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„Was über Jahre belächelt wurde ist jetzt Alltag“ – Workshops im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 7: Workshops im Stream (Foto: unsplash)

Michael Praetorius ist Moderator, Podcaster und Dozent in München. Sein Podcast-Seminar, das er gemeinsam mit Viktor Worms geben wollte, hat er wegen der Corona-Krise ins Web verlegt.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Ich habe das Gefühl, dass wir alle gerade mit der Effizienz der Digitalisierung überfordert sind. Auf einmal sind Formate möglich, die bisher immer an Zweifeln scheiterten. In dieser Situation machen wir es einfach. Ohne vorherigen Meeting-Marathon, ohne Termine für die man durch die Republik reist. Die Reisezeit fällt weg. Termine via Videokonferenz sind enorm auf den Punkt und die gewonnene Zeit verbringe ich mit dem nächsten Projekt.
Meine Kunden machen mit mir Workshops, bei denen sie zu mir ins TV-Studio zugeschaltet sind, statt Content mit großen Freigabeschleifen, produziere ich tägliche YouTube Livestreams, virtuelle Konferenzen oder Online-Kurse aus dem Studio. So ist zum Beispiel mit Viktor Worms, dem früheren Wetten dass…?-Produzenten ein Podcast-Kurs entstanden, der mein Prototyp für weitere Online-Kurse ist. Eigentich hätte der Kurs im April bei Antenne Bayern stattfinden sollen, stattdessen sind Viktor und ich mit viel räumlicher Distanz ins Studio.

Auch ein zweites Format ist nur entstanden, weil alle Geschäfte geschlossen sind:
Mit meinem Kunden Märklin (dem Hersteller der berühmten Modellbahnen) haben wir in den letzten Woche eine tägliche Live-Sendung produziert, um Familien zuhause mit dem Bau einer Modellbahn im YouTube Livestream zu beschäftigen. Und um Musikfestivals nicht ausfallen zu lassen, habe ich einen Mobilfunkanbieter bei der Produktion von Musik-Konzerten unterstützt, bei denen die Künstler aus dem Wohnzimmer senden.

Bei mir sind allerdings dagegen alle klassischen Aufträge bis in den September weggebrochen. Umsatz, der komplett fehlt. Also nehme ich mit, was gerade an schnellen Aufträgen reinkommt oder versuche Prototypen zu bauen, mit denen ich womöglich in 6 Monaten Geld verdiene. Das einzige, was derzeit noch Geld reinspült ist das, was vorher schon 100% digital war. Der Rest fehlt. Ich glaube, das wird möglicherweise lange so bleiben.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Technisch bin ich zum Glück bestens ausgestattet. Ich habe in München zwei komplett eingerichtete Social TV Studios, in denen normalerweise Podcasts oder Videoformate für digitale Plattformen entstehen. Diese Studios sind jetzt entweder Drehort für mich alleine für meine Workshops und Webinare oder Dienen als Live-Regie für virtuelle Konferenzen.

Die größte Hürde ist, alles wirklich allein machen zu wollen. Ich würde gerne mit Kolleginnen und Kollegen an meinen Formaten arbeiten, aber das Studio ist tabu. Jetzt haben wir innerhalb einer Woche ein Setup gebaut, in dem Kameras und die gesamte Regie ferngesteuert werden können. Die Regie steuert ein Kollege von mir vom Küchentisch aus. Im Studio schalten wir alle Signale von Skype, Zoom, Teams etc. zusammen und werfen sie z.B. als Livestream wieder in die Welt. Vor ein paar Jahren wurde ich mit meinem YouTube-Kram als Kisten-TV belächelt. Jetzt klingelt andauernd das Telefon oder der Messenger, und Leute wollen, dass ich ihnen schnell ein Studio baue oder mit meiner Remote-Regie ihre Online-Konferenz produzieren. Erstes geht gerade nicht, zweiteres ist gerade eine Ressourcenfrage.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Digital ist das neue normal. Was über Jahre belächelt wurde ist jetzt Alltag. Chatrooms heißen jetzt virtuelle Konferenzen und aus jedem Telefonat wird auf einmal ein Zoom-Meeting. Es ist zwar anstrengend und irritierend zuzusehen, wie viele mit der neuen Technik umgehen, als gäbe es das erst seit zwei Monaten und gleichzeitig erfrischend zu sehen, dass es offenbar doch klappt. Statt „hier nur Bargeld“ heißt es jetzt „Bitte lieber Kartenzahlung“. Die Gärtnerei um die Ecke macht jetzt „same day delivery“ – und sogar Gemüse und der Einzelhandel, so habe ich das Gefühl, sieht das Internet endlich nicht mehr als Bedrohung, sondern Chance seine Kunden besser zu versorgen. Besser als vorher ist das allerdings nicht, der Preis, den wir dafür bezahlen ist zu groß. Viele Tote, eine gesundheitliche Ungewissheit, wochenlange Isolation von Menschen, die dringend „analogen“ sozialen Kontakt brauchen und viele Menschen, die Angst um ihre Existenz haben.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Ich glaube, die Stimmung im Raum ist kaum zu ersetzen. Es fehlt der Geruch, die Nähe. Aber wir können dennoch Reaktionen zeigen. Ich mache das bei mir mit einer Videowall. Ich versuche in Webinaren, den anderen zu zeigen, dass ich zuhöre und nicht einfach nur am Rechner sitze. Das kennt man aus dem TV: Der Moderator sieht sein Gegenüber in voller menschlicher Größe auf einer Videowall. Das habe ich mir im Studio nachgebaut und mache so meine Workshops. Das macht es etwas besser.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Für Live-Streaming ist mehr Vorbereitung notwendig als man oft denkt. Entscheidend ist der Ton. Damit ist nicht nur ein gutes Mikro gemeint, sondern auch die Akustik im eigenen Raum. Das Licht muss ebenfalls stimmen und der Kamerawinkel. Manchmal hilft es schon den Kamerawinkel zu optimieren, in dem man einfach den Notebook-Deckel einen Zentimeter nach vorne zieht und tata! schon hat man den richtigen Headroom im Bild.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich nehme selten das Smartphone, meistens den Laptop mit externe Kamera (Blackmagic Cimema Pocket 6K) – nicht die eigebaute. Damit ist der Winkel so, dass du siehst dass ich mich auf dich konzentriere und nicht nebenbei auf meinem Computer schaue, das macht viel aus. Ich verwende viel Hardware von Blackmagic Design, einem Ausrüster für TV-Studios z.B. eine ATEM Mini oder einen Web Presenter oder einen Ultra Studio Recorder, als Mikro verwende ich hochwertige Studiomikros, ein Ansteckmikro oder Richtmikro von Sennheiser, das über ein Soundcraft UI Audio-Mischpult an der Bild-Regie hängt. Damit kann ich mit quasi jeder Software Skye, Zoom, Teams, oder Facetime eine Webcam simulieren. Das ist allerdings teure Studio-Hardware, das klingt für viele möglichweise übertrieben. Ich finde es aber genau richtig. Wer mich bisher bei Terminen als Referenz oder Experten eingeladen hat, soll die gleiche Qualität auch online bekommen. Das ist derzeit mein Credo.

