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Shruggie des Monats: Das Selbst-Duett-Video

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was bedeutet es, wenn Sie sich ein Handtuch auf den Kopf legen und sich dabei filmen? Klar: Sie spielen eine Person mit langen Haaren.

Diese sehr einfache Form der Ausstattung findet in den vergangenen Monaten häufig in Rollenvideos im Internet Anwendung. Die Monate der Corona-Pandemie haben ein Genre im Netz begünstigt, das eine Person im schnellen Schnitt in zwei oder mehreren Rollen zeigt (im Bild Paulomuc im Junge-Mädchen-Dialog). Um die unterschiedlichen Rollen deutlich zu machen, braucht es Markierung, Beschriftung oder eben ein Handtuch auf dem Kopf. Zu sehen sind dann Dialoge in Form von nachgesprochenen oder nachgesungenen Sätzen („You want me baby“) – oder auch wirklich neue gespielte Szenen.

Vorreiter dieses Genres ist der YouTuber Varion, der „häufiger mit sich selbst spricht als ein exzentrischer Bauchredern in Corona-Quarantäne“, wie es Philipp Walulis zusammengefasst hat. Varion spielt kurze Sketche vor allem auf YouTube, in denen er alle Rollen mit sich selbst besetzt. Die Figuren tragen unterscheidbare Kleidung und Perücken und tauchen mittlerweile auch regelmäßig in den Clips auf.

Diese Form der Selbstdialog-Clips gab es schon vor der Pandemie, meiner Einschätzung nach stehen sie aber symbolhaft für die Selbstbeschäftigung in Lockdown-Zeiten. Ich konnte nicht ergründen, ob es für diese Form der Clips einen Genre-Begriff gibt, ich bin mir aber sicher: Sie stehen für ein besonderes visuelles Zeitgeist-Phänomen.

Das hat nicht nur mit dem eher offensichtlichen „Ich kann keine anderen Menschen treffen, ich spreche mit mir selbst“-Aspekt zu tun, sondern vor allem mit einer Funktion, die Tiktok „Duett“ nennt. Dabei handelt es sich um ein Interaktions-Instrument, das Reaktionen und Kontextbrüche mit bestehenden Clips erlaubt. Der Name bezieht sich auf den gemeinsamen Gesang eines Duetts, die Kreativität des Social-Web hat daraus aber sehr erstaunliche Crowd-Kollaborationen entstehen lassen.

Der Begriff „Duet-Chain“ ist sogar schon auf Know Your Meme gelandet. Tiktok-Userin Fran Johnson hatte einen mittlerweile auf ihrer Seite gelöschten Clip hochgeladen, in dem sie sich über das Phänomen beschwert, dass andere Nutzer:innen Duette ohne wirkliche Reaktion erstellen: „Can we stop dueting videos when we have absolutely nothing to add to them?“ wurde so zur Vorlage für zahlreiche Duett-Reaktionen, die den Ursprungsclip in neue Kontexte stellte.

Die deutschsprachige Variante dieses Phänomens läuft übrigens seit ein paar Tagen mit einem Ursprungsclip von Diademlori („die erste Influencerin Deutschlands, die einen Amazon Original Podcast veröffentlicht„) durch Tiktok – hier sieht man User, die auf die Ausgangsfrage: „Warum macht man ein Duett wenn man nicht darauf reagiert?“ mit Nicht-Reaktion reagieren – was durchaus als Referenz zur Duet-Chain von Fran Johnson verstanden werden kann.

Der Kontextbruch war schon immer der Haupttreiber für virale Phänomene im Web, bei den Duetten entstehen daraus erstaunliche neue Clips wie Anfang des Monats das Video von Marcus Diapola, das zur Vorlage für eine weitere Duett-Kette wurde.

Auch der Erfolg der Sea Shanties Anfang des Jahres wurde durch die Duett-Funktion begünstigt – wobei der gemeinsame Gesang tatsächlich eher an die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs erinnert.

In die Gruppe dieser Dialog-Clips zählen meiner Meinung nach zudem auch die Duette, die Matthias Renger auf seinem Tiktok- und Instagram-Kanal verbreitet. Er spielt darin einen PR-Berater, der in einen vermeintlichen Dialog mit Politiker:innen tritt. Die Videos imitieren die Duett-Funktion und erschaffen mit Hilfe des Kontextbruchs neue Gespräche, die durchaus als politische Kommentare gelesen werden können. So „spricht“ Rengers PR-Berater zum Beispiel im jüngsten Clip mit dem angeschlagenen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz zu dessen möglichen Falschaussagen und schaltet dann – Stichwort Duet-Chain – auch noch Jan Böhmermann dazu, der vergangene Woche ausführlich über die Situation in Österreich berichtet hatte.

Wie bei fast allen Zeitgeist-Phänomenen haben sich auch diese Dialog-Duett-Clips so unmerklich in unsere Aufmerksamkeit Timelines geschlichen, dass man gar nicht mehr sagen kann, wann genau das es anfing, dass wir Gespräch-Videos sahen. Gerade deshalb will ich es kurz festhalten, denn vor zwei Jahren hätte niemand verstanden, was das mit dem Handtuch auf dem Kopf eigentlich soll…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Gerade ist das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ in der Reihe „Digitale Bildkulturen“ erschienen, in dem ich mich mit Bildern und ihrer Wirkung im Web befasse. Für Tiktok- und Meme-Fans gibt es hier im Blog noch ein paar interessante Texte: Ein Gespräch mit Metastar Philip über das Phänomen Tiktok, eine Einschätzung zum erfolgreichsten Tiktok aller Zeiten, Tiktok-Sounds als politische Kritik sowie mein Selbstversuch 24 Stunden auf Tiktok.

Auf tiktok-taktik.de versammle ich weitere spannende Links zum Thema – und empfehle den Newsletter von Marcus Bösch „Understanding Tiktok“.

Bist du eine Marke? Tipps zum Personal Branding

Für die aktuelle Ausgabe des Medium Magazin hat mir der Strategiecoach Julian Heck eine Anfrage geschickt. Es geht um „Personal Branding“ – so der Titel der „Journalisten-Werkstatt“-Beilage, in der Julian die Grundlagen dessen vorstellt, was man als Marke bezeichnet.

Die Tipps zur Selbstvermarktung im Journalismus sind meiner Einschätzung nach äußerst gelungen – und ich freue mich, dass ich meine Meinung zum Thema Position und öffentliches Auftreten beisteuern durfte. Ich dokumentiere meine Antworten auf Julians Fragen im Folgenden, empfehle aber den Kauf des Heftes, in dem u.a. auch die Kolleginnen und Kollegen Franziska Bluhm, Kristine Schmidt, Laura Lewandowski, Astrid Csuraji, Malcolm Ohanwe und Andreas Rickmann zu Wort kommen.


1. Wie würden Sie sich als eigene Marke beschreiben? Was waren bzw. sind für Sie wichtige Schritte für die eigene Positionierung als journalistische Marke?

Ich würde mich gar nicht als Marke beschreiben, sondern als Journalist und Autor, der die Themen Internet, Veränderung und Transformation in Form und Inhalt begleitet. Ich äußere mich öffentlich und das versuche ich aus einer nachvollziehbaren Position heraus zu tun. Diese Haltung hat sich bei mir eher über den Inhalt meiner Beiträge ergeben als über eine langfristige Markenpositionierung. Ich interesssiere mich für das Digitale, für Veränderung und bin neugierig auf gesellschaftlichen Fortschritt. Erst im nächsten Schritt habe ich eine Website ins Netz gestellt, habe angefangen zu bloggen, Newsletter zu schreiben und auszuprobieren, was technisch möglich ist. Der Inhalt war die Grundlage für Bücher, Vorträge und alles, was man dann als Marke bezeichnet.

2. Welche Kanäle nutzen Sie dafür bevorzugt und warum?
Gespräche. Diese führe ich auf unterschiedlichen Wegen, am liebsten persönlich, das kann auf Twitter, Instagram oder in meinem Blog sein. Wichtig ist stets die Offenheit zum Dialog und zum Austausch. Deshalb ist ein für mich sehr bedeutsamer Kanal mein Newsletter. Aber auch hier gilt: Der Inhalt steht vor dem Verbreitungsweg. Ich muss wissen, worüber ich sprechen möchte, bevor ich ein Mikrofon und Kopfhörer kaufe. Wenn ich das weiß, gibt es ein paar Grundregeln, die ich zum Einstieg empfehlen würde: Versuche möglichst unter deinem Namen auffindbar zu sein. Das klingt banal, ich kenne aber viele Kolleginnen und Kollegen, die sich „Hoppelhase Hans“ in Instagram nennen und sich wundern, warum sie nicht als seriöse journalistische Stimme wahrgenommen werden.

3. Aus welchen früheren Fehlern und Hürden haben Sie gelernt – und was?
Ich hoffe, ich habe aus möglichst vielen Fehlern gelernt. Da sind große wie kleine Fehler dabei, allen ist aber eins gemeinsam: Ich kann nur aus ihnen lernen, wenn ich bereit bin mich selbst zu reflektieren und mich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

4. Wie schützen Sie sich gegen persönliche Angriffe / Shitstorms im Netz?
Als weißer mittelalter Mann bedeutet der Begriff Shitstorm für mich etwas ganz anderes als für all die Menschen, die absichtsvoll und abgestimmt angegriffen und zum Schweigen gebracht werden sollen. Ein wichtiger Schutz vor Shitstorms besteht deshalb meiner Meinung nach auch darin, strukturell gegen diejenigen vorzugehen, die die wunderbaren Möglichkeiten des Web pervertieren und zu Hass und Hetze aufrufen. Deshalb sollte man Organisationen wie HateAid unterstützen und sich in der politischen Debatte immer bemühen, Menschen und Meinungen zu trennen.

5. Welche drei Tipps würden Sie Kolleginnen und Kollegen zur Arbeit am persönlichen Markenaufbau geben?
Ich kann nur sagen, wie ich es machen würde: Ich würde mir ein Thema suchen, das mich interessiert und würde beginnen dazu zu bloggen. Das kontinuierliche Publizieren in einem eher persönlichen Rahmen war für mich ein wichtiger Lern- und Reflektionsschritt. Darüber hinaus finde ich es nicht falsch, sich zu bemühen, stets glaubwürdig und souverän zu bleiben ¯\_(ツ)_/¯

Hier kann man die Ausgabe inklusive der Journalisten-Werkstatt kaufen.

Geduldtraining: Veränderung ist Marathon nicht Sprint (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Ich mag Friedrich Merz. Nein, nicht weil ich inhaltlich mit dem CDU-Politiker übereinstimmen würde. Es ist im Gegenteil so, dass ich häufig völlig anderer Ansicht bin als der Sauerländer. Wann immer ich Merz aber in einer Talkshow sehe, erkenne ich gesellschaftlichen Fortschritt – nicht in seinen Aussagen, sondern vor dem Hintergrund seiner Aussagen.

Um zu erklären, was ich damit meine, möchte ich zwei häufig zitierte Gedanken verbinden. Der eine hat viel mit der aktuellen Krise und dem Umgang mit Corona zu tun, der zweite stammt vom Zukunftsforscher Roy Amara.

Beginnen wir mit der Corona-Bewältigungsstrategie, die sehr ausdauernd mit dem Satz „ist ein Marathon, kein Sprint“ beschrieben wird. Nicht nur weil der Marathon im kommenden Monat Geburtstag feiert, empfinde ich folgende Roy Amara zugeschriebene Beobachtung dazu äußerst passend. Er schrieb schon in den 1980er Jahren, dass die Gesellschaft in der Bewertung technischer Entwicklungen dazu neigt, die kurzfristigen Folgen zu über- und die langfristigen Auswirkungen zu unterschätzen. Der Satz ist als Amaras Law zu einer Art Meme und Referenzvorlage der Zukunftsforschung geworden.

Im Zusammenhang mit dem aktuellen Corona-Marathon empfinde ich seine Einschätzung als beruhigend. Und das kommt so:

Ich kenne das von Sascha Lobo treffend beschriebende Phänomen der Groll-Bürger:innen, die mütend sind ob der zähen und wenig nachvollziehbaren Bewältigungsstrategien. Ich empfinde diese Form der Verdrossenheit, das Hadern mit der Bürokratie und das Verzweifeln an der fehlenden Veränderungsbereitschaft als Sprint-Perspektive, als kurzfristige Bewertung der aktuellen Veränderungen. Es gab in den vergangenen Tagen jede Menge Texte, die sich genau mit diesem Gefühl der Resignation befassten und heute hat Danger Dan auf seinem herausragenden Album „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ den Song „Beginne jeden Tag mit einem Lächeln“ veröffentlicht, der auf erstaunliche Weise mit platter Instagram-Poesie als Antwort auf die Überforderung aufräumt.

In der langfristigen Marathon-Perspektive auf die Corona-Krise erkenne ich dennoch die unterschätzten langfristigen Folgen des epochenmachenden Umbruchs. Weiter so! ist keine tragfähige politische Parole mehr. Wir leben am Vorabend grundlegender Veränderungen. Die Welt nach Corona, die sich als Hoffnungschimmer am Horizont zeigt, wird eine andere sein. Der Digitalisierungsschub, die Reduzierung unnötiger (Dienst-)Reisen, die weit überwiegende Übereinkunft über den Wert wissenschaftlicher Forschung, verlässlicher Nachrichten, einem stabilen Allgemeinwesens und einem angemessen honorierten Gesundheitssystems werden die Gesellschaft langfristig mehr verändern als wir es in der mütenden aktuellen Lage ahnen.

Das mag aus der Perspektive der Symbolbild-Schildkröte (Unsplash) übertrieben optimistisch klingen, aber eben nur wenn man keine Menschen vom Schlage Friedrich Merz kennt: Gesellschaftlicher Fortschritt lässt sich am besten an denjenigen ablesen, die gegen die Veränderungen durch Gendern, Gleichberechtigung oder Klimagerechtigkeit kämpfen. Die Welt des Jahres 2021 ist eine andere als jene der frühen 1990er Jahre – und besonders gut erkennt man dies stets an jenen, die gedanklich in den 1990er Jahren stehen geblieben sind.

Von Tahnee (die übrigens gerade eine sehr tolle Serie in der ARD-Mediathek hat) habe ich im Podcast mit Bettina Boettinger eine erstaunliche Einschätzung zum Thema Identität gehört. Sie sagt: „Alles, was wir denken, fühlen, was uns umgibt, ist immer etwas, was sich bewegt: wie ein Computer, der sich immer updatet. Alles ist immer in Bewegung und wir lernen immer dazu. Entwicklung passiert unumgänglich.“ Für mich drückt sich darin sehr viel von dem aus, was Maren Urner vor kurzem im Spiegel als dynamisches Denken als Bewältigungsstrategie beschrieben hat.

Klar, die Frage ist, ob die Schildkröte schnell genug ist. Aber dass sie sich bewegt, ist unbestreitbar. Und bei Ausdauerprojekten wie einem Marathon halten Sport-Psycholog:innen genau diese Erkenntnis für einen wichtigen Motivator: das Gefühl, dass es sich bewegt, dass man vorwärts kommt, dass es besser wird. Was es dazu braucht? Geduld!

Der Sportpsychologe und Ausdauer-Experte Brand Stulberg hat dies in einem Text in der New York Times mit vier P beschrieben, die den Marathon nicht nur als Metapher für die Corona-Krise, sondern als Bild für gesellschaftliche Veränderungen schlechthin lesbar macht. Stulberg schreibt von Patience, Pacing, Process (Over Outcome) und Purpose – um Ausdauerprojekte zu gestalten.

Wer Veränderungen schaffen möchte, braucht Geduld, ein gutes Gefühl für Geschwindigkeit (schnell kann nur sein, wer auch langsam sein kann), Wertschätzung für den Fortschritt (unabhängig vom Ergebnis) und ein langfristiges Ziel, das Sinn stiftet. Dass es der Gesellschaft gelingt, gemeinsam eine Herausforderung wie Corona zu bewältigen und Schlüsse aus den Fehlern zu ziehen, das ist doch gar nicht so schlecht als Ziel für den Marathon. Oder anders formuliert: dass es in Zukunft gerechter, diverser, inklusiver, digitaler, friedlicher und klimagerechter zugeht als in den 1990er Jahren, kann eine gute Motivation fürs Geduldtraining sein, das alle dieser Tage besonders üben müssen.

loading: Low Budget High Spirit Magazin

2014 legte Fabian Schuetze mit seiner Band „A Forest“ den Entstehungsprozess der eigenen Musik offen. Damals kamen wir in Kontakt, weil ich genau über diesen Prozess in Eine neue Version ist verfügbar geschrieben hatte. Wir blieben in losem Kontakt und ich verfolgte seinen sehr inspirierende Newsletter „Low Budget High Spirit“. Deshalb war es eine Freude als er mich fragte, ob ich an der Magazin-Werdung des Newsletters teilnehmen würde: Es geht um ein Print-Magazin zum Oberthema „Musik Business neu denken“. Zu dem Heft ist vergangene Woche ein Crowdfunding gestartet – und ich habe Fabian dazu den loading-Fragebogen geschickt.

Was machst du?
Ich versuche Musikbusiness neu zu denken und hoffe, dass es auch anderen Denkanstöße gibt. Ich schreibe einen monatlichen Newsletter und mache jetzt zum ersten Mal ein Print-Magazin mit tollen Gastbeiträgen und Long Reads.

Warum machst du das (so)?
Ich liebe Print und wollte schon immer ein Magazin machen. Low Budget High Spirit war und ist „Newsletter First“, und jetzt halt „Magazin second.“ ich bin froh, wenn ich es zukünftige schaffe einmal im Jahr ein Magazin zu machen. Der Aufwand ist natürlich enorm. Das Magazin wird maßgeblich über ein Crowdfunding finanziert, weil das dem Community-Gedanken von Low Budget High Spirit am besten folgt.

Wer soll sich dafür interessieren?
Ambitionierte Musiker:innen, Professionals aus der Branche und alle, die sich für Wandel in Kreativindustrien interessieren.

Wie geht es weiter?
Nach einem hoffentlich erfolgreichen Crowdfunding wird Ende Mai das Magazin erschienen und hoffentlich viele Leser:innen finden. Dazu gibt es natürlich weiter den Newsletter und sicherlich auch noch weitere Projekten 2021.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass die Musikindustrie mehr Schein als sein ist. Dass es eine Branche mit vielen Problemen ist. Dass was es heißt Künstler:in zu sein in der Realität etwas komplett anderes ist, als das, was sich die Leute darunter vorstellen.

>>> Das Low Budget High Spirit-Magazin auf Kickstarter supporten

Infraframing: Matthias Schamp über Gemeinsamkeit in Videokonferenzen

Matthias Schamp ist „Inhaber einer kleinen gutgehenden Sinnsucherei“ und hat als solcher schon einige tolle Kunstprojekte realisiert. Ich bin seit seiner „Schlechte Verstecke“-Serie Fan seiner Arbeit (mehr dazu im Unkreativ-Newsletter). Als ich diese Woche von seiner Idee „Infraframing“ las, habe ich ihm ein paar Fragen zu dem Projekt geschickt. (Die Infraframing-Screenshots hier im Blog zeigen Schamp im Verbund mit PAErsche-Performerinnen)

Wie genervt bist du auf einer Skala von 1 bis 10 von Videokonferenzen?
Maximal genervt. Obwohl – eigentlich sind es ja nicht die Videokonferenzen, die nerven. Sondern die Tatsache, dass anders Treffen nicht möglich sind. Sobald das aufhört, werde ich Videokonferenzen als zusätzliche Option vielleicht sogar zu würdigen wissen. Aber bis dahin: 10

Du hast ein Konzept entwickelt, um Videokonferenzen etwas sozialer und kollaborativer zu gestalten. Was verbirgt sich dahinter?
Ich nenne es Infraframing. Weil unterhalb der Frames gedanklich eine Ebene eingezogen wird, auf der Begegnung in einer neuartiger Weise stattfindet. An die Stelle der Zerplitterung der Subjekte in einzelne Frames tritt die Gemeinschaft, die sich zu einer Gesamtform zusammenschließt und aus vielen Einzel-Frames ein gemeinsames Bild bildet. So – aber nur so – machen dann sogar Zoomkonferenzen Freude.

Wie bist du auf die Idee gekommen?
Das Nachdenken über das Verhältnis von virtuellem und physischem Raum zieht sich als einer der Hauptstränge durch mein Werk. Da gibt es z. B. „Kontravirtuelle Programme“, „Videolecken“, ein „Nasenfettfilm-Abspielgerät“, die „Wir-sind das Bild“-Bewegung und einen Cyber-Westernroman namens „Hirntreiben.EEG“. Gerade habe ich eine neue Serie von Arbeiten gestartet mit dem Titel „Gelebte Photoshopeffekte“. Insofern war mein Denken bereits darauf geeicht, die Konventionen, die uns von solchen Programmen aufgedrängt werden, zu hinterfragen. Sie nicht einfach als gegeben hinzunehmen. Sondern Alternativen zu ersinnen.

Du hast das Konzept schon in einigen Runden getestet. Wie lief das Infraframing ab?
Ich habe Infraframing mit Seminaren von mehreren Universitäten und Hochschulen ausprobiert. Mit großem Erfolg bei den Studierenden. Anstatt nur zu glotzen, verrenkt man sich dabei, turnt, nimmt im physischen Raum alle möglichen Haltungen ein, um sich mit anderen, die in ähnlicher Weise körperlich agieren, zu einem bizarren Gebilde zusammenzuschließen. Es entsteht wirklich ganz stark dabei das Gefühl: Wir kommen jetzt zusammen.
Und ich habe drei Infraframing-Sessions im Rahmen meines AIM e.V.-Stipendiums des Kunstpavillons Burgbrohl gemeinsam mit Mitgliedern der Performance-Plattform PAErsche durchgeführt (Guadalupe Aldrete, Susanne Helmes, Irmgard Himstedt, Rolf Hinterecker, Christiane Obermayr, Karin Meiner, Elke Mark, Evamaria Schaller, Carola Willbrand). Im Zusammenspiel mit solchen professionellen KünstlerInnen ließ sich das Potenzial der Methode mal so richtig ausschöpfen. Das war toll. Die Ergebnisse haben mich selber geflasht.

Welche Pläne hast du jetzt mit dem Konzept?
Mit der Uni Siegen bin ich dabei, ein kurzes Lehrvideo zu dem Verfahren zu produzieren. Und gerade jetzt gibt es drei Tage lang Infraframing-Sessions, in denen sich Studierende der Uni Siegen mit Schülern aus zwei Klassen des Gymnasiums Netphen zusammenfinden. Sowie auch Bürgern aus Netphen. Dies steht in Zusammenhang mit einem Seminar von Prof. Johanna Schwarz und ihr Projekt „Wanderspace“, in das ich involviert bin. Was danach kommt weiß ich noch nicht. Das Jahr ist auch sonst schon sehr voll mit Aktivitäten. Aber ich hoffe es bleibt noch Zeit, für die eine und andere Infraframing-Session mit mit findigen, pfiffigen Leuten. Ein paar Ideen hab ich noch in petto und wäre auch selber gespannt, was da kommt.

Mehr über die Arbeit von Matthias Schamp auf seiner Website der-schamp.de

Im vergangenen Jahr hab ich die durch Corona ausgelöste Digitalisierung von Kunst und Gesellschaft in einer kleinen Serie hier im Blog begleitet, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind u.a. erschienen:

> Eine Betrachtung über Geisterspiele in der Bundesliga
> Richard Oehmann von der Band Cafe Unterzucker über Band-Musik im Stream
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

Fünf Dinge, die ich bei „Last one laughing (LOL)“ über Kreativität gelernt habe

Zehn Comedians in einem Raum, sechs Stunden Zeit und nur eine Vorgabe: Niemand lacht! Das sind die Zutaten für eine TV-Show, die seit ein paar Tagen in Deutschland unter dem Titel „Last one Laughing“ bei Amazon Prime zu sehen ist. Das Konzept stammt aus Japan, wo Hitoshi Matsumoto schon 2016 unter dem Titel Documental aus dem Nicht-Lachen eine lustige Sendung machte. Die Idee wurde in den vergangenen Jahren bereits nach Australien und Mexiko übertragen und soll jetzt mit Michael Bully Herbig als Kopf auch in Deutschland erfolgreich werden.

Ich finde die Sendung nicht nur erstaunlich lustig, sie ist überraschender Weise auch ein gutes Beispiel für Kreativität. Denn obwohl hier vermeintlich kopiert wird, steckt in dem Konzept Lehrmaterial für alle, die sich für neue Ideen interessieren.

Deshalb hier fünf Dinge, die ich bei Last one Laughing (LoL) über Kreativität gelernt hat:

1. Adaption macht den Unterschied

Wenn man sich die japanischen, australischen und mexikanischen Versionen des „Nicht Lachen!“-Humors anschaut, fallen kleine Unterschiede zur deutschen Adaption auf. Neben gelben und roten Karten, die in Deutschland komplett fehlen, sticht vor allem ins Auge: in der deutschen Fassung spielt Geld eine viel geringere Rolle. In der Ursprungsversion bringen die Comedians eine Geldsumme mit, die sie jeweils verlieren, wenn sie lachen und das Haus verlassen. Dieser Aspekt wird in Deutschland komplett ausgelassen. Es gibt eine Gewinnsumme, die zudem auch nicht dem/der Letzt-Lachenden gehört, sondern gespendet wird.

Ich glaube es gehört zur Kreativität, Details zu bedenken, die den Unterschied machen. Das ist u.a. das Sympathische an der deutschen Variante, dass der Wettstreit sich nur um den Spaß dreht und nicht extrinsisch durch Geld angefeuert wurde. Auch deshalb fühlt sich die Sendung kaum nach Big-Brother-Reality-Show an, obwohl sie das Grundsetting nutzt.

2. Kopieren ist kreativ

Wie schon beim internationalen Erfolg „Perfetti Sconosciuti“, der als „Das perfekte Geheimnis“ in deutschen Kino lief (und über den mein Kollege Alex Rühle hier in der SZ schrieb) zeigen auch die Lachverbot-Kopien von LOL: Kreative Schöpfung entsteht auch in der Adaption. Es ist ein Irrglaube, Kreativität stets als Alleinschöpfung zu denken. Es geht um Referenz, Bezug und Fortentwicklung. Und gerade im Vergleich zeigt sich, welche Fassungen kreativer sind. Außerdem legt der internationale Vergleich offen, was den Erfolg in den sehr unterschiedlichen Kontexten ausmacht. Beim perfetti sconosciuti war es das Spiel mit Wahrheit und Lüge, im Fall von Last one Laughing geht es um den sehr menschlichen Reflex lachen zu wollen bzw. es nicht zu dürfen.

Aus kreativer Perspektive sollte man eher auf die kleinen Unterschiede in den Kopien schauen, an denen sich die originelle Leistung zeigt, als das ganze Format als billiges Plagiat abzuwerten.

3. Grenzen schaffen neue Räume

Gemeinhin wird Kreativität dort vermutet, wo besondere Offenheit gewährt wird. Dass Grenzen sich eher positiv auf neue Ideen auswirken, kann man auch an der Lachverbots-Grenze zeigen. Sie stimuliert nicht nur Kreativität, sie schafft auch den besonderen Humor. Als Vater dieser Idee kann vermutlich Schwanzus Longus aus „Das Leben des Brian“ gelten. Hier sieht man römisches Wachpersonal, das vor Pontius Pilatus versucht das Lachen zu unterdrücken, wenn dieser mit Sprachfehler den Namen seines Freundes ausspricht. Mittlerweile gibt es zahllose Varianten von dieser Idee, die als You Laugh, You Loose, als Alman Witze und als Aushalten: Nicht lachen durchs Web geistern.

Ihren Humor und ihre Kreativität ziehen diese Formate einzig aus der Begrenzung. Denn je klarer die Grenzen gezogen sind, um so kreativer kann man damit spielen. Grenzen sind aus dieser Perspektive also keine Beschränkungen deiner Kreativität, sie stärken und formen sie vielmehr.

4. Feedback ist Teil der Kreativität

Wenn Leute lachen, muss es lustig sein. Sitcoms haben diese wenig subtile Botschaft zum Allgemeingut gemacht. Durch das Ausbleiben der Publikumsreaktion fordert Last one laughing nicht nur die Comedians heraus, die gewohnt sind, Lacher als Antwort auf ihr Spiel zu erhalten. Die fehlende Reaktion zeigt vor allem, wie wichtig Feedback für unser Urteil und damit auch für Kreativität ist. Erst durch das Zusammenspiel mit denen, die eine neue Idee hören, kann eine gute Idee entstehen. Wie ein Phantomschmerz fehlt das Lachen der Anderen wenn man zum Beispiel Heino mit Helium-Gas-verzerrter Stimme singen aber niemanden lachen hört.

In Bezug auf Kreativität ist dieser Phantomschmerz die Erinnerung daran: Du kannst Kreativität befördern, indem du anderen auf konstruktive Weise Feedback gibst. In der Anleitung zum Unkreativsein habe ich diese kreativitätsverstärkende Form der Rückmeldung „Kreativen Imperativ“ genannt.

5. Das Gegenteil hilft

Die wichtigste Voraussetzung, um kreative Lösungen zu finden, ist die Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Last one Laughing illustriert genau dies auf perfekte Weise. Denn manchmal ist der beste Weg zur Lösung, der Wunsch, das Gegenteil zu erreichen: Wer eine lustige Sendung entwickeln will, verbietet genau das, worum es geht: das Lachen! Das klingt nur im ersten Moment absurd, es ist bei genauerer Betrachtung aber eine der besten Methoden zu kreativen Einfällen. Mehr dazu auch in der aktuellen Wirbt das?-Folge, die sich mit der Takalp-Werbung befasst. Genau nach dem Prinzip funktioniert die „Anleitung zum Unkreativsein“.

Die Offenheit zum Perspektivwechsel kann man üben. Denn wer den Blick verändert, die Frage anders stellt oder aus anderer Warte auf Themen schaut, geht schon den ersten Schritt zur kreativen Lösung. Dazu gibt es ab 12. April einen Workshop auf Steady, der den Perspektivwechsel trainiert. Noch sind wenige Plätze frei!

Was ist inspirierender Journalismus? (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Sie ist inspieriert von meiner Arbeit im Laufnewsletter Minutenmarathon für die SZ – und von dem Workshop-Newsletter, den ich am 12.4. auf Steady starten möchte.

Das breite Spektrum journalistischer Arbeitsformen wird seit ein paar Jahren von einem neuen Ansatz bereichert. Neben dem dokumentarischen Journalismus, der eine Art Chronistenpflicht verfolgt, und dem erlebenden Journalismus, der seine Leserinnen und Leser in fremde Welten mitnehmen will, hat sich einen Form entwickelt, die ich Inspirierende Journalismus nenne (Symbolbild: Unsplash). Dieser zeichnet sich in der digitalen Aufmerksamkeits-Ökonomie dadurch aus, dass er das Interesse der Nutzer:innen in den Mittelpunkt stellt. Inspirierender Journalismus bezeichnet all jene journalistischen Ansätze, die das Ziel verfolgen, Leser:innen mit neuen Ideen zu konfrontieren, überraschende Perspektiven zu vermitteln und zu anderen Möglichkeiten zu inspirieren.

Ich habe zu dem Thema hier bereits geschrieben und Interviews geführt. Nun möchte ich elf definitorische Punkte sammeln, die meiner Meinung nach beschreiben, was Inspirierenden Journalismus ausmacht. Er…

… macht einen Unterschied
Inspirierender Journalismus schließt die Reaktionen seiner Leserinnen und Leser ein. Sein Ziel ist es, einen Unterschied zwischen dem Moment vor der Nutzung und dem Moment nach der Nutzung zu schaffen. Genau in dieser Differenz zeigt sich das, was wir „Inspiration“ nennen: ein zentraler Anreiz, um für Journalismus zu bezahlen.

… schafft einen greifbaren Mehrwert
Inspirierender Journalismus ist ein Sammelbegriff für alle Formen des Journalismus, die ihren Leserinnen und Leser einen greifbaren Mehrwert schaffen möchten. Dabei geht es nicht nur um den aus Service- und Ratgeber-Stücken be‐ kannten Nutzwert. Auch eine überraschende Idee, ein neuer Gedanken oder Perspektivwechsel können als Denkwert in‐ spirieren. Immer beginnt Inspirierender Journalismus mit der Antwort auf die Frage aus Nutzer-Perspektive: Warum ist das für mich wichtig?

… sagt, was er tut
Für (fast) jeden Beitrag, der dem Inspirierenden Journalismus zugerechnet werden kann, könnte man eine ankündigende Zusammenfassung formulieren, die das zentrale Produktversprechen des Beitrags bündelt und die Frage nach dem Warum beantwortet: „In diesem Text lernst du, wie die Bundeskanzlerin ihre Entscheidungen trifft und welche Folgen das für die Regierungspolitik hat“ ist natürlich kein Satz, den man veröffentlichen würde. Es hilft aber, ihn vor dem Erstellen eines Beitrags im Kopf zu haben. Anschauliche Bei‐ spiele für diese Form der ankündigenden Zusammenfassung liefert zum Beispiel der YouTuber Rezo, der alle seine Videos so beginnt. Für digitale publizierte Texte bietet diese Form zudem Vorteile für die Sichtbarkeit in Suchmaschinen.

… zeigt mehr Möglichkeiten
Inspirierender Journalismus führt zu einem Mehr an Erkenntnis und eröffnet seinen Leserinnen und Lesern Gestal‐ tungsräume. Sie haben nach der Lektüre mehr Möglichkeiten als davor, sie sehen mehr Dinge, Perspektiven und viel‐ leicht auch Lösungen. Das kann durch konkrete Tipps geschehen, aber auch durch besondere sprachliche Formulie‐ rungen oder neue Stimmen, die ein „So habe ich das noch gar nicht gesehen“ anstoßen.

… bleibt unparteiisch
Neue Perspektiven und Wege zu zeigen, heißt bewusst nicht, aktivistisch oder parteiisch zu sein. Am Konzept des konstruktiven Journalismus wurde oft kritisiert, er verlasse die neutrale Position. Darum geht es beim Inspirierenden Jour‐ nalismus bewusst nicht. Die Werte des Qualitätsjournalismus gelten uneingeschränkt, sie werden erweitert um Ein‐ ordnung dessen, was berichtet wird. Zum „Sagen, was ist“ kommt ein „Sagen, was mache ich damit“, das in auch kon‐ krete Handlungen beschreiben kann.

… hilft bei der Entscheidungsfindung
Die Floskel „Bleibt abzuwarten“ war schon immer sprachlich unschön. Im Inspirierenden Journalismus ist sie aber auch inhaltlich nicht angebracht. Ziel des Inspirierenden Journalismus ist es, seinen Leserinnen und Lesern Methoden und Erkenntnisse an die Hand zu geben, die sie und ihn in die Lage versetzen, bessere Entscheidungen zu treffen.

… überfordert. Ein wenig.
Ein Missverständnis im Journalismus lautet: „Wir dürfen unsere Leserinnen und Leser nicht überfordern.“ Mit diesem Satz wird Detailtiefe verhindert, es werden Informationen auf Durchschnittsniveau gehalten. Inspirierender Journalis‐ mus fordert sein Publikum heraus, d.h. er überfordert es auch – ein wenig. Denn nur aus dem Trainingsreiz, der sich aus einer Überforderung ergibt, erwächst eine Verbesserung – und damit ein Erkenntnisgewinn.

… wird konkret
Inspiration gelingt dann leichter, wenn sie sich an konkreten Fragestellungen orientiert. Das „Sagen, was mache ich damit“ ist ohne die Perspektive der Leserinnen und Leser nicht machbar. Deshalb folgt der Inspirierende Journalismus auch hier den Regeln, die schon immer für guten Journalismus galten: Mache es greifbar, mach es konkret!

… ist ein Prozess nicht nur ein Produkt
Veränderung dauert. Das gilt auch für die beschrieben Differenz zwischen dem Vorher und Nachher in der Nutzung von Inspirierendem Journalismus. Wer einen Text über die Kaffeebohnen liest, ist deshalb nicht sofort Barista. Deshalb nutzt dieses Genre häufig Serien oder Challenges um Veränderungsprozesse anzustoßen, zu begleiten und erfolgreich zu machen. Wer auf diese Weise seine Leserinnen und Leser auf dem Weg einer Veränderung begleitet, verdient sich Vertrauen und erzeugt eine enge, langfristige Bindung.

… ist dialogisch
Digitaler Journalismus ist per Definition dialogisch. Es gibt Rückkanäle, auch wenn manche Journalistinnen und Journalisten davon keinen Gebrauch machen. Inspirierender Journalismus macht sich die Dialog-Option zu Nutze, bindet seine Leserinnen und Leser ein – allein schon um mehr über deren Interessen und Bedürfnisse zu lernen.

… zielt auf einen Call to Inspiration
Erfolg beginnt mit der klaren Definition dessen,, was angestrebt wird. Inspirierender Journalismus formuliert als Ziel, seine Leserinnen und Leser zu inspirieren. Analog zum “Call to Action” aus dem Marketing, könnte man hier von einem “Call to Inspiration” sprechen, auf den Beiträge des Inspirie‐ rende Journalismus zu laufen. Sie fassen die Mission eines journalistischen Projekts und orientieren sich stets an den Erwartungen der Leserinnen und Leser. Der Economist formuliert zum Beispiel eine Mission, die als ,Call to Inspiration’ gelesen werden kann: „Our readers expect us to keep them well informed about the world.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen

>> Inspirierender Sachbuchjournalismus als Begleiter – Gespräch mit Michèle Loetzner und Christoph Koch

>> Die ankündigende Zusammenfassung

>> Inspirierender Journalismus (Digitale November-Notizen)

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen.

Augmented Reality handgemacht: die #AllesIstDrin-Sonnenblumenkampagne der Grünen

Wie macht man eigentlich eine gute Social-Media-Kommunikation? Die Antwort auf diese Frage ist äußerst schwierig, aber manchmal findet man eine Lösung wenn man es sich ein wenig leichter macht. Ich hatte darüber hier schon mal am Beispiel von Norbert Röttgen geschrieben und als ich heute früh eine aufgehende Sonnen-Blume in der Timeline sah, dachte ich mir: Dieses Beispiel lohnt es, festgehalten zu werden.

Ich spreche von der Social-Media-Kampagne der Partei Bündnis90/Die Grünen, die gerade parallel zur Vorstellung des des Programmentwurfs zur Bundestagswahl 2021 gestartet wurde. Dazu zählen neben dem Hashtag #AllesIstDrin kleine gelbe Sonnenblumen-Schablonen, die grüne Influencer:innen Politiker:innen gerade in unterschiedlichen Kontexten fotografiert und gepostet haben. Die Bilder aus der Collage rechts stammen aus den Social-Media-Auftritten von Terry Reintke, Michael Kellner, Stefan Engstfeld und Katharina Schulze. Aber auch andere Partei-Accounts arbeiten mit dem Symbol, das schon immer eng mit den Grünen verbunden ist (im Corporate Design-Bereich der Website gibt es klare Vorgaben für die richtige Nutzung).

Neu ist wie diese halbe Sonnenblume als Schablone in neue Kontexte gestellt wird. Das ist an sich nicht sonderlich kompliziert, aber gerade deshalb bemerkenswert. Diese Form der Einbindung von Hand möchte ich als „Augmented Reality Handgemacht“ bezeichnen und als optische Übersetzung eines Hashtags beschreiben. Damit sind die Grünen sicher nicht die Ersten, aber sie zeigen auf politischer Bühne, wie eine gute Social-Media-Kampagne funktionieren kann – wenn man es sich etwas leichter macht.

Dass bald ein TV-Teams auf die Idee kommen wird, die aufgehende Sonnenblume über das Kanzleramt zu montieren und so die Berichterstattung über die Grünen im Fernsehen zu bebildern, ist sicher ein angenehmer Nebeneffekt.

Mehr über Social-Media und Politik gibt es auch in meiner Gebrauchsanweisung für das Internet, die bei Piper erschienen ist und in meinem Wagenbach-Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ – sowie in meinem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich mich unlängst auch mit der Social-Media-Strategie von Norbert Röttgen befasst habe. Denn ich interessiere mich für die Mechanismen hinter guter Kommunikation, deshalb frage ich gemeinsam mit Lucas von Gwinner regelmäßig: Wirbt das?

Shruggie des Monats: NFTs und die Hochzeit von Kana

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich liebe NFTs. Ich bin regelrecht begeistert von der Idee der so genannten non-fungible token, die gerade als Hype durch die digitale Kunstwelt geistern. In der Welt der digitalen Kopie, in der dauernd Daten dupliziert werden, versprechen NFTs etwas Einzigartiges: Unkopierbarkeit!

NFTs sind nicht tauschbare Bestandteile eines so genannten Tokens, der in der Blockchain gespeichert und über Plattformen wie SuperRare, Nifty Gateway, OpenSea und Makersplace als Zuschreibung von Kunstwerken gehandelt werden kann. Sie wollen digitale Einzigartigkeit erzeugen und versprechen, Eigentum über digitale Daten zu beanspruchen. Aus diesem Anspruch kann man anders als bei physischen Gütern keine Rechte und schon gar keine Exklusivität ableiten, aber man kann die Zuschreibung in der Blockchain festhalten. Sehr vereinfacht kann man sagen: ein NFT ist der einzigartige Beipackzettel zu einem digitalen File, der unveränderbar sagt: „dieses File soll ab sofort jener Person gehören“.

Menschen sind bereit, für diesen Vorgang, sehr hohe Summen zu zahlen. Sie können dann mit Hilfe des NFT-Beipackzettels behaupten, Eigentümer eines Tweets oder eines digitalen Kunstwerks wie eines Gifs zus ein. Die digitalen Dokumente selbst bleiben davon unberührt, können also weiter kopiert und verändert werden, die NFTs sagen aber: Für diese Pixel gibt es jemanden, die/der Eigentums-Ansprüche anmelden möchte.

Zwei bedeutsame Hype-Treiber sorgen dafür, dass die digitalen Originalitäts-Zettelchen und das damit verbundene Besitzdenken gerade Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Neuheit und viel Geld! NFTs basieren erstens auf der Kryptogeld-Idee, weshalb sie für manche nicht sofort vollumfänglich verständlich aber in jedem Fall neu sind. Die digitalen Zuschreibungen sind aber zweitens selbst Bestandteil einer hypestimulierenden Zuschreibung: Es werden hohe Summen gezahlt. „69 Millionen US-Dollar“ brüllte es in den vergangenen Tagen von zahlreichen Websites. Diese Summe wurde im Auktionshaus Christies für das Kunstwerk „Everydays: The First 5000 Days“ erlöst. Der als Beeple bekannte Künstler Mike Winkelmann hatte dafür ab 1. Mai 2007 jeden Tag ein digitales Kunstwerk online gestellt und daraus ein 21.069 × 21.069 Pixel großes Werk geschaffen, dessen Beipackzettel Christies nun versteigert hat.

Dass ich NFTs liebe und sie in dieser Rubrik als Shruggie des Monats ehren will, hat aber nichts mit der durchaus spannenden Referenz- und Remix-Kunst von Beeple oder gar mit dem Hype um Blockchains und Elon Musk zu tun, sondern mit dem Prinzip der Zuschreibung: NFTs bringen auf den Punkt, was ich vor ein paar Jahren in Mashup zu beschreiben versuchte: Original und Kopie sind keine objektiven Eigenschaften, die am Werk hängen. Original und Kopie sind soziale Konstruktionen, die erst durch die Rezeption des Werks entstehen!

Das Buch, in dem ich mich mit der digitalen Kopie und ihren tiefgreifenden Konsequenzen für Kunst und Kultur befasste, heißt Mashup – Lob der Kopie und ist vor zehn Jahren bei Suhrkamp erschienen. Neben dem Hinweis auf die Relevanz der Referenz für unsere Idee von Kunst und Kultur (Lob der Kopie!) enthält das Buch vor allem eine Annährung an die Frage, was wir in der Welt der dauernden Duplizierbarkeit eigentlich noch für Original halten wollen.

Besonders anschaulich kann man dies an Paolo Veronese illustrieren, der eine Art Beeples des 16. Jahrhundert war: ein weltbekannter Künstler, der die biblische Geschichte in Szene setzte, in der Jesus Wasser zu Wein verwandelt. Die Hochzeit von Kana (die oben am Kopf der Seite zu sehen ist) ist nicht nur wegen ihre Entstehung ein interessantes Gemälde, vor allem ihre Rezeption legt erstaunliche Prozesse offen, die mich sehr an NFTs erinnern. In Mashup heißt es:

Das Besondere an dem Gemälde, das heute im Pariser Louvre hängt, ist die Form des – heute würde man sagen – Samplens und Remixens, die Veronese angewandt hat. Auf dem fast zehn Meter breiten Bild sind inmitten der Hochzeitsgesellschaft auch drei Musiker mit Streichinstrumenten zu sehen. Es wird spekuliert, dass es sich bei den Männern um Veronese selbst sowie die Maler Tizian und Tintoretto handelt. Dieser Verdacht stützt sich unter anderem auf die Tatsache, dass Veronese seinen Bruder ebenfalls auf dem Gemälde verewigt hat. Aber nicht nur der Inhalt, vor allem die Verbreitungsgeschichte der »Hochzeit von Kana« ist im Hinblick auf die Diskussion um Original und Kopie aufschlussreich: Das Gemälde wurde nämlich im Jahr 1797 von napoleonischen Truppen zusammen mit Werken von Giovanni Bellini, Tizian und anderen geraubt und nach Paris geschafft. 210 Jahre später, am 11. September 2007, feierte die Stadt Venedig im ehemaligen Benediktinerkloster San Giorgio Maggiore die Rückkehr des Bildes – allerdings in Form einer Kopie, die eine Madrider Firma aufwendig produziert hatte. Der italienische Kunstexperte Salvatore Settis stellte dabei in seiner Eröffnungsansprache die These auf, die nun nach Venedig heimgekehrte Kopie sei in Wahrheit das Original.

Selbstverständlich spricht die Kunstwelt bei dem Gemälde, das nun in Venedig gezeigt wird, nicht von einer Kopie, sondern von einem Faksimile. Das ändert aber nichts an dem Prinzip der sozialen Zuschreibung, die bei Beeples wie bei Veronese deutlich wird: Ob etwas als Original oder als Kopie angesehen wird, hat weniger mit dem Werk selbst als viel mehr mit der Wahrnehmung zu tun. NFTs legen diesen Prozess der Zuschreibung auf wunderbare Weise offen.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Internetquatsch: Nele Hirsch über die Frage, wie sich in einer Kultur der Digitalität gute Bildung gestalten lässt

Am Wochenende twitterte die Bildungswissenschaftlerin Nele Hirsch vom eBildungsslabor: Internetquatsch ist online Dahinter steckt eine schöne Doppeldeutigkeit. Denn natürlich ist das Internet per se online. Neu ist hingegen, dass Neles pädagogisches Projekt internetquatsch.de im World Wide Web zugänglich ist. Ich habe ihr ein paar Fragen gemailt.

Warum Quatsch? All die Sachen, die du auf der Seite versammelst, sind sehr schöne Beispiele für eine völkerverbindende Netzkultur. Warum denken wir dennoch, es handele sich irgendwie um Quatsch?
Für mich ist Quatsch sehr positiv konnotiert. Bei Quatsch geht um Lachen, Spielen und Erkunden außerhalb von normierten Nützlichkeitserwägungen. Internetquatsch sind für mich demnach Anstöße zum neu und selber Denken. Zudem hat Quatsch ein verbindendes und oft auch kollaboratives Moment.

Ich selbst verwende den Begriff Internetquatsch auch oft und verstehe deshalb intuitiv deine Freude daran. Kannst Du dennoch nochmal für alle, die sich nicht so sehr für Memes und Netzkultur begeistern, zusammenfassen, was dich daran reizt?
Mich reizt daran vor allem die unglaubliche Kreativität, die darin ihren Ausdruck findet. Wie kommt zum Beispiel jemand dazu, eine Katze ins Netz zu stellen, mit der man auf Bongos und anderen Instrumenten trommeln kann?
Neben solchem Spaß ist Internetquatsch oft auch einfach wunderschön. Zum Beispiel, wenn per Zufallsgenerator Planetenbilder generiert und geteilt werden.
Und richtig großartig wird Internetquatsch mit Kollaboration. Ich liebe beispielsweise, die Sammlung von Waldgeräuschen, die Menschen auf der ganzen Welt aufgenommen und über eine Online-Karte geteilt haben. Oder das Projekt Colornames, bei dem für jede Internetfarbe eine Bezeichnung gesucht wird. Schon über 2 Millionen Farbbezeichnungen sind inzwischen eingegangen. Darunter ‚Murky Purple‘ für ein dunkles Violett oder ‚Peppermint Mints‘ für ein leuchtendes Grün.

An wen richtet sich deine Seite hauptsächlich: eher an Lernende oder eher an Lehrende? Und was sollen sie mit der Seite machen?
Gute Lehrende sind ja immer auch Lernende. In diesem Sinne hatte ich bei der Erstellung der Seite als Zielgruppe vor allem ‚lernende Lehrende‘ im Blick. Also Menschen, die neugierig darauf sind, wie sich in einer Kultur der Digitalität gute Bildung gestalten lässt.
Mit der Seite möchte ich erstens dabei unterstützen, überhaupt Einblicke in Internetquatsch zu bekommen. Denn außerhalb bestimmter Communities ist dieser ja oft eher versteckt oder unbekannt. Manchmal ist hier auch das in der Netzkultur vorherrschende Englisch eine Barriere, bei deren Überwindung ich durch die kurzen deutschsprachigen Beschreibungen helfen will.
Zweitens ergänze ich zu jeder kuratierten Quatsch-Website mögliche pädagogische Einsatzszenarien. Diese sind mit einem Zwinkersmiley versehen, denn es geht ja gerade nicht darum, die Offenheit des Internetquatsches gleich wieder in ein bestimmtes Schema oder gar in einen Lehrplan zu pressen. Gerne möchte ich damit aber beispielhaft zeigen, was damit alles möglich ist – und auf diese Weise Lust machen, eigene Ideen zur Nutzung zu entwickeln.

Ich persönlich mag die Seite „Shruggie basteln“ besonders. Dort schreibst du: „Zeitgemäße Bildung ist für alle ein Lernprozess. Wenn man also wieder mal an die Stelle kommt, wo es mehr Fragen als Antworten gibt, kann man kurz Pause machen und alle denken nach, während sie – unterstützend dazu – einen Shruggie zusammensetzen.“ Kannst du mal den pädagogischen Ansatz erklären, der dahinter und damit auch hinter dem Internetquatsch steckt?
Bei zeitgemäßer Bildung gibt nicht eine Person (meist die Lehrperson), die auf alles die Antworten hat und den Lernenden die Welt erklärt. Stattdessen geht es darum, gemeinsam zu lernen und auf diesem Weg auch neue Ideen zu entwickeln. Zeitgemäße Bildung hat in diesem Sinne ein sehr ermächtigendes Potential. Denn indem wir Lernenden ermöglichen, sich erkundend auf ihren Lernweg zu begeben, ist das Lernziel nicht mehr vorrangig eine Anpassung an bestehende Strukturen. Stattdessen lernen sie zu hinterfragen. Sie werden gefordert, bestehende Strukturen neu und anders zu denken und perspektivisch auch zu gestalten. In der Pädagogik spricht man hier von den so genannten 4K-Kompetenzen als den Schlüsselkompetenzen, die Lernende heute vor allem entwickeln sollen: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. All das steckt auch in Internetquatsch.

Wie reagierst du, wenn Pädagoginnen und Pädagogen sagen, dass das alles sehr gefährlich ist und Kinder sowieso viel zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen?
Wenn wir Kinder und Jugendliche stark machen wollen, sich gegen etwaige Gefahren zu wehren, dann müssen wir uns mit ihnen gemeinsam mit diesen Gefahren auseinandersetzen. Das gilt nicht nur für das Internet, sondern für alle gesellschaftlichen Bereiche. Wegsperren und verbieten führt stattdessen dazu, dass man Kinder und Jugendliche allein lässt. Deshalb ist das aus meiner Sicht der schlechteste Weg.

Und zur Bildschirmzeit: Es ist doch immer die Frage, was da vor dem Bildschirm gemacht wird. Netzkultur hat mit Verblödung und Passivität überhaupt nichts gemein. Ganz im Gegenteil: Wenn wir Kinder und Jugendliche dabei begleiten und unterstützen wollen, sich zu kreativen, schlauen, kommunikativen und sozialen Erwachsenen zu entwickeln, dann ist Internetquatsch dafür perfekt geeignet. Und überhaupt stammt ganz viel Internetquatsch ohnehin von Jugendlichen selbst.

Wie geht es weiter mit dem Internetquatsch? Also sowohl mit der Seite als auch mit der Netzkultur?
Netzkultur ist aus meiner Sicht gerade sehr lebendig. Ich kann mir vorstellen, dass die soziale Distanz an physischen Orten im Zuge der Corona-Pandemie dazu einiges beiträgt. Denn umso mehr freuen sich Menschen gerade in so einer Zeit, wenn das Internet für alle ein schöner, kreativer und spaßiger Ort ist.
Bei meiner Seite habe ich vor, in der nächsten Zeit jeden Tag mindestens einen weiteren Beitrag mit Internetquatsch zu teilen. Über Vorschläge freue ich mich sehr! Und dann bin ich neugierig darauf, was Menschen mit all dem Quatsch anfangen und wie sie das nutzen werden. Das Schöne am offenem Teilen ist ja gerade, dass daraus oft völlig unerwartete Ideen entstehen.

Und zum Abschluss: Was wünschst du dir in Bezug auf digitale Bildung?
In Bezug auf digitale Bildung wünsche ich mir, dass wir den Transformationsprozess als Katalysator nutzen, um Herausforderungen im Bildungssystem endlich anzugehen. Wichtige Fragen sind dazu: Wie muss Bildung gestaltet sein, dass sie soziale Ungleichheit verringert statt zu verstärken? Wie können wir Lernende dazu ermutigen, selbst zu denken statt nachzuplappern? Und wie ermöglichen wir Schulen und Lehrkräften mehr Freiräume für die Gestaltung personalisierter Lernprozesse?

Mehr unter internetquatsch.de

Dass ich mich für Internetquatsch begeistern kann, liegt auch an dem Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation, das gerade in der Reihe Digitale Bildkulturen im Wagenbach-Verlag erschienen ist. Am Mittwoch 17.3. gibt es in Berlin eine Buchpremiere – gemeinsam mit dem wunderbaren Band „Gifs“ von Tilmann Baumgärtel