, kennt diese Ansätze bereits: Automatische Übersetzungs-Software bereitet den Text per Mausklick in der Form auf, die Nutzer:innen wünschen. Digitales Denken beginnt auf Publikumsseite – und in Bezug auf die unnötige Gender-Aufregung endet es auch dort. (Symbolbild: Unsplash)

Bis es soweit ist, wird es aber noch ein paar Tage geben, die so laufen wie der gestrige Tag: Kurz nacheinander kam ich da in Kontakt mit zwei Wortmeldungen zum Thema, die einen offenbar tiefen gesellschaftlichen Graben zeigen (der bei genauerer Betrachtung aber gar nicht mehr existiert). Erst meldete sich auf der Website der Bild-Zeitung der Sprachlehrer Wolf Schneider mit der Erkenntnis zu Wort:

„Gendern ist für Wichtigtuer“

Seine zentralen Argumente lauten: 1. Gendern gefällt ihm nicht. 2. Es besteht ein sprachlicher Unterschied, „zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht“. Um diesen zu illustrieren, wählt er ausgerechnet den Begriff „Weib“, der im Deutschen sächlich ist. Das mag grammatikalisch richtig sein, stilvoll ist es in jedem Fall nicht.

Schneiders Schimpfen bekam weite Aufmerksamkeit und wurde von der Bild-Zeitung durch Agentur-Meldungen getragen. Leider meist ohne die Erwähnung einer zweiten Einlassung zum Thema, die gestern öffentlich gemacht wurde. In einer Pressemitteilung des Leibniz-Institut für Deutsche Sprache heißt es zum gleichen Thema

Der Rückzug des generischen Maskulinums, in der Anrede, in Funktionsbezeichnungen, in Gesetzestexten und in vielen anderen Kontexten ist aber insgesamt ein kontinuierlicher Prozess, der durch die Emanzipationsbestrebungen der Frauenbewegung und später zusätzlich von der LGBTQIA+-Community angestoßen wurde und sich seit gut 30 Jahren auch in sprachpolitisch motivierten Veränderungen des sprachlichen Usus zeigt. Diese Art von Sprachwandel ist nichts Ungewöhnliches, denn Sprachnormen – wie soziale Normen allgemein – sind wertebezogen. Genauso wie die Sprache selbst wandeln sich dementsprechend auch die sprachlichen Normen und damit die Frage, was „gut“ und „richtig“ ist, kontinuierlich.

In dem etwas versöhnlicheren und deutlich elaborierteren Text werden die Argumente der Lesbarkeit (in Wahrheit kein Problem) und die vermeintliche Debatte um die so genannte Freiheit der Sprache eingeordnet, mit einer erstaunlichen Erkenntnis:

Die sprachliche Freiheit sollte uns ein hohes Gut sein. Die Forderung beispielsweise, der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse das Gendern unterlassen, läuft diesem Freiheitsgedanken gerade zuwider.

Anders forumliert: Alle, die bei dem Thema für Freiheit eintreten und gegen Verbote, sollten aufhören, gegen Vorschläge zum Gendern zu kämpfen. Oder in Form einer Bild-Zeitungs-Schlagzeile: „Gender-Gegner missachten die Freiheit der Sprache“

In der Pressesmitteilung ist es weniger plakativ formuliert:

„Wir müssen aber im Moment mit unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten leben, bis sich in der Sprachgemeinschaft mehr einheitliche Schreib- und Sprechgewohnheiten etabliert haben“, so Lobin. „Dabei sollten wir akzeptieren, mit Sprachformen konfrontiert zu werden, die nicht die sind, die wir selber präferieren. Dies ist eine Form von Toleranz, die man in einer pluralistischen Gesellschaft erwarten können sollte“, ergänzt Müller-Spitzer. Für einzelne Sprachformen zu werben, sei natürlich legitim, aber eine gegenseitige Offenheit trotzdem notwendig.

Kontext ist alles: Für sein Currency-Experiment zerstört Damien Hirst seine Kunstwerke

Die Referenz vorweg.

Wenn der britische Künstler Damien Hirst im September Kunstwerke seines Projekts „The Currency“ in seiner Galerie in London zerstören wird, wird in jedem Fall ein Hauch von The KLF in der verrauchten Luft hängen. Am 23. August 1994 wurden nämlich schon mal Werte im Sinne der Kunst zerstört: Bill Drummond und Jimmy Cauty verbrannten eine Million Pfund, die Einnahmen, die sie mit ihrer Band The KLF erwirtschaftet hatten – im Rahmen einer Kunstaktion, die bis heute einmalig ist.

Hirst lehnt sich nun an die unerreichten Pop-Prankster Cauty und Drummond an, indem er sich der Kunst als Währung nähert. Vor einem Jahr hat er ein Experiment angekündigt, das mit realen Kunstwerken und deren digitalen Beipackzetteln spielt. The Currency ist ein Kunst-NFT-Test: Hirst hatte im Jahr 2016 10.000 einzigartig gepunktete Ölgemäde erstellt und diese mit NFTs verbunden. Hirst gab seinem Publikum die Möglichkeit, für je 2000 Dollar ein NFT zu jedem Kunstwerk zu erwerben. Anschließend hatten sie die Gelegenheit, dieses NFT gegen das reale Gemälde zu tauschen. Die Herausforderung: Hirst verlangt eine entweder-oder-Entscheidung.

