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Livestreams und Videokonferenzen: Zehn Lehren aus der Coronakrise

Die ?Corona-Ausnahmesituation hat dazu geführt, dass plötzlich mehr Online stattfindet als je zuvor. Ich habe dazu hier im Blog und bei der SZ geschrieben – und ohne bewusste Absicht ist dazu ein kleiner Schwerpunkt hier entstanden. Die folgenden zehn Punkte habe ich für das Magazin „Politik und Kommunikation“ aufgeschrieben – ich nehme sie zum Anlass für eine kleine Serie, in der ich Menschen befrage, die jetzt auf Videostreams und Online-Lehre setzen. Alle Beiträge gibt es unter dem Schlagwort Online-Lehren hier im Blog. Dazu unter anderem das Interview mit Christof Schulz von der VHS SüdOst und dem Zukunftsforscher Gerd Leonhard.
Außerdem sind Fragebögen aus diesen Bereichen erschienen:
Lesungen im Stream
Unterrichten im Stream
Therapie im Stream
Gottendienst im Stream
Friseur im Stream
Workshops im Stream

Man sollte mit Prognosen rund um die Covid19-Pandemie äußerst vorsichtig sein. Eines kann man aber schon heute im März 2020 mit Sicherheit sagen: Dieser März 2020 hat das Thema Live-Streams und Video-Konferenzen mit voller Wucht auf die Agenda auch derjenigen befördert, die sich vorher nicht damit befassen wollten. Durch Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkungen wurden Live-Streams und Video-Konferenzen für viele Menschen aber die einzige Möglichkeit, sozialen Austausch zu haben, zu lernen oder Vorträge zu halten. Die digitale Übertragung dessen, was vorher auf Bühne in Form von Konzerten, Keynotes oder Aufführungen gezeigt wurde, ist dadurch zu einem wichtigen Zweig nicht nur der Web-Kultur geworden. Deshalb hier eine Liste der zehn Lehren in Bezug auf Live-Streams und Video-Konferenzen aus der Coronakrise (Foto: unsplash)

Es geht: Die technische Ausstattung eines gewöhnlichen Laptops reicht aus, um an Videokonferenzen teilzunehmen oder sogar selber digitale Veranstaltungen zu organisieren. Ob und in welcher Qualität diese dann auch übertragen werden, hängt stark von der verfügbaren Bandbreite und von der Belastung der jeweiligen Anbieter an. Aber sicher ist: Es geht.

Es wird mehr: Der Zukunftsforscher Gerd Leonhard sagt: „Wir müssen uns in der Zukunft viel mehr virtuell treffen! Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.“ Er bezieht diese Prognose nicht nur auf die Folgen der Pandemie, sondern auch auf das gestiegene Umwelt-Bewusstsein, auf überflüssige Reisen zu verzichten. Außerdem beweisen die Corona-Tage auch allen Skeptikern, dass diese Form der Telearbeit funktioniert. Es ist also davon auszugehen, dass virtuelle Konferenzen in Zukunft weiter zunehmen werden.

Gute Hardware hilft: Auch wenn die Grundausstattung eines handelsüblichen Laptops und sogar auch Smartphones ausreicht, virtuell teilzunehmen, lohnt es sich, in gute Technik zu investieren. Wer nicht nur zuhören will, sollte sich ein USB-Mikrofon kaufen und wer gesehen werden will, sollte sich mal mit so genannten Ringlichtern befassen. Diese kreisförmige Beleuchtung wird auf YouTube, Instagram oder Tiktok häufig eingesetzt, weil sie die gezeigten Personen in ein erkennbar besseres Licht setzt. Wer in einer Videokonferenz Beiträge leisten will, kann davon profitieren. Gleiches gilt für die Option, Hintergründe zu tauschen oder zumindest so verwischen zu lassen, dass sie nur unscharf zu erkennen sind. Wer den Hintergrund nutzen will, um kreative Kontexte entstehen zu lassen, kann einen so genannten mobilen Green Screen nutzen. Es ist aber wichtig, an die Lektion zu erinnern, die der Wissenschaftler Robert Kelly vor drei Jahren der Welt zeigte. Authentizität schlägt Inszenierung. Der Experte für koreanische Politik war live in eine Fernsehübertragung aus seinem Schlafzimmer geschaltet, als plötzlich seine Kinder im Hintergrund den Raum betraten. Die Szene wurde zu einem weltbekannten Internet-Meme.

Gute Software auch: Der Gewinner der Coronakrise heißt vermutlich Zoom. Die New York Times titelte: „We live in Zoom Now“ um zu beschreiben, wie die Video- und Streaming-Plattform zu dem virtuellen Ort geworden ist, in dem sich Menschen treffen um zu arbeiten, zu unterrichten oder gemeinsam Bier zu trinken. Das Software-Angebot für Videocalls und Streaming ist aber weit größer. Je nach Teilnehmer-Zahl bieten auch Messenger wie WhatsApp, Signal oder Facetime die Möglichkeit zum Videostream. Slack, Microsoft-Teams, Skype und Google-Hangouts werden häufig in Arbeitsumfeldern eingesetzt. Gute Alternativen sind auch Jitsi, Discord, Whereby oder Matrix.

Die Videocall-Etikette ist wichtig: Im Umgang mit Online-Kommunikation ist in den vergangenen Jahren viel über die so genannte Netiquette gesprochen worden, also über ein Regelwerk der Höflichkeit im digitalen Austausch. Auch für virtuelle Konferenzen braucht es soziale Regeln, weil sonst alle durcheinander reden. Außerdem müssen sie die Bereitschaft mitbringen, einander ausreden zu lassen. Sie sollten ihre Technik vor Beginn des Streams testen und ihr Mikrofon auf stumm stellen, wenn sie nicht sprechen. Das Muten ist auch notwendig, wenn man nebenher Notizen eintippen will.

Auf Latenz achten: Eine besondere Herausforderung für die Höflichkeit steckt in dem, was man Latenz nennt. Die kurze Verzögerung, die durch die Übertragung entsteht, dauert manchmal einige Augenblicke und verlangt den Teilnehmenden eine eigene Form der Ausreden-lassen-Geduld ab. Sie müssen also verstehen, dass das Gesagte nicht sofort auch schon gehört ist. Manche Veranstaltungsanbieter sind deshalb und wegen der manchmal instabilen Bandbreiten dazu übergegangen, Vorträge vorab aufzuzeichnen und dann in einer Videokonferenz abzuspielen.

Die Rollen müssen klar sein: Es braucht eine Moderatorin oder einen Moderator, die das Gespräch führen. Sie bestimmen die Regeln der sozialen Interaktion. Dazu zählt die oben erwähnte Videocall-Etikette, sie können aber auch festlegen, welche Form des virtuellen Applaus genutzt werden soll (manchmal klatschen Teilnehmende stumm indem sie mit beiden Händen winken) oder ob man per Chat (schriftlich) oder per Ton (mündlich) nachfragen soll. Die britischen Comedians von Foils Arms and Hog haben einen Sketch online gestellt, in dem einem Lehrer eine virtuelle Klasse entgleitet, weil er eben gar nicht auf die Rollen achtet.

Authentisch sein: Vorträge in einer Online-Konferenz zu halten, ist eine besondere Herausforderung. Es ist nahezu unmöglich, die Stimmung im Publikum auf die Weise zu erspüren, wie dies in einem Vortrag mit Präsenzpublikum möglich ist. Vortragende müssen sich darauf vorbereiten in eine Kamera ohne direktes Feedback zu sprechen. Der Schweizer Autor und Lehrer Philippe Wampfler versucht deshalb vor seinen Vorträgen und Unterrichtsstunden auf informellem Weg die Stimmung im Call zu erspüren, um so besser auf das jeweilige Publikum reagieren zu können. Grundsätzlich gilt jedoch die Lehre aus dem Robert Kelly Video: Authentisch zu bleiben, ist selten falsch.