Für meine Webinare hab ich mir mit Unterstützung von NOEO (Software-Unternehmen) zudem auf der Website eine Plattform zum Verkauf von Online-Kursen gebaut, so dass man meine Seminare auch als Online-Kurs buchen und direkt bezahlen kann. Diese Plattform bzw. Software werde ich (zusammen mit NOEO) jetzt auch anderen zur Verfügung stellen, die online aufzeichnete Kurse mit Prüfungsfragen verkaufen können.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

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„Eine Möglichkeit, trotzdem den Beruf auszuüben“ – Friseur im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 6: Friseur im Stream (Foto: unsplash)

Denny Leo Kinder ist Inhaber von Denny K Friseure in Berlin. Seit ein paar Tagen ist er ist auf der Plattform personalbeautycoach.de aktiv und berät Kunden virtuell.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Als Friseur gehört es dazu, jeden Tag mit neuen Menschen in Kontakt zu treten und diese in einer kurzen Zeit kennen zu lernen. Anders ist es jetzt durch die PBC Plattform nicht wirklich. Jedoch ist es Gewöhnungssache, den Kunden/User nicht in 3D zu sehen oder das Haar anzufassen und zu erklären, dass er sich beispielsweise perfekt vor der Handykamera positionieren muss, um eine Typanalyse machen zu können. Aber bis jetzt hat es immer funktioniert.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Normalerweise tritt man ja zu Hause von der Couch nicht mit fremden Menschen via Video in Kontakt. Es ist keine direkte Hürde, jedoch muss man sein professionelles Setting auch zu Hause aufbauen können, um im Moment der Beratung 100% dabei zu sein.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Viele Fragen kommen einem oft dann, wenn man nicht gerade auf dem Stuhl vom Friseur & Kosmetiker sitzt. Der Vorteil bei der PBC Plattform ist, dass es die Möglichkeit bietet, diese persönlichen Fragen direkt oder bei einer Wunschzeit beantwortet zu bekommen, ohne dass man aus dem Haus muss. Sich irgendetwas unpersönliches oder verallgemeinertes aus dem Internet zu ziehen, löst meistens keine individuellen Probleme.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Ich denke, dass die jahrelange menschliche Erfahrung von jedem unserer Beautycoaches das optimal auffangen. Dabei ist es nicht relevant ob im Salon oder daheim über das Smartphone. Ebenfalls bietet der Onlinekalender die Möglichkeit, die Zeit der Beratung zu bestimmen. Da ist die Stimmung automatisch positiver, da man sich darauf einstellen kann.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Ich würde raten, dem ganzen offen gegenüber zu stehen. Es bietet gerade in der aktuellen Zeit die Möglichkeit trotzdem mit seinem Beruf und auch Kunden in Kontakt zu stehen.
Zudem unterstützt man das Unternehmen in dem man tätig ist, diese Krise besser zu überstehen.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Um neue Partner anzuschließen und Buchungen zu generieren, nutzen wir eine Website mit integrierter Buchungsmaske und der Möglichkeit, Gutscheine zu erwerben. Für das Coaching selber nutzen wir Whatsapp. Ziel ist es, eine App zu haben, wo User und Coach sich gleichzeitig einwählen können und weitere Features eingearbeitet werden in die Beratung.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

loading: Mucbook

Das Münchner Stadtmagazin MUCBOOK hat ein Crowdfunding auf Startnext gestartet. Der Gründer Marco Eisenack beantwortet die loading-Fragen.

Was macht Ihr?
Wir sammeln auf startnext das fehlende Budget für die nächste Print-Ausgabe von MUCBOOK. Die Preise für die so genannten „Dankeschöns“ entsprechen im Grunde dem üblichen Preis des Heftes, des Abos und des Memberclubs. Das eingenommene Geld fließt zu 100% in die Honorare von Autoren, Grafikern und Fotografen.

Warum macht Ihr es (so)?
Warum ist ganz schnell erklärt: Durch Corona sind unsere Anzeigen Online und Print zu 90% eingebrochen.
Warum startnext? Bei MUCBOOK und dem dazugehörigen Medienhaus gehört der Purpose-Ansatz zum Leitmotiv der Strategie. Unser Haus steht mit seinem ganzen Handeln für eine bestimmte Haltung von verantwortungsvollem Wirtschaften und nachhaltig orientierten Unternehmertum. Es geht uns nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, der Stadtgesellschaft mit unseren Inhalten einen Mehrwert zu bieten.

Startnext ist mit seinem Selbstverständnis also die perfekte Plattform. Zusätzlich gibt es eine Sonderaktion zu Corona, die das Mindestziel aussetzt und die Einnahmen ohne Provision auszahlt. Auch durch seine Benutzerfreundlichkeit bietet sich die Plattform besonders gut an.

Wir haben für Grün&Gloria vor einigen Jahren schon einmal ein erfolgreiches Crowdfunding auf Startnext durchgeführt.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle Münchner, die sich für Nachhaltigkeit, Innovation und Kreativität in ihrer Stadt interessieren.
Und alle Menschen, für die ein Magazin nicht nur Nachrichtenwert hat, sondern das Zusammenwirken von Text, Foto und Grafik als Gesamtkunstwerk ansehen.

Wie geht es weiter?
Alles ist offen, in dieser Zeit. Es kann sein, dass es das letzte MUCBOOK-Print-Magazin wird, es kann aber auch sein, dass MUCBOOK gestärkt aus der Krise hervorgeht und zukunftsfähiger ist als vor Corona.
Ich bin ein großer Befürworter des leserfinanzierten Journalismus. Der jetzige plötzliche Zusammenbruch vieler Anzeigenmärkte wird LeserInnen überall im Lande in die Verantwortung zwingen, über den Fortbestand ihres Mediums mitzuentscheiden: Helfe ich mit, das Magazin oder die Zeitung zu erhalten, oder wird es mir nicht besonders fehlen? Bei MUCBOOK haften an der Schicksalsfrage lediglich 10.- Euro Abo oder 50.- Euro Memberclub im Jahr. Wir sind zuversichtlich, dass das gestiegene Qualitätsbewusstsein der Menschen für regionale Lebensmittel und fair gehandelte Produkte nicht ausgerechnet vor dem Journalismus halt macht.