Die Käufer:innen können also entweder das NFT behalten oder das reale Kunstwerk – denn Hirst wird das jeweilige Gegenstück im September zerstören. Heute ist die Tauschfirst abgelaufen, wie man auf der Website der Firma Henni sehen kann, für die das Projekt nebenbei auch Werbung macht:

CHOOSE YOUR CURRENCY
DECIDE BETWEEN THE DIGITAL NFT OR THE PHYSICAL ARTWORK

Each of the 10,000 unique NFTs corresponds to an original work on paper by Damien Hirst. The collector has to decide between the digital NFT or the physical artwork, but can not keep both. This exchange is a one-way process, so choose carefully.

You have until 3pm British Summer Time, 27th July 2022 to decide to keep either the digital NFT or the physical artwork. If you have not exchanged your NFT in that period, then the physical artwork will be destroyed. Similarly, if you have exchanged it in that period, the NFT will have been burned.

Vor einem Jahr hatte Hirst in diesem Interview seine Neugier beschrieben, die ihn zu dem Experiment brachte: Was wird das Publikum bevorzugen? Die NFTs oder die Gemälde?

Jetzt ist das Ergebnis da (das reale Kunstwerk hat knapp vor dem NFT gewonnen: 5,149 Gemälde zu 4,851 NFT) – und man kann daran illustrieren wie Wertzuschreibung (nicht nur) in der Kunst funktioniert: über Kontext. Dass Menschen vor die Mona Lisa im Louvre treten, liegt weniger an dem Gemälde in Paris als an der Tatsache, dass Menschen vor die Mona Lisa treten. Wertzuschreibung ist soziale Konstruktion. Ich habe das hier schon mal am Beispiel von Paolo Veronese und seiner Hochzeit von Kanaa illustriert. NFTs legen offen, was ich im Lob der Kopie beschrieben habe: Original und Kopie sind keine objektiven Kriterien, sondern Zuschreibungen und soziale Konstruktion.

Das aktuelle Hirst-Experiment illustriert darüber hinaus aber einen Aspekt, der in den Debatten um die so genannten Cancel Culture häufiger aufkommt: die Verknappung des Zugangs als Aufmerksamkeitstreiber. Bei der angeblichen Cancel Culture funktioniert dieses Prinzip über das Muster „etwas soll (vermeintlich) verboten werden und bekommt deshalb extra viel Aufmerksamkeit“, bei Hirst entsteht der Wertzuwachs genau dadurch, dass er Teile der Kunst tatsächlich zerstört.

Ich interessiere mich seit vielen Jahren fürs Kopieren als Kulturtechnik – und habe deshalb 2011 das Buch „Mashup – Lob der Kopie“ zum Thema geschrieben.

In Kategorie: DVG

Gentleminions, Emmanuel, der Emu, Quer in den Westen, Tiktok-Lehrer, 10 von 10, Smypathisch (Netzkulturcharts Juli 2022)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Gentleminions 🆕

Während Deutschland über die vermeintliche Cancel Culture eines merkwürdigen Ballermann-Songs diskutiert, sind in England junge Männer unterwegs, um sich den neusten Minions-Film anzusehen. Sie nennen sich Gentleminions und kommen wohl gekleidet ins Kino – und benehmen ich daneben. Jedenfalls häuften sich zu Beginn des Monats Berichte darüber, dass dieser Netztrend dazu führt, dass Kinobetreiber:innen den Film nicht mehr zeigen (wollen). Damit landen die Gentleminions nicht nur als Trend, sondern vor allem als Symbol auf Platz eins: Denn an ihnen kann man illustrieren, dass die Rede von der Cancel Culture im digitalen Ökosystem falsch ist.

Zum Spitzenplatz trägt außerdem diese schöne Kombination mit dem weiterhin tollen Jiggle-Jiggle-Song von Voicemod bei.

Platz 2: Der rappende Lehrer von Tiktok 🆕

Svante Evenburg hat auf der Abi-Feier an seiner Schule einen beeindruckenden Freestyle-Rap aufgeführt. Das Besondere dabei: Svante Evenburg ist kein Schüler, sondern Lehrer. Wie sein Auftritt in Braunschweig zu einem viralen Tiktok-Hit werden konnte und warum er damit kaum in klassischen Medien auftaucht, habe ich mit ihm in einem kleinen Interview besprochen. Es ist illustriert auf erstaunliche Weise welche Dynamik Tiktok gerade auch auf Schulhöfen, abseits der klassischen Öffentlichkeit haben kann. Deshalb Platz 2 für die erstaunliche Freestyle-Performance.

Platz 3: Emmanuel, der Emu 🆕

Der korrekte Netzbegriff fürs Reindrängeln in ein Bild oder Video lautet: Photobomb. Seit Anfang des Monats hat ein Emu namens Emmanuel (englisch ausgesprochen) das Photobombing aber auf ein neues Level gehoben – und seine Farm im südlichen Florida webbekannt gemacht: Emmanuel drängelt sich wiederholt in Videos, die Farmbesitzerin Taylor Blake dreht, um die dort lebenden Tiere vorzustellen. Was dann passiert beschreibt der Spiegel so: „»Emmanuel!«, ruft Blake, »tu es nicht.« Ins Bild neigt sich ein Emukopf, bernsteinfarbene Knopfaugen, spitzer Schnabel, bereit, durch die Kamera zu zwicken. »EMMANUEL, TU ES NICHT!«, ruft Blake erneut, bis sich der Vogel zurückzieht. »Ich versuche hier, den Leuten etwas beizubringen«, weist sie ihn zurecht.“
Emamanuels Erfolg begann übrigens nicht auf Tiktok, sondern auf Reddit – und wurde dann über Twitter und Tiktok weitergespielt. Es ist also anzunehmen, dass der Sound („Emmanuel, don’t do it“) künftig auch unter anderen Clips zu hören sein wird.

