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Musik als Meme und Mashup: Was der Sommerhit „Old Town Road“ übers Internet erzählt

Ich habe den Verdacht bei der Analyse der musikalischen Jahresrückblicke 2018 schon mal geäußert: Die Spitze der Charts ist zwar populär, aber nicht zwingend bekannt. Man kann das jetzt gerade an einem Lied sehen, das die allermeisten Menschen für den Sommerhit 2019 halten. Es ist ein Song, der vor ein paar Tagen rekordausgezeichnete 143 Millionen Mal pro Woche gestreamt wurde. Er stand mehrere Wochen in Deutschland an der Spitze der Charts und in den USA noch immer. Und trotzdem ist der Song in meinem Umfeld nahezu unbekannt. Ich glaube allerdings, dass das weniger über mein Umfeld als über das sich ändere Pop-Umfeld aussagt – wie hier am Beispiel von RAF Camora schon mal erläutert.

Das Besondere an Old Town Road, das selbst ein Remix der 2018 produzierten Vorlage ist, ist nicht nur, dass Miley Cyrus‘ Vater, der Country-Sänger Billy Ray Cyrus mitsingt. Es ist die durch und durch digitale Darstellungs- und Distributionsform (dass der Erfolg von Lil Nas X auch Auslöser für größere Debatten in den USA war, hat Jan Kedves hier in der SZ aufgeschrieben). Das Lied, das u.a. ein Banjo-Sample aus dem Nine-Inch-Nails-Song „34 Ghosts IV“ nutzt, verbreitete sich fast schon wie ein Meme durchs Netz. Es wurde zur Vorlage für eine Challenge auf Tiktok, über die Alyssa Abereznak in einer lesenswerten Analyse schrieb:

The song’s Wild West imagery struck a chord among its young users, inspiring them to include it in 15-second challenge videos where they cosplayed as cowboys. The groundswell of enthusiasm on the social network bled out into the public and eventually launched the song to the top of the Billboard Hot 100 chart.

An dieser Chartspitze steht Old Town Road noch immer und schickt sich an zum erfolgreichsten Song in der Geschichte der Billboard-Charts nach dem 1942-Hit „White Christmas“ zu werden. Daran ist nicht nur interessant, dass ihm dieses Kunststück quasi abseits einer Aufmerksamkeit in den Bereichen gelingt, die man früher Mainstream genannt hätte. Der Erfolg basiert neben der memetischen Verbreitung in z.B. Tiktok auch auf dem Prinzip der Kopie und des Remixes. Heute wurde der 79ste Remix des Liedes veröffentlichte, zu dem Rapper Lil Nas X das Versprechen twittert, dies sei nun aber versprochen der letzte Remix.

Erstaunlich ist dieser angeblich letzte Remix weil er von jemanden gefertigt wurde, der im deutschen Mainstream noch unbekannter ist, dem Song aber einen enormen Schub garantieren wird. Es handelt sich um den Rapper Kim Nam Joon, der unter dem Namen RM Kopf der K-Popband BTS ist. Die Boyband ist nicht nur in Südkorea äußerst populär und wird mit dem Remix, der den Namen Seoul Town Road trägt und ein südkoreanisches Gartenwerkzeug namens Homi referenziert, dafür sorgen, dass Lil Nas X auch in Asien noch bekannter wird.

Diese Form des musikalischen Netzwerks ist nachvollziehbar, sie zeigt aber vor allem sehr konkret, wie die Digitalisierung eine Entwicklung beschleunigt hat, die man als Weg vom Werk zu Netzwerk bezeichnen kann. Es geht nicht mehr einzig um den Song, der als unveränderliches Werk in der Mitte stehen soll, es geht um das Netzwerk und die Bezüge drumherum. Es wird kopiert und referenziert, um Bekanntheit in unterschiedlichen Märkten zu schaffen. Die Kopie als Treiber der Remix-Kultur ist selbstverständliche Grundlage des Erfolgs. Keiner der Beteiligten will die Kopie bekämpfen, es geht im Gegenteil darum, möglichst viele Kopien und Remixes zu fertigen, weil diese Aufmerksamkeit nach sich ziehen.

Und dass all das nahezu abseits dessen stattfindet, was man mal als Mainstream bezeichnet hat, macht die drei digitalen Lehren aus „Old Town Road“ noch interessanter:

1. Die Kopie ist die Grundlage digitaler Kultur
2. Kultur verflüssigt sich, besteht immer mehr aus Referenzen
3. Die Idee von Mainstream löst sich dabei auf.

Shruggie des Monats: die Meinungsbremse

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre? Diese wichtigste Frage aus dem Pragmatismus-Buch will ich heute aus aktuellem Anlass auf ein Thema anwenden, bei dem sich offenbar alle einig sind: auf Online-Debatten! Ich frage mich: Was wäre eigentlich wenn Debatten im Internet zivilierter wären als jene im echten Leben – wie Menschen ohne gedanklichen Zugang es nennen? Ist das vorstellbar, dass das Internet ein Ort für hochwertige Debatten ist?

