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Tiktok Now – der BeReal-Klon jetzt in Deutschland

Dass erfolgreiche Social-Media-Plattformen sich von Angeboten anderer Apps inspirieren lassen, kannte man bisher vor allem von Meta-Facebook. Seit ein paar Tagen ist nun auch Tiktok, das bisher als Vorlagengeber für Instagram diente, auch selbst in der Inspirations-Adaption aktiv: mit dem Angebot Tiktok Now versucht die App ein Nutzungserlebnis zugänglich zu machen, das bei BeReal äußerst erfolgreich ist.

In den USA bietet Tiktok die sehr viel privatere und vermeintlich authentischere Social-Media-Experience innerhalb der klassischen Tiktok-App als so genannten now-Feed an. In einigen anderen Ländern, u.a. auch Deutschland, gibt es Tiktok Now als eigene App in den Stores. Beide Angebote (die vermutlich in einem interessanten A-B-Test ausprobiert werden) basieren auf der BeReal-Erfahrung, die auf einer etwas privateren Social-Media-Nutzung basiert. Um im Explore-Feed (For You Page) mit Reals/Nows auftauchen zu können, muss man bei Tiktok-Now z.B. mindestens 18 Jahre alt sein. Im Alter von 13 bis 15 Jahren können Nutzer:innen nur mit Freund:innen interagieren. Und selbst bei volljährigen Nutzer:innen ist der Default-Modus auf privat gestellt.

Es geht, das ist sehr deutlich um einen Test für eine andere Form von Social-Media, die nicht mehr auf Reichweiten und Austausch setzt, sondern eher Züge von Dark Social trägt: es geht um ein vermeintliche authentischeres Social-Media.

Warum BeReal interessant ist, habe ich hier beschrieben.

Die Kolleg:innen vom Social-Media-Watchblog sprechen übrigens von einem Vibe-Shift in Social Media.

In Deutschland ist man lieber besoffen als online

Wenn ich mit Menschen aus dem Ausland über das deutsche Verhältnis zum Digitalen spreche, fällt es mir manchmal nicht ganz leicht, die sagen wir „Zurückhaltung“ hierzulande auf den Punkt zu bringen. Wie soll man erklären, dass in Deutschland Faxgeräte noch immer äußerst beliebt sind und das Internet noch immer sehr skeptisch betrachtet wird?

In dieser Woche habe ich eine Antwort gefunden. In Form einer Plakatkampagne*, die das deutsche Verhältnis zum Digitalen sehr gut auf den Punkt bringt. Werbung ist in der Lage gesellschaftliche Stimmungen gut einzufangen. Es würde ja niemand viel Geld für eine out-of-home-Kampagne aufwenden, um dort Sätze zu plakatieren, die völlig gegen eine Bevölkerungsmeinung gehen. Im Gegenteil, die Aussagen auf Plakaten sollen ja Stimmungen zusammenfassen und ein gutes Gefühl geben (mehr zu dem Thema im Podcast „Wirbt das?“). Die Stimmung, die eine Schnappsfirma gerade in meiner Stadt (in der in dieser Woche das Oktoberfest startet) plakatiert, lässt sich so zusammenfassen:

In Deutschland ist man lieber besoffen als online

Im Original heißt es auf den Plakaten „Mehr Fässer als Follower“ und „Mehr Prosten statt Posten“ (oder auch „Wir mögen Ausgeber nicht Angeber“) – und damit soll nicht der Misserfolg der Schnappsfirma in Social-Media beschrieben werden. Es geht um ein Lebensgefühl, das man deutlich als anti-digital zusammenfassen kann. Diese Kampagne nutzt die digital konnotierten Begrriffe „Follower“ und „Posten“ zur Abgrenzung und zur positiven Bewertung für eine Tätigkeit, die erkennbar besser und wertvoller sein soll: Alkohol-Konsum!

Ich will hier gar nicht über die gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums sprechen, wenngleich dies im Angesicht des gesellschaftlich äußerst positiv konnotierten Trinkgelages auf der Theresienwiese durchaus angemessen wäre (auf der Seite kenn-dein-limit.de gibt es dazu einen anklagend-ehrlichen Tippfehler in diesem Satz, in dem ihre groß geschrieben ist „Jährlich sterben in Deutschland über 20.000 Menschen an den Folgen Ihres Alkoholkonsums.“)
Ich will viel lieber darüber sprechen, was das für ein Land sein muss, in dem es völlig normal zu sein scheint, sich sogar saufend über digitale Techniken zu erheben? Wie kommt man auf die Idee das zugegeben manchmal nervige Posten für weniger problematisch zu halten als das Prosten, in dessen Folge jährlich 20.000 Menschen sterben?

Wäre dieses Land ein Mensch, man würde diesem freundschaftlich die Hand auf die Schulter legen und sagen: „Deutschland, krieg mal deine Digital-Phobie in den Griff. Gib doch auch mal Dingen eine Chance, die nicht schon deine Großeltern gut fanden.“

* über die Kampagne findet man online übrigens diese Info: „Umfangreiche Out-of-Home-Maßnahmen laufen in insgesamt 33 deutschen Städten – Schwerpunkte sind Hamburg, Berlin, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart und München. Der Höhepunkt der Kampagne liegt zwischen Mitte September und Anfang Oktober. Online- und Offline-Werbung sowie Aktivitäten in den sozialen Medien ergänzen den Auftritt.“ Auf die Website zur Kamapgne verlinke ich hier nicht, sie ist nämlich nicht frei zugänglich, man muss vorab eine Altersfreigabe anklicken. Der Vollständigkeit halber muss jedoch erwähnt werden, dass Trinkerinnen und Trinker zu einem späteren Zeitpunkt der Kampagne aufgefordert werden, echte Trink-Momente auf Social-Media zu teilen…

Nina Chuba, #dancewithsanna, Girl Explaining, Deutsche Band Memes, Millenial Pause (Netzkulturcharts August)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Nina Chuba 🆕

Im Wikipedia-Artikel zu Nina Chuba fehlt ihr größer Erfolg noch komplett. Dass sie im August 2022 erst Tiktok und dann die Charts mit einem Loblied auf ein alkoholisches Wildbeeren-Getränke stürmte, steht auch in diesem Zeit-Campus-Porträt nicht, das sie „als Zukunft des Deutschrap“ bschreibt. „Wildberry Lillet“ ist quasi die Blaupause eines Tiktok-Hits. Die Sequenz: „Ich will Immos, ich will Dollars, ich will fliegen wie bei Marvel Zum Frühstück Canapés und ein Wildberry-Lillet“ geisterte schon ein paar Wochen vor Single-Veröffentlichung durch die Plattform und wird mit einer openversechallenge am Laufen gehalten. Dabei rappen andere Nutzer:innen Strophen mit Hilfe der Duett-Funktion gemeinsam mit Nina. Gemeinsam haben sie Nina und ihre „Immos“ auf Platz 1 der deutschen Single-Charts geschoben – vorbei an Layla.

Platz 2: #dancewithsanna 🆕

Dass in der öffentlichen Beurteilung politischer Arbeit sehr merkwürdige Standards angelegt werden, hat die Guardian-Kolumnistin Arwa Mahdawi am Beispiel der tanzenden finnischen Regierungschefin Sanna Marin lesenswert illustriert: „You don’t have to squint to see the sexist double standards involved in this “scandal”. Boris Johnson having an unknown number of children with multiple women? Well, that’s just Boris being Boris. Donald Trump paying large sums of money to a pornography star? Boys being boys. A woman dancing with a few of her friends in a living room, though? DRUG TEST THE WITCH!“ Dass Marin dennoch in den Netzkulturcharts des Monats August gelandet ist, liegt an zahlreichen jungen Frauen, die sich im Netz mit ihr solidarisiert haben – und unter #dancewithsanna Tanzvideos hochgeladen haben.
Die Videos sind ein weiterer Beleg für die Glut-Theorie der öffenltichen Debatte, die sich hier um die Frage dreht: Auf welcher Seite stehst tanzt du?

Platz 3: Girl Explaining 🆕

Das da rechts auf dem Bild sind Denise „Dinu“ Sanchez und ihr damaliger Freund Alfre vor einem Club namens „Chau Che Clu“ in Claromeco (Buenos Aires). Die beiden befinden sich im Bildhintergrund, Denise spricht auf dem Bild nicht, sondern singt ihrem Freund einen Song ins Ohr. Aber schon 2019 wurde dieser Bildausschnitt im spanischsprachingen Web aus dem Zusammenhang gerissen – und als weibliche Variante des Mansplaning-Meme „Bro Explaining“ gelesen. Seit Beginn dieses Monats sind Denise und Alfre auch im englisch- und deutschsprachigen Web sehr präsent. Der Spiegel hat unlängst sogar probiert, ein Interview mit Denise zu führen, die dann vorschlug dafür bezahlt zu werden und wird jetzt nicht in den Genuß kommen, ein Spiegel-Gespräch über die Frage zu führen, ob sie den Milk-Club in Edinburgh kennt, wo eines der Bro-Explaining-Motive aufgenommen wurde.

Platz 4: Deutschband-Memes 🆕

Ein verhältnismäßig kleiner Instagram-Account verbindet zwei der schöneren Netztrends der vergangenen Jahre zu einer besonderen musikalischen Parodie: Bilder aus dem Kontext zu reißen, schenkte uns vor ein paar Jahren schöne Bilder des jungen Kurt Cobain mit der Zeile „Otto Waalkes“. Diese Kontextbrüche bringt Deutchband-Memes mit dem „deutsche xyz“-Meme der vergangenen Jahre zusammen. Dabei werden internationale Phänomeme auf Deutschland runtergerechnet (beim Otto-Bild würde dort „Deutsche Kurt Corbain“ auf dem Foto stehen & eine Deutsche Blockchain ist dann so). Deutschband-Memes zeigt also falsche Bilder mit falschen Zeilen – und macht damit richtig Spaß.

Platz 5: Millennial Pause 🆕

Generationen-Themen sind äußerst beliebt im Social-Web. Eltern und Kinder spielen das in unterschiedlichen Aspekten täglich durch. Aber auch die Frage, ob du dich als GenZ, Boomer oder Millenial definierst, kann viele Beiträge provozieren. Einen besonders schönen hat in diesem Monat Kate Lindsay im Atlantic verfasst. Denn bei ihrer Millenial-Pause-Beobachtung geht es nicht nur um Generationen-Fragen, sondern um einen kultur-technische Aspekt des sozialen Web: machen Millenials aufgrund früherer Aufnahme-Möglichkeiten bei Selfie-Videos immer eine kleine Pause bevor sie starten? Es lohnt sich, mal drauf zu achten…

Besondere Erwähnung:

Das irische Baby, das aussieht wie Woody Harrelson hat erst Internet-Ruhm und mediale Reichweite und dann ein Gedicht vom US-Schauspieler bekommen. Herzlichen Glückwunsch!

Meine Begeisterung an den Tagebüchern von Thomas Mann auf Twitter hält an – auch andere Menschen scheinen an dieser neuen Aufbereitung von klassischen Inhalten Gefallen gefunden zu haben. Jedenfalls hat er jemand Thomas Bernhard auf Twitter übersetzt.

Und irgendjemand hat den FDP-Chef Christian Lindner sehr ernst genommen und die URL Gratismentalität reserviert.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Fünf Gründe für den Erfolg von BeReal – und die Antwort auf die Frage: Muss ich mich jetzt selbst filmen? (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Im Rückblick erscheint der Erfolg von Instagram logisch. Es war die erste App, die konsequent auf die damals noch neue Funktion „Kamera“ setzte.

Was also wäre, wenn nun eine App konsequent auf die zweite Kamera setzt, die Handys mittlerweile haben? Wir wären bei dem Hype der vergangenen Wochen, wir wären bei BeReal (wo wir uns hier anfreunden können)

BeReal setzt auf den Rückblick. Die App zeigt nicht nur das Bild, das die Frontkamera eines Telefons fotografiert, sondern zusätzlich oben links eingeklingt das Bild der Rückkamera. Ob das allein tatsächlich den Hype um die App rechtfertigt? Kaum. Aber man kann an BeReal diese fünf Mechanismen digitaler Aufmerksamkeit lernen, die unweigerlich zu der Abschlussfrage führen: Muss ich mich jetzt selbst filmen? (Antwort am Ende oder in der Hochformatvideo-Sprache: „Bleibt unbedingt dran“)

1. Verknappung

Zwei Minuten am Tag. So viel Zeit gesteht BeReal seinen Nutzer:innen zu – als „Time to be real“. In den zwei Minuten können sie Fotos mit Front- und Rückkamera machen (wer später dran ist, wird mit „late“ markiert). Das Besondere dabei: BeReal verrät vorher nicht, wann die zwei Minuten „Time to be real“ beginnen. Es gibt eine Nachricht aus der App und dann können Nutzer:innen ihren täglichen Beitrag posten, der dann wiederum 24 Stunden lang im Disovery-Feed sichtbar ist. Diese Form der Verknappung soll Authentizität (siehe 2.) garantieren, sie begrenzt aber vor allem die Möglichkeiten und schafft so Begehrlichkeiten (siehe dazu Weniger schafft mehr), dieses Muster ist nicht neu, die konkrete Ausgestaltung schon – und der vermutlich wichtigste Faktor für den Hype. (Symbolbild: Unsplash)

2. Authentizität

„Es gibt keine Filter und keine Videos, sondern nur einen Strom ehrlich wirkender Foto-Schnipsel, die alle verschwinden, sobald der nächste Alarm gesendet wird. Die strikten Beschränkungen und das Gefühl der Dringlichkeit, das dem Design von BeReal innewohnt, dienen nach Ansicht des Teams und der Fans der App dem Ziel, „Authentizität“ zu kultivieren – ein Wort, das in praktisch jedem Artikel über die App zu finden ist“, schrieb der New Yorker Anfang des Jahres über BeReal und nutzte dabei selbst das Wort, das den zweiten Treiber für den Hype bildet: das Ungefilterte verleiht BeReal nicht nur den Namen, sondern soll auch den Gegenentwurf zum Hochglanz von Instagram beschreiben.

3. Gemeinschaft

Anders als bei den hierachisch geordneten Social-Media-Feeds z.B. von Instagram, setzt BeReal auf den Aspekt der Gemeinsamkeit. Alle haben die gleichen zwei Minuten – weshalb der Netz-Experte Ryan Broderick die App auch eher mit dem Hype um Wordle als mit einem echten Instagram- oder Tiktok-Konkurrenten vergleicht: „BeReal ist kein Instagram-Konkurrent. Es ist eigentlich Teil desselben Trends wie Wordle. Die gleichzeitige Push-Benachrichtigung und das Zeitlimit für die Veröffentlichung bieten ein kurzes gemeinsames Online-Erlebnis in einem sehr zersplitterten sozialen Netz“

4. Botschafter:innen

Campus-Captains hießen die Botschafter:innen, mit deren Hilfe StudiVZ an deutschen Hochschulen Nutzer:innen einsammelte. Das Prinzip von Mini-Influencern ist nicht neu, Tupperware setzt schon seit Jahren drauf und auch bei BeReal hat das so genannte Ambassador-Programm genau dazu geführt, dass schnell neue Nutzer:innen auf die App gekommen sind. Diese Botschafter:innen sind das beste Symbol für Marketing nach dem Ende des Durchschnitts – es gibt keine für alle gleiche Werbebotschaft, sondern viele Botschafter:innen, die segmentiert Zielgruppen ansprechen.

5. Selfie

„Wirklich interessant ist das Konzept eigentlich nur dann,“ bilanziert Kim Rixecker bei t3n, „wenn ihr BeReal mit euren Freund:innen verwendet.“ Deshalb glaube ich auch, dass die Doppelkamera-App gar kein Angriff auf Instagram ist (wenngleich die große Meta-Kopiermaschine das Feature schon als „Dual-Kamera“ integriert hat). BeReal spielt eher in der Liga von Snapchat – wird aber mindestens bei einem Thema größeren Einfluss haben: Es ist die erste App, die ihre Nutzer:innen konsequent vor die Kamera bringt. Das erkennt man zum Beispiel auch daran, dass BeReal nicht nur personalisierte Emojis anbietet (wie andere Apps), sondern ein RealMoji genanntes Feature, bei dem Nutzer:innen ihrer Reaktionen über die Rückkamera das Handys aufnehmen und als Antwort auf andere BeReal-Beiträge posten können.

Mehr über die Tiktokisieurng des Web auf hier im Blog unter tiktok-taktik.de – außerdem habe ich hier erklärt, warum Tiktok ein relevantes Feld für Journalist:innen ist. Besonders empfehle ich den englischsprachigen Newsletter von Marcus Bösch: Understanding Tiktok. Im Sommer 2019 habe ich in einem Selbstversuch mal 24 Stunden auf Tiktok verbracht. Die im Text behandelten Phänomene habe ich auch im Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation eingeordnet.

Und egal, ob BeReal am Ende real bleibt oder nicht, das wird die App leisten: BeReal bildet den Kipp-Punkt, an dem Social-Media zu Selfie-Media wird. Wobei ich damit etwas anderes meine als die oberflächliche Kritik derjenigen, die sich mit Social-Media nicht befassen wollen und es deshalb als Spielwiese für selbstsüchtige Selfie-Freund:innen beschrieben. Ich meine die Tiktokisierung von Social-Media, die man sehr vereinfacht als Selbstfilm-Trend beschreiben kann. Instagram priorisiert seine Reels genannten Tiktok-Klone (was nicht alle Instagram-Nutzer:innen mögen, es gibt inzwischen sogar eine Petition für das „alte Instagram“) und treibt damit eine Entwicklung voran, bei der Nutzer:innen sich selbst vor der Kamera zeigen müssen wenn sie Reichweite wünschen (der Mechanismus dahinter, ist hier gut beschrieben). Wer erfolgreiche Tiktoks (oder Reels oder Shorts) machen will, kommt nicht mehr mit schönen Bildern, Texttafeln oder Illustrationen aus. Fabian Schuetze schreibt dazu in seinem empfehlenswerten Low Budget High Spirit Newsletter (was meine Newsletter-These aus dem Juli bestärkt):

Im Bereich der visuellen Kunst herrscht gerade Fassungslosigkeit. Die über Jahre aufgebauten und teils immensen Followerzahlen sind auf einmal nichts mehr wert. Während eine schöne Illustration oder ein hochwertiges Foto von einem Gemälde jahrelang gute Reichweiten versprach, passiert jetzt: nichts. Accounts mit Followerzahlen über 100.000 Follower berichten, dass ihre Beiträge nur noch 300 bis 400 Personen gezeigt werden, von denen dann 50 den Beitrag liken.

Das Problem: Viele können nicht einfach so auf die Reichweite-versprechenden neuen Formate wie Reels und TikTok-Content umsteigen. Das kann kaum ein*e Fotograf*in oder Illustrator*in, genau so wenig die meisten Musiker*innen, ohne sich zu verbiegen oder Inhalte zu generieren, die dann nur noch leidlich wenig mit der eigenen Passion zu tun haben.

Beim letzten Punkt seiner Analyse bin ich unsicher. Ich glaube, dass Instagram und Tiktok denken: Es können alle auf die neuen Formate umsteigen – sie müssen quasi nur die Rückkamera einschalten und real werden bzw. mit ihre eigenen Gesicht ihre Inhalte authentischer werden lassen. Sich selbst vor der Kamera zu zeigen, ist also der nächste Schritt in der Social-Media-Entwicklung. Nach persönlichen Texten, nach Ich-Ansichten in Wort und dann im Bild, kommen sie jetzt im Bewegtbild. Nutzer:innen, die Social-Media als Reichweiten-Instrument einsetzten (wollen), werden nicht drumherum kommen, eine persönliche Haltung zu dieser Form von Selfie-Media zu finden (und einige tun das ja auch bereits) oder anders formuliert, die Antwort auf diese Frage ist eher naheliegend:

Muss ich mich jetzt selbst filmen?

Die Antwort ist sehr einfach und sehr offensichtlich: Ja!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit aktuellen Entwicklungen in Social Media befasse – zum Beispiel: „Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen“ (Juni 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Gentleminions, Emmanuel, der Emu, Quer in den Westen, Tiktok-Lehrer, 10 von 10, Smypathisch (Netzkulturcharts Juli 2022)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Gentleminions 🆕

Während Deutschland über die vermeintliche Cancel Culture eines merkwürdigen Ballermann-Songs diskutiert, sind in England junge Männer unterwegs, um sich den neusten Minions-Film anzusehen. Sie nennen sich Gentleminions und kommen wohl gekleidet ins Kino – und benehmen ich daneben. Jedenfalls häuften sich zu Beginn des Monats Berichte darüber, dass dieser Netztrend dazu führt, dass Kinobetreiber:innen den Film nicht mehr zeigen (wollen). Damit landen die Gentleminions nicht nur als Trend, sondern vor allem als Symbol auf Platz eins: Denn an ihnen kann man illustrieren, dass die Rede von der Cancel Culture im digitalen Ökosystem falsch ist.

Zum Spitzenplatz trägt außerdem diese schöne Kombination mit dem weiterhin tollen Jiggle-Jiggle-Song von Voicemod bei.

Platz 2: Der rappende Lehrer von Tiktok 🆕

Svante Evenburg hat auf der Abi-Feier an seiner Schule einen beeindruckenden Freestyle-Rap aufgeführt. Das Besondere dabei: Svante Evenburg ist kein Schüler, sondern Lehrer. Wie sein Auftritt in Braunschweig zu einem viralen Tiktok-Hit werden konnte und warum er damit kaum in klassischen Medien auftaucht, habe ich mit ihm in einem kleinen Interview besprochen. Es ist illustriert auf erstaunliche Weise welche Dynamik Tiktok gerade auch auf Schulhöfen, abseits der klassischen Öffentlichkeit haben kann. Deshalb Platz 2 für die erstaunliche Freestyle-Performance.

Platz 3: Emmanuel, der Emu 🆕

Der korrekte Netzbegriff fürs Reindrängeln in ein Bild oder Video lautet: Photobomb. Seit Anfang des Monats hat ein Emu namens Emmanuel (englisch ausgesprochen) das Photobombing aber auf ein neues Level gehoben – und seine Farm im südlichen Florida webbekannt gemacht: Emmanuel drängelt sich wiederholt in Videos, die Farmbesitzerin Taylor Blake dreht, um die dort lebenden Tiere vorzustellen. Was dann passiert beschreibt der Spiegel so: „»Emmanuel!«, ruft Blake, »tu es nicht.« Ins Bild neigt sich ein Emukopf, bernsteinfarbene Knopfaugen, spitzer Schnabel, bereit, durch die Kamera zu zwicken. »EMMANUEL, TU ES NICHT!«, ruft Blake erneut, bis sich der Vogel zurückzieht. »Ich versuche hier, den Leuten etwas beizubringen«, weist sie ihn zurecht.“
Emamanuels Erfolg begann übrigens nicht auf Tiktok, sondern auf Reddit – und wurde dann über Twitter und Tiktok weitergespielt. Es ist also anzunehmen, dass der Sound („Emmanuel, don’t do it“) künftig auch unter anderen Clips zu hören sein wird.

Platz 4: Quer in den Westen 🆕

Ein junger Mann, der die Tiktok-Community auf eine Wanderung mitnehmen möchte? Das an sich ist nichts Besonders. Dass Sean, der laut eigener Aussage „vor drei Tagen mein Studium abgebrochen“ hat, aber schon am ersten Tag seine Wanderung #querindenwesten beendet hat, hat Nutzer:innen offenbar so inspiriert, dass Sean Anfang Juli zu einem viralen Hit wurde – und auch die klassischen Medien erreichte. Die Bild stellte ihn als „Deutschlands erfolgreichsten Versager“ vor und EinsLive ist mit ihm gemeinsam auf eine Wanderung gestartet.

Das ist alles herrlich belanglos und irgendwie absurd, so dass es zum perfekten viralen Sommerhit taugt. Auch wenn Sean recht professionell mit seinem Ruhm umzugehen scheint, er wird sich vermutlich nicht lang in den Charts halten.

Platz 5: Er ist ne 10, aber… (He’s a 10) 🆕

Menschen auf einer Zehner-Skala in Bezug auf ihr Aussehen zu beurteilen – und dann eine weitere Eigenschaft ergänzen, um ein erneutes Urteil abzufragen – das ist gerade ein großes Ding (nicht nur) auf Tiktok. Als Erfinderinnen dieser leicht pubertären Klassenfahrt-Spielerei gelten die Schwestern Leah und Mary Woods, die gemeinsam mit ihrer Freundin Lucy das Spiel nicht nur als erste auf Tiktok brachten, sondern sich auch als Ursprung des Trends interviewen lassen. Jessia hat daraus dann sogar einen Song gemacht – spätestens damit kommt der Trend im Juli in den Netzkulturchart auf 5/5 (oder hab ich da was falsch verstanden)

Besondere Erwähnung

War so viel los im Juli, dass Thomas Mann aus den Charts gefallen ist; also sein immer noch wunderbarere Twitter-Account, den ich im Juni vorgestellt hatte – und der mindestens eine besondere Erwähnung erhalten sollte.

Für mich der beste Weg, um auf charmante Weise in die Netzkultur auf Tiktok einzusteigen: die Clips von smypathisch. Der Kanal von Marie Lina kommentiert das (digitale) Wochengeschehen und gibt einen smypathischen Einblick ins Netz.

Es ist heiß in Deutschland – und die Tagesschau lädt die Tiktok-Community zum Duett, um die Wettervorhersage zu sprechen.

Was passiert, wenn Männer mit Periodenschmerzen konfrontiert werden? Der Tagesanzeiger berichtet über eine Aktion in Kanada.

Lubalin hat seinen Plattenvertrag seinem Erfolg auf Tiktok zu verdanken – deshalb hat Buzzfeed ein Video mit ihm gemacht. Noch besser sind aber seine Internet Drama-Clips, in denen er missglückte Online-Kommunikation vorsingt.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.


Der rappende Lehrer von Tiktok – Svante Evenburg im Interview

Das Internet ist super. Heute hat es mir innerhalb von wenigen Stunden auf die charmantest mögliche Weise eine Frage beantwortet: „Ich bin doch schon da“, schrieb Svante Evenburg auf meine Twitter-Frage nach dem rappenden Lehrer, der seit Tagen durch meine Tiktok-Timeline gereicht wird (aber nicht in anderen Medien auftaucht). Seine Frage „Was möchten Sie wissen?“ nahm ich wörtlich und stellte ihm eine paar Fragen zum Tiktok-Ruhm und zum Rappen auf dem Schulhof.

Es passiert nicht oft, dass in meiner Tiktok-Timeline Bilder von einem rappenden Lehrer auftauchen. In den vergangenen Tagen sah ich Sie aber sehr häufig, in sehr unterschiedlichen Clips – beim Freestyle, aber auch in einem Battle-Rap mit einem jüngeren Schüler. Können Sie mal auflösen wer Sie sind und woher die Bilder stammen?
Mein Name ist Svante Evenburg, ich bin 36 Jahre alt und unterrichte an der IGS Querum in Braunschweig. Seit ca. meinem 11. Lebensjahr rappe ich und absolviere Auftritte oder nehme Songs auf. Das wissen auch manche Schülerinnen und Schüler und somit hielt der Abijahrgang es für eine gute Idee, mich beim Abistreich zum Freestylen zu „zwingen“. Man sieht also auf den Videos ein paar Ausschnitte vom Abistreich an unserer Schule, der übrigens sehr unterhaltsam und mustergültig von den Abiturientinnen und Abiturienten organisiert war.

Ich würde sagen: Sie sind mit Ihrem Rap viral gegangen. Dennoch habe ich bisher keine „darüber lacht das Netz“-Berichte über Sie gefunden. Können Sie sich erklären, woran das liegt?
Ich vermute, dass das Tiktok-Universum doch nochmal anders ist, als beispielsweise Instagram oder Youtube, schon fast eine in sich geschlossene Welt. Es gab Anfragen, z.B. von Radiosendern, die ich aber bisher alle mehr oder weniger abgelehnt habe.

Hatte Ihr Tiktok-Ruhm weitere Folgen für Sie oder Ihre Schule?
Ich persönlich hoffe natürlich auf weiterhin gute Anmeldezahlen für den 5. Jahrgang. Da kam das Video freilich für dieses Jahr zu spät. Ansonsten ist es bisher relativ ruhig geblieben.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Tiktok?
Ich habe schon länger einen Account, ohne aber aktiv gewesen zu sein. Der diente eher dazu, mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu bleiben. Ich tue mich ehrlich gesagt schwer mit der Art vieler Videos dort, das ist mir zu oft zu sehr inszeniert und teilweise auch einfach übel sexistisch. Und dann steht natürlich noch der große Elefant China im Raum. In dem Kontext war Tiktok tatsächlich auch erst vor Kurzem Unterrichtsinhalt in meiner 7. Klasse.

Was mich fast am meisten an Ihrem Auftritt fasziniert, ist die neue Form von Autorität, die aus Ihren Zeilen spricht. Sie reimen z.B. „Bier reinschleppe“ auf „Weed einstecke“ – mit dem Bild eines klassischen Feuerzangenbowle-Lehrers geht das nicht zusammen. Können Sie denen mal erklären, warum Sie dennoch eine Autoritätsperson sind?
Zunächst einmal denke ich gar nicht, dass sich da etwas ausschließt. Und dann halte ich Autorität für etwas, das maßgeblich durch die Persönlichkeit transportiert wird und da wiederum geht es gerade gegenüber Schülerinnen und Schülern viel um Authentizität. An der IGS Querum bleiben wir als Tutorinnen und Tutoren sechs Jahre für unsere Klasse verantwortlich. In dieser Zeit lernt man sich sehr genau kennen. Die Klasse weiß genau, wie man ist oder eben nicht. Da authentisch zu sein, transparent und der Klasse gegenüber aufgeschlossen – das sorgt für Autorität.

Wird sich durch den Tiktok-Fame jetzt irgendwas für Sie ändern?
Ich vermute mal nicht. Im letzten Jahrzehnt war ich Kommunalpolitiker in Wolfsburg, hatte bspw. zu Beginn des Dieselskandals eine Reihe von Presseanfragen und -terminen. Das kenne ich also schon. Und gestern war ich mit meiner Frau und unseren Kindern in der Innenstadt auf einem Familienfest. Fotos oder Autogramme wollte da niemand. Es war verrückt, wie schnell das Video 5 Millionen Aufrufe hatte. Aber ich denke, ebenso schnell wird es auch wieder vergessen werden. Ein bekannterer Rapper als ich hat mal gesagt, Musik zu veröffentlichen sei „Pissen in den Ozean„. Das dürfte bei Tiktok-Clips ähnlich sein.

Zum Abschluss: Falls jetzt jemand Interesse für Freestyle entdeckt haben sollte, haben Sie einen Tipp für Einsteiger:innen?
Da möchte ich Curse zitieren, was ich äußerst selten tun würde: „Beim Freestylen muss man üben und Bühne trennen. Lieber zehn Sätze, die brennen, als zehn Minuten verschwenden.“
In diesem Sinne: Einfach viel üben, bevor man sich dann mal filmen lässt.

Zum Thema Tiktok & Schule war ich übrigens gerade im Doppelstunde-Podcast zu Gast. Für virale Kultur und Phänomene wie das oben beschriebene Video interessiere ich mich weil mich Netzkultur fasziniert. In meinem Newsletter „Digitale Notizen“ gibt es deshalb die Rubrik „Netzkulturcharts“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Mehr über Tiktok und Medienkompetenz unter tiktok-taktik.de.

Drei Dinge, die man von den Gentleminions über die so genannte Cancel Culture lernen kann

Die Minions werden gecancelt! Kinos setzten den Film wegen angeblich ungebührlichen Verhaltens junger Männern während der Vorstellung ab! Die freie Welt ist in Gefahr! EinsElfAusrufezeichen

Mit diesem Spin würde sich die Aufregungsspirale drehen, stünden nicht gelbe Zeichentrickfiguren, sondern eine politische Debatte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit (Thema bitte selbst wählen). Das Muster hinter der Aufregungs-Aufmerksamkeit weist lehrreiche Parallelen zwischen Minions und der vermeintlichen Cancel Culture auf, deshalb hier drei Lehren, die man aus dem so genannten #gentleminions-„Skandal“ für die politische Debatte ziehen kann, die auf einer so genannten Ambigutität der Aufmerksamkeit basiert.

Worum gehts?

Um wohl gekleideten jungen Männern, die nicht selten mit einer Banane in der Hemdtasche ins Kino gehen. Sie nennen sich #gentleminions, eine Wortkombination aus dem englischen Begriff Gentleman und den gelben Bananen-liebenden Hauptfiguren aus dem Film „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ – und erweisen mit ihrer Kleidung dem Mini-Boss aus dem Film eine Ehre: Felonious Gru ist in dem aktuellen Minion-Teil 11 Jahre alt und ebenfalls stets wohl gekleidet.
Der Guardian berichtet, dass die offenbar häufig auftretenen Gentleminions einen Trend bilden (viral! Tiktok!), auf den Kinos ablehnend reagieren würden. Den jungen Männern sei der Zugang zum Vorführungssaal verweigert worden – und die BBC lässt einen Kinobetreiber zu Wort kommen, der wegen des Verhaltens der Fans (gar nicht gentle) den Film vorübergehend aus dem Programm genommen habe.

Ist das schlecht für den Film? Im Gegenteil! Universal Pictures ruft den Gentleminions auf Twitter zu: Wir sehen und wir lieben euch!

Wie kann das sein? Müssten die Macher des Films nicht empört sein, weil sie gecancelt werden? Oder nützt es ihnen vielleicht, im Mittelpunkt einer solcher Debatte zu stehen?

Drei Thesen:

1. Aufmerksamkeit ist eine politische Kategorie

Was ist das Schlimmste, was einem Film oder einer politischen These im digitalen Ökosystem passieren kann? Genau: Dass niemand sie wahrnimmt, dass keine:r über sie spricht. Widerspruch oder sogar vermeintliche Negierung eines Films/einer These funktioniert wie das Pusten in die Glut: es schafft Aufregung, die zu Aufmerksamkeit führt und mit der Debatte um das angebliche Canceling genau das nicht nur verhindert, sondern ins Gegenteil verkehrt. Genau darin liegt die Ambiguität der Aufmerksamkeit: Energie fließt dorthin, wohin sich die Aufmerksamkeit richtet und sei es nur um zu warnen. Das Canceln funktioniert dabei genau wie der rosa Elefant, den ich mit der Bitte erwähne, auf keinen Fall an ihn zu denken. Was passiert? Sie werden genau das tun! Anders formuliert: Der beste Weg, um die Unsichtbarkeit zu verhindert, ist eine Debatte um die vermeintliche oder tatsächliche Unterdrückung! Deshalb lieben (nicht nur) die Minions-Macher die Debatte – sie garantiert ihnen Aufmerksamkeit!

2. Die Reihenfolge von Inhalt und Aufmerksamkeit hat sich gedreht

Ohne Aufmerksamkeit ist der Inhalt wertlos. Ein Brief ohne Adresse wird von niemandem gelesen, also muss man sich zunächst um den Umschlag, die Adresse und angemessene Frankierung kümmern. Öffentliche Debatte im 20. Jahrhundert kam ohne diese Form des Kontext aus (was man heute noch an der etwas aus der Zeit gefallenen Debattenform des offenen Briefs erkennt). Das 21. Jahrhundert hat u.a. durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie zu einer Flut an Informationen geführt – ein Ozean voller Inhalt. Wer dort jetzt weiteren Inhalt hinzugießt, fällt nicht auf. Völlig unabhängig davon, ob es Qualitätswassser ist oder nicht – es ist am Ende auch im Ozean der Informationen. Um aufzufallen, braucht es also einen auffälligen Kontext, einen Rahmen, der Interesse weckt. Wer also auf einen Briefumschlag „umstrittener Inhalt“ schreiben kann, kreiert damit einen der mächtigsten Aufmerksamkeitsmagneten, den man sich denken kann.
Im Falle der gentleminions ist es weniger kontrovers, hier kommt der popkulturelle Magnet der Meme zum Einsatz: Ein Trend! Viele Menschen! Das allein sorgt für Aufmerksamkeit.

3. Wenn alle eine Bühne haben, kann niemand gecancelt werden

Werden meine Möglichkeiten den Minions-Film zu sehen, dadurch eingeschränkt, dass in irgendeinem Kino in England eine Vorstellung ausfällt?
Natürlich nicht.
Der Film ist digital verfügbar und selbst wenn nun alle Kinos, überall auf der Welt, die Vorführung einstellen würden, wäre er ja weiterhin anschaubar. Genauso verhält es sich mit den politischen Thesen, die angeblich gecancelt werden – sie werden maximal von einer bestimmten Bühne verbannt. Das Ende des Durchschnitts hat aber eine Welt eröffnet, in der jede und jeder unzählige Bühnen haben kann. Das 21. Jahrhundert braucht nicht mehr die Mainstage auf einem Festival um Bands populär zu machen. In der Welt der massenhaften Nischen befinden sich überall Bühnen – und die angeblich unterdrückten Inhalte werden niemals völlig unterdrückt, sondern lediglich auf anderen Bühnen aufgeführt. Und zwar mit katalysierter Aufmerksamkeit: denn die Debatte bringt die Glut zum Aufflammen. Statt im Rahmen einer offiziellen Vorlesungsreihe wird ein gecancelter ausgeladener Beitrag dann halt auf YouTube verbreitet – und zwar mit einer weitaus größeren Reichweite als dies die vermeintlich offizielle Bühne jemals erreicht hätte.

Die Macher des Minions-Films haben das verstanden: es geht um Aufmerksamkeit. Wer so denkt, kommt gar nicht auf die Idee, von Cancel Culture zu sprechen. Denn Canceln kann man überhaupt nur in einer Welt, in der es nur eine Durchschnittsbühne gibt. Diese Welt existiert nicht mehr.

Mehr über Muster digitaler Kommunikation gibt es in dem gleichnamigen Buch – und in meiner Glut-Theorie der politischen Debatte aus dem Deutschlandfunk

München 72 – Social VR als Game, Unterhaltung, Information

Plötzlich stehe ich im Olympiadorf in einem der Zimmer, in dem die Athlethinnen und Athleten wohnen. Ich bin durch einen sehr schlichten grauen Gang gelaufen und habe jetzt einen Holzschrank rechts und links ein Metallbett vor mir. Unter der Matraze liegt ein zusammengerolltes Poster der Olympischen Spiele 1972. Die israelischen Sportler, die in diesen Zimmern wohnten, hatten sich diese Olympia-Plakate als Andenken gekauft. Wenig später werden sie Opfer eines Anschlags, der als Olympia-Attentat in die Geschichte eingeht.

50 Jahre liegen die Olympische Spiele und das Attentat in diesen Tagen zurück. Die Stadt München erinnert an diese bedeutsamen Tage im Sommer 1972 mit zahlreichen Veranstaltungen. Auf dem Marienplatz steht ein riesiger Plastik-Dackel – Waldi, das Maskottchen der Spiele.

Eine besondere Form der Erinnerung, die gleichzeitig Ausblick auf die Zukunft ist, hat der Bayerische Rundfunk mit der Social-VR-Anwendung „München 72“ geschaffen. VR ist die Abkürzung für virtuelle Realität und in der gehe ich gerade mit wackligen Beinen vorwärts – auf dem obersten Stockwerk des Olympiaturms des Jahres 1972. Das Design der virtuellen Umgebung, die das Team vom BR kreiert hat (ich bin mit einigen persönlich bekannt), ist technisch auf der Plattform VR-Chat Zuhause, die für viele (mich eingeschlossen) sehr nach Zukunft klingt. Gestalterisch fühlt sich diese virtuelle Umgebung aber ein wenig so an, als stamme sie aus dem Jahr 1972 – eine Umkleide, die so wirkt als würden sich tatsächlich die Olympia-Athleth:innen hier umziehen, die man auf integrierten Archivaufnahmen des BR auch in Aktion sehen kann.

Ein erstaunlicher Spagat ist dabei gelungen zwischen der Dokumenation der 50 Jahre zurückliegenden Olympia-Zeit einerseits und den Möglichkeiten der Zukunft andererseits. Ich bewege mich in solchen VR-Welten stets mit leichtem Schwindel – das liegt ganz aktuell daran, dass mir die Grafik sehr glaubhaft das Gefühl vermittelt von der Aussichtsplattform des Olympiaturms (182 Meter) nach unten zu schauen. Wer hier Höhenangst empfinden, weiß was der Begriff „immersiv“ bedeutet – alle anderen können es unter dem Schlagwort Motion Sickness nachlesen.

Grundsätzlich spüre ich in VR-Anwendungen wie diesem Paradabeispiel vom BR immer eine leichte Überforderung, weil sie zeigen, welche Optionen in immersiver Technik liegen – wie hier Game-Kultur (echte Gamer:innen würden sich weniger behäbig nach dem virtuellen Radiogerät bücken als ich auf dem Bild), Unterhaltung und Information zu einer neuen Form der Wissens-Vermittelung verschmelzen. Das ist beeindruckend und aufgrund der fundierten Recherche und des umfangreichen Archivmaterials im Fall von München 72 auch beeindruckend aktuell. Der Titel des Projekts lautet „eine begehbare Dokumentation in VR“ und ich werde ab sofort immer an diesen Projekt denken – wenn irgendwo irgendwer entweder völlig übertrieben begeistert oder übertrieben pessimistisch über ein Metaverse, Web3 oder anderen virtuelle Welten spricht.

>> Hier München 72 vom Bayerischen Rundfunk anschauen

Follower-Dilemma: Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was viele Menschen wichtig finden, kann nicht unwichtig sein.

Diese Idee – hier als „Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit“ beschrieben – bestimmt nicht nur Suchalgorithmen, sondern sehr sicher auch Ihr Denken: Wer schon mal neugierig geworden ist, weil irgendwo viele Menschen in einer Schlange anstanden („was ist denn da los?“), kennt das Prinzip, das zahlreiche digitale Plattformen auf die Spitze getrieben haben. Sie haben dafür eine Währung erfunden, die allgemein anerkannt, aber in Wahrheit kaum wertvoll ist. Sie haben dafür das Prinzip „Follower“ erfunden – eine Einheit, die nicht unabhängig überprüfbar ist, die die Plattformen aber reich macht, weil wir sie glauben. Dabei ist diese Währung nahezu bedeutungslos – und es ist dringend an der Zeit, dies auch im allgemeinen Diskurs zu verankern. Und hier will ich kurz erklären, warum das so ist. (Symbolbild: unsplash)

Auslöser für meine Erklärung ist ein Wortbeitrag der sehr geschätzten Kollegin Eva Schulz auf der republica. Auf dem Panel Medienmachende als Marke spricht sie ab ca Minuten 17 über Follower und Reichweite. Sie erzählt die Geschichte einer jüngeren Kollegin, die keine Follower auf Instagram und deshalb kaum Chancen hat, an eine Moderatorionsrolle zu kommen, weil Verantwortliche in Medienhäuser diese Währung für relevant für eine Moderation halten. Eva sagt…

Es hört nie auf. Ich hab was, wo diese Kollegin hinguckt und sagt ,Scheiße, wie soll ich das je erreichen? Diese Followerzahlen, die Eva hat‘. Da ist mir erst bewusst geworden, was ich dann für einen Druck ausüben muss auf so viele Kolleginnen und Kollegen. Wegen einer Währung, die Medienhäuser gladly übernehmen, während es eigentlich ihre Aufgabe wäre, diese Leute selber aufzubauen. Und sich nicht einfach auf eine fremde Währung auf einer externen Plattform zu verlassen, die nicht mal von unserem Kontinent stammt.

… und kommt zu dem Schluss: „Da müssen sich Medienhaus-Verantwortliche wirklich mal überlegen, ob man sich auf diese Kennzahl verlassen will.“

Ich würde noch sehr viel deutlicher sagen: Nicht nur Medienhaus-Verantwortliche sollten sich von dieser Kennzahl verabschieden.

