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Danke für Ihren Verstand (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Fehler haben eine zauberhafte Eigenschaft: Sie weisen uns manchmal auf Aspekte hin, die wir sonst übresehen. Wenn wir sie denn bemerken. Dass da im letzten Wort des ersten Satzes ein Buchstaben-Dreher versteckt ist, übersehen wir manchmal, weil wir sehr gut und sehr schnell darin sind, Dinge in Formen zu gießen, die bekannt, gelernt und scheinbar sinnvoll sind. Fehler können dazu beitragen, die Perspektive zu ändern. Und wer hier regelmäßig mitliest, ahnt: Ich mag Perspektiv-Wechsel.

Deshalb mochte ich auch den Fehler, den ich unlängst in der Pizzeria meines Vertrauens entdeckte. An dem Abend, an dem ich ohne Smartphone (deshalb kein Foto) hinging, um Pizza abzuholen, war nur Barzahlung möglich. Ein Schild an der Eingangstür informierte die Besucher:innen darüber – versehen mit dem Abschluss: „Danke für Ihren Verstand“ (Symbolbild: Unsplash)

Der Google-Übersetzer behauptet, dass das italienische Wort comprensione sowohl Verstand als auch Verständnis bedeuten kann. Und dennoch beschäftigte mich das Pizza-Schild fast den ganzen Monat.

Danke für Ihren Verstand

Was für ein toller Satz. Er setzt voraus, dass der oder die Andere in der Lage ist, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Aber nicht nur das. Der Satz inkludiert auch die Dankbarkeit dafür. Es ist nicht selbstverständlich, es ist nicht ohne Mühe, dies zu tun. Die Wertschätzung dafür, den Verstand zu gebrauchen, bringt der Satz auf den Punkt.

Danke für Ihren Verstand

Diesen Satz würde ich gerne all den Menschen zurufen, die trotz aller Anstrengung und Belastung, vernünftig bleiben. Nach dem Post über Impfverweigerung als Meme im November habe ich viel über diejenigen nachgedacht, die diese Vernunft nicht aufbringen wollen oder können (in Deutschlandfunk-Kultur habe ich die These genauer erläutert). Und ich habe darüber nachgedacht, wie Verstand (und vermutlich auch Verständnis) unserer Aufmerksamkeit folgt. Nur das, was wir beachten, können wir auch für bedeutsam halten.

Als am 15. Dezember in München Menschen gegen die Corona-Maßnahmen im Rahmen einer nicht genehmigten Demonstration auf die Straße gingen, bekamen sie dafür sehr viel Aufmerksamkeit. Es waren offenbar 3500 Menschen, die dort Impfverweigerung als politisches Signal deuteten. Während die 3500 da spazierten, ich habe es im Impfdashboard nachgeschaut, wurden 3500 Menschen geimpft – innerhalb von fünf Minuten. Und in den nächsten fünf Minuten wieder 3500 Menschen. Den ganzen Tag lang. 1,5 Millionen Impfdosen wurden an diesem 15. Dezember verabreicht. Ich finde diese Zahl beeindruckend – auch weil sie viel weniger Aufmerksamkeit bekam als die Demonstrierenden. Dabei müsste man doch die Impfung auch als politische Signal interpretieren, wenn die Verweigerung eines ist.

Danke für Ihren Verstand

Der Bayerische Rundfunk hat in diesem Instagram-Post die Anzahl von demonstrierenden und geboosterten Menschen in Bayern in ein anschauliches Verhältnis gesetzt. „Danke für Ihren Verstand“, heißt für mich in diesem Zusammenhang die Relation nicht aus den Augen zu verlieren. „Danke für Ihren Verstand“ bedeutet, auch die Aufmerksamkeit angemessen zu verteilen – und zwischen bedeutsam und weniger bedeutsam zu unterscheiden: „Da marschieren alternative Esoterikfans und Linke Schulter an Schulter mit Rechtsradikalen“, analysiert die Psychaterin Heidi Kastner und fährt fort: „Sie brüllen „Freiheit“ und sind so verrannt, dass sie nicht einmal eine Sekunde darüber nachdenken, was Freiheit in einem demokratischen System bedeutet.“

Kastner hat – und damit sind wir beim Gegenteil vom Verstand – ein bemerkenswertes Buch über Dummheit geschrieben und dazu einige lesenswerte Interviews gegeben (hier in der SZ, hier in Die Zeit). Im Gespräch mit dem Standard definiert sie Dummheit so: „Dumm meint, ignorant zu sein, unglaublich selbstsicher oder nur „bei sich“ zu sein, wie es so schön heißt heutzutage, es bedeutet das Ausblenden von Verantwortungen, dass man keine Informationen vor Entscheidungsfindungen einholt, selbstzentriert und selbstherrlich zu sein, kein Gefühl dafür zu haben, dass man als Teil eines Ganzen auf der Welt ist und das Ganze mitbedenken muss, wenn man Entscheidungen trifft.

Danke für Ihren Verstand heißt in diesem Sinn also auch, nicht nur „ganz bei sich“ zu sein, sondern Verantwortung zu übernehmen, die soziale Interaktion einzubeziehen, vielleicht sogar solidarisch zu sein. Im SZ-Gespräch sagt Kastner: „Dumme Menschen verstehen sich nicht als Teil eines Gefüges, für sie kommen immer nur die eigenen Belange an erster Stelle.“

Ein wichtiger Schutz vor Dummheit ist nach Kastners Analyse die (Selbst-)Reflektion und die Fähigkeit zur Entpörung. Als Teil der Persönlichkeitsentwicklung solle man sich die Fähigkeit aneigenen, Emotionen zu definieren, zu hinterfragen und auch zu kontrollieren. Was passiert, wenn die eigenen Emotionen alles überlagern, konnte man zu Beginn des Jahres am Beispiel von Elizabeth aus Knoxville sehen, die ständig ungerecht behandelt wurde – sogar als sie das Kapitol stürmen wollte.

Sich selbst kontinuierlich als Opfer der Umstände zu sehen, das ständig ungerecht behandelt wird, ist kein Ausdruck ausgeprägter Selbstreflektion. Wer sein Handeln einzig auf das Ungerecht!-Gefühl begründet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, im Sinne Kastners dumm zu handeln.

Wenn es dann zu einer Radikalisierung kommt, hilft vermutlich auch kein Appell an den Verstand, so fasst Heidi Kastner am Ende des Standard-Gesprächs zusammen. Denn Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben und für diese auf die Straße gehen, „wollen ja nicht Fakten abgleichen, sondern recht haben“, sagt die Psychaterin. „Da braucht man nicht diskutieren, das ist sinnlos.“

Auch warnt sie davor, ein falsche Form der Toleranz denjenigen gegenüber zu üben, die sich auf diese Weise radikalisieren: „Dummheit ist aber auch eine völlig fehlverstandene Toleranz, die meint, man müsse alles gelten lassen. Das muss man nicht. Man muss auch nicht jede Meinung wertschätzen. Alles verstehen bedeutet bekanntlich, alles zu verzeihen – was W. S. Maugham als Mentalität des Teufels bezeichnet hat. Man muss sich positionieren und überlegen, warum man sich positioniert. Es reicht nicht zu sagen, dass das viele andere auch machen.“

Danke für Ihren Verstand!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Netzkulturcharts des Jahres 2021

In meinem Dezember-Newsletter habe ich nach den Favoriten aus den monatlichen Netzkulturcharts gefragt. Seit Sommer versammle ich unter dem Schlagwort interessante Merkwürdigkeiten aus dem Internet. Das Ergebnis der Abstimmung unter den Leser:innen der Digitalen Notizen ist also nicht ganz vollständig (das oben gezeigte Bernie-Sanders-Meme aus dem Januar ist also gar nicht dabei), bietet aber einen schönen Blick auf die Netzkultur:

Platz 1: Das ist eine wundervolle Frage, Harald-Lesch-Meme (November 2021)
Platz 2: Armin Wolf beim Chopping Dance (der ORF-Moderator war im Oktober , der Tanz im August Thema)
Platz 3: Aldi-Girl Elaine Victoria (September und Oktober)
Platz 4: Siegfried & Joy (Juni und Juli)
Platz 5: Khaby Lame (Juni, Juli und August)

Mein persönlicher Gewinner des Jahres ist übrigens Das French-Dispatch-Foto aus Cannes. Denn Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray spielen nicht nur in einem empfehlenswerten Film mit, sie lieferten auch eine wunderbare Kopiervorlage fürs Netz.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

2022 wird das Jahr des hybriden Denkens

Alles, was ich über das Jahr 2022 weiß, habe ich bei den Olympischen Spielen in Tokio gelernt. Der Moment, in dem sich Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi entschieden erstmals in der Geschichte Olympias eine Gold-Medaille zu teilen, ist der Moment, der das Jahr 2022 definieren wird: Denn anhand des Doppel-Golds kann man beispielhaft beschreiben, was es heißt, wenn wir sagen: 2022 wird das Jahr des Hybriden!

Hybrid bedeutet „aus Zweierlei zusammengesetzt“ und beschreibt nicht nur kombinierte Antriebe bei Fahrzeugen oder die Mischung von Arbeiten im Büro und Unterwegs. Hybrid beschreibt eine Denkhaltung, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Man kann diese hybride Haltung als Sowohl-als-auch-Denken beschreiben, die sich deutlich vom gelernten System des Entweder-oder unterscheidet.

Entweder-oder-Denken

… nur eine Option

… eindeutig

… binär

… gelernt

Sowohl-als-auch-Denken

… mehr als eine Option

… mehrdeutig

… skaliert

… schöpferisch-kreativ

Die Fähigkeit zum Sowohl-als-auch-Denken basiert auf so genannter Ambiguitätstoleranz, also auf dem Aushalten von Widersprüchen. Wer sich nicht in die polarisierende Entweder-Oder-Muster drängen lässt, ist eher in der Lage, Entwicklungen zu verstehen. Diese verlaufen nämlich selten nur binär und sehr viel häufiger skaliert – wie mein Kollege Johannes Klingebiel und ich am Beispiel der fünf relevantesten Medientrends fürs neue Jahr beschreiben konnten.

Wir benennen diese als Linien, die keine Gegensätze beschreiben, sondern Verläufe. Konkret lauten diese: Von der klaren Grenze zum flüssigen Hybrid, von der Deutungshoheit zum Kontrollverlust, von der Massenkultur zur massenhaften Nische, vom Werk zum Netzwerk, vom Produkt zum Prozess.

Um diese Linien zu erkennen, braucht es das Denksystem des Sowohl-als-auch, das man so beschreiben kann:

Das Denken in klaren Widersprüchen und Polaritäten soll Übersicht erzeugen, führt aber in komplexen Systemen häufig zu einer problematischen Vereinfachung. Die Sowohl-als-auch-Kultur, die ein hybrides Denken fördert, kann dabei helfen, das Unvorhersehbare und Überraschende in Entscheidungsprozesse zu integrieren. Sie basiert auf der Idee, vermeintlich gegensätzliche Entscheidungen gemeinsam zu denken.

Beim Mediennetzwerk Bayern durfte ich ein paar Sätze zur Sowohl-als-auch-Idee sagen, was man in diesem Podcast der Medientage München nachhören kann.

Mehr über die Idee des Hybriden Denken gibt es in dem Buch „Anleitung zum Unkreativein„, in dem ihm ein ganzer Schwerpunkt gewidmet ist:

Hybrides Denken bildet die Basis für Kreativität. Denn Kreativität zeigt sich in der Verbindung von vormals Unverbundenem.

Impfverweigerung als Identität – fünf Muster memetische Politik

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

In dieser Folge beschreibe ich Kommunikationsmuster hinter dem Prinzip der Impfverweigerung. Inhaltlich bin ich fürs Impfen (hier die wichtigsten Gründe zum Nachlesen) und halte auch nichts davon, emotionale Ablehnung und wissenschaftlichen Studien in der öffentlichen Debatte gleichberechtigt vorzustellen (False Balance). Der folgende Text ist keine Einladung zur Debatte über den Sinn der Impfung, sondern der Versuch, memetische Muster, die seit Jahren im Netz bekannt sind, auch in Diskursen außerhalb des Netzes zu beschreiben – und damit vielleicht eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb der Versuch einer sachlichen Auseinandersetzung über das Impfen so oft misslingt.

Ich mag das Internet und schätze die Kultur, die es hervorgebracht und befördert hat. Über Meme habe ich sogar ein ganzes Buch geschrieben – als Fan. Ich sehe aber auch, dass die memetischen Muster nicht nur auf schöne Weise die öffentliche Debatte und unser Bild von Öffentlichkeit verändern. Ich glaube, dass u.a. in ihnen begründet ist, warum manche Menschen das Gefühl haben, in einer polarisierten Gesellschaft zu leben. Die Mechanik, die Memes befördert hat, greift in immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens ein. Dabei geht es nicht nur im die Inhaltsebene, die häufig mit kleinen Internetwitzchen verbunden wird. Meme bestimmen auch auf der formalen Ebene Öffentlichkeit und Politik, was Limor Shifman in der These bündelte, „dass wir in einer Zeit leben, die von einer hypermemetischen Logik befeuert wird.“

Prinzipien dieser memetischen Muster sind seit Jahren bekannt und häufig mit Blick auf die Verbreitung von netzkulturellen Phänomenen beschrieben worden. Wie aber wäre es, wenn wir mit Hilfe dieser memetischen Muster zu beschreiben versuchen, warum ein relevanter Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung es ablehnt, sich impfen zu lassen? Wie wäre es, wenn wir Impfverweigerung als Meme denken? (Damit meine ich übrigens nicht Memes, die von Impfverweiger:innen genutzt werden, dazu steht hier am Beispiel der US-amerikanischen Szene einiges)

Mit Hilfe dieser Perspektive lässt sich auch erklären, warum „mehr sachliche Information übers Impfen“ nicht zu einer sachlicheren Debatte führt, sondern (siehe Punkt 5. unten) eher wie Öl im Feuer der Auseinandersetzung wirkt. Aus einer Meme-Perspektive sind Argumente fürs Impfen dann mit Versuchen vergleichbar, Hide the Pain Harold sachlich als Stockfoto-Modell zu beschreiben. Das mag vielleicht inhaltlich stimmen, als Anhänger des Harold-Memes will ich das aber natürlich nicht hören.

Um Impfverweigerung als Meme zu denken, konzenteriere ich mich deshalb auf die formalen Verbreitungsmechanismen und lasse die inhaltlichen Argumente der Debatte außen vor. Denn die Analysen, die ich dazu gelesen und gehört habe (hier z.B. ein Interview im WDR5-Morgenecho mit einem schon erschöpften Moderator), stoßen oft an den Punkt, an dem Wissenschaftlerinnen und Forscher davon sprechen, dass inhaltliche Argumente gar nicht mehr wahrgenommen werden. Diese hörenswerte Analyse des Soziologen Oliver Nachtwey im Deutschlandfunk ist beispielsweise mit den Worten überschrieben: „Mit sachlicher Aufklärung sind viele nicht zu erreichen.“

Wenn man Impfverweigerung als Meme denkt, geht es auch gar nicht um sachliche Argumente, es geht um einen (gar nicht lustigen) running gag, der Identität schafft. Wie beim Schibboleth ist das Ablehnen der Impfung in erster Linie ein Distinktionsmerkmal, um sich von „den anderen“ abzugrenzen, die einfach nicht verstehen, worum es geht. Egal, ob es dabei um die Lols (eher klassische Memes) oder die Wahrheit (Verschwörungs-Memes) geht: Es ist eine deutliche Trennung zwischen „Ich gegen die anderen“ erkennbar – und diese identitätsstifte Flamme kann man weiterreichen (Symbolbild: Unsplash). „We should look at rumors as an eco-system, not unlike a microbiome“, rät die englische Medizinerin Heidi Larson, die 2020 das Buch „Stuck: How Vaccine Rumors Start—and Why They Don’t Go Away“ veröffentlicht hat. Daran erkennt man – wie an dieser historischen Einordnung zur Pockenimpfung in Bayern – dass vieles an der aktuellen Impfverweigerung nicht neu ist. Neu ist aber ein Teil des Ökosystems – und zwar jener, der auf memetische Muster setzt.

Vielleicht muss man hier ansetzen um zu verstehen, wie Impfverweigerung als Meme funktioniert. Es gibt jedenfalls deutliche Zeichen, dass diese fünf Muster in der Impfverweigerungs-Debatte verfestigende Wirkung haben:

1. Individualisierung mit Ikea-Effekt

Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Massenkultur. Im 21. Jahrhundert verliert der Durchschnitt als dominantes Prinzip an Macht. Wir haben diese Form der Personalisierung häufig als Emanzipation des/der Einzelnen gelesen. Man muss aber auch festhalten: in einem Zeitalter der massenhaften Nischen ist es viel aufwändiger als in einer Durchschnittskultur, eine eigene Rolle, eine passende Subkultur und Idee von sich selbst zu finden. Dieser Aufwand wird noch unterstützt von der Annahme, das Private sei politisch, die persönliche Entscheidung über Pop- oder Konsumpräferenzen habe also nicht nur Einfluss auf die eigene Rolle, sondern auch auf die Politik.
Wer also einmal eine Idee von sich selbst gefunden hat, fühlt sich dieser heute vermutlich anders verbunden als Menschen dies taten, die sich an den größten Hits im Radio orientierten. Die Rollen, die der Durchschnitt anbot, waren bequemer und viel leichter zu erreichen als die hoch individualisierten Codes und Bezugssysteme der Gegenwart. Letztere sind wegen des so genannten Ikea-Effekts aber auch viel haltbarer. Denn was man sich mit viel Mühe aufgebaut hat, hält man gemeinhin für wertvoller und trennt sich nicht so gerne davon. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erklärt das im Spiegel-Interview so: „Wir wissen aus der Forschung, dass der Verschwörungsglaube mit einem starken Bedürfnis nach Einzigartigkeit einhergeht. Man will sich besonders fühlen, aus der Masse hervorstechen – da ist keine Maske tragen ein relativ einfaches Mittel, weil man meint, man sei offenbar im Widerstand.“

In diesem Ökosystem entsteht Impfverweigerung als Meme. Das Soziale wird hier nicht als Solidarsystem gedacht, sondern als Masse oder Reichweite. Bestimmender Faktor ist hier einzig das Individuum und dessen Entscheidung. Dass das zumindest zu kurz gedacht ist, kann man bei Heidi Kastner nachlesen, die gerade ein Buch über Dummheit geschrieben hat. Sie sagt: „Das zentrale Merkmal von dummen Leuten ist, dass sie ausschließlich die eigene Position priorisieren und alles andere ignorieren. Das sieht man auch in dieser ganzen Corona-Pandemie, wo die Leute sagen: ,Ich bleibe ganz bei mir.'“

2. Du kannst nur dir selbst trauen

Wer in Memes mehr sieht als Internetquatsch, erkennt schnell: mit Hilfe von Memes wird die eigene Rolle ausgehandelt. Impfverweigerung als Meme zu denken, heißt demnach auch: dieses Meme hilft, die eigene Rolle in einer komplexen, häufig beängstigenden Gegenwart zu finden. Auf dem Fundament des ,ich bleibe ganz bei mir‘ entstehen Distinktionsprozesse, die als unausgesprochene Übereinkunft des Innen funktionieren. Was man zum Beispiel daran erkennt, dass Menschen auf Querdenken-Demos sehr schnell benennen können, dass Kamerateams von der „Lügenpresse“ kommen, aber nicht die Frage beantworten, worin denn die Lüge besteht („Fragen Sie sich das mal selbst“).

Durch die immer gleiche Verwendung von Schlagworten und Codes wird das Innen definiert, die Abgrenzung greift aber erst dann richtig, wenn auch das Außen abgelehnt wird. Im Falle des Impfverweigerungs-Meme geht es dabei darum, das System als ganzes zu destabilisieren. Allein die Idee einer Systemveränderung (Neue Weltordnung) zeigt sehr deutlich: Es geht darum, alles anzuzweifeln, was als Bestandteil „des Systems“ gelesen werden kann. Die Grundmelodie der Impfverweigerung lautet deshalb: Man kann niemanden trauen. Die Eliten, die Lobby, die Politik – stets gibt es ein unspezifisches Feindbild, das Böses im Schilde führt; und nur diejenigen, die das Meme verstehen, haben Zugang zu dieser Erkenntnis. Bessere Abgrenzungsmechanismen sind kaum denkbar. Im Spiegel sagt Pia Lamberty: „Der Glaube an Verschwörung ist eine Art Vorurteil gegenüber all denen, die man als mächtig wahrnimmt. Das können Menschen sein, die wirklich mächtig sind, Politikerinnen und Politiker zum Beispiel. Es können aber auch Menschen sein, deren Macht überschätzt oder erst konstruiert wird. All denen begegnet man mit Misstrauen, mit Ablehnung, mit Feindseligkeit.“

Man muss dabei aber bedenken: Ohne „die Anderen“ greifen diese Muster nur schlecht. Der Widerspruch gegen das Weigerungsmeme ist also nicht nur eingepreist, sondern zwingend notwendig, um das Ich im Gegensatz zu den anderen zu definieren. Innerhalb der Gruppe, die sich über die Codes des Memes erkennt, gibt es fortan an nur noch eine vertrauenswürdige Kategorie kennt: die personalisierte Anektdote.

3. Eine persönliche Anektdote sticht jede wissenschaftliche Erhebung

Wissenschaft ist keine Privatsache. Wissenschaft braucht einen organisierten Rahmen, sie ist also per Definition Bestandteil dessen, was Impfverweigerung als „das System“ wahrnimmt. Das verbindende Element des Impfverweigerungs-Meme ist aber die Ablehnung, ja die Destabilisierung dieses Systems. Aus der Wissenschaft kann in dieser Logik also niemals eine glaubwürdige Erkenntnis kommen. Alle sachlichen Argumente müssen deshalb scheitern, weil sie ja aus dem System geboren werden. Um dieses Bild auch dann halten zu können, wenn die bloße Anzahl (sieben Milliarden Impfdosen sind bereits verimpft) oder statistische Erhebungen dagegen sprechen, greift das unter 1. skizzierte Individualisierungs-Prinzip: Ich bleibe ganz bei mir – und bei Menschen, die auch bei sich bleiben.

