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Shruggie des Monats: das Magazin Economist

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen.

Sollte man Steve Bannon eine Bühne bieten? Über diese Frage wird in angelsächsischen Medien gerade heftig gestritten. Anlass ist eine Ein- und wieder Ausladung des ehemaligen Beraters von Donald Trump durch das Magazin New Yorker. Bannon hätte im Rahmen des New Yorker Festivals vom angesehenen Chefredakteur David Remnick interviewt werden sollen. Wenige Minuten nach der Ankündigung, regte sich heftiger Widerstand und prominente Teilnehmer*innen kündigten an, nicht beim Festival aufzutreten, sollte Bannon dort auftreten. Daraufhin zog Remnick die Einladung zurück:

Im Guardian kommentierte Arwa Mahdawi die Entscheidung sehr klar als doppelt falsch. Sie schrieb:

The New Yorker’s decision to give Bannon a platform was irresponsible and immoral. While it has rescinded the invitation, harm has already been done. Indeed, I imagine that getting invited and then uninvited from the festival was Bannon’s dream scenario. First he gained intellectual legitimacy by having the New Yorker announce him as a headliner. Then he got to do what the far right seems to enjoy doing the most: play the victim. No doubt extremists everywhere are dashing off opinion pieces about how conservative views are being censored by the liberal media.

Auch in meiner Timeline und im direkten Umfeld hörte ich viele, die genau diese Meinung teilen. Ich bin allerdings sehr unsicher: Löst es das Problem, wenn man Bannon einfach nicht zuhört?

¯\_(ツ)_/¯

Zanny Minton Beddoes hat darauf heute eine beeindruckende und wie ich finde richtige Antwort gegeben. Sie ist die Chefredakteurin des Magazins Economist. Dort hat man im Frühjahr ein Debattenformat namens Open Future gestartet – und im Rahmen dieser Debatten hatte man ebenfalls Steve Bannon eingeladen. Doch anders als der Remnick hält Minton Beddoes an ihrer Einladung fest – und die Begründung dafür halte ich für souveräner und vor allem liberaler als Remnicks Entscheidung. Minton Beddoes schreibt:

Mr Bannon stands for a world view that is antithetical to the liberal values The Economist has always espoused. We asked him to take part because his populist nationalism is of grave consequence in today’s politics. He helped propel Donald Trump to the White House and he is advising the populist far-right in several European countries where they are close to power or in government. Worryingly large numbers of people are drawn to nativist nationalism. And Mr Bannon is one of its chief proponents.

The future of open societies will not be secured by like-minded people speaking to each other in an echo chamber, but by subjecting ideas and individuals from all sides to rigorous questioning and debate. This will expose bigotry and prejudice, just as it will reaffirm and refresh liberalism. That is the premise The Economist was founded on.

Ich glaube, sie hat recht. Demokratisch zu sein, heißt doch eben nicht einfach nur Recht zu haben. Es heißt auszuhalten, dass es andere Meinungen gibt, Pluralismus zu leben und den kritischen Austausch zu suchen. Es ist anstrengend das auszuhalten, es ist eine Herausforderung, aber ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktioniert: dass man sie trainieren muss.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

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Was ist dein Bild vom Internet? (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Seit diesem Monat wird die deutsche Bundesregierung digital beraten. Der so genannte Digitalrat versammelt Menschen mit Internet-Kenntnis, die der Bundesregierung „unbequeme Fragen“ zum Thema Digitalisierung stellen sollen. So steht es auf der Website der Bundesregierung – und das wurde in den vergangenen Tagen ausgiebig diskutiert kritisiert: Neben der berechtigten Anmerkung, dass in diesem Gremium die Zivilgesellschaft fehlt, zeigte mir manche Stichelei (Äh, Flash auf der Seite, hihi), dass wir mal übers Internet reden müssen – und über das Bild, das wir vom Internet haben.

Es ist an der Zeit, die schau mal, die checkens nicht“-Haltung zu überwinden, die ich mancherorts im Netz noch wahrnehmen, wenn die Politik versucht, sich dem Thema Digitalisierung zu nähern. Dass es den Digitalrat gibt, ist richtig und in Wahrheit überfällig. Und dass die Leute, die sich dort ehrenamtlich engagieren, ihre Sachkenntnis nachgewiesen haben, ist auch erkennbar. Es scheint mir deshalb geboten, diesen Kanal zu nutzen, um relevante digitale Fragen endlich auf diesem Weg auf die Agenda zu bringen – ich hab mal eine Twitter-Liste gemacht.

Unser Bild vom Internet ist viel zu häufig noch geprägt von den Debatten der vergangenen Jahre: von der Frage nach dem digitalen Graben und der Auseinandersetzung darüber, ob es nun gut oder gefährlich ist, dass wir das Internet haben. Dabei haben wir übersehen, dass es keine Selbstveständlichkeit ist, dass wir das Internet überhaupt haben. „Hinter den Debatten um all die schlimmen Seiten des Internet verbirgt sich nämlich eine der großartigsten Erfindungen unserer Zeit, die Menschen klüger und fröhlicher machen kann; wenn man sie richtig einsetzt – und sich daran beteiligt.“ So habe ich es auf die erste Seite des großspurigsten Buches geschrieben, an dem ich je gearbeitet habe. Es heißt „Gebrauchsanweisung für das Internet“ und erscheint am 4.9. in der gleichnamigen Serie im Piper-Verlag.

Zum Erscheinen des Buchs „Gebrauchsanweisung fürs Internet“ gibt es einen Fotowettbewerb mit dem Piperverlag. Das Buch ist ab dem 4.9. im Handel – hier kann man direkt beim Verlag vorbestellen.

Unter dem Hashtag #meinbildvominternet sammeln wir genau das: Fotos vom Netz! Fotografiere dein Bild vom Internet, lade es unter dem Hashtag #meinbildvominternet auf Instagram oder Twitter und gewinne mit etwas Glück eine von drei signierten Gebrauchsanweisungen. Details zum Gewinnspiel gibt es ab 4.9. auf dem Instagram-Account vom Piperverlag.

Natürlich maße ich mir nicht an, Regeln für das Internet (das ganze Internet!) aufzustellen oder gar im Sinne eines Beipackzettels richtiges Verhalten zu beschreiben. Das ist auch nicht der Sinn der Serie, in der auch schon Gebrauchsanweisungen für die Welt, das Leben und das Jenseits erschienen sind. Es geht eher im Sinne des ersten Autors der Gebrauchsanweisungen darum, einen Kontinent zu bereisen. Vor vierzig Jahren schrieb Paul Watzlawik eine Gebrauchsanweisung für Amerika – und in dem Internet-Buch versuche ich, den ortlosen Ort Internet als Reise-Destination zu beschreiben.

Vor allem aber möchte ich mein Bild vom Internet beschreiben – als Ort, der durch sein bloße Existenz beweist, wie toll Diversität und Multi-Kulti ist. Dieses dezentrale Netzwerk ist eine menschheitshistorische Erfindung von so großem Wert, dass es uns häufig gar nicht mehr auffällt. Dabei ist es der europäischen Idee nicht ganz unähnlich – und beides gilt es meiner Meinung nach zu verteidigen. Vielleicht kann man mit etwas Pathos sogar sagen, dass dies die zentrale Aufgabe unserer Generation ist: Die großartigen Errungenschaften Internet und Europa gegen die unterschiedlichen Angriffe zu verteidigen.

Doch Vorsicht: Dabei geht es natürlich nicht ums Konservieren oder um rückwärtsgewandte Vergangenheitsverklärung. Das Internet als lebendiges Netzwerk soll nicht kulturpessimistisch glorifziert, es soll auf Basis des Ideen von Pluralität und Demokratie belebt werden. Damit beziehe ich mich einerseits auf Ansätze, die bedeutsame Ideen wie RSS wiederbeleben wollen, es geht mir bei diesem Bild vom Internet aber um Grundlegendes – wie ich es an anderer Stelle schon erwähnt habe: „Dass völlig unterschiedliche Systeme, auf sehr alten und brandneuen Computern in diesem durch und durch heterogenen Netzwerk der Netze miteinander kommunizieren können (ermöglicht durch das zugrundliegende Internetprotokoll TCP/IP), ist eine bedeutsame, wenn man so will, multikulturelle Erfindung. (…) Denn dass es das Internet überhaupt gibt, zeigt, dass Diversität und Unreinheit funktionieren. Es zeigt, dass die Idee von Völkerverständigung, Offenheit und Pluralismus keine Spinnerei ist, sondern greifbare Wirklichkeit. Es lohnt sich, dieser Idee zu folgen, gerade auch, um gestaltend auf die dunklen Seiten zu reagieren, die durch das Netz zuweilen befördert werden.“

Es ist kein Zufall, dass ich diesen Text an dem Wochenende veröffentliche, an dem unter dem Hashtag #SaveYourInternet in Europa demonstriert wird. Es zeigt, dass auf europäischer Ebene für den Wert des Internet gestritten wird. Das finde ich gut und wichtig. Es macht uns deutlich: Das Internet ist nicht einfach immer so da. Damit es ein demokratischer Raum bleibt, muss man sich engagieren. Das kann auf unterschiedlichen Ebene geschehen. Ein wichtiger Schritt wäre, sich über das eigene Bild vom Internet bewusst zu werden – und darüber zu reden. Auch und gerade mit denen, die sich im Internet vielleicht noch nicht so Zuhause fühlen.

Für alle anderen soll es übrigens demnächst einen Heimatverein Internet geben. Gerade arbeite ich mit ein paar Mitstreiter*innen an einer ersten Umsetzung der Idee. Wer darüber informiert werden will, kann sich hier eintragen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Shruggie des Monats: der „für später“-Button von Pocket

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext, das Stories-Format sowie die Özil-Debatte beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen.

Heute nun: der „für später“-Button des Dienstes Pocket ¯\_(ツ)_/¯

Wann genau ist eigentlich dieses „später“? Wann kommt also der Zeitpunkt, an dem ich die Ruhe finde all das zu lesen, was ich da per Mausklick speichere? Die Frage stelle ich mir seit geraumer Zeit. Zeit fast zehn Jahren nämlich sammle ich Lesetipps für später – mit einem Dienst, der Instapaper heißt und anfangs von dem sehr umtriebigen Programmierer Marco Arment quasi alleine auf die Beine gestellt wurde. Arment verkaufte Instapaper irgendwann und zuletzt sorgte der Dienst für Aufmerksamkeit, weil er Probleme mit dem europäischen Datenschutz hatte. Ich jedenfalls nutze ihn sehr lange und mindestens so häufig wie ich mich übers Archivieren und Wiederfinden von guten Texten freue, frage ich mich auch: Wann ist eigentlich später?