Platz 4: Quer in den Westen 🆕

Ein junger Mann, der die Tiktok-Community auf eine Wanderung mitnehmen möchte? Das an sich ist nichts Besonders. Dass Sean, der laut eigener Aussage „vor drei Tagen mein Studium abgebrochen“ hat, aber schon am ersten Tag seine Wanderung #querindenwesten beendet hat, hat Nutzer:innen offenbar so inspiriert, dass Sean Anfang Juli zu einem viralen Hit wurde – und auch die klassischen Medien erreichte. Die Bild stellte ihn als „Deutschlands erfolgreichsten Versager“ vor und EinsLive ist mit ihm gemeinsam auf eine Wanderung gestartet.

Das ist alles herrlich belanglos und irgendwie absurd, so dass es zum perfekten viralen Sommerhit taugt. Auch wenn Sean recht professionell mit seinem Ruhm umzugehen scheint, er wird sich vermutlich nicht lang in den Charts halten.

Platz 5: Er ist ne 10, aber… (He’s a 10) 🆕

Menschen auf einer Zehner-Skala in Bezug auf ihr Aussehen zu beurteilen – und dann eine weitere Eigenschaft ergänzen, um ein erneutes Urteil abzufragen – das ist gerade ein großes Ding (nicht nur) auf Tiktok. Als Erfinderinnen dieser leicht pubertären Klassenfahrt-Spielerei gelten die Schwestern Leah und Mary Woods, die gemeinsam mit ihrer Freundin Lucy das Spiel nicht nur als erste auf Tiktok brachten, sondern sich auch als Ursprung des Trends interviewen lassen. Jessia hat daraus dann sogar einen Song gemacht – spätestens damit kommt der Trend im Juli in den Netzkulturchart auf 5/5 (oder hab ich da was falsch verstanden)

Besondere Erwähnung

War so viel los im Juli, dass Thomas Mann aus den Charts gefallen ist; also sein immer noch wunderbarere Twitter-Account, den ich im Juni vorgestellt hatte – und der mindestens eine besondere Erwähnung erhalten sollte.

Für mich der beste Weg, um auf charmante Weise in die Netzkultur auf Tiktok einzusteigen: die Clips von smypathisch. Der Kanal von Marie Lina kommentiert das (digitale) Wochengeschehen und gibt einen smypathischen Einblick ins Netz.

Es ist heiß in Deutschland – und die Tagesschau lädt die Tiktok-Community zum Duett, um die Wettervorhersage zu sprechen.

Was passiert, wenn Männer mit Periodenschmerzen konfrontiert werden? Der Tagesanzeiger berichtet über eine Aktion in Kanada.

Lubalin hat seinen Plattenvertrag seinem Erfolg auf Tiktok zu verdanken – deshalb hat Buzzfeed ein Video mit ihm gemacht. Noch besser sind aber seine Internet Drama-Clips, in denen er missglückte Online-Kommunikation vorsingt.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.


München 72 – Social VR als Game, Unterhaltung, Information

Plötzlich stehe ich im Olympiadorf in einem der Zimmer, in dem die Athlethinnen und Athleten wohnen. Ich bin durch einen sehr schlichten grauen Gang gelaufen und habe jetzt einen Holzschrank rechts und links ein Metallbett vor mir. Unter der Matraze liegt ein zusammengerolltes Poster der Olympischen Spiele 1972. Die israelischen Sportler, die in diesen Zimmern wohnten, hatten sich diese Olympia-Plakate als Andenken gekauft. Wenig später werden sie Opfer eines Anschlags, der als Olympia-Attentat in die Geschichte eingeht.

50 Jahre liegen die Olympische Spiele und das Attentat in diesen Tagen zurück. Die Stadt München erinnert an diese bedeutsamen Tage im Sommer 1972 mit zahlreichen Veranstaltungen. Auf dem Marienplatz steht ein riesiger Plastik-Dackel – Waldi, das Maskottchen der Spiele.

Eine besondere Form der Erinnerung, die gleichzeitig Ausblick auf die Zukunft ist, hat der Bayerische Rundfunk mit der Social-VR-Anwendung „München 72“ geschaffen. VR ist die Abkürzung für virtuelle Realität und in der gehe ich gerade mit wackligen Beinen vorwärts – auf dem obersten Stockwerk des Olympiaturms des Jahres 1972. Das Design der virtuellen Umgebung, die das Team vom BR kreiert hat (ich bin mit einigen persönlich bekannt), ist technisch auf der Plattform VR-Chat Zuhause, die für viele (mich eingeschlossen) sehr nach Zukunft klingt. Gestalterisch fühlt sich diese virtuelle Umgebung aber ein wenig so an, als stamme sie aus dem Jahr 1972 – eine Umkleide, die so wirkt als würden sich tatsächlich die Olympia-Athleth:innen hier umziehen, die man auf integrierten Archivaufnahmen des BR auch in Aktion sehen kann.

Ein erstaunlicher Spagat ist dabei gelungen zwischen der Dokumenation der 50 Jahre zurückliegenden Olympia-Zeit einerseits und den Möglichkeiten der Zukunft andererseits. Ich bewege mich in solchen VR-Welten stets mit leichtem Schwindel – das liegt ganz aktuell daran, dass mir die Grafik sehr glaubhaft das Gefühl vermittelt von der Aussichtsplattform des Olympiaturms (182 Meter) nach unten zu schauen. Wer hier Höhenangst empfinden, weiß was der Begriff „immersiv“ bedeutet – alle anderen können es unter dem Schlagwort Motion Sickness nachlesen.

