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Thats Not My Name, Inspirational Audio-Quotes, Wordle, Birds Aren’t Real, der Pulli von Olaf Scholz (Netzkulturcharts)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: That’s Not My Name 🆕

Im Jahr 2008 rückte ein Songschnipsel von Sängerin Katie White (rechts im Bild) und Schlagzeuger Jules De Martino ins Blickfeld internationaler Öffentlichkeit: Apple hatte den Song „Shut Up And Let Me Go“ für die Werbung für den iPod ausgewählt und die The Ting Tings damit einer sehr breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Der Song stammt vom Debütalbum „We Started Nothing“, das in Großbritannien auf Platz 1 der Albumcharts landete – inklusive einer Single, an der dieser Tage niemand auf Tiktok vorbei kommt: That’s Not My Name ist schon 2007 veröffentlicht worden – und dient dieser Tage als großer Promi-Trend des Monats. Zu den Zeilen „They call me hell / They call me Stacey / They call me Her / They call me Jane“ zeigen vor allem prominente Accounts das Spektrum ihrer Persönlichkeit bzw. Rollen. Alicia Silverstone war eine der ersten, die den Ting Tings-Sound nutzte, es folgten Drew Barrymore, Will Smith, Jennifer Garner und viele andere (in Deutschland z.B. Sarah Kim Gries oder Thomas Sattelberger), Für die Meme-Journalistin Kate Lindsay ist „That’s not my name“ die „einmalige Gelegenheit für Prominente, in den sozialen Medien ihre Zielgruppe anzusprechen“. That’s Not My Name ist aber vor allem auch ein erstaunlicher Ohrwurm – allein deshalb: Platz 1 der Februar-Charts.

Platz 2: Audio-Zitate 🆕

Früher als Instagram noch eine reine Bilder-Community war, fand man dort jede Menge Texttafeln mit schlauen, nachdenklichen und nicht selten banalen Sprüchen. Häufig wollen diese Sprüche einen tieferen Sinn transportieren, motivieren oder nur ganz allgemein eine Weisheit übers Leben verkünden. Und nicht selten tauchen diese „Inspirational Quotes“ auch heute noch auf Instagram (und Pinterest!) auf. Viel häufiger finden die Inspirations-Zitate ihren Weg aber übers Ohr in den Kopf der Nutzer:innen. Ein sehr bekanntes Audio-Zitat stammt von der US-Motivations-Coachin Mel Robbins. Es ist ein Ausschnitt aus einem TED-Talk, den sie zum Thema Glück und Motivation gehalten hat. Ihr Aufruf: „No one’s coming. No one. No one’s coming to push you; no one’s coming to tell you to turn the TV off; no one’s coming to tell you to get out the door and exercise; nobody’s coming to tell you to apply for that job that you’ve always dreamt about; nobody’s coming to write the business plan for you. It’s up to you.“ hat sich aus dem TED-Talk aus dem Jahr 2011 zu einem aktuellen Web-Hit gewandelt. Menschen nutzen die kurze Audio-Sequenz und zeigen dazu Bilder von ihrem unbändigen Trainings- und Optimierungswillen. Zahlreiche Nachahmer-Clips nutzen andere Sounds. In der deutschsprachigen Welt der Tiktok-Kopien namens Reels hat sich dabei der sehr erfolgreiche Podcast Gemischtes Hack von Tommi Schmitt und Felix Lobrecht zu einer Zitate-Quelle entwickelt. Besonders populär in diesem Monat: Tommi Schmitts Erkenntnis, die sich in diesen Worten ausdrückt: „… dass man immer denkt, bald beginnt die gute Zeit, bald beginnt das Leben. Wenn ich das erreiche, dann gehts gut. Wenn ich den Job bekomme, dann gehts gut. Wenn ich den Studienplatz bekomme, die Ausbildung… aber das geht ja immer so weiter. Ich glaube, das Prinzip oder das Dilemma gleichzeitig am Leben ist, dass das gar nicht einsetzt.

Platz 3: Wordle ⬇️

Der Frühjahrs-Hype des Jahres 2022 hält an. Nach einem Spitzenplatz in den Januar-Charts hat es Wordle nicht nur auf die Einkaufsliste der New York Times geschafft, sondern vor allem unzählige Imitationen inspiriert. Das Netz rätselt im Wordle-Stil. Es geht dabei um Schimpfworte (Lewdle is a game about rude words. If you’re likely to be offended by the use of profanity, vulgarity or obscenity, go play Wordle instead!), um Geografie-Wissen (Länder-Wordle), Verwirrung (With each guess, Absurdle reveals as little information as possible, changing the secret word if need be.) oder Mathematik (Nerdle lässt Rechnungen erraten) – und am Ende geht es stets um die Schönheit des Zufalls, dass aus der kleinen Idee von Erfinder Josh Wardle ein weltweiter Hype wurde – obwohl er doch eigentlich nur seiner Freundin Palak Shah einen Gefallen tun wollte.

Platz 4: Birds Aren’t Real ⬇️

Die Theorie von den erfundenen Vögeln ist in den deutschsprachigen Raum geflogen: Tagesspiegel, RND, NZZ, Berliner Zeitung, NZZ am Sonntag haben nach den Januar-Charts über das Phänomen berichtet. Birds Aren’t Real-Erfinder Peter McIndoe war unterdessen Gast in Howard Sterns Radioshow und twitterte drüber.

Platz 5: Der Pulli von Olaf Scholz 🆕

Nachdem der Bundeskanzler zu Beginn des Monats im Mittelpunkt eines „Wo ist eigentlich Olaf Scholz?“-Memes stand, gelang Olaf Scholz mit einem grauen Schlapperpulli auf seiner Washington-Reise ein neues mediales Narrativ. Alle Medien (soziale wie terrestrische) waren voll von Einschätzungen über die Strickware des Kanzlers, die die Fragen nach Politik (Corona, Russland, Ampel) überdeckten. Der wie der Pulli aus Hamburg stammende stern fand heraus, dass „der Pulli mit dem Junkernamen „Jörg“, zurzeit für rund 300 Euro im Sale zu erstehen“ sei: „Es ist genau das Modell, das vor wenigen Tagen am slimfitten Kanzlerkörper in der Luftwaffen-Boeing zu Berühmtheit gelangt ist.“ Fazit der stern-Pullover-Betrachtung: „Sollte Olaf Scholz den „Omen“-Pulli mit Bedacht gewählt haben, um sich locker vor die mitreisende Presse zu stellen, wäre es inhaltlich eigentlich eine Punktlandung gewesen. Vermutlich aber hat er nicht nachgedacht, sondern darüber, was in den USA und nun in Russland politisch zu bewegen sein könnte. Denn worum es jetzt gehen muss, ist kein Look – sondern die Aussicht, Krieg zu verhindern.

Besondere Erwähnung

Februar ist ein schrecklicher Monat. Das hat jedenfalls Kevin Killeen, Reporter aus St Louis, herausgefunden – und ist damit zu einem wiederkehrenden viralen Phänomen geworden. Killeen ist deshalb Mittelpunkt eines lesenswertens Porträts im Guardian geworden, das sich auch der Frage widmet, weshalb seine Februar-Einschätzung Jahr für Jahr geteilt wird.

Mit genau einem Jahr Verspätung ist auch bei mir der Baked-Feta-Pasta-Trend bei mir angekommen. Das Ofen-Nudelgericht wird schon seit Jahren im Web gekocht, hat sich seit Februar 2021 aber zu einem erstaunlichen Netztrend in Tiktok und Instagram entwickelt. In der Washington Post gibt es die wichtigsten Hintergründe – und Zutaten. Da ich in der Foodblogging-Szene nicht so Zuhause bin, danke ich besonders für den Tipp auf Uncle Roger, den ich diesen Monaten erhalten habe: Nigel Ng kombiniert Comedy und Kochen auf erstaunliche Weise.

Mein digitaler Fortschrittzähler: das bidt-SZ-Digitalbarometer

In dieser Woche wurde in den beeindruckenden Räumlichkeiten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften am Münchner Hofgarten eine Idee vorgestellt, die mich schon sehr lange beschäftigt. Gemeinsam mit dem bidt (Bayerisches Forschungsinstitut für digitale Transformation) hat das SZ-Institut ein Instrument entwickelt, das hilft, aus der abstrakten Forderung nach mehr Digitalisierung konkrete Potenziale aufzuzeigen: das bidt-SZ-Digitalbarometer ermittelt auf Basis des DigCompSAT einen Maßstab für die eigenen digitalen Stärken und Schwächen.

In allen Gesprächen, die ich über das Internet und seine Folgen für die Gesellschaft geführt habe (und ich spreche oft genau darüber), tauchte immer wieder eine Frage auf, für die es keine Antwort gab: Wo genau stehen wir denn? Denn eine Grundlage für eine Einschätzung der eigenen Fähigkeiten gab es bisher nicht (war mir jedenfalls nicht bekannt). Dank des bidt-SZ-Digitalbarometer gibt es jetzt nicht nur einen Gradmessser für die eigenen Fähigkeiten – es gibt auch einen repräsentativen Vergleichswert.

So kann nicht nur jede:r für sich selbst messen, welche Fähigkeiten in den Kompetenzbereichen Umgang mit Informationen und Daten, Kommunikation und Zusammenarbeit, Erzeugen von digitalen Inhalten, Sicherheit und Problemlösungs-Kompetenz vorliegen – es gibt auch die Möglichkeit, sich mit dem deutschen Durchschnitt zu vergleichen.

Hier das Digitalbarometer selbst ausprobieren

Erzähl (dir) deine Lösung rückwärts

Es ist ein langer Weg. So sehr ich bei jeder kreativen Reise wieder hoffe, blitzgescheit und schnell einen Heureka-Moment finden zu können, so schmerzhaft muss ich jedes Mal wieder feststellen: Ohne Ausdauer keine Auswege aus kreativen Aufgaben! Geduld ist ein wichtiger Bestandteil kreativer Arbeit. Ideen müssen wachsen können, sich wandeln und Verbindungen eingehen.