Die Antwort ist – natürlich – ein fröhliches Schulterzucken. ¯\_(ツ)_/¯

Denn auch wenn es in der Hektik des „schnell-speichern-und-vergessen“-Alltags manchmal untergeht: Es gibt diese guten Später-Momente durchaus. Eine lange Zugfahrt, auf der ich mich freue, all die Texte lesen zu können, die ich mal so spannend fand, dass ich sie speicherte. Deshalb sind Dienste wie Instapaper (und eben Pocket, auf das ich gleich komme) eben sehr tolle Erfindungen und deshalb ist das Klicken auf den „für später“-Button auch immer eine kleine Hoffnung auf ein besseres Morgen – verbunden mit dem Versprechen dereinst Zeit zu haben all das auch zu lesen.

Dass ich diese buttongewordene Hoffnung auf ein besseres Morgen genau jetzt als Shruggie des Monats auswähle, hängt mit der letzten Folge meines Newsletters zusammen. Anfang August drückten nämlich so viele Menschen bei dem Text Fünf Fitness-Übungen für Demokratie auf den „für später“-Button, dass meine Zugriffsstatistiken verrückt spielten.

Schuld daran ist der Instapaper-Konkurrent Pocket. Der hieß früher mal Read it later. Aber anders als Instapaper verkaufte der Gründer Nate Weiner den Dienst nicht, sondern entwickelte ihn weiter und betreibt ihn jetzt unter dem Dach der Mozilla-Foundation, die unter anderem auch den Browser Firefox entwickelt. Und der Firefox ist der Grund für den Traffic-Anstieg auf meinem Blog.

Mozilla möchte mit Hilfe von Pocket (und dem eingebauten „für später“-Button) ein Projekt realisieren, das sie Context Graph nennen. Sie wollen Nutzer*innen in Firefox auf Basis von Pocket-Empfehlungen Lesetipps ausspielen, die zu deren Interessen passen. Wie das gelingen kann, ohne Nutzerdaten zu speichern, wird hier erklärt. Wie das angenommen wird, kann ich auf Basis meines letzten Newsletters erklären: ziemlich gut.

Mein Text landete offenbar bei so vielen Firefox-Nutzer*innen auf der Startseite in den Pocket-Empfehlungen, dass nicht nur die Zugriffe auf dieser Seite in die Höhe gingen – auch die Abozahlen in meinem Newsletter stiegen massiv an. Das freut mich natürlich – und erinnert mich ein wenig an die Anfänge von Social-Media als derartige Reichweiten-Sprünge aus anfangs unerklärlichen Gründen noch häufiger passierten. Vielleicht steckt in der Pocket-Firefox-Entwicklung ähnliches Potenzial. In jedem Fall zeigt sie: Inhalte alleine sind immer weniger wert. Der Kontext wird immer wichtiger.

Wer sich für Hintergründe zu dieser Entwicklung interessiert, kann mal in mein Buch „Das Ende des Durchschnitts“ schauen oder sich bei The Verge dieses Interview mit Pocket-Chef Nate Weiner anhören.

Ich habe jedenfalls in diesem Monat meinen „für später“-Button von Instapaper zu Pocket umgezogen (das geht dank Export bei Instaper und Import bei Pocket recht einfach). Hier kann man meine öffentlichen Lese-Empfehlungen anschauen – ganz oben in der Liste sind gerade alte Folgen meines Newsletters. Denn auch hier im Blog gibt es ab sofort einen „für später“-Button von Pocket unter jedem Text. Denn kann man künftig gerne drücken – in der stillen Hoffnung auf ein gutes später mit mehr Zeit zur Lektüre

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

loading: Pronx

Raus aufs Land – das könnte das Motto des Abschlussmagazins sein, das die 56. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule* produziert hat. Es trägt den Titel „Pronx“ und sammelt „Geschichten für junge Leute, die in den Medien zu wenig vorkommen: junge Leute vom Land und aus Kleinstädten“. So steht es auf der Startnext-Seite zum Projekt. Leonie Sontheimer hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht ihr?
Wir haben ein Magazin für junge Menschen gemacht, die Bock auf Provinz haben: Pronx, das sind 74 unverklärte Seiten voller mitreißender Geschichten, deeper Recherchen und lustiger Anekdoten.

Warum macht ihr das (so)?
Wir sind Schülerinnen und Schüler der Deutschen Journalistenschule. Und wir hatten genug von Geschichten vom Land, die sich entweder wie exotische Reiseberichte oder wie die „Landlust“ lesen. Wir wollten erzählen, wie das Leben in Dörfern und Kleinstädten für junge Menschen wirklich ist.

Wer soll sich dafür interessieren?
Pronx ist das Magazin für alle, die sich dafür interessieren, was abseits der Metropolen passiert. Weil das Abschlussmagazin der Schule normalerweise nur an andere Journalistinnen und Journalisten verschickt wird, machen wir ein Crowdfunding. Denn wir wollen mehr Hefte drucken und damit unsere wahre Zielgruppe erreichen: junge Leute, die Bock auf Provinz haben.

Wie geht es weiter?
Wenn das Crowdfunding klappt, gehen die Hefte im September in Druck. Die Release-Party ist am 14.09. in München. Die Sektdusche ist noch zu haben!

Was sollten mehr Menschen wissen?
Das Leben auf dem Land hat mehr Facetten als „Landlust“-Kitsch und Gülle-Gestank.

>>> Hier Pronx auf Startnext unterstützen.

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein eines meiner Bücher über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen).

* Offenlegung – im Rahmen des Projekts #journalistenschule habe ich mit Schülerinnen und Schülern dieser Klasse zusammengearbeitet.

Fünf Fitness-Übungen für Demokratie 💪 (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wissen Sie was mit einem Muskel passiert, wenn er unter Belastung gerät?
Er wächst. 💪
Wissen Sie was mit der Demokratie passiert, wenn sie unter Belastung gerät?
Das hängt von Ihrer Reaktion ab.

Ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktionieren kann. Ich glaube, dass sie unter Belastung stärker werden kann. Wenn rechtspopulistische Parteien in Parlamente einziehen oder Extremisten unterschiedlicher Prägung den Pluralismus und die Freiheit in Frage stellen, dann ist das eine Belastung für die Demokratie – wie ein langer Lauf eine Belastung für die Muskulatur ist. Es ist anstrengend, aber nicht das Ende. Die Muskulatur wird gefordert, wenn man sich die Kräfte aber gut einteilt, wird sie dadurch stärker.

Ich will mich nicht denjenigen anschließen, die aus den rechtspopulistischen Entwicklungen weltweit den Schluss ziehen, die Demokratie sei in Gefahr. Ich will nicht denen folgen, die – wie exemplarisch Gert Heidenreich in der Außenansicht in der SZ – zu Intoleranz auffordern, um die Demokratie zu schützen. Ich halte diese Aufrufe – auch wenn sie aus bester Absicht geschehen – für grundfalsch: Wer die plurale Demokratie verteidigen will, muss beginnen, sie zu praktizieren. Wer die Grundideen der offenen Gesellschaft wertvoll findet, darf sie nicht bei der kleinsten Bewährungsprobe in Frage stellen.

Was wir gerade erleben, ist eine Herausforderung für die Demokratie: kein Anzeichen für den Untergang, sondern die Möglichkeit zu wachsen. Wer unter sportlicher Belastung zu schwitzen beginnt, ist dadurch ja auch nicht automatisch in Gefahr – womöglich ist es vor allem das: Training. (dass die trainierenden Menschen auf diesem Unsplash-Bild von Quino Al in einem Boot sitzen, ist übrigens ein Wink mit dem Zaunpfahl – siehe dazu „Aber“ von Eko Fresh)

Ich würde mir wünschen, dass wir mit einem Training für unsere demokratischen Fähigkeiten beginnen: Mit einem Prozess, der uns in die Lage versetzt, demokratisch fitter zu werden. So wie ein regelmäßiges Lauftraining die Ausdauer steigert, brauchen wir Übungen in Demokratie, die uns offener, toleranter und pluraler machen. Das ist anstrengend und fordernd, aber es ist nicht: der Untergang! Denn das beste Mittel um die Demokratie zu stäkren, ist demokratisches Verhalten: eine Kultur des aufgeklärten Zweifels und der Ironie und das Bekenntnis zu mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit!

Natürlich: Man muss das Training gut dosieren. Und so wie übermäßiges Lauftraining auch schädlich sein kann, muss man auch beim Demokratie-Training das Toleranz-Paradoxon von Karl Popper im Hinterkopf haben. Es sollte aber niemanden daran hindern, überhaupt mit dem Training zu beginnen.

Deshalb habe ich fünf Übungen gesammelt, die mindestens ein guter Anfang sind. Denn: Damit kann jede und jeder bei sich beginnen:

💪 1. Es gibt mehr Meinungen als meine. Selbst wenn ich sie falsch finde: Es ist okay, dass es andere Meinungen gibt. Es ist nicht okay, wegen Meinungsdifferenzen persönlich angreifend zu werden. Streitkultur ist ein wichtiger Bestandteil demokratsicher Öffentlichkeiten. Wir müssen sie praktizieren und vielleicht sogar wie Aladin El-Mafaalani in diesem Interview als Teil der Leitkultur verstehen.

💪 2. Ich akzeptiere das Fremde und Andere, denn Demokratie lebt von Pluralität. Wir achten einander – und das Recht auf eine andere (auch falsche) Meinung. Egal wie dringlich das Thema ist, es gilt die Maxime: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ – auch in Bezug auf die eigene Meinung: Es ist stets auch die Freiheit ZUM Andersdenken

💪 3. Ich vermeide Verachtung. Egal wie doof die andere Meinung ist, ich erlaube mir nicht, deshalb die Anderen zu verachten. Man kann unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem die Gegenseite als Mensch akzeptieren – Arthur Brooks nennt dazu mehrere Ansätze („How To Disagree Better“), im Kern geht es ihm aber immer darum, Verachtung zu vermeiden.

💪 4. Ich versuche nicht zuerst die Andersdenken zu überzeugen, sondern sie zu verstehen. Selbst wenn ich ihre Argumente für falsch halte: Ich verlange von mir selber, dass ich diese Argumente kenne. Nur wenn ich die Meinungen der Gegenseite kenne, kann ich mich auch mit ihnen auseinander setzen. Gerade bei hoher Komplexität ist ein breites Meinungsspektrum wichtig, denn Diversität ist kein moralischer Maßstab, sondern die beste Methode komplexe Probleme zu lösen.

