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Shruggie des Monats: Das Gegenteil

Seit dem Januar 2018 gibt es hier die von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik Shruggie des Monats. Sie ist Bestandteil des monatlichen Newsletters Digitale Notizen und stellt regelmäßig Personen, Ideen und Begebenheiten vor, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Mit dieser Folge möchte ich die Rubrik erweitern. Denn spätestens seit dem auf dem Shruggie-Prinzip basierenden Buch „Anleitung zum Unkreativsein“ bin ich ein großer Gegenteil-Fan. In der umgedrehten Perspektive liegt häufig ein neuer, kreativer Blick. Um den einzuüben werde ich ab sofort die Rubrik Das Gegenteil anstelle oder ergänzend zum Shruggie des Monats befüllen.

Für mich persönlich ist die größte Herausforderung häufig die Konfrontation mit dem Gegenteil. Womit wir schon mitten drin sind im Thema. Denn gibt es eigentlich ein Gegenteil von „Herausforderung“? Also rein semantisch gesehen: Welcher Begriff beschreibt das Gegenteil einer Herausforderung? Und was wäre das dann inhaltlich: Beruhigend? Bestätigend? (Foto: Unsplash)

Man kann mit dem Gegenteil-Prinzip schöne Perspektiv-Wechsel auslösen. Die Anleitung zum Unkreativsein macht dies beispielhaft vor. Reverse-Ratgeber öffnen nicht nur den Blick auf das, was sie raten, sondern auch eine Reflektion auf die Ratgebenden und deren Position. Und derlei Perspektivwechsel scheinen mir auf mannigfaltige Weise nötig. Denn darin steckt mehr als die kreativitätsfördernde Kopstand-Methode. In einer sich polarisierenden Welt steckt darin die Fähigkeit, die Welt aus der Perspektive von anderen wahrzunehmen. Auf diese Weise hat Hans-Georg Gadamer mal den Begriff „Bildung“ umschrieben.

Dieser Form der Bildung will sich diese neue Gegenteil-Rubrik annehmen. Denn erst wenn man nach dem Gegenteil fragt, werden Inhalt, Ausrichtung und Schwerpunktsetzung dessen deutlich, was man zu oft als gegeben annimmt. Gemeinsam mit meinem Innovations-Kollegen Johannes Klingebiel fragte ich Ende 2019 mal nach dem Gegenteil von Innovation. Unter dem Tweet finden sich jede Menge schöne Antworten…

… die ich alle mit Gewinn las, um neue Eindrücke eines Themas zu finden, das mir eigentlich bekannt schien.

Über die Gegenteilfrage gelangte ich damals zu dem rein semantischen Begriffsbruder der Innovation: Die Exnotation wird „als Prozess zum Ausstieg aus nicht-nachhaltigen Infrastrukturen, Technologien, Produkten und Praktiken beschrieben.“

In der taz erklärt Luise Neubauer die Idee hinter dem weitaus unbekannteren Begriffsbuder Exnoation so:

Man kennt es nicht, denn wir machen es nicht. Das Problem mit dem Exnovieren ist für uns nämlich, dass Abschied, also die Beendigung einer politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Praxis durch unser offensichtlich (und nachvollziehbarerweise) kompliziertes kulturelles Selbstbild, mit Ablehnung und vor allem mit Abwertung konnotiert wird. Hören wir mit etwas bewusst auf, impliziert man, dass es falsch war. Dabei ist Abschied von früheren Innovationen nichts anderes als die Anerkennung, dass selbst die beste Idee irgendwann aus der Zeit fällt.

Das ist spannend, weil es belegt, dass das Gegenteil von Exnovation genau davon profitiert. Anders formuliert: Gegenteile bedingen einander häufig und fordern uns deshalb doppelt heraus: „Und um das alles zu begreifen / Wird man was man furchtbar hasst“ haben Tocotronic diese Doppeldeutigkeit des Lebens in ihrem Song „Meine Freundin und ihr Freund“ auf den Punkt gebracht.

Mindestens gedanklich offen zu bleiben für das Gegenteil ist die Idee des Pragmatismus-Prinzips und damit auch dieser Rubrik: Sich zumindest die Frage zu stellen, worin das Gegenteil einer Idee, einer Sache oder eines Prinzips besteht, kann weiter helfen. Und genau das möchte ich hier tun. Mit jeweils einer Frage, die (wegen des WordPress-Spam-Problems mit Kommentaren nur) auf Twitter und Instagram beantwortbar ist.

Beginnen will ich mit einem hochumstrittenen Thema, das angeblich sehr polarisiert und deshalb ja vermutlich sehr leicht zu einer Antwort führen müsste:

Was ist das Gegenteil von… Gendern?

Inhaltlich Inspiration zum Thema gibt es übrigens in diesem sehr zurückhaltend Die Lösung der Gender-Debatte genannten Text.

Der Shruggie des Monats bzw. Das Gegenteil ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann).
In Kategorie: DVG

Shruggie des Monats: die digitale Lösung der Gender-Debatte

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen digitalem und analogem Denken? Ich glaube ja. Und ich glaube, dass er sich an wenig so gut illustrieren lässt wie an der Debatte um das generische Maskulinum.

Dabei geht es mir gar nicht um die inhaltlichen Aspekte, die ich zum Beispiel hier und hier beleuchtet habe. Mir geht es ausschließlich um den Blick auf die Idee von Öffentlichkeit, die in der Debatte deutlich wird. Hier sieht man nämlich deutliche Differenzen zwischen dem digitalen Denken über Öffentlichkeit und jenem, das im 20. Jahrhundert verankert ist und als eher nicht-digital verstanden werden kann.

Ich habe diese Unterscheidung in meinem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ ausführlich beschrieben – und bevor ich erkläre, in welchem Zusammenhang diese Differenzierung mit der Gender-Debatte steht, hier die wichtigsten Eigenschaften des digitalen Denkens (Symbolbild: unsplash):

Analoges Denken…
… ist als Lautsprecher-Kultur zu verstehen.
Empfänger sind passiv.
Kommunikation geht nur in eine Richtung.
Botschaften entstehen nur beim Sender.
Massenkultur auf einer Bühne.
Publikationsmitteln in den Händen weniger.

Durchschnitt als dominantes Prinzip

Digitales Denken…
… ist als Kopfhörer-Kultur zu verstehen.
Empfänger spielen eine aktive Rolle.
Kommunikation geht in beide Richtungen.
Botschaften entstehen auch beim Empfänger.
Massenhafte Nischen.
Demokratisierung der Publikationsmittel.

Durchschnitt verliert an Bedeutung

Ich glaube, dass diese Unterscheidung sehr starke gesellschaftliche Folgen hat, die in Deutschland nahezu ausschließlich auf Basis von Bewertungen diskutiert werden. Es gibt jede Menge Meinungs-Beiträge darüber, ob diese Differenz gut oder schlecht sei – es gibt aber wenige pragmatische Perspektiven darauf, wie diese neuen Möglichkeiten denn konkret genutzt werden können.

Diese Behauptung begründet sich darauf, dass ich nur wenige Ansätze kenne, die die Folgen der Digitalisierungs-Differenz auf die Gender-Debatte übertragen. Konkret meine ich diesen Gedanken: Was würde eigentlich passieren, wenn wir digital über die Gender-Debatte nachdenken: wenn nicht Sender, sondern Empfänger:innen über das generische Maskulinum entscheiden?

Die Kolleg:innen der SZ haben an diesem Wochenende konkret gezeigt, was ich mit dieser abstrakten Frage meine: Bei diesem #langstrecke-Text über das generische Maskulinum haben sie einen Schalter eingebaut, der die Leserinnen und Leser in die Lage versetzt, selbst zu entscheiden, ob sie den Text ge-gendert oder mit generischem Maskulinum lesen wollen

Dass das technisch noch nicht ganz einfach ist, eine Wahlmöglichkeit zu lassen, kann man am Browser-Plugin „Gender-Changer“ sehen. Es geht mir mit dem Beispiel aber auch weniger um die konkreten Texte, sondern vielmehr um die Perspektive auf das Streitfeld. Mir scheint die Debatte um das Gendersternchen auch deshalb so hitzig zu sein, weil sie aus der Haltung der 20. Jahrhunderts geführt wird. Ganz so als sei die ganze Welt ein Papiertext, der für alle gleich nur eine Lösung erlaubt. Wir leben im 21. Jahrhundert, es ist möglich, den Text beim Empfänger und bei der Empfängerin anzupassen.

Wer weitere Hintergründe zu dieser Form der digitalen Medienproduktion verstehen möchte, kann ja mal in den Zukunftsreport schauen, den der WDR in Kooperation mit Third Wave Berlin zum Thema Synthetische Medien erstellt hat (Hintergründe im Blog von Johannes). Dabei geht es um Optionen für Zukünfte, die auf der Idee von Digitalisierung basieren, dass Botschaften auf Empfänger:innen-Seite entstehen bzw. entwickelt werden können. Dafür braucht es aber vielleicht gar keinen virtuellen Tom Buhrow (der in der Beschreibung des Reports zitiert wird), sondern erstmal eine Anpassung der Sprache je nach Nutzer:innen-Präferenz.

Wer einwendet, damit würde das Problem ja nicht gelöst, sondern nur verschoben, liefert damit übrigens den perfekten Rahmen für analoges Denken: Vielleicht braucht die Gender-Debatte ja gar nicht die EINE Lösung, vielleicht löst sie sich wenn jede Nutzerin und jeder Nutzer selbst entscheiden kann.

¯\_(ツ)_/¯

Mehr zum Thema hier im Blog:

Shruggie des Monats: der glottale Plosiv als hörbarer Unterschied zwischen gestern und morgen

Shruggie des Monats: Q und das Gendersternchen mit doppeltem i-Punkt

Mehr über die Veränderung von Öffentlichkeit im Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.