ASMR-Glassbottle, NPC-Stream, Tiktok live, Jose Monkey, Untertitel, Feuilleton auf Tiktok (Netzkulturcharts Juli)


Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie sind regelmäßiger Bestandteil meines Digitale Notizen-Newsletters.

Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.


Platz 1: Die Glasflaschen auf der Steintreppe

Dass es nicht zu verstehen ist, ist der Schlüssel zum Verständnis – dieses vermeintliche Paradox gilt für zahlreiche Phäno-Meme, bei dem glass bottle rolling down stairs ASMR trifft es aber besonders zu. Dass es äußerst populäre Geräuschvideos gibt, die das „Autonomous Sensory Meridian Response“ (ASMR) bedienen, lässt sich vielleicht noch erklären. Weshalb aber nun zu Beginn des Monats Tiktok-Clips populär wurden, in denen man sehen kann, wie Glasfalschen Steintreppen runterrollen und zerplatzen, ist auch mit der Kenntnis von ASMR nicht vollumfänglich zu verstehen.

Ein Teil des Erfolgs liegt auch an den stets etwas ratlosen Berichten klassischer Medien (Mashable, New York Post, HuffPost). In einem kommt eine Psychologin zu Wort, die das Phänomen mit der seltsamen Befriedigung beschreibt, die auch Reinigungsclips verbreiten (siehe Oddly Satifying). Ein anderer Erklärungsversuch vergleicht das Phänomen mit dem Erfolg der Wassermelone, die Buzzfeed 2016 auf Facebook zerstörte, als dort erstmals mit der Live-Funktion experimentiert wurde (siehe dazu Platz 3). Sicher ist jedenfalls: der erste Clip, den der Account @rachapotes auf Tiktok geladen hat, ist rund 300 Millionen Mal angeschaut worden – und wurde zur Vorlage für zahlreiche weitere Glasfalschen-Projekte. Bei dem hier wird z.B. eine Kugel gegen Flaschen gerollt, die diese dann zerstört.

Platz 2: Jose Monkey

Seinen echten Namen möchte Jose Monkey nicht verraten. Denn er legt großen Wert auf Privatsphäre und Datenschutz. Deshalb sehen viele Menschen seinen äußerst populären Tiktok-Account auch als Hinweis auf den Wert von Privatsphäre und Datenschutz. Er zeigt darin Videos, in denen er Menschen findet, die darum gebeten habe. Zu sehen sind also Leute auf belanglosen Parkplätzen, die quasi überall sein könnten. Das Prinzip dahinter heißt Geoguessing und kann als die Benennung von räumlichen Daten aufgrund von Hinweisen in Videos beschrieben werden. Dass viel mehr ein Hinweis sein kann als man denkt, beweist Jose Monkey in jedem neuen Clip. Das ist im besten Sinn unterhaltsam und pädagogisch – wie er auch in diesem empfehlenswerten Podcast erklärt.

Platz 3: NPC-Streaming / Tiktok live

„Anime-, Gaming-, Fan- und Popkultur treffen hier auf eine Highspeed-Tipping-Ökonomie, in Form bezahlter Videochats sowie den Wirkmechanismen des „addictive game design“.“ Zu diesem Fazit kommt Samira El Quassil in ihrer Übermedien-Kolumne über das Phänomen der digitalen Spenden auf Tiktok-Live. Bilder von diesen besonderen Interaktionen wurden in den vergangenen Wochen ausführlich außerhalb von Tiktok geteilt – häufig mit ratlosem Unverständnis über das Gezeigte.

Know Your Meme hat seinen Beitrag zum Thema in diesem Monat prominent bei Twitter ,angeheftet‘. Der Grund: Es besteht Erklärungsbedarf! Nicht genug, dass diese Videos für Außenstehende kaum verständlich sind (Distinktion!), durch die Anwendung des „Bügeleisen, Maiskorn, Popcorn“-Dreischritts haben sie auch eine eigene Bildwelt etabliert.

Neben der Tiktok inhärente Logik der digitalen Spende/Belohnung muss man die Abkürzung NPC (non player character) kennen, die teilnahmsloses Verhalten beschreibt. Für die Streamer:in dieser Form des Tiktok-Live gilt also: „acts or is perceived as acting like a video game NPC by mimicking idle animations, only saying something or performing a specific action when gifted, the action or phrase changing depending on the gift.“ Mit Hilfe der digitalen Münzen, die Nutzer:innen wie bei einem darstellenden Künstler:innen in der Fußgängerzone in den Hut werfen, erzeugen sie Reaktionen. Wer das verstehen will, muss sich mal das Zusammenspiel in Fußgängerzonen anschauen.

Platz 4: Das Phänomen „Untertitel“

Deven Gordon hat im Juni einen Text im „The Atlantic“ über das Phänomen Untertitel geschrieben: Why Is Everyone Watching TV With Subtitles on? befasst sich mit dem wachsenden Untertitel-Trend auf bewegten Bildern. Vier Wochen später hat er dazu ein Tiktok gemacht – in der klassischen Kommentier-Pose auf Tiktok: Er ist vor einem Hintergrund zu sehen, auf dem man seinen Text sehen kann. Gordon untersucht in Text wie Tiktok die Möglichkeit, Subtitles im Bild anzeigen zu lassen. Diese Option ist an sich nicht neu, in hochformatigen Clips auf dem Smartphone hat sie aber einen Popularitätsschub erhalten – weil Videos so auch ohne Ton geschaut werden können. Dieser Trend hat sich jetzt auch auf den Fernseher übertragen, so der tiktokende Kulturjournalist, der seine Beobachtungen wieder zu ihrem Ursprung zurückträgt: auf Tiktok!

Platz 5: Feuilleton auf Tiktok

Dass das Feuilleton auf Tiktok aktiv wird, zeigt sich nicht nur am Untertitel-Experten Gordon (Platz 4): auch New York Times, New Yorker und Vox versuchen, klassische Kultur-Inhalte auf die Plattform zu tragen. Mit unterschiedlichen Ansätzen, aber dem gleichen Ziel: Als Marke auf Tiktok sichtbar zu werden. Der Weltspiegel hat dies (siehe Netzkulturcharts aus dem Juni) mit Auslandsjournalismus bewiesen: hochformatige schnelle Inhalte können guten Journalismus für ein Tiktok-Publikum attraktiv machen. In diesem Blogpost erklärt das Team vom Weltspiegel, worauf es dabei ankommt. In diesem empfehlenswerten Beitrag im Deutschlandfunk kommt Tiktok-Experte Marcus Bösch zu Wort – und spricht dort auch über die Form von Musikjournalismus, die hier in den Netzkulturcharts bereits Thema war.


🎵 Ungebetene Ohrwürmer* des Monats 🎵

  1. Jain: „Makeba
  2. Otto, Ski Aggu, Joost „Friesenjunge
  3. Richy Mitch & The Coal Miners: „Evergreen“
  4. David Kuschner „Daylight“
  5. MGMT: „Little Dark Age“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.


Besondere Erwähnung

Haben wir hier schon über Threads (gerade aktiv in Europa gesperrt) gesprochen? Ich durfte hier bei Breitband ein paar einschätzende Worte sagen – und bleibe auch am Ende dieses Monats gespannt. Vor allem seit ich weiß, dass Elon Musk Twitter aus-X-t und selbst Tiktok mit Kurznachrichten anbietet.

Der Guardian erklärt das Thema übrigens auf Instagram in Memes

Respekt für die natürliche Intelligenz der Nutzer:innen eines World-of-Warcraft-Subreddits. Sie hatten den Verdacht, ihre Beiträge würden genutzt, um eine KI zu trainieren, die dann automatisiert Beiträge für eine WoW-Website daraus produziere. Um den Beweis für diesen Content-Trick zu erbringen, posteten sie Inhalte zu der erfundenen Figur Glorbo auf der ebenfalls erfundenen Insel Zoop. Der Roboter kopierte die Texte – und die BBC berichtete.

Ich mag die Comic-Tiktoks von Schöne Scheiße auf der Plattform. Auch über die absurden Deutsch-Lernvideos aus dem öffentlichen Nahverkehr von wearejoketv finde ich lustig.

Musiker:innen werden aus Marketinggründen dazu gedrängt, Tiktok zu nutzen. Jetzt kündigen die Tiktoker „Elevatorboys“ an (Hintergrund hier in den Netzkulturcharts), Musik für ihren Erfolg nutzen zu wollen: Runaway heißt ihr erster Song.

Diese etwas absonderliche Meldung aus Italien erinnert mich an einen bemerkenswerten Tiktoker, der hier mal eine Erwähnung verdient hat: Luis Teichmann ist Sanitäter aus Köln und gibt als @5_sprechwunsch Einblick in die Arbeit in einem Rettungswagen. Hätten die beiden jungen Männer die Clips von Luis‘ gesehen, wären sie vermutlich nicht auf die Idee gekommen, einfach so aus Spaß einen Rettungswagen unter Vortäuschung einer Ohnmacht zu rufen.

Ebenfalls mal wieder zu loben sind die beiden Magier von Siegfried & Joy. Die haben (wie hier schon erwähnt) das Social-Media-Game perfektioniert. Ihren besonderen Zauber entfalten sie aber mittlerweile, wenn sie User-Generated-Content zeigen. Schöner lässt sich der verbindende Zauber des Humors nicht auf den Punkt bringen.

Das KI-generierte Video zur Frauenfussball-WM, bei dem Spielzüge des französischen Frauenteams so bearbeitet wurden, dass es wirkt als hätten die Männer sie gespielt, haben eh alle gesehen, oder?

In den USA läuft bereits die zweite Staffel der sehr guten Serie „The Bear“, deshalb gibt es im amerikanischen Internet einen neuen Hype um das T-Shirt der Hauptfigur Carmy. Dieses kommt aus Deutschland – von der Firma Merz b. Schwanen, die im vergangenen Jahr mit einem Blogeintrag auf den Hype reagierte.

In Italien ist die „Attenzione, borseggiatrici! Attenzione, pickpocket!”-Lady zu einigem Ruhm gekommen. Sie heißt Monica Poli und die New York Times hat sie zu ihrer Arbeit interviewt. Polli gehört zu den Cittadini Non Distratti, die seit Jahren in Venedig vor Taschendieben waren, wie der Economist schon 2019 berichtete. Jetzt ist Monica Poli zum Internet-Star geworden – ihrem Ausruf wurde sogar ein Sound gewidmet.

Die Bäckerei Lafayette in Manhattan ist mit runden Croissant viral gegangen. Toll.

Ein bemerkenswerter Trend soll nicht nur wegen der Urlaubszeit hier nicht unerwähnt bleiben: mit dem Hashtag #lazygirljob wird auf Tiktok Arbeitsablehnung zur Schau gestellt. Ein schöner antikarrieristischer Trend


Mehr zum Thema Netzkultur gibt es in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ und im monatlichen Newsletter ,Digitale Notizen‘.