Shruggie des Monats: der glottale Plosiv als hörbarer Unterschied zwischen gestern und morgen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Männer des Fortschritts“ heißt dieses Bild. Es stammt aus dem Jahr 1857. Der aus Frankreich in die USA ausgewanderte Maler Christian Schussele versammelt darauf 19 Männer, die als Innovatoren und Ideengeber ihrer Zeit galten. Heute würde man das Motiv als Mashup bezeichnen. Denn so wie sie hier unter dem Wandgemälde von Benjamin Franklin gemalt wurden, befanden sich die 19 Männer nie in einem Raum. Schussele versammelte sie an einem Ort, weil sie für ihn für den Fortschritt ihrer Zeit standen: Schreibtelegraphen (Samuel F. B. Morse), Hartgummi (Charles Goodyear) und Waffen (Samuel Colt) erfanden diese Herren – und schenkten ihren Erfindungen häufig auch einen Nachnamen.

Aus heutiger Perspektive fällt ein anderer Fortschritt auf, ein gesellschaftlicher. Würde ein Christian Schussele der Gegenwart ein Porträt der Köpfe des Fortschritts malen, die Personen würden weniger gleichförmig daher kommen. Es ist ein Fortschritt, dass Diversität in Geschlecht, Hautfarbe, Alter und Herkunft heute ein wichtiges gesellschaftliches Ziel ist. Doch genau wie die Erfindungen der „Männer des Fortschritts“ ist auch der Fortschritt der Gegenwart mit Widerstand konfrontiert. Auch die Tom Thumb (die erste amerikanische Lokomotive im Jahr 1830, erfunden von Peter Cooper) oder der Virgina-Reaper (Landmaschine, die Cyrus McCormick weltbekannte machte) galten Anfangs als Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge. Dennoch setzten sie sich durch. Denn das ist das Wesen des Fortschritts: Er macht einen Unterschied zwischen gestern und morgen deutlich.

Heute wird dieser Unterschied in einer hörbaren Lücke deutlich, die Menschen lassen, wenn sie zum Beispiel das Wort „Erfinder:innen“ sagen und an der Stelle, wo ich einen Doppelpunkt geschrieben habe, eine kurze Pause lassen. Man spricht von einem glottalen Plosiv und der „kommt im Deutschen im Grunde unentwegt vor“, schreibt mein Kollege Felix Stephan. „Etwa wenn zwei Vokale aufeinandertreffen, die sich nicht in derselben Silbe befinden. Zwischen dem „e“ und dem „a“ in „Theater“ zum Beispiel.“ An der Stelle jedoch, an der der glottale Plosiv seit einer Weile Verwendung findet, sorgt er für große Aufregung – und legt einen sehr tiefen Generationenkonflikt offen.

Kein Gespräch, das ich in den letzten zwei Jahren mit Menschen unter 30 führte, kam ohne den glottalen Plosiv aus. Die hörbare Lücke ist selbstverständlicher Bestandteil der Sprache geworden, um deutlich zu machen: das generische Maskulinum allein ist nicht gerecht. Erstaunlich daran: So selbstverständlich wie der glottale Plosiv genutzt wird, so wenig wird noch darüber diskutiert – im Kreis der jungen Menschen. In anderen Kreisen jedoch ist es zum Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge geworden, ein Beweis für den Untergang der Kultur.

Besonders deutlich wurde dies im letzten Interview, das Holger Stahlknecht in seiner Funktion als Innenminister von Sachsen-Anhalt gab. Nach dem Gespräch wurde der CDU-Landeschef entlassen, weshalb die Debatte um die Nähe zur AfD und eine mögliche Minderheitsregierung ein wenig davon abgelenkt hat, wie Holger Stahlknecht mit dem Fortschritt hadert. Selten hat jemand so deutlich auf den Punkt gebracht, dass er in seinem Leben keine Schreibtelegraphen, Hartgummi oder Landmaschinen will – und deshalb sein Leben zum Maßstab für alle erhebt.

Konkret erkennt man das an dem, was Stahlknecht „Gendersprache“ nennt. Was er wohl meint: eine gendergerechte Sprache. Er sagt:

Niemand spricht jeden Tag über Gendersprache. Und niemand überlegt sich jeden Tag, ob das, was er sagt, politisch immer so superkorrekt ist.

Meiner oben beschriebenen Erfahrung nach, gibt es viele junge Menschen, die gar nicht mehr über Gendersprache, sondern selbstverständlich gendergerecht sprechen – und sich auch bemühen, mit ihren Worten keine Verletzungen anzurichten. Für Holger Stahlknecht sind sie offenbar niemand, weil er sie schlicht nicht kennt – oder weil er sie nicht kennen will. Sonst würde seine Referenzgröße für politisches Handeln nicht mehr funktionieren. Stahlknecht beobachtet nämlich,

… dass wir zunehmend eine von einer intellektuellen Minderheit verordnete Moralisierung erleben. Diese entfernt sich völlig von dem, was das Alltagsleben der Menschen bestimmt.

Wer das „Alltagsleben der Menschen“ zum Maßstab politischen Handelns macht, hat im Kampf gegen den Fortschritt schlechte Karten. Da können Holger Stahlknecht und die anderen Feinde des glottalen Plosivs ja mal die Männer des Fortschritts fragen: all das Neue und anfangs Fremde wird nämlich irgendwann normal und so selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, dass man sich fragt: Wie konnten wir eigentlich ohne auskommen? Das galt für den Schreibtelegraphen, das Hartgummi und es gilt auch für den glottalen Plosiv.

Es ist keine besonders fortschrittsgläubige Prognose zu sagen: der glottale Plosiv bestimmt das Alltagsleben der Menschen bereits. Der Fortschritt ist schon unterwegs, er wird nicht aufzuhalten sein. Die Einlassungen von Holger Stahlknecht, die Annahme, die Verwendung des glottalen Plosivs sei Erziehung oder Bevormundung des Publikums oder all die anderen Reaktionen, die Übermedien auf „die kleine Pause, die einige aufregt“ gesammelt hat, muss man sich merken, denn innerhalb weniger Monate wird niemand mehr verstehen, wie man mal so denken konnte.

¯\_(ツ)_/¯

Deshalb ist es absichtsvolle Ironie, einen Text über geschlechtergerechte Sprache mit den „Männern des Fortschritts“ zu bebildern. Denn Samuel Morse, Charles Goodyear oder Samuel Colt haben sich auch nicht damit zufrieden gegeben, mitgemeint zu sein.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Ausdauer – immer weiter, ohne Ziel

Ich habe in diesem Jahr sehr viel übers Laufen geschrieben und ich bin auch sehr viel gelaufen. Deshalb nimmt dieser Text das Laufen zum Anlass für die Frage: Wie geht man mit andauernder Belastung um? Wer mehr übers Laufen lesen möchte: Es gibt einen wöchentlichen Newsletter zum Thema.

Wenn der etwas überstrapazierte Vergleich, eine Herausforderung sei kein Sprint, sondern ein Marathon, jemals zutraf, dann auf das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie. Dieses Jahr ist wahrlich kein Sprint, sondern eine echte Herausforderung an Geduld, Gelassenheit und Ausdauer. Der Ausdauer-Autor Alex Hutchinson (dessen Texte im Outside-Magazin ebenfalls empfehlenswert sind) hat diesen Vergleich zu einem erstaunlichen Beitrag in der kanadischen The Globe and Mail genutzt, in dem er der Frage nachgeht, was man aus sportwissenschaftlicher und psychologischer Sicht über die Ausdauer-Herausforderung Covid lernen kann: Welche Tricks vom echten Marathon-Lauf kann man für den Pandemie-Marathon nutzen?

Ich muss auf diesen unbedingt empfehlenswerten Text etwas ausführlicher eingehen, weil ich glaube, dass das Jahr 2020 ein besonderes Anrecht auf Lauf-Vergleiche hat. Im Frühjahr entbrannte als Reaktion auf die ersten Einschränkungen in Folge der Pandemie ein Boom des Laufsports, in dessen Folge auch ich häufiger über das Laufen geschrieben haben – und dies noch immer tue.

Zu den Texten, die man als laufinteressierter Mensch im Laufboom-Jahr 2020 gelesen haben sollte, zählt neben dem Ausrufen des Boomes in der New York Times auch dieser wunderbare Text der griechischen Läuferin Alexi Pappas in Sports Illustrated, in dem sie beschreibt, wie das Alleine-Laufen in der Pandemie dennoch zu einer verbindenden Bewegung werden kann. Als ich vor Jahren erstmals über Virtual Runs schrieb, hätte ich mir nicht ausmalen können, dass aus dieser digital gedachten Bewegung mal eine Art Volkssport werden könnten – auch dass ich daraufhin gar einen Laufnewsletter beginnen würde, hätte ich mir erst recht nicht vorstellen können.

Das Laufen ist aber im Jahr 2020 nicht nur ein gute Verarbeitungsmittel im Umgang mit der Pandemie gewesen. Das Laufen ist auch ein gutes Bild, um mit deren andauernden Forderungen umzugehen. Denn ein Grund, warum uns der Umgang mit der Pandemie so anstrengend liegt im Fehlen eines Ziels. Hutchinson zitiert in seinem Text die Forschung des deutschen Psychologen Hans-Volkhart Ulmer, der 1996 nachweisen konnte, dass die Vorstellung eines Ziels (teleoanticipation) sich sehr positiv auf die Bewältigung schwieriger Belastung auswirken kann. Hutchinson kommt mit Blick auf die Hoffnung auf eine Impfung aber zu dem Punkt:

Using endurance sports as their medium, researchers in this subfield have probed what happens when you hide the finish line, surreptitiously move it or take it away entirely. For those of us tempted by promising vaccine updates to start fantasizing about an end to the pandemic, these researchers have some advice: don’t.

Denn neben den unbestreitbaren Vorteilen, die im Setzen von Zielen liegen können, limitiert das Ziel auch unsere Vorstellungskraft. Hutchinson beschreibt dies so:

This fixation on the end creates a somewhat circular sense of what it means to be completely spent. We’re fully drained when we cross the finish line, but it was the act of approaching and crossing the line that did the final draining. Without that anchor, it becomes surprisingly hard to figure out how close we are to our limits.

Jason Kottke, über dessen Blog ich den Text gefunden habe, weist stattdessen auf das Prinzip von Mini-Zielen hin, die nicht als Abschluss der Gesamtanstrengung verstanden werden. Er zitiert dabei die nicht gerade wissenschaftliche Quelle Kimmy Schmitz, die die Hauptfigur einer TV-Serie ist, aber dennoch einen erstaunlichen Gedanken zum Umgang mit Belastungen formuliert hat:

“You can stand anything for 10 seconds,” says Kimmy Schmidt. “Then you just start on a new 10 seconds.”

Ob man daraus etwas für den Umgang mit der Pandemie lernen kann, fragt Hutchinson abschließend und gibt einen Ratschlag, den er selbst als fast schon zu banal bezeichnet. Aber er gilt für das Laufen wie für den Umgang mit der Pandemie:

Stay in the moment

Mehr über das Thema Laufen, Medien und Psychologie hier im Blog

Crowdlauf: Mit Virtual Runs laufend Gutes tun

Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

? Fünf Entwicklungen, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann (Digitale Mai-Notizen)

Laufen macht glücklich! (Interview zu den Digitalen Mai-Notizen)

Helfen nach dem Durchschnitt: der #global6k von Worldvision

„Man möchte nicht abgehört werden, nech?“

Vielleicht ist dieser Dezember 2020 ein guter Zeitpunkt endlich die nervige Rede vom Neuland zu verabschieden. Das Kanzlerinnen-Wort sollte abgelöst werden von einem Satz, den Angela Merkel im Rahmen der so genannten Exponate-Besichtigung beim digitalen Digitalgipfel gesagt hat. Er klingt sehr salopp ist aber eine umgangssprachliche Formulierung für etwas, was man früher mal Fernmeldegeheimnis genannte hat. Angela Merkel spricht sich für Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in Messengern aus.

Zu verdanken haben wir dieses Fundstück dem Team von Netzpolitik, das sehr genau hingehört hat bei dem Digitalgipfel und danach öffentlich machte, was eigentlich gar nicht so erstaunlich sein sollte: Die Bundeskanzlerin findet die Grundrechte in diesem Land wichtig – sogar dann wenn sie im Digitalen durchgesetzt werden sollen. Dass es ein wenig erstaunlich ist, kann man in diesem Kommentar meines Kollegen Jannis Brühl nachlesen, den er schrieb als Parteifreunde und Kabinettsmitglieder der Kanzlerin forderten, die Verschlüsselung in Messenger-Apps umgehen zu können:

Algorithmen in Gratis-Apps können auch lange Texte, Bilder und Videos in Sekundenbruchteilen unlesbar für diejenigen machen, die die Kommunikation abfangen.Bei Ende-zu-Ende-Verschlüsselung können nur Sender und Empfänger die Nachrichten lesen. Wenn Ermittler den Datenverkehr abgreifen, sehen sie nur Zeichensalat. Auch die Anbieter der Apps können Chats ihrer eigenen Nutzer nicht mitlesen, sie haben ihre Systeme sogar absichtlich so gebaut.

Aber nicht nur Innenpolitiker:inner der Union wollen die Verschlüsselung aufweichen. Gerade diese Woche wurde bekannt, dass auch auf EU-Ebene darüber nachgedacht wird:

Die EU-Staaten sollen künftig eng mit der angelsächsischen Geheimdienstallianz der „Five Eyes“ zusammenarbeiten, um sichere Verschlüsselung in digitaler Kommunikation zu umgehen. Das geht aus Dokumenten der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hervor, die diese an die Mitgliedsstaaten verschickt hat

All diesen Plänen kann man künftig mit einem einfachen Kanzlerinnen-Wort begegnen, das als klares Plädoyer für Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu lesen ist:

„Man möchte nicht abgehört werden, nech?“

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Kann es sein, dass Angela Merkel mehr vom digitalen Denken verstanden hat als dein Chef?

Inspirierender Journalismus (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Sie ist inspieriert von meiner Arbeit im Laufnewsletter Minutenmarathon für die SZ.

Gute Produkte schaffen Veränderung. Als Konsument spüre ich während und nach der Nutzung einen Unterschied: eine gute Pizza schmeckt mir und macht mich satt. Dafür bin ich bereit zu bezahlen.

Journalismus, der nach neuen Geschäftsmodellen sucht, muss in dem Sinn zu einem guten Produkt werden. Er muss eine Veränderung bei seinen Nutzer:innen schaffen. Sie müssen sich nachher anders fühlen als vorher: informierter, erfrischter, schlauer. (Foto: unsplash)

Dieses beide Erkenntnisse stehen am Ende eines Jahres, das im deutschsprachigen Journalismus einen deutlichen Trend sichtbar gemacht hat: Digitales Bezahlen wird immer wichtiger. Alle relevanten Player im deutschsprachigen Journalismus (Disclaimer: Ja, auch mein Arbeitgeber) haben in den vergangenen Monaten ihre digitalen Abos inhaltlich erweitert und in der Masse ausgebaut. Neben der Frage nach der Zugänglichkeit und Usability der Angebote wird in dem Zug künftig ein Aspekt in den Mittelpunkt rücken, der bisher eher am Rand steht: die Frage nach den Inhalten. Wie muss Journalismus beschaffen sein, damit er einen Unterschied zwischen vorher und nachher schafft?

Die (über die reine Nachricht hinausgehende) Antwort, mit der die Branche bisher arbeitet, stammt von der New York Times und lautet: „Stories to help you understand the world – and make the most of it.“ Das ist die Unterzeile des Smarter Living Angebots aus New York, das man in Abwandlungen seit einigen Monaten auch in Hamburg, Berlin und München findet. Früher hätte man von Nutzwert gesprochen, heute geht es um Smarter Living-Ideen. Beides ist irgendwie richtig, aber dennoch nicht umfassend genug. Denn diese Form des Ratgeber- oder Beratungs-Journalismus, der in Fach-Interviews, Ich-Geschichten oder Produktlisten mithelfen will, den Alltag irgendwie besser zu gestaltet, ist nur ein Aspekt (meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema können Sie übrigens im Minutenmarathon verfolgen). Ich würde mir darüberhinaus einen Journalismus wünschen, der nicht nur in Fragen der Wohnzimmergestaltung, Lebensführung oder des Liebeslebens hilft „most of it“ zu machen. Damit rücken die großen Medienmarken immer weiter in den Bereich der Fachtitel vor – und etablieren eine Beratungskraft für private Selbstoptimierung. Auf der Ebene dessen, was man Gesellschaft oder Politik nennt, bleibt aber die Frage, die ich eingangs gestellt habe: Wie muss politischer Journalismus beschaffen sein, damit er einen Unterschied zwischen vorher und nachher schafft?

Seit etwa zehn Jahren geistert ein Begriff durch die Branche, der immer wieder und immer noch für Diskussionen sorgt: Konstruktiver Journalismus hat es sich zur Aufgabe gemacht, Berichterstattung lösungsorientiert zu machen: „Konstruktiver Journalismus will zum Ausdruck bringen, wie Veränderung möglich ist, und hebt die Rolle hervor, die jedes Mitglied der Gesellschaft spielen kann, um sie zu fördern“, heißt es auf der Wikipedia-Seite und in dem Satz ist das gesamte Konfliktpotenzial angedeutet, das die Diskussionen über Konstruktiven Journalismus prägt. Ich will diese Diskussionen hier nicht wiederholen, weil sie selbst kaum mehr konstruktiv scheinen. Ich glaube, es braucht im Gegenteil einen Begriff, der weniger schönfärbend klingt und gleichzeitig das Potenzial hat, den Smarter Living-Ansatz auf den klassischer Weise als hart bezeichneten Journalismus zu übertragen.

Mein Vorschlag lautet: Journalismus, der langfristig digitale Bezahlmodelle begründen will, muss inspirierender Journalismus sein. Er muss nicht zwingend Nutzwert, aber stets Denkwert liefern: eine Idee, einen Gedanken oder Perspektivwechsel inspirieren. Er muss seinen Leser:innen das Gefühl geben, nachher mehr Möglichkeiten zu haben, mehr Dinge (und vielleicht auch Lösungen) zu sehen. Das kann durch konkrete Tipps geschehen, aber auch durch besondere sprachliche Formulierung oder neue Stimmen, die ein „So habe ich das noch gar nicht gesehen“ anstoßen. Journalismus auf diese Weise zu denken, schließt die Emotionen ein, die er bei seinen Leser:innen auslöst. Zum „Sagen, was ist“ kommt ein „Was macht das mit mir?“, das in guten Fällen sogar konkrete Handlungen beschreiben kann. Das schließt erstens die Reflektion des aktuellen Geschehens ein und führt zweitens zu der automatischen Frage, die man aus guten weil zielorientierten Meetings kennt: „Wie geht es weiter?“ Journalismus, der sich so positioniert, macht Inspiration zum Call-to-Action für gegenwärtigen Berichterstattung.

Im digitalen Marketing spricht man davon, dass Kontaktpunkte zu einem Aktionsaufruf führen sollen: Der CTA genannte Call to Action soll meist zu einem (Kauf-)Abschluss führen. Ich glaube, dass gegenwärtiger Journalismus einen Call to Inspiration braucht. Wer so denkt, kommt nicht umhin sich intensiver mit seiner Leser:innenschaft zu befassen: „Wen will ich erreichen?“ ist die Ausgangsfrage für jedes öffentliche Projekt. Journalismus bildet da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Guter Journalismus muss darüberhinaus fragen „Wen will ich inspirieren?“ – und dann Wege und Worte finden, um diese Inspiration zu erzeugen, nachzuweisen und fortzuführen.

Deshalb endet auch dieser Text mit einem Inspirations-Aufruf: Schreiben Sie mir (Kontakt finden Sie, aber kein Bot, im Impressum) und sagen Sie mir, wo Sie inspirierenden Journalismus finden? Und wenn Sie mögen können Sie im zweiten Schritt auch ergänzen wie Sie das finden. Denn das Thema wird nicht nur die gesamte Branche in 2021 begleiten, auch mein Newsletter „Digitale Notizen“ wird künftig davon handeln. Den können Sie hier kostenfrei bestellen.

Die Social-Media-Strategie von Norbert Röttgen

Es gibt Menschen, die über sich selbst lachen können und es gibt die anderen. Die CDU sucht gerade einen Nachfolger von Annegret Kramp-Karrenbauer im Amt der Parteivorsitzenden. Es treten drei Kandidaten an und wenn man die genannte Unterscheidung anlegt, komme ich zu dem Schluss: Es gibt Norbert Röttgen und es gibt die beiden anderen.

Diese Einschätzung basiert einzig auf dem, was ich von Norbert Röttgen in so genannten sozialen Medien sehe. Ich bin kein Mitglied der CDU, ich habe wenig Ahnung davon, was die drei Kandidaten innerparteilich unterscheidet, aber ich sehe: Norbert Röttgen hat die erkennbar beste Social-Media-Strategie.

Wie ich darauf komme? Norbert Röttgen besitzt ein Ansteck-Ringlicht und Norbert Röttgen mag Koalas.

Beginnen wir mit den Koalas. Dass er die mag, twitterte er in dieser Woche und es war etwas anderes als der bekannte Politiker-Trick sich mit süßen Tieren zu umgeben. Denn der Koala-Tweet ist nur der jüngste Beleg für eine digitale Inszenierung, die darauf hindeutet: Der Mensch hinter diesen Accounts zählt offenbar zu denjenigen, die über sich selbst lachen können.

Dieser Eindruck entstand spätestens als im Oktober dieser Clip durch Twitter-Deutschland ging: Ein Mann versucht sich zu später Bürostunde allein im Ballspiel…

… das ist so rührend inszeniert, dass Röttgen für den kurzen Clip viel Zuspruch bekam. Interessanter als der Applaus ist die Haltung, die diesen Applaus möglich macht. Ein solcher Clip (übrigens aus dem eigenen Umfeld gestreut) deutet auf das Bild eines unsicheren, schwachen und fehlerhaften Politikers hin. So jedenfalls hätte man das Video in den 1990er Jahren interpretiert: Wenn jemand schon nicht Ball spielen kann, wie soll er denn dann eine Partei führen (oder gar Kanzler werden)? Heute ist der Clip Ausdruck einer gegenwärtigen, reflektierten Haltung zu sich selbst. Wer an einem solchen Clip teilnimmt, hat ein reflektiertes Verhältnis zu den eigenen Schwächen – und kann über sich selbst lachen. Ein weitere Beleg dafür findet sich in diesem Video, in dem der Kandidat sich über seine eigene Wurfungenauigkeit lustig macht.

Das ist nicht nur nahbar, sondern Teil einer Meta-Stratgie, deren bedeutsamtes Symbol das Ansteck-Ringlicht ist, das man auf zahlreichen Fotos des Kandidaten sieht. Das Ringlicht ist nicht nur der beleuchtete Beweis für Zugehörigkeit zur digitalen Sphäre, es ist vor allem nur in der Meta-Aufsicht auf den Kandidaten zu sehen. Wo immer die Follower das Ringlicht in der Röttgen-Inszenierung sehen, werden sie auf die Reflektions-Ebene geholt, auf der der Kandidat inhaltlich sein „über sich Lachen“ einsetzt: Diese Kandidatur ist nicht eins-zu-eins, diese Kandidatur lässt den Blick hinter die Kulissen zu.

Das ist im Fall von Norbert Röttgen nicht nur deshalb interessant, weil es die Form der digitalen Nähe durch Social-Media sehr gut umsetzt, es muss vor allem im Kontext der Außenseiter-Kandidatur gelesen werden. Zu Beginn des innerparteilichen Wahlkampfs galt Röttgen als drittes Rad am Laschet-Merz-Wagen. Man fragte sich, warum kandidiert der überhaupt? Und genau diese Meta-Perspektive wird durch die Social-Media-Kampagne des Kandidaten perfekt inszeniert. Er ist auch dabei, aber so reflektiert, dass Friedrich Merz noch verbissener wirkt als eh schon und man den Eindruck bekommt: Röttgen spielt gar nicht richtig mit.

Darin liegen zwei unschätzbare Vorteile: Erstens kann er aus dieser Haltung heraus quasi nicht verlieren (er war ja nur dabei, hat aber ja gar nicht richtig gekämpft) und zweitens schiebt er sich damit quasi unbemerkt ins Ziel – womöglich sogar als erster.

Dabei kommen ihm die Auftritte in den klassischen Medien sicher zu gute: Er war in der heute-show und Jan Böhmermann hat ihm ein Kompromiss-Lied gewidmet.

Ob das die CDU-Mitglieder erreicht? Keine Ahnung.

Ganz sicher ist aber, dass es kein Zufall ist. Norbert Röttgen twitterte diese Woche: „Es ist nicht egal, wie wir uns selber präsentieren. Im Gegenteil: Die Menschen schauen sich an, wer macht da mit und kann ich mich mit denen identifizieren?“ Wer so spricht, hat eine ganze Menge über Social-Media verstanden.

Mehr über Social-Media und Politik gibt es auch in meiner Gebrauchsanweisung für das Internet, die bei Piper erschienen ist und in meinem Wagenbach-Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ – sowie in meinem monatlichen Newsletter Digitale Notizen.

Shruggie des Monats: Das Meta-Meme 2020

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Kriege ich alle Beteiligten an diesem Meta-Meme in eine Zeile? „Cat Vibing zu Trump & Biden im Ievan Polkka auf einer Trump-Pressekonferenz“ müsste dieser Beitrag eigentlich heißen, der sich auf diesen Clip hier bezieht:

Dieser kurze Clip fasst für mich so viel von diesem Jahr aus Meme-Perspektive zusammen, dass ich ihn erstens als Shruggie des Monats, aber auch als Meta-Meme des Jahres auszeichnen möchte.

Die Referenz der Referenz legt diesen Aspekt in doppeltem Sinn nahe: Hier werden so viele Bezüge auf Meme genommen, dass es kaum möglich ist an dem Clip vorbeizukommen. Und all das geschieht auf eine Shruggie-hafte Weise, die wir im Frühjahr von Sara Cooper gelernt haben – und die für das Jahr 2020 stehen wird. Denn es ist das Schlussjahr der Trump-Amtszeit – und der damit verbundenen Anspielungen, Meme und Witzchen (hoffentlich).

Beginnen wir aber mit dem Mann, der dieses Meme ermöglicht – aber gar nicht im Bild zu sehen ist: Bilal Göregen ist in diesem Clip durch Joe Biden ersetzt worden. Im Ursprungs-Clip spielt der blinde Musiker aus der Türkei aber die Trommel (Tambourin), wie er in diesem Interview erzählt. Sein Clip blieb über ein Jahr relativ unbeobachtete im Web bis jemand auf die Idee kam, den Twitch-Charakter CatJam bzw. Vibing Cat in das Video zu montieren. Die musikalische Katze taucht in zahlreichen Videos auf, wie man auf dem Twitter-Account CatVibesTo sehen kann – aber besonders populär wurde sie in Kombination mit der Ievan Polkka von Bilal Göregen.

Das alles geschah zeitlich rund um die US-Wahl so dass es wenig verwunderlich ist, dass kurz darauf die Idee ins Bild gesetzt wurde Bilal Göregen durch Joe Biden zu ersetzen: Fortan trommelt der künftige US-Präsident neben dem bisherigen – denn natürlich bietet es sich an, dass Trump-Tanz-Meme hier zu ergänzen.

Doch damit nicht genug: dieses schöne Trump/Biden-Video wird im Meta-Meme in einen Kontext eingebettet, der ebenfalls bestimmend war für das Jahr. Eine Trump-Pressekonferenz dient als Vorlage, weil wie beiden Bildschirme einfach zu schön und zu weiß darum betteln, als Vorlage genutzt zu werden. Ergänzt wird der Clip um den erneuten – quasi als Meta-Referenz zu lesenden – Auftritt von Tanz-Trump und Vibing Cat im Weißen Haus. Das ist nicht nur eine tolle Referenz an die Referenz, sondern auch ein guter Abschluss für diese merkwürdige Meme-Jahr ¯\_(ツ)_/¯.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:

Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: Wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern

Meme-Kultur und das Memo-Monster aus dem Weißen Haus

Boss-Baby Deepfake: Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des Präsidenten

Ich chille mit der Crew Digga

M to the B – das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Der Spabiergang gegen Corona: Ein Lob aufs Parkbier

Dieser Artikel basiert auf einer rein persönlichen statistischen Erhebung: Seit Wochen beobachte ich Menschen dabei, wie sie sich zu Zweier-Spaziergängen im Park verabreden und dort mit Glasflaschen in der Hand und im Corona-Abstand spazierend Gespräche führen. Ich nenne diese Freiluft-Variante des Telebiers, die beide hygienekompatible Arten des Austauschs sind, Parkbier, habe aber auch die Variante SpaBIERgang schon gehört. Und das hier ist ein Lob des Parkbiers!

In einer Krise kann es ein guter Perspektiv-Wechsel sein, sich vorzustellen, die Krise sei vorbei und man schaue vom Ende auf die schwierige Zeit. Wenn man genau dies im Rahmen des aktuellen Corona-Lockdowns tut, fällt etwas auf, was ich als Äquivalent zum Telebier interpretiere: das Parkbier! Nach Corona werden wir uns daran erinnern, dass uns erstmals und in großem Stil das hier einfiel: Menschen treffen sich zu zweit zum gemeinsamen Spaziergang mit Getränken in Mehrweg-Glasflaschen*. Sie verbringen Zeit miteinander, aber mit Abstand. Ich nenne diese Form des Austauschs auf Abstand Parkbier und möchte hiermit vorschlagen: Die Bundesregierung sollte Parkbiere fördern.

Zunächst ist das Parkbier nämlich eine Corona-konforme Art des Austauschs und sollte deshalb gefördert werden (Foto: unsplash). Dann steckt im Parkbier aber auch Potenzial für die Branchen, die sonst vom gemeinsamen Biertrinken leben. Wie wäre es, wenn man das Pfand von Bierflaschen nutzt, um für jede im Park getrunkene Flasche der Gastronomie im Umfeld Geld zu spenden? So würde auch das Problem des Leerguts gelöst, das sich seit Wochen auf Mülleimern im Park sammelt.

Mein konkreter Vorschlag geht so: Wir brauchen Bierautomaten am Ein- und Ausgang von Parks. Dort können nicht nur frische Getränke erworben werden (streng begrenzt!), hier kann auch das Leergut zurückgegeben werden. Bands, Künstler:innen und Designer:innen könnten sich mit Brauereien zusammentun und spezielle Parkbier-Etiketten fertigen, die in streng limitierter Auflage ausgegeben werden. Vielleicht findet sich auch wer, der für jede im Park getrunkene Flasche einen Euro aufs Pfand drauflegt um die Kunst- und Kreativ-Wirtschaft zu unterstützen, zu der die Spabiergänger:innen ohne Corona ihren Bierdurst getragen hätten.

Hier sind viele Ansätze denkbar. Auch Konzertveranstalter, die sonst Rock, Pop oder Punk im Park veranstalten, könnten einbezogen werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass hier gesellschaftliches Potenzial liegt und wünsche mir deshalb eine (dem Park-Run vergleichbare) Parkbier-Bewegung. Deshalb habe ich die Domain parkbier.de reserviert und fordere alle verantwortungsvollen Spabiergänger:innen auf, ihren Besuch im Park mit dem Hashtag #parkbier auf Instagram zu versehen – als Zeichen für die verbindende Grundhaltung: Wir lassen uns von Corona nicht unterkriegen! Wir bleiben vernünftig und auf Abstand und trinken unser Parkbier wenn es sein muss auch allein. Aber in jedem Fall bleiben wir gut gelaunt!

*Bier wird hier für jegliche Form Kaltgetränk verwendet. Es kann auch alkoholfrei oder koffeinhaltig sein.

Überall Nuhr Rassisten?

Man muss Dieter Nuhr dankbar sein. Dem ARD-Witzemacher, der sich als Kämpfer gegen den Zeitgeist inszeniert, ist diese Woche eine erstaunliche Vorlage zur Aufklärungsarbeit geglückt. In der ARD-Sendung „Nuhr im Ersten“ hat er eine Buch-Cover-Kritik zu dem unbedingt empfehlenswerten Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ angefertigt. Dabei nannte er (ab Minute 16) den ersten Teil des Titels (den zweiten lies er erstaunlicher- und passenderweise weg) und sagte:

Das hätte mich vielleicht sogar interessiert, aber mir war der Titel ein bisschen zu rassistisch. Zu glauben, die Hautfarbe, ob weiß oder schwarz egal, bringe automatisch eine bestimmte Haltung mit sich: das ist ja klassischer Rassimus.

Danach behauptet er noch, das Buch der Kölnerin (Nippes!) Alice Hasters sei „in den USA ein Riesen-Renner“ gewesen und deshalb „maßgeblich dafür verantwortlich, dass es so etwas wie Donald Trump geben konnte“. Der letzte Teil ist blanker Unsinn, weil das Buch bisher nur auf deutsch erschienen ist. Aber auch der erste Teil ist keine mutige Meinung, die Nuhr hier zum besten gibt, sondern Ausdruck einer erstaunlichen Unkenntnis, der man nicht mit Widerspruch, sondern nur mit Bildung begegnen kann: In seiner „Form der Schein-Intellektualität“ zeigt Dieter Nuhr nämlich vor allem wie wenig er über das Thema Rassismus und strukturelle Diskriminierung weiß.

Es handelt sich hier also nicht um einen Meinungsstreit, sondern um einen Mangel an Bildung. Weshalb die beste Antwort auf Nuhrs Beitrag nicht Widerspruch, sondern die Empfehlung ist: Lies das Buch!

Es ist Ausdruck eines großen Privilegs, dieses Wissens nicht zu haben. Und genau dafür hat Alice Hasters ihr Buch geschrieben. Hätte Dieter Nuhr oder wenigstens irgendeine Mitarbeiter:in beim Sender das Buch auch nur kurz in die Hand genommen, hätten sie erstens gemerkt, dass der US-Bezug nicht funktioniert, sie hätten aber vor allem gelesen, dass Alice Hasters direkt auf den ersten Seiten des Buches die Antwort auf den Vorwurf gibt, den Nuhr formuliert.

Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße – und das liegt daran, dass Rassismus in erster Linie keine private Einstellungsfrage, sondern ein gesellschaftliches Ordnungssystem ist.

Dieter Nuhr vertritt in seinem kenntnisfreien Witzchen eine Ansicht, die mir nicht unbekannt ist und die man erklären kann: Wer „ob weiß oder schwarz egal“ sagt, blendet damit die systemische und strukturelle Ebene des Rassismus aus und tut so als spiele Hautfarbe keine Rolle. Das ist zwar das Ziel anti-rassistischer Politik, so zu tun als sei es bereits erreicht, führt zu der falschen Annahme, der Titel des Buches sei selbst rassistisch. Das ist er nicht – und Alice Hasters erklärt das für alle, die die Fähigkeit aufbringen, das Buch aufzuklappen.

Viele Menschen gehen davon aus, dass grundsätzlich jede Person von Rassismus betroffen sein könnte. Diese Menschen sehen Rassismus als rein individuelle Haltung. Wie ein einzelner Mensch die Welt sich ordnet, hat erst einmal wenig Konsequenzen. Doch Rassismus ist ein System, das mit der Absicht entstanden ist, eine bestimmte Weltordnung herzustellen. Es wurde über Jahrhunderte aufgebaut und ist mächtig. Darin wurde die Hierarchie rassifizierter Gruppen festgeschrieben, und die lautet, ganz grob: Weiße ganz oben, Schwarze ganz unten.

Wer über Rassismus spricht, muss also unbedingt den Kontext mitbedenken und kann aus dem systemischen Problem nicht einfach eine individuelle Privatsache machen. Das ist schwierig, gerade für weiße Menschen, die das Privileg haben, nicht ständig den Mirkoaggressionen ausgesetzt zu sein, die Alice Hasters in dem Buch als Ausdruck von alltäglichem Rassismus beschreibt, der sich auch aufgrund der Geschichte und des Kontext zeigt. Das anzuerkennen ist unangenehm und Dieter Nuhr beweist mit seinem Auftritt, wie Recht sie hat, wenn sie schreibt:

Selten fühlen sich weiße Menschen so angegriffen, allein und missverstanden wie dann, wenn man sie oder ihre Handlungen rassistisch nennt. Das Wort ,Rassismus‘ wirkt wie eine Gießkanne voller Scham, ausgekippt über die Benannten. Weil die Scham so groß ist, geht es im Anschluss selten um den Rassismus an sich, sondern darum, dass ich jemandem Rassismus unterstelle.

Dieses Dilemma wird sich am besten lösen lassen, wenn wir beginnen zu reflektieren, statt Vorwürfe in den Raum zu schleudern. Das Buch hat bei mir genau diesen Reflektionsprozess ausgelöst, in dem ich weiterhin stecke: Ich versuche meine Privilegien zu reflektieren und die Strukturen zu verstehen, die Rasssismus begünstigen. Denn natürlich habe ich individuelle Verantwortung für rassistisches Verhalten, aber gleichzeitig gilt auch: Rassismus…

… ist schon so lang und so massiv in unserer Geschichte, unserer Kultur und unserer Sprache verankert, hat unsere Weltsicht so sehr geprägt, dass wir gar nicht anders können, als in unserer heutigen Welt rassistische Denkmuster zu entwickeln.

Diese Beschreibung hat zentrale Bedeutung für das ganze Buch, das die Kraft hat, den Reflektionsprozess anzustoßen, den die Gesellschaft bräuchte um langfristig gegen Rassismus vorzugehen. Deshalb wäre es so viel sinnvoller, Dieter Nuhr nicht zu beschimpfen, sondern ihm die Lektüre des Buches nahezulegen – weil es ihm hilft, seinen blinden Fleck zu überwinden. Und es hilft nicht nur ihm, sondern allen, die das Glück hatten, sich bisher nicht mit Rassismus befassen zu müssen.

Lest dieses Buch, verschenkt es zu Weihnachten und tragt zunächst die konstruktive Botschaft des Buches weiter, bevor ihr euch Empörung und Streit aussetzt. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung (wo es am 10.11. veröffentlich wurde) ist es übrigens schon vergriffen!

Why it has to be Joe Biden!

Bevor die Wahlergebnisse in den USA feststehen (ich hoffe, sie stehen bald fest), muss ich ein großes Lob an den Economist loswerden. Ich habe hier schon darüber gebloggt, weshalb ich die Berichterstattung des Magazins auf allen Kanälen so schätzen, dass ich mich für ein kostenpflichtiges Abo entschieden haben (in Kürze: Journalismus als Dienstleistung, die mich in Kürze auf den Stand der Dinge in einem Themengebiet bringt). Denn der Podcast „Checks & Balances“, die die Economist-Mitarbeiter:innen John Prideaux (US Editor), Charlotte Howard (New York bureau chief) und Jon Fasman (Washington correspondent) in den vergangenen Monaten auf die Beine gestellt haben, zählt mit zu dem besten, was ich an Wahlberichterstattung aus den USA konsumiert habe.

Glücklicherweise haben sie bereits vor zwei Wochen angekündigt, das Audio-Angebot fortzuführen. Das ist auch deshalb spannend, weil man neben den Inhalten Einblicke in die Arbeit des Magazins bekommt, das darauf verzichtet, den Artikeln Autor:innen-Zeilen beizufügen. Das verändert die Art des Journalismus auf eine erstaunliche Weise wie ich finde, weil nicht zuzuordnen ist, wer hinter welchem Text steckt. Im Podcast gibt John Prideaux manchmal Einblick in die Arbeit, so dass man erfährt, dass Charlotte Howard quasi nebenbei noch die Titelgeschichte recherchiert und geschrieben hat.

Dieser besondere Blick hinter die Kulisse ist etwas, was der Economist seinen Abonennt:innen auch in einem besonderen Newsletter gewährt: „An exclusive look at how we decide on our cover“ heißt und ist der Newsletter, der in dieser Woche nicht nur das aktuelle Motiv oben rechts erläutert (bitte ehrlich sein: Wer hat das Trump-Konterfrei rechts neben der Flagge sofort gesehen?), sondern im Rückblick auch die Kampagne oben links aus dem Jahr 2016 erklärt.

Aber eins nach dem anderen: Ich erwähne diesen Newsletter weil er beispielhaft zeigt, wie der Kontext eines Inhalts Wert schaffen kann, der für Fans Bedeutung bekommt. Der Inhalt (das Cover) ist für alle sichtbar, aber der Kontext (die Entstehungsgeschichte) ist nur für Abonennt:innen nachvollziehbar – und deshalb wertvoll. Denn stets wird beschrieben, wie die Titelredaktion beim Economist arbeitet, welche Varianten sie geschaffen hat und warum sie sich dann für eben diese Option entschieden hat. Hier wird nicht nur das Produkt verkauft, sondern über den Prozess die besondere Qualität gezeigt (das ist ein perfektes Beispiel für das Prinzip, das ich als Kultur als Software denken beschreibe). Das finde ich nicht nur beispielhaft für digitales Denken, sondern auch äußerst interessant.

Denn durch den Newsletter wurde ich an die tolle Zeile erinnert, die vor vier Jahren erfunden wurde. Sie macht aus dem Namen Donald Trump durch simple Fettung von vier Buchstaben eine politische Botschaft DONald Trump. Das Motiv oben ist dabei eine Montage, aber der Slogan und die deutliche Aussage bleiben dadurch unberührt. Der Economist hatte sich schon vor vier Jahren deutlich gegen Trump ausgesprochen. Und der Texter und Art Director Stephen O’Neill (hier aussführlich) und seine Agentur AML (hier ausführlich auf LinkedIn) hatten damals erklärt, wie sie auf die Idee kamen.

Die Fettung war auch in diesem Jahr eine Option fürs Economist-Cover lese ich im Newsletter, eine zweite bestand darin, den Trump Slogan „Make America Great Again“ mit dem Satz „The Case for Joe Biden“ zu kombinieren, was sicher auch schön gewesen wäre. Die Entscheidung fiel schlussendlich auf die Flagge mit dem Trump-Konterfrei. Ein ziemlich tolles Cover wie ich finde – und da der Text dazu auch empfehlenswert ist, hier noch ein Lektüretipp während alle auf die Ergebnisse warten.

loading: Great Green Thinking &Töchter

Fünf Frauen, die in diesem schwierigen Jahr die Verlagsbranche inspirieren: &Töchter ist ein Buchverlag aktueller Prägung: Laura Nerbel, Lydia Hilebrand, Elena Straßl, Jessica Taso und Sarah Zechel denken das Verlegen neu – steht auf ihrer Website. Dort findet man auch das aktuelle Buchprojekt „Great Green Thinking“, das gerade auf Startnext realisiert wird. Lydia Hilebrand hat dazu die loading-Fragen beantwortet.

Was macht ihr?
Wir möchten über Startnext unser nächstes Buchprojekt realisieren: „Great Green Thinking“ ist ein Sachbuch über Nachhaltigkeit. Die beiden Autorinnen Jennifer Hauwehde und Milena Zwerenz beleuchten das Thema aus verschiedenen Perspektiven, erzählen eigene Geschichten und führen Interviews mit Expert:innen. Auf diese Weise möchten sie dieses kontroverse Thema so divers wie möglich aufgreifen und Möglichkeiten und Grenzen eines umweltbewussten Lebens aufzeigen. Wie kann ich nachhaltig, aber dabei bewusst und ohne Verzicht leben? Was passt zu mir und kann ich überhaupt alles richtig machen? Aber auch übergeordnete Fragen werden gestellt: Was hast Nachhaltigkeit mit Klassismus zu tun? Wieso ist das Thema so weiblich?

Warum macht ihr es so?
Wir sind ein neugegründeter Buchverlag: Fünf Frauen, die die Branche aufmischen möchten und frisch nach dem Studium, zeigen wollen, dass Buchproduktion und Literaturvermittlung neu gedacht werden kann. Das Buch „Great Green Thinking“ soll klimapositiv und nach dem Cradle-to-Cradle-Ansatz produziert werden. Die Kosten für diese Produktion sind (noch) hoch, aber der nachhaltige Ansatz hört bei uns nicht beim Inhalt des Buches auf.
Wir möchten diesen Ansatz der Kreislaufwirtschaft fördern und zeigen, dass das die Zukunft der Buchproduktion sein muss.

Außerdem ist es uns wichtig allen Beteiligten ein faires Honorar für ihre Arbeit zu zahlen und wollen uns nicht damit zufrieden geben, dass die Branche chronisch unterbezahlt ist. Mit dem Crowdfunding-Projekt wollen wir testen und zeigen, dass die Zeit für umweltfreundliche und faire Produktion gekommen ist.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle, die nicht nur selbst umweltfreundlich leben möchten, sondern auch Perspektiven kennen lernen möchten, die nicht in ihrer eigenen Filterblase dominieren. Wer daran glaubt, dass das Lesen und Bücher eine spannende Zukunft haben und wer einen Buchverlag unterstützen möchte, der sich den Werten Nachhaltigkeit, Offenheit und Gemeinschaft verschrieben hat, ist bei &Töchter auch immer richtig.

Wie geht es weiter?
Wenn die Crowdfunding-Kamapagne erfolgreich ist, wird „Great Green Thinking“ schon ab März 2021 in den Buchhandlungen stehen und für alle zu kaufen sein. Die Idee zu dem Buch war einer der Anreize für die Gründung und ist zum Herzensprojekt für den Verlag geworden. Wir haben aber auch schon einige neue Projekte in Planung und freuen uns, wenn wir vielleicht bald auch wieder unsere geliebten Lese-Events machen können.

Was sollten mehr Menschen wissen?
&Töchter ist mehr als „nur“ ein Buchverlag: Wir machen auch Literaturveranstaltungen, viel Social Media und einen Podcast. Wir glauben nämlich, dass die Literatur erlebbar und ein wertvolles Gesprächsthema ist. Das Lesen ist mehr als nur eine langweilige Schullektüre und kann ein wertvoller Ausgleich und spannender Informationsvermittler sein.
UND: Je mehr Unternehmen und vor allem Verlage, die Kreislaufwirtschaft des Cradle-to-Cradle-Ansatzes nutzen, umso leichter wird es für alle!

>> Hier kann man das Projekt auf Startnext unterstützen!