Alle Artikel von “Dirk von Gehlen

Das Einfluß-Paradox der Gegenwart (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Es ist menscheitsgeschichtlich noch gar nicht so lange her, dass Menschen auf die Frage „Wo wird die Weltmeisterschaft ausgetragen?“ oder „Welche energiepolitische Entscheidung wird in meinem Land getroffen?“ geantwortet hätten: „Keine Ahnung, das kann ich doch nicht entscheiden.“ Übersetzt in ein Bild, das später noch eine Rolle spielen wird, könnte man es auch so formulieren: „Keine Ahnung, das liegt doch außerhalb meines Einfluss-Kreises.“

Die Demokratisierung der Publikationsmittel hat aus dem Versprechen „das Private ist politisch“ eine Aufgabe gemacht – und Fragen wie jene nach dem Austragungsort einer Fußball-WM oder der Energieversorgung personalisiert. Das private Verhalten Einzelner ist damit in den politischen Bereich gerückt – was zur Folge hat, dass „Keine Ahnung“ keine Option mehr ist. Denn Personalisierung der politischen Debatte heißt nicht nur Du kannst dich dazu verhalten, es heißt auch Du musst dich dazu verhalten. Wir können nicht nur an politischen Debatten teilnehmen, wir empfinden es auch als Verpflichtung. „Wenn wir nur alle…, dann wird schon …“ so das Muster der partizipativen Perspektive auf Politik in Zeiten der memetischen Meinungsbildung.

Anfang des Jahres hatte ich über die so genannte Glut-Theorie geschrieben, die versucht zu beschreiben, was passiert, wenn Meinungen zu Memes werden – wenn wir Identität über unveränderliche Ansichten verhandeln. Wenn Meinung zu einem unveränderlichen Kennzeichen wird, sind diese nicht mehr vom Menschen zu trennen und Kompromisse sind nur noch Niederlage, nicht mehr Ziel einer Debatte. Ich glaube, dass dieser Prozess zu einer Überschätzung der eigenen (Meinungs-)Macht führt, die ich fast als „Memetischen Scheinriesen“ betitelt hätte: gemeinsam mit all den anderen, die meine Identitätsgruppe bilden, teile ich eine Meinung und plötzlich sind wir viele. Ich habe dieses Momentum im Bereich der Meme wiederholt mit dem Gefühl verglichen, das entsteht, wenn viele ein Feuerzeug auf einem Konzert in die Luft strecken. Auch hier passt das Bild des Scheinriesen, der von weitem größer und mächtiger scheint als er wirklich ist.

Im Rahmen der Debatte um die Reaktion der Bevölkerung auf die Austragung der Fußball-WM in Katar fiel mir auf, dass diese Form der scheinriesigen Meinungsmacht eine zweite Seite hat, die am bestem mit dieser Variante des Two Guys on a bus-Memes beschrieben ist.

Dabei handelt es sich um ein Image-Macro des brasilianischen Zeichners Genildo Ronchi, das als moderne Form des zwei-Seiten-einer-Medaille-Sprichworts gelesen werden kann. In diesem Fall jedenfalls ist es die Illustration dessen, was Konrad Lischka hier als Paradox der Gegenwart beschreibt: „Einerseits sehen so viele Menschen ihre individuellen (Konsum)Bedürfnisse als das wichtigste Gut, als absolut schützenswert. (…) Andererseits erscheint genauso viele Menschen das Individuum ganz klein, wenn es darum geht, etwas zu verändern in der Welt.“

Um zu verstehen, wieso dieses Paradox mit dem Scheinriesen-Effekt der memetischen Meinungsäußerung verbunden ist, muss ich ein klein wenig ausholen und auf Steve Covery hinweisen. Von ihm stammt das Konzept der drei Kreise. Er beschreibt diese als Circle of Concern, Circle of Influence und Circle of Control. Man muss sich diese Kreise ineinander liegend vorstellen. Der äußere Kreis beschreibt Dinge, um die man sich sorgen kann (Concern), sehr viel kleiner ist der Kreis derjenigen Dinge, auf die man Einfluss (Influence) nehmen kann und noch kleiner ist jener Kreis, der Dinge umfasst, die man direkt tun kann. Ich finde dieses Muster ist hilfreich, um Grenzen zu ziehen – zwischen den Themen, die mich bedrücken können und jenen, auf die ich Einfluss nehmen kann:

Concern
Dinge, die dir Sorgen machen, bezieht sich oft auf
– allgemeine Stimmungen
– grundsätzliche Fragen

Wer sich nur hier bewegt, fühlt sich schnell überfordert

Influence
Dinge, auf die ich Einfluss habe, erfordert
– gemeinsame Diskussionen
– Kompromissfähigkeit

Wer sich nur hier bewegt, muss viel kämpfen

Controll
Dinge, die du konkret ändern kann, bezieht sich oft auf
– kleine Handlungen
– langsame Veränderung

Wer sich nur hier bewegt, erreicht wenig, spürt aber Selbstwirksamkeit

Covey beschreibt die Kreise mit dem Ziel, sie gut voneinander zu trennen. Er empfiehlt, im Sinn der geistigen Stabilität, genau zu differenzieren, in welchem Kreis sich welches Thema befindet. Anzuerkennen, dass ein Thema außerhalb des Circle of Controll liegt, kann zu einer Befreiung führen (im Meme-Bild oben rechts zu sehen).

Und genau hier sind wir wieder beim memetischen Meinungsaustausch: Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel ist die Wahrnehmung der Kreise verändert worden. Wer sich in einer zum Meme gewordenen Meinung eingerichtet hat, gewinnt den Eindruck, den Circle of Influence ausgeweitet zu haben. Andere von der Richtigkeit der eigenen Weltsicht zu überzeugen, wird zu einem wichtigen Antrieb. Man teilt Beiträge, die die eigene Meinung bestätigen – und erliegt damit dem Irrglauben, der Scheinriese habe wirkliche Macht. Das führt zu einer großen Enttäuschung und manchmal auch zu Schuldgefühlen, wenn man feststellt, dass z.B. der private Boykott der Fußball-WM in Katar nicht zur Veränderung der Strukturen der FIFA führen wird (im Meme-Bild oben links zu sehen). Ein ähnlicher Wahrnehmungsfehler liegt vor, wenn Menschen in Fernsehkameras sagen, dass sie nicht mehr wählen gehen, weil sie beim letzten Mal anders entschieden hätten als das Wahlergebnis – und sich deshalb nicht repräsentiert fühlen.

Neben einem Streit-Training und digitaler Alphabetisierung für die Debatte in memetischen Ökosystemen braucht eine gelingende Kommunikation vor allem demokratisches Erwartungsmanagement, ein gesundes Gefühl für die eigenen Circle, also für die Wirkung dessen, was man durch eigenes Handeln und Äußern verändern kann: es ist einfach ungesund, strukturelle Probleme einzig durch persönliche Entscheidungen lösen zu wollen. Politische Probleme können nicht einzig durch privates Handeln zu einer Lösung geführt werden – sie brauchen auch politische Entscheidungen. Diese Wahrnehmung von Privatem und Politischem, von konkret und strukturell, ist durch das zur Aufgabe gewordene Versprechen, das Private sei politisch ein wenig aus dem Blick geraten.

Als ich hier darüber schrieb, dass Menschen Meme-Meinung zur Identitätsbildung und als Methode zur persönlichen Sicherheit in unsicheren Zeiten nutzen, ergab sich daraus die Schlussfolgerung, sie nicht mit mehr Informationen oder Wahrheit zu versorgen, sondern die Frage zu stellen, woher die große Unsicherheit erwächst, die ihre Lösung in Meme-Meinungen sucht – und deshalb mehr in gesellschaftlichen Zusammenhalt und Stabilität zu investieren. Wenn wir nun das Einfluss-Paradox der Gegenwart betrachten, folgt daraus meiner Meinung nach die Förderung eines gesunden Erwartungsmanagements. Denn die Enttäuschung fördert Schuldgefühle, die wiederum einer wirklichen Form von Toleranz im Wege steht.

Unlängst las ich irgendwo den Satz „Ich kann die Welt nicht verändern, aber ich will es versuchen“ als Motivation zum politischen Handeln. Das klingt irgendwie nett, ist aber das Kernproblem des Dilemmas aus dem Meme-Bild oben: die übertriebene Erwartung, die Welt vielleicht doch ändern zu können, führt zu einer Überforderung und einer Missachtung der kleinen Veränderungen – und am Ende zum Hass auf all jene, die anderer Meinung sind.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: Die Glut-Theorie der öffentlichen Debatte (Juni 2022), „Die Anderen anders sein lassen“ (Mai 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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In Kategorie: DVG

Was kein Backup festhalten kann: Fünf Dinge, die ich bei Twitter gelernt habe

Droht ein Kollaps der gegenwärtigen Geschichtsschreibung wie die MIT Technology Review dieser Tage schreibt? Der angekündigte Niedergang von Twitter (technisch wie inhaltlich) wirft zahlreiche dieser Fragen auf: Soll ich/muss ich mein Twitter-Archiv runterladen? Muss ich jetzt zu Mastodon wechseln?