💪 5. Ich versuche, Menschen und Meinungen zu trennen – und suche einen sachlichen Austausch. Dabei leiten mich diese zehn Gebote der Logik. Denn der Versuch, alle Entwicklungen in einen Dualismus von Pro&Contra zu zwängen, führt manchmal zu eine so genannten „falsebalance“, was gerade bei wissenschaftlichen Fakten ein großes Problem sein kann.

Diese fünf Vorschläge sind ein Anfang. Ich freue mich auf Ergänzungen, die Übungen für die demokratische Fitness in diesem Land und in Europa sind. Denn ich glaube, dass das Fazit stimmt, das Naika Foroutan in diesem Interview mit dem Tagesspiegel zieht:

Die Menschen sind diesen Kulturpessimismus leid, sie sind es satt, agitiert zu werden. Die Hasswelle, die seit ein paar Jahren über uns hinwegrollt, durchschauen viele inzwischen. (…) Wir müssen Widerstand zeigen und ein klares Bekenntnis: Ja, wir wollen in einer pluralen Demokratie zusammenleben, die vom Gedanken der Einigkeit, des Rechts und der Gleichheit angetrieben wird. Ich denke, es gibt da gerade ein großes Momentum, man hört schon die ersten rufen: Auf, auf! Setzt euch in Bewegung! Es ist unser Land. Verteidigen wir es gemeinsam!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Shruggie des Monats: Die Özil-Debatte

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext sowie das Stories-Format beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich bin Mesut Özil dankbar. Denn es gibt einen Aspekt an der gerade in aller Heftigkeit laufenden Debatte, den ich uneingeschränkt und ohne jegliche Abwägung und Einordnung dank Mesut Özil betonen kann: So einfach ist es nicht. Mit diesem Satz liegt man in nahezu jeglicher Debatte über den Nationalspieler nicht falsch. Und das ist schon ziemlich viel Wert: nicht völlig falsch zu liegen.

Denn die Özil-Debatte präsentiert in aller Anschaulichkeit eine der definierenden Grundeigenschaften zahlreicher gegenwärtiger Herausforderungen, die man ebenfalls mit dem Satz „So einfach ist das nicht“ zusammenfassen kann. Bei immer mehr Problemen sind die Abhängigkeiten und Verknüpfungen so unübersichtlich und komplex geworden, dass wir mit einfachen Antworten nicht mehr weiter kommen – auch und gerade nicht in der Özil-Debatte. Sie ist, wie der Kollege Friedemann Karig es sehr treffend auf den Punkt gebracht hat, eine (wie ich finde:) großangelegte Übung in „Ambiguitätstoleranz“

Wir müssen lernen, mit Widersprüchen und Mehrdeutigkeiten umzugehen. Das drückt der Begriff Ambiguitätstoleranz aus – und die Özil-Debatte zwingt uns genau dazu. Denn sie ist voll von „Aber andererseits“-Argumenten, die es zu bedenken gilt, wenn man sich von den Verfechtern der einfachen Schuldzuweisungen distanzieren will. Das menschenfreundliche Schulterzucken des Shruggie ist für mich das perfekte Symbol für Ambiguitätstoleranz – und die aktuelle laufende Debatte um Mesut Özil eignet sich deshalb so gut für eine Übung genau darin, weil sie voll ist von Meinungen und Gewissheiten. Nahezu jeder Wortbeitrag zum Thema ist voll von festen Standpunkten und Ansichten. Aber fast kein Wortbeitrag bringt die Offenheit und die Toleranz auf, nachzufragen was ständiger Antrieb des Shruggie ist: Was, wenn das Gegenteil richtig wäre?

Dieser Pluralismus ist Grundlage für ein weltoffenes, tolerantes Land und die Debatte um Mesut Özil erinnert uns alle daran, dass es etwas gibt, was wichtiger ist als einfach nur recht zu haben: der Wettstreit der Ideen. Dafür einzutreten heißt eben auch, den Verdacht zuzulassen, dass die Gegenseite Recht haben könnte – oder schlimmer noch, dass mehrere Aspekte richtig sein könnte. (Foto: Unsplash/Ozan Safak)

Genau davon handelt die Haltung des Shruggie – und er hat sie diese Woche in einem Mehr Ratlosigkeit wagen überschriebenen Essay im Deutschlandfunk ausführlich dargelegt. Der Beitrag wurde an dem Tag veröffentlicht, an dem nachmittags viele tausend Menschen gegen Hetze und für eine menschenfreundliche Politik in München auf die Straße gegangen sind und an dem abends Mesut Özil seine III/III Stellungnahmen veröffentlichte.

Die CSU empfindet das Eintreten für eine menschliche Politik als Angriff auf ihre Vertreter*innen. Das klingt nicht nur entlarvend, es legt auch ein demokratisches Defizit offen: Die CSU hat sich ausführlich mit der #ausgehetzt-Demo befasst, sie hat dafür Plakate gedruckt und im Anschluss auch eine absonderliche #WirsindCSU-Kampagne gestartet, in der sie sich als Opfer von linker Hetze sieht. Ich frage mich, wieviel sinnvoller diese Energie investiert gewesen wäre, hätte ein CSU-Landtagsabgeordneter das getan, was die Vertreter*innen anderer Parteien bei der Demo am Sonntag auf dem Königsplatz getan haben: Fünf Minuten vor den Demonstranten zu sprechen. Für das demokratische Klima in diesem Land (und vermutlich sogar für die Wahlergebnisse der CSU) wäre ein solcher Auftritt sicher hilfreicher gewesen als die etwas merkwürdige Kampagne, die man jetzt zu starten versucht.