Warum glauben Menschen an den Wert der Follower? Weil sie annehmen, die Zahl treffe eine Aussage darüber, welche Reichweite ein Account hat. Darüber sagt die Zahl aber in Wahrheit sehr wenig aus – viel weniger jedenfalls als gemeinhin angenommen.

Jede:r, die/der mal in die Insights eines Accounts geschaut hat, weiß, dass kein Beitrag, der mit einer Followerzahl 100 gepostet wird, tatsächlich 100 andere Accounts erreicht. Spätestens mit Einführung des Timeline-Prinzips haben die Plattformen nämlich erkannt, dass nicht die postenden Accounts darüber entscheiden sollen, wessen Aufmerksamkeit sie bekommen – darüber wollen die Plattformen selbst bestimmen, um diese Aufmerksamkeit zu monetarisieren.

Mit der Tiktokisierung von Social-Media hat das Follower-Dilemma (Top-Illustration von mir rechts) eine neue Ebene erreicht: Plattformen priorisieren gut laufende Inhalte und versorgen diese mit Reichweite. Das heißt aber nicht, dass auch die Accounts zwingend mehr Reichweite bekommen – dafür müssen sie nämlich weiter gut laufende Inhalte produzieren; genau wie Accounts mit wenigen Followern auch.

Tiktoks relevanteste Bühne, die for you page, kommt sogar völlig ohne Follower aus. Hier spielt die Plattform Beiträge aus, die nicht darauf basieren, dass ein:e Nutzer:in bei Accounts „das plus weggemacht hat“ (Tiktok-Lingo für Follow). Auf der For You Page werden nach dem sprechender Hut-Prinzip Beiträge ausgespielt, die dann nahezu magisch irre Reichweiten bekommen können. Das gilt für einen Account mit wenigen Followern ebenso wie für einen vermeintlich reichweitenstärkeren Account, der bereits viele Follower hat.

Verlässlich aussagekräftig ist die Zahl der Follower auf Plattformen also nur in eine Richtung: in Bezug auf die Anzahl der Accounts (nicht unbedingt auch Menschen), die auf der Plattform den Account abonniert haben. Dass diese Zahl auch technisch verändert worden sein kann, lasse ich bewusst unerwähnt, denn meine Kritik bezieht sich gar nicht auf diesen Aspekt (der selbstredend erschwerend hinzukommt). Ob der Account diese anderen Accounts dann auch erreicht, darüber sagt die Follower-Anzahl eher wenig aus – maximal eine Wahrscheinlichkeit lässt sich aus der Gesamtzahl der Fans auf die Reichweite ermitteln.

Diese Wahrscheinlichkeit ist nicht null, aber sie ist ganz sicher auch nicht so bedeutsam, dass sie als relevante Währung in der öffentlichen Debatte genutzt werden sollte. Um ihre Flüchtigkeit zu illustrieren, muss man sich einen Account vorstellen, der zwar sehr viele Follower angesammelt hat, dann aber monatelang nichts postet. Dieser Account wird nach zwölf inaktiven Monaten nur eine sehr geringen Wahrscheinlichkeit auf hohe (organische) Reichweiten haben – es sei denn er kauft dafür Sichtbarkeit hinzu. Womit die Währung völlig wertlos wird, wenn sie lediglich zeigt, wieviel Geld ein Account ausgegeben hat, um sichtbar zu sein.

Sinnvoller erscheint es mir, Prominenz oder Sichtbarkeit im digitalen Ökosystem als fluide Währung zu betrachten – die immer nur sehr kurze Halbwertszeiten aufweist. Zu glauben, eine Angabe über Fans oder Follower könne daran etwas ändern, ist eine angenehme Vereinfachung, aber halt auch unangenehm falsch.

Nachtrag Es gibt übrigens eine Akteurin in dem Spiel, die großes Interesse daran hat, dass die Währung „Fans/Follower“ nicht an Bedeutung verliert: die Plattform selbst. Ohne eine unabhängige dritte Instanz, die ihre Zahlen kontrolliert, kann die Plattform den Nutzer:innen nämlich so ihre eigene vermeintliche Bedeutung vorführen. Das wäre doch schade, wenn sich daran etwas ändert…

Wie kommt man auf gute Ideen? (Farin) Urlaubs-Tipps

„Ich hab meistens extrem gute Laune“ sagt Farin Urlaub im Ärzte-Podcast, den Marco Seiffert gerade für die ARD produziert. Es ist die Antwort des Ärzte-Sängers auf die Frage nach seiner Rolle in der Band. Im weiteren Verlauf des Gesprächs geht es darum, wie ihm die „komplett-absurde Text-Ideen“ (Seiffert) kommen, also: wie er kreativ ist.

Seine Antwort (und sein Auftreten im gesamten Podcast) erinnert mich sehr an die These, dass die allermeisten Menschen, die gute Ideen haben – auch humorvoll oder witzig sind. Seiffert fragt dann noch, ob Drogen (auf die Urlaub verzichtet) helfen würden oder ob er einfach ein Genie ist. Seine Antwort:

Also mit Genie hab ich nun wirklich nix am Hut. (…) Ich glaube nicht, dass Drogen dir dabei helfen, absurd zu werden. Also weiß ich nicht, ich hab wie gesagt keine eigene Erfahrung. (…) Vieles hat damit zu tun, dass ich Sachen zulasse. Also wenn mir was einfällt und es ist bescheuert, dann sage ich nicht gleich ,das ist ja bescheuert‘, sondern ich sage ,mal gucken, wo es hinführt‘. Und was viele Künstler von sich behaupten und ich auch ist dieses „fünf Prozent Inspiration, 95 Prozent Transpiration“. Also ich feile an Ideen so lange rum, bis ich zufrieden bin. (…) Wenn der Reim nur so ungefähr gut ist, bin ich meistens nicht zufrieden. Im Idealfall hört sich ein Song so an, als würde sich jemand mit dir unterhalten – und dann merkst du aber, dass das Versmaß und die Reime komplett stimmen.

Mir gefällt nicht nur der Podcast herausragend gut, auch die Einblicke in den kreativen Prozess von Ärzte-Songs finde ich äußerst inspirierend – denn das Modell des Zulassens deckt sich voll und ganz mit der Idee, die ich in der Anleitung zum Unkreativsein beschrieben habe: Wir müssen uns von Ideen finden lassen.

Mehr zu Musik & Kreativität hier im Blog von Rick Astley und der Band Franz Ferdinand