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Shruggie des Monats: die Zehn-Jahres-Challenge

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn tatsächlich alles immer schneller und unübersichtlicher wird, dann ist das Veröffentlichen zehn Jahre alter Bilder vielleicht mehr als ein kurzlebiger Trend. Vielleicht ist die Tenyears-Challenge, die gerade Bildpaare aus den Jahren 2009 und 2019 in die Timelines spült, der Versucht, Übersicht zu schaffen. Oder Ordnung. Oder zumindest sowas wie digitale Historizität. Man setzt ins Bild, was Facebook seit einer Weile mit dem „heute vor x-Jahren“-Hinweis erzeugen will: ein Gefühl für die Zeitverfluggeschwindigkeit (Foto: Unsplash)

Die Geschichte des Memes illustriert einige Reflexe in der digitalen Wahrnehmungswelt: vom Aufkommen des Trends, über verstärkende mediale Berichte, die lautstarke Warnungen (Vorsicht: Gesichtserkennung!) und ähnlich laute, aber abschwächende Antworten (Hat Facebook überhaupt nicht mehr nötig). Aus mindestens zwei Gründen eignet sich die Dekaden-Challenge (die in Wahrheit natürlich keine wirkliche Herausforderung ist) als Shruggie-Referenz.

Zum ersten beweist sie: Man kann auch zu früh dran sein mit einer guten Idee. 2018 hat der Shruggie eine Art Zehn-Jahres-Challenge gestartet. Für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ bot er ein Zehn-Jahres-Abo an – leider nicht mit ausreichendem Erfolg. Und nur wenige Monate später spricht das Netz von nichts anderem mehr: die 10-Years-Challenge liefert gerade (unter unterschiedlichen Schlagworten) einen Überblick über optische Veränderungen der vergangenen zehn Jahre. Genau diesen Blick wollte der Shruggie 2018 auch eröffnen – nicht nur optisch.

Damit sind wir beim zweiten Grund, weshalb die Tenyears-Challenge zum ersten Shruggie des Monats 2019 taugt: Sie beweist nämlich wie nah zehn Jahre in Wahrheit ist. Eine Dekade klingt nach irrer zeitlicher Distanz, die Fotos zeigen aber: Zehn Jahre vergehen schneller als man denkt.

Der Shruggie lädt nun dazu ein, den Blick nach vorne zu richten. 2029 ist näher als man denkt. Wie wird die Welt dann sein? Welchen Fortschritt haben wir erzielt? Der Shruggie sieht in den Fotos, die gerade hochgeladen werden, deshalb vor allem eins: den Impuls, an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Denn es geht schneller als man denkt, da laden die Menschen des Jahres 2029 ihre Doppelbilder auf die Social-Media-Plattformen der Zukunft.

Was für eine Zukunft wird das sein? Arbeiten wir dran ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

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Der Typ, der nie übt

Ich habe diese Woche etwas Neues gelernt: Unter den Menschen, die Robert Habeck mögen, gibt es erstaunlich viele, die Twitter und Facebook nicht mögen. Jedenfalls habe ich in den vergangenen Tage zahlreiche Leserbriefe von Menschen bekommen, die genau aus der genannten Präferenzlage heraus super finden, dass Habeck sich bei Twitter und Facebook abgemeldet hat. Denn sie selber verzichten ja schon immer auf diese Dienste, lassen sie mich wissen. Seine Entscheidung ist ihnen Bestätigung ihrer Ablehnung. Sie weckt die Hoffnung, dass es vielleicht doch eine Option ist, nicht mitzumachen. Dass Habeck weiterhin auf Instagram (aktiv?) ist, bemerken sie dabei nicht.

Sie kritisieren mich, weil ich Anfang der Woche bei der SZ kommentierte, dass Habecks Schritt persönlich vielleicht nachvollziehbar, politisch aber ein sehr falsches Zeichen ist.

Nun kann man völlig zurecht argumentieren, dass diese Entscheidung des Grünen-Chefs ohnehin schon zuviel Aufmerksamkeit bekommt und man sich doch endlich wieder relevanteren Themen zuwenden sollte. Doch das ist eine zweite Erkenntnis dieser Woche: Es gibt erstaunlich viele Menschen, bei denen diese Debatte rund um Social-Media etwas auslöst. Es gibt Gesprächsbedarf in diesem Land.

Diese allgemeine Aufmerksamkeit nutzte Schlecky Silberstein, der Habecks Schritt lobte und ein Twitter-Verbot für Abgeordnete forderte. Deutschlandfunk-Kultur verfiel auf diese Provokation und rief mich heute Mittag an, um den Vorschlag zu sprechen.

