Alle Artikel mit dem Schlagwort “digital gap

Technologisch-formaler Pop

Ich glaube, dass es sich sehr stark verändert von einem inhaltlichen Pop zu einem technologisch-formalen Pop (…) Dass sich junge Leute also nicht mehr so sehr über die Inhalte von Pop-Musik abgrenzen, also die Lyrics, den Sound, all das, womit man die Eltern ärgern konnte. Das können die natürlich nicht, weil die verdammten Eltern ja schon alles erlebt haben. Was passiert jetzt? Die Technologie muss her. Man benutzt Technologien, die die Eltern nicht mehr nachvollziehen können. Ich habe den Eindruck, dass das auf der Rezeptionsebene von Musik fast noch wichtiger geworden ist als das Inhaltliche.

Schon Anfang Juli befassten sich die Deutschlandfunk-Kulturfragen mit der Frage Ende der Popkultur?. Darin wurde Christoph Jacke (Professor für Theorie, Ästhetik und Geschichte der populären Musik an der Universität Paderborn) befragt und stellte dabei eine interessante These zum digitalen Graben auf.

Das Wesen der Kopie

Unsere Netze sind Kopiermaschinen. Wir sagen wir ’senden eine Nachricht‘, aber das Wort ist falsch. ‚Senden‘ impliziert, daß die Nachricht sich bewegt und für den „Ab“-Sender nicht mehr da ist. Das ist in der realen Welt so, aber nicht im Netz: Wir kopieren eine Nachricht an die Empfänger. Das Wesen aller IT ist die Kopie.

Dieser Satz stammt von Kristian Köhntopp, der die Phoenix-Sendung Unter den Linden zum Thema „Unter Piraten – Wem gehört das geistige Eigentum?“ angeschaut hat und einige Gedanken zu diesem Thema notiert hat. Bei YouTube kann man sich diesen Ausschnitt anschauen …

… und unter blog.koehntopp.de kann man eine spannende Diskussion zu dem Thema nachlesen.

Nachdenken über Twitter

The one thing you can say for certain about Twitter is that it makes a terrible first impression.

Diese 97 Zeichen stammen von Steven Johnson. Mit diesem Satz beginnt er seinen Time-Artikel How Twitter Will Change the Way We Live. Dieser Text ist äußerst lesenswert, weil er sich dem Phänomen „Twitter“ auch über den ersten Eindruck hinaus nähert. Interessant daran ist, dass fast zur gleichen Zeit ein anderer Artikel veröffentlicht wurde, der sich darauf beschränkt, diese „terrible first impression“ auf 2800 Zeichen auszubreiten. Er trägt den Titel Belanglosigkeiten auf Twitter nerven und wurde am 3. Juni in Die Zeit veröffentlicht. Darin beweist Jens Uehlecke, dass mehr Zeichen nicht zwingend auch mehr Inhalt bedeuten muss. Er urteilt:

An der konzertierten Banalität erkennt man schnell, dass einen gewaltigen Vogel haben muss, wer da noch mitsingt. Warum das Ganze trotzdem so populär ist, ist schnell erklärt: Erstens haben Menschen einen nahezu unerschöpflichen Geltungsdrang. Und zweitens gibt es wie für Klowände keine Qualitätskontrolle, keine Mindeststandards.

Man fragt sich, worin sich diese Wut begründet und ahnt, dass sie für eine treffende Analyse nicht dienlich sein kann. Wie hinderlich sie jedoch in Wahrheit ist, bemerkt man erst, wenn man die ahnungslose Polemik mit Steven Johnsons Text vergleicht. Dieser urteilt nicht, sondern analysiert:

The social warmth of all those stray details shouldn’t be taken lightly. But I think there is something even more profound in what has happened to Twitter over the past two years, something that says more about the culture that has embraced and expanded Twitter at such extraordinary speed. Yes, the breakfast-status updates turned out to be more interesting than we thought. But the key development with Twitter is how we’ve jury-rigged the system to do things that its creators never dreamed of. In short, the most fascinating thing about Twitter is not what it’s doing to us. It’s what we’re doing to it.

Was wir mit Twitter so alles tun, beschreibt Johnsons sehr lesenswert. Ich will das hier nicht wiederholen und auch Twitter nicht verteidigen (hier kann man meinen Twitter-Selbstversuch nachlesen), ich frage mich aber schon, was Twitter mit dem schimpfenden Kollegen gemacht hat, dass er sich zu einem derartigen Beitrag veranlasst sah, nach dessen Lektüre er im Vergleich zu Steven Johnsons wirkt die Bayern-Abwehr beim Spiel in Barcelona:

Generation C64

Eine neue politisch-gesellschaftliche Frontlinie ist sichtbar geworden, eine, die das Klima in diesem Land auf Jahre hinaus prägen könnte. Die Generation C64, die erste, die mit Computern aufgewachsen ist, hat die Nase voll von Herablassung und Gängelung, will sich nicht länger an den Rand der gesellschaftlichen Debatte drängen lassen. Sie wehrt sich, mit ihren Mitteln.
(…)
Diejenigen, die sich jetzt wehren, sind mehrheitlich überzeugt: Deutschland wird regiert, die öffentliche Meinung hierzulande dominiert von Menschen, für die das Internet eine fremde Welt ist, Computerspiele ein fremdartiger, potentiell gefährlicher Zeitvertreib. Von Menschen, die immer noch stolz auf die eigene Fähigkeit sind, SMS zu verschicken. Von digitalen Immigranten eben.

Gleichzeitig leben in diesem Land an die 20 Millionen Menschen zwischen 15 und 35 (um mal eine willkürliche Grenze für die Angehörigen der Generation C64 zu ziehen), in deren Leben digitale Technologie eine zentrale, eine vor allem selbstverständliche Rolle spielt. Für die das Internet nicht „der Cyberspace“ ist, sondern ein normaler Teil ihres Alltags, ebenso wie Telefone für die Generationen davor.

In einem feinen Text bei Spiegel-Online prägt Christian Stöcker nicht nur den Begriff Generation C64, er beschreibt auch eine spannende politische Entwicklung, die – wie Alexander zu Recht anmerkt – eine Zweitverwertung auf Papier verdient hätte. Dabei sieht man an dem Text sehr anschaulich, dass es das für manche Texte gar nicht mehr braucht.