Livestreams und Videokonferenzen: Zehn Lehren aus der Coronakrise

Die ?Corona-Ausnahmesituation hat dazu geführt, dass plötzlich mehr Online stattfindet als je zuvor. Ich habe dazu hier im Blog und bei der SZ geschrieben – und ohne bewusste Absicht ist dazu ein kleiner Schwerpunkt hier entstanden. Die folgenden zehn Punkte habe ich für das Magazin „Politik und Kommunikation“ aufgeschrieben – ich nehme sie zum Anlass für eine kleine Serie, in der ich Menschen befrage, die jetzt auf Videostreams und Online-Lehre setzen. Alle Beiträge gibt es unter dem Schlagwort Online-Lehren hier im Blog. Dazu unter anderem das Interview mit Christof Schulz von der VHS SüdOst und dem Zukunftsforscher Gerd Leonhard.
Außerdem sind Fragebögen aus diesen Bereichen erschienen:
Lesungen im Stream
Unterrichten im Stream
Therapie im Stream
Gottendienst im Stream
Friseur im Stream
Workshops im Stream

Man sollte mit Prognosen rund um die Covid19-Pandemie äußerst vorsichtig sein. Eines kann man aber schon heute im März 2020 mit Sicherheit sagen: Dieser März 2020 hat das Thema Live-Streams und Video-Konferenzen mit voller Wucht auf die Agenda auch derjenigen befördert, die sich vorher nicht damit befassen wollten. Durch Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkungen wurden Live-Streams und Video-Konferenzen für viele Menschen aber die einzige Möglichkeit, sozialen Austausch zu haben, zu lernen oder Vorträge zu halten. Die digitale Übertragung dessen, was vorher auf Bühne in Form von Konzerten, Keynotes oder Aufführungen gezeigt wurde, ist dadurch zu einem wichtigen Zweig nicht nur der Web-Kultur geworden. Deshalb hier eine Liste der zehn Lehren in Bezug auf Live-Streams und Video-Konferenzen aus der Coronakrise (Foto: unsplash)

Es geht: Die technische Ausstattung eines gewöhnlichen Laptops reicht aus, um an Videokonferenzen teilzunehmen oder sogar selber digitale Veranstaltungen zu organisieren. Ob und in welcher Qualität diese dann auch übertragen werden, hängt stark von der verfügbaren Bandbreite und von der Belastung der jeweiligen Anbieter an. Aber sicher ist: Es geht.

Es wird mehr: Der Zukunftsforscher Gerd Leonhard sagt: „Wir müssen uns in der Zukunft viel mehr virtuell treffen! Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.“ Er bezieht diese Prognose nicht nur auf die Folgen der Pandemie, sondern auch auf das gestiegene Umwelt-Bewusstsein, auf überflüssige Reisen zu verzichten. Außerdem beweisen die Corona-Tage auch allen Skeptikern, dass diese Form der Telearbeit funktioniert. Es ist also davon auszugehen, dass virtuelle Konferenzen in Zukunft weiter zunehmen werden.

Gute Hardware hilft: Auch wenn die Grundausstattung eines handelsüblichen Laptops und sogar auch Smartphones ausreicht, virtuell teilzunehmen, lohnt es sich, in gute Technik zu investieren. Wer nicht nur zuhören will, sollte sich ein USB-Mikrofon kaufen und wer gesehen werden will, sollte sich mal mit so genannten Ringlichtern befassen. Diese kreisförmige Beleuchtung wird auf YouTube, Instagram oder Tiktok häufig eingesetzt, weil sie die gezeigten Personen in ein erkennbar besseres Licht setzt. Wer in einer Videokonferenz Beiträge leisten will, kann davon profitieren. Gleiches gilt für die Option, Hintergründe zu tauschen oder zumindest so verwischen zu lassen, dass sie nur unscharf zu erkennen sind. Wer den Hintergrund nutzen will, um kreative Kontexte entstehen zu lassen, kann einen so genannten mobilen Green Screen nutzen. Es ist aber wichtig, an die Lektion zu erinnern, die der Wissenschaftler Robert Kelly vor drei Jahren der Welt zeigte. Authentizität schlägt Inszenierung. Der Experte für koreanische Politik war live in eine Fernsehübertragung aus seinem Schlafzimmer geschaltet, als plötzlich seine Kinder im Hintergrund den Raum betraten. Die Szene wurde zu einem weltbekannten Internet-Meme.

