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Pandemie-Nostalgie: Die scheiß-gute alte Zeit (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Hinter meinem Schreibtisch im Hochhaus der Süddeutschen Zeitung hängt der Ausdruck einer Internetseite. 50 Cognitive Biases in the Modern World heißt die Seite, die ich kurz vor dem ersten Lockdown ausgedruckt und aufgehängt habe. In sechs Unterkapiteln aufgeteilt werden gänige Verzerrungen aufgelistet, die unsere Perspektive auf die Welt und womöglich sogar unser Entscheidungen beeinflussen. Man kann diese Verzerrungen nicht abschalten, aber man kann sich bewusst darüber werden, dass und wie sie wirken.

Mir ist der Ausdruck am Schreibtisch aufgefallen, weil ich seit einer Weile häufiger mal wieder im Büro bin. Die Pandemie ist noch nicht vorüber, aber mit steigender Impfrate zeichnet sich so etwas wie eine mögliche Post-Pandemie am Ende des Tunnels ab. Auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist, in den USA gibt es bereits eine Verklärung der Lockdown-Zeit, die Jason Feifer als „Covid Nostalgia“ bezeichnet. Unter diesem Titel hat er dieser Tage eine Podcast-Folge veröffentlicht, die sich mit der Frage befasst: Wie kann es sein, dass die Zeit des Lockdowns verklärt wird? (Symbolbild: unsplash)

Die Antwort auf diese Frage hat mit einer Verzerrung zu tun, die unter diesem Namen nicht auf Ausdruck hinter meinem Schreibtisch auftaucht: Fading affect bias (FAB) nennt man eine Verzerrung, die schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit im Rückblick in einem besseren Licht erscheinen lässt. Als allgemeine Form der Erinnerungs-Verzerrung steht sie zumindest indirekt auch auf dieser Liste.

Wie sehr muss die eigene Wahrnehmung verzerrt werden, um die unbestritten anstrengende und schlechte Zeit des Lockdowns in ein verklärtes Licht zu rücken und als gute alte Zeit erstrahlen zu lassen? Gar nicht mal so sehr, muss man feststellen wenn man die Mechanik des Fading affect bias (FAB) nachliest. Es ist nämlich ein menschlicher Reflex, vergangene Ereignissse besser zu erinnern als sie tatsächlich wahren. Und ich verwende den Begriff erinnern hier absichtsvoll leicht pastoral ohne Reflexivpronomen. Denn Erinnern ist ein aktiver Prozess, eine Geschichte, die wir nicht nur uns selbst, sondern auch anderen erzählen. Diese Geschichte dient mehr noch als dem vermeintlichen Konservieren von Geschehenem diesem Ziel: Uns selbst in der Gegenwart zu helfen.

Erinnerung auf diese Weise als Bestandteil der eigenen Gegenwart zu betrachten, erweitert auf erstaunliche Weise den Blick. Jason Feifer illustrierrt dies in seinem „Covid Nostalgia“-Podcast anhand zahlreicher Beispiele.

Denn dieses Prinzip findet nicht nur in der Traumbewältigung Anwendung, sondern auch in jeder alltäglichen „früher war alles besser“-Erläuterung. Genau wie die Verklärung der objektiv schlechten Lockdown-Zeit ist auch das Runtermachen der Gegenwart nur vordergründig paradox. Im Hintergrund eröffnen beide Verzerrungen eine Aufwertung des- bzw. derjenigen, der/die die Geschichte erzählt. Die Verzerrung untermauert die eigene Argumentation z.B. zu der Frage, was eigentlich als „normal“ oder „natürlich“ zu gelten haben (dazu hier eine interessante Perspektive: Welche natürliche Farben haben eigentlich Karotten?) – und ist deshalb äußerst verlockend.

Der Versuch Verzerrung bekämpfen zu wollen, gleicht dem Ansatz dem flugverängstigten Menschen zu sagen, dass es sich dabei um ein irrationales Gefühl handelt. Es ist wenig zielführend. Sich aber über Verzerrungen bewusst zu werden, kann eine große Hilfe sein, mit sich selbst nicht zu schnell einig zu sein. Deshalb habe ich diese Übersicht ausgedruckt. Sie erinnert mich an die Haltung, die ich im Pragmatismus-Prinzip so formuliert habe:

„Das wäre ein Ziel, das der Shruggie verfolgt: Dass wir uns bewusst werden darüber, dass nicht alles zwingend so sein muss, wie wir es wahrnehmen. Dass wir geprägt sind von den Abkürzungen, die unser Gehirn nimmt. Dass unsere Prägungen unbewusst Einfluss darauf nehmen, was wir für wahr halten, es also im Wortsinn: wahrnehmen.“

Wenn demnächst die ersten Texte auch auf deutsch erscheinen, die die Zeit des Lockdowns verklären, kurz innen zu halten und zu überlegen, wie verzerrt dieser Blick wohl sein mag.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen.