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Shruggie des Monats: Anwesend

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Im Wikipedia-Artikel zum Schlagwort „Präsenz“ steht ein großartiger Satz. Mitten im Corona-Chaos lohnt es, sich diesen vermeintlich widersprüchlichen Satz wirken zu lassen. In ihm steckt eine Menge Weisheit über den Umgang mit dem, was man Remote-Office oder Präsenzkultur nennt. Der Satz lautet:

Präsent ist etwas deshalb, weil keine Zeit vergeht, bis es zur Verfügung steht, und es vergeht dafür deshalb keine Zeit, weil es anwesend ist.

Geschrieben wurde der Satz weit bevor wir anfingen über Anwesenheiten und digitale Verbindungen zu sprechen (Hintergründe dazu im April-Shruggie zum Thema Live-Stream). Der Satz befasst sich mit der etymologischen Herkunft des Wortes Präsenz, das die räumliche Anwesenheit und zeitliche Gegenwart beschreiben soll. Präsent war jahrelang nur das, was auch räumlich vorhanden war. Als Kind des Ruhrgebiets weiß ich, dass die Beschreibung jemand sei „vor Ort“ nichts mit Büro-Anwesenheit zu tun hat, sondern etymologisch mit dem Stollen unter Tage, an dem „vor Ort“ abgebaut wird.

Unter Tage kann man nicht durch digitale Vernetzung anwesend sein. In einer Bürobesprechung ist das aber durchaus möglich. Ist man dann „in Echt“ anwesend oder gilt das nur, wenn man auch körperlich im Raum zugegen ist?

Über diese Frage kann man jetzt stundenlang essay-philosophieren. Das Hadern mit der Transformation kann man in jeder Zeile dieser Betrachtungen über Videokonferenzen und vermeintlich echte Austausch lesen. Man kann die Frage aber auch wie die Werbung beantworten, die ich unlängst „in echt“ und „out of home“ gesehen habe: „Digital? Real? Egal!“ hat Pokemon auf diese Plakate geschrieben, die ich nicht weiter beschreibe, weil es nicht um die Werbebotschaft, sondern um diese Haltung geht.

Digital?
Real?
Egal

finde ich deshalb so schön, weil mein erster Reflex so lautete: „Digital ist doch auch real.“ Doch genau in dem Moment als ich das dachte, las ich „Egal“.

Genau darin liegt der historische Wendungpunkt, an dem ich aufhöre diese Diskussion zu führen: Ich will nicht mehr besprechen, ob du eine virtuelle Besprechung weniger wertvoll findest als eine mit körperlicher Anwesenheit. Mich interessiert nicht, ob dir ein ausgedruckter Text wertvoller erscheint als ein digitaler. Die Zeit, die ich hatte, um mich damit zu befassen, ist spätestens mit dem durch Corona ausgelösten Digitalisierungs-Schub abgelaufen.

Für mich fühlt sich diese Debatte wie die Frage an, ob ein übers Telefon gesagter Satz weniger „real“ ist als einer in körperlicher Anwesenheit.

Das ist doch nun wirklich ¯\_(ツ)_/¯
Willkommen in der Gegenwart, die genau in diesem Egal eine Lösung gefunden hat: Real und Digital ergeben ein neues Bild!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Von den anvertrauten Talenten“ ist die Geschichte überschrieben, die im 25. Kapitel des Matthäus-Evangelium erzählt wird. Das Gleichnis beschreibt den Umgang mit Talenten Silbergeld, die sinnvoll eingesetzt bzw. unproduktiv versteckt werden. In biblischer Interpretation ist die Geschichte ein Bild für den Glauben: Wer diesen annimmt, so das Gleichnis, wird damit zu höherer Erkenntnis gelangen.

Abseits der biblischen Auslegung hat diese Geschichte größere Popularität erfahren, weil ihr Fazit einen Effekt beschreibt, den man als „Erfolg begünstigt Erfolg“ zusammenfassen kann. In Vers 29 heißt es:

„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“

Der so genannte Matthäus-Effekt wurde erstmals vom Soziologe Robert K. Merton beschrieben. Dieser beobachtete, dass bekannte wissenschaftliche Autor:innen auch häufiger zitiert werden – und gab der Beobachtung den Namen, der sich auf das genannte Gleichnis bezieht. Man kann dieses Phänomen in unterschiedlichen Bereichen sehen und eine besonders auffällige Ausprägung ist der so genannte positive Netzwerk-Effekt. Dabei steigt der Nutzen für einzelne Konsument:innen dadurch, dass mehr Konsument:innen ein Produkt nutzen. Nahezu alle Angebote im Plattform-Kapitalismus leben von diesem Effekt. (Foto: unsplash)

Dieser Tage wird wieder viel über die Macht und die Bedeutung von Plattformen und Netzwerken diskutiert. Das Spektrum reicht dabei von „Twitter hat sich mit Trump angelegt“ bis zu „New York Times löst sich von Apple News“. Gerne wird dabei darauf hingewiesen, dass die digitalen Plattformen (von Twitter über Airbnb bis Lieferando) selbst gar nichts herstellten und nur von den Inhalten anderer profitieren. Ebenfalls häufig erwähnt wird, dass alle Plattformen verbinde, dass sie einzig kommerziellen Interessen genügten und man deshalb über eine eigene Plattform nachdenken müsse, die ganz anders strukturiert sei.

Ich frage mich dann immer, wie eine nicht-kommerzielle Plattform wohl aussehen würde. Leider habe ich bisher keine befriedigende Antwort gehört bzw. keine, die nicht am Ende auch wieder in Kapitel 25 des Matthäus-Evangelium landet. Denn die sagenumwobenden Algorithmen der kapitalistischen Plattformen (die allüberall kritisiert werden) tun vor allem dies: Sie bilden den Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit ab. Sehr vereinfacht gesprochen folgen sie dem Prinzip: Was viele wichtig finden, kann nicht unwichtig sein. In der Sprache der Bibel formuliert: „Wer da bereits Aufmerksamkeit hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe.“

Dieses Prinzip finden wir auf Google-Ergebnisseiten und in den Timelines von nahezu allen Netzwerken: Wo viel los ist, darauf wird die Aufmerksamkeit gerichtet. Große Debatte, Empörung und Aufregung zieht neue Debatte, mehr Empörung und weitere Aufregung nach sich. Eli Pariser („Die Filterbuble“) hat die Mechanik der Plattformen dabei mal mit einem Beobachter verglichen, der bei einem Vortrag mit dem Rücken zur Sprecherin ins Auditorium schaut und nur auf Basis der Publikumsreaktionen die Rede bewertet. Der Inhalt des Vortrags ist ihm nicht nur egal, er versteht ihn auch nicht (weil er die Sprache der Rednerin nicht spricht). Was er bewertet sind Reaktionen. Auf Basis dieser Reaktionen sucht er neue Inhalte heraus – und diese Inhalte dienen nur dem einen Zweck: Die Nutzer:innen möglichst lange im Raum also in der jeweiligen Plattform zu halten.

