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Das Einfluß-Paradox der Gegenwart (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Es ist menscheitsgeschichtlich noch gar nicht so lange her, dass Menschen auf die Frage „Wo wird die Weltmeisterschaft ausgetragen?“ oder „Welche energiepolitische Entscheidung wird in meinem Land getroffen?“ geantwortet hätten: „Keine Ahnung, das kann ich doch nicht entscheiden.“ Übersetzt in ein Bild, das später noch eine Rolle spielen wird, könnte man es auch so formulieren: „Keine Ahnung, das liegt doch außerhalb meines Einfluss-Kreises.“

Die Demokratisierung der Publikationsmittel hat aus dem Versprechen „das Private ist politisch“ eine Aufgabe gemacht – und Fragen wie jene nach dem Austragungsort einer Fußball-WM oder der Energieversorgung personalisiert. Das private Verhalten Einzelner ist damit in den politischen Bereich gerückt – was zur Folge hat, dass „Keine Ahnung“ keine Option mehr ist. Denn Personalisierung der politischen Debatte heißt nicht nur Du kannst dich dazu verhalten, es heißt auch Du musst dich dazu verhalten. Wir können nicht nur an politischen Debatten teilnehmen, wir empfinden es auch als Verpflichtung. „Wenn wir nur alle…, dann wird schon …“ so das Muster der partizipativen Perspektive auf Politik in Zeiten der memetischen Meinungsbildung.

Anfang des Jahres hatte ich über die so genannte Glut-Theorie geschrieben, die versucht zu beschreiben, was passiert, wenn Meinungen zu Memes werden – wenn wir Identität über unveränderliche Ansichten verhandeln. Wenn Meinung zu einem unveränderlichen Kennzeichen wird, sind diese nicht mehr vom Menschen zu trennen und Kompromisse sind nur noch Niederlage, nicht mehr Ziel einer Debatte. Ich glaube, dass dieser Prozess zu einer Überschätzung der eigenen (Meinungs-)Macht führt, die ich fast als „Memetischen Scheinriesen“ betitelt hätte: gemeinsam mit all den anderen, die meine Identitätsgruppe bilden, teile ich eine Meinung und plötzlich sind wir viele. Ich habe dieses Momentum im Bereich der Meme wiederholt mit dem Gefühl verglichen, das entsteht, wenn viele ein Feuerzeug auf einem Konzert in die Luft strecken. Auch hier passt das Bild des Scheinriesen, der von weitem größer und mächtiger scheint als er wirklich ist.

Im Rahmen der Debatte um die Reaktion der Bevölkerung auf die Austragung der Fußball-WM in Katar fiel mir auf, dass diese Form der scheinriesigen Meinungsmacht eine zweite Seite hat, die am bestem mit dieser Variante des Two Guys on a bus-Memes beschrieben ist.

Dabei handelt es sich um ein Image-Macro des brasilianischen Zeichners Genildo Ronchi, das als moderne Form des zwei-Seiten-einer-Medaille-Sprichworts gelesen werden kann. In diesem Fall jedenfalls ist es die Illustration dessen, was Konrad Lischka hier als Paradox der Gegenwart beschreibt: „Einerseits sehen so viele Menschen ihre individuellen (Konsum)Bedürfnisse als das wichtigste Gut, als absolut schützenswert. (…) Andererseits erscheint genauso viele Menschen das Individuum ganz klein, wenn es darum geht, etwas zu verändern in der Welt.“

Um zu verstehen, wieso dieses Paradox mit dem Scheinriesen-Effekt der memetischen Meinungsäußerung verbunden ist, muss ich ein klein wenig ausholen und auf Steve Covery hinweisen. Von ihm stammt das Konzept der drei Kreise. Er beschreibt diese als Circle of Concern, Circle of Influence und Circle of Control. Man muss sich diese Kreise ineinander liegend vorstellen. Der äußere Kreis beschreibt Dinge, um die man sich sorgen kann (Concern), sehr viel kleiner ist der Kreis derjenigen Dinge, auf die man Einfluss (Influence) nehmen kann und noch kleiner ist jener Kreis, der Dinge umfasst, die man direkt tun kann. Ich finde dieses Muster ist hilfreich, um Grenzen zu ziehen – zwischen den Themen, die mich bedrücken können und jenen, auf die ich Einfluss nehmen kann:

Concern
Dinge, die dir Sorgen machen, bezieht sich oft auf
– allgemeine Stimmungen
– grundsätzliche Fragen

Wer sich nur hier bewegt, fühlt sich schnell überfordert

Influence
Dinge, auf die ich Einfluss habe, erfordert
– gemeinsame Diskussionen
– Kompromissfähigkeit

Wer sich nur hier bewegt, muss viel kämpfen

Controll
Dinge, die du konkret ändern kann, bezieht sich oft auf
– kleine Handlungen
– langsame Veränderung

Wer sich nur hier bewegt, erreicht wenig, spürt aber Selbstwirksamkeit

Covey beschreibt die Kreise mit dem Ziel, sie gut voneinander zu trennen. Er empfiehlt, im Sinn der geistigen Stabilität, genau zu differenzieren, in welchem Kreis sich welches Thema befindet. Anzuerkennen, dass ein Thema außerhalb des Circle of Controll liegt, kann zu einer Befreiung führen (im Meme-Bild oben rechts zu sehen).

Und genau hier sind wir wieder beim memetischen Meinungsaustausch: Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel ist die Wahrnehmung der Kreise verändert worden. Wer sich in einer zum Meme gewordenen Meinung eingerichtet hat, gewinnt den Eindruck, den Circle of Influence ausgeweitet zu haben. Andere von der Richtigkeit der eigenen Weltsicht zu überzeugen, wird zu einem wichtigen Antrieb. Man teilt Beiträge, die die eigene Meinung bestätigen – und erliegt damit dem Irrglauben, der Scheinriese habe wirkliche Macht. Das führt zu einer großen Enttäuschung und manchmal auch zu Schuldgefühlen, wenn man feststellt, dass z.B. der private Boykott der Fußball-WM in Katar nicht zur Veränderung der Strukturen der FIFA führen wird (im Meme-Bild oben links zu sehen). Ein ähnlicher Wahrnehmungsfehler liegt vor, wenn Menschen in Fernsehkameras sagen, dass sie nicht mehr wählen gehen, weil sie beim letzten Mal anders entschieden hätten als das Wahlergebnis – und sich deshalb nicht repräsentiert fühlen.

Neben einem Streit-Training und digitaler Alphabetisierung für die Debatte in memetischen Ökosystemen braucht eine gelingende Kommunikation vor allem demokratisches Erwartungsmanagement, ein gesundes Gefühl für die eigenen Circle, also für die Wirkung dessen, was man durch eigenes Handeln und Äußern verändern kann: es ist einfach ungesund, strukturelle Probleme einzig durch persönliche Entscheidungen lösen zu wollen. Politische Probleme können nicht einzig durch privates Handeln zu einer Lösung geführt werden – sie brauchen auch politische Entscheidungen. Diese Wahrnehmung von Privatem und Politischem, von konkret und strukturell, ist durch das zur Aufgabe gewordene Versprechen, das Private sei politisch ein wenig aus dem Blick geraten.

