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Der Zauber von Online Only: Die Fünf-Minuten-Museums-Meditation der National Gallery

Ich gebe es zu: Ich kannte Joseph Mallord William Turner nicht. Ich musste Wikipedia bemühe um (wie peinlich!) zu lesen, dass er als der „bedeutendste bildende Künstler Englands in der Epoche der Romantik“ gilt. Landschaften und Seestücke waren seine bevorzugten Themen, dem Licht und der Atmosphäre galt dabei sein besonderes Interesse.“

Ich habe aber einen „gilt als“-Satz, den man dem Wikipedia-Eintrag des Malers ergänzen könnte. Denn (zumindest für mich) gilt Joseph Mallord William Turner als erster (und damit aktuell bedeutendster) Künstler eines erstaunlichen digitalen Museums-Zugangs. Sein Bild ‚Rain, Steam, and Speed – The Great Western Railway‘ aus dem Jahr 1844 war für mich das erste Motiv für das, was die National Gallery eine „Five Minute Meditation“ nennt. In eben dieser National Gallery in London hängt der Turner, man kann ihn dort aber gerade nicht besuchen, was dazu geführt hat, dass die National Gallery ihn einer viel größeren Zahl an Menschen auf eine ganz neue Weise zugänglich macht. Wem das irgendwie widersprüchlich erscheint, dass eine Schließung der physischen Galerie zu einem neuen potenziell größeren Publikum führt, ist dem zentralen Gefühl unserer Zeit auf der Spur: der Ambiguität!

Aber zurück zu Rain, Steam und Speed. Das Bild bildet die Oberfläche für eine fünf-minütige Meditation, die am Computerbildschirm das transporieren soll, was man manchmal in guten Ausstellungen in einem Museum erfährt: das Eintauchen in eine Bild.

Das bringt mich nicht nur dazu, mir den tollen Lunch-Talk der Gallery anzuschauen (der sofort das Gefühl erweckt, in London zu sein) und mehr über das Bild zu erfahren. Es erinnert mich auch an das Gespräch, das ich unlängst hier mit Maximilian Westphal von den Münchner Pinakotheken geführt habe, in dem es um Live-Stream von Museumsführungen ging. Wenn ich mir diese in Form einer Meditation vorstellen, eröffnen sich im Wortsinn ganz neue Räume für Museen: auf diese Weise in fünf Minuten in einem aufgezeichneten Clip in Bilder einzutauchen, ist schon toll. Aber wieviel besser noch wäre es, so etwas live gemeinsam mit anderen Menschen zu erleben?

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

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Kommentare 1

„Sei mutig und experimentierfreudig, starte dennoch nicht völlig kopflos“ – Museum im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 12: Museumsführung im Stream (Foto: unsplash)

Maximilian Westphal ist für die Digitale Kommunikation der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen @pinakotheken verantwortlich und sucht regelmäßig das Gespräch mit Kunstvermittler*innen und Kurator*innen – in der Regel aber im Museumsraum vor Originalen. Bei den Live-Dialogführungen ist er alleine vor dem Original im Museum, die Gesprächspartner*in im Homeoffice, „Physical Distancing“ im Video-Call über Kunstwerke.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Ich habe gerade das unglaubliche Privileg, mich im Museum aufzuhalten, während es für die Öffentlichkeit geschlossen ist – an diesen Aspekt will ich mich garnicht gewöhnen, denn ich hoffe, dass die Museen bald wieder öffnen können. Da ich nun in der Rolle als neugieriger Besucher zwei mal in der Woche Kurator*in oder Vermittler*in zum Live-Dialog einlade, muss der (technische) Ablauf vorbesprochen werden – das ist mit allen aufregend, da es auch Partner*innen gibt, die noch nicht ganz so sicher im Umgang mit digitalen Medien sind. Die Nervosität, ob alles klappt, bleibt bis zum Ende der Führung. Trotz aller Tests kann „live“ in der Abhängigkeit von Technik und stabilem Internet auch mal etwas schiefgehen.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Tatsächlich wollte ich schon länger Live-Angebote mit @pinakotheken ausprobieren und die digitale Kommunikation enger mit der Kunstvermittlung in den Häusern verweben. Es fehlte vor allem an Mut, Zeit und Gelegenheit, diese Schritte zu wagen. Die Schließung der Museen beschleunigte diese Entwicklung nun, auch weil Unterstützung und Bereitschaft im Kollegium schnell gewonnen werden konnte.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Gestiegenes Engagement in unseren Social-Media-Kanälen, stärkere Wahrnehmung der digitalen Museumsangebote in der Öffentlichkeit und im Kollegium. Größere Aufgeschlossenheit von Kolleg*innen gegenüber digitalen Angeboten. Ich hoffe sehr, dass dieser Schwung auch nach Corona dazu führt, dass die Kulturvermittlung im digitalen Raum sich fruchtbar weiterentwickelt.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?

Ich finde, dass man im Chat von Livestreams sehr unmittelbare Rückmeldungen bekommen kann, sei es in Form von Herzchen & Emojis, aber auch zahlreichen Kommentaren und Fragen. Wir wünschen diese Teilhabe auch ausdrücklich. Eine Vermittlerin sagte, dass sie das große „Echo“ aus dem Publikum im digitalen Raum positiv überraschte.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Sei mutig und experimentierfreudig, setze den Anspruch nicht zu hoch und entwickel Dich von Termin zu Termin – starte dennoch nicht völlig kopflos, sondern mach Dir Gedanken über Ziele, Inhalte und wen Du damit erreichen willst. Was soll das Besondere an Deinem Livestream sein?

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Smartphone auf Gimbal und Einbeinstativ, mit Headset. Der Stream läuft derzeit alleine über Instagram Live, weil uns die Plattform eine funktionierende technische Infrastruktur für Live-Dialogführungen bietet.
Wenn das Angebot weitergeführt werden soll, würde ich es gerne breiter ausspielen und vielleicht auch aufwändigere Bild- und Tonregie liefern. Hierfür bräuchte es kundige Unterstützung – und nicht zuletzt entsprechendes Budget.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

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