Eine gute Übung für mein kreatives Ausdauer-Training ist das Nachlesen fremder Entstehungsgeschichten. Es motiviert mich, nachzuvollziehen wie andere von der Idee zum Produkt gekommen sind. Mich inspirieren die Umwege und Entwicklungen, die sie beschreiben. „Genau deshalb versuche ich, relativ wahllos alle Hintergrundberichte zu kreativen Prozessen zu verfolgen,“ habe ich in der Anleitung zum Unkreativsein notiert, „selbst wenn mich die jeweiligen Ergebnisse nicht interessieren. Das britische Nachrichtenmagazin »The Economist« verschickt zum Beispiel einen wöchentlichen Newsletter an Abonnent*innen, in dem die Redakteur*innen und Designer*innen erklären, wie sie auf das aktuelle Titelbild gekommen sind. Sie dokumentieren in unterschiedlichen Skizzen und Entwürfen den kreativen Weg, den sie zurückgelegt haben. Egal wie gut das Ergebnis auch ist, das am Ende auf dem gedruckten Magazin als Cover gedruckt wird: Die ersten Entwürfe sind stets etwas unbeholfen, ungenau und weniger gut. Ich finde das beruhigend, weil es zeigt, dass es keine Abkürzungen zur Kreativität gibt. Auch ein richtig gutes Cover beginnt mit einem mittelguten Entwurf. Auch andere müssen den langen Weg durch den Wald der Kreativität gehen.“

Dass dieser Weg auch wunderbar klingen kann, habe ich in der aktuellen Folge des Songexplorer-Podcast anhören können: Dort erzählt die Band Franz Ferdinand, wie ihr Hit „Take Me Out“ entstand. Das ist deshalb unbedingt hörenswert, weil in den ersten akustischen Skizzen deutlich durchschimmert wie der spätere Song mal klingen wird. Das weiß man aber nur, wenn man den Song kennt. Dieses Wissen hatte die Band beim Schreiben nicht, sie sah den Weg noch nicht, der sich mal durch den Wald bahnen sollte.

Selten habe ich das akustische Durchschimmern von Ideen und Ansätzen so klingend nachvollziehen können wie in diesem besonderen Interview mit Sänger und Gitarrist Alex Kapranos. Der Podcast ist nicht nur eine inspirierende Kreativitäts-Motivation, Kapranos erzählt auch mindestens zwischen den Zeilen die Geschichte von Kopie und Referenz, die ich im Lob der Kopie beschrieben habe.

Neben dem Podcast-Tipp habe ich aus der Take-Me-Out-Episode aber diese Lehre mitgenommen: Das Erzählen der eigenen Geschichte kann motivierend sein. Blicke zurück auf Ideen und deren Umsetzung (und deren Scheitern) und versuche im Rückblick den Weg zu erkennen, den du dir durch den Wald gebahnt hast (oder eben nicht). Das wird nicht immer so klingend gelingen wie bei Take Me Out, aber es ist in jedem Fall lehrreich!

Mehr zum Thema Kreativität, Kopie und Inspiration im Buch „Anleitung zum Unkreativsein„, zu dem ich im vergangenen Jahr auch ein besonderes Newsletter-Experiment gewagt habe.

Fünf Buchstaben für einen PROFI-Newsletter (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Mehr über Newsletter sammle ist unter briefingbriefing.de

Was gefällt dir an Newslettern? Diese Frage ist mir in den vergangenen Wochen aus unterschiedlichen Gründen gestellt worden. Zum ersten natürlich von denjenigen, die sich gute Mails als Lektüre empfehlen möchten (hier ein paar Tipps), aber auch von Menschen, die überlegen, selbst als Newsletter-Autor:in aktiv zu werden (Symbolbild: Unsplash). Als Antwort für alle, die künftig nicht mehr nur privat Mails schreiben wollen, habe ich mir ein Akronym ausgedacht, das beschreibt, was gute von sehr guten Newslettern unterscheidet. Es heißt …

P R O F I

… und steht für mindestens fünf Aspekte sehr guter Newsletter, die ich im folgenden zusammenfassen möchte. Dabei handelt es sich um eine persönliche Sammlung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit und schon gar nicht auf Ausschließlichkeit erhebt. Manchmal ist auch das Gegenteil dessen richtig, was ich nun notiere. Aber recht grundsätzlich gefallen mir diejenigen Newsletter besonders gut, die diese Eigenschaften haben. Sie sind…

Persönlich

Ein Newsletter ist ein Brief mit anderen Mitteln. Darin stecken zahlreiche Grundlagen fürs digitale Produzieren (Am wichtigsten: Du musst wissen, an wen du dich wendest!), aber vor allem die Erkenntnis: Dein Newsletter landet im Posteingang, in dem auch private Post steckt. Er sollte sich also entsprechend benehmen. Ein persönlicher Ton, eine freundliche Ansprache und eine menschliche Grundhaltung bilden meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung, um im Posteingang deiner Leserinnen und Leser verbleiben zu dürfen.
Merksatz: Mit einem Newsletter betrittst du einen äußerst persönlichen Bereich deiner Leser:innen. Verhalte dich entsprechend.

Regelmäßig

Im Minutenmarathon-Newsletter habe ich unlängst über die Laufweisheit „Rituale schlagen Resultate“ geschrieben und diese Haltung gilt nicht nur fürs Lauftraining. Auch Newsletter werden besser, wenn sie erwartbar und regelmäßig erscheinen. Wie beim Laufen wird das erste Mal dabei ziemlich überschätzt. Denn die erste Folge deines Newsletters beschäftigt dich vermutlich am meisten, wird aber ziemlich sicher die wenigsten Leser:innen finden. Richtig gut wird der Newsletter erst mit den folgenden Ausgaben: Lasse sie möglichst regelmäßig, fast schon ritualisiert folgen, dann kann die Lektüre zu einer schönen Gewohnheit werden (ich lese z.B. jeden Samstag nachmittag den Laufnewsletter der New York Times).
Merksatz: Sorge für gutes Erwartungsmanagement. Sage wann was zu erwarten ist, und versuche dich daran zu halten. Je ritualisierter, umso besser.