Das ist deshalb erwähnenswert, weil entweder die Musikredaktion oder ein sehr schlauer Algorithmus nach dem Gespräch einen Song spielt, der meiner Einschätzung nach das Problem perfekt auf den Punkt bringt: „Der Typ, der nicht übt“ von Niels Frevert handelt zwar inhaltlich nicht von Twitter oder Facebook. Der Titel fasst aber zusammen, was mich stört: dass Habeck nicht lernt und weitermacht, sondern ernsthaft glaubt, dass Löschen eine Lösung sein. Denn: „Es gibt an den sozialen Netzwerken Dinge zu kritisieren, die man auf politischer Ebene dringend angehen sollte“, habe ich heute Mittag im Gespräch mit Max Oppel geantwortet: „Die Frage, wie mit Hasskommentaren dort umgegangen wird. Die Frage, wie man reguliert, dass sie sich der Steuerpflicht entziehen, dass sie den Datenschutz unterwandern. Das sind wichtige politische Fragen. Die werden wir aber nicht lösen, indem wir sagen: „Sehr gut, Herr Habeck hat seinen Account gelöscht.“ Damit wird das Problem ja nicht gelöst. Damit suggeriert man, es gebe eine einfache Lösung für die sehr komplizierte Regulierung von Social-Media-Plattformen.“ (Symbolbild fürs Wegschauen: unsplash)

Das Lied ist aber auch deshalb toll, weil es im vollständigen Titel in Klammern etwas ergänzt, was man auch zu dieser etwas länglichen Debatte ergänzen sollte

Worum es wirklich geht

Es geht darum, dass Social Media eine Herausforderung ist. Keiner hat gesagt, dass es leicht wird mit diesen vielen neuen Dingen. Aber ich glaube, wir müssen uns dem stellen und hinzulernen, wie man die neuen Medien gut nutzt. „Wir kommen nicht umhin“, schrieb ich Anfang der Woche, „uns den Problemen zu stellen – und den immer neuen Versuch zu unternehmen, sie zu lösen. Dabei werden Fehler passieren, wie sie Habeck passiert sind. Lösungen findet aber nur derjenige, der bereit ist, auch weiterhin Fehler zu machen. Diese Bereitschaft scheint Habeck verloren zu haben.“

Das ist deshalb schade, weil ich Ende der Woche gelesen habe, wer in Sachen Medienkompetenz offenbar besonderen Nachholbedarf hat: Nicht diese vermeintlich problematischen jungen Leute, sondern Menschen über 65 Jahre. Die Typen, die nie nicht mehr üben. Denn: „Nutzer im Alter von 65 Jahren oder älter teilen „fast sieben Mal mehr“ Artikel von Falschmeldungen verbreitenden Internetadressen als 18- bis 29-Jährige, wie aus einer Studie der Universitäten Princeton und New York hervorgeht“, schrieb der Faktenfinder der Tagesschau und ergänzte: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen.“

Vielleicht ein ganz gutes Ergebnis der ganzen Debatte: Wir sollten allesamt mehr üben und bereit sein aus Fehlern zu lernen!

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Tipps des Jahres 2018 (von Leser*innen des Digitale-Notizen-Newsletters)

In der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann, habe ich die Leserinnen und Leser gefragt: Wie war 2018? Einige haben die konkreten Fragen zum Jahr beantwortet – ihre Einschätzungen und Wertung dokumentiere ich hier (bereinigt um Doppelnennungen) direkt nach meinen eigenen Antworten. Wer sich für Rückblicke interessiert, kann übrigens auch die Digitalen-November-Notizen lesen

Mein Buch des Jahres: Aus der Bücherperspektive war 2018 ein spannendes Jahr für mich. Sowohl "Das Pragmatismus-Prinzip" als auch die "Gebrauchsanweisung für das Internet" sind erschienen. Am liebsten gelesen habe ich aber ein Buch, das schon etwas älter ist. "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" von Haruki Murakami ist mein Buchtipp des Jahres – als Läufer aber auch als Menschen, der vom Laufen etwas für Medien lernen will (Und Rolands großartiges Buch „So sterben wir“ habe ich ja schon im Oktober-Newsletter vorgestellt)
Meine Lieblings-Website: Ich mag diejenigen Seiten, die wirklich noch im offenen Web und nicht in eingemauerten Gärten wachsen.
Meine App des Jahres: Ich mag die Idee von Stoop – eine Art RSS-Reader für Newsletter.
Meine Lieblingskonferenz: Nicht nur weil ich selber in dem tollen Theater in Münster über den Shruggie sprechen durfte, war die TEDx Münster im November meine Konferenz des Jahres. Ich habe dort tolle Vorträge gehört und werde diese sicher hier verlinken, sobald sie online stehen.
Mein Vorsatz 2019: Weil ich es gerade gebloggt habe: ins Handy starren! – aber eigentlich: Weniger mehr

Buchtipp des Jahres 2018

📚 Riad Sattouf: Der Araber von morgen
📚 Andreas Rödder: 21.0
📚 Celeste Ng: Little Fires Everywhere
📚 Mark Manson: The subtle art of not giving a f*ck
📚 Auch wenn es schon etwas älter ist: „89/90“ von Peter Richter, weil es auf beinahe jeder Seite einen Zusammenprall mit meiner Kindheit/ Jugend gab, manchmal unfassbar komisch, manchmal bitter, manchmal traurig.
📚 Natascha Wegelin: „Wie Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen“ (funktioniert für Männer übrigens genauso)
📚 Moritz Fürste: Nebenbei Weltklasse: Aus Liebe zum Sport
📚 Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich
📚 Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe
📚 Das Pragmatismus-Prinzip (nicht schleimend gemeint)
📚 Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
📚 Es ist ein Manga – Lady Snowblod von Kazuo Koike/Kazuo Kamimura. Ein Meisterwerk von 1973, das uns viel über japanische Geschichte des 19. Jahrhunderts lehrt.

Lieblings-Website 2018

ℹ️ Sagt hübsch danke (Der Freitag)
ℹ️ This is 18 (New York Times)
ℹ️ Reddit
ℹ️ Edition F
ℹ️ Nur der FCM
ℹ️ Frag den Staat
ℹ️ AirBnB
ℹ️ Elementarfragen
ℹ️ Tagesschau
ℹ️ Instagram
ℹ️ RadioEins
ℹ️ Groschenphilosophin

Lieblings-App des Jahres 2018

📱 Spielerplus
📱 Bring!
📱 Castro
📱 Finanzguru
📱 Splitwise
📱 1 Second everyday
📱 Wire
📱 Card Crawl
📱 Bahn-Navigator

Lieblingskonferenz 2018

📛 Zündfunk Netzkongress
📛 CCC
📛 Wie jedes Jahr die Konferenz für städtische Pressearbeit und Kommunikation
📛 Agenturcamp Düsseldorf / München
📛 Gautinger Internettreffen
📛 #rp18
📛 Nicht die Republica 18 – der DGB Bundeskongress, weil das mein Job ist.

Vorsatz für 2019

💯 Bessere Laune
💯 Politisch werden. Mitmachen statt Maulen. Nicht Fliegen.
💯 Better done than perfect
💯 Atmen.
💯 Mir noch klarer darüber zu werden, wie ich meine Ressourcen zum einen schonen + nachhaltig nutzen und zum anderen so effektiv wie möglich einsetzen kann.
💯 Mehr kommunizieren
💯 Endlich gelassener werden.
💯 Mehr nein sagen
💯 Mehr online sein ;-)
💯 Mehr analog lesen
💯 Wieder 5 Tage gesetzlichen Bildungsurlaub nehmen und in einer knuffigen Bildungsstätte mit Gleichgesinnten den Kopf qualmen lassen.
💯 Weniger Recht haben!

Mein Newsletter-Vorsatz für 2019: Mehr zuhören!

Deshalb habe ich direkt noch eine Umfrage gestartet. Dabei geht es ums Hören von guten Podcasts (Hashtag #klangstrecke). Wenn Sie dazu Tipps haben (oder gar selber einen Podcast machen) dann bitte hier entlang

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Mehr aufs Handy starren!

Die Zeit des Jahreswechsels ist ein guter Anlass, um sich von Altem zu trennen und sich mit guten Vorsätzen dem Neuen zu widmen. Ich möchte dies nutzen, um mich von einer Formulierung zu trennen, auf die ich im kommenden Jahr gerne verzichten würde (im Sinne von: Ihr müsst sie nicht mehr schreiben oder behaupten!). Ich verbinde die Trennung von besagter Formulierung mit einer letzten Verwendung – und zwar in dem Vorsatz: Ich möchte 2019 mehr auf mein Handy starren!

Nicht mal Helene Fischer oder Thomas Gottschalk bringen die verbindende Strahlkraft auf, die die Formulierung „die Leute starren ja eh zuviel aufs Handy“ entwickelt: über Alters- und Einkommensschichten hinweg kann man damit auf allen Seiten des politischen Spektrum Einigkeit erzeugen. Denn: „Ist doch wahr! Dieses ständige Glotzen. Mensch!“

Abgesehen davon, dass es ratsam ist, gerade dort achtsam zu werden, wo sich viele viel zu leicht einig sind, habe ich hier auch einen inhaltlichen Zweifel. Und dabei geht es nicht – wie regelmäßige Leser*innen dieses Blogs vermuten könnten – um eine gesellschaftliche Ebene. Es ist ein schlicht persönlicher Antrieb, der mich den Vorsatz fassen ließ. Ich starre wirklich gerne auf mein Handy (Foto: Unsplash).

