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#internetbriefmarke (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer herausfinden will, was diesem Land wichtig ist, muss sich Briefmarken anschauen. Die so genannten Postwertzeichen sind nämlich weit mehr als das reine Porto für den Transport von Briefen, Pakten und Postkarten. Durch so genannte Sondermarken werden Briefmarken zum Ausdruck von Wertschätzung und öffentlicher Erinnerungskultur.

So gibt es in diesem Land zum Beispiel Postwertzeichen, die die Deutsche Brotkultur würdigen oder das Farbfernsehen. Es gibt Dauerserien wie jene, die Blumen wie das Wiesenschankkraut zeigt oder jene, die Legendäre Olympiamomente in Erinnerung halten möchte.

Es gibt allerdings keine Marke, die das Digitale würdigt. Zumindest habe ich in Deutschland keine gefunden*. Ist Österreich ist gerade eine Blockchain-Briefmarke auf den Markt gebracht worden, aber in Deutschland habe ich etwas Vergleichbares nicht entdeckt. Das ist merkwürdig, denn das Bundesfinanzministerium erklärt auf seiner Website:

Das Ziel aller Marken-Ausgaben ist, wichtige historische und aktuelle Ereignisse, bedeutende Persönlichkeiten und „runde“ Jubiläen in Deutschland zu würdigen. Auch die verschiedenen Regionen sowie bedeutsame gesellschaftspolitische Themenfelder sollen ausgewogen und breit gefächert vertreten sein.

Ich würde annehmen, dass das Internet ein bedeutsames gesellschaftspolitische Themenfeld ist, dessen Würdigung auf einem Postwertzeichen angezeigt wäre. Weniger bürokratisch formuliert: Warum gibt es eigentlich keine Briefmarke, die das Internet würdigt?

Wir als Gesellschaft verdanken dem Internet sehr viel. Es hat uns gezeigt, dass multikulturelle Zusammenarbeit über Landes-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg möglich ist. Die grundlegende Infrastruktur des Internets hat bewiesen, dass die Idee von Abgrenzung, Nationalismus und Rassimus ein überholtes Konzept ist. Menschen können sich hier verbinden, Wissen austauschen und vermehren und völlig neue Ideen entwickeln. All das ist wertvoll und bedeutsam. Leider vergessen wir das in der täglichen Nutzung nicht nur, es wird auch oft absichtsvoll übersehen. Der gesellschaftspolitische Wert des Internet für eine offene Gesellschaft sollte deshalb an einem Ort gewürdigt werden, der auch für Netzskeptiker bedeutsam ist. Deshalb haben wir vor kurzen das Projekt Internet-Straße gestartet** – und deshalb werde ich am Ende des Sommers einen Brief ans Bundesfinanzministerium schreiben und darum bitten, das Internet auf mindestens einer Briefmarke zu würdigen (besser noch wäre eine ganze Serie, die auch die Möglichkeit bieten würde, Einzelaspekte wie die Netzneutralität, Emojis oder die Memekultur zu würdigen).

Die Entscheidung über die thematische Auswahl für Sondermarken trifft in Deutschland der Bundesminister der Finanzen. Das ist aktuell Olaf Scholz. Und sollte der SPD-Politiker dieses Amt auch im Herbst noch ausüben, wird ihm der Programmbeirat hoffentlich meinen Vorschlag vorlegen, eine Internet-Briefmarke aufzulegen. Denn leider ist das Verfahren für die Sondermarken etwas zäh: Jeweils im Herbst wird für das übernächste Jahr entschieden, welche Themen auf einem kleinen gezackten Wertzeichen gewürdigt werden.

Für das Jubliläum 50 Jahre Internet sind wir also leider zu spät dran.
Deshalb brauche ich Eure Hilfe: Unter dem Hashtag #internetbriefmarke würde ich gerne Argumente für das Internet auf Briefmarken sammeln. Vielleicht liest hier sogar jemand mit, die oder der eine Idee für das gestalterische Motiv für die Internet-Briefmarke hat. Bitte schicke mir deine Vorschläge oder poste sie unter dem Hashtag #internetbriefmarke!! Ich nehme alle Beiträge, Likes, Retweets mit auf, um der Bitte beim Finanzministerium Nachdruck zu verleihen.

Dann kann es vielleicht klappen, dass das Internet auf einer Briefmarke gewürdigt wird. Verdient wäre es!

* Dieser ganze Beitrag ist natürlich ein bisschen überflüssig, wenn es bereits eine solche Marke geben sollte oder sie in den nächsten Tagen auf den Markt kommt. Sollte das sein bzw. passieren, möchte ich diesen Beitrag als unbedingten Support für diese Marke verstanden wissen ;-)

** Wer mehr Argumente für die Web-Würdigung sucht, kann auf Internet-Straße nachlesen oder dort sogar mitmachen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich auch schon häufiger mit dem gesellschaftlichen Wert des Internet befasst habe – z.B. „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018) oder „Heimatverein für das Internet“ (Oktober 2017). Hier kann man den Newsletter kostenfrei bestellen – und hier kann man meine Gebrauchsanweisung für das Internet lesen.

Nachtrag: Nicola Wessinghage hat Briefmarken mit Beispielmotiven erstellt

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Shruggie des Monats: Das größte dezentrale Denkmal der Welt

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich weiß nicht, wie der Boden vor dem Wohnhaus von Walter Lübcke in Wolfhagen-Istha beschaffen ist. Ich habe keine Ahnung, ob es dort möglich ist, einen Betonwürfel von 100 Millimetern Höhe in den Boden einzulassen. Ich finde aber man könnte darüber nachdenken. Der Künster Günter Demnig verlegt seit 1992 solche so genannten Stolpersteine – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in 23 weiteren europäischen Ländern. (Foto: Axel Mauruszat, via Wikipedia; Stolperstein für Else Liebermann von Wahlendorf, Budapester Straße 45, Berlin)

Demnig erinnert mit seinem Projekt an die Opfer der NS-Zeit. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig auf der Website den Talmud. Und ich finde, Walter Lübcke, der nach allem, was man heute weiß von einem Nazi ermordert wurde, sollte nicht vergessen werden. Man sollte sich an seinen Namen erinnern. Er sollte vielleicht sogar als Name für eine Stiftung gegen den Hass, für Verständigung und die christlichen Werte von Nächstenliebe und Toleranz dienen (auf die sich perfider Weise gerade diejenigen berufen, die seinen Tod herbeiwünschten und bejubelten). Vielleicht fühlt sich gar die hessische Landesregierung berufen, Walter Lübcke zum Namensgeber für ein Bildungsprojekt zu machen, das Menschen davor bewahrt so verblendet und rechthaberisch zu werden, dass sie über ihre politische Meinung die grundlegende Menschlichkeit vergessen.

Mir scheint es in jedem Fall passend in dem Monat, in dem Deutschland von dem Mord an Lübcke erschüttert wird, an des Projekt von Gunter Demnig zu erinnern. Den Stolpersteinen ist mit dieser Form des vernetzten Gedenkens etwas geglückt ist, was die FAZ mal als „das größte dezentrale Denkmal der Welt“ bezeichnet hat. Über 70.000 Steine haben Demnig und seine zahllosen Helfer*innen bereits verlegt – und damit über 70.000 Zeichen gesetzt gegen die schreckliche Geschichte von Nazi-Deutschland.

Diese Form des vernetzten Protests passt zu den Ideen des Shruggie. Denn es ist kein teilnahmsloser Protest, es ist ein aktives Eingreifen und Erinnern. Und es ist dezentral und vernetzt. Es ist auf eine erstaunliche Weise digital – wenngleich die Steine genau das nicht sind (es wäre in der Tat spannend, über eine digitale Nutzung nachzudenken, die nicht nur Pokemon-Go-Spieler*innen nutzt).

Auf der Stolpersteine-Website steht unter dem Punkt „Spenden“

Stolpersteine werden in der Regel über Patenschaften finanziert. Wenn Sie Pate eines Stolpersteines werden möchten, wenden Sie sich an die entsprechende Stadt und schreiben Sie die dortige Initiative an. Einen Überblick aller Initiativen finden Sie unter „Kontakt“.

Man kann das Projekt aber auch ganz banal mit Geldspenden unterstützen!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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loading: Radentscheid München

München soll für Radler schöner und sicherer werden – heißt es im Crowdfunding-Video vom Radentscheid München. Dafür wollen die Radfahrer*innen demonstrieren: auf der 1. Münchner-Rad-Ring-Demo am Sonntag in der bayerischen Landeshauptstadt. Die Kosten für die rollende Demo sollen unter anderem mit einer Crowdfunding-Kampagne auf Startnext gedeckt werden.

Eva Heidenfelder hat gemeinsam mit Sofie Langmeier die Crowdfunding-Kampagne organisiert und beantwortet hier den loading-Fragebogen.

Was macht ihr?
Seit Ende März sammeln viele fleißige und passionierte Radlerinnen und Radler Unterschriften für ein Bürgerbegehren, das die Situation für Radelnde in München sicherer und angenehmer machen soll. Dafür braucht es beispielsweise breitere Radwege, die klar gekennzeichnet sind oder mehr Abstellmöglichkeiten. Ein weiteres Begehren fordert einen geschlossenen Radring um die Altstadt, da besonders in der Innenstadt die Situation für Radlerinnen und Radler ausbaufähig ist. Und natürlich spielt auch eine große Rolle, dass Radeln ökologischer und ökonomischer ist. Initiiert wurde das Begehren von Bündnis 90 Grüne München, ödp, Die Linke, Bund Naturschutz, ADFC München und Green City. Die Motivation hinter dem Begehren: Der Slogan „Radlhauptstadt“ soll endlich mit Leben erfüllt und München eine Vorbildstadt in punkto Radverkehr für die ganze Region werden. Denn bislang gab es von Seiten der Stadtoberen aus unserer Sicht nur Lippenbekenntnisse. Mindestens 35.000 Unterschriften braucht jedes der beiden Begehren, damit der Stadtrat sich damit befasst. Bis diesen Sonntag, 30. Juni sammeln wir noch die Unterschriften und es sieht gut aus, dass wir das nötige Quorum erreichen. Wie beim Volksbegehren für Artenvielfalt heißt es jedoch auch hier: Jede Stimme zählt! Um unseren Ideen noch einmal Gewicht zu verleihen, wollen wir am 30. Juni zum Ende der Sammelfrist zu Tausenden mit dem Radl auf den Mittleren Ring – dort, wo sonst nur Autos fahren dürfen. Die 1. Münchner-Rad-Ring-Demo kostet aber natürlich viel Geld, wir rechnen mit etwa 10.000 Euro für Bühne, Banner und Musik.

Warum macht ihr es (so)?
Ich bin seit April Mitglied im AK Fundraising, wo zähe Kollegen bereits einige Großspenden für uns sammeln konnten und wir haben auch auf vielen Veranstaltungen rund um den Radentscheid gesammelt, wo viele in ihren Möglichkeiten sehr großzügig waren. Da waren aber vor allem immer wieder die gleichen Unterstützerinnen und Unterstützer und wir haben überlegt, wie wir noch viel mehr Leute erreichen können, die vielleicht auch noch gar nichts vom Radentscheid und der Ring-Demo wissen, obwohl sie uns unterstützen würden. Ich selbst bin viel im Netz unterwegs und spende auch regelmäßig an Crowdfunding-Kampagnen für gemeinnützige Zwecke. Und meiner Erfahrung nach funktioniert das bekannte afrikanische Sprichwort „Viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ gerade beim Crowdfunding super. Wir haben uns allerdings gegen betterplace entschieden, weil dort keine Dankeschöns verteilt werden konnten. Und wir wollten unseren Unterstützerinnen und Unterstützern gerne eine kleine Anerkennung zukommen lassen :-)

Wie geht es weiter?
Unser erstes Fundingziel über 5.000 Euro haben wir bereits nach gut einer Woche am 20. Mai geknackt. Wir hatten viele positive Rückmeldungen, die Leute waren richtig heiß darauf, uns zu unterstützen. Da die Laufzeit des Crowdfunding mit nur drei Wochen recht knapp ist (wir konnten aus organisatorischen Gründen nicht früher starten), wollten wir auf Nummer sicher gehen. Denn ist das erste Fundingziel nicht erfolgreich, geht das Geld an die Unterstützerinnen und Unterstützer zurück, das gilt allerdings nicht für das zweite Fundinguziel. Nun wollen wir trotzdem natürlich noch bis 28. Juni noch die restlichen 5.000 Euro einsammeln. Und wenn wir sogar über die 10.000 Euro kommen, kommt der zusätzliche Ertrag allen Veranstaltungen rund um den Radentscheid zugute. Ich bin sehr gespannt, ob wir es schaffen, nach der anfänglichen Euphorie lief es etwas zäh, aber jetzt haben wir wieder an Fahrt aufgenommen. Vor allem das Radentscheid-Radler (siehe Bild) sollte sich jeder über 16 bei diesen Temperaturen noch als kleine Erfrischung sichern ;-) „Die Unterschriftenlisten für den Altstadtring wurden übrigens bereits gestern im KVR abgegeben. Bei beiden Bürgerbegehren, dem Radentscheid München und dem Altstadt-Radlring, sind zusammen bereits über 100.000 Unterschriften zusammen gekommen. Allerdings kann bis zum 30.06. weiter unterschrieben werden, es wird für beide Begehren weitergesammelt. Nach der Ring-Demo werden alle Unterschriftenlisten zur Auszählung an das KVR übergeben, damit die beiden Begehren am 4. Juli Oberbürgermeister Dieter Reiter übergeben werden können und noch in diesem Herbst darüber abgestimmt werden kann, sofern der Stadtrat sie nicht sowieso sofort durchwinkt.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Viele glauben, dass Radfahren in München schon recht sicher und komfortabel sein. Aber man sollte nicht immer in andere große Städte wie Frankfurt, Berlin,Köln oder Hamburg schauen mit der Aussage, dass es dort noch „schlimmer“ sei. Es geht doch immer noch besser – siehe Amsterdam oder Kopenhagen. Und sowohl beim Unterschriften- als auch Spendensammeln habe ich wiederum immer wieder gehört, dass viele gerne mehr mit dem Fahrrad in München unterwegs wären, sich aber nicht sicher fühlen und auch nie wissen, wohin mit ihrem Radl. Da geht die Wahrnehmung weit auseinander. Dass Autos teuer sind, viel Platz brauchen und umweltschädlich sind, darin sind sich auch immer alle einig, aber viele sagen eben auch, sie sehen momentan keine Alternative. Aber ein Blick auf die Hauptverkehrsadern der Stadt zur Rushhour zeigt doch jedem, dass es eine Alternative gibt. Übrigens hat die Initiative Munich Ways vor kurzem eine Studie vorgestellt, dass auch die Infrastruktur fürs Rad wesentlich kostengünstiger ist, als fürs Auto – Stichwort: Steuern sinnvoll einsetzen – nur zu Fuß gehen ist kostengünstiger.

>>> Hier das Projekt auf Startnext unterstützen!

PS: Mehr zum Thema „Rad in der Stadt“ – Daniela Becker erklärt, wie sie Radl-Botschafterin wurde, drüben bei Heiko im Blog gibt es ein spannendes Interview mit einem Radpendler und Alex Rühle hat dieses Essay in der Wochenend-Ausgabe der SZ geschrieben.

Das Internet und die Sache mit Pfingsten

Was heißt eigentlich Pfingsten? Ich muss diese leicht pastorale Frage stellen, weil ich an diesem Wochenende darauf gestoßen wurde, dass der tiefere Sinn dieses christlichen Festes offenbar nicht mal der CDU-Vorsitzenden geläufig ist. Darauf gekommen bin ich als ich erst Karl Popper und dann Annegret Kramp-Karrenbauer gelesen habe. Nun sollte man meinen, dass die Vorsitzende der christlichen Union mehr für den Heiligen Geist übrig haben sollte als der Philosoph – aber was zählen schon Annahmen und Spekulationen?

Das Pfingstfest (Symbolbild: Unsplash), so fasse ich im Sinne des Internet-Themas mal grob verkürzend zusammen, „ist in gewisser Hinsicht das internationale und multikulturelle Kirchenfest.“ So beschreibt es die Seite katholisch.de und ergänzt: „Pfingsten ist das Wunder des Grenzen überschreitenden Verstehens, quasi die Anti-Geschichte zum Turmbau zu Babel, als Gott den Menschen der Bibel zufolge als Strafe für ihren Hochmut verschiedene Sprachen gab. Dieser Heilige Geist, der auf die Jünger herabkam, schuf die Einheit der Gläubigen und hob die Kirche aus der Taufe – manch einer spricht sogar vom „Geburtstag der Kirche“.“

Selbst wer sich weniger für den heiligen bzw. christlichen Bestandteil dieses Festes interessiert, wird eine gewisse Parallele zum Internet bemerken. Dieses stellen viele – an diesem Wochenende erst die CDU-Vorsitzende – als Stimmengewirr teils anonymer Stimmen dar, die ausführlich aneinander vorbei reden – eine „confusio linguarum“ wie man als lateinprotzender Schreiber die babylonische Sprachverwirrung bezeichnen könnte. Das Pfingstfest ist im christlichen Sinn sowas wie der Gegenentwurf zu dieser im Turmbau zu Babel beschriebenen Verwirrung und dem damit verbundenen Hochmut der Menschen. Vielleicht ist das Pfingstfest gar eine Antwort auf die Frage, wie man eigentlich mit all den Beschimpfungen und ja auch dem Hass im Internet umgehen soll. Denn was „Wunder des Verstehens“ gelingt im christlichen Sinn nicht dadurch, dass eine zentrale Instanz eingeführt wird, die von jeder und jedem Beitragenden in einem irrsinnig bürokratischen Prozess den Klarnamen überprüft und damit oft das Gegenteil von Verstehen erschafft (was Kramp-Karrenbauer gerade mal wieder gefordert hat). Das Wunder des Verstehens gelingt durch den Geist, der im christlichen Sinn als „heilig“ beschrieben wird.

Im liberalen Sinn kann man diesen Geist als vielfältig, plural oder divers beschreiben. Es ist ein Geist der Offenheit und der Toleranz, wenige Tage nach dem 70sten Verfassungsgeburtstag darf man das sagen: Es ist ein Geist der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Bei Karl Popper kann man nachlesen, wie dieser Geist entstehen kann, wenn Menschen unterschiedlicher Sprachen und Ansichten sich begegnen: in dem sie diese Vielfalt nicht abzuschaffen versuchen, sondern sie akzeptieren und ja sogar begrüßen. Popper geht sogar soweit zu fordern: „Hätte es keinen Turm von Babel gegeben, dann müsste man ihn erfinden.“ Denn aus einer offenen Haltung der Toleranz heraus, kann Verständnis entstehen. Das setzt aber die shruggieartige Perspektive auf die Welt voraus, dass man selber falsch liegen könnte. Bei Popper heißt das: „Der Wert einer Diskussion hängt geradezu von der Verschiedenartigkeit der konkurrierenden Meinungen und Ansichten ab.“

Wenn man dieser Grundannahme folgt, ist es völlig egal, ob Rezo diesen Namen im Pass eingetragen hat oder nicht. Es geht darum, die konkurrierenden Ansichten nicht nur zu akzeptieren sondern zu suchen. Es geht darum, einen Geist der Auseinandersetzung zu entwickeln, der von Offenheit und Respekt geprägt ist. Denn nur wenn dieser Geist entsteht, kann es zu einer geglückten Interaktion kommen (btw. Jürgen Habermas wird dieser Tage 90 Jahre alt). Vielleicht sollte man mehr Energie darauf verwenden, diesen Geist zu trainieren, den man auch sehr simpel Streitkultur nennen könnte.

Popper formuliert in den „Vermutungen und Widerlegungen“ – fast im Widerspruch zur Heiligkeit des Pfingstfestes – diesen Ansatz für eine demokratische Auseinandersetzung:

Es ist oft behauptet worden, dass Diskussionen nur zwischen Leuten möglich sind, die eine gemeinsame Sprache haben und die gemeinsame Grundanschauungen akzeptieren. Ich halte das für falsch. Nur eines ist nötig: die Bereitwilligkeit, von seinem Partner etwas zu lernen, was den aufrichtigen Wunsch einschließt zu verstehen, was er sagen will. Wenn diese Bereitwilligkeit da ist, dann wird eine Diskussion um so fruchtbarer sein, je verschiedener der geistige Hintergrund der Teilnehmer ist.

Mit Blick auf das Internet und die Frage, wie man dort zu einer besseren Debattenkultur kommt, könnte man also sagen: Es wird gelingen, wenn wir (vergleichbar dem Turmbau zu Babel) den Hochmut beenden, immer schon zu wissen, was der/die andere sagen wird und die „Bereitwilligkeit“ trainieren, von der anderen Seite etwas zu lernen. Das klingt zugleich banal und auch ziemlich kompliziert. Es ist aber ein durch und durch lohnender Ansatz, in diesem Geiste das Streiten zu lernen!

Global Running Day: laufend über die Digitalisierung lernen

Heute ist der Globalrunningday – ein Aktionstag, bei dem Menschen weltweit an einem Rennen teilnehmen, das an keinem einzelnen Ort stattfindet, sondern an ganz vielen. Es geht um einen guten Zweck und es geht darum, die Freude am Laufen zu teilen. Dahinter steckt ein Anbieter für Tracking-Software, der das ganze „powered“. Denn solche Aktionstage zeigen auf interessante Weise, wie das Laufbusiness sich durch die Digitalisierung verändert. (Foto: Unsplash)

Ich finde das so eindrücklich, dass ich sogar mal behauptet habe, dass man daraus Lehren auch für die Medienbranche ziehen kann. Dabei hat die wichtigste Erkenntnis erstmal gar nichts mit der Medienbranche im Speziellen zu tun. Sie zeigt im Allgemeinen, was Digitalisierung bedeutet: sie löst den Durchschnitt auf. Ich habe beim Laufen verstanden, was Segmentierung bedeutet und diesen Lauf zur Grundlage für „Das Ende des Durchschnitts“ genommen.

Darüberhinaus stecken im Laufen aber viele sehr konkrete Hinweise darauf, wie sich die Medienbranche verändert. Teile davon kann man in diesem Interview mit Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner oder in diesem Gespräch mit Laufexperte Gunnar Jans lernen.

Außer den fünf Erkenntnissen, die ich im Mai 2017 notiert habe

1. Vom Produkt zum Prozess – wie der Markt sich verändert
2. Vom Verkäufer zum Gastgeber – wie die Unternehmen sich neu positionieren
3. Vom Kunden zum Testimonial – wie Verbraucher eine andere Rolle annehmen
4. Von der Marke zum Medium – welche Rolle Inhalte spielen
5. Von der (Produkt-)Eigenschaft zum Erlebnis – wie Werbung sich verändert

… ist mir diese Woche ein Aspekt aufgefallen, der für Sportartikelhersteller noch viel bedeutsamer sein wird: Ich habe mir nämlich neue Laufschuhe gekauft, weil die App, die ich nutze, verfolgt wieviele Kilometer ich bereits gelaufen bin. Es lohnt sich also allein aus Gründen der Kundenbindung, dass der große japanische Sportartikelhersteller meine App gekauft hat. Denn so habe ich mir jetzt zwei Paar neue Schuhe gekauft. Nicht über die App, sondern über das Sporthaus meines Vertrauens in der Innenstadt. Es ist aber absehbar, dass diese Kundenbeziehung für den Schuhhersteller wertvoller ist als die Schuhe selber.

Genau darum geht es, wenn man über die Zukunft von Abo- oder Subscription nachdenkt – jedenfalls in dem Sinne, in dem Tien Tzuo in Subscribed darüber schreibt. Es geht nicht einfach nur darum, ein Abo zu nutzen, sondern ein Nutzerbedürfnis in der Weise zu befriedigen, dass die Nutzer*innen gerne und kontinuierlich dabei bleiben. Das Wortspiel sei gestattet: ein laufender Prozess!

Weiterlesen:
> Lauflehren
> Interview mit Gunnar
> Lauf im Buch

Es bleibt, was du tust (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Ehrendoktor für Pragmatismus“ überschrieb die SZ die Meldung zu der Verleihung der Ehrendoktor-Würde an Angela Merkel. Aus diesem Anlass hielt die Bundeskanzlerin vor Absolventinnen und Absolventen der Uni eine Rede, die man hier nachlesen kann und „die ihre Biografen vermutlich dereinst als eine Art politisches Vermächtnis interpretieren werden“, urteilt Christian Zaschke in der SZ. Meine Timeline ist voll des Lobes für Angela Merkel und für die weitsichtigen Worte, die sie in Harvard gewählt hat. Und nicht nur wegen des Pragmatismus-Bezugs finde auch ich Gefallen an einigem, wofür sie Applaus bekommt.

Wenn sie zum Beispiel mit diesen Worten für die Idee der Toleranz wirbt …

„Ich habe gelernt, dass auch für schwierige Fragen Antworten gefunden werden können, wenn wir die Welt immer auch mit den Augen des anderen sehen. Wenn wir Respekt vor der Geschichte, der Tradition, der Religion und der Identität anderer haben.“

… dann finde ich das richtig und gut. Oder wenn sie am Ende ihrer Rede dazu auffordert, eine offene Haltung dem Neuen gegenüber zu entwickeln, dann wäre ich – wie das Publikum – auch aufgestanden um zu applaudieren, wenn sie sagt…

„Tear down walls of ignorance and narrowmindedness, for nothing has to stay as it is.“

Ich teile ihre Haltung, Probleme als lösbar zu denken. Ich mag wie sie dabei ihren eigenen „Wir schaffen das“-Satz zum Abschluss eines sehr tatkräftigen Absatzes kopiert:

Wenn wir die Mauern, die uns einengen, einreißen, wenn wir ins Offene gehen und Neuanfänge wagen, dann ist alles möglich. Mauern können einstürzen. Diktaturen können verschwinden. Wir können die Erderwärmung stoppen. Wir können den Hunger besiegen. Wir können Krankheiten ausrotten. Wir können den Menschen, insbesondere Mädchen, Zugang zu Bildung verschaffen. Wir können die Ursachen von Flucht und Vertreibung bekämpfen. Das alles können wir schaffen.

Das ist alles so motivierend, dass man fast vergisst, wer eigentlich in Deutschland in den vergangenen Jahren die Regierung geführt hat. Zum Glück erwähnt sie das selber als sie sich ihre eigene erste Regierungserklärung aus dem Jahr 2005 zitiert:

Fragen wir deshalb nicht zuerst, was nicht geht oder was schon immer so war. Fragen wir zuerst, was geht, und suchen wir nach dem, was noch nie so gemacht wurde.

Das ist eine großartige Haltung.
Allein: Nichts aus diesen zwei Sätzen entdecke ich, wenn ich die Regierungsarbeit aller Merkel-Regierungen anschaue. Im Gegenteil: Ich habe eher das Gefühl, dass diese beiden Sätze im direkten Widerspruch zu dem Grundgefühl in diesem Land stehen. Denn genau deshalb bricht dieser Tage doch der Generationenkonflikt gegen Merkel und ihre Partei auf. Menschen, die eben zuerst fragen, was geht und was noch nicht gemacht wurde, rebellieren gegen die Politik, die vom Rednerpult in Harvard aus weit weg scheint, die aber auch zu Angela Merkel gehört.

Bei aller Begeisterung, die jetzt über Merkel zu hören ist, muss man schon genau daran erinnern: Dass Parteien den Draht zu jungen Wählerinnen und Wählern verloren haben, liegt auch an ihr.

Denn so klangvoll eine solche Rede ist, es gibt etwas, was Biografen noch wichtiger finden fürs politische Vermächtnis: die Taten! Vielleicht darf man hoffe, dass sie ihre eigene Rede ernst nimmt. Die endet mit diesen Worten:

Surprise yourself with what is possible. Remember that openness always involves risks. Letting go of the old is part of a new beginning. And above all: Nothing can be taken for granted, everything is possible.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in diesem sind zuletzt u.a. erschienen: „Bewahren vs. Gestalten“ (Mai 2019), 70 Jahre Grundgesetz (April 2019) „Warum die Urheberrechtsdebatte ein Fortschritt ist (März 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016)

Deutschland und das Internet

Es wird in diesem Land ja an unterschiedlichen Stellen darüber diskutiert, wie es passieren konnte, dass die Parteien offenbar den Draht (sic!) zu jungen Wählerinnen und Wähler verlieren konnten. Karin Janker und Sascha Lobo haben dazu in der SZ und bei SPON sehr lesenswerte Analyse vorgelegt, die beste Zusammenfassung für das Thema liefert der Präsident des FC Bayern. Ulrich Hoeneß hatte sich unlängst auf unglaubliche Weise über Jerome Boateng geäußert und wurde dann dafür auch im Internet kritisiert. Jetzt ist er gefragt worden, wie er das Echo einschätzt.

Seine Antwort ist erstaunlich, sie legt nämlich offen, welches Verhältnis wichtige Menschen Menschen, die sich für wichtig halten zum Internet haben. Hoeneß sagt:

Ich kenne überhaupt kein Echo, weil ich nie ins Internet gehe. Und es interessiert mich auch nicht, was da geschrieben wird. Die Leute sollen mir einen Brief schreiben, dann antworte ich schon drauf.

Mehr zum Thema im Newsletter-Text „Bewahren vs. Gestalten“

Anders denken als die CDU

Man stelle sich einmal vor, die Sängerin Lena Meyer-Landrut, der Friseur Udo Walz, die Schwimmerin Franziska van Almsick und viele weitere Prominente würden sich kurz vor einer Wahl zusammenschließen und eine deutliche Empfehlung aussprechen, wem sie ihre Stimme geben. Genau das ist passiert. Bei der Bundestagswahl 2017. Als Wahlempfehlung für die CDU und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es ist davon auszugehen, dass Merkels Nachfolgerin im Amt der CDU-Vorsitzenden diese Kampagne kennt, die man auf der Website unterstuetzt-merkel.de im Internet nachlesen kann. Trotzdem ist Annegret Kramp-Karrenbauer am Montag vor die Presse getreten und hat heftig kritisiert, dass sich Menschen im Europawahlkampf zusammengeschlossen und im Internet „Meinungsmache“ betrieben haben. Wörtlich sagte sie: „Die Frage stellt sich schon mit Blick auf das Thema Meinungsmache, was sind eigentlich Regeln aus dem analogen Bereich und welche Regeln gelten eigentlich für den digitalen Bereich, ja oder nein.“ Darüber wolle sie jetzt sprechen, nicht nur in der CDU, sondern auch in der „demokratietheoretischen Diskussion der nächsten Zeit“. Kramp-Karrenbauer erweckt damit den irrigen Eindruck, es gäbe Redebedarf zu dem Thema und der habe irgendwas mit der völlig unsinnigen Unterscheidung zwischen Analog und Digital zu tun – ganz so als sei dies „demokratietheoretisch“ nicht seit ziemlich genau 70 Jahren sehr genau geregelt: durch Artikel 5 des Grundgesetzes.

Nun ist nicht davon auszugehen, dass Annegret Kramp-Karrenbauer gegen die Merkel-Unterstützern aus dem Internet vorgehen will. Ihre Einlassungen vom Montag richten sich vielmehr an Menschen, die so etwas wie die Gegenposition zu Lena Meyer-Landrut, Udo Walz und Franziska von Almsick ins Netz gestellt haben. Sie heißen Rezo, Dagi und LeFloid. Sie haben kurz vor der Europawahl einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie dazu auffordern, auf keinen Fall die CDU zu wählen (und die SPD auch nicht). Im Sinne der Freiheit der Andersdenkenden handelt sich bei diesen Menschen um die Andersdenkenden der CDU.

Dass der CDU-Vorsitzenden das nicht gefällt ist verständlich. Dass sie darauf reagiert, indem sie über Regeln zur Meinungsmache debattieren will, ist inakzeptabel. Denn diese Regeln sind off- wie online längst geklärt: Es gilt das Recht auf Meinungsfreiheit – sogar dann, wenn Menschen sich herausnehmen, anderer Meinung zu sein als eine Regierungspartei. Genau darin zeichnet sich der Wert einer Demokratie aus: auszuhalten, dass es andere Meinungen gibt. In der CDU scheint diese Fähigkeit gerade nicht besonders ausgeprägt zu sein. Die dünnhäutigen Einlassungen hochrangiger CDU-Politiker mit Blick auf junge Wählerinnen und Wähler belegen dies – und geben ihnen auf sehr ironische Weise recht: Diese Partei scheint tatsächlich nicht die zu sein, bei der ihre Stimmen gut aufgehoben sind.

Kramp-Karrenbauers Worte schaden aber nicht nur dem Image der Union. Sie schüren den Verdacht, dass es hier jemand nicht ernst meint mit den Grundrechten. Das darf nicht passieren, diesen Verdacht muss sie bald möglichst und sehr viel deutlicher als bisher ausräumen. Denn wenn die Frau, die Bundeskanzlerin werden will, tatsächlich das grundlegende Recht auf freie Meinungsäußerung diskutieren will, wenn ein paar junge Menschen davon Gebrauch machen, möchte man sich nicht ausmalen, wie sie reagiert, wenn mehr auf dem Spiel steht als ein paar Prozentpunkte für die CDU.

Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bedeutung. Am Ende geht es einzig und allein um unsere eigenen Bedeutung. Das jedenfalls sagt Jason Feifer in seinem Text „Warum ältere Menschen schon immer über jüngere Menschen schimpfen“, der zur Grundlage für die aktuelle Episode des Pessimists Archive-Podcast wurde, die auf deutsch „Die Jugend von heute“ heißen würde (und auf Twitter vermutlich #diesejungenleute). „Wir können nicht anerkennen, dass das Leben ohne uns weitergeht. Und statt den Lauf der Welt zu akzeptieren, geben wir einfach der kommenden Generation die Schuld.

Für Feifer liegt genau in dieser Angst vor der eigenen Sterblichkeit der Hauptgrund für das Hadern der Alten mit der Jugend – und zwar nicht nur mit der Jugend von heute, sondern auch mit jener von gestern, vorgestern und auch der davor. Er erkennnt ein wiederkehrendes Muster, das man Beschuldigungs-Vererbung nennen könnte. Stets auf Neue klagen dabei die Älteren über die Jüngeren: Weil es diesen an Anstand fehle oder an Wissen oder weil sie schlicht nicht so sind wie das Früher™️, an das sich mancher zu erinnern glaubt. In der Podcast-Folge kann man dazu ein kleines Ratespiel spielen, für das Feifer Jugend-Beschimpfungen aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen hat, die sich frapierend ähneln und deshalb kaum unterscheidbar sind. Als aktuell fallen die Beschimpfung dieser Tage nur deshalb auf, weil sie häufig von der angeblich unsachgemäßen Handy-Nutzung (Symbolbild: Unsplash) handeln. Davon abgesehen scheint es eine Art Ur-Misstrauen der Alten in Bezug auf das Neue zu geben. Umberto Eco spricht deshalb davon, dass es sich beim Hadern der Jugend von gestern über die Jugend von heute um eine Art wiederkehrenden Menschheitstraum handle.

Es ist dies kein besonders schöner Traum – und der abgelaufene Monat war für mich voll von Beispielen für diese Konfliktlinie zwischen den Generationen. Ich durfte (wie hier berichtet) auf Einladung des Goethe-Instituts in Seoul an einer Veranstaltung teilnehmen, die Generationenkonflikte in einem internationalen Kontext beleuchtete. Dabei lernte ich, dass z.B. auch in Korea greifbar wird, wie Alte und Junge sowie Junge und Alte aneinander vorbei reden – und sich dabei auf äußerst unschöne Weise beleidigen, wie man in diesem Text von Korea Expose nachlesen kann – dazu in der aktuellen Ausgabe von The Economist über den Begriff kkondae Und kaum war ich zurück, lieferte ein YouTube-Video den Beweis dafür, dass auch Deutschland diese Konflikte kennt: zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.

Zur Europawahl gab es diesen Konflikt dann auch in handfesten Zahlen, die zeigen: Diejenigen Wähler*innen die erstmals wählten, entschieden sich grundlegend anders als jene, die schon häufiger an Wahlen teilnahmen. Konkret stimmten bei den Wähler*innen unter 30 Jahren mehr Menschen für die Grünen als für SPD, CDU/CSU und FDP zusammen. Das passt zu einer Analyse über die Kluft zwischen den Generationen, die Jagoda Marinic schon im vergangenen Jahr in der New York Times beschrieb. Bernd Ulrich diagnostizierte am Sonntag, diese Europawahl habe „eine so nie da gewesene Spaltung zwischen der jungen Generation und den Älteren bloßgelegt“, was durchaus an seine Prognose aus dem März erinnert, als er schrieb: „Wenn die Politik so weitermacht, dann läuft nicht nur Deutschland in einen Generationenkonflikt hinein, gegen den 68 ein Kindergeburtstag war. Damals ging es vor allem um die deutsche Vergangenheit (und den Krieg in Vietnam), heute geht es um die globale Zukunft.“

Das mögliche Ausmaß dieses Generationenkonflikts konnte man unlängst im Atlantic nachlesen, wo ein Professor und ein Student gemeinsam analysierten, „der Bruch zwischen den Generationen in der amerikanischen Politik wächst so stark, dass er wichtiger werden könnte als die Differenzen zwischen Klassen oder Hautfarben, die traditioneller Weise als Grundlage der Analyse dienen“. Auch Georg Diez, der den Text in der taz zitiert, argumentiert ähnlich. Er fordert: „Es wird sich mehr verändern müssen als nur die inhaltliche Debatte von Politik, ob im EU-Parlament oder im Deutschen Bundestag, so viel scheint klar. Die Schüler, die den Protest auf die Straße getragen haben, was zu zum Teil krassen und hässlichen Abwehrreaktionen von Teilen der Politik und der Medien geführt hat, die mehr darüber aussagen, wie verzweifelt hier um das eigene Überleben, sprich die eigene Karriere oder die Interessen, die dahinter stehen, gekämpft wird – die Schüler sind jedenfalls geprägt von einer anderen Welt, wie sie sie wahrnehmen, bedroht in ihrem Wesen, erschaffen durch die Technologien, die sie benutzen. Das verändert Theorie und Praxis von Politik, wie es etwa Fridays for Future zeigt. Es geht nun darum, die Demokratie in Europa für das digitale Zeitalter und eine andere Generation neu zu erfinden.“

Womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Bedeutung sind. Denn noch deutlicher als am Lebensalter ist die Differenz an einer Frage erkennbar, die ich hier und hier schon mal gestellt habe: Kann es (noch) besser werden? Die Konfliktlinie des neuen Generationenstreits zwischen denen, die etwas zu verlieren und jenen, die etwas zu gewinnen haben, verläuft zwischen der „Generation Bewahren“ und der „Generation Gestalten“ – und das hat natürlich mit dem Alter zu tun, aber eben nicht nur. Es hat damit zu tun, ob man die von Feifer eingangs zitierte eigene Bedeutung aus der Vergangenheit begründet oder ob man Zukunft gestalten will. Das geht womöglich beides und auch zusammen, aber es ist eine Frage der Priorisierung. Jede und jeder muss sich die Frage stellen: Trage ich dazu bei, Hoffnung für eine bessere Zukunft wachsen zu lassen?

Darin liegt vielleicht ein Ansatz, den wiederkehrenden Traum des Generationenkonflikts zu beenden. Denn: „Die Kraft diesen Zirkel zu durchbrechen, liegt in unseren Händen“, ereifert Feifer sich in seinem Podcast. Schließlich haben wir Alten Älteren, ja schon mal bewiesen, dass die Generationen-Beschuldigung falsch war. Was die Alten Sehr Alten über uns sagten, war doch erkennbar falsch, also durchbrechen wir den Kreislauf und hören auf, auf die Jungen zu schimpfen – schlägt Feifer vor und kommt zu dem Schluss: „Wir sind nichts Besonderes. Wir sind lediglich die letzte Generation in einer ganzen Reihe.“ Wir sollten uns von dem Wunsch verabschieden, dass man sich an uns erinnert. „Wir sind genauso gut und genauso schlecht wie die vor uns – auch wie die, die nach uns kommen. Wir sind eingeklemmt zwischen zwei Generationen. Das Beste was wir daraus machen können: Wir sollten unsere Zeit klug nutzen und diejenigen unterstützen, die uns mal nachfolgen werden.“

Besonders schön ist dieser Vorsatz übrigens in einem Kinderbuch zusammengefasst, das ich auch in diesem Monat gelesen habe. Es stammt von Rebecca Solnit, von der ich einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft gelernt habe und die sich die Mühe gemacht hat, Aschenputtel in eine moderne Form zu bringen (Cinderella Liberator). Sie sagt, sie habe irgendwann gemerkt, dass es in der Geschichte gar nicht so sehr darum gehe, einen Prinzen zu heiraten, sondern viel mehr um die Verwandlung und die Transformation. Deshalb lässt sie die gute Fee in dem Buch an einer Stelle auch sagen, dass die wahre Magie darin liege, dazu beizutragen, dass jedes Ding sein bestes und möglichst freies Selbst entwickeln kann.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, dessen Mai-Ausgabe in den kommenden Tagen verschickt wird. Mehr zum Thema Generationenkonflikt gibt es auch in dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip – zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“

Grumpy Cat ist tot

Wer einen Grund zur schlechten Laune sucht, hier ist er: „Jetzt gibt es sogar schon Nachrufe auf Internet-Memes.“ Alles an dem Satz macht missmutig. Der Anlass (Grumpy Cat ist tot) und die darauf folgenden medialen Verwertungsmechanismen (Nachrufe!) laufen konsequent auf den einen Satz zu, der mit der missmutig schauenden Katze auf ewig verbunden sein wird: „I had fun once – it was awful“

Es war ein Spaß, sich an der Katze zu erfreuen, die mit einem besonders missmutigen Gesichtsausdruck beschenkt und von ihrer Besitzerin „Tadar Sauce“ getauft wurde. Doch der Spaß ist jetzt vorbei! Die vermeintlich schlechte Laune als Reaktion auf alles, war einer der ersten Running-Gags des Internets. Aus der vermeintlich guten Zeit: Früher! Eine lustige Referenz, die mit Erwartungen brach und auf gemeinsamem Vorwissen basierte. So funktionieren Memes, die Geheimsprache in der Welt, die für alle zugänglich ist. Das war mal jung und frisch und neu – und jetzt landet dieses System der Wortwitz-Bezüge in der Nachruf-Spalte. Schlimme Welt! Niedergang, Skandal, schlechte Laune!

Doch das ist das Großartige an der kleinen Katze aus Arizona: Sie hat die schlechte Laune den Schlechtgelaunten geraubt. Wann immer ein missmutiger Griesgram auftaucht, muss man an die in Wahrheit ja lustige Katze denken – und schon ist die Griesgram weniger mächtig. Das ist der Zauber der Ironie dieses Memes: man kann es nicht mit schlechter Laune betrachten.

Deshalb wird Grumpy Cat für mich immer der beste Beweis dafür bleiben, dass das Jammern über den Niedergang der Welt im Allgemeinen und über die Popularisierung von Memes im Speziellen nicht funktioniert. Es gehört zu Memes dazu, dass sie irgendwas aus der Ecke des Geheimwissens heraustreten. Und es bleibt Grundantrieb der Welt, dass sie sich ändert. So traurig der Anlass also sein mag, dass die Katze am 14. Mai verstorben ist: Dass es mittlerweile Nachrufe auf Memes gibt, ist doch in Wahrheit ein Beweis dafür, dass Fortschritt möglich ist. Und wer das nicht so sieht, darf gerne missmutig bleiben.

Hier der Beitrag zum Phänomen von vor vier Jahren aus der Serie „15 Minutes of Fame“