Vermeintlich abseitige Beispiele im Blick behalten: Die plötzliche Aufmerksamkeit, die das Streaming von Live-Events gerade erfährt, mutet für all diejenigen an, die schon seit Jahren auf Plattformen wie Twitch aktiv sind. Dass Menschen sich beim Computerspielen (Let’s play Video) filmen oder andere Formen von Live-Streams anbieten, ist nämlich keineswegs neu. Es war nur bisher nicht so im Fokus der Mainstream-Öffentlichkeit.

Es werden neue Formate entstehen: Die Entwicklung von Videokonferenzen ist erst am Anfang. Dass jemand einen Vortrag hält und andere dabei zusehen, wird in naher Zukunft zum Beispiel durch so genanntes Co-Watching oder kollaboratives Arbeiten erweitert werden. Instagram hat das Angebot Co-Watching gerade für kleine Gruppen angekündigt. Dabei schauen mehrere Accounts gemeinsam einen Film oder eine Serie an und können darüber sprechen. Die Software Miro nutzt diesen Austausch für die Arbeit an gemeinsamen Whiteboards, beim Social-Reading wird es für die gemeinsame Textlektüre genutzt. Hier werden sich bald noch weitere kreative Formen der digitalen Verbindung entwickeln, die vermutlich am ehesten von denjenigen ausgehehen, die sich trauen, selbst aktiv zu werden.

Diese Liste ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst.

Telebier – ein Interview mit Worterfinder Timo Hetzel

Treffen sich Freund*innen auf ein Bier obwohl sie nicht an einem Ort sind – was sich bis vor kurzem wie ein schlechter Witz anhörte, ist in Zeiten des Kontaktverbots wegen Corona-Gefahr zu einem neuen sozialen Erlebnis geworden. Die New York Times berichtet von Zoom-Partys und das Wall Street Journal vermeldet, dass die Happy Hour jetzt online stattfindet. (Unsplash-Symbolbild: Zwei Biere gemeinsam am Strand)

Timo Hetzel (den ich persönlich schon seit einer Weile kenne) hat für die digitale Verabredung auf einen Drink den Begriff „Telebier“ erfunden. In seinem Podcast Bitsundso (ab etwa Minute 18) hat er den Begriff vorgeschlagen, um Situationen zu beschreiben, in denen Menschen das tun, was offenbar gerade in neuer Trend wird: Sich in einem Videochat verabredet und gemeinsam etwas trinken – halt räumlich getrennt, aber sozial verbunden. Ich habe Timo ein paar Fragen zum Thema Telebier gemailt – er hat mir mit einem Teleprost seine Antworten geschickt.

Neue Situationen erfordern neue Begriffe. Erzähl mal, wie du auf den Begriff „Telebier“ gekommen bist?
Bei der aktuellen Diskussion um Home Office, Work from Home etc. hatte ich noch im Hinterkopf, dass diese Überlegungen schon recht alt sind, und tatsächlich bis in die 1980er Jahre zurückreichen. In den USA lag der Fokus auf der Vermeidung der langen Arbeitswege, daher war das Stichwort damals dort „telecommuting“, also Telependeln. Inzwischen habe ich das auch noch nachgelesen: In Deutschland war schon zu Telex-Zeiten die Rede von der Telearbeit, z.B. für Datenerfassung über ein Terminal. Tatsächlich ist daraus damals wenig geworden, aber der Begriff stand zumindest. Die heutigen Bezeichnungen für Videotelefonie, -Meetings oder -Chat treffen den Punkt für den Privatgebrauch nicht ganz. FaceTime von Apple betont zumindest im Namen den Kern: Sich auch über die Entfernung Gesicht zu Gesicht nahe zu sein.

Kennst du andere internationele Begriffe für „Gemeinsam im Video auf ein Getränk“-Treffen? bzw. welche Optionen hätte es noch gegeben?
Nicht speziell dafür, aber es gibt natürlich eine Unmenge an Tools, um Menschen auch mit Distanz gemeinsam Freizeitaktivitäten wahrnehmen zu lassen. Ein Beispiel: Netflix Party, um einen gemeinsamen Videoabend zu koordinieren.
Es gibt ja größere Videokonferenzsysteme, bei denen mehrere Bildschirme die vierte Wand eines Konferenzraums bilden und damit die Distanz überbrücken. Zu Hause lässt sich das mit einem Laptop, dem Fernseher und ein paar Funkkopfhörern auch leicht nachbilden. Binge-Skypen rollt auch nicht so schön von der Zunge wie ein Telebier.

Bist du selber regelmäßiger Telebier-Trinker?
Nur ab und an im Podcast, nachdem ich zur Zeit nicht einmal die Podcastkollegen aus der Region München persönlich im Studio treffen kann. Abgesehen davon leben ja zwei Kollegen sowieso in Wiesbaden und Helsinki, vielleicht sollten wir das auch außerhalb der Sendung mal machen.

Du nimmst regelmäßig einen sehr erfolgreichen Podcast auf – häufiger auch mit Telebier, oder? Habt Ihr den Begriff vorher schon mal genutzt?
Bei der Sprechkabine testen wir öfters ein ausgefallenes Bier oder zünden uns einen Friesengeist an, jetzt eben in getrennten Sprechkabinen.
Bei Bits und so (bitsundso.de) eher weniger, dort haben wir uns bisher aber immer wieder „Care“-Pakete mit mehr oder weniger leckeren Speisen und Getränken zukommen lassen, weil wir uns alle ansonsten nur ein- oder zweimal im Jahr sehen. Manchmal schicken uns auch unsere Hörer regionale Spezialitäten zu.

Der Begriff ist eine schöne Veränderung durch die Krise. Siehst du noch andere?
Wenn ich eine Chance in der Krise sehen soll, dann ist es die, dass in mehr Bereichen die Vorzüge der Digitalisierung in Betracht gezogen werden. Home Office oder Telearbeit würde vielen Arbeitnehmern größere Flexibilität verleihen, wir könnten den Verkehr reduzieren, Firmen könnten Kosten für Immobilien sparen, Menschen könnten auf dem Land leben und in der Stadt telearbeiten. Die Grundvoraussetzung dafür natürlich sind leistungsfähige Datennetze, und da steht Deutschland leider nach Jahrzehnten von Korruption und Misregulation ganz schlecht da. Es braucht ein Recht auf Internetzugang, bis zum letzten Kaff, und zwar ungedrosselt, symmetrisch und netzneutral. Vielleicht kommt das mit der Krise auch bei mehr Entscheidern an, dass das Internet nicht
nur ein Einwegrohr von Netflix bis zur Glotze ist, sondern in beiden Richtungen funktioniert.

Wird Telebier auch nach der Krise bleiben?
Edward Snowden rollt ab und an mit einem Telepresence-Roboter über irgendwelche Veranstaltungen, weil er das mit dem Social Distancing schon eine Weile praktizieren muss. Das ist sicherlich nicht das Ziel, aber wenn es die Umstände eben anders nicht erlauben, kann man sich auch auf die Entfernung mit Freunden treffen. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt: Telepizza, Telegrillen, Teleburger.

Abschlussfrage: Glaubst Du, dass Brauereien oder Kneipen von der Idee Telebier profitieren könnten?
Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden wohl die wildesten Vorstellungen sprengen, und ich hoffe, dass sich gerade auch die lokalen Geschäfte, Kneipen und kleinen Brauereien durch die Krise retten können. Vor Kurzem habe ich die Landbierzentrale in Germering entdeckt, die schon lange ausdrücklich kleine Brauereien im Vertrieb unterstützt.
Ich habe auch gesehen, dass einige kleinere und größere Brauereien spontan Lieferdienste eingerichtet oder ausgebaut haben, z.B. das noch sehr junge Brauhaus Germering (brauhaus-germering.eu) oder Schremser in Wien.

Das Thema Home-Office und ?Corona-Krise hat sich zu einem kleinen Schwerpunkt im Blog in diesem Monat entwickelt – unter dem a href=“/Tag/corona/“>?Schlagwort gibt es noch mehr Artikel

Corona-Krise

Volkshochschule im Internet: Interview mit Christof Schulz über Livestreaming

Als ich im vergangenen Dezember auf Einladung der Volkshochschule Ottobrunn zu einem Vortrag im dortigen Rathaus auftrat, war ich einigermaßen erstaunt, wie selbstverständlich und souverän dort der Vortrag ins Netz gestreamt wurde. Geschäftsführer Christof Schulz und sein Team setzten dort schon vor der Corona-Krise in die Tat um, was jetzt ein großes Thema ist: die digitale Übertragung von Veranstaltungen (Foto: unsplash).

Am heutigen Montag abend darf ich auf Einladung der VHS wieder im Livestream sprechen. Es geht um Kommunikation in Krisen-Zeiten. Mit meinem Kollegen Klaus Ott habe ich dazu zehn Ratschläge in die SZ geschrieben – und hier im Blog auch schon zur Panikvermeidung in Corona-Zeiten geschrieben.

Hier kann man sich den Stream anschauen!
Vorab habe ich dem Geschäftsführer der VHS Südost, Christof Schulz, ein paar Fragen zum Thema Stream und Internet gemailt.

Live-Streams von Veranstaltungen sind gerade ein großes Thema. Sie machen das an der VHS Ottobrun schon seit einer Weile. Wie kam es dazu, dass Sie schon früh mit dem Thema begonnen haben?
Volkshochschulen sind Einrichtungen mit einem recht begrenzten regionalen Markt. Kooperation gibt es natürlich, aber die Idee jenseits aller regionalen Grenzen zusammenarbeiten zu können und damit Angebote und Inhalte für alle deutschsprachigen Bildungseinrichtungen letzlich in der ganzen Welt anbieten zu können, das hat uns gereizt. Dazu kommt, dass uns die digitale Teilhabe für alle an der vhs SüdOst sehr wichtig ist. Da schien es uns naheliegend unser Programm durch die neuen Möglichkeiten zu erweitern, unseren TeilnehmerInnen diese Möglichkeiten zu vermitteln und auch barrierefreier zu werden. Vorträge und Diskussionen können jetzt vom Sofa aus besucht werden, kein Stress mehr, um pünktlich ab 19.30 Uhr nach Arbeitstag oder Familienversorgung noch in die vhs zu hetzten.

Wie lösen Sie das Streaming technisch?
Eigentlich ganz einfach, wir nutzen die Software zoom und je nach Anlass 1-2 Kameras und etwas Tontechnik. Mittlerweile haben wir das gut im Griff und schaffen Auf- und Abbau in nicht einmal 40 Minuten.

Welche Erfahrungen haben Sie kulturell bisher gemacht, also: Wie reagieren Ihre Gäste auf das Streaming-Angebot?
Die Reaktionen sind überwiegend sehr sehr positiv. Seit der Corona-Pandemie geradezu begeistert.
Ich glaube für einige vhs-TeilnehmerInnen war es bis vor kurzem schon ein kleines Abenteuer die technischen Hürden zu überwinden und es hat sich ein enstprechender Stolz geszeigt, wenn sie dann nicht nur zusehen, sondern sich auch noch über den Chat beteiligen konnten. Insbesondere das Zusammenwirken von Präsenz- und Online-Publikum zu einer gemeinsamen Diskussion kommt auch gut an. Da war ich mir anfangs nicht so sicher, denn für die TeilnehmerInnen vor Ort ist der „weg“ zum Referenten natürlich viel kürzer als für die Teilnehmer, die sich nur über einen Chat beteiligen können und dann die Frage noch von einem Moderator stellvertretend gestellt werden muss. Klappt aber bis jetzt sehr gut.
Ein Erfolgsrezept ist es auch, dass wir alle unsere Livestreams auch anderen zur Verfügung stellen, so können Fachleute und Referenten über die örtlichen Einrichtungen gebucht werden, auf die so mache Einrichtung ansonsten keinen „Zugriff“ hätte. Das wissen viele TeilnehmerInnen zu schätzen.

Was war die bisher beste und was die negativste Erfahrung?
Die beste Erfahrung war bisher zu sehen, dass eigentlich von Semester zu Semester die Zuschauerzahlen gestiegen sind und wir letzte Woche – natürlich bedingt duch die Corona-Pandemie – mindestens 350 ZuscherInnen hatten. Das war bewegend zu sehen, wie schnell die Beitritte in den Online-Raum nach oben geschnellt sind. Auch das überwältigend positive Feedback und die Dankbarkeit der ZuschauerInnen war toll.

Und negative Erfahrungen?
Richtig negativ war bis jetzt nichts, evtl. die Tatsache, dass die Abhängigkeit von der Technik nochmal eine Stufe deutlicher ausfällt und wir die Netzqualität nicht kontrollieren können. In physischen Räumen sind die meisten Probleme schnell zu lösen, wenn jemand einfach nicht reinkommt oder die Netzqualität nicht reicht, dann können wir nichts machen.

Welche Lehren würden Sie Menschen weitergeben, die jetzt mit Streams beginnen wollen?
Technik und insbesondere Zutritt für die TeilnehmerInnen so einfach wie möglich halten.
Immer die technische Seite mitdenken und auf entsprechende Fragen und Hilfestellungen vorbereitet sein.
ReferentInnen immer vorab informieren und vorbereiten, Kameras sind manchmal gewöhnungsbedürftig und es ist extrem wichtig das Publikum außerhalb des Raums mitzudenken.
Ein Livestream sind im Prinzip zwei Veranstaltungen auf einmal, da braucht man auch zwei Personen zur Betreuung, alleine ist man schnell überfordert.

Nutzen Sie selbst als Zuschauer Streams? Haben Sie da einen Tipp?
Dafür habe ich leider nur wenig Zeit, im Moment vergeht kaum ein Abend, an dem ich nicht die Livekonzerte von Igor Levit verfolge. Ich bin zwar nicht der Klassikfan aber die Streams sind sehr emotional und lebendig, wirklich wunderschön. Und es ist so einfach dabei zu sein, dass es fast wie eine persönliche Einladung ins Wohnzimmer wirkt.

Glück auf! Wir sind nicht allein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist der etwas ungewöhnliche Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er steht in diesem Monat unter dem Eindruck der ?Corona-Ausnahmesituation.

Ich komme gebürtig aus dem Ruhrgebiet. Das finde ich ziemlich gut. Auch wenn Menschen von woanders nicht sofort auf „ziemlich gut“ kommen, wenn sie aufs Ruhrgebiet angesprochen werden. Das ist aber das Problem von woanders.

Trotzdem gibt es nur wenig, was mir unangenehmer ist, als Ruhrpottkitsch, also die Romantisierung von Dingen, die man für irgendwie „typisch“ hält – für die aber meist gilt, was Frank Goosen völlig zurecht auf den Punkt gebracht hat als: „Woanders ist auch scheiße“.

Besonders anfällig für Ruhrpottkitsch sind alle Dinge, die mit dem Bergbau zusammenhängen (Foto: feinster ?Ruhrpottkitsch aus der Schalke-Arena, wo 60.000 Menschen das Steigerlied singen, das mit „Glück auf, der Steiger kommt“ beginnt). Ehrlich gesagt hätte ich bis vor wenigen Tagen sogar zugestimmt, wenn jemand gesagt hätte, dass jede Anspielung auf den Bergbau voller Ruhrpottkitsch steckt. Dass ich mittlerweile eine Ausnahme für den Gruß Glück auf! machen würde, hängt mit der Ausnahmesituation zusammen, in der die Gesellschaft durch das Coronavirus und seine Folgen steckt.