Aufgefallen ist mir dies als ich unlängst in einer kleinen Pause in einer Ecke saß und mich entspannte. Menschen mit Hang zum Meditativen würden vielleicht sagen: Als ich in einer Ecke saß und ganz bei war. Sie würden diese Formulierung allerdings nur so lange wählen, wie ich ihnen den Gegenstand verschweige, den ich in der Hand hielt. Es war ein kleines Fenster zur Welt. Vergleichbar mit dem, aus dem sich eher lokal veranlagte Menschen auf ein Kissen gestützt lehnen und rausgucken. Mein Rausgucken galt keiner kleinen Nachbarschaft oder Straße, sondern der Welt. Es war allerdings genau so wenig zielgeleitet wie das Gucken der Fensterrentner. Es war ein Treibenlassen, ein stummer Protest gegen die dauernde Anforderung, ständig präsent und aktiv sein zu müssen. Mein Rausgucken in die Welt war kein Funktionieren im kapitalistischen Sinn, es war ein Flanieren, ein Zappen, ein Surfen. Die Begriffe beschreiben in etwa die gleiche Tätigkeit – allerdings in klar absteigender Wertung: Beim Flanieren hat man das vergoldet-vergilbte Bild eines kosmopoliten Gentleman vor Augen, der mit Spazierstock und weltläufiger Gelassenheit die Nachbarschaft durchschreitet. Beim Zappen sieht man vielleicht das Testbild eines guten alten Röhrenfernsehers vor sich und beim Surfen schließlich ist man vollends in der Welt der verachtenswerten Gegenwart angelangt.

Flanieren zur Entspannung? Selbstredend!
Surfen zur Entspannung? Unmöglich!

Der Begriff für das virtuelle Treibenlassen stammt aus dem Jahr 1992 von der Autorin Jean Armour Polly (habs gerade für die Gebrauchsanweisung fürs Internet recherchiert), die damals einen Text „über das Internet verfassen sollte. Als sie einen Titel für den Text suchte, fiel ihr Blick zufällig auf ein Mauspad mit dem Bild eines Surfers, das sie zu der Überschrift »Information Surfer« inspirierte.“ In einer gar nicht fernen Zukunft wird dieses virtuelle Stöbern mal ebenso verklärt werden wie heute das Spazierstock-Flanieren.

Bis es soweit ist muss man sich aber beschimpfen lassen, wenn man ständig in sein Handy starrt. Wobei man das ständig sofort streichen kann, denn alles, was man ständig tut, ist sinnfrei. Ständig Vokabeln lernen macht am Ende genauso blöd in der Birne wie ständig aufs Handy starren.

Es geht also darum, dass man smarter mit seinem Phone umgeht und nicht ständig starrt. Dass man allerdings starrt, kann ich nicht falsch finden. Es ist entspannend, trainiert die Ambient Awareness und kann zu einer Verbesserung der sozialen Kontakte führen.

Ja, kann auch falsch sein. Aber allein die Möglichkeit, dass handystarrende Zeitgenossen gerade einen trauernden Menschen trösten oder ein Nobelpreis-Wälzer schmökern, sollte uns davon abhalten, ins wohlfeile Wehklagen über den kulturellen Niedergang durch Smartphonenutzung zu verfallen. Denn womöglich geht es dem handystarrenden Menschen gerade richtig gut, der Bildschirm ist ihm ein Fenster zur Welt und Möglichkeit zur flanierenden Entspannung. Warum sollte man jemandem diese Wohltat verwehren nur weil man selber nicht in der Lage ist, ein gesundes Verhältnis zum Smartphone zu entwickeln?

Im Sinne dieser Wohltat habe ich meinen obige Vorsatz gefasst – mit dem Ziel, ein gesundes Verhältnis zum Bildschirm zu festigen, das nicht auf Pathologisierung und schlechte Gewissen setzt.

Und für alle, dei auch 2019 weiter darüber klagen wollen, dass diese jungen Leute ständig auf auf ihr Handy starren, habe ich noch zwei Ideen: Vielleicht sollte man sich erstens fragen, von wem sie das wohl haben? Und zweitens kann man bei sich selber beginnen und sich einen besseren Umgang mit dem Bildschirm vornehmen: bewusster ins Handy starren, wäre dafür ein guter Anfang. Dafür muss man aber akzeptieren: ins Handy starren ist eine ziemlich gute Sache!

Mainstream nach dem Ende des Durchschnitts

Im dritten Jahr in Folge ist der am häufigsten gestreamte Künstler auf Spotify in Deutschland ein junger Mann, den in meinem direkten Umfeld niemand kennt. Nun darf man den persönlichen Umfeld-Anekdoten nur bedingt trauen. Im aktuellen Fall scheint es dafür jedoch einen weiteren Beleg zu geben. Denn auch als der gesuchte Künstler unlängst den ersten Platz der Albumcharts einnahm, schrieb Gerrit Bartels im Tagesspiegel: den kennt ja keiner.

