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Shruggie des Monats: NFTs und die Hochzeit von Kana

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich liebe NFTs. Ich bin regelrecht begeistert von der Idee der so genannten non-fungible token, die gerade als Hype durch die digitale Kunstwelt geistern. In der Welt der digitalen Kopie, in der dauernd Daten dupliziert werden, versprechen NFTs etwas Einzigartiges: Unkopierbarkeit!

NFTs sind nicht tauschbare Bestandteile eines so genannten Tokens, der in der Blockchain gespeichert und über Plattformen wie SuperRare, Nifty Gateway, OpenSea und Makersplace als Zuschreibung von Kunstwerken gehandelt werden kann. Sie wollen digitale Einzigartigkeit erzeugen und versprechen, Eigentum über digitale Daten zu beanspruchen. Aus diesem Anspruch kann man anders als bei physischen Gütern keine Rechte und schon gar keine Exklusivität ableiten, aber man kann die Zuschreibung in der Blockchain festhalten. Sehr vereinfacht kann man sagen: ein NFT ist der einzigartige Beipackzettel zu einem digitalen File, der unveränderbar sagt: „dieses File soll ab sofort jener Person gehören“.

Menschen sind bereit, für diesen Vorgang, sehr hohe Summen zu zahlen. Sie können dann mit Hilfe des NFT-Beipackzettels behaupten, Eigentümer eines Tweets oder eines digitalen Kunstwerks wie eines Gifs zus ein. Die digitalen Dokumente selbst bleiben davon unberührt, können also weiter kopiert und verändert werden, die NFTs sagen aber: Für diese Pixel gibt es jemanden, die/der Eigentums-Ansprüche anmelden möchte.

Zwei bedeutsame Hype-Treiber sorgen dafür, dass die digitalen Originalitäts-Zettelchen und das damit verbundene Besitzdenken gerade Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Neuheit und viel Geld! NFTs basieren erstens auf der Kryptogeld-Idee, weshalb sie für manche nicht sofort vollumfänglich verständlich aber in jedem Fall neu sind. Die digitalen Zuschreibungen sind aber zweitens selbst Bestandteil einer hypestimulierenden Zuschreibung: Es werden hohe Summen gezahlt. „69 Millionen US-Dollar“ brüllte es in den vergangenen Tagen von zahlreichen Websites. Diese Summe wurde im Auktionshaus Christies für das Kunstwerk „Everydays: The First 5000 Days“ erlöst. Der als Beeple bekannte Künstler Mike Winkelmann hatte dafür ab 1. Mai 2007 jeden Tag ein digitales Kunstwerk online gestellt und daraus ein 21.069 × 21.069 Pixel großes Werk geschaffen, dessen Beipackzettel Christies nun versteigert hat.

Dass ich NFTs liebe und sie in dieser Rubrik als Shruggie des Monats ehren will, hat aber nichts mit der durchaus spannenden Referenz- und Remix-Kunst von Beeple oder gar mit dem Hype um Blockchains und Elon Musk zu tun, sondern mit dem Prinzip der Zuschreibung: NFTs bringen auf den Punkt, was ich vor ein paar Jahren in Mashup zu beschreiben versuchte: Original und Kopie sind keine objektiven Eigenschaften, die am Werk hängen. Original und Kopie sind soziale Konstruktionen, die erst durch die Rezeption des Werks entstehen!

Das Buch, in dem ich mich mit der digitalen Kopie und ihren tiefgreifenden Konsequenzen für Kunst und Kultur befasste, heißt Mashup – Lob der Kopie und ist vor zehn Jahren bei Suhrkamp erschienen. Neben dem Hinweis auf die Relevanz der Referenz für unsere Idee von Kunst und Kultur (Lob der Kopie!) enthält das Buch vor allem eine Annährung an die Frage, was wir in der Welt der dauernden Duplizierbarkeit eigentlich noch für Original halten wollen.