Mit Glück auf! grüßten sich Bergleute unter Tage, also in den Kohlestollen tief unter der Erde. Glück auf! war Selbstbeschwörung und Wunsch für die anderen gleichmaßen. Glück auf! war Ausdruck der gemeinsamen Hoffnung, bald wieder „nach oben“ zu kommen: also sicher und gesund die beklemmende Enge in den Stollen zu verlassen, in der man nicht mal die Arme ausstrecken geschweige denn aufrecht stehen konnte. Kauern Sie sich bis zum Ende dieser Lektüre einfach mal auf den Boden, dann können Sie verstehen, was für eine Befreiung in diesem Gruss steckt: Glück auf! war das gegenseitige Versprechen von Sonne und Licht in der tiefen Dunkelheit.

Sie können wieder aufstehen. Denn Glück auf! ist vor allem noch heute der freundlichste Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung, die leider viel zu oft in der Augenhöhe-Floskel verhunzt wird. Mit jedem Glück auf! wird greifbar, dass hier zwei ein Schicksal teilen. Es sagt: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“ In jedem Glück auf! klingt deshalb immer sehr deutlich das Versprechen: Wir sind nicht allein!

„We are in it together“ ist das dominierende Gefühl, das ich mit der aktuellen Ausnahmesituation verbinde. Wir stecken alle zusammen hier fest. Und mit wir meine ich die tatsächlich nichts weniger als „die Menschheit“. All die Grenzen, die man uns hinsozialisiert hat, sind plötzlich wertlos: Dem Virus ist egal, woran der Kopf auf dem Körper glaubt, den es infiziert. Auch die Hautfarbe, das Geschlecht, das Gewicht, die Größe und all die anderen Dinge, von denen wir glauben, dass sie uns irgendwie bestimmen, spielen für das Virus keine Rolle. Sprache? Nationalität? Politische oder sexuelle Präferenzen? Für das Virus: alle gleich!

Noch vorsichtiger als mit Ruhrpottkitsch sollte man mit Botschaften sein, die man irgendwo rauslesen will. Aber hier muss man nicht mal genau hingucken um zu erkennen: All die Spaltungen der vergangenen Jahre sind mit einem unachtsamen Husten neben die Ellenbeuge hinfällig. All die Nationalisten und religiösen Fanatiker, die daran glaubten, etwas Besseres zu sein, verlieren ihre Grundlage. Im Angesicht des Virus spielt es keine Rolle, was du zu Thema x meinst oder ob du womöglich (Skandal!11!!!) anderer Meinung bist als ich.

Ich markiere mir genau diese Erinnerung in Pocket (oder einem anderen Readit-Later-Dienst) um wieder dran zu denken, wenn demnächst irgendeine Umweltsau durchs Dorf gejagt wird. Denn ich glaube fest daran, dass wir diese beklemmende Enge der Corona-Ausnahmesituation irgendwann wieder verlassen können. Und wenn wir dann wieder über Tage sind, will ich mich genau daran erinnern können – und ein wenig wie das Virus auf all die Konflikte und Spaltungen gucken: Sind halt alles Menschen!

Als kleine Erinnerung daran verwende ich deshalb den Gruß Glück auf! wenn ich Menschen in räumlicher (nicht sozialer) Distanz signalisieren will: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“
Das ist so ähnlich wie das freundliche Bleiben Sie gesund!, das ich in diesen unruhigen Tagen immer wieder höre – und das mich jedes Mal kurz zucken lässt. Diese drei Worte wecken bei mir stets den Eindruck, Gesundheit sei etwas, das man sich vornehmen kann, das davon abhängt, dass man es aktiv tut. Klar, es gibt einige Regeln für die aktuelle Corona-Lage, die im Sinne der Gesundheit verbreitet werden. Aber grundsätzlich zeigt die aktuelle Situation doch vor allem das: Gesundheit ist nichts, was man sich vornehmen kann.

Der Wunsch besagt natürlich viel mehr. Er sagt: Kommen Sie gut durch diese Zeit. Er ist ein Ausdruck von Empathie und Freundlichkeit. Und er ist auch deshalb so erstaunlich, weil man ihn in Zusammenhängen hört, wo bisher weniger Platz war für Empathie und Freundlichkeit. Deshalb denke ich mir bei jedem Bleiben Sie gesund! immer ein kleines Bleiben Sie menschlich! hinten dran. Weil das für mich einschließt, dass man daheim bleibt, auch wenn man selber nicht zur Risikogruppe zählt. Weil es daran erinnert, dass man anderen hilft, dass man nur soviel kauft wie man selber braucht und keine unsinnige Gerüchte verbreitet.

Bleiben Sie menschlich, bleiben Sie gesund – das beides und noch einiges mehr steckt in dem Gruß, den ich mit diesem Newsletter verschicken will: Glück auf! ist in diesen dunklen, engen Tagen ein Versprechen von Licht, Weite und Menschlichkeit!

Shruggie des Monats: der Shruggie selbst

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Eines ist sicher: Wir erleben gerade unsichere Zeiten. Die Ausnahmesituation im Umgang mit dem Corona-Virus ist neu, verwirrend und manchmal auch beängstigend. Sie verändert den Alltag nicht nur in diesem Land und dominiert unsere (nicht nur mediale) Wahrnehmung.

Als ich den Shruggie für das Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ adoptierte, hatte ich keine Ahnung von Corona. Aber ich wollte darüber schreiben, wie wir mit dem Neuen umgehen lernen – und dabei gelassen bleiben. Die Überforderung, so sage ich es seit dem Buch immer wieder, ist der Default-Modus unserer Zeit. Wir müssen lernen damit umzugehen.

Das fröhliches Schulterzucken kann dabei eine Hilfe sein: ¯\_(ツ)_/¯ Mehr noch: Vielleicht ist der Shruggie der beste Ausdruck für das, was #wirbleibenzuhause uns gerade abverlangt: auch in einer aussergewöhnlichen Situation gelassen zu bleiben.

Ich freue mich, dass mir Menschen schreiben, dass sie in der Corona-Aufregung Orientierung durch den Shruggie gefunden haben. Deshalb in diesem aufregenden Monat: Der Shruggie selbst ist der Shruggie des Monats!

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Online only! Zehn Erkenntnisse & zehn Fragen zu Telearbeit, virtuellen Konferenzen und digitaler Kultur

Der Internet-Knotenpunkt De-Cix in Frankfurt meldet einen Weltrekord: 9.1 Terabits in der Sekunde wurden am Dienstag abend über den Frankfurter Knotenpunkt ausgetauscht. In der Pressemitteilung schreibt De-Cix: „Internet usage is playing an ever-greater role“. März 2020 und wir stellen fest: Das Internet spielt eine immer größere Rolle. Das ist einerseits erstaunlich und hat andererseits mit dem zu tun, was der Zukunftsforscher Gerd Leonhard unlängst mit Bezug auf das Corona-Virus sagte: „Wir müssen uns viel mehr virtuell treffen“.

Der Internet-Weltrekord kommt zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt und hängt nicht mit Streaming von neuen Spielen oder digitalen Produkten zusammen, sondern vermutlich mit dem gestiegenen Informationsbedürfnis rund um Corona und die in Folge davon vermehrte Nutzung dessen, was man in Deutschland „Telearbeit“ nennt. Allein, dass es für diese Form des im Angelsächsischen „Home Office“ genannten Arbeitens keinen gegenwärtigen deutschsprachigen Begriff gibt, zeigt, dass wir hier noch eine Menge Nachholbedarf haben. „Home Office“ oder „Mobile Office“ sind begriffliche Krücken um zu beschreiben, dass Menschen zusammenarbeiten können – ohne am selben Ort zu sein.

Also sie sind natürlich an einem Ort, aber eben an einem virtuellen: dem Internet.

