Alle Artikel von “Dirk von Gehlen

Bücher drucken, Bücher kaufen: drei Tipps!

„Fotografische Beobachtungen auf herrlich taschenbuchigem Papier“, nennt Peter Wagner in der Meisterstunde die Bilder, die der Meisterstunde-Fotograf Gerald von Foris im Fotobuch „Ich hatte zwar eigentlich Lamm bestellt, aber kein Problem“ versammelt. Gerald ist ein Fotograf, den ich schon sehr lange kenne (er hat auch ein Porträt von mir gemacht) und dessen Arbeit ich seit den frühen Tagen beim jetzt-Magazin schätze. Diese Arbeit findet – außer auf meisterstunde.de – kaum online statt, Gerald ist nicht auf Instagram und dennoch verfolge ich seine Arbeit mit großer Freude.

Das Projekt Wunden fasziniert mich zum Beispiel noch immer. Das ebenfalls dieser Tage veröffentlichte Projekt Schädel fügt sich – man gestatte mir dieses Wortspiel – wunderbar ins Bild, das die Arbeit von Gerald ergibt. Peter Wagner schreibt über Schädel: „Der Band versinnbildlicht auf seine Weise die globale Biodiversitätskrise, in der vielfältigste Lebensformen verschwinden; er wirkt wie ein Archiv verlorengehenden Artenreichtums. Und dann ist da ein Effekt, der mir erst beim zweiten Sehen von »Schädel« bewusst wurde: Immer wieder stellt Gerald von Foris die Tierköpfe den Landschaften gegenüber, in denen sie zu Lebzeiten anzutreffen sind. Eine Costa Ricanische Szenerie und ein Tukanschädel. Das Karwendel und der Schädel einer Gams. Die Knochen eines Tieres und der Kern einer Gegend: Wenn beides so lapidar und klar nebeneinander steht, ergibt sich eine tiefere Einsicht.“

Zu dieser Einsicht gelangt man nicht nur, aber auch weil die Fotos gedruckt sind. Weil ich sie anders als digitale Bilder in der Hand halte. Und während ich das tue, frage ich mich, warum das Ausdrucken nicht ähnlich dem Backen zu einem Pandemie-Trend geworden ist?

Aber vielleicht ist es das ja bzw. wird es das noch. Denn mein sehr digitaler Kollege Johannes Klingebiel hat in diesen Tagen auf die gleiche Technik zurückgegriffen: Er hat ein „Work in Progress“ genanntes Buch veröffentlicht – ausgedruckt auf Papier. Dass es Work in Progress heißt ist bei einem Ausdruck mit feiner Ironie zu lesen, denn anders als Pixel kann Papier nicht mehr verändert werden.

Hier kann man die Bücher bestellen:

> Gerald von Foris: „Ich hatte zwar eigentlich Lamm bestellt, aber kein Problem“

> Gerald von Foris: Schädel

> Johannes Klingebiel: Work in Progress

Sprechstunde: Einladungs-Marketing bei Clubhouse

Die wichtigste These für digitales Marketing lautet:

Wenn du viel erreichen möchtest, musst du Begrenzung üben

Ich habe diese These unlängst hier schon mal beschrieben – und an diesem Wochenende hat der deutschsprachige Markt den perfekten Beweis dafür gesehen: das Einladungs-Marketing der Audio-App „Clubhouse“. Denn diese bisher nur für iOS nutzbare App ist nicht nur ein interessantes Produkt, spannend ist vor allem, wie die Macher:innen von Clubhouse den Eindruck erwecken, es könne sich um ein interessantes Produkt handeln: durch Begrenzung. (Foto: Unsplash)

Um das zu erklären, hier die wichtigsten Fragen zum Hype der Stunde – und zum Abschluss die wichtigste Antwort: Warum ist das eigentlich wichtig?

1. Was ist Clubhouse?

Clubhouse ist der Hype der Stunde – und eine Quatsch-App. Also eine App zum Quatschen, in der Fachsprache könnte man sie Social-Audio-App nennen. Clubhouse überträgt die Idee von digitalen Räumen auf Sprache, Nutzer:innen können sich dort in Räumen zum Sprechen verabreden. Salopp formuliert könnte man sagen: Was die Sprachnachricht für den Messenger ist, ist Clubhouse für Social-Media, also sowas wie die Messenger-Gruppe zum Reden.

Zentrales Feature sind Nutzer:innen-Rollen: Sie können als Zuhörer:in, Sprecher:in oder Moderator:in in einem Clubhouse-Raum auftreten. Weil die Macher:innen der App dafür in der Frühphase prominente Stimmen gewinnen konnten, wurde das Angebote schon früh hoch bewertet – was man zwingend als Bestandteil der Marketingstrategie lesen muss: eine anonyme Bewertungsmacht schreibt dem Angebot Wert zu, das ist dann besonders reizvoll, wenn man möglichst wenig versteht, worum es eigentlich gehen soll (Details bei t3n).

Meine These: Es geht um den Versuch, die Dynamik sozialer Netzwerke rund um das gesprochene Wort zu entfachen. Clubhouse bündelt damit die Hypethemen: Messenger (Dark Social), Audio (Podcast) und App-Netzwerke zu einem dreifach Hype, den sie dann auch noch beispielhaft vermarkten – über eine Invite-only-Strategie.

2. Wie kriege ich ein Invite zu Clubhouse?

Diese Frage zu stellen, zeigt bereits, dass die Begrenzungs-Mechanik hinter dem Marketing greift. Durch die Produkteinführung einzig über Einladungen dreht Clubhouse die Wahrnehmung neuer Produkte um. Klassischerweise versucht ein neues Produkt, deine Aufmerksamkeit zu erlangen. Marketing zielt genau darauf ab, dir die Eigenschaften und Besonderheiten des neuen Produkts zu zeigen. Durch die Begrenzungs-Mechanik bist jetzt du auf der Suche nach einem Invite. Du informierst dich über das Produkt und deine Aufmerksamkeit wird aktiv darauf gerichtet. Egal, ob du dich am Ende anmeldest oder nicht: das Marketing hat damit mehr erreicht als jede Plakat-Kampagne schaffen kann. Es hat das Produkt in deinem Kopf verankert – und mit einem Bedürfnis verbunden. Du willst eine Einladung haben.

Dabei sind die Produkteigenschaften erstmal zweitrangig. Wichtig ist: Nutzer:innen, die drin sind, müssen davon erzählen. Und auch hier greift die Begrenzungs-Mechanik, sie gibt denen, die einen Account haben, nämlich das Gefühl, ausgewählt oder etwas Besonderes zu sein. Distinktion at it’s best!

Aber Distinktion ist ja so lange wertlos, wie ich nicht drüber sprechen kann. Also werde ich davon erzählen – und um das zu unterstüzen, gibt Clubhouse jede:r Nutzer:in Einladungscodes zum Verschenken (Bemerkenswert bei dieser Form des Invites: jede:r Nutzer:in führt am Fuß der Profilseite den Hinweis auf seine Einladung). Diese kann man allerdings erst weitergeben, wenn man dem Dienst Zugriff aufs Telefonbuch gewährt. In der Sprache der App heißt dies: „Wir müssen nur nachschauen, wer schon drin ist“ in der Sprache des Marketings bedeutet es: „Erst durch das Netzwerk wird das Werk veredelt – also versuchen wir das Netzwerk unserer Nutzer:innen abzugreifen.“

3. Warum ist das wichtig?

Wegen der Begrenzungs-Mechanik. Sie ist das perfekte Beispiel dafür wie Aufmerksamkeit als zentrale Währung im digitalen Ökosystem verteilt wird.
Ob Clubhouse dabei tatsächlich auch ein interessantes Produkt ist? Das kann zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich niemand so richtig beurteilen. Sehr sicher kann man aber lernen, wie man einen Hype anzettelt: Wenn du viel erreichen willst, musst du den Eindruck erwecken, es gebe einen Lieferengpass.

