Alle Artikel in der Kategorie “DVG

Perspektive lernen: der Workshop-Newsletter bei steady

Am 12. April startet drüben bei steady ein kleines Experiment: ich habe einen Teil meines Buches „Anleitung zum Unkreativsein“ in einen Newsletter überführt, der wie ein Workshop funktioniert.

Elf Wochen lang bis zum längsten Tag des Jahres versuche ich jeden Montag neue Perspektiven zu eröffnen. Zu jedem Buchstaben des Wortes PERSPEKTIVE gibt es eine Folge, die das jeweilige Schlagwort thematisiert, Lesetipps vermittelt und Fragen beantwortet.

Denn die Besonderheit an dem Newsletter-/Workshop-Konzept steckt auch im Austausch mit den Leserinnen und Lesern. Die ersten 500 Teilnehmer:innen können kostenfrei mitmachen – und ihre Fragen einschicken. Bis jetzt haben sich 308 Menschen in den Newsletter eingetragen. Deshalb hier meine Einladung an Dich: Trage dich hier ein und schicke mir gerne deine Frage, deine kreative Herausforderung oder Anmerkung zum Thema (Mail-Adresse im Kontakt)

Ich werde mich bemühen, in jeder Folge beispielhaft eine Frage aufzugreifen und (anonymisiert) zu beantworten. Dabei kann es um Feedback-Kultur gehen oder um die Frage wie man mit scheinbar ausweglosen Aufträgen umgeht. Spielerische Lösungsansätze für kreative Herausforderungen versuche ich ebenso in dem Newsletter aufzuzeigen wie die Ratschläge zur Unkreativität, die in dem Buch versammelt sind. Dazu haben mir unter anderem Christoph Niemann, Kathrin Passig, Alice Hasters und Susi Bumms Antworten auf die Frage geschickt: Was ist deine wichtigste Anleitung zum Unkreativsein? In der ersten Newsletter-Folge gibt es direkt ein paar Antworten von Teilnehmer:innen des Workshops.

Ich probiere diese Form des Newsletters nicht nur aus, weil er mir passend zum Buch erscheint. Mich reizt vor allem der Aspekt, den ich unlängst unter dem Schlagwort „Inspirierender Journalismus“ notiert habe. Darüber werde ich innerhalb der elf Folgen und bestimmt auch danach reflektieren: Wie kann man ein Buch in einen Workshop übertragen?

Hier anmelden und mitlesen!

Internetquatsch: Nele Hirsch über die Frage, wie sich in einer Kultur der Digitalität gute Bildung gestalten lässt

Am Wochenende twitterte die Bildungswissenschaftlerin Nele Hirsch vom eBildungsslabor: Internetquatsch ist online Dahinter steckt eine schöne Doppeldeutigkeit. Denn natürlich ist das Internet per se online. Neu ist hingegen, dass Neles pädagogisches Projekt internetquatsch.de im World Wide Web zugänglich ist. Ich habe ihr ein paar Fragen gemailt.

Warum Quatsch? All die Sachen, die du auf der Seite versammelst, sind sehr schöne Beispiele für eine völkerverbindende Netzkultur. Warum denken wir dennoch, es handele sich irgendwie um Quatsch?
Für mich ist Quatsch sehr positiv konnotiert. Bei Quatsch geht um Lachen, Spielen und Erkunden außerhalb von normierten Nützlichkeitserwägungen. Internetquatsch sind für mich demnach Anstöße zum neu und selber Denken. Zudem hat Quatsch ein verbindendes und oft auch kollaboratives Moment.

Ich selbst verwende den Begriff Internetquatsch auch oft und verstehe deshalb intuitiv deine Freude daran. Kannst Du dennoch nochmal für alle, die sich nicht so sehr für Memes und Netzkultur begeistern, zusammenfassen, was dich daran reizt?
Mich reizt daran vor allem die unglaubliche Kreativität, die darin ihren Ausdruck findet. Wie kommt zum Beispiel jemand dazu, eine Katze ins Netz zu stellen, mit der man auf Bongos und anderen Instrumenten trommeln kann?
Neben solchem Spaß ist Internetquatsch oft auch einfach wunderschön. Zum Beispiel, wenn per Zufallsgenerator Planetenbilder generiert und geteilt werden.
Und richtig großartig wird Internetquatsch mit Kollaboration. Ich liebe beispielsweise, die Sammlung von Waldgeräuschen, die Menschen auf der ganzen Welt aufgenommen und über eine Online-Karte geteilt haben. Oder das Projekt Colornames, bei dem für jede Internetfarbe eine Bezeichnung gesucht wird. Schon über 2 Millionen Farbbezeichnungen sind inzwischen eingegangen. Darunter ‚Murky Purple‘ für ein dunkles Violett oder ‚Peppermint Mints‘ für ein leuchtendes Grün.

An wen richtet sich deine Seite hauptsächlich: eher an Lernende oder eher an Lehrende? Und was sollen sie mit der Seite machen?
Gute Lehrende sind ja immer auch Lernende. In diesem Sinne hatte ich bei der Erstellung der Seite als Zielgruppe vor allem ‚lernende Lehrende‘ im Blick. Also Menschen, die neugierig darauf sind, wie sich in einer Kultur der Digitalität gute Bildung gestalten lässt.
Mit der Seite möchte ich erstens dabei unterstützen, überhaupt Einblicke in Internetquatsch zu bekommen. Denn außerhalb bestimmter Communities ist dieser ja oft eher versteckt oder unbekannt. Manchmal ist hier auch das in der Netzkultur vorherrschende Englisch eine Barriere, bei deren Überwindung ich durch die kurzen deutschsprachigen Beschreibungen helfen will.
Zweitens ergänze ich zu jeder kuratierten Quatsch-Website mögliche pädagogische Einsatzszenarien. Diese sind mit einem Zwinkersmiley versehen, denn es geht ja gerade nicht darum, die Offenheit des Internetquatsches gleich wieder in ein bestimmtes Schema oder gar in einen Lehrplan zu pressen. Gerne möchte ich damit aber beispielhaft zeigen, was damit alles möglich ist – und auf diese Weise Lust machen, eigene Ideen zur Nutzung zu entwickeln.

Ich persönlich mag die Seite „Shruggie basteln“ besonders. Dort schreibst du: „Zeitgemäße Bildung ist für alle ein Lernprozess. Wenn man also wieder mal an die Stelle kommt, wo es mehr Fragen als Antworten gibt, kann man kurz Pause machen und alle denken nach, während sie – unterstützend dazu – einen Shruggie zusammensetzen.“ Kannst du mal den pädagogischen Ansatz erklären, der dahinter und damit auch hinter dem Internetquatsch steckt?
Bei zeitgemäßer Bildung gibt nicht eine Person (meist die Lehrperson), die auf alles die Antworten hat und den Lernenden die Welt erklärt. Stattdessen geht es darum, gemeinsam zu lernen und auf diesem Weg auch neue Ideen zu entwickeln. Zeitgemäße Bildung hat in diesem Sinne ein sehr ermächtigendes Potential. Denn indem wir Lernenden ermöglichen, sich erkundend auf ihren Lernweg zu begeben, ist das Lernziel nicht mehr vorrangig eine Anpassung an bestehende Strukturen. Stattdessen lernen sie zu hinterfragen. Sie werden gefordert, bestehende Strukturen neu und anders zu denken und perspektivisch auch zu gestalten. In der Pädagogik spricht man hier von den so genannten 4K-Kompetenzen als den Schlüsselkompetenzen, die Lernende heute vor allem entwickeln sollen: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. All das steckt auch in Internetquatsch.