Was sollten mehr Menschen wissen?
MUCBOOK ist ein dreidimensionales Stadtmagazin. Angefangen hat alles 2009 als Meta-Blog der Münchner Blogger-Szene. Nachdem alle anderen Stadtmagazine in München ihre Kiosk-Ausgaben eingestellt hatten, konzipierte MUCBOOK 2014 unter dem Motto „Blog goes Print“ ein neuartiges Stadtmagazin für die Zeitschriften-Liebhaber. Der Trend zum Live-Journalismus führte 2019 zum eigenen MUCBOOK CLUBHAUS, das mit konzeptionellen Zwischennutzungen in München Raum für die Stadt ohne Platz bietet. Derzeit gibt es drei MUCBOOK CLUBHAUS-Standorte die auf Flächen zwischen 300 und 2.500 Quadratmetern nach Corona wieder inspirierende Events, eine kreative Community und Co-Workingflächen anbieten.

> Hier MUCBOOK auf Startnext unterstützen

„Nah an die Kamera ran, nah ans Mikro ran“ – Lesungen im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 5: Tägliche Lesung im Stream (Foto: unsplash)

Wolfgang Tischer ist Gründer von Literaturcafe.de. In den vergangenen zwei Wochen hat er »Die Pest« von Albert Camus im Live-Stream vorgelesen.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Meistens lese ich als Sprecher live vor Publikum die Texte andere Menschen vor. Und ich mache auch YouTube-Videos. Immer noch ist es etwas irritierend, dass eine Live-Lesung via Stream irgendwo dazwischen liegt. Man muss voll konzentriert sein, weil man nicht wie beim normalen YouTube-Video sagen kann: »Fand ich nicht so gut, ich lese die letzten beiden Absätze nochmal und schneide dann.«
Auf der anderen Seite sitzt man aber dennoch allein vor Kamera und Mikro in einem relativ kleinen Raum.
Ich habe die letzten zwei Wochen jeden Tag um 10 Uhr »Die Pest« von Albert Camus gelesen. Und es war schön zu sehen, wenn kurz vor 10 Uhr die Zuschauerzahl nach oben katapultiert wird, die 100 überspringt und YouTube am Ende meist 500 bis 600 Leute ausweist, die pro Folge live dabei waren. Die sind dabei, aber ich kann sie nicht sehen. Das ist immer noch etwas irritierend. Es macht aber auch Spaß, sich auf diese Situation einzulassen.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Mein Perfektionismus. Ich selbst kann mittlerweile diese ganzen Videos aus den Wohn- und Arbeitszimmern der Menschen nicht mehr sehen. Diese Videos mit den unaufgeräumten Buchregalen oder in denen Menschen vor irgendwelchen Bildern sitzen und der Ton hallt. Das entzaubert so viel. Man muss derzeit selbst im Fernsehen Skype-Videos von ungeschminkten Promis sehen. Das ist so deprimierend.
Ok, geschminkt bin ich auch nicht, aber ich wollte eine gute Bildqualität. Das Licht muss stimmen, vor allen Dingen der Ton. Der Hintergrund sollte neutral sein. Eine sogenannte »Bauchbinde« sollte am unteren Bildschirmrand Infos anzeigen. Bei der Hölderlin-Lesung wollte ich auch mal ein Video einblenden, damit die Leute sehen, von wo aus ich streame. Daher habe ich noch eine Ringleuchte besorgt und vor allen Dingen geeignete Software, mehrere Mikro-Optionen aus meinem Podcast-Studio ausprobiert. Ich wollte nicht einfach nur mit dem Smartphone streamen. Es sollte schon besser aussehen.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Ich habe mich zum ersten Mal getraut, einen Spenden-Button auf der Lesungs-Seite zu platzieren. Schon länger hatten mir Leute dazu geraten, dass doch einfach mal zu machen. Nun habe ich es ausprobiert, weil die Camus-Lizenz ja auch etwas gekostet hat, und ich bin überwältigt, wie viele Menschen Geld gespendet haben.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Man hat natürlich den Chat. Aber da kann und will ich in der Konzentration der Lesung nicht draufschauen. Und ich will ja mit meiner Stimme erreichen, dass die Leute von der Lesung gebannt sind und nicht chatten. Ich begrüßte die Leute und fordere sie am Ende aktiv zu Rückmeldungen auf. Es hat mich schon bewegt und gerührt, was da an Rückmeldungen und Lob kam. Jemand schrieb, dass er immer zur Lesung Tetris spiele, jemand anderes meinte, ich solle nicht immer so sehr überziehen, da sie sich nur eine Stunde frei nehmen könne, um zuzuhören. Durch all dieses Feedback habe ich mir so eine Vorstellung von den Menschen aufgebaut, die mich sehen und hören, wenn ich in die Kamera blicke.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Erst mal machen. Ausprobieren. Dann besser werden. In die Kamera schauen und sich klar machen, dass man zu Menschen spricht. Aber schon darauf achten, dass Bild und Ton möglichst optimal sind. Nah an die Kamera ran, nah ans Mikro ran. Die Zahl der Streaming-Angebote ist mittlerweile sehr groß geworden, man sollte sich also irgendein kreatives Alleinstellungsmerkmal ausdenken.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Bei der Hölderlin-Lesung hatte ich noch zu viele drahtlose Verbindungen: Mit dem iPhone wurde gefilmt und das Signal per EpocCam-App drahtlos auf ein Notebook zur Streaming-Software übertragen. Da ich die Technik für meine »echten« Lesungen habe, war auch das Mikro über eine Funkstrecke mit dem Notebook verbunden, so dass ich freier agieren konnte. Ich trage ein kleines Earmic direkt am Kopf, damit ich den Abstand zur Kamera variieren kann, ohne dass der Ton leidet. Aber Funkstrecken sind fehleranfällig.
Bei der Camus-Lesung ist daher per Kabelverbindung eine externe Logitech-Webcam inmitten einer Ringleuchte angebracht, die sich auf meiner Augenhöhe befindet, um nicht den typischen »von unten Blick« einer eingebauten Webcam zu haben. Das Mikro ist mittlerweile ebenfalls per Kabel mit dem Notebook verbunden, allerdings habe ich ein kleines Mischpult dazwischengeschaltet, um den Ton zu optimieren und um vor allen Dingen live einen Kompressor-Effekt auf die Stimme zu legen, sodass sie näher und druckvoller klingt und der Unterschied zwischen lauten und leisen Passagen geringer ist. Als Streaming-Software auf dem Notebook läuft die Open-Source »OBS«, die sich mit YouTube verbindet. Als Streaming-Kanal nutze ich YouTube, weil das die meisten Leute kennen, weil die Zuhörerinnen und Zuhörer keine Zusatzsoftware installieren oder sich zwingend vorher registrieren müssen.