Grundsätzlich spüre ich in VR-Anwendungen wie diesem Paradabeispiel vom BR immer eine leichte Überforderung, weil sie zeigen, welche Optionen in immersiver Technik liegen – wie hier Game-Kultur (echte Gamer:innen würden sich weniger behäbig nach dem virtuellen Radiogerät bücken als ich auf dem Bild), Unterhaltung und Information zu einer neuen Form der Wissens-Vermittelung verschmelzen. Das ist beeindruckend und aufgrund der fundierten Recherche und des umfangreichen Archivmaterials im Fall von München 72 auch beeindruckend aktuell. Der Titel des Projekts lautet „eine begehbare Dokumentation in VR“ und ich werde ab sofort immer an diesen Projekt denken – wenn irgendwo irgendwer entweder völlig übertrieben begeistert oder übertrieben pessimistisch über ein Metaverse, Web3 oder anderen virtuelle Welten spricht.

>> Hier München 72 vom Bayerischen Rundfunk anschauen

Follower-Dilemma: Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was viele Menschen wichtig finden, kann nicht unwichtig sein.

Diese Idee – hier als „Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit“ beschrieben – bestimmt nicht nur Suchalgorithmen, sondern sehr sicher auch Ihr Denken: Wer schon mal neugierig geworden ist, weil irgendwo viele Menschen in einer Schlange anstanden („was ist denn da los?“), kennt das Prinzip, das zahlreiche digitale Plattformen auf die Spitze getrieben haben. Sie haben dafür eine Währung erfunden, die allgemein anerkannt, aber in Wahrheit kaum wertvoll ist. Sie haben dafür das Prinzip „Follower“ erfunden – eine Einheit, die nicht unabhängig überprüfbar ist, die die Plattformen aber reich macht, weil wir sie glauben. Dabei ist diese Währung nahezu bedeutungslos – und es ist dringend an der Zeit, dies auch im allgemeinen Diskurs zu verankern. Und hier will ich kurz erklären, warum das so ist. (Symbolbild: unsplash)

Auslöser für meine Erklärung ist ein Wortbeitrag der sehr geschätzten Kollegin Eva Schulz auf der republica. Auf dem Panel Medienmachende als Marke spricht sie ab ca Minuten 17 über Follower und Reichweite. Sie erzählt die Geschichte einer jüngeren Kollegin, die keine Follower auf Instagram und deshalb kaum Chancen hat, an eine Moderatorionsrolle zu kommen, weil Verantwortliche in Medienhäuser diese Währung für relevant für eine Moderation halten. Eva sagt…

Es hört nie auf. Ich hab was, wo diese Kollegin hinguckt und sagt ,Scheiße, wie soll ich das je erreichen? Diese Followerzahlen, die Eva hat‘. Da ist mir erst bewusst geworden, was ich dann für einen Druck ausüben muss auf so viele Kolleginnen und Kollegen. Wegen einer Währung, die Medienhäuser gladly übernehmen, während es eigentlich ihre Aufgabe wäre, diese Leute selber aufzubauen. Und sich nicht einfach auf eine fremde Währung auf einer externen Plattform zu verlassen, die nicht mal von unserem Kontinent stammt.

… und kommt zu dem Schluss: „Da müssen sich Medienhaus-Verantwortliche wirklich mal überlegen, ob man sich auf diese Kennzahl verlassen will.“

Ich würde noch sehr viel deutlicher sagen: Nicht nur Medienhaus-Verantwortliche sollten sich von dieser Kennzahl verabschieden.

Warum glauben Menschen an den Wert der Follower? Weil sie annehmen, die Zahl treffe eine Aussage darüber, welche Reichweite ein Account hat. Darüber sagt die Zahl aber in Wahrheit sehr wenig aus – viel weniger jedenfalls als gemeinhin angenommen.

Jede:r, die/der mal in die Insights eines Accounts geschaut hat, weiß, dass kein Beitrag, der mit einer Followerzahl 100 gepostet wird, tatsächlich 100 andere Accounts erreicht. Spätestens mit Einführung des Timeline-Prinzips haben die Plattformen nämlich erkannt, dass nicht die postenden Accounts darüber entscheiden sollen, wessen Aufmerksamkeit sie bekommen – darüber wollen die Plattformen selbst bestimmen, um diese Aufmerksamkeit zu monetarisieren.

Mit der Tiktokisierung von Social-Media hat das Follower-Dilemma (Top-Illustration von mir rechts) eine neue Ebene erreicht: Plattformen priorisieren gut laufende Inhalte und versorgen diese mit Reichweite. Das heißt aber nicht, dass auch die Accounts zwingend mehr Reichweite bekommen – dafür müssen sie nämlich weiter gut laufende Inhalte produzieren; genau wie Accounts mit wenigen Followern auch.

Tiktoks relevanteste Bühne, die for you page, kommt sogar völlig ohne Follower aus. Hier spielt die Plattform Beiträge aus, die nicht darauf basieren, dass ein:e Nutzer:in bei Accounts „das plus weggemacht hat“ (Tiktok-Lingo für Follow). Auf der For You Page werden nach dem sprechender Hut-Prinzip Beiträge ausgespielt, die dann nahezu magisch irre Reichweiten bekommen können. Das gilt für einen Account mit wenigen Followern ebenso wie für einen vermeintlich reichweitenstärkeren Account, der bereits viele Follower hat.