Wie reagierst du, wenn Pädagoginnen und Pädagogen sagen, dass das alles sehr gefährlich ist und Kinder sowieso viel zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen?
Wenn wir Kinder und Jugendliche stark machen wollen, sich gegen etwaige Gefahren zu wehren, dann müssen wir uns mit ihnen gemeinsam mit diesen Gefahren auseinandersetzen. Das gilt nicht nur für das Internet, sondern für alle gesellschaftlichen Bereiche. Wegsperren und verbieten führt stattdessen dazu, dass man Kinder und Jugendliche allein lässt. Deshalb ist das aus meiner Sicht der schlechteste Weg.

Und zur Bildschirmzeit: Es ist doch immer die Frage, was da vor dem Bildschirm gemacht wird. Netzkultur hat mit Verblödung und Passivität überhaupt nichts gemein. Ganz im Gegenteil: Wenn wir Kinder und Jugendliche dabei begleiten und unterstützen wollen, sich zu kreativen, schlauen, kommunikativen und sozialen Erwachsenen zu entwickeln, dann ist Internetquatsch dafür perfekt geeignet. Und überhaupt stammt ganz viel Internetquatsch ohnehin von Jugendlichen selbst.

Wie geht es weiter mit dem Internetquatsch? Also sowohl mit der Seite als auch mit der Netzkultur?
Netzkultur ist aus meiner Sicht gerade sehr lebendig. Ich kann mir vorstellen, dass die soziale Distanz an physischen Orten im Zuge der Corona-Pandemie dazu einiges beiträgt. Denn umso mehr freuen sich Menschen gerade in so einer Zeit, wenn das Internet für alle ein schöner, kreativer und spaßiger Ort ist.
Bei meiner Seite habe ich vor, in der nächsten Zeit jeden Tag mindestens einen weiteren Beitrag mit Internetquatsch zu teilen. Über Vorschläge freue ich mich sehr! Und dann bin ich neugierig darauf, was Menschen mit all dem Quatsch anfangen und wie sie das nutzen werden. Das Schöne am offenem Teilen ist ja gerade, dass daraus oft völlig unerwartete Ideen entstehen.

Und zum Abschluss: Was wünschst du dir in Bezug auf digitale Bildung?
In Bezug auf digitale Bildung wünsche ich mir, dass wir den Transformationsprozess als Katalysator nutzen, um Herausforderungen im Bildungssystem endlich anzugehen. Wichtige Fragen sind dazu: Wie muss Bildung gestaltet sein, dass sie soziale Ungleichheit verringert statt zu verstärken? Wie können wir Lernende dazu ermutigen, selbst zu denken statt nachzuplappern? Und wie ermöglichen wir Schulen und Lehrkräften mehr Freiräume für die Gestaltung personalisierter Lernprozesse?

Mehr unter internetquatsch.de

Dass ich mich für Internetquatsch begeistern kann, liegt auch an dem Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation, das gerade in der Reihe Digitale Bildkulturen im Wagenbach-Verlag erschienen ist. Am Mittwoch 17.3. gibt es in Berlin eine Buchpremiere – gemeinsam mit dem wunderbaren Band „Gifs“ von Tilmann Baumgärtel

Inspirierender Sachbuchjournalismus als Begleiter – Gespräch mit Michèle Loetzner und Christoph Koch

Kann man ein Gespräch vor den Ohren von Publikum live auf Clubhouse aufzeichnen und dann später als Text zum Lesen zur Verfügung stellen? Dieses Experiment haben wir Anfang Februar in Clubhouse unternommen. Abseits vom Inhalt könnte diese Form des Drop-in-Audio das Produkt „Interview“ langfristig zu einem erlebbaren Prozess machen. Dazu habe ich hier unlängst mit Blick auf Clubhouse und Twitter-Spaces geschrieben – und in „Eine neue Version ist verfügbar“ sehr grundsätzlich nachgedacht.

Michèle Loetzner und Christoph Koch haben gerade Sachbücher veröffentlicht, die sich jeweils auf einer Wegstrecke (Symbolbild: Unsplash) mit dem persönlichen Wohlbefinden ihrer Leser:innen befassen. Es geht um Liebeskummer und Digitale Balance und beide haben sich dafür Tage als Lese-Distanz ausgesucht: Michèle hat sich mit 99 Tagen und Christoph mit einer 30-Tages-Challenge befasst. In einem Clubhouse-Talk im Februar habe ich die beiden zu diesen Ansätzen befragt – vor allem mit Blick auf die Idee des „Inspirierenden Journalismus“.

Sind Eure Bücher tatsächlich Beispiele für das was, ich „Inspirierenden Journalismus“ nennen würde, also eine Form von Sachbuch-Journalismus, der seine Leser:innen verändert?
Michèle: Ja. Das war tatsächlich die Idee des Buches direkt von Beginn an. Und das zeigt sich ja auch in dem doch sehr einfachen Titel. Man hätte sehr viel schönere und wortspielende Titel finden können und das hätte mein Literaturwissenschaftlerinnen-Herz auch mehr gefreut, aber auf dem Buch steht drauf, was drin ist.

„Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“ – war es schwierig den Verlag davon zu überzeugen oder war es umgekehrt so, dass der Verlag dich überzeugen musste?
Michèle: Letzteres. Das ist schön, dass Du fragst, weil ich jetzt endlich mal meinen wunderschönen eigentlichen Titel sagen. Eigentlich hätte das Buch „Ja, der kann weg“ heißen sollen.
Christoph: Super.
Michèle: Das Buch richtet sich hauptsächlich an Frauen und der Titel hätte nicht nur die Bedeutung gehabt, dass der Typ in der heteronormativen Beziehung weg kann, sondern eben auch der Liebeskummer selbst. Aber direkt im allerersten Telefonat mit der Lektorin, nachdem alles unterschrieben war – und da gab es schon den Untertitel „Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“ – meinte sie ganz deutlich: „Michèle, wir können jetzt lange rumtun, aber benennen wir es doch einfach mit dem Untertitel.“ Ich weiß noch, wie ich damals das Gefühl hatte, als hätte mir jemand einen Dolch ins Herz gestochen…

… wie fühlt es sich jetzt an? Das Buch ist seit Sommer auf dem Markt, empfindest du noch einen Schmerz?
Michèle: Nein. Das war die richtige Entscheidung für den Titel. Es war eine Marketing-Entscheidung, aber es war die richtige Entscheidung. Liebeskummer ist ein sehr spitzes Thema. Niemand kauft sich ein Buch, weil er gerade mal was Lustiges über Liebeskummer lesen möchte. Jemand, der das Buch kauft, steckt selbst in der Situation und sucht danach im Internet oder geht in den Buchladen und fragt: „Ich habe Liebeskummer. Können Sie mir da was empfehlen?“ Und wo Gelbwurst draufsteht, ist dann hoffentlich auch Gelbwurst drin. Wenn man jetzt bei Amazon „Liebeskummer“ eingibt, landet man automatisch bei meinem Buch.

Man kann also sagen: du hast beim Nutzer:innen-Interesse begonnen und hast daran entlang das Buch geschrieben. Du wolltest nicht eine Kulturgeschichte des Liebeskummers verfassen?
Michèle: Das wollte ich auf keinen Fall. Ich wollte ein Buch schreiben, das wirklich hilft. Es ist so, dass in Deutschland mehr Bücher von Frauen gekauft werden als von Männern. Und gerade im Ratgeberbereich sind es nochmal besonders viele Frauen, die kaufen. Deshalb war es schon alles so darauf zugeschnitten. Dass es am Ende 99 Tage geworden sind, hat noch einen anderen Hintergrund, aber den erzähle ich dann später… Viele Bücher, die in diesem Bereich erscheinen, funktionieren so, dass eine Autorin oder ein Autor aus dem eigenen Erleben schreibt und sagt: „Macht das so wie ich das gemacht habe, dann macht ihr das richtig.“ Das wollte ich aber genau nicht machen. Mich gibt es in diesem Buch nicht. Ich lasse nur die Wissenschaft sprechen. Es ist also von mir komplett von mir als Person losgelöst.

Das ist die perfekte Überleitung zu Christoph. Du hast zwei Bücher geschrieben, die sich mit dem Thema Digitales Leben befassen. Das eine ist schon erschienen, in dem du einen Ich-Erzähler als Blaupause wählst („Ich bin dann mal offline“) und jetzt eins, in dem du auch einen anderen Zugang wählst, auch über eine Challenge. Findest du dich wieder in dem, was Michèle sagt?
Christoph: Ich will ganz kurz einen Satz zu Michèle sagen, weil du gerade gesagt hast, der Titel war eine Marketing-Entscheidung. Aus Leser-Perspektive finde ich das aber total gut, weil es ein klares Versprechen gibt und ich weiß, was mich erwartet. Das ist eine gute Sache, und gar nichts, wofür man sich entschuldigen muss, weil es werblich ist oder so. Für mich als Leser ist das sehr angenehm, wenn es ein klares Versprechen gibt. Und bei den 99 Tagen bin ich natürlich auch sehr gespannt, aber da sprechen wir bestimmt gleich drüber…

… Du hast dir ein Drittel gewählt: 30 Tage ist die Challenge bei dir.
Christoph: „Ich bin dann mal offline“ ist jetzt zehn Jahre her und ist als Buch unfassbar schlecht gealtert. Da kommt noch StudiVZ drin vor und Instagram gibt es noch gar nicht und Smartphones nutzen nur ganz wenige Menschen. Ich habe mich aber damals bei dem Buch, das ein erzählendes Sachbuch im Selbstversuch ist, immer wahnsinnig darum gedrückt, wirkliche Ratschläge zu geben. Ich habe immer gesagt: „Nein, ich kann das nur beschreiben, wie ich es erlebt habe und daraus muss jeder selbst seine Konsequenzen ziehen.“ Ich habe dann aber gemerkt, dass das eigentlich Quatsch ist, weil die Leute immer und immer wieder nach Tipps und Empfehlungen gefragt haben. Und als ich dann über das neue Buch nachgedacht habe, habe ich gedacht, vielleicht muss ich die Angst vor dem Vorschlagen und dem Unterstützen ablegen. Dann habe ich erst an einen klassischen Ratgeber gedacht, habe dann aber gemerkt, dass ich eigentlich relativ viele verschiedene Tipps habe, die man aber auch nicht alle auf einmal umsetzen kann, sondern über einen gewissen Zeitraum. So bin ich dann auf die 30 Tage gekommen. Weil es ja im Gegensatz zu dem Liebeskummer, wo man über etwas hinwegkommen will, bei der digitalen Balance auch eher um Gewohnheiten oder Lebensführung geht, die immer eine gewisse Zeit braucht. Wenn man nur einen Tag lang sagt, ich ernähre mich jetzt mal anders, dann bringt das ja nichts. Man muss das ja eine gewisse Zeit lang machen, bis sich neue Dinge angewöhnt hat und man einen gewissen Effekt sieht.

Warum bist du bei den 30 Tagen gelandet?
Christoph: Für das Offline-Buch hatte ich mir damals einen Monat vorgenommen. Ich fands dann aber so gut und hatte aber so viel Angst vor der E-Mail-Lawine, die kommt wenn man offline ist, dass es am Ende 40 Tage wurden. Was dann wiederum biblisch und die Dauer der Fastenzeit war. Das ist mir aber erst später gesagt worden. Eigentlich halte ich einen Monat für einen ganz guten Zeitraum. Erstens ist mir für 30 Tage für jeden Tag eine kleine Aufgabe eingefallen bzw. ein kleiner Hack, den man direkt anwenden kann. Und zum zweiten hatte ich das Gefühl, einen Monat lang kann man sich auch mal auf was einlassen. Ein Klassiker ist ja zum Beispiel, dass ganz viele Leute diesen „Dry January“ machen und auf Alkohol verzichten. Einen Monat lang kann man einer Sache eine Chance geben, aber wenn es nichts für mich ist, ist ein Monat auch nicht so lang.

Nach dem Monat hat man auch das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Vielleicht ist man sogar ein wenig stolz. Das funktioniert bei der Digitalen Balance vielleicht sogar noch etwas besser als beim Liebeskummer. Deshalb an dich die Frage, Michèle, weil wir so neugierig sind: Wie kam es zu den 99 Tagen? Und wie bist du mit der Herausforderung umgegangen, dass jede Liebesgeschichte ja dann doch individuell ist?
Michèle: Da geht tatsächlich noch eine Frage voraus. Nämlich: Wie konsumiere ich in einem solchen Zustand des Liebeskummers? In dem Moment, in dem ich in so einem Ausnahmezustand bin, und da bin ich von mir selbst ausgegangen, kann ich mir nicht vorstellen, ein 400-Seiten-Buch über die Liebe zu lesen. Da bin ich nicht so konzentriert, lang am Stück zu lesen. Deswegen war von vornherein klar, dass man das stückweise macht und die Leserin, ich spreche das hier mal als generische Femininum – Männer sind mitgemeint – nicht überfordere. Das Buch ist so aufgebaut: auf der linken Seite erkläre ich immer eine Studie oder einen Forschungsgegenstand zum Thema Liebeskummer und auf der rechten Seite kann man wie in so einem Arbeitsbuch Fragen beantworten. Das ist jetzt nicht neu, aber in den anderen Büchern, die ich so kenne, sind diese Fragen immer unfassbar dumm. Offenbar geht man davon aus, dass Frauen nicht besonders intelligent sind und automatisch ein gebrochenes Hirn haben, wenn sie ein gebrochenes Herz haben. Da stehen dann so Aufgaben wie „Male mit Lippenstift deinen Ex-Freund auf und zünde bei Vollmond das Papier an“. Solche Aufgaben gibt es bei mir natürlich nicht, aber man hat so eine Art Tagesbuch-Funktion, die man jeden Tag bearbeiten kann. Und das dann eben häppchenweise, 99 Tage lang. Und die 99 Tage sind aus einem Witz heraus entstanden. Die beziehen sich auf den Song „99 Problems“ von Jay-Z, darin heißt es: „I got 99 problems but a bitch ain’t one.“ Und ursprünglich hätte ich gerne so eine Banderole ums Buch gehabt, wo das draufsteht und die man dann abreißen kann. Aber leider ist so eine Banderole ganz schön teuer…

