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How long we fly? Red Flag, Couch Guy, Elaine Victoria, Stiches von Justin Danger Nunley – und ein wenig Squid Game (Netzkulturcharts Oktober)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus dem September stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: How long we fly? 🆕

Ich gebe es zu: ich kannte Detlef Steves nicht. Fersehkultur ist mir nicht so vertaut wie Netzkultur. Im TV ist Steves seit Jahren so oft zu sehen, dass er „zu einer der wertvollsten Marken im Billigsegment Dokusoap“ wurde. Im Rahmen einer dieser Auftritte sorgte Steves für einen Dialog, der seit Wochen als Tiktok-Sound Clips untermalt. Im Original sieht man ihn in einem Flugzeug sitzen und in erstaunlichem deutschenglisch nach der Flugdauer fragen „How long we fly?“. Er bekommt die Antwort „20 minutes“, die er dann wiederholt und mit einem „Doublefuck“ kommentiert.
Dieser Dialog hat Begeisterung auch bei den Menschen entfacht, die keine Ahnung von deutschem Fernsehen haben. Jedenfalls interagieren Menschen überall auf der Welt mit Steves‘ Vorlage. Der hat sich deshalb nun selbst einen Tiktok-Account zugelegt und wurde von Tiktok als Meme des Monats ausgzeichnet. Das Besondere dabei: Er imitiert nun seinen eigenen Dialog lippensynchron. Doublefuck.

Platz 2: 🚩 Red Flag / Rote Flagge 🆕

Alle Warnlampen sollten leuchten, wenn Sie dieses Symbol in den vergangenen Wochen nicht gesehen haben 🚩 Die rote Flagge hat sich nämlich zu einer Art unvermeidbarem Netztrend entwickelt. Angeblich hat die Nutzung des Triangular-Flag Emojs in den vergangenen Wochen um 455 Prozent zugenommen. Der Grund: Mit Hilfe der roten Flaggen sollen unpopuläre Meinungen in unterschiedlichen Kontexten benannt werden. Upworthy recherchiert, dass der Trend seinen Beginn in Black Twitter hatte und nun in zahlreichen Kontexten in Social Media zu finden ist. Das Prinzip ist immer gleich: Mit Hilfe der Flaggen werden Zitate eingeleitet, die in den definierten Kontexten alle Warnlampen leuchten lassen sollten.

Platz 3: Couch Guy 🆕

Robbie hatte keine Ahnung heißt der kurze Tiktok-Clip auf deutsch, der nicht nur eine Welle von weiteren Videos provozierte, in denen ahnungslose Menschen zum Ellie-Goulding-Song („Still Falling for you“) überrascht werden. Robbie wurde dank des gefilmten Überraschungsbesuchs seiner Fernbeziehung-Freundin Lauren Zarras auch zum Netzphänomen: „Couch Guy“ heißt Robbie jetzt – und löste als solcher zahlreiche Diskussionen aus, die sich allesamt um die Frage drehen, ob er nicht hätte begeisterter sein müssen, wenn seine Freundin ihn schon überrascht. Für Vox ist der Clip sogar ein Bespiel für ein bekanntes Meme-Muster, bei dem die gewünschte Reaktion ins Gegenteil gedreht wird. Denn statt eine schöne, liebevolle Überraschung zu feiern, werden Lauren und Robbie jetzt zum Gegestand von Betrugsdiskussionen. Nutzer:innen sehen in der Reaktion von Couch Guy deutliche Signale dafür, dass er Lauren hintergeht.
Für den Netzkultur-Experten Ryan Brodrick ist die zu Teilen unangenehme Couch-Guy-Episode Beweis für einen Wandel in der US-Netzkultur, seine Prognose: „TikTok is supplanting Facebook as the main app of America. As more and more Americans begin to use TikTok, I suspect TikTok content will start to resemble Facebook content. The ugly American weirdness of Facebook (…) will all come to TikTok. It will hit the app’s sophisticated video production tools and aggressive algorithm and turn into endless content cycles, where it will probably spin out in weirder and darker directions than anything we’ve ever seen from Facebook.“

Platz 4: Aldi-Girl Elaine Victoria ⬇️

Für alle, die Zweifel an der Echtheit der Kleidung von Elaine Victoria hatten: Sie ist tatsächlich bei Aldi beschäftigt, bestätigte der Teamlead Social Media bei der Aldi Einkauf SE & Co. oHG in diesem Monat in Hamburg. Matthias Krähling sprach dort über die Tiktok-Strategie des Discounters und auch über den immer noch (siehe September-Charts) äußerst populären und häufig referenzierten Clip von Elaine Victoria: „Das Video, das eine Aldi-Verkäuferin an der Kasse tanzend und die Lippen passend zur Musik bewegend zeigt, sei das Beispiel eines erfolgreichen Viral-Hits auf TikTok. Dieses sei unaufgefordert entstanden, Geld habe die junge Mitarbeiterin nicht erhalten.“

Platz 5: Stiches von Justin Danger Nunley 🆕

Stiches sind ein besonderes Angebot in Tiktok, das es erlaubt, Antworten auf Videos zu veröffentlichen. Bekannt wurden diese Kollaborations-Formate auf Tiktok vor einer Weile durch die Wellerman-Duette wie jenes hier mit Kermit. Ganz unmusikalisch, aber nicht weniger erfolgreich nutzt der Account von Justin Danger Nunley die Stich-Funktion – und zwar auf so eine erstaunliche Weise, dass er in diesen Tagen über zwei Millionen Follower begrüßen konnte. Der Grund für seinen Erfolg (und die Platzierung in den Netzkulturcharts) ist die Art, wie er auf Fragen reagiert, die zum Einstieg von Tiktok-Clips gestellt werden. Er beantwortet diese auf lakonisch-lustige Weise und schiebt dann ein „Unnützes-Wissen“-Fakt nach, eingeleitet von einem „Wusstest du dass…“. Seine Clips enden mit einem immer gleichen „Now you do“ – diesen Satz kopiert auch dieser Clip, der Justin Danger Nunleys-Clips „sticht“ also wiederum auf ihn reagiert. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir bald auch vergleichbare Stiches auf deutsch erleben werden.

Besondere Erwähnung

Die relevanteste Nachrichtensendung im österreichischen Fernsehen heißt ZiB (Zeit im Bild) und ist seit diesem Monat auf Tiktok. In der Ankündigung im Live-TV zeigt Moderator Armin Wolf den Chopping Dance (der in den August-Charts schon mal Thema war)

Schon im September haben wir uns einem bekannten Popsong aus dem Jahr 1987 gewidmet. Damals ging es um die ikonographische Verwendung in der Serie Ted Lasso, im Oktober machte „Never Gonna Give You Up“ im Clip Greta Thunberg Rick Rollt die Welt von sich reden. Auf einer Fridays For Future-Veranstaltung in Schweden betrat sie zu den Klängen von Rick Astley gemeinsam mit Andreas Magnusson die Bühne – und spielte eine kurze Sequenz aus dem Song.

Und natürlich kommen Netzkulturcharts im Herbst 2021 nicht ohne Squid Game aus (Meme dazu von Peter Wittkamp) – den von Netflix selbst gezählten populärsten Serienhit auf der Plattform. Angeblich gab es bisher keine Serie, die mehr Zuschauer:innen auf Netflix interessierte als die Produktion aus Südkorea. Einzig: die Zahlen sind nur für Netflix einsehbar und extern nicht zu überprüfen. Sie beziehen sich auf alle Accounts, die mindestens zwei Minuten in einen Film oder eine Serie geschaut haben. Danach führt Squid Game dieses Ranking an – als einziges Angebot, das mehr als 100 Millionen Accounts interessiert hat. Die vollständige Liste wurde gerade hier veröffentlicht.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Wir haben kein sind das Problem

Jürgen von der Lippe hat Max Goldt zitiert. Das ist ein wenig untergegangen. Denn in erster Linie hat der „große Freund der guten Manieren“ (von der Lippe über von der Lippe) festgestellt, was „die Leute“ angeblich so wollen. Und da hat der Hawai-Hemd-Experte rausgefunden, dass „die Leute“ es satt haben erzogen zu werden und dass „die Leute“ Greta satt haben. (Foto: Google-Suche) Daraus hat das Hamburger Abendblatt eine Überschrift gebastelt und darunter von der Lippe sagen lassen: „Der alte weiße Mann ist eine dreifache Diskriminierung – wegen der Hautfarbe, des Alters und wegen des Geschlechts.“ Statt ihn auf strukturelle Vorteile und Privilegien anzusprechen, lässt das Abendblatt ihn dann zum Abschluss Max Goldt zitieren. Mit einem Satz, den ich erstaunlich finde. Im Interview heißt es:

Max Goldt hat mal gesagt: Wenn die Kritik an Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann muss man aufpassen, und so weit sind wir gerade.

Erstaunlich finde ich den Satz aus zwei Gründen:

1. Bin ich sehr unsicher, ob das Zitat so tatsächlich von Max Goldt stammen kann. Es erscheint mir nicht nur sprachlich nicht dem Goldt-Werk zu entsprechen*. Denn

2. Ist genau diese Haltung, die in dem Zitat formuliert ist, Ausdruck einer äußerst privilegierten Sicht auf die Welt. Wen nervt die Kritik an den Zuständen mehr als die Zustände selber? Genau: diejenigen, die mit den Zuständen eher einverstanden sind. Deshalb müsste das Zitat eigentlich heißt

Wenn die Kritik an den Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann geht es dir vermutlich ziemlich gut. Es wäre ein schöner Zeitpunkt, mal deine Privilegien zu überprüfen.

Wäre schön gewesen, wenn Jürgen von der Lippe das gemeint hätte mit „dann muss man aufpassen“ – das würde sogar sprachlich passen…

*P.S.: Falls das Zitat tatsächlich von Max Goldt stammt, freue ich mich über Hinweise auf die Fundstelle und den Kontext. Falls nicht, könnte vielleicht jemand Max Goldt informieren…

Shruggie des Monats: Heuchelei

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wäre es scheinheilig, wenn die Umweltaktivisten Greta Thunberg mit dem Flugzeug reisen würde? Während sie medial begleitet über den Atlantik segelt (um das Fliegen zu vermeiden), wird genau die Frage nach der Heuchelei ausführlich diskutiert: Verhält sie sich privat womöglich anders als sie es politisch verlangt? Meinungsdetektive beobachten dies sehr genau – und werten alle Indizien als Beweis für das, was die Wikipedia als Hypokrisie definiert: das absichtsvolle Vermitteln eines Bildes, das nicht dem realen Selbst entspricht. Eben diese vermeintliche Heuchelei wollen sie auch entdeckt haben, wenn irgendwer ermittelt, dass grüne Bundestagsabgeordnete häufiger fliegen als andere. Das sei ebenso verlogen wie das Ergebnis der Erhebung, dass Wähler*innen der Grünen häufiger auf Flug-Reisen sind als AfD-Wähler*innen.

Diese Entdeckungen sollen als Argument dienen, um die vermeintliche Heuchelei der Klimaschützer zu belegen. Denn wenn die schon selber nicht tun, was sie politisch fordern, müssen sie ja verlogen sein – so der eher schlichte Gedankengang, der auf etwas abzielt, was der Shruggie als Namensgeber dieser Rubrik für problematisch hält: auf moralische Reinheit! Nur wer moralisch rein sei, solle fordern dürfen, so das zugrundeliegende Argument. Wer aber einzig den privaten ökologischen Fußabdruck einer Person heranzieht, um deren Argument zu überprüfen, ist dem süßen Gift der einfachen Antworten verfallen – und teilt die Welt vereinfachend nach einzig moralischen Kategorien ein. Nur wer auf der richtigen Seite stehe, so die verkürzende Annahme, könne auch Richtiges sagen. Das ist nicht nur gefährlich, es ist auch das Gegenteil von liberal. Denn die Idee einer freien Gesellschaft basiert darauf, dass die Menschen eben nicht moralisch rein, sondern fehlbar sind. Und weil wir unperfekt sind, gestehen wir einander zu, Fehler zu machen und unsere Meinung ändern zu dürfen – und zwar unabhängig davon wie nah wir dem vermeintlich wahren moralischen Kern kommen.

Diese Moralkritik gilt allerdings nicht nur für die so genannten Greta-Kritiker, sie gilt auch für die moralische Überlegenheit der Umweltschützer selber: Der Shruggie wäre deshalb sogar der Meinung, dass es der Sache und der Debatte nützen würde, wenn Greta Thunberg im SUV zum Flughafen fahren, einen Pappbecher-Kaffee durch den Plastikstrohhalm schlürfen und nach New York fliegen würde (Foto: unsplash). Laut atmosfair würde sie damit 3.719 Kilogramm CO₂ für Hin- und Rückflug aus Stockholm produzieren. Sie würde damit aber auch etwas reduzieren: den moralischen Druck, ausnahmslos alles stets richtig machen zu wollen oder zu müssen.

Der Shruggie glaubt fest daran, dass eine der zentralen Fähigkeiten für Zukunftsgestaltung darin liegt, Mehrdeutigkeiten auszuhalten – und man kann Ambiguitätstoleranz an wenig besser erklären als an dem Thunberg-Flug nach New York. Denn so problematisch man eine Flugreise finden kann, die Tatsache, dass Greta Thunberg beim Klimagipfel teilnimmt, ist so ein starkes Symbol, dass man selbst aus Umweltgesichtspunkten die 3800 Kilogramm CO₂ nicht ablehnen kann.

Die Dinge sind ganz selten einfach nur schwarz oder nur weiß. Sie sind nahezu immer in Abstufungen grau. Diese Abstufungen muss man aushalten lernen. Das ist der Zauber einer liberalen Demokratie: dass nicht nur einer Recht, sondern dass immer auch das Gegenteil Berechtigung hat. Diese Abstufungen sind die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Fortschritt – der auf politischer Ebene geschaffen wird. Denn natürlich ist es klimapolitisch viel bedeutsamer, dass auf institutioneller Ebene ein schneller Kohle-Ausstieg, die Verkehrswende und die Unterstützung erneuerbarer Energien beschlossen wird (hier die inhaltlich-politischen Forderungen von „Fridays for Future“ nachlesen). Zumindest ist das die Überzeugung in der liberalen Grundhaltung des Shruggie: dass eine freie Gesellschaft sich schrittweise und in Kompromissen auch durch ihre Institutionen verbessert. Es wird sich nicht das absolut Reine und Wahre durchsetzen können, sondern der gesellschaftliche Kompromiss. Der US-Autor Adam Gopnik beschreibt diese Entwicklung über den Wert vermeintlich kleiner Handlungen in seinem Buch „A Thousand Small Sanities“. Das sind dann kleine (Fort-)Schritte, aber eben Fortschritte.

Womit wir wieder beim kleinen Akt der privaten Flugreise sind: Natürlich kann es sinnvoll sein, wenn jede und jeder weniger CO₂ ausstößt, aber eben aus privaten Gründen nicht aus moralischer Überlegenheit. So würde sich in doppeltem Sinne das Klima verbessern – jenes in der Debatte und auch die Umwelt. Denn Klimaschutz braucht mehr Politik und weniger private moralische Zeigefinger.

¯\_(ツ)_/¯

P.S.: Wer sich für das Thema interessiert, kann drüben bei der SZ den kostenlosen Newsletter abonnieren: unter klimafreitag.de schreiben meine Kollegen Marlene Weiß, Pia Ratzesberger, Alex Rühle und ich wöchentlich zum Thema

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Zeit für zivilen Ungehorsam: Greta Thunberg und The 1975

Was für ein Bild! Im Polaroid-Stil fotografiert von Jordan Curtis. Es zeigt Greta Thunberg an einer grauen Wand lehnend. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt. Eine Converse-Mashup-Kopie. „Antifa Allstars“ steht da. Schwarz auf weiß. In der Mitte ein schwarzer Stern. An Gretas Schulter lehnt ein junger Mann. Gelbes T-Shirt, strubbeliges Haar. Er wirkt fast kleiner als sie. Matty Healy ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Band The 1975. Und alles auf diesem Bild ruft: Das hier ist Pop! Pop des Jahres 2019, aus dem Jahr, in dem das Klima politisch wurde. Dabei verströmt es – natürlich wegen der Polaroid-Ästhetik – die Aura eines augenblicklichen Klassikers.

Die Band The 1975 hat das Bild auf Instagram gepostet. Man kann es auf allen relevanten Musikportalen sehen – als Bebilderung für die Zusammenarbeit zwischen der schwedischen Klima-Aktivistin und der britischen Band. Denn diese ist in Wahrheit noch beeindruckender als das Bild (das aber nicht zu unterschätzen ist). Und das liegt nur oberflächlich daran, dass hier eine Zusammenarbeit im Sinne eines musikalischen Features vorliegt. Auch die These, dass Musik die Welt verändern kann, trifft in diesem Fall nicht unbedingt zu. Denn der Song ist im klassischen Sinn kein Song und er wird auch die Lücke der musikalischen Begleitung der „Fridays-for-Futures“-Bewegung nicht füllen. Diese Kooperation ist mehr und sie ist etwas anderes. Sie ist eben Pop des Jahres 2019.

Es ist eine Kollaboration, die die neuen digitalen Aufmerksamkeitsregeln des Musikbusiness erstmals bzw. erstmals so deutlich für politische Anliegen nutzt. Klar, wir haben in den vergangenen Monaten immer mal wieder darüber gesprochen wie der Entzug von Aufmerksamkeit als politisches Signal gewertet werden kann. Aber hier geht es ja um das genaue Gegenteil: Hier drängt ein politisches Thema in die Liste der Neuveröffentlichungen, die aktive Spotify-Nutzer*innen jeden Freitag augespielt bekommen. Im Release Radar gibt es in dieser Woche sehr direkte Politik, vorgestragen, in einem Song, der einzig aus einem politischen Appell von Greta Thunberg besteht. Zu sehr zurückgenommenen orchestralen Klängen spricht sie ihren Text ein. Das ist Pop, der auf Codes und Anspielungen fast vollständig verzichtet. Der Text, den Greta Thunberg spricht, ist eine klare politische Aufforderung. Keine Zwischentöne, keine Anspielungen, direkter politischer Appell.

Pop des Jahres 2019? In jedem Fall Politik im Jahr 2019.

Im Guardian analysiert Laura Snapes die Zusammenarbeit jedenfalls genau in diese Richtung

They may not be the world’s most commercially successful band, but – with their stylish aesthetic, unfiltered intimacy with fans and success with a post-genre mix of everything from soft rock to emo – they are one of the most mimicked, and so Thunberg’s message could spread far beyond their network. Spotify’s recommendation algorithms work by assigning thousands of intricate data points to every song, then using that data to link a track you already like, to another one you haven’t heard but would probably like as well.

Das klingt stimmig: die politische Aktivistin, die von den Popularität der Band profitiert. Aber spätestens, wenn man auf die Website kommt, die The 1975 zur ersten Single ihres neuen Albums geschaltet haben, kann man die Frage auch andersrum stellen: Ist das Werbung für eine politische Bewegung? Oder ist es nicht eher Werbung für die Band? Denn auf der Website steht nichts von Extention Rebellion, der Bewegung, der Greta Thunberg die Einnahmen spenden will. Auf der Website steht einzig ein Submit-Feld für die Mailingliste der Band. Damit man informiert werden kann, wenn im Frühjahr das neue Album erscheint. Auch das ist Pop der Gegenwart. Ein Newsletter.