Er drückte das etwas feuilletonistischer aus – und zwar so:

Selbst in Kreisen, die der Popmusik nicht ganz fern stehen (…), stößt man oft auf Kopfschütteln, wenn Namen wie Trettmann, Gringo, Bonez MC, Capital Bra oder Raf Camora fallen. Nie gehört, heißt es dann, obwohl es gerade diese Musiker sind, genauer: diese Deutsch-Rapper, die Woche für Woche mit neuen Songs herauskommen und es damit sofort auf die Spitzenplätze schaffen.

Den Spitzenplatz im Spotify-Jahresranking hat RAF Camora erklommen, dessen Namen weniger Bezug auf die Rote Armee Fraktion nimmt als auf seinen bürgerlichen Namen Raphael Ragucci. Auf Instagram gefällt das aktuell 112.000 Accounts – und ich frage mich seit ich die Meldung las: Was heißt das eigentlich für unsere Vorstellung von Mainstream (hihi), wenn der Streaming-Spitzenreiter in manchen Kreisen nahezu unbekannt ist?

Mein Verdacht: Das Ende des Durchschnitts ist schneller gekommen als gedacht…

Lob des Großraumbüros: Leben wir es als Lesesaal!

Bei Zeit-Online gibt es ein spannendes Interview mit David Heinemeier Hansson von Basecamp. Mit Jason Fried hat er gerade das Buch „It Doesn’t Have to Be Crazy at Work“ geschrieben, darüber spricht er in dem Interview. Von den beiden stammen auch die Bücher Rework und Remote und auch das aktuelle Buch scheint lesenswert zu sein (Grundthese: Arbeit ist nicht dann gut, wenn sie an die Substanz geht). Und doch muss ich dem Reflex nachgeben, einen Widerspruch-Blogpost zu dem Interview zu schreiben.

Denn DHH sagt in dem Interview diesen einen Satz, mit dem man auf billigste Weise Zuspruch in jedem Büro der Welt bekommen kann – und den ich dennoch für falsch halte:

Ein riesiger, offener Raum ist ein fürchterlicher Ort, um konzentriert zu arbeiten.

Das klingt irgendwie gut – und doch: Ich habe in diesem Jahr an keinem Ort so konzentriert gearbeitet wie in einem riesigen, offenen Raum in Anwesenheit von sehr vielen Menschen um mich herum. Als ich zu Beginn des Jahres für die Gebrauchsanweisung für das Internet recherchiert habe, habe ich stundenlang im Lesesaal der Bayerischen Staatsbibliothek gearbeitet – in völliger Ruhe und hoher Konzentration. Denn obwohl Menschen sich anstellen mussten, um einen freien Platz in dem riesigen Raum zu bekommen, galt dort eine sehr einfach Regel: Nicht sprechen, wir sind in einem Großraumbüro einer Bibliothek (Foto: Robert Bye on Unsplash)

Wann immer irgendwer über einen Großraum schimpft, muss ich an diese Stunden der Konzentration denken. Denn räumlich unterscheidet sich ein Lesesaal in der Bibliothek nicht von einem Großraumbüro. Der Unterschied ist ein sozialer. Es gelten andere Regeln. Regeln, die nicht die Architektur vorgibt, sondern der Arbeitsmodus: Der Lesesaal ist ein Büro, das einem klaren Zweck gewidmet ist – dem konzentrierten Arbeiten.

Büros, die Menschen auf die Nerven gehen und so sind, wie DHH sie beschreibt, können groß oder klein sein. Ihnen fehlt stets die klare Ausrichtung auf eine Tätigkeit. Wir denken Büros als Räume, die man für alle unterschiedliche Tätigkeiten nutzt, die im Büroalltag so anfallen. Das ist das Bild des 20sten Jahrhunderts, wir gehen in ein Büro, setzen uns hin und machen alles an diesem einen Ort: Telefonieren, Besprechen, Lesen, Schreiben, konzentriert arbeiten.

Das muss schief gehen – völlig unabhängig von der Anzahl der anwesenden Personen. Es braucht Regeln – und ich glaube, dass ausgerechnet ein sehr großer Raum, nämlich der Lesesaal, vormacht wie diese umgesetzt werden. Wenn hier einer telefoniert, stört er alle anderen. Also sollte er das Telefonat in einem sehr kleinen Raum führen. Gleiches gilt für Gespräche und Meetings.

DHH erklärt das im Verlauf des Interviews auch sehr anschaulich. Er beschreibt die störende Kraft von Chatsystemen wie Slack (die man nur durch Regeln zähmen kann) und gibt dann den Ratschlag:

Wenn Sie sehen, dass Ihre Kollegin in die Arbeit vertieft ist, lassen Sie sie in Ruhe. Fast alles kann warten und Sie können in der Zwischenzeit an einer anderen Sache arbeiten und sie zwei Stunden später fragen.