Besonders anschaulich kann man dies an Paolo Veronese illustrieren, der eine Art Beeples des 16. Jahrhundert war: ein weltbekannter Künstler, der die biblische Geschichte in Szene setzte, in der Jesus Wasser zu Wein verwandelt. Die Hochzeit von Kana (die oben am Kopf der Seite zu sehen ist) ist nicht nur wegen ihre Entstehung ein interessantes Gemälde, vor allem ihre Rezeption legt erstaunliche Prozesse offen, die mich sehr an NFTs erinnern. In Mashup heißt es:

Das Besondere an dem Gemälde, das heute im Pariser Louvre hängt, ist die Form des – heute würde man sagen – Samplens und Remixens, die Veronese angewandt hat. Auf dem fast zehn Meter breiten Bild sind inmitten der Hochzeitsgesellschaft auch drei Musiker mit Streichinstrumenten zu sehen. Es wird spekuliert, dass es sich bei den Männern um Veronese selbst sowie die Maler Tizian und Tintoretto handelt. Dieser Verdacht stützt sich unter anderem auf die Tatsache, dass Veronese seinen Bruder ebenfalls auf dem Gemälde verewigt hat. Aber nicht nur der Inhalt, vor allem die Verbreitungsgeschichte der »Hochzeit von Kana« ist im Hinblick auf die Diskussion um Original und Kopie aufschlussreich: Das Gemälde wurde nämlich im Jahr 1797 von napoleonischen Truppen zusammen mit Werken von Giovanni Bellini, Tizian und anderen geraubt und nach Paris geschafft. 210 Jahre später, am 11. September 2007, feierte die Stadt Venedig im ehemaligen Benediktinerkloster San Giorgio Maggiore die Rückkehr des Bildes – allerdings in Form einer Kopie, die eine Madrider Firma aufwendig produziert hatte. Der italienische Kunstexperte Salvatore Settis stellte dabei in seiner Eröffnungsansprache die These auf, die nun nach Venedig heimgekehrte Kopie sei in Wahrheit das Original.

Selbstverständlich spricht die Kunstwelt bei dem Gemälde, das nun in Venedig gezeigt wird, nicht von einer Kopie, sondern von einem Faksimile. Das ändert aber nichts an dem Prinzip der sozialen Zuschreibung, die bei Beeples wie bei Veronese deutlich wird: Ob etwas als Original oder als Kopie angesehen wird, hat weniger mit dem Werk selbst als viel mehr mit der Wahrnehmung zu tun. NFTs legen diesen Prozess der Zuschreibung auf wunderbare Weise offen.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Digitale Medien sind Kontext-Medien

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung singt der „Papier-Manic“ und Verleger Gerhard Steidl ein Loblied auf Print. Das Interview – neben einem Teller mit Apfelschnitzen geführt – ist schön zu lesen und gibt einen guten Einblick in den Medienwandel von Print zu Pixeln und in die Hoffnungen und Ängste, die damit verbunden sind.

An einer Stelle des Gesprächs beschreibt Steidl einen vermeintlichen Vorteil von Print. Er sagt …

Das Betrachten eines Bildes auf Papier ist etwas völlig anderes als das Betrachten am Bildschirm. Egal ob ich das iPad eines Freundes in Tokio benutze oder in Washington oder zu Hause mein eigenes, es ist immer die gleiche Wahrnehmung. Ob ich mir aber in Madrid eine Zeitung kaufe oder in London, das macht einen Unterschied.

… und legt damit – meiner Meinung nach – den Grundstein für etwas, was ich als Lob des Kontext beschreiben würde (allerdings aus einer genau gegenteiligen Interpretation des Wandels).

Ob er seine Zeitung in Madrid oder London kaufe, mache einen Unterschied, sagt Steidl und hält doch in England wie Italien eine identische Vervielfältigung in der Hand. Beide Zeitungen zeigen den gleichen Inhalt. Ein digitales Produkt – egal ob mehr geliebt oder gehasst – könnte in beiden Städten Kontexten tatsächlich unterschiedliche Produkte zeigen. Das muss man nicht mögen, man sollte es aber zur Kenntnis nehmen: Digitale Medien sind Kontext-Medien. Ein digitales Produkt kann einen Unterschied auf Konsumenten-Ebene machen – jeder Leserin in ihrem eigenen Nutzungskontext ein angepasstes Angebot liefern. Diese Betrachtung von Medien und Kultur geht über den Inhalt und dessen Duplikat hinaus und nimmt auch das Umfeld in den Blick, in dem dieser konsumiert wird. Unabhängig davon, ob man das mag oder nicht: Hier liegt das nachhaltige und grundlegende Veränderungspotenzial der Digitalisierung. Romane, die je nach Tageszeit und Leseort ihren Handlungsverlauf anpassen, sind nur die folgerichtige technische Entwicklung dessen, was Spotify mit seiner gerade angekündigten Jogging-Erweiterung ermöglicht. Dabei wird die Schrittfrequenz des joggenden Spotify-Nutzers mit Hilfe von Handy-Sensoren analysiert und mit einer Playlist kombiniert, deren Lieder einen Beat haben, der zur Lauf-Frequenz und zur Geschwindigkeit passt.