Ich glaube daran immer noch und immer wieder. Und vielleicht erleben wir gerade eine Art Wendepunkt in der Frage, wie wir Online-Kommentare bewerten. Instagram hat in dieser Woche ein neues Feature angekündigt, das die Debatte über Debatten verändern könnte. Man könnte es sehr banal als Meinungsbremse beschreiben. Es handelt sich um eine bewusste Verlangsamung des Affekts, den Menschen kennen, die sich schon mal gestritten haben. Im Streit sagt man Dinge, die einem danach leid tun. Genau an dem Punkt will Instagram ansetzen und zwei Dinge ermöglichen, die das so genannte echte Leben nicht bereit hält.

In besonderen Fällen will die Plattform wenige Sekunden Meinungsfreizeit verschenken, ein paar Augenblicke vor dem Abschicken eines womöglich hasserfüllten Beitrags, in denen Nutzer*innen gefragt werden: Willst du das wirklich posten? Es handelt sich dabei um eine kleine Hürde, die womöglich sehr hilfreich sein kann. Jedenfalls kann man auf den Gedanken kommen, wenn man dieses Gespräch zwischen Arthur Brooks und Simon Sinek anhört, in dem sie genau eine solche Meinungsbremse empfehlen (interessanter Nebenaspekt: Brooks empfiehlt sogar einen vergleichbaren Trick für streitende Paare. Bevor man sich gegenseitig kritisiert, soll man fünf Dinge in Erinnerung rufen, die man an dem oder der anderen mag).

Außerdem soll es für gewisse Kommentare auf Instagram eine Option geben, die auch Google unlängst für Mails eingeführt hat: wenige Augenblicke, in denen man die Zeit zurückdrehen bzw. eine E-Mail zurückholen kann. Wer also einen blöden Kommentar gepostet hat, soll in die Lage versetzt werden, diesen schnell und einfach wieder aus der Welt zu schaffen.

Beide Ansätze werden vielleicht nicht alle Probleme lösen, die sich rund um die Debatte um Online-Debatten ranken. Sie sind aber deshalb äußerst bemerkenswert, weil sie im besten Shruggie-Sinn die Perspektive drehen: Sie schaffen Möglichkeiten, die es außerhalb des Netzes so nicht gibt. Und diese Möglichkeiten öffnen vielleicht tatsächlich neue Räume, in denen wir dereinst sagen werden: Das ist so ein heikles Thema, das sollten wir besser online besprechen. Dort haben wir mehr Möglichkeiten zur zivilisierten Debatte.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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#internetbriefmarke (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer herausfinden will, was diesem Land wichtig ist, muss sich Briefmarken anschauen. Die so genannten Postwertzeichen sind nämlich weit mehr als das reine Porto für den Transport von Briefen, Pakten und Postkarten. Durch so genannte Sondermarken werden Briefmarken zum Ausdruck von Wertschätzung und öffentlicher Erinnerungskultur.

So gibt es in diesem Land zum Beispiel Postwertzeichen, die die Deutsche Brotkultur würdigen oder das Farbfernsehen. Es gibt Dauerserien wie jene, die Blumen wie das Wiesenschankkraut zeigt oder jene, die Legendäre Olympiamomente in Erinnerung halten möchte.

Es gibt allerdings keine Marke, die das Digitale würdigt. Zumindest habe ich in Deutschland keine gefunden*. Ist Österreich ist gerade eine Blockchain-Briefmarke auf den Markt gebracht worden, aber in Deutschland habe ich etwas Vergleichbares nicht entdeckt. Das ist merkwürdig, denn das Bundesfinanzministerium erklärt auf seiner Website:

Das Ziel aller Marken-Ausgaben ist, wichtige historische und aktuelle Ereignisse, bedeutende Persönlichkeiten und „runde“ Jubiläen in Deutschland zu würdigen. Auch die verschiedenen Regionen sowie bedeutsame gesellschaftspolitische Themenfelder sollen ausgewogen und breit gefächert vertreten sein.

Ich würde annehmen, dass das Internet ein bedeutsames gesellschaftspolitische Themenfeld ist, dessen Würdigung auf einem Postwertzeichen angezeigt wäre. Weniger bürokratisch formuliert: Warum gibt es eigentlich keine Briefmarke, die das Internet würdigt?

Wir als Gesellschaft verdanken dem Internet sehr viel. Es hat uns gezeigt, dass multikulturelle Zusammenarbeit über Landes-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg möglich ist. Die grundlegende Infrastruktur des Internets hat bewiesen, dass die Idee von Abgrenzung, Nationalismus und Rassimus ein überholtes Konzept ist. Menschen können sich hier verbinden, Wissen austauschen und vermehren und völlig neue Ideen entwickeln. All das ist wertvoll und bedeutsam. Leider vergessen wir das in der täglichen Nutzung nicht nur, es wird auch oft absichtsvoll übersehen. Der gesellschaftspolitische Wert des Internet für eine offene Gesellschaft sollte deshalb an einem Ort gewürdigt werden, der auch für Netzskeptiker bedeutsam ist. Deshalb haben wir vor kurzen das Projekt Internet-Straße gestartet** – und deshalb werde ich am Ende des Sommers einen Brief ans Bundesfinanzministerium schreiben und darum bitten, das Internet auf mindestens einer Briefmarke zu würdigen (besser noch wäre eine ganze Serie, die auch die Möglichkeit bieten würde, Einzelaspekte wie die Netzneutralität, Emojis oder die Memekultur zu würdigen).