Was er damit meint: wir brauchen soziale Konventionen um ein gutes Arbeitsklima zu schaffen. Und erstaunlicher Weise können wir diese Konventionen in Großraumbüros besonders gut begründen. Dabei gilt die Faustregel: Je größer der Raum ist umso kleiner muss die Anzahl an Gesprächen und umso geringer muss die Lautstärke im Raum sein. Und daraus ergibt sich die zweite Anforderung: Es braucht Raum für Gespräche, Besprechungen und Lautstärke. Großraumbüros sollten diesen Raum nicht bieten!

Kann es sein, dass Angela Merkel mehr vom digitalen Denken verstanden hat als dein Chef?

„… dass wir vom Bürger her denken und nicht unsere Projekte so durchziehen wir wir das gewohnt sind.“

Mit diesem Worten beschreibt Angela Merkel in der Generaldebatte am 21.11. im Deutschen Bundestag (PDF des Protokolls) was für sie der zentrale Unterschied zwischen analogem und digitalem Arbeiten ist. Das ist ein erstaunliches Zitat weil viele bei Angela Merkel und Digitalisierung immer noch an das Neuland-Zitat denken – und sich dann wieder gemütlich zurücklehnen.

In Wahrheit hat die Bundeskanzlerin – dieser kurze Ausschnitt aus der Debatte beweist es – offenbar mehr von digitalem Denken verstanden als viele Projektplaner*innen, die immer noch denken ein gutes Projekt bestehe aus einem stabilen Konzept, aus Meilensteinen, ständiger Kontrolle und KPIs. Häufig sind das auch diejenigen, die den Begriff „agil“ für ein modernes Buzzword halten und es synonym zu „schnell“ oder „beweglich“ verwenden, ohne wirklich zu verstehen, was mit agilem Vorgehen gemeint ist. (via Johannes)

Am Beispiel des Bürgerportals beschreibt Merkel wie sie sich dabei digitales Denken vorstellt (kopiert aus dem Protokoll von bundestag.de) – und warum digitale Projekte nur gelingen, wenn sie an Nutzer-Bedürfnissen ausgerichtet sind:

Wir sind im normalen klassischen Denken gewohnt, ein Projekt zu planen, das gesamte Projekt dann schrittweise umzusetzen, während im digitalen Zeitalter eine völlig andere Art der Herangehensweise da ist und die Anwendungen Schritt für Schritt eingeführt werden müssen . Dieses richtige Denken beim Umsetzen des Bürgerportals wird sehr wichtig sein . Wir werden erste Funktionen, nämlich die des Bundes – das sind über 100 –, sehr schnell einführen . Wir werden dann mit den Ländern die anderen 400 Funktionen durchsetzen, sodass wir Ende 2022 wirklich den vollkommenen und kompletten Zugang – von Fahrzeuganmeldung über Elterngeldbeantragung, Steuererklärung, Gesundheitsakten und vielen, vielen anderen Dingen – digital schaffen. Das ist notwendig . Das ist kein Nerd-Projekt, wie man vielleicht sagen könnte; denn wenn die Bürgerinnen und Bürger diesen Zugang nicht bekommen, werden wir im digitalen Zeitalter nicht bestehen . Deshalb muss der Staat hier Vorbild sein .

Ist der Staat hier tatsächlich ein Vorbild? Man kann das mit Blick auf das methodische Vorgehen sehr leicht überprüfen, indem man sich z.B. fragt:

– Entwickeln wir in unserem Unternehmen Projekte in Bezug auf ein Nutzer-Bedürfnis oder weil es der Chef gut findet?
– Fragt jemand, bevor wir anfangen, welches Problem wir mit diesem Projekt am Ende lösen werden?
– Sind bei uns kurzfristige Reaktionen auf Veränderungen möglich oder befolgen wir vor allem einen mit Meilensteinen gefestigten Plan?
– Gibt es die Möglichkeit, schrittweise Bestandteile des Projekts zu veröffentlichen und zu messen?
– Geht es bei der Entwicklung um kleine Schritte (Iterationen) oder um das große Ganze?
– Arbeiten wir in kleinen selbstorganisierten Teams, die Verantwortung übernehmen oder gibt es eine klassische Hierachie?

¯\_(ツ)_/¯

Wer sich dafür interessiert: im Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ gibt es auch ein Kapitel über New-Work und Formen der Arbeitsorganisation wie Scrum und Ideenentwicklung wie Effectuaiton

Eine Internet-Straße für Hamburg?

Die Drucksache 21/14964 der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg steht seit ein paar Tage im Netz. Es handelt sich um eine kleine Anfrage des Abgeordneten Carsten Ovens (CDU), die Bezug nimmt auf die Idee internet-strasse.de (ausführlich im letzten Newsletter hier vorgestellt) und auf die Frage hinausläuft:

Wie bewertet der Senat die Idee der Benennung einer Straße oder eines Platzes, um die technologischen und gesellschaftlichen Errungenschaften des Internets zu würdigen?