Als ich hier darüber schrieb, dass Menschen Meme-Meinung zur Identitätsbildung und als Methode zur persönlichen Sicherheit in unsicheren Zeiten nutzen, ergab sich daraus die Schlussfolgerung, sie nicht mit mehr Informationen oder Wahrheit zu versorgen, sondern die Frage zu stellen, woher die große Unsicherheit erwächst, die ihre Lösung in Meme-Meinungen sucht – und deshalb mehr in gesellschaftlichen Zusammenhalt und Stabilität zu investieren. Wenn wir nun das Einfluss-Paradox der Gegenwart betrachten, folgt daraus meiner Meinung nach die Förderung eines gesunden Erwartungsmanagements. Denn die Enttäuschung fördert Schuldgefühle, die wiederum einer wirklichen Form von Toleranz im Wege steht.

Unlängst las ich irgendwo den Satz „Ich kann die Welt nicht verändern, aber ich will es versuchen“ als Motivation zum politischen Handeln. Das klingt irgendwie nett, ist aber das Kernproblem des Dilemmas aus dem Meme-Bild oben: die übertriebene Erwartung, die Welt vielleicht doch ändern zu können, führt zu einer Überforderung und einer Missachtung der kleinen Veränderungen – und am Ende zum Hass auf all jene, die anderer Meinung sind.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: Die Glut-Theorie der öffentlichen Debatte (Juni 2022), „Die Anderen anders sein lassen“ (Mai 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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In Kategorie: DVG

Was kein Backup festhalten kann: Fünf Dinge, die ich bei Twitter gelernt habe

Droht ein Kollaps der gegenwärtigen Geschichtsschreibung wie die MIT Technology Review dieser Tage schreibt? Der angekündigte Niedergang von Twitter (technisch wie inhaltlich) wirft zahlreiche dieser Fragen auf: Soll ich/muss ich mein Twitter-Archiv runterladen? Muss ich jetzt zu Mastodon wechseln?

Und vor allem: Was geht da eigentlich genau verloren?

Sollte die Plattform tatsächlich weiter in dieser Weise gesteuert werden, droht ziemlich sicher zunächst eine Flut von Nachrufen, die aus persönlich gefärbten Geschichten im Umgang mit Twitter bestehen werden, die dann eine allgemeine Erkenntnis hochrechnen sollen. Dabei liegt darin die erste und weiterhin gültige Erkenntnis im Umgang mit personalisierbaren Diensten: es gibt keinen verallgemeinerbaren Durchschnitt mehr! Was dieser Niedergang in Echtzeit aber ganz sicher offenbart, ist ein Blick auf das, was das digitale Ökosystem ausmacht: auf die Bereiche, die digitale Wertschätzung und Wertschöpfung ermöglichen. Aufgefallen ist mir dies, als ich mich mit der Frage zu beschäftigen begann, ob ich mein Twitter-Archiv laden soll (ja kann man machen, habe jetzt 42.500 Tweets runtergeladen, die ich seit dem 27.3.2007 schrieb). Dabei stellte ich fest: das, was Twitter für mich ausmachte und ausmacht, kann ich nicht in einem Backup festhalten. Diese Erkenntnis und vier weitere Beobachtungen aus meiner Twitter-Zeit (Symbolbild: Unsplash):

Falls jemand sich mit dem Gedanken trägt, von Twitter auf Mastodon umzuziehen, hier zwei relevante Links: Zum einen gibt es auf dieser Seite eine recht gute Erklärung, zum zweiten bietet der Dienst movetodon.org die Möglichkeit, die Liste derjenigen Accounts zu durchsuchen, denen man auf Twitter folgt. Mit einem Klick kann man ihnen auch auf Mastodon folgen.

1. Der Zauber liegt im Unkopierbaren

Das schöne deutsche Wort Echtzeit suggeriert, es gebe auch eine falsche Zeit. Eine Form, die nicht live, sondern maximal re-live ist, also nur ein Nacherleben dessen, was vorher original war oder im Wort „echt“. Twitter hat seinen Wert immer aus diesem unmittelbaren Zeiterleben gezogen. Man kann auch sagen, die Halbwertszeit von Beiträgen auf Twitter war und ist extrem kurz. Aber egal aus welcher Perspektive man auf das Phänomen Echtzeit schaut: es bleibt verbunden mit dem direkten Erleben, mit dem, was man nicht kopieren kann. In meinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ habe ich mich ausführlich mit dem Unkopierbaren, dem Er- und Mitleben befasst. Mit vielen Worten versuche ich darin zu beschreiben, was man jetzt spüren kann, wenn man sich fragt, was man vermisst, sollte Twitter verschwinden? Genau hier liegt das Potenzial für digitale Wertschätzung und dann auch für Wertschöpfung. Es ist mehr als der Content (in meinem Fall die 42,5k Tweets), es ist die Interaktion, das Erleben (in Echtzeit), die lose Verbindung und die damit verbundene Möglichkeit zu Überraschung. In all dem, was kein Backup festhalten kann, steckt die Chance für digitale Geschäftsmodelle.

2. Soziale Netzwerke enstehen aus Interaktion

Die anfängliche Skepsis gegen den Dienst Mastodon (die ich auch teilte), hängt übrigens nicht nur mit dem dezentralen Charakter des Fediverse zusammen. Sie basiert auch darauf, dass jede:r wieder bei Null anfängt. Für mich was das insofern lehrreich, dass ich merkte, was den Zauber sozialer Netzwerke ausmacht (und was übrigens auch nicht kopierbar ist): Interaktion! Fragen zu stellen, auf Fragen zu antworten, mit anderen Accounts in den Austausch zu treten, sind Aktionen, auf die manche Accounts verzichten, wenn sie große Reichweiten angesammelt haben. Aber ohne diese Aktionen entsteht kaum Wert und es entsteht vor allem keine Reichweite. So ging es mir anfangs auf Twitter und so geht es mir auch jetzt wieder auf Mastodon. Das ist spannend und bestätigt die erste These: der Zauber liegt im Unkopierbaren!

3. Wissen zu teilen, vermehrt Wissen

Die große Revolution des digitalen Zeitalters lautet: Was du teilst, wird mehr! Wer in vordigitalen Zeiten sozialisiert wurde, ist gewohnt, das Teilen als Verkleinerung des eigenen Anteils zu denken. Wie der sprichwörtliche Kuchen, von dem irgendwer große oder größere Stücke bekommen möchte. Geschäftsmodelle, die auf echten Kuchenstücken basieren, sind nur schwer kompatible mit der digitale Idee vom Teilen. Denn mit geteilten Dateien verhält es sich wie mit dem Licht einer Kerze: sie werden nicht weniger, wenn andere ihren Docht daran entzünden. Wissen zu verbreiten, reduziert das Wissen also nicht, sondern führt zu Erkenntnisgewinn. Genau das ist der Hauptgrund, weshalb ich soziale Netzwerke wie Twitter nutze: es macht mich schlauer. Ich teile Wissen und bekomme mehr Wissen zurück – durch den Zauber der digitalen Kopie und durch die Möglichkeit zur Interaktion (Siehe 2.)

4. Meine Welt ist nicht deine Welt

Neben der historischen Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ist auch die Möglichkeit der Vernetzung eine Herausforderung fürs vordigitale Denken: Soziale Netzwerke sind keine Distributionsrampen mehr, sondern Räume, die von der Art und Weise der eigenen Position und Interaktion leben. Auch wenn Twitter mit der Hochrechnung so genannter Trends Stimmung benennen (und damit übrigens verstärken) kann: es geht hier weniger um die Kraft der Sendenden als um die Filterfunktion der Empfangenden. Welche Timeline filtere ich mir zusammen? lautet die Frage, die man all jenen stellen muss, die allgemein über den Zustand der Welt auf Twitter herumjammern. Es gibt nicht mehr die Öffentlichkeit, es gibt die Öffentlichkeiten! Das klingt nach nur zwei Buchstaben Unterschied, stellt aber im Prinzip die Idee ganzer Wissenschaftszweige vor zentrale Herausforderungen. Denn die Vorstellung dessen, was wir für die öffentliche Meinung halten, bestimmt auch unsere eigene Position. Und wer – aus welchem Grund auch immer – die Äußerungen auf Twitter für die öffentliche Meinung hält, ist damit heillos verloren – selbst wenn sie oder er in renommierten Publikationen schreibt.

5. Vibes bedeuten nicht die Welt

„Wir kennen natürlich die Bedeutung des Wortes „Vibe“. Es ist ein Platzhalter für eine abstrakte Eigenschaft, die man nicht genau bestimmen kann – eine Atmosphäre („a laid-back vibe“). Es ist der Grund dafür, dass man etwas oder jemanden mag oder nicht mag (gute Vibes vs. schlechte). Es ist eine Intuition, für die es keine offensichtliche Erklärung gibt („just a vibe I get“)“, schrieb Kyle Chayka schon im Frühjahr 2021 im New Yorker. Twitter ist voller Vibes und – was noch schlimmer ist – nicht wenige Menschen nutzen Twitter ausschließlich in Vibes. Sie spüren Stimmungen auf, missachten das Ende des Durchschnitts (siehe Punkt 4.) und halten diesen „Vibes“ für einen Ausdruck der Welt, der Öffenltichkeit oder der Gesellschaft. Diese falsche Gleichsetzung von „Vibe“ und „Öffentlichkeit“ bestärkt nicht nur die Memefizierung von Meinungen, sie zeigt auch die weiterhin grundlegende Überforderung des vordigitalen Denkens mit dem digitalen Raum. Ich habe an Twitter immer geschätzt, dass ich mit wenigen Klicks ganz anderer Vibes aufspüren konnte (wenn man so will: Filterblasen verlassen konnte) und mich damit stets daran erinnern konnte: Vibes bedeuten nicht die Welt.

Auf diesen letzten Punkt vertraue ich auch in Bezug auf „die Zukunft von Twitter“. Vielleicht kommt es ja weniger schlimm als der Vibe sich gerade anfühlt. Vielleicht ist das naiv, aber ich fänds gut ¯\_(ツ)_/¯

In Kategorie: DVG

Open letter to 22-Goals-Writer Brian Phillips

Üblicherweise schreibe ich hier auf deutsch. Ausnahmsweise erscheint dieser Beitrag auf Englisch. Mehr englischsprachige Beiträge gibt es hier

Dear Brian,

You don’t know me, but I listen to your podcast. More than that: I am a fan!

But: This is not a Podcast-rating of a football-interested journalist from Germany. This is an open letter to the author of one of the best sports journalism pieces of 2022. This is an attempt to resolve the moral dilemma surrounding one of the most beautiful and unifying sports on the one hand (picture above: Unsplash) and one of the most immoral and repudiatory sporting events on the other. There is a question hanging over this episode soon-to-be-launched Winter World Cup in Qatar that I have to ask you, Brian Phillips, who has been delighting me for weeks with the wonderful podcast „22 Goals“:

How should I, as a football fan, deal with this exceedingly problematic event?

After listening to fourteen episodes of the „Ringer“ podcast and imagining, the idea came to me: While Brian Phillips had to have his teeth cleaned by the dentist in this episode with his mouth wide open, the dentist told him, what a stupid idea it is to talk about goals that everyone wants to watch in the first place. But „22 Goals“ proves the dentist wrong! I don’t want to watch the goals in Qatar then, if Brian Phillips summarises them for me the way he has already done with historic goals and with ones I didn’t know about before. I want him and all the other colleagues who travel to the Middle East to preserve the spirit of the sport and not leave it to those who put profit above all. I want that spirit to be preserved in a way that my favourite podcast of the year preserves the goals of World Cup history.

I am already aware that this is not a complete boycott of the games in Qatar (as has been called for in German Bundesliga stadiums in recent days, for example). But if one already assumes that one’s own spectator behaviour can contain a political message*, then my proposal also includes a signal in the direction of „FIFA“: I do not agree with the awarding and the circumstances of the World Cup in Qatar, but I agree with the open idea of football that unites people!

In studying the global history of goal-scoring (from the supposed playboy and tea baron Thomas Lipton to the rainy final in Moscow in 2018), at least this one realisation becomes clear: Football is bigger and more powerful than what FIFA has made of it.

And because football is so much bigger, we should not leave it to FIFA. From you, Brian Philipps, I have learned that in the beginning of worldcup-history English football has simply placed itself above FIFA – and ignored the first events of this organisation half benevolently, half contemptuously. I learned how football became more and more significant, how underdogs prevailed, how stars flourished, failed and yet somehow came back. All this is so much more important and exciting than the machinations of those who try to sell football. I don’t want to agree with them destroying the idea of football. They can take the shell of the sport, but not its spirit.

But is that possible: Can I separate the art from the artist? Or rather, in this case: Can we separate the art and its artists from the disastrous, inhuman management?

The question of whether and which game to watch has become a moral dilemma that knows no good outcomes. The Economist compared watching this Worldcup with „long-haul travel in the era of climate change“ and concluded: „enjoying this tarnished World Cup may require an offset for your conscience, a donation to a human-rights group, say, or an anti-corruption charity. An event that punctuates and brightens millions of lives is set to feel grubby and shameful.“

Therefore, my request: Brian Philipps help us and report on the (important) goals of this now starting World Cup as you have done on the goals of the past. Not as a hectic live ticker, but as a social classification – and thus preserve an idea that is bigger and more powerful than the commercialism of FIFA.

If all this seems kind of silly or absurd, it’s probably not wrong at all. It is the somewhat helpless attempt of a football fan to find orientation in a situation that only shows wrong turns.

Kindest regards

Dirk

* If my viewing behaviour should indeed have a political dimension, at least two questions arise. First of all: How can you create an impact that can really lead to change? Is withdrawn attention a suitable means for this? Shouldn’t tangible consumption decisions be made? The German journalist Marco Seiffert suggests boycotting not the matches but the sponsors of the World Cup from the first match day: „If sponsoring a World Cup does not bring additional profits but losses, there would be consequences very quickly.“
And secondly: If I look at the political level in dealing with this event, I would have to place much more emphasis on genuine commitment to human rights – for example, supporting Amnesty or Humans Rights Watch.