Die Entscheidung über die thematische Auswahl für Sondermarken trifft in Deutschland der Bundesminister der Finanzen. Das ist aktuell Olaf Scholz. Und sollte der SPD-Politiker dieses Amt auch im Herbst noch ausüben, wird ihm der Programmbeirat hoffentlich meinen Vorschlag vorlegen, eine Internet-Briefmarke aufzulegen. Denn leider ist das Verfahren für die Sondermarken etwas zäh: Jeweils im Herbst wird für das übernächste Jahr entschieden, welche Themen auf einem kleinen gezackten Wertzeichen gewürdigt werden.

Für das Jubliläum 50 Jahre Internet sind wir also leider zu spät dran.
Deshalb brauche ich Eure Hilfe: Unter dem Hashtag #internetbriefmarke würde ich gerne Argumente für das Internet auf Briefmarken sammeln. Vielleicht liest hier sogar jemand mit, die oder der eine Idee für das gestalterische Motiv für die Internet-Briefmarke hat. Bitte schicke mir deine Vorschläge oder poste sie unter dem Hashtag #internetbriefmarke!! Ich nehme alle Beiträge, Likes, Retweets mit auf, um der Bitte beim Finanzministerium Nachdruck zu verleihen.

Dann kann es vielleicht klappen, dass das Internet auf einer Briefmarke gewürdigt wird. Verdient wäre es!

* Dieser ganze Beitrag ist natürlich ein bisschen überflüssig, wenn es bereits eine solche Marke geben sollte oder sie in den nächsten Tagen auf den Markt kommt. Sollte das sein bzw. passieren, möchte ich diesen Beitrag als unbedingten Support für diese Marke verstanden wissen ;-)

** Wer mehr Argumente für die Web-Würdigung sucht, kann auf Internet-Straße nachlesen oder dort sogar mitmachen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich auch schon häufiger mit dem gesellschaftlichen Wert des Internet befasst habe – z.B. „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018) oder „Heimatverein für das Internet“ (Oktober 2017). Hier kann man den Newsletter kostenfrei bestellen – und hier kann man meine Gebrauchsanweisung für das Internet lesen.

Nachtrag: Nicola Wessinghage hat Briefmarken mit Beispielmotiven erstellt

Shruggie des Monats: Das größte dezentrale Denkmal der Welt

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich weiß nicht, wie der Boden vor dem Wohnhaus von Walter Lübcke in Wolfhagen-Istha beschaffen ist. Ich habe keine Ahnung, ob es dort möglich ist, einen Betonwürfel von 100 Millimetern Höhe in den Boden einzulassen. Ich finde aber man könnte darüber nachdenken. Der Künster Günter Demnig verlegt seit 1992 solche so genannten Stolpersteine – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in 23 weiteren europäischen Ländern. (Foto: Axel Mauruszat, via Wikipedia; Stolperstein für Else Liebermann von Wahlendorf, Budapester Straße 45, Berlin)

Demnig erinnert mit seinem Projekt an die Opfer der NS-Zeit. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig auf der Website den Talmud. Und ich finde, Walter Lübcke, der nach allem, was man heute weiß von einem Nazi ermordert wurde, sollte nicht vergessen werden. Man sollte sich an seinen Namen erinnern. Er sollte vielleicht sogar als Name für eine Stiftung gegen den Hass, für Verständigung und die christlichen Werte von Nächstenliebe und Toleranz dienen (auf die sich perfider Weise gerade diejenigen berufen, die seinen Tod herbeiwünschten und bejubelten). Vielleicht fühlt sich gar die hessische Landesregierung berufen, Walter Lübcke zum Namensgeber für ein Bildungsprojekt zu machen, das Menschen davor bewahrt so verblendet und rechthaberisch zu werden, dass sie über ihre politische Meinung die grundlegende Menschlichkeit vergessen.

Mir scheint es in jedem Fall passend in dem Monat, in dem Deutschland von dem Mord an Lübcke erschüttert wird, an des Projekt von Gunter Demnig zu erinnern. Den Stolpersteinen ist mit dieser Form des vernetzten Gedenkens etwas geglückt ist, was die FAZ mal als „das größte dezentrale Denkmal der Welt“ bezeichnet hat. Über 70.000 Steine haben Demnig und seine zahllosen Helfer*innen bereits verlegt – und damit über 70.000 Zeichen gesetzt gegen die schreckliche Geschichte von Nazi-Deutschland.

Diese Form des vernetzten Protests passt zu den Ideen des Shruggie. Denn es ist kein teilnahmsloser Protest, es ist ein aktives Eingreifen und Erinnern. Und es ist dezentral und vernetzt. Es ist auf eine erstaunliche Weise digital – wenngleich die Steine genau das nicht sind (es wäre in der Tat spannend, über eine digitale Nutzung nachzudenken, die nicht nur Pokemon-Go-Spieler*innen nutzt).

Auf der Stolpersteine-Website steht unter dem Punkt „Spenden“

Stolpersteine werden in der Regel über Patenschaften finanziert. Wenn Sie Pate eines Stolpersteines werden möchten, wenden Sie sich an die entsprechende Stadt und schreiben Sie die dortige Initiative an. Einen Überblick aller Initiativen finden Sie unter „Kontakt“.