Die Antwort auf die Frage ist noch ernüchternd (bisher nicht drüber nachgedacht), aber die Frage selber zeigt: Es lohnt sich zu fragen!

Die Idee, das Internet auf einem Straßenschild zu würdigen, mag weiterhin absurd erscheinen. Aber sie kann auch etwas verändern. Deshalb: Wer Kontakt zu Stadt- und Gemeinderät*innen hat: Fragt nach!

Alle Details stehen auf internet-strasse.de

Mit Dank an Martin Fuchs

Journalismus mit der Unterstützung von philanthropic supporters

Ich habe drei spannende Lesetipps – und eine Frage, die die drei Links verbindet. Auch wenn die Hinweise inhaltlich wenig miteinander verbindet:

Es geht zum ersten um einen Beitrag vom US-Medium Vox, das mir dieser Tage in die Timeline gespült wurde. Ein Listicle mit dem Titel 23 charts and maps that show the world is getting much, much better

Zum zweiten geht es um die Serie Touchstones des US-Magazins New Yorker, in der Kritiker*innen des Magazins Meilensteine der Musikgeschichte vorstellen, die auch ihr eigenes Leben prägten. Drei Beiträge – zu Janet Jackson, Missy Elliot und Nirvana – sind diese Woche veröffentlicht worden. Die Serie soll noch weitergehen.

Auch der dritte Beitrag ist eine Serie, die dieser Woche gestartet worden. Sie heißt Amazon Diaries und der Guardian lässt darin eine anonyme Quelle aus dem Inneren von Amazon berichten lässt.

Was die drei Beiträge verbindet, ist ein kleiner Hinweis, der sich sowohl bei Vox als auch beim New Yorker und beim Guardian neben der Autorenzeile findet: „Supported by“ bzw. „Made possible by“ steht da und dann folgt ein Name, der offenbar dafür gesorgt hat, dass dieser Beitrag erscheint.

Bei Vox ist es im Fall der Liste die Rockefeller Foundation, die laut Wikipedia „von John D. Rockefeller gegründet mit dem Zweck gegründet wurde, das „Wohl der Menschheit auf der ganzen Welt“ zu fördern.“ Die Touchstones-Serie im New Yorker ist „supported“ vom Juwelier Tiffany & Co. Das steht unter der Autorenzeile, allerdings ohne Verlinkung oder weitere Information. Anders beim Guardian: Die Amazon Diaries werden unterstützt worden von der Fordfoundation, deren Ziel es ist, Berichte über Ungleichheit in den USA zu fördern. So steht es auf einer Seite, die der Guardian ins Netz gestellt hat, um seine philantrophischen Unterstützer vorzustellen. Dort steht:

The Guardian, like many news organisations around the world, is working to find new ways to fund our journalism to ensure we can continue to produce quality, independent journalism in the public interest. Increasing philanthropic support for our independent journalism helps fund impactful Guardian reporting on important topics such as modern-day slavery, women’s rights, climate change, migration and inequality.

Darunter folgt eine Liste von Stiftungen, die den Guardian in dieser Arbeit unterstützen – auf zwei Wegen: Einerseits über die Nonprofit-Organisation theguardian.org, die von der Muttergesellschaft Scott Trust gegründet wurde „to support quality independent journalism about some of the most pressing issues of our time.“ Der zweite Weg um als Philanthropic supporter tätig zu werden, ist der „Guardian Civic Journalism Trust“, den die australische Ausgabe des Guardian mit der Centre for Advancing Journalism der Uni Melbourne im März 2018 gegründet hat. Abgeschlossen wird die Seite von dieser Erklärung:

The underlying premise of all philanthropic support for the Guardian is that it is for editorial priorities that have already been identified by Guardian editors. Throughout the process of securing philanthropic support, the Guardian’s philanthropy editors and other senior editors confer about its suitability and the editor-in-chief has the final say on whether a funding opportunity is approved.

Um diese Unabhängigkeit im Falle der Amazon Diaries sicher zu stellen, gibt es beim Guardian die Position des Special Series Editor: Alastair Gee soll persönlich dafür sorgen, dass der Satz stimmt, der auf der Erklärseite zur Serie steht: “ All content is editorially independent“.

Womit wir bei meiner im ersten Satz angekündigten Frage sind: Ist das glaubwürdig?

Denn womöglich sind diese drei Beispiele in Wahrheit nicht vergleichbar – weil sie für sehr unterschiedliche Enden des „supported by“-Journalismus stehen. Aber mindestens beim Guardian steckt eine hohe Offenheit und ein erstaunlicher Aufwand dahinter, zu beschreiben, was „supported by“ bedeutet. Wird der dahinter liegende Journalismus dadurch schlechter? Nehmen die Medien durch solche Projekte Schaden? Oder ist es nicht vielmehr so, dass diese Ansätze dafür sorgen, dass guter Journalismus in schwierigen Zeiten eine Zukunft hat?