Gute Software auch: Der Gewinner der Coronakrise heißt vermutlich Zoom. Die New York Times titelte: „We live in Zoom Now“ um zu beschreiben, wie die Video- und Streaming-Plattform zu dem virtuellen Ort geworden ist, in dem sich Menschen treffen um zu arbeiten, zu unterrichten oder gemeinsam Bier zu trinken. Das Software-Angebot für Videocalls und Streaming ist aber weit größer. Je nach Teilnehmer-Zahl bieten auch Messenger wie WhatsApp, Signal oder Facetime die Möglichkeit zum Videostream. Slack, Microsoft-Teams, Skype und Google-Hangouts werden häufig in Arbeitsumfeldern eingesetzt. Gute Alternativen sind auch Jitsi, Discord, Whereby oder Matrix.

Die Videocall-Etikette ist wichtig: Im Umgang mit Online-Kommunikation ist in den vergangenen Jahren viel über die so genannte Netiquette gesprochen worden, also über ein Regelwerk der Höflichkeit im digitalen Austausch. Auch für virtuelle Konferenzen braucht es soziale Regeln, weil sonst alle durcheinander reden. Außerdem müssen sie die Bereitschaft mitbringen, einander ausreden zu lassen. Sie sollten ihre Technik vor Beginn des Streams testen und ihr Mikrofon auf stumm stellen, wenn sie nicht sprechen. Das Muten ist auch notwendig, wenn man nebenher Notizen eintippen will.

Auf Latenz achten: Eine besondere Herausforderung für die Höflichkeit steckt in dem, was man Latenz nennt. Die kurze Verzögerung, die durch die Übertragung entsteht, dauert manchmal einige Augenblicke und verlangt den Teilnehmenden eine eigene Form der Ausreden-lassen-Geduld ab. Sie müssen also verstehen, dass das Gesagte nicht sofort auch schon gehört ist. Manche Veranstaltungsanbieter sind deshalb und wegen der manchmal instabilen Bandbreiten dazu übergegangen, Vorträge vorab aufzuzeichnen und dann in einer Videokonferenz abzuspielen.

Die Rollen müssen klar sein: Es braucht eine Moderatorin oder einen Moderator, die das Gespräch führen. Sie bestimmen die Regeln der sozialen Interaktion. Dazu zählt die oben erwähnte Videocall-Etikette, sie können aber auch festlegen, welche Form des virtuellen Applaus genutzt werden soll (manchmal klatschen Teilnehmende stumm indem sie mit beiden Händen winken) oder ob man per Chat (schriftlich) oder per Ton (mündlich) nachfragen soll. Die britischen Comedians von Foils Arms and Hog haben einen Sketch online gestellt, in dem einem Lehrer eine virtuelle Klasse entgleitet, weil er eben gar nicht auf die Rollen achtet.

Authentisch sein: Vorträge in einer Online-Konferenz zu halten, ist eine besondere Herausforderung. Es ist nahezu unmöglich, die Stimmung im Publikum auf die Weise zu erspüren, wie dies in einem Vortrag mit Präsenzpublikum möglich ist. Vortragende müssen sich darauf vorbereiten in eine Kamera ohne direktes Feedback zu sprechen. Der Schweizer Autor und Lehrer Philippe Wampfler versucht deshalb vor seinen Vorträgen und Unterrichtsstunden auf informellem Weg die Stimmung im Call zu erspüren, um so besser auf das jeweilige Publikum reagieren zu können. Grundsätzlich gilt jedoch die Lehre aus dem Robert Kelly Video: Authentisch zu bleiben, ist selten falsch.

Vermeintlich abseitige Beispiele im Blick behalten: Die plötzliche Aufmerksamkeit, die das Streaming von Live-Events gerade erfährt, mutet für all diejenigen an, die schon seit Jahren auf Plattformen wie Twitch aktiv sind. Dass Menschen sich beim Computerspielen (Let’s play Video) filmen oder andere Formen von Live-Streams anbieten, ist nämlich keineswegs neu. Es war nur bisher nicht so im Fokus der Mainstream-Öffentlichkeit.

Es werden neue Formate entstehen: Die Entwicklung von Videokonferenzen ist erst am Anfang. Dass jemand einen Vortrag hält und andere dabei zusehen, wird in naher Zukunft zum Beispiel durch so genanntes Co-Watching oder kollaboratives Arbeiten erweitert werden. Instagram hat das Angebot Co-Watching gerade für kleine Gruppen angekündigt. Dabei schauen mehrere Accounts gemeinsam einen Film oder eine Serie an und können darüber sprechen. Die Software Miro nutzt diesen Austausch für die Arbeit an gemeinsamen Whiteboards, beim Social-Reading wird es für die gemeinsame Textlektüre genutzt. Hier werden sich bald noch weitere kreative Formen der digitalen Verbindung entwickeln, die vermutlich am ehesten von denjenigen ausgehehen, die sich trauen, selbst aktiv zu werden.

Diese Liste ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst.