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Shruggie des Monats: Die digitale Präsenz

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Das da oben auf dem Bild ist Seoul, Südkorea. Ich sitze in einem Auto, höre einen lokalen Radionsender und fahre durch die Straßen der Millionenmetropole. Klar, in Wahrheit sitze ich in München im Homeoffice, aber die Seite Drive And Listen gibt mir das Gefühl, ich sei wieder in Südkorea.

Das ist wunderbar. Denn mit einem Klick kann ich auch durch Amsterdam oder Barcelona fahren. Und mit zwei weiteren Klicks finde ich raus: die Seite wurde in München gebaut. Von Erkam Şeker, der hier an der TU studiert und der Welt diese tolle Seite geschenkt hat, die einen Blick raus aus dem Lockdown gewährt (man kann ihm übrigens hier auf Instagram folgen und hier einen Kaffee kaufen. Und wer noch mehr lokale Radiostationen weltweit hören und sich via Google-Maps in die passende Städte begeben will, kann sich auch mal eine Weile durch Radiogarden klicken.)

Ich erzähle das, weil diese kleine Geschichte im doppelten Sinn der Beweis für die These ist, die im zu Beginn des ersten Lockdowns notierte: Immerhin haben wir das Internet. Mehr noch: Die vergangenen Monate haben uns gelehrt, dass das Internet mehr ist als ein Notlösung, dass digitale Präsenz eine ganz eigene auch wertvolle Form der Verbindung ist.

¯\_(ツ)_/¯

Was ich damit meine, könnte vermutlich Leander Wattig am besten beschreiben, der das Schweigen in Clubhouse erfunden hat: der Ruheraum zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen gemeinsam an einem virtuellen Ort sind und schweigen. Mittlerweile gibt es das Prinzip des „stillen Vernetzens“ in zahlreichen Varianten in Clubhouse und Leanders wunderbare Idee ist zu einem Symbol für das geworden, was ich digitale Präsenz nennen würde: das besondere Gefühl auf mehr als virtuelle Weise verbunden zu sein.

Beim so genannten Presence-Projekt wird der gemeinsame Raum nicht akustisch, sondern optisch erlebbar. Ich kann in der App sehen, wie jemand woanders ebenfalls den Bildschirm berüht – und wenn wir gemeinsam den gleichen Punkt auf dem Smartphone berühren, vibriert das Gerät leicht.

Die App Color Chat überträgt die Konversation in Textform auf Farben und in der Sonar-App kann ich gemeinsam mit anderen Musik hören und mich austauschen.

All diese kleinen Beispiele zeigen, dass die Art der Live-Verbindung übers Netz, die ich 2020 mal in diesem Schwerpunkt begleitet habe, kein Notlösung mehr ist, sondern zu einer Verbindungsform geworden ist. Telebier, gemeinsames virtuelles Fernsehen oder Kinoabende werden auch über die Pandemie hinweg die digitale Kultur prägen.

Und bis dahin können wir mit der Seite citywalk.live durch fremde Städte spazieren – und mit dem Feature „Group Walks“ sogar gemeinsam mit anderen in Echtzeit.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Shruggie des Monats: der Live-Stream

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Der Live-Stream als Shruggie der Corona-Zeit hängt eng zusammen mit den Lehren, die ich hier notiert habe und den Interviews, die hier im Blog gesammelt sind.

Zu dem gesamten Themenkomplex plane ich hier einen Newsletter!

These: In ein oder zwei Jahren wird es normal sein, dass auf jeder Nachrichtenwebsite prominent im Kopf ein „live“-Button leuchtet. Die Corona-Krise zeigt uns gerade, wie virtuelle Verbindungen funktionieren. Zwar nicht so lebendig und greifbar wie der Austausch in physischer Nähe, aber doch besser als alle immer dachten. Vielleicht wird aus dem aktuellen Notnagel „Live-Stream“ in Zukunft ein echtes digitales Geschäftsmodell, das sich zum Beispiel darin zeigen könnte, dass Webseiten ein Live-Ressort bekommen, in dem vom Live-Ticker bis zum gemeinsamen Stream alles gebündelt wird, was als Echtzeit-Erlebnis das bisherige Angebot ergänzt.

¯\_(ツ)_/¯

Wie ich darauf komme, kann man in meinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ nachlesen. Ich glaube, dass wir kulturelle Produkte mehr als Prozess (wie Software) denken könnten – und damit bemerken: Das Internet ist nicht nur Dokumentationsmedium, sondern vor allen Dingen ein Erlebnismedium. Teil- und Einflussnahme am Entstehen sind hier wertvoller Bestandteil der bisher als abgeschlossen gedachten Inhalten in allen erdenklichen Formen. Durch die Corona-Krise wird dieser Wandel vom Produkt zum Prozess auch für vormals weniger digitale Menschen greif- und fühlbar. Der Live-Stream macht aus Text, Bild und Ton ein Erlebnis, aus dem womöglich neue Finanzierungsmethoden erwachsen können – wenn wir anfangen, „live“ zu denken (am 1. Mai werde ich in einem Insta-Live versuchen, der Frage nachzugehen „Wie sieht die Live-Version eines Buches aus?“)

Meine Behauptung basiert nicht nur auf persönlicher Beobachtung, sondern vor allem auf einer großen Ankündigung des Facebook-Konzerns, der sich ja schon länger auf dem Dark-Social-Weg von einem offenen Marktplatz zu einer großen Summe vieler kleiner privater Räume befinden. „Video-Präsenz“, hat Mark Zuckerberg an diesem Wochenende angekündigt, „ist keine neue Ära für uns, aber es ist eine Ära, in die wir tiefer einsteigen wollen.“

Über die wichtigsten Angebote des Facebook-Konzerns hinweg (Messenger, Portal, WhatsApp und Instagram) wird (in Varianten) ein Video-Call-Angebot ausgerollt, das auf den Namen „Messenger Rooms“ hört: „Einfach einen Raum direkt über Messenger oder Facebook erstellen und jeden gewünschten Teilnehmer zum Beitritt einladen, auch wenn die Person kein Facebook-Konto besitzt“, schreibt Stan Chudnovsky im Unternehmensblog.

Damit reagiert Facebook auf die weltweite soziale physische Distanz durch die Corona-Krise und kopiert das Angebot von Zoom, das durch den rapiden Aufstieg von Live-Streams extrem populär geworden ist – und beschleunigt damit eine Entwicklung, die sicher nach Corona bleiben wird: der Live-Stream wird immer wichtiger.

Gerade ist er die einzige Möglichkeit des direkten Austauschs, aber auch wenn dieser direkte Austausch wieder möglich wird, wird das Live-Gefühl bleiben. Hier im Blog hatte Gerd Leonhard zurecht prognostiziert: „Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.“

Dafür spricht auch ein Feature, das Facebook für seine Rooms ankündigt: „Um Kreative und kleine Unternhemen zu unterstützen, wollen wir die Möglichkeit ergänzen, Eintritt zu verlangen für den Zugang zu Events mit Live Videos auf Facebook.“

Um diese Entwicklung zu begleiten, plane ich hier einen Live-Newsletter. Außerdem werde ich meine eigenen Live-Experimente als Virtual-Keynote-Speaker dort dokumentieren. Denn die Corona-Krise zeigt sehr deutlich, wie der Live-Stream an Bedeutung gewinnt – dazu auch diese Schwerpunkte hier im Blog:

> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Volkshochschule im Internet: Interview mit Christof Schulz über Livestreaming

Als ich im vergangenen Dezember auf Einladung der Volkshochschule Ottobrunn zu einem Vortrag im dortigen Rathaus auftrat, war ich einigermaßen erstaunt, wie selbstverständlich und souverän dort der Vortrag ins Netz gestreamt wurde. Geschäftsführer Christof Schulz und sein Team setzten dort schon vor der Corona-Krise in die Tat um, was jetzt ein großes Thema ist: die digitale Übertragung von Veranstaltungen (Foto: unsplash).

Am heutigen Montag abend darf ich auf Einladung der VHS wieder im Livestream sprechen. Es geht um Kommunikation in Krisen-Zeiten. Mit meinem Kollegen Klaus Ott habe ich dazu zehn Ratschläge in die SZ geschrieben – und hier im Blog auch schon zur Panikvermeidung in Corona-Zeiten geschrieben.

Hier kann man sich den Stream anschauen!
Vorab habe ich dem Geschäftsführer der VHS Südost, Christof Schulz, ein paar Fragen zum Thema Stream und Internet gemailt.

Live-Streams von Veranstaltungen sind gerade ein großes Thema. Sie machen das an der VHS Ottobrun schon seit einer Weile. Wie kam es dazu, dass Sie schon früh mit dem Thema begonnen haben?
Volkshochschulen sind Einrichtungen mit einem recht begrenzten regionalen Markt. Kooperation gibt es natürlich, aber die Idee jenseits aller regionalen Grenzen zusammenarbeiten zu können und damit Angebote und Inhalte für alle deutschsprachigen Bildungseinrichtungen letzlich in der ganzen Welt anbieten zu können, das hat uns gereizt. Dazu kommt, dass uns die digitale Teilhabe für alle an der vhs SüdOst sehr wichtig ist. Da schien es uns naheliegend unser Programm durch die neuen Möglichkeiten zu erweitern, unseren TeilnehmerInnen diese Möglichkeiten zu vermitteln und auch barrierefreier zu werden. Vorträge und Diskussionen können jetzt vom Sofa aus besucht werden, kein Stress mehr, um pünktlich ab 19.30 Uhr nach Arbeitstag oder Familienversorgung noch in die vhs zu hetzten.

Wie lösen Sie das Streaming technisch?
Eigentlich ganz einfach, wir nutzen die Software zoom und je nach Anlass 1-2 Kameras und etwas Tontechnik. Mittlerweile haben wir das gut im Griff und schaffen Auf- und Abbau in nicht einmal 40 Minuten.

Welche Erfahrungen haben Sie kulturell bisher gemacht, also: Wie reagieren Ihre Gäste auf das Streaming-Angebot?
Die Reaktionen sind überwiegend sehr sehr positiv. Seit der Corona-Pandemie geradezu begeistert.
Ich glaube für einige vhs-TeilnehmerInnen war es bis vor kurzem schon ein kleines Abenteuer die technischen Hürden zu überwinden und es hat sich ein enstprechender Stolz geszeigt, wenn sie dann nicht nur zusehen, sondern sich auch noch über den Chat beteiligen konnten. Insbesondere das Zusammenwirken von Präsenz- und Online-Publikum zu einer gemeinsamen Diskussion kommt auch gut an. Da war ich mir anfangs nicht so sicher, denn für die TeilnehmerInnen vor Ort ist der „weg“ zum Referenten natürlich viel kürzer als für die Teilnehmer, die sich nur über einen Chat beteiligen können und dann die Frage noch von einem Moderator stellvertretend gestellt werden muss. Klappt aber bis jetzt sehr gut.
Ein Erfolgsrezept ist es auch, dass wir alle unsere Livestreams auch anderen zur Verfügung stellen, so können Fachleute und Referenten über die örtlichen Einrichtungen gebucht werden, auf die so mache Einrichtung ansonsten keinen „Zugriff“ hätte. Das wissen viele TeilnehmerInnen zu schätzen.

Was war die bisher beste und was die negativste Erfahrung?
Die beste Erfahrung war bisher zu sehen, dass eigentlich von Semester zu Semester die Zuschauerzahlen gestiegen sind und wir letzte Woche – natürlich bedingt duch die Corona-Pandemie – mindestens 350 ZuscherInnen hatten. Das war bewegend zu sehen, wie schnell die Beitritte in den Online-Raum nach oben geschnellt sind. Auch das überwältigend positive Feedback und die Dankbarkeit der ZuschauerInnen war toll.

Und negative Erfahrungen?
Richtig negativ war bis jetzt nichts, evtl. die Tatsache, dass die Abhängigkeit von der Technik nochmal eine Stufe deutlicher ausfällt und wir die Netzqualität nicht kontrollieren können. In physischen Räumen sind die meisten Probleme schnell zu lösen, wenn jemand einfach nicht reinkommt oder die Netzqualität nicht reicht, dann können wir nichts machen.

Welche Lehren würden Sie Menschen weitergeben, die jetzt mit Streams beginnen wollen?
Technik und insbesondere Zutritt für die TeilnehmerInnen so einfach wie möglich halten.
Immer die technische Seite mitdenken und auf entsprechende Fragen und Hilfestellungen vorbereitet sein.
ReferentInnen immer vorab informieren und vorbereiten, Kameras sind manchmal gewöhnungsbedürftig und es ist extrem wichtig das Publikum außerhalb des Raums mitzudenken.
Ein Livestream sind im Prinzip zwei Veranstaltungen auf einmal, da braucht man auch zwei Personen zur Betreuung, alleine ist man schnell überfordert.

Nutzen Sie selbst als Zuschauer Streams? Haben Sie da einen Tipp?
Dafür habe ich leider nur wenig Zeit, im Moment vergeht kaum ein Abend, an dem ich nicht die Livekonzerte von Igor Levit verfolge. Ich bin zwar nicht der Klassikfan aber die Streams sind sehr emotional und lebendig, wirklich wunderschön. Und es ist so einfach dabei zu sein, dass es fast wie eine persönliche Einladung ins Wohnzimmer wirkt.