Denn Ambiguitätstoleranz zu praktizieren, heißt ja nicht nur festzustellen, dass es keine einfachen Lösungen mehr gibt. Es heißt auch, auszuhalten, dass es Widerspruch gibt – von der Bühne und vor der Bühne. Meiner Meinung nach müssen wir hier allesamt noch etwas üben. Mesut Özil hat das sehr eindrücklich offen gelegt.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

„München – Stadt in Angst“ – was tun gegen die Panik?

Heute ist es zwei Jahre her, dass sich in München ein terroristischer Anschlag ereignete. Am 22. Juli 2016 erschoss ein 18-Jähriger am Olympia-Einkaufszentrum in München neun zumeist junge Menschen mit Migrationshintergrund. Zum Jahrestag des Verbrechens strahlt der Bayerische Rundfunk den Dokumentarfilm „München – Stadt in Angst“ von Stefan Eberlein aus (hier in der Mediathek ansehen).

Der Täter, aber vor allem die Opfer spielen in dem Film keine Rolle. „Stadt in Angst“ (was übrigens auch ein Filmtitel ist) dokumentiert vor allem die Panik, die sich im Anschluss an das Verbrechen in der Stadt ausbreitete: Wie kam es zu der Hysterie? Welche Wahrnehmungen lösten die Massenpanik aus? Welche Rolle spielen Polizei und Rettungskräfte?

Die Dokumentation, die daraus entstanden ist, ist extrem spannend. Sie lässt ein Bild entstehen, zoomt heraus und blickt mit Distanz auf das Geschehen. Leider spart der Film eine Frage aus, die sich nach dem Betrachten der Bild nahezu aufdrängt: Was kann man gegen die Panik tun? Wie kann man sich wappnen für einen neuen Hysterie-Fall? Welche Möglichkeiten hat jede/jeder Einzelne, um sich künftig einer Massenpanik zu widersetzen?

Ich habe darauf keine Antwort, ich sehe in dem Film allerdings mit Bewunderung einen älteren Mann, der davon berichtet wie er sich an dem Abend in aller Ruhe durch München bewegte. Er war im Kino und wollte im Anschluss mit seiner Frau, die in der Stadt beim Einkaufen war, zum Abendessen. Aufgrund der „Vollalarmierung“ in der Innenstadt war diese jedoch in einem Kaufhaus am Marienplatz eingesperrt. Er kam nicht rein, sie durfte nicht raus.
Der Mann schildert die Geschehnisse mit einer großen Gelassenheit (ca 55 Min). Ich habe mich lange gefragt, woher seine Ruhe kam – und habe nur eine Erklärung: Der Mann hat an dem Abend kaum Medien konsumiert. Offenbar hat er keine beängstigenden WhatsApp-Nachrichten erhalten und TV-Nachrichten hat er auch nicht anschauen können.

Denn: Das mediale Echo des Geschehens hat erst für den Nachhall der Panik gesorgt. Der BR-Reporter Martin Breitkopf, der an dem Tag vom Bierfest am Odeonsplatz zum Vor-Ort-Reporter am OEZ wurde, bringt es in der Sendung auf den Punkt (ca 62 Min): „Im Prinzip haben wir ja selber Terror gemacht. Alle miteinander haben wir Terror gemacht. Die Leute, die bei Facebook gepostet haben, wir die Medien, die Terror verbreitet haben. Die Polizei in gewisserweise auch, die nicht gesagt hat: Nein, es ist kein Terror. Aber klar, das Wort ist gefährlich und hat vielleicht die ganze Hysterie ausgelöst.“

Ich finde es ist an der Zeit, der Frage nachzugehen, wie die Gesellschaft mit diesen Situationen umgehen kann. Dazu zählt einerseits die Frage der klassischen medialen Berichterstattung, die nicht selten, im Sinne der Terroristen agiert (Braucht es eine Selbstverpflichtung gegen den Terror?). Es ist andererseits aber auch die Frage, wie man aufhört, auf soziale Medien zu schmipfen und beginnt, sie verantwortungsvoll zu nutzen. Bis uns was Besseres einfällt, verweise ich auf das kleine Projekt, das Heiko und Manuel ins Netz gebracht haben: Der Hashtag und die sieben Regeln #gegendiepanik

Kann es (noch) besser werden? (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Seit einer kleinen Weile gibt es in den ICE-Zügen der Deutschen Bahn kabelloses Internet. WIFIonICE nennt die Bahn das. Das ist schön. Außer dem WLAN gibt es aber noch etwas, was unsichtbar in der Luft liegt, wenn man einen Zug betritt. Man findet diese besondere Stimmung nicht nur in den schnellen ICE-Zügen, auch Regional- und manchmal sogar U-Bahnen sind betroffen. Das ist nicht so schön wie das WLAN. Es handelt sich um ein grundlegendes Grummeln, ein nörgelndes Nicht-Einverstanden sein, das man als „Schlechte Laune auf Eis“ beschreiben könnte. Es geht um die Haltung vieler Reisender jedes Ereignis auf der Fahrt als Ausweis für die Unfähigkeit der Bahn zu interpretieren. Egal, was passiert, es gibt nur eine Reaktion: „Typisch!“ Und das ist nicht nett gemeint.