Bild rechts: Das aktuelle Setup in der derzeit menschenleeren Lounge der Black Forest Lodge für die tägliche Camus-Lesung: Webcam auf Augenhöhe im Ringlicht, das Earmic (unten links) ist über ein Mischpult ans Notebook angeschlossen. Der Zoom H1, rechts auf dem roten Stativ, nimmt den Ton zusätzlich für interne Archivzwecke direkt vom Mischpult auf. Auf dem Notebook läuft die Streaming-Software OBS. Zur Dämpfung liegt eine weiche Decke auf dem Tisch.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

„Wenn das Bild einfriert, wenn gerade jemand weint“ – Therapie im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 3: Therapie im Stream (Foto: unsplash)

Imke Herrmann und Lars Auszra sind Psychotherapeuten und Coaches in München. Seit die Corona-Krise den direkten Kontakt untersagt, führen sie viele Gespräche übers Internet.

Ihr macht jetzt etwas, das Ihr vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht habt, über eine digitale Verbindung. Habt Ihr Euch schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Euch immer
noch?

Lars: Wir haben das teilweise auch schon vorher gemacht. Jetzt machen wir es natürlich in größerem Umfang. Mich stresst, dass die Technik nicht immer reibungslos funktioniert. Wenn
zum Beispiel das Bild einfriert, wenn gerade jemand weint.
Imke: Ja, das macht es manchmal anstrengend, wenn mitten im Gespräch plötzlich die
Verbindung weg ist und das eingefrorene Bild eines streitenden Paares sieht und man nicht
mehr eingreifen kann. Außerdem kostet es mehr Energieaufwand, um die gleiche Gesprächstiefe herzustellen.

Was war die größte Hürde, die Ihr überwinden musstest?
Lars: Ich finde, die wichtigste Hürde ist in mir: Erlaube ich mir mit der gleichen Intensität auf emotionale Themen zu fokussieren oder nicht?
Imke: Ja, das hat manchmal Aspekte einer gefühlten Normverletztung. Man macht etwas, was
man sonst zum Beispiel in einem Skype-Gespräch nicht macht. Allerdings ist unsere Erfahrung:
wenn wir es mit einer gewissen Selbstverständlichkeit tun, ist es teilweise nicht anders als
vorher live in der Sitzung.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Imke: Manche Patienten, gerade die, die eher Probleme mit Nähe haben, finden es sogar
besser, die sagen teilweise: Können wir das nicht so lassen?
Lars: In Einzelfällen könnte es auch Sinn machen, es fortzuführen, aber die Frage ist halt auch: Nimmt man Ihnen so nicht auch eine Entwicklungschance?
Etwas anderes, das ich positiv finde ist: Es schafft gerade mit den Menschen, mit denen wir
schon länger arbeiten, auch eine neue Form der Verbundenheit in dieser Krise bei denen zu
Hause aufzutauchen. Ich finde es vertieft die Beziehungen.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im
Raum. Wie löst Ihr das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?

Lars: Interessanterweise empfinde ich das gar nicht so, zumindest bislang nicht. In unserer Arbeit fokussieren wir sehr auf das emotionale Erleben des Patenten, somit ist das ohnehin sehr präsent.
Imke: Die wichtigste Quelle hierfür ist neben dem was gesagt wird, explizit oder implizit, zwischen den Zeilen, ja der Gesichtsausruck und den sieht man sogar noch deutlicher.
Lars: ein wenig stört, dass man sich nicht direkt in die Augen sehen kann, aber trotzdem erlebe
ich in besonders emotionalen Moment dennoch ein Gefühl der Verbundenheit.

Welchen Ratschlag würdet Ihr jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming
einsteigt?

Imke: Gerade in unserem Bereich: Unbedingt ein Backup haben, also die Möglichkeit, den
anderen schnell übers Telefon zu erreichen, falls die Verbindung zusammenkracht.
Lars: Und mir scheint, gerade wegen dem fehlenden Augenkontakt, ist es wichtig seine Präsenz sehr aktiv verbal zu kommunizieren, sich nicht darauf zu verlassen, dass der andere an unserem Gesichtsausdruck merkt, dass wir „da“ sind, wirklich zuhören.

Zum Abschluss: Könnt Ihr noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) Ihr jetzt online geht?
Imke: Über ein von der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV) zugelassenen und zertifizierten Videodienst für Ärzte und Therapeuten: sprechstunde.Online von der Deutschen Arzt AG. Jetzt in der Krise ist der sogar umsonst.

Für das Blog Coronapause.de habe ich Imke und Lars zum Thema Stress in der Familie befragt. Ihre Praxisgemeinschaft für Psychotherapie ist in München-Neuhausen.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

Livestreams und Videokonferenzen: Zehn Lehren aus der Coronakrise

Die ?Corona-Ausnahmesituation hat dazu geführt, dass plötzlich mehr Online stattfindet als je zuvor. Ich habe dazu hier im Blog und bei der SZ geschrieben – und ohne bewusste Absicht ist dazu ein kleiner Schwerpunkt hier entstanden. Die folgenden zehn Punkte habe ich für das Magazin „Politik und Kommunikation“ aufgeschrieben – ich nehme sie zum Anlass für eine kleine Serie, in der ich Menschen befrage, die jetzt auf Videostreams und Online-Lehre setzen. Alle Beiträge gibt es unter dem Schlagwort Online-Lehren hier im Blog. Dazu unter anderem das Interview mit Christof Schulz von der VHS SüdOst und dem Zukunftsforscher Gerd Leonhard.
Außerdem sind Fragebögen aus diesen Bereichen erschienen:
Lesungen im Stream
Unterrichten im Stream
Therapie im Stream
Gottendienst im Stream
Friseur im Stream
Workshops im Stream

Man sollte mit Prognosen rund um die Covid19-Pandemie äußerst vorsichtig sein. Eines kann man aber schon heute im März 2020 mit Sicherheit sagen: Dieser März 2020 hat das Thema Live-Streams und Video-Konferenzen mit voller Wucht auf die Agenda auch derjenigen befördert, die sich vorher nicht damit befassen wollten. Durch Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkungen wurden Live-Streams und Video-Konferenzen für viele Menschen aber die einzige Möglichkeit, sozialen Austausch zu haben, zu lernen oder Vorträge zu halten. Die digitale Übertragung dessen, was vorher auf Bühne in Form von Konzerten, Keynotes oder Aufführungen gezeigt wurde, ist dadurch zu einem wichtigen Zweig nicht nur der Web-Kultur geworden. Deshalb hier eine Liste der zehn Lehren in Bezug auf Live-Streams und Video-Konferenzen aus der Coronakrise (Foto: unsplash)

Es geht: Die technische Ausstattung eines gewöhnlichen Laptops reicht aus, um an Videokonferenzen teilzunehmen oder sogar selber digitale Veranstaltungen zu organisieren. Ob und in welcher Qualität diese dann auch übertragen werden, hängt stark von der verfügbaren Bandbreite und von der Belastung der jeweiligen Anbieter an. Aber sicher ist: Es geht.

Es wird mehr: Der Zukunftsforscher Gerd Leonhard sagt: „Wir müssen uns in der Zukunft viel mehr virtuell treffen! Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.“ Er bezieht diese Prognose nicht nur auf die Folgen der Pandemie, sondern auch auf das gestiegene Umwelt-Bewusstsein, auf überflüssige Reisen zu verzichten. Außerdem beweisen die Corona-Tage auch allen Skeptikern, dass diese Form der Telearbeit funktioniert. Es ist also davon auszugehen, dass virtuelle Konferenzen in Zukunft weiter zunehmen werden.

Gute Hardware hilft: Auch wenn die Grundausstattung eines handelsüblichen Laptops und sogar auch Smartphones ausreicht, virtuell teilzunehmen, lohnt es sich, in gute Technik zu investieren. Wer nicht nur zuhören will, sollte sich ein USB-Mikrofon kaufen und wer gesehen werden will, sollte sich mal mit so genannten Ringlichtern befassen. Diese kreisförmige Beleuchtung wird auf YouTube, Instagram oder Tiktok häufig eingesetzt, weil sie die gezeigten Personen in ein erkennbar besseres Licht setzt. Wer in einer Videokonferenz Beiträge leisten will, kann davon profitieren. Gleiches gilt für die Option, Hintergründe zu tauschen oder zumindest so verwischen zu lassen, dass sie nur unscharf zu erkennen sind. Wer den Hintergrund nutzen will, um kreative Kontexte entstehen zu lassen, kann einen so genannten mobilen Green Screen nutzen. Es ist aber wichtig, an die Lektion zu erinnern, die der Wissenschaftler Robert Kelly vor drei Jahren der Welt zeigte. Authentizität schlägt Inszenierung. Der Experte für koreanische Politik war live in eine Fernsehübertragung aus seinem Schlafzimmer geschaltet, als plötzlich seine Kinder im Hintergrund den Raum betraten. Die Szene wurde zu einem weltbekannten Internet-Meme.

Gute Software auch: Der Gewinner der Coronakrise heißt vermutlich Zoom. Die New York Times titelte: „We live in Zoom Now“ um zu beschreiben, wie die Video- und Streaming-Plattform zu dem virtuellen Ort geworden ist, in dem sich Menschen treffen um zu arbeiten, zu unterrichten oder gemeinsam Bier zu trinken. Das Software-Angebot für Videocalls und Streaming ist aber weit größer. Je nach Teilnehmer-Zahl bieten auch Messenger wie WhatsApp, Signal oder Facetime die Möglichkeit zum Videostream. Slack, Microsoft-Teams, Skype und Google-Hangouts werden häufig in Arbeitsumfeldern eingesetzt. Gute Alternativen sind auch Jitsi, Discord, Whereby oder Matrix.

Die Videocall-Etikette ist wichtig: Im Umgang mit Online-Kommunikation ist in den vergangenen Jahren viel über die so genannte Netiquette gesprochen worden, also über ein Regelwerk der Höflichkeit im digitalen Austausch. Auch für virtuelle Konferenzen braucht es soziale Regeln, weil sonst alle durcheinander reden. Außerdem müssen sie die Bereitschaft mitbringen, einander ausreden zu lassen. Sie sollten ihre Technik vor Beginn des Streams testen und ihr Mikrofon auf stumm stellen, wenn sie nicht sprechen. Das Muten ist auch notwendig, wenn man nebenher Notizen eintippen will.

Auf Latenz achten: Eine besondere Herausforderung für die Höflichkeit steckt in dem, was man Latenz nennt. Die kurze Verzögerung, die durch die Übertragung entsteht, dauert manchmal einige Augenblicke und verlangt den Teilnehmenden eine eigene Form der Ausreden-lassen-Geduld ab. Sie müssen also verstehen, dass das Gesagte nicht sofort auch schon gehört ist. Manche Veranstaltungsanbieter sind deshalb und wegen der manchmal instabilen Bandbreiten dazu übergegangen, Vorträge vorab aufzuzeichnen und dann in einer Videokonferenz abzuspielen.

Die Rollen müssen klar sein: Es braucht eine Moderatorin oder einen Moderator, die das Gespräch führen. Sie bestimmen die Regeln der sozialen Interaktion. Dazu zählt die oben erwähnte Videocall-Etikette, sie können aber auch festlegen, welche Form des virtuellen Applaus genutzt werden soll (manchmal klatschen Teilnehmende stumm indem sie mit beiden Händen winken) oder ob man per Chat (schriftlich) oder per Ton (mündlich) nachfragen soll. Die britischen Comedians von Foils Arms and Hog haben einen Sketch online gestellt, in dem einem Lehrer eine virtuelle Klasse entgleitet, weil er eben gar nicht auf die Rollen achtet.

Authentisch sein: Vorträge in einer Online-Konferenz zu halten, ist eine besondere Herausforderung. Es ist nahezu unmöglich, die Stimmung im Publikum auf die Weise zu erspüren, wie dies in einem Vortrag mit Präsenzpublikum möglich ist. Vortragende müssen sich darauf vorbereiten in eine Kamera ohne direktes Feedback zu sprechen. Der Schweizer Autor und Lehrer Philippe Wampfler versucht deshalb vor seinen Vorträgen und Unterrichtsstunden auf informellem Weg die Stimmung im Call zu erspüren, um so besser auf das jeweilige Publikum reagieren zu können. Grundsätzlich gilt jedoch die Lehre aus dem Robert Kelly Video: Authentisch zu bleiben, ist selten falsch.

Vermeintlich abseitige Beispiele im Blick behalten: Die plötzliche Aufmerksamkeit, die das Streaming von Live-Events gerade erfährt, mutet für all diejenigen an, die schon seit Jahren auf Plattformen wie Twitch aktiv sind. Dass Menschen sich beim Computerspielen (Let’s play Video) filmen oder andere Formen von Live-Streams anbieten, ist nämlich keineswegs neu. Es war nur bisher nicht so im Fokus der Mainstream-Öffentlichkeit.

Es werden neue Formate entstehen: Die Entwicklung von Videokonferenzen ist erst am Anfang. Dass jemand einen Vortrag hält und andere dabei zusehen, wird in naher Zukunft zum Beispiel durch so genanntes Co-Watching oder kollaboratives Arbeiten erweitert werden. Instagram hat das Angebot Co-Watching gerade für kleine Gruppen angekündigt. Dabei schauen mehrere Accounts gemeinsam einen Film oder eine Serie an und können darüber sprechen. Die Software Miro nutzt diesen Austausch für die Arbeit an gemeinsamen Whiteboards, beim Social-Reading wird es für die gemeinsame Textlektüre genutzt. Hier werden sich bald noch weitere kreative Formen der digitalen Verbindung entwickeln, die vermutlich am ehesten von denjenigen ausgehehen, die sich trauen, selbst aktiv zu werden.

Diese Liste ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst.