Die personalisierten Anekdoten werden so zu hochgereckten Feuerzeugen auf einem Live-Konzert. Mit diesem Bild habe ich das Teilhabe-Prinzip von klassischen Memes zu beschreiben versucht. Im Falle der Impfverweigerung ist jede neuerliche Individual-Anekdoten wichtiger Sauerstoff, um die Flamme auf Brennen zu halten. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob es die Schwiegermutter oder den Onkel der Nachbarin einer Arbeitskollegin wirklich gibt, wenn er nur belegt, was man mit so viel Aufwand glaubt. „Denen geht es doch genau wie mir. Und wir werden immer mehr“, ist halt viel anziehender als eine komplizierte Abwägung von Pro- und Contra-Argumenten.

4. Dark Pattern sorgen für Verbreitung

Bei klassischen Memes griff irgendwann das Clickbait-Prinzip der viralen Verbreitung, um sie bekannter zu machen. Bei der Impfverweigerungs-Erzählung gibt es diesen Mechanismus auch. Er scheint mir nur noch mehr über Dark-Social-Kanäle zu laufen – und dabei Muster zu nutzen, die man als Erweiterung von „Dark Pattern“ beschreiben kann. Besonders beliebt ist dabei die Annahme, jemand anderer (die Elite, die Lobby, die Politik) wolle nicht, dass man etwas erfährt. Nahezu alle persönlichen Anekdoten sind BTS-Erzählungen (Behind the scences), die gegen den erklärten Willen offizieller Stellen verbreitet werden. Die Sprachnachricht, die die Mama vom Poldi im Frühjahr 2020 verbreitete, erfüllte zahlreiche dieser Kriterien und wurde deshalb auch ausgiebig geteilt.

5. Es geht nicht um Meinungen, sondern um Identität

In meinem Meme-Buch greife ich auf die Definition von Limor Shifmann zurück, die Meme als „kreative Ausdrucksformen mit vielen Beteiligten“ beschreibt, „durch die kulturelle und politische Identitäten kommuniziert und verhandelt werden.“ Dieser Identitätsaspekt spielt vermutlich die wichtigste Rolle, um Impfverweigerung als Meme zu verstehen. Es geht hier nicht um eine Meinung zu einem Thema, es geht hier auch nicht um einen Wettstreit von Ideen oder um eine wissenschaftliche Debatte. Es geht hier um Identität.

Aufgrund der unter 1.-4. beschriebenen Prozesse ist die Impfverweigerung zu einem zentralen Bestandteil der eigenen Person geworden (was inhaltlich durch absonderliche Unfruchtbarkeits-Gerüchte noch stimuliert wird) und damit geht es nicht mehr um das Finden von Kompromissen oder um gesellschaftliche Debatte. Es geht die Verteidigung der eigenen Identität, die nicht Bestandteil eines Kompromisses sein kann, sondern immer absolut verteidigt werden muss – gegen die anderen.

Und wenn diese anderen widersprechen, bestätigen sie die eigene Identität noch. So wie Fans der einen Mannschaft, die gegenerischen Fans brauchen, um ihre eigene Rolle zu definieren, so brauchen auch memetische Kommunikationsmuster den Widerspruch. Beim Fußball heißt das dann zum Beispiel: „Euer Hass ist unser Stolz“ – was umgekehrt bedeutet: Ohne Hass auch kein Stolz mehr.

Withney Phillips hat dies an der Berichterstattung über Hasskampagnen nachgewiesen. In diesem Interview erklärt sie: „Hasskampagnen richten den größten Schaden an, wenn sie von Journalisten verstärkt werden. Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Die Parallele zu medialen Berichten zu ziehen, die Ansichten der Impfverweigerung wiederholen, verächtlich machen oder einordnen wollen, ist erkennbar.

Welche Schlüsse man daraus ziehen kann? Ich bin mir unsicher. Eher sicher bin ich mir aber, dass es sich lohnt, auf die memetischen Muster der Kommunikation zu schauen, um deren inhaltliches Scheitern zu verstehen.

Dieser Text stammt aus meinem Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Meme gibt es in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“.

Im Januar spreche ich auf Einladung von Martin Fehrensen in einer Lecture beim Social-Media-Watchblog zum Thema „Politik als Meme“.

Was ist YouTube Shorts? Die Tiktokisierung des Web

Unlängst hat Tommi Schmitt in seiner empfehlenswerten Sendung „Studio Schmitt“ ehrliche Werbung gemacht. Der Slogan, den er dabei für Instagram präsentierte lautete: „Die Tiktok-Videos von gestern“. Das war lustig, weil Instagram mit seiner hochkantigen Tiktok-Kopie namens „Reels“ tatsächlich vor der Herausforderung steht, das Tiktok-Logo in den auch auf Instagram veröffentlichten Clips nicht zu prominent zu zeigen.

Der bekannteste Journalist auf Tiktok, Dave Jorgenson von der Washington Post, hat dazu unlängst einen schönen Clip gemacht, in dem er Reels und Tiktok in einen Austausch brachte. Würde er das gleiche mit Tiktok und Youtube machen, als YouTube würde er vermutlich kurze Hosen tragen. Denn YouTube nennt seinen Tiktok-Klon „Shorts“ (und Jorgenson schreckt von offensichtlichen und platten Witzen nicht zurück). Das Angebot „Shorts“ ist schon seit einer Weile online – und wird meiner Erfahrung nach vor allem von Menschen genutzt, die YouTube mobil nutzen.

Heute habe ich nun durch Zufall auf der Desktop-Startseite der YouTube-Mutter Google dieses Bild gesehen: Einen Werbehinweis für das Angebot Shorts. Das ist im doppelten Sinn erstaunlich. Denn erstens macht Google zwar fast überall Werbung, aber fast nie auf der Startseite. Und zweitens lässt sich daraus ableiten, dass Googles Videotochter YouTube wohl Sorge hat, hochkant aus dem Aufmerksamkeitsfenster der mobilen Tiktok-Fans zu fliegen, wenn nicht mehr Energie auf das eigene Angebot Shorts gelenkt wird.

Dass damit mit einem etwas ungelenkten Spruch geworben wird, bleibt allerdings verwirrend. Der Satz…

Mit YouTube Shorts kannst du eigene Kurzvideos ansehen und erstellen

… legt einen merkwürdigen Fokus auf „eigene Videos“. Die Besonderheit des Angebots ist es ja, dass bei Shorts erstens auch andere meine Kurzvideos sehen können und dass zweitens ich die Kurzvideos von anderen sehen kann. Aber gut.

Es spricht sehr viel dafür, dass Google nicht einfach so Werbung auf die eigene Startseite knallt, sondern damit ein Zeichen sendet: Die Tiktokisierung des Web hat begonnen. Sie scheint sogar soweit fortgeschritten, dass auch YouTube mitfahren will.

Die Werbung führt übrigens auf diesen deutschsprachigen Clip, der mit kurzen Schnipseln für das Angebot wirbt. Tommi Schmitt würde dazu vermutlich texten: „YouTube Shorts die Reels von gestern“

In Fragen des Slogans hat eh Tiktok das Rennen gewonnen: It starts on Tiktok ist kaum zu überbieten.

Wer mehr über Tiktok wissen möchte, findet hier meine tiktok-taktik – und einmal im Monat die Netzkulturcharts, die die relevantesten Trends nicht nur hochkant zusammenfassen. Mehr über gute Slogans und Werbung im Podcast „Wirbt das?“

Ich mag Twitter (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wann waren Sie zuletzt auf einem Fußballplatz? Ich meine nicht jene, auf denen Millionäre Werbung auf dem Shirt herumtragen, sondern die Plätze, auf denen junge Menschen mit- bzw. gegeneinander spielen. Ich frage das, weil der Besuch an einem solchen Ort jede Menge Erkenntnisse zu Tage fördert. Eine will ich heute teilen, sie hat einen Bezug zur Netzkultur:

Wer jemals Eltern auf einem Fußballplatz gesehen hat, wird sich nie mehr über die Diskussionskultur auf Twitter beschweren!

Fußball ist ein wunderbares Spiel, ein tolles Hobby und ein nahezu unerschöpfliches Reservoir für Metaphern aufs Leben (Symbolbild: unsplash). Man lernt beim Fußball Resilienz und es macht meistens Freude, sogar dann wenn man mit Anstand verliert.

Dass man das lernen muss, kann man Woche für Woche auf deutschen Fußballplätzen beobachten. Als ich unlängst Zeuge folgender Szene wurde, dachte ich mir: Der Diskurs über die Diskussionskultur im Netz hat mindestens einen blinden Fleck. Vielleicht ist es nämlich gar nicht so sehr „das Internet“, das uns vor Probleme stellt, sondern Defizite in der Streitkultur in Gänze.

Auf zwei nebeneinander liegenden Spielfeldern einer Bezirkssportanlage wurden Spiele ausgetragen. Die jüngeren Spieler auf der einen Seite gingen respektvoll miteinander um, sie spielten durchaus körperlich, sie kämpften um jeden Ball – aber sie akzeptierten die Entscheidungen des Schiedsrichters, hielten sich an die Regeln. Stress wurde einzig von außen aufs Spielfeld getragen. Eltern, die auf Höhe des einen Strafraums eine Abseitsstellung am anderen Strafraum nicht nur erkannten, sondern auch lauthals einforderten. Sowohl die spielenden Kinder als auch der junge Schiedsrichter ließen sich davon nicht beeindrucken. Was die Eltern nicht davon abhielt, mehr Härte („hau ihn um“) und grundsätzlich mehr Einsatz zu fordern.

Wozu dieses Reinrufen der Vorbild-Generation führen kann, konnte ich auf dem nebenliegenden Spielfeld beobachten. Die Spieler, die hier wetteiferten waren rund zehn Jahre älter und hatten deutlich hörbar Probleme damit, die Autorität des Schiedsrichters zu akzeptieren. Jede seiner Entscheidungen wurde kommentiert und kritisiert – mit lautem Echo von außen. Denn auch hier standen Eltern und Betreuer am Spielfeldrand.

Als einer von ihnen eine Beleidigung aufs Spielfeld rief, sah ich einen der Spieler quer über den Platz laufen. Als er die Seitenlinie erreichte, hinter der er den Reinrufer angehen wollte, zog er sich hektisch das Trikot über den Kopf, warf es auf den Boden und sprang vor den rufenden Mann. Nur mit Mühe konnte er zurück gehalten werden. Die Wut stand ihm im roten Gesicht. Er wollte seinen Bruder verteidigen, den er durch den Ruf beleidigt sah. Er fühlte sich ungerecht behandelt – und zwar in einem Bereich, der nicht Meinung oder Ansicht oder Einschätzung war, sondern seine tiefste Identität. Seine Familie war beleidigt worden, das traf ihn sichtbar in der vollen Person und mit der ganzen Person ging er in diese Auseinandersetzung. Als er mit Mühe beruhigt wurde, ginge er schimpfend zurück auf den Platz, zog das Trikot wieder über den Kopf und erhielt dann vom Schiedsrichter eine rote Karte unter das immer noch ähnlich farbige Gesicht gehalten. Wieder packte ihn die Wut. Erst neben und jetzt auf dem Platz sah er sich ungerecht behandelt. Er musste geblockt werden, um all seine Wut jetzt nicht am Schiedsrichter auszulassen. Mitspieler begleiteten ihn vom Platz und schimpfend verließ er das Gelände in Richtung Kabine. Dort ging der Streit nach Spielende weiter.

Es gibt Auseinandersetzung auf Twitter, die kaum sachlicher ablaufen. Auch in Netzdebatten treffen unterschiedliche Meinungen (kann man ändern) auf persönliche Identität (steht nicht zur Debatte) und führen zu heftigen Streitereien. Mir sind nur wenige Vorbilder bekannt, denen es gelingt, solche Diskussionen mit Anstand zu führen. Hier gibt es eine breites gesellschaftliches Defizit, das man vermutlich am besten so zusammenfasst: Wir können nicht streiten. Es gibt dieses Problem aber nicht wegen des Internets, das Internet macht es nur besser sichtbar.

Wenn es im Rahmen von Veranstaltungen, die der weltgrößte nationalen Sportverband außerhalb des Web organisiert, zu solchen Ausfällen kommt, liegen diese vielleicht nicht ausschließlich an der „Debattenkultur auf Twitter“. Vielleicht macht Twitter nur sichtbar, was gesellschaftlich ungeklärt ist – und wo sich Training der Medienkompetenz lohnen würde: in Fragen des demokratischen Streits.

Mit jedem erneuten kulturpessimistischen Naserümpfen über den Diskurspöbel auf Twitter bewegt man sich einen Schritt weg von einer Lösung. Diese beständig vorgetragene Klage verfestigt nämlich die Annahme, dass sich auf der Ebene des Symtpoms eine Lösung finde. Dabei liegt die Ursache vermutlich gar nicht im Digitalen, das zu sagen, klingt aber nicht so eingängig wie die Twitter-Beschimpfung.

Deshalb hier und heute mein Lob auf Twitter – nicht um das Digitale gegen diese Klage zu verteidigen. Sondern als Erinnerung daran, dass man im Diskursraum Twitter trotz aller Probleme wunderbar recherchieren und Verbindungen knüpfen kann. Genau wie Fußball nicht nur aus den Schimpfern am Rand besteht, ist auch Twitter viel mehr als das Bild, das leichtfertig erzeugt wird.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

How long we fly? Red Flag, Couch Guy, Elaine Victoria, Stiches von Justin Danger Nunley – und ein wenig Squid Game (Netzkulturcharts Oktober)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus dem September stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: How long we fly? 🆕

Ich gebe es zu: ich kannte Detlef Steves nicht. Fersehkultur ist mir nicht so vertaut wie Netzkultur. Im TV ist Steves seit Jahren so oft zu sehen, dass er „zu einer der wertvollsten Marken im Billigsegment Dokusoap“ wurde. Im Rahmen einer dieser Auftritte sorgte Steves für einen Dialog, der seit Wochen als Tiktok-Sound Clips untermalt. Im Original sieht man ihn in einem Flugzeug sitzen und in erstaunlichem deutschenglisch nach der Flugdauer fragen „How long we fly?“. Er bekommt die Antwort „20 minutes“, die er dann wiederholt und mit einem „Doublefuck“ kommentiert.
Dieser Dialog hat Begeisterung auch bei den Menschen entfacht, die keine Ahnung von deutschem Fernsehen haben. Jedenfalls interagieren Menschen überall auf der Welt mit Steves‘ Vorlage. Der hat sich deshalb nun selbst einen Tiktok-Account zugelegt und wurde von Tiktok als Meme des Monats ausgzeichnet. Das Besondere dabei: Er imitiert nun seinen eigenen Dialog lippensynchron. Doublefuck.

Platz 2: 🚩 Red Flag / Rote Flagge 🆕

Alle Warnlampen sollten leuchten, wenn Sie dieses Symbol in den vergangenen Wochen nicht gesehen haben 🚩 Die rote Flagge hat sich nämlich zu einer Art unvermeidbarem Netztrend entwickelt. Angeblich hat die Nutzung des Triangular-Flag Emojs in den vergangenen Wochen um 455 Prozent zugenommen. Der Grund: Mit Hilfe der roten Flaggen sollen unpopuläre Meinungen in unterschiedlichen Kontexten benannt werden. Upworthy recherchiert, dass der Trend seinen Beginn in Black Twitter hatte und nun in zahlreichen Kontexten in Social Media zu finden ist. Das Prinzip ist immer gleich: Mit Hilfe der Flaggen werden Zitate eingeleitet, die in den definierten Kontexten alle Warnlampen leuchten lassen sollten.

Platz 3: Couch Guy 🆕

Robbie hatte keine Ahnung heißt der kurze Tiktok-Clip auf deutsch, der nicht nur eine Welle von weiteren Videos provozierte, in denen ahnungslose Menschen zum Ellie-Goulding-Song („Still Falling for you“) überrascht werden. Robbie wurde dank des gefilmten Überraschungsbesuchs seiner Fernbeziehung-Freundin Lauren Zarras auch zum Netzphänomen: „Couch Guy“ heißt Robbie jetzt – und löste als solcher zahlreiche Diskussionen aus, die sich allesamt um die Frage drehen, ob er nicht hätte begeisterter sein müssen, wenn seine Freundin ihn schon überrascht. Für Vox ist der Clip sogar ein Bespiel für ein bekanntes Meme-Muster, bei dem die gewünschte Reaktion ins Gegenteil gedreht wird. Denn statt eine schöne, liebevolle Überraschung zu feiern, werden Lauren und Robbie jetzt zum Gegestand von Betrugsdiskussionen. Nutzer:innen sehen in der Reaktion von Couch Guy deutliche Signale dafür, dass er Lauren hintergeht.
Für den Netzkultur-Experten Ryan Brodrick ist die zu Teilen unangenehme Couch-Guy-Episode Beweis für einen Wandel in der US-Netzkultur, seine Prognose: „TikTok is supplanting Facebook as the main app of America. As more and more Americans begin to use TikTok, I suspect TikTok content will start to resemble Facebook content. The ugly American weirdness of Facebook (…) will all come to TikTok. It will hit the app’s sophisticated video production tools and aggressive algorithm and turn into endless content cycles, where it will probably spin out in weirder and darker directions than anything we’ve ever seen from Facebook.“

Platz 4: Aldi-Girl Elaine Victoria ⬇️

Für alle, die Zweifel an der Echtheit der Kleidung von Elaine Victoria hatten: Sie ist tatsächlich bei Aldi beschäftigt, bestätigte der Teamlead Social Media bei der Aldi Einkauf SE & Co. oHG in diesem Monat in Hamburg. Matthias Krähling sprach dort über die Tiktok-Strategie des Discounters und auch über den immer noch (siehe September-Charts) äußerst populären und häufig referenzierten Clip von Elaine Victoria: „Das Video, das eine Aldi-Verkäuferin an der Kasse tanzend und die Lippen passend zur Musik bewegend zeigt, sei das Beispiel eines erfolgreichen Viral-Hits auf TikTok. Dieses sei unaufgefordert entstanden, Geld habe die junge Mitarbeiterin nicht erhalten.“

Platz 5: Stiches von Justin Danger Nunley 🆕

Stiches sind ein besonderes Angebot in Tiktok, das es erlaubt, Antworten auf Videos zu veröffentlichen. Bekannt wurden diese Kollaborations-Formate auf Tiktok vor einer Weile durch die Wellerman-Duette wie jenes hier mit Kermit. Ganz unmusikalisch, aber nicht weniger erfolgreich nutzt der Account von Justin Danger Nunley die Stich-Funktion – und zwar auf so eine erstaunliche Weise, dass er in diesen Tagen über zwei Millionen Follower begrüßen konnte. Der Grund für seinen Erfolg (und die Platzierung in den Netzkulturcharts) ist die Art, wie er auf Fragen reagiert, die zum Einstieg von Tiktok-Clips gestellt werden. Er beantwortet diese auf lakonisch-lustige Weise und schiebt dann ein „Unnützes-Wissen“-Fakt nach, eingeleitet von einem „Wusstest du dass…“. Seine Clips enden mit einem immer gleichen „Now you do“ – diesen Satz kopiert auch dieser Clip, der Justin Danger Nunleys-Clips „sticht“ also wiederum auf ihn reagiert. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir bald auch vergleichbare Stiches auf deutsch erleben werden.

Besondere Erwähnung

Die relevanteste Nachrichtensendung im österreichischen Fernsehen heißt ZiB (Zeit im Bild) und ist seit diesem Monat auf Tiktok. In der Ankündigung im Live-TV zeigt Moderator Armin Wolf den Chopping Dance (der in den August-Charts schon mal Thema war)

Schon im September haben wir uns einem bekannten Popsong aus dem Jahr 1987 gewidmet. Damals ging es um die ikonographische Verwendung in der Serie Ted Lasso, im Oktober machte „Never Gonna Give You Up“ im Clip Greta Thunberg Rick Rollt die Welt von sich reden. Auf einer Fridays For Future-Veranstaltung in Schweden betrat sie zu den Klängen von Rick Astley gemeinsam mit Andreas Magnusson die Bühne – und spielte eine kurze Sequenz aus dem Song.

Und natürlich kommen Netzkulturcharts im Herbst 2021 nicht ohne Squid Game aus (Meme dazu von Peter Wittkamp) – den von Netflix selbst gezählten populärsten Serienhit auf der Plattform. Angeblich gab es bisher keine Serie, die mehr Zuschauer:innen auf Netflix interessierte als die Produktion aus Südkorea. Einzig: die Zahlen sind nur für Netflix einsehbar und extern nicht zu überprüfen. Sie beziehen sich auf alle Accounts, die mindestens zwei Minuten in einen Film oder eine Serie geschaut haben. Danach führt Squid Game dieses Ranking an – als einziges Angebot, das mehr als 100 Millionen Accounts interessiert hat. Die vollständige Liste wurde gerade hier veröffentlicht.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Was ist das Gegenteil von peinlich? Wenn es keiner sieht

Die beiden Männer auf diesem etwas peinlichen (?) Schnappschuss do oben (Foto: Instagram) heißen Xavier Di Petta und Nick Iavarone. Gemeinsam sind sie das DJ-Duos Partyshirt, das auf Tiktok so erfolgreich ist, dass die New York Times über sie berichtet. In dem Text fällt ein erstaunliches Zitat von Xavier, das die Frage, was eigentlich peinlich ist, in ein ziemlich neues Licht rückt.

Statt „peinlich“ verwenden manche Menschen übrigens auch den Begriff „cringe“ oder wie Phil Laude es hier (Ok Boomer!) formuliert: zum Fremdschämen. Das sollte man wissen, um Xaviers Einschätzung zum Thema Peinlichkeit besser zu übersetzen. Er sagt:

“Everything’s cringey until it gets views”

Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man bis vor ein paar Jahren als „peinlich“ beschrieben hätte. Denn so lange es keiner sah (oder es keine Views bekam), war nach damaliger Ansicht eine Sache eigentlich auch nicht peinlich. Sieht ja keiner. Heute, so interpretiere ich Xaviers Einschätzung, gibt es eine gegenteilige Haltung, die es für peinlich hält, wenn ein Clips, ein Foto oder Meme keine Views erhält. Anders formuliert: auch der peinlichste Inhalt kann durch seinen Kontext (hohe Verbreitung) in ein unpeinliches Licht gerückt werden.

Darin liegt nicht nur eine zufällige Veränderung der Zuschreibung des Begriffs der Peinlichkeit. Es ist, so kann man in dem NYT-Text weiter lesen, volle Absicht. Man könnte sogar sagen „Social-Media-Strategie“:

Both the men said it’s important to be bold online. Many people feel embarrassed by their videos, especially given that offline friends and contacts are likely to see them. The men said that shame is often the biggest hurdle, but it shouldn’t be.

Treiber ist das von Bühnen bekannte Rampensau-Phänomen, sich auch in peinlichen Situtationen zu zeigen. Hier wird es aber weiter ausgedehnt. In ihren Tiktok-Clips inszenieren die beiden eine derart beiläufige Gewöhnlichkeit, indem sie Lebensmittel testen oder allerlei Alltäglichkeiten in neue Kontexte rücken, dass es auch nicht verwundert, dass ihre „Website“ namens partshirt.co auf ein Google-Doc verweist, das vor ein paar Jahren vermutlich als cringe bewertet worden wäre (ohne den Begriff zu verwenden)

Die Welt, die sich hinter Xaviers Einschätzung öffnet, breitet vor allem einen Aspekt vor uns aus: Cringe ist keine Zuschreibung, die einzig und allein auf den Content eines Bildes oder einer Handlung zutrifft. Ob etwas Cringe ist, entscheidet sich offenbar auch am Kontext des jeweiligen Inhalts, also anhand der Metadaten, die die Inhaltsdaten ergänzen. Für Partyshirt spielen dabei Reichweite und Views offenbar eine so wichtige Rolle, dass sie sogar die gelernte Zuschreibung von Peinlichkeit auf den Kopf stellen.


Mehr Gegenteil gibt es in meinem Buch Anleitung zum Unkreativsein – dort ist auch erklärt, wie der Blick aufs Gegenteil die Perspektive erweitern kann. Mehr Netzkultur gibt es jeden Monat in der Rubrik Netzkulturcharts – und in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“

Minimal Possible Change (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bevor man einordnen kann, was diese Bundestagswahl jetzt wohl zu bedeuten habe, sollte man vermutlich abwarten, welches Ergebnis sie wirklich zu Tage gefördert hat. Noch wird in Berlin sondiert und taktiert, dennoch erlaube ich mir, hier einen halbfertigen Gedanken aus dem „Digital-Viral-Germany“-Post etwas weiter zu denken. Er handelt von dem Grad der Veränderung, die aus der Wahl hervorgehen wird. Er handelt von dem Mut, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen und er handelt vom Erwartungsmanagement derjenigen, die sich Wandel wünschen.

Beginnen wir mit dem Veränderungswillen: diejenigen, die bei der #btw21 (Tommi Schmitts Vorschlag BuTaWa hat sich leider nicht durchgesetzt) erstmals wählen durften, haben sich mehrheitlich für die Parteien entschieden, die heute ein Selfie posteten. FDP und Grüne haben bei den Erstwähler:innen gewonnen. Die tagesschau führt dies in einer Analyse mit Einschätzungen des Politikwissenschaftlers Uwe Jun auf die Themen Corona und Digitalisierung zurück – und auf den Wunsch, dort eine Alternative zur Großen Koalition zu unterstützen:

Die Corona-Krise habe die Schwächen in den Bereichen Bildung und Digitalisierung gnadenlos offengelegt – davon profitiere die FDP nun. Zudem seien die Gemeinsamkeiten mit den Grünen in diesen Bereichen recht hoch, so dass die Chancen auf eine Umsetzung in den bevorstehenden Sondierungs- und Koalitionsgesprächen laut Jun gar nicht so schlecht stünden.

Das Bild, das heute durchs Netz gereicht wurde, gibt diesen Chancen ein Gesicht. Ich glaube, dass es zu einem langfristigen Symbol für den Wunsch nach einer Alternative zur Politik der GroKo werden kann. Es liefert in all seinen Rahmendaten die Voraussetzungen für ein den Tag überdauerndes Motiv: Bildkomposition, die Kleidung sowie die Position der Personen, die scheinbar beiläufige Aufnahmesituation – all das macht aus dem Schnappschuss einen Startschuss. „Wir sind bereit für Veränderung“ sagt alles an dem Bild – „für den kleinsten Grad an Veränderung“ möchte man ergänzen.

Denn bei allem Aufbruch, den FDP und Grüne mit dem Selfie erzeugen wollen, muss man auch festhalten: Zusammen kommen die beiden Fraktionen nur auf 14 Sitze mehr als die SPD, die als Wahlsiegerin gilt. Denn anders als bei den Erstwähler:innen ist der Wunsch nach Veränderung in der Gesamtbevölkerung bei weitem nicht so ausgeprägt. Der Veränderungswunsch, den man aus diesem Wahlergebnis lesen kann, geht so:

Die Partei, die seit 16 Jahren in Deutschland die Regierung anführt, wird vermutlich von der Partei abgelöst, die aktuell den Vizekanzler stellt und von den vergangenen sechs Regierungen an fünf beteiligt war.

Ich glaube diese Form der „Wechselstimmung“ (Anführungszeichen mit Absicht gesetzt, Symbolbild: Unsplash) lässt sich vermutlich am besten als: Minimal Possible Change (MPC) bezeichnen. „Wenn es denn sein muss“, sagt dieses Wahlergebnis zum Thema Veränderung. Es ist Ausdruck von großer Vorsicht; als Fortbewegungsart ist es eher ein vorsichtiges Tasten als ein schwungvoller Gang. Die Sorge etwas zu verlieren, ist stets größer als der Wunsch etwas zu gewinnen.

Die gegenteilige Haltung, die ich gerne als Möglichkeitssinn bezeichne, drückt sich vor allem darin aus, dass man positiv auf die Frage antwortet: Kann es (noch) besser werden? Die deutschen Wähler:innen haben darauf äußerst vorsichtig „vielleicht“ geantwortet. MPC ist so gelesen der allerkleinste Bruder des Möglichkeitssinn.

Das kann man beklagen oder gut finden, ich möchte es aber vor allem bemerken: denn wichtiger als das Urteil scheint mir die Schlussfolgerung, die man aus dieser geringen Veränderungsbereitschaft für all die Projekte ziehen kann, die etwas bewegen wollen: MPC bestimmt das Erwartungsmanagement, lenkt den Blick auf die langfristige Veränderung und führt auf das Prinzip des „leistbaren Verlusts“ wie es die Methode Effectuation nennt. Wer gelernt hat, mit dem MPC umzugehen, braucht keine Mondreden, keine Visionen oder langfristige Bilder, sondern den zupackenden Pragmatismus dessen, was den MPC kurzfristig gestaltet und in die Tat umsetzt.

Egal, welche Folgen aus dem Wahlergebnis vom Sonntag entstehen, für mich war allein diese Erkenntnis wertvoll, denn auch wenn MPC eine englische Abkürzung ist, sie scheint ein sehr deutsches Phänomen zu beschreiben.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Hier habe ich schon mal über den Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Veränderungen nachgedacht. In dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ habe ich den Umgang mit dem Neuen – und auch die Methode Effectuation beschrieben.

Hybrides Denken: das Beispiel Bikepick

Können Sie die Scheibenbremse an einem Fahrrad entlüften? Oder wissen Sie, wie man einen Termin in einer Fahrradwerkstatt bekommt? Ich bin mir nicht sicher, was komplizierter ist. Ich weiß aber, dass es für beide Aufgaben hilft, Fahrradhändler:in zu sein. (Foto: unsplash)

Vor ein paar Wochen erreichte mich dieser Tweet von Hermsfarm, der den Beziehungsstatus zu Fahrradhändler:innen auf den Punkt bringt: Es ist kompliziert.

Denn selbst wenn man das Glück hat, freundliche Fahrradhändler:innen zu kennen, gibt es auch dann häufig Komplikationen: Platz- und Zeitprobleme. Ich habe schon einige Male ein reperaturbedürftiges Rad durch die Stadt geschoben, weil der Fahrradladen erst in ein paar Tagen Termine und bis dahin keine Abstellfläche für Räder hatte. Zudem scheint in meiner anekdotischen Evidenz-Erfahrung bei Radreperaturen ein Problem besonders häufig aufzutreten, das es auch in anderen handwerklichen Berufen gibt: Plötzlich steht das Gefühl im Raum, die anstehende Arbeit könne der Kunde/die Kunden mit etwas mehr Wissen/Geschick/Anstrengung doch eigentlich alleine erledigen (werde wie ein Idiot behandelt).

Womit wir wieder bei der Scheibenbremse sind, die ich entlüften wollte. Dort raten selbst die Video-Expert:innen auf YouTube dazu, ohne ausreichende Vorkenntnisse auf Fachkräfte zurückzugreifen. Im Großhandel warnt ein farbiges Schild vor der Werkstatt, gar nicht erst auf die Idee zu kommen, für ein nicht hier gekauftes Rad nach einem Reperaturtermin zu fragen. Mails an lokale Händler bleiben grundsätzlich unbeantwortet und Termine bei den netteren Händler:innen dauern nicht nur lange, sondern sollen auch so vereinbart werden, dass das Rad am besten zur Aufwandschätzung mal vorbeigeschoben wird. Das ist alles total freudlos und genau hier haben mich die Macher:innen von Bikepick erreicht als sie mir vor ein paar Wochen eine Instagram-Anzeige vor die Nase schoben.

Ich erzähle das hier so ausführlich, weil das Startup, das gerade in München eröffnet wurde, nicht nur mein Reperatur-Problem gelöst hat (alles selbst bezahlt und ohne persönliche Verbindung), sondern auch als Beispiel für eine Form des hybriden Denkens dient, die ich mir häufiger wünschen würde. Kern der Dienstleistung von Bikepick: Sie holen mein kaputtes Rad ab, bringen es wieder in Ordnung und dann zurück. Das ist keine Zauberwissenschaft, aber meiner Kenntnis nach dennoch ein neuer Ansatz. Vorteil für mich als Kunden: Ich muss nix durch die Stadt schieben. Vorteil für die Fahrradhändler:innen: Sie brauchen kein Ladengeschäft in der Stadt.

Bikepick überträgt damit die Idee der Ghost Kitchens auf den Fahrradmarkt. Hybrid ist dieses Denken, weil es nicht On- und Offline gegeneinander ausspielt, sondern miteinander versöhnt. Denn das Angebot von Bikepick wäre auch eine gute Ergänzung für einen bestehenden Fahrradladen, der einen physischen Raum betreibt. Online an dem Angebot ist aber der Service und die Auftragsabwicklung. Das ist an sich schon äußerst bequem, wenn man sich vor Augen führt, dass einigen Fahrradläden in meiner Umgebung nicht mal auf Mails antworten, muss es im Reperaturmarkt aber als revolutionär gewertet werden: Ich wähle auf einer Seite einen Abholtermin, bekomme eine Bestätigungsmail und dann Besuch von einem Bikepick-Laster, der das Rad abholt. Dieser Prozess geht mit Hilfe von Zahlenschlössern übrigens auch ganz ohne persönliche Anwesenheit. Ich bekam keine Quittung oder Bestätigung, sondern erst ein paar Tage später eine Mail mit einem Kostenvoranschlag für die nötige Reperatur. Diesen konnte ich mit einem Klick annehmen. Nach ein paar weiteren Tagen bekam ich dann eine Mail inklusive Rechnung und Bezahlbutton – und die Aussicht, dass mein repariertes Rad mir am Abend zurückgebracht wird (auch hier gab es wieder eine Zahlenschloss-Option). Diese Customer-Journey war eine reine Freude im Vergleich zum deprimierenden Hin- und Herschieben des Fahrrads beim klassichen Händler.


Hybrides Denken umfasst also neben der Verbindung von Unverbundenem auch das Aushalten und Gestalten von Mehrdeutigkeiten. Im kreativen Prozess tauchen diese Paradoxien an zahlreichen Stellen auf. Wenn du den Zufall planen, dich vom Glück finden lassen, dich absichtsvoll verirren oder Ideen präsentieren sollst, ohne sie zu präsentieren, dann ist das wie das Hybridfahrzeug – erstmal verwirrend. Die Tür zur Kreativität öffnet sich aber vermutlich erst dann, wenn du die Verwirrung zulässt. Der Mut, Umwege zu gehen oder sich gar zu verlaufen, ist Bestandteil des hybriden Denkens, das nicht mehr auf vollständige Planbarkeit setzt, sondern eben Raum für Zufälle lässt.
Zitat aus „Anleitung zum Unkreativ sein“

Erstaunlich an dem ganzen Prozess: Ich habe diesen Dienst einzig und allein deshalb ausprobiert, weil ich wusste, dass Bikepick eine Social-Media-Präsenz unterhält. Gewöhnlich werden solche Accounts ja immer als Marketing-Instrument geführt. Im konkreten Fall bot mir @bike.pick auf Instagram aber die Gewissheit, einerseits bei Problemen eine:n Ansprechpartner:in zu haben und andererseits mich öffentlich beschweren zu können, falls mein Rad verloren gehen würde. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich hier so ausführlich über Bikepick schreibe. Ich dachte mir: Wenn ich bei negativem Kundenerlebnis drüber geschrieben hätte, dann muss ich das bei positiven Kundenerlebnis fairerweise auch tun.

Zudem steckt hinter der Idee von Bikepick eben eine Form der Verbindung, die mich nicht nur an die Ghost Kitchens erinnert, sondern vor allem an die doppelte Goldmedaille im Hochsprung: Das Angebot von Bikepick ist kein Entweder-Oder zwischen On- oder Offline, sondern ein Sowohl-als-Auch, es verbindet die beiden Welten, die ältere Menschen immer noch getrennt wahrnehmen.

Diese Grenze zu überwinden und hybrid zu denken, scheint mir die Zukunft von (digitale) Dienstleistungen zu sein. Jedenfalls fand ich vor zwei Jahren einige Beispiele für diese Haltung als ich in Seoul war. Damals kam ich zu dem Schluss: „Wenn das Internet so selbstverständlich in den Alltag integriert ist wie in Südkorea, ergeben sich weitere Kombinationen fast automatisch, weil vielen gar nicht mehr auffällt, dass sie gerade das Internet nutzen.“