Ich glaube, dass die aktuelle Corona-Lage uns helfen kann, einen neuen Blick auf diesen allgegenwärtigen Ort „Internet“ zu werfen, der für viele aber immer noch aus der Perspektive „Telearbeit“ betrachtet wird. Durch die zahlreichen Absagen, die auch noch kommen werden, sind wir gezwungen, eine neue Perspektive einzunehmen (Symbolbild „Stream“ von Unsplash): Wir fangen endlich an, das Internet tatsächlich als Internet zu denken und nicht nur als Verlängerung oder Begleitung von etwas anderem, was wir für wichtiger oder relevanter halten, weil wir es länger kennen. Ich nenne dieses erzwungende neue Denken „Online only“ und werde bei der spontan ebenfalls ins Web verlegten XPLR: Media Online Con am Freitag um 16 Uhr ein paar Sätze dazu sagen. Als Vorbereitung für diesen virtuellen Online-Konferenz-Auftritt hier eine Art Zwischenstand der aktuellen Lage – verbunden mit zehn Fragen, die sich stellen:

Zehn (Zwischen-)Erkenntnisse zu „Online Only“

1. Ausgefallene Veranstaltungen sind eine existenzielle Bedrohung für alle, die davon leben – als Organsitoren, Werbetreibende, Gig-Worker und vor allem als Menschen auf Bühnen. Online Only bedeutet hier vor allem: Wenn sogar Millionen-Unternehmen wie Fußball-Clubs um Ausgleichszahlungen bitten, dann brauchen wir Fonds, Kredite oder andere Lösung für die genannten Akteur*innen.

2. Die Veränderungen durch Corona betreffen natürlich andere Bereiche als die reine Digitalisierung noch viel mehr. Das ist bedeutsam, aber nicht Teil dieser Liste. Ein Lektüre-Tipp für alle, die dazu mehr wissen wollen: Jeremy Cliffe erläutert im New Statesmen wie Corona die Idee von Globalisierung verändert.

3. Online Only ist kein vollwertiger Ersatz für Arbeiten am physisch gleichen Ort oder für Museums-, Veranstaltungs- oder Spiel-Besuche. Es ist etwas anderes, das wir als etwas anderes wertschätzen sollten – und nicht einzig über die (häufig negative) Differenz zu dem bereits Bekannten bewerten sollten. Der SZ-Kollege Andrian Kreye schreibt dazu: „Kann die Zwangsdigitalisierung der Kultur in diesen Tagen also auch ein Neuanfang der Digitalisierung an sich sein? Weil man Wege finden muss, Gemeinschaftsgefühle und Erlebnisse anders zu organisieren? Fragen, auf die es derzeit, wie auf so viele andere, noch keine Antworten gibt.“

4. Es wäre gut, den Fokus auf die Möglichkeiten zu legen und auf Basis der eigenen Wertvorstellungen Gestaltungsvorschläge zu entwickeln und nicht dem Reflex zu erliegen, den Vice hier vormacht. Dieser Text trägt eine clickbait-trächtige Negativ-Überschrift „Why Conference Call Technology Never Works“ – endet aber mit der meiner Einschätzung nach richtigen Perspektive auf das Thema Video-Konferenz und Telearbeit: „So you may have to repeat yourself every so often. Perhaps, instead, we should be impressed that your coworkers can hear you most of the time.“

5. Es gibt auch gute Nachrichten, die uns helfen, eine kulturpragmatische Haltung zu dem zu entwickeln, was Andrian „Zwangsdigitalisierung“ nennt: Der RBB hat zum Beispiel angekündigt, Kultur-Events live und kostenlos zu streamen und Simon Rattle dirigiert Berio und Bartók kostenfrei in der Digital Concert Hall. Vielleicht finden dadurch Menschen, die aktuell daheimbleiben müssen auf neuen Wegen Zugang zur Kultur (hier eine Übersicht über digitale Angebote), die sich dann vielleicht auch verändert – wie Sascha Lobo mit socialbuchmesse.de zeigt

6. Für einen kulturpragmatischen Blick auf die aktuellen Entwicklungen ist es ohnehin ratsam, nicht nur das zu sehen, was unbequem ist (was es unbestreitbar ist). Dass wir überhaupt remote arbeiten können, dass so viele Informationen verfügbar sind, ist unbestreitbar ein Fortschritt. Dazu diese Stratechery Langstrecke lesen. Wem das zu lang ist: die im Wortsinn greifbare Kraft von memetischer Verbreitung illustriert der 17-jährigen William Gibson mit seinem Washyourlyrics-Meme

7. Gleichwohl bleibt wichtig: Wir brauchen Medienkompetenz gegen die Panik

8. Ein Vorteil des Online-Only-Blicks auf die Welt zeigt sich zum Beispiel auch in dem, was man Newsletter-First-Media nennt. Jene Angebote also, die Newsletter als ihren Kern betrachten und nicht bloß als Zulieferer für etwas anderes.

9. Home Office braucht Regeln (hier ein paar Vorschläge), technische Ausstattung und neue sozialen Konventionen. Home Office funktioniert nicht von alleine, nur weil jemand einen Computer daheim hat – aber es gibt Menschen, die sich damit bereits befasst haben. Von ihnen kann man lernen. Die Basecamp-Macher verschenken gerade ihr Buch „Remote – Office not required„. In der aktuellen Situation gilt also: Wir sollten offen sein für die Erkenntnisse derjenigen, die schon seit einer Weile Online Only denken. Matt Mullenweg, der Chef von WordPress, wo schon seit Jahren Online Only gearbeitet wird, hat dazu diesen Blogpost verfasst

10. Das gilt auch für Lehrveranstaltungen. Es gibt Anleitungen, wie man digital unterrichtet. Das kann man lernen, hier brauchen wir Weiterbildungen, die auch nach Corona nach hilfreich sind. Deshalb stelle ich mir:

Zehn Fragen, die sich durch „Online Only“ ergeben:

1. Wie würde sich dein Produkt, Angebot, Job verändern, wenn er nur noch „online only“ wäre? Sie ist die aktuelle Fassung der alten Vorhersage „Everything that can be software will be“. Die Antwort auf diese Frage ist der Beginn eines kulturpragmatischen Umgangs mit dem Wandel. Sie ist wichtiger als deine persönliche Meinung…

2. Was ist die virtuelle Entsprechung zum gemeinsamen Kaffee-Trinken auf Konferenzen? Also: wie kann es gelingen, soziale Interaktion und Verbindung aus dem undigitalen Leben ins Digitale zu übertragen (das wohlgemerkt der Ort für Netzwerken ist, immerhin ist es ein Netzwerk).

3. Wenn Video-Calls zum Standard werden, werden personalisierbare Hintergründe zum Ausdruck der Persönlichkeit. Wie wird dein Video-Call-Hintergrund aussehen? (Details zu dem Phänomen, das einige Anbieter bereits das Blurren des Hintergrunds im Angebot haben, hier und hier. Sowie der Traum alle Home-Office-Hintergründe: Robert Kellys Kinder!

4. Gibt es nicht-kommerzielle Softwareangebote, die virtuelle Räume zum gemeinsamen Arbeiten, Schreiben und Austauschen ermöglichen? (Looking at you Bibliotheken, öffentlich-rechtlicher Rundfunk etc.)

5. Welche sozialen Regeln wenden wir an, um höflich mit den Latenz-Zeiten umzugehen, die sich bei Übertagungen ergeben und dazu führen können, dass Leute sich in einer Mischung aus Höflichkeit und Verwirrung immer gegenseitig ins Wort fallen und dann wieder abbrechen? Gibt es dafür vielleicht sogar schon einen Fachbegriff?

6. Gibt es in Zukunft eine Entsprechung zum Flugmodus im Betriebssystem, den man „Call-Modus“ nennen könnte: das Feature enthält automatisches Stummschalten von Termin-Erinnerungen, die sonst für alle Teilnehmer*innen hörbar aufploppen, es unterdrückt automatisch das Tippgeräusch, das man störend hört, wenn eine Teilnehmer*innen während des Calls Notizen macht (oder andere Botschaften schreibt)?