Telebier – ein Interview mit Worterfinder Timo Hetzel

Treffen sich Freund*innen auf ein Bier obwohl sie nicht an einem Ort sind – was sich bis vor kurzem wie ein schlechter Witz anhörte, ist in Zeiten des Kontaktverbots wegen Corona-Gefahr zu einem neuen sozialen Erlebnis geworden. Die New York Times berichtet von Zoom-Partys und das Wall Street Journal vermeldet, dass die Happy Hour jetzt online stattfindet. (Unsplash-Symbolbild: Zwei Biere gemeinsam am Strand)

Timo Hetzel (den ich persönlich schon seit einer Weile kenne) hat für die digitale Verabredung auf einen Drink den Begriff „Telebier“ erfunden. In seinem Podcast Bitsundso (ab etwa Minute 18) hat er den Begriff vorgeschlagen, um Situationen zu beschreiben, in denen Menschen das tun, was offenbar gerade in neuer Trend wird: Sich in einem Videochat verabredet und gemeinsam etwas trinken – halt räumlich getrennt, aber sozial verbunden. Ich habe Timo ein paar Fragen zum Thema Telebier gemailt – er hat mir mit einem Teleprost seine Antworten geschickt.

Neue Situationen erfordern neue Begriffe. Erzähl mal, wie du auf den Begriff „Telebier“ gekommen bist?
Bei der aktuellen Diskussion um Home Office, Work from Home etc. hatte ich noch im Hinterkopf, dass diese Überlegungen schon recht alt sind, und tatsächlich bis in die 1980er Jahre zurückreichen. In den USA lag der Fokus auf der Vermeidung der langen Arbeitswege, daher war das Stichwort damals dort „telecommuting“, also Telependeln. Inzwischen habe ich das auch noch nachgelesen: In Deutschland war schon zu Telex-Zeiten die Rede von der Telearbeit, z.B. für Datenerfassung über ein Terminal. Tatsächlich ist daraus damals wenig geworden, aber der Begriff stand zumindest. Die heutigen Bezeichnungen für Videotelefonie, -Meetings oder -Chat treffen den Punkt für den Privatgebrauch nicht ganz. FaceTime von Apple betont zumindest im Namen den Kern: Sich auch über die Entfernung Gesicht zu Gesicht nahe zu sein.

Kennst du andere internationele Begriffe für „Gemeinsam im Video auf ein Getränk“-Treffen? bzw. welche Optionen hätte es noch gegeben?
Nicht speziell dafür, aber es gibt natürlich eine Unmenge an Tools, um Menschen auch mit Distanz gemeinsam Freizeitaktivitäten wahrnehmen zu lassen. Ein Beispiel: Netflix Party, um einen gemeinsamen Videoabend zu koordinieren.
Es gibt ja größere Videokonferenzsysteme, bei denen mehrere Bildschirme die vierte Wand eines Konferenzraums bilden und damit die Distanz überbrücken. Zu Hause lässt sich das mit einem Laptop, dem Fernseher und ein paar Funkkopfhörern auch leicht nachbilden. Binge-Skypen rollt auch nicht so schön von der Zunge wie ein Telebier.

Bist du selber regelmäßiger Telebier-Trinker?
Nur ab und an im Podcast, nachdem ich zur Zeit nicht einmal die Podcastkollegen aus der Region München persönlich im Studio treffen kann. Abgesehen davon leben ja zwei Kollegen sowieso in Wiesbaden und Helsinki, vielleicht sollten wir das auch außerhalb der Sendung mal machen.

Du nimmst regelmäßig einen sehr erfolgreichen Podcast auf – häufiger auch mit Telebier, oder? Habt Ihr den Begriff vorher schon mal genutzt?
Bei der Sprechkabine testen wir öfters ein ausgefallenes Bier oder zünden uns einen Friesengeist an, jetzt eben in getrennten Sprechkabinen.
Bei Bits und so (bitsundso.de) eher weniger, dort haben wir uns bisher aber immer wieder „Care“-Pakete mit mehr oder weniger leckeren Speisen und Getränken zukommen lassen, weil wir uns alle ansonsten nur ein- oder zweimal im Jahr sehen. Manchmal schicken uns auch unsere Hörer regionale Spezialitäten zu.

Der Begriff ist eine schöne Veränderung durch die Krise. Siehst du noch andere?
Wenn ich eine Chance in der Krise sehen soll, dann ist es die, dass in mehr Bereichen die Vorzüge der Digitalisierung in Betracht gezogen werden. Home Office oder Telearbeit würde vielen Arbeitnehmern größere Flexibilität verleihen, wir könnten den Verkehr reduzieren, Firmen könnten Kosten für Immobilien sparen, Menschen könnten auf dem Land leben und in der Stadt telearbeiten. Die Grundvoraussetzung dafür natürlich sind leistungsfähige Datennetze, und da steht Deutschland leider nach Jahrzehnten von Korruption und Misregulation ganz schlecht da. Es braucht ein Recht auf Internetzugang, bis zum letzten Kaff, und zwar ungedrosselt, symmetrisch und netzneutral. Vielleicht kommt das mit der Krise auch bei mehr Entscheidern an, dass das Internet nicht
nur ein Einwegrohr von Netflix bis zur Glotze ist, sondern in beiden Richtungen funktioniert.

Wird Telebier auch nach der Krise bleiben?
Edward Snowden rollt ab und an mit einem Telepresence-Roboter über irgendwelche Veranstaltungen, weil er das mit dem Social Distancing schon eine Weile praktizieren muss. Das ist sicherlich nicht das Ziel, aber wenn es die Umstände eben anders nicht erlauben, kann man sich auch auf die Entfernung mit Freunden treffen. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt: Telepizza, Telegrillen, Teleburger.

Abschlussfrage: Glaubst Du, dass Brauereien oder Kneipen von der Idee Telebier profitieren könnten?
Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden wohl die wildesten Vorstellungen sprengen, und ich hoffe, dass sich gerade auch die lokalen Geschäfte, Kneipen und kleinen Brauereien durch die Krise retten können. Vor Kurzem habe ich die Landbierzentrale in Germering entdeckt, die schon lange ausdrücklich kleine Brauereien im Vertrieb unterstützt.
Ich habe auch gesehen, dass einige kleinere und größere Brauereien spontan Lieferdienste eingerichtet oder ausgebaut haben, z.B. das noch sehr junge Brauhaus Germering (brauhaus-germering.eu) oder Schremser in Wien.