Und vor allem: Was geht da eigentlich genau verloren?

Sollte die Plattform tatsächlich weiter in dieser Weise gesteuert werden, droht ziemlich sicher zunächst eine Flut von Nachrufen, die aus persönlich gefärbten Geschichten im Umgang mit Twitter bestehen werden, die dann eine allgemeine Erkenntnis hochrechnen sollen. Dabei liegt darin die erste und weiterhin gültige Erkenntnis im Umgang mit personalisierbaren Diensten: es gibt keinen verallgemeinerbaren Durchschnitt mehr! Was dieser Niedergang in Echtzeit aber ganz sicher offenbart, ist ein Blick auf das, was das digitale Ökosystem ausmacht: auf die Bereiche, die digitale Wertschätzung und Wertschöpfung ermöglichen. Aufgefallen ist mir dies, als ich mich mit der Frage zu beschäftigen begann, ob ich mein Twitter-Archiv laden soll (ja kann man machen, habe jetzt 42.500 Tweets runtergeladen, die ich seit dem 27.3.2007 schrieb). Dabei stellte ich fest: das, was Twitter für mich ausmachte und ausmacht, kann ich nicht in einem Backup festhalten. Diese Erkenntnis und vier weitere Beobachtungen aus meiner Twitter-Zeit (Symbolbild: Unsplash):

Falls jemand sich mit dem Gedanken trägt, von Twitter auf Mastodon umzuziehen, hier zwei relevante Links: Zum einen gibt es auf dieser Seite eine recht gute Erklärung, zum zweiten bietet der Dienst movetodon.org die Möglichkeit, die Liste derjenigen Accounts zu durchsuchen, denen man auf Twitter folgt. Mit einem Klick kann man ihnen auch auf Mastodon folgen.

1. Der Zauber liegt im Unkopierbaren

Das schöne deutsche Wort Echtzeit suggeriert, es gebe auch eine falsche Zeit. Eine Form, die nicht live, sondern maximal re-live ist, also nur ein Nacherleben dessen, was vorher original war oder im Wort „echt“. Twitter hat seinen Wert immer aus diesem unmittelbaren Zeiterleben gezogen. Man kann auch sagen, die Halbwertszeit von Beiträgen auf Twitter war und ist extrem kurz. Aber egal aus welcher Perspektive man auf das Phänomen Echtzeit schaut: es bleibt verbunden mit dem direkten Erleben, mit dem, was man nicht kopieren kann. In meinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ habe ich mich ausführlich mit dem Unkopierbaren, dem Er- und Mitleben befasst. Mit vielen Worten versuche ich darin zu beschreiben, was man jetzt spüren kann, wenn man sich fragt, was man vermisst, sollte Twitter verschwinden? Genau hier liegt das Potenzial für digitale Wertschätzung und dann auch für Wertschöpfung. Es ist mehr als der Content (in meinem Fall die 42,5k Tweets), es ist die Interaktion, das Erleben (in Echtzeit), die lose Verbindung und die damit verbundene Möglichkeit zu Überraschung. In all dem, was kein Backup festhalten kann, steckt die Chance für digitale Geschäftsmodelle.

2. Soziale Netzwerke enstehen aus Interaktion

Die anfängliche Skepsis gegen den Dienst Mastodon (die ich auch teilte), hängt übrigens nicht nur mit dem dezentralen Charakter des Fediverse zusammen. Sie basiert auch darauf, dass jede:r wieder bei Null anfängt. Für mich was das insofern lehrreich, dass ich merkte, was den Zauber sozialer Netzwerke ausmacht (und was übrigens auch nicht kopierbar ist): Interaktion! Fragen zu stellen, auf Fragen zu antworten, mit anderen Accounts in den Austausch zu treten, sind Aktionen, auf die manche Accounts verzichten, wenn sie große Reichweiten angesammelt haben. Aber ohne diese Aktionen entsteht kaum Wert und es entsteht vor allem keine Reichweite. So ging es mir anfangs auf Twitter und so geht es mir auch jetzt wieder auf Mastodon. Das ist spannend und bestätigt die erste These: der Zauber liegt im Unkopierbaren!

3. Wissen zu teilen, vermehrt Wissen

Die große Revolution des digitalen Zeitalters lautet: Was du teilst, wird mehr! Wer in vordigitalen Zeiten sozialisiert wurde, ist gewohnt, das Teilen als Verkleinerung des eigenen Anteils zu denken. Wie der sprichwörtliche Kuchen, von dem irgendwer große oder größere Stücke bekommen möchte. Geschäftsmodelle, die auf echten Kuchenstücken basieren, sind nur schwer kompatible mit der digitale Idee vom Teilen. Denn mit geteilten Dateien verhält es sich wie mit dem Licht einer Kerze: sie werden nicht weniger, wenn andere ihren Docht daran entzünden. Wissen zu verbreiten, reduziert das Wissen also nicht, sondern führt zu Erkenntnisgewinn. Genau das ist der Hauptgrund, weshalb ich soziale Netzwerke wie Twitter nutze: es macht mich schlauer. Ich teile Wissen und bekomme mehr Wissen zurück – durch den Zauber der digitalen Kopie und durch die Möglichkeit zur Interaktion (Siehe 2.)

4. Meine Welt ist nicht deine Welt

Neben der historischen Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ist auch die Möglichkeit der Vernetzung eine Herausforderung fürs vordigitale Denken: Soziale Netzwerke sind keine Distributionsrampen mehr, sondern Räume, die von der Art und Weise der eigenen Position und Interaktion leben. Auch wenn Twitter mit der Hochrechnung so genannter Trends Stimmung benennen (und damit übrigens verstärken) kann: es geht hier weniger um die Kraft der Sendenden als um die Filterfunktion der Empfangenden. Welche Timeline filtere ich mir zusammen? lautet die Frage, die man all jenen stellen muss, die allgemein über den Zustand der Welt auf Twitter herumjammern. Es gibt nicht mehr die Öffentlichkeit, es gibt die Öffentlichkeiten! Das klingt nach nur zwei Buchstaben Unterschied, stellt aber im Prinzip die Idee ganzer Wissenschaftszweige vor zentrale Herausforderungen. Denn die Vorstellung dessen, was wir für die öffentliche Meinung halten, bestimmt auch unsere eigene Position. Und wer – aus welchem Grund auch immer – die Äußerungen auf Twitter für die öffentliche Meinung hält, ist damit heillos verloren – selbst wenn sie oder er in renommierten Publikationen schreibt.

5. Vibes bedeuten nicht die Welt

„Wir kennen natürlich die Bedeutung des Wortes „Vibe“. Es ist ein Platzhalter für eine abstrakte Eigenschaft, die man nicht genau bestimmen kann – eine Atmosphäre („a laid-back vibe“). Es ist der Grund dafür, dass man etwas oder jemanden mag oder nicht mag (gute Vibes vs. schlechte). Es ist eine Intuition, für die es keine offensichtliche Erklärung gibt („just a vibe I get“)“, schrieb Kyle Chayka schon im Frühjahr 2021 im New Yorker. Twitter ist voller Vibes und – was noch schlimmer ist – nicht wenige Menschen nutzen Twitter ausschließlich in Vibes. Sie spüren Stimmungen auf, missachten das Ende des Durchschnitts (siehe Punkt 4.) und halten diesen „Vibes“ für einen Ausdruck der Welt, der Öffenltichkeit oder der Gesellschaft. Diese falsche Gleichsetzung von „Vibe“ und „Öffentlichkeit“ bestärkt nicht nur die Memefizierung von Meinungen, sie zeigt auch die weiterhin grundlegende Überforderung des vordigitalen Denkens mit dem digitalen Raum. Ich habe an Twitter immer geschätzt, dass ich mit wenigen Klicks ganz anderer Vibes aufspüren konnte (wenn man so will: Filterblasen verlassen konnte) und mich damit stets daran erinnern konnte: Vibes bedeuten nicht die Welt.

Auf diesen letzten Punkt vertraue ich auch in Bezug auf „die Zukunft von Twitter“. Vielleicht kommt es ja weniger schlimm als der Vibe sich gerade anfühlt. Vielleicht ist das naiv, aber ich fänds gut ¯\_(ツ)_/¯

In Kategorie: DVG

Space Karen & Twitter, Taylor Swift, Mirror-Transition, 1001 Arabian Nights, Tom Böttcher (Netzkulturcharts November 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: Space Karen & Twitter 🤯 🆕

„Eine wahre Geschichte von Geld, Macht, Freundschaft und Verrat“ heißt das Buch, das Nick Bilton im Jahr 2013 über den Beginn des häufig Kurznachrichtendienst genannten Twitter veröffentlichte. Das Buch, das man über die Geschehnisse auf und rund um Twitter in diesen Tagen schreiben könnte, wäre sicher noch spannender – es ist immerhin schon Inhalt für einen eigenen Tiktok-Trend. Auf der Seite twitterisgoinggreat.com wird das Chaos dokumentiert, das sich seit dem Einstieg von Elon Musk „Space Karen“ bei Twitter passender Weise in Echtzeit zuträgt. Space Karen ist der Spitzname, den das selbsternannte Genie Elon Musk seit 2020 trägt, weil der SpaceX-Gründer in seinem Handeln erstaunliche Überschneidungen zum Verhalten der Meme-Karen aufweist, über die KnowYourMeme schreibt: „characterized as an irritating, entitled woman, sometimes as an ex-wife who took custody of „the kids.“ In 2020, the term was broadly applied to a swath of white women who had been filmed harassing people of color, including dialing the emergency services on them for no criminal reason.“ Das ist nicht ganz unpassend, selbst wenn Dr. Karen James sich dieser Tage zu Wort meldet. Sie ist zwar keine NASA-Astronautin, die Biologin bezeichnet sich aber als Space-Fan.
Bei Breitband in Deutschlandfunk Kultur durfte ich auch eine Einschätzung zur Frage beisteuern, ob dies nun eine Änderung in der Kultur oder gar das Ende von Social-Media wie wir es kennen sei. Besonders empfehlen möchte ich aber die Einschätzung von Trevor Noah in der Daily Show: „Everybody who is pro free speech, is not pro all speech. What they are pro, is the speech that they would like to use, that might offend other people. (…) Everyone thinks jokes are funny until the joke is about them.

Platz 2: „It’s me. Hi. I’m the problem.“ (Taylor Swift) 🆕

Taylor Swift in ein Phänomen. In diesem Monat haben ihre Songs zehn Plätze in den Top10 der US-Musikcharts belegt. Woran das musikalisch liegt, hat mein SZ-Kollege Jakob Biazza hier sehr lesenswert beschrieben. Welche Referenzen und Eastereggs sich in dem Album befinden, hat Emily Yar in der Washington Post untersucht. Dass und wie bedeutsam das „Midnights“-Album aber für die Netzkultur hat, beschreibt Caroline Mimbs Nyce bei The Atlantic so: „Das, was Swift mit dieser Albumveröffentlichung macht, als „Online-Know-how“, „Publikumsbindung“ oder „Marketing“ zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Sie hat gewissermaßen ein virtuelles Universum geschaffen, in dem die Fans die Veröffentlichung erleben können.“ Ein schönes Beispiel für die Integration der so genannten Swifties ist dieses Ankündigungsvideo, in dem den Swifties ein Terminplan für die Release-Woche gezeigt wird, mit der Bitte die Songs zu streamen.
Dass sie mit der Zeile „It’s me. Hi. I’m the problem“ quasi nebenbei eines der größten Memes des Jahres geschaffen hat (und hier direkt in der Begrüßung referenziert), ist nur ein Aspekt des Werkes, wie man es mit NLP weiter spielen kann, zeigt dieses sehr schönes Experiment: was passiert wenn man Swifts Texte berechnen lässt?

Platz 3: Fröhliche Kinder filmen tanzende Eltern 🆕

So strahlt der Sohn des belgischen Fußball-Nationalspielers Kevin de Bryne, wenn er seinen Vater dabei filmt wie dieser vor der Kamera rumalbert. Das weiß ich, weil de Bryne es auf seinen Instagram-Account geladen hat – und damit ein besonders prominentes Beispiel für den Trend „fröhliche kinde filmen tanzende Eltern“ liefert. Das ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil der Sound, der unter alle diesen Clips zu hören ist, ebenfalls von Taylor Swift stammt. Dazu übrigens bitte unbedingt nochmal die Geschichte des Love-Story-Remix aus dem Sommer 2020 nachlesen. Das Kinder-Eltern-Tanz-Phänomen (das es übrigens auch in der Variante mit Haustieren gibt) macht deshalb so gute Laune, weil es auf fröhliche Art den filmenden Part hinter all den Clips sichtbar macht.

Platz 4: Mirror Transition 🆕

Sich selbst vor einem Spiegel zu filmen, führt zu erstaunlichen Aufnahmen für Tiktok und Reels. Bisher sah man Nutzer:innen wie sie ihre Smartphone fallen lassen und sich dabei wie durch Geisterhand verwandeln. Seit ein paar Wochen kommt die Mirror Transition jetzt aber in Bewegung – als mirror run sind Clips zu sehen, bei denen Nutzer:innen vermeintlich sehr schnell in sehr unterschiedlichen Outfits an ihrem Badezimmerspiegel vorbeirennen.

Platz 5: 7 vs Wild 🆕

Der aus dem Netz prominente Parfum-Influencer Jeremy Fragrance ist dieser Tage in das so genannte Promi-Big-Brother-Haus eingezogen – weil er über seine eigenen Kanäle hinaus bekannt werden will. Schöner kann man die Ironie dieses Formats vermutlich nicht auf den Punkt bringen. Das Netz schafft eigene Prominenz – und diese wird ins Fernsehen verlängert. Oder auch nicht. Bereits in der zweiten Staffel umgeht das Format 7 vs. Wild den Weg ins TV. Es nimmt einfach das Konzept einer Reality-Show und überträgt sie auf ein YouTube-Format: Sieben Teilnehmer sind sieben Tage lang in der Wildnis unterwegs – und filmen sich dabei. „Die mediale Ästhetik von 7 vs. Wild knüpft somit an den Stil von YouTuberinnen und Instagram-Influencern an, die sich von ihrer Selfie-Cam – und damit von ihren Followerinnen und Followern – auf Schritt und Tritt verfolgen lassen. Auf Kamerateams und Skripte wird bei der Low-Budget-Produktion verzichtet, stattdessen erinnert die Sendung an einen nicht enden wollenden Videoblog“, schreibt Till Wilhelm auf Zeit-Online. Und schon zur ersten Staffel kommentierte der MDR: „,7 vs. Wild‘ ist gefährlicher, überraschender, lebensnaher als es jede Show im Fernsehen sein kann. Trotzdem verstehen die Macher genau, wie das Spiel funktioniert: Sie sind Kenner der Selbstinszenierung, die wissen, wie sie sich am besten in Szene setzen – und wo man die Cliffhanger zur nächsten Folge setzen muss. Wahrscheinlich haben sie es vom Fernsehen gelernt.“ Seit in diesem Monat die zweite Staffel startete, gehen auch die Einschaltquoten Klickzahlen weiter hoch: die zweite Folge der neuen Staffel kommt auf 10 Millionen Aufrufe – ähnlich viele Aufrufe erhielten deutsche Fernsehgeräte übrigens auch während der Wetten-dass-Sendung

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Taylor Swift „Anti-Hero“
2. CHIPS „1001 Arabian Nights“
3. Rosa Linn „Snap“ Italian Version
4. Beyonce „Cuff it“
5. Ski Aggu „Party Sahne“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Was für ein Erfolg für die Eurodance-Band CH!PS aus den Niederlanden. Ihr Song „1001 Arabian Nights“ ist plötzlich ein Trend auf Tiktok – und bringt eine kontroverse Frage mit sich: welcher Move ist zeitgemäß? Jener, der gerade auf Tiktok sich verbreitet, bei dem Nutzer:innen die Zahlen 1-0-0-1 mit der Hand zeigen oder der, den die vier niederländischen Musiker in den Nullerjahren sich ausgedacht haben: mit den Armen einsen und nuller formend?

Die Frage, wie es aussehen würde, wenn die Augsburger Puppenkiste auf Tiktok wäre, wird seit ein paar Wochen sehr erfolgreich vom deutschen Schauspieler Tom Böttcher beantwortet. Seit Ende Oktober spielt er auf seinem Tiktok-Account Marionetten-Szenen so beeindruckend nach, dass er nicht nur immer mehr Views sammelt, sondern auch andere Accounts zur Nachahmung und Interaktion animiert.

Die BBC erklärt in unter 60 Sekunden was meiner Einschätzung nach eines der beeindruckendsten Memes des Jahres ist: der Jiggle-Jiggle-Erfolg (mehr dazu in der Mai-Ausgabe der Netzkulturcharts). Zum Thema Dark Social hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine interessante Studie veröffentlicht. Die US-Demokraten haben nach den Midterms eine Übersicht über Politiker:innen auf Tiktok gepostet. Der italienische Programmierer Gianluca Mauro hat ein Tiktok-Video darüber gemacht, welche Signale der Tiktok-Algorithmus für seine Berechnungen nutzt.