Am Freitag 22.1. um 21 Uhr machen Lucas und ich einen Live-Test mit unserem Podcast Wirbt-Das? in und über Clubhouse

Mehr zum Thema:

Weniger schafft mehr – das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ (Digitale August-Notizen)

In Kategorie: DVG

Das Phänomen Tiktok: ein Gespräch mit Philipp Meier – als Chat

Philipp Meier kenne ich schon aus seiner Zeit am Cabaret Voltaire in Zürich. Nach seiner Arbeit am Geburtsort des Dadaismus war er bei Watson und Swissinfo tätig, unlängst widmete der Tagesanzeiger ihm ein großes Porträt, weil Philipp einen beruflichen Neustart wagt.

Für mich ist metamythos, wie er auf Twitter heißt, einer der besten Tiktok-Kuratoren im deutschsprachigen Raum, in den Stories auf seinem Instagram-Account zeigt er immer wieder erstaunliche Clips – und schreibt auch darüber.

Deshalb habe ich ihn für ein Chat-Interview angefragt, das wir über ein paar Tage im Boomer-Messenger von Facebook geführt haben.

du bist ziemlich aktiv in social-media und zumindest für mich ein großartiger tiktok-kurator. kannst du dich noch erinnern, was dein erstes tiktok war?
an den ersten tiktok-clip kann ich mich leider nicht mehr erinnern. aber ich kann mich an den ersten clip auf musical.ly erinnern (das ist die vorläufer-app von tiktok), bei dem ich mitwirken durfte. meine tochter hatte da einen account und war sehr aktiv (obwohl sie mit knapp 10 theoretisch zu jung war, wie so viele damals;). dank boomer-fb konnte ich den clip für die nachwelt sichern. hier ist er

dann muss ich direkt auf das generationen-thema kommen: ist tiktok was für die ganz-jungen? bzw. was genau an tiktok ist jung und neu?
meine tochter hat denselbe jahrgang wie das iphone, 2007. sie zählt demnach zur ersten generation, die gänzlich mit dem smartphone sozialisiert wurde. es war faszinierend mitzuerleben, wie sie bereits als zweijährige das iphone bedienen konnte (diese intuitive ’simple‘ bedienung ist wohl der grundstein des erfolgs des iphones).

snapchat war dann die erste app, die auf menschen ausgerichtet war, die mit dem smartphone sozialisiert wurden. obwohl ich bei ’social apps‘ enorm neugierig bin, fiel mir der einstieg bei snapchat relativ schwer. für die generation meiner tochter war es jedoch scheinbar ein leichtes, sich darin zurechtzufinden. dasselbe dann bei musically; wobei da – wie auch später bei tiktok – zumindest der zugang zum ‚consumer feed‘ einfacher ist, als bei snapchat (wobei ich da nach wie vor genial finde, dass die kamera der startbildschirm ist).
es fällt mir jedoch schwer zu beschreiben, was nun genau die details sind, die hier quasi die generationen trennt (ausser, dass all die apps im hochformat genutzt werden und der inhalt fast gänzlich und relativ einfach in der app produziert werden kann).
eine unbelegte persönliche these meinerseits: einen generationenbruch stelle ich entlang von schrift vs. bild fest; wobei ich hier zwischen fb/twitter und insta/SC/TT unterscheiden würde (SC für snapchat und TT für tiktok;); denn instagram würde ich quasi ‚brückenapp‘ zwischen den social media plattformen der generation ‚digital immigrant‘ (fb/twitter) und der generation ‚digital native‘ (SC/TT) bezeichnen. interessanterweise schaffte youtube diesen shift zwischen den generation scheinbar extrem leichtfüssig (denn mein sohn mit dem jahrgang 2003 ist neben der game-konsole v.a. dort ‚zuhause‘). der erfolg von insta, SC und TT scheint aufzuzeigen, dass die vernetzung, die awareness und das empowernment bei den jüngeren generation viel stärker über bilder denn über text funktioniert (wobei ich grad realisiere, dass das früher mit den pop- und jugendmagazinen und den musikfernsehen ähnlich war; einfach ohne vernetzung und nur beschränktem austausch).

kannst du beschreiben was dich an tiktok fasziniert?
wieder ne kurze frage, die in mir mehrere gedankengänge auslöst. zum glück habe ich dazu schon das eine oder andere festgehalten. in diesem blogeintrag habe ich vor knapp zwei jahren beschrieben, wie TT zur globalen völkerverständigung beiträgt
und vor ein paar tagen habe ich auf twitter in einem kurzen thread ausgeführt, was mich aktuell interessiert (was meines wissens auch der auslöser für dieses interview war) weil TT monat für monat tiefer in die gesellschaft eindringt wird der inhalt immer diverser und bestärkt immer mehr menschen und deren situationen und milieus, respektive sorgt für deren relevanz und sichtbarkeit. im prinzip wird hier kompensiert, was viele massenmedien total verschlafen haben: die diversität der gesellschaft zur darstellung zu bringen; resp. demontiert sogar durch massenmedien zementierte klischees (z.b., dass sich in hijab oder chador gekleidete frauen für die queere community stark machen).

wie findest du dich auf tiktok zurecht? und wie findest du neue inspirierende clips, die sich von dem schrott (den es ja auch gibt) unterscheiden?
dass es diesen ’schrott‘ gibt – übrigens eine schrecklich abschätzige haltung gegenüber user generated content (kommt im journalismus leider immer noch zu oft vor;) – habe ich erst gemerkt, als ich mal für swissinfo vor gut einem jahr eine recherche zu schweizer inhalten auf TT machte. diese recherche entlang von schweiz-spezifischen hashtags liess mich etwas konsterniert zurück. ich bedauerte sehr, wie viele TT-clips es gibt (wohl milliarden), die kaum bis keine aufmerksamkeit erhalten. das machte mich in gewissem sinne auch traurig. so gesehen ist der TT-algorithmus in seiner genialität brutal. dank dem offenen ‚for-you-feed‘ kann zwar jede’r ohne follower einen clip produzieren, der viral geht. aber umgekehrt gibt es auch ungezählt viele accounts, deren inhalte so gut wie niemand sieht.
umgekehrt ist es jedoch auch genial, dass ich mit likes, verweildauer und sharings relativ genau steuern, welchen content ich sehen möchte. sprich: wenn mich ‚genderfluide‘ oder ‚migrantische‘ inhalte interessieren, dann werden mir auch solche angezeigt. um also gute TT-inhalte für meinen instagram-account zu kuratieren, muss ich oft nur kurz auf TT gehen. der algo ist wirklich genial perfekt und reagiert auch umgehen, wenn sich meine interessen ändern; und lässt sich auch easy steuern, indem in die audio- oder hashtag-feeds eingetaucht wird.

es ist also nicht nur traurig, dass du es ’schrott‘ nennst, sondern auch, dass er selten sichtbar wird (ab und an zeigt TT im for-you-feed auch clips mit weniger views/likes; und dann oft auch von leuten, denen ich eigentlich folgen würde).