Die Fußball-Metapher: was man von 22 Goals über erzählenden Journalismus lernen kann

Another Love, #iranrevolution, Tiktok-Musikjournalismus, Duet-Chain, Excuse me Avocado (Netzkulturcharts Oktober 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: Tom Odell „Another Love“ 🆕

„Lege diesen Sound unter dein letztes Video“ fordern manche Tiktok-Challenges und versprechen dafür enorme Reichweiten – weil der Song oder Sound angeblich gerade kurz davor sei, viral zu gehen. Meist werden solche Aufforderungen von Accounts verbreitet, die sich als eine Art Viralitäts-Coaches in Tiktok positionieren wollen. Ein Song, den sie nie empfehlen, obwohl er seit Monaten unter unglaublich vielen Videos liegt, ist das Lied „Another Love“ von Tom Odell. Der britische Musiker veröffentlichte den Song 2012, zehn Jahre später ist er auch dank eines Konzerts im Bahnhof von Bukarest zu einem Hoffnungssong für Flüchtende aus der Ukraine geworden. Aber auch Protestvideos aus dem Iran werden mit der Klaviersound unterlegt, so dass eine Nutzerin unter einem Odell-Post auf Instagram kommentiert: „Your song has been our anthem in our protests. Be our voice. They are killing us in Iran. Be our voice. #mahsaamini

Platz 2: #iranrevolution 🆕

Aufmerksamkeit ist die zentrale Währung der digitalen Gegenwart. Wir verschenken Aufmerksamkeit, indem wir uns für bestimmte Dinge interessieren und für andere nicht. Die beiden TV-Moderatoren Joko und Klaas haben in diesem Monat ihre Reichweite in Instagram verschenkt – für das Aufbegehren der iranischen Bevölkerung gegen das Regime der Islamischen Republik. Nicht für ein Takeover, sondern für immer: So kündigen sie es in der 15-minütigen Sendung auf Pro7 an, die „Aufmerksamkeit für #IranRevolution“ heisst und mit den Worten endet: „Das einzige, was Iraner:innen zumindest etwas davor schützt, nicht getötet zu werden, ist die globale Aufmerksamkeit.“ Deswegen lenken @officiallyjoko (Hosted by Azam Jangravi Women’ rights activist) und @damitdasklaas (Hosted By Sarah Ramani, The Voice of the Streets) den Blick ab sofort den Blick auf die #IranRevolution.

Platz 3: Neuer Musikjournalismus 🆕

Dass Tiktok die Musik vielleicht sogar stärker verändert als Spotify es tut, ist an vielen Stellen zu lesen. Was dabei etwas untergeht: Tiktok verändert auch den Musikjournalismus auf erstaunliche Weise. Es gibt zahlreiche musikjournalistische Accounts in dem Netzwerk, die einerseits den Wandel der Musik beschreiben und dabei andererseits die Methoden und Muster der Tiktokisierung selbst nutzen. Besonders erstaunlich finde ich den Account des Musikproduzenten Luxxuryxx (siehe Bild), aber auch @jarredjermaine, @martinbeauregard und auch der deutsche Musik-Wissenschaftlicher Dr Rivers sind empfehlenswerte Beispiele für diese Form des neuen Musikjournalismus.

Platz 4: Duett-Chain 🆕

Wie provoziert man Widerspruch im Web? Einfach eine falsche Behauptung posten, diese Fortentwicklung von Cunninghams Law hat in diesem Monat dem Account Scumbag-Dad auf Tiktok eine schöne Duett-Berühmtheit beschert. Das Prinzip der Duet-Chain kennen Netzkultur-Freund:innen bereits aus dem Mai 2021, Scumbag-dad provozierte genau diese kopierende Beteiligungskultur – mit blankem Oberkörper und voller Absicht. Die Reaktionen sind dennoch genauso faszinierend wie schon im Mai 2021.
Hinter dem Account Scumbag-Dad steckt übrigens Brad Podray, der die Idee wiederum von dem Phänomen YourKoreanDad kopierte.

Platz 5: Excuse me, Avocado! 🆕

In den September-Charts war Linnea mit ihre zeitgemäßgen Entschuldigung „Excuse me, wir haben 2022“ noch auf Platz 2. Der fünfte Platz in den Oktobercharts ist allerdings kein Abstieg, sondern quasi ein Neu-Einstieg mit einem Remix. Nutzer:innen auf Tiktok haben nämlich Linneas Geständnis „ich bin Avocado-süchtig“ in Form einer Antwort-Referenz (Stitch) mit einem anderen Netzkultur-Trend des Jahres verbunden: sie korrigieren das Ursprungsvideo eingeleitet mit den Worten „excuse me, wir haben 2022“ in Bezug auf die Aussprache der Frucht: „Es heißt nicht Avocado, sondern Avocado“ (wie hier die Nutzerin Larissa). Die Referenz bezieht sich auf den im Februar beschriebenen Trend, dessen 2022er-Variante vom Account @diclassicx ausgelöst wurde. Antrieb ist das Phänomen der absichtsvollen (falschen) Aussprache, das ich im Rahmen der Gluttheorie der öffentliche Debatte in seiner Dynamik für memetische Meinungen analysiert habe.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Ski Aggu „Party Sahne“
2. Beyonce „Cuff it“
3. Rosa Linn „Snap“
4. Peter Fox „Zukunft Pink“
5. Rian „Schwarzes Schaf“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Barack Obama hat einen beeindruckenden Wahl-Aufruf an junge Amerikaner:innen gepostet. Er legt nicht nur zahlreiche unpeinliche Referenzen an die GenZ offen (hier eine lesenswerter Guide to GenZ), er endet auch mit dem Spitzenreiter der vergangenen Netzkulturcharts: dem Corn-Fan Tariq, der natürlich auch diesen Monat weiterhin wichtig bleibt. Aus dem Song sind weitere Adaptionen entstanden – beispielhaft die Londoner U-Bahn, die die Renovierung der Station „Bond-Street“ mit dem Sound feiert. Dass Peter Fox einen neuen Song veröffentlicht hat, hat in Tiktok ebenso für Aufsehen gesorgt wie der zweite Hit von Nina Chuba, die hier einen wunderbaren Jim Knopf-Wildberry-Lilleth-Mashup bekannt macht: „Lummerland Lillet“.

Der Account happy_paule hat sich Ende August mit ein paar Nudeln und einem Spezi vor einen Stream gesetzt – und sich dabei gefilmt. Sein „Jungs, gibts was besseres?“-Clip ist zu einer schönen Kopiervorlage geworden, mit der jede Menge Accounts interagieren.

Der österreichische Standard berichtet über die Nafo-Memes im Ukraine-Krieg (siehe dazu auch die September-Ausgabe)

Der Hashtag #NurDreiWorte auf Twitter nimmt auf schöne Weise Bezug auf die One-Word-Tweets, die hier schon mal Thema waren. Die ARD hat ein Kultur-Angebot namens „ARD Kultur“ gestartet, dabei auch ein digitale Format namens Pixelparty. Gawker erklärt, wie Promis Tiktok nutzen sollen.

Dass die Washington Post sich auf beeindruckende Weise mit dem Tiktok-Universum befasst, war hier wiederholt Thema (hier der Versuch auf Tiktok deren Filter zu umgehen). In diesem Monat gab es einen besonderen Schwerpunkt und dieser Text analysiert den Erfolg der Post auf Tiktok.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen. Wer keine Folge verpassen möchte, kann sie hier als eigenen Newsletter bestellen.

10 Wege, um (online) immer Recht zu haben (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was ist nur mit der Diskussionskultur los? Seit Jahren wird über sie diskutiert, es wird geklagt und nostalgisch zurückgeblickt – und trotzdem wird nichts besser. In diesem Monat sorgte z.B. der Abschied von SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert von Twitter für eine neuerliche Debatten-Debatte. Dabei ist es doch gar nicht so schwer, sich online absolut richtig zu verhalten. Deshalb hier eine ausschließlich und vollständig ernst gemeinte Anleitung für alle, die gerne glücklicher online debattieren möchten (Symbolfoto: Unsplash). Mit den folgenden zehn Ratschlägen gelingt es, jederzeit im Recht zu bleiben:

Ändern Sie niemals Ihre Meinung
Die eigenen Ansichten der Gegenwart anzupassen, gleicht einer Niederlage. Wer so etwas tut, ist im Unrecht. Das ist Ihnen zuwider. Niemals werden Sie Ihre Meinung ändern. Sie gehört zu Ihnen, ist ein unveränderliches Kennzeichen, das Ihre Identität prägt. Dass man Menschen und Meinungen trennen kann, ist Ihnen fremd. Sie stehen für Ihre Meinung ein und knüpfen dies eng an Ihre Persönlichkeit. Widerspruch ist deshalb für Sie auch kein sachliches Gegenargument, sondern ein Angriff auf Ihre Person, den Sie mit allen Mitteln abwehren müssen.

Unterstellen Sie stets böse Absichten
Weil Sie selbst Mensch und Meinung nicht trennen wollen, tun Sie das auch bei Ihrem Gegenüber nicht. Sie ziehen deren Motive in Zweifel, unterstellen konsequent böse Absichten und finden negative Eigenschaften, die Ihnen ad hominem helfen, Sachargumente konsequent abzulehnen.

Sprechen Sie anderen Meinung stets die Kompetenz ab
Es gibt also nur einen Grund, eine andere Ansicht zu haben als Sie: Dummheit. Einzig fehlende Kompetenz ist für Sie eine Erklärung für abweichende Meinungen. Andere Möglichkeiten schließen Sie aus. Angenehmer Nebeneffekt: Wenn Sie die anderen für dumm erklären, sind Sie quasi automatisch nicht nur auf der richtigen Seite, sondern auch sehr klug. Sie teilen ja Ihre Meinung!

Nutzen Sie Medien einzig als Meinungsverstärker
Der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt hat seine Vorstellung vom Publikum unlängst so beschrieben: „Sie wollen Superstars, die ihre eigene Meinung bestätigen.“ Geben Sie ihm Recht, wählen Sie einzig Medien, die Ihre Ansichten verstärken. Vermeiden Sie Medienkonsum, der Sie auf andere Gedanken bringt, Ihnen neue Perspektiven aufzeigt oder Sie womöglich ins Zweifeln bringt.

Gehen Sie stets davon aus, dass alles genau so ist wie es wirkt
Der Zweifel ist Gift fürs Rechthaben. Seien Sie deshalb möglichst selbstsicher. Das gilt auch in Bezug auf Beschreibungen, Accounts und vermeintliche Fakten: Vermeiden Sie in jedem Fall die Frage „Und wenn das Gegenteil richtig wäre?“ Unterdrücken Sie unbedingt den Gedanken, dass manche Beiträge vielleicht von Fake-Accounts oder Bots kommen könnten (hier schreibt Ronen Steinke sehr lesenswert über virtuelle V-Leute im Netz).

Halten Sie Twitter-Trends konsequent für die Bevölkerungsmeinung
Da alles so ist, wie es wirkt, nehmen Sie auch Likes, Follower und Trends auf Plattformen stets für voll. Muss ja stimmen! Als Journalist:in können Sie zum Beispiel Twitter-Trends nicht nur als Abbild der Gesellschaft lesen, sondern durch „hat ja viele likes“- auch in klassischen Medien noch weiter verbreiten. Keinesfalls sollten Sie sich mit dem Mediamanipulation-Book oder der Mechanik von Meme-Wars befassen. Die Autor:innen des gleichnamigen Buches sagen mit Blick auf die Meme-Mechanik: „They’re the activation of people’s confirmation bias and stereotypes. As we watched political opponents begin to memeify one another and push these tropes — some with the intention of sowing disinformation, others with the intention of spreading propaganda — I think many journalists were initially very dismissive.“

Achten Sie auf ohrenbetäubendes Schweigen
Um Recht zu behalten, muss Ihr Thema in der Debatte bleiben. Sonst merkt ja keiner, dass Sie Recht haben. Achten Sie dabei stets darauf, dass die Diskussion sich nicht zu weit, von Ihren Interessen entfernt. Neben der klassischen Themen-Erinnerung (vulgo: Whataboutism) bieten sich hier auch anklangende Meinungsäußerungen an, in denen Sie kritisieren, dass manche Leute (gerne markieren!) sich noch nicht zu einem aktuellen Ereignis geäußert haben. Brandmarken Sie dieses Schweigen als „ohrenbetäubend“!

Lassen Sie keine Gelegenheit zum Widerspruch ungenutzt
Aber nicht nur Schweigen fordert Ihren Widerspruch heraus. Jede abweichende Meinungsäußerung provoziert Sie persönlich. Dass Sie überhaupt öffentlich geäußert wird, ist eine Frechheit und Beweis für die katastrophale Debattenkultur, für die natürlich ausschließlich die anderen verantwortlich sind. Sie hingegen tun nur, was Ihr gutes Recht ist: Sie widersprechen. Immer und jederzeit! Denn irgendwo ist immer jemand im Unrecht, wenn Sie dem Gedanken konsequent folgen, wird Ihre Glut nie ausgehen.

Denken Sie konsequent und ausnahmeslos schwarz-weiß
Zwischentöne lehnen Sie ab. Ziehen Sie klare Linien: Wer nicht Ihrer Meinung ist, ist gegen Sie. Persönlich. Genau so reagieren Sie auch: ablehnend, geringschätzend, beleidigend. Dass manchmal vermeintlich gegenteilige Dinge gleichzeitig eine Berechtigung haben, halten Sie für eine Erfindung. Ambiguitätstolerenz hat für Sie – wie Toleranz überhaupt – ihre Grenzen.

Halten Sie sich für den Mittelpunkt der Welt
Beurteilen Sie alle Ereignisse des Weltgeschehens konsequent ausschließlich aus Ihrer eigenen Perspektive. Ihre Prägung oder Ihre nostalgische Erinnerung sollten zum alleinigen Maßstab Ihrer Meinungen werden. Andere sollen das bitte auch anerkennen: Sie sind jetzt mal dran, Ihre Meinung, ihre Ansicht kamen jahrenlang nicht angemessen zur Geltung. Jetzt ist Ihre Zeit! Das ist Ihr gutes Recht und Sie haben Recht!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: Impfverweigerung als Meme, „Die Anderen anders sein lassen“ (April 2022) „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Seit Jahren befasse ich mich auch in Büchern und Vorträgen mit dem Thema, in dem Zusammenhang besonders zu empfehlen: „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ und den Vortrag „Die Gluttheorie der öffentlichen Debatte“ im Deutschlandfunk.

It’s corn, Excuse me wir haben 2022, NAFO, Ein-Wort-Tweets, Nina Chuba, Snowflake (Netzkulturcharts September 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorab: Wer sich für Netzkultur begeistert, sollte Snowflake kennen. Diese Browser-Erweiterung hilft all denen, die das Netz nicht einfach so benutzen können. Zu den Protesten im Iran empfehle ich die Einordnung meiner Kollegin Dunja Ramadan bei der SZ.

Platz 1: It’s corn 🆕

Der bekannteste Junge des Internet war vor wenigen Wochen noch völlig unbekannt, mittlerweile ist Tariq als „The Corn Kid“ ein Star, der zur Filmpremiere von „Pinocchio“ eingeladen und von der New York Times porträtiert wird. Dabei hatte er nichts anderes getan als in einem kurzen Video-Interview des Channels Recess Therapy seine Begeisterung für Mais kund zu tun. Dass aus diesem scheinbar belanglosen Interview in Brooklyn nicht nur der virale Hit des Sommers, sondern sogar ein richtiger Song wurde, liegt an echten Experten der Viralität: die Gregory Brothers entdeckten und autotunten Tariqs Corn-Begeisterung und traten damit ein Massen-Mais-Phänomen los – zu dessen vorläufigem Höhepunkt sogar der offizielle Tiktok-Account auf Tiktok seine Bio in „It’s corn“ änderte. Deshalb gebührt mindestens die Hälfte der Chartspitze in diesem Monat dem Musik-Quartett, das auf YouTube schmoyoho heißt und schon seit Jahren in Sachen Viralität unterwegs ist. Die andere Hälfte gehört Tariq und seiner Familie, die dafür gesorgt hat, dass sein Nachname trotz des plötzlichen Ruhms nicht an die Öffentlichkeit kommt.