Die 99 hast du dennoch behalten?
Michèle: Ja, die 99 Tage sind aber dann auch nochmal in drei Drittel unterteilt, die sich mit Loslassen, Kompensieren und Zurückerinnern beschäftigen. Und dann ist es in sich nochmal aufgebaut in den fünf Phasen der Trauer. Das klingt jetzt komplizierter als es ist. Es ist eine innere Struktur, die mir beim Schreiben von Anfang an sehr geholfen hat.

Hast Du dabei eine konkrete Leserin im Kopf, für die du schreibst?
Michèle: Nee, das eher nicht. Tatsächlich hatte ich eher abstrakt eine heteronormative Frau im Kopf. Was aber vor allem daran liegt, dass die wissenschaftliche Forschung sich hauptsächlich mit heteronormativen Beziehungen beschäftigt. Es ist also nicht meine Ignoranz gegenüber anderen Beziehungen, sondern dazu gibt es das meiste Material. Natürlich wünsche ich mir, dass sich die Wissenschaft da mehr öffnet und andere Geschlechter- und Beziehungsformen auch und vor allem noch mehr untersucht.

Christoph, hattest Du eine Person im Kopf beim Schreiben?
Christoph: Ich habe eher versucht zu vermeiden, mich auf eine konkrete Person so einzuschießen. Denn sonst neigt man dazu, die eigenen Probleme zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen und dann womöglich auf alle zu übertragen. Das ist aber natürlich totaler Quatsch. Denn andere Leute hängen vielleicht nicht wie ich bei Twitter ab, sondern bei Candy Crush, was ich zum Beispiel noch nie in meinem Leben gespielt habe…
Michèle: … nix gegen Candy Crush.
Christoph: Natürlich nicht! Ich habe auch schon eine Menge Zeit in alle möglichen Spiele versenkt . Ich habe beim Schreiben versucht, mir unterschiedliche Personen vorzustellen. Ich habe mich also gefragt: Wie sieht problematische Smartphone-Nutzung für jemanden aus, der zwanzig Jahre jünger ist als ich, oder zwanzig Jahre älter, eine Frau ist, festangestellt und nicht Freiberufler so wie ich. Ich habe also immer versucht, meinen Tunnelblick aufzulösen und nicht nur von meiner Warte aus zu schreiben. Denn davon wollte ich ja weg, von dieser Selbstversuchs-Dynamik, die ich damals bei “Ich bin dann mal offline hatte. Denn 40 Tage harte Digital Detox war für mich persönlich interessant, ist aber für andere ist das komplett unpraktikabel. Und da wollte ich eben hin, dass es für mehr Leute zugänglich ist. Es gibt zum Beispiel in dem Buch auch ein Kapitel, das sich mit der ganzen Eltern- und Familienthematik beschäftigt, mit dem schönen Titel „so lang du dein Smartphone an meiner Steckdose auflädst.“

Hast Du das Gefühl, dass die Zeit für die Selbstversuch-Bücher und -Experimente ein bisschen vorbei ist?
Christoph: Kurze Antwort: Ja! Dieses Genre hat seinen Höhepunkt auf jeden Fall überschritten. Es ist auch fast alles gemacht worden an Selbstversuchen. Mein erklärtes Vorbild war ja immer AJ Jacobs, der amerikanische Esquire-Autor, der ganz viel mit der Selbstversuch-Mechanik gemacht hat – wie ein Jahr der Bibel aufs Wort gefolgt ist und ein Jahr versucht hat, absolut gesund zu leben. Aber auch der ist irgendwann an ein Ende gekommen. Und trotzdem habe ich mich immer davor gedrückt, mir anzumaßen, anderen zu sagen, wie sie es machen sollen. Das fand ich immer irgendwie doof. Weil es ja diese journalistische Haltung gibt, „sagen was ist“, aber dann soll der Leser sich schon bitte selbst ein Urteil bilden. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass diese Ratschläge und Tipps immer wieder eingefordert und nachgefragt wurden. Und dann wäre es ja auch irgendwie Quatsch, wenn man sich über Jahre mit Themen befasst und Studien liest, dann aber sagt: „Ich kann Ihnen hier nur die Forschung zitieren, darf dann aber keine Ratschläge daraus ableiten.“

Michèle, hast Du auch das Gefühl, dass du so im Kolleg:innen-Kreis noch mehr Reputation bekommen hättest, wenn du eine Kulturgeschichte des Liebeskummers, aber dafür weniger nutzwertig geschrieben hättest?
Michèle: Ja, vielleicht. Allerdings zahlen die ja auch nicht meine Miete… aber ich will noch einen Gedanken zu dem ergänzen, was Christoph gesagt hat. Denn ich werde auch ganz oft nach Ratschlägen gefragt, aber ich gebe bewusst keine konkreten Handlungsanweisungen. Ich sage auch was ist und wie der Stand der Forschung ist und stelle es in einen Zusammenhang und gebe Hintergrund und Kontext. Aber ich sage nicht „mach’s so“ oder „mach’s so“. Ich schreibe auch sehr deutlich in meinem Vorwort, dass es natürlich sein kann, dass manche Tage von den 99 Tagen überhaupt nicht zu der Leserin passen und dann kann sie die auch einfach überblättern. Aber ich bin ja eben Journalistin und keine Therapeutin, deshalb darf ich auch keinen Ratschlag geben und ich gebe auch keine. Und das liegt vielleicht auch ein wenig daran, Christoph sag mal wie du es siehst, dass es auf diesem Ratgeber-Markt auch wahnsinnig viele Scharlatane gibt, die wahnsinnig viel Quatsch erzählen und zu denen möchte ich nicht gehören.
Christoph: Absolut. Und es ehrt dich total, dass du da eine sehr gute Grenze ziehst. Denn es gibt unter dem Titel „Ratgeber“ tatsächlich auch jede Menge lieblos zusammengeklöppelte Küchenphilosophie.
Michèle: So mit einem Gummi-Cover. Ich weiß genau, was du meinst.
Christoph: Wir wollen jetzt keine Verlage dissen. Aber vielleicht ist das auch ein Unterschied, ob man sehr kurzfristig Ratgeber-Hilfe sucht, weil man bis übermorgen eine Bewerbung auf Englisch schreiben muss und dafür ein Büchlein kauft. Oder ob man sich intensiver mit einem Thema beschäftigen will.

Zum Abschluss würde ich Euch gerne einladen zu spekulieren. Werden wir solche Bücher, wie Ihr sie geschrieben habt, auch in anderen Feldern kennenlernen. Zum Beispiel im Politik-Journalismus: „In 99 Tage Friedrich Merz verstehen“ oder als Challenge „30 Tage Anna-Lena Baerbock und das Grünen-Programm kennen lernen“?
Christoph: Ein Gedanken, der mich schon fasziniert, ist diese Idee der Challenge. Die älteste Challenge der Welt ist ja vielleicht die Fastenzeit, dass man also für 40 Tage auf etwas verzichtet. Und wenn man das geschafft hat, hat man das Gefühl eines Erfolgs – und es ist irgendwie auch befriedigender, als wenn man sich einfach nur vornimmt, irgendwie weniger Schokolade zu essen. Und diese Challenge-Mechanik hat zumindest bei mir einen eigenen Drive und einen eigenen Ansporn. Und wenn man das gut nutzen kann, werden wir davon vermutlich auch mehr sehen. Wie man das jetzt in den Politik-Betrieb integriert, weiß ich nicht, ich kann es mir aber schon vorstellen bei Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Dieses unklare Gefühl „ich möchte weniger Energie verbrauchen“, kann so viel greifbarer werden, wenn man sich vornimmt, ich mach diese 10 konkreten Dinge jetzt mal für ein Jahr anders. So eine Begrenzung macht vieles greifbarer und damit auch einfacher, glaube ich.
Michèle: Diese Challenges gibt es ja schon eine ganze Weile. Und wenn man viel im Magazin-Bereich arbeitet, was Christoph und ich ja beide tun, ist man es glaube ich gewohnt, viele Texte als Challenge zu verpacken. Weil so eine Challenge einen Anfang und ein Ende hat. Und ich glaube schon, dass wir als Menschen gerne einen Anfang und ein Ende haben. Und wie sehr das mürbe macht, wenn kein Ende absehbar ist, sieht man ja auch gerade mit den Corona-Maßnahmen. Wir wollen halt gerne wissen, wann etwas vorbei ist. Ob das dann auch für politische Themen klappen kann, weiß ich nicht. Vermutlich kaufen die Leute dann doch eher „Merz für Dummys“ als „In 30 Tagen Merz verstehen“. Aber eigentlich möchte ich, dass sich gar niemand mehr mit Merz beschäftigen muss in Zukunft.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:

– Die Idee „Inspirierender Journalismus“
– Das Format „Ankündigende Zusammenfassung“
Shruggie des Monats: Deine Stimme
Shruggie des Monats: Digitale Präsenz
Der Hype um Clubhouse
Ruhe in Frieden, Ruheraum! Abschieds-Interview mit Erfinder Leander Wattig

Sprechstunde: Clubhouse oder Twitter Spaces?

Es ist dieser Moment auf einer Konferenz, den man eigentlich nicht planen kann, der aber den Reiz des physischen Zusammentreffens ausmacht: Nach einem Vortrag oder in einer Pause stehen plötzlich ein paar Leute zusammen und beginnen ein Gespräch. Eher inoffiziell, eher ohne Agenda und deutliche Hierachie, dafür interessiert und thematisch verbunden. Mit diesem Bild habe ich versucht mir selbst den Hype rund um die Quatschen-Funktion Drop-In-Audio zu erklären. In einer Zeit, in der physische Treffen nicht stattfinden, wird dadurch vielleicht auch verständlich, warum sich derzeit so viele Menschen mit dieser Form der Telefonkonferenz befassen.

Seit Beginn des Jahres nehmen Lucas von Gwinner und ich die zweite Staffel unseres kleinen Werbepodcasts „Wirbt das?“ vor den Ohren des Publikums auf: Freitag 21 Uhr waren wir bisher stets in Clubhouse. Das verändert nicht nur die Produktion des Podcasts (weil z.B. die an die offizielle Aufzeichnung angeschlossene Debatte erstaunliche Erkenntnisse bringt), es macht sogar auch Freude – und hat mir den Reiz des Drop-in-Audio deutlich gemacht. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass mediale Angebote künftig Nutzer:innen anbieten, an der Produktion beteiligt zu sein. Fans könnten dann also bei der Aufzeichnung ihres Lieblings-Podcasts live dabei sein oder mithören wenn Menschen sozusagen auf den Second Ear (als Äquivalent zur medialen Begleitung durch den Second Screen) TV-Sendungen besprechen. Wie dieser Begleitungsprozess Medien verändern kann, habe ich in meinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ beschrieben.

In dieser Woche nun haben wir im Beta-Test einen „Audiobereich“ in Twitter eröffnet (Peter Wittkamp sagte, dass sich alle Begriffe anfühlen als habe ein Lehrer Clubhouse übersetzt) und dabei einige Unterschiede zu Clubhouse bemerkt. Zumindest im Beta-Test scheint Twitter durch die Spaces-Anwendung mehr Strom zu benötigen, das Handy wurde bei einigen Teilnehmer:innen erstaunlich warm. Auch gab es anfangs einige Latenz-Verzögerungen, gerade wenn Teilnehmer:innen aus der Rolle „Zuhörer“ in die Rolle „Sprecher“ befördert wurden.

Weil ich selbst den Reiz des digitalen Quatschens mag, will ich hier die zentralen Differenzen zwischen den beiden Gesprächsräumen Clubhouse und Twitter-Spaces festhalten (Stand: 6. März 2021 im Beta-Test, Beitragsillustration via Visuals/Unsplash)

Clubhouse
👋 neue App, die Zugriff aufs Telefonbuch verlangt
👋 funktioniert derzeit ausschließlich auf iOS
👋 mehrere Gastgeber/Hosts sind möglich
👋 keine andere Reaktion als Mitsprechen
👋 Mikro an- und ausschalten für andere sichtbar
👋 der/die Sprechende wird farbig markiert
👋 keine Verfikation oder User-Rollen
👋 Direkt-Kontakt unter Teilnehmer:innen während des Gesprächs aktuell nicht möglich
👋 Terminierung und Vorausplanung möglich
👋 andere Medien können nicht eingebunden werden

Twitter-Spaces
💯 in Twitter über die Fleets-Leiste am Kopf
💯 offiziell im Beta-Stadium auf iOS und Android
💯 aktuell nur ein:e Gastgeber:in möglich
💯 lässt Reaktionen in Form von Emojis zu
💯 Mikro an- und ausschalten für andere nicht sichtbar
💯 der/die Sprechende wird durch Audiogram markiert
💯 Verifikation und User-Roller (zB nur für Follower)
💯 Direkt-Kontakt unter Teilnehmer:innen während des Gesprächs per Emoji und DM möglich
💯 Terminierung und Vorausplanung aktuell nicht möglich
💯 Tweets können eingebunden werden

Diese Beobachtungen basieren auf dem persönlichen Test in der ersten März-Woche 2021. Der Feature-Umfang in den beiden Apps kann sich jederzeit ändern. Stand heute ist durch die genannten Unterschiede aber erkennbar, dass die beiden Ansätze auf zwei Ziele hinaus laufen:

Clubhouse scheint ein Ökosystem rund um ein zentrales Angebot anzustreben (so wie Snapchat und Storys) und Twitter scheint sein bestehendes Ökosystem um ein Angebot ausbauen zu wollen (so wie Instagram mit Storys).