Natürlich sind unter den vielen tausenden Bahnreisenden jeden Tag auch welche, die fröhlich gestimmt sind, optimistisch den Blick auf die Dinge richten, die funktionieren und höflich und nett bleiben im Austausch mit dem Personal. Sie sind aber erstens entschiedend leiser als die Typisch-Fahrer*innen und zweitens ist ihre Meinung bei weitem nicht so anschlussfähig wie das breite Bahn-Nörgeln, das einem stets zustimmendes Nicken nicht nur im Abteil garantiert.

Es gibt eine zweite Sache in diesem Land, die mit einem vergleichbaren Vorurteil zu kämpfen hat wie die Bahn: die Zukunft. Genau wie der Zugverkehr ist auch bei der Zukunft niemand offensiv dagegen (wie auch), aber einverstanden ist man dennoch nicht. Zukunft ist zu einer reiner Sonntagsreden-Floskel geworden, deren Gestaltung kaum Alltags-Antrieb ist. Dass jemand lauthals sagt, dass er die Zukunft gut findet, weil er glaubt, dass die Welt dann besser sein wird, hört man in diesem Land genauso selten wie man im Zug ein Lob auf die Bahn hört.

Ich glaube diesem Zukunfts-Zaudern liegt ein Mangel an innovativem Denken zugrunde.
„Die Fähigkeit, die Welt, so wie sie ist, zu verbessern und vieles in ihr ,neu zu erfinden'“, schreibt Wolf Lotter in seinem Buch „Innovation“, „ist eine zentrale kulturelle Leistung, vielleicht die wichtigste von allen.“ Der Brandeins-Autor spricht in seinem lesenswerten Buch von „barrierfreiem Denken“ und definiert Innovation als, „den berechtigten Anlass für die Hoffnung, dass es besser wird. Der Beweis, dass die Zukunft existiert.“

Anders formuliert: Wer innovatives Denken lernen möchte, muss die Fähigkeit trainieren, Zukunft als gestaltbaren Raum zu denken. Das Morgen und Übermorgen ist nicht schicksalhaft vorherbestimmt, es kann durch unser Zutun verändert, ja, verbessert werden.

Glauben Sie daran? Engagieren Sie sich dafür? Oder finden wir nicht allesamt immer wieder Entschuldigungen, warum es sich am Ende dann doch nicht lohnt? Warum erlauben wir uns so selten die Hoffnung darauf, dass unser Mit- und Zutun Einfluss auf die Zukunft hat?

Ich habe die Befürchtung, dass dies unter anderem daran liegt, dass der Referenzrahmen relevanter Entscheidungsträger*innen in diesem Land eben nicht das Heute oder Morgen ist, sondern das Gestern. Denn gestern waren die Dinge besser – so sehen sie es jedenfalls häufig. Hoffnung heißt für sie vor allem: den Status-Quo zu verteidigen. Das ist ein ehrenvoller Antrieb, aber eben ein anderer als jener, der Menschen vor einer Generation inspirierte, die sich auf das Ziel konzentrierten: Meine Kinder sollen es mal besser haben.

Ob man die kulturelle Leistung der Innovation erbringen kann, ist also weniger eine Frage der Übung als eine Frage der Perspektive, die man auf die Welt wirft. Wenn man so will, handelt „Das Pragmatismus-Prinzip“ von nichts anderem als von dem Versuch, innovatives Denken immer wieder und immer wieder neu anzuwenden. In dem Buch gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie der Wechsel der Perspektive uns dabei helfen kann. Diesen Perspektiv-Wechsel haben Yannic Hannebohn und ich einzuleiten versucht, als wir vor ein paar Wochen das Crowdfunding für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ gestartet haben: Wir wollten ihn für zehn Jahre finanzieren!

Zehn Jahre!
Das klingt nach einer kleinen Ewigkeit, wenn man aber ins Jahr 2008 zurückdenkt, stellt man fest, wie nah zehn Jahre in Wahrheit sind. Das haben wir in dem Hashtag #10JahreZukunft zusammengefasst. Beides sollte den Blick öffnen auf die Zukunft als gestaltbaren Raum.

Ob das geklappt habe? Darüber kann man streiten: Yannic und ich haben das in der jüngsten Ausgabe des Podcasts getan. Wir haben gewettet, ob das Crowdfunding noch erfolgreich wird. Am Donnerstag dieser Woche endet es. Am Mittwoch nehmen wir eine Live-Folge in Berlin auf (20.6.,20:06 Uhr Gitschiner Straße 20 Berlin).

Vielleicht wird es die letzte Folge unseres kleinen Projekts.
Vielleicht aber auch nicht.

In jedem Fall ist das Projekt aktuell eine gute Übung in der positiven Antwort auf die Frage, die wie keine zweite innovatives Denken offenlegt:

Kann es (noch) besser werden?