Ich bin unsicher, deshalb würde mich deine Meinung interessieren!

Weniger Recht haben müssen

Es war schon spät in der Nacht als der Fotograf David Wilkinson, der für den schottischen Club Milk in Edinburgh arbeitet, die beiden Gäste Lucia und Patrick fotografierte. Das Bild, das die beiden 18-Jährigen dabei zeigt, wie Patrick der desinteressiert schauenden Lucia etwas ins Ohr brüllt, wurde kurz darauf auf die Facebookseite des Clubs geladen – und von dort zur Grundlage für eines weltweiten Memes: Patrick Richie und Lucia Gorman wurden zum Symbol für ein etwas ungutes Geschlechterverhältnis: links ein etwas unsympathischer Mann, der brüllt. Rechts eine schweigende Frau, die wenig mit der Information anfangen kann.

Gäbe es ein Buch zu diesem Bild, es wäre vermutlich „Wenn Männer mir die Welt erklären“ von Rebecca Solnit.

„Ich weiß, ich komm nicht besonders gut rüber auf dem Bild“, sagte Patrick der BBC als das Bild anfing weltweite Verbreitung zu erfahren – in immer neuen Abwandlungen des immer gleichen Musters. Seit ein paar Tagen gibt es das Motiv auch mit deutschen Bildbeschreibungen. Und zwar so ausführlich, dass Der Gazetteur das Bild aus Edinburgh als Ablenkung für den Distracted Boyfriend montiert hat – kombiniert mit einem anderen Twitter-Thema, das in den vergangenen Tagen Fahrt aufgenommen hat und bei dem auch viel gebrüllt wurde.

Es geht um das Motiv: #Fahrradstraße, das ein Zusammentreffen in einer Fahrradstraße in Hannover beschreibt. Dabei blieben eine Radfahrerin und ein Lkw-Fahrer so lange im Recht bis die Polizei gerufen wurde. Der zentrale Satz dabei: Er will nicht warten oder ausweichen. Jetzt stehen wir Nase an Nase. Seit 10 Min.

Beide Bilder – und vor allem die anschließende Weiternutzung – sind nicht nur schöne Illustrationen für den großen Spaß, den man an Internetquatsch haben kann. Sie beschreiben auch wunderbar, dass es vielleicht gar nicht so sehr ums Internet geht, wenn wir auf Internetkommentare schimpfen. Vielleicht ist das Netz eher ein Spiegel der Gesellschaft, in der Menschen beiderlei Geschlechts einfach sehr gerne Recht haben – und andere daran teilhaben lassen. Recht haben scheint zum zentralen Ziel viele Diskutanten on- wie offline geworden zu sein. Es ist Menschen oftmals so wichtig, dass sie es höher werten als Menschlichkeit, Verständnis oder gar Toleranz. Das Schlimmste aber: Vor lauter Recht haben müssen, vergessen wir dass womöglich auch mehrere Ansichten richtig sein können – vielleicht sogar gleichzeitig mit unserer eigenen Meinung. Das Stichwort dazu heißt Ambiguität und im Fall der Özil-Debatte genannten Auseinandersetzung um Rassismus in der Gesellschaft konnte man das Problem sehr genau beobachten.

Ich habe diesen Verdacht am Wochenende getwittert – und erhielt daraufhin einen guten Hinweis auf den ersten Satz in der Straßenverkehrsordnung. Dort ist in einer Vorbemerkung geregelt, worauf man achten soll, wenn man am Straßenverkehr teilnimmt:

Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

Vielleicht ist das eine schöner Vorsatz für die nächste Debatte – egal ob im Internet oder außerhalb: Einfach mal jemanden vorfahren lassen – gerade dann wenn man das Recht hätte selber zuerst zu fahren. Gäbe es einen seriösen Vorsatz, den man in den beiden lustigen Memes des Winters erkennen kann, es wäre vermutlich: Weniger Recht haben müssen!

Zum Weiterlesen:
> Das Gespräch mit Armin Nassehi
> BBC: How To Disagree: A Beginner’s Guide to Having Better Arguments
> Das Experiment „Das ist Deine Meinung“ mit der Erkenntnis: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken
> Der Podcast How To Disagree Better von Arthur Brooks
> Das Buch Streit! von Meredith Haaf, die hier einige Fragen zum Streiten beantwortet hat

UPDATE: Zum Ende des Jahres fand das Motiv erneut Verwendung als Nico Lange (Berater der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer) #nurmalso auf Twitter bekannt gab, dass er Fleisch esse, Auto fahre und zu Silvester Böller zünde. Sascha Lobo hat dann lesenswert beschrieben, warum Twitter sich für politische Debatte nur schlecht eignet – und der Twitter-User freshofall hat dann eine Meme-Replik an Nico Lange gesendet.