In dem sehr empfehlenswerten Gespräch von Greta Thunberg mit Russell Howard gibt es eine schöne kleine Sequenz über Memes.

Open letter to 22-Goals-Writer Brian Phillips

Üblicherweise schreibe ich hier auf deutsch. Ausnahmsweise erscheint dieser Beitrag auf Englisch. Mehr englischsprachige Beiträge gibt es hier

Dear Brian,

You don’t know me, but I listen to your podcast. More than that: I am a fan!

But: This is not a Podcast-rating of a football-interested journalist from Germany. This is an open letter to the author of one of the best sports journalism pieces of 2022. This is an attempt to resolve the moral dilemma surrounding one of the most beautiful and unifying sports on the one hand (picture above: Unsplash) and one of the most immoral and repudiatory sporting events on the other. There is a question hanging over this episode soon-to-be-launched Winter World Cup in Qatar that I have to ask you, Brian Phillips, who has been delighting me for weeks with the wonderful podcast „22 Goals“:

How should I, as a football fan, deal with this exceedingly problematic event?

After listening to fourteen episodes of the „Ringer“ podcast and imagining, the idea came to me: While Brian Phillips had to have his teeth cleaned by the dentist in this episode with his mouth wide open, the dentist told him, what a stupid idea it is to talk about goals that everyone wants to watch in the first place. But „22 Goals“ proves the dentist wrong! I don’t want to watch the goals in Qatar then, if Brian Phillips summarises them for me the way he has already done with historic goals and with ones I didn’t know about before. I want him and all the other colleagues who travel to the Middle East to preserve the spirit of the sport and not leave it to those who put profit above all. I want that spirit to be preserved in a way that my favourite podcast of the year preserves the goals of World Cup history.

I am already aware that this is not a complete boycott of the games in Qatar (as has been called for in German Bundesliga stadiums in recent days, for example). But if one already assumes that one’s own spectator behaviour can contain a political message*, then my proposal also includes a signal in the direction of „FIFA“: I do not agree with the awarding and the circumstances of the World Cup in Qatar, but I agree with the open idea of football that unites people!

In studying the global history of goal-scoring (from the supposed playboy and tea baron Thomas Lipton to the rainy final in Moscow in 2018), at least this one realisation becomes clear: Football is bigger and more powerful than what FIFA has made of it.

And because football is so much bigger, we should not leave it to FIFA. From you, Brian Philipps, I have learned that in the beginning of worldcup-history English football has simply placed itself above FIFA – and ignored the first events of this organisation half benevolently, half contemptuously. I learned how football became more and more significant, how underdogs prevailed, how stars flourished, failed and yet somehow came back. All this is so much more important and exciting than the machinations of those who try to sell football. I don’t want to agree with them destroying the idea of football. They can take the shell of the sport, but not its spirit.

But is that possible: Can I separate the art from the artist? Or rather, in this case: Can we separate the art and its artists from the disastrous, inhuman management?

The question of whether and which game to watch has become a moral dilemma that knows no good outcomes. The Economist compared watching this Worldcup with „long-haul travel in the era of climate change“ and concluded: „enjoying this tarnished World Cup may require an offset for your conscience, a donation to a human-rights group, say, or an anti-corruption charity. An event that punctuates and brightens millions of lives is set to feel grubby and shameful.“

Therefore, my request: Brian Philipps help us and report on the (important) goals of this now starting World Cup as you have done on the goals of the past. Not as a hectic live ticker, but as a social classification – and thus preserve an idea that is bigger and more powerful than the commercialism of FIFA.

If all this seems kind of silly or absurd, it’s probably not wrong at all. It is the somewhat helpless attempt of a football fan to find orientation in a situation that only shows wrong turns.

Kindest regards

Dirk

* If my viewing behaviour should indeed have a political dimension, at least two questions arise. First of all: How can you create an impact that can really lead to change? Is withdrawn attention a suitable means for this? Shouldn’t tangible consumption decisions be made? The German journalist Marco Seiffert suggests boycotting not the matches but the sponsors of the World Cup from the first match day: „If sponsoring a World Cup does not bring additional profits but losses, there would be consequences very quickly.“
And secondly: If I look at the political level in dealing with this event, I would have to place much more emphasis on genuine commitment to human rights – for example, supporting Amnesty or Humans Rights Watch.

Die Fußball-Metapher: was man von 22 Goals über erzählenden Journalismus lernen kann

Kopieren kapieren (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Der Titel dieses Beitrags ist mehr als ein schönes Wortspiel. „Kopieren kapieren“ ist die semantische Übertragung eines musikalischen Phänomens, das die Popkultur seit einigen Monaten auf erstaunliche Weise beschäftigt: Interpolation – der sich Arte hier, Deutschlandfunkkultur hier und der unbedingt empfehlenswerte Podcast „Switched on Pop“ hier gewidmet haben. (Symbolbild: Unsplash)

Dabei handelt es sich um eine besonders interessante Spielart der Kopier- und Referenzkultur. Anders als bei einem Sample, bei dem eine Sequenz eins-zu-eins aus der Original-Aufnahme kopiert wird, wird bei der Interpolation die Vorlage nachgespielt – meist mit einer kleinen Abwandlung. Zum Beispiel durch den Tausch eines Vokals direkt nach dem ersten Buchstaben: „Kopieren kapieren“ ist aber nicht nur Symbol für eine der jüngsten Spielarten der Referenzkultur, es ist auch der Imperativ der digitalen Gegenwart.

Durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie wurden erst die Daten von ihrem Träger gelöst und anschließend das vormals passive Publikum durch die Demokratisierung der Publikationsmittel zu aktiven Teilnehmer:innen an jener segmentierten Gesamtheit, die wir als Öffentlichkeit kannten. Wer sich für Kommunikation und die grundlegenden Veränderungen der strukturgewandelten Öffentlichkeit(en) interessiert, muss sich mit dem Phänomen der Kopie befassen – und zwar auf eine Art und Weise, die über klischeehafte Abwertung der vermeintlich minderwertigen Tätigkeit hinaus geht. Kopieren ist zur zentralen Kulturtechnik der Gegenwart geworden – allerdings ohne, dass der allgemeine Diskurs dazu mitgekommen wäre bzw. Einigkeit oder Wissen über die dazu notwendigen Fähigkeiten bestehen würde. Deshalb ist „Kopieren kapieren“ Angebot und Appell zugleich.

Die Forscher David und Diana Zulli beschreiben in ihrer Analyse „Extending the Internet meme: Conceptualizing technological mimesis and imitation publics on the TikTok platform“ das Kopieren als zentrale kulturelle Praxis auf der Plattform Tiktok. Diese von der chinesischen Firma Byte-Dance betriebene Plattform ist das jüngste und äußerst populäre Beispiel für die Kopierkultur der Gegenwart. Die Washington Post analysierte dieser Tage:

TikTok’s website was visited last year more often than Google. No app has grown faster past a billion users, and more than 100 million of them are in the United States, roughly a third of the country. The average American viewer watches TikTok for 80 minutes a day — more than the time spent on Facebook and Instagram, combined.

Tiktok erschafft etwas, was Zulli und Zulli „imitation publics“ nennen und der Begriff beschreibt ganz gut, welche kommunikationswissenschaftlichen und soziologischen Schlüsse ich aus der Kopierkultur des digitalen Zeitalters ziehen würde. Deshalb hier – völlig unabhängig vom aktuellen Erfolg von Tiktok und dessen geopolitischer Bewertung – die fünf Aspekte dessen, was hinter dem Hype steckt.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit der Remix- und Referenzkultur des Digitalen befasse.

Fünf grundlegenden Entwicklungen, die begründen, weshalb man kopieren kapieren sollte:

1. Ohne Aufmerksamkeit ist alles nichts

Wie sich das Verhältnis von Aufmerksamkeit zu Inhalt verändert hat, lässt sich kaum besser illustrieren als mit dem Zitat des DJ-Duos „Partyshirt“, die über peinliche Situationen das hier gesagt haben: “Everything’s cringey until it gets views” Früher ging man davon aus, dass Dinge so lange nicht cringey (peinlich) sind wie sie nicht gesehen werden. Es gehört zur besonderen Logik digitaler Öffentlichkeit(en), dass sich dieses Verhältnis heute gedreht hat – wie auch das Zusammenspiel von Inhalt zu Aufmerksamkeit. Diese hat sich nicht geändert, sie trifft aber heute auf so viel mehr Inhalt, dass sie die wichtigere, weil wertvollere Währung geworden ist. Sie ist die Voraussetzung für jegliche Form öffentlichen Erfolgs. In Abwandlung des Partyshirt-Zitats könnte man sagen: „Alles bleibt ein Tagebuch, solange es nicht gesehen wird.“

2. Der Werk wird wertvoll durchs Netzwerk

Das veröffenltichte Werk, auch das ist für werkschaffende Künstler:innen nicht ganz leicht, gewinnt seinen Wert erst durch das Netzwerk seiner Nutzung. Nicht nur die Aufmerksamkeit, auch die weitergehende Interaktion machen die Öffentlichkeit aus. Durch das Netzwerk Internet, in dem viele miteinander verbunden sind, ist der öffentliche Raum tatsächlich ein Raum geworden – nicht mehr nur eine Rampe, über die Künstler:innen, Journalist:innen und Medien ihre Inhalte abwerfen. Der öffentliche Raum basiert auf Interaktion und Wertschätzung sowie Wertschöpfung entstehen hier durch Vernetzung. Anders formuliert: der Content (über den sich Künstler:innen definieren) braucht den Kontext (der zu weiten Teilen den Plattformen überlassen wird) um Wirkung zu erzeugen.

3. Alle sind keine Zielgruppe

Wirkung ensteht nicht mehr vor einer Hauptbühne, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Digitale Öffentlichkeiten definieren sich stattdessen an einer Entwicklung, die manb „Das Ende des Durchschnitts“ nennen könnte und segmentieren Aufmerksamkeit auf viele Nebenbühnen. Wer Wirkung erzeugen will, muss sich auf Nebenbühnen konzentrieren statt eine Hauptbühne zu suchen. Aus der Welt der Massenkultur ist eine Welt der massenhaften Nischen geworden – diese zu bespielen, ist die Voraussetzung für öffentlichen Erfolg. Gerade dann wenn man „alle“ erreichen will. Damit dies gelingt, muss man mit den Zielgruppen beginnen, die man erreichen kann.

4. Der Werk ist ein Werkstoff, der bearbeitet wird

Die Idee des einen Publikums ist ebenso überholt wie die Idee des einen abgeschlossenen Werks. Digitale Produkte sind Prozesse, niemals fertig. Sie werden zu Werkstoffen, die in Form von Remix, Interpolation oder Cover weiterverarbeitet werden. Dieses RIC erweitert den Aufnahmeknopf des 20. Jahrhunderts (REC). Referenziert zu werden ist dabei kein Diebstahl am Original, sondern hilft diesem am Leben zu bleiben. In der „Switched on Pop“-Folge lernen wir, dass Rechteinhaber:innen extra Referenz- und Kopier-Angebote machen, um ihre Werke in der Öffentlichkeit zu halten.

5. Der Zauber des Unkopierbaren entsteht in der Vernetzung

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem großen Moment und einer nachhaltigen Karriere“, sagt der Musikexperte Larry Miller (Professor und Host von Musonomics) in dieser Folge des vergecast über die Zukunft der Musikindustrie. Plattformen seien gut darin, große Momente zu schaffen und singuläre Inhalte viral gehen zu lassen. Nachhaltige Karrieren hingegen sieht er bei Plattenlabels eingelöst. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist jedoch, dass für diese Karrieren eines unerlässlich ist: die Verbindung von Star und Publikum, die Vernetzung von Künstler:innen und Zuschauer:in. Dieses Verhältnis sorgt nicht nur dafür, unkopierbare Erlebnisse (z.B. auch im Metaverse) entstehen zu lassen. Diese Verbindung bildet auch die Grundlage für den ersten Punkt dieser Liste: Sie schafft Aufmerksamkeit.

Wer kopieren-kapieren.de möchte, kann auch mal in diese Bücher schauen:

„Grautöne sichtbar machen“ – Martha Eierdanz über konsens

Welche Wege gibt es, um in Gruppen gute Entscheidungen zu treffen? Martha Eierdanz und Maximilian Hoffmann aus Berlin haben dafür eine tolle Website ins Netz gestellt, die auf Basis der Methode des systemischen Konsensierens möglichst vielen Menschen Entscheidungsfindung zugänglich machen will: konsens.it ist eine Art Doodle für die Entscheidungsfindung. Ich habe Martha einige Fragen zu dem Projekt gestellt.

Ihr habt eine Seite ins Netz gestellt, die helfen will, Lösungen in einer Gruppe zu finden. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen?
Max beobachtete bei seiner früheren Arbeit, dass es für die fünf gleichberechtigten Partner schwierig war Entscheidungen zu treffen, weil sie häufig unterschiedliche Ansichten hatten. Dadurch wurden Entscheidungen verzögert oder es wurden Lösungen erneut diskutiert, die eigentlich schon verworfen waren.

Er begann deshalb zu recherchieren, wie man Entscheidungsprozesse in Gruppen effizienter machen kann. Dabei ist er auf die Methode des Systemischen Konsensierens gestoßen, bei der Vorschläge mit Widerstandspunkten bewertet werden. Wir waren beide zu der Zeit in der Klimabewegung aktiv und haben festgestellt, dass auch dort die Methode regelmäßig genutzt wird, z.B. von Fridays for Future. In der analogen Durchführung ist sie jedoch relativ komplex, erfordert Moderation, Materialien und die manuelle Berechnung der Ergebnisse. Zudem müssen sich alle Teilnehmenden zu einem Zeitpunk zusammenfinden.

So kam die Idee, den Prozess zu vereinfachen und digital abzubilden. Dadurch haben Teilnehmende die Möglichkeit auch außerhalb von Meetings und zu unterschiedlichen Zeiten Vorschläge einzureichen und abzustimmen. Spätestens seit der Pandemie mit Home-Office und überwiegend digitaler Kommunikation wurde diese Möglichkeit noch wichtiger.

Die Seite erinnert ein wenig an eine Art Doodle zur Konsens-Findung. Hast Du eine Idee, weshalb es so etwas zwar zur Terminkoordination gibt, bei inhaltlichen Fragen, die ja häufig viel bedeutsamer sind, aber eher unbekannt ist?
Ich denke das hängt mit dem geringen Demokratisierungsgrad unserer Wirtschaft und Arbeitswelt zusammen. Aktuell arbeiten die meisten von uns in Hierarchien mit wenig Entscheidungsmacht und Selbstbestimmung. Wichtige Entscheidungen werden von Vorgesetzten getroffen.

Hierarchische Strukturen eignen sich jedoch nicht, um flexibel auf komplexe Probleme zu reagieren. Eine einzelne Person hat nie alle Informationen, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Deshalb beziehen immer mehr Organisationen ihre Mitarbeitenden in Entscheidungen ein. Hierarchien werden flacher und Teams arbeiten zunehmend selbstorganisiert. Dadurch entsteht auch der Bedarf nach neuen Prozessen und Werkzeugen, mit denen Menschen gemeinsam effektiv Entscheidungen treffen können. Wir sehen konsens daher als einen Beitrag zur Demokratisierung der Arbeitswelt.

Tatsächlich haben wir uns an der Einfachheit von Doodle orientiert. Wir wollten ein ebenso barrierefreies Nutzungserlebnis schaffen: ohne Anmeldung und mit einem Link, den man teilen kann. Während Doodle mittlerweile von allen Teilnehmenden die E-Mail-Adresse abfragt, haben wir das bewusst vermieden. Datensparsamkeit und ein deutscher Server-Standort waren uns sehr wichtig, weil wir aus der Klimabewegung und unserer Arbeit wissen, dass das eine Voraussetzung für den Einsatz in gemeinnützigen und politischen Organisationen ist.

Die Besonderheit an der Seite ist, dass Ihr keine Präferenzen abfragt und dann quasi nach demokratischen Kriterien einen Sieger kürt. Ihr dreht es genau um und fragt nach Widerstandspunkten. Warum?
Eine wichtige Erkenntnis aus unserer Recherche war, dass Widerstandspunkte gegenüber Mehrheitsentscheiden deutliche Vorteile haben. Erstens macht es einen großen Unterschied, ob wir uns fragen „wie sehr mag ich etwas?” oder „wie sehr kann ich mit etwas leben?“. Letzteres zwingt uns darüber nachzudenken was uns stört und was geschehen müsste, damit dieser Störfaktor nicht mehr existiert. Zum einen hilft das kritische Punkte aufzudecken, die sonst nicht an die Oberfläche gekommen wären. Zum anderen ist es ein erster Schritt zu einem besseren, angepassten Vorschlag, der die Störfaktoren nicht mehr enthält.

Zweitens ist es fast unmöglich zu einer Lösung zu kommen, die alle gut finden. Bei konsens geht es stattdessen darum eine Lösung zu finden, die alle mittragen.

Drittens bringt die Abstufung zwischen 0 und 10 mehr Nuancen mit als die Wahl zwischen Ja, Nein und Enthaltung. Diese Nuancen geben ein viel besseres Stimmungsbild ab.

Zusammengefasst bringen Widerstandspunkte die Teilnehmenden dazu, kritischer mit der eigenen Meinung umzugehen, nach Lösungen zu suchen und seltener Entscheidungen aufgrund reiner Vorlieben zu blockieren.