Das Thema Home-Office und ?Corona-Krise hat sich zu einem kleinen Schwerpunkt im Blog in diesem Monat entwickelt – unter dem a href=“/Tag/corona/“>?Schlagwort gibt es noch mehr Artikel

Corona-Krise

Volkshochschule im Internet: Interview mit Christof Schulz über Livestreaming

Als ich im vergangenen Dezember auf Einladung der Volkshochschule Ottobrunn zu einem Vortrag im dortigen Rathaus auftrat, war ich einigermaßen erstaunt, wie selbstverständlich und souverän dort der Vortrag ins Netz gestreamt wurde. Geschäftsführer Christof Schulz und sein Team setzten dort schon vor der Corona-Krise in die Tat um, was jetzt ein großes Thema ist: die digitale Übertragung von Veranstaltungen (Foto: unsplash).

Am heutigen Montag abend darf ich auf Einladung der VHS wieder im Livestream sprechen. Es geht um Kommunikation in Krisen-Zeiten. Mit meinem Kollegen Klaus Ott habe ich dazu zehn Ratschläge in die SZ geschrieben – und hier im Blog auch schon zur Panikvermeidung in Corona-Zeiten geschrieben.

Hier kann man sich den Stream anschauen!
Vorab habe ich dem Geschäftsführer der VHS Südost, Christof Schulz, ein paar Fragen zum Thema Stream und Internet gemailt.

Live-Streams von Veranstaltungen sind gerade ein großes Thema. Sie machen das an der VHS Ottobrun schon seit einer Weile. Wie kam es dazu, dass Sie schon früh mit dem Thema begonnen haben?
Volkshochschulen sind Einrichtungen mit einem recht begrenzten regionalen Markt. Kooperation gibt es natürlich, aber die Idee jenseits aller regionalen Grenzen zusammenarbeiten zu können und damit Angebote und Inhalte für alle deutschsprachigen Bildungseinrichtungen letzlich in der ganzen Welt anbieten zu können, das hat uns gereizt. Dazu kommt, dass uns die digitale Teilhabe für alle an der vhs SüdOst sehr wichtig ist. Da schien es uns naheliegend unser Programm durch die neuen Möglichkeiten zu erweitern, unseren TeilnehmerInnen diese Möglichkeiten zu vermitteln und auch barrierefreier zu werden. Vorträge und Diskussionen können jetzt vom Sofa aus besucht werden, kein Stress mehr, um pünktlich ab 19.30 Uhr nach Arbeitstag oder Familienversorgung noch in die vhs zu hetzten.

Wie lösen Sie das Streaming technisch?
Eigentlich ganz einfach, wir nutzen die Software zoom und je nach Anlass 1-2 Kameras und etwas Tontechnik. Mittlerweile haben wir das gut im Griff und schaffen Auf- und Abbau in nicht einmal 40 Minuten.

Welche Erfahrungen haben Sie kulturell bisher gemacht, also: Wie reagieren Ihre Gäste auf das Streaming-Angebot?
Die Reaktionen sind überwiegend sehr sehr positiv. Seit der Corona-Pandemie geradezu begeistert.
Ich glaube für einige vhs-TeilnehmerInnen war es bis vor kurzem schon ein kleines Abenteuer die technischen Hürden zu überwinden und es hat sich ein enstprechender Stolz geszeigt, wenn sie dann nicht nur zusehen, sondern sich auch noch über den Chat beteiligen konnten. Insbesondere das Zusammenwirken von Präsenz- und Online-Publikum zu einer gemeinsamen Diskussion kommt auch gut an. Da war ich mir anfangs nicht so sicher, denn für die TeilnehmerInnen vor Ort ist der „weg“ zum Referenten natürlich viel kürzer als für die Teilnehmer, die sich nur über einen Chat beteiligen können und dann die Frage noch von einem Moderator stellvertretend gestellt werden muss. Klappt aber bis jetzt sehr gut.
Ein Erfolgsrezept ist es auch, dass wir alle unsere Livestreams auch anderen zur Verfügung stellen, so können Fachleute und Referenten über die örtlichen Einrichtungen gebucht werden, auf die so mache Einrichtung ansonsten keinen „Zugriff“ hätte. Das wissen viele TeilnehmerInnen zu schätzen.

Was war die bisher beste und was die negativste Erfahrung?
Die beste Erfahrung war bisher zu sehen, dass eigentlich von Semester zu Semester die Zuschauerzahlen gestiegen sind und wir letzte Woche – natürlich bedingt duch die Corona-Pandemie – mindestens 350 ZuscherInnen hatten. Das war bewegend zu sehen, wie schnell die Beitritte in den Online-Raum nach oben geschnellt sind. Auch das überwältigend positive Feedback und die Dankbarkeit der ZuschauerInnen war toll.

Und negative Erfahrungen?
Richtig negativ war bis jetzt nichts, evtl. die Tatsache, dass die Abhängigkeit von der Technik nochmal eine Stufe deutlicher ausfällt und wir die Netzqualität nicht kontrollieren können. In physischen Räumen sind die meisten Probleme schnell zu lösen, wenn jemand einfach nicht reinkommt oder die Netzqualität nicht reicht, dann können wir nichts machen.

Welche Lehren würden Sie Menschen weitergeben, die jetzt mit Streams beginnen wollen?
Technik und insbesondere Zutritt für die TeilnehmerInnen so einfach wie möglich halten.
Immer die technische Seite mitdenken und auf entsprechende Fragen und Hilfestellungen vorbereitet sein.
ReferentInnen immer vorab informieren und vorbereiten, Kameras sind manchmal gewöhnungsbedürftig und es ist extrem wichtig das Publikum außerhalb des Raums mitzudenken.
Ein Livestream sind im Prinzip zwei Veranstaltungen auf einmal, da braucht man auch zwei Personen zur Betreuung, alleine ist man schnell überfordert.

Nutzen Sie selbst als Zuschauer Streams? Haben Sie da einen Tipp?
Dafür habe ich leider nur wenig Zeit, im Moment vergeht kaum ein Abend, an dem ich nicht die Livekonzerte von Igor Levit verfolge. Ich bin zwar nicht der Klassikfan aber die Streams sind sehr emotional und lebendig, wirklich wunderschön. Und es ist so einfach dabei zu sein, dass es fast wie eine persönliche Einladung ins Wohnzimmer wirkt.

Glück auf! Wir sind nicht allein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist der etwas ungewöhnliche Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er steht in diesem Monat unter dem Eindruck der ?Corona-Ausnahmesituation.

Ich komme gebürtig aus dem Ruhrgebiet. Das finde ich ziemlich gut. Auch wenn Menschen von woanders nicht sofort auf „ziemlich gut“ kommen, wenn sie aufs Ruhrgebiet angesprochen werden. Das ist aber das Problem von woanders.

Trotzdem gibt es nur wenig, was mir unangenehmer ist, als Ruhrpottkitsch, also die Romantisierung von Dingen, die man für irgendwie „typisch“ hält – für die aber meist gilt, was Frank Goosen völlig zurecht auf den Punkt gebracht hat als: „Woanders ist auch scheiße“.