Platz 2: Excuse me, wir haben 2022 🆕

Als die Tiktokerin Linneasky im Juli diesen Jahres eine Nutzer:innen-Frage zum Thema BH beantwortet, ist ihr vermutlich nicht klar, dass die nun folgenden Sätze am Ende des Sommers zu einen geflügelten Wort der Netzkultur werden: „Excuse me, wir haben 2022“ wird nicht nur in allerlei Zusammenhängen zitiert, geremixt und gestiched, es gibt auch ein Mashup mit dem „Fettes Brot“-Jahreszahlenklassiker „Jein“. Aber anders als bei den Gregory Brothers und ihrem Corn-Kid hat sich bisher noch niemand gefunden, der einen wirkliche populären Song aus dem Spruch gemacht. So bleibt die Freude an der Unplanbarkeit von viralen Phänomenen.

Platz 3: NAFO 🆕

Wenn das Internet einen Wachhund suchen würde, es wäre der Shiba Inu, das Krafttier des Doge-Meme. Seit ein paar Wochen ist der das Symbol der digitalen Friedensbewegung namens NAFO geworden. Die North Atlantic Fellas Organisation ist eine zaunpfahlwinkende Anspielung auf das Verteidigungsbündnis ähnlichen Namens und versucht mit digitalen Mitteln auf den russischen Angriffskrieg in der Ukrainie zu reagieren. Der Economist hat als erstes größer darüber berichtet und ich finde das mehr als bemerkenswert – wie ich in diesem Interview mit dem Deutschlandfunk erklären durfte.

Platz 4: Ein-Wort-Tweets 🆕

Wofür willst du im Netz stehen? Die Antwort auf diese Frage in einen Ein-Wort-Tweet zu packen, war Anfang des Monats für ein paar Tage ein großes Ding. Der One-Word-Tweet-Trend wurde von den „trains“ von Amtrack ausgelöst und steht für eine kleine, scheinbar bedeutungslose Besonderheit, die die Netznutzung so zauberhaft macht – und mich dazu gebracht hat, schlicht „internet“ zu twittern.

Platz 5: Nina Chuba „Wildberry Lillet“🔽

Der Trend um Nina Chuba ist ungebrochen. Ihr „Wildberry Lillet“ läuft weiterhin aus allen Boxen und erscheint in immer neuen Remixen. Sogar der französische Spirituosen-Hersteller Pernod Ricard hat sich offiziell geäußert (ihm gehört die Marke „Lillet“), die Sparkasse macht mit Aditotoro Werbung damit – aber nichts und niemand kriegt diese Zeilen kaputt. „Immos, Dollars, fliegen wie bei Marvel“ machen immer noch großen Spaß.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Armani White „Billie Eilish“
2. Tariq, The Gregory Brothers, Recess Therapy „It’s corn“
3. Romero „Nie mein shawty“
4. Nina Chuba „Wildberry Lillet“
5. Rian „Schwarzes Schaf, Akustikversion“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung:

Fürs digitale Vokabelheft unbedingt den Begriff Bootleg Ratio notieren. Bei Verge nutzt Russel Brandom ihn, um die Veränderungen des Contents auf Plattformen zu beschreiben. Gemeint ist das Verhältnis zwischen „a) Inhalte, die von Benutzern speziell für die Plattform erstellt wurden, und b) halbanonyme Accounts, die in Interaktion treten und das Publikum abwerben. Jede Plattform wird beides haben, aber wenn B beginnt, A zu überholen, haben die Benutzer immer weniger Gründe, sie zu besuchen, und die Ersteller werden immer weniger Gründe haben, zu posten. Kurz gesagt, es ist ein Zeichen dafür, dass die interessanten Dinge über die Plattform allmählich aussterben.“ (Danke für den Hinweis Johannes)

Eine zweite wichtige Veränderung, die im September durch den Start von Tiktok Now Bedeutung bekam ist der Vibe-Shift in Social-Media. Das Social-Media-Watchblog nennt die Hinwendung zu einer vermeintlich privateren User-Experience, die sich vom klassischen Reichweiten-Feed abwendet, so.

Passend zum Oktoberfest gibt es einen erwähnenswerten bayerischen Remix des Top-Ohrwurm des Monats von Armani White „Billie Eilish“. In der Bavaria Version wird „Billie Eilish“ zu „aber bayerisch“ – dabei wird eine Transition hin zu bayerischer Tracht ins Bild gesetzt.

Tiktok lässt in diesem Monat eine mit ausschließlich Werbe- und Marketing-Knowhow besetzte Jury einen Tiktok-Award verleihen. USA Today zeigt am Beispiel der Behauptung des Wahlbetrugs wie Memes die politische Debatte durchsetzen. Welche Plattformen Memes treiben, hat Know Your Meme untersucht.

Wie man Nachrichten in einem Meme-Umfeld erstellt, erklären die Macher:innen der „News WG“ vom Bayerischen Rundfunk in diesem Instagram-Interview. Wie der Tod der Königin von England in Wikipedia vermeldet wurde? Dieser Thread fasst es zusammen.

Weiterhin ein Highlight meiner Timeline: die twitterisierten Tagebücher von Thomas Mann (Hintergrund dazu hier)

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Warum „nur online“ in Wahrheit „nur überall“ heißt (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Dieser Text steht „nur online“. Es gibt keinen anderen Weg, über den er verbreitet wird. Er ist „nur im Internet“. (Symbolbild: unsplash)

Warum ich das erwähne, wo er doch erkennbar über eine Website und einen Newsletter zugänglich gemacht wird? Weil auch im Jahr 2022 (über 30 Jahre nach der Erfindung des WWW) diese einschränkende Beschreibung genutzt wird, meist um damit anzuzeigen, dass eine Dienstleistung oder ein Inhalt nicht auch auf andere Weise verfügbar ist. Das ist erstaunlich, weil nahezu jeder andere Zugang komplizierter ist als jener, der mit „nur“ eingeschränkt wird. Statt zu sagen, etwas sei „nur online“ verfügbar, könnte man auch sagen, es sei „nur überall“ verfügbar.
Das ergibt wenig Sinn, wird aber dennoch ständig getan.

Die digitale Verfügbarkeit gilt vielen nämlich noch immer als neu und nicht selten als weniger wertvoll. Etabliert sind andere Formen des Zugangs: auf Papier, im Geschäft oder im linearen Programm (TV oder Radio). Im Kontrast zu all diesen Kontexten wird „nur online“ genutzt – nicht selten mit einem abwertenden Ton. Denn „nur online“ heißt in diesem Duktus nicht „nur überall“, sondern vor allem „nicht auf gelernte Weise“.

Um das zu verstehen, muss man diese Weise gelernt haben. Man muss wissen, dass Inhalte, Produkte und Dienstleistungen vor der Digitalisierung anders distribuiert wurden als dies im Internet nun möglich ist. Man muss eine Sicht auf die Welt haben, die digitale Distribution mindestens als ungewöhnlich, vielleicht sogar als Einschränkung empfindet, nicht aber als selbstverständlichen ersten Schritt, wenn etwas publiziert werden, also öffentlich sein soll. Zu sagen, etwas sei „nur online“ ist also in erster Linie ein Satz, der Auskunft über den/die Sprechenden gibt – dann erst über den Inhalt. Denn dass etwas „nur überall“ verfügbar ist, muss ja eigentlich nicht gesagt werden.

Was häufig gemeint ist mit der „nur online“-Einschränkung ist vielmehr dies: dieses Produkt, dieser Inhalt zählen nicht zu den Auserwählten. Sie sind nicht kuratiert worden für die andere (nicht selten komplizierte) Form der Distribution. Das Problem dabei: es gibt für diese andere Form der Distribution meist keine wertversprechende Form der Beschreibung. „Dieser Song erscheint auf Kassette“, „dieser Beitrag wird nur zu einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlicht“ oder „jener Text ist nur einen Tag lang am Kiosk erhältlich“, ist keine Form der Beschreibung, die auf einen besonderen Wert schließen lässt. Dabei könnte sie das sein (oder werden), wenn man sie denn in ihrer Besonderheit betonen würde – und ihre Wertigkeit nicht einzig auf die Abwertung des Digitalen gründen würde. Dass weniger mehr sein kann, habe ich hier schon mal beschrieben – im Falle der „nur online“-Rede findet diese besondere Wertigkeit der nicht-digitalen Distribution aber gar keine Anwendung.

Und das ist auch der zentrale Grund, warum ich diesen Text schreibe und „nur online“ veröffentliche. Ich möchte, dass Sie ihn speichern und bei nächster Gelegenheit denjenigen senden, die sagen, etwas sei nur im Internet verfügbar. Fragen Sie sie doch mal, warum sie diese Einschränkung machen? Was wollen sie damit ausdrücken? Ist es tatsächlich eine fürs Publikum relevante Information oder verrät sie mehr über die Abläufe auf Sender-Seite? Über deren Kostenstellen oder Publikationssysteme?

Vielleicht kann durch diese Gedanken eine neue Debatte über Distributionsformen beginnen, die ihren Ausgangspunkt nicht im 20. Jahrhundert, sondern in der Gegenwart hat.

Bis dahin werde ich jedes „nur online“ gedanklich durch ein „nur überall“ ersetzen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit aktuellen Entwicklungen in Social Media befasse – zum Beispiel: „Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen“ (Juni 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

In Kategorie: DVG

loading: Sorry, war noch kurz laufen

Die Geschichte des Laufsports wird häufig männlich gelesen. Der Hamburger Ankerwechsel-Verlag will das ändern – und bringt ein Laufbuch aus weiblicher Perspektive auf den Markt, in einem Crowdfunding auf Startnext.

Verlegerin Harriet Dohmeyer hat dazu den loading-Fragebogen beantwortet.

Was machst du?
Wir sammeln auf Startnext Geld für ein Buch über das Laufen aus weiblicher Perspektive. Es heißt: „Sorry, war noch kurz laufen“. Und natürlich: Sorry, not sorry! Die Autorin Nicole Blatt gibt weder Diät-Tipps noch Tutorials für schweißfestes Make-up, sondern Antworten auf wirklich wichtige Fragen wie: Warum ist Laufen anfangs so mühsam? Und wieso ist Laufen für Frauen nicht nur ein Sport, sondern eine Form der Rebellion? SWNKL ist ein Projekt aus dem Hamburger Indie-Verlag Ankerwechsel, den ich vor fünf Jahren gegründet habe.

Warum machst du es (so)?
Mit dem Funding können wir den qualitativen und klimaneutralen Druck bezahlen. Beim Ankerwechsel Verlag ist es mir wichtig, dass wir Bücher machen, die besonders durchdacht, gestaltet und lokal produziert werden. Gestartet habe ich den Verlag ursprünglich, weil ich als Autorin und Fotografin die Idee für eine Reihe über Städte hatte, aber das Manuskript und die Fotos nicht einfach abgeben wollte, sondern in der Zusammenarbeit mit Kreativen mitentscheiden und auch den Vertrieb gestalten wollte (wie z.B. aus Überzeugung nicht bei Amazon). Die Verlagsgründung war das Beste, was ich in meinem Leben bis jetzt getan habe. Ich konnte so viel dadurch lernen und schätze vor allem der kreative Austausch mit unserer Grafik Designerin Violetta Sanitz. Sie ist auch Teil des großartigen Teams hinter „Sorry, war noch kurz laufen“. Neben der Autorin Nicole Blatt ist weiter Lektorin Marie Krutmann beteiligt und die Hamburger Illustration Annina Brell. Als Verlag haben wir wenig finanzielle Mittel, aber hohe Ambitionen, deshalb das Crowdfunding. Es ist außerdem eine super Möglichkeit, unser Vorhaben zu präsentieren. Und die erste positive Resonanz ist ein Start, der viel Mut macht!

Wer soll sich dafür interessieren?
Auf der einen Seite Personen, die sich fürs Laufen interessieren. Egal, ob gerade angefangen, begeistert dabei – oder irgendwo zwischen Hass und Liebe. Auf der anderen Seite (gerne auch gleichzeitig) ist “Sorry, war noch kurz laufen” ein Buch für Menschen, die besonders gestaltete Bücher mögen und nicht nur auf reine Information aus sind.

Wie geht es weiter?
Hoffentlich noch mit vielen weiteren Unterstützer*innen und noch mehr Presse zum Buch. Dann gehen wir im Herbst in den Druck und liefern noch vor Weihnachten aus. Bei Ankerwechsel arbeiten wir außerdem gerade an einem weiteren Buchprojekt. Gleichzeitig möchte ich langsam und Schritt für Schritt wachsen – für eine bewusste und gesunde Entwicklung in einer teils schwierigen, aber wunderschönen Branche.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass Frauen erst seit den 70ern an Marathon-Läufen teilnehmen dürfen. Und dass es Projekte wie unseres gibt – also danke für deine Fragen, Dirk!

>>>Sorry, war kurz noch laufen kann hier auf Startnext bestellt werden

„Gender-Gegner missachten die Freiheit der Sprache“

Die gute Nachricht zu Beginn: Die Debatte ums Gendern ist entschieden. Über die Frage, ob das generische Maskulinum eingesetzt oder durch einen Stern, ein Doppelpunkt oder möglichst viele „und“-Kopplungen ersetzt werden soll, muss nicht mehr gestritten werden!

Die Lösung findet, wer nicht nur gegendert, sondern auch die Perspektive geändert hat – und anfängt digital zu denken, also beginnend auf der Seite des Publikums. Statt auf der Seite der Publizierenden nach der einen Lösung zu suchen, findet die Lösung wer das Publikum ermächtigt, viele Antworten zu geben. Die Leser:innen werden in naher Zukunft entscheiden, welche Variante sie bevorzugen. Wie in diesem SZ-Text zum Thema händisch vorgeführt, werden in wenigen Jahren technische Lösungen zur Verfügung stehen, die Texte automatisch in die Form bringen, die das Publikum wünscht. (Das Prinzip dahinter nenne ich „Das Ende des Durchschnitts“)

Wer heute Browser-Erweiterungen für Fremdsprachen nutzt, kennt diese Ansätze bereits: Automatische Übersetzungs-Software bereitet den Text per Mausklick in der Form auf, die Nutzer:innen wünschen. Digitales Denken beginnt auf Publikumsseite – und in Bezug auf die unnötige Gender-Aufregung endet es auch dort. (Symbolbild: Unsplash)

Bis es soweit ist, wird es aber noch ein paar Tage geben, die so laufen wie der gestrige Tag: Kurz nacheinander kam ich da in Kontakt mit zwei Wortmeldungen zum Thema, die einen offenbar tiefen gesellschaftlichen Graben zeigen (der bei genauerer Betrachtung aber gar nicht mehr existiert). Erst meldete sich auf der Website der Bild-Zeitung der Sprachlehrer Wolf Schneider mit der Erkenntnis zu Wort:

„Gendern ist für Wichtigtuer“

Seine zentralen Argumente lauten: 1. Gendern gefällt ihm nicht. 2. Es besteht ein sprachlicher Unterschied, „zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht“. Um diesen zu illustrieren, wählt er ausgerechnet den Begriff „Weib“, der im Deutschen sächlich ist. Das mag grammatikalisch richtig sein, stilvoll ist es in jedem Fall nicht.