Verlässlich aussagekräftig ist die Zahl der Follower auf Plattformen also nur in eine Richtung: in Bezug auf die Anzahl der Accounts (nicht unbedingt auch Menschen), die auf der Plattform den Account abonniert haben. Dass diese Zahl auch technisch verändert worden sein kann, lasse ich bewusst unerwähnt, denn meine Kritik bezieht sich gar nicht auf diesen Aspekt (der selbstredend erschwerend hinzukommt). Ob der Account diese anderen Accounts dann auch erreicht, darüber sagt die Follower-Anzahl eher wenig aus – maximal eine Wahrscheinlichkeit lässt sich aus der Gesamtzahl der Fans auf die Reichweite ermitteln.

Diese Wahrscheinlichkeit ist nicht null, aber sie ist ganz sicher auch nicht so bedeutsam, dass sie als relevante Währung in der öffentlichen Debatte genutzt werden sollte. Um ihre Flüchtigkeit zu illustrieren, muss man sich einen Account vorstellen, der zwar sehr viele Follower angesammelt hat, dann aber monatelang nichts postet. Dieser Account wird nach zwölf inaktiven Monaten nur eine sehr geringen Wahrscheinlichkeit auf hohe (organische) Reichweiten haben – es sei denn er kauft dafür Sichtbarkeit hinzu. Womit die Währung völlig wertlos wird, wenn sie lediglich zeigt, wieviel Geld ein Account ausgegeben hat, um sichtbar zu sein.

Sinnvoller erscheint es mir, Prominenz oder Sichtbarkeit im digitalen Ökosystem als fluide Währung zu betrachten – die immer nur sehr kurze Halbwertszeiten aufweist. Zu glauben, eine Angabe über Fans oder Follower könne daran etwas ändern, ist eine angenehme Vereinfachung, aber halt auch unangenehm falsch.

Nachtrag Es gibt übrigens eine Akteurin in dem Spiel, die großes Interesse daran hat, dass die Währung „Fans/Follower“ nicht an Bedeutung verliert: die Plattform selbst. Ohne eine unabhängige dritte Instanz, die ihre Zahlen kontrolliert, kann die Plattform den Nutzer:innen nämlich so ihre eigene vermeintliche Bedeutung vorführen. Das wäre doch schade, wenn sich daran etwas ändert…

Wie kommt man auf gute Ideen? (Farin) Urlaubs-Tipps

„Ich hab meistens extrem gute Laune“ sagt Farin Urlaub im Ärzte-Podcast, den Marco Seiffert gerade für die ARD produziert. Es ist die Antwort des Ärzte-Sängers auf die Frage nach seiner Rolle in der Band. Im weiteren Verlauf des Gesprächs geht es darum, wie ihm die „komplett-absurde Text-Ideen“ (Seiffert) kommen, also: wie er kreativ ist.

Seine Antwort (und sein Auftreten im gesamten Podcast) erinnert mich sehr an die These, dass die allermeisten Menschen, die gute Ideen haben – auch humorvoll oder witzig sind. Seiffert fragt dann noch, ob Drogen (auf die Urlaub verzichtet) helfen würden oder ob er einfach ein Genie ist. Seine Antwort:

Also mit Genie hab ich nun wirklich nix am Hut. (…) Ich glaube nicht, dass Drogen dir dabei helfen, absurd zu werden. Also weiß ich nicht, ich hab wie gesagt keine eigene Erfahrung. (…) Vieles hat damit zu tun, dass ich Sachen zulasse. Also wenn mir was einfällt und es ist bescheuert, dann sage ich nicht gleich ,das ist ja bescheuert‘, sondern ich sage ,mal gucken, wo es hinführt‘. Und was viele Künstler von sich behaupten und ich auch ist dieses „fünf Prozent Inspiration, 95 Prozent Transpiration“. Also ich feile an Ideen so lange rum, bis ich zufrieden bin. (…) Wenn der Reim nur so ungefähr gut ist, bin ich meistens nicht zufrieden. Im Idealfall hört sich ein Song so an, als würde sich jemand mit dir unterhalten – und dann merkst du aber, dass das Versmaß und die Reime komplett stimmen.

Mir gefällt nicht nur der Podcast herausragend gut, auch die Einblicke in den kreativen Prozess von Ärzte-Songs finde ich äußerst inspirierend – denn das Modell des Zulassens deckt sich voll und ganz mit der Idee, die ich in der Anleitung zum Unkreativsein beschrieben habe: Wir müssen uns von Ideen finden lassen.

Mehr zu Musik & Kreativität hier im Blog von Rick Astley und der Band Franz Ferdinand

Kate Bush, Jiggle Jiggle, Thomas Mann Daily, Tiktok-Bingo, Nationalhymnen, Lalaleluu ist cool & Jax Victorias Secret (Netzkulturcharts Juni)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Kate Bush „Running Up The Hill“ 🆕

Nachdem Kate Bush zu Beginn des Monats mit ihrem Song „Running Up The Hill“ dank der Verwendung in der Netflix-Serie „Stranger Things“ erstmals in die US-Charts eingestiegen war, hat sie gerade eben gleich drei Chart-Rekorde in England gebrochen: Vor 44 Jahren stand die Sängerin letztmals an der Spitze der britischen Charts. Einen derart langen Zeitraum hatte es zwischen zwei Spitzenplätzen noch nie gegeben. Sie ist zudem die älteste Sängerin an der Spitze der britischen Charts und noch nie zuvor hat ein Lied so lange von seiner Veröffentlichung bis zur Chartsspitze gebraucht: 37 Jahre. Auch in den Tiktok-Charts platziert sich der Song weit oben.

Grund für diese Rekorde sind eine geschickte Marketing-Strategie der Netflix-Serie sowie die „accelerated decline“-Klausel in den Regeln der britischen Hitparade, die der Guardian so erklärt: „So while a new song earns one “sale” for every 100 streams, older songs need to be streamed 200 times before a single “sale” is counted.“

Oliver Kaever kommt im Spiegel mit Blick auf den Song zu dem Schluss: „Eigentlich schade, dass er die Luftnummer »Stranger Things« brauchte, um wiederentdeckt zu werden.“

Platz 2: Jiggle Jiggle, Louis Theroux ⬇️

Im New York Times-Porträt nennt Louis Theroux die Geschichte des Jiggle-Jiggle-Hits “a baffling 21st century example of just the weirdness of the world that we live in” – und für mich ist sie weiterhin eine der schönsten Popstorys des Sommers, deshalb hält sie sich weiter oben in den Charts. Denn es gibt scheinbar nur eine Person weltweit, die unter dem Hype um den Autotune-Schnipsel leidet: Therouxs 14jähriger Sohn. “‘Why is my dad, the most cringe guy in the universe, everywhere on TikTok?’” Mr. Theroux said, giving voice to his son’s reaction.“

Den meisten anderen Tiktok-Nutzer:innen scheint es jedoch anders zu gehen als Theroux Junior. Sie mögen den Song so sehr, dass sie mittlerweile sogar eine langsame Version auf der Harfe nutzen oder wie DJ Horizon in diesem kleinen Tiktok-Clip vom now playing-Festival in Indonesien, das Publikum damit begeistern. Das Beispiel ist auch deshalb Netzkulturcharts-relevant, weil es den „Wait for it“ (zu deutsch: „Schau bis zum Ende“)-Aufruf enthält, mit dessen Hilfe Tiktok-Clips ihre langfristige Sichtbarkeit erhöhen wollen.

Platz 3: Thomas Mann Daily 🆕

Im Frühjahr 2019 zeigte das Projekt „Ich Eisner“ wie Geschichte durch soziale Medien lebendig werden kann. Die Botschaften des ersten bayerischen Ministerpräsidenten, die zeitversetzt genau 100 Jahre nach der Revolution im Freistaat verschickt wurden, bekamen ein durchweg positives Echo. Dass der Twitter-Account Thomas Mann Daily nun seit einer Weile etwas Vergleichbares anbietet, ist also nicht besonders originell, aber trotzdem großartig. @DailyMann twittert Notizen aus den Tagebüchern des Literaturnobelpreis-Trägers, die jeweils an dem Tag notiert wurden. Die Einträge sind nicht chronologisch, sondern nur datumspassend. Das ist aber dennoch äußerst reizvoll, weil ich mich jedes Mal wieder frage: Wie hätte Thomas Mann genau diese Beobachtung heute notiert?

Platz 4: Tiktok-Bingo 🆕

Wie funktionieren eigentlich deutsche Tiktok-Clips? Der Tiktok-User @derbimon hat für die Reichweiten- und Interaktions-Tricks von Influencer:innen ein Bingo erstellt, das er auf seinem Account mit Hilfe der Duett-Funktion durchspielt. Regungslos schaut er sich die Clips an und spielt dabei mit „OMG!“-Floskeln und „Macht das Plus weg“-Aufrufen Bingo. Das ist nicht nur sehr lustig, sondern auch lehrreich, weil er damit wiederkehrende Muster offenlegt. Deshalb: macht das Plus weg bei @derbimon und folgt ihm für den zweiten Teil.

Platz 5: Luksan Wunder – Nationalhymnen-Missverstehen 🆕

Richtiges Verstehen und vor allem das richtige Aussprechen sind seit jeher ein relevantes Thema für Luksan Wunder (ich habe darüber ausführlich im meinen Essay im Deutschlandfunk gesprochen). Diesen Monat nun hat der Account ein neues Feld für das große Missverstehen-Thema geöffnet: Nationalhymnen. Endlich hört mal wer richtig hin und verrät, dass die italienische Nationalhymen mit den Worten „Der Starbucks in Parma“ beginnt. Falls sich das merkwürdig liest, bitte unbedingt hier die Luksan-Wunder-Übersetzung anschauen. Sie zählt zum Lustigsten, was ich im Juni im Netz gesehen habe.

Besondere Erwähnung:

Dass man mit dall-e mini Bilder generieren kann, wissen eh alle, oder? Hier hat der Spiegel drüber geschrieben. Die FAZ hat unterdessen einen eigenen Tiktok-Kanal gestartet, Twitter testet eine Entpörungsbremse für aufgebrachte Tweet-Schreiber:innen – schreibt Ryan Broderick. Ich würde es einen Entpörungsversuch nennen – und frage mich, was die Woke Szene davon hält (Hintergrund hier im Tagesspiegel)

Falls jemand plant, Rückblick-Retro-Posts anzufertigen ohne dabei allzu melancholisch zu werden: Der beschleunigte Abba-Song Angle Eyes liegt derzeit als „Angleseyes Sped up“ unter zahlreichen Clips, die Retro-Charmen versprühen.

Wie kommst du in Zukunft an einen Job? Unternehmen bewerben sich bei dir! Genau das hat Tiktokerin @lalaleluuistcool im April vorgeschlagen. In diesem Video schminkt sie sich und fordert Unternehmen auf, sich bei ihr zu bewerben – damit sie deren „Tiktok-Mensch“ wird. Heute hat sie nun eine Auflösungs-Video gepostet, in dem sie ankündigt, künftig Tiktoks für Edeka zu machen.