Besonders anfällig für Ruhrpottkitsch sind alle Dinge, die mit dem Bergbau zusammenhängen (Foto: feinster ?Ruhrpottkitsch aus der Schalke-Arena, wo 60.000 Menschen das Steigerlied singen, das mit „Glück auf, der Steiger kommt“ beginnt). Ehrlich gesagt hätte ich bis vor wenigen Tagen sogar zugestimmt, wenn jemand gesagt hätte, dass jede Anspielung auf den Bergbau voller Ruhrpottkitsch steckt. Dass ich mittlerweile eine Ausnahme für den Gruß Glück auf! machen würde, hängt mit der Ausnahmesituation zusammen, in der die Gesellschaft durch das Coronavirus und seine Folgen steckt.

Mit Glück auf! grüßten sich Bergleute unter Tage, also in den Kohlestollen tief unter der Erde. Glück auf! war Selbstbeschwörung und Wunsch für die anderen gleichmaßen. Glück auf! war Ausdruck der gemeinsamen Hoffnung, bald wieder „nach oben“ zu kommen: also sicher und gesund die beklemmende Enge in den Stollen zu verlassen, in der man nicht mal die Arme ausstrecken geschweige denn aufrecht stehen konnte. Kauern Sie sich bis zum Ende dieser Lektüre einfach mal auf den Boden, dann können Sie verstehen, was für eine Befreiung in diesem Gruss steckt: Glück auf! war das gegenseitige Versprechen von Sonne und Licht in der tiefen Dunkelheit.

Sie können wieder aufstehen. Denn Glück auf! ist vor allem noch heute der freundlichste Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung, die leider viel zu oft in der Augenhöhe-Floskel verhunzt wird. Mit jedem Glück auf! wird greifbar, dass hier zwei ein Schicksal teilen. Es sagt: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“ In jedem Glück auf! klingt deshalb immer sehr deutlich das Versprechen: Wir sind nicht allein!

„We are in it together“ ist das dominierende Gefühl, das ich mit der aktuellen Ausnahmesituation verbinde. Wir stecken alle zusammen hier fest. Und mit wir meine ich die tatsächlich nichts weniger als „die Menschheit“. All die Grenzen, die man uns hinsozialisiert hat, sind plötzlich wertlos: Dem Virus ist egal, woran der Kopf auf dem Körper glaubt, den es infiziert. Auch die Hautfarbe, das Geschlecht, das Gewicht, die Größe und all die anderen Dinge, von denen wir glauben, dass sie uns irgendwie bestimmen, spielen für das Virus keine Rolle. Sprache? Nationalität? Politische oder sexuelle Präferenzen? Für das Virus: alle gleich!

Noch vorsichtiger als mit Ruhrpottkitsch sollte man mit Botschaften sein, die man irgendwo rauslesen will. Aber hier muss man nicht mal genau hingucken um zu erkennen: All die Spaltungen der vergangenen Jahre sind mit einem unachtsamen Husten neben die Ellenbeuge hinfällig. All die Nationalisten und religiösen Fanatiker, die daran glaubten, etwas Besseres zu sein, verlieren ihre Grundlage. Im Angesicht des Virus spielt es keine Rolle, was du zu Thema x meinst oder ob du womöglich (Skandal!11!!!) anderer Meinung bist als ich.

Ich markiere mir genau diese Erinnerung in Pocket (oder einem anderen Readit-Later-Dienst) um wieder dran zu denken, wenn demnächst irgendeine Umweltsau durchs Dorf gejagt wird. Denn ich glaube fest daran, dass wir diese beklemmende Enge der Corona-Ausnahmesituation irgendwann wieder verlassen können. Und wenn wir dann wieder über Tage sind, will ich mich genau daran erinnern können – und ein wenig wie das Virus auf all die Konflikte und Spaltungen gucken: Sind halt alles Menschen!

Als kleine Erinnerung daran verwende ich deshalb den Gruß Glück auf! wenn ich Menschen in räumlicher (nicht sozialer) Distanz signalisieren will: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“
Das ist so ähnlich wie das freundliche Bleiben Sie gesund!, das ich in diesen unruhigen Tagen immer wieder höre – und das mich jedes Mal kurz zucken lässt. Diese drei Worte wecken bei mir stets den Eindruck, Gesundheit sei etwas, das man sich vornehmen kann, das davon abhängt, dass man es aktiv tut. Klar, es gibt einige Regeln für die aktuelle Corona-Lage, die im Sinne der Gesundheit verbreitet werden. Aber grundsätzlich zeigt die aktuelle Situation doch vor allem das: Gesundheit ist nichts, was man sich vornehmen kann.

Der Wunsch besagt natürlich viel mehr. Er sagt: Kommen Sie gut durch diese Zeit. Er ist ein Ausdruck von Empathie und Freundlichkeit. Und er ist auch deshalb so erstaunlich, weil man ihn in Zusammenhängen hört, wo bisher weniger Platz war für Empathie und Freundlichkeit. Deshalb denke ich mir bei jedem Bleiben Sie gesund! immer ein kleines Bleiben Sie menschlich! hinten dran. Weil das für mich einschließt, dass man daheim bleibt, auch wenn man selber nicht zur Risikogruppe zählt. Weil es daran erinnert, dass man anderen hilft, dass man nur soviel kauft wie man selber braucht und keine unsinnige Gerüchte verbreitet.

Bleiben Sie menschlich, bleiben Sie gesund – das beides und noch einiges mehr steckt in dem Gruß, den ich mit diesem Newsletter verschicken will: Glück auf! ist in diesen dunklen, engen Tagen ein Versprechen von Licht, Weite und Menschlichkeit!

Shruggie des Monats: der Shruggie selbst

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Eines ist sicher: Wir erleben gerade unsichere Zeiten. Die Ausnahmesituation im Umgang mit dem Corona-Virus ist neu, verwirrend und manchmal auch beängstigend. Sie verändert den Alltag nicht nur in diesem Land und dominiert unsere (nicht nur mediale) Wahrnehmung.

Als ich den Shruggie für das Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ adoptierte, hatte ich keine Ahnung von Corona. Aber ich wollte darüber schreiben, wie wir mit dem Neuen umgehen lernen – und dabei gelassen bleiben. Die Überforderung, so sage ich es seit dem Buch immer wieder, ist der Default-Modus unserer Zeit. Wir müssen lernen damit umzugehen.

Das fröhliches Schulterzucken kann dabei eine Hilfe sein: ¯\_(ツ)_/¯ Mehr noch: Vielleicht ist der Shruggie der beste Ausdruck für das, was #wirbleibenzuhause uns gerade abverlangt: auch in einer aussergewöhnlichen Situation gelassen zu bleiben.

Ich freue mich, dass mir Menschen schreiben, dass sie in der Corona-Aufregung Orientierung durch den Shruggie gefunden haben. Deshalb in diesem aufregenden Monat: Der Shruggie selbst ist der Shruggie des Monats!

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.