UPDATE:
The Verge meldet, dass Twitter seine Spaces ab April für alle Nutzer:innen öffnen will

Mehr zum Thema Cluhouse, Twitter Spaces und Drop-In-Audio gibt es in den Digitalen Notizen:
Shruggie des Monats: Deine Stimme
Shruggie des Monats: Digitale Präsenz
Der Hype um Clubhouse
Ruhe in Frieden, Ruheraum! Abschieds-Interview mit Erfinder Leander Wattig

Digitalisiert Euch!

Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, wie es nach der Pandemie weiter geht und ob es überhaupt ein Ende gibt, das sich anfühlt wie ein davor. Ich habe in den vergangenen Tagen einige Beiträge gehört und gelesen, die mein Gefühl von Unsicherheit und Nicht-Wissen auf fundierte Weise bestätigt haben. Mai Thi Nguyen-Kim lässt in ihrem unbedingt empfehlenswerten „So endet die Pandemie“-Clip Lenny Krevitz zu Wort kommen, der singt. „So many tears I’ve cried / So much pain inside / But baby, it ain’t over till it’s over“. Bei Karl Lauterbach im Gespräch mit den Elementarfragen klingt das weniger poetisch, aber auch hier bleibt deutlich die Erkenntnis: Nach der Pandemie ist nicht einfach wieder alles so wie früher. (Foto: unsplash)

Im vergangenen Frühjahr habe ich hier versucht zu beschreiben, wie digitale Denkansätze helfen können mit der Unsicherheit umzugehen, die durch die Pandemie entsteht. Nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres und den Einschätzungen zum weiteren Fortgang stelle ich mir immer häufiger die Frage: Müssten wir nicht auch viel deutlicher unser Handeln digitalisieren?

Die Art wie wir gerade Homeschooling erleben, wie der Einzelhandel versucht durch die Krise zu kommen und wie Restaurants versuchen Essen zu liefern – all das kann doch nicht das Ende der digitalen Weisheit sein. Es muss doch mehr möglich sein als Click&Collect und „könnt ihr mich hören“-Unterricht mit lausiger Bandbreite. Meinem Eindruck nach ist all das konzipiert vor dem Hintergrund von „Bald ist alles wieder wie vor der Pandemie“. Diese Hoffnung teile ich, um aber auf neue Ideen zu kommen, ist dieser Wunsch ein eher ungünstiger Begleiter. Er bremst die Kreativität, redet uns ein, ein neuer Ansatz lohne sich nicht und verhindert auf diese Weise wirklich digitale Lösungen.

Das Jahr 2021 ist jetzt alt genug, um zu erkennen: Die Idee, 2020 einfach aus dem Kalender zu streichen und so weiter zu machen als hätten wir jetzt die Fortsetzung von 2019, wird nicht gelingen. Statt auf physische Verbindungen zu hoffen, werden wir anfangen müssen, die digitale Präsenz zu umarmen. Denn selbst wenn wir das nicht mögen. Es gibt eine Sache, die in Zeiten von Unsicherheit noch schlimmer ist: diese quälende Unentschlossenheit. Deshalb wünsche ich mir: Digitalisiert euch!

Was heißt Digitalisierung? Fünf Entwicklungen zum Einstieg

1. Die Kopie geht nicht mehr weg. Nutze sie!
2. Das Internet ist ein Ort. Sprich mit den Einheimischen.
3. Wir erleben einen Wandel von der Lautsprecher- zur Kopfhörer-Kultur. Es gibt eine Welt hinter dem Durchschnitt.
4. Produkte werden zu Prozessen. Begleite deine Kundinnen und Kunden!
5. Neue Ideen sind möglich!

Dazu habe ich zu Beginn des November-Lockdowns fünf Ratschläge zum Start notiert!

Shruggie des Monats: Die digitale Präsenz

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Das da oben auf dem Bild ist Seoul, Südkorea. Ich sitze in einem Auto, höre einen lokalen Radionsender und fahre durch die Straßen der Millionenmetropole. Klar, in Wahrheit sitze ich in München im Homeoffice, aber die Seite Drive And Listen gibt mir das Gefühl, ich sei wieder in Südkorea.

Das ist wunderbar. Denn mit einem Klick kann ich auch durch Amsterdam oder Barcelona fahren. Und mit zwei weiteren Klicks finde ich raus: die Seite wurde in München gebaut. Von Erkam Şeker, der hier an der TU studiert und der Welt diese tolle Seite geschenkt hat, die einen Blick raus aus dem Lockdown gewährt (man kann ihm übrigens hier auf Instagram folgen und hier einen Kaffee kaufen. Und wer noch mehr lokale Radiostationen weltweit hören und sich via Google-Maps in die passende Städte begeben will, kann sich auch mal eine Weile durch Radiogarden klicken.)

Ich erzähle das, weil diese kleine Geschichte im doppelten Sinn der Beweis für die These ist, die im zu Beginn des ersten Lockdowns notierte: Immerhin haben wir das Internet. Mehr noch: Die vergangenen Monate haben uns gelehrt, dass das Internet mehr ist als ein Notlösung, dass digitale Präsenz eine ganz eigene auch wertvolle Form der Verbindung ist.

¯\_(ツ)_/¯

Was ich damit meine, könnte vermutlich Leander Wattig am besten beschreiben, der das Schweigen in Clubhouse erfunden hat: der Ruheraum zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen gemeinsam an einem virtuellen Ort sind und schweigen. Mittlerweile gibt es das Prinzip des „stillen Vernetzens“ in zahlreichen Varianten in Clubhouse und Leanders wunderbare Idee ist zu einem Symbol für das geworden, was ich digitale Präsenz nennen würde: das besondere Gefühl auf mehr als virtuelle Weise verbunden zu sein.

Beim so genannten Presence-Projekt wird der gemeinsame Raum nicht akustisch, sondern optisch erlebbar. Ich kann in der App sehen, wie jemand woanders ebenfalls den Bildschirm berüht – und wenn wir gemeinsam den gleichen Punkt auf dem Smartphone berühren, vibriert das Gerät leicht.

Die App Color Chat überträgt die Konversation in Textform auf Farben und in der Sonar-App kann ich gemeinsam mit anderen Musik hören und mich austauschen.

All diese kleinen Beispiele zeigen, dass die Art der Live-Verbindung übers Netz, die ich 2020 mal in diesem Schwerpunkt begleitet habe, kein Notlösung mehr ist, sondern zu einer Verbindungsform geworden ist. Telebier, gemeinsames virtuelles Fernsehen oder Kinoabende werden auch über die Pandemie hinweg die digitale Kultur prägen.