Nachtrag zu Thema Tiktok und (Fake-)Viralhits (siehe Mai-Charts): Bei OMR gibt es einen guten Überblicks-Artikel zum Thema. Und zum Abschluss ein Song, den Jax über Victorias Secret geschrieben hat:

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: DVG

How can anybody dream the internet

Ich mag das Format „Song Explorer“ und ich mag Memes.

Als ich diese Woche sah, dass in dem Podcast das Lied des Rickrolling-Phäno-Memes besprochen wird, habe ich mir die Episode mit Rick Astley voller Vorfreude runtergeladen – und wurde trotzdem beim Anhören positiv überrascht.

Die 24 Minuten erzählen nicht nur auf wunderbare Art und Weise die Geschichte des Songs „Never Gonna Give You Up“, sie sind auch eine Geschichtsstunde in Sachen Technologie-Entwicklung und vor allem Popkultur.

Der heute 56-jährige Astley sagt in dem Podcast den wunderbaren Satz:

How can anybody dream the Internet 33, 34 years ago?

Er stellt diese großartige rhetorische Frage, weil aus dem Video zu dem Song, das anfangs erst fünf Wochen nach dem Charteinstieg veröffentlicht wurde, eine weltweites Meme geworden ist. Der Link zu dem zierlichen junge Mann in dem Clip wird heute als „Rickrolling“-Scherz verschickt, um die Empfänger:innen zu veräppelt. Zusätzlich zu genuinen Erfolg des Songs, ist der Clip so zu einem popkulturellen Phänomen geworden, das Astley auf beeindruckend pragmatische Weise akzeptiert hat. Seine Tochter habe ihm erstmals davon berichtet, erzählt er in dem Podcast und erklärt: ,Es geht nicht um dich‘. Und damit habe sie Recht behalten – es geht nicht um Rick Astley, es geht um die größere popkulturelle Geschichte.

Rickrolling und der zugrunde liegende Song zeigen auf beeindruckende Weise die Kraft und den Zauber der weltweiten Vernetzung. Beide sind Teil eines popkulturellen Kanons, eines gegenwärtigen Referenzsystems, das die Transformation vom Werk zum Netzwerk als Ausdruck der häufig Digitalisierung genannten Veränderung beispielhaft vor Augen führt.

Pop ist deshalb nicht nur ein durchgängiges Lob der Kopie und der Referenz, sondern auch Ausdruck einer Grammatik der Gemeinsamkeit. Anders ist nicht zu erklären, weshalb die Macher:innen von Ted Lasso in der gleichnamigen TV-Serie diese wunderbare Rickrolling-/Song-Referenz eingebaut haben.

In Rick Astley Haltung drückt sich aber noch ein zweiter bedeutsamer Aspekt von Pop aus: eine Offenheit fürs Neue! Diese zeigt sich nicht nur in dem Zitat, sondern auch in den Interviews – hier als Justin Bieber der 80er im US-TV oder hier auf Deutsch – die er heute gibt: Rick Astley is cool with it

How can anybody dream the Internet

ist Ausdruck eines Haltung zur Zukunft, die das Gegenteil von Fatalismus ist. Es nicht zwingend Gestaltungswillen, den man darin erkennt, aber in jedem Fall Möglichkeitssinn. Zuletzt habe ich den erkannt, als ich von diesem Projekt von Rebecca Solnit und Thelma Young las: Not Too Late ist die Website zu einem Buch, das sich mit dem Kampf gegen die Erderwärmung befasst und auf einem vielleicht pathetischen Wort beruht: Hoffnung

Die Glut-Theorie im Deutschlandfunk (Digitale Juni-Notizen)

Ein Teil meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann, erscheint in diesem Monat beim Deutschlandfunk.

Im März war ich beim Kölner Kongress des Deutschlandfunk unter dem Titel „Erzähl mir was Neues“ eingeladen. Auf Basis meines Vortrags dort ist ein Essay entstanden, das vergangene Woche im Programm des Deutschlandfunk lief. Ich verweise auf den Beitrag, weil die Glut-Theorie der politischen Debatte (Symbolbild: Unsplash) auch Bezug nimmt auf einige Texte, die hier im Newsletter erschienen bzw. die hier verlinkt sind.

Grundlage für den Text war die Beobachtung, Impfverweigerung als Meme zu denken. Diese Analyse ist ebenso in Vortrag und Essay eingeflossen wie Teile der Mai-Folge der Digitalen Notizen sowie „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) und „Ich mag Twitter“ (November 2021).

Den neuen Blick auf Meme und memetische Muster verdanke ich aber vor allem der Arbeit an dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das bei Wagenbach erschienen ist.

Hier den Beitrag im Deutschlandfunk anhören

Louis Theroux & Jiggle Jiggle, I am Jose Mourinho, Hasleys Viral Moment, POV-Videos, Zuckerberg Gruppen-Selfie, (Netzkulturcharts Mai)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Jiggle Jiggle, Louis Theroux 🆕

Louis Theroux ist ein Journalist, der vor allem durch seine Dokumentationen in der BBC bekannt geworden ist. Gerade läuft die Serie Forbidden America, in der Louis Internetstars trifft. Der Untertitel lautet „Extrem and Online“ und ist eine treffende Beschreibung. Auf seiner Website stellt er auch Podcasts und Bücher vor, seine Bekanntheit hat aber ein neues Level erreicht, seit er ins Musik-Business eingestiegen ist. Gerade ist sein Song „Jiggle Jiggle“ erschienen – und dessen Entstehung ist die schönste Viral-Geschichte des Monats, die Theroux z.B. eigene Memes eingebracht hat: Sie beginnt im Jahr 2000 mit diesem Rap-Versuch des Journalisten. Damals war er im Rahmen seiner Recherche für die Serie „Weird Weekends“ in New Orleans und beteiligte sich an einem Rap-Wettbewerb einer örtlichen Radiostation. Im Februar 22 Jahre später war Louis nun in der YouTube-Sendung Chicken Soap Date bei Amelia Dimoldenberg zu Gast, die ihn auf den Rap aus dem Jahr 2000 anspricht. Darauf beginnt er zu rappen, was die DJs Duke & Jones entdecken und für ihre Konzept „adding autotune to random videos“ nutzen. Das heißt sie nehmen Louis Sprechgesang, autotunen ihn und landen damit wie zufällig einen viralen Hit. Der Sound wird millionenfach auf Tiktok genutzt, Snoop Dog referenziert ihn und Mitte Mai bringen die DJs und der Journalist den Song auch offiziell raus. Dafür rappte er nochmal in einem echten Studio, wie man hier sehen kann – dem viralen Erfolg schadet das nicht, im Gegenteil: aktuell führt er nicht nur die Netzkulturcharts an, auch Tiktok sieht ihn ganz oben.

Platz 2: „I am Jose Mourinho“ 🆕

Sich unfreundlich, ein wenig gemein aber vor allem sehr egoistisch zu benehmen, hat seit diesem Monat einen Namen: Der Satz „I am Jose Mourinho“ ist zur Beschreibung dieses Verhaltens in allen denkbaren Ausprägungen geworden. Nutzerinnen und Nutzer auf Tiktok haben das Zitat des Conference-League-Meistertrainers aus dem Werbespot für ein Sticker-Album genommen und kleben es nun auf alle denkbaren badass-Moves, die dem Gestus des umstrittenen Trainers, der gerade beim AS Rom gefeiert wird, zugeschrieben werden. Die Werbung läuft seit Anfang April, die Reichweite des Memes hat die Sticker-Reklame aber bei weitem überschritten. Erstaunlich daran: diese Clips leben von der Text-Ebene der Tiktoks. Nutzer:innen zeigen sich selbst, schreiben ihr Mourinho-haftes Verhalten in den Text auf das Bild und sprechen den Sound der Werbung lippensynchron nach. Nicht auszuschließen, dass der Satz ein geflügeltes Wort wie „Hold Me Beer“ werden könnte.

Platz 3: Faking Viral Moment 🆕

Ashley Nicolette Frangipane ist unter dem Namen Hasley als Musikerin sehr bekannt. Ihre Wikipedia-Seite listet zahlreiche Auszeichnungen und Chart-Platzierungen auf. Bisher unerwähnt ist dort jedoch ein Tiktok-Clip, den Hasley in diesem Monat hochgeladen hat. Darin filmt sie sich zu 30 Sekunden eines neuen Songs und teilt auf der Textebene die Information, dass ihre Plattenfirma diesen Song nicht veröffentlichen will, bis sie nicht einen viralen Moment auf Tiktok erfinden können. Sie lehnt sich damit gegen den Marketing-Druck ihrer Plattenfirma auf – und hat ironischer Weise damit eine Art viralen Moment geschaffen. Denn zahlreiche Medien widmen sich „dem Druck, der von Tiktok ausgeht“ (Axios), analysieren, dass Tiktok das neue MTV sei oder fragen (Vice) wie sehr Musiker:innen darunter leiden. Ich mag das Fazit bei Axios: „People have long used manufactured scandals or drama to help boost sales or hype new products, but the social media era has put more pressure on artists to do it consistently to break through.“

Platz 4: POV-Videos ⬆️

In den Netzkultur-Charts im April habe ich den POV-Trend noch als besondere Erwähnung notiert. Meinem Eindruck nach haben sich diese Clips noch weiter popularisiert. Sie zeigen zum Sound aus dem Song „Miami, My Amy“ von Keith Whitley Zitate, die Menschen in bestimmten Situationen hören. Illustriert werden die Clips stets mit Stockfotos, die Typen zeigen sollen, die diese Sätze sagen könnten.

Ich habe dazu im vergangenen Monat ein Reel gemacht mit dem „POV: Wenn du mit dem Laufen beginnst

Platz 5: Mark Zuckerberg Selfie

Der Meta-Chef* hat mit Angestellten seines Meta-Stores ein Selfie gemacht – und Internet macht sich drüber lustig. Das wäre eigentlich nicht weiter erwähnenswert, würde es nicht so anschaulich beschreiben, welch merkwürdige Rolle der einstige Popstar des Digitalen mittlerweile im Netz einnimmt.
* als ich merkte, dass Meta-Chef ja die Bezeichnung für den Chef der Chefs ist, musste ich so lachen wie Zuckerberg auf dieser Fotomontage.

Besondere Erwähnung:

Das ZDF-Magazin hat nachgewiesen, dass viele Polizeidienststellen in Deutschland etwas überfordert damit sind, online zu ermitteln. Die heute-show hat sich mit Tiktok befasst – inklusive Kurz-Interview mit Marcus Bösch und Putin-Propaganda von Alina Lipp.

The Atlantic glaubt, die Internet-Challenge sei tot, jedenfalls nicht mehr so lebendig wie früher. Musicbusinessworld fragt, ob Tiktok zu einer Plattenfirma wird und und Vox erkennt einen Trend zum Mashup aus Tiktok und Powerpoint – zu guter Letzt: ein Song