Man kann das Projekt aber auch ganz banal mit Geldspenden unterstützen!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Das Internet und die Sache mit Pfingsten

Was heißt eigentlich Pfingsten? Ich muss diese leicht pastorale Frage stellen, weil ich an diesem Wochenende darauf gestoßen wurde, dass der tiefere Sinn dieses christlichen Festes offenbar nicht mal der CDU-Vorsitzenden geläufig ist. Darauf gekommen bin ich als ich erst Karl Popper und dann Annegret Kramp-Karrenbauer gelesen habe. Nun sollte man meinen, dass die Vorsitzende der christlichen Union mehr für den Heiligen Geist übrig haben sollte als der Philosoph – aber was zählen schon Annahmen und Spekulationen?

Das Pfingstfest (Symbolbild: Unsplash), so fasse ich im Sinne des Internet-Themas mal grob verkürzend zusammen, „ist in gewisser Hinsicht das internationale und multikulturelle Kirchenfest.“ So beschreibt es die Seite katholisch.de und ergänzt: „Pfingsten ist das Wunder des Grenzen überschreitenden Verstehens, quasi die Anti-Geschichte zum Turmbau zu Babel, als Gott den Menschen der Bibel zufolge als Strafe für ihren Hochmut verschiedene Sprachen gab. Dieser Heilige Geist, der auf die Jünger herabkam, schuf die Einheit der Gläubigen und hob die Kirche aus der Taufe – manch einer spricht sogar vom „Geburtstag der Kirche“.“

Selbst wer sich weniger für den heiligen bzw. christlichen Bestandteil dieses Festes interessiert, wird eine gewisse Parallele zum Internet bemerken. Dieses stellen viele – an diesem Wochenende erst die CDU-Vorsitzende – als Stimmengewirr teils anonymer Stimmen dar, die ausführlich aneinander vorbei reden – eine „confusio linguarum“ wie man als lateinprotzender Schreiber die babylonische Sprachverwirrung bezeichnen könnte. Das Pfingstfest ist im christlichen Sinn sowas wie der Gegenentwurf zu dieser im Turmbau zu Babel beschriebenen Verwirrung und dem damit verbundenen Hochmut der Menschen. Vielleicht ist das Pfingstfest gar eine Antwort auf die Frage, wie man eigentlich mit all den Beschimpfungen und ja auch dem Hass im Internet umgehen soll. Denn was „Wunder des Verstehens“ gelingt im christlichen Sinn nicht dadurch, dass eine zentrale Instanz eingeführt wird, die von jeder und jedem Beitragenden in einem irrsinnig bürokratischen Prozess den Klarnamen überprüft und damit oft das Gegenteil von Verstehen erschafft (was Kramp-Karrenbauer gerade mal wieder gefordert hat). Das Wunder des Verstehens gelingt durch den Geist, der im christlichen Sinn als „heilig“ beschrieben wird.

Im liberalen Sinn kann man diesen Geist als vielfältig, plural oder divers beschreiben. Es ist ein Geist der Offenheit und der Toleranz, wenige Tage nach dem 70sten Verfassungsgeburtstag darf man das sagen: Es ist ein Geist der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Bei Karl Popper kann man nachlesen, wie dieser Geist entstehen kann, wenn Menschen unterschiedlicher Sprachen und Ansichten sich begegnen: in dem sie diese Vielfalt nicht abzuschaffen versuchen, sondern sie akzeptieren und ja sogar begrüßen. Popper geht sogar soweit zu fordern: „Hätte es keinen Turm von Babel gegeben, dann müsste man ihn erfinden.“ Denn aus einer offenen Haltung der Toleranz heraus, kann Verständnis entstehen. Das setzt aber die shruggieartige Perspektive auf die Welt voraus, dass man selber falsch liegen könnte. Bei Popper heißt das: „Der Wert einer Diskussion hängt geradezu von der Verschiedenartigkeit der konkurrierenden Meinungen und Ansichten ab.“

Wenn man dieser Grundannahme folgt, ist es völlig egal, ob Rezo diesen Namen im Pass eingetragen hat oder nicht. Es geht darum, die konkurrierenden Ansichten nicht nur zu akzeptieren sondern zu suchen. Es geht darum, einen Geist der Auseinandersetzung zu entwickeln, der von Offenheit und Respekt geprägt ist. Denn nur wenn dieser Geist entsteht, kann es zu einer geglückten Interaktion kommen (btw. Jürgen Habermas wird dieser Tage 90 Jahre alt). Vielleicht sollte man mehr Energie darauf verwenden, diesen Geist zu trainieren, den man auch sehr simpel Streitkultur nennen könnte.

Popper formuliert in den „Vermutungen und Widerlegungen“ – fast im Widerspruch zur Heiligkeit des Pfingstfestes – diesen Ansatz für eine demokratische Auseinandersetzung:

Es ist oft behauptet worden, dass Diskussionen nur zwischen Leuten möglich sind, die eine gemeinsame Sprache haben und die gemeinsame Grundanschauungen akzeptieren. Ich halte das für falsch. Nur eines ist nötig: die Bereitwilligkeit, von seinem Partner etwas zu lernen, was den aufrichtigen Wunsch einschließt zu verstehen, was er sagen will. Wenn diese Bereitwilligkeit da ist, dann wird eine Diskussion um so fruchtbarer sein, je verschiedener der geistige Hintergrund der Teilnehmer ist.

Mit Blick auf das Internet und die Frage, wie man dort zu einer besseren Debattenkultur kommt, könnte man also sagen: Es wird gelingen, wenn wir (vergleichbar dem Turmbau zu Babel) den Hochmut beenden, immer schon zu wissen, was der/die andere sagen wird und die „Bereitwilligkeit“ trainieren, von der anderen Seite etwas zu lernen. Das klingt zugleich banal und auch ziemlich kompliziert. Es ist aber ein durch und durch lohnender Ansatz, in diesem Geiste das Streiten zu lernen!

Es bleibt, was du tust (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Ehrendoktor für Pragmatismus“ überschrieb die SZ die Meldung zu der Verleihung der Ehrendoktor-Würde an Angela Merkel. Aus diesem Anlass hielt die Bundeskanzlerin vor Absolventinnen und Absolventen der Uni eine Rede, die man hier nachlesen kann und „die ihre Biografen vermutlich dereinst als eine Art politisches Vermächtnis interpretieren werden“, urteilt Christian Zaschke in der SZ. Meine Timeline ist voll des Lobes für Angela Merkel und für die weitsichtigen Worte, die sie in Harvard gewählt hat. Und nicht nur wegen des Pragmatismus-Bezugs finde auch ich Gefallen an einigem, wofür sie Applaus bekommt.

Wenn sie zum Beispiel mit diesen Worten für die Idee der Toleranz wirbt …

„Ich habe gelernt, dass auch für schwierige Fragen Antworten gefunden werden können, wenn wir die Welt immer auch mit den Augen des anderen sehen. Wenn wir Respekt vor der Geschichte, der Tradition, der Religion und der Identität anderer haben.“

… dann finde ich das richtig und gut. Oder wenn sie am Ende ihrer Rede dazu auffordert, eine offene Haltung dem Neuen gegenüber zu entwickeln, dann wäre ich – wie das Publikum – auch aufgestanden um zu applaudieren, wenn sie sagt…

„Tear down walls of ignorance and narrowmindedness, for nothing has to stay as it is.“

Ich teile ihre Haltung, Probleme als lösbar zu denken. Ich mag wie sie dabei ihren eigenen „Wir schaffen das“-Satz zum Abschluss eines sehr tatkräftigen Absatzes kopiert:

Wenn wir die Mauern, die uns einengen, einreißen, wenn wir ins Offene gehen und Neuanfänge wagen, dann ist alles möglich. Mauern können einstürzen. Diktaturen können verschwinden. Wir können die Erderwärmung stoppen. Wir können den Hunger besiegen. Wir können Krankheiten ausrotten. Wir können den Menschen, insbesondere Mädchen, Zugang zu Bildung verschaffen. Wir können die Ursachen von Flucht und Vertreibung bekämpfen. Das alles können wir schaffen.

Das ist alles so motivierend, dass man fast vergisst, wer eigentlich in Deutschland in den vergangenen Jahren die Regierung geführt hat. Zum Glück erwähnt sie das selber als sie sich ihre eigene erste Regierungserklärung aus dem Jahr 2005 zitiert:

Fragen wir deshalb nicht zuerst, was nicht geht oder was schon immer so war. Fragen wir zuerst, was geht, und suchen wir nach dem, was noch nie so gemacht wurde.

Das ist eine großartige Haltung.
Allein: Nichts aus diesen zwei Sätzen entdecke ich, wenn ich die Regierungsarbeit aller Merkel-Regierungen anschaue. Im Gegenteil: Ich habe eher das Gefühl, dass diese beiden Sätze im direkten Widerspruch zu dem Grundgefühl in diesem Land stehen. Denn genau deshalb bricht dieser Tage doch der Generationenkonflikt gegen Merkel und ihre Partei auf. Menschen, die eben zuerst fragen, was geht und was noch nicht gemacht wurde, rebellieren gegen die Politik, die vom Rednerpult in Harvard aus weit weg scheint, die aber auch zu Angela Merkel gehört.

Bei aller Begeisterung, die jetzt über Merkel zu hören ist, muss man schon genau daran erinnern: Dass Parteien den Draht zu jungen Wählerinnen und Wählern verloren haben, liegt auch an ihr.

Denn so klangvoll eine solche Rede ist, es gibt etwas, was Biografen noch wichtiger finden fürs politische Vermächtnis: die Taten! Vielleicht darf man hoffe, dass sie ihre eigene Rede ernst nimmt. Die endet mit diesen Worten:

Surprise yourself with what is possible. Remember that openness always involves risks. Letting go of the old is part of a new beginning. And above all: Nothing can be taken for granted, everything is possible.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in diesem sind zuletzt u.a. erschienen: „Bewahren vs. Gestalten“ (Mai 2019), 70 Jahre Grundgesetz (April 2019) „Warum die Urheberrechtsdebatte ein Fortschritt ist (März 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016)

Deutschland und das Internet

Es wird in diesem Land ja an unterschiedlichen Stellen darüber diskutiert, wie es passieren konnte, dass die Parteien offenbar den Draht (sic!) zu jungen Wählerinnen und Wähler verlieren konnten. Karin Janker und Sascha Lobo haben dazu in der SZ und bei SPON sehr lesenswerte Analyse vorgelegt, die beste Zusammenfassung für das Thema liefert der Präsident des FC Bayern. Ulrich Hoeneß hatte sich unlängst auf unglaubliche Weise über Jerome Boateng geäußert und wurde dann dafür auch im Internet kritisiert. Jetzt ist er gefragt worden, wie er das Echo einschätzt.