Organisiert

Kümmere dich um Details. Die Betreffzeile ist wichtig. Die Vorschauzeile, die bei manchen Mailanbietern angezeigt wird, entscheidet nicht selten darüber, ob deine Leser:innen den Newsletter öffnen. Kümmere dich um beides. Schau dir an, wie Leser:innen ihre Freude über deinen Newsletter teilen können. Und vor allem: Sprich mit deinen Leser:innen! Ein Newsletter ist ein Brief mit anderen Mitteln, also sollte man ihn auch als Kommunikations- nicht als Verkündigungswerkzeug verstehen. Dialog ist bei Newslettern kein Beiwerk, sondern der zentrale Antrieb. Organsiere diesen Dialog – über bewusste Befragungen und vor allem über die konsequente Beantworten von Replies.
Merksatz: Je klarer ein Newsletter sich um die vermeintlichen Details kümmert, um so deutlicher wird: Hier bin ich als Leser:in erwünscht.

Fokussiert

Konzentriere dich auf das Warum? deines Newsletters. Beantworte also mit jeder Folge die Frage „Warum lesen Menschen diesen Newsletter?“ Dieser Fokus auf das Nutzungs-Versprechen des Newsletters ist ein tauglicher Maßstab um vor lauter persönlicher Ansprache und Produktions-Details den großen Rahmen nicht aus den Augen zu verlieren. Im besten Fall hast du sogar vor dem Verfassen jeder neuen Folge das in einen Satz gegossene Produktversprechen des Newsletters im Kopf.
Merksatz: Finde heraus, was Menschen von deinem Newsletter erwarten. Verhalte dich dazu – am besten positiv ;-)

Inspirierend

Kein guter Newsletter ohne neue Idee. Jeder Newsletter, den ich gerne und regelmäßig lese, zeichnet sich dadurch aus, dass er mir eine Inspiration schenkt. Einen Gedanken, einen Link oder eine Frage, die mich weiterbringt. Deshalb wünsche ich mir von Newslettern, denen ich das PROFI-Siegel verleihe, genau das: Inspiration
Merksatz: Bringe deine Leser:innen auf neue Ideen, inspiriere sie!

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Zu meinem Buch „Anleitung zum Unkreativsein“ habe ich ein Newsletter-Experiment gemacht, über das ich hier geschrieben habe.

Digital Literacy – Nachdenken über digitale Bildung

Diese Bibliothek über dem Titel des Beitrags scheint so etwas wie das perfekte Bildungs-Symbolbild zu sein (habe ich hier beschrieben). Doch Bildung für das 21. Jahrhundert ist vermutlich etwas mehr als das Lernen in einer Bibliothek. Darüber spricht Bernhard Pörksen in diesem lesenswerten Interview auf rnd.de:

Es braucht ein eigenes Schulfach, das auf drei Säulen ruht. Zum einen auf der Medien- und Machtanalyse. Zum anderen braucht es die Medienpraxis, es gilt also, die Kunst der Rhetorik an die Schulen zurückzuholen und die Auseinandersetzung mit dem Wert des seriösen Arguments und die Auswahl von vertrauenswürdigen Quellen einzuüben. Und schließlich wäre eine Disziplin zu trainieren, die man „angewandte Irrtumswissenschaft“ nennen könnte. Hier ginge es darum, sich mit der ungeheuren Irrtumsanfälligkeit des Menschen zu befassen, um sich der Verführbarkeit durch Gerüchte, Falschnachrichten und Desinformation bewusst zu werden.

Meiner Einschätzung nach beschreibt er mit dieser Forderung eine Fähigkeit, die man als Digital Literacy beschreiben könnte – also auch die selbstbestimmte Verwendung digitaler Werkzeuge. Davon handelt ein Projekt, das wir gemeinsam mit dem Bayerischen Institut für digitale Transformation (BIDT) umgesetzt haben. Das bidt-SZ-Digitalbarometer wird am Montag virtuell vorgestellt – hier kann man sich dafür anmelden.

Wordle, Birds Aren’t Real, The Photo, Captain-Pfeifen, Emotional Damage, Eltern vs Kinder (Netzkulturcharts Januar)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Wordle 🆕

Fünf Buchstaben, sechs Versuche – das sind die Eckdaten für den Frühjahrs-Hype des Jahres 2022 im Netz: Wordle ist ein schlichtes Wortratespiel, dessen Ergebnis-Quadrate derzeit alle Timelines in grün, gelb und grau erstrahlen lassen (siehe Bild rechts). Wer einen richtigen Buchstaben errät, erhält ein gelbes Feld, wenn dieser auch noch auf der richtigen Stelle steht, erstrahlt das Feld grün. Mit diesen Hinweisen muss täglich ein – und nur ein – Wort erraten werden. Im WDR hat Dennis Horn den Hype erklärt und das deutschsprachige Angebote Wordle.at empfohlen. Das englischsprachige Original wurde im vergangenen Oktober von Josh Wardle gemeinsam mit seiner Freundin Palak Shah erfunden. In diesem Slate-Interview spricht er über den erstaunlichen Erfolg des Spiels, der unter anderem mit der Verlinkung in einem New York Times-Newsletter und Neuseeland zu tun hatte. Die NYT wiederum widmete sich in einer eigenen Hymne dem Spiel, das vor allem deshalb so toll ist, weil es so schlicht und so wenig auf den Hype hin erstellt wurde. Deshalb muss man genau diesen genau jetzt loben!