Das dieser Logik zugrunde liegende Prinzip heißt außerhalb des Web übrigens Einschaltquote. Und die öffentlich-rechtlichen Anbieter, aus deren Reihen häufig die Rede von einer alternativen Plattform geführt wird, messen diese Einschaltquote genau wie kommerzielle Anbieter es tun. Wenn man genau hinschaut, kann man sogar erkennen, dass sie auch die Themen ihrer TV-Talkshows nach dem Prinzip auswählen. Vermutlich würden sie also auch auf einer alternativen digitalen Plattform diesem Muster folgen. Denn im Kern ist der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit („Was viel Aufmerksamkeit erfährt, wird mit weiterer Aufmerksamkeit bedacht“) ja kein digitales Phänomen, sondern ein journalistisches Reaktionsmuster, das völlig unabhängig vom Web existiert. Die Plattformen, über die wir streiten, haben aus diesem Effekt ein sehr erfolgreiches Geschäft gemacht, das man kritisieren, womöglich reglementieren und schließlich sogar mit Konkurrenzangeboten angreifen kann. Man sollte darüber aber nicht vergessen, dass das zugrunde liegende Prinzip nicht von Google oder Facebook erfunden wurde, es handelt sich vielmehr um ein Muster wie Aufmerksamkeit verteilt wird.

Die Schlüsse, die man daraus ziehen kann, können helfen, die Plattform-Kritik auf ein anderes Niveau zu heben. Sie können den Blick dafür schärfen, was mögliche alternative Plattformen tatsächlich anders als Facebook oder Twitter machen könnten. Dazu müssten wir alle gemeinsam versuchen, den blinden Fleck der digitalen Mediendebatte etwas zu erhellen: den Inhalt. Das zitierte Bild vom Beobachter, der mit dem Rücken zur Bühne ins Auditorium schaut, ist deshalb so stark weil es zeigt: Den erfolgreichen Plattformen geht es zuerst um Kontext dann erst um Content. Eine alternative Plattform müsste davon lernen und unbedingt den Blick auf Meta-Daten richten.

978-3-95757-246-2-x160xx400x-1466586213Das zu schreiben ist aber viel einfach als es auch zu tun: Denn aus der Perspektive von Medien (und ich schreibe das als Journalist!) sind Inhalte noch immer das Wichtigste. Im Eli-Pariser-Bild gesprochen: Wenn Medien ins Auditorium schauen, sehen sie stets zuerst ihr Redemanuskript und dann erst das Publikum. Das Dilemma, das sich daraus ergibt: Medien sehen Content vor Kontext, Plattformen aber sehen Kontext vor Content. (Wie man damit umgehen könnte, habe ich in „Meta – das Ende des Durchschnitts“ versucht zu beschreiben)

Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten wird am Ende überigens derjenige bestraft, der aus Angst seine Talente versteckt und nicht einsetzt. Er will einzig bewahren, was er zu haben glaubt und wird genau dafür von Gott gerügt. Er nimmt ihm die Talente und gibt diese denen, die schon haben. Nach dem obigen Zitat endet das Gleichnis mit den Worten: „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Mehr über den Wert von Kontext und die Bedeutung von Meta-Daten in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“, das man hier im Shop des Verlags Matthes&Seitz bestellen kann.

Shruggie des Monats: Immer wieder aufstehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

In diesen Tagen ist das Magazin Spiegel Wissen mit dem Titelthema „Stark durch die Krise“ erschienen. Es geht um Corona und den Umgang mit den Folgen. Die Redaktion wählt das Bild eines Gummis um einen elastischen Weg der Krisenbewältigung zu beschreiben: „Gummi hat die Eigenschaft, einem Druck nachzugeben, aber ebenso in seine ursprüngliche Form zurückzufinden, sobald dieser Druck nachlässt. Solche Elastizität kann auch unsere Seele haben, nur heißt sie dann Resilienz.

Wenn ich das Wort Resilienz lese, muss ich immer an Patrick Fabian denken. Der Verteidiger des VfL Bochum beendet an diesem Sonntag seine aktive Fußballer-Karriere, die aus unterschiedlichen Gründen außergewöhnlich ist. Nicht weil Fabian wahnsinnig viele Titel errungen oder besonders viele Tore erzielt hätte. Patrick Fabian spielt beim VfL Bochum, da gibt es eh fast nie Titel. Außergewöhnlich ist seine Karriere, weil er seit dem Jahr 2000 an der Castroper Straße tätig ist: 20 Jahre – 1 Klub hat die Sportschau geschrieben und damit betont: Diese Treue ist im Fußball selten.

Fabian passt zum VfL Bochum weil er wie vermutlich kaum ein anderer Sportler für die Philosophie des Vereins steht: Unbeugsam zu sein, sich von Widerständen nicht unterkriegen zu lassen, steht im Leitbild des Vereins für Leistungssport, den manche Fans (inklusive mir) nicht selten eher für einen Verein fürs Leidenssport halten. Patrick Fabians Leiden ist genauso ungewöhnlich wie seine Treue: Er hatte vier Kreuzband-Risse und sechs Knie-Operationen im Laufe seiner Karriere – und ist dennoch am vergangenen Sonntag im Ruhrstadion eingewechselt worden.

Der SZ-Kollege Ulrich Hartmann beschrieb Fabians Leidensgeschichte nach dem vierten Kreuzband-Riss (dem ersten im linken Knie) so:

Im rechten Knie war ihm das vordere Kreuzband zuvor nämlich bereits drei Mal gerissen – wobei das medizinisch so nicht ganz korrekt ist. Denn nachdem ihm im März 2011 das Kreuzband im rechten Knie gerissen war, haben ihm die Ärzte dort seine Semitendinosus-Sehne eingesetzt, und nachdem auch diese Ersatzsehne im Januar 2012 gerissen war, haben sie ihm dort seine Quadrizeps-Sehne eingesetzt, und seit auch diese zweite Ersatzsehne im Juli 2012 gerissen war, trägt Fabian im rechten Kniegelenk nun seine Patella-Sehne.
Der Innenverteidiger des VfL Bochum weiß nicht, welche Sehne man noch als Kreuzband hätte benutzen können oder ob sich das rechte Knie überhaupt noch einmal erholt hätte – aber im linken Knie, da war die Sache relativ einfach. Man setzte ihm diesmal gleich die Patella-Sehne als neues Kreuzband ein. Danach absolvierte Fabian halbwegs routiniert zum vierten Mal in seinem Sportleben die mehrmonatige Rehabilitation.

Dazu muss man wissen, dass ein Kreuzband-Riss vermutlich zu den schwerwiegendsten Sportverletzungen zählt, die man sich vorstellen kann. „Horrorblessur“ steht in dem SZ-Text und dass es nicht viele Sportler:innen gibt, die nach vier Rissen noch aktiv sind. Patrick Fabian zählt dazu. Und das muss – so merkwürdig das klingt – mit der Gummi-Metapher zu tun haben: mit Resilienz, mit der Widerstandsfähigkeit und der Kraft, immer wieder aufzustehen.

Auf seinen Social-Media-Kanälen hat Patrick Fabian nach der Verabschiedung am vergangenen Sonntag nach dem letzten Bochumer Heimspiel der Saison ein Video veröffentlicht, in dem er sagt:

Es lohnt sich im Leben, Widerstände auszuhalten, an sich zu glauben, weiter zu machen, immer wieder aufzustehen. Weil man am Ende dafür belohnt werden kann. Es gibt keine Garantie, aber es gibt immer die Option – und die sollte man nie unberücksichtigt lassen, sondern es immer wieder versuchen. Und sich nicht von Widerständen aus dem Weg räumen lassen, sondern sie einfach akzeptieren und nur das tun, was in der eigenen Macht steht und sich dafür entscheiden, den Weg gegen solche Widerstände zu gehen.

Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, dass ich den Fußball als Metapher häufiger nutze. Deshalb fällt es mir leicht, in Fabians Worten eine Nähe zur Grundhaltung des Shruggie zu finden: Widerstände zu akzeptieren und trotzdem nicht aufzugeben. Das steckt in dem Song „Immer wieder aufstehen“, den die Krautrockband Herne 3 in den 1980er Jahren veröffentlicht hat – und den ich irgendwie symapthischer finde als die Rede von der Fehlerkultur und dem Feiern des Scheiterns (Foto: unsplash).

Im Kern geht es aber um das gleiche: Es geht darum, immer wieder aufzustehen.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer sich für meine Vorliebe für Sport-Metaphern interessiert: ich habe hier über das Prinzip Unbeugsam zu sein beim VfL Bochum geschrieben (was übrigens durchaus einen Zusammenhang zu Sascha Lobo hat), hier ein Zitat des ehemaligen Bochumer Trainers Verbeek über Angst notiert und hier Lauflehren für die Medienbranche gezogen.

„Ein Newsletter ist ein Marathon, kein Sprint“ – David Streit von Shelfd

David Streit, Media Strategist bei der Empfehlungsplattform Shelfd, hat diese Woche fünf Lehren beschrieben, die er aus 250 Newsletter-Wochen in den vergangenen fünf Jahren gezogen hat. Zu den Schlagworten Kontinuitität, Unabhängigkeit, Team, Gesicht zeigen und Inaktive User beschreibt er seine Perspektiven auf gute Newsletter. Ich habe ihm dazu ein paar Fragen geschickt.

Herzlichen Glückwunsch zu 250 Newsletter-Wochen. Erinnerst Du Dich noch an den ersten? Was hat sich seitdem geändert?
Dankeschön! In den knapp fünf Jahren seit dem Start ist viel passiert. Unsere allererste Ausgabe der wöchentlichen Mediathekentipps ging an acht Freunde. Damals haben wir sechs Inhalte empfohlen und nur mit einem einzigen Satz zusammengefasst. „Oh Boy“ mit Tom Schilling war zum Beispiel dabei. Und weil der Film seit dem immer mal wieder in der Mediathek erscheint, haben wir ihn insgesamt auch schon sieben Mal empfohlen. Das ist natürlich absolut die Ausnahme.

Was hättest Du ganz am Anfang schon gerne gewusst?
Dass so ein Newsletter (plus Indie-Startup, das ja daraus erwachsen ist) kein Sprint ist, sondern ein Marathon. Und der soll im besten Fall nie enden! Darum bin ich froh, dass ich noch immer genauso euphorisch werde, wenn ich wieder einen tollen Film, eine unterhaltsame Serie oder eine informative Doku entdecke und weiterempfehlen kann. Ich würde jedem raten eine große Neugierde für sein Interessenfeld mitzubringen, wenn man einen Newsletter starten. Wenn man es nur auf den Marketingaspekt abgesehen hat, geht einem nach wenigen Wochen die Luft aus.

Du hast jetzt fünf Lehren aus deinen Newsletter-Erfahrungen notiert und im Newsletter selbst geteilt. Ist das nicht sehr meta?
Ein bisschen. Aber welchen besseren Ort gibt es dafür? Ich habe mich damit ja auch gezielt an Medienpartner gewandt, die womöglich selbst Newsletter schreiben und damit von den Insights profieren könnten. Den Newsletter-Kanal nutze ich gezielt als ein Tagebuch mit Learnings, um sie an unserem Weg teilhaben zu lassen und der Marke Shelfd ein Gesicht mit Auf und Abs zu verleihen.

Mal abstrakt gesprochen: Was macht für dich einen Newsletter erfolgreich?
Aus der Perspektive des Newsletter-Autoren ist es definitiv die enge Verbindung zu den Leser*innen. Ich nutze den Newsletter als verlängertes User Research, stelle Fragen und will wissen, was die Menschen am Streaming stört und was ihnen besonders gefällt. Das kann ich dann für die Entwicklung neuer Produktideen nutzen. Als Leser von Newslettern bleibe ich gerne dabei, wenn meine Welt mit jeder Ausgabe ein Stückchen größer wird.

Gibt es Beispiele, die das deiner Einschätzung nach besonders gut umsetzen?
Da fallen mir sofort die monothematischen Ausflüge in Tech und Journalismus von Johannes Klingebiel ein, der neue Weltraum-Newsletter Spacewalk von Henning Bulka, For The Interested mit Tipps für Content-Creatoren von Josh Spector und No Merci / No Malice von Marketing-Guru Scott Galloway.

Der Newsletter an sich hat gerade mal wieder einen Hype. Deiner Meinung nach zurecht?
Na klar! Welcher andere Kanal bietet schließlich so viele Gestaltungsmöglichkeiten?

Davids Newsletter bei Shelfd kann man hier bestellen. Mehr über gute Newsletter auf briefingbriefing.de, dort ist auch das Interview mit Thomas Marban von Briefingday verlinkt. Falls jemand meinen Newsletter lesen möchte: hier!

Briefingday – wie man einen täglichen Newsletter spannend macht

Thomas Marban schickt mir jeden Tag zehn englischsprachige „Finds“ aus dem Web, die mich stets überraschen. Sein Briefinday ist eine meiner Newsletter-Entdeckungen des vergangenen halben Jahres. Das Besondere: die Links werden in Wien kuratiert. Thomas ist Österreicher – und hat meine Mail mit Fragen zu dem Newsletter deshalb auch auf deutsch beantwortet.

Jeden Tag zehn echt interessante Fundstücke aus dem englischsprachigen Web. Wie kriegst du das hin?
Ich arbeite seit über zwanzig Jahren an verschiedensten Formaten von News Aggregatoren und habe damals auch das Format eines Single Page Aggregators populär gemacht (aktuell hvper.com). Bei meinem Newsletter setze ich allerdings zu 100% auf manuelle Arbeit und lese tatsächlich jeden Tag an die 300 der populärsten US News Sites, aus denen ich die besten 15 Stories zusammenstelle.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen solchen Newsletter starten?
Im Laufe der Jahre hatte ich immer wieder von Usern das Feedback erhalten, daß sie zusätzlich zu einem 100% automatisierten Newsletter auch gerne eine Human-Curated Edition hätten. Der Anstoß dazu kam also schon lange vor dem aktuellen Hype, der letztlich nur das zunehmende Verlangen nach Menschen statt Algorithmen widerspiegelt.

Auf der Landingpage zum Newsletter hast du ziemlich prominente Leser aufgeführt. Was weißt du über die Leserinnen und Leser deines Newsletters?
Ich konnte durch meine Kontakte in die US News Industrie tatsächlich mit einigen großen Namen starten, man sollte allerdings nicht annehmen, daß sie maßgeblich zum Wachstum beitragen. Statistisch halte ich nur die üblichen Indikatoren wie Open/Click Rates und teilweise Kampagnen im Auge. Alles andere halte ich für wenig zielbringend. Im Falle von Briefingday ist die Open Rate von ~62% meiner Meinung nach in diesem Segment aber überdurchschnittlich hoch.

Was ist dein zentraler Ratschlag: Was macht einen guten Newsletter aus?
– Konsistenz, d.h. Täglich zur selben Uhrzeit um den Dopamine fix hoch zu halten.
– Qualität der Inhalte, wobei ich hier immer auf einen 60% „Serious stuff“, 30% „Interesting stuff“ und 10% „Fun stuff“ Mix achte.
– Bewußte Reduktion bzw. Closure — Als eine Balance, den User nicht zu erschöpfen, als auch das Gefühl zu vermitteln, daß er komplett informiert ist.

Neben dem Inhalt fasziniert mich das Empfehlungssystem, das du „Briefingday Referral Rewards“ nennst. Wie funktioniert es?
Relativ simpel: Je nachdem wieviel User einen weiteren erfolgreich einlädt erhält er zunehmend Upgrades wie eine Sonntags-Edition oder den Newsletter 2h früher als der Rest. Anzumerken ist hier daß ich das Referral System komplett selbst gebaut habe da es zwar einige Anbieter wie Substack dafür gibt, jedoch am Ende alles sehr zusammengeflickt wirkt und ich gerne die Ownership über die komplette Kette inkl. aller Daten haben möchte.

Verdienst du mit dem Briefingday Geld?
Nein, es gibt allerdings einige Sponsor-Angebote, die in Zukunft evtl. eingemischt werden. Desweiteren habe ich für Briefingday vom US Inkubator Idealab eine Seed Runde aufgestellt die diese Start- und Entwicklungsphase erleichtert.

Alle sprechen jetzt davon Newsletter seien (mal wieder) das nächste große Ding. Siehst Du das auch so?
Ich denke, daß es vor allem für Journalisten, die sich zunehmend im Bedrängnis einer sterbenden Medienlandschaft sehen, eine Chance ist, sich als eigenständige Stimme zu positionieren — und in weiterer Folge ein Verbund ähnlich einer medium.com Publication entsteht, der Raum für neue Content Micro Brands schafft. Was Monetization betrifft, sollte man sich aber nicht von erfolgreichen Ausreißern wie Stratechery oder The Hustle blenden lassen. Da hier bei ersterem wirklich hochwertige Analysen geboten werden und bei letzterem das starke Wachstum + Revenue auf gekauften Subscribern beruht. Fraglich ist natürlich, ob nicht irgendwann auch bei Newslettern eine Subscription Fatigue einsetzt wie wir sie schon von Streaming Diensten kennen. Bis dahin sehe ich es aber als willkommenen Retro Trend zurück zum Open Web, der ja auch bereits durch eine „raus aus Social Media und zurück zu Weblogs“-Bewegung ergänzt wird.

Mehr über gute Newsletter auf briefingbriefing.de

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Früher ist gar nicht so lange her – die Sache mit der Nostalgie (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Eine gute Seite an der Zeitenwende, die wir durch Corona gerade erleben, ist der Satz „Früher ist gar nicht so lange her“. Er bekommt dieser Tage eine besondere Schönheit – und Symbolkraft.

Ich stand zum Beispiel am 7. März letztmals dicht an dicht mit anderen Fußballfans in einem Stadion. Das liegt nur ein paar Wochen zurück, aber das Gefühl sagt: Ewig her! Geisterspiele, physische Distanz, Masken, Vergangenheit. Seufzen: Verklärung!

Die gefühlte Zeit ist eine starke Waffe. Sie kann dazu führen, dass wir uns mächtig fühlen oder überfordert. Sie kann uns wärmen aber auch wütend werden lassen. Sie ist ein politisches Instrument. Und da in der aktuellen Lage das Davor und das Danach so eng beieinander liegen, heißt das nicht nur, dass wir gerade mittendrin sind in einer Zeitenwende. Es zeigt auch wie die Dynamik des Sehnens und Erinnerns Perspektiven bestimmt. Anders formuliert: Wir können gerade dabei zuschauen, wie Nostalgie entsteht. Es handelt sich um eine besondere Form der Vergangenheits-Sehnsucht: die Vor-Corona-Nostalgie.

Der kanadische Autor David Berry veröffentlicht diesen Sommer ein Buch über Nostalgie. In der Vorab-Veröffentlichung kann man nachlesen, wie Nostalgie zur neuen Norm wurde. So kann man die englische Überschrift übersetzen und damit einen deutlichen Bezug zur neuen Normalität der Corona-Zeit erkennen. Zwar hat Berry das Buch weit vor Corona geschrieben, seine Hauptthese enthält aber durchaus einen Bezug zu unserem Umgang mit den Veränderungen durch die Krise. Berry sieht den Hauptgrund für das Aufkommen der Nostalgie in unserer Überforderung im Umgang mit der Endlichkeit. „Der Glaube, dass Dinge immer weiter gehen, zählt zu unseren einfachsten Täuschungen“, schreibt er. „Denn das Wissen, dass das Leben flüchtig ist, ist im Rückblick kaum erträglich, im gegenwärtigen Erleben ist es kraftzehrend. Deshalb sehnen wir uns danach zurückzugehen, weil das Leben aus Verlust besteht, bis zum Ende.“

Das ist eine empathische Beschreibung der Nostalgie, die mich an Worte erinnert, die ich vor einem Jahr in diesem Newsletter aus einem Beitrag des Pessimists-Archive-Macher Jason Feifer übersetzte. Er schrieb im Jahr 2019 über eine Facette der Vergangenheits-Verklärung, nämlich über das Schimpfen über die Jugend: „Wir können nicht anerkennen, dass das Leben ohne uns weitergeht. Und statt den Lauf der Welt zu akzeptieren, geben wir einfach der kommenden Generation die Schuld.“

Diese Worte las ich damals unter dem Eindruck der Fridays-For-Future-Debatten. Die gefühlte Ewigkeit später, die wir Gegenwart nennen, macht es viel schwerer Schuld auf diese simple Weise zuzuweisen (dass es nicht unmöglich ist, kann man an Beispiel der Hygiene-Demo-Debatten hier und hier nachlesen). Deshalb greift die Macht der Nostalgie dieser Tage viel stärker als ihre aktive Schwester: die wütende Jugend-Beschimpfung, die an jeder Ecke kulturellen Niedergang wittert.

Nostalgie (selbst zu interpretierendes Symbolbild: unsplash) ist weniger aktiv. Nostalgie schimpft weniger, sehnt mehr. Eine besondere Form der Nostalgie hat der US-Schriftsteller Dave Eggers unlängst in einem SZ-Interview zur Aufführung gebracht: Die Sehnsucht nach der Vor-Smartphone-Zeit. Seine Überforderung mit den vielen blinkenden Apps und Angeboten hat er in komplette Ablehnung gewandelt und glorifiziert nun die 90er Jahre. Denn auch Nostalgie verklärt die Vergangenheit in einer Art, die (dem schimpfenden Pessimismus vergleichbar) die Erinnerung zum Maßstab macht. Der Economist hatte schon zum Jahreswechsel 2018/19 den Ausbruch einer weltweiten Verklärung diagnostiziert: „Die Welt ist auf die Vergangenheit fixiert“ titelte das Magazin und beschrieb, wie die „Make Great Again“-Kultur das Denken überall auf der Welt bestimmt.

Ich glaube, dass der Umgang mit den Corona-Folgen diese Entwicklung nicht bremsen wird. Im Gegenteil: Wir erleben gerade, wie aus der Überforderung mit der Lage die kurzatmigste Form der Nostalgie erwächst. Daran gibt es erstmals nichts zu bewerten oder zu beschönigen. Man kann es ja kaum beobachten, so eng steckt man noch selbst drin. Es scheint mir aber doch bemerkenswert, dass die oben beschriebene Kraft der gefühlten Zeit stets mehr zur Verklärung denn zur Erklärung reicht. Es wird wehmütig gesehnt, statt gestaltend zu übertragen, was so wichtig sein sollte, dass es weitergeht. Wie schön wäre es, wenn wir uns nicht nur nach einem schön erinnerten Früher laben, sondern auch einschließen, was damals unbestreitbar ungut war.

Denn das ist der Zauber an dem Satz „Früher ist gar nicht so lange her“. Wir können uns allesamt noch selbst erinnern, wir sind nicht auf schwarz-weiß-Fotos und abgegriffene Anektdoten angewiesen, die immer schon einen Verklärungs-Waschgang hinter sich haben. Und wir können quasi in Echtzeit beobachten, wie dieser Prozess alles Störende aus unserer Erinnerung wäscht. Denn ohne diese Verklärung fehlt der Nostalgie die porentiefe Strahlkraft, die im Lichte eines erlebten Alltags plötzlich merkwürdig künstlich wirkt. Anders formuliert: Früher ist gar nicht so lange her als dass ich auf den Satz „Früher war alles besser“ reinfallen würde.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Wo bleibt die Titelseite für Internet-Seiten?

Das kann nur Print. Dieser Satz klingt bedeutsam in Anbetracht der aktuellen Titelseite der New York Times, die heute durch alle Timelines gereicht wurde und den Agenturen eigene Meldungen wert war. Und doch ist der Satz unwahr.

„We wanted to take over the entire page” erklärt Tom Bodkin, Art Director der New York Times, im Times Insider-Blog die Hintergründe für diese besondere Titelseite, die den Opfern der Corona-Pandemie gewidmet ist: „Die Zeitung hat in sechs Spalten ganzseitig die Namen von Hunderten Verstorbenen abgedruckt. In der Ausgabe stehen insgesamt 1.000 Namen aus veröffentlichten Nachrufen und jeweils ein persönlicher Satz zu den Opfern“, schreibt dpa und Willi Winkler ergänzt in der SZ: „Kein Corona-Opfer wird davon wieder lebendig, doch werden die Toten aus der nüchternen Sterbestatistik gehoben. Die Aktion, die vor einer Woche in ähnlicher Form auch die brasilianische Zeitung O Globo veranstaltet hat, ist natürlich auch ein politisches Statement gegen den amtierenden Präsidenten.“

Die Liste der Kurz-Nachrufe ist auch online aufbereitet, auch dort ist sie beeindruckend, erschütternd und traurig. Minutenlang scrollt man an 100.000 kleinen Figuren vorbei. Einige sind mit einem kurzen Satz beschrieben. Die Sätze haben die NYT-Journalist*innen aus Nachrufen, Todesanzeigen und Berichten zusammengetragen und sie geben der anonymen unvorstellbaren Zahl ein Gesicht. Das ist ein erstaunliches (daten-)journalistisches Projekt – aber es ist durch die Titelseite eben auch ein Symbol.

Womit wir beim Einstiegssatz und seinem Wahrheitsgehalt sind. Die Macht, die von einer Cover- oder Titelseite ausgeht, scheint fest mit Print verbunden zu sein. Dabei geht es bei dem, was die Amerikaner „Frontpage“ nennen, weniger um die Herstellungsform als um den Aufmerksamkeits-Fokus: „We wanted to take over the entire page” wäre durchaus ist auch im Web denkbar. Von der Werbung kann man lernen, wie Full-Page-Gestaltung aussieht. Redaktionell ist diese Form der ganzseitigen Aufmerksamkeits-Fokusierung aber noch ungewöhnlich. Das liegt vor allem daran, dass wir keine Titelseiten von Webseiten kennen. Warum eigentlich nicht?

Die Frage ist falsch gestellt. Denn in Wahrheit kann ich mir schon denken, warum Webseiten keine Cover haben: Weil es dafür eben kaum Vorbilder gibt. Mein Traum ist aber schon seit Jahren, dass auch Webangebote sich eine Verkaufs- und Aufmerksamkeits-Fläche suchen, die funktioniert wie das Magazin-Cover oder die Titelseite eines Print-Angebots. Ein Ort, an dem die relevantesten Themen eines Tages (oder jeder anderen Zeitspanne) auf neue Weise aufbereitet und präsentiert werden. Ich glaube, dass sich dieser Aufwand lohnen würde – die New York Times zeigt heute nur einen möglichen Grund.

Meine stille Hoffnung ist die taz, die angekündigt hat, ihre Print-Ausgabe in absehbarer Zeit einzustellen. Da deren Titelseite (und die dort getexteten Zeilen) aber eines der Alleinstellungs-Merkmale der taz ist, wird den Kolleg*innen sicher ein digitales Äquivalent zur Print-Seite-1 einfallen. Vielleicht ziehen dann andere nach – und am Ende posten dann alle ihre neuen digitalen Cover-Seiten auf Instagram.

Shruggie des Monats: Pure Vernunft

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Hätte diese Rubrik einen Soundtrack, es wäre vermutlich der Song „Neues vom Trickser“ der Band Tocotronic. 5:01 Minuten musikalischer Ausdruck eines Gefühls, das die Wissenschaft „Ambiguität“ nennt: die Mehr- oder Doppeldeutigkeit ist ein verbindendes Element aller Einträge.

„Eines ist doch sicher“, singt Dirk von Lowtzow in dem Song: „Eins zu eins ist jetzt vorbei.“ Und man fragt sich augenblicklich, ob sich dieses Ende nicht auch auf die besungene Sicherheit beziehen müsste. ¯\_(ツ)_/¯

Der Song würde in diesem Jahr volljährig. Das Spiel von parolenhaft-sicher besungener Unsicherheit ist dadurch aber nur besser geworden. Es zeigt (und das ist die Idee dieser Rubrik und die Haltung des damit verbundenen Buchs), dass die Wahrnehmung eines Inhalts von Mehrdeutigkeit geprägt sein kann – oder anders formuliert: dass die eigene Perspektive und der Kontext ebenso wichtig sind wie der Inhalt selbst.

In diesen wirren Corona-Tagen kann man das kaum besser illustrieren als an einem anderen Song, den die Band Tocotronic 2005 veöffentlichte. Er trägt den Titel „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und klingt so. In der zweiten Strophe heißt es:

Pure Vernunft darf niemals siegen
Wir brauchen dringend neue Lügen
Die uns den Schatz des Wahnsinns zeigen
Und sich danach vor uns verbeugen
Und die zu Königen uns krönen
Nur um uns heimlich zu verhöhnen
Und die uns in die Ohren zischen
Und über unsere Augen wischen
Die die, die uns helfen wollen bekriegen
Pure Vernunft darf niemals siegen

Wenn ich den Song in diesen Tagen wieder-höre, klingt daraus 4:21 Minuten musikalischer Ausdruck dessen, was Menschen gerade zu Wissenschafts-Zweifelnden werden lässt. Es sind dies Menschen, die mit der puren Vernunft der Wissenschaft hadern und die „dringend neue Lügen“ suchen, denen sie folgen und denen sie so glauben können, dass sie „zu Königen uns krönen“. Denn plötzlich verstehen sie die Welt wieder, durchblicken eine Verschwörung und erkennen gut und böse. Dabei trauen sie den Lügen so sehr, dass sie sogar „die, die uns helfen wollen bekriegen“.

Genau diese Haltung habe ich in den vergangenen Tagen in zahlreichen Mails gelesen, die ich als Antwort auf die beiden Texte erhielt, die ich in den vergangenen Wochen zum Thema Hygienedemo schrieb. Die fünf abschließenden Sätze wurden von Pocket auf die Startseite des deutschsprachigen Firefox-Internets gespült (Hintergründe zu der Dynamik hier*) und neben zahlreichen bestätigenden Mails erhielt ich auch eine Menge Widerspruch, ein wenig Hass und etwas Dummheit per Mail.

Diejenigen, die sich von den Texten angesprochen fühlten, verband etwas, was man beim Wiederhören von Pure Vernunft darf niemals siegen verstehen kann. Sie suchen Meinungen, „die uns in schönsten Schlummer singen“ und „die uns vor stumpfer Wahrheit warnen“. Ich will mich über diesen Wunsch nach Ansichten nicht erheben, „die uns durchs Universum leiten und uns das Fest der Welt bereiten“. Ich habe den eher verständnisvollen ersten Brief geschrieben, weil ich glaube, dass wir alle Gefahr laufen, dem süßen Zauber derjenigen Perspektiven zu erliegen, die uns bestätigen und uns die Angst nehmen – „nur um uns heimlich zu verhöhnen und die uns in die Ohren zischen und über unsere Augen wischen.“

Ein 15 Jahre alter Song liefert mir dafür jetzt eine Art Soundtrack: die konkrete Aufforderung, sich nicht über die Lügen der Hygienedemonstrierenden zu erheben, sich nicht für etwas Besseres zu halten und sich vor allem nicht auf das Spiel der Spaltung einzulassen. In der dritten Pure-Vernunft-Strophe heißt es nämlich:

Wir brauchen dringend neue Lügen
Die unsere Schönheit uns erhalten
Uns aber tief im Inneren spalten
Viel mehr noch, die uns fragmentieren
Und danach zärtlich uns berühren
Und uns hinein ins Dunkel führen

Mit dem Wissen von heute kann man das durchaus als Warnung lesen. Es bleibt in jedem Fall ein sehr guter Song. Denn wie gesagt: „Eines ist doch sicher. Eins zu eins ist jetzt vorbei.“

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

*Zur Dynamik der Pocket-Empfehlungen nochmal diesen Text lesen:

Shruggie des Monats: der „für später“-Button von Pocket

Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Ich habe gestern einen Beitrag vom Zeichner Janosch auf Facebook entdeckt. Es ist nur ein Satz, den er mit seinem Namen unterzeichnet hat: „Wer das hier liest, braucht sich vor nichts mehr zu fürchten“ steht da. „Mutmacher“ hat Janosch daneben geschrieben und dafür unzählige Herzchen bekommen.

Es ist eine wirklich schöne Vorstellung, etwas zu lesen, was uns die Angst nimmt. Keine Furcht mehr, einfach dadurch dass man etwas liest. Ich habe Angst in diesen Tagen und ich wäre deshalb fast reingefallen auf diesen Janosch-Satz. Denn wenn ich Angst habe, Unsicherheit verspüre oder keinen Ausweg sehe, dann sind Sätze wie jener von Janosch süße Versprechen. Sie bieten eine Lösung für Probleme, die mich überfordern. Sie beruhigen mich – auch wenn ich weiß, dass es diese sehr einfachen Sätze in Wahrheit nicht gibt. Trotzdem bin auch ich anfällig für die Dynamik, die Janosch mit seinem Beitrag anstößt. Diese Dynamik wird durch Social Media massiv verstärkt (Foto: Unsplash).

Deshalb schreibe ich Dir.

Wir haben uns in den vergangenen Jahren etwas aus den Augen verloren, Facebook hält uns aber in Verbindung und so habe ich in den vergangenen Wochen immer mal wieder Beiträge von dir gesehen. Du hast Interviews aus dem Kanal KenFM geteilt, eine Petition gegen die Maskenpflicht und gestern den Mut derjenigen gelobt, die „sich das Denken nicht verbieten lassen“ und in Stuttgart, Berlin und München „gegen den Gehorsam der Mainstream-Medien auf die Straße“ gegangen sind.

Ich sehe das entschieden anders als du, aber ich halte dich deshalb nicht für einen Nazi oder eine Verschwörungstheoretikerin. Ich nehme an, dass du diese Beiträge teilst, weil du dir ernsthaft Sorgen machst und ich kann das verstehen: Ich mache mir auch Sorgen. Vielleicht hat Facebook also gar nicht mal so Unrecht: Wir haben da eine Verbindung.