Habt Ihr einen idealen Nutzer:innen-Typ vor Augen, der Eure Seite nutzen soll?
Grundsätzlich kann konsens in allen möglichen Kontexten genutzt werden, egal ob in Unternehmen, in politischen Organisationen oder im Privaten mit Freunden und Familie. Wir sind aktuell in Kontakt mit unterschiedlichen Gruppen aus dem sozialen und politischen Bereich, weil dort demokratische Entscheidungen bereits die Regel sind.

Wir hoffen jedoch, dass konsens auch in anderen Bereichen zu mehr partizipativen Entscheidungen führt, weil sie mit konsens einfacher und schneller durchzuführen sind. Wenn dadurch mehr Entscheidungen auf kollaborative und demokratische Weise getroffen werden, wäre das für uns ein großer Erfolg.

Könnte man das Instrument auch nutzen, um zum Beispiel politische Entscheidungen zu treffen?
Auf jeden Fall. Es haben schon Organisationen aus dem politischen Bereich Interesse bekundet, konsens für die Beteiligung von Bürger:innen zu nutzen. Ein weiteres Beispiel sind Bürger:innenräte, die zunehmend zum Einsatz kommen. Dabei werden Bürger:innen zufällig ausgelost, um zu einem bestimmten Thema einen Vorschlag auszuarbeiten, der anschließend der Regierung vorgelegt wird.

Die Entscheidung trifft aber natürlich nicht konsens selbst, sondern immer die Menschen die konsens nutzen. konsens zeigt vielmehr ein Stimmungsbild auf und identifiziert die Lösung, die von den meisten Teilnehmenden mitgetragen wird. Was die Beteiligten daraus machen, ist ihnen überlassen.


Am Ende ist die Seite ein Lob der Fähigkeit zum Kompromiss. Täuscht mein Eindruck, dass diese Fähigkeit ein wenig verloren gegangen ist?

Ich verstehe den Eindruck sehr gut. Meiner Meinung nach hängt das damit zusammen, wie Macht in Organisationen verteilt ist und wie infolgedessen Entscheidungen getroffen werden. In vielen Organisationen herrschen hierarchische Strukturen. Dort werden erst gar keine Kompromisse gesucht, weil Vorgesetzte Entscheidungen ohne Abstimmungen treffen können. Dadurch kann die Fähigkeit zum Kompromiss auch nicht geübt und gestärkt werden. In demokratischen Strukturen hingegen sind Kompromisse unvermeidbar, da Macht verteilt ist und viele Menschen mitentscheiden.

Zudem erzeugen andere Entscheidungsmethoden Konkurrenz zwischen Gewinner:innen und Verlierer:innen. Nehmen wir z.B. den Mehrheitsentscheid, also die Wahl zwischen Ja, Nein und Enthaltung. Wenn man selbst mit Nein stimmt, aber die meisten Menschen mit Ja, fühlt man sich direkt als Verlierer:in. Es fällt schwer in dieser Situation etwas Positives für sich herauszuziehen. Die Welt ist aber nicht Schwarz und Weiß wie beim Mehrheitsentscheid. Deshalb geben Widerstandspunkte ein besseres Bild ab. Sie machen die Grautöne sichtbar, so wie sie im echten Leben existieren.

Unter konsens.it kann man das Instrument auf deutsch und englisch ausprobieren

Another Love, #iranrevolution, Tiktok-Musikjournalismus, Duet-Chain, Excuse me Avocado (Netzkulturcharts Oktober 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: Tom Odell „Another Love“ 🆕

„Lege diesen Sound unter dein letztes Video“ fordern manche Tiktok-Challenges und versprechen dafür enorme Reichweiten – weil der Song oder Sound angeblich gerade kurz davor sei, viral zu gehen. Meist werden solche Aufforderungen von Accounts verbreitet, die sich als eine Art Viralitäts-Coaches in Tiktok positionieren wollen. Ein Song, den sie nie empfehlen, obwohl er seit Monaten unter unglaublich vielen Videos liegt, ist das Lied „Another Love“ von Tom Odell. Der britische Musiker veröffentlichte den Song 2012, zehn Jahre später ist er auch dank eines Konzerts im Bahnhof von Bukarest zu einem Hoffnungssong für Flüchtende aus der Ukraine geworden. Aber auch Protestvideos aus dem Iran werden mit der Klaviersound unterlegt, so dass eine Nutzerin unter einem Odell-Post auf Instagram kommentiert: „Your song has been our anthem in our protests. Be our voice. They are killing us in Iran. Be our voice. #mahsaamini

Platz 2: #iranrevolution 🆕

Aufmerksamkeit ist die zentrale Währung der digitalen Gegenwart. Wir verschenken Aufmerksamkeit, indem wir uns für bestimmte Dinge interessieren und für andere nicht. Die beiden TV-Moderatoren Joko und Klaas haben in diesem Monat ihre Reichweite in Instagram verschenkt – für das Aufbegehren der iranischen Bevölkerung gegen das Regime der Islamischen Republik. Nicht für ein Takeover, sondern für immer: So kündigen sie es in der 15-minütigen Sendung auf Pro7 an, die „Aufmerksamkeit für #IranRevolution“ heisst und mit den Worten endet: „Das einzige, was Iraner:innen zumindest etwas davor schützt, nicht getötet zu werden, ist die globale Aufmerksamkeit.“ Deswegen lenken @officiallyjoko (Hosted by Azam Jangravi Women’ rights activist) und @damitdasklaas (Hosted By Sarah Ramani, The Voice of the Streets) den Blick ab sofort den Blick auf die #IranRevolution.

Platz 3: Neuer Musikjournalismus 🆕

Dass Tiktok die Musik vielleicht sogar stärker verändert als Spotify es tut, ist an vielen Stellen zu lesen. Was dabei etwas untergeht: Tiktok verändert auch den Musikjournalismus auf erstaunliche Weise. Es gibt zahlreiche musikjournalistische Accounts in dem Netzwerk, die einerseits den Wandel der Musik beschreiben und dabei andererseits die Methoden und Muster der Tiktokisierung selbst nutzen. Besonders erstaunlich finde ich den Account des Musikproduzenten Luxxuryxx (siehe Bild), aber auch @jarredjermaine, @martinbeauregard und auch der deutsche Musik-Wissenschaftlicher Dr Rivers sind empfehlenswerte Beispiele für diese Form des neuen Musikjournalismus.

Platz 4: Duett-Chain 🆕

Wie provoziert man Widerspruch im Web? Einfach eine falsche Behauptung posten, diese Fortentwicklung von Cunninghams Law hat in diesem Monat dem Account Scumbag-Dad auf Tiktok eine schöne Duett-Berühmtheit beschert. Das Prinzip der Duet-Chain kennen Netzkultur-Freund:innen bereits aus dem Mai 2021, Scumbag-dad provozierte genau diese kopierende Beteiligungskultur – mit blankem Oberkörper und voller Absicht. Die Reaktionen sind dennoch genauso faszinierend wie schon im Mai 2021.
Hinter dem Account Scumbag-Dad steckt übrigens Brad Podray, der die Idee wiederum von dem Phänomen YourKoreanDad kopierte.

Platz 5: Excuse me, Avocado! 🆕

In den September-Charts war Linnea mit ihre zeitgemäßgen Entschuldigung „Excuse me, wir haben 2022“ noch auf Platz 2. Der fünfte Platz in den Oktobercharts ist allerdings kein Abstieg, sondern quasi ein Neu-Einstieg mit einem Remix. Nutzer:innen auf Tiktok haben nämlich Linneas Geständnis „ich bin Avocado-süchtig“ in Form einer Antwort-Referenz (Stitch) mit einem anderen Netzkultur-Trend des Jahres verbunden: sie korrigieren das Ursprungsvideo eingeleitet mit den Worten „excuse me, wir haben 2022“ in Bezug auf die Aussprache der Frucht: „Es heißt nicht Avocado, sondern Avocado“ (wie hier die Nutzerin Larissa). Die Referenz bezieht sich auf den im Februar beschriebenen Trend, dessen 2022er-Variante vom Account @diclassicx ausgelöst wurde. Antrieb ist das Phänomen der absichtsvollen (falschen) Aussprache, das ich im Rahmen der Gluttheorie der öffentliche Debatte in seiner Dynamik für memetische Meinungen analysiert habe.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Ski Aggu „Party Sahne“
2. Beyonce „Cuff it“
3. Rosa Linn „Snap“
4. Peter Fox „Zukunft Pink“
5. Rian „Schwarzes Schaf“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Barack Obama hat einen beeindruckenden Wahl-Aufruf an junge Amerikaner:innen gepostet. Er legt nicht nur zahlreiche unpeinliche Referenzen an die GenZ offen (hier eine lesenswerter Guide to GenZ), er endet auch mit dem Spitzenreiter der vergangenen Netzkulturcharts: dem Corn-Fan Tariq, der natürlich auch diesen Monat weiterhin wichtig bleibt. Aus dem Song sind weitere Adaptionen entstanden – beispielhaft die Londoner U-Bahn, die die Renovierung der Station „Bond-Street“ mit dem Sound feiert. Dass Peter Fox einen neuen Song veröffentlicht hat, hat in Tiktok ebenso für Aufsehen gesorgt wie der zweite Hit von Nina Chuba, die hier einen wunderbaren Jim Knopf-Wildberry-Lilleth-Mashup bekannt macht: „Lummerland Lillet“.

Der Account happy_paule hat sich Ende August mit ein paar Nudeln und einem Spezi vor einen Stream gesetzt – und sich dabei gefilmt. Sein „Jungs, gibts was besseres?“-Clip ist zu einer schönen Kopiervorlage geworden, mit der jede Menge Accounts interagieren.

Der österreichische Standard berichtet über die Nafo-Memes im Ukraine-Krieg (siehe dazu auch die September-Ausgabe)

Der Hashtag #NurDreiWorte auf Twitter nimmt auf schöne Weise Bezug auf die One-Word-Tweets, die hier schon mal Thema waren. Die ARD hat ein Kultur-Angebot namens „ARD Kultur“ gestartet, dabei auch ein digitale Format namens Pixelparty. Gawker erklärt, wie Promis Tiktok nutzen sollen.

Dass die Washington Post sich auf beeindruckende Weise mit dem Tiktok-Universum befasst, war hier wiederholt Thema (hier der Versuch auf Tiktok deren Filter zu umgehen). In diesem Monat gab es einen besonderen Schwerpunkt und dieser Text analysiert den Erfolg der Post auf Tiktok.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen. Wer keine Folge verpassen möchte, kann sie hier als eigenen Newsletter bestellen.

10 Wege, um (online) immer Recht zu haben (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was ist nur mit der Diskussionskultur los? Seit Jahren wird über sie diskutiert, es wird geklagt und nostalgisch zurückgeblickt – und trotzdem wird nichts besser. In diesem Monat sorgte z.B. der Abschied von SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert von Twitter für eine neuerliche Debatten-Debatte. Dabei ist es doch gar nicht so schwer, sich online absolut richtig zu verhalten. Deshalb hier eine ausschließlich und vollständig ernst gemeinte Anleitung für alle, die gerne glücklicher online debattieren möchten (Symbolfoto: Unsplash). Mit den folgenden zehn Ratschlägen gelingt es, jederzeit im Recht zu bleiben:

Ändern Sie niemals Ihre Meinung
Die eigenen Ansichten der Gegenwart anzupassen, gleicht einer Niederlage. Wer so etwas tut, ist im Unrecht. Das ist Ihnen zuwider. Niemals werden Sie Ihre Meinung ändern. Sie gehört zu Ihnen, ist ein unveränderliches Kennzeichen, das Ihre Identität prägt. Dass man Menschen und Meinungen trennen kann, ist Ihnen fremd. Sie stehen für Ihre Meinung ein und knüpfen dies eng an Ihre Persönlichkeit. Widerspruch ist deshalb für Sie auch kein sachliches Gegenargument, sondern ein Angriff auf Ihre Person, den Sie mit allen Mitteln abwehren müssen.

Unterstellen Sie stets böse Absichten
Weil Sie selbst Mensch und Meinung nicht trennen wollen, tun Sie das auch bei Ihrem Gegenüber nicht. Sie ziehen deren Motive in Zweifel, unterstellen konsequent böse Absichten und finden negative Eigenschaften, die Ihnen ad hominem helfen, Sachargumente konsequent abzulehnen.

Sprechen Sie anderen Meinung stets die Kompetenz ab
Es gibt also nur einen Grund, eine andere Ansicht zu haben als Sie: Dummheit. Einzig fehlende Kompetenz ist für Sie eine Erklärung für abweichende Meinungen. Andere Möglichkeiten schließen Sie aus. Angenehmer Nebeneffekt: Wenn Sie die anderen für dumm erklären, sind Sie quasi automatisch nicht nur auf der richtigen Seite, sondern auch sehr klug. Sie teilen ja Ihre Meinung!

Nutzen Sie Medien einzig als Meinungsverstärker
Der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt hat seine Vorstellung vom Publikum unlängst so beschrieben: „Sie wollen Superstars, die ihre eigene Meinung bestätigen.“ Geben Sie ihm Recht, wählen Sie einzig Medien, die Ihre Ansichten verstärken. Vermeiden Sie Medienkonsum, der Sie auf andere Gedanken bringt, Ihnen neue Perspektiven aufzeigt oder Sie womöglich ins Zweifeln bringt.

Gehen Sie stets davon aus, dass alles genau so ist wie es wirkt
Der Zweifel ist Gift fürs Rechthaben. Seien Sie deshalb möglichst selbstsicher. Das gilt auch in Bezug auf Beschreibungen, Accounts und vermeintliche Fakten: Vermeiden Sie in jedem Fall die Frage „Und wenn das Gegenteil richtig wäre?“ Unterdrücken Sie unbedingt den Gedanken, dass manche Beiträge vielleicht von Fake-Accounts oder Bots kommen könnten (hier schreibt Ronen Steinke sehr lesenswert über virtuelle V-Leute im Netz).

Halten Sie Twitter-Trends konsequent für die Bevölkerungsmeinung
Da alles so ist, wie es wirkt, nehmen Sie auch Likes, Follower und Trends auf Plattformen stets für voll. Muss ja stimmen! Als Journalist:in können Sie zum Beispiel Twitter-Trends nicht nur als Abbild der Gesellschaft lesen, sondern durch „hat ja viele likes“- auch in klassischen Medien noch weiter verbreiten. Keinesfalls sollten Sie sich mit dem Mediamanipulation-Book oder der Mechanik von Meme-Wars befassen. Die Autor:innen des gleichnamigen Buches sagen mit Blick auf die Meme-Mechanik: „They’re the activation of people’s confirmation bias and stereotypes. As we watched political opponents begin to memeify one another and push these tropes — some with the intention of sowing disinformation, others with the intention of spreading propaganda — I think many journalists were initially very dismissive.“

Achten Sie auf ohrenbetäubendes Schweigen
Um Recht zu behalten, muss Ihr Thema in der Debatte bleiben. Sonst merkt ja keiner, dass Sie Recht haben. Achten Sie dabei stets darauf, dass die Diskussion sich nicht zu weit, von Ihren Interessen entfernt. Neben der klassischen Themen-Erinnerung (vulgo: Whataboutism) bieten sich hier auch anklangende Meinungsäußerungen an, in denen Sie kritisieren, dass manche Leute (gerne markieren!) sich noch nicht zu einem aktuellen Ereignis geäußert haben. Brandmarken Sie dieses Schweigen als „ohrenbetäubend“!

Lassen Sie keine Gelegenheit zum Widerspruch ungenutzt
Aber nicht nur Schweigen fordert Ihren Widerspruch heraus. Jede abweichende Meinungsäußerung provoziert Sie persönlich. Dass Sie überhaupt öffentlich geäußert wird, ist eine Frechheit und Beweis für die katastrophale Debattenkultur, für die natürlich ausschließlich die anderen verantwortlich sind. Sie hingegen tun nur, was Ihr gutes Recht ist: Sie widersprechen. Immer und jederzeit! Denn irgendwo ist immer jemand im Unrecht, wenn Sie dem Gedanken konsequent folgen, wird Ihre Glut nie ausgehen.

Denken Sie konsequent und ausnahmeslos schwarz-weiß
Zwischentöne lehnen Sie ab. Ziehen Sie klare Linien: Wer nicht Ihrer Meinung ist, ist gegen Sie. Persönlich. Genau so reagieren Sie auch: ablehnend, geringschätzend, beleidigend. Dass manchmal vermeintlich gegenteilige Dinge gleichzeitig eine Berechtigung haben, halten Sie für eine Erfindung. Ambiguitätstolerenz hat für Sie – wie Toleranz überhaupt – ihre Grenzen.

Halten Sie sich für den Mittelpunkt der Welt
Beurteilen Sie alle Ereignisse des Weltgeschehens konsequent ausschließlich aus Ihrer eigenen Perspektive. Ihre Prägung oder Ihre nostalgische Erinnerung sollten zum alleinigen Maßstab Ihrer Meinungen werden. Andere sollen das bitte auch anerkennen: Sie sind jetzt mal dran, Ihre Meinung, ihre Ansicht kamen jahrenlang nicht angemessen zur Geltung. Jetzt ist Ihre Zeit! Das ist Ihr gutes Recht und Sie haben Recht!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: Impfverweigerung als Meme, „Die Anderen anders sein lassen“ (April 2022) „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Seit Jahren befasse ich mich auch in Büchern und Vorträgen mit dem Thema, in dem Zusammenhang besonders zu empfehlen: „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ und den Vortrag „Die Gluttheorie der öffentlichen Debatte“ im Deutschlandfunk.