Platz 2: Birds Aren’t Real 🆕

Anfang Dezember machte die große Internetkultur-Übersetzerin Taylor Lorenz den Künstler und selbst-inszenierten Aktivisten Peter McIndoe auch außerhalb des Webs sehr bekannt: Lorenz stellte sein Projekt „Birds Aren’t Real“ in einem großen Porträt vor – und damit in den Mittelpunkt zahlreicher Folge-Berichte. Kern von McIndoes Idee: Er imitiert die Erzählmuster von Verschwörungsmythen und behauptet, die Vögel am Himmel seien in Wahrheit staatliche Überwachungsdrohnen. Als das Magazin Vice Anfang des Jahres „Die Wahrheit über Birds Aren’t Real“ in einer Dokumentation zeigt, reagiert McIndoes mit einem faszinierende Videoclip, in dem er behauptet der „Deep State“ habe nun „die Medien“ aktiviert. Für mich ist das ganze Projekt nicht nur äußerst erstaunlich, sondern auch die beste Medienkompetenz-Schulung seit langem. In jedem Fall wird es den Hype um Wordle überdauern – Platz 2 in den Charts mit deutlichem Dauerbrenner-Potenzial.

Platz 3: GPOY – THE Photo / DAS Foto 🆕

Ist das dort rechts das Foto einer Bibliothek? Mit das Foto meine ich: die in Pixel gegossene perfekte Vorstellung einer Bibliothek – als solche beschreibt die New York Times das Foto, das Don Winslow Anfang des Jahres sehr zur Freude von Twitter postete. Es ist die perfekte Illustration für einen Trend, der Tiktok dieser Tage beschäftigt – und der schon vor Jahren auf Tumblr als „gratuitous picture of yourself“ verhandelt wurde: Das GPOY ist „the photo you use for everything that doesn’t just perfectly capture your essence, but also seems to emphasize your best qualities“. Im Falle der oben zitierten Bibliothek ist das perfekte Foto übrigens eine reine Dokumentation, denn die Bibliothek existiert nicht mehr.

Platz 4: Captain-Pfeifen 🆕

Zwei bewährte und schöne Trends kombiniert der „Captain“-Move, mit dem sich Tiktok-Nutzer:innen dieser Tage verschwinden lassen (ob er so heißt, ist noch nicht klar zu benennen). Nach dem alten Wenn-dann-Prinzip, das man von Reaction-Gifs kennt (letztere hat das Magazin Vice übrigens gerade als „alt“ bezeichnet), nutzen sie den Sound einer Flöte aus dem Song von Nutcase22, um ihr Verschwinden in bestimmten Situationen zu zeigen. Wenn das passiert – mit einer Flötenbewegung illustriertes Pfeifen – dann verschwinde ich (Schnitt auf das Setting ohne Hauptperson) – das lässt sich in unendlichen Kombinationen spielen, wie man im Harald-Lesch „Wunderbare Frage“-Trend gesehen hat.

Platz 5: Eltern-Kinder auf Tiktok 🆕

Nahezu unbemerkt von den so genannte klassischen Medien findet gerade auf den so genannten sozialen Medien eine Art Wettstreit der Generationen statt: Alt vs. jung und jung vs. alt ist das immerwährende Motiv in zahlreichen Clips, die die Eigenheiten der jeweils anderen Generation „auf Korn nehmen“. So jedenfalls würde es der Alman-Vater sagen, den der Radiomoderator Paulomuc beispielsweise immer wieder zur Aufführung bringt. Clms Brock hat seine Vater-Parodie jetzt sogar mit einem Merch-Pulli versehen.
Aber es geht natürlich auch umgekehrt: Nicole DeRoy, die sich selbst als Tiktok-Mom beschreibt, hat ihren 14-jährigen Sohn 2021 so perfekt parodiert, dass ihr Clip nicht nur viral ging, sondern vom deutschen Tiktok-User Jucki Ha auch originalgetreu ins Deutsche übertragen wurde. Es ist also anzunehmen, dass hier noch jede Menge Generationen-Spaß zu erwarten ist.

Besondere Erwähnung

Nur knapp am Einzug in die Top5 gescheitert, ist der „Emotional Damage“-Trend – was mir allerdings äußerst passend erscheint. Denn genau darum geht es ja bei dem wiederholten „Emotional Damage“-Ausruf des Comedian Steven He: um den Umgang mit niederschmetternden Begebenheiten ;-)

Nachzutragen aus dem Jahr 2021 ist noch der Erfolg von Achim Reichelts „Aloha Heja He“ im interaktions Web in China (Der Rolling Stone fasst zusammen). Außerdem empfehle ich die Vokabeln, die Johannes Kuhn im Internet-Observatiorium zusammenfasst.
Ebenfalls neu lernen musste und durfte ich den Begriff „Bootega Boots“, den Dardan & Nino in ihrem Song B I B O (Blood in Blood out) so ohrwurmtauglich rappen, dass Tiktok einen schönen Trend draus gemacht hat:

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: DVG

Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor, Vortragsredner – und interessiert am Neuen (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet.