Seine Antwort ist erstaunlich, sie legt nämlich offen, welches Verhältnis wichtige Menschen Menschen, die sich für wichtig halten zum Internet haben. Hoeneß sagt:

Ich kenne überhaupt kein Echo, weil ich nie ins Internet gehe. Und es interessiert mich auch nicht, was da geschrieben wird. Die Leute sollen mir einen Brief schreiben, dann antworte ich schon drauf.

Mehr zum Thema im Newsletter-Text „Bewahren vs. Gestalten“

Shruggie des Monats: der Fußball-Botschafter 2019

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich habe eine Schwäche für Fußball-Metaphern. Ich mag es, den Sport als Bild für gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen und daraus ungefragt Schlüsse zu ziehen. Im Digitale-Notizen-Newsletter habe ich das hier schon mal anhand des Begriffs Unbeugsam und der allgegenwärtigen Fehlerkultur getan. Und genau in diesem Sinne möchte ich ein Zitat nutzen, das ich unlängst vom Deutschen Fußballbotschafter 2019 gelesen habe. Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, ist vor ein paar Tagen auf diese Weise ausgezeichnet worden – und Ende April sprach er im Interview mit der Deutschen Welle dieses Worte als er auf das Klischee des ewigen Finalverlierers angesprochen wurde:

Ich stand bereits sechsmal mit einem Team in einem Endspiel und habe sechsmal verloren. Aber das macht mich nicht zu einer gebrochenen Person oder so. Für mich bedeutet das Leben, es immer wieder zu versuchen. Wenn nur Gewinner überleben dürfen, können wir alle einpacken (…) Wenn der liebe Gott mich dafür braucht, um zu zeigen, dass jemand sechs Endspiele in Folge verliert und er es tatsächlich auch noch ein siebtes Mal versucht, dann bin ich die perfekte Person dafür. Keine Ahnung, wer das entschieden hat, aber offensichtlich ist das ein lustiger Kerl.

Diese Worte wurden gesprochen bevor Klopps Mannschaft erst ein sensationelles Spiel mit epischer Niederlage in Camp Nou und anschließend ein Rückspielwunder gegen Barcelona ablieferte. Als Klopp diese Perspektive eröffnete, war überhaupt nicht klar, ob Liverpool überhaupt ein weiteres Mal ein Finale erreichen könnte. Jetzt stehen sie im Endspiel von Madrid – und können die Champions League gewinnen. Manche sagen, Klopp müsse jetzt auch mal ein Finale gewinnen, sonst bleibe er der ewige Zweite.

Ich habe mit großem Interesse die Klopp-Biografie von Raphael Honigstein gelesen (der vor einer Ewigkeit auch schon mal hier im Blog zu Gast war) und das DW-Interview und ich finde, dass Klopp auf wunderbare Weise den Eindruck vermittelt, dass ihm egal ist, was andere über ihn denken könnten. Über die Finalniederlagen sagt er: „Ich kann ich damit leben. Es waren nicht gerade die besten Tage meines Lebens, sie schaffen es auch nicht in meine Top-Five. Aber trotzdem sind es sehr wichtige Erfahrungen für mich, und ich will sie für die Zukunft nutzen.“ ¯\_(ツ)_/¯

Das allein wäre angetan, um als Shruggie des Monats in den Tagen vor dem entscheidenden Spiel gegen Tottenham ausgewählt zu werden. Aber Klopp schließt noch eine Botschaft an diesen shruggiehaften Umgang mit Sieg und Niederlage an. Und wenn Fußball eine Botschaft hat (und einen Botschafter, der sich übermittelt), dann sind Klopps Ratschläge, die er für junge Spieler hat, vielleicht nicht die schlechtesten Ideen um etwas im Sinne des Shruggie „für die Zukunft“ zu nutzen. Er rät:

Sei offen und lerne die Sprache so schnell du kannst! Das Wichtigste ist: Sei offen und lerne, lerne, lerne! Das hören junge Menschen vermutlich nicht gerne. Aber Lernen heißt tatsächlich vom Leben lernen.

Ich würde mir wünschen, dass Klopp das Finale gewinnt. Aber irgendwie geht es darum in Wahrheit gar nicht.

¯\_(ツ)_/¯

Hier das ganze DW-Gespräch auf englisch anschauen:

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bedeutung. Am Ende geht es einzig und allein um unsere eigenen Bedeutung. Das jedenfalls sagt Jason Feifer in seinem Text „Warum ältere Menschen schon immer über jüngere Menschen schimpfen“, der zur Grundlage für die aktuelle Episode des Pessimists Archive-Podcast wurde, die auf deutsch „Die Jugend von heute“ heißen würde (und auf Twitter vermutlich #diesejungenleute). „Wir können nicht anerkennen, dass das Leben ohne uns weitergeht. Und statt den Lauf der Welt zu akzeptieren, geben wir einfach der kommenden Generation die Schuld.