It’s corn, Excuse me wir haben 2022, NAFO, Ein-Wort-Tweets, Nina Chuba, Snowflake (Netzkulturcharts September 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorab: Wer sich für Netzkultur begeistert, sollte Snowflake kennen. Diese Browser-Erweiterung hilft all denen, die das Netz nicht einfach so benutzen können. Zu den Protesten im Iran empfehle ich die Einordnung meiner Kollegin Dunja Ramadan bei der SZ.

Platz 1: It’s corn 🆕

Der bekannteste Junge des Internet war vor wenigen Wochen noch völlig unbekannt, mittlerweile ist Tariq als „The Corn Kid“ ein Star, der zur Filmpremiere von „Pinocchio“ eingeladen und von der New York Times porträtiert wird. Dabei hatte er nichts anderes getan als in einem kurzen Video-Interview des Channels Recess Therapy seine Begeisterung für Mais kund zu tun. Dass aus diesem scheinbar belanglosen Interview in Brooklyn nicht nur der virale Hit des Sommers, sondern sogar ein richtiger Song wurde, liegt an echten Experten der Viralität: die Gregory Brothers entdeckten und autotunten Tariqs Corn-Begeisterung und traten damit ein Massen-Mais-Phänomen los – zu dessen vorläufigem Höhepunkt sogar der offizielle Tiktok-Account auf Tiktok seine Bio in „It’s corn“ änderte. Deshalb gebührt mindestens die Hälfte der Chartspitze in diesem Monat dem Musik-Quartett, das auf YouTube schmoyoho heißt und schon seit Jahren in Sachen Viralität unterwegs ist. Die andere Hälfte gehört Tariq und seiner Familie, die dafür gesorgt hat, dass sein Nachname trotz des plötzlichen Ruhms nicht an die Öffentlichkeit kommt.

Platz 2: Excuse me, wir haben 2022 🆕

Als die Tiktokerin Linneasky im Juli diesen Jahres eine Nutzer:innen-Frage zum Thema BH beantwortet, ist ihr vermutlich nicht klar, dass die nun folgenden Sätze am Ende des Sommers zu einen geflügelten Wort der Netzkultur werden: „Excuse me, wir haben 2022“ wird nicht nur in allerlei Zusammenhängen zitiert, geremixt und gestiched, es gibt auch ein Mashup mit dem „Fettes Brot“-Jahreszahlenklassiker „Jein“. Aber anders als bei den Gregory Brothers und ihrem Corn-Kid hat sich bisher noch niemand gefunden, der einen wirkliche populären Song aus dem Spruch gemacht. So bleibt die Freude an der Unplanbarkeit von viralen Phänomenen.

Platz 3: NAFO 🆕

Wenn das Internet einen Wachhund suchen würde, es wäre der Shiba Inu, das Krafttier des Doge-Meme. Seit ein paar Wochen ist der das Symbol der digitalen Friedensbewegung namens NAFO geworden. Die North Atlantic Fellas Organisation ist eine zaunpfahlwinkende Anspielung auf das Verteidigungsbündnis ähnlichen Namens und versucht mit digitalen Mitteln auf den russischen Angriffskrieg in der Ukrainie zu reagieren. Der Economist hat als erstes größer darüber berichtet und ich finde das mehr als bemerkenswert – wie ich in diesem Interview mit dem Deutschlandfunk erklären durfte.

Platz 4: Ein-Wort-Tweets 🆕

Wofür willst du im Netz stehen? Die Antwort auf diese Frage in einen Ein-Wort-Tweet zu packen, war Anfang des Monats für ein paar Tage ein großes Ding. Der One-Word-Tweet-Trend wurde von den „trains“ von Amtrack ausgelöst und steht für eine kleine, scheinbar bedeutungslose Besonderheit, die die Netznutzung so zauberhaft macht – und mich dazu gebracht hat, schlicht „internet“ zu twittern.

Platz 5: Nina Chuba „Wildberry Lillet“🔽

Der Trend um Nina Chuba ist ungebrochen. Ihr „Wildberry Lillet“ läuft weiterhin aus allen Boxen und erscheint in immer neuen Remixen. Sogar der französische Spirituosen-Hersteller Pernod Ricard hat sich offiziell geäußert (ihm gehört die Marke „Lillet“), die Sparkasse macht mit Aditotoro Werbung damit – aber nichts und niemand kriegt diese Zeilen kaputt. „Immos, Dollars, fliegen wie bei Marvel“ machen immer noch großen Spaß.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Armani White „Billie Eilish“
2. Tariq, The Gregory Brothers, Recess Therapy „It’s corn“
3. Romero „Nie mein shawty“
4. Nina Chuba „Wildberry Lillet“
5. Rian „Schwarzes Schaf, Akustikversion“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung:

Fürs digitale Vokabelheft unbedingt den Begriff Bootleg Ratio notieren. Bei Verge nutzt Russel Brandom ihn, um die Veränderungen des Contents auf Plattformen zu beschreiben. Gemeint ist das Verhältnis zwischen „a) Inhalte, die von Benutzern speziell für die Plattform erstellt wurden, und b) halbanonyme Accounts, die in Interaktion treten und das Publikum abwerben. Jede Plattform wird beides haben, aber wenn B beginnt, A zu überholen, haben die Benutzer immer weniger Gründe, sie zu besuchen, und die Ersteller werden immer weniger Gründe haben, zu posten. Kurz gesagt, es ist ein Zeichen dafür, dass die interessanten Dinge über die Plattform allmählich aussterben.“ (Danke für den Hinweis Johannes)

Eine zweite wichtige Veränderung, die im September durch den Start von Tiktok Now Bedeutung bekam ist der Vibe-Shift in Social-Media. Das Social-Media-Watchblog nennt die Hinwendung zu einer vermeintlich privateren User-Experience, die sich vom klassischen Reichweiten-Feed abwendet, so.

Passend zum Oktoberfest gibt es einen erwähnenswerten bayerischen Remix des Top-Ohrwurm des Monats von Armani White „Billie Eilish“. In der Bavaria Version wird „Billie Eilish“ zu „aber bayerisch“ – dabei wird eine Transition hin zu bayerischer Tracht ins Bild gesetzt.

Tiktok lässt in diesem Monat eine mit ausschließlich Werbe- und Marketing-Knowhow besetzte Jury einen Tiktok-Award verleihen. USA Today zeigt am Beispiel der Behauptung des Wahlbetrugs wie Memes die politische Debatte durchsetzen. Welche Plattformen Memes treiben, hat Know Your Meme untersucht.

Wie man Nachrichten in einem Meme-Umfeld erstellt, erklären die Macher:innen der „News WG“ vom Bayerischen Rundfunk in diesem Instagram-Interview. Wie der Tod der Königin von England in Wikipedia vermeldet wurde? Dieser Thread fasst es zusammen.

Weiterhin ein Highlight meiner Timeline: die twitterisierten Tagebücher von Thomas Mann (Hintergrund dazu hier)

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Tiktok Now – der BeReal-Klon jetzt in Deutschland

Dass erfolgreiche Social-Media-Plattformen sich von Angeboten anderer Apps inspirieren lassen, kannte man bisher vor allem von Meta-Facebook. Seit ein paar Tagen ist nun auch Tiktok, das bisher als Vorlagengeber für Instagram diente, auch selbst in der Inspirations-Adaption aktiv: mit dem Angebot Tiktok Now versucht die App ein Nutzungserlebnis zugänglich zu machen, das bei BeReal äußerst erfolgreich ist.

In den USA bietet Tiktok die sehr viel privatere und vermeintlich authentischere Social-Media-Experience innerhalb der klassischen Tiktok-App als so genannten now-Feed an. In einigen anderen Ländern, u.a. auch Deutschland, gibt es Tiktok Now als eigene App in den Stores. Beide Angebote (die vermutlich in einem interessanten A-B-Test ausprobiert werden) basieren auf der BeReal-Erfahrung, die auf einer etwas privateren Social-Media-Nutzung basiert. Um im Explore-Feed (For You Page) mit Reals/Nows auftauchen zu können, muss man bei Tiktok-Now z.B. mindestens 18 Jahre alt sein. Im Alter von 13 bis 15 Jahren können Nutzer:innen nur mit Freund:innen interagieren. Und selbst bei volljährigen Nutzer:innen ist der Default-Modus auf privat gestellt.

Es geht, das ist sehr deutlich um einen Test für eine andere Form von Social-Media, die nicht mehr auf Reichweiten und Austausch setzt, sondern eher Züge von Dark Social trägt: es geht um ein vermeintliche authentischeres Social-Media.

Warum BeReal interessant ist, habe ich hier beschrieben.

Die Kolleg:innen vom Social-Media-Watchblog sprechen übrigens von einem Vibe-Shift in Social Media.