Bei der Süddeutschen Zeitung arbeite ich als Director Think Tank am SZ-Institut und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Newsletter (& unterrichte diese Darstellungsform auch) und Bücher (u.a. das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ oder die Anleitung zum Unkreativsein), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Bei meinem Projekt Buch-Brief-Ing suche ich eine digitale Entsprechnung zu Papierbüchern. Details dazu finden Sie unter buch-brief-ing.de.

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Ich möchte hier keine Sponsored Posts oder Content-Kooperationen veröffentlichen. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

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2022 wird das Jahr des hybriden Denkens

Alles, was ich über das Jahr 2022 weiß, habe ich bei den Olympischen Spielen in Tokio gelernt. Der Moment, in dem sich Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi entschieden erstmals in der Geschichte Olympias eine Gold-Medaille zu teilen, ist der Moment, der das Jahr 2022 definieren wird: Denn anhand des Doppel-Golds kann man beispielhaft beschreiben, was es heißt, wenn wir sagen: 2022 wird das Jahr des Hybriden!

Hybrid bedeutet „aus Zweierlei zusammengesetzt“ und beschreibt nicht nur kombinierte Antriebe bei Fahrzeugen oder die Mischung von Arbeiten im Büro und Unterwegs. Hybrid beschreibt eine Denkhaltung, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Man kann diese hybride Haltung als Sowohl-als-auch-Denken beschreiben, die sich deutlich vom gelernten System des Entweder-oder unterscheidet.

Entweder-oder-Denken

… nur eine Option

… eindeutig

… binär

… gelernt

Sowohl-als-auch-Denken

… mehr als eine Option

… mehrdeutig

… skaliert

… schöpferisch-kreativ

Die Fähigkeit zum Sowohl-als-auch-Denken basiert auf so genannter Ambiguitätstoleranz, also auf dem Aushalten von Widersprüchen. Wer sich nicht in die polarisierende Entweder-Oder-Muster drängen lässt, ist eher in der Lage, Entwicklungen zu verstehen. Diese verlaufen nämlich selten nur binär und sehr viel häufiger skaliert – wie mein Kollege Johannes Klingebiel und ich am Beispiel der fünf relevantesten Medientrends fürs neue Jahr beschreiben konnten.

Wir benennen diese als Linien, die keine Gegensätze beschreiben, sondern Verläufe. Konkret lauten diese: Von der klaren Grenze zum flüssigen Hybrid, von der Deutungshoheit zum Kontrollverlust, von der Massenkultur zur massenhaften Nische, vom Werk zum Netzwerk, vom Produkt zum Prozess.

Um diese Linien zu erkennen, braucht es das Denksystem des Sowohl-als-auch, das man so beschreiben kann:

Das Denken in klaren Widersprüchen und Polaritäten soll Übersicht erzeugen, führt aber in komplexen Systemen häufig zu einer problematischen Vereinfachung. Die Sowohl-als-auch-Kultur, die ein hybrides Denken fördert, kann dabei helfen, das Unvorhersehbare und Überraschende in Entscheidungsprozesse zu integrieren. Sie basiert auf der Idee, vermeintlich gegensätzliche Entscheidungen gemeinsam zu denken.

Beim Mediennetzwerk Bayern durfte ich ein paar Sätze zur Sowohl-als-auch-Idee sagen, was man in diesem Podcast der Medientage München nachhören kann.

Mehr über die Idee des Hybriden Denken gibt es in dem Buch „Anleitung zum Unkreativein„, in dem ihm ein ganzer Schwerpunkt gewidmet ist:

Hybrides Denken bildet die Basis für Kreativität. Denn Kreativität zeigt sich in der Verbindung von vormals Unverbundenem.

Minimal Possible Change (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bevor man einordnen kann, was diese Bundestagswahl jetzt wohl zu bedeuten habe, sollte man vermutlich abwarten, welches Ergebnis sie wirklich zu Tage gefördert hat. Noch wird in Berlin sondiert und taktiert, dennoch erlaube ich mir, hier einen halbfertigen Gedanken aus dem „Digital-Viral-Germany“-Post etwas weiter zu denken. Er handelt von dem Grad der Veränderung, die aus der Wahl hervorgehen wird. Er handelt von dem Mut, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen und er handelt vom Erwartungsmanagement derjenigen, die sich Wandel wünschen.

Beginnen wir mit dem Veränderungswillen: diejenigen, die bei der #btw21 (Tommi Schmitts Vorschlag BuTaWa hat sich leider nicht durchgesetzt) erstmals wählen durften, haben sich mehrheitlich für die Parteien entschieden, die heute ein Selfie posteten. FDP und Grüne haben bei den Erstwähler:innen gewonnen. Die tagesschau führt dies in einer Analyse mit Einschätzungen des Politikwissenschaftlers Uwe Jun auf die Themen Corona und Digitalisierung zurück – und auf den Wunsch, dort eine Alternative zur Großen Koalition zu unterstützen:

Die Corona-Krise habe die Schwächen in den Bereichen Bildung und Digitalisierung gnadenlos offengelegt – davon profitiere die FDP nun. Zudem seien die Gemeinsamkeiten mit den Grünen in diesen Bereichen recht hoch, so dass die Chancen auf eine Umsetzung in den bevorstehenden Sondierungs- und Koalitionsgesprächen laut Jun gar nicht so schlecht stünden.