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Shruggie des Monats: das Stories-Format

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen und die Plattform Startnext beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich verstehs nicht. Das Format widerspricht allem, was ich meinte über Social Media verstanden zu haben: Man kann es nur für kurze Zeit (24 Stunden) ansehen, es gibt keine Möglichkeit zu öffentlichen Likes oder Kommentaren, keinen sichtbaren Austausch und maximal 15 Sekunden Zeit. Die im Hochformat gefilmten Sequenzen, die Snapchat unter dem Namen Stories erfand, sind mir ein Rätsel – aber ein faszinierendes. Seit Instagram das Format kopiert hat, versuche ich zu verstehen, was den Reiz der Stories ausmacht – mit mäßigem Erfolg. Bis ich mich meiner Ratlosigkeit stellte, einfach selber konsequent Stories zu nutzen begann und einen tollen Text dazu las.

Dabei soll ich hier gar nicht so sehr darum gehen, dass Ian Bogost in diesem the Atlantic-Text Stories als erstes Smartphone-Medienformat beschreibt. Als Shruggie des Monats wähle ich das Story-Format, weil ich eine Menge Leute kennen, die meine Ratlosigkeit ihnen gegenüber teilen. Sie verstehen einfach nicht so genau, was dieses Format will oder soll. Und genau diese Verstörung ist Ausgangspunkt für Neues – behauptet jedenfalls der Shruggie. Er fordert gar dazu auf, sich dieser Irritation bewusst auszusetzen. Eben um auf neue Ideen zu kommen.

Ich bin weit davon entfernt, auf Story-Ideen zu kommen. Seit ich aber aus der Ratlosigkeit heraus begonnen habe, selber kleine Sequenzen zu filmen und zu veröffentlichen, habe ich eine erstaunliche Shruggie-Beobachtung gemacht: Die Verwirrung verschwindet.

Durch die Benutzung habe ich selber verstanden, was ich vorher nur von außen geahnt habe: Die zeitliche Verknappung der Stories sind die grundlegende Basis ihres Erfolgs. Um auf dem Laufenden zu bleiben, was meine Freunde beschäftigt, muss ich sehr regelmäßig ihre Stories anschauen. Denn wenn es blöd läuft, verpasse ich sonst eine zentrale Information – die eben nach 24 Stunden verschwunden ist. So wie Twitter auf die unbegrenzte Möglichkeit der Veröffentlichung mit einer Begrenzung der Zeichenzahl reagiert, so setzt das Stories-Format in Zeiten der ständigen Verfügbarkeit von Online-Inhalten auf deren zeitliche Begrenzung. „Gibts halt nur 24 Stunden, musst du jetzt gucken“ ist die Online-Entsprechung zur Schlange am angesagten Club – eine Verknappung, die das Interesse steigert.

Richtig begriffen habe ich das erst, als ich über meine eigenen Ratlosigkeit hinweg begonnen habe, selber Stories zu veröffentlichen. Denn natürlich bleiben diese nicht ohne Reaktion – die Reaktionen geschehen aber nicht mehr öffentlich. Es gibt einen privateren Austausch als jener auf der Social-Media-Bühne. Auch das ist ein interessanter Aspekt, den ich als außenstehender Beobachter vermutlich nicht erkannt hätte.

Und abseits der formalen Aspekte, eröffnet das Format tatsächlich ein neues Erzählmuster und veränderte filmische Narrative. Ob es – wie Ian Bogost schreibt – wirklich das erste Smartphone-Medienformat ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube er liegt nicht falsch, wenn er analysiert:

“Photography is not about the thing photographed,” Winogrand once said. “It is about how that thing looks photographed.” And likewise, a Story is not about the things sequenced in the story. It is about how those things look through the sensors and software of a smartphone. It’s a dubious sensation, to stare down the barrel of that future.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen

Heimatverein Internet

Kann das weltumspannende Netz der Netze Heimat sein? Schon weit bevor die Bundesregierung ein Heimatministerium gründete, formulierte ich hier meine vorsichtige Antwort: Ja, man kann im Internet Zuhause sein!
Die vage Idee, einen Heimatverein zu gründen für Menschen, die Online als ihre Heimat finden, stieß auf erstaunlich positiven Zuspruch. Deshalb denke ich schon seit einer Weile mit eine paar Mitstreiter*innen darüber nach, wie man ein solches Projekt angehen kann, damit es mehr ist als eine schöne kleine Idee.

Das dauert alles etwas länger als geplant, aber es wird. Es wird ein ganz tolles Projekt. Das kann ich voller Überzeugung sagen, weil einige sehr tolle Leute weiter an der Idee mitdenken und wir schon ziemlich gute Ideen entwickelt haben. In der Umsetzung brauchen wir noch etwas Zeit und Geduld. Aber: Es wird!

Deshalb lohnt es sich, sich hier in den Newsletter für den Heimatverein Internet einzutragen. Und wer weitere Hintergründe erfahren möchte, kann dieses Essays aus der SZ lesen, in dem ich aufgeschrieben habe, „dass das Internet die Heimat einer Generation ist, die völlig selbstverständlich mit der Idee von Völkerverständigung und Verbindung aufwächst. Auf diese Weise aufs Internet und auf die dort entstandene Heimat zu schauen, eröffnet einen völlig neuen Blick auf die Debatte um eine vermeintlich so bedrohte Identität. Es macht den Kulturessentialisten die Deutungshoheit über die Begriffe Heimat und Identität streitig und dokumentiert eine Wertschätzung für die Ideen des freien Wissens, des Pluralismus und der Meinungsfreiheit.“

Wenn du diese Wertschätzung teilst, kannst Du Dich hier für den Newsletter zum Heimatverein Internet eintragen