Für Feifer liegt genau in dieser Angst vor der eigenen Sterblichkeit der Hauptgrund für das Hadern der Alten mit der Jugend – und zwar nicht nur mit der Jugend von heute, sondern auch mit jener von gestern, vorgestern und auch der davor. Er erkennnt ein wiederkehrendes Muster, das man Beschuldigungs-Vererbung nennen könnte. Stets auf Neue klagen dabei die Älteren über die Jüngeren: Weil es diesen an Anstand fehle oder an Wissen oder weil sie schlicht nicht so sind wie das Früher™️, an das sich mancher zu erinnern glaubt. In der Podcast-Folge kann man dazu ein kleines Ratespiel spielen, für das Feifer Jugend-Beschimpfungen aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen hat, die sich frapierend ähneln und deshalb kaum unterscheidbar sind. Als aktuell fallen die Beschimpfung dieser Tage nur deshalb auf, weil sie häufig von der angeblich unsachgemäßen Handy-Nutzung (Symbolbild: Unsplash) handeln. Davon abgesehen scheint es eine Art Ur-Misstrauen der Alten in Bezug auf das Neue zu geben. Umberto Eco spricht deshalb davon, dass es sich beim Hadern der Jugend von gestern über die Jugend von heute um eine Art wiederkehrenden Menschheitstraum handle.

Es ist dies kein besonders schöner Traum – und der abgelaufene Monat war für mich voll von Beispielen für diese Konfliktlinie zwischen den Generationen. Ich durfte (wie hier berichtet) auf Einladung des Goethe-Instituts in Seoul an einer Veranstaltung teilnehmen, die Generationenkonflikte in einem internationalen Kontext beleuchtete. Dabei lernte ich, dass z.B. auch in Korea greifbar wird, wie Alte und Junge sowie Junge und Alte aneinander vorbei reden – und sich dabei auf äußerst unschöne Weise beleidigen, wie man in diesem Text von Korea Expose nachlesen kann – dazu in der aktuellen Ausgabe von The Economist über den Begriff kkondae Und kaum war ich zurück, lieferte ein YouTube-Video den Beweis dafür, dass auch Deutschland diese Konflikte kennt: zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.

Zur Europawahl gab es diesen Konflikt dann auch in handfesten Zahlen, die zeigen: Diejenigen Wähler*innen die erstmals wählten, entschieden sich grundlegend anders als jene, die schon häufiger an Wahlen teilnahmen. Konkret stimmten bei den Wähler*innen unter 30 Jahren mehr Menschen für die Grünen als für SPD, CDU/CSU und FDP zusammen. Das passt zu einer Analyse über die Kluft zwischen den Generationen, die Jagoda Marinic schon im vergangenen Jahr in der New York Times beschrieb. Bernd Ulrich diagnostizierte am Sonntag, diese Europawahl habe „eine so nie da gewesene Spaltung zwischen der jungen Generation und den Älteren bloßgelegt“, was durchaus an seine Prognose aus dem März erinnert, als er schrieb: „Wenn die Politik so weitermacht, dann läuft nicht nur Deutschland in einen Generationenkonflikt hinein, gegen den 68 ein Kindergeburtstag war. Damals ging es vor allem um die deutsche Vergangenheit (und den Krieg in Vietnam), heute geht es um die globale Zukunft.“

Das mögliche Ausmaß dieses Generationenkonflikts konnte man unlängst im Atlantic nachlesen, wo ein Professor und ein Student gemeinsam analysierten, „der Bruch zwischen den Generationen in der amerikanischen Politik wächst so stark, dass er wichtiger werden könnte als die Differenzen zwischen Klassen oder Hautfarben, die traditioneller Weise als Grundlage der Analyse dienen“. Auch Georg Diez, der den Text in der taz zitiert, argumentiert ähnlich. Er fordert: „Es wird sich mehr verändern müssen als nur die inhaltliche Debatte von Politik, ob im EU-Parlament oder im Deutschen Bundestag, so viel scheint klar. Die Schüler, die den Protest auf die Straße getragen haben, was zu zum Teil krassen und hässlichen Abwehrreaktionen von Teilen der Politik und der Medien geführt hat, die mehr darüber aussagen, wie verzweifelt hier um das eigene Überleben, sprich die eigene Karriere oder die Interessen, die dahinter stehen, gekämpft wird – die Schüler sind jedenfalls geprägt von einer anderen Welt, wie sie sie wahrnehmen, bedroht in ihrem Wesen, erschaffen durch die Technologien, die sie benutzen. Das verändert Theorie und Praxis von Politik, wie es etwa Fridays for Future zeigt. Es geht nun darum, die Demokratie in Europa für das digitale Zeitalter und eine andere Generation neu zu erfinden.“

Womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Bedeutung sind. Denn noch deutlicher als am Lebensalter ist die Differenz an einer Frage erkennbar, die ich hier und hier schon mal gestellt habe: Kann es (noch) besser werden? Die Konfliktlinie des neuen Generationenstreits zwischen denen, die etwas zu verlieren und jenen, die etwas zu gewinnen haben, verläuft zwischen der „Generation Bewahren“ und der „Generation Gestalten“ – und das hat natürlich mit dem Alter zu tun, aber eben nicht nur. Es hat damit zu tun, ob man die von Feifer eingangs zitierte eigene Bedeutung aus der Vergangenheit begründet oder ob man Zukunft gestalten will. Das geht womöglich beides und auch zusammen, aber es ist eine Frage der Priorisierung. Jede und jeder muss sich die Frage stellen: Trage ich dazu bei, Hoffnung für eine bessere Zukunft wachsen zu lassen?