Das Bild, das heute durchs Netz gereicht wurde, gibt diesen Chancen ein Gesicht. Ich glaube, dass es zu einem langfristigen Symbol für den Wunsch nach einer Alternative zur Politik der GroKo werden kann. Es liefert in all seinen Rahmendaten die Voraussetzungen für ein den Tag überdauerndes Motiv: Bildkomposition, die Kleidung sowie die Position der Personen, die scheinbar beiläufige Aufnahmesituation – all das macht aus dem Schnappschuss einen Startschuss. „Wir sind bereit für Veränderung“ sagt alles an dem Bild – „für den kleinsten Grad an Veränderung“ möchte man ergänzen.

Denn bei allem Aufbruch, den FDP und Grüne mit dem Selfie erzeugen wollen, muss man auch festhalten: Zusammen kommen die beiden Fraktionen nur auf 14 Sitze mehr als die SPD, die als Wahlsiegerin gilt. Denn anders als bei den Erstwähler:innen ist der Wunsch nach Veränderung in der Gesamtbevölkerung bei weitem nicht so ausgeprägt. Der Veränderungswunsch, den man aus diesem Wahlergebnis lesen kann, geht so:

Die Partei, die seit 16 Jahren in Deutschland die Regierung anführt, wird vermutlich von der Partei abgelöst, die aktuell den Vizekanzler stellt und von den vergangenen sechs Regierungen an fünf beteiligt war.

Ich glaube diese Form der „Wechselstimmung“ (Anführungszeichen mit Absicht gesetzt, Symbolbild: Unsplash) lässt sich vermutlich am besten als: Minimal Possible Change (MPC) bezeichnen. „Wenn es denn sein muss“, sagt dieses Wahlergebnis zum Thema Veränderung. Es ist Ausdruck von großer Vorsicht; als Fortbewegungsart ist es eher ein vorsichtiges Tasten als ein schwungvoller Gang. Die Sorge etwas zu verlieren, ist stets größer als der Wunsch etwas zu gewinnen.

Die gegenteilige Haltung, die ich gerne als Möglichkeitssinn bezeichne, drückt sich vor allem darin aus, dass man positiv auf die Frage antwortet: Kann es (noch) besser werden? Die deutschen Wähler:innen haben darauf äußerst vorsichtig „vielleicht“ geantwortet. MPC ist so gelesen der allerkleinste Bruder des Möglichkeitssinn.

Das kann man beklagen oder gut finden, ich möchte es aber vor allem bemerken: denn wichtiger als das Urteil scheint mir die Schlussfolgerung, die man aus dieser geringen Veränderungsbereitschaft für all die Projekte ziehen kann, die etwas bewegen wollen: MPC bestimmt das Erwartungsmanagement, lenkt den Blick auf die langfristige Veränderung und führt auf das Prinzip des „leistbaren Verlusts“ wie es die Methode Effectuation nennt. Wer gelernt hat, mit dem MPC umzugehen, braucht keine Mondreden, keine Visionen oder langfristige Bilder, sondern den zupackenden Pragmatismus dessen, was den MPC kurzfristig gestaltet und in die Tat umsetzt.

Egal, welche Folgen aus dem Wahlergebnis vom Sonntag entstehen, für mich war allein diese Erkenntnis wertvoll, denn auch wenn MPC eine englische Abkürzung ist, sie scheint ein sehr deutsches Phänomen zu beschreiben.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Hier habe ich schon mal über den Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Veränderungen nachgedacht. In dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ habe ich den Umgang mit dem Neuen – und auch die Methode Effectuation beschrieben.

Ted Lassos Rick-Rolling, Aldi-Girl Victoria Elaine, Kopfhörer-Mikro, Dominik Artefex sowie Conni und Jakob – Netzkulturcharts September 2021

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts vom August stehen hier und werden in diesem Monat von fünf Neueinsteigern ersetzt.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1 Ted Lasso Rick Rolls Us 🆕

Man kann den Zauber der Serie Ted Lasso kaum besser zusammenfassen als in diesen drei Minuten einer Beerdigungsszene aus der jüngsten Folge der AppleTV-Serie, die gerade mit Emmys ausgezeichnet wurde. Es geht um die Umdeutung des des netzkulturellen Phänomens des Rick-Rolling in einer neuen, sehr emotionalen Form. Sogar Rick Astley selbst meldete sich kurz nach der Folge „No Weddings and Funeral“ zu Wort, weil ihn der gemeinsame Gesang der Hauptfiguren berührte. Für die Netzkulturcharts ist diese Szene wichtig, weil sie dem virtuellen Klingelstreich des Rick-Rollings eine neue Ebene ergänzt. Mit dieser umgedeuteten Referenz ist den Macher:innen von Ted Lasso eine netzkulturelle Meisterleistung geglückt, die deshalb so emotional ist, weil das Rick-Rolling zuvor so albern war. Wenn man so will, bildet die Albernheit des Ursprungsmemes eine Art Schutzmantel für den Ted-Lasso-Gesang, der so nie kitschig wirkt. Dieses Prinzip durchzieht die gesamte absolut empfehlenswerte Serie – und kann womöglich als gegenwärtige Form popkultureller Emotionalität gedeutet werden. Damit belegen sie in diesem Monat eindeutig den ersten Platz dieser Hitparade hier – und schenken allen Zuschauer:innen einen besonderen Ohrwurm.