„In einer Welt der grenzenlosen Vielfalt ist der Kontext – nicht der Inhalt – König“, hat Rod Reid, der Gründer von Rhapsody, mal gesagt. Daran musste ich denken, als ich die Stelle mit den Zeitungen in Madrid und London las.

Schöne Idee: Copy Paste Reality

Strg c, Strg v. Aus einer technischen Tastenkombination des Computers ist eine Kultur entstanden, die uns alle prägt. Und die wir prägen. Copy Paste Reality bedeutet eine Realität, konstruiert aus Kopien. Kopien, die durch Einbringung von Persönlichkeit und Haltung zu eigenständigen Versionen werden.

Schöne Idee: die Website/das Magazin Copy Paste Reality widmet sich der Kopier-Kultur.

Das Wesen der Kopie

Unsere Netze sind Kopiermaschinen. Wir sagen wir ’senden eine Nachricht‘, aber das Wort ist falsch. ‚Senden‘ impliziert, daß die Nachricht sich bewegt und für den „Ab“-Sender nicht mehr da ist. Das ist in der realen Welt so, aber nicht im Netz: Wir kopieren eine Nachricht an die Empfänger. Das Wesen aller IT ist die Kopie.

Dieser Satz stammt von Kristian Köhntopp, der die Phoenix-Sendung Unter den Linden zum Thema „Unter Piraten – Wem gehört das geistige Eigentum?“ angeschaut hat und einige Gedanken zu diesem Thema notiert hat. Bei YouTube kann man sich diesen Ausschnitt anschauen …

… und unter blog.koehntopp.de kann man eine spannende Diskussion zu dem Thema nachlesen.

Goethe und die Kopie

‚ÄûMan spricht immer von Originalität, allein was will das sagen! So wie wir geboren werden, fängt die Welt an, auf uns zu wirken, und das geht so fort bis ans Ende. Und überhaupt, was können wir denn unser Eigenes nennen als die Energie, die Kraft, das Wollen! ‚Äì Wenn ich sagen könnte, was ich alles großen Vorgängern und Mitlebenden schuldig geworden bin, so bliebe nicht viel übrig.‚Äú

Johannes Kreidler zitiert den großen Goethe als Filesharer

Kerzenmacher und das elektrische Licht

Unter den Bedingungen der Digitalisierung wird das Kopieren, das früher eine kapitalintensive und daher professionelle Angelegenheit war, zur Alltagspraxis. Und nun werden Handlungen kriminalisiert, die jahrzehntelang vollkommen legitim erschienen: etwa die Zusammenstellung der ‚Äûbest of‚Äú CD für die Angebetete, die Kopie für unterwegs oder der Artikel für die Kollegin. Tatsächlich ist keine dieser Kopien mehr unproblematisch, weil sie zum Ausgangspunkt für eine unbegrenzte Verbreitung im Internet werden könnte.

Auf der Website Newbook.de gibt es ein Interview mit Jeanette Hofmann, in dem es unter anderem auch um Kopierschutz geht. Dazu sagt sie:

Hätten wir gewollt, dass die Kerzenmacher im 19. Jahrhundert über die Nutzung von elektrischem Licht bestimmen? DRM läuft auf eine Art Selbstjustiz hinaus. Die Informationswirtschaft stellt ihre eigenen Nutzungsregeln auf und implementiert diese mit Hilfe von DRM. Das Urheberrecht segnet diese Systeme ab, gleichgültig ob die entsprechenden Nutzungsregeln der Rechtsprechung Rechnung tragen oder nicht. Diese Vorgehensweise scheint mir nicht legitim.