Und bis dahin können wir mit der Seite citywalk.live durch fremde Städte spazieren – und mit dem Feature „Group Walks“ sogar gemeinsam mit anderen in Echtzeit.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Mehr Licht! Die App „Daylight“

Auf Instagram hat mir der Account Geheimtippmünchen heute früh vorgerechnet, dass die Tage in meiner Stadt innerhalb der nächsten Wochen immer länger werden. Es ist eine schöne zuversichtstiftende Aussicht zu wissen, dass die Sonne in acht Wochen mehr als zwei Stunden später untergeht als heute.

Als ich mich an dem Post freute, fiel mir die Daylight-App wieder ein, die auf Basis der eigenen Standortdaten täglich errechnet, wie das Tageslicht verteilt wird:

A small app with two views and daily push messages notifying you of positive daylight changes. Daylight is your friend through the dark winter times, encouraging you to make full use of the light you’ve got.
Image for post

schreibt Kristian Hjelle, einer der Macher hinter der App in diesem Medium-Post.

Eine nette, kleine Anwendung, die man im Browser, auf iOS und Android nutzen kann: daylight.today

Mega-Trend Newsletter: Fünf Gründe warum der Hype berechtigt ist

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was ist der wichtigste publizistische Trend im Frühjahr 2021? Nein, ich spreche nicht von Clubhouse. Auch die wachsende Bedeutung von datenjournalistischen Formaten meine ich nicht. Ich spreche von der ältesten Innovation des digitalen Journalismus: Newsletter.

Schon im Februar 2020 sprachen wir hier über eine Entwicklung, die man als „newsletter first media“ bezeichnen kann. Ein Jahr später kann man festhalten: diese Entwicklung kommt jetzt auch bei den Medienhäusern und Plattformen an. Denn gerade eben haben sowohl Twitter als auch Facebook angekündigt, dass sie Newsletter für sich entdeckt haben. Die beiden Plattformen, die mal angetreten waren, Mails abzuschaffen (Botschaften, Messenger etc.) versuchen jetzt mit dem Kauf von Revue (Twitter) und dem Aufbau eines eigenes Newsletter-Netzes (Facebook) in den Posteingang von Leser:innen zu kommen.

An diesem Ort soll sich der Kampf um die Aufmerksamkeit entscheiden – darauf wetten Dienste wie Substack (zum Hintergrund diese sehr gute Breitband-Sendung oder den Axios-Podcast zum Thema hören) oder in Deutschland steady aber auch Medienhäuser wie Forbes, das gerade angekündigt hat, 20-30 Autor:innen anzustellen, die nichts anderes tun sollen als Newsletter schreiben. Genau damit versucht das Autor:innen-Kollektive Every ein Geschäft aufzubauen. Die Newsletter-Schreiber:innen haben zum Teil auf Substack erste Erfolge erzielt und bündeln ihre Inhalte nun neu.

Was steckt hinter der nicht abkühlenden Begeisterung für die im Kern sehr alte Technologie Mail und Newsletter? Ich glaube mindestens diese fünf Entwicklungen, die für Erfolg im digitalen Ökosystem entscheiden sein können:

1. Das höchste Gut ist deine Verbindung zu den Kund:innen

Newsletter basieren auf der wunderbaren dezentralen Infrastruktur von E-Mails, d.h. sie kommen ohne zentrale Plattform aus, sie sind auf allen Endgeräten und allen Betriebssystemen nutzbar und bringen seit Jahren ungebrochen erfolgreich die zentrale Erkenntnis des weltweiten Netzwerkes auf den Punkt: das höchste Gut im digitalen Ökosystem ist deine Verbindung zu deinen Nutzer:innen. (Foto: unsplash) Es gibt keinen Mittler, die sich zwischen Anbieter:in und Nutzer:in drängt. Das kann zur Grundlage für neue journalistische Formen, aber vor allem zu einem neuen Dialog führen.

Be smart: Nur wer seine Kund:innen kennt, kann deren Interessen befriedigen.

2. Newsletter sind alt, aber eine neue Form von Social Media

Die Besonderheit an Stories als Darstellungsform in Social Media war unter anderem: dass man nicht öffentlich, sondern nur in Direktnachrichten darauf reagieren konnte. Newsletter haben dieses Feature schon immer: Newsletter sind Mails, auf die man antworten kann. Und genau darin unterscheiden sich gute von sehr guten Newslettern, dass sie diese Möglichkeit zu direkter Kommunikation erkennen und auf Basis dessen Nutzer:innen-Bedürfnis befriedigen. Darin steckt einerseits die Anforderungen, so zu schreiben, dass man in den Posteingang der Leser:innen passt, aber dazu gehört auch, die Verbindung, die das Internet ist, anzuerkennen und Reaktionen auf die eigene Arbeit nicht als lästige Ergänzung, sondern als zentralen Bestandteil des Publizierens zu erkennen.

Be smart: Digitales Publizieren ist dialogisches Publizieren.

3. Newsletter brauchen Leser:innen

Die Idee, Produkte nutzer:innenzentriert zu entwickeln, führt im Journalismus dazu, Inhalte mindestens inspirierend, aber stets am klaren Interesse der Adressat:innen orientiert zu erstellen. Die Betreffzeile eines Newsletters ist die in wenige Zeichen kondensierte Aufforderung: Sage mir worum es geht und warum ich es lesen sollte! Wer Newsletter konzipiert, schreibt und umsetzt, kommt an der Frage nach dem Mehrwert für Leser:innen nicht herum. Wer Medien als Newsletter denkt, denkt in Produkten, die erst durch die Aufmerksamkeit ihrer Leser:innen entstehen. Hier erkennt man die Grundlage für das, was ich Inspirierenden Journalismus nenne. Journalismus in dieser Leseart braucht das Interesse der Leser:innen und liefert ihnen einen Mehrwert („Er muss nicht zwingend Nutzwert, aber stets Denkwert liefern: eine Idee, einen Gedanken oder Perspektivwechsel inspirieren.“). Jede Mail muss diesen Mehrwert immer wieder neu beweisen. Denn auch wenn das Eintragen in eine Newsletter-Liste den Kontakt ermöglicht, die Öffnung des Newsletters muss mit jeder Folge wieder neu erarbeitet werden – und macht so den Unterschied zwischen vor und nach der Mail erkennbar: die Inspiration, die die Mail ihren Leser:innen bringt.

Be smart: Wer einen Newsletter schreibt, muss vorher das eigene Produktversprechen kennen.

4. Newsletter begleiten ihre Leser:innen

Ein gedrucktes Buch ist eine abgeschlossene Inhalte-Einheit, ein Newsletter ist eine Folge von Inhalte-Einheiten, die durch ihren chronologischen Verlauf eher wie ein Workshop-Kurs oder eine Begleitung wirken können. Was ich damit meine: Newsletter können Bücher zu einem Prozess machen, zu einem Erlebnis. Darin steckt viel von dem, was ich als „Kultur als Software denken“ beschreibe, aber noch viel mehr Nutzer:innen-Fokus. Ein Newsletter kann mich als Leser auf einer Entwicklung begleiten (mein Lieblingsbeispiel: Mit dem SZ-Minutenmarathon kannst du Läufer:in werden) und ein Newsletter kann Bücher in wöchentliche Portionen zerlegen, die mir regelmäßig zu einer bestimmten Zeit geschickt werden. Ich nenne das Buch-Brief-Ing und glaube, dass darin nur ein Ansatz für den prozesshaften Charakter von Newslettern liegt.

Be smart: Gute Newsletter sind wie ein Workshop oder Kurs gedacht – und damit bestes Beispiele für inspirierenden Journalismus.

5. Die technische Entwicklung von Newslettern steht noch ganz am Anfang

Das klingt zunächst absurd, eine so etablierte Technik wie Mail als „am Anfang“ zu beschreiben. Was ich damit meine: Die Idee, Newsletter ungefiltert im Posteingang zu lesen, wird sich entwickeln. Wir werden erstens als Gesellschaft lernen, unseren Posteingang filtersouverän zu strukturieren (hier kann man nachlesen, wie man Filter in Gmail setzt), aber wir werden auch technische Angebote sehen, die Newsletter wie Podcasts darstellen. Dabei wird eine Technik zum Einsatz kommen, die ähnlich alt ist wie das Mailprotokoll: RSS-Feeds. Ich persönlich bin großer Fan von RSS und freue mich deshalb über Seiten wie kill-the-newsletter.com, den Substack-Reader oder die Stoop-App, die Newsletter aus dem Posteingang befreien wollen.

Be smart: Newsletter sind eines der wichtigsten Instrumente für die Zukunft des (digitalen) Journalismus.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem schon häufiger Beiträge über Newsletter erschienen sind. Einige stehen unter briefingbriefing.de verlinkt.

Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor, Vortragsredner – und Virtual Keynote-Speaker (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (u.a. das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ oder die Anleitung zum Unkreativsein), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Bei meinem Projekt Buch-Brief-Ing suche ich eine digitale Entsprechnung zu Papierbüchern. Details dazu finden Sie unter buch-brief-ing.de.

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

In Kategorie: DVG

Sprechstunde: Einladungs-Marketing bei Clubhouse

Die wichtigste These für digitales Marketing lautet:

Wenn du viel erreichen möchtest, musst du Begrenzung üben

Ich habe diese These unlängst hier schon mal beschrieben – und an diesem Wochenende hat der deutschsprachige Markt den perfekten Beweis dafür gesehen: das Einladungs-Marketing der Audio-App „Clubhouse“. Denn diese bisher nur für iOS nutzbare App ist nicht nur ein interessantes Produkt, spannend ist vor allem, wie die Macher:innen von Clubhouse den Eindruck erwecken, es könne sich um ein interessantes Produkt handeln: durch Begrenzung. (Foto: Unsplash)

Um das zu erklären, hier die wichtigsten Fragen zum Hype der Stunde – und zum Abschluss die wichtigste Antwort: Warum ist das eigentlich wichtig?

1. Was ist Clubhouse?

Clubhouse ist der Hype der Stunde – und eine Quatsch-App. Also eine App zum Quatschen, in der Fachsprache könnte man sie Social-Audio-App nennen. Clubhouse überträgt die Idee von digitalen Räumen auf Sprache, Nutzer:innen können sich dort in Räumen zum Sprechen verabreden. Salopp formuliert könnte man sagen: Was die Sprachnachricht für den Messenger ist, ist Clubhouse für Social-Media, also sowas wie die Messenger-Gruppe zum Reden.

Zentrales Feature sind Nutzer:innen-Rollen: Sie können als Zuhörer:in, Sprecher:in oder Moderator:in in einem Clubhouse-Raum auftreten. Weil die Macher:innen der App dafür in der Frühphase prominente Stimmen gewinnen konnten, wurde das Angebote schon früh hoch bewertet – was man zwingend als Bestandteil der Marketingstrategie lesen muss: eine anonyme Bewertungsmacht schreibt dem Angebot Wert zu, das ist dann besonders reizvoll, wenn man möglichst wenig versteht, worum es eigentlich gehen soll (Details bei t3n).

Meine These: Es geht um den Versuch, die Dynamik sozialer Netzwerke rund um das gesprochene Wort zu entfachen. Clubhouse bündelt damit die Hypethemen: Messenger (Dark Social), Audio (Podcast) und App-Netzwerke zu einem dreifach Hype, den sie dann auch noch beispielhaft vermarkten – über eine Invite-only-Strategie.

2. Wie kriege ich ein Invite zu Clubhouse?

Diese Frage zu stellen, zeigt bereits, dass die Begrenzungs-Mechanik hinter dem Marketing greift. Durch die Produkteinführung einzig über Einladungen dreht Clubhouse die Wahrnehmung neuer Produkte um. Klassischerweise versucht ein neues Produkt, deine Aufmerksamkeit zu erlangen. Marketing zielt genau darauf ab, dir die Eigenschaften und Besonderheiten des neuen Produkts zu zeigen. Durch die Begrenzungs-Mechanik bist jetzt du auf der Suche nach einem Invite. Du informierst dich über das Produkt und deine Aufmerksamkeit wird aktiv darauf gerichtet. Egal, ob du dich am Ende anmeldest oder nicht: das Marketing hat damit mehr erreicht als jede Plakat-Kampagne schaffen kann. Es hat das Produkt in deinem Kopf verankert – und mit einem Bedürfnis verbunden. Du willst eine Einladung haben.

Dabei sind die Produkteigenschaften erstmal zweitrangig. Wichtig ist: Nutzer:innen, die drin sind, müssen davon erzählen. Und auch hier greift die Begrenzungs-Mechanik, sie gibt denen, die einen Account haben, nämlich das Gefühl, ausgewählt oder etwas Besonderes zu sein. Distinktion at it’s best!

Aber Distinktion ist ja so lange wertlos, wie ich nicht drüber sprechen kann. Also werde ich davon erzählen – und um das zu unterstüzen, gibt Clubhouse jede:r Nutzer:in Einladungscodes zum Verschenken (Bemerkenswert bei dieser Form des Invites: jede:r Nutzer:in führt am Fuß der Profilseite den Hinweis auf seine Einladung). Diese kann man allerdings erst weitergeben, wenn man dem Dienst Zugriff aufs Telefonbuch gewährt. In der Sprache der App heißt dies: „Wir müssen nur nachschauen, wer schon drin ist“ in der Sprache des Marketings bedeutet es: „Erst durch das Netzwerk wird das Werk veredelt – also versuchen wir das Netzwerk unserer Nutzer:innen abzugreifen.“

3. Warum ist das wichtig?

Wegen der Begrenzungs-Mechanik. Sie ist das perfekte Beispiel dafür wie Aufmerksamkeit als zentrale Währung im digitalen Ökosystem verteilt wird.
Ob Clubhouse dabei tatsächlich auch ein interessantes Produkt ist? Das kann zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich niemand so richtig beurteilen. Sehr sicher kann man aber lernen, wie man einen Hype anzettelt: Wenn du viel erreichen willst, musst du den Eindruck erwecken, es gebe einen Lieferengpass.

Am Freitag 22.1. um 21 Uhr machen Lucas und ich einen Live-Test mit unserem Podcast Wirbt-Das? in und über Clubhouse

Mehr zum Thema:

Weniger schafft mehr – das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ (Digitale August-Notizen)

In Kategorie: DVG