Platz 2 Aldi-Girl Elaine Victoria 🆕

Im Jahr 2013 veröffentlichte die britische Sängerin Jessi J gemeinsam mit Dizzy Rascal und Big Sean den Song „Wild“. Acht Jahre später geistert eine Sequenz aus dem Song durch Tiktok und vertont unter anderem auch einen extrem erfolgreichen Clip der Nutzerin Elaine Victoria. Darin sieht man sie in Dienstkleidung des Discounters Aldi (Nord) an einer Supermarktkasse sitzen. Sie hat offenbar eine Kamera neben den Kassenscanner gestellt und filmt sich bei einem kleinen Sitztanz, der erst Tiktoker:innen und dann Medien weltweit in Aufregung versetzt hat. Damit bildet dieser kurze Clip die aktuellste Illustration für das Social-Media-Versprechen, im viralen Web jederzeit vom Tellerwäscher zum Aufmerksamkeits-Millionär zu werden. Verstärkend kommt im Fall von Elaine Victoria das popkulturelle Bild des Alltäglichen hinzu, das Thees Uhlmann in „Mädchen von Kasse 2“ in einen Song gegossen hat. Medien weltweit fragen deshalb: Ist Elaine Victoria die schönste Supermarkt-Kassiererin der Welt? (exemplarisch hier The Sun) Die Antwort scheint mir ziemlich sinnlos, jedenfalls sinnloser als dieser schöne kleine Hype im September 2021.

Platz 3 Das Kopfhörer-Mirko 🆕

Der ohnehin empfehlenswerte Matthias Renger macht es in seinen tollen PR-Beratungsclips immer wieder vor: an seinen Kopfhörer-Kabeln befindet sich mittig ein Mikro, in das man reinsprechen kann. Meinem Gefühl nach ist dieser Kopfhörer-Reinsprech-Move in den vergangenen Monaten zu einer besonderen netzkulturellen Geste geworden, die ich so vorher selten gesehen haben. In zahlreichen Clips ist diese Form des Ton-Angelns zu sehen, sogar in Interviews. Geboren aus der Not, keine externen Mikrofone zur Hand zu haben, ist dieser Griff zum Kopfhörer-Kabel so zu einer Charts-tauglichen Bewegung geworden, die mich tatsächlich ans Aufkommen des Ringlichts erinnert – und die ich deshalb hier würdigen möchte. Und mindestens durch die Bebilderung möchte ich auch auf die schon seit langem äußerst tollen Videos von Matthias Renger verweisen.

Platz 4 Giesela von Dominik Artefex 🆕

Dass der Arbeitskontext für Tiktok-Clips ein erfolgsversprechender Rahmen ein kann, beweist nicht nur Aldi-Girl Elaine Victoria (siehe oben). Der Account Dominik Artefex zeigt seit einer Weile eine Tiktok-Variante des Bürobüro-Humors der 1980er Jahre – aber zeitgemäß und durchaus lustig. Der Grund: Dominik gelingt es mit den Figuren der Ingrid und der Giesela ein Symbol für deutsche Veränderungs-Aversion zu spielen, die „Oh mein Gott“ ganz schön anstrengend, aber auch erstaunlich ist. Sie spielt in der Bürokratie öffentlicher Verwaltung, ist aber sicher auch in anderen Bereichen zu finden. Besonders schön ist das Duett, das er als Giesela mit den Aufzugboys von Tim Schaecker (siehe dazu Alors on Danse) gedreht hat.

Platz 5 Conni und Jakob Memes 🆕

Das sind ja gleich zwei Vorteile auf einmal: eine kleine nostalgische Erinnerung und ein schöner Kontextbruch. Auf diesen beiden wichtigsten Treibern basiert der Erfolg der Conni- und Jakob-Memes, die erfahrene Reddit-Nutzer:innen schon länger verfolgen. Dennoch sollen sie in dieser Hitparade gewürdigt werden, weil die Kombination der Kinderbuch-Figur Conni mit aktuellen politischen Themen, die Conni maximal kinderbuchavers löst, mindestens eine schöne Spielerei der deutschsprachigen Internet-Kultur bietet.

Besondere Erwähnung

Tiktok hat in diesem Monat verkündet, eine Milliarde Nutzer:innen in der App zu haben. Das hat vorher kein Angebot geschafft, das nicht aus dem Hause Facebook oder Google kam. Rund um die Bundestagswahl gibt es eine Menge bemerkenswerte kleine netzkulturelle Beobachtungen, mindestens auf den Aufstieg der Kinderreporter sei hier aber besonders hingewiesen. Im Standard hat Nora Reinhard zudem eine sehr empfehlenswerte Geschichte über den Tiktok-Überhit „Pieces“ geschrieben – der Song stammt vom Wiener Komponist Danilo Stankovic, mit dem Nora gesprochen hat.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

In Kategorie: DVG