Schneiders Schimpfen bekam weite Aufmerksamkeit und wurde von der Bild-Zeitung durch Agentur-Meldungen getragen. Leider meist ohne die Erwähnung einer zweiten Einlassung zum Thema, die gestern öffentlich gemacht wurde. In einer Pressemitteilung des Leibniz-Institut für Deutsche Sprache heißt es zum gleichen Thema

Der Rückzug des generischen Maskulinums, in der Anrede, in Funktionsbezeichnungen, in Gesetzestexten und in vielen anderen Kontexten ist aber insgesamt ein kontinuierlicher Prozess, der durch die Emanzipationsbestrebungen der Frauenbewegung und später zusätzlich von der LGBTQIA+-Community angestoßen wurde und sich seit gut 30 Jahren auch in sprachpolitisch motivierten Veränderungen des sprachlichen Usus zeigt. Diese Art von Sprachwandel ist nichts Ungewöhnliches, denn Sprachnormen – wie soziale Normen allgemein – sind wertebezogen. Genauso wie die Sprache selbst wandeln sich dementsprechend auch die sprachlichen Normen und damit die Frage, was „gut“ und „richtig“ ist, kontinuierlich.

In dem etwas versöhnlicheren und deutlich elaborierteren Text werden die Argumente der Lesbarkeit (in Wahrheit kein Problem) und die vermeintliche Debatte um die so genannte Freiheit der Sprache eingeordnet, mit einer erstaunlichen Erkenntnis:

Die sprachliche Freiheit sollte uns ein hohes Gut sein. Die Forderung beispielsweise, der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse das Gendern unterlassen, läuft diesem Freiheitsgedanken gerade zuwider.

Anders forumliert: Alle, die bei dem Thema für Freiheit eintreten und gegen Verbote, sollten aufhören, gegen Vorschläge zum Gendern zu kämpfen. Oder in Form einer Bild-Zeitungs-Schlagzeile: „Gender-Gegner missachten die Freiheit der Sprache“

In der Pressesmitteilung ist es weniger plakativ formuliert:

„Wir müssen aber im Moment mit unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten leben, bis sich in der Sprachgemeinschaft mehr einheitliche Schreib- und Sprechgewohnheiten etabliert haben“, so Lobin. „Dabei sollten wir akzeptieren, mit Sprachformen konfrontiert zu werden, die nicht die sind, die wir selber präferieren. Dies ist eine Form von Toleranz, die man in einer pluralistischen Gesellschaft erwarten können sollte“, ergänzt Müller-Spitzer. Für einzelne Sprachformen zu werben, sei natürlich legitim, aber eine gegenseitige Offenheit trotzdem notwendig.

Kontext ist alles: Für sein Currency-Experiment zerstört Damien Hirst seine Kunstwerke

Die Referenz vorweg.

Wenn der britische Künstler Damien Hirst im September Kunstwerke seines Projekts „The Currency“ in seiner Galerie in London zerstören wird, wird in jedem Fall ein Hauch von The KLF in der verrauchten Luft hängen. Am 23. August 1994 wurden nämlich schon mal Werte im Sinne der Kunst zerstört: Bill Drummond und Jimmy Cauty verbrannten eine Million Pfund, die Einnahmen, die sie mit ihrer Band The KLF erwirtschaftet hatten – im Rahmen einer Kunstaktion, die bis heute einmalig ist.

Hirst lehnt sich nun an die unerreichten Pop-Prankster Cauty und Drummond an, indem er sich der Kunst als Währung nähert. Vor einem Jahr hat er ein Experiment angekündigt, das mit realen Kunstwerken und deren digitalen Beipackzetteln spielt. The Currency ist ein Kunst-NFT-Test: Hirst hatte im Jahr 2016 10.000 einzigartig gepunktete Ölgemäde erstellt und diese mit NFTs verbunden. Hirst gab seinem Publikum die Möglichkeit, für je 2000 Dollar ein NFT zu jedem Kunstwerk zu erwerben. Anschließend hatten sie die Gelegenheit, dieses NFT gegen das reale Gemälde zu tauschen. Die Herausforderung: Hirst verlangt eine entweder-oder-Entscheidung.

Die Käufer:innen können also entweder das NFT behalten oder das reale Kunstwerk – denn Hirst wird das jeweilige Gegenstück im September zerstören. Heute ist die Tauschfirst abgelaufen, wie man auf der Website der Firma Henni sehen kann, für die das Projekt nebenbei auch Werbung macht:

CHOOSE YOUR CURRENCY
DECIDE BETWEEN THE DIGITAL NFT OR THE PHYSICAL ARTWORK

Each of the 10,000 unique NFTs corresponds to an original work on paper by Damien Hirst. The collector has to decide between the digital NFT or the physical artwork, but can not keep both. This exchange is a one-way process, so choose carefully.

You have until 3pm British Summer Time, 27th July 2022 to decide to keep either the digital NFT or the physical artwork. If you have not exchanged your NFT in that period, then the physical artwork will be destroyed. Similarly, if you have exchanged it in that period, the NFT will have been burned.

Vor einem Jahr hatte Hirst in diesem Interview seine Neugier beschrieben, die ihn zu dem Experiment brachte: Was wird das Publikum bevorzugen? Die NFTs oder die Gemälde?

Jetzt ist das Ergebnis da (das reale Kunstwerk hat knapp vor dem NFT gewonnen: 5,149 Gemälde zu 4,851 NFT) – und man kann daran illustrieren wie Wertzuschreibung (nicht nur) in der Kunst funktioniert: über Kontext. Dass Menschen vor die Mona Lisa im Louvre treten, liegt weniger an dem Gemälde in Paris als an der Tatsache, dass Menschen vor die Mona Lisa treten. Wertzuschreibung ist soziale Konstruktion. Ich habe das hier schon mal am Beispiel von Paolo Veronese und seiner Hochzeit von Kanaa illustriert. NFTs legen offen, was ich im Lob der Kopie beschrieben habe: Original und Kopie sind keine objektiven Kriterien, sondern Zuschreibungen und soziale Konstruktion.

Das aktuelle Hirst-Experiment illustriert darüber hinaus aber einen Aspekt, der in den Debatten um die so genannten Cancel Culture häufiger aufkommt: die Verknappung des Zugangs als Aufmerksamkeitstreiber. Bei der angeblichen Cancel Culture funktioniert dieses Prinzip über das Muster „etwas soll (vermeintlich) verboten werden und bekommt deshalb extra viel Aufmerksamkeit“, bei Hirst entsteht der Wertzuwachs genau dadurch, dass er Teile der Kunst tatsächlich zerstört.

Ich interessiere mich seit vielen Jahren fürs Kopieren als Kulturtechnik – und habe deshalb 2011 das Buch „Mashup – Lob der Kopie“ zum Thema geschrieben.

In Kategorie: DVG