Darin liegt vielleicht ein Ansatz, den wiederkehrenden Traum des Generationenkonflikts zu beenden. Denn: „Die Kraft diesen Zirkel zu durchbrechen, liegt in unseren Händen“, ereifert Feifer sich in seinem Podcast. Schließlich haben wir Alten Älteren, ja schon mal bewiesen, dass die Generationen-Beschuldigung falsch war. Was die Alten Sehr Alten über uns sagten, war doch erkennbar falsch, also durchbrechen wir den Kreislauf und hören auf, auf die Jungen zu schimpfen – schlägt Feifer vor und kommt zu dem Schluss: „Wir sind nichts Besonderes. Wir sind lediglich die letzte Generation in einer ganzen Reihe.“ Wir sollten uns von dem Wunsch verabschieden, dass man sich an uns erinnert. „Wir sind genauso gut und genauso schlecht wie die vor uns – auch wie die, die nach uns kommen. Wir sind eingeklemmt zwischen zwei Generationen. Das Beste was wir daraus machen können: Wir sollten unsere Zeit klug nutzen und diejenigen unterstützen, die uns mal nachfolgen werden.“

Besonders schön ist dieser Vorsatz übrigens in einem Kinderbuch zusammengefasst, das ich auch in diesem Monat gelesen habe. Es stammt von Rebecca Solnit, von der ich einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft gelernt habe und die sich die Mühe gemacht hat, Aschenputtel in eine moderne Form zu bringen (Cinderella Liberator). Sie sagt, sie habe irgendwann gemerkt, dass es in der Geschichte gar nicht so sehr darum gehe, einen Prinzen zu heiraten, sondern viel mehr um die Verwandlung und die Transformation. Deshalb lässt sie die gute Fee in dem Buch an einer Stelle auch sagen, dass die wahre Magie darin liege, dazu beizutragen, dass jedes Ding sein bestes und möglichst freies Selbst entwickeln kann.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, dessen Mai-Ausgabe in den kommenden Tagen verschickt wird. Mehr zum Thema Generationenkonflikt gibt es auch in dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip – zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“

Grumpy Cat ist tot

Wer einen Grund zur schlechten Laune sucht, hier ist er: „Jetzt gibt es sogar schon Nachrufe auf Internet-Memes.“ Alles an dem Satz macht missmutig. Der Anlass (Grumpy Cat ist tot) und die darauf folgenden medialen Verwertungsmechanismen (Nachrufe!) laufen konsequent auf den einen Satz zu, der mit der missmutig schauenden Katze auf ewig verbunden sein wird: „I had fun once – it was awful“

Es war ein Spaß, sich an der Katze zu erfreuen, die mit einem besonders missmutigen Gesichtsausdruck beschenkt und von ihrer Besitzerin „Tadar Sauce“ getauft wurde. Doch der Spaß ist jetzt vorbei! Die vermeintlich schlechte Laune als Reaktion auf alles, war einer der ersten Running-Gags des Internets. Aus der vermeintlich guten Zeit: Früher! Eine lustige Referenz, die mit Erwartungen brach und auf gemeinsamem Vorwissen basierte. So funktionieren Memes, die Geheimsprache in der Welt, die für alle zugänglich ist. Das war mal jung und frisch und neu – und jetzt landet dieses System der Wortwitz-Bezüge in der Nachruf-Spalte. Schlimme Welt! Niedergang, Skandal, schlechte Laune!

Doch das ist das Großartige an der kleinen Katze aus Arizona: Sie hat die schlechte Laune den Schlechtgelaunten geraubt. Wann immer ein missmutiger Griesgram auftaucht, muss man an die in Wahrheit ja lustige Katze denken – und schon ist die Griesgram weniger mächtig. Das ist der Zauber der Ironie dieses Memes: man kann es nicht mit schlechter Laune betrachten.

Deshalb wird Grumpy Cat für mich immer der beste Beweis dafür bleiben, dass das Jammern über den Niedergang der Welt im Allgemeinen und über die Popularisierung von Memes im Speziellen nicht funktioniert. Es gehört zu Memes dazu, dass sie irgendwas aus der Ecke des Geheimwissens heraustreten. Und es bleibt Grundantrieb der Welt, dass sie sich ändert. So traurig der Anlass also sein mag, dass die Katze am 14. Mai verstorben ist: Dass es mittlerweile Nachrufe auf Memes gibt, ist doch in Wahrheit ein Beweis dafür, dass Fortschritt möglich ist. Und wer das nicht so sieht, darf gerne missmutig bleiben.

Hier der Beitrag zum Phänomen von vor vier Jahren aus der Serie „15 Minutes of Fame“