7. Was sind gegenwärtige Begrifflichkeiten für digitale Konferenzen oder Telearbeit? Denn so lange uns gute Begriffe fehlen, fehlen auch die Instrumente diese Veränderungen zu gestalten.

8. Gibt es schon einen Namen für diese Form von Cancel-Memes, die die Absage von Veranstaltungen zum Thema haben?

9. Wie geht man rechtlich und steuerlich mit dem „Home“ als Arbeitsort um? Welche Folgen hat Home-Office für Kinderbetreuung, aber auch für die Veränderung von Privat und Arbeits-Bereich?

10. Und: welche Fragen hast du? Schreibe Sie in den Kommentare oder schicke Sie mir an @dvg auf Twitter oder per Mail!


Hier zur XPLR: Media Online Con anmelden, auf der ich Online Only über Online Only sprechen werde
– und wer jetzt die Lust verspürt, sich intensiver mit dem Internet zu befassen: gute Idee!

In Kategorie: DVG

„Wir müssen uns in der Zukunft viel mehr virtuell treffen!“

Immer mehr Veranstaltung werden aufgrund der Corona-Bedrohung abgesagt oder verschoben (Symbolbild: unsplash). Dabei wäre doch jetzt ein ganz guter Zeitpunkt, um die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung nicht nur zu besprechen, sondern auch konkret einzusetzen. Der Futurist und Keynote-Speaker Gerd Leonhard (mit dem ich persönlich bekannt bin) spricht nicht nur drüber, er lädt am 12. März zu einer neuartigen Online-Konferenz. In der Ankündigung in seinem Blog schreibt er, dass er davon ausgeht, dass die aktuelle Situation eine sehr grundsätzliche Veränderung nach sich ziehen wird. Ich habe ihm dazu ein paar Fragen gestellt.

Du startest in der kommenden Woche ein neues Veranstaltungsformat – eine Online-Konferenz. Wie bist Du auf die Idee gekommen?
Ich bin schon seit Jahren mit dem Online Event Konzept unterwegs und habe bereits ca. 30 Sessions hinter mir, aber bisher war einfach kein grosser Markt dafür – die meisten Klienten und auch Speaker-Büros geben lieber viel mehr Geld für Reisekosten und alles weitere aus, als Video-Präsentationen zu machen. Das führte dann bei mir zu ca. 300 Flügen pro Jahren. Jetzt mit Covid19 und natürlich der ganzen Klima- und Carbon-Tax-Debatte ist es schlagartig klar: wir müssen uns in der Zukunft viel mehr virtuell treffen! Und die Technologie ist da (ich nutze Zoom Webinar). Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.

Welche Vorteile kann eine reine Online-Konferenz haben?
Keine Reisen, keine CO2 Erzeugung, keine Epidemie-Risiken, mehr oder weniger unbegrenzte Teilnehmerzahlen, weniger ‚digital divide‘, mehr globaler Zugang.

Meine Erfahrungen, die ich mit vergleichbaren Formaten als Zuhörer gemacht habe, waren durchweg positiv. Es fühlte sich immer so an, als spreche jemand nur zu mir. Warum haben Online-Konferenzen dennoch einen eher schlechten Ruf?
Es braucht Disziplin und mehr Tech Knowhow also zB Kopfhörer und gute USB Mics; und man muss einfach besser mit der Technik sein. Und natürlich fehlt der ganze emotionale Teil also das Ambiente etc — das macht es einfach viel weniger ‚real‘. Da müssen wir uns erst anpassen – aber jetzt haben wir ja triftige Gründe!! Endlich.

Wir sind beide Speaker, aus dieser Position heraus verstehe ich den schlechten Ruf der Online-Konferenzen: Ich finde es nämlich viel schwieriger ohne direktes Publikum vor Ort einen Vortrag zu halten. Es fehlt einfach das direkte Feedback. Kennst Du das Problem?
Absolut – es ist so ‚unbezogen‘ aber auch dafür gibt es Lösungen – wenn es vor Ort einen Event mit Leuten gibt (also nur ich online bin) benutze ich immer einen 2. Monitor mit live-feed also Blick aufs Publikum. Bei 100% virtual events macht Zoom es möglich auch die anderen Teilnehmer zu sehen (wenn sie das wollen) – es braucht also ein bisschen Technik Know How!

Welche technischen Ressourcen nutzt du für deine Online-Konferenz?
Apple iMac pro, 2 externe HD Monitore, Apple iPad pro, 2 Studio Scheinwerfer, 2 Soundwalls, Zoom.us software, USB Rode Podcaster Mic, Bose headset oder Apple earpods. 1GB Internet Connection

Wie ist der aktuelle Anmelde-Stand? Und wirst du das Format wiederholen?
Etwa 350 sign ups in 24 Stunden, 500 ist Limit. Wir wiederholen ganz bestimmt aber die nächste Show ist nicht mehr gratis – das diskutieren wir auch online (ich denke mal es wird €20-30 kosten pro User, dann). Wir livestreamen auf meinem Youtube Kanal also gerdtube.com

Du bist Zukunfts-Forscher, deshalb bitte eine Prognose zum Abschluss: Werden wir auch nach der Corona-Panik mehr Online-Konferenzen erleben?
Nach… wann ist das? Corona ist ein Trigger Point — da wird sich einiges permanent ändern. Denn bald gibt es auch die Carbon Tax für Flüge – und zwar nicht mehr optional. Online-Konferenzen sind eindeutig das neue Format.

Die erste Online-Konferenz findet am 12. März statt – hier kann man sich anmelden

Gegen die Corona-Panik

Als ich diesen Text Anfang März anlegte, war die Corona-Lage noch vergleichsweise entspannt. Mittlerweile hat sich nicht nur die medizinische Situation verändert. Auch der Umgang mit dem Virus hat eine andere Phase erreicht. Deshalb hier Hinweise auf Projekte, die nach diesem Text entstanden:

– eine Podcast-Folge über Falschmeldungen und Gerüchte
– ein SZ-Text mit 10 Ratschlägen gegen Gerüchte
– ein Live-Format mit der VHS Südost zum Thema Kommunikation in der Krise – hier kann man den Stream im Re-Live anschauen.

Medienkompetenz, darin sind sich alle schnell einig, ist eine wichtige Fähigkeit, die Schülerinnen und Schüler dringend lernen müssen. Dass Medienkompetenz aber auch von den Menschen erlernt werden muss, die gar nicht mehr in eine Schule gehen, zeigen die vergangenen Tage und der mediale Umgang mit dem so genannten Corona-Virus.

Mein Kollege Patrick Illinger hat in der SZ aufgeschrieben, warum der Umgang mit dem Erreger so kompliziert ist und ist dabei zu dem Schluss gekommen: „Panik wäre jetzt jedenfalls die falsche Reaktion, auch wenn die Fallzahlen steigen. Schon frühere Epidemien haben gezeigt, dass übersteigerte Angst fataler sein kann als das Virus.“

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, ein Update für die Seite #gegendiepanik zu verfassen – und uns daran zu erinnern, dass jede und jeder dazu beitragen kann, ob sich eine virale Form der Hysterie verbreitet. Denn auch dein persönliches Verhalten ist dazu angetan, deine Mitmenschen anzustecken – mit Panik und irrationalen Reaktionen. Das gilt in so genannten Breaking-News-Situationen (wie bei dem Terror-Anschlag am OEZ) genauso wie im aktuellen Umgang mit dem Corona-Virus. Das, was du postest und weiterleitest kann andere in Panik versetzen (Foto: unsplash). Es ist deshalb ratsam, vorher darüber nachzudenken – wie man sich verhält.

Hier sieben ganz unmedizinische Hinweise (wer es medizinischer mag: Hier ein Text gegen die Panik)

1. Ich bin mir bewusst, dass eine von mir verbreitete Information gerade bei Freunden als verlässlich wahrgenommen wird. Dieser Verantwortung meinen Freunden gegenüber versuche ich gerade in unübersichtlichen Situationen wie dem Corona-Fall gerecht zu werden – und poste deshalb nicht unüberlegt und aus reiner Angst heraus.

2. Bevor ich etwas veröffentliche oder an meine Freunde schicke, atme ich dreimal tief durch – und suche mindestens zwei verlässliche Quellen für die Informationen. Es gibt in solchen Situationen immer wieder Betrüger, die bewusste falsche Informationen verbreiten – wie die WhatsApp-Botschaft ab nächster Woche würden Geschäfte nur noch zwei Stunden öffnen. Das stimmt nicht.

3. Ich verbreite keine Gerüchte! Ich halte mich nur an bestätigte Informationen und versuche mich von Spekulationen fernzuhalten. Deshalb halte ich mich an offizielle Stellen, an seriöse Medien und verifizierte Accounts! Twitter weist zum Beispiel unter dem Hashtag #coronovirus ganz oben auf den Account der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hin.

4. Ich bin mir bewusst, dass derartige Nachrichtenlagen Betrüger anziehen, die mit Absicht Fotomontagen und bewusste Lügen verbreiten. Die Falschmeldung, Daniel Radcliffe sei erkrankt, ist ein abschreckendes Beispiel dafür. Ich unterstütze dies nicht durch unvorsichtiges Weiterverbreiten – auch nicht um sie zu widerlegen oder ihnen zu widersprechen. Das ist das Ziel dieser Form der Betrügerei: die aktuelle Aufmerksamkeit für ihre Interessen zu nutzen.

5. Ich hüte mich davor, sofort Problemlösungen zu verbreiten. Ich kenne den Reflex des „kommentierenden Sofortismus“ (Bernhard Poerksen) und folge ihm nicht. Ich verbreite keine einseitigen Schuldzuweisungen und gebe diesen auch durch Retweets und Zitate keine Bühne. Dies gilt besonders für Rassismus, der sich durch das Virus zeigt.

6. Egal wie schlimm die Situation sich anfühlen mag, ich werde nicht in Panik verfallen und selber dazu beitragen, dass noch mehr Menschen in Angst überreagieren. Ich versuche durch mein eigenes Verhalten Social-Media-Gelassenheit zu verbreiten.

7. Dazu zählt auch, dass ich mich zunächst an die Ratschläge der offiziellen Stellen halte und mich dort informiere, welches Verhalten angemessen ist. Panik zählt nicht dazu.

Hintergrund zu dem ursprünglichen Text gibt es hier

Das Thema ?Corona-Krise hat sich zu einem kleinen Schwerpunkt im Blog in diesem Monat entwickelt – unter dem ?Schlagwort gibt es noch mehr Artikel

Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen (Digitale März-Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wenn Sie diesen Text lesen, ist es unmöglich, dass Sie sich aufgrund Ihrer Hautfarbe, Religion oder Nationalität für etwas Besseres halten. Dieser Satz ist wahr, obwohl ich nicht kontrollieren kann (und will), was Sie denken – und obwohl wir feststellen müssen, dass es zuviele Menschen gibt, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder Nationalität für etwas Besseres halten.

Dass ich dennoch eine solche Behauptung aufstelle, liegt daran, dass ich uns nach den rechtsradikalen Morden der vergangenen Monate daran erinnern möchte, dass allein die Tatsache, dass Sie das Internet benutzen, beweist, dass die Ideen der Ausgrenzung überholt und falsch sind. Das Internet kann nur existieren, weil sich alle (technischen) Teilnehmer auf die Idee von Gleichheit geeinigt haben (Wie die Liebe werden auch digitale Daten nicht weniger, wenn man sie teilt. Foto: Unsplash). Das Netzwerk fragt nicht, welches Betriebssystem Sie nutzen, welche Sprache Sie sprechen oder an welchen Gott sie glauben. Das Netzwerk stellt eine Verbindung her – und diese Verbindung selbst ist der auf die menschlichen Nutzer*innen übertragene Beweis für den Satz aus der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (PDF-Link):

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Wer diesem Grundgedanken widerspricht, sollte auf der Stelle aufhören, ein System zu nutzen, das nur durch diesen Grundgedanken möglich wird. Das ist keine Frage politischer Meinung, sondern schlicht der Logik. Es lohnt sich nach den Morden von Hanau genau daran zu erinnern: Wer das Internet benutzt, kann schon aus Gründen der Logik nicht gleichzeitig Rechtsterrorismus oder Überlegenheitsphantasien unterstützen. Das erscheint merkwürdig, weil die meisten Rechtsterroristen das Web nutzen, um sich zu radikalisieren und ihre menschenverachtenden Thesen zu verbreiten. Deshalb wird das Internet fälschlicherweise zum Auslöser für die gesellschaftliche Verrohrung gemacht. Ich glaube, dass es im Gegenteil zur Lösung des zentralen gesellschaftlichen Problems der rassistischen Spaltung taugt. Wir sollten jedem Rechtsterroristen, der seine Thesen und Manifeste im Web verbreitet, zurufen: „Allein die Tatsache, dass du das online stellst, beweist, dass du falsch liegst!“ Jedem und jeder, die das Internet nutzen, um Ausgrenzung und Nationalismen zu verbreiten, sollten wir immer und immer wieder sagen: „Wenn deine Thesen wahr wären, gäbe es das Internet gar nicht. Hör auf, es für diesen Mist zu missbrauchen.“

Der Historiker Volker Weiß hat in einem Gastbeitrag im Spiegel herausgearbeitet, wie die Rhetorik von AfD und Pegida den geistigen Nährboden für den neuen Rechtsterrorismus legt:

Ihr ethnozentristischer Sozialdarwinismus ermächtigt sie, die „Minderwertigen“ auszumerzen. Offensichtliche Züge von Wahnsinn, wie sie aus ihren Pamphleten sprechen, können nicht alles erklären, denn die Auswahl der Opfer folgt einer eigenen, rassistischen Rationalität. Sie teilen die Welt in „produktive“ und „destruktive“ Teile. Alle, die dem heroischen Imago vom deutschen Herrenmenschen nicht entsprechen, sollen zur Vernichtung freigegeben werden.

Er weist daraufhin, dass dieses „Gedankengut mittlerweile derart verbreitet ist, dass Akteure auch unabhängig voneinander handeln können“. Es ist ein Gedankengut, das sich gegen die Idee einer freien, offenen Gesellschaft richtet. Es findet sich in unterschiedlichen Ländern und man kann es als Gegenaufklärung zusammenfassen:

Alle Fraktionen sind Teil der europäischen Gegenaufklärung und sehen ihren Aktivismus in ein überhistorisches Schicksal eingekleidet: einen Kulturkampf gegen den Individualismus, die liberalen westlichen Werte, gegen den Universalismus.

Das Internet und im speziellen das Web als seine bekannteste Anwendung sind in diesem Sinn konkrete Projekte der Aufklärung. Das Web ist Ausdruck liberaler westlicher Werte. Es basiert auf der Idee, dass ein mehr an Wissen besser sei. Es setzt die Idee in die Tat um, dass Vernetzung über Sprach- und Landesgrenzen hinweg zu einer Verbesserung für alle Menschen führen kann. Es kann nur funktionieren, wenn es eine offene Gesellschaft gibt. Die vergangenen Wochen haben auf erschreckende Art deutlich gemacht, dass die Idee eines offenen, freien Deutschlands angegriffen wird, dass die Gesellschaftsordnung destabilisiert und die Institutionen des Landes verächtlich gemacht werden sollen – wie Kurt Kister in diesem Kommentar schreibt:

Genau dieses Deutschland greifen die Mörder an, wenn sie auf Migranten schießen. Aber nicht nur die Mörder greifen es an, sondern auch jene, die ihnen den Boden bereiten. Jene, die dauernd von „Überfremdung“ reden, die Politiker, den Staat, das Gemeinwesen verächtlich machen, die Lebensstile mit Krankheiten gleichsetzen („links-grün versifft“), die unablässig versuchen, Grenzen zu ziehen zwischen „uns“ und „denen“.

