„Gnädig mit sich selbst und den anderen zu sein“ – Kirche im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 4: Kirche im Stream (Foto: unsplash)

Miriam Hechler ist Pfarrerin in der evangelischen Kirchengemeinde in Stuttgart-Vaihingen.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt?
Nein, da hab ich mich noch nicht dran gewöhnt. Es sind auch sehr unterschiedliche Settings: Besprechungen per Videokonferenz, Trauergespräche am Telefon, aufgezeichnete Gottesdienste. Was mich irritiert, ist, dass das mit der Intuition nur noch sehr eingeschränkt hinhaut. Normalerweise wäre ich beim Trauergespräch bei den Angehörigen zu Hause, und würde über die Wohnung, gerahmte Bilder, die Stimmung schon sehr viel intuitiv mitkriegen. Das hilft mir, mich auf die Menschen emotional einzustellen. Jetzt geht es hauptsächlich um Informationen, ist kognitiver. Und da sind auch weniger Pausen dabei, es muss gefühlt immer jemand reden, weil das Gespräch sonst zu schnell beendet wird. Gemeinsam zu schweigen, ohne sich zu sehen, da muss man sich vorher schon gut kennen dafür.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest? (Hardware, Software, Ausstattung, kulturelle Bedenken – alles möglich)
Dass alle dieselben Möglichkeiten haben, an einer Besprechung teilzunehmen. Die Ausstattung daheim ist im Ehrenamt sehr unterschiedlich: Es braucht Headsets und eine Datenübertragung mit genügend Geschwindigkeit, und man muss es schaffen, in den virtuellen Konferenzraum zu kommen.

Dann hängt in eins-zu-eins-Gesprächen auch viel davon ab, wie es der andere gewöhnt ist, sich sprachlich auszudrücken und auch Emotionen im Gespräch zu transportieren. Das ist ohne direkten Kontakt schwerer aufzufangen, wenn jemand generell oder in dem Moment einfach nicht gut reden kann.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Wenn ich nicht selbst die Besprechung leite und ein Thema dran ist, das mich wenig angeht, dann kann ich nebenher auch in meiner Wohnung rumlaufen und aufräumen – und ich bin dadurch geduldiger… Das klappt ohne Bild natürlich noch besser! Alle sind auch konzentrierter, die Leitung ist straffer, dadurch dauert es nicht so lang. Kleine Nebenchats, die keinen stören und die keiner bemerkt, sind nun auch möglich.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
In Besprechungen starten wir jetzt oft mit einer Runde, in der jeder sagt, wie es ihm oder ihr gerade geht, wie der Alltag ist. So können wir uns besser auf einander einstellen.
Bei seelsorgerlichen Gesprächen achte ich darauf, dass mich nichts ablenken kann, und stelle daheim ungefähr das Setting her, das ich im direkten Kontakt hätte. Z.B. eine Kerze anzünden, schwarze Kleidung tragen, und das Gegenüber erzählen lassen, wer gerade noch da ist, in welchem Raum sie gerade sind usw. Da mache ich dann auch nichts anderes nebenher.
Bei den Gottesdiensten stelle ich mir eine konkrete Person vor, die auf der anderen Seite der Kamera sitzt, aber nachsteuern, wenn jemand die Stirn runzelt, das geht halt nicht. Ich formuliere meine Texte von vornherein sorgfältiger, damit sie schlichter und klarer sind.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Gnädig mit sich selbst und den anderen zu sein. Es sind alle gerade etwas dünnhäutiger, und den Gemeinschaftsaspekt können wir einander nicht so geben wie sonst. Wenn etwas technisch nicht klappt, man etwas wiederholen muss, weil gerade der Ton weg war oder wenn man gerade nur die Hälfte verstanden hat, stresst das zusätzlich. Ich finde, man darf nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen gerade, aber mir selber muss ich das auch immer wieder sagen…

Und vor größeren Besprechungen vielleicht einen technischen Testlauf mit möglichst vielen machen, damit nicht in der Situation selbst einzelne abgehängt werden.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Hardware: Laptop oder Smartphone mit Headset. Software: Teams oder Jitsi.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!