die inhalte aus der schweiz sind übrigens im vergangenen jahr explodiert. das ist auch insofern spannend, weil die app mit den vielen schweizer-deutschen inhalten plötzlich sehr lokal ‚gelesen‘ wird (tauschte mich gerade gestern mit jemandem aus, der ne lokale app im TT-design launchen möchte, worauf ich realisierte, dass im prinzip TT als ’schweizer app‘ gelesen werden könnte)

dann kurz zum thema “schrott”: ich meinte damit nicht user-generated-content, sondern nazi-generated-content oder diese nervigen marketing-aktionen, bei denen nutzer:innen nach dem schneeball-prinzip abgezockt werden.
auch solche inhalte kriege ich kaum zu gesicht. die werbung finde ich jedoch aus drei gründen spannend, zu beobachten:

1. wie kann ich möglichst rasch erkennen, dass es werbung ist, um sie zu skipen? 😉
ist werbung nicht umgehend als solche erkennbar, ist es schon mal keine schlechte werbung. trotzdem nervt es mich, wenn ich mich verführen lasse (und z.b. zu schnell ein like hinterlasse;). deshalb schweift mein blick umgehend zur tonspur, wo jeweils der begriff ‚promo‘ sichtbar ist.

2. wie entwickelt sich werbung lokal? vor einem jahr gab es noch keine möglichkeit, schweizer werbung anzuzeigen. das hat sich im vergangenen jahr rasant verändert. ich finde es interessant mitzuverfolgen, welche firmen auf tiktok in welcher form aktiv werden.

3. welche qualitative unterschiede gibt es?
sprich: ich finde es spannend zu beobachten, welche firmen das konzept verstehen und dadurch einen glaubwürdigen auftritt haben (in der schweiz haben u.a. die accounts von coop und postfinance einen sehr authentischen auftritt)

und bezüglich ’nazi-content‘: hatte diesbezüglich im letzten herbst ein längeres telefonat mit einem deutschen vertreter des jüdischen weltkongresses. er hat mich wegen meinem TT-artikel bei swissinfo kontaktiert. zuerst war er sehr begeistert, weil ich im deutschsprachigen der erste medienmensch sei, der TT verstehe. obwohl ich seine sorge verstehe und in gewissem sinne auch teile, liess ich mich nicht zur aussage bewegen, dass TT eine gigantische nazi-verführungsmaschine sei. im gegenteil: dieser fokus auf alles böse eines neuen medien-angebotes verschüttet viel zu oft die positiven oder einfach mal verblüffendsten auswirkungen, die sie auf die menschen und deren (medialen) verhaltens auch noch haben. ich vermittelte ihm dann schweizer journalist’innen, die möglicherweise eher an seiner sorge interessiert sein könnten. in diesem twitter-thread habe ich unser gespräch kurz zusammengefasst.

was ich jedenfalls bis jetzt bestätigen kann: wer an ‚genderfluidem‘ oder lgbt+-content interessiert ist, wird nie antisemitismus-inhalte zu sehen kriegen (was nun als blind machende filterbubble verschrien oder als zentralen mechanismus des empowernments gefeiert werden kann;)

ich nehme den ball gerne auf: ich möchte den blick auch lieber auf das neue und kreative richten als gefahren herbeizuschreiben. als ich vor zwei jahren einen kleinen selbstversuch unternahm, war ich vor allem von der magnetischen wirkung des dienstes fasziniert. jeder swipe verspricht was neues, lustiges. so dass ich echt dazu neige, dort viel zeit zu verbringen. geht es dir auch so?
ich mochte deine ausführungen und beobachtungen sehr. kenne in ‚den medien‘ relativ wenig leute, die sich derart neugierig auf neue ‚phänomene‘ stürzen. finde das sehr erfrischend und würde auch einer journalistischen berichterstattung gut anstehen (siehe zb. ‚konstruktiven journalismus‘).

weil ich online oft sehr intuitiv unterwegs bin, kann das bei mir sehr schwanken. zum beispiel ärgert es mich ein wenig, dass ich kurz nach meinem kürzlichen twitter-thread zu TT im insta-story-feed (und auf twitter) in die kritische reflektion meines kürzlichen medien-features abgedriftet bin. sprich: ich erhielt (auch dank deinem RT) einige neue insta-follower und sie könnten nun enttäuscht sein, weil es aktuell neben den TT-clips noch viel andere storys hat, die sie womöglich nicht interessieren könnten.

zum einen mag ich es sehr, dass ich mich v.a. zwischen facebook, insta, twitter und TT verzettle, zum anderen beneide ich jedoch auch menschen, die sich ganz bewusst auf eine plattform beschränken können.

aber zurück zu deiner frage: ja, TT kann süchtig machen und ich kenne einige, die ihren account deswegen wieder gelöscht haben und froh sind, dass sie auf instag ne kuratierte auswahl von mir kriegen, ohne selber weiterswipen zu können.

was ich übrigens besonders schön finde: ich bastle mir nen soundtrack für bestimmte situationen oder momente. das geht so: wenn ich unterwegs bin (wegen corona trotz kälte oft auf einer parkbank) und einen TT-clip entdecke, den ich sehr mag, dann tauche ich in den sound-feed ein (ist übrigens sensationell, dass hier ne tonspur quasi zum hashtag wird). und von diesen unterschiedlichen clips zur selben tonspur teile ich dann ein paar in meinem insta-feed, damit die leute wissen, welche variationen möglich sind. du merkst, (auch) ich bin ziemlich angefixt 😉

diesen musik-aspekt kenn ich auch. mich fasziniert dieser moment, wenn man songs hinter den schnipseln erkennt. das ist wie eine kleine erleuchtung, wie das verstehen eines witzes. dank TT bin ich wieder viel tiefer in dieses pop-ding eingetaucht. was glaubst du wie TT langfristig musik verändern wird?
interessanterweise ist musik für mich bei tiktok insofern nur zweitrangig, weil ich sie nicht sehr zentral wahrnahme (obwohl sie natürlich teilweise sehr zentral ist). es gibt ja auch viele tonspuren mit stimmen von TT-nutzenden, die dann von anderen lautlos nachgesprochen werden oder quasi als duett benutzt werden (z.b. ‚mach einen finger runter, wenn du das und das schon mal erlebt hast‘ oder in textform sachen einblenden, die jemand in der via tonspur abfragt).

natürlich ist es spannend, wenn zu aktuellen hits umgehend challenges entstehen und wie diese teils mehr, teils weniger den inhalt thematisieren. oder auch, wenn kurze ausschnitte von älteren, teils gänzlich unbekannten, stücken auftauchen und quasi viral gehen. mich persönlich interessiert auch hier die globale komponente; wenn ich zb. auf einen rumänischen pophit stosse und mir dann alle die adaptionen anschaue. so entdeckte ich z.b. den letzten sommerhit ‚jerusalema‘ oder die somalische volksmusik dhaanto.
aber abschätzen, wie sich dadurch die musik verändern wird, fällt mir schwer. ich denke, dass TT die k-pop-welle ‚im westen‘ massgeblich verstärkt hat. vielleicht ist TT der anfang vom ende der angelsächsischen dominanz in der europäischen musik. ganz grundsätzlich sehe ich bezüglich popkultur zwei sehr gegensätzliche megatrends: grosse hits, die quasi die welt eint, und eine enorme verästelung in kleinstszenen (womöglich in der musik, wei bei den memes: es gibt memes, die alle verstehen, und es gibt memes, die nur ganz wenige verstehen). ich kenne jemand, die oft nur engl. memes ins schweizerdeutsche übersetzt und finde faszinierend, wie es dadurch in gewissem sinne ’stärker‘ wird. nun bin ich aber etwas abgeschweift…

überhaupt nicht. gerade die verästelung finde ich sehr spannend: im vergangenen Jahr bin ich u.a. über TT auf den slogan: „Ich chille mit der Crew Digga“ gestoßen, der aus einem song namens „mafia“ stammt. das für mich erstaunliche daran war: ich fand fast nichts über diesen song in den teilen des web, die ich normalerweise nutze bzw. durchsuchen kann. gleichzeitig schien der song auf den schulhöfen und auf tiktok äußerst populär zu sein. ich lese darin nicht nur eine bestätigung für „Das Ende des Durchschnitts“, sondern vor allem einen erstaunlichen neuen aspekt von popkultur, die sich völlig abseits von googlebaren orten abspielt. auch die geschichte von TT-nutzenden, die trump im vergangene sommer trollten, kann man so lesen. meine kurze frage nach langer herleitung: teilst du diese einschätzung?

es ist hoffentlich oke, wenn ich nochmals kurz auf meine these eingehe, dass TT die ‚völkerverständigung‘ fördert; auch innerhalb eines landes, resp. eines sprachraums. wer nämlich auf TT durch den soundfeed von ‚ich chille mit der crew, digga‘ scrollt, erhält den eindruck, dass sich hier eine sehr bunte deutschsprachige community vereint und sich teilweise in den kommentaren gegenseitig abfeiert. aufgfallen ist mir das im clip dieser ‚kleinbürgerlichen‘ familie, die sich in einem deutschen einfamilienhausquartier vor ihrem auto filmte (und eine längere sequenz des stückes benutzt). ich mag auch sehr die ironie, die in dieser tonspur steckt.

aber zurück zu deiner frage: als ich im laufe der letzten jahre realisierte, dass das allumfassend offene, demokratisierende, allwissende, grosse, weite web scheinbar eine utopie bleibt, stimmte mich das sehr traurig. inzwischen freunde ich mich mit dem gedanken an, dass sich das web dadurch insofern unserem ‚real live‘ anpasst, als dass es völlig normal ist, dass es privatere und öffentlichere zonen gibt. mit informellen ‚klassen-chats‘ gibt es ja längst quasi nen ‚digitalen schulhof‘, den nur die involvierten mitschneiden können. in meiner (zürcher) bubble wird z.b. telegram immer grösser und wichtiger. bin da in diversen chats zur critical mass und velofahren/-politik oder auch zu einem lokalen, unkommerziellen marktplatz. diese beispiele zeigen: telegram und und anderen gruppenchats sind überhaupt nicht nur so ‚böse‘, wie sie aktuell von den massenmedien gerne dargestellt werden. womöglich sind sie die vorläufer dazu, dass sich zum globalen ausbreiten des webs nun eine lokale verästelung entstehen. dazu ein kleines beispiel: vor ein paar tagen zeigte mir jemand eine (‚zürcher‘) app, die quasi ein TT-klon wird und extrem geolokalisiert auf städte oder grössere orte funktionieren soll (geplanter fokus: flohmarkt, tauschen, services). im prinzip können wir nun betrauern, dass sich das offene, grosse, weite web derart zersplittert. umgekehrt sind es jedoch auch in gewissem sinne gegenöffentlichkeiten zu den grossen, kommerziell kolonialisierten bereiche des webs, die wir aktuell massgeblich nutzen. wieder auf eine stadt oder grössere gemeinde runtergebrochen: wir realisieren langsam aber sicher, dass die grossen einkaufszentren auf der grünen wiese ausserhalb der stadt, die innenstädte aussterben lässt. nun sind wir daran, die balance zu finden, zum einen die milieus-verbindenen grossplattformen zu nutzen und uns kleinteilig(er) zu vernetzen und auszutauschen. wobei ich gerade bei TT faszinierend finde, wie schnell eine solch gigantischen plattform ‚lokal gefühlt‘ werden kann (mit den inzwischen extrem vielen schweizerdeutschen inhalten und mit werbung von hiesigen firmen). auch das hat TT mit seinem algo (brutal) gut hingekriegt.


sehr spannender gedanke. ich hab mich sofort gefragt, ob diese verästelung nicht früher in foren stattfand und sich jetzt halt in messenger-gruppen zeigt. ein faszinosum an TT ist für mich mit seiner foryouPage eine Art hauptbühne auf diesem sehr verästelten festivalgelände gebaut hat. wenn dieses schiefe bild gestattet ist. denn natürlich ist diese Page “foryou”, aber es gibt trends, die schnittmengen bilden. deshalb sprechen wir ja überhaupt über TT als phänomen. siehst du das auch so? und gibt es noch einen gedanken zu TT, den wir vergessen haben?

stimmt, mit den foren und blogs gabs diese (teil)privaten bereiche im web schon immer. das vergessen wir sowieso viel zu oft. auch twitter ist nur ne teilöffentlichkeit; sogar facebook (meines wissens ist die hälfte der in der schweiz lebenden menschen nicht auf fb).

ansonsten bin ich ein grosser fan von metaphern und (auch assoziativen oder gar verqueren) vergleichen. es hilft mir sehr, etwas einzuordnen oder auch, um etwas zu erklären.

vielleicht können wir unseren TT-chat mit folgendem vergleich schliessen, der möglicherweise deine und meine thesen zusammenführt (das einende sollte eigentlich viel öfters wieder unser aller fokus sein, statt uns aufs trennende zu konzentrieren): im prinzip ist TT für die heutige ‚jugend‘ was ähnliches, wie für uns damals die bravo und das musikfernsehen; jedoch mit dem massgeblichen unterschied, dass es im ‚mitmach-web‘ viel ausufernder und umfassender ist (so, wie z.b. auch wikipedia viel umfassender und aktueller ist als jede enzyklopädie davor je war). und statt eine’n dr. sommer gibt es heute für jedes ‚problem‘ irgendwo einen menschen, der das sogar aus eigener warte viel glaubwürdiger thematisieren kann. dazu fällt mir eine asiatisch aussehende deutsche ein, die sehr selbstbewusst und selbstironisch ihre (sehr) kleinen brüste thematisiert (und in einem halben nebensatz auch die klimakrise anspricht). verkörpert sie nicht auf verschiedenen ebenen das ende des durchschnitts?

Philipp kuratiert Clips in den Storys in seinem Instagram-Account @metakoenig

„Die Bequemlichkeit muss ein Ende haben“

Markus Söder hat gestern im bayerischen Landtag eine Regierungserklärung gehalten. Weil es darin vor allem um Kabinettsumbildung und Corona-Entscheidungen ging, ist ein Aspekt etwas untergegangen, den ich bemerkenswert finde. Der bayerische Ministerpräsident hat eine erstaunliche Variante von „Wir haben die Digitalisierung verschlafen“ formuliert. Er spricht von „Nachholbedarf“ und fordert „dispruptive Prozesse“ im „öffentlichen Sektor“. Wörtlich sagte er (ab Minute 21 Uhr)

Unser Land, Bayern wie Deutschland, ist in der Hightech-Digitalisieurng sensationell aufgestellt. KI, Robotik? Super! Aber in der Alltagsdigitalisierung haben wir echt noch Nachholbedarf. Das geht von Mobilfunk los, Funklöcher, Funkmasten, geht vor allem auch über die öffentliche Verwaltung. Wir müssen da einen Schnitt machen. Wir brauchen disruptive Prozesse. Die Bequemlichkeit, in der sich der ein oder andere auch im öffentlichen Sektor eingerichtet hat, was die Digitalisierung betrifft, die muss ein Ende haben. Und wir werden da in den nächsten Wochen eine sehr entscheidende Phase haben und die Dinge komplett neu aufstellen. Das darf ich Ihnen hier an der Stelle versprechen.

Bequemlichkeit in der bayerischen Verwaltung?

Ich finde diese Aussagen aus zwei Gründen erstaunlich. Erstens dachte ich immer ein wichtiger Antrieb für technische Verbesserungen sei Bequemlichkeit. Da scheint offenbar genau gegenteilig zu sein. Es scheint bequemer zu sein, Dinge nicht zu digitalisieren als Vereinfachungen zu nutzen. Denn zweitens gesteht der bayerische Ministerpräsident mit diesen Wort ein: das Dilamme der Digitalisierung in Deutschland ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis absichtsvoller Politik Bequemlichkeit.

Diese Einschätzung teile ich (und habe das hier in der SZ unlängst auch notiert) und ich verbinde damit die Hoffnung, dass in der Erkenntnis ein erster Schritt zur Lösung liegen könnte. Ich bin sehr ernsthaft gespannt, was Söder in den nächsten Wochen in Sachen „disruptiver Prozesse“ plant.

Ein guter Anfang wäre vielleicht anderer Umgang mit Unsicherheiten, dem Fremden und dem Neuen. Wenn wir anfangen, digitaler zu denken, kommen wir vielleicht auch zu digitaleren Taten.

Ungerecht! Weshalb Elizabeth aus Knoxville das perfekte Symbol der empörten Gegenwart ist

Es ist eine kleine Sequenz am Rande dessen, was diese tolle SZ-Langstrecke als Angriff aufs Herz der Demokratie beschreibt: „Es artete zu einem Sturm auf das Kapitol aus. Von Trump billigend in Kauf genommen. Seine Anhänger durchbrachen Barrikaden, verschafften sich Zugang in das Gebäude, in die beiden Kongresskammern. Sie ersetzten eine US-Flagge gegen eine Trump-Flagge und beschmutzten die Büros von Senatoren und Abgeordneten. Es gab Tote, Verletzte. Es war ein Akt der Demütigung.

Am Rande dieses Angriffs aufs Kapitol in Washington trägt sich eine Szene zu, die Hunter Walker (Korrespondent für Yahoonews) filmt und die nun als #ElizabethFromKnoxville Vorlage für zahlreiche Bearbeitungen geworden ist: dieser Clip ist viral gegangen.

Zu sehen ist eine junge Frau, die sich selbst als „Elizabeth from Knoxville“ vorstellt (Hunter Walker schreibt, dass sie vermutlich anders heißt) und anschließend zu einer erstaunlichen Klage ansetzt: Sie habe Tränengas abbekommen, äußert sie wiederholt und reibt sich dabei ein Handtuch durchs Gesicht (das Gerücht, dass es sich um ein Handtuch mit Zwiebel handelt, um Tränen zu provozieren, ist wohl falsch). Walker fragt sie, wie es dazu gekommen ist: „Sie haben versucht, ins Kapitol zu gelangen?“ Antwort: „Ja, ich schaffte es etwa einen Meter hinein und sie stießen mich hinaus und ich bekam Pfefferspray ab.“ Nachfrage: „Warum wollten sie hinein gehen?“ Antwort mit leichter Entrüstung in der Stimme: „Wir stürmen das Kapitol. Es ist eine Revolution.“

Neben den vielen veralbernden Reaktionen im Netz (auf Tiktok ist der Ton mittlerweile zur Kopiervorlage geworden), fragen sich viele Menschen vor allem, welche Vorstellung diese Frau wohl von einer Revolution hatte („Elizabeth wasn’t happy with her treatment at the revolution.“). SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach kommentiert: „Wenn es nicht so traurig wäre müsste man lachen, die Naivität und das Selbstmitleid dieser „Revolutionärin“ zeigen die entwaffnende Dummheit der Trump Bewegung.“

Meiner Einschätzung nach ist diese Szene eher Ausdruck einer selbstmitleidigen Empörung, die ich als typisch für die Gegenwart empfinden würde. Mit aller gebotenen Vorsicht weil ich keine weiteren Details über die Szene kenne, sehe ich in Elizabeth das perfekte Symbol für die sich stetig empörende Gegenwart. Alles an diesem Video sagt: „Ungerecht! Ich bin empört, weil ich ungerecht behandelt wurde“. Dass man so reagiert nachdem man gerade erkennbar gegen Gesetze verstoßen hat, macht die Absurdität dieser (selbstmitleidigen) Einschätzung besonders sichtbar. Das Problem: Für die Personen, die sich ungerecht behandelt fühlen, bleibt die Situation dennoch ungerecht. Für sachliche Argumente oder Reflektion sind sie in dieser Lage kaum zu erreichen. Und genau auf diesen Mechanismus setzt populistische Politik: Sie redet dir ein, die Welt wäre gegen dich. Elizabeth from Knoxville ist insofern Symbol einer besonders erfolgreichen populistischen Politik. Diese Frau scheint sich sogar dann als Opfer zu fühlen, wenn sie gerade gewaltsam gegen Gesetze verstößt. Sie hat offenbar nicht nur den Eindruck, es stehe ihr zu, das Kapitol zu stürmen. Sie glaubt sich dabei so sehr im Recht, dass sie nicht versteht, weshalb sie zurück gehalten wird.

All das ist meine Spekulation, ich habe mit ihr darüber nicht gesprochen. Und dennoch finde ich, dass man diese kurze memetische Sequenz als Mahnung für die Macht der Ungerecht!-Emotionalisierung lesen kann. Im vergangenen Frühjahr hatte ich nach der Umweltsau-Empörung genau über diese Machtmechanismen der Emotionalisierung geschrieben und mit Blick auf die in diesem Jahr anstehende Bundestagswahl lohnt es sich daran zu erinnern: Sei besonders aufmerksam, wenn dein Ungerechtigkeits-Gefühl getriggert wird!

Es ist schon klar, dass ich als privilegierter weißer Cis-Mann äußerst aufmerksam über das Thema Ungerechtigkeiten sprechen sollte. Denn natürlich steckt in der Bekämpfung struktureller Ungerechtigkeiten ein bedeutsamer politischer Antrieb. Mir geht es bei der Beobachtung aber vor allem um die Instrumentalisierung von politischen Emotionen. Dabei möchte ich auf diese vier P (Popularisierung, Polarisierung, Personalisierung und Prozess) zurückgreifen, die ich in „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ als typisch für den digitale Diskurs beschrieben habe. Man kann sie auch in der Instrumentatalisierung des Ungerecht-Triggers beobachten:

1. Popularisierung: Die wirksamte populistische Leistung der Gegenwart liegt darin, dir nachhaltig das Gefühl zu geben, die Welt sei gegen dich. „Du persönlich leidest unter den Umständen, du wirst ungerecht behandelt. Du bekommst nicht, was dir zusteht.“ Wenn dieses Gefühl verankert ist, ergibt sich quasi automatisch die Frage nach den Schuldigen:

2. Polarisierung: Es gibt eine Gegenseite. Eine Elite, eine Lobby, ein Establishment, das manchmal von geheimen Plänen geleitet wird, aber stets gegen dich ist. Dieses „Wir gegen Die“ ist einerseits ein Identitätstreiber in Social-Media, in ihm steckt aber vor allem die Grundlage für den dritten Punkt:

3. Personalisierung: Deine Gruppenzugehörigkeit spielt eine Rolle. Du bist nicht mehr nur Beobachter:in, Du bist aktiver Bestandteil der Debatte. Deine Meinungsäußerung ist wichtig, deine Kaufentscheidung spielt eine Rolle. Ein Schweigen oder gar eine Meinungslosigkeit kannst du dir nicht erlauben. Teile das unbedingt! ist ein politischer Schlachtruf geworden. Denn: Es geht immer weiter.

4. Prozess: Memetische Kultur ist stets dynamisch, sie geht über die Aussagen hinaus und kalkuliert Reaktionen und Empörungen mit ein. „Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen“, sagt Whitney Phillips in diesem Interview und richtet damit den Blick auf den prozesshaften Charakter der Empörungskommunikation.

All das kann man meine ich in diesem Clip zu erkennen. Diese 28 Sekunden sind ein erstaunliches Symbol für gegenwärtige Kommunikationsmuster, die natürlich von Polarisierung und den Emotionalisierungs-Mechanismen der sozialen Medien geprägt sind. Die Grundlage dafür bildet meiner Einschätzung nach das dieses Gefühl, überall und ständig ungerecht behandelt zu werden – sogar wenn man gerade einfach nur das Kapitol stürmen will.

Mehr zum Thema hier im Blog: Die Empörung der Anderen, Freiheit zum Andersdenken, Fünf Fitness-Übungen für Demokratie sowie Social-Media-Gelassenheit

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In Kategorie: DVG

Updatepflicht (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was passiert wenn man „Sachen mit digitalen Elementen“ kauft und diese nach einer Weile nicht mehr mit der jeweils aktuellsten Software kompatibel sind? In diesem Monat wurde dazu ein Referenten-Entwurf des Bundesjustizministeriums veröffentlicht, der Aktualisieurungen im BGB zum Thema Aktualisierung vornehmen soll. Der Begriff „Updatepflicht“ steht in dem Entwurf zwar nicht, für nicht Jurist:innen ist das aber die zentrale Antwort, die auf die Einstiegsfrage gegeben werden soll:

Die unterbliebene Bereitstellung von im Kaufvertrag vereinbarten Aktualisierungen begründet einen Sachmangel der Sache mit digitalen Elementen. Darüber hinaus stellen auch fehlerhafte oder unvollständige Aktualisierungen einen Mangel der Sache dar, da dies bedeutet, dass solche Aktualisierungen nicht so ausgeführt werden, wie es im Kaufvertrag festgelegt wurde.

Die Aktualisierungen im Kaufvertragsrecht haben ein Ziel: sie sollen Verbraucher:innen auf dem aktuellen Stand halten. Es soll ihnen künftig möglich sein, auch mit älteren Geräten neue Software nutzen zu können – ohne dass der Kauf eines aktuelleren Gerätes erzwungen wird. Im Sinne der Nachhaltigkeit und der Verbraucher:innenschutzes ist das eine sehr gute Idee. Sie hat bei mir aber einen weiteren Gedanken ausgelöst: Was wäre eigentlich, wenn wir die Updatepflicht nicht nur für Sachen mit digitalen Elementen denken, sondern für die gesamte Gesellschaft?

Wir leben in einer Welt „mit digitalen Elementen“, wie wäre es, wenn für sie die gleichen Bedingungen gelten wie für „Sachen mit digitalen Elementen“? Das würde bedeuten, dass die fehlende Bereitschaft zum Update einen Sachmangel begründet.

Aus guten Gründen gibt es die Schulpflicht. Der Staat will damit sicherstellen, dass Kinder Zugang zu Bildung haben. Warum endet diese verpflichtende Form der Bildung eigentlich mit dem Schulabschluss? Müssen Menschen nach dem 18. Geburtstag nichts mehr lernen?

Es ist doch im Gegenteil so, dass wir überall hören, dass lebenslanges Lernen in einer komplexen Welt an Bedeutung gewinnt. Wo sind die Institutionen, die dies ermöglichen? Wäre eine Updatepflicht für die Gesellschaft nicht eine gute Möglichkeit, um Menschen jenseits des Schulbesuchs auf dem aktuellen Stand zu halten?

Ich mag die Idee, 15 Jahre nach dem Berufseinstieg ein verpflichtendes Fortbildungsjahr für alle Menschen in diesem Land einzuführen. Und mit dem Begriff „Updatepflicht*“ gäbe es jetzt sogar einen passenden Begriff dafür. Er würde die Tür zu einer verpflichtenden Form der Erwachsenenbildung öffnen. Medienkompetenz, der Umgang mit neuen Technologien, alles, was seit dem eigenen Schulbesuch relevant und wichtig geworden ist (zum Beispiel Sprache), gehört auf den Lehrplan der Updatepflicht. Es wäre nicht nur ein Update für jede:n Einzelne:n, es würde die gesamte Gesellschaft aufs nächste Level heben (Foto: Unsplash)

Und keine Sorge: durch das Erlernen neuer Fähigkeiten gehen die Dinge, die ältere Menschen in der Schule gelernt haben, nicht verloren. Sie werden nur vielleicht nicht mehr alle trainiert. Jason Feifer vom unbedingt empfehlenswerten Podcast „Pessimists Archive“ hat dazu gerade eine sehr interessante Podcast-Folge gemacht, in der er der Frage nachgeht, warum wir eigentlich immer glauben, Technologie würde bestimmte Fähigkeiten sterben lassen. Die Antwort: Wir brauchen eine andere Haltung dem Neuen und Unbekannten gegenüber!

Wann könnte man das besser üben als am Übergang von einem Jahr zum nächsten. Und was wäre besser geeignet um diesen Möglichkeitssinn zu trainieren als eine gesellschaftliches Updatepflicht?


* ich stelle updatepflicht.de übrigens gerne der Kulturminster:innen-Konferenz zur Verfügung ;-)


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem 2020 diese Folgen erschienen sind:
„Inspirierender Journalismus“ (Dezember 2020)
„Die Meinungsmodenschau“ (November 2020)
„Fünf Gründe, sich genau jetzt ernsthaft mit Memes zu befassen (Oktober 2020)
„Im Gegenteil! Drei Versuche über Vernunft (September 2020)
„Weniger schafft mehr – Das Prinzip Steigerung durch Begrenzung“ (August 2020)
„Der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit“ (Juli 2020)
„Früher ist gar nicht so lange hier – die Sache mit der Nostalgie“ (Juni 2020)
„Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020)
„Glück auf – wir sind nicht allein“ (April 2020)
„Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020),
„Die Empörung der anderen“ (Februar 2020),
„Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020)

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Die ankündigende Zusammenfassung (IJ02)

In diesem Blogeintrag wirst du lernen, warum derartige Vorbemerkungen (die ich ankündigende Zusammenfassungen nenne) zur Zeit überall auftauchen und welche Rolle sie beim Konzept des inspirierenden Journalismus spielen. Mehr zum Thema Inspirierender Journalismus gibt es hier im Blog:

Inhaltsverzeichnis
> Definition: Was ist inspirierender Journalismus?
> Zusammenfassung
> Sprungmarken für die SEO-Optimierung

Es reichen sechzig Sekunden.
Das „Die Zerstörung der CDU“ genannte Video dauert zwar insgesamt fast 55 Minuten, doch um zu verstehen, wie Rezo den Journalismus nachhaltig verändert hat, reichen die ersten Sekunden seines Videos. Er beginnt die Zerstörung nämlich mit der Ankündigung dessen, was er im Folgenden tun wird: Zerstören. Im Original-Ton klingt das so…

„Ich werde in diesem Video zeigen, wie CDU-Leute lügen, wie ihnen grundsätzliche Kompetenzen für ihren Job fehlen, wie sie gegen deutliche Experten-Meinung Politik machen, wie sie sich augenscheinlich an verschiedenen Kriegsverbrechen beteiligen, wie sie Propaganda und Unwahrheiten gegen die junge Generation einsetzen, wie bei ihrer Politik in den letzten Jahrzehnten die Reichen immer mehr gewinnen und alle anderen immer mehr ablosen und ich zeige, dass nach der Experten-Meinung von zigtausenden deutschen Wissenschaftlern, die CDU aktuell unser Leben und unsere Zukunft zerstört.“

… und fasst auf diese Weise vorab zusammen, was nun folgen wird. Ich nenne diese Form der vorangestellten Bewertung: Ankündigende Zusammenfassung. Rezo nutzt diese Form in zahlreichen seiner Videos und auch außerhalb von Clips sehen wir die ankündigende Zusammenfassung, die auch in wissenschaftlichen Texten, in der so genannten Management Summary oder ganz banal in einem „Take away“ genannten Wissenskondensat (Foto: Unsplash) Anwendung findet, immer häufiger.

Warum ist das so?
Ich sehe dafür zwei Hauptgründe. Der erste ist technischer, der zweite inhaltlicher Natur.

Der technische Grund liegt an den Suchmaschine genannten Filter-Robotern, die durchs Web krabbeln, Informationen einsammeln und bewerten. Für die Gewichtung sind ankündigende Zusammenfassungen Gold wert. Am besten so wie im oberen grauen Kasten: mit Definition, Sprungmarken und Schlagworten, die eine interne Verlinkung und Bezugnahme zeigen und möglichst alle relevanten Begriffe in dem Kontext „Was ist eine ankündigende Zusammenfassung?“ oder „Definition: Ankündigende Zusammenfassung“.

Dieses Inhaltsverzeichnis spiegelt dem menschlichen Auge eine Art Übersichtlichkeit vor, sie zeigt, was auf dieser Seite zu erwarten ist und bringt die wichtigsten Begriffe auf den Punkt – aber es ist gar nicht fürs menschliche Auge geschrieben. Diese ankündigende Zusammenfassung ist für die Suchmaschinen geschrieben worden. Sie sollen helfen, Menschen auf die entsprechenden Seiten zu führen. Das funktioniert so gut, dass man ankündigende Zusammenfassungen mittlerweile auf allen Seiten findet, die so genannten evergreen-content in so genannten verticals sammeln. So nennt man nämlich Inhalte, die nicht tagesaktuell sind und hohes Suchvolumen versprechen. Menschen, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren (das in den Schlagworten möglichst umfänglich eingegrenzt werden sollte), werden auf diesem Weg von ihrem Suchinteresse auf Webseiten geführt. Klassische journalistische Nachrichtenfaktoren wie Aktualität oder Nähe spielen hier eine immer geringere Rolle, wichtiger sind Schlagwort-Dichte, glaubwürdige Aufmachung und ein deutliches Nutzungsversprechen, das in der ankündigenden Zusammenfassung ausformuliert wird.

Damit kommen wir zum inhaltlichen Grund für den Siegeszug der ankündigenden Zusammenfassung: Sie stellt das Interesse der Nutzer:in in den Mittelpunkt und zeigt – in your face! – warum es diesen Text oder Beitrag überhaupt gibt. Wer ein konkretes Beispiel für die von Simon Sinek formulierte „Start with the Why?“-Theorie sucht: die ankündigende Zusammenfassung liefert genau dies, die Antwort auf das Warum? für diesen Beitrag oder Text.

Warum veröffentlicht Rezo ein Video wie Die Zerstörung der CDU? Die Antwort findet sich in den ersten sechzig Sekunden seines Clips. Und genau in diesen sechzig Sekunden kann man deshalb auch ablesen, was inspirierenden Journalismus ausmacht: er liefert seinen Leser:innen einen Grund, eine Antwort auf die Frage „Warum soll ich das jetzt lesen?“.

Ich habe zum Thema Inspirierender Journalismus bereits hier geschrieben und werde 2021 noch mehr dazu veröffentlichen. Wenn Sie sich dafür interessieren, empfehle ich Ihnen meinen kostenfreien monatlichen Newsletter. Wenn Sie zu dem Thema etwas beitragen möchten oder eine Anmerkung haben, lade ich Sie ein: Schreiben Sie mir (die Kontaktadresse finden Sie im Impressum). Einige Leser:innen haben mir (vielen Dank!) bereits geschrieben. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Austausch im Jahr 2021 hier im Blog Niederschlag finden wird.

Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor, Vortragsredner – und Virtual Keynote-Speaker (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (gerade ist das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ erschienen), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Aktuell überlege ich, einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die im Internet Zuhause sind. Hier kann man sich dafür eintragen

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

In Kategorie: DVG

Irgendwer will nicht, dass du das hier liest

Stell dir mal vor, es würde stimmen: Irgendwer würde nicht wollen, dass du das hier liest. Sofort würde dein Interesse an diesen Zeilen sprunghaft ansteigen. Du willst schließlich selbst entscheiden, was du liest und was nicht. Also klickst du nicht nur auf diesen Artikel, sondern du fühlst dich auch sofort ein bisschen überlegen, wenn du ihn liest. Du hast dich gegen die Unterdrücker zur Wehr gesetzt.

Ich möchte, dass du diesen Text liest. Ob jemand tatsächlich etwas dagegen hat, kann ich nicht sagen. Ich sage dir aber: Es ist höchste Vorsicht geboten bei Texten, die mit dieser Behauptung beginnen. Sie sind nämlich darauf angelegt, deine Aufmerksamkeit zu angeln. Da macht auch dieser Text keine Ausnahme. Ich möchte dir nämlich etwas anbieten. Dir und anderen Menschen, die man in diesem Jahr als Corona-Leugner bezeichnet hat. Ich bin sehr wütend auf euch und ich bin sehr anderer Meinung als ihr, aber ich weiß hoffe, dass du nicht doof bist. Deshalb will ich euch ein Angebot machen (Foto: unsplash):

Lasst uns die vorweihnachtliche Zeit zur Besinnung nutzen und diesen unsäglichen Streit beenden.

Dazu habe ich zwei konkrete Vorschläge: Lass dich auf den Verdacht ein, dass die anderen auch das Beste wollen – und komme zurück auf die Ebene der Vernunft.

Ich habe gerade die Geschichte von einem Mann gelesen, der in Leipzig auf einer Querdenker-Demo war und jetzt auf der Intensivstation liegt. Ich finde, das ist eine sehr traurige Geschichte. Der Mann tut mir leid. Ich hoffe, es geht ihm bald besser. Ich sage das ohne Häme oder Besserwisserei, denn ich bin davon überzeugt: Niemand will, dass wir gerade alle zusammen in dieser anstrengenden, beängstigenden Lage stecken. Kein Mensch und auch keine Organisation hat das so geplant, es ist viel schlimmer: Das Virus überfordert uns alle.

Wieviel einfacher wäre die Welt, wenn ich meine Überforderung auf eine geheime Macht zurückführen könnte, statt auf dieses unsichtbare Virus. Sofort hätte ich einen konkreten Feind, gegen den ich vorgehen könnte. Meine Angst und meine Überforderung könnte ich umdrehen, ich könnte sie in Wut wenden und in politischen Kampf: Die Dings-Lobby oder die Angstmacher-Kaste würde ich angehen, mit voller Wucht würde ich kämpfen. Vielleicht sogar auf die Straße gehen und all ihre Symbole angreifen.

Es ist aber viel schlimmer: Es gibt diese geheime Macht nicht. Die Politikerinnen und Politiker, die auf deinen Demos in Sträflingskleidung gezeigt werden, sind genauso überfordert wie du. Sie haben keinen geheimen Plan, keine perfide Absicht. Sie versuchen das Gesundheitssystem zu erhalten, das dafür sorgt, dass auch der Mann in Leipzig intensivmedizinisch versorgt werden konnte.

Das ist die eine Bitte, die ich habe: Lass den Verdacht zu, dass die anderen die gleichen Wünsche für eine gute Welt haben wie du. Alle, die du bekämpfst, wünschen sich am Ende das gleiche wie du: Gesundheit für ihre Kinder und für sich. Sie wollen diese schreckliche Situation überstehen und verhindern, dass das Gesundheitssystem zusammenbricht.

Und die zweite Bitte lautet: Komm zurück ins Spektrum der freiheitlichen-demokratischen Grundordnung. Du solltest dich nicht mit Leuten gemein machen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden und du könntest dich daran erinnern, was den Kern von Humanismus und wissenschaftlicher Erkenntnis ausmacht: der Geist der Aufklärung. Es ist egal, ob der Querdenker aus Leipzig an das Virus glaubt oder nicht, das Virus existiert.

Die Bundeskanzlerin hat dies in dieser Woche im Bundestag in beeindruckender Klarheit auf den Punkt gebracht. Als sie die bedrückend hohen Todeszahlen nannte, gab es einen Zwischenruf aus den AfD-Reihen („alles nicht erwiesen“), auf den Merkel so reagierte:

Wissen Sie, das ist der Unterschied. Das ist schade, aber nicht so schlimm. Ich glaube an die Kraft der Aufklärung: dass Europa heute dort steht, wo es steht, hat es der Aufklärung zu verdanken und dem Glauben daran, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die real sind und an die man sich besser halten sollte. Ich habe mich in der DDR für das Physikstudium entschieden (…), weil ich ganz sicher war, dass man vieles außer Kraft setzen kann, aber die Schwerkraft, die Lichtgeschwindigkeit und andere Fakten nicht. Und das wird auch weiter gelten.

Du glaubst, dass diejenigen, die eine andere Meinung haben als du, Teil einer großen Verschwörung sind. Die Lage ist gerade total unübersichtlich, da kann man sowas schon mal glauben. Aber am Ende dieses Jahres kann man sich kurz besinnen und sich fragen: Was wäre eigentlich, wenn „die anderen“ nicht an einer geheimen Verschwörung basteln? Was wäre, wenn sie schlicht versuchen, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse Lösungen zu finden? Was wäre, wenn das alles deshalb so chaotisch und ungeplant ist, weil es eben keinen Plan gibt?

Deshalb wende ich gleich noch einen zweiten Trick an, den Aufmerksamkeits-Angler gerne nutzen. Ich fordere dich auf: Teile diesen Text, von dem irgendwer nicht will, dass du ihn liest! Denn: Bitte leite das unbedingt weiter! ist eine Aufforderung, die genau so hellhörig machen sollte wie die Behauptung, Medien würden irgendwas verschweigen oder die Dings-Lobby würde verhindern wollen, dass du irgendetwas erfährst. Das Netz ist voller Informationen, mit zwei Klicks kannst du alles erfahren, was deine Meinung bestätigt. Umso wichtiger ist es, auf Basis der Wissenschaft und Vernunft zu bleiben.

In der ersten Corona-Welle im Frühjahr haben sich zwei Texte, die ich hier im Blog geschrieben habe, sehr deutlich im Web verbreitet. An einem Tag im Mai hatte ich 140.000 Visits auf dieser Seite, weil diese „Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende“ ausführlich geteilt wurden. Das ist ganz schön viel – nicht nur für so ein Blog wie meins. Deshalb schreibe ich diese vorweihnachtliche Vernunftbitte, weil ich hoffe, dass sie Menschen erreicht, die vor lauter Stress und Angst in diesem Jahr einfach ein bisschen blöd abgebogen sind. Diese weihnachtlichen Tage sind ein guter Zeitpunkt zur Besinnung – im Wortsinn.

Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline

Die Empörung der Anderen. So startest du deine private Entpörungs-Welle (Digitale Februar-Notizen)

Kultur wird flüssig: das Beispiel „Sing Mine Song“

Was heißt das eigentlich, wenn wir sagen die Digitalisierung verändert die Kultur? Ich habe dazu im Jahr 2012 ein Buch begonnen, in dem ich beschrieben habe, „wie das Ablösen der Daten von ihrem Träger auch ihre Form verändert. Sie tauen dadurch auf, verflüssigen sich. Die Digitalisierung macht Kunst und Kultur zu Software – zumindest sollten wir sie, um die veränderten Bedingungen im Digitalen verstehen und nutzen zu können, wie Software denken. Wir sollten den Begriff der Version dem des abgeschlossenen Original-Werkstücks entgegenstellen.

Heute ist ein Projekt gestartet, das diese Idee der Verflüssigung und das Verhältnis von Version und Original perfekt auf den Punkt bringt. Es heißt Sing Mine Song und ist leider kaum googlebar, weil die Suchmaschine den Namen der Sängerin Mine in dem Zusammenhang nicht versteht (dies nur als Hinweis an die Intelligenz, die zwar künstlich sein mag, aber an einfachsten Wortspielen scheitert).

Mine stellt bei dem Projekt Lyrics, Cords und Noten ihres Songs „Unfall“ zur Verfügung bevor sie ihre eigene Interpretation des Songs veröffentlicht. Trotzdem sagt sie in dem Video „Mein neue Single ist draußen, aber der Song erscheint nicht wie sonst als Audio-Version“. Die wird nämlich erst am 29. Januar veröffentlicht. Bis dahin sind Zuhörer:innen aufgefordert, selbst aktiv zu werden:

Wie klingt mein neuer Song, wenn du ihn spielst? Das würde ich gerne wissen. Die Noten sind nur ein Anhaltspunkt. Verändere, wenn du Etwas verändern willst. Tonart, Voicings, Tempo & Rhythmik – Hauptsache man erkennt noch einigermaßen was auf dem Blatt steht.

Ich finde diesen Ansatz großartig, weil er Musik endlich in dem Sinne digital denkt, wie ich es in „Eine neue Version ist verfügbar“ versucht habe zu beschreiben: als Spiel der Versionen.

Mehr zu dem Projekt auf singminesong.de und auf Mines Instagram-, YouTube– und Twitter-Kanal