Es gibt ganz viele Gründe, jetzt für ein freies Land aufzustehen, sich einzusetzen für die offene Gesellschaft und der Empörung der Ausgrenzung zu widersprechen. Ich hoffe sehr darauf, dass mehr Menschen gegen Alltagsrassismus aufbegehren, dass mehr Menschen beweisen, dass dieses Land offen und freundlich ist und dass mehr Menschen die Idee einer freien Gesellschaft verteidigen.

Und falls noch irgendwer Zweifel daran haben sollte, warum das wichtig ist, dann lohnt sich der Blick aufs Internet. Wenn man die kruden Gedanken der Rechtsterroristen liest, muss man feststellen: In der Welt, die diese sich erträumen, gibt es keinen Platz mehr fürs Web. Oder plakativ formuliert: Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen!* Es ist Ausdruck all dessen, wogegen sie sind. Verteidigen wir es!

P.S.: Wie die Verteidigung der freien Gesellschaft aussehen könnte, haben Farhad Dilmaghani, Stephan J. Kramer und Matthias Quent in elf Punkten bei Zeit Online aufgeschrieben. Sie kommen zu dem Schluss:

Niemand wird geboren, um andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Religion, Kultur oder persönlichen Lebensplanung zu hassen. Menschen lernen zu hassen – und wenn sie Hass lernen können, dann kann man ihnen auch Nächstenliebe und Respekt für den oder die andere beibringen.

* Mir ist schon klar, dass diese Verkürzung problematisch ist und dass es ungeheuer viele und ungeheuer wichtigere Gründe gibt, gegen Ausgrenzung und Rassismus zu sein. Ich formuliere das aber bewusst so um all denen, die nicht direkt bedroht sind, zu zeigen, was diese Angriffe bedeuten.


Dieser Text stammt aus meinem monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Meine Haltung zum Internet, das ich als Heimat verstehe, habe ich auch in dieser „Gebrauchsanweisung für das Internet“ skizziert. In der SZ habe ich die Idee ausformuliert, was es heißen könnte, den Begriff Heimat digital zu denken.

Die Idee, einen Heimatverein für das Internet zu gründen, habe ich aus Zeitgründen bisher nicht weiter verfolgt. Sie steht hier genauer beschrieben.

„E-Mail ist die neue Homepage“ – über bessere Newsletter

Kennen Sie Morning Brew? Haben Sie schon mal von TheSkimm gehört oder von Next Draft? Dabei handelt es sich um Angebote, die man als „newsletter first media“ beschreiben kann. Als Medien also, die Newsletter nicht als verlängerte Marketingmaßnahme oder Digitalverstärker für einen davon unabhängigen Inhalt ansehen, sondern im Newsletter selbst das Angebot erkennen, das das Interesse von Nutzer*innen erfüllt.

Im digital interessierten Deutschland ist das irrigerweise Blog genannte Socialmediawatchblog von Martin, Simon und Tilman das bekannteste Beispiel für diese Form von Newsletter-Medien. Für ihren unbedingt empfehlenswerten Newsletter (hier bestellen) haben sie den hierzulande populären Namen Briefing gewählt. Auch das Handelsblatt (Morningbriefing), der Tagesspiegel (Entscheider-Briefing) mein ehemaliger Kollege Nikolaus Röttger (Ki-Briefing), die Mediapioneers (Tech-Briefing etc.) und viele andere nutzen den vom englischen „Einsatzbesprechung“ abgeleiteten Begriff, der kurze, handlungsbezogene Informationen versprechen soll (Foto: unsplash).

„Email hat die klassische Zeitung ersetzt und aus einer digitalen Perspektive ist Email die neue Homepage“, zitiert digiday den Marketingchef von Morning Brew, der in dem Text den staunenden Medienmachern erklärt, dass man allein mit Newslettern Geld verdienen kann. „Newsletter“, so sein Fazit, „sind der Schlüssel um ein Verhältnis zu den Leser*innen aufzubauen.“
Anlass für den Bericht waren aktuelle Zahlen, die die Marketing-Abteilung von Morning Brew veröffentlicht hatte: deren täglicher Wirtschaftsnewsletter, der aus einer Uni-Idee zweier Studenten entstand, kommt aktuell auf 1,8 Millionen Abonennten und will bis zum Ende des ersten Quartals 2020 auf zwei Millionen Abonennten kommen.

Das ist erstaunlich und taugt zu Meldungen über den Erfolg des eigentlich ja alten Mediums „Email“ (mein Liebesbrief an die Technologie steht hier). Richtig spannend sind diese Zahlen aber erst, wenn man der Frage nachgeht: Wo kommen sie her?

Die Antwort auf diese Frage legt das grundlegene Missverständnis des Journalismus offen: Ich bin sozialisiert mit der Haltung „gute Geschichten finden ihre Leser“. Daraus leiten manche Kolleg*innen die Annahme ab, dass guter Journalismus sich einzig auf gute Geschichten konzentrieren müsse und dann schon Erfolg haben wird. Dass die Kunst, Leser*innen zu gewinnen und zu begeistern ebenfalls eine journalistische Aufgabe ist, gerät dabei manchmal etwas aus dem Blick.

„Natürlich ist der Inhalt super wichtig“, erklärt Annemarie Dooling, die bei Vox Media (und jetzt beim Wall Street Journal) für Enagement über Newsletter zuständig war, in diesem Interview. „Aber es gibt diesen riesigen Bereich mit Dinge, an die niemand im Unternehmen dachte, weil sie zu technisch oder marketinglastig sind.“

Wie die Macher*innen von Morning Brew das gemacht haben, kann man in diesem Medium-Post nachlesen. Dort beschreibt Tyler Denk, Produktchef von Morning Brew, wie sie mit Hilfe eines „Leser werben Leser“-Programms neue Abonent*innen gewonnen haben. In der Sprache des Web nennt man dieses Empfehlungs-System „Referral-Marketing“ und beschreibt damit die Möglichkeiten, über Links, die man persönlich zuordnen kann, diejenigen zu identifizieren und zu belohnen, die viele neue Leser*innen angeworben haben. Wer dabei besonders erfolgreich war, hat Produktvorteile zum Beispiel bei Dropbox bekommen, konnte aber vor allem einen zusätzlichen exklusiven Sonntags-Newsletter bestellen. Das Referreal-Programm ist ziemlich ausgefeilt, es zeigt aber vor allem: Newsletter sind nicht nur ein Kommunikationstool um mit Leser*innen in Kontakt zu bleiben, Newsletter können auch Leser*innen zu Werbenden für den Inhalt machen:

It’s helped turn readers into evangelists and evangelists into walking advertisements. It’s the ultimate 1 + 1 = 3 scenario that makes all of our acquisition channels X times more effective.

Ich finde das aus einer journalistischen Perspektive äußerst spannend. Es öffnet den Blick auf die Möglichkeiten, die sich abseits des Inhalts ergeben, wenn man das vernetzte Umfeld des Internet ernst nimmt. Das möchte ich künftig etwas genauer verfolgen, deshalb habe ich die Domain briefingbriefing.de reserviert und sammle dort interessante Links und Interviews zum Thema Newsletter und Emails im journalistischen Kontext. Neuigkeiten auf der Seite verlinke ich hier im Blog – aber natürlich vor allem in meinem eigenen monatlichen Digitale-Notizen-Briefing.