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Shruggie des Monats: der glottale Plosiv als hörbarer Unterschied zwischen gestern und morgen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Männer des Fortschritts“ heißt dieses Bild. Es stammt aus dem Jahr 1857. Der aus Frankreich in die USA ausgewanderte Maler Christian Schussele versammelt darauf 19 Männer, die als Innovatoren und Ideengeber ihrer Zeit galten. Heute würde man das Motiv als Mashup bezeichnen. Denn so wie sie hier unter dem Wandgemälde von Benjamin Franklin gemalt wurden, befanden sich die 19 Männer nie in einem Raum. Schussele versammelte sie an einem Ort, weil sie für ihn für den Fortschritt ihrer Zeit standen: Schreibtelegraphen (Samuel F. B. Morse), Hartgummi (Charles Goodyear) und Waffen (Samuel Colt) erfanden diese Herren – und schenkten ihren Erfindungen häufig auch einen Nachnamen.

Aus heutiger Perspektive fällt ein anderer Fortschritt auf, ein gesellschaftlicher. Würde ein Christian Schussele der Gegenwart ein Porträt der Köpfe des Fortschritts malen, die Personen würden weniger gleichförmig daher kommen. Es ist ein Fortschritt, dass Diversität in Geschlecht, Hautfarbe, Alter und Herkunft heute ein wichtiges gesellschaftliches Ziel ist. Doch genau wie die Erfindungen der „Männer des Fortschritts“ ist auch der Fortschritt der Gegenwart mit Widerstand konfrontiert. Auch die Tom Thumb (die erste amerikanische Lokomotive im Jahr 1830, erfunden von Peter Cooper) oder der Virgina-Reaper (Landmaschine, die Cyrus McCormick weltbekannte machte) galten Anfangs als Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge. Dennoch setzten sie sich durch. Denn das ist das Wesen des Fortschritts: Er macht einen Unterschied zwischen gestern und morgen deutlich.

Heute wird dieser Unterschied in einer hörbaren Lücke deutlich, die Menschen lassen, wenn sie zum Beispiel das Wort „Erfinder:innen“ sagen und an der Stelle, wo ich einen Doppelpunkt geschrieben habe, eine kurze Pause lassen. Man spricht von einem glottalen Plosiv und der „kommt im Deutschen im Grunde unentwegt vor“, schreibt mein Kollege Felix Stephan. „Etwa wenn zwei Vokale aufeinandertreffen, die sich nicht in derselben Silbe befinden. Zwischen dem „e“ und dem „a“ in „Theater“ zum Beispiel.“ An der Stelle jedoch, an der der glottale Plosiv seit einer Weile Verwendung findet, sorgt er für große Aufregung – und legt einen sehr tiefen Generationenkonflikt offen.

Kein Gespräch, das ich in den letzten zwei Jahren mit Menschen unter 30 führte, kam ohne den glottalen Plosiv aus. Die hörbare Lücke ist selbstverständlicher Bestandteil der Sprache geworden, um deutlich zu machen: das generische Maskulinum allein ist nicht gerecht. Erstaunlich daran: So selbstverständlich wie der glottale Plosiv genutzt wird, so wenig wird noch darüber diskutiert – im Kreis der jungen Menschen. In anderen Kreisen jedoch ist es zum Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge geworden, ein Beweis für den Untergang der Kultur.

Besonders deutlich wurde dies im letzten Interview, das Holger Stahlknecht in seiner Funktion als Innenminister von Sachsen-Anhalt gab. Nach dem Gespräch wurde der CDU-Landeschef entlassen, weshalb die Debatte um die Nähe zur AfD und eine mögliche Minderheitsregierung ein wenig davon abgelenkt hat, wie Holger Stahlknecht mit dem Fortschritt hadert. Selten hat jemand so deutlich auf den Punkt gebracht, dass er in seinem Leben keine Schreibtelegraphen, Hartgummi oder Landmaschinen will – und deshalb sein Leben zum Maßstab für alle erhebt.

Konkret erkennt man das an dem, was Stahlknecht „Gendersprache“ nennt. Was er wohl meint: eine gendergerechte Sprache. Er sagt:

Niemand spricht jeden Tag über Gendersprache. Und niemand überlegt sich jeden Tag, ob das, was er sagt, politisch immer so superkorrekt ist.

Meiner oben beschriebenen Erfahrung nach, gibt es viele junge Menschen, die gar nicht mehr über Gendersprache, sondern selbstverständlich gendergerecht sprechen – und sich auch bemühen, mit ihren Worten keine Verletzungen anzurichten. Für Holger Stahlknecht sind sie offenbar niemand, weil er sie schlicht nicht kennt – oder weil er sie nicht kennen will. Sonst würde seine Referenzgröße für politisches Handeln nicht mehr funktionieren. Stahlknecht beobachtet nämlich,

… dass wir zunehmend eine von einer intellektuellen Minderheit verordnete Moralisierung erleben. Diese entfernt sich völlig von dem, was das Alltagsleben der Menschen bestimmt.

Wer das „Alltagsleben der Menschen“ zum Maßstab politischen Handelns macht, hat im Kampf gegen den Fortschritt schlechte Karten. Da können Holger Stahlknecht und die anderen Feinde des glottalen Plosivs ja mal die Männer des Fortschritts fragen: all das Neue und anfangs Fremde wird nämlich irgendwann normal und so selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, dass man sich fragt: Wie konnten wir eigentlich ohne auskommen? Das galt für den Schreibtelegraphen, das Hartgummi und es gilt auch für den glottalen Plosiv.

Es ist keine besonders fortschrittsgläubige Prognose zu sagen: der glottale Plosiv bestimmt das Alltagsleben der Menschen bereits. Der Fortschritt ist schon unterwegs, er wird nicht aufzuhalten sein. Die Einlassungen von Holger Stahlknecht, die Annahme, die Verwendung des glottalen Plosivs sei Erziehung oder Bevormundung des Publikums oder all die anderen Reaktionen, die Übermedien auf „die kleine Pause, die einige aufregt“ gesammelt hat, muss man sich merken, denn innerhalb weniger Monate wird niemand mehr verstehen, wie man mal so denken konnte.

¯\_(ツ)_/¯

Deshalb ist es absichtsvolle Ironie, einen Text über geschlechtergerechte Sprache mit den „Männern des Fortschritts“ zu bebildern. Denn Samuel Morse, Charles Goodyear oder Samuel Colt haben sich auch nicht damit zufrieden gegeben, mitgemeint zu sein.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Cyberkrank! Der Niedergang der Kultur

Ich bin dumm, ich habe ein Interview mit Manfred Spitzer gelesen. Und schuld ist der Dienst Blendle, der mir die Spitzer-Buchwerbung aus der aktuellen Bild am Sonntag lesegerecht (für 0.25 Euro) aufbereitet hat. Also wischte ich mich auf meinem Smartphone (gefährlich!) durch das Gespräch und wurde vom Dummheitsexperten Spitzer zu Erkenntnissen wie diesen geführt: „Wischen macht dumm.“

dummHarald Staun schrieb schon 2012 über Spitzers „Digitale Demenz“ in der FAZ: „Vielleicht wäre es wirklich das Beste, wenn man kein Wort mehr darüber verlöre.“

Da Spitzer mit seinem „700 Studien“ nun wieder auf die Titelseiten biegt, scheint es wichtig, nochmal mit Staun festzuhalten: „Die Pose des Hirnforschers reicht aus, um seinen Gemeinplätzen das Gewicht wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verleihen.“ Denn es droht mit „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“ das gleiche zu passieren wie mit „Digitale Demenz“ vor ein paar Jahren. Die Gemeinplätze schleichen sich ins Partygespräch und weil sie von einem Professor stammen, werden sie ausführlich zitiert.

Ich mag sie nicht mehr hören. Daran ändert auch Spitzers „Ich habe ja nichts gegen Ausländer die Gegenwart“-Rhetorik nichts („Digitale Medien sind etwas Wunderbares, aber eben – für Erwachsene – in Maßen und nichts für Kinder und Jugendliche“). Was sich hier ausdrückt, ist ein Unwohlsein mit der Gegenwart, das keineswegs mit technologischem Fortschritt oder irgendeiner Form digitaler Geschwindigkeit zu tun hat, sondern einzig mit der Überhöhung dessen, was man kennt. Douglas Adams hat diesen Prozess schon Ende der 1990er Jahre beschrieben: „Was da, ist wenn wir auf die Welt kommen, nehmen wir als völlig normal hin. Was entsteht, bis wir etwa 30 Jahre alt werden, sehen wir als Chance und alles, was nach unserem 30 Lebensjahr entsteht, ist ein Niedergang der Kultur.“ Oder um mit Spitzer zu sprechen: ein Angriff auf unsere Gesundheit.

Und das einzige, was der Doktor mit dieser immer gleichen Rhetorik heilt, ist sein Geldbeutel. Es gibt viele Menschen, die gerne hören wollen, dass es früher besser war und dass das Neue saugefährlich ist – mit dem tollen Dreh, dass es vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu Schäden führt. Dass genau die gleichen Argumente ins Feld geführt wurden, als man nicht mehr auf Steintafeln schrieb („kann sich keiner mehr was merken bei diesen neuen flüchtigen Methoden“) und als man von Kutschen auf Züge umstieg („diese widernatürliche Beschleunigung macht alle ganz blöd im Hirn“), gilt im aktuellen Fall nicht. Denn die aktuelle Version der Gegenwart ist tatsächlich viel gefährlicher als alle anderen davor …

Sich ohne Angst und Angstmache auf die Entwicklung einzulassen, ihre Möglichkeiten und Schwierigkeiten abzuschätzen und zu gestalten, das wäre aus dieser Perspektive – mit mit Horst Seehofer gesprochen – „eine Kapitulation vor der Realität“.

Der Text von Douglas Adams ist übrigens sehr lesenswert und trägt den (nicht nur in diesem Fall) sehr passenden Titel: How to Stop Worrying and Learn to Love the Internet Man würde sich wünschen, dass sich viel mehr Menschen mal reinwischen …