Diese Verbindung haben wir, obwohl ich sehr grundlegend anderer Meinung bin als du. Ich finde nicht, dass deine Ansichten unterdrückt werden in diesem Land oder dass deine Perspektive tot geschwiegen wird. Dass du diese Beiträge teilen kannst, dass Menschen auf die Straße gehen und auch Leute wie Ken Jebsen publizieren, zeigt, dass es Meinungsfreiheit gibt in diesem Land. Dass Leute wie er dennoch ständig so tun als würden sie gegen einen anders denkenden Mainstream kämpfen, ist Teil ihrer Strategie. Sie inszenieren sich als Vorkämpfer für die Wahrheit und deuten den inhaltlichen Widerspruch als Beweis dafür, dass sie unterdrückt oder zensiert werden. Es ist aber kein Ausdruck von Unterdrückung und Zensur, wenn man jemandem, der sich öffentlich äußert, deutlich macht, dass er Unsinn redet (hier und hier kann man das ausführlich nachlesen). Es ist im Gegenteil Beweis einer offenen Gesellschaft, um die Ihr Euch ja sorgt, dass eine Rede auch eine Widerrede erträgt.

Aber ich möchte dir hier gar nicht widersprechen, dich belehren oder gar beschimpfen. Ich habe ja gesagt: Wir haben vermutlich mehr gemein als uns gerade auffällt. Wir machen uns gerade beide Sorgen. Wir haben Angst, weil es so etwas wie diese Corona-Pandemie noch nie gab und wir alle nicht so genau wissen, wie es weitergeht. Diese Angst ist scheiße, aber wir können sie aushalten. Gemeinsam. Denn wir sind beide Menschen, uns verbindet die Sorge um unsere Lieben und wir wollen beide nicht, dass Menschen sterben müssen.

Ich glaube, dass viel mehr Menschen diese Sorge teilen als du denkst. Auch diejenigen Menschen, die du in „den Eliten“ oder „der Politik“ oder „in den Medien“ vermutest. Sogar Bill Gates teilt diese Sorge. Ich bin mir da sehr sicher und würde dich bitten, für einen Moment den Gedanken zuzulassen, dass auch die Leute am Robert-Koch-Institut, in der WHO und sogar die Bundeskanzlerin aus den gleichen guten Motiven handeln wie du und die anderen Leute, die auf die Straße gehen oder KenFM-Clips teilen. Stell dir mal vor wie es wäre, wenn wir allesamt gerade einfach nur scheiß Angst haben. Stell dir mal vor, dass „die da oben“ nicht gegen dich sind oder einen geheimen Plan verfolgen, sondern schlicht das Gleiche wollen wir du: dass dieser ganze Mist möglichst bald wieder aufhört.

Kannst du dir nicht vorstellen? Verstehe ich. Es gibt dafür sogar einen wissenschaftlichen Begriff. Man nennt das „Motive attribution asymmetry“. Der Begriff beschreibt das Gefühl, dass wir immer denken, diejenigen, die anderer Meinung sind als wir selbst würde ihre falsche Meinung aus boshafter Intention vertreten. Deshalb funktionieren die Beiträge von KenFM und anderen so gut: Sie reden uns ein, die anderen hätten einen bösen Plan. Wenn wir das glauben, erzeugen diese Beiträge genau das Gefühl von dem obigen Janosch-Satz. Wir müssen uns plötzlich nicht mehr fürchten. Denn es gibt jetzt einen Gegner, jemanden, dessen boshafte Pläne man bekämpfen kann. Damit gibt es etwas zu tun, man kann streiten und kämpfen – und zwar für das Gute, denn wenn die anderen das Böse planen, ist man ja automatisch auf der guten Seite.

Ich schreibe das nicht als Vorwurf, sondern als Bekenntnis: Ich kenne dieses Gefühl. Es ist „wie eine Kompassnadel, die immer in eine Richtung deutet: auf das Böse, das Falsche, das Ärgerliche. Das ist gut, denn dann bilde ich mir ein, wieder zu wissen, wie alles ist. Dann habe ich wieder Übersicht. Zumindest glaube ich das in diesem Moment der Empörung. Ich kann auf das Falsche zeigen, auf das, was ich anprangere. Das gibt mir nicht nur Orientierung, es bedeutet unausgesprochen natürlich auch immer: Ich stehe auf der richtigen Seite, bei den Guten, bei denen, die die richtigen Intentionen haben, das Richtige wollen.

Was aber, wenn es die anderen gar nicht gibt? Was wenn die, die wir für die anderen halten auch einfach nur das Beste wollen (halt auf einem anderen Weg)? Sobald du diesen Verdacht zulässt, fallen alle Beiträge von KenFM und den anderen in sich zusammen. Plötzlich verschwindet die mutmachende Kraft des „wer das liest, braucht sich nicht mehr zu fürchten“. Plötzlich steht man nackt da, ohne Gegenseite, ohne Kompassnadel und Orientierung.

Das ist scheiße. Und ich glaube, dass viele Menschen deshalb zu Covidioten werden, weil sie nicht mit der Angst umgehen können. Das will ich ihnen gar nicht vorwerfen. Wir haben schließlich alle Angst. Ich will dich aber bitten (weil wir uns kennen, weil wir eine Verbindung haben), lass dich nicht auf dieses Spiel mit der Spaltung ein. Es löst keine Probleme, wenn du ständig in wir und die denkst. Es hilft nicht weiter, wenn du in Microsoft Word ein Pamphlet gegen Bill Gates verfasst – selbst wenn du dich dann für einen kurzen Moment besser fühlst.

Mir hilft in diesen Situationen der Angst und Orientierungslosigkeit das Buch, das KenFM ständig in die Kamera hält. Das Grundgesetz sagt nämlich, dass wir die anderen als Menschen mit Würde wahrnehmen sollen. Dass wir ihnen zubilligen, eine andere Meinung zu haben und sie dennoch wertschätzend zu behandeln. Wenn dir das auch wichtig ist, hast du jetzt eine gute Möglichkeit damit zu beginnen. Stell dir zum Beispiel einfach mal vor, dass es Menschen gibt, die Masken nicht aus Gehorsam tragen, sondern aus Nächstenliebe. Sie wollen ihren Mitmenschen damit deutlich machen: „Falls ich das Virus in mir trage, möchte ich dich damit nicht anstecken.“ Ich finde das ein schönes Zeichen, das kraftvoller ist als alle Petitionen. Es ist Ausdruck von Vernunft – und darum geht es mir, wenn ich dir hier schreibe: Ich weiß, dass Du kein Covidiot bist. Ich weiß, dass du wie wir alle Angst hast und vielleicht an ein oder zwei Stellen unvernünftig abgebogen bist. Das ist kein Grund, unsere Facebook-Freundschaft zu beenden. Aber es ist ein Grund, nochmal darüber nachzudenken, von wem die Sätze eigentlich stammen, die das schöne aber trügerische Gefühl verbreiten, wir müssten uns nicht mehr fürchten.

Lass uns vernünftig bleiben! Auf dass dieser Scheiß bald vorbei ist

Mehr zum Thema:
> Auf Coronapause.de erklärt Heiko, wie er mal auf Fake-News reingefallen ist und diese weiterverbreitet hat
> eine kleine Anleitung Gegen die Panik und
> Zehn Tipps gegen Falschmeldungen im Netz

Konstruktives Feedback für Ideen-Ausdauer

Arbeiten Sie in einem kreativen Unternehmen? Unterstützt Ihr berufliches Umfeld neue Ideen? Bei der Antwort auf diese Fragen spielen viele Faktoren eine Rolle: Wertschätzung für ungewöhnliche Wege, eine reflektierte Führungs-Ebene und eine grundsätzlich offene Atmosphäre im Unternehmen. In den vergangenen Wochen ist mir persönlich aber noch eine häufig unterschätzte wichtige Komponente für kreative Unternehmen aufgefallen, über die ich hier ein paar Sätze schreiben will: die (konstruktive) Feedback-Kultur (Foto: Unsplash)

Wer häufiger in diesem Blog mitliest, weiß, dass ich Sport-Metaphern schätze. Besonders gerne wähle ich Bilder aus dem Fußball oder nehme das Laufen als Symbol für eine außersportliche Entwicklung. Wenn ich im Folgenden erläutern möchte, wie konstruktives Feedback zu einer kreativen Unternehmenskultur beitragen kann, nehme ich natürlich wieder den Sport als Bild, denn es geht auch um eine läuferische Idee, die gerade bei der Süddeutschen Zeitung realisiert wurde: der Minutenmarathon.

Bis ich im vergangenen Herbst den Halbmarathon beim München-Marathon gelaufen bin, habe ich nicht verstanden, welche Kraft von den Trommel-Gruppen und Zuschauenden ausgehen kann, die einen Lauf begleiten. Für Außenstehende ist kaum nachvollziehbar was für Läufer*innen eine echte Superkraft werden kann: Menschen, die an der Laufstrecke stehen, trommeln, lachen und anfeuern. Die Strecke wird dadurch nicht kürzer, man braucht nicht weniger Kraft und doch wird alles viel leichter, wenn man Menschen an der Laufstrecke sieht, die gute Laune verbreiten. Vermutlich braucht man kein abgeschlossenes Psychologie-Studium um die Zusammenhänge zu verstehen, die von der besonderen Atmosphäre ausgehen, die durch Zuschauer-Support entstehen kann. Plötzlich läuft man leichter, die Beine sind auf einmal nicht mehr so schwer und das Ziel wirkt irgendwie näher oder zumindest erreichbar.

Ich glaube, dass der Weg von einer Idee zu einem neuen Produkt mit einer langen Laufstrecke vergleichbar ist. Irgendwer hat den Spruch geprägt Ideen seien wertlos, die Umsetzung sei entscheidend. Ich glaube, dass das klug klingt, aber nicht stimmt. Es gilt umgekehrt: Ohne Ideen ist alles nichts. Jede gute Idee beginnt mit einem mutigen Gedanken. Und kreative Unternehmen erkennt man daran, dass Menschen sich dort trauen, mutige Gedanken zu formulieren. Denn manchmal meistens sind diese mutigen Gedanken vor allem dies: unpassend, ein bisschen albern, dumm und undenkbar. Irrigerweise denken deshalb manche, alles was unpassend, ein bisschen albern oder dumm ist, sei deshalb sofort mutig. Das stimmt nun auch wieder nicht. Richtig ist aber, dass kreative Unternehmen Menschen brauchen, die mutig genug sind, das Unpassende auszusprechen – und auch umzusetzen.

Ein Minutenmarathon überträgt die zentrale Zahl eines klassischen Marathons von der Distanz auf die Dauer des Laufs: ein Minutenmarathon dauert 42,195 Minuten – und ist damit der beste Marathon für Laufanfänger*innen. Mehr zum Thema unter minutenmarathon.de

Um diesen Weg zu bewältigen, gibt es unterschiedliche Strategien. Eine meiner Einschätzung nach häufig übersehende Methode ist die des konstruktiven Feedback. Dieses fühlt sich an wie der Support bei einem langen Lauf an der Wegstrecke. Nein, damit meine ich nicht ein kritikloses Zujubeln. Ich meine dieses Gefühl, das sich beim Lauf einstellt, wenn man am Wegesrand einen ausgestreckten Daumen sieht: da sind Leute, die dir zutrauen, dass du ins Ziel kommst.

Für mich persönlich fühlt sich konstruktives Feedback in einem Team genau so an: da sind Leute, die einer Idee zutrauen, dass sie ins Ziel kommt. Meist sind dies nur kleine Zeichen, die aber sehr große Wirkung entfalten. Ich hatte hier eine ganze Liste unterstützender Hilfe beim konkreten Minutenmarathon-Projekt notiert, habe die aber gerade alle gelöscht, weil die Kolleg*innen schon wissen, dass ich sie meine, wenn ich schreibe: Es ist die Bereitschaft im Team und über Team-Grenzen hinweg, auch etwas zu tun, was man nicht zwingend tun muss. Es ist die Offenheit, eine Kritik nicht mit einem abwehrenden aber, sondern mit einem gestaltenden und zu formulieren. Es ist die Geduld, eine Idee bis zum Ende anzuhören, auch wenn es nicht das persönliche Lieblingsthema ist. Es ist die Offenheit, daran zu glauben, dass die Idee ins Ziel kommen kann.

Klar, diese Idee muss auch mit entsprechendem Engagement vorgetragen werden. Wer konstruktives Feedback wünscht, muss auch offen dafür sein und Kritik aushalten. Aber die entscheidende Superkraft, die kreative Unternehmen von den weniger kreativen Umfeldern unterscheidet, sind nicht Post-its oder Boards oder Chefs, die Agilität kennen. Die Superkraft für kreative Umfelder entsteht aus den vielen kleinen Rückmeldungen, die gestaltend sind und nicht destruktiv. Das sind Bemerkungen, die von Freundlichkeit getrieben sind, nicht von Missgunst. Das sind Hinweise und Tipps auf weiterführende Ideen und auch Warnungen vor Umwegen. Aber nie sind sie aus einer Ablehnung oder Arroganz heraus formuliert, sondern stets aus dem Glauben an ein gemeinsames, erreichbares Ziel (wie man gutes Feedback lernt? Bei Neue Narrative gibt es ein paar Vorschläge.)

Bei dem aktuellen Projekt ist mir wegen der Corona-Krise besonders aufgefallen, welche Energie in diesen vermeintlich kleinen Gesten des konstruktiven Feedbacks steckt. Die vergangenen Wochen waren nicht einfach und ein neues Projekt nicht gerade passend. Es ist trotzdem ins Ziel gekommen – und heute wird der erste Laufnewsletter verschickt.

Deshalb habe ich mir selber vorgenommen, in Zukunft viel besser zu überlegen, wie ich Feedback gebe. Denn auf diese Weise kann jede und jeder eine Menge dafür tun, ein offenes Umfeld zu schaffen. Anders formliert: ob ich in einem kreativen Unternehmen arbeite, hängt auch davon ab, wie ich Feedback gebe und auf neue Ideen reagiere…